<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title>Neueste Zeit</title>
        <author>
          <persName>
            <forname>Karl</forname>
            <surname>Lamprecht</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
      <publicationStmt />
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <msIdentifier>
            <idno>1892071819</idno>
          </msIdentifier>
        </bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div>
        <pb n="1" />
        EIOE
I0EHTId4
oro
—8717078
0n
ε—
J——
UI 25744
        <pb n="2" />
        Deutsche Geschichte

Rarl Lamprecht.

Der ganzen Reihe achter Band.

Zweite Bälfte.

Erste und zweite Auflage.

Ireiburg im Breisgau.
Verlag von hermann Hepfelder.
1906.
        <pb n="3" />
        Deutsche Geschichte

20

Karl Lamprecht.

Dritte Abteilung:
Neueste Seit.

Zeitalter des suüubiettiven Seelenlebens.

Erster Band.

Zweite Bälfte.

Erste und zweite Auflage.

Ixreiburg im Breisgau.
Verlag von hermann Hepyfelder.
1906.
        <pb n="4" />
        Alle Rechte vorbehalten.

*
*

2
F
*
/
2
—⸗

I4
        <pb n="5" />
        Inbablt.

Zweiundzwanzigstes Wuch.

Seite

J. Die Psychologie und Ästhetik des Gefühls. ..303318

Psychologie des 16. bis 18. Jahrhunderts. Die intellek—
tualistische Psychologie des Rationalismus: Vermögens-
psychologie, Assoziationspfychologie, Psychologie des Vor—
stellungsmechanismus. Die früheste subjektivistische Psycho—
logie: Urfachen ihres Entstehens; von Creutz, Leibniz; Locke,
Mendelssohn, Sulzer, Eberhard, Tetens. Die früheste sub—
jektivistische Ästhetik: (Lessing), Sulzer, Tetens.

II. Die Weltanschauung der Gefühlszeit; Herder.

Streben nach Elementen einer neuen Weltanschauung
Panpsychische und pandynamistische Neigungen Tier⸗
psychologie). Beihilfe Leibnizens und Spinozas zur Förde⸗
rung der eigenen Bestrebungen der Empfindsamkeit und des
Sturmes und Dranges. Herder: Leben, geistige Entwicklung,
System der Ideen zur Philosophie der Geschichte der Mensch—
heit. Grenzen der Weltanschauung Herders.

III. Erste Versuche zur Lösung der Probleme einer
fubjektivistischen Erkenntnistheorie; Skepti—
zismus.....*25

Unzufriedenheit mit der Psychologie der Empfindsamkeit,
Suchen nach einer neuen Erkenntnistheorie. Zusammenbruch
der rationalistischen Erkenntnistheorie, Phänomenalismus
Plouckets; absoluter Phänomenalismus: deutscher Skeptizis⸗
mus und Eindringen der Lehre Humes Entwicklung der
englischen Erkenntnistheorie: Baco, Locke, Hume), Unbefrie—
digendes auch dieser Lehre in erkenntnistheoretischer Hinficht.

IV. Die Erkenntnistheorie Kants; Kritizismus .. 338 -888

Drittes Kapitel. Neue Weltanschauung.

329 -338
        <pb n="6" />
        VIJ

Inhalt.

Seite
Abwendung von Hume und Locke; neue Formulierung
des erkenntnistheoretischen Problems, Lösung des Problems
durch Lambert, Lösung durch Kant: Kritik der reinen Ver—
nunft (1781). Analyse dieser Lösung.

Elemente einer allgemeinen Weltanschauung
bei Kant . . . .. a 353378

Sozial- und individualpsychologische Momente für den
zeitlich begrenzten Charakter der Kantschen Erkenntnistheorie.
Leben und Charakter Kants. Verhältnis der erkenntnis—
theoretischen Studien Kants zu seiner praktischen Philosophie.
Diese Philosophie ein Bedürfnis der achtziger und neunziger
Jahre des 18. Jahrhunderts. Charakter des Willens. Kate—
gorischer Imperativ. Verhältnis der Kantschen Ethik zur
Ethik des Rationalismus und des Christentums. Gott, Frei—
heit und Unsterblichkeit als sittliche Forderungen. Religions—
philosophie; Kants Ethik und das Christentum.
Weltanschauung des Klafsizismus; Goethe. . . 378 -3898

Wesen der Weltanschauung des Klassizismus überhaupt:
Mystik. Rückblick auf die Entwicklung der neuen Pfychologie
und üsthetik und die Weltanschauung Herders in ihrem
inneren Zusammenhang. Goethes Weltanschauung: anschau—
liches Erkennen; die Natur als vornehmstes Obiekt desselben;
Frömmigkeit, Pflichtenlehre.

VII. Ethit und Ästhetik des Klassizismus; Schiller 898 —408

Goethes Ästhetik in ihrer Begründung auf seine natur—
wissenschaftliche Weltanschauung. Schillers Ästhetik: Funda⸗
mentalempfindung der allgemeinen Harmonie; philosophische
Gedanken bis zum Studium Kants; das Denken Schillers im
Verhältnis zu Kant und zur frühsubjektivistischen Philosophie;
Ethik und Asthetik. Allgemeiner Entwicklungsgang der sub—
jektivistischen Ästhetik bis auf Goethe und Schiller; Überein—
stimmung beider; Bedeutung ihrer Anschauungen für die
Folgezeit.

VI.

Biertes Kapitel. Neue Dichtung.
J. Die Dichtung der Empfindsamkeit. .. .. 409 - 442
Früheste Anfänge eines neuen dichterischen Enthusiasmus.
Eigentliche Vorläufer: Günther und Haller; Oberfachfen und
die Schweiz. Hauptentwicklung: Klopstock, Umfang, Form
und Charakter seiner Dichtung. Abklärende Zeiten: Motive
heimischer und fremder, englischer und französischer Ent—
wicklung für sie; Wieland, Barden, Göttinger Hainbund:
Werthers Leiden.
        <pb n="7" />
        Inhalt.

VII

Seite
IJ. Die Dichtung des Sturmes und Dranges. . . . 442-481
Psychologisches zu dieser Dichtung; Hamann, Herder,
Goethe. Entwicklung der Lyrik: Schubert, Bürger Gallade
des Sturmes und Dranges); Lenz, Goethe: Durchdringen bis
zur Lyrik des Erlebnisses. Das Drama: Allgemeines über
die entwicklungsgeschichtliche Bedeutung von Schicksalsidee,
Fabel und Gestaltenzeichnung. Entwicklungsgeschichtliche
Stellung des Dramas um die Mitte des 18. Jahrhunderts:
psychologische Voraussetzungen des Dramas des Sturmes und
Dranges. Einfluß Shakespeares. Die dramatische Produktion
des Sturmes und Dranges. Schicksalsidee, Gestaltenbildung
und seelische Architektonik vornehmlich in den Dramen Goethes
und Schillers.
lII. Bindende Mächte von außen her... . .
Ergebnisse der Zeiten der Empfindsamkeit und des Sturmes
und Dranges: neue Sprache, neuer Naturalismus. Fort—
blühen: Jean Paul, Heinrich von Kleist. Abklärung durch
äußere Mächte: Empordringen der alten nationalen Dichtung
reifste Ausgestaltung der Aufklärung, neue Wiedergeburt des
klassischen Altertums: philologische Renaissance, dichterische
Renaissance, Renaissance der Humanität.
IV. Innere Bindung zum Klafsizismus... *
Thüringen, Weimar und Jena als Schauplatz der
klafsifchen Dichtkunst. Hauptmomente der Entwicklung Goethes
bis zu den neunziger Jahren, insbesondere frühweimarische
Zeit und italienische Reise. Das pfychologische Drama:
Egmont, Iphigenie, Tasso; Don Carlos. Hauptmomente der
Entwicklung Schillers bis in die neunziger Jahre, insbefonder
seit Jena und Weimar.
Die Vollendung des Klassizismus . *
Lage Goethes und Schillers im Beginn der neunziger
Jahre. Ihr Zusammenstckluß: Charakterverschiedenheiten
und Vereinigungspunkte. Gemeinsame Tätigkeit nach außen
Innere Fortbildung: Lyrik; Epik: Balladen, Goethes Her⸗
mann und Dorothed, Goethes Romane; Dramatik: Schiller.

482 -502

502 - 530

Y

530 - 567

Juustes Kapitel. Wildende Kunst und Musik.

l. Entwicklungsgeschichtliche Betrachtungen zur
bildenden Kunst vornehmlich des frühsubiekti—
vistischen Zeitalters.. 5*
a) Die Zeiten des Gesamtkunstwerks in der
deutschen Entwicklung. Perioden des 6. bis 9. 12. und

5682572
        <pb n="8" />
        VIII

I.

III.

Inhalt.

13., 15., 17. und 18. Jahrhunderts. Identisches der Er—
scheinungen in den vier Perioden. Bedeutung der Baukunst
für das Gefamtkunstwerk. In der frühsubjektivistischen Zeit
ein Gesamtkunstwerk unmöglich.

b) Die führende Stellung der Malerei unter
den bildenden Künsten auf Grund der künstle—
rischen Gesamtentwicklung bis ins 18. Jahr—
hundert. Entwicklung der künstlerischen Ausdrucksfähigkeit
in der deutschen Geschichte. Speziell malerische Wendung
dieser Ausdrucksfähigkeit seit dem 16., noch mehr seit dem
17. und 18. Jahrhundert: Sicherung der Führerstellung der
Malerei gegenüber der Plastik.

c) Allgemeine Entwicklung der Malerei in
den beiden Perioden des subjektivistischen Zeit—
alters (MMitte 18. Jahrhunderts bis zur Gegen—
wart); Frühimpressionismus, Umrißstil, Kolorismus, reifer
Impressionismus; idealistische Durchbildung einiger dieser
Stufen und ihr Verhältnis zur Kunst früherer Kulturen;
sogenannter Historismus der malerischen Entwicklung im
19. Jahrhundert.

d) Entwicklungsgeschichtliche Prinzipien der
bildenden Kunst, insbesondere der Malerei, über—
haupt: Ausdrucksfähigkeit und Inhalt.

Anfänge frühsubjektivistischer Malerei in der
Richtung auf den Impressionismus.... 4572-611

Die Malerei der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und
Sturm und Drang; bürgerliche und fürstlich-akademische Kunft.
Entwicklung der bürgerlichen Kunst in England und Frank—
reich. Die bürgerliche Kuust in Deutschland: die Illustration
(Chodowiecki); Silhouette, Miniatur, Bildnis (Graff); Pano—

rama, Landschaft (Geßner, die Norddeutschen und Nord—
Jermanen). Runge. Ausgang der frühimpressionistischen Kunst.
Sieg des plastischen und literarischen Klassi—
zismus in der Malerei; Baukunst und Plastik..

a) Der Umrißstil in der Malerei. Vorzeitiger

Charakter des Frühimpressionismus; Sieg des Klassizismus
aus sozialen und sozialpsychischen Gründen. Klafssizistische
Kunstlehre. Verhältnis der klassizistischen Kunst zu Rokoko
und Barock (Hser, Mengs, die Kauffmann, Wächter, Schich).
Der reine Umrißstil (Carstens, Genelli). Die Landschaft (Koch,
Rottmann, Preller).

Seite

611 -640
        <pb n="9" />
        Inhalt.

—*

Seite
b) Baukunst und Bildnerei. Teilweiser Verfall der
ozialen Voraussetzungen der Baukunst des 16. bis 18. Jahr⸗
hunderts; bürgerliche Architektur. Der klafssizistische Stil in
England und Frankreich. Klassizistische Bauten in Deutsch—
land seit 1780 (v. Erdmannsdorf, Knobelsdorf u. a.). Der
vollendete Klassizismus: Klenze und Schinkel, Müuchen und
Berlin; Wien (Hansen). — Bildnerei: übergang vom Rokoko
zum Klasfizismus (Oser, Dannecker); realistischer Klassizismus
Schadow, Trippel); absoluter Klassizismus (Thorwaldsen,
Rauch).

lV. Lied, Singspiel, Oper; Gluck, Mozart. · · ·

Bildende Kunst und Musik in ihrer parallelen Entwicklung.
Fremde, klassische und romanische Einflüsse auf dem Gebiete
der Musik. Allgemeiner Gegenfatz der Musik des individua—
listischen und des fubjektivistischen Zeitalters. Bedeutung des
Gesanges für den Fortschritt: absolute objektive und relative
ubjektive Mufsik; Polyphonie und Homophonie. Das Lied
und seine Entwicklung. Das Singspiel: Hiller, Dittersdorf
Die Oper und die Reform Glucks; Mozart als Opernkomponist

. Instrumentalmusik; Haydn, Mozart.

Charakter der Instrumentalmusik des individualistischen
ind fubjektivistischen Zeitalters. Die neue musikalische Form—
art, ihre Entwicklung. Erhöhung der technischen Leistungs—
fähigkeit der Instrumente. Bildung des Orchesters der
lassischen Zeit. Technische Entwicklung des Klaviers; künstle⸗
rische Folgen. Neue Klaviermusik: Philipp Emanuel Bach.
Neue Orchestermusik: Haydn, Mozart. Veränderte soziale
Stellung der Musik: Kirchenmusik, Adelsmusik (Kammer⸗
musik), Musik der gebildeten Kreise Konzertmusik).

VIJ. Beethoven.. X

Allgemeine Charakteristik, Lebensgeschichte. Die dre
Perioden des Schaffens. Höhe des schließlich Erreichten
Schluß.

1. Sachregister
II. Personenregister

340663

3632688

383- 704

705- 717
717729
        <pb n="10" />
        <pb n="11" />
        III.
Neue Weltanschauung.

l. Unendlich lang fast erscheint der Weg, den die Kultur⸗
entwicklung der Nationen einschlägt, ehe der Mensch bei sich
elbst einkehrt, über sich selbst nachdenkt, seine geistigen Eigen—
schaften zergliedert. Diesem Augenblicke gehen lange Zeitalter
voraus, in denen das menschliche Selbstbewußtsein sich gleich⸗
sam noch nicht abtrennt von den Werkzeugen seiner Aus—
wirkung, seines Fühlens und Denkens, und darum sich als
Ganzes den übermächtigen Eindrücken der Außenwelt gegenüber—
stellt. Das sind denn die Zeiten der ersten Vorstellungsbildung
über Dinge der Umwelt als eines Ganzen, die Zeiten des
Muythos, der Naturphilosophie.

Wendet sich darnach die Aufmerksamkeit langsam auf das
menschliche Innere, so dauert der Einfluß der Aufstellung und
früheren Lösung der kosmischen Probleme noch lange fort; der
Mensch scheint nicht vereinzelt, sondern als ein von fremden
Naturgewalten objektiv abhängiges Stäubchen nur des Alls.
Es sind die Vorbedingungen für eine astrologische Psychologie,
wie sie die westeuropäischen Völker noch im 16. und 17. Jahr⸗
hundert in alles bezwingender Macht erlebt haben, und wie
sie der große deutsche Dichter noch des 18. Jahrhunderts als
in Wallensteins Leben bestimmend einführte.

Aber neben die astrologische Psychologie hatte sich damals
bereits eine andere, schon im Mittelalter seit lange vorbereitete

Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 2. 20
        <pb n="12" />
        804

Zweiundzwanzigstes Buch.
und durchgearbeitete Psychologie gestellt, welche die inneren
Mächte der menschlichen Brust wohl anerkannte, aber sie noch
in bestimmte, typische Formen der Charaktere, die Tempera—
mente, gebannt sah.

Beide Psychologien, die astrologische und die der Tempera—
mente, schlossen sich dabei nicht aus; und auf west- und mittel⸗
europäischem Boden gingen sie eine Verbindung ein, deren
Einfluß teilweise noch bis ins 18. Jahrhundert hinein gewährt
hat. Während die einen im Blute nach Analogie der vier
klassischen Temperamente jetzt nur das Feurige, Luftige, Wässe—
rige, Irdische unterschieden oder von Salz, OÖl, Erde und
Wasser oder auch Schwefel und Merkur redeten, rechneten
damals andere bei der Charakteristik der Temperamente noch
immer mit Sonne oder Mond oder Planeten. Und so waren
denn, an Stelle der physiologischen Gegenstücke zum Psychischen,
immer auch noch kosmische, ja magische Anschauungen im
Schwung.

Es war eine Richtung des Denkens, die freilich dem
höchsten Durchschnitte schon der Kultur des 16. Jahrhunderts
und erst recht des 17. Jahrhunderts nicht mehr gerecht wurde.
Und so entwickelte sich seit dieser Zeit allmählich eine ganz
andere Grundlage psychologischer Auffassung von viel aus—
geprägterem Wirklichkeitscharakter, wie dies einem Zeitalter
nunmehr beginnenden unmittelbar wissenschaftlichen Denkens
entsprach.

Dieses Denken verfiel allerdings auch noch nicht auf die
schwere Frage, inwiefern etwa die Welt der Erscheinungen in
ihrem objektiv gegebenen Zusammenhange den subiektiven Zu—
sammenhängen unseres Denkens entspreche oder nicht — nur sehr
vereinzelt und im ganzen folgenlos wurde dieser Punkt einst⸗
weilen berührt; seine genaue Behandlung ist erst eine be—
zeichnende Erscheinung des neuen subjektivistischen Zeitalters.
Vielmehr war man naiv davon überzeugt, daß dem logischen
Denken neben seiner subjektiven auch eine objektive Wirklichkeit
zukomme, eine Wirklichkeit, die in den Dingen selber gelegen
sei. Daß man im Grunde einen metaphysischen Satz aus—
        <pb n="13" />
        Neue Weltanschauung. 305
sprach, wenn man die Natur zum Ausdrucke einer Gedanken—
tätigkeit machte, die unserem logischen Denken entsprechend er—
—DDDDDD
Annahme vielmehr auf einem unzerstörbaren Ankergrund wissen—
schaftlichen Denkens befestigt.

Indem nun auf diese Weise dem logischen Denken eine
Stellung angewiesen war, von der aus es als geeignet be—
trachtet wurde, aus sich heraus die ganze Welt der Er—
scheinungen deduktiv zu entwickeln — das ist der Inhalt der
philosophischen Systeme von Cartesius bis auf Wolff —, er—
hellte von vornherein, daß auch allein von ihm her das mensch—
liche Seelenleben als begreifbar angesehen wurde. Dies um
so mehr, als der jetzt eintretenden primitiv wissenschaftlichen
Betrachtung des Seelenlebens unter allen inneren Erlebnissen
zunächst die logische Tätigkeit als die scheinbar einfachste,
klarste, ja als diejenige Tätigkeit erschien, in der alle übrigen
aufgingen. So hat noch Wolff Gefühle, Gemütsbewegungen,
Willensakte als Arten logischen Denkens definiert, indem er
das spätere Nachdenken über diese Vorgänge, das uns zumeist
klarer ist, als diese selbst, mit ihnen verwechselte. Daß auf
diese Weise die gesamte Psychologie, bisher vom naturphilo—
sophischen Standpunkte aus betrieben, in eine rein meta—
physische Beleuchtung geriet und damit abhängig wurde von
den Weltanschauungssystemen eines Descartes, Spinoza, Leib⸗
niz, Wolff, das sah man nicht: so wenig, wie sich noch heute
die Psychologie des täglichen Lebens ihres metaphysischen
Untergrundes bewußt ist, obwohl sie fern dem Kantschen
Phänomenalismus noch ruhig den parallelen Verlauf logischen
Denkens und äußerer Erscheinungsvorgänge als Tatsache hin—
nimmt.

Indem aber nun die denkhafte Auffassung des Seelen—
lebens eingetreten war und damit die psychischen Vorgänge
1Man findet freilich schon bei Wolff die Zweiteilung der Seelen—
kräfte in eine obere und eine untere Stufe. Allein da es möglich ist, die
untere Stufe von der oberen abzuleiten, so besteht in Wahrheit bei Wolff
doch nur diese obere, die der Vernunft.
        <pb n="14" />
        306

Zweiundzwanzigstes Buch.

auf Verstandesfunktionen zurückgeführt wurden, lag es nahe,
die einzelnen psychischen Erscheinungen als besondere Ver—
mögen der Seele auf diejenigen Begriffe zu reduzieren, in
denen das logische Urteil über psychische Vorgänge nieder—
gelegt war. So konnte man für besonders mutvolle Hand⸗
lungen ein Vermögen des Mutes, für sittliche Handlungen
iberhaupt ein sittliches Vermögen, für die Sprache ein Sprach⸗
—
Habsuchts- oder Eitelkeitsvermögen annehmen usw. Eine Ver—
mögenspsychologie von verwirrender Fülle der möglichen Unter—
teilungen entstand auf diese Art; lokalisierte man die von
ihr behaupteten Tatsachen an besonderen Stellen des Hirns,
so ergab sich in der Phrenologie ihre späteste und äußerlichste
Ausbildung.

Das eingehendste System der Vermögensphilosophie hat
Lhristian Wolff aufgestellt, am Ausgange jenes individualistischen
Zeitalters, dessen Charakter dieses ganze System entsprach.
Metaphysisch nicht so sehr auf Leibniz als auf Descartes ge⸗—
stützt, entwickelte er den gesamten psychologischen Inhalt rein
deduktiv aus dem bloßen Denken. Zwar verschmähte er neben⸗
her nicht die Nachprüfung in der Erfahrung dahin, ob die
rational erschlossenen Vermögen denn auch in der Wirklichkeit
der seelischen Erscheinungen zu finden seien. Aber diese Nach—
prüfung diente ihm im wesentlichen nur dazu, solche Vorgänge
des Seelenlebens, die sich auf den ersten Blick dem System
nicht zu fügen schienen, intellektualistisch zu deuten. So be—
ruhen z. B. die bildenden Künste nach ihm auf einem Spiel
der Ideen, das vom Satze des zureichenden Grundes beherrscht
wird; so war weiterhin nach ihm Lust die Erkenntnis einer
Vollkommenheit, Unlust die einer Unvollkommenheit; und dem—
gemäß Liebe die Erkenntnis dessen, was uns gefällt, an
anderen; ferner war ihm Leid die Erkenntnis der Tatsache,
daß ein Mensch seines Glückes nicht würdig sei usp. Auch
die Willenshandlungen leitete Wolff dabei nach seiner Art in
leichtester Weise aus der Vorstellungstätigkeit ab; so erschien
ym der Wille selbst als eine vernünftige Begierde, eine ver—
        <pb n="15" />
        Neue Weltanschauung.

307

nünftige Begierde aber als eine deutliche Erkenntnis des Guten
oder Schlechten.

Unerschöpflich ist dann Wolff in der Abgrenzung und
Unterteilung der so festgestellten Vermögen gewesen, indem er
sie im Sinne aristotelischer Dichotomien in immer kleinere
Schubfächer einschachtelte, mochten sie nun Einbildungskraft
oder Dichtkraft, Gedächtnis oder Verstand, Witz oder Vernunft
oder sonstwie heißen. Und so ist er in dem begrenzten Ge—
hiete der Definition seelischer Vermögen immerhin von länger
währender Bedeutung geworden.

Im übrigen aber kam es in der Entwicklung der Psycho—
logie eben in der Zeit, da Wolffs System allgemeine Ver—
breitung fand, zu einer starken Wandlung. Und zwar nach
zwei Seiten hin. Einmal konnte man an dem Gedanken einer
intellektualistischen Psychologie festhalten, aber sie anders als
Wolff aufzubauen suchen. Es war natürlich eine Aufgabe der
mmer noch weiterwirkenden Strömung der Aufklärung, insofern
diese, wenn auch an Kraft der Entfaltung nachlassend, bis ins
19. Jahrhundert hinein fortwährte: denn die intellektualistische
Psychologie ist mit der Aufklärung Kind des gleichen individua—
listischen Zeitalters. Auf diesem Gebiete war es zunächst mög⸗
lich, der Vorherrschaft der intellektuellen Tätigkeit die Auf—
forderung zu entnehmen, diese Tätigkeit selbst einmal genauer
zu untersuchen: dann ergab sich die Abstraktion der Vor—
stellung als der einfachsten, allem anderen zugrunde liegenden
Funktion, und die verwickelteren seelischen Vorgänge wurden
als Verknüpfungen, als Assoziationen von Vorstellungen ge⸗
deutet. Es war die Richtung, welche die Engländer eigentlich
schon seit Locke, dann aber namentlich seit Hartley und Hume
eingeschlagen hatten; sie führte zur Ausbildung des Systems
der Assoziationspsychologie. Aus dieser Psychologie ist dann
später vornehmlich in Herbarts Denken die Psychologie des

Vorstellungsmechanismus hervorgegangen, indem man sich be⸗
strebte, die allgemeinen Gesetze aufzufinden, nach denen die
Assoziation der Vorstellungen erfolgen möchte.

Daneben aber trat noch eine zweite ganz andere Ent—
        <pb n="16" />
        308

Zweiundzwanzigstes Buch.
wicklung ein, die, freilich zunächst noch schüchtern und nicht
völlig klar, an die ersten Entwicklungsmomente des neuen
subjektivistischen Seelenlebens anknüpfte. Und hier erscheint
nun ein ganz anderer Pol des Seelenlebens in den Vorder—
grund der Betrachtung gerückt: das Gemüt. Es ist die Ent—
wicklung, die wir an dieser Stelle genauer zu verfolgen haben.

Anknüpfung zu einer neueren Auffassung in dieser Rich—
tung bot im gewissen Sinne schon Wolff und noch mehr, ja
überraschend stark vor Wolff, indes in dieser Einwirkung eben
durch Wolffs Einfluß verdrängt, Leibniz. Beide hatten, Leibniz
grundsätzlich und selbständig, Wolff mehr gedrängt, neben dem
Gebiete klarer Vorstellungen des Seelenlebens auch ein Gebiet
mehr oder minder unbewußter Tätigkeit der Seele zugelassen,
da sich bei eingehender Betrachtung denn doch nicht alle
seelischen Vorgänge als Funktionen des Verstandes begreifen
ließen: und es handelte sich dabei eben um das Gebiet, das
die neue Zeit unter dem vieldeutigen Worte des Gemütslebens
begriff.

Darüber hinaus aber war die Einführung dieser neuen
Seite des Seelenlebens in den Bereich der Psychologie auch
schon von den letzten Vertretern des Pietismus, freilich unklar
genug, versucht worden; so hat Schulz in Königsberg eine
Verbindung zwischen ihr und der rationalen Psychologie Wolffs
gesucht. Und dann war die Neigung, dies neue Moment an⸗
zuerkennen, im Laufe der dreißiger und vierziger Jahre aus
einem begreiflichen Reaktionsgefühl gegen den stets trockener
und unfruchtbarer verlaufenden spekulativen Rationalismus
immer mehr gewachsen.

Den eigentlichen Ausschlag aber gab doch erst das ge—
waltige Emporbäumen des subjektiven Gefühls in Empfind⸗
samkeit und Sturm und Drang: erst von nun an läßt sich
allenthalben eine zunehmende Neigung zum unvoreingenommenen
Studium des Menschen und namentlich auch seiner unbewußten
Seelentätigkeit, soweit sie im Gefühl verläuft, beobachten. Die
Psychologie wurde dadurch zunächst frei von den metaphysischen
Fesseln der Vergangenheit; und mindestens begann man schon
        <pb n="17" />
        Neue Weltanschauung.

309
zu fragen, ob sie denn wirklich Teil der Metaphysik und nicht
vielmehr der Physik, in dem damals noch viel weiteren Sinne
dieses Wortes, sei? So sehen sich schon Crufius (1715 1775)
und Darjes (1714 - 1791) genötigt, sie wenigstens aus der
Metaphysik in die Logik zu verpflanzen. Später hat man sie
dann, zunächst wohl unter Lockes Einfluß, tatsächlich als Teil
der Naturlehre betrachtet; das ist auch die Ansicht Kants ge⸗
wesen.

Indem aber die Psychologie auf diese Weise aus der
Vormundschaft der Metaphysik Erlösung fand, wurden zugleich
die Anfänge eigener Methoden für ihr Studium entwickelt. Mit
außerordentlichem Interesse bemächtigte man sich des da und dort,
im Leben und in der Reiseliteratur, angehäuften individual⸗
und völkerpsychologischen (ethnologischen) Erfahrungsmaterials,
und Selbstbeobachtung wie Beobachtung anderer wurden mit
einer Liebe und Virtuosität betrieben, wie sie kaum in irgend⸗
einer Periode der deutschen Geschichte gleich entschieden wieder⸗
gekehrt ist.. So kam es, daß man schon die Vorteile wie
die Schwierigkeiten der mathematischen Bestimmbarkeit psycho⸗
—DDDD rasch einen großen
Teil der Sicherheitsmaßregeln fand, die zur Erzielung klarer
psychologischer Tatsachenerkenntnis angewandt werden müssen:
man war hier schon verhältnismäßig weit gelangt, ehe Kant
durch die geringe Beachtung, die er der Psychologie schenkte,
deren höhere Entwicklung wiederum einem Dunkel zudrängte,
aus dem sie erst durch Herbart und seine Schüler wieder erlöst
worden ist.

Gleichzeitig mehrte sich, um das Feuer dieser Studien
noch zu erhöhen, in sehr merklicher Weise der Einfluß der
französischen und namentlich der englischen Psychologen, die
entsprechend der klareren und rascheren seelischen Entwicklung
der großen westeuropäischen Nationen schon manchen Weg ein⸗
geschlagen hatten, den die deutschen Denker erst suchen mußten.
Hatten sich solche Einflüsse schon bei Haller, von seiten Shaftes—

Vgl. dazu oben Kap. II, Abschnitt 4.
        <pb n="18" />
        310

Zweiundzwanzigstes Buch.
burys, eingestellt, so wuchsen sie in den fünfziger und sechs—
ziger Jahren noch um vieles; namentlich Mendelssohn ist stark
von ihnen bewegt gewesen und hat es darum freilich, bei aller
Anregung, die er gab, nicht eigentlich zu einem klaren System
eigenen Denkens gebracht.

Unter all diesen Einflüssen entstand nun eine frische und
mächtige Gärung: ein Neues will sich überall bilden; all—
gemein ist das Interesse an der Seelenwissenschaft: ihre An—
fänge werden in den höheren Schulen gelehrt; und in der
Forschung wendet man sich, wie es Anfängen neuer wissen—
schaftlicher Forschung zu gehen pflegt, alsbald der Lösung der
schwersten Fragen zu.

Vor allem aber mußte es doch darauf ankommen, nun
die neuen, noch recht unklaren Anschauungen in ihrer ein—
fachsten Bildung unter einem bestimmten Gesichtspunkte zu
ordnen und womöglich in die Gefäße bestimmter Systeme zu
gießen. Und da war wohl von Creutz in seinem Versuche
über die Seele (1754) einer der ersten, der zunächst mit einem
neuen allgemeinen Prinzip Ernst machte, indem er, vielleicht
mit beeinflußt durch Leibnizens Monadenlehre, den alten
rationalistischen Begriff eines reinen unsinnlichen Erkenntnis—
vermögens verließ und statt dessen den Begriff allseitiger
Selbsttätigkeit der Seele aufstellte.

Eine wesentliche philosophische Unterstützung erhielt diese
Auffassung, die im nächsten Jahrzehnt in das fortgeschrittenere
Zeitbewußtsein eindrang, aber doch wohl erst durch das Er—
scheinen von Leibnizens posthumem Werke, den Nouveaux
ossßais (1765). Hier war die Idee der Seele als einer un—
unterbrochen wirkenden psychischen Energie siegreich gegen Locke
ins Feld gestellt, und, um sie durchzuführen, den nur dunkel
oder gar nicht zum Bewußtsein gelangenden Vorgängen des
Seelenlebens der berechtigte Platz eingeräumt. Hier erschien
die Seele nicht mehr als tabula rasa, deren unbeschriebener
Fläche erst die sinnliche Erfahrung einen Inhalt zu geben be—
ginnt, sondern als ein unergründliches Meer von Empfindungen,
aus dessen Tiefen sich bald leise Wellen, bald brandende Wogen
        <pb n="19" />
        Neue Weltanschauung. 311
heben und über dessen Fläche das Schifflein unserer deutlichen
Vorstellungen steuert, — als ein ewig lebendiges Organisches,
dessen einzelne Erscheinungen auf unendlich mannigfaltige Weise
in unendlich feinen Übergängen verknüpft sind: so daß aus
anendlichen Verflechtungen die unerschöpflichen Reize des Persön—
ichen hervorgehen.

Bis zur Unübersichtlichkeit ausgedehnt und damit theo—
retisch nicht erschöpfbar erschien damit im Grunde die Summe
aller seelischen Erscheinungen. Suchte man aber gleichwohl
eine Einteilung und Übersicht, so ergab sich, daß vor allem
die Masse der dunklen Vorgänge, die sich im Seelenleben halb
hewußt, halb unbewußt vollziehen, einer Einordnung und Be—
zeichnung bedurfte: neben Denken und Wollen, die psychologischen
Hauptkategorien des Seelenlebens von alters her, trat damit
als dritte Hauptgruppe seelischer Erscheinungen das Empfinden.
Bei Mendelssohn ist der Begriff in diesem Sinne bereits deut—
lich entwickelt; seine Anerkennung bedeutete, wie wir sehen
werden, die Emanzipation der Ästhetik aus der Metaphysik und
zugleich ihre psychologische Grundlegung.

Aber neben diesem Vorgang, der erst in der Philosophie
bon Tetens vollkommen abgeschlossen vorliegt, lief ein anderer,
noch bedeutsamerer her. Locke hatte in seinen erkenntnis—
cheoretischen Bestrebungen alle Begriffe aus dem Urquell der
äußeren und inneren Erfahrung ableiten wollen!. Indem nun
die empfindsame Zeit sich dieses Gegensatzes bemächtigte, modelte
sie ihn bald dahin, daß sie die subjektivistische Seite des Gegen⸗
satzes betonte, also die überwiegende Bedeutung der inneren
Erfahrung feststellte. Innere Erfahrung aber hieß ihr bald
mehr, bald minder deutlich Empfindung. So ward jetzt die
Empfindung, im Gegensatz zur kartesianischen Selbsterkenntnis
des denkenden Menschen, zum Herzstück der Psychologie, ja im
weiteren Sinne des Lebens- und Kraftgefühls, und damit zum
Kern des Denkens überhaupt: ein neues psychologisches, ja
philosophisches Zeitalter zog herauf.

S. darüber unten unter Nr. 3 S. 385 ff.
        <pb n="20" />
        312 Zweiundzwanzigstes Buch.
Es war eine Wendung, die seit Sulzer und Eberhard
und schon Mendelssohn, teilweise im Anschluß an Andeutungen
Leibnizens, etwa zu folgenden Sätzen führte: Es gibt einen
gemeinsamen Urstoff von Denken und Empfinden: das find
die Eindrücke!. Denken wir, so verarbeiten wir nur einen
einzigen Eindruck, und zwar in klarer Weise. Empfinden wir,
so bemächtigt sich unserer in minder deutlicher Weise eine
Summe von Eindrücken. Folglich ist das Empfinden reicher,
weiter, anregender als das Denken.

Indem man aber so aus einer Lehre von den Eindrücken
her das Denken wie das Empfinden erklärt zu haben glaubte,
—D
genauer zu bestimmen. Hier ist es nun der ungemein scharf—⸗
sinnige Tetens gewesen (Hauptwerk: Philosophische Versuche
über die menschliche Natur und ihre Entwicklung, 1777), der
dem Geiste des Zeitalters zum vollen Ausdruck verhalf. Hatte
Leibniz das ganze Seelenleben zur Spontaneität gemacht,
'indem er die Seele ihre Vorstellungen in selbsttätiger Kraft
aus sich herausspinnen ließ, hatten im Gegensatz dazu die
französischen Sensualisten nur eine passive Aufnahmefähigkeit
der Seele für die sinnlichen Eindrücke gelehrt, so erblickte
Tetens die Haupteigenschaften der Seele in der Rezeptivität
und der Spontaneität zugleich. Es ist eine Auffassung, die
wohl durch die Forschungen Hallers über die Reize in den
Muskelfasern, vielleicht auch durch die Kenntnis der Arbeiten
Unzers in ihm angeregt worden ist?.

Ausgehend nun von diesen beiden Grundvermögen findet
Tetens in der Seele zweierlei: Spuren von Eindrücken, und
weiterhin die Fähigkeit, diese Spuren wieder willkürlich hervor—
zuheben. Es war eine sehr entschiedene Stellungnahme gegen
die Lockesche Psychologie, die nur die willkürliche Assoziation
don Eindrücken gekannt hatte; eine Stellungnahme, die auf

Ich bediene mich hier dieses Wortes zum Unterschiede von dem ge—
läufigen Worte Vorstellung (S engl. ides).
2Sommer S. 278.
        <pb n="21" />
        Neue Weltanschauung. 313
die Behauptung einer größeren Selbständigkeit des menschlichen
Beistes hinauslief. Aber damit war Tetens in seinen sub—
jektivistischen Neigungen noch keineswegs befriedigt. Auf Grund
don Experimenten mit dem Gesichtssinn! behauptete er: „Die
Schaffenskraft der Seele geht weiter. Sie kann Vorstellungen
machen, die für unser Bewußtsein einfach und demnoch keiner
von denen ähnlich sind, die wir als die einfachsten Empfindungs⸗
borstellungen antreffen. Sie kann also in dieser Hinsicht neue
einfache Vorstellungen bilden.“ Es ist die Behauptung einer
selbsttääigen Denk- und Dichtungskraft der Seele a priori:
die Stabilisierung der Selbstherrlichkeit des schöpferischen
Menschen. Von diesem Gesichtspunkte aus erschien Tetens
dann schon die Kausalität als etwas in den Dingen nicht Ge—
gebenes und als etwas aus der Erfahrung des gewöhnlichen
Vorstellungsverlaufes keineswegs Angeeignetes, sondern viel—
mehr als etwas nur von uns aus den Dingen Zugeschriebenes,
als eine Denkform a priori.

Und gleichzeitig bildete Tetens von seinen psychologischen
Voraussetzungen her den wichtigsten Begriff unserer klassischen
Asthetik vollends aus, den Begriff des Genies. Hatte schon
von Creutz in dem ersten Satze seines Versuchs über die
Seele (1754) das Bedürfnis ausgesprochen, „sich über das
rätselhafte Etwas, welches im Homer die ewige Odyssee, im
Virgil die unsterbliche Aneis hervorgebracht, im tiefsinnigen
Leibniz die prächtige Theodicee geboren hat, klar zu werden,“
so fand Tetens diese Klarheit, indem er die geistige Größe
nicht bloß von der stärkeren Rezeptionsfähigkeit und Selbst⸗—
tätigkeit der Seele in der Verarbeitung gewordener Eindrücke
abhängen ließ, sondern vor allem von der über diese hinaus—
ragenden Eigenschaft schöpferischer Einbildungskraft: durch Ein—
führung und Zutat dieses Begriffes glaubte er jene heroische
Vorstellung vom Genie wissenschaftlich begreiflich gemacht zu
haben, die dem enthusiastischen Fühlen der Zeit entsprach.

Zit. Sommer S. 275.
        <pb n="22" />
        314

Zweiundzwanzigstes Buch.
Es war der letzte Begriff, den die psychologische Arbeit
für die Entwicklung einer subjektivistischen Asthetik zu liefern
hatte; und längst schon hatte man auf ästhetischem Gebiete
die individualistisch-metaphysischen Begriffe früherer Zeitalter
in subjektivistisch-psychologische umzumünzen begonnen.

Die Asthetik der rationalistischen Zeit hatte als Ziel der
Kunst die Vollkommenheit, also einen objektiven Zweck, auf—
gestellt. Diese alte rationalistische Lehre von der Vollkommen—
heit wurde dann zunächst in die neue, subjektivistische
Asthetik als eine selbstverständliche Voraussetzung mit herüber—
genommen und stützte hier die ersten, vor allem auch in der
praktischen Wendung der Äüsthetik idealistischen Bestrebungen,
die sich aus dem jugendlichen Streben des neuen Bildungs-—
zustandes ergaben: die Kunst sollte das äußere Weltbild zu
jener Vollkommenheit erheben, die, entgegen bisweilen der
Wirklichkeit, die eingewurzelte Weltanschauung forderte. Doch
wurde dann allerdings gegenüber der rationalistisch-objekti—
vistischen Lehre immer mehr ein subjektiver Zweck gesucht: die
Kunst, hieß es nun, solle ästhetische Gefühle erregen. Und
schon seit den zwanziger Jahren des 18. Jahrhunderts etwa
begann man sich zu fragen, welche Art des Temperamentes
hierzu wohl am geeignetesten sei und daher den Künstler,
insbesondere den Dichter, mache. In den vierziger Jahren,
man darf es sagen, gipfelte dann eigentlich der ganze Streit
zwischen den Schweizern und Gottsched! schließlich in der frei—
lich auf keiner Seite ganz klaren und darum auch nicht zum
Ziele führenden Absicht beider Parteien, für die dichterische
Tätigkeit ständige psychologische Voraussetzungen nachzuweisen.
Indem man nun aber trotz dieser neuen Bestrebungen auch
am Vollkommenheitsideal inhaltlich noch lange festhielt, kam
man zunächst zu der Lehre, daß der Zweck der Kunst das
Vergnügen sei! Und mit der Empfindsamkeit wurde diese
Lehre verbunden durch die Auffassung, daß die leidenschaft⸗
liche Gemütserregung als stärkste Beschäftigung der Vor—

S. Bd. VII, 1 S. 321 ff.
        <pb n="23" />
        Neue Weltanschauung.

315
stellungskraft das größte Vergnügen gewähre: mithin die
Aufgabe der Kunst die Erregung leidenschaftlicher angenehmer
Gefühle sei. Dem Rationalismus gehörte diese Theorie also
noch an, insofern sie die Kunstgesetze noch in den objektiven
Formen des Kunstwerkes suchte; dem subjektiven Seelenleben
aber suchte sie gerecht zu werden, indem sie das Verhalten des
Künstlers und des genießenden Kunstfreundes zur Erklärung
heranzog.

Indes in weiter fortgeschrittenen Augenblicken des Ver—
laufes trat doch das Wesen eines völlig Neuen immer mehr
hervor; die Theorie suchte mit immer größerer Vorliebe die
in die Form hinein verlegten subjektiven Momente auf und
baute auf ihren Bestand vor allem den Charakter des Kunst⸗
werkes auf. Bei niemand tritt das deutlicher zutage, als bei
dem größten Asthetiker dieser Entwicklungsstufe, bei Lessing.

Aber daneben stellte doch schon eine weiter fortgeschrittene
Asthetik, wenn auch noch im heftigen Kampfe mit dem Alten,
das schaffende Vermögen des Künstlers als den eigentlichen
—D
Gegensatze zu der rationalistischen Betrachtung des Kunstwerkes
als einer bloßen Nachahmung natürlicher Formen: und ent—
wickelte daraus als erste ästhetische Aufgabe die Forderung,
die Vorgänge in der Seele des Künstlers selbst zu begreifen.
Es war der Weg von dem längst vorhandenen staunenden
und liebevollen Kultus des Genies zu seiner Zergliederung;
es war die Wendung, in der eigentlich erst die Ästhetik völlig
subijektivistisch und völlig psychologisch zu werden begann.

Deutlich tritt nach mancherlei Vorgängern diese neue Auf—
fassung zuerst in Sulzers Allgemeiner Theorie der schönen
Künste auf, die 1774 im Druck vollendet wurde. In ihr steht
das vorstellende Subjekt durchaus im Vordergrund; aus seinem
schaffenden Vermögen wird jetzt eine Asthetik abgeleitet von
viel eingehenderem Aufbau des einzelnen, als sie verwandte
frühere Versuche der Engländer und der Franzosen, eines
Young, Shaftesbury, Dubos, erreicht hatten.

Sulzer geht, teilweise an Gedanken des Leibnizschen Ideen⸗
        <pb n="24" />
        316

Zweiundzwanzigstes Buch.
kreises anknüpfend, von einer Unterscheidung des Vorstellungs—
lebens in der Seele aus, die wir aus der Entwicklung der
Psychologie her schon kennen. Unterscheidet die Seele die
einzelnen Teile einer Vorstellungsmasse deutlich, so befindet sie
sich im Zustande des Denkens. Faßt sie dagegen eine Menge
gleichzeitiger Teilvorstellungen nicht mehr getrennt, sondern
ins Ganze auf, so empfindet sie. Nun ist aber bei Sulzer
Empfindung die psychische Grundvoraussetzung für die schöpfe—
rische Leistung des Dichters: ein Satz, den Sulzer, dem
schweizerischen wie dem Gleimschen empfindsamen Kreise an—
gehörend, als unmittelbar gegeben der Wirklichkeit entnahm,
wenn er ihn auch noch im Sinne der älteren ÄAsthetik durch
die Behauptung zu motivieren suchte, Empfindung sei deshalb
der ästhetische Zustand der Seele, weil das Umfassen einer
größeren Masse von Teilvorstellungen mehr Vergnügen erwecke,
als die Beherrschung einer einzigen.

Nach alledem besteht für Sulzer die Wissenschaft der
Asthetik in der Zergliederung der seelischen Empfindungen;
und da, wo diese Empfindungen besonders voll, besonders
wirksam auftreten, da findet er das Genie, den gottbegnadeten
Künstler.

Allein mit dieser Auffassung verbindet sich bei ihm nun
noch eine andere Gedankenreihe, die für die Zeit höchst be—
zeichnend ist, wie sie denn ihre Ausbildung nicht bloß Sulzer,
sondern auch Eberhard (in seiner Allgemeinen Theorie des
Denkens und Empfindens, 1776) verdankt, und die später bei
Schiller ihre vollendetste ästhetisch-praktische Verwertung er—
reichen solltei. Da nämlich Empfindungen eine größere Anzahl
von Teilvorstellungen enthalten als die Begriffe, so gelten sie
auch als wirksamer und drängen mehr zum Handeln als diese.
„Die Empfindung bildet darum die Brücke vom abstrakten
Denken zum Handeln,“ wie sich Eberhard ausdrückt. Aus
Denken geht schwer, ja wohl niemals unmittelbar ein Wollen
hervor; es muß erst durch den stärkeren Drang des Empfindens

Vgl. unten Abschnitt 7 S. 399 ff.
        <pb n="25" />
        Neue Weltanschauung.

317
befruchtet sein. Darum müssen moralische Begriffe, wenn sie
wirksam werden sollen, erst durch moralische Empfindungen
sinnliche Triebkraft erhalten. Und darum handle es sich
praktisch weniger um Ausbildung abstrakter Tugendbegriffe, als
um die Entwicklung ethischer Antriebe: diese allein trügen den
Tugendbegriff in das Reich der Wirklichkeit.

Damit war von der Empfindung das Handeln, und mit
dem Handeln die Tugend abhängig gemacht worden. Es ist
ein Zusammenhang, der auf dem Gebiete der Üsthetik als der
Lehre von den schönen Empfindungen bald von größter Be—
deutung werden mußte. Denn nun erschienen Kunst und Moral
eng verschwistert, und es gab eine ästhetische Erziehung des
Menschengeschlechts. Und darum war es jetzt die Aufgabe jeder
Kunst, auch auf das Handeln zu wirken, und zwar nicht bloß
durch ihre eigensten Mittel, sondern womöglich sogar durch
Versinnlichen, durch Empfindungsmäßigmachen von Begriffen.

Es ist die Grundanschauung, der später die philosophische
Dichtung entspringen konnte; alsbald wirksam aber wurde sie in
einer ganz anderen Stellungnahme der Ästhetik und damit der
Kunst in der Reihe der menschlichen Betätigungen. Nicht bloß
ebenbürtig, nein übergeordnet stellte sich jetzt das künstlerische
Empfinden neben Denken und Wollen: das Leben des Künstlers
erschien als die höchste und herrlichste aller menschlichen Daseins—
formen, und die künstlerische Durchbildung der Nation galt als
wichtigste Aufgabe der Zukunft.

Zugleich aber war damit die deutsche Ästhetik, fern jedem
platten Naturalismus, wie er sich zunächst aus der trüben
Gärung der Empfindsamkeit, namentlich des Sturmes und
Dranges entwickelt hatte, von ihrer Wurzel in dem Seelen⸗
leben der ersten Jahrzehnte des neuen Subjektivismus in
höchste Höhen freier Betätigung hinübergeleitet; niedriger
Weltanschauung und allen Versuchen, nur aus technischen
Gesichtspunkten begriffen zu werden, entzogen, erhob sie sich
allein aus der Betrachtung der menschlichen Seele, faßte nur
die Wandlungen ins Auge, welche die sinnlichen Eindrücke in
der empfindungsvollen Tätigkeit des Subjekts erleiden, und
        <pb n="26" />
        318

Zweiundzwanzigstes Buch.
wurde dadurch, jeder Zergliederung der sinnlichen Objekte der
Außenwelt ledig und nur der Betrachtung der ästhetischen Ur—
aktualität in der Seele zugewandt, idealistisch.

Freilich, indem sie dieses Weges zog und auf ihm die
stärksten eben noch angenehmen Empfindungen, entsprechend
dem stürmischen Charakter der Zeit, zunächst in den Leiden⸗
schaften zu finden glaubte, ergab sie sich bei der Höhe ihres
Standpunktes um so leichter der Neigung zu rein sinnlich—
subjektivistischen Theorien. So hat Eberhard schon 1776 ge—
lehrt, im Grunde empfinde die Seele nur ihren eigenen Zu—
stand; darum mache es keinen Unterschied, ob sie auf Grund
eines angeschauten oder sonst sinnlich aufgenommenen Gegen⸗
standes oder nur auf Grund eigenster Regungen angenehm
empfinde. Da ist denn klar, daß solche Theorien jedes wahre
Verständnis des Kunstschaffens und Kunstgenießens aufheben
mußten. Es waren die Anfänge eines extremen Subjektivismus,
gegen die sich später Kant und Schiller erfolgreich gewendet
haben.

2. In wenn auch noch unabgeschlossenen Systemen, so doch
in entschiedenen und für sie bezeichnenden Grundlagen einer
neuen Psychologie und einer neuen Ästhetik hatte sich die neue
Welt der Empfindsamkeit und des Sturmes und Dranges aus⸗
gewirkt. War es da wahrscheinlich, daß sie sich in solchen
Teilwirkungen erschöpfen werde? Dem Ganzen einer neuen
Weltanschauung strebte sie zu.

Und von allen Seiten schon boten sich hierzu Ansätze,
vor allem von psychologischem Gebiete her: hatten doch hier
sogar die verspäteten Wolffianer der fünfziger bis siebziger
Jahre bereits Zugeständnisse vom Boden ihrer Weltanschauung
aus gemacht, indem sie sich auf psychologisch-physiologische
Beobachtungen verlegten und die beschreibende Psychologie
(Anthropologie) weit eifriger als bisher zu pflegen, sowie deren
Ergebnisse ihrem System einzuverleiben begannen.

Allein nicht an Wolff, sondern zunächst an die tieferen
Lehren Leibnizens knüpfte die junge Gesellschaft der Empfind—
        <pb n="27" />
        Neue Weltanschauung. 319
samkeit und des Sturmes und Dranges an, insofern sie über
die Feststellung der seelischen Vorgänge hinaus einer allgemeinen
Anschauung von Gott und Welt entgegenstrebte. Ja sie gab
sich sogar zunächst noch völlig dem metaphysischen Hauptsatze
Leibnizens hin, daß die wahre Welt geistig sei, da nur das
Seelische die notwendige Selbständigkeit für ein dauerndes
Sein besitze!. Die Welt der Natur der Anschauung ein bloßes
Phänomenon, ein Schein, hinter dem geistige Kräfte walten:
das war daher die Meinung, mit der man an das Ganze
der Erscheinungen um so mehr herantrat, als man im Über—
schwang eigener Empfindung durchaus geneigt war, sich selbst
nach seinem subjektiven Charakter in der gegenständlichen Welt
wiederzufinden.

Es war eine Auffassungsweise, die nicht bloß von psycho—
logischen, sondern noch viel mehr von ästhetischen Motiven
durchwebt ward. Damals zuerst spiegelte man sich ganz in
der Landschaft wider und empfand diese daher beseelt, und
mehr noch: auch in den Menichen der Umwelt sah man sich
selber?.
Ging hier eine zunächst ästhetische Betrachtungsweise der
Welt soweit, sich als Inbegriff dieser zu erblicken, so entsprach
einer solchen Auffassung ganz selbstverständlich eine Welt—
anschauung, die den Geist hinter den Erscheinungen suchte,
der die materielle Welt mit liebevollen Kräften erfüllt schien.
Und so erwachte der Glaube eines geläuterten Pandynamis-—
mus oder Panpsychismus als grundlegende Anschauung; und
in dem Verlaufe dieser Anschauung bewegten sich auch bald
die Einzelstudien über Geist und Natur.

Nichts bezeichnet den Umschwung des Denkens in dieser

Leibniz hatte schon die Materie für eine fubjektive Vorstellung und
nur die unkörperlichen Monaden für wahrhaft vorhanden erklärt (Vaihinger
in den Straßb. Abh. zur Philosophie, 1884, S. 107 ff.). Aber die Syste—
matiker und Erklärer seiner Lehre von Wolff an hatten diese strenge Lehre
aufgegeben und den Monadenbegriff allmählich zu dem wohlbekannten
Atombegriff des Altertums herabgestimmt (Tessoir 12, 315 ff.).

S. obeu S. 256 ff.

Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 2.
        <pb n="28" />
        320 Zweiundzwanzigstes Buch.
Richtung dentlicher, als die steigende Wichtigkeit und der volle
Umbau der Tierpsychologie. Fern jeder Annahme ihrer Aus—
stattung mit dynamischen Kräften hatte Descartes die Tiere
einfach als fein konstruierte Maschinen betrachtet; es war für
einen Philosophen, dem der Begriff des Seelischen das Ver—⸗
standesgemäße war, der einleuchtendste Schluß von der Welt;
und dieser echt individualistische Schluß hatte dann noch lange
im 18. Jahrhundert, trotz der Monadenlehre Leibnizens, die
Geister beherrscht. Jetzt trat dem Reimarus, der Unbekannte
der Wolfenbüttler Fragmente, in einem vielgelesenen Buche,
in der Schrift über die vornehmsten Wahrheiten der natür⸗—
lichen Religion (1754), mit gänzlich abweichender Ansicht ent⸗
—
reicherer Naturanschauungen, wie sie ihm teilweise das eng⸗
lische, ihm wohlbekannte Geistesleben vermittelt hatte, ent⸗
wickelte er eine Klassifikation der Tierwelt nach den Graden
abgestuft in ihr wirkender Kräfte: und so erschienen die Tiere
dynamisch bewegt. Allein damit noch nicht genug. Noch immer
war auch von Reimarus die Kluft, welche Mensch und Tier
zu trennen schien, nicht grundsätzlich beseitigt. Unerbittlich
tauchte auch nach seinen Forschungen noch die Frage auf, ob
man von einer Beseelung der Tiere zu sprechen berechtigt sei.
Da halfen die neuen psychologischen Anschauungen von einer
rezeptiven und einer spontanen Seite des menschlichen Seelen⸗
lebens weiter. Und wurde die klare Durchbildung dieser An⸗—
schauungen namentlich Tetens verdankt, so vermochte Tetens,
indem er die Rezeptivität wie die Spontaneität der Seele als
relative Kräfte ansah, zugleich auch der Untersuchung näher
zu treten, inwiefern etwa in der Funktion beider Kräfte
zwischen Tier und Mensch nur ein relativer Unterschied vor—
handen sei. Er hat sie durchgeführt in dem Versuche, „aus
der Analogie der Seelennatur des Menschen mit seiner
tierischen Natur die Einrichtung der letzteren aufzuklären“.
Das Ergebnis war, daß wir uns von den Tieren nicht
grundsätzlich unterscheiden; gemeinsam ist allen Lebewesen,
Eindrücke zu erhalten und selbständig darauf zu reagieren;
        <pb n="29" />
        Neue Weltanschauung.

321
Unterscheidungsmerkmal des Menschen ist nur eine besonders
große Eindrucksfähigkeit und Selbsttätigkeit der Seele im Sinne
schöpferischer Kraft: und so sind wir weniger Herren als Krone
der Schöpfung.

Mit alledem erschien denn der innere Zusammenhang
wenigstens der organischen Welt völlig hergestellt — denn was
die Tiere anging, war in schwächerem Sinne leicht auch für
die Pflanze nachzuweisen: eine einzige große Urkraft geistiger
Natur ergoß sich durch alle Wesen, wenn auch in verschiedener
Stärke.

Allein an der Beseelung der organischen Welt ließ sich
die empfindungsreiche Zeit bald nicht mehr genügen. Sie riß
auch die von Reimarus noch ziemlich entschieden festgehaltene
Schranke nieder, die zwischen Physikalischem und Organischem
noch bestand, und suchte in dem weiten Empfindungskreise
eines vollen Pandynamismus zur Beseelung der Welt über—
haupt zu schreiten. Ansätze in dieser Richtung finden sich schon
bei Sulzer. Sulzer lebt in der Auffassung der gesamten Natur
als eines Systems von stofflich gebannten Kräften und in dem
Gedanken ihrerx harmonischen Ordnung; es waren Ideen, die
dem begeisterungsfähigen Schweizer, einem deutschen Nachbild
des französischen Schweizers Rousseau, leichter als anderen
nahen mochten. Und so betrachtete Sulzer selbst das Genie
nach Analogie derselben unbewußt vernünftig wirkenden Natur—
kraft, die er, in anderen Wirkungsweisen freilich, im starren
Gestein des Felsens und in der bunten Märchengestalt des
Schmetterlinges wiederfand.

War man aber so weit fortgeschritten: erschien der Emphase
der empfindsamen Kreise und um wie viel mehr noch dem
Pathos der Stürmer und Dränger die Welt allbeseelt und
glaubte man die naturwissenschaftlichen Beweise für einen
enthusiastischen Monismus des Geistes in Händen zu halten:
so begreift sich, daß dieser machtvollen Flut von Vorstellungen
gegenüber weder die Bollwerke der alten cartesianischen Philo—
sophie mit ihrem ausgesprochenen Dualismus standhielten, noch
auch die Dämme der Leibnizschen Weltanschauung, die, bei

*
        <pb n="30" />
        322

Zweiundzwanzigstes Buch.
aller einheitlichen Fassung der Monadenlehre und bei allem
Einfluß dieser auf die monistischen Systeme der Zukunft dennoch
in der Lehre von der prästabilierten Harmonie an der Zwie—
heit des rein Geistigen und rein Materiellen festhielt. Und so
mußte man, in stillem Gegensatze zu diesen Philosophemen wie
zum Dualismus der christlichen Lehre, die oberste Anknüpfung
an das Denken der Vergangenheit, falls man sie ersehnte,
anderswo suchen. Man fand sie in den Büchern Spinozas.

Aber nicht der Rationalist Spinoza, der unerbittliche
Rechner und Beweiser, kam den Bedürfnissen der Zeit entgegen;
die mystische und damit freilich die wesentlichste Seite des
großen Denkers vielmehr gewann das Feld; und ihr gab man
sich einseitig hin sogar bis zum Mißverständnis des vollen
Systemes, um sich an ihrer folgerichtigen Auswirkung zu stärken,
zu erbauen, zu begeistern. So haben Herder und Goethe in
dem höchsten Wesen Spinozas nicht einen abstrakten Begriff
gesehen, sondern das „ens realissimum, in dem sich alles,
was Wahrheit, inniges Leben und Dasein ist, intus und
radicaliter vereinigt,“ das allein Daseiende, „durch welches
ich nur sofern bin, als ich ein kleiner Zweig auf dieser ewigen
und unendlichen Wurzel vom Baum des Lebens grüne.“!
Und mit dem lebendigen pantheistischen Gottesbegriff Spinozas,
den man eben seiner durchaus anschaulichen, gleichsam persön—
lichen Fassung wegen dem christlichen Gottesbegriffe keineswegs
entgegensetzte, ja oft sogar logisch vereinbar dachte, verband
man zugleich dessen warmes, sittlich-religiöses Empfinden. So
kam es zu einem Wiederaufleben der alten und doch nun
ganz neu gewandten Philosopheme des frommen Juden, das
mehr als ein Jahrzehnt hindurch wenigstens den literarischen
Kreisen die philosophische Signatur geben half: einen Schritt
vor Leibniz voraus erschien man sich, indem man den Manen
des heiligen Benedictus eine Locke opferte.

Von keinem Kopfe aber sind die Lehren Spinozas mit der
Monadologie Leibnizens so innig umgegossen und zusammen—

Herder, zit. Haym 2, 277.
        <pb n="31" />
        Neue Weltanschauung

323
verschmolzen, von keinem so fruh auf das Niveau des neuen
psychologischen Verständnisses gehoben, von keinem alsbald so
wirkungsvoll als Glaubensbekenntnis einer neuen Zeit an—
schaulich gefaßt und weithin verkündet worden als von Herder.
Herder ist recht eigentlich der Herold dieser ersten großen Welt—
anschauung des Subjektivismus; und in der Anregung zu ihr
hin, in der klärenden Wirkung dieser Anschauung zugleich in
ihm selbst hat seine geschichtliche Mission bestanden.

Herder war nicht eben ein systematischer Kopf, so wenig
wie er ein konsequenter Durchführer gefaßter Pläne war; alle
seine größeren Arbeiten sind Bruchstücke geblieben. Aus kleinen
Verhältnissen hervorgegangen — er ist am 25. August 1744
als Sohn eines armen Glöckners und Elementarlehrers zu
Mohrungen in Ostpreußen geboren — hatte er sich in selbst—
sicherem Drange früh als zum Prediger berufen erkannt; und
ein Virtuos der Rede, mit allen rhetorischen Mitteln die Klar—
heit des Gedankens und das Helldunkel der begleitenden
Empfindung zugleich beherrschend, ist er zeitlebens Redner, sei
es als Prediger, sei es als Schriftsteller, geblieben. In
Königsberg, wo er Theologie studierte, wurde er vor allem
von Hamann, dem „Magus des Nordens“, antirationalistisch
beeinflußt; insbesondere ist Hamanns stark entwickelter histo—
rischer Sinn auf ihn übergegangen und mit ihm dessen Haupt-—
probleme, besonders das Problem des Lebens. Rechnet man
dazu, daß Herder in diesem Zusammenhange auch, wohl zum
erstenmal, der Frage der Entstehung und der geschichtlichen
Bedeutung der Dichtung Aufmerksamkeit geschenkt hat, so darf
man vielleicht sagen, daß der Einfluß Hamanns der stärkste
gewesen ist, den Herder jemals von einer einzelnen Person
erfahren hat. Außerdem aber wurde Herder während der
Königsberger Zeit auch durch Kant nachhaltig, namentlich in
geographischer und ethnologischer Richtung, angeregt; und
früh schon trat ihm auch die Naturgeschichte Buffons und die
Physiologie Hallers nahe, wie ihn die Gedanken Humes und
Rousseaus beschäftigten, wenngleich auf philosophischem Ge⸗
hiete die Gedanken Leibnizens in dem veränderten Sinne, wie
        <pb n="32" />
        —32

Zweiundzwanzigstes Buch.
sie Kant in seinen Schriften der Jahre 1762 —-69 vortrug,
auf ihn von noch größerem Einfluß gewesen sein mögen.
Bald aber wirkte auf Herder vornehmlich auch die Buntheit
äußerer Lebensschicksale ein: im Jahre 1764 war er Rektor
der Domschule in Riga geworden; 1769 ging er auf Reisen,
die ihn ebenso in die Kreise der höheren Gesellschaft wie in
die weite Welt Westeuropas, vornehmlich nach Paris, führten;
im Winter 1770 auf 1771 nahm er längeren Aufenthalt in
Straßburg, den jungen Goethe nachhaltig beeinflussend, und
seit Mai 1771 fand er sich als Hofprediger und Konsistorial—
rat des Grafen Wilhelm von Bückeburg in dessen kleiner,
schön gelegener Residenz. Nun folgten Jahre regsten Schaffens
in wohlbegrenztem Kreise, dem auch in der Gräfin Marie
ein frommes und begeistertes Beichtkind von pietistischer Ader
nicht fehlte; damals, nachdem er 1778 seine Darmstädter
Braut Karoline Flachsland heimgeführt, stieg Herder in
wenigen Jahren regster Produktion zu einem der ersten Schrift⸗
steller und gewiß zum anregendsten Leiter der Periode des
Sturmes und Dranges empor. Aber fast zwei Jahrzehnte
noch reiferer und fruchtbarerer literarischer Tätigkeit folgten,
nachdem Herder im Jahre 1776 durch Goethes Vermittlung
nach Weimar als Oberhofprediger und Generalsuperintendent
berufen worden war. Und vor allem die Zeit, ehe Schiller
mit Goethe genauer bekannt wurde, war die Periode eines
wahren Herzensbundes zwischen Herder und Goethe, in dem
die Rollen des Schülers und Meisters oft genug vertauscht
wurden, und dem die ersten herrlichen Blüten eines fast völlig
folgerichtig entwickelten subjektivistischen Monismus entsprangen,
in dessen Durchbildung Goethe mehr die naturwissenschaftliche,
Herder die historische Seite vertrat. Die reifste Frucht dieser
Jahre der Bildung neuer und der erneuten Durchbildung alter
Überzeugungen sind Herders „Ideen zur Geschichte der Mensch⸗
heit“ (1784 1791), eine Schrift, deren warme Energie und
deren im einzelnen hervorragend klaren Vortrag Herder wohl
in keiner seiner späteren Schriften bis zu seinem Tode, am
18. Dezember 1803, wiederum erreicht hat.
        <pb n="33" />
        Neue Weltanschauung.

328
Wie die ganze Strömung, der Herder hauptsächlich an—
gehörte, so sind auch seine Ideen im tiefsten Grunde mit durch
Spinoza bestimmt — freilich durch einen Spinoza im Herder—
schen Verstande. So erscheint seinem enthusiastischen Vorstellen
Gott als das Dasein schlechthin, aber als ein aktives Dasein
von Macht, von Weisheit und von Güte, das sich in einer
unendlichen Abstufung seiner Kräfte offenbart. Diese Kräfte
aber sind nun spinozistisch-leibnizisch aufgefaßt — sie entsprechen
den Attributen Spinozas und den einfachen Substanzen Leib—
nizens —: und so können sie sich in einer reichen Formen⸗
welt auswirken. Darum entstehen aus Gott und durch Gott
geschaffen in dem Zeitalter einer ersten Schöpfung die Formen
alles anorganischen und die Arten alles organischen Lebens
als die Gedanken Gottes, damit sich in ihnen, nachdem die
Tore der Schöpfung geschlossen sind und die in fast unend⸗
lichen ÜUbergängen emporsteigende Stufenfolge der Formen und
Arten feststeht, nunmehr die eingeborenen Kräfte in den einzelnen
Individuen auswirken in immer größerer Freiheit und Fein—
heit: bis die einzelnen Formen in der Verfeinerung der in
ihnen wirkenden Kräfte altern und zugrunde gehen, von der
Form des einfachen Kiesels bis zur Form des großen Gesamt—
organismus der Erde, — und nach ihrem Zerfall in ewig wieder—⸗
holtem Werden neue Himmel und neue Erden hervorgehen.

Auf unserer Erde aber steht der Mensch auf der obersten
Höhe der vollendeten Stufenreihe der Organisationen: seine
Form, sein Wesen schließt ein, was nur irgend von Gottes⸗—
kräften in einer Form vereint ist; er ist das Protoplasma,
das Prototyp aller anderen Formen: zu ihm sind diese hin—
gebildet.

Allein damit ist seine Stellung noch nicht erschöpfend be—
schrieben. Wie der Mensch dem Reiche der tierischen Formen
zugehört, so ist er zugleich Teilhaber einer höheren Welt geistiger
Organisation: ist er ein Mischgeschöpf der Erde und des
Himmels. Und ist er als Tier nur zur Vernunftfähigkeit ge—
bildet, so wird er durch seine Zugehörigkeit zu jener höheren
Welt der Vernunft selber teilhaft.
        <pb n="34" />
        326 Zweiundzwanzigstes Buch.
Das aber ist ein Vorzug, der sich nicht ohne wirksame
Hilfe von oben her begreifen läßt. In einer zweiten, geistigen
Schöpfung, deren Überlieferung die biblische Schöpfungs—
geschichte, die älteste Urkunde des Menschengeschlechts, nicht
minder bewahrt wie die der ersten, verleihen die Elohim noch
einmal unmittelbar von sich her dem Menschen die Sprache
und das Aufrechte des Ganges und damit die Vorbedingungen
und den Anfang vernünftiger Betätigung. Es ist der Augen⸗
blick, da der Mensch, dem Naturreich angehörend, zugleich
hineintritt in das Reich der Geschichte.

So wird die Geschichte zur Auswirkung der gottverliehenen
menschlichen Vernunft. Vernunft aber ist nicht bloß Verstandes—
kraft in höchstem Maße; Vernunft bedeutet zugleich Humanität,
und Humanität ist Religion im christlichen Sinne. Humanität
also wird zum Ziel aller Geschichte der Menschheit; und wie
einzelne ihrer Seiten von vergangenen Völkern in idealer
Weise entwickelt worden sind, von den Griechen z. B. die
Kunst, von den Römern das Recht, so werden andere Seiten
von zukünftigen Völkern entwickelt werden: bis die Aus—
wirkung Gottes von der Macht durch die Weisheit hin zur
Güte vollendet ist. Dann, wenn dereinst bei allen Menschen
das Humanitätsideal der Güte eingeboren und ausgelebt sein
wird, dann wird das Ende der Dinge nahen: denn dann
haben die göttlichen Kräfte die orgänische Geistesform des
Menschen von Stufe zu Stufe verfeinernd durchwoben und
damit ihre Bestimmung erfüllt.

Es ist eine grandiose Lehre naturgeschichtlicher wie histo—
rischer Entwicklung, in deren Mittelpunkt der Mensch steht,
eine Theodicee und eine Anthropodicee zugleich: ganz erfüllt
erscheint sie wie von der frommen Begeisterung, so von dem
edlen Menschenstolz der ersten Jahrzehnte des neuen subijekti—
vistischen Zeitalters.

In der Tat trägt sie in sich, was nur immer Element
und System des Denkens in dieser Zeit sein konnte. Aber
freilich ist sie als ganzer Ausdruck der Zeit zugleich auch ein
Inbegriff aller Inkonsequenzen der Periode. Mochte die neue
        <pb n="35" />
        Neue Weltanschauung.

327
Psychologie noch so sehr auf einen metaphysischen Monismus
hindrängen, wie es die Naturwissenschaften schon seit Galilei
zu tun begonnen hatten, mochte die neue Geisteshaltung noch
so sehr die Herrlichkeit der menschlichen Einzelpersönlichkeit
erfordern: war damit der dualistische christliche Dogmatismus
schon überwunden und gegenüber einem Gotte, den wir fürchten
und lieben sollen, die führende Selbstherrlichkeit des Subjektes
endgültig festgestellt?

Dem Systeme Herders selbst wohnen die Momente des
alten Geisteslebens noch deutlich genug, ja an einigen Stellen
sogar fast noch wurzelhaft inne.

Gewiß war der Mensch der Prototyp alles Geschaffenen:
zu ihm hin, als zu „dem Schoßkind der Natur“ waren alle
Organisationen gebildet. Aber geschichtlicher Mensch wurde er
doch erst durch einen weiteren Eingriff der Elohim, durch ein
erneutes Zwischengreifen also der göttlichen Kraft als eines
Ganzen, das in diesem Falle unmöglich als immanent und
pantheistisch, sondern nur als transzendent und persönlich ge⸗
dacht werden kann. So ist die zweite Schöpfung der Beweis
eines unzerstörten Restes des Dualismus; und alsbald sehen
wir auch nach der zweiten Schöpfung das göttliche Prinzip noch
persönlich und keineswegs pantheistisch wirksam. Denn so gewiß
Herder die Geschichte wiederholt nur als konsequente Weiter—
entwicklung jener Vernunfttradition darstellt, die das Menschen⸗
geschlecht bei der zweiten Schöpfung von den Elohim erhalten
hat, so läßt er doch daneben auch immer wieder die An—
schauung als nicht zu unterdrückend zu, daß neben der Tradition
noch andere Mächte in der Geschichte schöpferisch walten: die
großen Personen z. B. und die Völkercharaktere, und daß auch
diese dem unmittelbaren Eingreifen Gottes ihr Dasein ver—
danken. Und der Gedanke tritt auf, daß sich die Weltgeschichte
auch nach der zweiten Schöpfung noch einer ganzen Reihenfolge
ununterbrochener schöpferischer Akte eines dualistisch begriffenen
Gottes erfreue.

Wo aber bleibt bei solchem Einwirken die Selbstherrlich—
keit des Subjektes? Sein Stolz beugt sich unter einen fremden
        <pb n="36" />
        328

Zweiundzwanzigstes Buch.
Willen, den Demut vergebens begreiflich zu machen sucht;
und statt die Gesetzgeberin der Geschichte zu sein, sieht sich die
Menschenpersönlichkeit umflutet von außer ihr webenden Kräften
Gottes.

Es ist die dem ursprünglichen Meinen Herders völlig
entgegengesetzte Denkweise eines ausgesprochenen Dualismus,
wie sie in der christlichen Dogmatik ihren Halt fand; es ist
eine Anschauung von der Entwicklung als des alles Geschehene
und Geschehende beherrschenden Prozesses, die im Grunde noch
gefesselt blieb an das Denken von Leibniz.

Und es war noch das allgemeine Denken der Zeit. So
zunächst auf dem Gebiete der Naturwissenschaft. Während die
Wissenschaft von heute die Entwicklung unter dem Einflusse
der Denkform einer immanenten Kausalität als vom Ein—
facheren zum Verwickelteren fortschreitend vorstellt in dem
Sinne, daß die Arten als im Verlaufe naturwissenschaftlicher
Zeitalter auseinander entfaltet gedacht werden und die Reihe
derselben grundsätzlich noch keineswegs abgeschlossen erscheint,
erblicken Herder und seine Zeit die Arten noch in einer in sich
zusammenhängenden Reihe als von Anbeginn nebeneinander
und vollständig aus der Hand des Schöpfers hervorgegangen.

So auch auf dem Gebiete der Geschichte. Hier ist Herdern
noch so wenig als seinen Zeitgenossen überhaupt der psycho—
genetische Gedanke von Persönlichkeitstypen eigen, wie sie die
einzelnen aufeinaunderfolgenden Kulturzeitalter menschlicher Ge⸗
meinschaften nacheinander ausbilden: er kennt noch nicht das
entwicklungsgeschichtliche Diapason des Geisteslebens einer Zeit,
die besondere geistige Haltung z. B. der Jägervölker, der
Nomaden, der Bauern einer primitiven Naturalwirtschaft, der
Bürger einer geldwirtschaftlichen Kultur usp. Und weil ihm
die entwicklungsgeschichtlichen Persönlichkeitstppen in dem Zu—
sammenhange ihrer regelmäßigen Aufeinanderfolge noch nicht
geistig zu Gebote stehen, darum bleibt ihm auch der Gedanke
einer immanenten historischen Kausalität noch verschlossen:
wehrlos sieht er sich einer immer wieder hereinbrechenden dua—
listischen Auffassung, die er im Grunde doch schon ablehnt,
        <pb n="37" />
        Neue Weltanschauung.

329
anheimgegeben, und im Bereiche ihrer Herrschaft ist er geneigt,
die Macht der Einzelpersönlichkeiten, der Helden in der Ge—
schichte immer wieder zu überschätzen und ihrem Wirken im
Kerne ebenso direkten göttlichen, außerweltlichen Ursprung zu⸗
zuschreiben wie den größesten und allgemeinsten Tendenzen des
geschichtlichen Verlaufes.

So ist denn der Monismus Herders noch sehr weit davon
entfernt, ein nur in sich selbstbegründetes und folgerichtig
durchgeführtes System subjektivistischer Weltanschauung dar—
zustellen, wie unendlich stark auch seine Einzelanschauungen
gleichwohl im Sinne eines solchen gewirkt haben: im Grunde
unterliegt er, der Theologe, doch wieder speziell christlich⸗
theologischer Anwandlung.

3. Im Denken Herders war zum erstenmal eine allgemeine,
bis zur Weltanschauung fortschreitende Zusammenfassung jener
neuen Auffassungen auf psychologischem und auch ästhetischem
Gebiete vollzogen worden, welche den Gang des neuen Geistes⸗
und Gemütslebens seit der Mitte des 18. Jahrhunderts wissen⸗
schaftlich zu erklären und zu verwerten gesucht hatten. Es
war eine enthufiastische Synthese gewesen; und enthufiastisch
zum Teil, jedenfalls aber von vielen noch unbewiesenen Voraus—
setzungen getragen waren auch die Lehren gewesen, deren beste
allgemeine Veranschaulichung es bildete.

Die neue Ästhetik beruhte am Ende ganz auf der neuen,
subjektivistischen Psychologie. Worauf aber war diese be—
gründet? Die Lehre von den neuen Seelenvermögen, Emp⸗
findungen, Vorstellungen war nichts als eine grobe und noch
halb phantastische Abstraktion aus der Wirklichkeit des neuen
Seelenlebens. Sie konnte auf die Dauer nicht genüugen. In
der Tat beginnt sich im Verlaufe der siebziger Jahre immer
dringlicher der Wunsch nach ihrer tieferen Begründung zu
äußern.

.So fordert Herder selbst, wenn auch mehr nebenher, in
seiner Schrift ‚Vom Erkennen und Empfinden der menschlichen
Seele“ (1778) zunächst eine eingehende Individualpsychologie,
        <pb n="38" />
        330 J Zweiundzwanzigstes Buch.
um weiter zu gelangen; deutlicher erscheint dann die Forde—
rung der Vertiefung in Feders „Untersuchungen über den
menschlichen Willen“ (1779), und im Jahre 1782 beginnt
Moritz sein „Magazin für Erfahrungsseelenkunde“ heraus—
zugeben.

Allein was man dunkel erstrebte: eine experimentelle
Psychologie: das wurde nicht erreicht; Experimentalpsychologie
wurde zu einer Errungenschaft erst des 19. Jahrhunderts; für
das 18. Jahrhundert fehlte noch der notwendige physiologische
Unterbau. So gelangte man denn doch nicht weiter; das Er—
rungene blieb im Gebiete des Ahnungsvollen, Phantastischen;
und erst fast ein Jahrhundert später hat eine besser vorbereitete
Zeit die Probleme der Psychologie des frühesten Subjektivismus
wieder aufgenommen und erfolgreicher gefördert. In den sieb—
ziger und achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts aber vermischten
sich diese sehr zu ihrem Nachteil mit den verschwommenen
Fragestellungen einer schöngeistigen Modephilosophie und den
Versuchen, den gleichzeitigen französischen Materialismus auf
deutschen Boden zu verpflanzen.

In weiterschauenden philosophischen Kreisen dagegen be—
griff man, daß die Frage nach den Funktionen unserer Seele,
wenn überhaupt je, so doch einstweilen unmittelbar nicht zu
lösen sei; daß es vielmehr richtiger sei, die ganze Aufmerksam—
keit der Untersuchung nur dem deutlichsten Produkte dieser
Funktionen, der Erkenntnis, zuzuwenden. Denn hier konnte
man hoffen, weiter zu gelangen: und so trat an die Stelle
der psychologischen die erkenntnistheoretische Forschung. Es
war ein Umschwung, der zugleich durch den Entwicklungsgang
der Wissenschaften nahegelegt war. Man war jetzt wenigstens
in den Naturwissenschaften so weit zur Klarheit gelangt, um
einzusehen, daß diese nur eine Erkenntnis der Gegenstände
vermitteln; wollte man diese vertiefen, so war es natürlich
die nächste Aufgabe, den Charakter der Erkenntnis an sich fest—
zustellen.

Allein wie war auf diesem Gebiete vorwärts zu kommen?

Die alte rationalistische Philosophie hatte die Einzelperson
        <pb n="39" />
        Neue Weltanschauung.

331
als für sich stehenden Mikrokosmos, als Individuum an⸗
geschaut. In ihr spiegelte sich für diese Philosophie die ganze
Welt der Objekte; sie umfaßte diese Welt und dachte sie in
sich adäquat nach. Es geschieht das vermöge der ihr ein—
geborenen Ideen, der ideae innatae des Cartesius; aus diesen
leitet die Seele Schluß für Schluß ein weitausgreifendes
System von Begriffen ab, die in sich zusammenhängen, und
dies System entspricht der Welt der Erscheinungen. Die Er—
kenntnis ergab sich also deduktiv, durch denk- und schlußhafte
Ableitung aus Begriffen, die uns angeboren waren, nach dem
Vorbild der reinen Mathematik, more geomoöetrico.

Die so gewonnene Erkenntnis sollte dann, so nahm man
an, dem System der Dinge in ihrer objektiven Verknüpfung
derart entsprechen, daß Nachprüfung dieser Erkenntnis an
der Erfahrung überhaupt nicht notwendig sei: ja die Heran—
ziehung der Erfahrung nur schaden könne. Denn die Er—
kenntnis bestände eben aus lauter allgemeinen und notwendigen
Urteilen, diese aber könnten nimmermehr als Desitillat gleich—
sam aus verworren sinnlicher Erfahrung, sondern nur durch
Vergleichung und Verknüpfung von Urteilen entstehen.

Allein woher wußte man denn, daß eine solche Erkenntnis
dem Zusammenhang der Objekte entspräche? Verkannte hier
nicht, um mit Kant zu reden!, „die Vernunft ihre wahre Be—
stimmung und tat mit Einsicht und Wissen groß da, wo eigent⸗
lich Einsicht und Wissen aufhören?“ Es war notwendig, den
behaupteten Zusammenhang zwischen der so gewonnenen Er—
kenntnis und der Wirklichkeit zu beweisen.

Der Rationalismus hat das nun vornehmlich auf zweierlei
Art zu tun versucht, einmal, indem er den Grund in den Be⸗—
griffen der Ursache in den Dingen gleichsetzte, und dann, in—
dem er behauptete, die angenommene Übereinstimmung sei ver—
möge eines weiter nicht erklärbaren Ratschlusses Gottes tat—
sächlich vorhanden.

Nun ist aber klar und in langen streiterfüllten Erörte—

Kr. d. r. V. 467 ff.
        <pb n="40" />
        Zweiundzwanzigstes Buch.
rungen der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts auch aus⸗
reichend bewiesen worden, daß die Gleichsetzung von Grund
und Ursache verkehrt ist. Und was die zweite Begründung
anlangt, so versteht es sich, daß wir es hier mit einem Beweis
metaphysischen Charakters zu tun haben: sie beruht auf der
Annahme Gottes als der wie auch immer regulierenden Kraft
zwischen Denken und Ding, d. h. tiefer betrachtet auf einer
Fassung des Gottesbegriffs, die dem Zeitalter des In divi⸗
dualismus innerlich durchaus entsprach und darum auch be—
sonders geläufig war.

Nun hat gewiß die rationalistische Erkenntnistheorie in
Deutschland niemals in der schroffen Konsequenz bestanden, zu
der sie anderswo Descartes und nach ihm vor allem Spinoza
entwickelt haben. Vielmehr hat sich schon Leibniz, wenn auch
auf verworrenen Pfaden, von ihr zu trennen gesucht, und
auch Wolff erkannte zwar ihre Grundlagen völlig an, ließ
aber dennoch neben ihr stillschweigend die Erkenntnis aus Er—
fahrung als wissenschaftlich systembildend zu. Allein im ganzen
war doch das Denken von ihr noch bis weit über die Mitte
des 18. Jahrhunderts beherrscht; und auf ihr beruhte 3. B.
eine so wichtige Erscheinung wie der Anhistorismus des Zeit⸗
alters.

Wie sollte da nun das neu heraufziehende Zeitalter von
ihr loskommen? Es geschah in Deutschland zunächst mit einem
gewaltsamen Ruck, in einer einstweilen allzuweit gehenden
Reaktion, die jeden Glauben an die Möglichkeit wirklicher Er⸗
kenntnis zu zerstören drohte. Der Auffassung, daß die Welt
der Erscheinungen ganz unserem Denken entspräche, setzte man
die in einem mehr oder minder, absoluten Phänomenalismus
wurzelnde Behauptung entgegen, daß wir überhaupt nicht im⸗
stande wären, von der Wirklichkeit der Gegenstände etwas zu
erkennen; mit anderen Worten: daß wir die Welt nur als
Summe unserer Wahrnehmungen über sie begriffen.

Es ist eine Richtung des Philosophierens, die jedem natur—
wissenschaftlichen Denken naheliegt; und fie ist darum alt
genug: schon Protagoras hat in dieser Hinsicht den viel—
        <pb n="41" />
        UNeue Weltanschauung.

333

deutigen Satz gelehrt, daß der Mensch das Maß aller Dinge
sei; und Demokrit bereits betrachtete Temperatur, Geschmack,
Geruch, Ton und Farbe als menschlich-konventionelle Be—
zeichnungen für gewisse Eigenschaften und Wirkungen der
Dinge. Und auch in der neueren Philosophie, deren Ent—
wicklung ja aufs engste mit der Genesis der Naturwissenschaften
zusammenhängt, ist die Anschauung gelegentlich schon früher
vertreten. So erging sich Servede wenigstens in Ahnungen
subjektivistischer Erkenntnistheorie, und ein Jahrhundert später
(ca. 1630) lehrte Herbert von Cherbury den Satz, daß die
Bedingungen der Wahrheit nicht aus Erfahrung und Be—
obachtung abgeleitet werden könnten, sondern ihrerseits viel—
mehr die Voraussetzung jeder möglichen Erfahrung und Er—
kenntnis bildetent. Darauf gelangte Descartes zu der Er—
kenntnis, daß durch unsere Empfindungen und Wahrnehmungen
nicht Eigenschaften der Dinge an sich gegeben seien; und
Leibniz erschien die wesenhafte Welt durch die Sinne und
deren Auffassungsweise in Raum und Zeit nicht erfaßbar, ja
ihm wurde der Raum bereits zu einem „Continuum ideale“,
zu einer Vorstellung, welche nur auf das Wirkliche hinweise,
nicht aber dieses selbst sei.

Allein Ernst mit dieser Lehre bis zur Ausbildung eines
absoluten Phänomenalismus hatte man bisher wenigstens in
Deutschland dennoch nicht gemacht. Jetzt dagegen, in den
Anfangszeiten der neuen Psychologie, als die in der geistigen
Gesamthaltung des individualistischen Zeitalters gegebenen
Stützen der rationalistischen Erkenntnistheorie zusammenbrachen
und man der großen Frage nach der Möglichkeit der Erkennt—
nis zunächst ratlos gegenüberstand, wagte man es, in den
Jahrzehnten einer noch durch keine Kritik gelähmten Empfind—
samkeit und des ausschweifenden Subjektivismus des Sturmes
und Dranges die Welt gegenüber der Selbstherrlichkeit des
Subjekts für unser Denken in bloßen Schein aufzulösen.

Im Jahre 1753 gab der Tübinger Professor Ploucket

S. dazu Dilthey, Arch. f. Gesch. d. Phil. VII, 38.
        <pb n="42" />
        384

Zweiundzwanzigstes Buch.
seine Principia de substantiis et phaenomenis heraus, in
denen diese Lehre begründet wurde. Von sinnesphysiologischen
Beobachtungen, namentlich Untersuchungen der Gesichtswahr—
nehmung ausgehend, drang Ploucket bis zu der Auffassung
vor, daß die ganze uns gegenständliche Welt nur ein geistiges
Phänomenon sei, eine Summation unserer Vorstellungen, ohne
daß es uns möglich bleibe, die diese Vorstellungen veranlassende
Wirklichkeit zu erkennen. Es wäre der Übergang zu einem
gänzlich zügellosen Subjektivismus des Erkennens gewesen,
hätte dem nicht bei Ploucket der metaphysische Glaube die
Wage gehalten, daß Gott schon durch sein bloßes Vorstellen
die von den Menschen angeschauten Körper zu Wirklichkeiten
mache und zugleich in uns die diesen Objekten entsprechenden
Scheine hervorrufe.

Allein dieser Glaube war Plouckets persönlicher, wenn
auch an einige Grundlehren der individualistischen Zeit an—
gelehnter Besitz. Nun fand Plouckets Lehre zwar auch zugleich
mit Plouckets Glauben Anhänger, wie denn ein mystischer
Subjektivismus schon in Plouckets Zeit ziemlich weit verbreitet
gewesen zu sein scheint. Mehr griffen aber doch noch die Lehren
eines absoluten Phänomenalismus um sich, einer rein sub—
jektiven Auffassung der uns zugänglichen Welt als eines nur
durch unser Denken hervorgerufenen Scheines; wie sie denn
längere Zeit der allgemeinen seelischen Strömung am besten
zu entsprechen schienen.

Und da kam es denn zu Behauptungen, die nur noch
einen trostlosen Skeptizismus übrigließen. Lossius z. B. führte
aus, „die Wahrheit sei durchaus nichts anderes als eine
Relation für den, der sie denkt“; und weiter wurde behauptet,
daß es denkende Wesen geben könne, die sich auch dasjenige
vorstellen könnten, was für uns etwas Widersprechendes ist:
jede erkenntnistheoretische Sicherheit schwand dahin: die alte
Ruhe des Rationalismus hatte man verloren, eine neue des
aufkeimenden Subjektivismus schien erkenntnistheoretisch nicht
möglich.

Und zur selben Zeit, da die Fahnenträger des neuen Zeit—
        <pb n="43" />
        Neue Weltanschauung.

338
alters in eine erkenntnistheoretisch so radikale Richtung ge—
rieten, drangen auf den deutschen Boden von England her
Lehren ein, die von den Zeitgenossen ebenfalls fast durchweg
im Sinne eines absoluten Skeptizismus aufgenommen wurden.

In England, während des 17. und 18. Jahrhunderts
dem Lande freier protestantischer Regungen und damit des
Vorgenusses eines kommenden Zeitalters des Subjektivismus,
hatte die Philosophie von vornherein eine Richtung auf die
Zergliederung der Möglichkeit unserer Erfahrung genommen:
schon Bacon war vornehmlich diesem Probleme nachgegangen.
Und indem man der damit gegebenen Aufgabe induktiv lebte,
trat bald die Frage nach dem Ursprung unserer Begriffe in
den Mittelpunkt des Interesses.

Der erste große Philosoph, der sich ihr ausgesprochener⸗
maßen widmete, war Locke. Als Methode aber bot sich ihm
für dieses erkenntnistheoretische Thema zunächst nur die
psychologische Untersuchung — die physiologische oder, wie er
sich ausdrückte, die physikalische, schien ihm ausgeschlossen —
und hier wieder vor allem, um das genetische Moment zum
Ausdruck zu bringen, die Untersuchung von Kindern und
Wilden. Und da ergab sich ihm nun folgendes:

Den Stoff aller Erkenntnis liefert die Erfahrung. Diese
fließt aus zwei Quellen, der Sensation und der Reflektion,
dem äußeren Sinn, der die Wahrnehmungen umfaßt, und
dem inneren Sinn, einer Art Wahrnehmung zweiter Instanz,
die die Wahrnehmungen erster Instanz zusammenfaßt und ein—
heitlich gestaltet. Es liegt also bei Locke der Gedanke vor,
daß es neben der Sensation eine ursprüngliche formale Tätig⸗
keit des Verstandes gebe, welche die Materie der erfahrungs⸗
mäßig gegebenen Wahrnehmungen bearbeitet und sich in ihr
ordnend und zusammenfassend auswirkt. Und er ist dabei
weiter der Ansicht, daß diese Form der vereinigenden Verstandes—
tätigkeit bei der Bildung der mathematischen und moralischen
Eindrücke, der sogenannten einfachen Ideen, z. B. der Existenz,
der Einheit und Zahl, der Kraft, der zeitlichen Folge vor⸗
nehmlich wirksam werde.

Lamprecht, Deutfche Geschichte. VIII. 2.
        <pb n="44" />
        3368

Zweiundzwanzigstes Buch.
Ferner unterscheidet Locke diese Ideen, deren einige, z. B.
den Zeitbegriff und namentlich den Substauzbegriff, er schon
sehr eingehend untersucht', von den Eigenschaften in den Dingen
jelbst: es ist das tiefste Grundmotiv für die Grenzbestimmung
des Erkennens, bis zu welchem er vordringt: durch die ge—
gebenen Ideen werden uns die entsprechenden Eigenschaften
der Dinge bewußt: doch sind diese ebenso primitiv wie die
Ideen; in dieser Hinsicht ist die Wahrnehmung die Grenze
des Erkennens; über sie hinaus denken wir nur noch formal.
Mithin sind verborgene Qualitäten, substantielle Formen und
Jenseitigkeiten der Empfindung leere metaphysische Grübeleien.

Locke kannte also schon formelle Vorstellungen, deren Ur—
bilder, wie er sich ausdrückt, durch den Verstand selbst erzeugt
werden, also nach späterer Bezeichnung apriorische Vorstellungen.
Aber er blieb von der Theorie dieser Begriffe als Ganzem doch
noch weit entfernt, er kannte weder ihre Funktion genauer
aoch ihre ganze Bedeutung für die Erfahrungserkenntnis, es
entging ihm ihre grundlegende formgebende Bedeutung, er
konnte sie weder vollständig ableiten noch ihren gültigen Ge—
brauch begründen, und wäre auch auf dem von ihm ein—
zgeschlagenen Wege der Untersuchung tatsächlich nie imstande
gewesen, zu einer klaren Lehre von diesen Begriffen zu ge—
langen, da er die apriorischen Vorstellungen von den sinn⸗
lichen trennte und die letzteren jenen zeitlich vorangehen ließ.
So hat er in seiner Lehre der unmittelbaren Wahrnehmungen
wohl die Materie des Erkennens bestimmt und begrenzt; aber
dem Erkennen selbst, namentlich seiner Form nach, die richtigen
Brenzen zu setzen, das gelang ihm nicht.

Hatte nun Locke die durch die Reflektion gleichsam zum
Stehen gebrachten Vorstellungen psychologisch zu zergliedern
begonnen, etwa im Sinne einer psychologischen Statik, so

1Zeit ist ihm im Grunde nicht eine einfache Idee, sondern die
Modifikation einer solchen, der Dauer. Vgl. Riehl, Philos. Kritizismus
1, 44: „Die periodischen Himmelserscheinungen dienen uns nur als kon—
dentionelles, praktisches Maß der Zeit; in Wirklichkeit bleibt das eigent—
liche Ansdehnungselement die pfychologische Dauer.“
        <pb n="45" />
        Neue Weltanschauung.

337
schritt Hume, dieser große und umfassende englische Denker,
der Vorgänger Adam Smiths und Rivale J. J. Rousseaus,
auf erkenntnistheoretischem Gebiete zu einer Art von Dynamik,
zur Erforschung der Bildungs- oder Assoziationsgesetze der
Vorstellungen fort. Von diesem Standpunkte aus aber mußte
ihm der Begriff der Kausalität von besonderer Bedeutung
werden, für den ja die Verknüpfung vorhandener Eindrücke
mit vorgestellten oder erinnerten wesentlich ist.

Und hier ging nun die Absicht Humes dahin, „den Leser
die Wahrheit der Hypothese empfinden zu lassen, daß alle
unsere Erkenntnisse von Ursache und Wirkung sich bloß und
allein auf Gewohnheit gründen“. In der Tat wußte er aus
dem Verhältnisse von Ursache und Wirkung den Kraftbegriff,
den man zwischen beide geschoben hatte, zu entfernen und
damit den Kausalitätsvorstellungen ihren bisher behaupteten
metaphysischen Charakter zu nehmen. Es geschah das in
folgendem Zusammenhang.

Nach Hume gibt es nur zwei seelische Vorgänge: die
Eindrücke und Verknüpfungen, Impressionen und Assoziationen
von Vorstellungen. Dabei führen ständig wiederholte Ein⸗
drücke zu einer solchen Sicherheit der Erwartung ihrer gleich⸗
mäßigen Wiederholung, daß sie in uns als dauernde Ein—
drücke, Begriffe zurückbleiben. Assoziationen von Vorstellungen
weiterhin entstehen auf Grund von Ähnlichkeit oder Berührung
in Raum und Zeit: in diesem Falle pflegt beim Auftreten
eines Eindruckes sich auch der mit ihm durch Ähnlichkeit oder
Berührung assoziierte ständig einzufinden. Nun ist aber die
Kausalität nichts als ein besonderer Fall der Berührung in
Raum und Zeit: also gilt auch für sie das Gesetz der Im—
pressionen und Assoziationen: sie ist die aus Gewohnheit zur
Begriffsmäßigkeit, zum intellektuellen Instinkt entwickelte Ver—
bindung gewisser Eindrücke nach dem Prinzip von Ursache und
Wirkung!.

Ahnlich wie für die Kausalität hat Hume auch für die Sub—
tantialität den Beweis subjektiven Charakters zu führen gesucht.
22*
        <pb n="46" />
        338

Zweiundzwanzigstes Buch.
Hatte nun Hume damit eine der wichtigsten Ideen Lockes
auf Grund anscheinend sehr elementarer psychologischer An—
nahmen erklärt, und schien eine verwandte Behandlung auch
anderer Lockescher Ideen möglich, so bestand doch das Bedenken,
daß auf diese Weise die strikte Allgemeinheit und Notwendig⸗
keit der Begriffe, und also auch die erkenntnistheoretische Frage
nach deren Wahrheit, unbeantwortet blieb. Es war die Frage,
die weder auf dem Wege der psychologischen Analyse Lockes
noch auf dem Wege der psychologischen Synthese Humes lös—
bar erschien: auf die schließlich überhaupt nur eine rein er⸗
kenntnistheoretische Betrachtung volle Antwort bringen konnte,
sollte man nicht in schlimmen Relativismus und schließlich un—
heilbaren Skeptizismus verfallen.

Und so wies denn wie Locke so auch Hume und damit
die gesamte für Deutschland wichtig werdende englische Philo—
sophie wiederum auf eine Bearbeitung der fertigen Produkte
des Denkens, der Begriffe hin, also auf logische, erkenntnis—
theoretische Untersuchung im eigentlichen Sinne, sollte man
über eine Periode von Ahnungen erkenntnistheoretischer Grund—
begriffe und von Aufstellungen psychischer Wahrscheinlichkeiten,
die niemals volle Gewißheit bringen konnten, endgültig hinweg—⸗
kommen. Und eben auf diesem Gebiete hatten nun die deutschen
Denker schon früh zu arbeiten und einzugreifen begonnen.

4. Zu der Zeit, da die Gedanken Humes anfingen in
Deutschland bekannt zu werden, hatte man auf deutschem
Boden, wie wir sahen, das erkenntnistheoretische Problem gegen—
über den zahlreichen und an sich wichtigen psychologischen Ar—
beiten schon als das wesentliche zu erfassen begonnen. Aber
man war zunächst einem völligen Skeptizismus zugeführt
worden; dem nil admirari des Rationalismus, der mit seinem
System alles begründen konnte und begründete, war das bene
despérare gefolgt.

Und wir wissen bereits, daß die englische Philosophie aus
diesem Skeptizismus nicht befreien konnte; denn sie hatte zwar
die erkenntnistheoretischen Probleme aufgenommen, suchte sie
        <pb n="47" />
        Neue Weltanschauung.

339
aber im ganzen mit psychologischen, also, wie wir ebenfalls
schon wissen, unzureichenden Mitteln zu löäsen. So konnte denn
ihre Aufnahme in Deutschland bei aller Anregung, die sie im
einzelnen gab, doch im ganzen nur die Neigung zum Skepti—
zismus verstärken. In der Tat dachte man von Hume im
allgemeinen im Sinne Kants, welcher behauptete, der englische
Philosoph habe einen „shrecklichen Umsturz“ herbeigeführt, der
nicht bloß die Metaphysik, sondern auch die Naturwissenschaften
betreffe. Denn nach Hume bestehe die ganze Physik aus Regeln
der Erwartung ähnlicher Fälle; alle Naturgesetze gälten ihm
daher nur mit Rücksicht auf die unendliche Zahl der Fälle,
in denen sie bisher eingetreten sind, aber nicht absolut. Eine
solche Anschauung aber, das war die einmütige Ansicht wie
Kants so der deutschen Philosophie jener Jahre überhaupt, sei
keine Erkenntnis, sondern nur das tierische Gegenstück zu dieser
oder, um es mit einem früheren Leibnizschen Ausdrucke zu be—
zeichnen, eine consécution des bôétes.

Damit erschien es denn den deutschen Philosophen der
zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts als wichtigste Aufgabe,
über Hume und Locke hinwegzukommen: es müsse gezeigt
werden, daß es falsch sei, wenn man „die Vermehrung der
Begriffe aus sich selbst und sozusagen die Selbstgebärung
unserer Vernunft, ohne durch Erfahrung geschwängert zu sein,
für unmöglich, mithin alle vermeintlichen Prinzipien derselben
a priori für eingebildet“ halte.

Hierzu war es notwendig, die Untersuchung nicht so sehr
auf die Entstehung der Begriffe selbst zu richten, als vielmehr
auf die Formen des Begreifens, indem man die nieder—
geschlagene Erkenntnis als Gegenstand der Untersuchung heran⸗
zog und an ihr die Funktion und Gültigkeit der Begriffe er—
örterte. Es mußte also das subjektive und psychologische durch
ein objektives und logisches oder erkenntnistheoretisches Ver⸗
fahren ersetzt werden. Dabei war denn das blinde Vertrauen
des Rationalismus auf die Möglichkeit der Erkenntnis ebenso

Worte Kants, zit. Vaihinger, Kommentar z. Kr. d. r. V. 1, 31.
        <pb n="48" />
        340

Zweiundzwanzigstes Buch.
zu vermeiden wie das blinde Mißtrauen des Skeptizismus in
dieser Richtung; nicht auf die Realität der Erkenntnis, sondern
auf das Erkenntnisvermögen war zu achten: das Wie der
Erkenntnis stand zur Erörterung, und aus dem Verlauf der—
selben mußte sich ergeben, in welchen Grenzen von einem Was
der Erkenntnis geredet werden könne.

Indem nun aber dieser Weg in Deutschland eingeschlagen
wurde, betrat man ihn nicht ohne bestimmte, der geistigen Ver—
gangenheit der letzten Jahrhunderte entstammende Neigungen
und Absichten.

Eng war in Deutschland, bei weitem enger als in Frank—⸗
reich und England, noch während des 17. und 18. Jahr—
hunderts das Verhältnis zwischen Theologie und Philosophie
gewesen. Man hatte sich deshalb daran gewöhnt, alle erkenntnis—
theoretischen Probleme alsbald in Beziehung zu setzen zu den
Vorstellungen mindestens über natürliche, oft auch über geoffen—
barte Religion.

Und weiter: was man prüfen wollte, war entsprechend
den damals herkömmlichen Tendenzen nicht bloß der deutschen,
sondern fast aller europäischen Philosophie nicht eigentlich das
empirische, sondern das metaphysische Erkenntnisvermögen:
gibt es angeborene, von aller Erfahrung unabhängige Begriffe,
ist eine erkenntnismäßige Sicherheit in Sachen der Metaphysik
denkbar: das sind die Fragen, welche die Zeitgenossen zunächst
bewegten; und es galt noch allgemein als eine Ketzerei, wenn
Hume behauptete, die Philosophie sei vor allem „zur Er—
forschung des gewöhnlichen Lebens als ihres eigentlichen und
wahren Gebietes“ da.

Ging man aber auf dies Gebiet, das Gebiet der Erfahrungs⸗
wissenschaften über, so schienen selbst sie die Erkenntnistheorie
eben jetzt auf ein wenigstens ihre Erfahrung übersteigendes
Gebiet zu verweisen. Denn man glaubte sich jetzt klar darüber
zu sein, daß sich die einzelnen Wissenschaften erkennend nur
auf die Dinge richten, mithin ihr Horizont im Erkennen an
sich eingeschlossen sei. So ergab sich, da die Erkenntnis—
theorie sich zergliedernd auf das Erkennen als Ganzes richtet,
        <pb n="49" />
        Neue Weltanschauung.

341

daß deren Horizont eben deshalb jenseits der Linie des Er—
kennens liegen müsse: daß er den Standpunkt der empirischen
Wissenschaften übersteigen, daß er transzendental sein müsse!.

Zog man nun aus alledem Schlüsse, so mußte man zu
der Ansicht gelangen, daß es gegenüber Rationalismus wie
Skeptizismus vor allem darauf ankomme, das Verhältnis
unseres Erkennens zu den metaphysischen, besonders den
religiösen Problemen festzustellen, sowie nicht minder dies
Verhältnis zu den empirischen Wissenschaften festzulegen, in—
sofern diese, etwa in einer reinen Mathematik und einer reinen
Physik, über die Grenze der Erfahrungserkenntnis hinaus⸗
wiesen. Kann die „reine Vernunft“ als Inbegriff aller mensch⸗
lichen Erkenntnisvermögen zur Erkenntnis in Sachen der Meta⸗—
physik sowie in Sachen einer etwaigen reinen Mathematik und
Naturwissenschaft gelangen? —: das war mithin die nach
dem geschichtlichen Charakter des Zeitgeistes notwendige Frage⸗
stellung, in der sich das Verlangen nach festen Grundlagen
einer subjektivistischen Erkenntnistheorie ausdrücken mußte und
ausdrückte.

Wir werden nun später sehen, inwiefern insbesondere Kant
dieser Fragestellung in seiner Kritik der reinen Vernunft ge⸗
recht wurde. Das Problem selbst aber lag seit den sechziger
Jahren des 18. Jahrhunderts in der Luft, und in sehr ver—
schiedener Weise hat man es schon vor Kant zu lösen ver—
sucht. Im Jahre 1760 schrieb Tetens seine ‚Gedanken, warum
in der Metaphysik nur wenige ausgemachte Wahrheiten sind“,
1763 stellte die Berliner Akademie eine Preisfrage nach der
Evidenz, deren die Metaphysik fähig sei, 1764 veröffentlichte
Lambert sein Neues Organon, das ganz den soeben besprochenen
Materien gewidmet ist, 1772 forderte Meiners eine Revision

VBgl. dazu Kant, Proleg. 204 Anm.: „Das Wort transzendental
bedeutet nicht etwas, das über alle Erfahrung hinausgeht, sondern was
vor ihr (a priori) zwar vorhergeht, aber doch zu nichts Mehrerem be—
stimmt ist, als lediglich Erfahrungserkenntnis möglich zu machen. Wenn
diese Begriffe die Erfahrung überschreiten, dann heißt ihr Gebrauch
transzendent.“
        <pb n="50" />
        342

Zweiundzwanzigstes Buch.
der Philosophie und suchte die Philosophie durch Psychologie
zu bessern; 1775 untersuchte Losfius „die physischen Ursachen
des Wahren“, und 1776 übergab Tetens die philosophischen
Versuche über den menschlichen Verstand der Offentlichkeitn.

Allein von all diesen Autoren hielt eigentlich doch nur
Lambert am erkenntnistheoretischen Probleme völlig fest und
kann deshalb als wirklicher Vorgänger Kants bezeichnet werden.
Von den übrigen war Tetens wohl der bedeutendste; auch von
Kant ist er hoch geschätzt worden; sein Buch hat beständig auf⸗
geschlagen auf Kants Tische gelegen. Allein er war im wesent⸗
lichen nur Psycholog, und indem er auf psychologischem Wege
die erkenntnistheoretischen Fragen zu beantworten suchte, geriet
er auf abschüssige Bahnen bei aller Energie und Freiheit des
Denkens.

Lambert dagegen ging ganz auf den Wegen einher, die
dann auch Kant betreten hat; nur begrenzte er seine Unter—
suchungen, ein ausgezeichneter Mathematiker und Physiker,
wesentlich auf die Probleme seiner Wissenschaften. Aber auch
hierfür mußte er die volle, allgemeine Grundlage zu gewinnen
suchen, auf der Kant später sein System aufbaute; und dies ge⸗
lang ihm. Schon er hat eine klare Vorstellung davon, daß in
der Erkenntnis zwei Faktoren zusammenwirken, ein ideeller, in
uns gegebener, von der Erfahrung unabhängiger (die Form des
Denkens), und ein empirischer, von der Wahrnehmung ab⸗
hängiger (die Materie). Sie zu scheiden sei eben die Aufgabe.
Und Lambert versucht das vermöge einer Anatomie gleichsam
der Begriffe, er will „auf gut anatomische Art“ die Begriffe
sämtlich vornehmen, um zu sehen, welche von ihnen einförmig
und nicht mehr auf andere zurückführbar seien. Von diesen
glaubt er dann auf die ideelle Seite der Erkenntnis, die Form,
gelangen zu können. In der Tat erhält er nun eine Anzahl
solcher Begriffe, besonders aus der Mathematik, aber auch aus
der Mechanik, z. B. die Begriffe des Bewußtseins, der Existenz,
der Einheit, der Dauer, der Succession, der Solidität, der

Riehl 1, 175.
        <pb n="51" />
        Neue Weltanschauung. 343
Ausdehnung, der Bewegung, der Kraft, des Wollens. Und er
schreitet auf der Grundlage dieser Erkenntnis schon zu dem
Satze fort: „Wenn man annimmt, daß die Begriffe Zeit
und Raum einfach sind, so sind sie von der Erfahrung un—
abhängig und folglich die Wissenschaften der Mathematik und
Chronometrie, da sie weiter nichts als diese Begriffe gebrauchen,
im strengsten Verstande s priori.“.

Allein woran Lambert trotz aller dieser Einzeleinsichten
scheiterte, das war die Schwierigkeit, diese sporadisch gefundenen
reinen Begriffe nun systematisch aufzuklären, ihre Gesamtheit
auf gewisse Grundprinzipien zurückzuführen und dann schließ—
lich durch sie hindurch zu einer klaren Charakteristik unseres
Denkvermögens zu gelangen.

In der Vollendung dieses Weges besteht daher auf er—⸗
kenntnistheoretischem Gebiete das Verdienst Kants; und in seiner
eritik der reinen Vernunft (1781) hat er das bis dahin noch
halb verschlossene Gebiet völlig erobert. Es geschah ebenso⸗—
ehr vermöge einer großen Schärfe des Denkens, als besonders
vermöge einer außerordentlichen Umsicht der Methode. Und
diese Umsicht äußerte sich vor allem in der Ablösung der bis—
herigen fast ausschließlich psychologischen Betrachtungsweise der
Erkenntnisprobleme durch eine absolut ruhige erkenntnis—
cheoretische Forschung.

Seelische Selbstbeobachtung war ja dem neuen Zeitalter
von Anbeginn eigen gewesen; eben ihre Entwicklung konnte
als eines der wichtigsten Symptome für den Eintritt des
neuen Geisteslebens gelten. Aber diese Selbstbeobachtung hatte
sich anfangs nicht so sehr auf die Erfahrung, als auf die
Stimmung bezogen; Empfindungen hatte man zergliedert,
Empfindungen auf den Ursprung ihres Wesens zurückzuverfolgen
gesucht. Es war jene Haltung des Gemütes gewesen, die, an
sich fruchtbar genug, zu den psychologischen und ästhetischen
Untersuchungen von Creutz bis auf Sulzer und darüber hinaus
geführt hatte.

l, 423 zit. Sommer S. 147.
        <pb n="52" />
        ʒweiundzwanzigstes Buch.
Demgegenüber ging nun Kant, hierin auch Lambert noch
weit überragend, von einer höheren, ruhigeren Stufe der
Selbstbeobachtung aus. Nicht die Empfindungen und Ge—
fühle suchte er in unvollkommener Untersuchung zu zergliedern
oder gar auf den Ort ihres Ursprungs zurückzuverfolgen; die
igentlich psychologische Forschung lag ihm fern. Vielmehr
das Produkt der menschlichen Geistestätigkeit wollte er zer⸗
s'asern, um zu tieferer Einsicht in das Wesen unseres Geistes
zu gelangen; die Erfahrung, die Begriffe, sollten auf ihren
Zusammenhang und eventuell ihre Zusammensetzung hin unter⸗
ucht werden. Kant war damit der Vertreter einer neuen
Periode ruhigerer seelischer Betrachtung, welche den ersten
bewegten Jahrzehnten des subjektivistischen Zeitalters nicht
mehr angehörte, sondern ihnen folgte: es ist die Stellung,
auf der unter anderem auch im Tiefsten sein Gegensatz zu
derder beruht.

Von diesem Standpunkt der Betrachtung aus meinte nun
Kant zunächst, „es könne wohl sein, daß selbst unsere Er—
fahrungskenntnis ein Zusammengesetztes aus dem sei, was wir
durch Eindrücke empfangen und dem, was unser eigenes Er⸗
kenntnisvermögen (durch sinnliche Eindrücke bloß veranlaßt)
aus sich selbst hergibt, welchen Zusatz wir von jenem Grund—
stoffe nicht eher unterscheiden, als bis lange UÜbung uns darauf
mufmerksam und zur Absonderung desselben geschickt gemacht
habe“. Und eben auf diese Absonderung, und zwar ihre Unter—
uchung in ganz systematischer Weise, kam es ihm an; und so
lautete seine Hauptfrage: welches waren die „Zusätze“?

„Lasset von Eurem Erfahrungsbegriffe eines Körpers alles,
was daran empirisch ist, nach und nach weg: die Farbe, die
Härte oder Weiche, die Schwere, selbst die Undurchdringlichkeit,
so bleibt doch der Raum übrig, den er (welcher nun ganz
berschwunden ist) einnahm, und den könnt Ihr nicht weglassen.“
Also, folgert Kant, ist der Raum ein von Euch gemachter Zu⸗
satz Eures nicht weiter auflösbaren, vor den Dingen schon be—
ehenden, über sie hinausgehenden Anschauungsvermögens.
Ebenso, wenn Ihr von Eurem empirischen Begriffe eines jeden
        <pb n="53" />
        Neue Weltanschauung.

345

körperlichen oder nicht körperlichen Objektes alle Eigenschaften
weglaßt, die Euch die Erfahrung lehrt, so könnt Ihr ihm doch
diejenige nicht nehmen, dadurch Ihr es als Substanz oder einer
Substanz anhängig denkt (obgleich dieser Begriff mehr Be—
sttimmung enthält als der eines Objektes überhaupt); Ihr müßt
also, überführt von der Notwendigkeit, womit sich dieser Be—
griff Euch aufdrängt, gestehen, daß er in Eurem Erkenntnis—
bermögen a priori seinen Sitz habe.“

Nach dem in diesen Fällen angewandten Prinzip der Aus—
sonderung ist nun Kant allgemein verfahren. „In der trans⸗
zendentalen Ästhetik“n äußert er ziemlich zu Beginn der Unter⸗
suchungen über die reine Vernunft, „werden wir zuerst die
Sinnlichkeit isolieren, dadurch, daß wir alles absondern, was
der Verstand durch seine Begriffe dabei denkt. Zweitens werden
wir von dieser noch alles, was zur Empfindung gehört, ab—
trennen, damit nichts als reine Anschauung und die bloße
Form der Erscheinungen übrigbleibe, welches das einzige ist,
das die Sinnlichkeit à priori liefern kann. Bei dieser Unter—
uchung wird sich finden, daß es zwei reine Formen sinnlicher
Anschauung als Prinzipien der Erkenntnis a priori gebe,
nämlich Raum und Zeit.“

Raum und Zeit sind demgemäß Kant an sich, außer dem
Subjekte, nichts; sie sind nur die Formen, in denen alle
dvon uns angeschauten Gegenstände sich finden, Formen, die
angewandt werden, sobald uns Gegenstände für unsere Wahr⸗
nehmung gegeben sind. Raum und Zeit gehören deshalb
nach Kant weder zu der Materie der Empfindung, wie Locke
porausgesetzt hatte, noch sind sie à priori in uns liegende,
völlig ohne sinnliche Grundlage denkbare Begriffe, wie sie
die rationalistische Philosophie in der Regel aufgefaßt hatte.
Sie sind vielmehr durchaus anschaulich, da sie unmittelbar
in jede sinnliche Wahrnehmung eingehen und ohne eine solche
zar nicht vorgestellt werden können, haben aber zugleich eine

D. h. der Lehre von der über die bloße Erfahrung hinausgehenden
Empfindung.
        <pb n="54" />
        346

Zweiundzwanzigstes Buch.
von der Empfindung wesentlich verschiedene Bedeutung, da sie
ordnende Formen der Empfindung sind.

Aber neben den reinen Anschauungsformen hat unsere
Seele nach Kant auch noch reine Begriffsformen. Diese
doppelte Ausstattung erklärt sich bei Kant, der in diesem
Punkte unmittelbar in der zeitgenössischen Psychologie wurzelt,
aus dem Charakter unseres Seelenlebens. Dies nimmt näm—
lich einmal Vorstellungen in sich auf, indem es von außen
her irgendwie affiziert wird, ist also anschauend rezeptiv;
anderseits aber bringt es auch aus sich, den Wahrnehmungs—
stoff bearbeitend, selbsttätig Vorstellungen hervor, indem es
denkend verschiedene Vorstellungen einer gemeinschaftlichen
unterordnet.

Der Rationalismus hatte freilich im Grunde als spontane
Geisteskraft nur den Verstand anerkannt: sinnliche Anschauung
war ihm eine an Klarheit und Deutlichkeit zurückstehende
Funktion des Verstandes gewesen. Der Sensualismus dagegen
hatte seit Locke nur eine rezeptive Sinnlichkeit anerkannt; ihm
war Verstandestätigkeit nur eine höhere Ausbildung finnlicher
Eindrücke. Kaut nimmt ihnen gegenüber zwei selbständige
Quellen unserer Erkenntnis an: Sinnlichkeit und Verstand; diese
gibt die Gegenstände, jener denkt und verbindet sie. Damit
beseitigt Kant die Wolffsche Hierarchie der oberen und unteren
Erkenntnisvermögen. Nach ihm sind beide Erkenntnisvermögen
Wolffs vielmehr koordinierte Teile der menschlichen Vernunft;
sie müssen zusammenwirken, um Erkenntnis zustande zu bringen.
„Die quantitative Differenz der mehr oder minder großen
Klarheit wird durch eine prinzipielle Trennung ersetzt. Die
Sinnlichkeit macht aus den Eindrücken Erscheinungen, der
Verstand aus den Erscheinungen Erfahrungen.“

Indem aber der Verstand aus den Erscheinungen Er—
fahrungen macht, spricht er Urteile aus. Daher versteht es
sich, daß man die reinen Begriffsformen, die Stammbegriffe
oder, wie Kant sie auch nennt, die Kategorien — die zweite

Dessoir 12, 320.
        <pb n="55" />
        Neue Weltanschauung.

347
Art unserer apriorischen Ausstattung neben den Anschauungs⸗
formen — wird finden können, indem man die aus der Logik
bekannten Urteilsformen durchgeht. Indem Kant dies tut,
ergeben sich ihm folgende Gruppen der Stammbegriffe: Ein⸗—
heit, Vielheit, Allheit; Realität, Negation, Limitation; Sub—
stantialität und Inhärenz, Kausalität und Dependenz, Gemein⸗
schaft und Wechselwirkung; Möglichkeit und Unmöglichkeit,
Dasein und Nichtsein, Notwendigkeit und Zufälligkeit. In
diesen Stammbegriffen also, als etwas durch die seelischen
Funktionen in uns der Aufnahme der Wahrnehmungen Hinzu⸗
gefügtem, sind wir allein imstande, Wahrnehmungen zu Er⸗
fahrung zu verarbeiten. Und diese Begriffe umfassen das
ganze Gebiet dieser Art seelischer Funktionen, denn sie sind
aus der allumfassenden Logik abgeleitet. Erschöpft sind frei—
lich mit ihnen die reinen Begriffe des Verstandes insofern
noch nicht, als sich aus ihnen noch eine große Anzahl weiterer
reiner Begriffe würde ableiten lassen, z. B. aus der Kausalität
die Begriffe des Leidens, des Handelns, der Kraft. Indes
Kant nimmt in der Kritik der reinen Vernunft diese Ab⸗
leitung, die an sich nicht schwer ist, nicht vor; es genügt ihm,
die prinzipielle Grundlegung zu vollziehen; und erst später,
in seinen Vorlesungen, hat er das ganze System in seine
Einzelheiten verfolgt.

Was aber hatte sich nun für Kant bisher im ganzen er⸗
geben?
Unsere seelischen Vorgänge waren jetzt in ihre einzelnen
Funktionen aufgelöst; es hatte sich unterscheiden lassen, inwie—
fern in unserem „Gemüt“, wie Kant unseren seelischen Or⸗
ganismus als Ganzes nennt, die Wahrnehmung eine Rolle
spielt und inwieweit neben ihr Momente in Betracht kommen,
die der Seele selbst als ihr vor aller Erfahrung gegebene
objektive Formen innewohnen. Dabei hatte sich herausgestellt,
daß, setzen wir einen einfachen sinnlichen Eindruck auf die
Seele voraus, eine Einwirkung des Lichtes z. B. oder eines
Schalles, die Seele sich ihm gegenüber folgendermaßen ver—
hält: erstens: sie nimmt diesen Eindruck einfach als Emp—
        <pb n="56" />
        348

Zweiundzwanzigstes Buch.
findung auf; und zweitens: sie bringt diese Empfindung unter
die von ihr aus eintretenden sinnlichen Formen sowohl der
Raum- und Zeitanschauung als auch der Stammbegriffe des
Verstandes. Aus diesem Vorgange folgt dann, daß wir ver—
möge unserer seelischen Stammpotenzen nicht die außer uns
gegebenen Dinge an sich, sondern nur unsere Empfindungen
von diesen verarbeiten: die Dinge an sich, wie sie objektiv,
nicht durch das Medium unserer Empfindungen betrachtet an⸗
genommen werden müssen, bleiben uns verschlossen.

Für unsere Erkenntnis aber, wie sie auf den Empfindungen
beruht, war doch die Frage noch viel wichtiger, wie denn
unsere Seele zu der Fähigkeit der Aufnahme dieser Empfindung
in Zeit und Raum und ihrer Ordnung unter Stammbegriffe
zu gelangen vermöge? Und da ergab sich die Antwort: offen—
bar nur vermöge irgendwelcher Einheit der Seelenkräfte über—
haupt, also vermöge eines einheitlichen Bewußtseins. Dieses
Bewußtsein mußte es sein, das in sich die Stammformen der
Anschauung und der Begriffe als Potenzen vereinigte und
alles Mannigfaltige, das ihm die Erfahrung entgegenbringt,
den Bedingungen dieser Einheit, eben den Stammformen
unterwarf. Demnach erschienen dann die Empfindungen an
sich als unter gar keinem Gesetze der Verknuüpfung, außer
dem, das das verknüpfende Bewußtsein vorschrieb. „Ver—
bindung ist nicht in den Gegenständen und kann von ihnen
nicht etwa durch Wahrnehmung entlehnt und in den Verstand
dadurch allererst aufgenommen werden, sondern ist allein eine
Verrichtung des Verstandes, der selbst nichts weiter ist, als
das Vermögen a priori zu verbinden und das Mannigfaltige
gegebener Vorstellungen unter die Einheit des Bewußtseins
(der Apperzeption) zu bringen, welcher Grundsatz der oberste
der ganzen menschlichen Erkenntnis ist.“

Allein unser Bewußtsein bildet nun, vermöge der An—
schauungs- und Begriffsformen, nicht bloß an der Hand der
Erfahrung Urteile. Vielmehr besitzen wir in dem Vorrat

Zit. Überweg-Heinze, Neuzeit I2. S. 288.
        <pb n="57" />
        Neue Weltanschauung.

349
unserer Urteile nach Kant auch eine ganze Anzahl von solchen
Urteilen, die evidentermaßen ohne den Anteil der Erfahrung
zustande gekommen sind: nämlich alle die Urteile, die wir als
streng allgemein und notwendig empfinden. Denn die Er—
fahrung ist stets begrenzt, kann also weder streng allgemeine
noch notwendige Urteile liefern.

Woher kommen nun, so fragt Kant, diese vor aller Er—
fahrung liegenden „aprioristischen‘“ Urteile? Für die Be—
antwortung dieser Frage wird der von Kant besonders betonte
Unterschied zwischen analytischen und synthetischen Urteilen
wichtig. Analytische Urteile sind Erläuterungsurteile; sie breiten
nur die in dem beurteilten Gegenstand gelegenen Eigenschaften
auseinander; so löse ich z. B. in dem analytischen Urteile „der
Körper ist ausgedehnt“ nur die Vorstellung des Körpers in
ihre Merkmale auf, um unter diesen das Merkmal der Aus—
dehnung zu finden. Die analytischen Urteile beruhen also alle
auf dem Satze A ist gleich A. Von diesem Satze aber ist
klar, daß er vor aller Erfahrung gegeben ist; der Apriorismus
aller analytischen Urteile macht also nicht die geringsten
Schwierigkeiten.

Den analytischen Urteilen stehen nun die synthetischen
gegenüber. Das sind Erweiterungsurteile. Um z. B. zu ur—⸗
teilen „der Körper ist schwer“, muß ich den Druck des Körpers
erfahren haben und die Vorstellung dieses Druckes mit der
Vorstellung des Körpers vereinigen, denn von der Schwer—
wirkung des Körpers ist im bloßen Begriff des Körpers nichts
enthalten. Im synthetischen Urteil wird also nicht ein und die—
selbe Vorstellung analysiert, sondern verschiedene Vorstellungen
werden miteinander verbunden, synthesiert.

Nun gibt es eine gewaltige Anzahl von synthetischen Ur—
teilen, die sicherlich aus der Erfahrung stammende Vorstellungen
verbinden: z. B. die Blätter sind grün, der Himmel ist
blau usw. Alle diese Urteile sind nicht allgemein und not—
wendig. Blätter können auch rot, der Himmel kann auch
grau sein. Aber — und das ist für ihn das Entscheidende —
Kant findet. daß neben diesen erfahrungsmäßigen synthetischen
        <pb n="58" />
        350

Zweiundzwanzigstes Buch.
Urteilen auch solche vor aller Erfahrung, mithin auch all—
gemeine und notwendige synthetische Urteile vorkommen, oder
wenigstens solche synthetische Urteile, die, wenn auch nicht
ohne alle Beziehungen zur Erfahrung in uns gegeben, so doch
derart für uns allgemein sind, daß sie sich da, wo wir Er—
tahrungen machen, stets mit dem Erfahrungsinhalt verbinden.

Hierhin rechnet Kant u. a. die meisten mathematischen
Urteile, z. B. den Satz, daß zwei Seiten eines Dreiecks zu⸗
sammen größer sind als die dritte, aber auch die meisten Sätze
der reinen Physik, z. B. den Satz, daß die Quantität der
Materie in allen Umformungen der körperlichen Welt un—
veränderlich sei. Und auch die metaphysischen Urteile sind
nach Kant wenigstens ihrer Absicht gemäß Urteile, die vor
aller Erfahrung gelten sollen: z. B. der Satz, daß die Welt
endlich oder der, daß sie unendlich sei.

Aber mag es nun um die metaphysischen Urteile dieser
Art einstweilen bestellt sein wie es wolle: für die Mathe—
matik und die reine Naturwissenschaft stand Kant das Dasein
synthetischer Urteile vor aller Erfahrung fest. Das aber
war der Zusammenhang und der Umstand, auf dessen An—⸗
erkennung eben die deutsche Erkenntnistheorie gegenüber der
skeptisch englischen hindrängte; und darum suchte Kant ihn
auf alle Fälle und mit allen Mitteln als richtig zu erweisen.
Er ging dabei der Hauptsache nach von den folgenden Be—
trachtungen aus:

Die Formen der Anschauung, Raum und Zeit, sind sinn—
lichen Charakters, sie sind Mannigfaltigkeitsformen, in die das
Gegebene sich einpaßt. Die Formen des Verstandes dagegen,
die Stammbegriffe, sind logisch; sie fassen zusammen. Dem—
entsprechend beruht die Anwendung der Anschauungsformen,
wie wir schon wissen, auf dem rezeptiven, die Anwendung der
Verstandesformen auf dem spontanen Vermögen des Bewußt—⸗
seins. Aber zwischen beiden Vermögen steht nun noch ein
drittes, rezipierend spontanes zugleich, das Vermögen der
schöpferischen Zusammenfassung dessen, was das Bewußtsein
irgendwie erfaßt hat. Dieses Vermögen besteht nun natürlich
        <pb n="59" />
        Neue Weltanschauung.
auch bereits vor aller Erfahrung, und es könnte darum schon
an sich, durch bloße Verknüpfung der Stammbegriffe und der
Stammanschauungen, zu wirken suchen. Allein das Ergebnis
würden dann nur Phantasmen sein, zudem tritt ja Anschauung
und Verstand tatsächlich erst an der Hand der sinnlichen Wahr—
nehmung in Aktion. Die Vorstellung einer solchen Tätigkeit
des schöpferischen Vermögens vor aller Wahrnehmung ist also
müßig. Jedenfalls aber tritt dies Vermögen von dem Augen—
blicke an, da Anschauungs- und Verstandesformen in Gemein—
schaft mit der Wahrnehmung der Welt außer uns Erfahrungen
zu wirken beginnen, in ganz bestimmten Grenzen in Wirkung,
indem es unseren Wahrnehmungen innerhalb der Anschauungs⸗
und Verstandesschranken, aber jenseits der Erfahrungsmöglich—
keit, einen allgemeinen und notwendigen Ausdruck zu geben
sucht. Dieser Ausdruck, in synthetischen Urteilen à priori ge⸗
wonnen, ist deshalb unabhängig von aller Erfahrung seiner
Gültigkeit nach, nicht aber nach seiner Bedeutung: Bedeutung
oder Erkenntniswert erhalten diese Urteile für uns vielmehr
erst durch ihre Anwendbarkeit auf die Erfahrung.
Synthetische Urteile à priori sind nun nach Kant die
Vorgänge, in welchen reine Mathematik und reine Natur—
wissenschaft möglich werden, Wissenschaften also, die nach der
Anschauung der Zeit vor jeder möglichen Erfahrung lagen.
Mit dem Nachweise der Möglichkeit, d. h. der Denkbarkeit
reiner Mathematik und reiner Naturwissenschaft auf Grund
synthetischer Urteile a priori hatte Kant dem Bedürfnisse einer
neuen, wahrhaft subjektivistischen Erkenntnistheorie nach der
einen Seite hin genügt: innerhalb der seelischen Veranlagung
des Subjektes selbst schien die Stelle gefunden zu sein, auf
die hin konkrete Wissenschaften des Notwendigen und All—
zemeinen gegründet werden konnten. Es war damit das Ver—⸗
ständnis der Flucht der Erscheinungen aus dieser Flucht in
das Innere des Subjekts verlegt; und Kant erschien als der
Kopernikus des erkenntnistheoretischen Gebietes, wie er sich
denn selbst als solchen bezeichnet hat: eben das Subjekt gab
jetzt der Welt der Erscheinungen, wie es diese verstand, seine
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 2. 28
        <pb n="60" />
        Zweiundzwanzigstes Buch.
Normen und machte sie sich von seinem Zentrum aus unter⸗
tan: der Mensch ward zum Gesetzgeber der Natur. Und hier⸗
mit erschien dann die Menschheit auch im Tiefsten nicht mehr
als eine mechanische Summation persönlicher Mikrokosmen, die
ohne unmittelbare Verbindung miteinander dastehen, sondern
als eine Sammlung von Personen, deren Bewußtsein zwar
subjektiv, doch gleichartig gebildet ist und auf die gleiche und
darum gemeinsam tätige Auswirkung derselben Außenwelt
gegenüber angewiesen erscheint.

Allein die Lehre Kants griff noch weiter.

Die Verstandestätigkeit, insofern sie uns vermöge der
reinen Anschauungs- und Begriffsformen die Einheit der Er—
scheinungen subjektiv vermittelt, war ihm nicht die höchste
Funktion unseres Bewußtseins. Vielmehr empfindet der Mensch
nach ihm das Bedürfnis, über die bedingte, weil immer mit
einer endlichen und darum lückenhaften Erfahrung verknüpfte
Erkenntnis des Verstandes hinaus das Unbedingte zu finden.

Und dies Bedürfnis wurzelt in der Einsicht, daß das Be—
dingte niemals gänzlich verstanden erscheint, wenn nicht alle
seine Bedingungen bekannt sind. Die Summe aller Bedingungen
aber ist eben das Unbedingte.

Diesem Streben wird nun nach Kant eine letzte und
oberste Kraft unseres Bewußtseins gerecht, die Vernunft. Sie
ist es, die über die Gegebenheiten der Erfahrung hinaus aus
den Begriffen des Verstandes die letzten, in sich unbedingten
Grunde aller Erscheinungen zu ermitteln sucht, die Ideen,
Vernunftbegriffe, die als solche unbedingte Gründe keinen
ihnen kongruierenden Gegenstand in der Erfahrung haben,
und die mithin ebenso unbeweisbar als praktische Erforder—
nisse unseres höheren Selbstbewußtseins und Gegenstände
unseres Glaubens sind.

Als solche oberste Begriffe der Vernunft, als eines Ver⸗
mögens der Hervorbringung von Paralogismen und trans—
szendenten Begriffen, erscheinen Kant vor allem die Idee der
Seele als der absoluten Einheit des denkenden Subjekts, die
Idee der Welt als der absoluten Reihe der Bedingungen der
        <pb n="61" />
        Neue Weltanschanung.

358
Erscheinung und die Idee der Gottheit als der absoluten Ein⸗
heit aller Gegenstände des Denkens überhaupt oder als des
alle Realität in sich befassenden Wesens.

Es sind die Begriffe, welche bisher den Mittelpunkt aller
metaphysischen Doktrinen, zuletzt noch der rationalen Kosmo—
logie, Psychologie und Theologie gebildet hatten: und in allen
diesen Doktrinen bisher als dem Verstande beweisbar hin⸗
zestellt worden waren. Demgegenüber führte Kant jetzt aus,
daß weder ein Gottesbeweis, noch ein Beweis kosmologischer
Ideen, wie man diese auch gestalten möge, noch ein Beweis
für das Dasein und die Unsterblichkeit der Seele je gelungen
sei noch künftig gelingen werde: endgültig glaubte er die Meta⸗
physik in dem bis dahin gebräuchlichen Sinne des Wortes
oernichtet zu haben.

Aber keineswegs zugunsten einer sensualistischen oder
materialistischen Weltanschauung. Nein: die großen Ideen
sollen nun erst recht gelten, aber freilich allein in ihrem rechten
Verstande, im Verstande des Glaubens. Hinweggeräumt sah
Kant damit den Schutt des alten angeblichen Wissens des
metaphysischen Rationalismus, das die Seele gebunden hatte,
ohne sie zu befriedigen; heraufführen wollte er seiner Umwelt
ein neues Zeitalter, in dem jede denkende Seele sich selbst,
bei aller Freiheit der Einzelvorstellung, in gläubiger Be—
geisterung diejenigen Ideale aufbauen sollte, die in der ein—
mal vorhandenen, für uns notwendigen Konstruktion des mensch⸗
lichen Bewußtseins gegeben seien.

Es sind die letzten Gedanken seiner Erkenntnistheorie.
Sie weisen über das theoretische Gebiet hinaus, hinein in
das anders geartete, praktische Gebiet der Bedürfnisse des
GBemütes.

5. Was war nun mit der Kantschen Erkenntnistheorie
gewonnen?

Der alte Rationalismus hatte die Möglichkeit der Er—
kenntnis auf die angeborenen Ideen begründet, die er ver—
möge der Annahme irgendwelchen Eingriffes göttlicher Kraft

23*
        <pb n="62" />
        354

Zweiundzwanzigstes Buch.
der Wirklichkeit entsprechend geordnet dachte. Kant hatte dem—
gegenüber die für uns bestehenden Notwendigkeiten des Er—
kennens aus der in unserem Kulturzeitalter vorwaltenden
Summe von Anlagen und Fähigkeiten unseres Geistes nach—
gewiesen und dabei besonders die Erkenntnisvorgänge beleuchtet,
die sich unter dem Einflusse der heute bestehenden Erscheinungs⸗
welt in unserem Seelenleben auslösen.

Auf diese Weise war das dogmatische Element aus der
Erkenntnistheorie ausgemerzt und statt seiner ein subjektiv—
kritisches Verfahren eingeschlagen worden; und hiermit war
das bisher objektiv (in Gott) vorhanden gedachte Intelligible
als Summe der Begriffe der Gesetze unseres Verstandes in
ins als Subjekte verlegt worden.

Mit alledem hatte Kant natürlich die Rationalität keines—
—ED Gegenteil, die
menschliche Vernunft blieb ihm, wie allem Rationalismus vor
ihm, die sicherste Autorität im Himmel und auf Erden. Wohl
aber hatte er die Rationalität vertieft, indem er sie unter⸗
suchte. Und bei dieser Untersuchung hatte sich ergeben, daß
der Verstand zwar nach gewissen inneren Gesetzen Erfahrung
zustande bringe und allgemeine, über die Erfahrung hinaus⸗
gehende, wenn auch auf sie bezogene Wahrheiten bilde; daß
aͤber über ihn hinaus der Mensch auch noch das Bedürfnis
fühle nach metaphysischen Annahmen höchster Instanz, nach
letzten unbeweisbaren, nur dem Glauben zugänglichen Be—
dingungen alles Bedingten, nach Forderungen, nach Vostulaten
seiner praktischen Vernunft.

Hier lag also ein Bedürfnis vor, das sich zwar aus der
Veranlagung unserer intellektuellen Fähigkeiten erklärte, an
sich indessen durchaus praktischer Natur war. Und so erschien
denn Kant alles, was, obgleich die Grenze der Erfahrung
üͤberschreitend, dennoch den Inhalt für uns wertvoller Ideen
ausmacht, dem Wissen entzogen und der praktischen Vernunft,
dem Dafürhalten, dem Glauben überwiesen. Die damit er—
reichte genaue Begrenzung von Erkennen und Meinen, von
Wifsen und Glauben, von theoretischem Verstand und prak—⸗
        <pb n="63" />
        Neue Weltanschauung.

355
tischer Vernunft ist eine der bezeichnendsten Errungenschaften
dieser neuen subjektivistischen Erkenntnistheorie, wie der all—
gemeinen subjektivistischen Erkenntnistheorie überhaupt; von
Kant vornehmlich klar durchgeführt, findet sie sich doch auch
früher schon in den Lehren Humes, wie sie später zu den
wichtigsten Grundanschauungen der gemäßigten Vertreter des
modernen Positivismus führt; einer der Grundpfeiler alles
modernen Erkennens hat sie in stillem Wirken das geistige
Leben des 19. Jahrhunderts auf tausend und aber tausend
Bebieten beherrscht und beherrscht dieses Leben noch heute.
Ist nun aber Kant zu seinen Ergebnissen auf dem ein—
fachsten und reinsten logischen Wege gelangt? Diese Frage
dejahen könnte beinahe heißen, die subjektivistische Erkenntnis—
cheorie Kants in der von ihm gelehrten Form als für immer
gefestigt betrachten: denn einfachste logische Grundgesetze s cheinen
sich wenigstens im Laufe der uns geschichtlich zugänglichen
Zeiten wenig oder gar nicht geändert zu haben oder zu
indern. In der Tat lebte Kant eines so zuversichtlichen
Blaubens an die absolute Dauer seines Systemes, denn er
meinte bei dessen Aufriß und Ausbau jede psychologische, und
das heißt psychogenetische und somit zeitlich bedingte Grund⸗
legung vermieden zu haben. Eine geschichtliche Betrachtung
freilich wird diesen Glauben nicht teilen. Schon an sich steht
auch den höchsten menschlichen Abstraktionen kein anderes
Material zur Verfügung, als die seelische Organisation des
Denkers mit ihren bleibenden Elementen einerseits, aber auch
hren geschichtlichen Grenzbestimmungen anderseits. Und bei
Kant lassen sich zudem noch die psychologischen Grundlagen
seiner besonderen Erkenntnistheorie klar nachweisen. Es sind,
soweit die Kritik der Verstandestätigkeit in Betracht kommt,
die allgemeinen psychologischen Lehren seiner Zeit, so wie sie
sich mit der Entfaltung des subjektivistischen Seelenlebens er—
geben hatten: die Lehren von einer rezeptiven und spontan
zusammenfassenden wie einer schöpferischen, spontane und
rezeptive Tätigkeit zu Höherem vereinigenden Funktion des
Gemütes. Kant ist in der Anerkennung dieser Lehren nur
        <pb n="64" />
        356

Zweiundzwanzigstes Buch.
ein Sohn seiner Zeit; und in der Tat war ihre Aufnahme
durch ihn unumgänglich, da sie ein zutreffender Ausdruck der
gefamtpfychischen Disposition seines Zeitalters genannt werden
konnten!. Nur war er in ihrer Anwendung vorsichtiger, als
die Philosophen des Subjektivismus vor ihm; denn er regelte
diese Anwendung durch eine möglichst weitgehende Einführung
solcher erkenntnistheoretischer Momente wie sie in der ge—
gebenen Logik herkömmlich waren: und so konnte er persönlich
zu dem Glauben gelangen, alles Psychologische ausgeschieden
zu haben?.

Aber auch in seinen Aufstellungen des Denkumfangs der
praktischen Vernunft, also in der Begründung des Postulats
dieser Vernunft, insofern sie notwendige Ideenverbindungen
zur abschließenden Vervollständigung der Ergebnisse unserer
Verstandestätigkeit darbieten, ist Kant durchaus ein Kind
seiner Zeit. Ja nicht bloß dies: bei dem praktischen Charakter
dieser Postulate lag es auf der Hand, daß diese zugleich auch
Ausdruck des persönlichen Charakters und der Lebensschicksale
des Philosophen sein mußten. Wenn die Erzählung zu ihrer
Darstellung übergeht, verläßt sie daher den für alle Indivi—
duen innerhalb des Diapasons eines ganzen Zeitalters durch—

Vgl. schon Athenäum 1, 2, 119: Man betrachtet die kritische
Philosophie immer so, als ob sie vom Himmel gefallen wäre. Sie hätte
auch ohne Kant in Deutschland entstehen müssen und es auf viele Weisen
können. Doch ist's so beffer.

2 Die Naturwissenschaft hat Kants Lehren (namentlich durch Helm—
holtz; wieder aufgenommen, insofern sie den Phänomenalismus der Er—
scheinungswelt betreffen. Dagegen erscheinen ihr die reine Mathematik
und die reine Naturwissenschaft, von der Metaphysik ganz abgesehen, un—
zulässig; und ebenso erkennt sie, erkennt auch die neuere Psychologie die
Kantschen Raumanschauungen und Stammbegriffe nicht mehr als vor aller
Erfahrung liegende Formen unseres Denkens an, sondern nur als schöpfe—
rische Synthesen des Bewußtseins heraus aus der Einzelwahrnehmung.
Kant war der letzteren Auffassung unzugänglich, weil er dem genetischen
Gedanken in der hierzu nötigen Konsequenz der Durchführung fern stand.
Erst der evolutionistische Sinn des 19. Jahrhunderts hat die neuere pfycho—
logische Erklärung möglich gemacht.
        <pb n="65" />
        Neue Weltanschauung.

357
weg gleichverbindlichen, also zeitlich objektiven Stoff einer
psychologisch begründeten Erkenntnistheorie und tritt auf das
persönliche Gebiet der Weltanschauung über. —

Kant ist am 22. April 1724 zu Königsberg als viertes
Kind einer früher aus Schottland eingewanderten Handwerker—
familie pietistischer Richtung geboren worden; pietistisch wurde
er auch in dem Collegium Fridericianum seiner Vaterstadt
erzogen. Die Universität besuchte er ebenfalls in seiner Vater⸗
stadt, indem er sich unter Knutzens Einfluß namentlich dem
Studium der Philosophie und Mathematik zuwandte. Dann
war er neun Jahre in seiner Heimatprovinz als Hauslehrer
tätig, um die äußeren Mittel zur Aufnahme der akademischen
Laufbahn zu gewinnen, habilitierte sich darauf im Jahre 1755
an der Universität seiner Vaterstadt, blieb fünfzehn Jahre
Privatdozent und wurde endlich, 1770, ordentlicher Professor
der Logik und Metaphysik an dieser, nachdem er kurz zuvor
Berufungen nach Erlangen und Jena abgelehnt hatte. Von
da ab hat er in immer gleicher Stellung bis zu seinem Tode
am 12. Februar 1804 ohne jeden weiteren äußeren Schmuck
des Lebens fortgewirkt, anfangs mit einem Gehalte von 400,
seit dem Regierungsantritte König Friedrich Wilhelms II. mit
einem Gehalte von 620 Talern.

Einfach und eng gebunden an Heimat und Vaterstadt
war also sein Leben; über Königsberg und Preußen ist er
niemals hinausgekommen. Aber wunderbar reich war dies
Leben nach seinem inneren Aufbau. Der geistige Horizont
Kants hatte die größte Weite, die in seinem Zeitalter denkbar
war; im ganzen Gebiete der Naturwissenschaften war er zu
Hause; anthropologische und geographische Forschungen fesselten
ihn ganz besonders trotz alles Schollensinns, und politisch
lebte er in sehr entschiedener Parteinahme mit seiner Zeit; er
verabscheute den Krieg, und seine Ideale waren in gewissem
Sinne republikanisch; wie hat er sich für die Ziele der fran—
zösischen Revolution erwärmt, wie mit den Bürgern der jungen
amerikanischen Union sympathisiert gegen England!

Und auch in dem Labyrinth praktischer menschlicher Be—
        <pb n="66" />
        358

Zweinndzwanzigstes Buch.
ziehungen fand er sich klug zurecht; er war welterfahren, da
er äußerst eingehend beobachtete, und weise, da er keine Er—
fahrung vorübergehen ließ, ohne ihr einen allgemeinen Grund—
satz, das, was er Maxime nannte, zu entnehmen.

Vor allem freilich stand er auf sich allein. Zwar war
er nicht ohne joviale Ader; seine früheren Werke zeigen
alle Verheißungen eines großen Schriftstellers, vor allem
die schillernden Gaben des Humors und der Fähigkeit, in an—
mutigem Wechsel des Ausdrucks die Darstellung körperlich zu
gestalten. Auch liebte er die Geselligkeit des Mahles, das er
im engen Kreise der Freunde auf drei, ja fünf Stunden aus—
dehnen konnte: es war der einzige Luxus, den er seinem
Leben gegönnt hat.

Trotzdem war er aber weit davon entfernt, im Verkehr
mit anderen aufzugehen. Bezeichnend für ihn ist vielmehr ein
strenger Unabhängigkeitssinn, der eine gewisse Vereinsamung
in sich schloß. Kant ist, gleich Descartes, Hobbes, Spinoza
und Leibniz, unverheiratet geblieben. Er hat immer den
Wunsch gehabt, in größter Stille für sich zu wohnen. Seine
Neigung zur pünktlichsten Gesetzmäßigkeit der Tageseinteilung,
die bis zur Pedanterie ging, war nicht denkbar ohne eine ge—
wisse Isolierung. Die Musik, die gesellendste aller höheren
menschlichen Fähigkeiten, nach Goethe die Hälfte unseres Daseins,
hat er eine „zudringliche Kunst“ genannt. Er wollte für sich
stehen.

In der Tat entwickelte er sein Unabhängigkeitsgefühl bis
zum Rigorismus. Sein Abscheu vor jeder Verbindlichkeit
gegenüber anderen wuchs schließlich dahin, daß er es in seinen
letzten Jahren als eine der größten Gnaden seines Lebens er—⸗
klären konnte, niemals einen Gläubiger gehabt zu haben. Und
unabhängig sein, herrschen wollte er vor allem auch gegenüber
seinem Körper. Er handelte nach dem Grundsatze seiner
Schrift „Von der Macht des Gemütes, durch den bloßen Vor—
satz seiner krankhaften Gefühle Meister zu sein“. Im Knaben—
alter überaus schwächlich, zeitlebens von zartem Körperbau,
von eingebogener Brust und schiefer Haltung, hat er gleich—
        <pb n="67" />
        Neue Weltanschauung.
wohl die Altershöhe des Psalmisten erreicht: und seine Lebens—
dauer war, fast darf man es sagen, weniger ein Werk der
Natur, als seines eisernen Willens.

So hat er systematisch und streng gelebt, wie er streng
und systematisch geforscht hat: denselben Gesetzen unterlagen
Leben und Lehre. Diese Gesetze aber waren im Grunde doch
weniger Ausdruck eines überlegenen Verstandes, als einer
außerordentlichen Lauterkeit des Wesens, einer festen Gewissens—
zucht und der zähen schottisch-preußischen Grundlage des ge—
samten Charakters. Frommer Sinn und innerliche Wahr—
haftigkeit waren Kant ebenso anerzogen wie angeboren; und
eben von ihnen her ist er zum Philosophen der Selbsterkenntnis
und Selbstvertiefung geworden.

So ist denn auch kein Zweifel, daß Kant die erkenntnis—
theoretischen Arbeiten im Grunde seines Herzens immer nur
als Vorarbeiten, als Traktate über die Methode einer künftigen
praktischen Philosophie angesehen hat: hinweg über jedes
Verständnis, das an die Welt der Erscheinungen auch noch so
lose gebunden erschien, strebte er stetig hin zu der reinen Höhe
neuer Lehren über Religion und Sittlichkeit.

Wie kurz war ihm aber schließlich die Frist für die Be—
wältigung dieser eigentlichen Aufgaben seines Lebens bemessen!
Hatte er mit dem Jahre 1781 in der Kritik der reinen Ver—
nunft den Ausbau seiner Erkenntnistheorie vollendet, so kostete
ihm deren Verteidigung weniger gegen Angriffe als gegen
Mißverständnisse noch den größten Teil der Arbeitszeit einiger
nächsten Jahre. So mußte er, von leicht störbarer Gesundheit
und darum, trotz aller von ihm versuchter Wahrscheinlichkeits⸗
berechnungen, seines künftigen Alters in besonderem Grade
angewiß, nun jeden Augenblick zusammenraffen, um vor—
wärts zu gelangen; stets sparsam mit seiner Zeit, wurde
er seit den achtziger Jahren mit ihr geizig; er erschien nun
weniger gesellig; Jahre vergingen, ehe er auf einen Brief
antwortete: bis endlich um 1790 die wesentliche Arbeit getan
war, die er zur praktischen Philosophie für nötig hielt: 1785
var die Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, 1786 waren
        <pb n="68" />
        360

Zweiundzwanzigstes Buch.
die metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft, 1788
die Kritik der praktischen Vernunft, 1790 die Kritik der Urteils—
kraft erschienen.

Nun mochte Kant, dessen Ruhm inzwischen unaufhaltsam
—
Lebens als Ganzes zurückblicken. Was ihm übrigblieb, war
nur noch eine Auseinandersetzung seines praktischen Systems
mit dem vorhandenen, in Kirche und Staat positiv gestalteten
Gedankeninhalt früherer Zeitalter. Er begann diese Aus—
einandersetzung in den neunziger Jahren mit dem Buche über
die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft (1793);
aber in Berlin der „Entstellung und Herabwürdigung mancher
Haupt- und Grundlehren der Heiligen Schrift und des
Christentums“ verdächtigt und von dem bigott-frivolen Könige
Friedrich Wilhelm II. zum Stillschweigen vermahnt, zudem
bald an geistiger Frische abnehmend und schließlich dem
Marasmus des Alters unterliegend, hat er sie nicht mehr zu
Ende führen können. Im ganzen aber liegen die Prinzipien
seiner praktischen Philosophie dennoch geschlossen vor uns.

Überschaut man sie, so fällt vor allem auf, wie sehr
Kant mit ihnen, trotz aller persönlichen Bedingtheit der Auf⸗
fassung, doch den geistigen Bedürfnissen der achtziger und
neunziger Jahre des 18. Jahrhunderts überhaupt nachkam.
Man sehnte sich damals heraus aus den verworrenen Strö—
mungen eines extremen, nur sich selbst kennenden Subjekti—
bismus, der die Welt der Erscheinungen in Schein, die
Welt der Werte in Spott auflöste. Hatte nun Kant mit
der Kritik der reinen Vernunft dem einen, dem theoretischen
Bedürfnis dieser Richtung genug getan, so befriedigte er jetzt
auch das andere, praktische. das auf die Welt der Werte ge—
richtet war.
Freilich geschah das nicht ohne engen Anschluß an seine
Erkenntnistheorie: mit Recht sah Kant von seinem Stand—
punkte aus in der praktischen Philosophie nichts als eine ge⸗
naue Ergänzung der theoretischen, wenn diese Ergänzung auch
in ihrer besonderen Bedeutung für menschliche Lebensführung
        <pb n="69" />
        Neue Weltanschauung.

361
höher zu bewerten sei. Er trug daher seine praktische Philo—
sophie auch in genauem Zusammenhang mit der theoretischen
und zwar im Sinne einer Ableitung aus dieser vor.

Da war es nun ein grundlegendes Ergebnis der Er—
kenntnistheorie gewesen, daß unsere Erkenntnis der Erscheinungs⸗
welt nicht eine absolute Erkenntnis ist, sondern eine relative,
unserem Auffassungsvermögen entsprechende; oder objektiv aus⸗
gedrückt: daß neben der sensiblen Welt, welche Gegenstand
unserer Erfahrungserkenntnis ist, eine andere Welt steht, eine
intelligible, als Gegenstand einer absoluten, uns im allgemeinen
unzugänglichen Erkenntnis. Indes an einer Stelle schien nun
eine solche absolute Erkenntnis dennoch zugänglich, nämlich
mit Hinsicht auf unser eigenes Ich. Der Mensch ist ja zu—⸗
nächst ein Sinnenwesen: als solches gehört er der Welt der
Erscheinungen an. Aber der Mensch ist auch ein intelligibles
Wesen: als solches ist er ein Wesen an sich, gehört hinein in
die Welt der absoluten Erkenntnis. Was hat diese Doppel⸗
tellung nun für Folgen?

Wir haben zur sinnlichen Welt Beziehung durch das
wissenschaftliche Erkennen, zur intelligibeln Welt durch das
Wollen. Der Wille ist also die Tätigkeit erst unseres innersten
Innern, unseres eigentlichen, hinter der Welt der Erscheinungen
stehenden Wesens. Als solcher muß er natürlich ein intelligibles
Vermögen sein. Kant erbringt den Nachweis hierfür, indem
er ausführt, als Bedingung aller Willenshandlungen könne
der Wille nicht im Sinne des Erkennens eine Erscheinung sein,
denn erst seine Folgen, die Willenshandlungen seien Er—
scheinungen. So werde es notwendig, ihn im Sinne des Ver⸗
mögens, eine Reihe von Handlungen von Anfang zu beginnen,
als eine jenseits der Erkenntnistätigkeit liegende Urkraäft der
Seele zu betrachten.

Dieser Wille nun ist als intelligibles Vermögen frei; er
steht im Gegensatze zum Zwang. Es gibt daher für feine
Auswirkung keinerlei bedingende Regeln, wie sie für die Aus—
wirkung des Verstandes in den Formen der Anschauung und
der Allgemeinbegrifse vorhanden sind; er kennt nicht das
        <pb n="70" />
        362

SZweiundzwanzigstes Buch.
Muß. Wohl aber besteht für ihn ein regulatives Prinzip, ein
Du sollst.

Dieses Du sollst ist in dem unmittelbar in uns lebenden,
durch das Gewissen uns bezeugten praktischen Sittengesetze
gegeben; einem Gesetz, das uns in keinem Augenblicke des
Handelns mit seiner Autorität im Stich läßt, wenn wir es
auch nicht zu klaren Sätzen formuliert in uns tragen!. Um
aber zur Anwendung als regulatives Prinzip zu gelangen,
setzt dieses Du sollst naturgemäß Freiheit des Willens voraus.
Menschliche Selbstbestimmung nach dem kategorischen Sitten⸗
gesetz ist daher Autonomie, ist Selbstherrlichkeit des Willens:
denn der Wille setzt sich das Sittengesetz selbst als Gesetz.
Und eine solche Selbstherrlichkeit ist mithin der für uns zu er—
strebende Zustand.

Läßt sich nun aber das in uns beruhende Sittengesetz
nicht noch näher bestimmen? So viel ist klar: es muß einen
„durch keine sinnlichen Bedingungen zu übertragenden, ja
davon gänzlich unabhängigen Bestimmungsgrund“? unseres
Willens enthalten, d. h. es muß vor aller Erfahrung liegen.
Dann aber kann es nur ein formales Gesetz sein, d. h. „ein
solches, welches der (praktischen) Vernunft nichts weiter als
die Form ihrer allgemeinen Gesetzgebung zur obersten Be—
dingung ihrer Maximen vorschreibt“s. Ein solches Grund—
gesetz findet Kant nun in dem Satze: „Handle so, daß die

,„Wie freilich jenes Rationelle, das Kant die praktische Vernunft
und die gewöhnliche Sprache das Gewissen nennt, wie jenes einleuchtende,
klare „Du sollst“, wie die spezifischen Gefühle der Achtung und Verachtung,
auch der Selbstverachtung, entstehen konnten, das ist trotz aller Bemühungen
der gegenwärtigen sozial-historischen Ethik noch nicht genügend klargestellt.
Der Übergang von den blinden Trieben und den gewohnheitsmäßig be—
folgten Sitten zur bewußten Sittlichkeit erscheint doch immer wie ein
Sprung, den man nur insofern abschwächen kann, als man sich das Neue
in unendlich kleinen Anfängen denkt.“ So C. Stumpf, Zwei Reden 2,
S. 47 -48. Bei Kant wird auch nur die Frage nach der zeitlichen Ent—
stehung des kategorischen Imperativs schwerlich aufgeworfen.

2 K. d. pr. V. (Kehrbach) S. 95.

3A. aq. O. S. 78.
        <pb n="71" />
        Neue Weltanschauung.

3683
Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer all⸗
gemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ Dieser Sazt bildet
daher einen kategorischen Imperativ; er beruht auf dem sic
volo, sic jubeo der reinen Vernunft; er ist nicht empirisch,
sondern außer aller Erfahrung und darum allgemein und not—
wendig gegeben.

Wo der menschliche Wille diesem Gesetze nachlebt, rein in
dem hehren Gefühl seiner damit zu Recht getroffenen Selbst⸗
bestimmung, da ergibt sich volles, echtes Menschenleben. Und
es geht auf, es findet seinen Leitstern in der Achtung vor
diesem Gesetz. „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer
neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter
und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der
bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.
Beide darf ich nicht als in Dunkelheiten verhüllt oder im
Überschwenglichen, außer meinem Gesichtskreise, suchen und
bloß vermuten; ich sehe sie vor mir und verknüpfe sie un—
mittelbar mit dem Bewußtsein meiner Existenz. Das erste
fängt von dem Platze an, den ich in der äußeren Sinnenwelt
einnehme und erweitert die Verknupfung, darin ich stehe, ins
unabsehlich Große mit Welten über Welten und Systemen von
Systemen, überdem noch in grenzenlose Zeiten ihrer perio—
dischen Bewegung, deren Anfang und Fortdauer. Das zweite
fängt von meinem unsichtbaren Selbst, meiner Persönlichkeit,
an und stellt mich in einer Welt dar, die wahre Unendlichkeit
hat, aber nur dem Verstande spürbar ist, und mit welcher
(dadurch aber zugleich mit allen seinen sichtbaren Welten) ich
mich, nicht wie dort, in bloß zufälliger, sondern allgemeiner
und notwendiger Verknüpfung erkenne. Der erstere Anblick
einer zahllosen Weltenmenge vernichtet gleichsam meine Wichtig—
keit, als eines tierischen Geschöpfes, das die Materie, daraus
es ward, dem Planeten (einem bloßen Punkt im Weltall)
wieder zurückgeben muß, nachdem es eine kurze Zeit (man
weiß nicht wie) mit Lebenskraft versehen gewesen. Der zweite

K. d. pr. V. (Kehrbach) S. 36.
        <pb n="72" />
        364

Zweiundzwanzigstes Buch.
erhebt dagegen meinen Wert, als einer Intelligenz, unendlich,
durch meine Persönlichkeit, in welcher das moralische Gesetz
mir ein von der Tierheit und selbst von der ganzen Sinnen—
welt unabhängiges Leben offenbart, wenigstens so viel sich aus
der zweckmäßigen Bestimmung meines Daseins durch dieses
Gesetz, welche nicht auf Bedingungen und Grenzen dieses
Lebens eingeschränkt ist, sondern ins Unendliche geht, ab—
nehmen läßt.“

Wie mußte nun der Philosoph, der aus so erhabener

Höhe die Wirkungen des kategorischen Imperativs auf Mensch
und Menschenleben zu verfolgen sich anschickte, wie mußte
er herabsehen auf die kleinlichen, dem sinnlichen Teile des
Menschen entgegenkommenden ethischen Systeme der Vorzeit!
In welchem Lichte mußten ihm, den nichts auf Himmel und
Erden gut dünkte, es sei denn ein guter Wille, vor allem
die begeisterungsloser Seichtigkeit entsprungenen Nützlichkeits—
theorien des rationalistischen, im Versinken begriffenen Zeit⸗
alters erscheinen!
. Zwar war er selbst von dieser Nützlichkeitslehre aus—
gegangen; noch in den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts
hat er einen Versuch gemacht, allgemeingültige sittliche Gesetze
auf eudämonistischer Grundlage aufzufinden. Aber ihrer wahren
Anerkennung hatte doch von jeher der pietistische, der subjektiv⸗
religiösse Zug seines Herzens widersprochen, und bald war
dieser Tendenz der Einfluß der Gefühlsmoral der Engländer,
vor allem aber die Einwirkung Rousseaus zu Hilfe gekommen;
Rousseau war es, der bei Kant der Auffassung des Einzel—
menschen als einer auf sich gestellten moralischen Persönlichkeit
zum Durchbruch verhalf, der zugleich freilich auch einen gegen⸗
über der Sittlichkeit der Kultur pessimistischen Zug in Kants
Denken einführte.

Von dieser Linie der Entwicklung her ergab sich für Kant
in den achtziger Jahren sein eigenes Moralsystem des katego—
rischen Imperativs. Das gerade Widerspiel des Prinzips der

Q. d. pr. V. (Kehrbach) S. 193—194.
        <pb n="73" />
        Neue Weltanschauung.

368
Sittlichkeit nennt es Kant in dieser Zeit, wenn das Prinzip
der eigenen Glückseligkeit zum Bestimmungsgrunde des Willens
gemacht werde; dieser Widerstreit würde, wäre nicht die Stimme
der Vernunft in Beziehung auf den Willen so deutlich, so
unüberschreitbar, selbst für den gemeinsten Menschen so ver⸗
nehmlich, die Sittlichkeit gänzlich zugrunde richten; so aber
kann er sich nur noch in den kopfverwirrenden Spekulationen
der Schulen erhalten, die dreist genug sind, sich gegen jene
himmlische Stimme taub zu machen, um eine Theorie, die kein
Kopfzerbrechen kostet, aufrecht zu erhalten!.

Kant wird warm, wenn er zwischen all seinen mühsamen
Deduktionen und seinen schwerfälligen Satzgebilden mit ihren
unablässigen Einschränkungen und Parenthesen auf diesen
Gedankenzusammenhang kommt; und emyhatisch schildert er
die befreienden Vorzüge seiner Lehre. In ihr schließt eine
Handlung aus Pflicht jedes andere bestimmende Motiv aus,
als objektiv das Sittengesetz und als subjektiv die Achtung
vor der Majestät dieses Gesetzes; und Tugend, durch Be—
trachtung der Würde des Vernunftgesetzes und durch Übung
erworben, wird zu einer in fester Gesinnung gegründeten
Übereinstimmung des Willens mit jeder Pflicht. Handeln nur
aus Achtung vor dem Sittengesetze, das ist der wahre Maß—
stab der Sittlichkeit; alle anderen Motive, mögen sie an sich
noch so edel sein, bedeuten nur einen Absturz aus den Höhen
rein sittlicher Empfindung. „Pflicht!“ ruft Kant an einer be—
sonders schönen Stelle der Kritik der praktischen Vernunft?
aus, „du erhabener großer Name, der du nichts Beliebtes,
was Einschmeichelung bei sich führt, in dir fassest, sondern
Unterwerfung verlangst, doch auch nichts drohest, was natür—
liche Abneigung im Gemüte erregte und schreckte, um den
Willen zu bewegen, sondern bloß ein Gesetz aufstellst, welches
von selbst im Gemüte Eingang findet und doch sich selbst
wider Willen Verehrung (wenn gleich nicht immer Befolgung)

uK. d. pr. V. Gehrbach) S. 40.
2 S. a. a. O. S. 105.
        <pb n="74" />
        366 J Zweiundzwanzigstes Buch.
erwirbt, vor dem alle Neigungen verstummen, wenn sie gleich
im geheimen ihm entgegenwirken: welches ist der deiner würdige
Ursprung, und wo findet man die Wurzel deiner edlen Ab—
kunft, welche alle Verwandtschaft mit Neigungen stolz aus—
schlägt, und von welcher Wurzel abzustammen die unnachläß—
liche Bedingung desjenigen Wertes ist, den sich Menschen allein
selbst geben können? — Es kann nichts Minderes sein, als
was den Menschen über sich selbst (als einen Teil der Sinnen⸗
welt) erhebt, was ihn an eine Ordnung der Dinge knüpft,
die nur der Verstand denken kann, und die zugleich die ganze
Sinnenwelt, mit ihr das empirisch-bestimmbare Dasein des
Menschen in der Zeit und das Ganze aller Zwecke (welches
allein solchen unbedingten praktischen Gesetzen, als das mora—
lische, angemessen ist) unter sich hat. Es ist nichts anderes
als die Persönlichkeit, d. h. die Freiheit und Unabhängigkeit
von dem Mechanismus der ganzen Natur, doch zugleich als
ein Vermögen eines Wesens betrachtet, welches eigentümlichen,
nämlich von seiner eigenen Vernunft gegebenen reinen prak—
tischen Gesetzen .. unterworfen ist, sofern les] zugleich zur
intelligibelen Welt gehört ..... Diese Achtung erweckende
Idee der Persönlichkeit, welche uns die Erhabenheit unserer
Natur (ihrer Bestimmung nach) vor Augen stellt, indem sie
uns zugleich den Mangel der Angemessenheit unseres Ver—
haltens in Ansehung derselben bemerken läßt, und dadurch den
Eigendünkel niederschlägt, ist selbst der gemeinsten Menschen⸗
vernunft natürlich und leicht bemerklich.“

Aus dieser erhabenen und rigoros selbständigen Auffassung
der sittlichen Persönlichkeit folgen für Kant sittliche Vorschriften
sehr entschiedener und der herkömmlichen christlichen Moral
abgewandter Art: „Lasset euer Recht nicht ungeahndet von
anderen mit Füßen treten. — Nehmt nicht Wohltaten an,
die ihr entbehren könnt, und seid nicht Schmarotzer oder
Schmeichler oder gar, was freilich nur im Grade von dem
Vorigen unterschieden ist, Bettler. Daher seid wirtschaftlich,
damit ihr nicht bettelarm werdet. — Als Gefühle können
Liebe und Achtung nicht moralisch geboten sein; denn Gefühle
        <pb n="75" />
        Neue Weltanschauung.

367
zu haben, dazu kann es keine Verpflichtung durch andere
geben.“

So ergießt sich die Herbheit dieses Sittengesetzes hinab bis
in einzelne Vorschriften; ein scharfer Höhenwind durchweht
es; durch Welten ist es getrennt von der Sittenlehre des
Rationalismus wie des späteren Positivismus. Dieser Charakter
aber ist ihm gegeben durch die Apriorität des Aufbaus seiner
obersten Prinzipien: über alle Erfahrung hinweg ragt es mit
diesen als eine Forderung innigsten und persönlichsten Glaubens
hinein in die ewigen Firnen der Metaphysik.

Auf diesem Gebiete größter Fragen jeglicher Weltanschauung
aber wirkt es sich nun mit entscheidender Klarheit weiter aus.

Die Kritik der reinen Vernunft war zu dem Ergebnisse
gelangt, daß eine Welt selbstherrschender Vernunft, eine Welt
der Ideen jenseits jener Welt der Erscheinungen stehe, die wir
durch unsere Verstandeskräfte kennen lernen, und der wir nach
dem Charakter der Funktionen dieser diejenigen Gesetze geben,
die sie uns verständlich machen. Und sie hatte über den wesent—
lichen Inhalt dieser ideologischen Welt Gedankenreihen ent⸗
wickelt, in deren Mittelpunkt die Fragen nach dem Dasein
Gottes, nach Freiheit und nach Unsterblichkeit standen.

Zu lösen waren diese Fragen theoretisch freilich nicht;
denn das menschliche Erkenntnisvermögen, trotz seiner aprio⸗
rischen Formen nur auf die Welt der Erscheinungen berechnet,
erschien als unfähig, in die Welt der wahren Wirklichkeit
einzudringen. Diese Welt galt vielmehr, wie wir inzwischen
belehrt worden sind, als zugänglich nur vermittelst des ver⸗
nünftigen Willens, der Sittlichkeit. So können auch seine
großen Probleme, Gott, Freiheit, Unsterblichkeit, erschlossen
werden nicht auf dem Wege des Erkennens, sondern nur auf
dem Wege der sittlichen Forderung. Gott, Freiheit, Unsterb—
lichkeit bestehen mithin für uns nur, weil sie Forderungen
unseres sittlichen Willens sind; und erst in diesem Gedanken

Heinze-Überweg IIIs, 1, 315.
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 2.
        <pb n="76" />
        368

Zweiundzwanzigstes Buch.
erhalten alle Annahmen und Ideen der theoretischen Vernunft
über diese Gegenstände für uns objektive Gültigkeit.

Zu Forderungen aber unseres vernünftigen Wollens,
unseres sittlichen Bewußtseins werden diese Ideen vor allem
durch das Eingreifen der Teilidee der menschlichen Freiheit.
Freiheit als die Kausalität unseres Ich, insofern dieses nicht
der Welt der Erscheinungen, sondern der intelligibeln Welt
angehört, war, wie wir uns erinnern, einer der Grundbegriffe
der Ethik des kategorischen Imperativs. Diese Freiheit zieht nun
den Glauben an die Unsterblichkeit und an Gott als ihre Konse—
quenz nach sich, und zwar in dem folgenden Zusammenhange:

Freiheit unter der selbstbestimmenden Herrschaft des kate—
gorischen Imperativs bedeutet ständige Annäherung unseres
Willens an das Sittengesetz, und die Forderung, daß diese
Annäherung einmal eine vollkommene sei. Nun wissen wir
aber, daß eine solche Vollkommenheit, welche Heiligkeit be—
deuten würde, keinem vernünftigen Wesen der Sinnenwelt in
keinem Zeitpunkte seines Daseins möglich ist; vielmehr sehen
wir im besten Falle nur einen unendlich langsamen Fortschritt
in der Annäherung an diesen Zustand. Da ist es denn un—
möglich, daß dieses Fortschreiten mit dem Tode aufhöre. Es
muß ins Unendliche fortdauern, was nur unter der Be—
dingung einer unendlich fortdauernden Existenz der Persön—
lichkeit desselben vernünftigen Wesens möglich ist.

Der Begriff der Freiheit fordert aber auch den praktischen
Gottesglauben. Das Sittengesetz nämlich, als ein Gesetz der
Freiheit, gebietet kategorisch, d. h. ohne Rücksicht auf irgend—
welche Bestimmungsgründe, die uns etwa vom Standpunkte
einer eudämonistischen Moral nahetreten könnten. Gleichwohl
fordern wir einen Zusammenhang zwischen Tugend und Glück—
seligkeit. Er kann nur gewährleistet werden durch einen
regulierenden göttlichen Eingriff, setzt mithin den Glauben an
die Güte und Gerechtigkeit eines Gottes voraus als eines
obersten vernünftigen Wesens, das seinem Charakter nach nicht
umhin kann, den würdigen Gebrauch der Freiheit mit Glück—
seligkeit zu lohnen.
        <pb n="77" />
        Neue Weltanschauung.

360
Man sieht, wie die Konsequenzen der Kantschen Ethik
unmittelbar hinüberführen auf das Gebiet der Theologie, ja
der Religion. Aus der ganzen Auffassung der Sittlichkeit bei
Kant ergibt sich von neuem und in voller Übereinstimmung
mit der Kantschen Erkenntnistheorie, daß Glauben niemals
ein Ergebnis des Erkennens, sondern immer nur Ergebnis
des Wollens sein kann. Der Begriff des höchsten Gutes aber,
als des durch Gott gewährleisteten Objekts und Endzwecks
aller Sittlichkeit, unterstellt zugleich das Sittengesetz der Ein—
wirkung Gottes; und unsere Pflichten erscheinen von nun ab
als göttliche Gebote!. Damit besteht denn alle Religion darin,
„daß wir Gott für alle unsere Pflichten als den allgemein zu
verehrenden Gesetzgeber ansehen“?; und ist „alles, was außer
dem guten Lebenswandel der Mensch noch tun zu können ver—⸗
meint, um Gott wohlgefällig zu sein, bloßer Religionswahn
und Afterdienst Gottes“s: so z. B. die Anwendung besonderer
Gnadenmittel oder die Auffassung des Gebets vom Stand—
nunkte eines Wunsches, der auf Erhörung gerichtet ist.

Die Religion aber, in diese Grenzen eingeschrieben, kann
durchaus Vernunftreligion sein: die natürliche Religion als
Moral verbunden mit dem Begriffe Gottes als moralischen
Welturhebers und bezogen auf die Unsterblichkeit der Seele
„ist ein reiner praktischer Vernunftbegriff, der ungeachtet
seiner unendlichen Fruchtbarkeit doch nur so wenig theoretisches
Vernunftvermögen voraussetzt, daß man jeden Menschen von
ihr praktisch hinreichend überzeugen und wenigstens die Wirkung
derselben jedermann als Pflicht zumuten kann“. Religion in
diesem Sinne hat also das große Erfordernis der waähren
Kirche, nämlich der Geeignetheit zur Allgemeinheit für sich?.

Die natürliche Religion ist darum der natürliche Kern
jeder geoffenbarten Religion; und es besteht mithin die Mög—
lichkeit, diese jederzeit, unter Beihilfe der nötigen gelehrten
1K. d. pr. V. (Kehrbach) S. 155.
2 Religion innerh. d. Gr. d. bl. Vern. S. 108, vgl. S. 164.
s A. a. O. S. 184.
Religion innerh. d. Gr. d, bl. Vern. S. 168.
24*
        <pb n="78" />
        0

Zweiundzwanzigstes Buch.
Interpretationsmittel, auf die Sätze der natürlichen Religion
zurückzuführen. Zu diesem Zwecke ist es zulässig, die geoffen—
barten Religionen durchgängig in einem Sinn zu deuten, der
mit den allgemeinen praktischen Regeln einer reinen Vernunft—
religion zusammenstimmt. „Denn das Theoretische des Kirchen⸗
glaubens kann uns moralisch nicht interessieren, wenn es nicht
zur Erfüllung aller Menschenpflichten als göttlicher Gebote
(was das Wesentliche aller Religion ausmacht) hinwirkt. Diese
Auslegung mag uns selbst in Ansehung des Textes (der Offen⸗
barung) oft gezwungen scheinen, oft es auch wirklich sein, und
doch muß sie, wenn es nur möglich ist, daß dieser sie annimmt,
einer solchen buchstäblichen vorgezogen werden, die entweder
schlechterdings nichts für die Moralität in sich enthält oder
—DD—

Kant hat dementsprechend in seinem Buche über die
„Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ es
selbst versucht, eine solche Umdeutung der Hauptlehren der
christlichen Offenbarung zu geben, nämlich der Lehren vom
Sündenfall, von der Erlösung und vom Reiche Gottes auf
Erden. Die Lehre von der Auferstehung und Himmelfahrt
dagegen hat er ausdrücklich weggelassen: denn sie kann nach
ihm zur Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft
nicht benutzt werden, da sie auf der Voraussetzung der Mate—
rialität aller Weltwesen beruhe, d. h. eines Begriffes, der
zwar der sinnlichen Vorstellungsart der Menschen sehr an—
gemessen, der Vernunft aber in ihrem Glauben an die Zukunft
lästig sei?'. Dagegen suchte er für die Erlösungslehre eine
Vermittlung mit der Eigenart und den Forderungen der natür—
lichen Religion.

Und er fand sie darin, daß „in der Erscheinung des Gott—
menschen nicht das, was von ihm in die Sinne fällt, oder
durch Erfahrung erkannt werden kann, sondern das in unserer
Vernunft liegende Vorbild, welches wir dem letzteren unter—

Religion innerh. d. Gr. d. bl. Vern. S. 116.
2 A. a. O. S. 138 Anm.
        <pb n="79" />
        Neue Weltanschauung.

371
legen . eigentlich das Objekt des seligmachenden Glaubens“
sei, und ein solcher Glaube erschien ihm dann „einerlei mit
dem Prinzip eines Gott wohlgefälligen Lebenswandels“. Oder
wie er den Unterschied einmal besonders anschaulich bezeichnet:
„Der Satz: Man muß glauben, daß es einmal einen Menschen,
der durch seine Heiligkeit und Verdienst sowohl für sich ..
als auch für alle anderen genug getan, gegeben habe, .. um
zu hoffen, daß wir selbst in einem guten Lebenswandel, doch
nur kraft jenes Glaubens, selig werden können, dieser Satz
sagt ganz etwas anderes als folgender: man muß mit allen
Kräften der heiligen Gesinnung eines Gott wohlgefälligen
Lebenswandels nachstreben, um glauben zu können, daß die
(uns schon durch die Vernunft versicherte) Liebe desselben zur
Menschheit, sofern sie seinem Willen nach allem ihren Ver—
mögen nachstrebt, in Rücksicht auf die redliche Gesinnung den
Mangel der Tat, auf welche Art es auch sei, ergänzen
werde.“

Man sieht den ganzen Abstand dieser Lehre nicht bloß
von der katholischen, nein auch von der altevangelischen Auf—⸗
fassung etwa Luthers: keine Gnadenmittel, keine besondere
Person eines Mittlers überhaupt; Selbstverantwortung und
Selbsterlösung wenigstens im Sinne subjektiver Annahme des
Erlöstseins gleichviel durch welche göttlichen Mittel, Verlegung
der objektiv und transzendent gedachten Heilsvorgänge des
Christentums in das Subjekt im Sinne einer inneren Trans—
szendenz: das ist die Meinung. Und in ihr tritt auch auf
religiösem Gebiete jenes starke Selbstbewußtsein des Subjekts
zutage, das Selbstbewußtsein des neuen seelischen Zeitalters,
dem Kant einmal in dem Zitate aus Versius Ausdruck ge—
geben hat:
SJuod petis. in te est; cur te quaesivéris éxtra?
Kant aber sah die Zeit dieses neuen Glaubens nahe herbei—
gekommen: ausdrücklich erklärte er von allen bekannten Zeit—

Religion innerh. d. Gr. d. bl. Vern. S. 127.
A. a. O. S. 128.
        <pb n="80" />
        372

Zweiundzwanzigstes Buch.
altern der Kirchengeschichte sein Zeitalter für das beste; zwar nicht
auf dem gewaltsamen Wege einer äußeren Revolution, wohl aber
auf dem einer allmählich fortgehenden Reform werde die neue
Ordnung der religiösen Anschauungen durchdringen. Und es
war eine Prophezeiung, deren Erfüllung zunächst sehr wohl
möglich erschien. Denn Kant traf tatsächlich ein höchstes Be—
dürfnis der Zeit, indem er, skeptisch oder wenigstens zurück—
haltend gegenüber einem strengen Abschluß des Weltbegriffs,
sich anderseits, gleichsam noch ein frommer Christ, für praktische
Fragen ein überweltliches Dasein Gottes vorzubehalten schien
und der Kirche mit einem problematisch gedachten Dualismus
entgegenkam. Und in der Tat: sehen wir nur auf die persön⸗
liche Größe und den innersten Ernst des Mannes: ist da Kant
nicht in mancher Hinsicht mit einem religiösen Helden wie
Luther zu vergleichen? Beide treffen sich in dem Gedanken
einer Verinnerlichung des Sittlichen und Religiösen nach dem
Maße ihrer Zeiten, beide suchen nach demselben, an sich ja
verschiedenen Maße die Selbstherrlichkeit der Einzelperson, beide
achten äußeren Erfolg gering und sind entschiedene Verteidiger
des Selbstwertes des Sittlichen, und beide führen die sittliche
Anlage zurück auf Gott.

Wie dem aber auch sei: jedenfalls hingen Tausende und
Abertausende gerade unter den Frommen und Gebildeten der
Zeit an Kant wie an einem Erfüller der Zeiten; wie denn
seine religiösen Lehren schon seit beinahe einem Menschenalter
mannigfach vorbereitet waren und in Lessings „Erziehung des
Menschengeschlechts“ schon einen auch von ihm selbst vielfach
hervorgehobenen Ausdruck gewonnen hatten; und man darf
sagen, daß stärker als die Lehren Kants auf religiösem Gebiete
eigentlich nur noch solche Reformen gewirkt haben, die im un—
mittelbaren Zusammenhang mit der Kirche standen. Schwärmer
aber versicherten damals, in hundert Jahren werde Kant die
Reputation Christi haben, und auch nüchternen Leuten erschien
der Königsberger Philosoph geradezu als der Prophet einer
neuen Religion; ein „neues Licht“ war, um mit Schiller zu
reden, der Menschheit angezündet, und kaum noch im offenen
        <pb n="81" />
        Neue Weltanschauung.

378
Widerstand, nur im stillen noch empfanden selbst Kants Gegner
die Gewalt des „Allzermalmers“.

Und gewiß lag, ganz abgesehen von den besonderen Zeit⸗
bedürfnissen, in der Einseitigkeit dieser Religionslehre, die an
allen rituellen und kultischen Formen der Religion, an allen
inneren Abhängigkeitsgefühlen und Empfindungsbedürfnissen
des Menschenherzens erhabenen Schrittes vorüberzugehen schien,
ein wunderbares Pathos, das mehr als zu fesseln, das zu be⸗
geistern vermochte. Die bloße Vernunftlehre der natürlichen
Religion erschien hier dem Christentum aufs engste angenähert
und doch zugleich auch aufs innigste verknüpft mit der sitt⸗
lichen Wucht des kategorischen Imperativs: endlich wieder
hörte man in der schlaffen und geistig so lange ausschweifenden
Zeit entscheidend den ehernen Ruf der Pflicht; und in ihm
schien der Glaube der Väter, vielfach schon wankend und
durch vermeintliche Gottesbeweise wie durch den Spott eines
von Frankreich herübertönenden Materialismus gleich stark zer⸗
fressen, noch einmal in neuer Form einem neuen Zeitalter ge⸗
sichert.

Und eins jedenfalls war klar: den ethischen Fragen war
seit Kants praktischen Lehren ein Feld der Erörterung er—
öffnet, wie sie es in dieser Ausdehnung seit lange nicht und
selbst in den Zeiten höchster Aufklärung niemals gefunden
hatten.

6. Aber war nun der Philosoph, der Denker, in der
zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts am ehesten berufen,
ethische Fragen, ja noch weiter: Fragen der eigentlichen Welt⸗
anschauung zu lösen, insofern diese die engeren Bereiche der
Psychologie und Erkenntnistheorie überschritten? Wer diese
Fragen unter vollstem Überblick über das Wesen der Zeit und
all seine Ausgestaltungen zu beantworten sucht, der wird ge—
neigt sein, sie zu verneinen. Erste Perioden neuer großer
Zeitalter, wie die Zeit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
eine solche war, pflegen überhaupt den Aufgaben, deren Lösung
ihnen zunächst obliegt, nicht mit der kühlen Stirn des reinen
        <pb n="82" />
        37668

Zweiundzwanzigstes Buch.
Denkers entgegenzutreten: selbst dann nicht, wenn schon der
erste Rausch des Neuen vorüber ist und eine gewisse geistige
Selbständigkeit gegenüber den Anforderungen eines veränderten
Seelenlebens gewonnen scheint. Denn noch immer hallt das
Getöse der Übergangszeit nach; noch immer ist die Bewältigung
des Neuen von Pathos erfüllt; noch immer verläuft das Denken
selbst enthusiastisch.

Es ist der Fall auch in den Entwicklungszeiten des Sub—
jektivismus gewesen, von denen in diesem Bande die Rede
ist; selbst nach Empfindsamkeit und Sturm und Drang blieb
die Stimmung der Welt noch voll hochgemuter Erregung, und
auch die philosophischen Beobachtungs- und Denkgewohuheiten
standen im Zeichen des Enthusiasmus. Man muß sich das
dauernd vergegenwärtigen, will man die Jahre des Klassizis—
mus — und später erst recht wiederum die der Romantik —
vor allem auch in ihrer philosophischen Bedeutung verstehen;
und man muß unter dem Eindrucke dieses Zusammenhanges
es nicht bloß als möglich, sondern als durchaus erfordert
finden, daß in allem philosophischen Denken, besonders sobald
es sich irgendwie praktischen Fragen zuwandte, der Dichtung
eine entscheidende Teilnahme zufiel. Ist es doch diese Zeit
gewesen, die den einheitlichen Doppelwortbegriff ,Dichten und
Denken“ prägte; ist doch die Geschichte der Weltanschauung
dieser Zeit und insbesondere des Klassizismus nicht denkbar
ohne eingehende Betrachtung der Lebensansichten Schillers und
Goethes: und hat doch die Zeit des Klassizismus eine gedanken⸗
schwere Dichtung erstehen sehen, die zu dem Schönsten gehört,
was Menschen überhaupt an philosophischer Poesie geschaffen
haben.
Gewiß halten auch die Fürsten der Dichtung in dieser
Zeit im allgemeinen an den Grundanschauungen der Kantischen
Philosophie fest; aber doch nur, insofern diese Grund—
anschauungen als unumgängliche Forderungen eines subjekti—
vistischen Daseins überhaupt erscheinen. Und so geben Goethe
und Schiller, wie schon vor ihnen Herder, wohl zu, daß der
Mensch nicht mehr im Weltpunkte des Alls stehe, sondern im
        <pb n="83" />
        Neue Weltanschauung.

375

Gedränge, halten aber mit Kant daran fest, daß er dies Ge—
dränge von feinem Standpunkte aus zu betrachten ein erkenntnis—
theoretisches Recht habe:

In selbstgefäll'ger, jugendlicher Freude

Leiht er den Sphären seine Harmonie,

Und preiset er das Weltgebäude,

So prangt es durch die Symmetrie!.
Und wie durch die Kritik der reinen Vernunft, so wird
die Weltanschauung des Klassizismus auch durch die Kritik der
praktischen Vernunft und der Urteilskraft mit bestimmt; ja
auf diesem Gebiete ist die mit steigendem Alter sich immer
mehr vertiefende Persönlichkeit Kants, namentlich in der Auf⸗
fassung des Sittengesetzes, sogar noch einflußreicher gewesen.
Vor allem entnimmt man Kant hier die Lehre von der Zwei—
heit der menschlichen Natur; wie oft hat z. B. Goethe nicht
den Menschen eine Ausgeburt zweier Welten genannt: und
„Licht und Geist, jenes im Physischen, dieser im Sittlichen
herrschend,“ waren ihm „die höchsten denkbaren, unteilbaren
Energien“.

Allein so sehr der Klassizismus im Gegensatze zur Empfind⸗
samkeit und zum Sturm und Drang und auch zur Romantik
darauf ausging, die Welt in ihrer Gesetzmäßigkeit auf dem
Wege der Erfahrung zu umfangen, so wenig hielt er dies
Ziel mit den Mitteln bloßer Begriffsbildung, ja bloßen
Denkens überhaupt für erreichbar. Uber dem Begriffe stand
ihm die Idee und über dem Denken das Schauen: unmittel⸗
bar, aus dem unendlich reichen Pathos einer harmonischen,
optimistischen Stimmungshaltung heraus wollte er intuitiv des
Weltganzen gewiß werden: und höchste Weisheit und Be—
geisterung sollte ihm das Allgemeine ohne Zwischenglied im
Individuellen erschließen.

Es war zweifelsohne eine aystische Art des Erkennens;
und man war sich dessen auch ebenso bewußt, wie man die
Methode für zuverlässig hielt. Denn noch waren längst nicht

mFaust II. T. 53. Akt.
        <pb n="84" />
        376

Zweiundzwanzigstes Buch.
Wissenschaft und Kunst, Denken und Dichten, kritische Analyse
und die Synthese des phantasievollen Raptus in den seelischen
Gewohnheiten der Zeit so genau geschieden, wie in denen der
Gegenwart: ja erst im 17. Jahrhundert hatten sich in dem
Denken der Zeitgenossen im Grunde Wissenschaft und Kunst
überhaupt zu trennen begonnen: und auch jetzt nannte man
immer noch nach Goethes Ausdrucke, der die Auffassung des
18. Jahrhunderts klar bezeichnet, das abgezogene Wissen
Wissenschaft, die zur Tat verwendete oder praktische Wissen⸗
ichaft aber Kunst.

Bei dieser seelischen Haltung versteht es sich, daß ein
mystischer Empirismus der Zeit Goethes und Schillers noch
als vollgültiges, ja einziges Erkenntnismittel gelten konnte.

Da sah man wohl, wie Kant die Syllogismenbrücke, über
die die hohen Geister des individualistischen Zeitalters trium—
ohierend in das Reich des Absoluten eingezogen waren, ab—
zebrochen und eine neue kaum gebaut hatte: seine Postulate,
ein schlechter Ersatz der früheren Gewißheit, erschienen nur wie
ferne Wünsche und einsames Sehnen nach dem alten, herrlichen
dand.

Aber sollte da eine neue Mystik nicht wenigstens neue
Stege bauen können? Freilich nicht eine Mystik von der
Erregungsfähigkeit der mittelalterlichen, ja selbst nicht von der
weit feineren Schattierung des eben jetzt zu Grabe gehenden
Pietismus: eine um vieles zarter schauende, umsichtigere Mystik
vielmehr anscheinend einfach begrifflicher Intuition: ein neuer
Zweig gleichsam nur an dem uralten Baume synthetischer
Erkenntnisversuche. Da wollte man nicht mehr mit „Geistes—
augen“ in die jenseitige Ferne schauen:

nach drüben ist die Aussicht uns verrannt.

Aber doch schien es möglich durch geniale Intuition, durch
inneren Sinn, durch etwas noch durchsichtig Schmiegsameres
als den amor intellectualis Spinozas, der Welt des Dies—
seits — und auch der seelischen Welt — näher zu treten als
bisher und klare Entdeckungen zu machen: hier auf natur—
        <pb n="85" />
        Neue Weltanschauung.

377
wissenschaftlichem Gebiete, dort in den kühnerschauten Reichen
einer Geschichte des Geistes. Und lehrte nicht am Ende auch
Kant, daß die menschlichen Kenntnisse weder aus bloßer Speku⸗
lation entsprängen, noch aus bloßer Erfahrung, sondern durch
eine organische Wechselwirkung des Objektiven mit dem Sub—
jekt? Vor allem auf den mehr greifbaren Gebieten der Natur⸗
wissenschaft erschien der damit bezeichnete Weg gangbar. Da
mochte wohl eine besonders hohe Erregungsfähigkeit des Ge⸗—
mütes, wie sie als dauernder Zustand und gleichsam quietistisch
eintreten konnte, dazu führen, daß hervorragende Geister sozu—⸗
— DDD ihnen
die Schranken zu fallen schienen, die sie von dem Gegenstande
hrer Wahrnehmung trennten. Konnte sich dann, in einem
solchen Falle, nicht dauernd ein Gefühl der Naturnähe bilden,
aus dem heraus sich die Rätsel der Erscheinungswelt auf intui—
tivem Wege zu lösen schienen, unter dessen Einflusse hinter
dem bunten Mantel der sichtbaren Wirklichkeit das feste Ge⸗
füge, ja das Skelett hervorzutreten schien, das es zusammen⸗
hält: wo in der Natur zwar noch nicht der Schöpfer, wohl
aber die Urphänomene, die mit allen künftigen Formen
schwangeren Urerscheinungen sich enthüllten?

Goethe vor allem rang sich aus Empfindsamkeit und
Sturm und Drang zu dieser stillsten und feinsten aller bisher
von Deutschen erlebten Mystiken empor: eben auf ihr beruht
seine Betrachtung der Natur und, wir werden es bald sehen,
auch des Geistes. Dabei war er sich, mindestens im höheren
Alter, dieser Grundlage seines Erkennens wohl bewußt. Und
eben in ihr fand er die Einheit seiner Natur als Forscher
und Dichter. „Wenn der Knabe zu begreifen anfängt,“ heißt
es in einem seiner Sprüche in Prosa, „daß einem sichtbaren
Punkte ein unsichtbarer vorhergehen müsse, daß der nächste
Weg zwischen zwei Punkten schon als Linie gedacht werde,
ehe sie mit dem Bleistift aufs Papier gezogen wird, so fühlt
er einen gewissen Stolz, ein Behagen. Und nicht mit Un—
recht, denn ihm ist die Quelle alles Denkens aufgeschlossen,
Idee und Verwirklichtes, potentia et actus, ist ihm klar ge⸗
        <pb n="86" />
        378

Zweiundzwanzigstes Buch
worden.“ Und in der Tat, dies Behagen, dieser Stolz ist
eins der Grundelemente poetischen und das will sagen schöpfe—
rischen Daseins. Selbst wenn eine Idee, d. h. ein Bild, uns
nicht zum Schaffen, sondern nur zum Betrachten anregt,
fühlen wir in der hierfür nötigen Zusammenfassung unserer
anschauenden Kräfte unmittelbar die Beseligung des Schaffens.
Es ist der Punkt, von dem eine Übertragung dieser mystischen
Erkenntnistheorie auch in die Gebiete des Geistes möglich er—
schien, ja unmittelbar notwendig werden mußte: wo in der
Natur das Urphänomen hervorsprang, da mußten sich im
Geistesleben die hinter dem Vorhange der psychologischen
Wirkungen waltenden Ideen enthüllen. So hatte schon Herder
die Ideen anschauen dürfen, und so sah sie, vor allem in der
Welt des Willens, der durch Kant in der Seelenlehre erst
recht wieder entfesselten Kraft, später an erster Stelle Schiller.
Dabei kannte man immerhin das Ungewöhnliche, das

gleichsam Aristokratische dieser Erkenntnismittel: und eben in
der Begnadigung mit ihnen erschien dem Klassizismus das
Schöpferische der Einzelpersönlichkeit enthalten:

Denn unten wogt es schwellend tief im Grunde

Mit der Natur im eng vereinten Bunde,

Allein dem Menschen lang oft unverstanden:

Bis, sich befreiend von des Dunkels Banden,

Ein leuchtender Gedanke aufwärts schießt

Und wie ein Erdenblitz den Himmel grüßt
In diesem Sinne hat sich der Goethe der letzten Jahrzehnte
wohl rückblickend mit der Conceptio mystica beschäftigt. „Ge—
wöhnliches Anschauen, richtige Ansicht der irdischen Dinge, ist
Erbteil des allgemeinen Menschenverstandes.“ „Reines An—⸗
schauen des Außeren und Inneren ist sehr selten. Es äußert
sich jenes im praktischen Sinn, im unmittelbaren Handeln;
dieses symbolisch, vorzüglich durch Mathematik, in Zahlen und
Formen, durch Rede, uranfänglich, tropisch, als Poesie des
Genies, als Sprichwörtlichkeit des Menschenverstandes.“ „Alles,
was wir Erfinden, Entdecken im höheren Sinne nennen, ist
die bedeutende Ausübung, Betätigung eines originalen Wahr—
        <pb n="87" />
        Neue Weltanschauung.

379
heitsgefühls, das im stillen längst ausgebildet, unversehens
mit Blitzesschnelle zu einer fruchtbaren Erkenntnis führt. Es
ist eine aus dem Innern am Äußern sich entwickelnde Offen—
barung, die den Menschen seine Gottähnlichkeit vorahnen läßt.
Es ist eine Synthese von Welt und Geist, welche von der
ꝛwigen Harmonie des Daseins die seligste Versicherung gibt.“
„Geheimnisse sind noch keine Wunder.“ „Poesie deutet auf
die Geheimnisse der Natur und sucht sie durchs Bild zu lösen.
Philosophie deutet auf die Geheimnisse der Vernunft und
sucht sie durchs Wort zu lösen. Mystik deutet auf die Geheim—
nisse der Natur und Vernunft und sucht sie durch Wort und
Bild zu lösen.“ „Alle Mystik ist ein Transzendieren und ein
Ablösen von irgendeinem Gegenstande, den man hinter sich zu
lassen glaubt. Je größer und bedeutender dasjenige war, dem
man absagt, desto reicher sind die Produktionen des Mystikers.“
Der Mystizismus ist die Scholastik des Herzens.“

Zeigen die zuletzt angeführten Sätze, in welcher Richtung
iich die mystische Erkenntnis bei Goethe in dessen letzten Zeiten
noch weiter umbildete, so ist doch schon die ganze Entwicklung
der Weltanschauung des Klassizismus ohne dies Element, in
noch mehr ruhigen, klaren Formen, kaum zu denken. Ja
bereits die vorhergehende Perliode der Empfindsamkeit und des
Sturmes und Dranges hat es gehabt: und zwar in weit er⸗
regterer, sprunghafter Anwendung, wie ihre Psychologie und
Ästhetik ohne weiteres erkennen läßt.

In wie regellosem Kampfe hatte man da doch eine
Kenntnis des neuen Seelenlebens in einer unmittelbar an—
geschauten, angeblich nicht mehr metaphysisch bedingten Psycho⸗
logie zu erwerben gesucht! War aber diese Psychologie, indem
sie von einer reicheren Auffassung und Zerlegung der pfychischen
Erscheinungen in Denken, Wollen und Empfinden ausging,
aum schließlich über die Begriffe der Spontaneität und Re—
zeptivität zur Phantasie als der wahrhaft schöpferischen Kraft
der Seele vorzudringen, in der auf diese Kraft begrundeten
Lehre vom Genie denn nicht von neuem deutlich im Begriffe
zewesen, der Metaphysik zu verfallen, wenn sie der Auffassung
        <pb n="88" />
        380

SZweiundzwanzigstes Buch
huldigte, daß das Genie ein göttlicher Funke unbegreiflichen
Urspunges sei?

Und auf dem Gebiete der Ästhetik hatte sich eine ähnliche
Wendung gezeigt. Gewiß hatte man sich hier von der alten
Vollkommenheits- und Vergnügenslehre des Rationalismus
losgelöst und war einer subjektivistisch begrundeten Theorie
der Kunst zugestürmt, indem man nicht mehr nach der Eigen—
schaft des Kunstwerkes, sondern des Künstlers gefragt hatte:
indes zugleich hatte man dadurch, daß man fast jedem prak—
tischen Wollen die Notwendigkeit ästhetischer Veranlassung
unterlegte, die Moral in die Lehre von den Künsten ein—
geführt und mit ihr jene Fülle transzendenter Anschauungen,
die sich an diese knüpften.

So begreift es sich, wenn die neue, doch vornehmlich auf
psychologischer und ästhetischer Grundlage rasch aufgezimmerte
Weltanschauung dieser Zeiten auch von stärksten metaphysischen
Elementen durchtränkt war. Und deutlich wirkte darum auf
diesem Gebiete noch der Einfluß der letzten großen Meta—
physiker der Vergangenheit nach. Auf Spinoza ging die Auf—⸗
fassung zurück, daß Gott die immanente Weltursache sei, auf
Leibniz die Anschauung der Welt als eines Systems wirkender
Kräfte. Gewiß war mit der Entwicklung dieser Sätze die
eigentlich ontologistische Grundlage der Systeme Spinozas und
vor allem Leibnizens beseitigt: die Monaden erschienen nicht
mehr als raum- und zeitlos, abstrakt und intellektualistisch ge—
dachte Wesen, sondern waren zu mystischen Weltkräften ge—
worden, und der leibnizischen Kontinuität drohte auch schon
ihr raum- und zeitloser Charakter verloren zu gehen: allein
noch immer blieb doch die Vorstellung von der Selbständigkeit,
Freiheit, Unsterblichkeit, graduellen Verschiedenheit und Ziel—
strebigkeit dieser wirkenden Kräfte bestehen und damit ein
durchaus metaphysisches Element des neuen subjektivistischen
Empirismus. Folge wie Ursache dieser halben Wandlung war,
daß an die Stelle des abstrakten ein konkreter Universalismus
und an die Stelle des denkhaften Ontologismus schon jetzt
ein tatsächlicher Mystizismus idegalistischen Charakters trat, daß
        <pb n="89" />
        Neue Weltanschauung.

381
die Anschauung dem Denken nicht bloß gleichgesetzt, sondern
vorgezogen ward, und daß damit eine neue, zwar idealistische,
zugleich aber auch intuitiv-mystische, „ahndevolle“ Geisteskultur
erblühte.

Der Vollender und größte Held dieser Frühkultur des
Subjektivismus war Herder gewesen. Denn von ihm kann
mit Recht behauptet werden, daß er nicht eigentlich Forscher
gewesen sei, sondern nur „eine große Gabe gedankenreichster
Reproduktion“, einen wahrhaft ahnenden Sinn besessen habe.

Über Herder hinweg aber stieg jetzt, in den Zeiten des
Klassizismus, Goethe: Goethe hat wohl inmal selbst seine Früh—
zeit, da er noch teilweise unter Herderschem Einflusse stand, als
seinen Komparativ, die spätere Periode dagegen, seit den neun—
ziger Jahren des 18. Jahrhunderts, die eigentliche Zeit des
Klassizismus, als seinen Superlativ bezeichnet. Goethes Welt—⸗
anschauung nach ihrem Wesen wie ihrer Entstehung gilt es
daher vor allem vorzuführen, soll ein tieferes Verständnis des
lassizistischen Geisteslebeus erreicht werden.

Und da kommt es an erster Stelle darauf an, die Intuition,
die „anschauliche Erkenntnis“ als Prinzip aller Betrachtung
eben im Sinne Goethes näher zu erläutern. Und sehr
natürlich, daß sich in diesem Zusammenhange, bei dem rein
versönlichen Charakter des Erkenntnisprinzipes, das Wesen des
Dichters als für jede nähere Bestimmung entscheidend ergibt.
Goethe war dem regellosen, dithyrambischen Ergreifen ab—
geneigt, so sehr er sich ein Verständnis selbst für Kontem—
plation und Askese des Mittelalters zu erwerben wußte; ge⸗
läutert, „rein“ zu sein erschien ihm als Vorbedingung jeglicher
wirklichen Erkenntnis. Darum sollte seiner Meinung nach im
Vorgange des Erkennens eine gleichmütige Stimmung der
Seele, durch das allgemeine Interesse des Objekts geleitet, die
beobachtende Aufmerksamkeit gleichmäßig auf alle Punkte ver⸗
teilen; und es sollte das Bestreben obwalten, jeden Gegen—
stand oder jede Klasse von Gegenständen und so nach und
nach das Ganze bis zu seinen äußersten Grenzen und höchsten
Zusammenfassungen zu verfolgen. Parteilosigkeit und Allgemein⸗
        <pb n="90" />
        382

Zweiundzwanzigstes Buch.
heit sollten also möglichst viel Wirklichkeitssinn gewährleisten;
und durch ihre Beobachtung sollte der intuitive Mensch leiden—
schaftslos in jene Höhen entrückt werden, welche die „Er—
ahndung des Göttlichen“, d. h. die Anschauung der hinter den
Objekten wirkenden Ideen, der Teilkräfte des immanenten Ab—
soluten gestatteten. Das war nach Goethe die „zarte Empirie,
die sich mit dem Gegenstand innigst identisch macht und da—
durch zur eigentlichen Theorie wird“; und in diesem Sinne
übergibt in seinem „Faust“ Mephistopheles, als Verkörperung
des nüchternen Rationalismus, dem Idealisten Faust bei seinem
Forschergange in das unbetretene Reich der Mütter, der meta—
physischen Lebenskräfte, den goldenen Schlüssel der Wirklichkeits—
intuition, der in seinen Händen aufblitzend die Führung über—
nehmen soll. Freilich: die Gefahr ist groß, sich bei diesem
Gange in das Reich der Schemen zu verlieren, der Wirklich—
keit völlig enffremdet und von den Müttern erfaßt und nicht
wieder freigelassen zu werden: drum
Den Schlüfsel schwinge, halte sie vom Leibe!
In der Tat haben denn auch die Vertreter der neuen
mystisch⸗idealistischen Weltanschauung, allen voran Goethe, die
größten Anstrengungen gemacht, reine Idealisten zu werden
und dennoch reine Empiriker zu bleiben: vornehmlich durch
starke Konzentration der geistigen Fähigkeiten auf die äußeren
Sinne: welch wunderbaren Auges und wohl entwickelten Formen⸗
sinns hat sich nicht eben Goethe und welcher außerordentlichen
Erfahrung in rascher Beurteilung von Charakteren hat sich nicht
Schiller erfreut!

Allein war das Ziel zu erreichen? Wenn Goethe den
Satz aufstellte, daß die Natur alles auf Individualität an—
gelegt zu haben scheine: drückte er dann nicht doch Zweifel
schon am Typ und in gewisser Hinsicht auch an der Idee aus?
Melancholisch zog schließlich Wilhelm von Humboldt, der tief—
sinnigste Vertreter vielleicht der jüngeren Generation des Klassi—
zismus, aus den erkenntnistheoretischen Bestrebungen seines
Zeitalters den Schluß: „Jeder eigen gebildete Mensch trägt
        <pb n="91" />
        Neue Weltanschauung.
388
sich selbst in die Natur hinüber. Alle unsere Gedanken von
Organisation gehen ursprünglich vom Menschen aus; daher
läßt sich ein tiefer Blick in die Beschaffenheit der Organisation
auch der leblosen Natur nicht ohne physiologische Kenntnis des
Menschen tun. — Aber physiologische Kenntnis des Menschen
ist nicht ohne psychologische möglich. Darum ist es im höchsten
Verstande wahr, daß jeder nur in dem Grade Fülle und
Schönheit außer sich wahrnimmt, in welchem er beide im
eigenen Busen bewahrt.“ Extremer Subjektivismus trotz aller
Intuition ins Allgemeine, das war das Ergebnis, und dem
Klassizismus der idealistischen Zeit folgte die Romantik. —

Wollte man nun aber eindringende Anschauung als Prinzip
des Erkennens auf die Welt der Erscheinungen anwenden, so
ergaben sich im Bereiche des menschlichen Seelenlebens, und das
heißt vor allem in den weiten Bezirken der Geschichte, alsbald
die größten Schwierigkeiten; und vielleicht auch deshalb hat
sich Goethe diesem Gebiete weniger eingehend zugewandt. Er
konnte wohl noch in späteren Jahren sagen, Geschichte schreiben
sei eine Art, sich das Vergangene vom Halse zu schaffen, und
meinte, die Historiker hätten Sorge zu tragen, daß das
Publikum nicht in das Geheimnis hineinsehe, wie wenig in
der Geschichte als entschieden ausgemacht kann angesehen
werden“. Dieser klare Verzicht auf tieferes Eindringen hat
indes den Dichter nicht gehindert, gelegentlich allgemeinere
Eindrücke auch für das historische Gebiet auszusprechen; denn
immerhin war er überzeugt, daß große, von Ewigkeit her oder
in der Zeit entwickelte, ursprüngliche Kräfte unaufhaltsam auch
in der Geschichte walten. So finden sich bei ihm wertvolle
Beobachtungen zu jener geschichtlichen Ideenlehre, die später
das Denken Rankes beherrscht hat, und es ist bezeichnend, wie
sie sich durch Schärfe des Urteils von verwandten Aussprüchen
selbst auch Rankes unterscheiden. „Eine jede Idee tritt als
ein fremder Gast in die Erscheinung, und wie sie sich zu
realisieren beginnt, ist sie kaum von Phantasie und Phantasterei
zu unterscheiden.“ „Eine große Idee, sobald sie in die Er—

Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 2. 925
        <pb n="92" />
        384

Zweiundzwanzigstes Buch
scheinung tritt, wirkt tyrannisch; daher die Vorteile, die sie
hervorbringt, sich nur allzubald in Nachteile verwandeln. Man
kann deshalb eine jede Institution verteidigen und rühmen,
wenn man an ihre Anfänge erinnert und darzutun weiß, daß
alles, was von ihr im Anfange gegolten, auch jetzt noch gelte.“
Und von solchen Einzelbeobachtungen her stieg der Dichter,
wenn auch nicht ständig und systematisch, doch ins Allgemeine;
er lebte da aus seiner Erfahrung her des Bewußtseins, daß,
wer vor schwierigeren Problemen der Geschichte nicht zurück—
schrecke, sondern kühn darauf losgehe, sich, indem er weiter
gedeihe, höher gebildet und behaglicher fühle; und wir ver—
danken ihm so hohe allgemeinste Einsichten wie die, daß das
Beste, was wir von der Geschichte haben, der Enthusiasmus,
das Gefühl der menschlichen Größe sei, die sie errege. Frei—
lich: im ganzen begann für Goethe der Bereich des Un—
erforschlichen in der Geschichte schon in deren Randgebieten;
und so ist es nicht verwunderlich, wenn er sich, um ihn noch
zinmal persönlich reden zu lassen, auf geschichtlichem Boden
schon früh mit dem schönsten Glücke des denkenden Menschen
begnügte, das Erforschliche erforscht zu haben und das Un—
erforschliche ruhig zu verehren. Mit um so nachhaltigerem
Eifer aber wandte er sich dem sinnlichen Gebiete des Erforsch-
baren, den Naturwissenschaften zu, denn „die Sinne trügen
aicht, aber das Urteil trügt“.

Will man ihn auf diesem Gebiete verstehen, so muß man
sich erinnern, daß ihm, bei seinem Glauben an die Allbeseeltheit
der Materie, alle naturwissenschaftlichen Fragen im Grunde
in biologische aufgingen: der Begriff des Lebens ist es daher,
den er überall fand und dessen einfachste Phänomene, die Ur—
phänomene, nachzuweisen sein eigentlichstes Bestreben blieb.
Nichts ist hierfür bezeichnender, als daß er den Glauben der
alten ionischen Naturphilosophen, nach welchem die atmosphä—
rischen Erscheinungen auf einem Ein- und Ausatmen der Erde
als eines Lebensorganismus beruhten, in wenig umgeformter
Weise durch seine barometrischen Aufzeichnungen bestätigt
fand. Und selbstverständlich erschien es ihm hiernach, daß
        <pb n="93" />
        Neue Weltanschauung.

385
man die geologischen Epochen der Erdentwicklung, soweit er
sie erkannte, biologisch betrachten müsse; der Entwicklung der
Erdoberfläche schienen ihm gestaltende Kräfte von höheren
Bildungsprinzipien, als sie in Chemie und Physik bekannt
ind, zugrunde zu liegen: sie erwiesen sich ihm in der Faltung
und Lagerung der Massen tätig und hatten so in ihrer lang—
samen Auswirkung durch unendlich lange Zeiträume hin die
heutige geologische Welt geschaffen.

Sein Hauptaugenmerk aber wandte Goethe unter diesen
Umständen ganz besonders den naheliegendsten biologischen
Problemen zu, den Fragen der Botanik und der Zoologie
also im weitesten Verstande: kaum bedurfte es da noch der
äußeren Anregung, die er 1776 in Weimar durch Schenkung
eines Gartens von seiten seines Herzogs erhielt, um ihn auf
die anscheinend elementarste der hier in Betracht kommenden
Aufgaben, auf die Biologie der Pflanzenwelt, hinzuweisen.

Was er nun hier suchte und schließlich schaute hinter den
mannigfaltigen Formen der Flora, war nicht etwa eine mög⸗
lichst einfache Pflanze, ein niedrig stehendes pflanzliches Lebe—
wesen, aus dem in unendlich langer zeitlicher Entwicklung die
höher organisierten Pflanzen durch irgendwelche Wirkungen
hervorgegangen wären; fern blieb er dem Darwinischen Ge—
danken einer kausalen Entwicklung. Und fern war er auch
verwandten Vermutungen Kants, die freilich der Königsberger
Weise selbst, obwohl er sie etwas genauer ausführte, ein „ge—
wagtes Abenteuer der Vernunft“ genannt hatte. Was er zu
finden bestrebt blieb, war gewiß auch eine Urpflanze, doch
ganz anderen Charakters. Er nahm an, allen Pflanzen müsse
die im Grunde zeit- und raumlose, aber energiebegabte Idee
eines allgemeinsten pflanzlichen Typus zugrunde liegen, ein
Gebilde, das die Fähigkeit zur Ausbildung nicht bloß aller
wirklich bestehenden, sondern auch noch zahlreicher, einstweilen
nur denkbarer Pflanzenformen in sich trage; ein Gebilde, das
mit Geistesaugen sehr wohl zu schauen sei und das mit einem
einzigen Blick das wirkende Ganze jeglicher Pflanzenwelt zu
erfassen erlaube. Das Gebilde selbst anschaulich zu gestalten,

25*
        <pb n="94" />
        386 Zweiundzwanzigstes Buch.
war seine Sorge vornehmlich während der achtziger Jahre;
und die Reise nach Italien (1787), die Betrachtung der Wand⸗
lungen des pflanzlichen Lebens in den Alpen, der Anblick einer
anderen Vegetation vom botanischen Garten zu Padua bis
südlich hinab zu den Kaktusfeldern Siziliens brachte ihm die
Lösung. Was er anfangs noch hypothetisch ausgesprochen
hatte, das wurde ihm nun anschaulich darstellbare Uberzeugung:
die Urpflanze entwickelt sich durch Ausdehnung und Zusammen⸗
ziehung aus der einfachsten Bildungsform, dem Blatte. Der
Keim ist der Idee nach ein zusammengezogenes Blatt; dann
folgt die erste Ausdehnung in den Kotyledonen; und nun
sproßt im Wechsel von Zusammenziehung und Ausdehnung
Trieb auf Trieb, Knoten auf Knoten, Blatt auf Blatt: bis
sich das ganze System im Kelche von neuem zusammenzieht,
in der Blumenkrone ausbreitet und in den Staubgefäßen und
im Stempel wie in der Fruchtbildung eine neue Zusammen—
ziehung und Ausdehnung erlebt. In diesen Stufen ihrer
Bildung entfaltet sich die Idee der Pflanze von innen heraus
nach dem in ihr webenden Grundsatze des Lebens, und diese
Bildung wiederholt sich in jeglicher Pflanzenart der bekannten
Flora:
Alle Glieder bilden sich aus nach ew'gen Gesetzen,
Und die feltenste Form bewahrt im Geheimsten das Urbild.

So ist es die Idee von einem stufenweise, wie auf einer
„geistigen Leiter“ vom Samen bis zur Frucht sich umbildenden
pflanzlichen Grundorgan, welche die unendliche Vielheit des
Pflanzenlebens beherrscht; von Anbeginn hat sie sich in diese
Vielheit ergossen, und niedrig und hoch organisierte Formen
sind in gleicher Weise unmittelbar aus ihr hervorgegangen.
In diesem Sinne ist die Urpflanze ein Urphänomen, und als
solches unverwüstlich, erhaben über Raum und Zeit:

Göttinnen throuen hehr in Einsamkeit,
Um sie kein Ort, noch weniger eine Zeit,
Von ihnen sprechen ist Verlegenheit —
Die Mütter sind es.
        <pb n="95" />
        Neue Weltanschauung.

387
Der Urpflanze aber mußte ein Urtier entsprechen. Frei—
lich: viel schwerer war die Idee dieses Urtieres anschaulich
zu erfassen bei den um ein Unendliches reicher gestalteten
Formen der Tierwelt; und vor allem gab es scheinbar unter
den animalischen Wesen nicht jene Kontinuität der Formen, die
doch eine Voraussetzung war für die Zurückführung von ihnen
allen auf ein gemeinsames Prinzip: und insbesondere vom
menschlichen Skelett behaupteten die Anatomen der Zeit, daß
ihm der Zwischenkieferknochen und damit der volle Parallelis⸗
mus der Bildung mit den Skeletten der höchst entwickelten
Tiere fehle. Hier vor allem war es darum, wo Goethe mit
seinen Forschungen einsetzte: und durch Entdeckung des mensch⸗
lichen Zwischenkieferknochens (1784) stellte er für die Fauna
jene lex continui Leibnizens her, deren er bedurfte, um die
Anschaulichkeit des ideellen Urtieres zu ermöglichen. Nun aber
galt es diese Anschauung selbst zu entwickeln. Es war eine
Aufgabe, der der Dichter gleichzeitig mit der Lehre von der
Urpflanze in Italien nachging; und ein geborstener Schaf⸗
schädel, den er 1790 auf den Dünen des venetianischen Lido
fand, wies ihm hier besonders deutlich den schon früher ge—
ahnten Weg. Er behauptete jetzt, daß Schädelknochen und
Gehirn ideell nur Endglieder der Wirbelsäule und des Rücken—
markes seien!, und er drang, wenn er auch im übrigen einen
klaren Weg zur ideellen Veranschaulichung des Urtieres nicht
fand, doch zu einem allgemeinen Satze über die Art seiner
Auswirkung in den einzelnen realen Tierformen vor, dem das
Gesetz der sogenannten Korrelation oder Kompensation der
Organe der heutigen Physiologie entspricht: zu dem Satze
nämlich, daß sich im Urorganismus alle Glieder gleichmäßig
ausgebildet das Gleichgewicht halten müßten, und daß die
Mannigfaltigkeit der realen Tierformen entstehe, indem sich
die Kraft der Bildung auf bestimmte Glieder werfe und dafür

—
Daß dies bei den Urfischen oder Selachiern tatsfächlich der Fall
ist, hat 1872 Karl Gegenbauer nachgewiesen: val. Steiner Goethes Welt—
anschauung S. 182.
        <pb n="96" />
        388

Zweiundzwanzigstes Buch.
andere in der äußeren Erscheinung gar nicht oder nur an—
deutungsweise entwickelt würden. Diese Kraft der Bildung
aber werde ausgelöst durch den Reiz äußerer Einflüsse: so daß
von den unzähligen, im Urtier wie in der Urpflanze der Idee
nach enthaltenen Organismen eben nur diejenigen entstehen,
auf welche gewisse äußere Reize hinwirken.

Es ist der Punkt, in welchem Goethe, wie an verwandten
Stellen auch Herder, die Grundgedanken der Entwicklungs⸗
lehre Darwins aufs nächste zu berühren scheint, wie er denn
in der Tat gelegentlich die Behauptung aufgestellt hat, daß
die Urbilder sich noch täglich durch Fortpflanzung aus- und
umbilden!. Indes ganz abgesehen davon, daß diese Um—
bildung von Goethe als eine doch wesentlich spontane, von
inneren Bildungskräften getragene angesehen wurde und nicht
als eine kausal von außen her veranlaßte, so stand der Dichter
vor allem ganz allgemein dem zeitlich-kausalen Entwicklungs—
gedanken zurückhaltend gegenüber; und er hatte, bei der noch
recht begrenzten Kenntnis naturwissenschaftlicher Tatsachen in
—
Entwicklungstheorie, wie sie vornehmlich in Frankreich auf—
traten, allen Grund zu diesem Verhalten.

Nicht also eine Entwicklungstheorie der Lebewesen im
Sinne tatsächlicher, kausal bedingter Entfaltung aus einem
primitiven, konkreten Urorganismus hat Goethe aufgestellt,
sondern die Lehre von der Metamorphose idealer pflanzlicher
und tierischer Urphänomene in die, sei es nun ärmlich, sei es
reich entwickelten Formen der vorhandenen Pflanzen- und
Tierwelt.

Indem der Dichter aber die ideellen Kräfte und Urformen
mit „Geistesaugen“ im ganzen Bereiche des uns unmittelbar
sichtbaren Lebens ausgegossen schaute, war er weit davon ent—⸗
fernt, die Wirkungsgewalt dieser Kräfte in den engen Kreis
des spezifisch Biologischen einzuschließen. Auch die Erde be—

Vorträge über die drei ersten Kapitel des Entwurfs einer all—
zemeinen Einleitung in die vergleichende Anatomie“, 1796.
        <pb n="97" />
        Neue Weltanschauung.

389
trachtete er als einen von besonderen ideellen Urphänomenen
durchwirkten Gesteinskörper, als einen Organismus. Und weit
darüber hinaus hat er seine Betrachtungsweise selbst auf die
spröden Gebiete der reinen Physik und Chemie noch aus—
gedehnt.
Das ist der Zusammenhang, in dem seine Farbenlehre ver⸗
ständlich wird, wenn sie auch zunächst durch rein ästhetisch-
psychologische Bedürfnisse in ihm angeregt wurde, durch die
Notwendigkeit nämlich, die warme und kalte, die aufregende
und die beruhigende Wirkung gewisser Farben und Kolorite
zu erklären.

Goethen mußte da bei seiner ganzen Anschauungsweise
ein Betrieb der Naturwissenschaft unverständlich bleiben, der
eine Reduktion der physikalischen und chemischen Erscheinungen
nur auf quantitative Momente vornahm: wo hätten da die
qualitativ unterschiedenen Urphänomene, die Ideen bleiben
sollen? Fern stand er darum dem Begriffe der mechanischen
Kausalität überhaupt, wie ihn seit der weiteren mathematischen
Durchbildung der Mechanik im 17. Jahrhundert die Welt der
Naturforscher ständig verwertete und wie ihn Newton zu der
heute geltenden Erklärung der Erscheinungen des Lichtes an⸗
gewandt hatte. Von seinen allgemeinen naturphilosophischen
Voraussetzungen aus bedurfte der Dichter vielmehr auch in
der Welt der reinen physikalisch-chemischen Erscheinungen der
Annahme qualitativer Momente: denn nur diese konnten die
anschauliche Erkenntnis verschiedener, hinter den physikalisch⸗
hemischen Erscheinungen stehender Urphänomene vermitteln.

Und schienen solche qualitative Elemente nicht gerade in
der Farbenwelt, in der verschiedenen psychologischen Wirkung
der einzelnen Farben, vorhanden zu sein? Von dieser Wirkung
ging er aus: als die polaren Gegensätze innerhalb der Skala
dieser Wirkungen erschienen ihm bald Licht und Finsternis,
und es gelang ihm seiner Auffassung nach, experimentell deren
Mischung zu Gelb, einem durch Finsternis gedämpften und
darum warmen Licht, und Blau, einer durch das Licht ab⸗
geschwächten Finsternis und dadurch kalten Farbe, sowie zu
        <pb n="98" />
        390

Zweiundzwanzigstes Buch.
allen anderen Farben mit besonderen qualitativen Wirkungen
nachzuweisen. Und so war denn auch auf diesem Gebiete die
geforderte idealistische Anschauung der Natur erreicht, nur
daß hier, in der für unseren Augenschein zunächst unbelebten
Welt, die Urphänomene weit unmittelbarer als in der be—
lebten Welt zutage traten: hatte sich doch aus den Ur—
phänomenen des Lichts und der Finsternis und deren Aus—
wirkung ohne weiteres die bunte Welt der empirischen Farben
ergeben.
Wenn aber so auch die physikalisch-chemischen Vorgänge,
wie die Farbenlehre zeigte, sich nicht minder einer typisch an⸗
schauenden Erkenntnis zu erschließen schienen, wenn bei ihnen
Urphänomene hervortraten wie auf dem Gebiete der bio—
logischen Metamorphosen Urtier und Urpflanze: was stand
dann noch weiter hinter diesen Ideen und Kräften? Und wie
war es möglich, von ihnen aus noch fürder eine Stufe vor—
zudringen hinein und hinab in die tieferen Kammern des
Lebens?
Es ist die Stelle, an welcher Goethe abbricht. Er ist
uüͤberzeugt davon, daß der lebendige Bund zwischen leiblichem
und geistigem Auge uns zur Erkenntnis der Natur als einer
kräftedurchströmten, organischen Erscheinung, als eines sinnlich⸗
übersinnlichen Elements befähige — darüber hinaus dagegen
in klarer und das heißt ihm in anschauender Erkenntnis vor—⸗
zudringen, ist uns versagt. Denn das spekulative Denken,
das wohl die Urbilder und Urphänomene zusammenfassen
könnte zum Aufbau irgendeines metaphysischen Systemes, ist
nach des Dichters Auffassung ein gegenüber der Intuition ver—
kümmertes Denken:
Ich sag' es dir: ein Kerl, der spekuliert,

Ist wie ein Tier, auf dürrer Heide

Von einem bösen Geist im Kreis herumgeführt,
Und rings umher liegt schöne grüne Weide.

Oder wie Goethe es in einem Briefe an Jacobi einmal nicht
minder entschieden ausdrückt: „Gott hat Dich mit der Meta—
        <pb n="99" />
        Neue Weltanschauung.

301
physik gestraft und Dir einen Pfahl ins Fleisch gesetzt, mich
mit der Physik gesegnet.“

Aber setzt nun eine solche Haltung etwa überhaupt Kühl—⸗
heit gegenüber den größten metaphysischen Fragen des
Menschenseins voraus? Wie hätte Goethe in seiner intuitiven
Betrachtung der Dinge nicht auch fromm sein sollen! Eben
in der Ehrfurcht seiner Intuition, wie er sie täglich übte, be⸗
stand sein Gottesdienst. Denn Ehrfurcht der Betrachtung hieß
ihm Hingabe im Schauen:
In unsres Busens Reine wogt ein Streben,
Sich einem Höhern, Reinern, Unbekaunten,
Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben,
Enträtselnd sich dem ewig Ungenannten —
Wir heißen's fromm sein

Und so war sein Leben, abgesehen von den explosiven
Jahren der Jugend und den in immer tiefere Mystik ge—
tauchten Jahrzehnten des Greisenalters, tatsächlich in der
Ehrfurcht verankert vor den dunkeln, nicht völlig enträtsel⸗
baren Geheimnissen der Natur und der Geschichte, hinter
denen sich dem Schauenden göttliche Kräfte webend und
waltend zeigten, und in dem innigen Kulte eben dieses
Schauens. Da schien sich denn wohl der Kosmos als ein
wunderbarer Organismus des Alls zu enthüllen, in dem Leben
und Dasein bedingt waren durch das gesetzmäßige Wechselspiel
der Glieder und fruchtspendend die goldenen Eimer auf und
nieder stiegen; und als ein ewiges Anziehen und Abstoßen, als
ein Trennen und Verbinden der Kräfte, als Polarität, er—
schien das Triebrad der Natur:
Die endlich' Ruh' wird nur verspürt,
Sobald der Pol den Pol berührt;
Drum danket Gott, ihr Söhne der Zeit,
Daß er die Vole für ewig entzweit!
Und hinderte da noch etwas, an all diese Wechselwirkungen
als die Erscheinung einer in dem Ganzen teleologisch wirkenden,
metaphysischen Kraft, einer Idee über alle Ideen, zu glauben?
        <pb n="100" />
        392

Zweiundzwanzigstes Buch.
Erfüll' davon dein Herz, so groß es ist,

Und wenn du ganz in dem Gefühle selig bist,
Nenn' es dann, wie du willst,

Nenn's Glück! Liebe! Herz! Gott!

Ich habe keinen Namen

Dafür! Gefühl ist alles.
So hat der jugendfrische Goethe empfunden; und der
alternde formulierte es nur bedächtiger: „Ich glaube an einen
Gott‘: Dies ist ein schönes, löbliches Wort; aber Gott an—
erkennen, wo und wie er sich offenbare, das ist eigentlich die
Seligkeit auf Erden.“ Und so fühlten, so empfanden im
Grunde auch all die Großen der Zeit, ein Herder, ein Kant,
ein Schiller: und trotzig mochte der alte Goethe von seinem
Glauben und dem Glauben der Besten dieser Zeit sagen: „Es
wäre nicht der Mühe wert, siebenzig Jahre alt zu werden,
wenn alle Weisheit der Welt Torheit wäre vor Gott.“

In der Tat: auf dem tiefsten Ankergrund des neuen
Seelenlebens war diese neue Gottesinnigkeit befestigt: denn
wie mochte eine Zeit, der Seelenleben engstverschlungenes
Zusammenwalten aller geistigen Kräfte hieß, einem Gotte
leben, der nur von außen stieß? Auch diesmal malte sich der
Mensch in seiner Anschauung der Ewigkeit.

Aber hieß diese Anschauung nicht auch Entsagung? Be—
durfte es nicht stiller Selbstüberwindung, jene letzten Kammern
des Lebens nicht gewaltsam zu öffnen, die sich dem Wissens⸗
bedürftigen so hartnäckig verschlossen? Wie schwer mochte
da dem Forschenden die Antwort auf ein Wie?, Wann? und
Wo? lauten —“
Die Götter bleiben stumm!
Du halte dich ans Weil, und frage nicht warum!
Und konnte die Süßigkeit des Schauens allein über all die
herben Stunden der Resignation hinwegheben? Es ist mit—
nichten Goethes Meinung. Intuition ist ein hoher Wunsch,
doch nicht der höchste. Der zweifelnden Pein der Entsagung
kann nur Herr werden, wer schafft; und über dem Anschauen
steht die Pflicht. So fährt Faust wohl hinab zu den Müttern,
        <pb n="101" />
        Neue Weltanschauung.

393
um im Reiche der Ideen, der ewigen Urformen des Seienden,
anschauend-selig zu weilen. Und Szenen voll wärmster
Farbenpracht umschlingen ihn und führen ihm in der klassischen
Walpurgisnacht die idealen Schemen der Geschichte vor. Aber
wie wenig stillen sie seinen Durst. Aus dem Schattenreiche
des Anschauens stürzt er fort in den Kampf mit den harten
Mächten der Wirklichkeit bis zum Ringen schließlich gegen die
Natur selbst: und mit dem Meere besteht er den siegreichen
Strauß, um „auf freiem Grund mit freiem Volk zu stehn“!.

Und erst auf diesem Boden, auf dem Boden herben
Kampfes und härtester Tat, erwächst dann wie Faust so dem
Dichter das Ideal der Unsterblichkeit. Eben darum ist die
Unsterblichkeit der Seele Goethen kein Gegenstand der Er—
kenntnis, sondern eine praktische Forderung gewesen. Und
als Forderung war sie ihm keineswegs für alle, Tüchtige und
Untüchtige, gleich selbstverständlich, sondern hing ihm ab vom
Werte persönlichen Tuns. „Wir sind nicht auf gleiche Weise
unsterblich, und um sich künftig als große Entelechie zu er⸗
weisen, muß man auch eine sein“:

Wer keinen Namen sich erwarb noch Edles will,
Gehört den Elementen an: — so fahret hin!
In diesem Zusammenhange konnte der Dichter wohl scharfe
Worte von „niederem Weltgesindel“ sprechen, von einem
„wahren Monadenpack, womit wir in diesem Planetenwinkel
zusammengeraten sind“ — und niemals hätte er moralischer
und intellektueller Faulheit, taten- und gesinnungslosem Wefen
die Unsterblichkeit zuerkannt.

Es sind die Züge seines Wesens, in denen er sich viel⸗
leicht am innigsten mit seinem großen Mitkämpfer, dem
Freunde seines reifen Mannesalters, dem Ideal seiner späten
Tage, mit Schiller berührt hat.

7. Schillers Weltanschauung ist aufs engste mit seinen
besonderen sittlichen und künstlerischen Idealen verflochten.
Windelband, Straßburger Goethevorträge S. 106.
        <pb n="102" />
        394

Zweiundzwanzigstes Buch.
Wir würden ihr nicht gerecht werden, wenn wir uns nicht
durch deren Darstellung den Zugang zu ihr eröffneten — ja
sie eben in ihrer Auswirkung in diesen recht eigentlich schon
kennen lernten. Ethik und Ästhetik Schillers aber lassen sich
in ihrer vollen Reife wiederum kaum verstehen ohne die
Parallelarbeit, ja teilweis unmittelbare Mitarbeit Goethes:
und so soll zunächst von dieser erzählt werden.

Da ist es denn für den Leser des soeben beendeten Ab—
schnittes kaum nötig zu bemerken, daß Goethes Lehre von der
Kunst ganz in seiner Naturanschauung wurzelte. Keineswegs
aber lief sie in diesenm Zusammenhange auf den Gedanken
einer bloßen Nachahmung der Natur hinaus, wie sie noch die
erste Hälfte des 18. Jahrhunderts gelehrt hatte, und wie sie
auch den Zeiten der Empfindung und des Sturmes und
Dranges, insofern diese einen neuen Naturalismus der
Dichtung entwickelten, nicht eben fern gestanden hatte. Viel—
mehr, wie der Dichter in seiner Naturbetrachtung tief hinab
griff bis auf die Ideen und Urphänomene, um aus ihrem
innersten Wirken die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen zu
verstehen und abzuleiten, so drang er auch in der Welt der
Dichtung und Kunst alsbald von der Hülle der Erscheinung
zu deren Kern, zu deren tieferem Sinne vor. Und konnte er,
indem er so verfuhr, nicht in der Tat auf ein ‚Urphänomen“
der Kunst treffen? Schopenhauer hat einmal geäußert, der
Begriff, so nützlich er fürs Leben und so brauchbar, notwendig
und ergiebig er für die Wissenschaft sei, bleibe doch für die
Kunst ewig unfruchtbar: die aufgefaßte Idee sei die wahre
und einzige Quelle jedes echten Kunstwerkes. Es ist die
Elementarerfahrung aller großen idealistischen Künstler gewesen
jeglicher Zeit und jeden Ortes. „Um eine Schöne zu malen,“
schreibt Raffael an seinen Freund Castiglione, „müßte ich deren
mehrere sehen; da nun aber immer Mangel an richtigem Ur—
teil wie an schönen Frauen ist, bediene ich mich einer gewissen
Idee, die in meinem Geiste entsteht.“ Und Dürer, Raffaels
großer Zeitgenosse und bewußter Nebenbuhler, meint dasselbe
mit dem epigrammatischen Worte, die Kunst stecke in der
        <pb n="103" />
        Vene Weltanschauung.

—F
Natur, wer sie da heraushole, der habe sie. Gewiß bestehen
bei all dieser Übereinstimmung der schöpferischen Naturen der
Kunst und Dichtung über die Art ihrer Tätigkeit noch Unter—
schiede für die einzelnen Zeiten und Zeitalter; so in der
Intensität des ursprünglichen Erfassens der Natur, die z. B.
durch das Einspannen wissenschaftlicher Beobachtungsmittel sehr
gesteigert werden kann; so in dem fehlenden oder vorhandenen
Wettbewerb, der dem eigenen Auffassen des Künstlers durch
die noch fortwirkende Auffassung der Künstler der Vergangen⸗
heit gemacht wird; so vor allem in den Unterschieden des
Seelenlebens der einzelnen Kulturzeitalter, aus deren Nähr⸗
boden der schaffende Künstler die Kräfte spezifischer und zeitlich
wechselnder Auffassungsfähigkeit saugt. Aber in seinen elemen⸗
taren Eigenschaften bleibt sich der schöpferische Akt des Künstlers
doch allezeit gleich: und die Erahndung dieser Eigenschaften
in eingehendstem Anschauen und Denken hat eben Goethe vom
Künstler gefordert.

In die besondere Zeit des Klassizismus aber stellte Goethe
in seinen Betrachtungen das Urphänomen der Kunst durch
eine Anzahl von Beobachtungen, die sich am besten in einem
Aufsatze des Jahres 1788 mit der Überschrift „Einfache Nach—
ahmung der Natur, Manier, Stil“ zusammenfinden. Hat ein
Künstler, so wird hier ausgeführt, sich in langer, emsiger Ar—
beit mit treuem Sinn an die Natur gehalten, so wird er dazu
gelangen, mit den so erlernten Formen, wie mit einem Eigen⸗
tum, in einiger Freiheit zu schalten. Er wird sich aus diesen
der Natur abgelernten Formen eine Sprache bilden und sie
zum Ausdrucke seiner innerlich gehegten Eigenart verwenden.
Aber über diesen beiden Vorgängen gibt es noch einen dritten,
höheren, höchsten: er entsteht durch Einblick in die Eigen—
schaften der Gegenstände, durch Überblick über die Erscheinungen;
in ihm verliert sich der Künstlergeist in das Objekt, um diesem
dadurch eine stärkere Füulle des Sinnes und Gehaltes und eine
sonst nie gehörte Sprache zu verleihen“.

WVal. Stein, Ästhetik der deutschen Klassiker (Reclam) S. 28229.
        <pb n="104" />
        Zweiundzwanzigstes Buch.
Man sieht: es genügt Goethen nicht, daß durch mecha—
nische Zusammensetzung gleichsam einzelner vorzüglicher Stücke,
die sich in verwandten Erscheinungen der Natur zerstreut
finden, eine Art von Urbild, ein Typ künstlerisch gestaltet
werde; dieser Akt war zum Teil das Verfahren des Sturmes
und Dranges gewesen. Nein: er fordert darüber hinaus noch
eine ruhige, anschauliche Versenkung in die typischen Seiten
des Gegenstaͤndes bis zum mystischen Sichverlieren in dem—
selben und darauf eine Wiedergeburt des künstlerischen Ver—
mögens aus dieser Versenkung in dem Sinne, daß sie zu
einer real⸗idealistischen Nachschöpfung befähige: und eben hierin
sieht er die Aufgabe einer idealistischen Kunst, für uns der
Kunst des Klassizismus. So versteht es sich, daß ihm das
Schöne zu einer Manifestation geheimer Naturgesetze wird, die
uns ohne dessen Erscheinung ewig wären verborgen geblieben;
und daß er, wenn die Natur ihre offenbaren Geheimnisse zu
enthüllen anfängt, eine unwiderstehliche Sehnsucht nach ihrer
würdigsten Auslegerin, der Kunst, empfindet. Und so werden
ihm Typ im höheren Sinne und Symbol zu den erhabensten
Formen wie jeglicher Kunst so auch der Dichtung; und er er—
hebt sich, vor allem in seiner Lyrik, über sein ihm begrifflich
unverständlich bleibendes Selbst, indem er sich als fremd
anschaut und sein Selbst in typisierten und symbolisierten
Empfindungen und Handlungen wie in dem reinigenden Bade
einer höchsten Selbstreflexion von neuem gestaltet. „Denn
das ist die wahre Symbolik, wo das Besondere das All—
gemeine repräsentiert, nicht als Traum oder Schatten, son—
dern als lebendig augenblickliche Offenbarung des Unerforsch—
lichen.“
In der objektiveren Kunst aber, wie sie sich der Lyrik
entgegenstellt, im Epos und im Drama brachte diese Auf—
fassung doch auch eine typische Durchformung der behandelten
Gegenstände mit sich, in der sich nicht minder Allgemeines
und Besonderes zu einer höheren, eben nur noch dichterisch
zu erfassenden Einheit verbanden. Denn auch hier handelte
es sich nach Goethe nicht bloß um ein typisches Schicksal, das,
        <pb n="105" />
        Neue Weltanschauung.

307
„wie verschieden sonst durch Einwirkung äußerer Umstände die
Lebensgeschichte der einzelnen erscheinen möge, bei einer
größeren oder kleineren Anzahl von Menschen immer wie ein
Thema durch ein Tonstück hindurchgeht, und all diesen Leben,
so verschieden ihr Außeres sein mag, eine innere Ähnlichkeit
gibt“ . Vielmehr darauf kam es an, die Handlung, wie es
schon Lessing ausgedrückt hatte, über das Typische hinaus
noch zu ihrem eigenen Ideale zu simplifizieren und ihr in
diesem Sinne Charaktere und Gespräche, Kausalnexus und
Szenen anzupassen.

Es sind die Grundzüge der Kunst des Klassizismus, und
man versteht ohne weiteres, wie sie aus Goethes Welt—
anschauung herauswuchsen: hier war schöpferisch und intuitiv
jene Einheit metaphysischer Weltbetrachtung hergestellt, welche
Goethe auf verstandesmäßig-spekulativem Wege zu erwerben
verschmähte. Eben darum war es nicht des Dichters Art,
diese Auffassung bis ins einzelnste durchdacht systematisch zur
Aussprache zu bringen. Er lebte und webte in ihr, und er
ließ sich an dieser Weise des Besitzes genügen. Ganz anders
dagegen beim Betreten verwandter Wege Schiller. Ihn führte
innerste Beanlagung immer wieder bis zum Aufsuchen höchster
Prinzipien und zur Ausbreitung der Einzelerfahrungen erst
innerhalb des Bereiches derselben; und da ihm die ästhetische
Betrachtung im Grunde überhaupt der Weg aller Erkenntnis
war —
Nur durch das Morgentor des Schönen
Dringst du in der Erkenutnis Lond —
so lag es ihm um so näher, als Grundlage seiner Welt—
anschauung ästhetische Ideen systematisch zu entwickeln.
Innerhalb dieses Kreises der Betrachtung aber hat Schiller
eigentlich nur die freilich lebendigste und bewegendste Grund—
vorstellung seiner ästhetischen Gedankenwelt, die Vorstellung
der Harmonie, noch tiefer gewonnen. Denn diese Vorstellung
war ihm allerdings persönlichstes und unmittelbarstes Lebens—

So die Definition von Otto Ludwig, Werke 2, 190.
        <pb n="106" />
        —X

Zweiundzwanzigstes Buch.
bedürfnis, und sie allein schien ihm auch, bei mehr äußer—
licher Betrachtung, in einer Zeit, da eine Fortbildung der
nationalen Wirtschaft zu immer breiterer Arbeitsteilung führte,
und in einer Periode subjektivistischer Berufsteilung den
Menschen und das in ihm, was er später gern als Totalität
— einzelnes
kleines Bruchstück des Ganzen gefesselt, bildet sich der Mensch
selbst nur als ein Bruchstück aus ,“ klagte er, und nur die
Kunst als Inbegriff der Harmonie schien ihm die Folgen dieses
Zusammenhanges beseitigen zu können. Es ist eine stetige
Klage des subjektivistischen Zeitalters, die hier elegisch zum
erstenmal ertönt: die Klage, die der Kunst — und neben ihr
der Religion — noch in unseren Tagen ihre auch sozial—
geschichtlich hohe Wirkung sichert: das Motiv, das zugleich
die enge Verbindung ethischer und ästhetischer Betrachtungs—
weise in allen subjektivistischen Zeitaltern verständlich macht.
Schiller hat sich schon auf der Karlsschule in Stuttgart
mit Philosophie beschäftigt. Was ihm da anfangs nahe trat,
war die Leibniz-Wolffsche Lehre und die Glückseligkeitsmoral
der Aufklärung; wirksam wurde auch die durch Garve ver—
mittelte Schönheitsphilosophie Shaftesburys und daneben wohl
auch die Moral Fergusons: eine Zusammenfügung ethischer
und ästhetischer Anschauungen des englischen Subjektivismus
traf am ehesten und frühesten die Bedürfnisse seines Herzens.
In welchem Grade, das zeigen schon die Abhandlungen aus
seiner Elevenzeit, die, als Lösungen medizinischer Aufgaben
gedacht, sich im Grunde doch in philosophischen Spekulationen
ergehen: der Leitsatz der ersten vom Zahre 1779 war, daß
die menschliche Seele um so glücklicher sei, je umfassender sich
ihre Anschauung des göttlichen Kunstwerks gestalte; die zweite
vom Jahre 1780, der „Versuch über den Zusammenhang der
tierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen“, lief gar
schon, nach starker Betonung der tierischen Seite, auf die ent⸗
scheidende Forderung einer stetigen Harmonie zwischen Geist
und Natur hinaus.
Und dies blieb denn auch das, wem auch mannigfach
        <pb n="107" />
        Neue Weltanschauung.
399
variierte Grundthema in Schillers Empfinden und Denken.
Es tönt wieder aus dem noch in Stuttgart entstandenen Auf—
satze „Über das gegenwärtige deutsche Theater in der Form
cheosophischer Ahnungen einer Harmonie der sittlichen und
natürlichen Welt, von denen aus schon eine idealistische Ver—
mittlung zwischen Natur und Kunst gesucht wird: der Dichter
dürfe die Erscheinungswelt nicht platthin nachahmen, sondern
müsse fie verdichten. Es findet einen erften systematischen Aus—
druck in den Philosophischen Briefen des Jahres 1786, einem
„Glaubensbekenntnis der Vernunft“, das man wohl am besten
als eine Art ästhetischer Theosophie auf vager pantheistischer
Grundlage bezeichnen kann. Gott erscheint hier dem Dichter
als Künstler und die Welt als Kunstwerk, zugleich aber ist
das Universum der unendlich geteilte Gott. Und so besteht
es in einer inneren Harmonie, die sich uns als Schönheit
offenbart: und die Anschauung dieser Schönheit ist unser
eigentlicher Beruf: der Beruf, der uns glückselig und daher,
nach alter Glückseligkeitslehre, auch vollkommen und tugend⸗
haft machen wird. Darum bleibt dieser Beruf auch nicht
passiv; er wirkt sich aus in der Begierde, auch andere glück—
selig zu sehen und wird auf diese Weise zur schaffenden Liebe.
In diesem Zusammenhange scheint es dann so, als ob Schiller,
wie er für die Ästhetik insbesondere der Dichtkunst schon das
Denken des individualistischen Zeitalters überschritten hatte,
nun auch für die Ethik sich zu einem ähnlichen Schritte an⸗
schicke; aus seiner Vorstellung der Liebe fordert er eine freie,
uneigennützige Hingabe an das Ganze, so wie sie später etwa
der Marquis Posa predigen wird: es ist eine Vorbildung des
strengen Pflichtgebotes Kants.

Im übrigen aber waren sich Schiller und noch mehr der
an den Philosophischen Briefen mitbeteiligte ältere Körner
nicht im unklaren darüber, daß diese ganze Konzeption in—
sofern ein „bestandloses Traumbild“ sei, als ihr die erkenntnis—
theoretische Grundlage fehle; und als Körner das aussprach,
sah Schiller darin eine „entfernte Drohung mit Kant“, mit
dem er sich allerdings beschäftigen müsse.

Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 2.
        <pb n="108" />
        100

Zweiundzwanzigstes Buch.
Zunächst indes wurde in Schillers Entwicklung alles
weitere philosophische Grübeln durch einen mächtigen Drang
zu handeln abgelöst, wenn auch eben dieser Drang, auf Kunst
und bald auch auf Wissenschaft, insbesondere Geschichte, ge—
richtet, die wichtigsten Anregungen zu einem künftigen, höheren
allgemeinen Denken lieferte. Es sind die Zeiten, da der
Dichter dem klassischen Altertume näher trat: alsbald erschienen
ihm seine Vorstellungen einer harmonischen Schönheit und
einer universalen Schönheitsharmonie lebendiger im Gewande
der Alten. Und es sind zugleich die Zeiten, in denen ihm aus
seinen historischen Studien heraus nun doch ein besonderer
Beruf, die Vertretung einer Geschichtsprofessur in Jena, er⸗
wuchs. Es war eine seiner Natur entgegenkommende Auf—
forderung zum Durchdenken universalgeschichtlicher Probleme;
nun erschien ihm die Kunst als Erzieherin des Menschen—
geschlechts und Bezähmerin wilder Sitten, und jene philo—
sophische Auffassung des Schönen als des harmonischen Aus—
gleiches der mehr sinnlichen und der mehr geistigen Kräfte des
Menschen ward zur Grundlage einer kulturhistorischen An—
schauung des Entwicklungsganges der Menschheit.

Aber wie hätten bei Schiller die eigentlichen philosophischen
Regungen jemals länger ruhen können. In jenem glücklichsten
Jahre vielleicht seines Lebens, da er in Jena als junger Ehe⸗
mann und neuernannter Professor Haus hielt, 1790, drängten
sie sich wiederum machtvoll empor. Und nun ließ sich, zur
festeren Fundamentierung, Kant nicht mehr umgehen; Schiller
wollte sich ganz in ihn versenken, und wenn es ihn drei
Jahre seines Lebens koste; und er begann mit dem Studium
der soeben erschienenen Kritik der Urteilskraft, die unmittelbar
in die ihn zumeist fesselnden ethischen und ästhetischen Fragen
rinführte.
Gewiß ist denn auch die Kantsche Philosophie das Stahl⸗
bad gewesen, worin der Dichter seine starke philosophische An⸗
lage zu männlicher Klarheit des Denkens geläutert hat. Und
sicherlich sind einige Teile der Kantschen Lehren unmittelbar
oder in stark nachgebildeten Analogien in seinen geistigen Besitz
        <pb n="109" />
        Neue Weltanschauung.
401
übergegangen. Allein daß er von Kant im ganzen abhängig
sei, wird man nur auf Grund mehr äußerlicher Zusammen—
hänge behaupten können.

Schon in der Ethik, einem der Hauptstücke der Kantschen
Philosophie wie der Weltanschauung Schillers und der Klassiker
überhaupt, sind die Klassiker selbständig genug; und für Schiller
insbesondere ist der Nachweis geglückt, daß alle Fundamente
seiner nachkantischen Morallehre auch schon in den Schriften und
Gedichten seiner Jugendzeit vorhanden waren. Eine gemein⸗
same Grundlage Kants und Schillers zeigt sich allerdings in
dem Gegensatze von Natur und Geist, den beide primär setzen;
eine gemeinsame Grundlage auch darin, daß Kant jeden
elementaren sittlichen Trieb und somit jede psychologische Be—
dingung des sittlichen Handelns leugnet und Schiller das
sittliche Handeln im Grunde von dem, von ihm um ein
Mehreres elementar vorgestellten ästhetischen Triebe abhängig
denkt. Aber daneben im Oberbau welche Verschiedenheiten!
Für das praktische Handeln nahm hier Schiller, ebenso wie
Herder und Goethe, das Ideal schon der älteren subjekti—
vistischen Periode auf, daß es für jedermann letztes Ziel
bleiben müsse, seine Individualität zum höchsten eben noch
erreichbaren Gipfel des Eigenen emporzuerziehen, wenn er
dabei auch — wie nicht minder Goethe und auch der ältere
Herder — von der gegenwiegenden Überzeugung ausging, daß
eben auf diesem Wege jedermann der Gesamtheit am besten
aütze, die Gesamtansicht also zugleich auch sozialpsychisch
gerechtfertigt sei. Es war eine Lösung, die in den Jahren
des Klassizismus dadurch ermöglicht wurde, daß sich im Ver—
laufe des nationalen Seelenlebens der zweiten Hälfte des
18. Jahrhunderts in der Tat der Affekt zum Ausdrucke ver—⸗
nünftigen Willens und das Gebot der Vernunft zum freien
Wunsche der Neigung abzuklären begann, daß ein immer höher
steigender Geschmack die Sinnlichkeit mit dem klugen Wollen
zur Einheit zusammenzuschließen schien. Traf aber diese Auf—
fassung eines künstlerisch-sittlichen Kosmos der Seele die An—
schauung Kants? Höchstens insofern ließe sich ein engerer

96 *
        <pb n="110" />
        102

Zweiundzwanzigstes Buch.
Zusammenhang zwischen dem kategorischen Imperativ des
Philosophen und der Moralauffassung der Klassiker herstellen,
als beide auf strengstem Dienste an der Wahrheit beruhten —
nur daß diese von den Klassikern mehr dem Verständnisse des
augenblicklichen psychischen Bildungsganges der Nation, von
dem Philosophen mehr der Betrachtung eines allgemeineren
Verlaufes der Welt entnommen wurde — und als die Dichter,
unter Zulassung der tatsächlichen und praktischen Forderungen
Kantscher Moral, dennoch Raum behielten für die Entfaltungs—
möglichkeiten des Genius.

Noch weniger als auf dem Gebiete der Ethik hat Schiller
in den letzten und höchsten Forderungen seiner Asthetik un⸗
mittelbare Berührung mit Kant, so sehr er diese Forderungen
auch in einer Art von Analogieschlußkette zu erkenntnis—
theoretischen Schlußweisen Kants zu entwickeln scheint. Viel—
mehr stimmt Schiller letzlich fast völlig mit Goethe zusammen
und steht gewiß mit unter dessen Einfluß.

Schiller zog auf diesem Gebiete seine Schlußergebnisse
auf einer Grundlage, die aufs breiteste in der Psychologie und
Asthetik der frühsubjektivistischen Perioden verankert war. Die
Seele, von der er ausging, war die allseitig selbsttätige,
welche die Psychologie der Empfindsamkeit und des Sturmes
und Dranges seit Creutz (1754) gefordert hatte; und inner—
halb der Wechselwirkung ihrer Vermögen nahm der Dichter
mit Tetens eine anregende Wirkung vor allem des Gefühls,
des „Herzens“, auf die anderen Vermögen an. Nicht minder
war der Geschmack, den Schiller kannte, der, den schon Baum⸗
garten gepredigt hatte: eine gehobene, durch Harmonie⸗
vorstellungen veredelte Sinnlichkeit. Und eben in diesem Be—
griffe lag zugleich die Verknüpfung mit der Ethik. Da hatte
aber ebenfalls schon Mendelssohn den Satz ausgesprochen,
daß die Kunst die Lehren der Wahrheit in das Gewand der
Schönheit kleiden musse, um sie ganz wirksam zu machen. Und
war diese Auffassung noch rationalistisch genug gewesen, so
hatte sie doch Sulzer bereits zu dem Satze weiter gebildet,
attliche Bildung gedeihe erst recht auf ästhetischem Boden,
        <pb n="111" />
        Neue Weltanschauung

403
denn der rohe Mensch sei bloß grobe Sinnlichkeit, der Mensch
der Stoiker bloße Vernunft; der aber, den die schönen Künste
bilden, stehe mitten zwischen beiden: seine Sinnlichkeit bestehe
in einer verfeinerten inneren Empfindsamkeit, die für das sitt—
liche Leben wirksam mache. Und schon hatte es Sulzer von
diesem Standpunkte her auch ausgesprochen, daß der Staat
die Aufgabe habe, die Kunst zu einem allgemeinen Mittel der
Volksbildung zu machen, ja hatte eine Bühne als moralische
Anstalt, eine staatliche Oberaufsicht über die Sprache und
elbst polizeistaatliche Eingriffe in die Schönheitspflege der
Privatpersonen gefordert.

Wie weit waren da nicht selbst Schillers vollendetste Lehren
vorbereitet, wie er sie namentlich in den „Briefen über die
ästhetische Erziehung des Menschen“ (1795) vortrug! Nicht
im Beginne einer neuen, am Ende vielmehr einer schon reifen
Entwicklung lag der Bereich seiner Gedanken. Dennoch wiesen
sie, insofern sie zugleich eine Summe der gewaltigsten Forde⸗
rungen enthielten, auch ebenso in die Zukunft; und vor allem:
sie wurden in einer Sprache und in einer Klarheit vor—
getragen und zogen das Ergebnis der klassizistischen An—
schauungen überhaupt mit einer Sicherheit, daß sie von
größtem Einflusse gewesen und geblieben sind bis auf heute.

In den Briefen über ästhetische Erziehung nimmt der
Dichter seinen gedanklichen Ausgang von der Geschichte, indem
er einen Naturstaat und einen Vernunftstaat unterscheidet.
Der Naturstaat ist dabei der herkömmliche Staat der Not; in
ihm ist alles Zwang, denn er ist nicht aus denkenden Willen
hervorgegangen; in ihm herrschen die „Naturkräfte“, die
„wilden Triebe“. Aus ihm aber soll erwachsen, ja schien vor
der französischen Revolution anscheinend nahe herbeigekommen
und in einzelnen Punkten schon verwirklicht der Vernunftstaat,
der Zukunftsstaat der Freiheit und des freien Entschlusses, Er—⸗
zeugnis eines Willens, der aus vernünftiger Einsicht quillt.
Es ist eine historische Perspektive, die auch Schillers geschicht⸗
liche Schriften beherrscht, und die er im wesentlichen mit dem
Königsberger Denker gemeinsam hat.
        <pb n="112" />
        Zweiundzwanzigstes Buch.
Wie aber wird der Übergang vom Notstaat zum Freiheits⸗
staate gewonnen? Nur durch allmähliche sittliche Erziehung
zu gereinigtem Willen, erklärt Schiller — und Mittel zu dieser
ist ihm nur der Kult des Schönen: er allein verbürgt die
sittlich notwendige Totalität des Charakters, den zur Fort—
entwicklung des Staates notwendigen hochstehenden Sub—
jektivismus; denn die Wissenschaft trifft nur den Verstand,
die Kunst aber das Herz. Darum ist es die Kunst, welche
die Roheit der unteren, die Erschlaffung der oberen Stände
tilgen muß.

Warum aber besteht dieser Zusammenhang? Warum
werden Freiheit und Sittlichkeit durch das Schöne verbürgt?
Es sind Fragen, durch deren Beantwortung erst der innere
Zusammenhang des bisher Behaupteten hergestellt erscheint und
zugleich die Fundamentalbegriffe der klassizistischen Asthetik er⸗
klärt werden.

Schiller geht zum Beweise der ethischen (und politischen)
Bedeutung des Schönen von der Betrachtung zweier mensch—
licher Grundtriebe aus, die an gewisse Unterscheidungen Kants
erinnern: von dem Stofftriebe und dem Formtriebe, der
sinnlichen Neigung des Versinkens im Stoffe, und der geistigen,
ihn durch Formgebung zu beherrschen. Dabei nimmt er in
der Psychologie des Schönen noch einen weiteren obersten
leitenden Trieb wahr, der diese beiden widerstreitenden Triebe
regelt: ein Gewissen gleichsam der Schönheit, ein Höchstes,
das die Harmonie zwischen Realität und Form herstellt. Es
ist das, was er Spieltrieb nennt und in tausend Wendungen
immer und immer wieder besungen hat; so nicht am wenigsten
in den schönen Zeilen des Gedichtes „Das Ideal und das
Leben“ (1795):
Nur der Körper eignet jenen Mächten,
Die das dunkle Schicksal flechten;
Aber frei von jeder Zeitgewalt,

Die Gespielin seliger Naturen,
Wandelt oben in des Lichtes Fluren,
Göttlich unter Göttern, die Gestalt ..
        <pb n="113" />
        Neue Weltanschauung.

405

Wenn, das Tote bildend zu beseelen,
Mit dem Stoff sich zu vermählen.
Tatenvoll der Genius entbrennt,

Da, da spanne sich des Fleißes Nerve
Und beharrlich ringend unterwerfe
Der Gedanke sich das Element ..
Aber dringt bis in der Schönheit Sphäre:

Und im Staube bleibt die Schwere

Mit dem Stoff, den sie beherrscht, zurück.

Nicht der Masse qualvoll abgerungen,

Schlank und leicht, wie aus dem Nichts gesprungen,
Steht das Bild vor dem entzückten Blick.

Es ist das Ideal, mit dem der Dichter zugleich auf
der Höhe seiner Vollendung gerungen hat wie Jakob mit
Gott:
Du mußt glauben, du mußt wagen,
Denn die Götter leihn kein Pfand —
Nur ein Wunder kann dich tragen
In das schöne Wunderland.

Und in der Tat: nur im feinsten Dunstkreise geläuterter
Verzückung erscheint der Pfad jenes schmalen Ausgleiches
zwischen den ab- und aufwogenden Leidenschaften des Stoff⸗
und Formtriebes gangbar: wird das höchste Glück der Frei—
heit von Leidenschaften, wird Schönheit und Güte zugleich
wirklich. So ist es dereinst dem antiken Helden und Halb—
gott gelungen:
Zwischen Sinnenglück und Seelenfrieden
Bleibt dem Menschen nur die bange Wahl:
Von der Stirn des hohen Uraniden
Leuchtet ihr vermählter Strahl.
Doch auch heute noch erheben sich schöpferisch beglückte
Sterbliche in diesen Himmel, und eben die Griechen und ein
rechtes Empfinden der Natur reichen dazu hilfreiche Hände:

Unter demselben Blau, über dem nämlichen Grün
Wandeln die nahen und wandeln vereint die fernen Geschlechter,
Und die Sonne Homers siehe! sie lächelt auch uns.
        <pb n="114" />
        406

Zweiundzwanzigstes Buch.
Gewißlich war mit dieser Lehre viel und für die Zeit des
Klassizismus alles Größte gewonnen: eine Versöhnung der
Moral⸗ und Staatsphilosophie Kants nach ihren Fundamenten
und der Entwicklung der Dichtung zu deren Gunsten war
hergestellt; für diese Dichtung war die Hilfe der Griechen mit
Erfolg in Anspruch genommen; und ihre Prinzipienlehre war
in die höchsten Höhen eines offenen Himmels enthusiastisch
hineingebaut.

Für die deutsche Dichtung insbesondere aber bedeutete
dieser ganze Verlauf des ästhetischen Denkens Werte fast ohne
Zahl. Sie bedurfte deren, und sie ist ohne deren Kenntnis
kaum verständlich: denn sie ist eine Dichtung hoher Kultur.
Für diese aber haben, eben am Schlusse unserer Periode, in
den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts, Vertreter der
Romantik es mit Recht als maßgebend ausgesprochen: „Je
mehr die Poesie Wissenschaft wird, je mehr wird sie auch
Kunst. Soll die Poesie Kunst werden, soll der Künstler von
seinen Mitteln und Zwecken, ihren Hindernissen und Gegen⸗
ständen gründliche Einsicht und Wissenschaft haben, so muß
der Dichter über seine Kunst philosophieren.“*

Eben in dieser Kunstphilosophie nicht zum geringsten hatte
sich das junge Leben des subjektivistischen Zeitalters offenbart.
Wie war es angegangen gegen die alte Lehre, von der die
Kunst als Nachahmung der Natur begriffen worden war. Wie
hatte es, in tausend abschattierten Betrachtungen, das vor—
stellende und empfindende Subjekt in den Mittelpunkt einer
neuen Lehre gestellt, wie hatte es dieses Subjekt in den Über—
schwänglichkeiten der Geniezeit zum Gotte einer Willkürlaune
erhoben, um es — in dem traurigen Ende so vieler Original⸗
genies — tatsächlich nicht minder tief zu stürzen. Dann aber
war, wiederum in Muancen von reichster Mannigfaltigkeit,
ein Ausgleich erfolgt. Frei von den trüben Bodensätzen des
Sturmes und Dranges war für den Klassizismus die grund⸗
legende Erkenntnis bestehen geblieben, daß die Kunst in der

Athenäum 1,2 S. 71.
        <pb n="115" />
        Neue Weltanschauung.

407
göttlichen Gewalt des Kunstlers wurzele, und daß sie schöpfe—
rische Gehalte erzeuge, die die Wirklichkeit himmelan über—
schreiten und in keinem abstrakten Denken gegeben sind.

Es war die gemeinsame Überzeugung der Dioskuren.
Man vergleiche, was Goethe über den letzten Akt dichterischer
Schöpfung gedacht hati, mit dem, was Schiller um 1798
lehrt, und man wird darin Übereinstimmung finden, daß über
der bloßen idealistischen Formgebung der Typisierung und
Symbolisierung von beiden eine höchste schöpferische Kraft
angenommen wird, die erst, aus der Tiefe eines intuitiven
Gesamterfassens der Welt her, dichterische Stoffe vollends in
idealer Sphäre einheitlich gestaltet. Und später? Wie oft
hat Goethe nach dem Tode des Freundes betont, was ihn
ausgezeichnet habe, sei die Ferne gewesen von allem Ge—
meinen. Und dazu definierte er: „Das Zufällig-Wirkliche,
an dem wir weder ein Gesetz der Natur noch der Freiheit
für den Augenblick entdecken, nennen wir das Gemeine.“

Aber Goethe und Schiller haben sich diesem gemeinsamen
Ziele von verschiedenen Ausgangspunkten genähert: Goethe
von dem der Natur, Schiller von dem der Geschichte. Hierin
liegt einerseits begründet, daß Goethe in mehr anschaulicher
Klarheit zum Ziele gelangt ist als Schiller: denn die Natur
ist faßlicher. Anderseits aber schritt Schiller auf seinem be—
sonderen Wege wiederum zu einem Überschusse gleichsam seiner
Asthetik fort, dem Goethe ferner stand: zu der innigsten Über—
zeugung von der nahen Verwandtschaft ethischer und ästhetischer
Mächte und Gefühle.

Es ist ein beachtenswerter Punkt für das Fortleben der
Gedanken beider. Goethes Gedanken wirken sozusagen in sich
beständig wie die Natur weiter. Für Schiller aber ergaben
sich alsbald Probleme der Erziehung des subjektiven Menschen
in Staat und Gesellschaft. Ein neuer Himmel und eine neue
Erde für dies neue Geschlecht: und zwar auf Grund einer
ästhetischen Verklärung zu höheren Menschheitsformen: das

S. oben S. 398 ff.
        <pb n="116" />
        tos

Zweiundzwanzigstes Buch.
war es, was er forderte. Er ist damit der Vorläufer von
großen Propheten des 19. Jahrhunderts geworden: um nur,
aus einer Entwicklungsreihe, die auf den ersten Blick kaum in
Betracht zu kommen scheint, aus der der Musik, zwei Namen
zu nennen: Beethovens, der eben aus diesem Verstande her
das Lied an die Freude komponiert hat, und Wagners, der
mit dem Kunstwerk der Zukunft sich die Tore des neuen
Himmels, wie ihn Schiller zuerst besungen hatte, zu sprengen
oermaß.
        <pb n="117" />
        LV.

AI

1. Aus den reichen Erfahrungen eines Lebens, an dem
die ganze Entwicklung des deutschen dichterischen Subjektivismus
wie ein Wandelpanorama vorübergezogen war, hat Goethe in
hohem Alter geäußert: „Poesie wirkt am meisten im Anfang
der Zustände, sie seien nun ganz roh, halbkultiviert, oder bei
Abänderung einer Kultur, beim Gewahrwerden einer fremden
Kultur, daß man also sagen kann, die Wirkung der Neuheit
findet durchaus statt.“ Es ist einer der tiefen typischen Ein—
blicke Goethes in geschichtliches Werden: das Geistesleben jedes
neuen Kulturzeitalters ist zunächst vom Pathos der neuen Auf—⸗
zaben erfüllt, ist ästhetisch, ist enthusiastisch. Um die Mitte
des 18. Jahrhunderts aber, in den Zeiten des Überganges
zum Subjektivismus, kam diese Stimmung vor allem der
Dichtung zugute, denn die soziale Grundlage der geistigen Be—
wegung war zum großen Teile kleinbürgerlichen Charakters:
ind so fehlten die materiellen Mittel, die bildende Kunst zu
oflegen; von ihr vor allem galt das Wort, daß der deutschen
Kunst kein Augustisch Alter blühte.

Indem aber die Dichtung ganz an erster Stelle Gefäß
der weiteren Kulturentwicklung wurde, erhielt sie schon an sich,
ganz abgesehen von dem wundersamen Zufall des Zusammen⸗
treffens einer großen Anzahl höchster Talente, eine Bedeutung,
die sie innerhalb der deutschen Geschichte sonst nur noch ein—
        <pb n="118" />
        X

Zweiundzwanzigstes Buch.
mal, aus verwandten Grunden, im Zeitalter der Staufer ge—
habt hat: ist doch von ihr, wie wir soeben sahen, auch die
Entwicklung des frühesten philosophischen Denkens des neuen
Zeitalters in übervollem Zuge durchtränkt. Und so begreift
sich, daß schon ihre Vorentwicklung in den Zeiten des Indivi—
dualismus eine überaus reiche gewesen ist!.

Wie weit lassen sich da nicht in dem Kerngebiete aller
Entwicklung der Empfindung, dem religiösen, frühe Spuren des
Neuen zurückverfolgen: die ersten Zeiten schon der pietistischen
Frömmigkeit beider Konfessionen sind voll von ihnen, ja sie
führen, namentlich auf protestantischem Gebiete, noch weiter
zurück bis zur Verpersönlichung des alten Gemeindekirchenliedes
und zu frommen Betrachtungsweisen im Sinne der Gebete des
Arndschen Schatzkästleins. Und auf die eigentliche Frömmigkeits-
bewegung folgte, sie erbreiternd und mit heiterem Geiste er⸗
füllend, die gemütvolle Betrachtung der Natur: erst im kleinen,
in der Gartenpoesie eines Brockes, dann ansteigend bis zu den
vollen Chören des Kleistschen Frühlings und der Idyllik
Gesners. Und schon meldeten sich Züge einer überquellenden
Empfindung überhaupt; „Fülle des Herzens“ ward, was man
forderte; und in zunächst rührseligen, larmoyanten Tönen er—
wuchs eine Nebenströmung der älteren horazischen und ana—
kreontischen Lyrik. Aber schon ließ sich daneben auch der naivere
Ton echterer Empfindung in volkstümlichen, den Gefühlen des
gemeinen Mannes nachgeahmten Lauten vernehmen; Gleim sang
seine Grenadierlieder, und Bänkelsänger fuhren von neuem in
der Weise der alten Fahrenden fort.

So war es Zeit, daß die neue Bewegung, wie sie in der
Lyrik alte Formen, Formen der Renaissance und Formen des
Volkstumes, bis zum bauchigsten Schwellen erfüllt hatte, nun
auch auf die modernste aller Dichtungsarten, das Drama, über—
sprang. Es geschah nicht, ohne daß die soziale Grundlage des
neuen Seelenlebens bloßgelegt ward. Wie waren doch im Drama
des früheren Zeitalters, nach den Lehren der Renaissance, un—
Val. dazu Bd. VII, 1, 126 ff., 282 ff.
        <pb n="119" />
        Neue Dichtung.

411
glückliche Schicksale sagenberühmter Fürstenhäuser, intimes und
öffentliches Geschick der Höchststehenden fast ausschließlicher
Gegenstand der dramatischen Fabel gewesen! Jetzt wurde das
Drama demokratisiert; quid mihi Hecuba ruft die Zeit mit
Tiberius über die verbrauchten Heldenstoffe, und auf der
Bühne erscheint die rührselige Komödie Gellerts und seiner
Nachfolger und nach ihr das neue Trauerspiel hin bis zu der
„bürgerlichen Virginia“ in Lessings Emilia Galotti. Und schon
handelt es sich nicht mehr bloß um einen Wechsel der Fabel.
Indem das „große gigantische Schicksal“ vermieden wird,
„welches den Menschen erhebt, wenn es den Menschen zer—
malmt“, treten die Vorteile einer intimeren Schilderung der
Charaktere in ihr Recht: und eine neue, tiefergreifende, schärfer
zeichnende, gewaltiger packende Illusion wird gewonnen.

Und kann nicht schon von der ganzen Breite dieser Vor—⸗
stufe überhaupt gelten, daß sich die psychologische Darstellung
in ihr verschärft? Nichts ist bezeichnender, als daß der Über—
gang von dem älteren zu dem neuen Zeitalter von einem er—
neuten Aufflammen der Satire mit ihrer vorwärts eilenden,
wenn auch noch karikierenden Schilderungstechnik begleitet wird:
Rabener, Zachariage, Kästner, Lichtenberg, um nur der Haupt-—
namen dieser Bewegung zu gedenken. Und so läßt sich in der
Tat wahrnehmen, wie die psychologische Schilderung allent—
halben zunimmt: wie sie von der einfachen Beobachtung von
Einzeltatsachen und der gleichsam statistischen Verwertung sozial—
psychischer Außerungen überspringt zur wachsenden Virtuosität
psychologischer Motivierung, zu steigendem Reichtum der
Charakterzeichuung und zum ersten Erfassen selbst gesamt—
psychischer Momente. Da ist denn kein Zweifel mehr möglich:
ein neues Zeitalter vertiefter und erhöhter Dichtung drängt
heran.

Und schon erschien dieses Zeitalter in diesen Jahren,
noch in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, durch einige
mächtige Dichtererscheinungen, Propheten einer größeren Zu—
kunft, vorweggenommen. Es waren Günther vor allem und
Haller.
        <pb n="120" />
        —

Zweiundzwanzigstes Buch.

Ermuntert euch, ihr blöden Sinnen,

Und macht euch in das Blumenfeld!

Die Erde geht nicht mehr im Leide,

Drum schickt die Augen in die Weide,

Drum laßt die Seele Luft gewinnen:

Zerreißt, was sie gebunden hält!
Mit diesen Versen ist Johann Christian Günther (1695 bis
17283) in jungen Jahren in die Welt getreten, eine Erscheinung
von dichterischer Urkraft, aber von einem Schicksal, an dessen
Schrecken nur wenige Erfahrungen anderer Dichter deutscher
Zunge heranreichen. Voraussetzungslos tritt er auf; wenn
auch Schlesier und anfangs von Benjamin Schmolck, dem
geistlichen Dichter, geliebkost, erinnert er doch in seinen reiferen
Gedichten durch fast nichts mehr an den Schwulst Lohensteins
und die fromme Ergebung des Schweidnitzer Pfarrherrn. In
der Tat: frisch läßt er seine Sinne schweifen; aus der Tiefe
des Herzens und der Unmittelbarkeit des Geschehnisses heraus
dichtet er, rücksichtslos bis zum Peinlichen und gottbegeistert
bis zum Bachantentum, gleichgültig, ob gesunde Gefühle oder
krankhafte Empfindungen emporwallen, ein ungeschminkter und
sanguinischer Sänger eigensten Lebens. Und er ist sich seines
Erfolges gewiß:

Mein Name dringt durch Sturm und Wetter,
Der Ewigkeit ins Heiligtum.

Aber eines fehlte ihm: „er wußte sich nicht zu zähmen,
und so zerrann ihm sein Leben und sein Dichten“. Dieser
gedankenreiche Geist von kühner Anmut und einheitlichem
Fühlen, von herber Realistik, wahrhaftig gegen sich, gegen die
Welt und Gott, war doch in seiner Wahrhaftigkeit bis zum
Blasphemischen trotzig und haßte maßlos wie er maßlos liebte.
So wurde sein Genius sein Unglück. Von Liebe zu Liebe
flüchtend, vom Vater zurückgestoßen, dem Elternhause fern,
zweimal berauscht in Augenblicken, deren Wichtigkeit für sein
äußeres Schicksal ihm bekannt war: ist er schließlich mit acht—
undzwanzig Jahren innerer Zerrüttung erlegen.

Aber was hat er gelitten unter den Wandlungen dieses
Schicksals!
        <pb n="121" />
        Neue Dichtung.

413

Unruh, Kälte, Hitz' und Durst, Hunger, Elend, Armut, Bloße,
Schande, Mißgunst, Ärgernis, Krankheit und Verfolgungsstöße,
Fälschliche Beschuldigungen, blinder Eifer, Elternhaß
Und verlogne Freundschaftsmäuler, o wie schmerzlich peinigt das!
Ein sich selbst zerfleischender Ernst überkam ihn bei allem
Leichtsinne in Stunden der Einkehr; er begriff, daß seine
Kunst, deren Vervollkommnung eine nie nachlassende Forde—⸗
rung seiner Natur blieb, unter sittlicher Schwäche leiden
müsse. Wie konnte sie da innere Ausgeglichenheit erreichen
und Geschmacklosigkeiten, ja Roheiten vermeiden, wie war es
möglich, daß sie sich unter dem Drange der Zerrissenheit über
die bloße, wenn auch scharfe Wiedergabe des Wirklichen zu
typischer Verklärung erhob? So haderte der Dichter mit sich
selbst. Und doch triumphierte er immer wieder in unversieg⸗
lichem Künstlermut. Auf das Krankenbett geworfen, erhebt er
sich aus religiösen Zweifeln zum Gebet, und selbst untreue
Liebe verwundet ihn nur noch, ohne ihn zu töten:
Sei immerhin der Hand entrissen,
Im Herzen bleibst du dennoch mein,
Das Glücke mag das Bündnis brechen,
Die Schickung mag mir widersprechen,
Ich trotze doch ihr künftig Nein
Und will dich stets im Bilde küssen.
Schließlich haben erst letzte Entbehrungen und Aus-⸗
schweifungen diese zähe Natur gebrochen. Entsagend geht der
Dichter dem Ende entgegen:

Das Alter kommt mir vor den Jahren,
Ich habe zeitig ausgedient,
Mein Frühling ist in Angst vergrünt

Und als ein Strom dahin gefahren;
Mein Auge, dessen feurig Spiel
Den Schönen in das Auge fiel,

Hat manchen Siegeskranz gefangen,
Dies Auge sieht jetzt läsfig zu

Und winkt mit tränendem Verlangen
Der in der Welt versagten Ruh.
Und so ist er als ein zwar wunderliches, aber schließlich
doch als ein Kind Gottes, ein Gottbegnadeter dahingegangen.
        <pb n="122" />
        Zweiundzwanzigstes Buch.
Die Nähe des Todes besänftigte die Stürme seines Innern;
so sehr er noch hassen und lieben mochte, fand er doch endlich
Ruhe in einem geläuterten protestantischen Bewußtsein. Aus
dieser Zeit stammen die schönen Verse:
Mein Abendopfer ist ein Lied,

Das dir zu danken sich bemüht,
Die Brust entzündet Andachtskerzen;

Gefällt dir dieser Brandaltar,

So mache die Verheißung wahr:
Gott heilet die zerschlagnen Herzen
Du Geist der Wahrheit, breite dich
Mit deinen Gaben über mich!

Dein Wort sei meines Fußes Leuchte!
Vergönne mir dein Gnadenlicht
Auf meinen Wegen, daß ich nicht

Mir fselber zur Verdammnis leuchte!
Würde Günther bei längerem Leben und strengerer Selbst—
zucht einen volleren Vorfrühling jener großen Dichtung der
zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts angebahnt haben, der
sein Schaffen in mehr als einer Beziehung schon angehörte?
Einsam blieb er schließlich in seiner Zeit und in den Ländern
des mitteldeutschen Ostens, dem sein Leben angehörte; und
erst im äußersten Süddeutschland erwachten zu seiner Zeit
Keime einer nah verwandten und doch vielfach abweichenden
Dichtung.

Süddeutschland war in der Entwicklung des deutschen
Schrifttums seit den Zeiten Grimmelshausens und Moscheroschs
zurückgeblieben. Die Wunden, die der Dreißigjährige Krieg
geschlagen hatte, konnten in den größeren Staaten des Nordens
und Ostens rascher geheilt werden; und noch ehe diese Staaten
eine neue geistige Bewegung ermöglichten, hatten sich dar—
stellende Kunst, Literatur und Musik mit Erfolg in die großen
Handelsstädte geflüchtet, nach Hamburg vor allem und in das
rasch erblühende Leipzig!. Demgegenüber hielt Süddeutschland,

Val. dazu Bd. VII, 1 S. 282 ff., 301 ff.
        <pb n="123" />
        Neue Dichtung.

415

und vor allem dessen protestantischer Teil, an den Voraus—
setzungen und Auswirkungen der Kultur des 16. Jahrhunderts
fester; so vermittelten am Oberrhein Männer wie Schilter
und Oberlin den Zusammenhang mit der alten Vergangenheit,
während die Universität Straßburg, damals wie die Stadt
noch innerlich ganz deutsch, als Hort einer Orthodorie galt,
die im Geistesleben des 16. Jahrhunderts wurzelte; und auch
in Württemberg lebte und webte eine alte, wenn auch schon
pietistisch gefärbte Frömmigkeit.

Diese altväterisch ernste, im Verhältnis zum rascheren
geistigen Fortschritte Mittel- und Norddeutschlands gleichsam
historische Haltung war nun aber nirgends vielleicht stärker
ausgeprägt und doch wieder zugleich gegengewogen als in der
Schweizan. Hier war seit dem Verluste auch des losesten staats⸗
rechtlichen Zusammenhanges mit dem Reiche im Westfälischen
Frieden zunächst weithin und mehr, als schon früher, franzö—
fisches Wesen eingezogen. In der deutschen Schweiz sprachen
die Gebildeten damals fast mehr, als heute, Französisch. Und
auch die Sitten hatten sich teilweise französiert.

Sag' an, Helvetien, du Heldenvaterland!

Wie ist dein altes Volk dem jetzigen verwandt? ...
Wo ist der edle Geist, der nichts sein eigen nennet,
Nichts wünschet für sich selbst und keinen Reichtum kennet,
Als den des Vaterlands, der für den Staat sich schätzt,
Die eignen Marchen kürzt, der Bürger weiter fetzt? ...
so fragt Haller und schließt die Anklage mit Worten unmuts—
vollen Vorwurfs:
Nein, also war es nicht, eh' Frankreich uns gekannt!
Aber gerade diese Verse der Einkehr zeigen, daß unter
der französischen Oberströmung in den Kantonen auch gutes
deutsches Wesen noch reichlich zurückgeblieben war: die An⸗
fänge jener Sitten treten hervor, die uns noch heute das
Familienleben etwa der deutschen Schweiz als insbesondere

1 Vgl. dazu Bd. VII, 1, S. 316 ff
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 2.
        <pb n="124" />
        416

Zweiundzwanzigstes Buch.
geschichtlich-deutsch, ja als ein wenig gleichsam mumifiziert⸗
deutsch erscheinen lassen.

Aber dies zähe Festhalten altnationaler Grundlagen hatte
anderseits nicht ausgeschlossen, daß man im Bereiche der wirt⸗
schaftlichen und sozialen Entwicklung jene starken Fortschritte
gemacht hatte, von denen früher die Rede gewesen ist“; und
namentlich in den großen Städten, in Zürich, in Basel, auch
in Bern wurden diese in einer energisch vorwärts strebenden
bürgerlichen Kultur bemerklich. Und so ergab sich denn für das
Geistesleben der Eidgenossenschaft eine eigenartige Mischung,
vergleichbar der würzig belebenden Luft der schweizerischen
Hochebene, in der sich kühle, von den Firnen des Hochgebirgs
herabtauchende Strömungen mit dem heißeren Brodem der
Tiefe mischen: sie war konservativ und sie war fortschrittlich
zugleich.

Bekannt ist es, daß die Schweiz aus diesem Zusammen⸗
hange her seit dem Beginne des 18. Jahrhunderts wiederholt
höchst erfrischenden Einfluß auf die verschiedensten Gebiete des
gemeindeutschen Schrifttums, ja unserer Kunst und Kultur
überhaupt geübt hat, bis hinab zu der jüngsten Bedeutung
Konrad Ferdinand Meyers, Kellers und Böcklins. Die erste
dieser Wirkungen aber trat nun eben seit den zwanziger Jahren
des 18. Jahrhunderts ein; sie gehörte dem Schrifttum an,
kennzeichnete sich als fortschrittliches Anknüpfen an verhältnis—
mäßig alte literarische Uberlieferungen, und war mit den Namen
Hallers, Bodmers und Breitingers, Söhnen der Berner und
der Züricher Erde, verbunden.

Von ihnen steht Haller, der berühmteste deutsche Physiologe
vielleicht des 18. Jahrhunderts, 1708 geboren, 1777 gestorben,
schon ganz auf der Schwelle der großen literarischen Zeit des
18. Jahrhunderts. Haller ist nur etwa ein Fünftel seines
Lebens als Poet tätig gewesen. Früh küßte ihn die Muse;
schon mit fünfundzwanzig Jahren stand er auf der Höhe seiner
dichterischen Entwicklung; seit seiner Berufung an die Göttinger
S. oben S. 188ff.
        <pb n="125" />
        Neue Dichtung.

417

Universität im Jahre 1736 hat er außer Gelegenheitsdichtungen
fast nur noch das Gedicht auf den Tod seiner ersten Gattin
Marianne, der geliebten Doris, verfaßt: freilich die herrlichste
wohl und jedenfalls die unter den Zeitgenossen berühmteste
seiner Schöpfungen.

Hallers Jugendgedichte sind hier und da von Lohen⸗—
steinschem Schwulste nicht frei; Haupterzieherin zu eigenartiger
Dichtung in hochdeutschem Gewande aber wurde ihm die dia⸗
lektische Sprache seiner Heimat; ihr zum großen Teile hat er
den hohen Glanz und die wunderbare Gedrungenheit seiner
Dichtung abgerungen. Daneben haben auch die Alten, ins—
besondere Virgil, sowie die Engländer eingewirkt. England
hatte er, ein Schüler Boerhaaves in Leiden, auf der Rückreise
von Holland, die ihn über London und Varis führte, persön—
lich kennen gelernt.

Haller ist kein Dichter mehr nach der handwerklichen Auf⸗
fassung des ausgehenden individualistischen Zeitalters;

Aus Reimern, deren Schwung die Erde nie verlor,
Stieg Haller einst mit Adlersflug empor
konnte mit Recht sein Göttinger Kollege Kästner, der schlag—
fertige Epigraphiker, von ihm sagen. Er gehörte zu den ersten
Auserwählten, die nur dann dichteten, wenn übervolle Emp—
findung sie drängte. Darum ist seine Lyrik einfach und gegen—
ständlich und greift noch heute ans Herz.
Komm, Doris, komm zu jenen Buchen,
Laß uns den stillen Grund besuchen,
Wo nichts sich regt als ich und du!
Nur noch der Hauch verliebter Weste
Belebt das schwache Laub der Aste
Und winket dir liebkosend zu.

In diese subjektive Gefühlsunmittelbarkeit seiner Dichtung
eröffnet Haller selbst den tiefsten Einblick, wenn er in seiner
Totenklage um Marianne ausruft:

Nicht Reden, die der Witz gebieret,
Nicht Dichterklagen fang' ich an;
Nur Seufzer, die ein Herz verlieret,
Wenn es sein Leid nicht fassen kann—
        <pb n="126" />
        118

Zweiundzwanzigstes Buch.
Die Verse zeigen zugleich, daß Haller sich in seiner An—
schauung poetischen Dranges unter den Dichtern seiner Zeit noch
einsam fühlte: und so machte er auch noch, wenn auch innerer
Begabung wenigstens teilweise folgend, der Zeitauffassung das
Zugeständnis, daß der Dichter nicht selbstherrlich sein dürfe, daß
die Dichtung als moralisches Besserungsmittel auch nützlich zu
wirken habe. Daher wurde er bei allem Neuen, das seine
Gelegenheitsgedichte zeigen, doch zum Vertreter vor allem des
Lehrgedichtes: die Didaktik erschien ihm, soweit ihm gelehrte
Studien noch Muße zum Dichten ließen, als die Form, in der
alle Dichtung gipfle. In der Tat hat er denn auf diesem Ge—
biete Hohes erreicht. In seinen „Alpen“, einem beschreibenden
Gedichte, das der Welt zum erstenmal die Reize der Schweizer⸗
berge malte und deren natürliche Szenerie durch menschliche
Sittenbilder voll innigen Gefühls belebte, wie in seinen poli—
tischen und seinen philosophischen Gedichten herrscht bei aller
Gedankentiefe eine Umsetzung des Abstrakten in das körperlich
Faßbare, waltet eine eindringliche Kürze, ein gedämpfter Glanz
und ein gesättigtes Kolorit der Sprache, wie sie, gepaart mit
würdigster Empfindung, in deutscher Zunge nur selten gehört
worden waren: wir stehen in den Vorhallen der Sprache
Klopstocks und werden schon mehr als einmal an die Sprach—
gewalt der philosophischen Dichtungen Schillers erinnert. Mit
wie erhabener Wucht schlagen Verse an unser Ohr, wie die
folgenden aus dem Gedicht über die Ewigkeit:

Als mit dem Unding noch das neue Wesen rung

Und, kaum noch reif, die Welt sich aus dem Abgrund schwung,

Eh' als das Schwere noch den Weg zum Fall gelernet

Und auf die Nacht des alten Nichts

Sich goß der erste Strom des Lichts,

Warst du. so weit als itzt. von deinem Quell entfernet.
Es ist der Zug eines ernsten Gemütes, den selbst die Laute
schon der schwer fallenden Zeilen erkennen lassen; wie ein
Barockgemälde erscheint die Dichtung. Doch nicht rückwärts
bei allem Altväterlichen, vorwärts vielmehr war ihre Sprache,
war ihr Inhalt gewandt. Hinaus führte sie aus den leichten
        <pb n="127" />
        Neue Dichtung.

419
Rokokotändeleien Mittel- und Norddeutschlands!, und ihre noch
nicht voll entwickelte, doch schon durchaus geahnte Großheit
wie ihr trotz aller Lehrhaftigkeit subjektiv atmender Inhalt ließ
die Linien einer neuen Kunst ahnen, die um die Mitte des
18. Jahrhunderts mit fast urplötzlicher Gewalt durch Einen
Dichter, Klopstock, in die Zeit ihrer ersten Vollendung trat.
Klopstock (1724 -1803) ist einer unserer größten Lyriker

und jedenfalls der größte Lyriker der Empfindsamkeit gewesen.
Wo ihn nicht die Verworrenheit der schweizerischen Theorien
unübersichtlich macht, und wo er sich nicht Gesetzen der antiken
Dichtkunst beugt, die deutscher Sprache und deutschem Sinne
widerstehen, da erreicht er innerhalb der Grenzen seiner Zeit
auf jedem Gebiete fast lyrischen Schaffens das Höchste. Wie
wunderbar einschmeichelnd in ihrer vollendeten Anmut sind
seine Naturschilderungen; wie weiß er da mit wenigen konkreten
Zügen ein ganzes Bild in seinen weichen Umrissen hinzuzaubern!
Wer empfindet nicht die stille Poesie der buchenbewaldeten Ostsee—
landschaft in der Schilderung Friedensburgs:

Auch hier stand die Natur, da sie aus reicher Hand

über Hügel und Tal lebende Schönheit goß,

Mit verweilendem Tritte,

Diese Täler zu schmücken, still.
Sieh den ruhenden See, wie sein Gestade sich,

Dicht vom Walde bedeckt, fanfter erhoben hat,

Und den schimmernden Abend —
In der grünlichen Dämmrung birgt.

1Haller war sich des Gegensatzes in vieler Hinsicht wohl bewußt.
Man lese die merkwürdigen Sätze, in denen er seine Dichtung mit der des
in gleichem Jahre mit ihm geborenen Hagedorn vergleicht: „Hagedorn
dichtete Lieder, darin er die Liebe und den Wein besang, und die die
ersten waren, die man in Deutschland den Liedern der Franzosen an die
Seite setzen durfte. Die Fröhlichkeit und die Kenntnis der Welt breitet
über alle Gedichte, auch über die Lehrgedichte meines Freundes eine Heiter—
keit aus, wodurch er sich dem Horaz nähert und den Boileau übertrifft.
Was bleibt mir dagegen? Nichts als die Empfindlichkeit. Diese Empfind—
samkeit, wie man sie zu nennen anfängt, gab freilich meinen Gedichten
einen eigenen schweren Ton und einen Ernst, der sich von Hagedorns
        <pb n="128" />
        120

Zweiundzwanzigstes Buch.
Und wem tönen nicht andere Laute verwandter Landschaft
nach, wenn er die Verse hört:
Wie erhellt des Winters werdender Tag

Sanft den See! Glänzenden Reif, Sternen gleich,
Streute die Nacht über ihn aus.

Wie schweigt um uns das weiße Gefild!

Wie ertönt vom jungen Froste die Bahn!
Nie aber erhebt sich der Dichter reiner in die Gefilde
lyrisch-landschaftlicher Schilderung, als wenn er die Nacht singt
mit ihrer auflösenden berückenden Dämmerung:

Willkommen, o silberner Mond,

Schöner, stiller Gefährt' der Nacht!

Du entfliehst? Eile nicht, bleib', Gedankenfreund!
Sehet. er bleibt, das Gewölk wallte nur hin.
Aber auch die Akzente einer Lyrik, die schärfer dem Sinnen—
fälligen naherückt, stehen ihm zur Verfügung; so in der
Schilderung des Tanzes:
Wenn die schnell're Musik in die Versammlung sich
Ungestümer ergießt, Flügel der Tänzer hat,

Und das wildere Mädchen

Feuervoller vorüberrauscht!
Und wie greifbar erst steht in der prächtigen Ode, welche
vom Wettkampf der deutschen und der britannischen Muse um
das hohe Ziel dichterischer Vollendung erzählt, die deutsche
Muse vor uns, wenn sie zum Laufe ausholt:

Schon hielt sie mühsam in der empörten Brust

Den engen Atem, hing schon vorgebeugt

Dem Ziele zu; schon hub der Herold

Ihr die Drommet', und ihr trunkner Blick schwamm.
Aber der Dichter, der so sinnfälliger Ausgestaltung des
Sichtbaren fähig ist, blieb doch der Hauptsache nach Stimmungs—
dichter; nicht eigentlich das Anschauliche bewegt ihn, sondern

Munterkeit unendlich unterscheidet“ (zit. Hettner, Literaturgesch.', 3. 1,
345—6).
        <pb n="129" />
        Neue Dichtung.

421
die auf dieses Anschauliche reflektierenden und von ihm her
zurück belebten Gefühle; nicht den Gegenstand besingt er,
sondern das Empfinden, das an diesen anknüpft. So sind ihm
denn Empfindungen eben die Haupterscheinungen anschaulicher
Vorgänge: alles andere verschwindet ihm vor der Macht des
sich den Dingen entringenden Gefühls: und so wird er zum
ersten Großen unserer subjektivistischen Dichter!.

Indem er sich aber in die Welt der Gefühle einschließt,
wird er zugleich zum Dichter der Selbstbeobachtung. Mit der
schärfsten poetischen Analyse seiner Zeit ist er seinem Innern
zu Leibe gegangen; die Außenwelt, auch insofern sie Innenwelt
anderer war, hat ihn weniger gekümmert. Sein dichterisches
Studienfeld ist darum begrenzt; will er fremde Gefühle wieder—
geben, so gelingt ihm das fast nur unter dem Reiz des Ab—
normen, indem er die fühlenden Personen etwa tot oder ab—
wesend denkt: gänzlich fern steht er darum dem Drama und
im tiefsten Grunde fern auch dem Epos.

Dem aber, was die Zeit der Empfindsamkeit vom Dichter
heischte, kam er eben auf diese Weise am nächsten. Hatte noch
Haller nur die ersten herben Spuren tieferen, persönlichen
Empfindens seinen Gedichten einverleibt, sah man bei ihm die
Formen einer künftigen Stimmungspoesie gleichsam erst durch—
schimmern durch den noch objektiv gehaltenen Leib des Ge—
dichtes, wie man etwa in den gedrungenen Strebepfeilern
frühgotischer Kirchen die Herrlichkeit der tausend Fialen und
Kreuzblumen, der Baldachine und Statuen späterer Gotik nur
ahnen mag: so brachte Klopstock jetzt die Erfüllung, die Er—
füllung nach Form wie Inhalt.

Begünstigt wurde der Dichter für die Entwicklung dieser
Stimmungen durch Wesen und Herkunft seiner religiösen
Empfindung. Seine Vaterstadt Quedlinburg und sein Vater⸗
In dieser Richtung urteilt Schiller (Über naive und sentimentalische
Dichtung) von ihm: „Seine Sphäre ist immer das Ideenreich, und ins
Unendliche weiß er alles, was er bearbeitet, hinüberzuführen. Man möchte
sagen, er ziehe allem, was er behandelt, den Körper aus. um es au Geist
zu machen.“
        <pb n="130" />
        422 Zweiundzwanzigstes Buch.
haus waren Stätten des Pietismus gewesen; tief bewaährten
die Gegenden Mitteldeutschlands, denen seine Gymnasialzeit
zu Schulpforte, seine Studentenzeit zu Leipzig und Jena an—
gehörte, neben allem frohen Naturell des Thüringers und des
Thüringen entsprossenen Sachsen, den Schatz jenes Gefühls—
christentums, den vor allem Francke in Halle gesammelt hatte;
und gerade für Klopstock ist er eine Gabe für immer gewesen;
fromm blieb er doch stets der Orthodoxie und den „schwatzenden
Predigern“ fern. So vollzog sich denn in dem Dichter die
klassischste aller Verschmelzungen pietistischer und empfindsamer
Stimmung.

Und dazu kam noch, um sein Christentum ganz zu einem
erhöhten Gefühlschristentum zu machen, der pantheistische Ein—
schuß, der keinem großen Poeten gefehlt hat:

Mit heiligem Schauer

Brech' ich die Blume ab;'

Gott machte sie,

Gott ist, wo die Blume ist.
Mit heiligem Schauer fühl' ich der Lüfte Wehn,

Hör' ich ihr Rauschen: er hieß sie wehn und rauschen

Der Ewige. Der Ewige

Ist, wo sie fäuseln, und wo der Donnersturm die Zeder stürzt.
Und niemals setzte sich bei ihm der pantheistische Hang
in klaren Ausgleich mit den Offenbarungslehren des Christen⸗
tums; vermutlich häufig genug, jedenfalls noch im reifen Alter
hat der Dichter der Messiade mit religiösen Zweifeln zu kämpfen
gehabt. Und so blieb ihm denn ein ewig unbefriedigter, an sich
schon stimmungsvoller Drang zum Verständnis des Glaubens.
Wer leitet mich hinauf, rief er wohl in schmerzlicher Sehnsucht,

Zu den ewigen Hügeln?
Ich versink', ich versinke, geh' unter
In deiner Welten Ozean!
Und ein andermal grübelt er:
Wesen der Wesen,
Du warest von Ewigtkeit!
Dieses vermag ich nicht zu denken:
Im diesen Fluten versink' ich.
        <pb n="131" />
        Neue Dichtung.

423

Wo solche Stimmungen länger währen, pflegt sich ein
auch sonst dem Christentum nicht eben fernstehender Pessimis—
mus einzustellen. In der Tat gehört Weltschmerz im Sinne
einer leisen, still tränenvollen Melancholie zu den Grundzügen
der Klopstockschen Muse. So kann der Vierundzwanzigjährige
in dem Jahre, da ihn die ersten Gesänge der Messiade mit
Einem Schlage berühmt machten, entsagend dichten:

Rinn' unterdes, o Leben! Sie kommt gewiß,
Die Stunde, die uns nach der Zypresse ruft!
Ihr andern, seid der schwermutsvollen

Liebe geweiht und umwölkt und dunkel!

Der schwermutsvollen Liebe! Die Worte deuten, neben
den religiösen Stimmungen, die andere Seite im Wesen Klop⸗
stocks an, die ihn zum Helden der Empfindsamkeit gemacht
hat. Über seine jungen Jahre, die Zeiten, da er viel be—
deutete, breiten sich die Fittiche verliebter Melancholie. Im
Jahre 1748 meldet der kräftige Jüngling, ein flotter Turner,
Reiter, Schlittschuhläufer, indem er sich als Abgeschiedenen
sieht, sein Schicksal in den gefühlsseligen Versen:

Als ich unter den Menschen noch war, da war ich ein Jüngling,

Weiblich und zart von Gefühl,

Vanz zur Empfindung der Liebe geschaffen. So zärtlich und fühlend

War kein Sterblicher mehr.

Also sah ich ein göttliches Mädchen; so zärtlich und fühlend

War keine Sterbliche mehr.

Aber ein unerbittliches Schicksal, ein eisernes Schicksal

Gab mir ein hartes Gesetz,

Ewig zu schweigen und einsam zu weinen. So zärtlich und elend

War kein Sterblicher mehr.
Wie diese Verse sich auch zur Wirklichkeit stellen — wir
sind weit davon entfernt, hier die Einzelheiten einer Biographie
Klopstocks zu entrollen! —: Klopstock scheint immerhin einer
der Ersten jener merkwürdigen Menschen gewesen zu sein, die
an einer der bezeichnendsten Modekrankheiten der empfindsamen

Vgl. O. Rüdiger, Karoline Rudolphi, 1903.
        <pb n="132" />
        124

Zweiundzwanzigstes Buch.

Zeit litten, an der Schwärmerei für eine nur in Gedanken
lebende Geliebte. Er, der überzeugt war, daß Gott die Seelen
„fühlender und für einander“ geschaffen habe, der sich in seinem
praktischen Pessimismus als „Geweihter des Schmerzes“ vor⸗
kam und doch zugleich als eine „Seele, zur Freundschaft er⸗
schaffen“; er sucht auf dieser Erde nach dem ihm unbekannten
weiblichen Wesen, das ihn ergänze: und er „weint nach ihrer
Umarmung hin“.

Wir verdanken der unerhört bleibenden Liebe Shakespeares
zu einem Weibe den vielleicht wunderbarsten, duftendsten
Sonettenkranz der Weltpoesie voll unendlicher Variationen einer
Anspielung auf den sinnvollen Zweck menschlicher Liebe. Wie
heben sich von diesen Weltkindern die tränenvollen Strophen
Klopstocks ab, die er in immer erneutem Ansturm des Gefühls
der großen Unbekannten weiht:
Ach, warum, o Natur, warum, unzärtliche Mutter,
Gabest du zum Gefühl mir ein zu biegsames Herz
Und in das biegfame Herz die unbezwingliche Liebe,
Dauernd Verlangen und, ach, keine Geliebte dazu?

Und du, o Freundin, die du mich lieben wirst,
Wo bist du? Dich sucht, Beste, mein einsames,
Mein fühlend Herz, in dunkler Zukunft,

Durch Labyrinthe der Nacht hin sucht's dich!

Aber nirgends ist diese Geliebte zu finden.
Soll ich jene Gefilde nicht sehn? Führt nie dort im Frühling
Meine zitternde Hand fie in ein blühendes Tal?

Sinkt sie, von süßer Gewalt der mächtigen Liebe bezwungen,
Nie mit der Dämmerung Stern mir an die bebende Brust?

Ach, wie schlägt mir mein Herz! wie zittern mir durch die Gebeine
Freud' und Hoffnung, dem Schmerz unüberwindlich, dahin.

Unbesiegbare Lust, ein süßer begeisternder Schauer
Eine Träne, die mir still den Wangen entfiel,

Und — d, ich sehe sie — mitweinende, weibliche Zähren,
Ein nur lispelnder Hauch und ein erschütterndes Ach,

Ein zusegnender Laut, der mir rief, wie ein Schatten dem Schatten
Liebend ruft, weissagt, dich, die mich hörete, mir.
        <pb n="133" />
        Neue Dichtung.

125

Und so glaubt er sich tatsächlich ihr nahe:
Eilet, Winde, mit meinem Verlangen zu ihr in die Laube,
Schauert hin durch den Wald, rauscht und verkündet mich ihr!
Aber das Phantom bleibt dem Dichter unnahbar; und
der Gedanke der Unnahbarkeit verdoppelt jene Stimmungen
des Weltschmerzes, der pietistischen Lebensanschauung, der
sentimentalen Liebe und Freundschaft, der Tugendschwärmerei,
aus der Klopstock die herrlichsten seiner Oden geschaffen hat.

So überwiegt denn in diesen Oden namentlich der Früh—
zeit, die kulturgeschichtlich vor allem in Betracht kommen, das
lyrische Element das heroische; und nur eine glühende Vater—
landsliebe sowie ein ausgesprochener Hang zu staatlicher Ge—
sinnung bringen in dieser Tonlage härteren Klang. Im übrigen
aber ist es immer wieder das Moment allgemeiner Stimmungen,
das in der Sprache daherflutet und beim Hörer erregt werden
soll: allgemeiner Stimmungen von unendlicher Macht, die selbst
das Denken überwältigen und sich einverleiben. Wie oft ver—
sucht es da der Dichter nicht, an die Stelle des Gedankens
womöglich Gefühl oder wenigstens Anschauung zu setzen. Und
wie schwer bescheidet er sich der Unmöglichkeit seines Vorhabens.
Dann spricht er wohl vom Unsagbaren, Unnennbaren, Unsing⸗
baren, und halb beschämt schließt er:

die verstummende Seele,
faßt dich, Gedanke, nicht mehr!
Aber mit dem Versuche selbst hat er schon den Weg betreten,
auf dem er unaufhaltsam vorwärts eilt: den Weg der Auf—⸗—
lösung aller festen Konturen des Denkens und der Anschauung
ins Stimmungsvolle. Und bewundernswert ist die Kunst, mit
der er diesem Drange gerecht wird.

Schon früh handhabt er neben der klar erhabenen biblischen
Mythologie und der konkret schönen klassischen Göttersage die
nebelhafte nordische, seiner Auffassung nach altgermanische; und
schon im Jahre 1747 spricht er von Barden. Aber bald geht
er weiter. Er drängt die fein umrissenen Göttergestalten der
Alten zurück; und an ihre Stelle treten, am Ende fast aus—
        <pb n="134" />
        426 Zweiundzwanzigstes Buch.
schließlich, die zerfließenden Schemen der germanischen Götter⸗
welt, Personifikationen mehr von Eigenschaften und Begriffen,
als eigenlebige, heiter sich dargebende, wohlig sich ausbreitende
Geschöpfe sinnlicher Bildungskraft.

Und wie weiß er die Sprache, in der diese Gestalten reden,
in der seine Dichtung überhaupt sich bewegt, seiner Empfindung
gemäß zu meistern! Seiner Herrschaft über sie voll bewußt
modelt er sie um bald zum Ton der Äolsharfe, der weich
daherhaucht, und bald zum Gewittersturm, dem die Donner
Gottes entbrausen.

Und er vermag das, da er, noch ganz abgesehen vom
Rhythmus, auch das Mußsikalische schon der Sprache an sich
mit bis dahin unerhörter Gewalt zum Tönen zu bringen weiß.
Wer hätte ihm wohl die Strophe nachzudichten vermocht:

Ich entflog ihr und sang, und der bewegte Hain
Und die Hügel umher hörten mein flötend Lied,
Und des Baches Gespräche

Sprachen leiser am Ufer hin?
Seine Sprache wurde gleichsam selbsttönend; wie die un—
bestimmt verhallenden Schwingungen der Musik trifft sie das
Ohr, wenn wir von der Empfindungen unaussprechlich süßer
Lust, wenn wir vom wolkigen Hauche geatmeter Weihrauch—
düfte hören. Es ist, abgesehen vom rein sinnlichen Tonfall,
namentlich die glückliche Wahl der Beiwörter, überhaupt der
schmückenden Elemente der Sprache, die diesen Eindruck hervor—
bringt. Da wird uns gesungen vom Schauer wallender Freuden
und vom melancholischen Ach, wir erzittern von süßer Ent—
zückung, und unser erschütterter Nerv schauert, bis uns still—
heitres Lächeln schwimmenden Augs und beseelter Blick zu
sanftrer Bewegung überführen, und unsere Seele Ruhe ge—
winnt: die

Tochter des ewigen Hauchs in uns,
Seele, zur Liebe gemacht.

Und wie in dieser Sprache alles lebt, alles sich bewegt
und jede klare Linie sich zitternd auflöst, so meidet der Dichter
die intransitiven Zeitwörter der Ruhe oder stößt sie hinüber
        <pb n="135" />
        Nene Dichtung.

427
auf den für ihn allein atmnenden Boden bewegten Seins. Da
lebt die Freude ungestümer durch die Gebeine hin, da, taut
der Morgen daher; und die menschliche Seele wähnt leere
Tage zu Nächten, indem sie liebesehnend Zärtlichkeit weint.

Ein pathetischer Zug geht mit alledem durch die erhabene
Form der Oden, und tausenderlei Mittel steigern diesen Ein—
druck: die häufige Verwendung von Komparativen an Stelle
der Positive, der meisterhafte Gebrauch der Anaphora, der
majestätische Gang endloser, oft über mehrere Strophen er—
streckter Satzgebilde, die Einfügung langer Vergleiche, in deren
Verlauf die Sprache sich fast knirschend ihrem selbstherrlichen
Zügler fügt, und nicht zum geringsten die Wiederholung der
bezeichnendsten Worte, ja ganzer bezeichnender Satzteile, deren
Eindruck auf den Hörer der Wirkung kirchlicher Litaneien
gleichkommt.

Das Pathos, das auf diese Weise erreicht wird, ist im
ausgesprochensten Falle das Pathos melancholischer Narkose.
Und eben dies ist es, was erreicht werden soll: trunkene,
traumhafte Seligkeit des Empfindens. Und hat uns der Dichter
an diesem Kelche nippen lassen, dann führt er hinüber in
die Gebiete der Verstiegenheit, des süßen Schauers, des stillen
Stammelns. Kaum schallet jetzt
der Cherubim Harfe noch, sie bebt;
Kaum tönet ihre Stimme noch, sie zittert, sie zittert.
Worauf die religiös-pietistische Ekstase hervorbricht zu ihrer
Zeit:
Ihr Wellen, donnert,

Und du, der Posaunen Chor, hallest

Nie es ganz: Gott — nie es ganz: Gott,
Bott, Gaft ist es, den ihr vreift!
Es ist für Klopstock die höchste aller dichterischen, ja eine
uͤberdichterische Wirkung. Und es ist eine Wirkung, die nicht
bloß auf religiösem Gebiete eintritt. Auch der vollste Zustand
höchster irdischer Seligkeit, der Liebe, ist nur so hoher Ver—
zückung erreichbar.
        <pb n="136" />
        228

Zweiundzwanzigstes Buch.

Freund, ein einziger Blick, von einer Seele begeistert,
Die von der süßen Gewalt ihrer Empfindungen bebt;

Und ein Seufzer, mit vollem Verlangen, mit voller Entzückung,
Ausgedrückt auf einen zitternden blühenden Mund,

Ein beseelender Kuß ist mehr, als hundert Gesänge,
Mit ihrer ganzen langen Unsterblichkeit wert!
Steigert sich damit die Sprache in ihren musikalischen wie
ihren grammatischen und syntaktischen Wirkungen ins Un⸗
ermeßliche, Unfaßbare, so erreicht auch die Gesamtmalerei ent⸗
sprechende Höhen. Was Klopstock auf diesem Gebiete vermag,
das zeigen drei Zeilen eines kleinen Bildes aus einer seiner
Oden besser als alle umschreibenden Versicherungen.
Auge, wem gleich' ich dich?
Bist du Bläue der Luft, wenn sie der Abendstern
Sanft mit Golde beschimmert?

Aber diese Virtuosität gegenständlicher Malerei wird nun
ausgenutzt, um alles Körperhafte, Wohlumschriebene, Plastische
der Personen und Gelegenheiten bis auf Spuren verschwinden
zu lassen. Da „entsenkt sich“‘“ wohl Thuiston dem Himmel,
wie Silber stäubt
Von fallenden Gewässern;
und Satan wird grübelnd vorgestellt:
Wie auf hohen unwirtlichen Bergen drohende Wetter
Langsam und verweilend sich lagern: so saß er und dachte.
Wem träte im Gegensatz zu dieser Schilderung nicht die
Plastik Walthers von der Vogelweide in Erinnerung, da er
sich nachdenkend zeichnet:
Ich saß uf eime steine

Und dachte bein mit beine,
Daruf sast ich den ellenbogen,
Ich hat in mine hant gesmogen
Das kinn und ein min wange.
Klopstock aber macht mit der Auflösung aller Umrisse nicht
bei der Schilderung von Vorgängen Halt: die Personen selbst
        <pb n="137" />
        Nene Dichtung.

429
werden so, mit vertreibendem Pinsel gleichsam, umhaucht. So
der verklärte Adam:
ein schwebender Leib, aus Heitre gebildet,
Hüllte den seligen Geist in eine verklärtere Wohnung.
Seine Gestalt war so schön, wie du vor des Schöpfers Gedanken,
Göttliches Bild, da er Adam zu schaffen gedankenvoll dastand,
Und im gesegneten Schoße des lebenduftenden Edens
Unter ihm heiliges Land zum werdenden Menschen sich losriß.

Und selbst die Natur, diese festumrissene, ewig wohl—
umschränkte, sie unterliegt dieser Verflüchtigung des Anschau—
lichen, diesem „überschleiern“, wie Klopstock selber es ausdrückt.
Nicht als ob der Dichter nicht anderer Darstellung fähig ge—
wesen wäre. Wie deutlich schildert er den Eingang zur Grab—
stätte der Toten, die auf den erstandenen Heiland harren:

Unten am mitternächtlichem Berge waren die Gräber

In zusammengebirgte zerrüttete Felsen gehauen.

Dicke, finsterverwachsene Wälder verwahrten den Eingang

Vor des fliehenden Wanderers Blick. Ein trauriger Morgen

Stieg, wenn der Mittag schon sich über Jerusalem senkte,

In die Gräber noch dämmernd mit kühlem Schauer hinunter.
Und wie weiß er in der Frühlingsfeier, der berühmten
Ode des Jahres 1759, das Gewitter zu malen:
Und die Gewitterwinde? Sie tragen den Donner!
Wie sie rauschen! Wie sie mit lauter Woge den Wald durchströmen!
Und nun schweigen sie. Langsam wandelt
Die schwarze Wolke.
Seht ihr den neuen Zeugen des Nahen, den fliegenden Strahl?
Hört ihr hoch in der Wolke den Donner des Herrn?
Er ruft Jehova! Jehova!

Und der geschmetterte Wald dampft!

Aber nicht unsre Hütte!

Unser Vater gebot
Seinem Verderber,
Vor unsrer Hütte vorüberzugehen!

Ach, schon rauscht, schon rauscht
Himmel und Erde vom gnädigen Regen!

Nun ist, wie dürstete sie! die Erd' erquickt,
Und der Himmel der Segensfüll' entlastet“
        <pb n="138" />
        80

Zweiundzwanzigstes Buch.
Siehe, nun kommt Jehova nicht mehr im Wetter,
In stillem, sanftem Säuseln
Kommt Jehova,
Und unter ihm neigt sich der Bogen des Friedens.
Aber wie hier schon das Pathos durchzubrechen droht und
wunderbar starke Stimmung sich aufdrängt, so vernichtet das
empfindsame Element in tausend anderen Schilderungen jede
Spur fast festerer Plastik: nebelhaft, verschwimmend, in den
Augenblicken musikalischen Harmoniewechsels gleichsam, im Zwie⸗
licht, ahnungsvoll, von Rauchwerk umwallt erscheinen die Dinge,
wie aus großer Ferne. Derart sind die Schilderungen vor
allem im Messias:

Nun wandelt der Seraph
In der Erd' Abgründen. Da wälzten sich Ozeane
Ringsum, langsamer Flut, zum menschenlosen Gestade.
Alle Söhne der Ozeane, gewaltige Ströme,
Flossen, wie Ungewitter sich aus den Wüsten heraufziehn,
Tiefauftönend ihm nach. Er ging, und sein Heiligtum zeigte
Sich ihm schon in der Nähe. Die Pforte, von Wolken erbauet,
Wich ihm aus und zerfloß vor ihm, wie in himmlische Schimmer.
Unter dem Fuße des Eilenden zog sich flüchtige Dämmerung
Wallend hinweg. Nah hinter ihm an den dunkeln Gestaden
Blieb es in seinem Trikte zurück, wie wehende Flammen.

Es ist eine Naturanschauung, die das Körperhafte verliert,
die formlos aufgeht in Seele und Stimmung.

War da ein Dichter von der Art Klopstocks, in der Lyrik
groß, zugleich geeignet, ein Epos im gewöhnlichen Sinne des
Wortes zu schaffen? Und war seine Zeit geneigt, ein solches
Epos im gewöhnlichen Sinne zu genießen?

Klopstock hat bereits auf den Schulbänken Pfortes den
Gedanken der Messiade gefaßt, während ein noch früherer
Ehrgeiz ihn zum Preise Heinrichs des Voglers, des Befreiers,
zu treiben schien. Er traf in der Wahl dieses biblischen
Themas mit den Mahnungen, ja Prophezeiungen der Schweizer
zusammen, und er begeisterte sich zu ihm an dem großen Vor—
dilde Miltons.

Aber wie Unkecht würde man dem Dichter tun, wollte
        <pb n="139" />
        Neue Dichtung.

481
man seinen Messias als ein Epos in irgendeinem sonst be⸗
folgten, alten oder neuen Stile bezeichnen. Die Frömmigkeit
—DDD
gewandt, noch weniger war es die seine; und der Geist der
Zeit trieb ihn zu pathetisch-empfindsamer, lyrischer Verherr⸗
lichung des Gottessohns und des Werkes der Versöhnung,
wenn auch in lose epischen Formen. In ihr aber hat der
Dichter der Zeit nicht bloß genug getan, nein ihr geradezu
noch einmal ein neues christliches Gefühl offenbart: tausend
Zeugnisse beweisen es.

Gewiß ist da feste Charakterschilderung nicht des Dichters
Sache: die göttlichen Personen sind in dieser Hinsicht mit
Befangenheit dargestellt, und die menschlichen stehen, nach Art
der Psychologie des früheren Mittelalters, unter der unmittel—
baren Einwirkung göttlicher und teuflischer Kräfte. Nicht
minder geht dem Gedichte jede klare Disposition der Räume
ab: die kosmologischen Anschauungen des Neuen Testamentes
liegen in beständigem und verhängnisvollem Widerstreit mit
den kosmologischen Anschauungen des Dichters als eines An⸗
hängers der kopernikanischen Weltlehre. Und die Folge dieser
Mängel ist klar: keine innere Einheit der Handlung und des
Geschehens, und damit keine Einheitlichkeit der Komposition
überhaupt.

Aber haben die Zeitgenossen das in dem Gedichte gesucht?
Für sie waren diese Fehler leicht übersehbare Mängel der nun
einmal unvermeidlichen epischen Grundlage; sie wandten sich
von ihnen ab und lebten enthusiastisch der lyrisch-pathetischen
Stimmung des Ganzen. Und wer will deren Wucht, wer den
Glanz der Sprache, wer die unglaubliche Kraft der Wirkung
auf empfindsame Seelen verkennen? Ein ganzes Geschlecht
von Dichtern hat nach diesem Vorbilde geschaffen; und in
ihren ersten Gesängen namentlich ist die Messiade neben den
Oden das unerreichte Denkmal des Schrifttums unserer empfind⸗
samen Zeiten geblieben.

Aber die Höhe der empfindsamen Periode wurde abgelöst

Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 2. 28
        <pb n="140" />
        432

Zweiundzwanzigstes Buch.
durch Jahre ruhigerer Stimmung, wenn auch noch höchlichst
gereizter Leidenschaft: auf Klopstocks Messiade folgte neben
allem Bardengesang und der poetischen Aufregung des Hain—
bundes Werthers Leiden: und eine letzte Zeit der Empfind⸗
samkeit brach damit, die Zeit schon mehr objektiver Betrachtung
und Wiedergabe der Stimmung, herein.

In den Leiden des jungen Werthers findet sich die Stelle:
„Wir traten ans Fenster. Es donnerte abseitswärts, und der
herrliche Regen säuselte auf das Land, und der exrquickendste
Wohlgeruch stieg in aller Fülle einer warmen Luft zu uns
auf. Lotte stand auf ihren Ellenbogen gestützt, ihr Blick durch—
drang die Gegend, sie sah gen Himmel und auf mich; ich sah
ihr Auge tränenvoll, sie legte ihre Hand auf die meinige und
sagte Klopstockt. Ich erinnerte mich sogleich der herrlichen
Ode, die ihr in Gedanken lag, und versank in dem Strome
von Empfindungen, den sie in dieser Losung auf mich ausgoß.
Ich ertrug's nicht, neigte mich auf ihre Hand und küßte sie
unter den wonnevollsten Tränen. Und sah nach ihrem Auge
wieder.“ Lotte und Werther beleben ihre Empfindung des
Frühlingsgewitters durch das Gedächtnis an die Ode des Jahres
1759, deren schöne Schlußstrophen oben! zitiert worden sind.
Eine Vergleichung aber dieser Strophen und der Schilderung
Goethes zeigt den Unterschied zwischen der unbewußt-dithyram⸗
bischen Höhezeit der Empfindsamkeit und deren zwar noch be—
wegtem, doch aber der allgemeinen seelischen Situation schon
bewußtem Ausgang. Es sind die beträchtlichsten Schattierungen
des Empfindsamen, das aber gleichwohl noch ein und derselben
ganzen Periode angehört; und es bringt einen innersten Zu—
sammenhang zum Ausdruck, wenn der Verfasser von Werthers
Leiden die soeben dem Leser vorgetragene Stelle seines Buches
mit einem warmen Gefühlsausbruch an den Namen Klopstocks
endet: „Edler! hättest du deine Vergötterung in diesem Blicke
gesehen; und möchte ich nun deinen so oft entweihten Namen
nie wieder nennen hören!“

S. 429.
        <pb n="141" />
        Neune Dichtung.

488
Der Ausgang der empfindsamen Zeit ist wesentlich durch
zweierlei Erscheinungen gekennzeichnet. Einmal vollzog sich
innerhalb der deutschen Entwicklung selbst eine Abklärung. Je
länger und je eindringlicher die Dichtung das neue Empfinden
aussprach, um so zahlreicher wurden die Kreise, die, durch die
soziale und geistige Entwicklung der letzten Menschenalter inner⸗
lich vorbereitet, ihm zufielen; indem aber die Bewegung eine
breitere soziale Grundlage nun auch offen gewann, verlor sie
zugleich an Innerlichkeit: auch der Inhalt des Gefühlslebens
wurde nun gleichsam öffentlicher und damit flacher, und die
Kunst seiner Darstellung gewann an gegenständlicher Klarheit.
Anderseits aber kamen jetzt auch mächtige Einflüsse des Aus—
landes hinzu, um diesen Abklärungsprozeß zu beschleunigen
und zugleich im Sinne einer Bereicherung an Mannigfaltigkeit
der Empfindungen zu verstärken.

Es ist schon früher davon die Rede gewesen', daß die
westeuropäischen Nationen, vor allem Engländer und Franzosen,
die seelischen Entwicklungsstufen, die mit der Entfaltung eines
Wirtschaftslebens frühesten Unternehmertums und eines neuen
Bürgertums dieser Unternehmung mehr oder minder verknüpft
sind, früher erlebt haben als unser Volk. Während auf
deutschem Boden die Bewegung, sieht man von den besonders
früh erbluhenden, aber auch besonders früh ausscheidenden
Niederlanden ab, nach dem Dreißigjährigen Kriege nur matt
einsetzte, um in den zwanziger und dreißiger Jahren des
18. Jahrhunderts eine erste entwicklungsgeschichtliche Höhe von
verhältnismäßig geringer Ausdehnung und Erhebung zu er—⸗
reichen, ging in England die entsprechende Entfaltung seit
der glorreichen Revolution aufs strackeste und fruchtbarste vor
sich. Dem entsprach denn auch eine frühe und kräftige Blüte
der seelischen Bewegung: schon in Youngs Gedanken über die
Originalwerke wird das unmittelbare Studium der Natur
empfohlen: nicht nach Homer, sondern wie Homer gelte es zu
schaffen; und die Losung bereits Shaftesburys waren die

S. oben S. 250 ff.
        <pb n="142" />
        a80

Zweiundzwanzigstes Buch.
Worte All beauty is truth. Und diesen Vorsprung in der
Entfaltung des neuen Seelenlebens hat England nicht bloß
gegenüber Deutschland, sondern bis zu einem gewissen Grade
auch Frankreich gegenüber beibehalten bis tief ins 19. Jahr⸗
hundert hinein, ja in mancher Hinsicht bis auf den heutigen
Tag: fast zwei Menschenalter, bevor es in Frankreich ein
Kaiserreich gab, hatten die Engländer schon ihren Empirestil
in der Baukunst; als David noch bei Boucher Amoretten malte,
standen sie bereits auf der Höhe eines malerischen Klassizismus;
und die großen periodischen Rundschauen des 19. Jahrhunderts
in England, Zisternen gleichsam des geistigen Lebens, die „Edin-
burgh Review“, begründet 1802, die „Quarterly Review“,
begründet 1809, haben in Frankreich erst im Jahre 1831 mit
der Begründung der „Revue des deux Mondes“ ein Gegen—
stück gefunden. Was aber das entwicklungsgeschichtliche Ver—
hältnis des englischen zum deutschen Geistesleben betrifft, so
muß man sich bei Aufstellung eines richtigen chronologischen
Maßstabes z. B. erinnern, um wie vieles früher Fielding,
Goldsmith, Walter Scott, Dickens das nationale Leben mit
den Augen eines Immermann, Freytag, Riehl oder Reuter
betrachtet haben, und um wie viel zeitiger David Wilkie, der
englische Knaus, für ein reich gewordenes Bürgertum der
Unternehmung schuf. Im ganzen aber wird der entwicklungs⸗
geschichtliche Abstand der drei Nationen untereinander vielleicht
am besten, wenn auch ein wenig zu stark durch das Empor—
kommen der modernen Karikatur und Sittenzeichnung an allen
drei Stellen bezeichnet. Es läßt sich in England mit Hogarth,
in Frankreich seit dem ersten, in Deutschland seit dem vierten
und fünften Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts beobachten.
Für das deutsche 18. Jahrhundert war unter diesen Um—
ständen klar, daß sein nationales Geistesleben, bei aller eigenen
und kernhaften Entfaltung, immer und immer wieder von den
Nationen des Westens erfolgreich befruchtet werden mußte.
Und es war schon mit der Zeitfolge der Entwicklung gegeben,
daß in diesem Verhältnisse vor allem England in den Vorder—
grund trat: denn es war das frühest entwickelte Land und in
        <pb n="143" />
        Neue Dichtung.

435
tausend Dingen auch für Frankreich der gebende Teil; zudem
war es dem deutschen Wesen nach Sprache und Glauben enger
verwandt und hatte in Hamburg ein natürliches und starkes
Eingangstor nicht bloß seines kommerziellen, sondern auch
seines ideellen Einflusses: früh schon haben durch den großen
Hafen des Nordens Shakespeare und Milton ihren literarischen
Einzug in Deutschland gehalten.

Jetzt nun, in der Zeit des Emporkeimens und Aufblühens
der Empfindsamkeit, wuchs der Einfluß Englands besonders
empor: den längst bewunderten Milton und Shakespeare folgten
die Thomson und Richardson, die Poung und Sterne, die
Fielding und Goldsmith, und mit ihnen wurden der Haupt⸗
sache nach Einflüsse eines einfach würdigen Deismus und
einer virtuosen Wiedergabe von Stimmungsempfindungen auf—
genommen: wurde englische Sentimentalität und englische Welt—
anschauung in Deutschland lebendig. Übertrumpft aber wurden
all diese Einflüsse, mit Ausnahme vielleicht dessen von Sternes
Empfindsamer Reise Yoricks, in der Höhe der deutschen
Empfindsamkeit durch die Wirkungen Ossians.

In Schottland hatte Allan Ramsay um 1724 die feier⸗
lichen alten Gesänge seiner Heimat zu sammeln begonnen und
in The gentle Shepherd die erste Idylle von wirklichem
Empfinden für die Schlichtheit ländlicher Sitten geschaffen.
Dann hatten sich die Akkorde der neuen, dem Mittelalter ent⸗
nommenen Melodie gesteigert: Smollet hatte im Volkston ge⸗
dichtet, Neil Gow die Sackpfeife des Hochländers in London
zu Ehren gebracht. Aus dieser Entwicklung heraus und in
dieser Atmosphäre dichtete Macpherson im Jahre 1760 seinen
Ossian und gab ihn als eine Sammlung altgälischer Lieder
heraus. Im Sturme eroberte sich das Buch England, wo
eben Cooper den Kreis des Dichterischen erweitert, Percy die
Reste altenglischer Dichtung wieder bekannt gemacht hatte. Im
Sturme nahm es auch Deutschland ein; mehrere Übersetzungen
erschienen seit den Jahren 1768 und 1769 und erlebten wieder—
holte Auflagen: es war wie die Erfüllung langersehnten
Empfindens. „Ossian hat in meinem Herzen den Homer ver—
        <pb n="144" />
        86

Zweiundzwanzigstes Buch.
drängt. Welch eine Welt, in die der Herrliche mich führt!
Zu wandern über die Heide, umsaust vom Sturmeswinde, der
in dampfenden Nebeln die Geister der Väter im dämmernden
Lichte des Mondes hinführt! Zu hören vom Gebirge her im
Gebrülle des Waldstroms halbverwehtes Achzen der Geister aus
ihren Höhlen und die Wehklagen des zu Tode sich jammernden
Mädchens um die vier moosbedeckten, grasbewachsenen Steine
des Edelgefallenen, des Geliebten. Wenn ich ihn dann finde,
den wandelnden grauen Barden, der auf der weiten Heide die
Fußstapfen seiner Väter sucht und, ach! ihre Grabsteine findet
und dann jammernd nach dem lieben Sterne des Abends hin—
blickt, der sich ins rollende Meer verbirgt, und die Zeiten der
Vergangenheit in des Helden Seele lebendig werden, da noch
der freundliche Strahl den Gefahren der Tapferen leuchtete
und der Mond ihr bekränztes, siegrückkehrendes Schiff beschien!
Wenn ich den tiefen Kummer auf seiner Stirn lese, den letzten,
verlassenen Herrlichen in aller Ermattung dem Grabe zuwanken
sehe, wie er immer neue, schmerzlich glühende Freuden in der
kraftlosen Gegenwart der Schatten seiner Abgeschiedenen ein—
saugt und nach der kalten Erde, dem hohen, wehenden Grase
niedersieht und ausruft: ,Der Wanderer wird kommen, kommen,
der mich kannte in meiner Schönheit, und fragen: Wo ist der
Sänger, Fingals trefflicher Sohn? Sein Fußtritt geht über mein
Grab hin, und er fragt vergebens nach mir auf der Erdes: —
O Freund! ich möchte gleich einem edlen Waffenträger das
Schwert ziehen, meinen Fürsten von der zückenden Qual des
langsam absterbenden Lebens auf einmal befreien und dem be—
freiten Halbgott meine Seele nachsenden.“

Der Einfluß Ossians hat eine Zeitlang alle anderen
fremden Einflüsse überwogen. Aber weit dauernder und tiefer
war im ganzen doch der Einfluß Rousseaus. Eben deshalb,
und weil er weder im engeren noch im weiteren Sinne bloß
literarischen Charakters war, ist schon früher von ihm, in all—
gemeinerem sozial- und geistesgeschichtlichen Zusammenhange,

mWerthers Leiden, zum 12. Oktober 1772.
        <pb n="145" />
        Neue Dichtung.

437
erzählt worden!. Hier mag nur angedeutet werden, daß sich
seit der Ablehnung des französischen Rationalismus selbst in
der witzig-fortgeschrittenen Form Voltaires der stärkere Ein⸗
fluß des Schrifttums französischer Sprache in den Zeiten der
Empfindsamkeit und auch noch des Sturmes und Dranges
fast auf Rousseau beschränkte. Des Schrifttums französischer
Sprache! Denn in vieler Hinsicht war Rousseau nicht so
sehr Franzose als Schweizer, Genfer, Calvinist; und in dem
tiefen Pathos seiner Seele mag er, vornehmlich in der Héloise,
manchmal eher Haller zu vergleichen sein als einem der dichte⸗
rischen Genossen seiner Zunge. Seine Einwirkung auf die
deutsche Empfindsamkeit aber, wie sie die sechziger Jahre in
steigender Stärke erfüllte, war wesentlich die reiferer Be—
fruchtung und durchsichtigerer Klärung. Zweifellos hat sein
feiner Formensinn den größten, auch im einzelnen nachweis—
haren Einfluß gehabt, nicht zum geringsten auf Goethe. Und
die tiefgründige, ja oft abgründige Energie seiner Seelenkunde
hat der deutschen Dichtung Gegenden untersten Seelenlebens
erschlossen, vor deren Erkundung sie bis dahin unbewußt Halt
gemacht hatte oder gar sichtlich zurückgeschreckt war.

Unter all diesen Einflüssen und Wandlungen gelangte jetzt
das Schrifttum der späteren deutschen Empfindsamkeit, wenn
auch unter manchen Stößen leidenschaftlichen Sturmes und
Dranges schließlich doch in ruhigere Tiefe und in gelassenere
Breite: um, wenn auch nicht zeitlich, so doch inhaltlich in
einem Werke von großgearteter Wirkung und weltgeschichtlicher
Höhe, Goethes Werther, zu gipfeln. Im ganzen ist es dabei
der beste Beweis für den doch kerndeutschen Verlauf, daß die
Bewegung den Anschluß an Klopstock wahrte; denn im Grunde
war es nur ein bedeutender Dichter, der sich diesem Zusammen—
hange entzog, Wieland.

Wieland, um neun dJahre jünger als Klopstock, wurde
oielleicht schon durch den geringen Altersunterschied davor be—
wahrt, in dem Gefolge des Dichterfürsten der Empfindsamkeit

S. oben S. 251f.
        <pb n="146" />
        438

Zweiundzwanzigstes Buch.
völlig aufzugehen. Entscheidend aber für seine Selbständigkeit
wurde sein schwankender Charakter. Wie oft nicht hat er in
seinen zahlreichen Dichtungen den Gegensatz und das In—
einanderübergehen zugleich religiöser Schwärmerei und welt—
licher Frivolität dargestellt! Es waren die Pole der eigenen
Lebensführung, die aus stetig lodernder Sinnlichkeit genährt
wurde: einer Lebensführung, die seinen Schöpfungen zwar große
Mannigfaltigkeit verbürgte, die sie aber zugleich des tieferen
historischen Kerns, des festen Gegründetseins auf wesentliche,
länger währende, ernste Strömungen der Zeit beraubt hat. In
engsten religiösen Schranken des Pietismus erzogen, dann frei—
lebig bis zur Ehe mit einer unbedeutenden Frau und freigeistig
für immer, war Wieland am ehesten noch im letzten und all—
gemeinsten Verlaufe des alten Rationalismus der Aufklärung
—DD00
und philiströsen Dasein der Vertreter dieses Rationalismus,
etwa dem Berliner Kreise Nicolais, bei seinem entzündlichen
Gemütsleben fern, bewegte er sich von dieser mittleren Linie
in Abweichungen, die, an sich stetig, in sich völlig unregel—
mäßig, bald nach der Seite einer Frömmigkeit, die Lüstern—
heit nicht ausschloß, bald nach dem Extreme einer einseitigen
Verstandeskultur ausschlugen, wie sie gelegentlicher Anfälle von
Schwärmerei nicht immer Herr wurde. Dabei war für den Ein—
tritt dieser Schwankungen noch nicht einmal der allgemeine Ver—
lauf religiöser, sittlicher oder auch nur literarischer Strömungen
durchschnittlich maßgebend, sondern nicht selten griffen rein
persönliche Schicksale, Wechsel des Aufenthalts oder der Gesell—
schaft, soweit dies bei einem solchen, übrigens wohlwollenden
und freundlichen Gesinnungen offenen Charakter möglich war,
entscheidend ein.

Da ist es denn klar, worauf schließlich ein tieferer Ein⸗
fluß Wielands begrenzt wurde: auf die Formgebung und auf
die Ausbildung der Form in Stoffen, die sich zu dem tieferen
Verlaufe des neuen Seelenlebens möglichst gleichgultig ver—
hielten. So wurde Wieland zum glänzenden Meister der Form
und zum Epiker der bloßen Erzählung, mochte er deren Ver—
        <pb n="147" />
        Neue Dichtung.

489
lauf auch durch allerlei Zeitanspielung und Zeitkritik ins Gegen⸗
wärtige zu beleben suchen. Und so ist er dem Gehalte seiner
Dichtungen nach ohne entscheidende Anteilnahme durch die
Zeiten der Anakreontik und der Empfindsamkeit und des
Sturmes und Dranges bis zum Klassizismus, ja bis zur
Romantik fortgeschritten, während er all den Wandel dieser
Perioden je länger je mehr durch eine gewaltige Virtuosität
zeitgemäßer Formgebung beeinflußt hat. Vor allem der
Romantik ist diese Einwirkung zugute gekommen; doch auch
schon der Gefühlsausdruck der empfindsamen Zeit, weniger
der des Sturmes und Dranges hat in ihm einen selbständigen
Meister gefunden.

Soweit aber der sonstige Verlauf der empfindsamen
Dichtung unter dem Einflusse Klopstocks von allgemein geschicht—
licher Bedeutung war, mag man, da Klopstock selbst schon im
Mannesalter dichterisch unfruchtbar wurde, zwischen einem
Klopstockischen Gefolge unbedeutender Schwärmer und den
Dichtern des Göttinger Hainbundes unterscheiden, die auch
ihrerseits, 1772 zu einer engeren Gemeinschaft zusammen⸗
tretend, den Kultus Klopstocks auf ihre Fahne schrieben. Die
Schwärmer sind innerlich bald an leerem Wortgeklingel,
melancholisch⸗-stiller Verlogenheit und affektiertem Bardengebrüll,
äußerlich an Kritik oder Interesselosigkeit des Publikums zu—
grunde gegangen; und es war zu den Zeiten des aufziehenden
Sturmes und Dranges oder gar schon der beginnenden idea—
listischen Abklärung der Empfindsamkeit, da man auch Klopstock
Verschwommenheit der Charakterzeichnung, Verstiegenheit trüb⸗
seliger Gedanken, überhaupt weinerliches Wesen vorzuwerfen sich
anschickte. Aus dem Hainbund aber sind schließlich die Dichter
hervorgegangen, in denen sich, unter Aufnahme des volkstüm⸗
lichen Elementes und der edlern Naturschwärmerei französischen
und englischen, später auch Herderschen Einflusses, die Empfind—
samkeit der ursprünglichen Zeiten nach manchem Überschwange
zu letzten schöneren Ergebnissen abklärte: während Miller aus
diesem Kreise her noch das breite, aber zurückbleibende Publikum
durch die Fabrikation empfindsamer Romane erfreute und der
        <pb n="148" />
        t0

Zweiundzwanzigstes Buch.
frühvollendete Hölty die süßesten Töne einer exrhaben rührenden
Lyrik fand, haben die Grafen Stollberg, hat vor allem Voß
in seinen Idyllen den Zeitgenossen empfindsame Dichtungen
von tiefem und schließlich ruhig-sattem Stimmungsgehalte ge—
schenkt.

Inzwischen aber war der Periode der Empfindsamkeit
längst ihre Grenze gezogen worden: und aus den ersten
Jahren des Sturmes und Dranges schon ragt, eine weithin
und sichtbar scheidende Landmarke, die letzte große Dichtung
der ablaufenden Zeit, Werthers Leiden, empor.

Man weiß, bis zu welchem Grade Goethe in seiner
Dichtung Erlebnisse, Erlebnisse vor allem seines Innenlebens,
neu durcherlebt, erzählt, gebeichtet hat. Aber wichtiger ist, daß
er die Einzelvorgänge, wie sie nur in der Zeit der Empfind—
samkeit erlebt werden konnten, zugleich bewußt als empfindsam
aufgefaßt, dadurch der ablaufenden Periode zum erstenmal
ihren Spiegel vorgehalten und eben hiermit über sie hinaus—
——
eine idealisierend-empfindsame Behandlung, über die der Dichter
mindestens nach Abschluß des in unglaublich kurzer Zeit ge—
schriebenen, um so länger aber innerlich vorbereiteten Werkes
klar war. Es ist eine Geschichte, „darin ich“, so schreibt
Goethe an Schönborn in Algier, „einen jungen Menschen dar—⸗
stelle, der, mit einer tiefen, reinen Empfindung und wahrer
Penetration begabt, sich in schwärmende Träume verliert, sich
durch Spekulation untergräbt, bis er zuletzt, durch dazutretende
— D
rüttet, sich eine Kugel vor den Kopf schießt“.

Könnte man heute über den Inhalt kürzer, objektiver, so⸗—
zusagen historischer berichten? Die wenigen Worte erzählen
in der Wiedergabe eines typischen Verlaufes der vom Stoffe
abgezogenen elementaren Empfindungen fast die Geschichte der
Empfindsamkeit selbst.

In den Weiten der Dichtung aber gewinnt diese tiefste
Ur- und Unterströmung empfindsamer Gefühle eine Aus—
gestaltung, die in ihrer reichen Mannigfaltigkeit einfachsten
        <pb n="149" />
        Neue Dichtung.

441

menschlichen Empfindens und Denkens niemals veralten wird.
Denn das, was hier im Verlaufe der Geschichte des deutschen
Geisteslebens fast zum erstenmal und ausgesprochen entgegen⸗
tritt, ist eine breit ausgesponnene psychologische Charakteristik,
vor allem Werthers selbst, der in dem Ablaufe seiner Briefe
kaum eine Falte seiner Seele undurchmustert läßt. Gewiß
werden dabei vornehmlich die Empfindungen zerfasert; und
Werther kann über dieser Aufgabe, in „Verzückung, Gleichnisse
und Deklamation verfallen“, gelegentlich die äußeren Umstände
einer Begebenheit gänzlich zu erzählen vergessen. Aber war
die Welt der Empfindungen nicht eben die Welt der fünfziger
und sechziger Jahre des 18. Jahrhunderts? Und betont nicht
Werther selbst oft genug die enge Begrenzung seines äußeren
Erfahrungslebens? Indes auch die Staffage, die Außenseite
der Ereignisse ist mit einem gegenüber aller früheren Kunst
ausgesprochen starken Wirklichkeitssinne, mit einem Naturalis⸗
mus, der bisher noch ohnegleichen war, gezeichnet. Wer in
Wetzlar, der alten wunderlichen Reichsstadt mit ihrem zweimal
unvollendeten Dome, den Schauplatz einer der ersten Schilde—
rungen in Werthers Leiden kennt, die Stätte, wo, in dem
Idyll eines Seitentälchens der Lahn, ein taufrischer Quell von
nicht weiter besonderer Schönheit sich zur Seite eines Weges
in der Tiefe von dem kleinen Straßengewirr der Umgebung
abhebt, der wird von der plastischen Schilderung Goethes aufs
erstaunlichste berührt sein. „Da ist gleich vor dem Orte ein
Brunnen, ein Brunnen, an den ich gebannt bin, wie Melusine
mit ihren Schwestern. Du gehst einen kleinen Hügel hinunter
und findest dich vor einem Gewölbe, da wohl zwanzig Stufen
hinabgehen, wo unten das klarste Wasser aus Marmorfelsen
quillt. Die kleine Mauer, die oben umher die Einfassung
macht, die hohen Bäume, die den Platz rings umher bedecken,
die Kühle des Ortes, das hat alles so was Anzügliches,
Schauerliches. Es vergeht kein Tag, daß ich nicht eine Stunde
da sitze. Da kommen dann die Mädchen aus der Stadt und
holen Wasser — das harmloseste Geschäft und das nötigste,
das ehemals die Töchter der Könige selbst verrichteten.“ Und
        <pb n="150" />
        442 Zweiundzwanzigstes Buch.
so ist es mit allen Schilderungen von Örtlichkeiten in Werthers
Leiden, die sich nachprüfen lassen: es ist ein Naturalismus
ohnegleichen: hier zum erstenmal erscheint in der Periode der
Empfindsamkeit eine ihrer köstlichsten Hinterlassenschaften, eine
erhöhte Auffassungsform der Wirklichkeit, zu voller Reife ge—
zeitigt.

Aber daneben steht, alle Kunst der Einzeldarstellung der
tausend erwähnten Umstände und Personen zügelnd und über—
treffend, eine nicht minder große Kunst der künstlerischen Be—
herrschung. Man hat Werthers Leiden wohl das herrlichste
Denkmal „realistischer Sentimentalität“ genannt. Die Be—
zeichnung erschöpft den Sachverhalt nicht. Neben all diesem
Realismus, in dem sich die schon vorgeschrittenen Jahre des
Sturmes und Dranges spiegeln, macht sich eine Kraft idea—
listischer Konzentration geltend, die die Anfänge schon eines
künftigen Klassizismus vorwegnimmt.

Eben aus diesem weiten Wurzelschlagen erhellt die Be—
deutung, erklärt sich die außerordentliche und dauernde Wirkung
der Dichtung. Schließt sie einerseits die Periode der Empfind⸗
samkeit ab, indem sie deren seelische Elemente zerdröselt und
deren künstlerische Errungenschaften in veredelten Formen fort—
pflanzt, so weist sie anderseits hinein in neue, höhere Jahr—
zehnte des deutschen Schrifttums, in die revolutionären Zeiten
der siebziger Jahre und die achtziger und neunziger Jahre
eines zu reiner Helle durchgeläuterten Idealismus.

2. Einer der Prosasprüche Goethes lautet: „Vor dem
Gewitter erhebt sich zum letztenmal der Staub gewaltsam, der
nun bald für lange getilgt sein soll.“ Die Worte sind gelegent—
lich wohl auf den ganzen Verlauf des Sturmes und Dranges
bezogen worden. Mit Unrecht. Nicht bloß Staub aufgewirbelt
hat die Zeit der Stürmer und Dränger; sie war zugleich auch
die Stunde reich befruchtenden Gewitters.

Auf den ersten Augenblick mag man wohl rufen: Original—
genies! Genieperiode überhaupt! Revolution an Haupt und
Gliedern! Sturm und Drang nicht bloß ästhetisch, nein auch
        <pb n="151" />
        Neue Dichtung.

48
religiös und politisch! Und gar manche seelische Umwälzung
dieser Zeit, die sich explosiv vollzieht, mag solchem Rufe recht
geben; es ist davon früher erzählt worden?!. Aber dem gewalt⸗
samen Aufsprießen und Knospenspringen entrang sich schon im
Verlaufe der Periode selbst manch kostbare Frucht; und wie
sich in ihr die ersten nun wirklich kräftigen Keime der neuen
Persönlichkeit des Subjektivismus bildeten, wie die Urformen
neuer Weltanschauungen, welche die nächsten Geschlechter be—
schäftigen, ja beherrschen sollten, aus unklarem Wehen des
Denkens hervortraten?, so wurden auch im Reiche der Dichtung,
in dem Empfinden und Fortbilden Eines sind, neue s chöpferische
Gedanken wach und alsbald in Kunstwerken von Rundung und
Dauer verwirklicht.

Die Grundlage alles Neuen aber wurde jetzt in dem in⸗
tuitiven Gefühle des echt Volkstümlichen gewonnen. Gewiß
hatte auch schon die Empfindsamkeit dieser tiefsten Grundlage
zugestrebt. Aber es geschah nur matt oder übertrieben, aus
einem noch nicht völlig sicheren Instinkte heraus, und nicht selten
in Anlehnung an fremde Mahnung und fremdes Vorbild. Jetzt
dagegen, wo die subjektivistische Persönlichkeit sich in einzelnen
Individuen in aller Breite ihrer Voraussetzungen, wenn auch
zunächst dithyrambisch, auswirkte, stellte sich auch alsbald ihr
Gegenstück ein: die Liebe zum Volkstum. Denn wie soll den
Einzelpersönlichkeiten der vollste Lebensraum eigenen Aus—
wirkens gewährleistet werden, wird nicht ein weites, elastisches,
von allen innerlich anerkanntes Band gefunden, das die Grund⸗
festen ihres Daseins umschließt und sichert. Die Seele des
modernen Menschen bedarf des Lebens in einem reich ent⸗
wickelten und völlig anerkannten Volkstum: die individual⸗
psychische Seite des Daseins muß durch die sozialpsychische be—
wußt ergänzt werden: das ist eine der Grundanschauungen
aller subjektivistischen Zeitalter.

Wie aber vermochte diese Volkstümlichkeit anders ins

1 S. oben S. 280 ff., 248 ff.
2 S. oben S—. 250 ff.
        <pb n="152" />
        Zweiundzwanzigstes Buch.
Bewußtsein der Zeitgenossen zu treten, als aus einem tiefen
Verständnis der eigenen Art. Und dies Verständnis war
schließlich nur historisch zu gewinnen. So verknüpfen sich
nationale und geschichtliche Auffassung: anfangs enthusiastisch,
in dem Schwärmen des Sturmes und Dranges für altteutsche
Art und in dem romantischen Sichversenken in den Geist ver—
gangener Ahnen, später wissenschaftlich, in dem Historismus
des 19. Jahrhunderts.

Die Dichter der Empfindsamkeit und des Sturmes und
Dranges waren fast alle jugendlich: bei Klopstock und Herder,
bei Goethe und Schiller fallen die ersten wesentlichen Leistungen
schon in die Studentenzeit. Es ist eine Erscheinung, die allen
Zeiten großer geistiger und seelischer Ubergänge gemeinsam ist:
wie jung waren die meisten deutschen Humanisten der Blüte⸗
periode bis zu den dreißiger Jahren des 16. Jahrhunderts;
wie jung sind auch unsere jüngsten Stürmer und Dränger, die
Dichter des „grünen“ Deutschlands der achtziger und neun—⸗
ziger Jahre des 19. Jahrhunderts gewesen. Sehr natürlich:
in Seelen, deren Empfindungsgeleise noch nicht eingefahren
sind, deren Schöpferkraft und Aufnahmefähigkeit noch kein
Alter geschwächt hat, werden neue Reize, denen sich neues
Seelenleben entringt, am entschiedensten wirken. Aber sind diese
Köpfe dann im allgemeinen am längsten und nachhaltigsten zu
wirken bestimmt? Nur zu häufig, wenn nicht stärkste Willens⸗
kraft zu ständiger Selbsterziehung und innerer Fortbildung
drängt, unterliegen sie den ersten Eindrücken als einer dauernden
Einwirkung: und so verkümmern sie, bilden sich nicht weiter
an den reichen Stoffen der vorwärts stürmenden Welt, beginnen
zu deklamieren und zu philosophieren, verfallen dem Selbstkult.
Auch die deutsche Geschichte der zweiten Hälfte des 18. Jahr⸗
hunderts hat diese Entwicklung gekannt, und das böse Wort
Friedrichs des Großen: L'Allemagne féconde en plats origi-
naux traf als allgemeine Beobachtung die Wirklichkeit.

Da mußte es denn um so bedeutsamer sein, wenn sich
unter den stürmenden und zumeist rasch nachlassenden Jungen
der oder jener Ältere befand, der vermöge besonderer Ver—
        <pb n="153" />
        Neue Dichtung.

445
anlagung mittat, aber zäh war, den Verlauf der ganzen Be—
wegung von reiferer Erfahrung aus übersah und dessen dauernde
Werte zu erkennen und für die fruchtbaren Meister der Folge—
zeit deutlicher zu fassen wußte. Ein solcher Mann ist dem deutschen
Sturm und Drang in Hamann geschenkt gewesen.

Hamann, der 1730 geboren war, hat mit dem Jahre 1759,
nach damaliger Anschauung erst spät und jedenfalls nach
manchem Umtreiben in Welt und Geschichte zu schriftstellern
begonnen. Wir kennen schon seine Bedeutung für die Ent—
wicklung einer subjektivistischen Orthodoxie des Gemütes!. Der
Dichtung der Empfindsamkeit und vor allem des Sturmes und
Draͤnges trat er, noch bevor ihr Seelenleben völlig entwickelt
war, durch die Art seines geistigen Schaffens innerlich nahe;
er hat seine Produktionsweise selbst als „Paroxysmus, nicht
eine bloße ocun, sondern einen furor utérinus, ein dem lächer—
lichen Sturm und Drang ähnliches Interesse“ bezeichnet. In
der Tat lebte er in jenem bloßen Denken in Aphorismen, das
diesen kennzeichnete: so habe Sokrates gedacht, der Gott sei
Dank keine Dialektik gekannt habe: „Die Analogie war die
Seele seiner Schlüsse und die Jronie ihr Leib.“ Und so ver—
stand sich Hamanns Wunsch, als Gesamttitel seiner Schriften
die Worte „Fliegende Blätter“ zu wählen.

Aber eben von diesen besonderen Regungen seines Denkens
aus hat Hamann für die Dichtung am frühesten die tieferen
Folgerungen des neuen Seelenlebens gezogen. Und da kam
er zu dem Begriffe des dichterisch Genialen, das aber im
Volkstümlichen wurzeln müsse. Und indem er diesen Satz auf
dem Wege historischer Läuterung nochmals gleichsam um ein
Stockwerk abteufte, ergab sich ihm der Fundamentalgedanke,
daß die Dichtung die Muttersprache des menschlichen Geschlechtes
sei. „Poesie ist die Muttersprache des menschlichen Geschlechtes;
wie der Gartenbau älter als der Acker; Malerei als Schrift;
Gesang als Deklamation; Gleichnisse als Schlüsse; Tausch als
Handel. Ein tiefer Schlaf war die Ruhe unserer Urahnen

1 S. oben S. 275.
        <pb n="154" />
        146

Zweiundzwanzigstes Buch.
und ihre Bewegung ein taumelnder Tanz.“ Es sind die Ge—
heimnisse seiner Lehre, die er seinem Landsmann Herder ins
Herz senkte, und die in diesem Herzen Frucht trugen hundertfalt.

In seiner Straßburger Zeit, nach den Erfahrungen längerer
Reisen und in der Durchbildung der Einfälle Hamanns zu
einem vollen selbsterlebten Systeme, lehrte Herder, der wahre
Dichter sei nur Dolmetscher der Natur hinein in die Seele
und das Herz seiner Brüder. Aus ihm wirke im Grunde
nicht er selber, sondern die ganze Welt der Leidenschaft und
Handlung, die die Natur in ihn gelegt habe: die strebe nach
außen durch das Mittel der Sprache: und sie wirke um so
mehr, je wahrer, kenntlicher und stärker die Sprache im Aus—
drucke der sie begleitenden Empfindungen sei. Und auf je
mehr Menschen sie wirke, die ihre Eindrücke in Menge und
gemeinschaftlich empfangen und einander wie zurückgeworfene
Strahlen der Sonne mitteilen, desto mehr nehme auch die
Wärme und Erleuchtung zu, die aus ihr quelle: und so werde
dichterischer Glaube Glaube des Volkes, Quell seiner Sitte und
seiner Glückseligkeit.

Muß noch gesagt werden, wie diese Freistellung der Selbst—
herrlichkeit des Dichters, diese Inthronisierung der Poesie im
Mittelpunkte des neuen Seelenlebens der freien Persönlichkeit
und doch wieder ihre Ableitung aus den historischen wie seelischen
Urgründen alles Menschenlebens: ihre Verknüpfung mit Mensch-
heit, Volkstum und einem Künstlerdasein subjektiver Seelen⸗
herrschaft über die menschliche Umwelt: wie sie auf die der
Dichtung zugewandten Zeitgenossen, wie auf die Dichter selber
wirken mußte? Während Herder, mehr von anregender als
schöpferischer Produktivität, in den Kritischen Wäldern (1769),
der Ältesten Urkunde des Menschengeschlechtes (1774), vor allem
der Ausgabe der Volkslieder (1778 —79) seine Anschauungen
zu einer immer geschlosseneren Lehre ausbaute und mit feinem
Geschmacke die beweisenden Denkmäler für sie sammelte, zogen
die neuen Dichter immer mehr seines Weges: allen voran
Goethe, der jetzt schon als geistiger Heros und Führer zu willig—
unwilliger Anerkennung gelangte.
        <pb n="155" />
        Neue Dichtung.

447
In der Straßburger Zeit (1770) ist Goethe ganz von
Herders Ideen erfüllt worden. Die frohe Geselligkeit dieser
Monate, der Verkehr mit gleichaltrigen Genossen, das Sesen⸗
heimer Idyll hinderten den Dichter nicht, in dunkler Kammer,
in der Herder die Heilung seines Augenleidens abwartete, den
tieffurchenden Lehren des Meisters zu lauschen. Was hat er
nicht alles in dieser Zeit abgelegt: die Schwärmerei für Wie—
land und die Franzosen, den Zusammenhang mit fader Auf—
klärung, ja den frommen Kirchenglauben der Frankfurter
Jugend! Dafür machte ihn Herder mit Goldsmith und Sterne
vertraut, mit Twiß und Hamann, mit Volksliedern und Möser,
mit Plato, mit Homer und mit ihm, der eben den Dichtern
des Sturmes und Dranges doch erst recht auferstand, dem
schon von Hamann geliebten göttlichen Shakespeare! Und wie
fest baute sich zugleich der Jünger in den nebeldurchdunsteten
Gefilden eines neuen, enthusiastischen Pantheismus an! Ja
wie suchte er ihn denkhaft zu durchdringen! „Getrennt über
Gott und Natur abhandeln,“ heißt es in einer Tagebuch—
aufzeichnung der Straßburger Zeit, „ist schwierig und mis—
lich, eben als wenn wir über Leib und Seele gesondert denken.
Wir erkennen die Seele nur durch das Mittel des Leibes,
Gott nur durch die durchschaute Natur; daher scheint es mir
verkehrt, Denker der Verkehrtheit zu zeihen, die ganz philo—
sophisch Gott mit der Welt verknüpft haben. Denn was ist,
muß notwendig alles zum Wesen Gottes gehören, weil Gott
das einzige Wirkliche ist und alles umfaßt.“ Es ist das
Glaubensbekenntnis des Faust, es ist eine frühe Fassung des
Glaubensbekenntnisses des männlichen und auch des alternden
Goethe.

Aber nicht dem Denken, sondern der Tat war auch diese
Zeit schon zugewandt. Und da lag nichts näher als ein
offenes, auch andere begeisterndes Bekenntnis zum Urquell alles
deutschen Dichtens und zu seinem letzten Ziele: zum deutschen
Volkstum. Im Januar 1773 erschienen die Fliegenden Blätter
von deutscher Art und Kunst mit Mitteilungen von Möser,
Herder, Goethe. Goethe sprach vom Straßburger Münster

Kamprecht. Deutsche Geschichte. VIII. 2. 29
        <pb n="156" />
        148

Zweiundzwanzigstes Buch.
als dem hehren Denkmal des Schöpfergeistes deutscher Ahnen,
dem Koloß, erschaffen von einem Geiste, der „Berge auftürmte
in die Wolken“, und er rühmte den gotischen Stil, diesen
deutschen Stil, dessen Kirchen „ungeheuere Konzeptionen“ sind,
„deren Sinn babylonisch in den Himmel strebt“. Und mit
dem deutschen Altertume erwachte dem Dichter die germanische
Seele überhaupt. Für sein unmittelbares Schaffen trat ihm
Shakespeare der Natur und dem Volkstum zur Seite, ja beide
meisternd vor sie. „Ich rufe Natur! Natur! Nicht so Natur,
als Shakespeares Menschen. Da habe ich die Philister überm
Hals. Laßt mir Luft, daß ich reden kann!“ ... Und er redete,
und es entstand das erste große Drama der neuen Zeit: „Götz
von Berlichingen“ (1771 1778).

Die Zeit der Empfindsamkeit hatte noch keine poetischen
Schöpfungen hinterlassen, die uns auch heute noch ohne Ver⸗
mittlung geschichtlicher Auffassung völlig ansprächen; wir sehen
die Anfänge des Neuen, aber sie erscheinen noch fremdartig.
Anders die Dichtung des Sturmes und Dranges. Nun welkt
das empfindsame Lied ab, und die sentimentale Epik erweist
sich als taube Blüte. In den Vordergrund treten Lyrik und
Drama, diese wichtigsten Zweige hoher Poesie auch noch unserer
Tage; und auf beiden Gebieten kommt es zu Schöpfungen,
deren innigste Verwandtschaft mit allem, was heute lebt, uns
unmittelbar aufgeht.

Vor allem gilt das für die Lyrik, diese Frühform aller
Poesie, in deren Bereiche sich die Wandlungen auch hoher
Kulturzeitalter der Regel nach am einschneidendsten und ehesten
ausprägen.

Unter den Lyrikern des Sturmes und Dranges läßt sich
entwicklungsgeschichtlich eine ältere und eine jüngere Gruppe
unterscheiden, wobei die erste am anschaulichsten durch Schubart
und Bürger, die zweite durch Lenz und Goethe vertreten ist.
Beide Gruppen sind durch den inneren Drang, volkstümlich
und persönlich-subjektiv zugleich zu dichten, verbunden; aber
das subjektive Element setzt sich erst allmählich durch, und unter
seinem stetig wachsenden Einflusse verschiebt sich das Wesen
        <pb n="157" />
        Neue Dichtung.

449
des Volkstümlichen, um schließlich aus dem Bereiche einer Vor⸗
stellung, wonach es das Empfinden aller nationalen Kreise und
vornehmlich auch der unteren bezeichnet, in das Gebiet des
Nationalen in dem Sinne überzugehen, daß es ein rein Mensch—
liches bezeichnet, insofern dieses in den höchsten Schöpfungen
eines jeweils verlaufenden Kulturzeitalters charakteristisch natio—
nale Formen annimmt.

Schubart, der unglückselige Dichter des Hohen Aspergs,
des „Tränenberges“, trotz aller Schwächen und Fehler seines
Charakters doch ein trauriges Opfer der schwäbischen Klein—
staaterei und des württembergischen Despotismus, war vier—
unddreißig Jahre alt, als der „Götz von Berlichingen“ erschien.
So kann es nicht Wunder nehmen, wenn er in älteren, ge—
legentlich selbst auch jungeren Gedichten noch der munteren wie
der rührseligen Anakreontik, in einer freilich ziemlich plumpen
Rokokoanmut, huldigt. Und erst recht hat er der Sentimentalität
seinen Tribut gezollt; in diesen Zusammenhang gehört die
langatmige Ode auf Friedrich den Großen, die ihm endlich die
ersehnte Freiheit brachte. Daneben aber läuft in seiner Dichtung
von vornherein eine volkstümliche Ader lyrischer Art, die durch
ein paar Verse des Gedichtes „Der Bauer im Winter“, von
später Entstehung und darum besonderer Vollendung, charakteri⸗
siert sein mag:
Ich leb' das ganze Jahr vergnügt,
Im Frühling wird das Feld gepflügt:
Da hängt die Lerche über mir,

Und singt ihr krauses Lied mir für.
Und kommt die liebe Sommerszeit,
Wie hoch wird da mein Herz erfreut,
Wann ich vor meinem Acker steh'
Und so viel tausend Ähren seh'!
Und so weiter. Man sieht: es ist eine einfach gegen—
ständliche Poesie, gemünzt weniger auf die Empfindungen des
Dichters als die von allerlei Ständen — Schubart hat auch
den Fischer, den Schneider, den Schuhmacher, den Zinkenisten
und wen nicht noch in gleicher Art besungen —: eine Dichtung,

99 *
        <pb n="158" />
        50 — Zweiundzwanzigstes Buch.
deren Wesen noch heute in der Poeterei unserer Singspiel⸗
hallen lebendig ist. Dabei hebt sich der Ton gelegentlich wohl
höher, namentlich wenn die Einkleidung eine andere ist, am
höchsten vielleicht in dem „Kaplied“ vom Jahre 1787, einem
rührenden Geleitssange für ein Regiment, das vom Württem⸗
berger Herzog zum Kriegsdienst am Kap der guten Hoffnung
berkauft worden war:
Auf, auf! ihr Brüder, und seid stark!
Der Abschiedstag ist da!
Schwer liegt er auf der Seele, schwer!
Wir sollen über Land und Meer
Ins heiße Afrika!

Ist hart! — drum wirble du, Tambour,
Den Generalmarsch drein.

Der Abschied macht uns sonst zu weich,

Wir weinten kleinen Kindern gleich; —
Es muß geschieden sein.

debt wohl, ihr Freunde! Sehn wir uns
Vielleicht zum letztenmal;

So denkt, nicht für die kurze Zeit,

Freundschaft ist für die Ewigkeit,
Und Gott ist überall.
Hier ist der Objektivität eine ergreifende Innigkeit bei—
gemischt; die Sprache, die Wörter fallen fast zu hart für
das, was der Dichter zwischen den Zeilen meint; es kam für
Schubart ein persönliches Moment ins Spiel: unter den Offi⸗
zieren waren vieljährige Asperger Freunde des Dichters: es
ist wie ein Übergang zur Dichtung des subjektiven Erlebnisses.
Schubart hat auch sonst wohl diesen Ton angeschagen. So
in seinen zahlreichen geistlichen Gedichten. Und hier erlauben
auch einige das Maß abzustecken, in dem Haller in seinen
philosophischen Gedichten und unser Dichter voneinander ent—
fernt sind. So die Anfangsstrophen des Gedichtes über die
Ewigkeit 1.
1 Vgl. dazu oben S. 418. Man ogl. auch Schillers dem Stoffe
aach verwandtes Gedicht.
        <pb n="159" />
        Neue Dichtung.

451

Heut hebet meine Seele sich
Aus ihren engen Schranken,
Und wagt mit tiefstem Ernste dich!
Den furchtbarsten Gedanken!
Dich, schauervolle Ewigkeit!
Dich, Urquell der vergangnen Zeit,
Und aller Künftigkeiten.
Ich Sonnenstaub, von gestern her,
Soll mich ans Ufer wagen,

Wohin vom unbeschifften Meer
Die schwarze Wellen schlagen?

An ungeheure Tiefen, wo

Zahllose Welten, leicht wie Stroh
Auf Meereswogen, schwimmen?

Und wagt es meine Seele gleich,
Mit eines Cherubs Schwingen

In dieses unbeflogne Reich
Der Ewigkeit zu dringen:

NRach tausend Jahren steh' ich doch,

Auch nach KRonen, immer noch,
Wie heute — an dem Ufer.
Das Pathos, das, ganz persönlicher Art, diese Verse durch—
zieht, kann sich bei Schubart da, wo er rein nur von sich zu
reden veranlaßt ist, zu einer auch heute noch mit Urkraft er—
greifenden Höhe steigern. So in seinem vielleicht schönsten
Gedichte, das für ihn zugleich eine Schicksalsdichtung war, in
der „Fürstengruft“:
Da liegen sie, die stolzen Fürstentrümmer,
Ehmals die Götzen ihrer Welt!

Da liegen fie, vom fürchterlichen Schimmer
Des blassen Taas erhellt!
Die alten Särge leuchten in der dunklen
Verwesungsgruft, wie faules Holz;

Wie matt die großen Silberschilde funkeln,
Der Fürsten letzter Stolz!

Entsetzen packt den Wandrer hier am Haare,
Geußt Schauer über seine Haut,

Wo Eitelkeit, gelehnt an eine Bahre,
Aus hohlen Augen schaut.
        <pb n="160" />
        452

Zweiundzwanzigstes Buch.
Aber solche Höhe des Pathos ist selten. Und wie man
sieht: auch hier verläßt den Dichter im Grunde die objektive
Form nicht: der Wanderer empfindet, nicht er; und dieser
Empfindungslage ist die Sprache angemessen: die reine Sub⸗
jektivität des Dichters bleibt noch hinter der Verkleidung.

Es ist dieselbe Entwicklungsstufe, die wir bei Bürger (ge⸗
boren in der Silvesternacht von 1747 auf 1748) wiederfinden.
Nur erscheint alles ein wenig mehr nach der subjektiven Seite
verschoben; nur ist Bürger ein weit größerer Dichter: neben
Goethe und Lenz, Klopstock und Günther wohl das größte
lyrische Talent der Nation im 18. Jahrhundert. Sieht man
auch hier von tändelnden und sentimentalen Anfängen ab, so
mag der Fortschritt gegen Schubart etwa durch ein Winter—
lied aus dem Zahre 1772 gekennzeichnet werden.
Der Winter hat mit kalter Hand

Die Pappel abgelaubt,

Und hat das grüne Maigewand

Der armen Flur geraubt;

Hat Blümchen, blau und rot und weiß,
Begraben unter Schnee und Eis.
Doch liebe Blümchen, hoffet nicht
Von mir ein Sterbelied.

Ich weiß ein holdes Angeficht,
Worauf ihr alle blüht.

Blau ist des Augensternes Rund,

Die Stirne weiß, und rot der Mund.
Was kümmert mich die Nachtigall
Im aufgeblühten Hain?

Mein Liebchen trillert hundertmal
So süß und silberrein;

Ihr Atem ist, wie Frühlingsluft
Frfüllt mit Hyazinthenduft.
Voll für den Mund und würzereich
Und allerfrischend ist,

Der purpurroten Erdbeer' gleich,

Der Kuß, den sie mir küßt. —

O Mai, was frag' ich viel nach dir?
Der Frühling lebt und webt in ihr.
        <pb n="161" />
        Neue Dichtung.

458

Hier ist das Volkstümliche schon viel tiefer mit der Emp⸗
findung des Dichters verschmolzen; so breit die Schilderung
noch ist, z. B. im letzten Verse, und damit objektive Elemente
festhält: — dennoch wagt sich die Subjektivität des Dichters
flott hervor — und in den Mittelpunkt der Lyrik tritt das
Liebeslied. Das Höchste von persönlicher Belebung, von inner—
lichem Pathos, das Bürger in dieser Richtung erreicht hat,
sind wohl die folgenden, Himmel und Erde, überschriebenen
Verse schon des Jahres 1778:

In dem Himmel quillt die Fülle
Heiß ersehnter Seligkeit.

Ich auch, wär' es Gottes Wille,
Tränke gern aus dieser Fülle
Labsal für der Erde Leid:
Für den Wurm, der meiner Tage
Rosenblüte giftig sticht;

Dessen Schmerz ich in mir trage,
Den ich Arzt und Priester klage:
Aber ach! das hilft mir nicht.
Längst sind über Tal und Hügel
Alle Freuden mir entflohn.

Lahm sind meiner Hoffnung Flügel.
Rauher Hindernisse Hügel

Sprechen selbst den Wünschen Hohn.
Dennoch setzt' auch ich auf Erden
Gern noch fort den Pilgerstab.
Sollte Molly mir nur werden,
Trüg' ich aller Welt Beschwerden
Noch den längsten Pfad hinab.
Kann darüber kein Zweifel sein — wie es denn seiner
immer wieder ausgesprochenen klaren Absicht entsprach — daß
Bürger hier sein Innenleben mit dem höchsten, ihm erreichbaren
Naturalismus bloßlegen, daß er sich ganz geben wollte, so
erhellt doch, wie wenig ihm das, am Maßstabe späterer mehr
voslendeter subjektivistischer Dichtung, gelang. Immer noch
bleibt ein beherrschender Hauch äußerer Beschreibung, objektiver
Auffassung: der Dichter nimmt gleichsam, so sehr er sie um—
        <pb n="162" />
        154

Zweiundzwanzigstes Buch.
fangen will, noch immer Distanz von seiner Seele. Die äußeren
Erscheinungen dagegen im vollen Wesen ihres Anblickes wieder—
zugeben, ist ihm hier, wie noch mehr in dem früher ein—
geschalteten Gedichte gelungen; und es ließen sich auch sonst
aus seinen rein lyrischen Gedichten Beispiele genug dafür an—
führen, daß er auf diesem Gebiete Meister war über seine
Vorgänger hinaus.

Diese besondere Lage nun: Andrängen gegen die Er—
eignisse des Herzens, vollere Beherrschung der Wiedergabe der
Außenwelt als bisher: führte in diesem Momente zum Empor—
blühen einer Dichtungsform, deren früheste Andeutungen im
Sinne späterer Vollendung schon bei Schubart vorliegen:
der Ballade, der kurzen, mit lyrischen Elementen durchsetzten
epischen Erzählung.

Dabei ermangelte diese Entwicklung nicht der äußeren,
auch volkstümlichen Anknüpfung. Gassenhauer und Bänkel—
sang waren alte Formen nationaler Lyrik; immer hatten sie
mit epischer Betrachtung gut Freundschaft gehalten; ja die
kurze Relation von Geschichte und Geschichten hatte stets zu
ihren unmittelbaren Aufgaben gehört. So blühten sie auch
im 18. Jahrhundert fort: auf der Landstraße und im Wirts—
haus, im Munde des Jägers und des Hirten — bis hinab
zu den „neuesten Geschichten“, die auf Markt und Messe als
erklärender Text zu schauerlich gemalten Bildern gesungen
wurden.

An diese Afterdichtung hatte, nicht ohne englische An—
regung, schon Gleim angeknüpft, um eine Art gebildeter
Bänkelsängerei zu beginnen, aus der dann später die dichte—
rische Parodie, bis zu Blumauers Aneis hin, hervorgegangen
ist. Ja diese besondere Form des Sanges hatte in Daniel
Schiebeler (1741 -1771) einen in seiner Art höchst vergnüg—
lichen Vertreter gefunden. Es sind Bestrebungen, die neben
Empfindsamkeit und Sturm und Drang her und über sie hinaus⸗
laufen, wie das moderne Überbrettl- und Kabarettwesen der
Reizsamkeit und der literarischen Revolution der achtziger Jahre
und späterer Zeit zur Seite gegangen ist.
        <pb n="163" />
        Neue Dichtung.

455
Nun lag in dem dissoluten Charakter Bürgers, in dem
er dem großen Lyriker des 19. Jahrhunderts, Heine, nur zu
sehr ähnelte, mehr als ein Zug, der ihn an diese Entwicklung
anzuknüpfen, ja in ihr aufzugehen veranlassen konnte; in der
Tat hat er in diesem Sinne gedichtet; in der Historia von der
wunderschönen Durchlauchtigen kaiserlichen Prinzessin Europa
und einem uralten heidnischen Götzen Jupiter item Zeus, deren
Titel schon die Parodie verrät, findet sich ein Vers, der über
die Umgebung, in der sich der Dichter den Vortrag seiner
Historie dachte, unzweideutig aufklärt:

Eu'r Batzen soll euch nicht,

Geehrte Herrn, gereuen.

Mein Liedel foll euch freuen! —

Doch ihr dort! Schelmgezücht!
Kroaten, hintern Bänken!

Laßt nach mit Lärm und Schwänken!
Aber bald wandte der Dichter die Form ins Ernstere. Mit
—D—
Lage und eigene Begabung ihm hier die Ausbildung einer
lyrisch-epischen Form von hoher Schönheit ermöglichten; und
mit dem Fleiße, der ihn als Künstler immer ausgezeichnet hat,
machte er sich, teilweise unterstützt durch englisches Vorbild,
ans Werk: eben in diesem Zusammenhange der Wiedergabe
stärkster Empfindung und bewegtester Handlung sah er das
Volkstümliche, dessen die Nation zu poetischer Erhebung be—
dürfe. Und nach wenigen Vorarbeiten schuf er alsbald das
Meisterwerk der neuen Gattung, die „Lenore“ (1778). Hier
schon ist alles vereint, was den späteren reichen Kranz seiner
Balladen auszeichnet: höchste Belebung der Handlung, tiefste
und schauerlichste Empfindung, und eine Form, deren hüpfende
Rhythmen uns vorwärts zu hasten heischen, wie auch endlich
eine Sprache, die mit ganz neuen Mitteln, vor allem auch der
Wortmalerei, Situationen und Ereignisse in dem sicheren Stile
eindrucksvoller Freskomalerei schildert.

Es ist in gewissem Sinne ein Höhepunkt der Entwicklung,
der nicht mehr übertroffen worden ist, so reich die Nation
        <pb n="164" />
        156

Zweiundzwanzigstes Buch.
später in dem Balladenjahre Schillers und Goethes und darüber
hinaus mit einem nie versiegenden Schatze balladenhafter Er—
zählungen beschenkt worden ist: Goethe selbst hat die „Lenore“
mit seiner ausdrucksvollen Stimme immer und immer wieder
vorgetragen und ihre einzigartige Stellung anerkannt.

Jedenfalls: welch einen Fortschritt bedeutete es von den
rührenden und nicht selten rührseligen Kantilenen, mit denen
Alopstock und seine Nachfolger gefallene Helden priesen, bis zu
dieser enggeschürzten, von Felsblock zu Felsblock der Erzählung
gleichsam vorwärts springenden Form, der in der modernen
Entwicklung höchstens die Entstehung der short story zu ver—
gleichen ist? Es ist wie eine Wiederholung des Entwicklungs⸗
ganges unserer frühesten Kulturzeitalter von der lyrisch-epischen
Totenklage des Helden in der Urzeit zu jener dramatisch-
epischen Form der Stammeszeit, die das Hildebrandlied dar⸗
bietet!: nur auf einer ungleich höheren Stufe kultureller Ent—
faltung.

Aber inzwischen hatte die reine Lyrik des Sturmes und
Dranges schon längst eine Wandlung erlebt, die sie über die
halb⸗objektiven Formen Schubarts und Bürgers hinwegtrug —
hinauftrug zu den höchsten Höhen schon der Lmik in der ersten
Periode des Subjektivismus.

Der unglückliche, schließlich in Wahnsinn endende Dichter
Reinhold Lenz, ein Livländer, 1751 geboren, der Straß—
burger Freund und spätere Pflegebefohlene Goethes und seines
Schwagers Schlosser, hat von sich selbst gesagt: „Der gute
Junge! Wenn er auch nichts geleistet hat, so hat er doch groß
geahnt.“ Ein Urteil, dem billigerweise hinzuzufügen ist, daß
Lenz in seinen besseren Jugendzeiten — die ihn kannten, haben
ihn, auch intellektuell, immer für problematisch gehalten —
der erste große, völlig dem neuen Seelenleben in seiner ersten
Vollendung hingegebene Dichter der Nation gewesen ist: neben
ihm, freilich auch über ihm steht nur noch Goethe.

Wie Bürger und Schubart, wie nicht minder Goethe, war

S. Bd. II-A3 S. 178 ff., 342 ff.; 10 S. 206 ff., 368 ff.
        <pb n="165" />
        Neue Dichtung.

457
auch Lenz in jungen Jahren anakreontisch und —
lange Zeit blieb ihm noch ein Rest freundlichen Rokokos. Doch
in wie hohem Grade erscheint schon dieser Rest gelegentlich
subjektivistisch gefärbt und zugleich persönlich bedeutsam:
Aus ihren Augen lacht die Freude,

Auf ihren Lippen blüht die Lust,

Und unterm Amazonenkleide

Hebt Mut und Stolz und Drang die Brust;
Doch unter Locken, welche fliegen

Um ihrer Schultern Elfenbein,

Verrät ein Seitenblick beim Siegen

Den schönen Wunsch, besiegt zu sein.
In seinen eigentlichsten Schöpfungen aber verliert der
Dichter auch die letzten Spuren der Dichtung der Vergangen—
heit: in der Form wie im Inhalte wird er nun ganz er selber:
Selbsterlebnis, Selbstbekenntnis wird Stern und Kern seines
Schaffens.
Ach, eh' ich dich, mein höchstes Ziel,

Eh' ich dich fand, welch mutlos Streben,
Welch regelloses Fibernspiel,

Bald der, bald der mein junges Leben
Mit allen Freuden preiszugeben,

Nachdem es ihrem Stolz gefiel.

Und keine sah es, was ich litte,

Und keine hörte meine Bitte,

Verstand mein Sehnen, meine Pein,

Mir liebenswert, mir was du bist zu sein.
Jetzt hab' ich dich — und soll dich lassen,
Eh' möge mich die Hölle fassen!
Wie vertieft sich da schon die Selbstbeobachtung, wie be—
lebt sich der Rhythmus! Und zugleich mit der Objektivität
schwindet die breite Schilderung, die lyrische Kantilene. Kein
verweilendes Atmen mehr, kein langes Verschnaufen; und
neue Müunze eigenster Beobachtung in vollwichtigen Stücken,
nicht mehr das alte Kleingeld einer abgegriffenen poetischen
Scheidemünze. So treten denn, ein charakteristisches Zeichen
des Fortschrittes, die ersten vollendeten lyrischen Vierzeiler der
neuen Dichtung auf:
        <pb n="166" />
        158

Zweiundzwanzigstes Buch.
Ihr stummen Bäume, meine Zeugen!

Ach käm er ungefähr

Hier, wo wir saßen, wieder her:

Könnt ihr von meinen Tränen schweigen?
Oder:
An ihrem Blicke nur zu hangen
Verlang' ich, weiter nichts,

Und von dem Reichtum ihres Lichts
Ein Fünkchen in mein Herz zu fangen.
Es ist wie ein Gegenstück zu der dichterischen Erzählung
der Zeit, der Ballade, in der alte Redseligkeit hastender Mit—
teilung weicht: die Gefühle erscheinen vertieft und konzentriert
zugleich. Und in der Tat mangeln Lenz neben aller Lyrik
nicht balladenmäßige Ansätze, als der schönste darunter das
vollendetste Gedicht vielleicht, das dem Dichter überhaupt ge—
lungen ist, die wohl auf Sesenheimer Eindrücken beruhende
„Liebe auf dem Lande“.

Dennoch fehlt Lenz in Formgebung wie Gefühl noch das
Letzte subjektiver Vollendung. Die Form bleibt immer noch zu
redselig, zu referierend. Man lese die folgenden Strophen unter
der Erinnerung an eines der bekanntesten Gedichte Heines:
Mit schönen Steinen ausgeschmückt,
Von frohen Lichtern angeblickt,

Da sitzest du vielleicht anitzt,

Wo doch dein Auge heller blitzt.
Und denkest nicht, daß hier in Nacht
Ein ausgeweintes Auge wacht.

Das überall, wohin es flieht,

HKein Mittel, mich zu retten, sieht.
Wesentlicher aber ist noch, daß Lenz nicht über die sub—
jektiven Eindrücke und Erlebnisse hinaus zu deren typischer
Verklärung gelangte. Er blieb im persönlichen Kreise, und
nur wer ihm in diesen folgt, vermag ihn ganz zu verstehen.
Mustert man selbst die schönsten und ausgeglichensten Gedichte
durch, die wir von ihm kennen, man wird vergebens den eigent—
lichen Typus des Erlebnisses suchen. Im Grunde ist es vielleicht
nur eines, in welchem er sich diesem höchsten Ziele nähert:
        <pb n="167" />
        Neue Dichtung.

459

Nur der bleibende Himmel kennt,

Was er den schwachen Sterblichen gönnt,

All ihr Glück, erstohlen von Qualen,

Hinter Wolken zitternde Strahlen,

Was ihr Herz sich gesteht und verhehlt,

Alles hat er ihnen zugezählt,

Unerbittlich — all ihre Triebe,

Alle Gestalten und Grad' ihrer Liebe,

Alle Reibungen von Wünschen und Schrecken,
Hoffen und Zagen bei schwimmenden Zwecken.
Aber, abgesehen von Bedenken, die sich gegen die Form
regen: überwiegt hier nicht schon das Sententiöse? Ist jene
zarte Linie festgehalten, auf der in der vollendeten Lyrik des
jungen Zeitalters Allgemeines und Besonderes, Persönliches
und Universelles zu jener die typische Wahrheit treffenden
Ausgeglichenheit verschmolzen werden sollten, die, persönlichen
Hauches voll und dennoch aller Sinn bewegend, unmittelbar
von Herz zu Herzen spricht? Erst dem Meister der Meister
war es vergönnt, diese Höhen neuer Dichtung zu erklimmen;
erst ihm rief die Muse zu:
Empfange hier, was ich dir lang bestimmt!

Dem Glücklichen kann es an nichts gebrechen,

Der dies Geschenk mit stiller Seele nimmt:

Aus Morgenduft gewebt und Sonnenklarheit

Der Dichtung Schleier aus der Hand der Wahrheit. —
Auch Goethe wurzelt mit den Anfängen seiner Lyrik in den

— E0
dichte dieser Art verloren gegangen sind; wer gedenkt nicht in
diesem Zusammenhange der wunderbar anmutigen Anakreontik
des Liedes „Kleine Blumen, kleine Blätter“, wer nicht der
graziös-altväterischen Zeilen noch des Leipziger Aufenthalts:

Luna bricht die Nacht der Eichen,

Zephirs melden ihren Lauf,

Und die Birken streun mit Neigen

Ihr den süß'ten Weihrauch auf?
Und auch sentimentale Zeiten hatte Goethe und Zeiten un—
bedingten, fast chaotischen Sturmes und Dranges; dann
        <pb n="168" />
        160

Zweiundzwanzigstes Buch.
fluteten ihm die Rhythmen reimlos und fast nicht mehr ge—
bunden, und titanischer Stolz wie die tiefste aller Nieder—
geschlagenheiten, Extreme des Gefühlslebens überhaupt, durch—
färbten sein Dichten. Aber auch in diesen Zeiten, wie in den
früheren der Anakreontik, fehlte nicht ein gewisses Maß, ein
Allgemeinmenschliches, das selbst tändelnde Liebeslieder fühlen
lassen. Nicht minder aber lag Goethe das Volkstümliche selbst
im ursprünglichen Verstande Schubarts und Bürgers nahe,
und keineswegs entbehrte er jenes gleichsam stummen Zuges
zum rein Objektiven, das ein Merkmal aller Naturalismen zu
schein scheint. Aber in Gedichten wie „Sah ein Knab' ein
Röslein stehn“ wußte er das Volkstümliche doch wiederum schon
menschlichem Gemeingefühle dienstbar zu machen; und das rein
Objektive belebte sich für ihn durch Kontraste in dasselbe rein
Menschliche: so in „Meeresstille“ und „Glückliche Fahrt“:
Tiefe Stille herrscht im Wasser,
Ohne Regung ruht das Meer,
Und bekümmert sieht der Schiffer
Glatte Fläche rings umher.
Keine Luft von keiuer Seite!
Todesstille fürchterlich!

In der ungeheuern Weite

Reget keine Welle sich.

Die Nebel zerreißen,

Der Himmel ist helle,
Und AÄolus löset

Das ängstliche Band.

Es säuseln die Winde,
Es rührt sich der Schiffer
Geschwinde! Geschwinde!
Es teilt sich die Welle,
Es naht sich die Ferne;
Schon seh' ich das Land

Und in welchem Grade gar herrscht in Goethes Dichtung
das persönliche Erlebnis! Der Dichter konnte der Sammlung
seiner Lieder später die Losung vorsetzen:
        <pb n="169" />
        Neue Dichtung.

461

Spät erklingt, was früh erklang,
Glück und Unglück wird Gesang:
denn ihm ward in der Tat mit Unglück und Glück der Ge—
sang zum Jauchzen, zum Flehen, zum Befehl; zur Anklage,
zum Triumphe, zur Beichte. In den Jugendgedichten aber
trifft dies Persönliche des Erlebnisses ganz besonders oft und
in den leidenschaftlichsten, rhythmisch gleichsam klopfenden Versen
unser Ohr: „Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde“;
„Herz, mein Herz, was soll das geben?“ und andere Ge—
dichte mehr.

Und dennoch! Auch diese scharfe Betonung des Persönlich-
Subjektiven, dies Hervorleuchtenlassen des eigenen Erlebnisses,
ist bereits Ausnahme. Erstaunlich früh schon, ein Zeichen
stärkster Selbsterziehung, und kaum erst diesseits der Periode
allgemeinen wie persönlichen Sturmes und Dranges, klärte sich
diese erste Gärung; würdig und erhaben stieg die typische Durch—
bildung des persönlichen Geschehnisses empor; und wenn nicht
vom Leben des Dichters überhaupt, so doch von den Festes—
stunden seiner Dichtung durfte es nun heißen:
Besänftiget wird jede Lebenswelle,
Der Tag wird lieblich, und die Nacht wird helle.
Die Höhe der frühsubjektivistischen Lyrik ist damit erreicht:
die Gefühle erscheinen ins allgemein Menschliche gezogen, die
innere Wahrheit der Gefühlsanlage unseres Geschlechtes leuchtet
aus ihnen hervor, zeitlos erscheinen sie fast und national nur
noch im höchsten Sinne.

Bedarf es für diese wundersame Wandlung der Lyrik
Goethes hier noch der Zeugnisse? Es ist kein Zufall, daß
gerade die schönsten der Gedichte Goethes, die aus dieser
Transsubstantiation geboren sind, Eigentum geworden sind
alles Volkes deutscher Zunge: denn sie sind allgemeinste Zeichen
nationaler Verwandtschaft. Dennoch möge ein Perlenpaar
solcher Dichtungen hier eingeschaltet werden; denn so allein
vermag ein voller Eindruck des herrlichen Abschlusses unserer
frühsubjektivistischen Lyrik erreicht zu werden.
        <pb n="170" />
        462

Zweiundzwanzigstes Buch.

Der du von dem Himmel bist,

Alles Leid und Schmerzeu stillest,
Den, der doppelt elend ist,

Doppelt mit Erquickung füllest,

Ach, ich bin des Treibens müde!
Was soll all der Schmerz und Lust!
Süßer Friede,

Komm, ach komm in meine Brust!
Wir erfahren zur Entstehung dieses Gedichtes, daß es in
der erhaltenen Handschrift ohne Überschrift ist, aber das Datum
„Am Hang des Ettersbergs, den 12. Februar 1776“ trägt.
Goethe war gegen Abend dieses Tages, da Frau von Stein
sich seine Besuche verbeten, in bitterer Bedrängnis nach dem
Ettersberg, anderthalb Stunden von Weimar, geritten!. Dies
das Erlebnis persönlichster Art: und aus ihm alsbald geboren
jener rein menschliche Widerhall einer Dichtung, die Millionen
von Herzen zum Gebet und zum Troste geworden ist. Und
ein zweites:
Selig, wer sich vor der Welt
Ohne Haß verschließt,
Einen Freund am Busen hält
Und mit dem genießt.

der Schluß des

Was voun Menschen nicht gewußt
Oder nicht bedacht
Durch das Labyrinth der Brust
Wandelt in der Nacht,
Gedichtes an den Mond:
Fülleft wieder Busch und Tal
Still mit Nebelglanz,
vösest endlich auch einmal
Meine Seele ganz,
das, ursprünglich voll persönlicher und Gelegenheitsbeziehungen,
noch vor der italienischen Reise zu seiner heutigen twpischen
Klarheit geläutert wurde.

Wo aber wäre ein Ende solcher Zitate zu finden, sollte
der Reichtum Goethischer Typik erschöpft werden? Schon

Düntzer in Kürschners Nationalliteratur, Goethe, J. Teil, S. 67 Aum.
        <pb n="171" />
        Neue Dichtung.

463
aus dem Jahre 17883 stammt das entsagende „Über allen
Gipfeln ist Ruh“, das wie ein Schlußstein einer ersten Ent—
wicklung anmutet. Aber diese Quelle versiegte nicht; bis in
die Jahre höchsten Greisenalters floß sie, wenn auch unter
gewissen Wandlungen der Färbung, fort: und die Nation und
die Welt verdankt ihr tausend Bäche und Ströme edelsten
Genusses. —

Nicht zu so vollendetem Abschlusse wie die Lyrik, aber
doch schon zu einer Höhe, die Aussichten auf Großes eröffnete,
hat sich die Dramatik des Sturmes und Dranges entfaltet.
Diese Entwicklung kann aber nur verständlich gemacht werden,
wenn wir, mit Hilfe einiger allgemeinerer Erwägungen, unsere
Blicke ein wenig auf die Grundvorgänge der Entstehung des
modernen Dramas überhaupt zurücklenken.

Da ist denn an der Hand der Denkmäler seit dem 16.
und 17. Jahrhundert vor allem festzustellen, daß das moderne
Drama nach seinem Wesen und Aufbau wie in seinem ent⸗
wicklungsgeschichtlichen Gange nicht durch die Fabeln, in denen
die einzelnen Schauspiele verlaufen, bestimmt wird. Die Fabel
ist für den Charakter des Dramas im allgemeinen nur so lange
das Entscheidende gewesen, als dieses noch in epische Formen
eingegossen war: in Deutschland also bis auf und vielfach
auch noch bei Hans Sachs!. In der Zeit dagegen, da das
Drama als volle eigene Kunstform frei wurde, traten alsbald
zwei andere Elemente als für den Verlauf der Entwicklung
bestimmend in den Vordergrund: die Idee oder das Schicksal,
und die Charaktere oder die Gestalten.

Von ihnen gehören die Gestalten dem Leben an, werden
also aus diesem heraus mit aller Höhe des jeweils erreichten
psychologischen Verständnisses gezeichnet. Hier liegt demnach
ein Moment vor, das jedes Drama in eben seine Zeit stellt:
die Charakterzeichnung ist abhängig von der gerade jetzt vor—
handenen Fähigkeit des Verständnisses und der literarischen
Wiedergabe der Charaktere, die dem Dichter innerhalb des

1S. Bd. VI-2 S. 247 ff.
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 2.

114
        <pb n="172" />
        66

Zweiundzwanzigstes Buch.
Kreises seiner Erfahrung zugeführt oder durch den Kreis dieser
Erfahrung nahegelegt werden.

Diese Gestalten aber mit ihrem besonderen Wesen werden
nun in Handlung versetzt nur dadurch, daß sie sich innerhalb
einer besonderen geistigen und sittlichen Atmosphäre bewegen.
Diese Umwelt und die ihr zugrunde liegende Idee (ovder,
falls die Reduktion der Umwelt auf eine einzige Idee nicht
gelingt, die ihr zugrunde liegenden Ideen) sind ihr Schick—
sal. Indem sie in diese Umwelt eintreten, indem sie unter
diesem Schicksale handeln, entsteht die Fabel. Die Fabel ist
also im modernen Drama das Vrodukt von Schicksal und
Gestaltenkreis.

Dabei ergibt sich schon aus dem Wesen des Schicksals,
daß auch dieses keineswegs zu allen Zeiten gleichartig vor—
gestellt wird. Eine Summation der jeweils bestehenden sozialen
und geistigen, der seelischen Zustände also überhaupt in eine
Zentralidee, ist es vielmehr abhängig von der ständigen Ande⸗
rungen unterworfenen Kulturhöhe. Also auch durch den zweiten
Faktor, von dem das Drama regiert ist, wird es unmittelbar
in eine bestimmte Zeit hinein gestellt.

Welcher von den beiden Faktoren ist nun für den all—⸗
gemeinen Charakter der dramatischen Produktion entscheidender
— das Schicksal oder die Gestalten? Die Antwort wird für
das Schicksal entscheiden: denn dieses allein ist von einer so
allgemeinen Natur, daß durch deren Durchbrechung sich eben
das Geschick der besonderen Gestalten des Dramas vollendet.
Und so wird denn das Drama einer bestimmten Zeit im all⸗
gemeinsten durch eine Darlegung der besonderen Art oder der
besonderen Arten der Schicksalsvorstellungen charakterisiert, die
zu dieser Zeit herrschen. Schicksalsvorstellung aber im all—
gemeinsten Sinne heißt Weltanschauung. Und so darf man
sagen: die jeweils herrschende Weltanschauung ist die all—
gemeinste Idee, das umfassendste Schicksal des bestehenden
Dramas.

Nun hatte die westeuropäische Kultur des 16. bis 18. Jahr—
hunderts im ganzen und großen noch fest an der christlichen
        <pb n="173" />
        Neue Dichtung.

4165

Weltanschauung gehangen. Daraus folgte für das Drama
dieser Zeit eine Schicksalsidee transzendenten Charakters, ein
Schicksal, das das Einzelgeschick der Gestalten in Abhängigkeit
brachte von einer höheren, übermenschlichen und überweltlichen
Führung, von Gott. Die dextera manus dei, die sich in
mittelalterlichen Bildern so häufig aus den Wolken streckt, um
einem Heiligen zu helfen, sie war auch noch das Hauptstück
in der Schicksalsvorstellung des 16. bis 18. Jahrhunderts.

Konnte nun diese Auffassung mit dem Umschwunge des
Seelenlebens um die Mitte des 18. Jahrhunderts erhalten
bleiben? Stellen wir die Gegensätze von heute und früher
extrem gegenüber, so gewiß nicht. Die volle christliche Welt—
anschauung noch des 16. bis 18. Jahrhunderts kannte als
Hauptmittel der Schicksalswirkung von der intellektuellen Seite
her das äußere Wunder, von der moralischen aus die Sinnes—
wandlung durch die Gnade Gottes; die moderne Weltanschauung
glaubt nur ein der Welt immanentes Wirken des Absoluten
annehmen zu dürfen, das an die Kausalitätsvorstellung und
den Glauben an eine empirische menschliche Freiheit gebunden
ist. Allein so scharf drängten zur Zeit des Überganges von
individualistischer zu subjektivistischer Kultur die Gegensätze nicht
gegeneinander. Um 1750 war die absolute Transzendenz des
christlichen Schicksals in den Augen der Menschen gewiß gelegent—
lich schon gebrochen; äußere Wunder wurden schon als besonders
zu begründende Ausnahmen betrachtet, innere Wunder der
Sinneswandlung auch nur noch begrenzt zugelassen. Ander—
seits aber ist die Immanenz etwa der heutigen Auffassung auch
noch vielfach durch Spuren und Einwirkungen der alten Trans⸗
szendenz bestimmt. Wir haben es also mit einer leisen, freilich
im Anfangszustand und Schlußergebnis durch starke Abweichung
gekennzeichneten Entwicklung von Schattierungen zu tun, und
es wird im späteren Verlaufe unserer Erzählung nötig werden,
die Abfolge dieser Schattierungen zu verfolgen.

Wenn nun aber in der Zeit des frühesten Subjektivismus
im ganzen und großen doch noch die Transzendenz der christ—
lichen Weltanschauung für die Auffassung des Lebensschicksals

20 *
        <pb n="174" />
        466

Zweiundzwanzigstes Buch.
galt: so verlangte sie, daran war kein Zweifel, an dieses
Schicksal gebundene, in sich unfreie, mit bestimmten Ideen
gleichsam belastete Charaktere.

Aber gerade hierüber drängte nun die dichterische Ge—
staltungskraft der Zeit hinaus: jenes außerordentlich gewachsene
innere Vorstellungsvermögen für fremde Charaktere, das sich
künstlerisch in der Schöpfung neuer, freierer, ja der Absicht der
Dichter nach völlig ungebundener Gestalten äußerte: wie hätte
es sich bei dem hergebrachten Schema beruhigen können! Keine
im tiefsten Grunde fast noch gleichartigen Charaktere, die in
demselben Rahmen der Verfügungsfähigkeit unter der gleichen
transzendenten Gewalt dahinlebten: nein, freie, sich aus sich
selbst bestreitende Personen, nicht zwei-, sondern dreidimensionale
Gestalten, volles Menschenleben in der unendlichen Mannig⸗
faltigkeit seiner Bildung: das war es, was man für das Drama
forderte und suchte. Und so prallten denn Schicksalsvorstellung,
Idee des Dramas, und Gestaltenschöpfung, Charaktere des
Dramas, gegeneinander.

Das Ergebnis konnten zunächst nur Fabeln von größter
Gewaltsamkeit und von tiefsten Konflikten sein. Und da von
der Fabel wieder der ganze formelle Plan des Dramas, das
Szenenschema und die Haltung und Stimmung der einzelnen
Szenen abhängt, so mußten für all dies, für den sinnlichen
Körper des Dramas gleichsam, Gewaltsamkeit, Unregelmäßig⸗
keit, Abweichen vom Gesunden, Einfachen, Klaren, Unter—
drückung jeder Regel herkömmlicher Diätetik des Körpers und
Geistes die Folgen sein. Diese Folgen aber aus der Unverein⸗
barkeit des Charakters des Schicksals und der neu erworbenen
besonderen Fähigkeit der Personenzeichnung wurden durch einen
naheliegenden Umstand nochmals verstärkt.

Man kann fuür alle Zeitalter gebundenen Seelenlebens,
am besten aber für die Urzeit, als das Zeitalter der gebundensten
Kultur, die Beobachtung machen, daß Personen, welche aus
irgendeinem Grunde sich von dieser Gebundenheit losreißen,
aun besonders starker Willkür anheimfallen. Sehr natürlich:
es handelt sich da um Menschen, die innerlich noch sehr wenig
        <pb n="175" />
        Neue Dichtung.

467
erzogen sind, die geistig zusammengehalten werden wesentlich
nur durch die äußeren Mittel des Sippenfriedens, des for⸗
malen Rechtszwanges, des geringer tatsächlicher Erfahrung
entsprechenden, durch keinen Zweifel angekränkelten Fürwahr⸗
haltens einer bestimmten Mythologie. Gehen diese Personen
folcher äußeren Gängelbänder ihres Daseins verlustig, so sind
sie nicht einer innerlich erworbenen Freiheit überliefert, sondern
der Willkür. Das ist zum großen Teil der Charakter der
Helden und Heldinnen unserer alten Epen wie unserer älteren
Geschichte, soweit sie den normalen Gang des Lebens verlassen
haben: Chlodovech, Brunhilde und Fredegunde, Hagen und
Kriemhild sind in diesem Punkte nahe verwandt. Etwas Ahn⸗
liches nun, wie einstmals im Leben, geht jetzt, zur Sturm⸗ und
Drangzeit, im Drama vor sich: die Fähigkeit zur Zeichnung
freierer Charaktere ist da; die allgemeine Schicksalsvorstellung
verlangt, weil in gewissen Richtungen noch transzendent,
—E00 Linie
und verfallen damit übertreibender Willkür.

Es ist das Moment, das zugleich die Geschichte des Dramas
in die allgemeine seelische Bewegung des Sturmes und Dranges
stellt: eben in diesem Zusammenhange kamen dessen literarisch⸗
revolutionäre Tendenzen vornehmlich im Drama zum Ausdruck.
Verlief dabei die ganze Strömung doch nicht völlig ins Uferlose,
wie zunächst wohl zu erwarten gewesen wäre, wäre sie sich
selbst überlassen geblieben, so wurde das vornehmlich durch den
Umstand verhindert, daß man denn noch nicht ganz steuerlos
die Höhen der neuen dramatischen Weltanschauung zu gewinnen
suchte, sondern hierfür einen, im Verhältnis zu den eigenen
Neigungen konservativen Führer gefunden hatte in Shake⸗
peare.

Soll aber die Rolle Shakespeares in diesem Zusammen—
hange klar angeschaut werden, so werden wir gut tun, auf die
Geschichte des Dramas unter dem Einflusse der christlichen
Weltanschauung des 16. bis 18. Jahrhunderts nochmals mit
einigen Worten zurückzugreifen.

Die christliche Weltanschauung dieser Zeit war bereits in
        <pb n="176" />
        lös

Zweiundzwanzigstes Buch.
zwei verschiedene Richtungen auseinandergetreten: die katho—
lische und die protestantische. Von ihnen beiden hatte an der
mittelalterlichen Gebundenheit ganz festgehalten nur die katho—
lische. Innerhalb ihres Verlaufes hatte darum auch der
Charakter des christlichen Schicksals als einer göttlichen Macht
des Erbarmens und der Liebe besonders hell aufgeleuchtet:
der harte, von Schuld zu Verderben führende Zug des tran⸗
szendenten Eingriffes war gemäßigt worden durch das Element
der Gnade und Versöhnung. Das hatte in dem katholischen
Drama des 16. bis 18. Jahrhunderts grundsätzlich dazu ge—
führt, daß der Schicksalsverlauf innerhalb der dramatischen
Fabel schließlich immer noch zum Guten umgebogen wurde:
der Sünder wurde erlöst. Der glänzendste und tiefste Ver—
treter eines Dramas auf dieser Grundlage ist Calderon ge—
wesen: gewiß ist er infolgedessen nicht so sicheren Schrittes
auf Erden gewandelt wie Shakespeare, doch übertraf er diesen
in der durchsichtigen Folgerichtigkeit des Aufbaues seiner Dramen
unter einer völlig klaren Vorstellung des Schicksals.

Denn gehen wir zur Geschichte der protestantischen Welt—
anschauung über, so war auf diesem Gebiete die christliche
Schicksalsidee infolge der schärferen Betonung des Gnadenaktes
überhaupt wohl verstärkt, zugleich aber auch ihrer Transzendenz
nach durch den Begriff der Gotteskindschaft sehr verinnerlicht
und zum großen Teile schon in die Charakterentwicklung der
Einzelperson hinein verlegt worden; auch hatten sich in den
protestantischen Ländern durch die philosophische Renaissance
des 16. Jahrhunderts die Lehren des antiken Stoizismus weit⸗
hin verbreitet und waren vielfach in innige Verbindung mit den
christlichen Uberzeugungen getreten: diese Lehren aber beruhten
auf der Anschauung von der Immanenz des menschlichen Schick—
sals. Aus diesem Zusammentreffen konnte nun unter Um—
ständen eine Weltanschauung hervorgehen, für die schon das
Wort galt: In deiner Brust sind deines Schicksals Sterne;
eine Anschauung, die im Drama zur innigsten Einbettung des
Schicksals, der regierenden absoluten Kräfte in die Leiden—
schaft, das Pathos, das entscheidende Bestreben der Gestalten
        <pb n="177" />
        Mene Dichtung.

469
führen mußte. Das geschah in England; und der Meister des
so entstehenden frühesten psychologischen Dramas war Shake⸗
speare.

Dabei war klar, daß auch schon ein primitives Drama
der Immanenz, wie es dasjenige Shakespeares war, zu einer
freieren Auffassung der äußeren Form führen mußte, als sie
in dem Schauspiele spezifisch christlicher Transzendenz und auch
in jenem antiken Drama sich hatte entwickeln können, das
seinerseits auf einer noch in ganz anders einseitiger Folge⸗
richtigkeit verlaufenden Schicksalsvorstellung, der vom Fluche
der Götter, beruhte. Und so ist es selbstverständlich, daß die
Regeln der Shakespeareschen Bühne und Szenenführung, der
Aktkomposition und der Behandlung von Zeit und Raum von
den aus christlicher und antiker Weltanschauung entwickelten,
wie sie auch die verschiedenen Formen des Renaissancedramas
des 16. bis 18. Jahrhunderts beherrscht hatten und noch be⸗
herrschten, gänzlich abwichen. Ja gegenüber der strengen
Bindung dieser konnten die Dramen Shakespeares und seiner
——— geistreiche, wenn
auch mit genauen Wegweisern versehene Skizzen für die Bühnen⸗
aufführung erscheinen, als gleichsam mehr Umrisse für den
Schauspieler, denn als Bühnengemälde.

Dies alles, Schicksalsauffassung wie Durchbildung der
Handlung und Technik im einzelnen, war damit so geartet,
daß sich ohne weiteres erklärt, wie die jungen dramatischen
Sturmer und Dränger aus ihrer Zeit und ihrer Persönlichkeit
heraus in Shakespeare das lebendigste und beinahe unbedingt
zu befolgende Vorbild erblicken konnten.

Freilich: war deshalb die Kunst Shakespegares völlig ge⸗
eignet, der deutschen Entwicklung der zweiten Hälfte des
18. Jahrhunderts sozusagen einverleibt und von den Dichtern
dieser Zeit nur nachgeahmt und allenfalls fortaebildet zu
werden?

Bei genauerem Zusehen zeigt sich, daß eine urwüchsige,
früheste Form der Immanenz und eine gewaltige, zum Teil
nur dem Genie eben Shakespeares eignende Meisterschaft der
        <pb n="178" />
        470

Zweiundzwanzigstes Buch.

Gestaltenbildung in seinem Drama in der Tat die glänzende
Erscheinung eines ersten psychologischen Dramas der modernen
europäischen Entwicklung gezeitigt hat. Aber daneben erscheinen
doch noch so viele Zeichen eben nur der Zeit des 16. Jahr⸗
hunderts, daß von einer vollen Nachahmung, ja auch nur
einer unmittelbaren Fortsetzung dieses Vorläufers früher Zeit
zum Nutzen der deutschen Dichtung in der zweiten Hälfte des
18. Jahrhunderts nicht die Rede sein konnte.

Zunächst war jetzt die tatsächliche Welt der Charaktere,
aus der heraus künstlerisch zu gestalten war, nicht mehr die
der Zeit des großen Briten. Shakespeare hat vor der Aus—
bildung des Polizeistaates gelebt, in einem Jahrhundert, in
dem sich menschliche Leidenschaften noch in ganz anderen Formen
auszutoben pflegten als später, als namentlich in dem zahmen
Deutschland des 18. Jahrhunderts. Darum sind seine Dramen
erfüllt von Gewalttätigkeit: von Mord und Blutschuld, von
Unterdrückung und von offener Auflehnung gegen elementarste
Gesetze des Staates und der Kirche. Und dementsprechend sind die
Charaktere gezeichnet: nicht mit intimen Zügen, sondern mehr
„mit der expansiven als der intensiven Seite der Phantasie“n,
nicht in innerlicher Entwicklung, sondern in äußerer Aus—
wicklung vorhandener Eigenschaften in schweren Taten. Und
indem die Charaktere so gestaltet sind — in Formen der Leiden⸗
schaften leben, die sich zu allen Zeiten bisher gefunden zu haben
schienen, wie sie denn auch heutzutage noch, wenn auch vor⸗
nehmlich nur in den unteren Klassen der Gesellschaft vorhanden
sind —, war es zugleich möglich, das Drama ideal zeitlos zu
gestalten: und ihm in diesem Sinne alle großen Stoffe der
Gegenwart und der Vergangenheit, aus dichterischer und geschicht⸗
licher Uberlieferung, aus der Tradition der Welt wie der der
Offenbarung zuzuführen. Ließ sich nun aber eine solche Be—
handlung auch noch im 18. Jahrhundert, und selbst in den
Zeiten des Sturmes und Dranges, durchführen? Es soll nicht
einmal davon die Rede sein, daß sich die tiefsten Fundamente
Otto Ludwig, Gesammelte Schriften 5, 77.
        <pb n="179" />
        Neue Dichtung.

71
des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert verschoben
hatten — daß schon der Fortgang von der individualistischen
zur subjektivistischen Psyche eine solche Anwendung ausschloß.
Selbst schon das Wesen der äußeren Charakterhaltung machte
sie unmöglich. Sichrerer und stärkerer öffentlicher Friede hatte
die Leidenschaften der Gewalttätigkeit unterdrückt; Zeitverbrechen
waren bereits wesentlich die Feigheits- und Listsunden — ja
teilweise wurden sogar schon Gedankensünden im Drama als
charakteristische Verbrechen empfunden —: und da hätte ein
Schauspiel Shakespearescher Gestalten dem innersten Empfinden
der Zeit genug tun sollen?

Aber auch das Schicksal war bei Shakespeare noch nicht
so gestaltet, wie es dem fortschreitenden reinen Gefühle des
subjektivistischen Zeitalters entsprach. Gewiß galt bei Shake⸗
speare das Schicksal grundsätzlich als immanent: Leidenschaft
bringt Verderben: das war, in schlichte Prosa gefaßt, dem
Dichter Kern seiner Weltanschauung, war ihm zugleich Satz
perfönlicher Erfahrung. Was aber hieß bei ihm Leidenschaft?
Die eigentliche Individualität, das Anderssein als der Mittel⸗
schlag,“ meinte einer der tiefsten Kenner Shakespeares, der
Dichter Otto Ludwig!, „ist bei Shakespeare bis zur vollzogenen
Schuld; dann reagiert in dem Helden selbst der Mittelschlag;
er muß zu seinem Schmerze wahrnehmen, daß er im ganzen
und großen doch auch nur Mittelschlag ist; als Individuum
wird er schuldig; als Mittelschlagsmensch leidet er dafür.“
Oder, wie sich den Ausführungen Ludwigs an einer anderen
Stelle entnehmen läßt?: Shakespeare gab wohl die Welt wieder,
aber ohne die Widersprüche, die unser sittliches Elementar—
bewußtsein in der wirklichen Welt irren. Er lebte noch in der
Zeit eines verhältnismäßig ungebrochenen Sittlichkeitskoder;
uͤber die Schuld seiner Helden war weder er noch sonst ein
Zeitgenosse im Zweifel.

War nun aber eine solche Massivität gleichsam der sitt—

Gefammelte Schriften 5, 282.
2z A. a. O. 5, 80.
        <pb n="180" />
        7

Zweiundzwanzigstes Buch.
lichen Auffassung in der Zeit des Sturmes und Dranges und
erst recht in den folgenden Jahrzehnten noch als dramatisch
fruchtbar zu denken? In einer Zeit, die sich eben durch einen
gewaltigen Wandel — und das hieß zunächst ein Chaos —
auch sittlicher Weltanschauungen nach neuen, fernen Zielen
durchrang?

Aber selbst die Immanenz an sich ist bei Shakespeare eine
andere, als sie schon die neuen Zeiten des 18. Jahrhunderts
meinten, und hatte darum auch ihrerseits für diese ihre Bedenken.
Im Grunde stellt sich nämlich Shakespeare das Schicksal doch noch
als transzendent vor: es ist eine starre sittliche Weltordnung,
deren einzelne Paragraphen sich gleichsam in dem Gewissen seiner
Gestalten widerspiegeln; nichts hat seine Sittlichkeit schon von
der Labilität der Einzelvorschriften je nach Zeit und Ort, die
mit dem formalen Kantschen Du sollst so unzertrennlich ver—
tnüpft ist. Sie ist daher gewiß jeder Willkür fern und insofern
mmanent, als sie unverbrüchlich gilt und göttliche Eingriffe
nicht mehr zuläßt; aber in ihrer wandlungsunfähigen Starr—
heit erscheint sie doch wieder als ein gleichsam sachliches un⸗—
geschriebenes Gesetz nicht in, sondern über der Menschheit.
Darum bleiben die Shakespeareschen Gestalten auch durchweg
noch dem Wunderbaren zugänglich; ja eben im Wunderbaren
äußert sich ihnen oft genug das droben hangende Sittlichkeits—
gesetz, und da dies strafend geschieht, so erscheint das Wunder⸗
hare als „Symbol der Nachtseite des menschlichen Gemütes“.

Nach alledem wird man beherzigen müssen: auch diese Auf—
fassung des Schicksals konnte die Dramatiker des Sturmes und
Dranges im letzten Grunde eher verwirren als fördern!.

Man lese in diesem Zusammenhange die feinsinnigen Bemerkungen
Windelbands (Die Lehre vom Zufall S. 65—66): „Mochte sich eine frühere
Zeit damit begnügen, daß auf die Schuld durch die Einwirkung höherer
anbegreiflicher Mächte die Katastrophe und die Sühne folgte, mochte daher
das Prinzip der griechischen Tragödien das Fatum sein, dessen unerbitt—
liche Macht mit dem Gehalt der sittlichen Zwecknotwendigkeit getränkt
war, so genügt es uns nicht mehr, zu sehen, wie durch das, was wir
taufal einen Zufall nennen, die sittlichen Zwecke erreicht werden, nicht
        <pb n="181" />
        Neue Dichtung.

478
Indes war ihnen denn eine solche historische Einreihung
Shakespeares in den Entwicklungsvorgang des abendländischen
Seelenlebens, wie sie soeben versucht worden ist, und waren
ihnen die daraus für sie zu ziehenden Schlüsse überhaupt mög—
lich? Nur in seltenen, wenn auch entscheidenden Momenten
mögen sie diese Zusammenhänge ihrer Kunst fühlbar geahnt
haben; im übrigen hatten sie recht, wenn sie zunächst nur die
zahlreichen, meisterhaft entwickelten Seiten der Kunst Shake—
peares wahrnahmen, die ihnen in der Tat als Vorbild dienen
konnten, und sich so unter erlauchter Fuhrung enthusiastisch in
den Kampf um die Gestaltung eines neuen Dramas stürzten.

In diesem Kampfe aber war es Goethe, der am frühesten
ein allen sichtbares und die Nachahmung vieler weckendes
Zeichen gab in seinem „Götz von Berlichingen“ (1773). Das
Zeugnis durchschlagender Bedeutung, das ihm Friedrich der
Große ausstellte, gehört zu den merkwürdigsten Denkmälern der
Geschichte des 18. Jahrhunderts wie des Wesens des Zusammen⸗
hanges zwischen politischer und Geistesentwicklung überhaupt:

mehr, zu sehen, wie eine ewige Gerechtigkeit das ethische Gefetz durch den
Zufall als deus ex machina zur Geltung bringt. Wir wollen vielmehr
zdargestellt wissen, wie die tragische Schuld durch die rein natürlichen
Konsequenzen ihres faktischen Inhalts und durch die in ihr selbst liegenden
Kräfte des Wirkens die Katastrophe herbeiführt, und so verlangen wir,
daß uns die Tragödie darstellt, was nach unserer Überzeugung den tiefsten
Kern alles Daseins bildet, daß nämlich dasjenige, was eine sittliche Not—
wendigkeit des Sollens fordert, durch eine natürliche Notwendigkeit des
Müssens realisiert wird. Kaum will es uns genügen, wie G. Freytag an
Roimeo und Julia‘ gezeigt hat, wenn uns das Furchtbare der Situation
so zum Bewußtsein gebracht wird, daß wir einen unglücklichen Zufall für
das Wahrscheinliche halten. Man nennt eine solche Forderung der streng
notwendigen Komposition gern modernen Realismus: es ist der Realismus,
der die Idee realisiert wissen will, und die Idee realisiert sich nur als
Notwendigkeit. Indem so die moderne Tragödie darauf gerichtet ist, den
kausalen Zufall und den Zweckzufall zu gleicher Zeit zu verbannen, stellt
sie als das wahre Wesen alles Geschehens eine Welt dar, in der das
Naturgesetz nur die Realisierung des Sittengesetzes ist: man könnte sie eine
Mechanik des Sittengesetzes nennen.“ Dieses Sittengesetz aber ist das
moderne, nicht das des 16. Jahrhunderts.
        <pb n="182" />
        7

Zweiundzwanzigstes Buch.
„Mais voilà encore un Goœtz de Berlichingen qui parast
zur la scène, imitation détestable de ces mauvaises pièces
anglaises; et le parterre applaudit et demande avec
anthousiasme la répétition de ces dégootantes platitudes.“

Dem „Götz“ folgten 1774 Lenzens „Hofmeister“ und 1775
Klingers „Otto“; dem Jahre 1776 gehören an Goethes
Stella“, Lenzens „Soldaten“, Klingers „Zwillinge“ sowie
„Sturm und Drang“, das Drama, nach dem die Periode den
Namen erhielt, ferner Maler Müllers „Situation aus Fausts
Leben“, Leisewitzens „Julius von Tarent“ und Wagners
„Kindesmörderin“; das Jahr 1778 brachte „Fausts Leben“ vom
Maler Müller; und im neunten Jahrzehnt wurde die Bewegung
der Hauptsache nach von Schiller mit den „Räubern“ (1781),
Fiesco“ (1783) und „Kabale und Liebe“ (1784) geschlossen.

Es ist im Zusammenhange unserer Erzählung nicht die
Aufgabe, dem Glück und Unglück wie den literarischen Ver—
diensten all dieser Dramen im einzelnen nachzugehen. Die
diteraturgeschichte mag von Gerstenbergs „Ugolino“, der schon
1768, vor der allgemeinen Bewegung des Sturmes und Dranges
erschien, mitteilen, daß es im Grunde das schauderhafteste Stück
dieser Bewegung sei; sie mag an Leisewitzens „Julius von
Tarent“ die Klarheit der Komposition und die Milde und Weich—
heit der Sprache rühmen und in ihm das Vorbild des Schillerschen
„Don Carlos“ erkennen; sie mag endlich finden, daß in Klingers
„Zwillingen“ dasjenige Stück vorliege, in dem Shakespearesche
Charakterzeichnung, Malerei der Leidenschaft, psychologisches
Detail und tragische Stimmung mit einer konzentrischen Form
der Komposition am glücklichsten vereinigt sind. Uns fesselt
hier vor allem die Frage, inwieweit die Dramen des Sturmes
und Dranges der Seele und der Weltanschauung ihrer Zeit Aus—
druck gaben; und wir werden sie am besten an den Schöpfungen
Goethes, die am entschiedensten das Herz, und Schillers, die
am reifsten den Verstand und die Anschauung der Zeit vergegen⸗—
wärtigen, kennen lernen.

Verfolgt man zunächst die Entwicklung der Weltanschauung,
der Schicksalsidee, so muß man sich in diesen Zeiten verworrenen
        <pb n="183" />
        Neue Dichtung.

475

Aberganges besonders vor Augen halten, daß diese Idee ihrem
Ursprunge nach keine philosophische, sondern eine poetische Ab⸗
straktion, eine Idee also innerhalb der Anschauung ist. Sie
ist deshalb weit schwerer zu voller Klarheit durchzubilden als
ein philosophischer Begriff, ja vielleicht selbst ein philosophisches
System; und sie erwächst darum in jugendlichen Dichtern gern
unbewußzt und also unabgegrenzt in ihren feineren Nüancen.
Aber eben aus diesen Umständen ergibt sich auch ein besonderer
Reiz, sie zu verfolgen: die Forschung führt in die intimsten Ge⸗
lasse und Kammern des allgemeingeschichtlichen wie des persön⸗
liichen Lebens.

In den rasch aufeinander folgenden vollendeten Dramen
Goethes aus dieser Zeit, „Götz“ (1773), „Clavigo“ (1774) und
Stella“ (1776), von denen im Grunde „Clavigo“ als rasch hin⸗
geworfenes, wenn auch dramaturgisch vollendetes Gelegenheits⸗
tuck hier nicht rechnen kann, würde man vergebens nach dem
Ausdacke einer klaren Schicksalsidee suchen. Im „Götz“ waltet
m Grunde das Schicksal des frühen 16. Jahrhunderts, das—
jenige der eigenen Lebensbeschreibung Götzens, welcher Goethe
folgte: ein „lieber Vater“ lenkt das Geschick der Seinen und
führt sie durch Glück und Unglück in seinen Gnadenhimmel.
Anders freilich ist die Vorstellung in der „Stella“. Man hat
es, wie im „Götz“ mit einem besonders altertümlichen, so hier
mit einem spezifisch modernen Stoffe zu tun; „Stella“ ist eine
Problemdichtung, ein Thesendrama über das Motiv seelischer
Doppelehe. Dabei erfolgt der Ausgang ursprünglich mild:
Cecilie entsagt.

Weit mehr erkennt man Goethes Ringen, nicht Goethes
Klarheit während dieser Jahre in den herrlichen dramatischen
Fragmenten der Zeit, dem „Mahomet“, dessen Gegenstand ihn
schon 1778 beschäftigte, den Anfängen des „Faust“, dem
„Prometheus“, dem „Ewigen Juden“. In ihnen herrscht, um
s mit einem Worte zu sagen, die Faustsche Stimmung des
ersten Teiles dieses später vollendeten Dramas: tiefstes Suchen
nach Halt und Glück, innigstes Umarmen von Natur und
unumschriebenem Absoluten: Pandynamismus des sechzehnten,
        <pb n="184" />
        176 Zweiundzwanzigstes Buch.
Pantheismus des siebzehnten, Evangelium einer ringenden
Seele der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts.

Und kündigen sich daneben feste Momente an, soweit sie
dem ganz besonderen Denken des Sturmes und Dranges an—
gehören, so mögen sie vielleicht in der Verklärung der Vor—⸗
stellung des Originalgenies gefunden werden, wie sie, doch wohl
schon eine Konzeption dieser Zeit, im „Egmont“ auftritt: der
Held des Dramas wird mit einer dämonischen Gewalt begabt
gedacht, die selbst die Grundfesten eines pantheistischen Monis—
mus zu durchbrechen imstande sei.

Viel durchsichtiger, aber zugleich auch menschlich-sittlich
viel begrenzter in der Entwicklung der Schicksalsidee seiner
Dramen ist Schiller. Freilich scheidet auch bei ihm ein Drama
bis zu gewissem Grade aus, der „Fiesco“: es ist ein Erzählungs-
stück, eine dramatisierte Geschichte gleich Goethes „Götz“: und
wie es Schiller nicht gelungen ist, die historische Vorlage auch
nur bis zum vollständigen Ineinanderspielen der Szenen nach
Raum und vor allem Zeit zu bändigen, so ist er ihrer noch
weit weniger unter dem Walten einer klaren Weltanschauung
Herr geworden.

Welch reiches Interesse dagegen bieten „Räuber“ und
„Kabale und Liebe“! Die „Räuber“ spielen in einer katholischen
Umwelt; im Christentum spiegeln sich alle Gestalten des Stückes,
wenn auch in sehr verschieden klaren Umrissen. Und der Dichter
selbst scheint das Stück wesentlich noch unter dem Einflusse jener
protestantischen Idee eines erbarmenden Gottes empfangen zu
haben, in der er getauft und erzogen worden war: noch bis
zur letzten Szene des letzten Aktes ist sie oft vorausgesetzt,
nirgends durchbrochen. Aber schließlich, wo es gilt, ein letztes
Siegel auf eine furchtbare Urkunde kühnster Auflehnung gegen
menschliche Ordnung zu setzen, verläßt der Dichter die christ—
liche Schicksalsider: indem die Räuber Amalien für sich als

Gemeinbesitz fordern und Karl sie tötet, brechen die Schrecken
unerbittlicher Konsequenz menschlicher Zustände herein, und
über den Wolken erscheint ein harter und eifriger Gott, ein
determinierter Gott der Rache.
        <pb n="185" />
        Neue Dichtung.

477
Noch eigenartiger fast ist die christliche Schicksalsidee in
Kabale und Liebe“ behandelt. Böse Zustände erzeugen hier böse
Taten; unerbittlich geht aus sozialpsychischen wie individual⸗
psychischen Voraussetzungen her die Handlung ihren Gang; die
Verbrecher empfangen ihren Lohn, aber auch Ferdinand und
Luise sterben: doch jenseits des Stückes, in eine nahe Zukunft
nach dem fünften Akte, ja der Empfindung nach noch in ihn
herein projiziert, leuchtet der Gott christlicher Gnade hervor:
und das Erbarmen, das die Erde nicht kennt, wird vom Himmel
gewährt sein.

Schillers Dramen stehen am Schlusse des Sturmes und
Dranges; eben die „Räuber“, ein der Tendenz nach durchaus
konservatives Stück — wie denn Schiller Freiheitsdichter nament⸗
lich in der Wahl seiner Stoffe, seiner Tendenz nach dagegen
Willkürdichter niemals und Gesetzesdichter in steigendem Maße
gewesen ist —: die „Räuber“ beenden den Sturm und Drang,
ähnlich wie Goethes „Werther“ die Tore der Empfindsamkeit
geschlossen hat. So zeigen sie, und insbesondere „Räuber“ und
Kabale und Liebe“, wie weit in der Entwicklung einer neuen,
subjektivistischen Schicksalsidee die revolutionäre Zeit der sieb⸗
ziger und noch achtziger Jahre geführt hat. Es ist eine Stufe
der Unvollendung, auf der sich die Zeit noch befindet; die christ⸗
liche Anschauung ist zurückgedrängt, ohne doch schon ganz ab—
gestreift zu sein; der Monismus einer rein sittlich gefaßten

Schicksalsidee kündigt sich an, greift um sich, gewinnt aber doch
noch nicht völlig das Feld.

Eine solche Lage mußte unmittelbar auch zu Schwankungen
und Unvollendetheiten in der Komposition wie in der Gestalten⸗
bildung führen.

In der Komposition ist die Zeit anfangs nicht über die
Bewältigung der Zelle aller dramatischen Organismen, der
Szene, hinausgekommen; insbesondere zerfällt Goethes „Götz“
durchaus in eine Reihe lose aneinandergefügter Szenen, wie
sich deren Inhalt ihm, bald in kürzester, bald in längerer
Fassung, aus der Selbstbiographie des Helden entgegendrängte.
Natürlich war mit dieser Entstehung zugleich auch über die
        <pb n="186" />
        178

Zweiundzwanzigstes Buch.
Charaktere verfügt. Shakespeare zerreißt die Handlung schein⸗—
bar in Einzelszenen, um die Entwicklung der Gestalten in ihrem
sich steigernden Auswirken um so stetiger zu behandeln; im
Götz“ überwuchert die Buntheit der Szenen und der episch
aufquellende Handlungsreichtum vielmehr die Auswirkung der
Gestalten.

Welch ein Rückschritt scheinbar gegen die sorgsame Szenen⸗
führung und Charakterbildung etwa in der „Minna von Barn⸗
helm“: — der freilich dadurch reichlich ausgeglichen wurde,
daß die Gestalten aus der rückhaltslos ergossenen Fülle des
Herzens eines neuen Zeitalters handelten. Das Drama des
Sturmes und Dranges aber ist im Grunde, sieht man von
Schiller ab, über die dramaturgische Praxis des „Götz“ nicht
diel hinausgewachsen. Wohin man schaut, ist das erste, was
in die Augen fällt, die Szene und nicht die Szenenbündel der
Akte: diese entbehren nur zu häufig der Geschlossenheit, von
der Architektonik des Dramas als eines Ganzen zu schweigen.
Dem entspricht es denn, wenn die Autoren ihre Versuche nicht
selten nur als formlose Lesedramen angesehen wissen wollten:
noch Schiller hatte diese Meinung anfangs von den „Räubern“:
glaubte „einen dramatischen Roman und kein theatralisches
Drama“ geschaffen zu haben.

Im Zusammenhang mit diesem Wesen des dramatischen
Gesamtaufbaues steht es, daß die Sprache der Dramen die
Prosa ist — und noch dazu eine abgerissene, hastend nervöse,
sich in Ausrufen eines schwächenden Pathos gleichsam ent—
mannende Prosa, die eben darum lange Litaneien des Gefühls⸗
ausbruches nicht ausschließt. Auch hier nichts Ausgeglichenes —
nur Zukunftshoffnungen, kein klassischer Genuß der Gegenwart.
Ist es da nicht auch bezeichnend, daß Goethe in dem Augen⸗
blicke, da er dem eigentlichen, bürgerlich-naturalistischen Sturm
und Drang Valet sagte und sich in den großen Fragmenten der
siebziger Jahre in den tiefen Stimmungsgehalt pantheistischer
Gefühlsinnigkeit ergoß, alsbald zu Reim und Rhythmus griff?
Die neue Periode eines strenger geschürzten Dramas kündigte
sich auf diesem Wege mit am frühesten an: denn wenn die
        <pb n="187" />
        Neue Dichtung.
479
Prosa in naturalistischer Malerei schroff und eckig fast jedem
Rucke der seelischen Zusammenhänge folgt, so rundet der Vers
ab, typisiert, fordert längeres Verweilen und verlangt, daß
seine Musik in idealistischer Stimmung ausklinge.

Anders in gewissem Sinne und doch nicht minder typisch
im Verhältnis zu Sturm und Drang verlief die Entwicklung
in den Dramen Schillers. Schiller heißt in der Entwicklung
der deutschen Dichtung der verkörperte, rücksichtslos nach Luft
und Leben ringende dramatische Instinkt, heißt entschlossenste
Führung der Handlung, heißt Steigerung der dramatischen
Effekte aufs äußerste. Konnte sich eine solche Begabung mit
bloßer Szenenbildung begnügen? Sie war von vornherein
jedem zerstückelten Momentbild feindselig, sie verlangte ab—
gerundete Szenen, Szenengruppen, straffe Architektonik des
Ganzen. Und wir vermögen zu sehen, wie der Dichter, frei⸗
lich am Schlusse der Zeit des Sturmes und Dranges, im
rechten Entwicklungsaugenblick, mit Entschiedenheit in diesem
Sinne vordringt. In den „Räubern“ ist seine Kunst noch un⸗
reif; bei allem erstaunlichen Sinne für Bühnenwirksamkeit
und bei aller Sicherheit in der Führung der Handlung laufen
Abgerissenheiten und Lücken unter, die nicht umhin können
für die Gestalten zu Aufdringlichkeit der Motivierung, ja zu
groben Unwahrscheinlichkeiten ihres inneren Handelns zu führen.
Schiller hat das mit der Ehrlichkeit der Selbstkritik, die eine
der auffallendsten Seiten seines Charakters ist, wohl erkannt;
in seiner mit dem Stücke fast gleichzeitigen Selbstrezension be—
zeichnet er Franzens Intrige als „plump und vermessen, aben—
teuerlich grob und romanhaft“, und begreift, wie diese grobe
Intrige als alten Moor nur einen mehr als schwachköpfigen und
unwahrscheinlich gutmütigen Greis habe vertragen können.

In den angedeuteten Zusammenhängen offenbarte sich aber
auch zum erstenmal eine Schwäche der geistigen Konstitution
Schillers, der er niemals ganz Herr geworden ist. Die unserer
Einsicht teilweise noch zugängliche Arbeit des Dichters an zahl—
reichen Dramenfragmenten ergibt, daß er in diesen Bruchstücken
niemals eigentlich von der poetischen Konzeption der Gestalten

Lamprecht. Deutsche Geschichte. VIII. 2. 81
        <pb n="188" />
        180

Zweiundzwanzigstes Buch.
ausgegangen ist und deren Handlungen einer Idee unterstellt
hat, sondern daß für ihn das dramatische Problem der Anfang
der Empfängnis war: dies durchdachte er, von da aus erfaßte
er die einzelnen tragischen Situationen — entwarf aber die
Charaktere einstweilen nur in flüchtigen und allgemeinen Um—⸗
rissen!. Nun sind diese Fragmente freilich Fragmente geblieben;
und wer vermag zu sagen, ob nicht eben die allzugroße Stärke
in der Architektonik, die Schwäche in der Anschauung der Ge—
stalten die Ursache war, daß sie Stückwerk wurden? Sicher
ist, daß Schiller die Gestalten seiner vollendeten Dramen mit
größerer Liebe der Anschauung umfaßt hat; — sicher aber auch,
daß zum ersten Förderer des deutschen psychologischen Dramas
des Subjektivismus, wie es vor allem auf höchster Kunst der
Charakterschilderung beruht, nicht Schiller, sondern Goethe
geworden ist.

Was dagegen Schiller in den „Räubern“ alsbald gelang,
war die Schilderung der sozialpsychischen Materie, der Massen,
in unserem Falle der Räuber. Begreiflich genug: hier gibt
es neben gröberer Individualisierung der Einzelpersonen doch
vor allem wieder ins Gleichmäßige zu organisieren und den
Typus in Bewegung zu setzen: und darin hat sich Schiller
in jäh aufwärts steigender Meisterschaft bewährt von den
„Räubern“ bis zu „Wallensteins Lager“ und von „Wallen—
steins Lager“ bis zu der Riesenexrposition im ersten Aufzuge
des „Demetrius“.

Im übrigen ist nicht zu verkennen, daß Schiller wie in
der Gesamtarchitektonik, so in der Durchbildung der Gestalten
auch schon in den Dramen der Sturmes- und Drangeszeit eine
schnelle Entwicklung durchlaufen hat. Ihr Harmonisches be—
ruht vor allem darauf, daß der Dichter sich schon früh darüber
klar wurde, er dürfe auch in der Charakteristik nicht bloß „ein
getreuer Kopist der wirklichen Welt“ sein: dadurch daß er die
Charaktere leise zu typisieren begann, brachte er sie dem Geiste

1 Vgl. Kettner in Schillers Werten, Cottasche Jubiläumsausgabe,
Bd. VIII (Dramatischer Nachlaß) S. XIX.
        <pb n="189" />
        Neue Dichtung.

481
eines streng disziplinierten Szenenaufbaues alsbald näher.
Etwas von dieser Wandlung läßt sich schon im „Fiesco“ wahr—
nehmen; wie die theatralischen Wirkungen hier bei allem
Grellen, das ihnen noch anhaftet, doch nicht mehr das Ur—
sprüngliche der ungezügelten Wildheit der „Räuber“ aufweisen,
so sind auch die Charaktere schon mehr voll abgewogenen
Lebens; und finden sich schwere Verzeichnungen, wie die der
Julia, so wird doch in Muley Hassan selbst dem Humor, einem
selteneren Gaste bei Schiller, ein unerwartetes Recht. Einer
bei weitem höheren Entwicklungsstufe des Dichters gehört dann
aber „Kabale und Liebe“ an. Gewiß ist auch hier der Aufbau
des Intrigenspieles noch zu verstandesmäßig und darum mehr
von raffinierter Lebhaftigkeit als von der einfacheren Fülle
quellenden Lebens: aber er ist doch in sich klar, ja vollendet
durchsichtig; und rasche, energische, immer spannende Szenen⸗
führung vereint sich mit einem großen Zuge zu einfacher Wirk⸗
lichkeit. Darum sind denn auch die Gestalten namentlich jener
Umwelt, die Schiller besser kannte, insbesondere des Heims
der Musikantenfamilie, wirklich Menschen von Fleisch und Blut,
und zwar nicht bloß Luise und ihre Mutter, sondern noch
mehr fast das Haupt der Familie, der vermutlich Schillers
Vater nachgebildete Miller.

Freilich darf man über alledem nicht vergessen, daß wie
in der Schicksalsidee, so auch in der Gestaltenbildung während
des Sturmes und Dranges die volle Sicherheit und Höhe
einer neuen Dichtung noch nicht erreicht worden ist: wie weit
bleiben die Dramen dieser Zeit doch zurück hinter dem psycho—
logischen Drama der achtziger Jahre, hinter „Tasso“ und
„Iphigenie“, ja selbst hinter dem „Egmont“ Goethes!

Aber war nicht das Erreichte schon gewaltig genug? Bangt
und jauchzt nicht noch heute das Herz im Anblick der Schick—
sale Götzens oder Ferdinands? Auch die Goetheschen Dramen
höchster Kunst waren ihrer Zeit eingeschrieben, auch sie noch
standen nicht auf der Höhe der naturalistischen Anforderungen
unserer Gegenwart — und doch waren sie weit mehr als „Götz“
oder „Kabale und Liebe“.
        <pb n="190" />
        182

Zweiundzwanzigstes Buch.
3. Empfindsamkeit und Sturm und Drang sind nicht wie
verhallendes Säuseln und verheerende Windsbraut unfruchtbar
uͤber das deutsche Geistesleben und die Entwicklung der Nation
überhaupt dahin gegangen. Schon die schwellenden Blüten⸗
ansätze in der Poesie, in der erzählenden Dichtung wie in
Lyrik und Drama, die wir kennen gelernt haben, bezeugen es.

Aber die Einflüsse beider Perioden griffen noch tiefer.
Würde man sie an einem anschaulichen Gegenstande ziemlich
nach allen Seiten verfolgen wollen, so könnte das am ehesten
an einer Kontrastierung dessen geschehen, was die deutsche
Sprache vor und was nach beiden Perioden gewesen ist. An
dieser Stelle kann das freilich noch nicht einmal stizzenhaft,
sondern nur mit einem etwas gegenständlicher gefaßten Hinweise
auf das Außerordentliche der wahrzunehmenden Veränderungen
geschehen. Was war doch aus dieser Sprache geworden, die,
nach ihren letzten herrlichen Tagen in der Reformationszeit,
in deutscher Zunge für die Aussprache des Feierlichen und
Schweren so gut wie ganz durch das Latein, für die Außerung
von Anmut und Lebenserfahrung vielfach durch das Franzö⸗—
sische verdrängt worden war! Schon in der Stunde ihres
Entstehens gleichsam begann die neue Dichtung, ja das neue,
nationale Seelenleben überhaupt sich ihrer anzunehmen, sich
an ihr zu erwärmen, sie fortzubilden. Günthers Sprache mag
noch im ganzen die der zweiten Schlesischen Dichterschule ge—
wesen sein, wenn auch abgeschliffen, gemildert, verpersönlicht:
Haller sprach alsbald, in enger Fühlung mit der Sprache seiner
Schweizerheimat, zaubermächtig in neuen Tönen und gedrungen
zugleich, fern jedenfalls der Breite und Glattheit Frankreichs,
und machte das Wort, obwohl der Gedankendichtung zugewandt,
auch einer neuen Schilderung der Außenwelt mächtig: so schon
mit Urgewalt in dem ältesten Gedichte, das von ihm erhalten
ist, den „Morgengedanken“:
Durchs rote Morgentor der heitern Sternenbühne
Naht das verklärte Licht der Welt;

Die falben Wolken glühn von blitzendem Rubine,
Und brennend Gold bedeckt das Feld.
        <pb n="191" />
        Neue Dichtung.

488
Welch ein Sprung aber gleichwohl noch von hier bis zur
Sprache Klopstocks, des mitteldeutschen Sängers, die ganze
Gruppen neuer Empfindungen malte und ganze Register neuer
Gefühle tönen ließ, bis zur Sprache Lessings, in der auf der
Grundlage obersächsischen und Berliner Dialekts reinstes Sprach—
gefühl und ernste Bildung an der Antike wie an Frankreich zu
einer neuen Prosa zusammenschossen, bis zu den ersten großen
Werken Goethes, lin denen aus Frankfurter Wurzel deutlich
ein wunderbar persönliches Deutsch aufsproßte, und zu jenen
Dramen des jungen Schiller, die von schwäbisch-volkstümlichen
Bildern und Wendungen strotzten! Man sieht es wohl: in der
Zwischenzeit war die deutsche Gedankenwelt reicher, vor allem
aber die deutsche Kunst um ein Unendliches ausdrucksfähiger
geworden, hatte ein neuer Naturalismus eindringlicher Schärfe
sich in Wort und Satz neue Werkzeuge geschaffen. Und die
Bestrebungen dieser ganzen Zeit, der Sprache selbst einverleibt,
erwiesen sich als bisher unsterblich. Denn in ihren wesent⸗
lichsten Zügen dauern sie in der Sprache noch des heutigen
Tages fort, zum Zeichen, daß es sich in Empfindsamkeit wie
Sturm und Drang um durchaus schon subjektivistische und zu⸗
gleich im Innersten durchaus nationale Entwicklung handelte.

Allein auch insofern sie dichterische Strömungen bedeuteten,
waren beide Perioden mit 1775 und 17885 noch keineswegs
abgetan. Sie begannen jetzt nur Unterströmungen zu werden,
während der Klassizismus der weimarischen Zeiten langsam
über ihnen als ihre höhere Vollendung emportauchte. Und so
dauerte denn auch die Literatur der Empfindsamkeit wie des
Sturmes und Dranges noch immer fort, um teilweise, hier
und da, ja sogar in ganzen Landschaften, wie z. B. in Schwaben,
unmittelbar in das spätere Schrifttum der Romantik und nicht
einmal immer nur der Frühromantik überzugehen. Und auch
an treffenden, selbst recht bedeutenden dichterischen Erscheinungen
innerhalb dieses Verlaufes fehlte es nicht. So ist Wieland
von seraphischer Empfindsamkeit und süßer Schwärmerei, wenn
auch in seiner quecksilbrigen Art ständig schwankend, unmittel⸗
har zur Romantik fortgeschritten, ohne je sentimentale Elemente
        <pb n="192" />
        Zweiundzwanzigftes Buch.
zu verlieren; und es ist nicht völlig falsch zu sagen, daß eben
er eben auf diesem Wege mit die Romantik am frühesten er⸗
öffnet habe.

Die merkwürdigsten Vertreter aber einer entwicklungs⸗
geschichtlich gleichsam nachhinkenden Empfindsamkeit und eines
verspäteten Sturmes und Dranges — und doch zugleich wieder
höchst fortgeschrittene Vorahner der literarischen Kunst der
zweiten Periode des Subjektivismus und insofern Vorläufer
von Dichtern wie Hebbel und Otto Ludwig oder Keller und
Raabe — waren Jean Paul (1763 —-1825)1 und Heinrich
oon Kleist (1777 1811).

Jean Pauls Kunst kann, nach einer gewissen Seite hin
hetrachtet, mit ihren Schnörkeln, Verkröpfungen, Chinoiserien
fast noch als Ausläuferin der Zopfzeit erscheinen. Sieht man
aber genauer zu, so ergibt sich, daß dieser wunderliche Auf—
und Ausputz sich zu den literarischen Manieren der Empfind⸗
samkeit ähnlich verhält, wie etwa die Formenwelt der Spät—⸗
gotik zu jener der Gotik des 14. Jahrhunderts: die Form ist
erkaltet und in diesem Zustande weitergebildet, während der
Geschmack im prägnanten Sinne, die Freude am richtigen Ver⸗
hältnisse großer und kleiner Anschauung zur Welt, verloren ge⸗
gangen ist.

Nun mag man sagen, das sei eben das Kennzeichen des
Humors, der Ansicht der nächsten Generationen nach Jean
Paul zufolge zweifelsohne der hervorstechendsten Eigenschaft des
Dichters; und gerade in diesem Humor stecke das Gegengift
gegen eine zu große Empfindsamkeit. Und richtig mag sein,
daß die deutschen Humoristen der neuesten Zeit, von Jean Paul
bis auf Raabe, vor allem eine Art Humor gepflegt haben, die,
statt die Welt mit einer bestimmten Sättigung von Empfindungen

Johann Paul Friedrich Richter. Hauptwerke: „Schulmeisterlein
Wuz“ 1790, „Hesperus“ 1795, um einen charakteristischen Titel genau zu
zitieren „Blumen-, Frucht- und Dornenstücke oder Ehestand, Tod und
Hochzeit des Armenadvokaten Siebenkäs“ 1796, „Quintus Fixlein“ 1786,
„Titan“ 180144, „Flegeljahre“ 1804, — „Levana oder Erziehungs—
ehre“ 1807.
        <pb n="193" />
        Neue Dichtung.

485
objektiv zu durchdringen, sich in der Dichtung selbst gesetzt und
damit in der Welt nur subjektiv bespiegelt hat.

Aber ist dies die einzige Art von Humor? Es ist am
Ende doch der Humor vornehmlich des Kleinen, Unbedeutenden,
Philiströsen: eben der Humor, der den sozialen Voraussetzungen
der empfindsamen Periode und auch der Umwelt entsprach, in
der sich Jean Paul und andere, spätere Humoristen mit Vorliebe
bewegten. Und hat nicht die Zeit unseres hohen Idealismus
selbst schon Jean Paul eben diesem Lebenskreise zugewiesen —
die Zeit, die das Hohe, Gewaltige, ergreifend Schöne pflegte
und von verhaltenem Pathos erklang? „Der Humor“, meint
Goethe, „ist eines der Elemente des Genies, aber sobald er
— E begleitet die ab⸗
nehmende Kunst, vernichtet sie zuletzt.“

In der Tat war die Kunstform, in der Jean Paul sich am
liebsten bewegte, der Roman absterbender Empfindsamkeit, wenn
auch in Versetzung mit manchen uns heute sehr modern an—
nuienden Elementen: nichts jedenfalls von dem überkräftigen
Realismus, den Sturm und Drang inzwischen gezeitigt hatten;
Anschauung überhaupt nur im kleinen Bereiche der nächsten Welt
und auch hier noch in systematischer Dürftigkeit und pedan⸗
tischer Vollständigkeit gepflegt; Mangel endlich an Befähigung,
einfache Charaktere auf die Beine zu stellen. Statt dessen,
nicht ohne Anlehnung an den alten Fielding, an Sterne und
Rousseau, eine schranken⸗ und maßstablos zum Himmel strebende
Empfindung, Maskierung des Vermögens, real zu sehen, durch
die Erzeugnisse einer barocken Launenhaftigkeit, und ständige
Unterbrechung des Ganzen der Erzählung durch tausend Analogie—
einfälle, die nicht selten einer umfangreichen Zettelkasten⸗Gelehr⸗
amkeit verdankt wurden.

Diese Charakteristik mag heute manchem hart erscheinen.
Gewiß erhellen sich ihre dunklenSeiten, sobald man Jean Pauls
Verhältnis nicht so sehr zu dem historischen Orte seines Ur⸗
sprunges, wie zu den erst werdenden Mächten der Romantik
betrachtet, in deren Bereich schon seine literarische Tätigkeit ge⸗
fallen ist. Dann mag man in seinem empfindsamen Humor ein
        <pb n="194" />
        86

Zweiundzwanzigstes Buch.
Bestreben erblicken wollen, sich aller Banden los in das Reich
der Geistesfreiheit zu retten: nur daß die sehnende Kraft denn
doch wieder zu schwach erscheinen würde, diese Erhebung ganz
zu vollziehen. Es wäre ein Fall, auf den ein Satz Jean Pauls
selber bezogen werden könnte: zweiundeinehalbe Minute habe
der Mensch, eine zu weinen, eine zu lächeln und eine halbe
zu lieben: denn mitten in dieser sterbe er.

Die Romantik aber übernahm von ihrer Ahnin, der
Empfindsamkeit, ganz allgemein noch einen sentimentalen Hang,
und eben ihr letzter genialer Zärtling, Heine, hat an diesem
Schlaftrunke mit gieriger Lippe gehangen. Natürlich nicht,
ohne sich darüber lustig zu machen: wann hätte diese „malitiöse
Nachtigall“ enttäuschungslos geschlagen? Aber war damit die
Wirkung beseitigt? Erst der Realismus der dreißiger Jahre
des 19. Jahrhunderts hat begonnen, die Struktur der alten
Empfindsamkeit in die der modernen Sentimentalität zu ver⸗
wandeln: und im langsamen Verlaufe dieser Bewegung kam
für Jean Paul die Zeit, noch einmal modern zu sein.

Einsamer noch in vieler Hinsicht, als Jean Paul, hat Kleist
in seiner Zeit gestanden, auch wenn man von dem persönlichen
Unglück seiner Lebensführung absieht!. Tiefer aber hat ihn
wohl niemand erkannt als Otto Ludwig, dieser Vorläufer des
modernen Sturmes und Dranges, der literarischen Revolution
der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts. „Ich glaube, es
war Kleists Fehler, wie es meiner ist, daß wir ein zu kräftiges
Gefühls- und Begehrungsvermögen zu wenig zu disziplinieren
wußten. Der Lakonismus seiner und meiner Gestalten im Affekte
läßt einen Nichtkenner der Seele schließen, wir seien zu kalt
gewesen, während wir zu heiß waren.““ Man mag von den
Dramen Kleists lesen und namentlich aufgeführt sehen, welches
man wolle, man mag Gestalten und Schicksalsidee in welcher
Richtung auch immer zergliedern, stets wird man wieder auf

„Familie Schroffenstein“ 1803, „Penthesilea“ 1808, „Käthchen von
Heilbronn“ 1810, „Zerbrochener Krug“ 1811, „Erzählungen“ bis 1811,
Hermannsschlacht“ und „Prinz von Homburg“ publiziert 1821.

2Werke 2, 1334
        <pb n="195" />
        Neue Dichtung.

487
Erscheinungen des Sturmes und Dranges zurückgeführt. Und
auch das Lustspiel, das Stürmer und Dränger so heiß und
so vergebens ersehnten, hat es nicht eben Kleist geschaffen?
Freilich: der Realismus der Schilderung geht im „Zerbrochenen
Kruge“ weit über das grobe naturalistische Zuhauen der sieb⸗
ziger Jahre des 18. Jahrhunderts hinweg; und der leisen
Satire des Stückes, noch mehr des Streifens an das wahrhaft
Tragikomische wären die Klinger und Wagner trotz mancher
Neigung in diesem Sinne niemals fähig gewesen. Hier, wie
nicht minder im „Michael Kohlhaas“, offenbaren sich eben die
Seiten der Kunst Kleists, die vorwärts weisen hinein in den
Sturm und Drang einer zweiten Periode des Subjektipismus.

Im übrigen war wie mit Jean Paul die empfindsame, so
mit Kleist die gewaltsame literarische Strömung immer noch
nicht ganz verflossen. Wie hat da z. B. noch die Befreiungs⸗
zeit, die von Kleist so heiß ersehnte und nicht erlebte, das Blut
unserer Lyrik zum Wallen, zum Sieden gebracht!

Doch es ist nicht mehr höhere geschichtliche Aufgabe, dem
Verlaufe dieser Strömungen weiter zu folgen. Im höchsten
Grade geschichtlich ist nur das jeweils Neue, fortschreitend
dinzukommende; und die ständige Frage der Athener 7
vocorsoov ist auch heute noch eine Elementarfrage der historischen
Forschung. Ja auch die Hauptfrage der geschichtlichen Kunst.
Ddenn von den Lesern einer geordneten geschichtlichen Erzählung
muß angenommen werden, daß sie fortlaufende Fäden früher
einmal, da sie neu waren, dargestellter Verhältnisse in un—
bewußter Erinnerung fortführen, ohne daß ihnen immer wieder
deren ganzes Gewebe, von Augenblick gleichsam zu Augenblick,
im pedantischen Kleinverlaufe von Zettel und Einschlag vor—
gelegt wird: und sie werden diese Erinnerung jeweils bewußt
zu gestalten wissen, sobald sie dessen unter dem weiteren Gange
der Erzählung bedürfen.

Es ist eine Beobachtung, der an dieser Stelle mit Nutzen
noch eine andere Bemerkung zur Seite gestellt werden kann.
Eine geschichtliche Erzählung, die den großen Zusammenhängen
zachtrachtet, vermag keine Vollfiguren von Helden darzustellen,
        <pb n="196" />
        188

Zweiundzwanzigstes Buch.

kann keine Sammlung von Biographien sein. Auch die be—
herrschendsten Menschen einer Zeit, auch die repräsentativsten
einer Epoche erscheinen in der Kunst einer solchen Erzählung
nur als Halbfiguren, als Reliefs: mit jenen Seiten ihres Wesens
allein, die öffentlich sind und waren, die dem großen Gange
der Dinge parallel laufen. Volle Umrundung einer Gestalt ist
Sache des Biographen, und der Geschichtschreiber verhält sich
zu diesem wie der Historienmaler zum Maler des Bildnisses.

Fahren wir aber fort, den Entwicklungsgang der deutschen
Dichtung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in seinen
allgemeinen Zügen weiter zu verfolgen, so läßt sich beobachten,
wie in den achtziger Jahren, nach der Höhezeit der Empfind—
jamkeit und des Sturmes und Dranges, etwas wie ein Inne—
— DD
Naturalismus sind gewonnen in Sprache und dichterischer Form
bis zu den höchsten Aufgaben des poetisch-technischen Wie? —
und nun tritt das Bedürfnis auf, diese Werte zu sichten, zu
ordnen und einem neuen Idealismus frischerer und stärkerer
Persönlichkeitsbetätigung dienstbar zu machen. Es ist die Grund—
stimmung und das Grundmotiv des kommenden Klassizismus.

Hand in Hand aber mit dieser tiefsten Wandlung ging,
den Übergang läuternd, eine Dreizahl an sich auch schon recht
wichtiger Tendenzen: das Empordringen des Einflusses großer
Entwicklungsphasen der älteren nationalen Dichtung; die letzte,
reifste Abklärung des Rationalismus; und der ungeahnt hohe
Aufschwung einer neuen Wiedergeburt des klassischen Altertums.

In Zeiten eines Aufschwunges nationaler Kunst wird
mmer auch die Erinnerung an vergangene Höhezeiten dieser
Kunst auftauchen: an ihnen werden sich Sinn und Auge des
verdenden Künstlers stärken. Wie es Goethe als eines der
Leitmotive auch seiner Kunst ausgedrückt hat: „Was an uns
Originales ist, wird am besten erhalten und belebt, wenn wir
unsere Altvordern nicht aus den Augen verlieren.“ Wie aber
mußte diese Neigung verstärkt auftreten im Beginne eines Zeit—
alters, zu dessen innerlichsten Wesensäußerungen eben die Ent—
wicklung geschichtlichen Sinnes gehörte! Und so tauchte es
        <pb n="197" />
        Neue Dichtung.

489
denn auf, das Andenken an die großen Zeiten der Dichtung
der Staufer und der Reformationszeit, nachdem unklare Be—
zeisterung für die Barden der Urzeit und enthusiastische Über—
treibung in den Blättern von deutscher Art und Kunst den
Weg gebahnt hatten. Hatte Bodmer schon in den vierziger und
fünfziger Jahren „Nibelungenlied“ und „Dichtungen der Minne⸗
sänger“ drucken lassen, so wurden in den folgenden Jahrzehnten
außer neuen Ausgaben dieser auch die wichtigsten Kunstepen
der Stauferzeit veröffentlicht: und eine neue Schätzung des
Mittelalters, ein Vorbote der Romantik, zog ein. Wie aber
wurde gar die Reformationszeit erfaßt. Der „Weißkunig“ er⸗
schien von neuem im Drucke, Hans Sachs erlebte fast mehr
als eine Auferstehung in den genialen Nachahmungen Goethes,
das soziale und politische Leben der Zeit schien im „Götz von
Berlichingen“ wieder lebendig zu werden zum Erstaunen der
Rationalen, in deren Sinne Wieland sich vor dem „schönen
Ungeheuer“ liebenswürdig bekreuzte; — und die Summe alles
Geisteslebens, die Fülle der Seele dieser großen deutschen Zeit
oor zweiundeinhalb Jahrhunderten s chwoll mächtig in die Gegen⸗
wart herein in der Gestalt des Doktor Faust, die fast jedes
Dichtergemüt beschäftigte: bis sie in des größten Dichters größter
Schöpfung Unsterblichkeit gewann.

Die Gesamtwirkung vieler der Altvordern aber, die man
liebend zum Reden gebracht hatte, war erziehlich, im Sinne
einer Klärung der jugendlichen Stimmungen der empfindsamen
und der Sturmes⸗ und Drangeszeit. Das gilt schon für die
Faustdichtung, betrachtet man sie als allgemeine Erscheinung
der siebziger und achtziger Jahre des 18. Jahrhunderts, das
tritt sichtbar hervor, versenkt man sich in die heitere Wohlig⸗
keit, die behagliche Durchsichtigkeit der hanssachsischen Dichtungen
Boethes.

In diesem Sinne aber wirkte die jüngste Vergangenheit,
das letzte volle Aushallen des Rationalismus, nicht minder
klärend auf die jungen Geschlechter.

Den breiten Untergrund aller rationalistischen Bestrebungen
hildete auch in den sechziger bis achtziger Jahren, ja darüber
        <pb n="198" />
        190

Zweiundzwanzigstes Buch.
hinaus noch immer die populäre Aufklärung, wie sie vor allem
Mendelssohn und Nicolai von Berlin aus unermüdlich ver⸗
traten. Wie es in einer Schrift aus dem Ende des Jahr⸗
hunderts heißt!: „Veinahe wäre jetzt die ‚aphoristische Popular⸗
philosophie durch die kritische Kants verdrängt worden: noch
für diesmal aber siegte der Krebs, der den Herkules in die
Ferse stach.“

Aber diese ausgedehnten Gerinnsel der populären Auf—
klärung durchfloß in den siebziger und achtziger Jahren doch
noch einmal ein Strom tieferer rationaler Lebensweisheit, frei⸗
lich schon gemischt mit Anfängen ganz anderer seelischer und
geistiger Haltung: und über ihm lag das letzte, wehmütig⸗milde
Aufblicken der Sonne eines scheidenden Zeitalters. Berlin ver⸗
lor damit die führende Rolle der Aufklärung, statt dessen wurden
Osnabrück und Göttingen, Wolfenbüttel und Königsberg be—
deutend, und an die Stelle von Nicolai und Mendelssohn traten
Möser und Lichtenberg, Lessing und Kant.

Von ihnen hielt Lichtenberg, wie es einem Vertreter der
Naturwissenschaften der Zeit gebührte, noch am meisten an der
alten Aufklärung fest: mit welchem bösen Witze hat nicht der
bissige und doch wieder gutmütige Satiriker die Männer der
Empfindsamkeit und des Sturmes und Dranges verfolgt und
auch wohl ein wenig gebessert.

Ein Mann von ganz anderer Wirkung war Möser. Für
seine Zeit überaus welterfahren, in der Verwaltung seines
Heimatsstaates erfolgreich tätig, mit England vertraut, in der
Germania des Tacitus daheim wie in der verschlungenen
Territorialgeschichte späterer Zeiten, historisch gebildet bis zu
weiten Übersichten der britischen Kolonisationsgeschichte und
des einsamen Vordringens der Pflanzer Nordamerikas war er
kein Rationalist mehr alten Schlages. Man vergleiche ihn mit
Montesquieu: und man wird sehen, wie er an Stelle von
Syllogismen Anschauungen, an Stelle von Folgerungen Zu—
sammenhänge, an Stelle von Worten Bilder setzt. So war

Leipzig im Profil (1792) S. 13.
        <pb n="199" />
        Neue Dichtung.

40
er geeignet, großgeworden in der Zucht des Rationalismus,
dem jungen Geschlechte zum erstenmal feste Anschauungen auf
dem Gebiete des Staats- und Rechtslebens — und von da aus
dem Dichter tiefere Einblicke in das Wesen aller menschlichen
Gemeinschaft zu eröffnen.

Neben Möser wurde in verwandtem Zusammenhange vor
allem Lessing wirksam. Gewiß herrschte in Lessing zeitlebens
das sächsisch⸗rationalistische Element; so wenig fast wie Pufen⸗
dorf vder Thomasius ist er es durch Verlassen Leipzigs los—
geworden; und schon seine allzuherbe Kritik Gottscheds zeigt, bis
zu welchem Grade er dessen Nachfolger war. So war es selbst⸗
verständlich, daß er den jungen emporsprudelnden Strömungen
der Empfindsamkeit und des Sturmes und Dranges ein strenger
Richter wurde bis hinab auf den stammelnden Stil ihres
Pathos. Aber er ist ihnen doch mehr als ein Richter gewesen.
Man mag mit Recht von seinen Dramen sagen, daß sie ins⸗
gesamt auf der Oberfläche moralisierender Ruhrung bleiben,
daß sie nicht hineingreifen in die unergründlichen Tiefen der
bewegten Menschenbrust, deren Geheimnisse eben das jüngere
Geschlecht zu erschließen suchte und teilweise erschloß: dennoch
darf nicht verkannt werden, wie sehr die religiösen Spekulationen
vornehmlich seiner vier letzten Lebensjahre Lessing den Jungen
näherten. Eine so bohrende Beschäftigung mit religiösen Dingen
bedeutete an sich schon Pathos; und der für Lessing sicher⸗
stehende Nachweis, daß die christlichen Dogmen nichts seien als
Hüllen spekulativer Wahrheiten, schien eine Möglichkeit der Ver⸗
söhnung christlicher und radikal subjektivistischer Weltanschauung
anzudeuten, die der Klärung der dramatischen Schicksalsidee
zugute kommen mußte.

Noch stärker aber kam Kant dem idealistischen, dem Klärungs⸗
bedürfnisse überhaupt der jungen Generation zu Hilfe. War
er wirklich nur der „Raisonneur und Spekulant, in der Schlaf—
mütze hinter dem Ofen sitzend“, als den ihn der unbarmherzige
Hamann ausschrie? Es war eine Tat, als der Philosoph in
seiner Schrift über die Aufklärung (1784) davor warnte, das
Vermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen
        <pb n="200" />
        o⸗

Zweiundzwanzigstes Buch.

zu bedienen, nicht zur Durchführung einer radikalen, wenn
auch zunächst nur intellektuellen Revolution auszunutzen: nicht
um den eigenmächtigen allein, um den gesetzmäßigen Gebrauch
des Verstandes handle es sich. Und damit nicht genug: von der
gesetzmäßigen Freiheit des Denkens will Kant, wenn auch zu—
nächst nur rein intellektualistisch, überführen zur gesetzlichen
Freiheit des Handelns: sei ein Volk genügend gebildet, um der
Freiheit des Handelns fähig zu sein, so werde diese Bildung
derart auf die Regierung zurückwirken, daß sie den Menschen
nicht mehr als Maschine, sondern seiner Würde gemäß betrachte.
Man begreift, was diese Lehren auch für die Dichtung be—
deuteten; Maß und klares Ziel auch in Dingen menschlicher
Gemeinschaft war ihre Losung: und indem er Kants Bildungs—
ideal zum Ideal ästhetischer Erziehung fortbildete, ward Schiller
zum einflußreichen Lehrer subjektivistischer Selbstzucht.
Dennoch läßt sich nicht verkennen, daß es sich hier mehr
um Schranken handelte, die dem Empfinden und Denken des
Dichters gezogen wurden, als um eine unmittelbare Förderung
poetischen Schaffens selbst!. Diese ging, und zwar im reichsten

Natürlich hatte auch der Rationalismus noch seine dichterischen
Ausläufer. Hier mag wenigstens anmerkungsweise eines der liebens—
würdigsten gedacht werden: Hebels, des letzten bedeutenden Vertreters auf⸗
klärerischer Idyllik. Was ihn kulturgeschichtlich besonders interessant macht,
ist die Tatsache, daß ihm seine starke Wendung zum Volkstümlichen des
alamannischen Stammes da, wo seine Dichtung zugleich in nationalen
Formen des Metrums und der Versbildung einherschreitet, etwas fast Un—
persönliches gibt: so in dem bekanntesten seiner Gedichte „Loset was i
Euch will sage“. Aber auch da, wo perfönlichere Töne erklingen, halten
sie sich im sittlichen Niveau der Zeit und des Stammes: so nimmt der
Patriotismus die Form eines gemütvollen Partikularismus an, und die
moralischen Anschauungen überschreiten nicht die rationalistische Grenze
inniger religiös-christlicher Gefühle. Dabei wird ein gewisses, der Auf—
klärung wohlanstehendes Gleichmaß der Stimmung beibehalten; nur selten
vernimmt man Töne, die über das Idyllisch-Getragene hinausgehen, wie
in dem bäuerlichen Muspilli von der „Vergänglichkeit“, dessen ernsteste
Stellen an Vorstellungsweisen des alamannisch-schweizerischen Landsmanns
Haller erinnern. Im übrigen tritt diese eigenartige seelische Umwelt noch
diel deutlicher, als in den Gedichten, in den „Schaßkästlein-Erzählungen“
        <pb n="201" />
        Neue Dichtung.

493
Maße, vielmehr von einer dritten Macht der Vergangenheit
aus, die neben altdeutschen und rationalistischen Einflüssen auf
den Übergang von frühestem naturalistischen zu frühestem idea⸗
listischen Subjektivismus wirkte: vom klassischen Altertum.
Man weiß, wie sich schon mit den Übergangserscheinungen
bom individualistischen zum subjektivistischen Zeitalter eine neue
Wiedergeburt des klassischen, vornehmlich hellenischen Altertums
verbunden hatte!. Es handelte sich um eine Bewegung, die
auch von rationalistischer Seite her gern gesehen und eifrig
gefördert worden war; und schon in diesem Zusammenhange
begreift es sich, daß sie an erster Stelle das Wesen eines
philologischen Betriebes angenommen hatte — ganz abgesehen
davon, daß sie äußerlich zunächst von den Organen der seit
der Renaissance des 16. Jahrhunderts entwickelten Philologie,
von den gelehrten Mittelschulen und den Universitätslehrstühlen
der alten Sprachen ausgegangen war und auch insofern min—
destens anfangs philologischen Charakter tragen mußte. Doch
Hebels hervor: enger Horizont, geographisch taum mehr als den alaman—

nischen Boden beherrschend, politisch noch weiter begrenzt auf des Mark—

grafen Lande und den füdöstlichen Schwarzwald: aber innigste Erfassung

und Umfassung dieser kleinen Welt nicht bloß mit den Banden alt—
herkömmlicher Sitte und braven Christenglaubens, sondern auch mit all
den Elemeuten einer geistig durchgearbeiteten Klugheitslehre des Klein—
hürger⸗ und Bauerntums. Was aber bei diesen Prosastücken außerdem auch
noch deutlicher fast, als in der Lyrik, trotz deren dialektischer Sprache, hervor—
tritt, das ist ihr spezifisch alamannischer Charakter. Der pädagogische Zug,
der die schweizerische Literatur von Pestalozzi bis Keller beherrscht oder
wenigstens bestimmt hat, ist unverkennbar, nicht minder die nicht selten barocke
Form alamannisch-schweizerischer wie alamannisch⸗elsässischer Weisheitslehre
und ihr dennoch volkstümlicher Vortrag: sowie eine besondere Sorte klugen
Biedermannssinnes und eckiger Solidität des Denkens, die dem „Rollwagen⸗
büchlein“ des Kolmarers Jörg Wickram nicht minder eigen ist wie den
Leuten von Seldwyla“ des Züricher Meisters Keller. In der Lyrik haben
dann unmittelbar Pfade von Hebel noch hinübergeführt zu der späteren Elsässer
Dichterschule, zu den Stöber und Mühl und Hackenschmidt: nur daß die
Tone, die bei Hebel noch voll erklingen, hier ins Dünne abgewandelt sind
und hier und da auch noch einer abschwächenden Einwirkung späterer neu—
hochdeutscher Lyrik unterlegen scheinen.

Vgal. Bd. VII, 1, S. 334 ff.
        <pb n="202" />
        Zweiundzwanzigstes Buch.
war sie darum nicht im Gelehrt-Philologischen stecken geblieben;
vielmehr hatten sich ihre Wirkungen alsbald, spätestens schon
seit den vierziger Jahren des 18. Jahrhunderts, auf die ganze
Breite des geistigen Lebens und namentlich auch auf die
Dichtung ausgedehnt.

Jetzt nun, seit etwa den sechziger Jahren, wurde dieser
Einfluß um so stärker und reiner, als sich die klassische Philo—
logie aus einer Fertigkeit der Verdolmetschung antiker Schriften
langsam zu einer wirklichen Altertumswissenschaft umzubilden
begann. Der deutsche Philologe, der mit am fruhesten zu
dieser neuen Auffassung hin vermittelte, ohne freilich schon
ihren vollen Sieg herbeizuführen, war Christian Gottlob Heyne
aus Chemnitz (1729 - 1812). Im Jahre 1762 nach Göttingen,
damals bereits einem bekannten Sitze der neuen Renaissance,
berufen, wurde er schon vermöge seines liebenswürdigen
Charakters das Haupt einer ganzen Schule von Philologen.
Er betrieb zunächst, wenn auch ohne viel inneren Anteil, das
alte Handwerk der Edition und Grammatik; aber selbst seine
wichtigsten Arbeiten auf diesem Gebiete, die Ausgaben des
Vergil“ (1767 ff.), des „Pindar“ (1788), der „Ilias“ (1802 ff.),
sind heute vergessen. Daneben aber nahm er sich immer mehr
der sogenannten Realien an, insbesondere auch derjenigen der
Kunst; und so begann er aus der Philologie die moderne
Wissenschaft der Archäologie abzuzweigen. Ganz aber die
Philologie in eine Altertumswissenschaft umzuwandeln, war
Friedrich August Wolf (1759 —1824) vorbehalten. Wolf be—
gann als Schüler Heynes; Arbeiten in dessen Sinne be—
förderten ihn rasch auf das philologische Katheder der Uni—
versität Halle, das er im Jahre 1787 einnahm und erst nach
zwanzigjähriger Tätigkeit für eine Anzahl von viel weniger frucht—
baren Lehrjahren mit einem solchen an der Berliner Universität
vertauscht hat. Wolf kam, angeregt durch die Forschungen
Herders über Volkslied und Volksgeist, wie sie dem Seelenleben
des naturalistischen Subjektivismus unmittelbar entsprangen,
in Untersuchungen über die handschriftliche Überlieferung des
Homer zunächst zu der Überzeugung, daß der uns vorliegende
        <pb n="203" />
        Neue Dichtung.

495
Text der homerischen Gedichte weit von der klassischen Fassung
abweiche, die von den alexandrinischen Gelehrten festgestellt
worden war. Dieses Ergebnis aber veranlaßte ihn dann,
Herders Ideengängen folgend, die Gedichte auf ihren inneren
Zusammenhang zu prüfen: und hier entwickelte er, in der Aus—
gabe der „Ilias“ und in den „Prolegomena“ der Jahre 1794
und 1795, jene Hypothesen über die Entstehung der homerischen
Gedichte als einer Volksschöpfung, deren fortwirkende Wellen⸗
kreise noch heute die Forschung bewegen.

Was war nun mit diesen Studien erreicht? Auf eines
der wichtigsten Literaturdenkmale der Griechen — auf das—
jenige, das der Zeit des ausgehenden 18. Jahrhunderts viel⸗
leicht als das unbedingt wichtigste erschien — war eine
Betrachtungsweise angewendet, die es in den Fluß der Zeiten,
in den Verlauf der griechischen Geistesentwicklung stellte. Da
konnte denn zunächst die Anwendung der neuen Methode auf
andere Literaturdenkmäler nicht ausbleiben. Vor allem aber:
in die Philologie war damit die geschichtliche Auffassungsweise
überhaupt und grundsätzlich eingeführt: erlöst war sie aus den
engen Schranken einer bloßen Interpretationskunst, hin strebte
sie nach dem neuen Ideale, das Geistesleben der antiken Welt
von genetischem Standpunkte aus zu begreifen: und Wolf
selbst noch hat in seiner Darstellung der Altertumswissenschaft
vom Jahre 1807 dies neue Ideal eingehender umschrieben und
vertreten.

Indes lange bevor sich die Philologie dem höheren Stand—
punkte einer geschichtlichen Betrachtung der Alten näherte,
war diese Betrachtung schon in einer echt historischen Wissen⸗
schaft durchgeführt worden, in der Kunstgeschichte. Hier erwies
sich für Deutschland Winckelmanns „Geschichte der Kunst des
Altertums“, im Jahre 1764 erschienen, als schlechthin revolutio⸗
nierend; und Goethe konnte ihrem Verfasser den stolzen
Lebensepilog schreiben: „Winckelmann, ein zweiter Kolumbus,
hat die Entwicklung und das Schicksal der Kunst als an die
allgemeinen Gesetze aller Entwicklungen gebunden, in ihrem
Sinken und Steigen mit der Kultur und den Schicksalen des

Lamprecht. Deutsche Geschichte. VIII. 2. 32
        <pb n="204" />
        196

Zweiundzwanzigstes Buch.
Volkes gleichen Schritt haltend, entdeckt.“ War dabei Winckel⸗
mann insofern nicht abseits vom Wesen eben seiner Zeit ge—
wandelt, als es besonders die pathetische Kunst eines verhältnis⸗
mäßig späten Hellenismus war, die ihn als klassisch fesselte,
so blieb doch seit dem Erscheinen seines Werkes unzerstörbar
der Sazt bestehen, daß auch die Griechen nicht in irgendwelcher,
gleichsam der Geschichte entzogenen, rein dogmatischen Höhe
dealer Vollkommenheit gelebt hätten — sondern, daß sie
Menschen gewesen seien gleich uns. Gewiß mochte dabei eine
enthusiastische Forschung, obwohl sie geschichtlichen Charakters
war, noch tausend Unerreichbarkeiten finden und aus ihnen
ein neues, gleichsam historisches Dogma des Hellenentums auf—⸗
stellen — ein Dogma, das erst die Gegenwart ganz beseitigt
hat —: immer blieben doch jetzt auch die Griechen menschlich
nahe; und nicht mehr als Halbgötter drängten sie sich der
vorwärts strebenden Dichtung auf, sondern als Helfer, deren
Bedeutung man in kühnem Vergleich mit dem eigenen Wesen
abwog.

Und auch an dieser Stelle hat Goethe die Summe dessen,
was von diesem Ausgangspunkte aus im allgemeinen geschah,
mit dem treffendsten Worte begleitet und in der kürzesten Schluß—
bemerkung zusammengezogen, hier, indem er die Frage aufwarf,
„ob uns diese weiten Falten zu Gesicht stehn wie den Alten?“,
dort, indem er den Fundamentalsatz von der „absoluten Ver—
schiedenheit des Modernen und des Antiken“ fallen ließ.

Der Dichter und Denker aber, der aus der neuen Lage
der Dinge tieferdringend am frühesten die Bedeutung der
Antike, insbesondere des Hellenentums für seine Zeit feststellte,
wie denn eben seine Lehren mit am meisten zur vollen Ent—
wicklung dieser Lage beitrugen, war Herder.

Noch 1766 hatte Lessing auf die Autorität der Alten auch
in Einzelfragen in einer Weise geschworen, der gegenüber, im
Verlaufe der französischen Kultur, schon Boileaus Stellung
zur Antike Selbständigkeit bedeutete; und noch später hat ihn
seine Gelehrtennatur in der „Hamburgischen Dramaturgie“ nicht
selten nationale Kritik und restlose Rekonstruktion der Antike
        <pb n="205" />
        Neue Dichtung.

497
beinahe verwechseln lassen. Wenige Jahre darauf dagegen, seit
den „Kritischen Wäldern“ von 1769, folgte eine Schrift Herders
nach der anderen, in denen der Grund zu einer ganz anderen
Auffassung der Antike gelegt wurde.

Herder ging von vornherein vom universalhistorischen
Standpunkte aus. So hat er später in gleich lebhafter An—
erkennung der Bedeutung der altorientalischen und griechischen
Kultur äußern können!: „Wir nordischen Europäer wären
noch Barbaren, wenn nicht ein gütiger Hauch des Schicksals
uns wenigstens Blüten vom Geist dieser Völker herüber—
geweht hätte, um durch Einimpfung des schönen Zweiges in
wilde Stämme mit der Zeit den unseren zu veredeln.“ Und
in Erweiterung der hier nur den Mittelmeerkulturen geltenden
Betrachtung schwang er sich früh zu dem Ideale einer all—
gemein menschlichen Kultur überhaupt auf: und Bildung zur
Humanität ward ihm damit zum Grundinhalt aller Geschichte.
Bildung zur Humanität aber kann nach ihm nur erreicht
werden im freien Spiel menschlicher Kräfte: deutlich tritt
hier der Grundton gleichsam alles Seelenlebens des Sub—
jektivismus als für seine Anschauung bestimmend hervor, so
wie ihn zuerst, nicht ohne Rauheit, doch deutlich die Stürmer
und Dränger hatten vernehmen lassen. Wie aber das freie
Spiel menschlicher Kräfte regeln? Denn ohne Regelung —
das war der sittliche Fortschritt des Denkens gegenüber den
Unbilden des Sturmes und Dranges — keine Kultur, keine
Gesittung. In diesem Augenblick wandte Herder sein An—⸗
gesicht rückwärts den älteren Völkern, den Erziehern seiner
Nation von jeher zu: erkannte an, was die Deutschen ihnen
verdankten, und reichte den Hellenen als den besten aller Lehr—
meister zu Höherem die Palme. So kam er denn zu dem
besonderen Ideal einer neuen Bildung: es ist das freie Spiel
menschlicher Kräfte, zu erfassen am Ideal der Alten, vor allem
der Hellenen: denn „aus den Werken der Griechen spricht der
Dämon der Menschheit rein und verständlich zu uns“.

In den Ideen zur Philosophie der Gesch. der Menschheit VI, 2.
32*
        <pb n="206" />
        498 Zweiundzwanzigstes Buch.
Deshalb sollen aber die Zeitgenossen keineswegs die
Griechen nachahmen, wie es noch Winckelmann und Lessing,
Geßner und Ernesti im Grunde gewollt hatten: nein, sie sollen
nur mit ihrer Hilfe in den Schranken ihres eigenen nationalen
Charakters zu werden suchen, was jene in denen des ihrigen
zgeworden waren: vollendete Menschen.

Hinderte nun aber diese Auffassung, daß das Griechentum
dennoch Gegenstand eines fast religiösen Kultes wurde? „Mit
heiligem Ernste“, schreibt Herder in späterer Zeit selber?,
treten wir zum Olymp hinauf und sehen Götterformen im
Menschengebilde: die Griechen theifizierten die Menschheit.“
Und selbst Goethe hat in seinen Greisenjahren, nach noch viel
enthusiastischeren Außerungen von Männern wie Wilhelm
von Humboldt und Fichte, sich wohlüberlegt in dem Satze ver—
nehmen lassen: „Wenn wir uns dem Altertum gegenüberstellen
und es ernstlich in der Absicht anschauen, uns daran zu bilden,
so gewinnen wir die Empfindung, als ob wir erst eigentlich
zu Menschen würden.“ Wie mußte da erst der enthusiastische
Schiller in Ekstase geraten, mit welchen Augen mußte er hin⸗
schauen auf das ach! auf ewig entschwundene Reich der Antike:

Näher war der Schöpfer dem Vergnügen,
Das im Busen des Geschöpfes floß.
Nennt der meinige sich dem Verstande?
Birgt ihn etwa der Gewölke Zelt?
Mühsam späh' ich im Ideenlande,
Fruchtlos in der Sinnenwelt.
Seine höchste Höhe erreichte der Kult der Antike während
der letzten Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts eben im Zentrum
des neuen Idealismus, in den Kreisen von Jena und Weimar:
hier sog Goethe aus Nachwirkungen und Nachereignissen seiner
italienischen Reise immer erneute Begeisterung für die Alten; hier
schrieb Herder seine „Briefe zur Beförderung der Humanität“;
hier dichtete Schiller, Die Künstler“ und „Die Götter Griechen⸗
lands“, hier hat Hölderlin in seinem „Hyperion“ (1794) die

Briefe zur Beförderung der Humanität, 1793, VI, 66.
        <pb n="207" />
        Neue Dichtung.

499

rührendste Klage vielleicht um das verlorene. Griechentum,
das geschwundene Menschheitsideal gesungen. Und als die
beiden Schlegel im Jahre 1796 von Göttingen, wo sie unter
Heyne studiert hatten, nach Jena kamen, begann die Romantik
dem ihrer Ansicht nach alternden Klassizismus den Kult mit
unentweihten Händen zu entnehmen: „Alles Antike ist genia⸗
lisch; das ganze Altertum ist ein Genius, der einzige, den
man ohne Übertreibung absolut groß, einzig und unerreichbar
nennen darf.“*

Dennoch fühlte man den nur qualitativen Abstand der
eigenen von der antiken Welt. Und es ist wiederum vor⸗
nehmlich Herders Verdienst, sein Verständnis zur Verwertung
für die künstlerische, insbesondere dichterische Schöpfung am
frühesten klarer begründet zu haben. Ihm erschienen Kunst
und Leben der Griechen vor allem plastisch; ihr Horizont war
seiner Auffassung nach zwar eng begrenzt, aber innerhalb der⸗
selben waren sie der Dinge Meister. Dabei stand ihnen im
Mittelpunkte ihres Lebens das Diesseits: dies lebten sie voll:
und so war ihr Dasein einem kostbaren Marmor gleich, der
Bearbeitung zu schönster, herrlichster Form verlangte. Das
moderne Leben dagegen ist nach Herder malerisch; unser
Horizont reicht über dies Dasein hinaus ins neblicht Unend—
liche. Daher denn das rastlose, nie aufzuhören bestimmte
Bestreben, unsere Grenzen über uns hinaus zu verrücken, uns
die Ewigkeit in der Zeit schon zu verschaffen: und daraus
das nie Abgerundete, nie Vollendete unseres Daseins: der
wirkende Charakter, nicht das ruhende Kunstwerk.

Es sind die ersten Ansätze zu jener Unterscheidung zwischen
Antik und Modern, denen später die allgemeineren Gegensätze
Naiv und Sentimental entsprangen: worin denn zugleich ohne
weiteres eine unbewußte Abgrenzung des neuen Idealismus
gegenüber dem Naturalismus der Empfindsamkeit und des
Sturmes und Dranges lag sowie ein Bekenntnis dieses neuen
Idealismus zur Naivität der Antike. Im übrigen aber sind diese

1Athenäum 1, 2.
        <pb n="208" />
        500 Zweiundzwanzigstes Buch.
Gegensätze, fundamental wie sie waren für die Unterscheidung
des primitiven Naturalismus und des primitiven Idealismus
des subjektivistischen Zeitalters, in den letzten Jahrzehnten des
18. Jahrhunderts immer eingehender und tiefer bearbeitet
worden: so von Goethe in den Sizilianischen Briefen (1787),
von Schiller in den „Göttern Griechenlands“ (1788) und in
den Abhandlungen über naive und sentimentalische Dichtung
(1795), auch von Schlegel in seiner „Poesie der Griechen
und Römer“ (1794 —-96). Aus alledem aber, wie aus der
ständigen gesellschaftlichen Erörterung des Themas ergab sich
denn schließlich eine Anschauung der Antike, wie sie für die
reifsten Schöpfungen vor allem der gemeinsamen Zeit Schillers
und Goethes mitbestimmend gewirkt hat.

Nun erschienen die Griechen, besonders in der idealisierten
Form ihrer Kunstgebilde, als die Spiegelbilder der Welt; in
ihnen konzentrierte sich der Typus der universalen Gesetze.
Der „schöne Mensch“, das Ideal der Zeit: unter Hellenen war
er vor Zeiten Wirklichkeit geworden. Hier hatte man den
Traum des Lebens in herrlichster Heiterkeit geträumt. Hier
war, vermöge der wirtschaftlichen Folgen der Sklavenhaltung,
allein voͤlle geistige Individualität erreicht worden; hier hatte
es nicht die grobe Mechanik des modernen sozialen Gefüges
gegeben, die jeden in einen einseitigen Beruf preßt. Hier
war darum Staat und Kirche so wenig auseinandergerissen
gewesen wie Gesetz und Sitte; hier hatten Mittel und Zweck,
Genuß und Arbeit, Anstrengung und Lohn im richtigen Ver—
hältnis gestanden: hier herrschte einstmals die Harmonie der
Dinge. Und dieser Zustand war nicht mühsam erreicht und
nicht sorgenvoll erhalten worden: man kann ihn nicht werden
sehen: ein Geschenk der Götter, ein Wunder, ein Ideal der
Ideale war er aus dem Wogen des geschichtlichen Universums
emporgetaucht.

Aber nach den Griechen war dann eine Spaltung eingetreten
in der Durchbildung der menschlichen Kräfte: und Intuition
und Verstand, egoistische und altruistische Gefühle hatten sich
unter Verlusten an Höhe der Intuition und Innigkeit des
        <pb n="209" />
        Nene Dichtung.

501

Altruismus gesondert. Freilich die Trennung war notwendig:
sie war, wenigstens nach Schiller, ein Werkzeug der Verfeinerung
unseres Geschlechtes.

Doch soll nun der bittere Zustand dieses Antagonismus
auf ewig währen? Nimmermehr! Jetzt eben nahen die drei⸗
mal seligen Zeiten, da die Ganzheit der Menschennatur, wie
sie früher naiv bestand, bewußt wiederhergestellt werden soll
in harmonischer Absicht: denn die Entwicklung des Klassizismus
der Gegenwart bedeutet die erneute Zusammenfügung der ge⸗
trennten Kräfte durch das Band des Schönen.

Dies neue Zeitalter aber, eine Vollendung des bisherigen
Ganges der Geschichte, wird von den Deutschen, von den
Dichtern und Denkern unserer Nation heraufgeführt werden.
Denn der deutsche Geist allein ist universal, auf Verbindung
gerichtet, ein Geist der Gesetzmäßigkeit und des versöhnenden
Ausgleichs, und eben darum berufen zur Schöpfung einer
Kultur, die alles vereinigen soll, was da groß war, groß ist
und groß sein wird auf Erden.

Es war eine außerordentliche Konzeption. Man war sich
bewußt, daß mit ihrer Erfüllung die Führung der europäischen
Kultur von den Franzosen auf die Deutschen übergehen müsse;
und die Dioskuren von Weimar erschienen den Adepten dieser
Lehre als prometheische Gestalten, vom Schicksal dazu geboren,
das neue Feuer vom Himmel herab zu holen.

Und wer wollte leugnen, daß diese Gesamtanschauung
dennoch ein gewaltiges Teil nahender geschichtlicher Wirklichkeit
predigte? Oder hat nicht diese Zeit, wenn auch nicht vornehm⸗
lich mit Hilfe der Antike, so um so mehr aus sich heraus geistig
die Welt exobert — ja fährt noch heute fort, sie zu erobern?
Und hat nicht diese großartige Konzeption Menschen erzogen,
die sich, indem sie sich ihrer Zucht unterwarfen, dem Ideale
des modernen Menschen wunderbar näherten? Gewiß: es

waren nur die kleinen Kreise von Jena und Weimar, die hier
zunächst in Betracht kamen; und wir werden sehen, in welch
wunderlichem und doch wiederum anziehendem Gegensatze die
Kleinheit ihrer Umgebung zu ihren Absichten stand. Aber wie
        <pb n="210" />
        02

Zweiundzwanzigstes Buch.
erscheinen sie innerlich gefestigt. Wo treffen wir in der deutschen
und außerdeutschen Geschichte sonst diese vornehme Marmor—
ruhe eines Goethe oder eines Wilhelm von Humboldt, wo
jene Stimmung edler Versöhntheit Schillers mit einem persön—
lichen Schicksal, das den Menschen erhebt, indem es den
Menschen zermalmt, wo die klassische Selbstbewußtheit, die die
Welt mikrokosmisch beherrscht, indem sie sie mit freien Sinnen
betrachtet? — Es ist eine Zeit und ein Zustand der Dinge, die
sich als ein unzerstörbar heiliger Jugendbrunnen der Nation
erwiesen haben nun schon durch mehr als ein Jahrhundert
unserer Geschichte.

4. Gedenkt man Jenas oder Weimars in den Zeiten
Schillers und Goethes, so möchte man wohl mit dem Propheten
ausrufen: „Und du Bethlehem Ephrata, die du klein bist
unter den Tausenden in Juda.“ Und doch! Land und Leute
Thüringens waren der Offenbarungen nicht unwert, die ihnen
wurden.

Wer heute von Berlin und den Kolonialgebieten rechts
der Elbe den alten Heerweg nach den zentralen Gegenden des
deutschen Mutterlandes über das alte Durchgangstor des Hörsel⸗
tales bei Eisenach nimmt, der wird sich jenseits von Halle zum
erstenmal auf besonderem Boden fühlen. Es ist der eigenartige
Reiz des Saaletales um Naumburg, da wo sich die Unstrut in
den größeren Fluß ergießt, daß es dem von Osten Kommenden
zum erstenmal die volle Kultur des alten deutschen Mutter—
landes vermittelt. Schon um Weißenfels grüßen die ersten
Weinberge; dann taucht hoch oben am Rande des Saaltales,
in dessen Tiefen sich die Straße senkt, Goseck auf, der alte Sitz
der sächsischen Pfalzgrafen, die Geburtsstätte einst Erzbischof
Adalberts von Bremen; darauf naht von Süden her die stolze
Turmgruppe des Naumburger Domes und winken aus Norden
die weiten Mauern der Neuenburg oberhalb Freiburgs, der
alten Residenz der Thüringer Landgrafen, auf der Heinrich
von Veldeke sang; es folgt mit Schulpforta eine erste, in
behaglicher Breite hingestreckte Klosteranlage; und die Fels—
        <pb n="211" />
        Neue Dichtung.

508
zacken jenseits von Kösen tragen in Rudelsburg und Saaleck
Sitz und Türme eines weiland ritterlichen Ministerialen- und
eines freien Herrengeschlechts: alle großen Erscheinungen unserer
alten Kultur drängen sich hier gleichsam in ersten Muster—
beispielen zusammen: hier geboten Fürsten und Adel, hier
segneten Bischof und Abt; hier mühten sich Jäger und Fischer
und freier Bauersmann; und in Naumburg hielt der Deutsche
Kaufmann lange Zeit hindurch die östlichste seiner nationalen
Messen.

Westlich aber von diesen klassischen Stätten, die die letzte
volle Kultursiedlung des Hermundurenstammes nach Osten zu
umfassen, gabelt sich alsbald, mit einer Wendung der Saale
zur Kammhöhe des Thüringerwaldes hin, der Weg: — und in
kurzer Frist gelangt heute der Reisende südwärts nach Jena,
westwärts nach Weimar, in die Hochburgen der geistigen Be—
wegung um die Wende des 18. Jahrhunderts.

Was hat doch dies Thüringerland, teils durchaus selbst⸗
tätig, teils wenigstens als Schauplatz — und läßt sich beides
streng trennen? — für die Deutsche Welt und die Menschheit
durch den Lauf seiner geschichtlich erhellten Jahrhunderte be⸗
deutet! Lebendig und höchster geistiger Aufnahme fähig,
schöpferisch im Aneignen wie im Finden ist der Stamm des
Landes auf den Höhen menschlichen Schaffens mehr als ein⸗—
mal der Führer Deutschlands gewesen, während er politisch von
jeher schwach und fremder Herrschaft ausgesetzt blieb. Unzer⸗
trennlich haftet an seinen westlichsten Gebieten, an dem Be—
reiche der Wartburg, die Erinnerung an die Entwicklung einer
ersten deutschen Laienbildung in Ritterleben und Minnesang:
Gestalten tauchen auf wie die der heiligen Elisabeth und Land—
graf Hermanns, des Tannhäusers und Walthers von der Vogel⸗
weide: greifbare Sagenwelt und phantastische Wirklichkeit.
Dann hat, einige Jahrhunderte später, im äußersten Osten des
Thüringer Kolonialgebietes Luther, der Sproß eines Bauern⸗
geschlechtes, das fast unter dem Schatten der Wartburg traufte
und flammte, eben diese Welt — und nicht bloß für Deutsch—
land — aus den Angeln gehoben. Und nun folgte alledem
        <pb n="212" />
        504 Zweiundzwanzigstes Buch.
inmitten des uralten Siedlungsgebietes, da, wo sich das reine
Thüringen am weitesten vorschiebt gegen die kolonialen, ssawen⸗
gemischten Gegenden des Ostens, ein neuer Aufschwung, und
Wartburg und Wittenberg wurden abgelöst durch Jena und
Weimar.

Beide Orte waren in der klassischen Zeit ihrer Geschichte
äußerlich unscheinbar. Weimar hat es heute auf etwa 30 000 Ein⸗
wohner gebracht; zur Zeit von Goethes Tode mag es etwa
ein Drittel davon gehabt haben, und mehr als ein halbes
Jahrhundert früher, da Goethe dem Rufe des jungen Karl
August folgte, die Hälfte dieses Drittels. Im ganzen war es
eine Ackerbürgerstadt, ja fast ein Dorf ohne Vergangenheit,
wie denn noch bis vor kurzem Scheunen inmitten der er—
weiterten Stadt lagen; und neben den kleinen Häuschen der
Bürger, die sich fast nur am Markte zur Wohlhabenheit
einiger Giebelhäuser aus Renaissancezeiten hoben, stand ziem—
lich unvermittelt fürstliche Residenz und fürstliche Regierung.
Aber auch sie trugen noch deutliche Spuren der Herkunft aus
agrarischem Zustand, und noch heute erinnert eine Vorwerks⸗
gasse kleinbürgerlichen Charakters in der Nähe des Schlosses
an die Zeiten, da die Herren des Landes auf einer bloßen
Burg jenseits der Ilm horsteten und in der Talsohle, in
städtischem Bereiche, äußerlich sichtbar durch wenig mehr als
ein Landgut vertreten waren.

Und wird dieser Eindruck durch die besonderen Reste der
klassischen Zeit so gänzlich abgeschwächt? Goethe hat, dem Hof⸗
adel gleich, schließlich in einem stattlichen Hofe des 18. Jahr⸗
hunderts gehaust: aber der Hauptschmuck dieses Heims war
doch ein großer Garten mit weitem Blick auf anschließende
Auen: wie nicht minder Schiller, in einem behaglichen großen
Ackerbürgerhause untergebracht, sich eines geräumigen Gartens
zur Arbeit im Freien erfreute. Und auch das Leben des Hofes
verlief vornehmlich in Wald und Feld; nur dürftig spiegelt
sich sogar die der köte champétre doch nicht völlig abgeneigte
Kunst des Rokokos in jenen Räumen etwa des Wittumspalais
wider, in denen die Herzogin-Mutter Anna Amalia wohnte und
        <pb n="213" />
        Neue Dichtung.

505
die Heroen der großen Zeit zu Scherz und Ernst empfing, ver⸗
gleicht man sie etwa mit der Pracht, in der Anna Amalias
Schwager, der Große Friedrich, sein Potsdamer Sanssouci er⸗
baut hatte. Nicht eine städtische Kultur erscheint somit in und
durch Weimar dem Lande einverleibt, um es mit ihren feineren
Reizen zu durchdringen: das Land war es vielmehr, die große
Mutter alles Freien und Gewaltigen, das in Weimar noch in
vollen Zügen sprach; und ihm unmittelbar entsprang jener
Eindruck der Einheit von Geist und Natur, aus dem Herder
wie vornehmlich Goethe schufen.

Demgegenüber mochte Jena wohl als der bei weitem
kultiviertere Ort erscheinen. Die Zeiten, da es bloß Ackerstadt
gewesen war, lagen hinter ihm. Gewiß hatten die Bürger des
Mittelalters in diesem herrlichen Winkel des Saaletales tapfer
gerodet; die kahlen Kalkrücken der Umgebung, jetzt so wesentlich
für die eigentümliche Schönheit des Ortes, trugen einst Wald
und nach diesem Weinberge; und noch heute bezeichnen Steine
mit eingemeißelter Traube die Grenzen der städtischen Flur.
Aber schon seit dem 16. Jahrhundert war der Stadt ein
neues Element einverleibt worden: die Universität. Sie blühte
nur langsam empor; sie war ein Raub der geistig verheerenden
Jahre lutherischer Polemik in der zweiten Hälfte des 16. Jahr⸗
hunderts wie der äußeren Verwüstungen des Dreißigjährigen
Krieges; sie war von Anbeginn schlecht dotiert: gleichwohl hob
sie den Charakter des Ortes. Während in dem kleinen Bezirke
des alten Weimars nur wenige Häuser begegneten, die auf
rein städtischen Beruf schließen ließen, während die Straßen
dort bei aller Kleinräumigkeit des Ganzen behaglich breit waren,
machte Altjena in dem engen Beringe seines ursprünglichen
Umfanges einen anderen Eindruck: schmale Straßen, dicht
aneinandergedrängte Häuser, drei Stockwerke und darüber:
das Gehäuse einer Bevölkerung, die vielfach zur Miete wohnte
und handwerklicher wie geistiger Beschäftigung nachging. Und
schon früh hatte dieser alte Umfang der Stadt nicht mehr
genügt: man war über Wall und Graben ins Freie gezogen,
Vorstadthäuser mit Hof und Garten waren entstanden neben
        <pb n="214" />
        506 Zweiundzwanzigstes Buch.
mancher Hütte der Armut; Professoren und Beamte, Adel und
wohlhabendes Bürgertum hatten sich ausgebaut.

Aber ein Erdgeruch verblieb trotzdem auch Jena. Zur
Blüte gelangte an der Universität vor allem die Theologie;
die Hochschule galt allezeit als Hochburg des Luthertums; die
am wenigsten städtische Wissenschaft gleichsam siegte. Und
nicht minder wies das Leben und Treiben der Studentenschaft
in dieser Richtung. Vor allem im 18. Jahrhundert war der
Gegensatz zu dem städtischen Wesen der benachbarten Leipziger
Studenten ausgeprägt; dem Rokokogetue und Stutzertum der
Leipziger petits mastres stellte sich in Jena rohe Urwüchsigkeit
und sittlich unzersetztes Naturburschentum gegenüber.

Was war es da, das die kleinen Städte an Ilm und
Saale befähigte, Schauplätze jener großen Bewegung zu werden,
die ihrem Dasein noch heute den Stempel gibt, wie etwa im
heutigen Wittenberg die Person Luthers noch leibhaftig um—
geht? War es nur die Eigenschaft, daß sie gleichsam tabula
rasa waren am guünstigen Orte, inmitten der Seele eines
geistig stets erregten Stammes, im Herzen Deutschlands? Wer
Wald und Feld von der Ilm zur Saale durchstreift, wird
doch anders empfinden. Hier, in dieser milden Luft, weitab
noch heute von bestimmterem städtischen Wesen, fern dem
„Hauch der Grüfte“, in einer Landschaft, die doch schon
der Kultur langer Jahrhunderte unterworfen war, die nichts
Drohendes mehr hatte, wie für die Zeiten Schillers und
Goethes noch die Alpen und selbst noch die letzten Höhen des
deutschen Mittelgebirgs: hier konnten unter günstigen Um—
ständen die Keime gerade eines frühsubjektivistischen Idealismus
mit seinem milden Natursinn, mit seinem bewußten Leben in
Geist und Natur zugleich zu reichster Blüte gelangen.

Unter gunstigen Umständen! Aber eben diese traten mit
der Entwicklung des neuen Idealismus ein. Die Periode der
Empfindsamkeit, anfangs, wie fast jede Regung neuen seelischen
Daseins, nur Lebensform kleiner, geistig besonders fort—
geschrittener Kreise, hatte sich bis zu den siebziger Jahren die
breite Masse der Gebildeten erobert — die Aufnahme von
        <pb n="215" />
        Neue Dichtung.

507
Werthers Leiden“ allein schon bewies es — und hatte auch
in den folgenden Jahrzehnten noch als die eigentliche seelische
Haltung der großen Menge geistig Interessierter gelten können:
nur so erklärt sich das Forthallen des Empfindsamen in den
Dramen Schillers aus den achtziger Jahren: Amalia, Leonore,
Luise: nur so die große Beliebtheit der Romane Jean —X
und der Dramen Kotzebues. Auf dieser breiten Grundlage hatte
dann schon Sturm und Drang viel weniger ausgedehnte Kreise
wirklich ergriffen: zu deutlich trat seine Exzentrizität zutage,
und niemals ist eigentlich ihm gegenüber die Kritik verstummt.
Sollte nun der neue, aus den Naturalismen von Empfindsam⸗
keit und Sturm und Drang herauswachsende Idealismus schon
früh eine breite soziale Basis zu erwerben geeignet gewesen
sein? Schon von Natur war er aristokratisch; erzieherisch war
ferner sein Verhalten gegenüber der Nation; — dazu kam, daß
ihm von den Zeitgenossen im Grunde ganz nur folgen konnte,
wer Empfindsamkeit und Sturm und Drang so innerlich mit
erlebt hatte, wie seine Helden selbst —: und da hätte er als⸗
bald weite Kreise erfassen sollen? Selbst die Zahl der Per—
sonen, die ihn schöpferisch vertraten, war gering, eigentlich
nur der Kreis der Männer von Weimar und Jena: aber
freilich in ihm die Dioskuren!

Indem aber so die Dichter und Denker des Idealismus
wie krönende Gestalten auf einsamer Höhe und auf sozial gleich—
sam schmalerer Basis über Empfindsamkeit und Sturm und
Drang thronten, waren sie frei von der Notwendigkeit, selbst
als Dramatiker an ein großes Publikum gefesselt zu sein,
durften sie die deutschen Großstädte meiden, bedurften sie am
wenigsten der besonderen Luft einer nationalen Hauptstadt.
Und indem sie an Zahl gering waren, war es möglich, sie
unter günstigen Umständen selbst räumlich zu vereinigen.

Diese seltene Gunst der Lage intuitiv ausgenutzt zu haben,
ist das Verdienst Karl Augusts von Weimar und seiner Mutter
Anna Amalia. In einer Zeit, da deutsche Fürsten die Ehre
des Herrschens noch mit dem Verkaufe von Untertanen an
die Rauflust fremder Staaten beflecken konnten, um den Er—
        <pb n="216" />
        zos

Zweiundzwanzigstes Buch.
werb in Freudenfesten zu verpuffen, deren Schmach ihrer Ver⸗
gänglichkeit gleichkum, hat der kräftige Thüringer Fürst, dem
ein kleines Land nur kärgliches Einkommen abwarf, es unter
der Führung seiner Mutter in Jugendmut und Mannesfrische
verstanden, das Seine getreulich zusammenzuhalten und die
geringen Überschüsse höchsten Zwecken dienstbar zu machen.
Und so lächelte der deutschen Kunst denn doch des Mediceers
Güte! Wenn aber in Florenz fürstliche Kaufleute mit stärksten
materiellen Mitteln kostbarste Denkmäler der Baukunst, der
Malerei und der Plastik erst hervorriefen, so war es eine er—
wachsene und in sich schon selbständige Dichtkunst, die in
Weimar Pflege fand. Und darum hat sie, wie des Gerechten
Andenken in Segen bleibt, segenspendend an dem Orte, da
sie Zuflucht fand, fortgewirkt auf das Land und auf das Ge—
schlecht der Weimarer Fürsten bis heute.

Anna Amalia, aus dem alten Mäcenatenstamm der braun⸗
schweigischen Welfen, hatte im Jahre 1758, erst neunzehn—
jährig, nach dem Tode ihres Gemahls das kleine Staatswesen
in elendem Zustande überkommen: und so blieb ihr als doppelte
Lebensaufgabe die Hebung der öffentlichen Verhältnisse zu
neuem Wohlergehen und die Erziehung ihrer beiden Söhne
Karl August und Konstantin zu tüchtigen Fürsten. Sie er—
füllte diese Pflichten mit Energie und Umsicht. Aber sie tat
noch mehr: wenn persönlich auch eher dem Sinnenfälligen
feinerer Kultur und daher insbesondere der Musik und der
Malerei zugeneigt, begriff sie doch die Bedeutung geistigen
Lebens für ihr Land überhaupt und begann die vorhandenen
Anfänge in sorglichem Ausbau zu pflegen. Es gehörte in
diesen Zusammenhang, wenn sie im Jahre 1772 Wieland als
Mentor ihrer Söhne nach Weimar berief.

Im Jahre 1775 wurde Karl August mündig. Er bildete
sich seinem ganzen Wesen nach zunächst zum Krieger und
Fürsten, und in beiderlei Hinsicht konnte er im hohen Alter
nicht ohne innere Berechtigung von sich sagen: éet militavi
non sine gloria. Literarischen Bestrebungen stand er an sich
nicht so nahe, und für philosophische Erörterungen mochte man
        <pb n="217" />
        Neue Dichtung.

309
ihm den Sinn selbst völlig absprechen. Aber er besaß ein
höchst entwickeltes Gegenwartsverständnis, das ihm nahelegte,
von welcher Bedeutung die persönliche Verbindung mit den
höchsten Trägern des neuen deutschen Lebens für ihn, sein
Land und seinen Hof sein konnte; und er brauchte die Be⸗
rufung dieser Träger auch in seine nächste Nähe nicht zu
scheuen, da er begabt war und gewandt in der Aussprache
hon gut Gedachtem und fein Empfundenem.

Es sind die Eigenschaften, die den fürstlichen Mäcen der
Dichtung vielleicht besser ausmachen als eine unmittelbar
schöpferische oder stark reproduktive Begabung selbst.

Schon kurz nach seiner Thronbesteigung gelang es Karl
August, Goethe und durch Goethe Herder zu gewinnen; früh
schon knüpfte er auch Beziehungen zu Schiller. Schiller wurde
1789 Professor in Jena; Ende 1799, nach dem Weggange
vieler lieben Freunde, zugleich dem Bedürfnisse näheren Ver⸗
kehrs mit Goethe folgend, ist er nach Weimar gezogen.

Welche Verknüpfung von Kräften, wenn auch nur auf
wenige Jahre, bis zum Tode Herders im Jahre 1803 und
Schillers im Jahre 1805! Zwar Herders Charakter versagte
für die Heiterkeit täglichen Gedankenaustauschs; einer jener
in sich zwiespältigen ostpreußischen Charaktere, nicht ohne Eifer⸗
sucht auf Ebenbürtige und Stärkere, hat er schon früh auf
sich das bittere Wort gemünzt: „Mein Frühling schleicht un—
genossen vorüber; meine Früchte waren zu frühreif und un—
zeitig.“ Was aber haben auch nur die Dioskuren für Weimar
und die Welt bedeutet!

Goethe war sechsundzwanzigjährig, als er nach Weimar
kam. Aber reiche Erfahrungen lagen hinter ihm. Kurz nach
dem Erscheinen des „Messias“, im Jahre 1749 geboren, hatte
er vom ersten Tage gleichsam seines Daseins an, ein echtes
Sonntagskind, den Moment erlebt, in dem ein neues Zeit⸗

alter heraufzog. Es war ein Umstand, der seinem Charakter
jene besondere Mischung des Konservativ⸗-Fortschrittlichen an—
erzog, die Vorbedingung großer geistiger Wirkungen ist: er ist
Patriziersohn und Literat gewesen, wie Luther Bauernsproß
        <pb n="218" />
        z10

Zweiundzwanzigstes Buch.
und religiöser Agitator, Bismarck Junker und moderner Partei⸗
mann: die bittersüße Tragik großer Übergänge hat auch sein
Leben mit scharfem Geschmacke gewürzt. Aber seine Jugend
war sonnig und seine frühe Jünglingszeit gar ausgelassen ge⸗—
wesen: in Leipzig hatte er nicht bloß Rokokoluft bis zum Er—
lernen zierlichen Schreibens und reinlichen Radierens geatmet,
er hatte auch frivole Gedichte gemacht, und Liebschaften hatten
über sehnsüchtige Melancholie bis zu Ausschweifungen geführt,
die ein Blutsturz beendete. Dann waren ein paar Jahre der
Frankfurter „Verbannung“ (1768 -1770) gefolgt
so launisch, wie ein Kind, das zahnt:
Jahre stiller Sehnsucht nach der Leipziger Grazie Oesers,
und doch noch viel mehr Jahre ewiger Grübelei und unstetig
gläubigen Sichstreckens nach vorwärts: bis ein erneuter
Studienaufenthalt außerhalb der Vaterstadt die Lösung brachte.
Die wenigen Monate des Straßburger Lebens bedeuten im
Leben Goethes viel: ein „übermütiger Lord“, noch immer nicht
innerlich fest, weil innerlich unerzogen, war er in die alte
deutsche Stadt gezogen: da traf er in Herder zum erstenmal
jemand, der ihn noch überragte und ihm auch zeigte, daß er
überlegen war; da griff ihm zum erstenmal die Liebe, die
wirkliche Liebe, ins Herz. Er ward frei von Mystizismus und
doch ehrfürchtig; er ward seiner Geliebten untreu und litt
doch unter dieser Untreue vielleicht mehr als sie: er wurde
ernst. Und als er nach Frankfurt heimkehrte, da mochte er
wohl manchem wunderlich erscheinen, wenn er eine glühende
Sinnlichkeit in unsteten Wandern zwischen Berg und Tal
löschte, wenn er an fremdem Tische aß und Windsbraut
und Hagelsturm zu Gespielen nahm: aber er war seiner Be—
stimmung sicher:
Den du nicht verlässest, Genius,
Wirst ihn heben über'n Schlammpfad
Mit den Feuerflügeln.
Zwar nahte noch eine letzte Prüfung: der kurze Aufent—
halt in Wetzlar, die Liebestollheit mit Lotte und Lebens—
        <pb n="219" />
        Neue Dichtung.

511
überdruß bis zum ernstlichen Gedanken an Selbstmord: aber
schon aus diesen Ereignissen heraus erwuchs schöpferischer
Drang und Zug zu einer Beichte in positivem Sinne: mit
„Werthers Leiden“ legte der Dichter ab, was an ihm senti—
mental-sterblich war; und mit diesem Bekenntnis wie der
ernsten Arbeit am „Götz“, in der Entwurf auf Entwurf und
Ausführung auf Ausführung zerstört wurde, erwies er sich
der Nation zum erstenmal als der Dichter der Zukunft.

Gewiß: in diesem vulkanischen Innern gärte es noch.
Wo waren die Zeiten sehnsüchtigen Hinschmelzens über Ossian,
üppig-frivoler Freude am gelehrten Griechentume Wielands
jetzt geblieben? Hinweg mit den alten Göttern! Die Farce
Satyros verspottet Rousseaus gemachte Natur und sogar den
gern bevormundenden Herder; „Götter, Helden und Wieland“
räumen mit dem hellenischen Rokoko auf, das „Jahrmarktsfest
zu Plundersweilern“ ironisiert die ganze ablaufende Epoche.
Aber war schon reif, was nun Neues erstand in diesem ewig
gebärenden Herzen? Wohl mochte der junge Mann, der als
Knabe der Sonne einst fromme Räucheropfer durch ein keusches
Brennglas entzündet hatte, den Ewigen in neuen Formen an
der Hand Spinozas suchen, mochte er flehen:
Schaff, das Tagwerk meiner Hände,
Hohes Glück, daß ich's vollende:
die Götter blieben verhüllt; Stückwerk war sein Schaffen,
wenn auch von herrlichster Art; und von den großen Ent—⸗
würfen dieser Zeit ist nur der „Faust“ später Vollendung
entgegengereift.

Inzwischen kam die Berufung nach Weimar.

Der alte Rat Goethe fürchtete, der steif französische Hof⸗
ton des neuen Aufenthalts könne dem Charakter seines Sohnes
schaden. Der Sohn aber hatte einstmals von Straßburg ge⸗
schrieben: „Mein Leben ist wie man im Schlitten fährt, flüchtig
und klingelnd, aber ebensowenig fürs Herz, als es für Auge
und Ohren viel ist“; und er wiederholte jetzt dasselbe Bild zur
Kennzeichnung seines Daseins im neuen Aufenthalt. Indes nur

Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 2. 83
        <pb n="220" />
        z12

Zweiundzwanzigstes Buch.
die ersten Jahre waren toll. Der Herzog war noch blutjung,
er brauchte eine Gärungszeit, und wenn je ein Most sich ab⸗
surd gebärdet hat, so war es dieser. Es waren zugleich die
Zeiten, in denen Goethe sich in Thüringen befestigte, indem
Laud und Leute bis aufs Mark kennen lernte und des
Herzogs Herz gewann. Denn diesem war er, was Wieland
‚orher gewesen war, in tausendfach verstärkter Art: Mentor
und Bildner und Freund. Und gewann er nicht auch selber
in dieser Lage? Wer erziehen will, muß sich selbst zügeln und
gezügelt haben; mehr als je war für Goethe die ständig au—
gestrebte Selbstbeherrschung auch Selbsterrettung. So beruhigte
iich das Leben an dem kleinen Hofe, und Goethe wurde sein
aützliches, ja bald sein bedeutendes Mitglied, indem er, zum
Geheimen Rat und schließlich zum Kammerpräsidenten ernannt,
den größeren und schwierigeren Teil der Landesverwaltung
ibernahm. Dabei erschien ihm auch aus dem Aktenstaub und
bergilbten Papieren das Leben schließlich doch in breiterer,
klarerer Gestalt. Die technischen Zweige des Amtes verlangten
Einarbeitung; und Berg und Tal und Wald und Feld ent⸗—
fesselten unter dem Gesichtspunkte des Nutzbaren neue Inter—
essen; vor allem der alte naturwissenschaftliche Sinn des Dichters
sog aus ihnen gesunde Nahrung.

Was aber Goethes Bildung in dieser Zeit vollendete, was
ihn endgültig aus den Nebeln eines jugendlichen Naturalismus
emporhob in reinere, ideale Sphären, das war eine edle Frau:

Sie leuchtet mir freundlich und treu,
Wie durch des Nordlichts bewegliche Strahlen
Ewige Sterne scheinen.
Wir haben eine klassische Schilderung der Frau von Stein
aus dem Ende der Zeit, da sie Goethen alles gewesen war.
Schiller lernte sie in einer adligen Gesellschaft unter allerlei
flachen Kreaturen“ kennen. Sie erschien ihm als „die beste
anter allen, eine wahrhaftig eigene, interessante Person“.
„Schön kann sie nie gewesen sein; aber ihr Gefühl hat einen
sanften Ernst und eine ganz eigene Offenheit. Ein gesunder
Verstand, Gefühl und Wahrheit liegt in ihrem Wesen.“
        <pb n="221" />
        Neue Dichtung.

513
Das war die Frau, die an Goethe das Wunder voll⸗
brachte, ihn in höchster Entwicklungszeit noch, ungewollt und
—
mals ganz hinzugeben; er beherrschte, ja er beobachtete sich
selbst im höchsten Affekt: das ist der tiefste Untergrund seiner
Dichtung. Es war eine insofern für den Dichter tragische
Eigenschaft, als sie ihm jede Leidenschaft, namentlich zu Frauen,
hinnen kurzem rationalisierte und damit schal machte; war die
Höhe des Affekts erreicht, so überwog die anschauliche Kraft
in ihm; er zog sich zurück und er bereute. Die Unsumme
seiner Liebschaften, sein ewiges Glück und Unglück, erklärt sich
so. Frau von Stein aber fesselte ihn, hielt ihn ohne jede
Frauenkunst fest durch mehr als ein Jahrzehnt und entwich
auch später niemals der Sphäre seiner Verehrung. Welche
Summe von Eigenschaften der Geliebten und welche Fähigkeit
maginativer Umbildung des Charakters dieser Geliebten beim
Dichter gehörten unter diesen Umständen dazu, diese einzige
Wirkung hervorzubringen! Goethe kam sich vor, als hätte er
seit unvordenklichen Zeiten schon mit ihr zusammengelebt, als
wäre er von Anbeginn ein Erzeugnis ihrer Erziehung:

Kanntest jeden Zug in meinem Wesen,
Spähtest, wie die reinste Nerve klingt,
Konntest mich mit einem Blicke lesen,
Den so schwer ein menschlich Aug' durchdringt.

Tropftest Mäßigung dem heißen Blute,
Richtetest den wilden irren Lauf,

Und in deinen Engelsarmen ruhte

Die zerstörte Brust sich wieder auf.
Es war die Erziehung zugleich zu einer neuen, höheren
Dichtung: 1776 taucht die Idee der „Iphigenie“ auf, 1777 wird
„Wilhelm Meister“ angefangen, 1778 ,Egmont“ nach veränderten
Gesichtspunkten weiter bearbeitet, 1780 „Tasso“ begonnen.

Dann freilich — stockt die Arbeit. Es mochte sein, daß
die vermehrte Tätigkeit im Amte den Dichter beeinträchtigte.
Aber es war mehr. Auch der Mensch begann zu leiden. Die
Ursachen dieser Wandlung sind zahlreich: der Herzog wurde

33*
        <pb n="222" />
        514

Zweiundzwanzigstes Buch.
mit den Jahren selbständiger, der Hof, soweit er aus dem
Thüringer Adel bestand, gegen den Frankfurter Patriziersohn
trotz dessen Nobilitierung schwieriger; die Kleinheit der ganzen
Verhältnisse konnte dem nicht verborgen bleiben, der in dem
Gebiete des deutschen Vaters der Flüsse, am verkehrsreichen
Rhein und Main erwachsen war. Erwägt man aber, daß
sich Goethe dem zunehmenden Mißmut durch die italienische
Reise entzog, so mag für den Dichter ein Letztes, Höchstes
hinzugekommen sein. Frauensinn erzog ihn zum Klassizismus:
konnte dieser aber um 1780 voll erlebt werden ohne Ein⸗-, ja
Untertauchen in jener Welt der Antike, die im Lande der
Myrten und Orxangen noch fortzuleben schien? Wiederholt
schon hatte Goethe Italien aufsuchen wollen, das Land, dem
sein Vater die einzigen Erinnerungen verdankte, die ihn be—
geisterten: jetzt hob er sich jählings von dannen und vollzog
wie in einer Nottaufe jenen Bund mit der Antike, der für
den ferneren Verlauf unserer nationalen Dichtung so bedeutsam
geworden ist.

Aber war er nicht auch hierin nur repräsentativ? War
nicht das ganze deutsche Seelenleben reif für einen tiefsten
Einfluß der Alten, hat nicht auch Herder, ja schon Lessing
das Land der Griechen mit der Seele gesucht?

Goethe hatte in Deutschland nicht eben viel von der
antiken Kunst gesehen: Frankfurt hatte ihm nichts geboten,
Leipzig einige Abgusse, Dresden weiteres, das Meiste noch
Mannheim. Besser kannte er die antike Dichtung. Mit welch
innigem Gefühl hatte er Homer studiert, noch ehe Vossens
Übersetzung vorlag, wie war ihm zur Frankfurter Prometheus⸗
zeit Pindar ins Ohr gefallen; wie wurden ihm in Weimarer
Tagen die griechischen Tragiker vertraut! Gleichwohl war
seine Gesamtkenntnis, geschweige denn seine Anschauung bisher
gering. Und nun übergoß es ihn in Italien mit Strömen
von Begeisterung, Gnade und Wiedergeburt! Mit frommer
Erwartung hatte er am Gardasee Einzug gehalten, wo ihm
südliche Winde schon letzte Verse Vergils, letzte Strophen
Properzens entgegentrugen. Und dann war er staunend des
        <pb n="223" />
        Neue Dichtung.

515
unbedingten Weges gezogen zur Weltstadt des Abendlandes und
westlichen Mittelmeeres, nach Rom. Und alsbald glaubte er
in Rom das Geheimnis der griechischen Kunst zu entdecken:
das Verfahren nach den Gesetzen, nach denen die Natur
bildet; das Betonen des natürlich Notwendigen, daher selbst⸗
verständlich Großen, ja Göttlichen. Und indem er eingeweiht
wurde, überkam ihn das Gefühl des Adepten, die „Gemessen—
heit des Sinnes“: und indem ihn gleichzeitige Natur—
beobachtungen den lange gesuchten Schlüssel zur Entfaltung
zunächst der Pflanzenwelt und die erhaltene Lösung als allen
Problemen der Kunst parallel laufend finden ließen, vollendete
sich die Totalität seines Daseins. Er war jetzt in Groß—
griechenland; mit noch ganz anderer Gewalt als römische
Dinge ergriffen ihn die Ruinen Pästums in ihrer erhabenen
Einsamkeit; mit dem Meere und den Bergen Siziliens lebte
die Odyssee in ihm auf: — und erneut nach Rom zurück-, ja
er durfte sagen heimkehrend, war er ein Glücklicher.

„Ich bin wirklich umgeboren und erneuert und ausgefüllt.
Ich fühle, daß sich die Summe meiner Kräfte zusammenschließt.“
„In der Kunst muß ich es so weit bringen, daß alles an⸗
schauende Kenntnis werde, nichts Tradition und Name bleibe,
und ich zwing' es in diesem halben Jahre: auch ist es nirgends
als in Rom zu zwingen.“

Das ist der Sinn, in dem die antike Natur in Goethe
siegte. „Iphigenie“, „Tasso“, „Egmont“ erhielten jetzt ihre
reife Form; in fortwährendem Zeugen hat diese antike Natur
die „Römischen Elegien“, hat „Alexis und Dora“, hat die
Homeridendichtung „Hermann und Dorothea“ geschaffen.

Wir halten hier inne. Eine neue Entwicklungsstufe der
deutschen Dichtung ist erreicht; der Klassizismus feiert sein
frühestes und vielleicht schönstes Erntefest. War hier Goethe
vor allen, ja fast allein Säemann und Schnitter zugleich und
fielen seine Garben voll in allen Bereichen der Dichtung, so
lassen doch die Dramen am besten ermessen, was gewonnen
war. Denn das Drama ist nun einmal die bezeichnende Dichtung
des Subiektivismus; und mit Recht konnten schon die Früh—
        <pb n="224" />
        516 Zweiundzwanzigstes Buch.
romantiker aus ihrer Zeit heraus fragen, ob nicht die Poesie
auch deswegen die höchste und würdigste aller Künste sein solle,
weil nur in ihr das Drama möglich sei.

In der Geschichte des Dramas aber, wir wissen es schon,
geht die wesentliche und entscheidende Frage nicht auf Art
und Abhängigkeit des Stoffes und verwandte Dinge, sondern
auf den Entfaltungsvorgang der Form. Goethe hat einmal
gemeint, das Was des Kunstwerks interessiere die Menschen
mehr als das Wie; und er hat recht gehabt. Wenn er aber
in einem anderen Satze klagt: „Die Frage: woher hat's der
Dichter, geht auch nur aufs Was; vom Wie erfährt dabei
niemand etwas“: so soll unsere Erzählung sich des unaus—
gesprochenen Vorwurfes, der in diesen Worten liegt, nicht
schuldig machen: eben das Wie der Anderungen und des Um—
schwungs zu ergründen, ist ihre Aufgabe.

Was den Klassizismus kennzeichnet, ist vor allem die Tat⸗
sache, daß er sich nicht mehr, gleich dem Naturalismus der
Empfindsamkeit und des Sturmes und Dranges, an die Um—
welt verliert. Sicherlich ist man sich, und an erster Stelle
eben Goethe, der allgemeinen Abhängigkeit von der Umwelt
bewußt. Aber man ist in dieser Anschauung mündig geworden
und sucht nun diese Umwelt eben aus ihrer genaueren Kenntnis
heraus zu beherrschen. Eine tiefgehende, weise Bewußtheit der
Wirklichkeit bis zu einem gewissen Grade, und die freie Indienst—
stellung dieser Bewußtheit für alle Zwecke der Kunst kennzeichnet
die Epoche.

Im Drama hatte das zur Folge, daß man bewußt nicht
so sehr an Handlungen und Ereignissen, als an Motivationen
und Erlebnissen als deren tieferem Untergrunde Anteil nahm.
War im früheren Drama leibliches Sterben der bezeichnendste
Ausdruck der Katastrophe gewesen, so hielt Goethe davon nicht
mehr viel; der Verfasser von „Werthers Leiden“ kannte andere
Qualen und nahm an dem Rohen eines körperlichen Ausgangs
sogar Anstoß.

Braucht noch gesagt zu werden, daß diese seelische Haltung
zu einem völlig neuen Drama drängte? Bei Hans Sachs und
        <pb n="225" />
        Neue Dichtung.

517
seiner geistigen Umgebung war das Schicksal fast nur in Um—
setzung in äußere Handlungen erschienen. Dann hatte eine
entwickeltere Zeit eine Schicksalsidee entfaltet, die auch noch
vornehmlich auf äußeres, doch innerlich motiviertes Handeln
hinauslief. Jetzt sollte sich das Schicksal selbst der Hauptsache
nach in seelischen Bewegungen abspielen: und indem auf diese
Weise das Schicksal mit dem vollen Erringen einer neuen
Intensität des Seelenlebens und mit dem Empordringen eines
feiner abschattierten Sittenkodex weiter verinnerlicht wurde, ent⸗
stand aus dem Handlungsschauspiel das psychologische Drama.
Natürlich veränderte sich damit schon der äußere Anblick
der dramatischen Kunst. Der Dichter, der das Drama auf
Handlung begründet, bedarf eines Stoffes, einer Fabel, die
stark vorwärtsdrängende Leidenschaften entfesselt und, zumeist
auch durch Aufwendung vieler Personen, lärmende äußere Be⸗
wegung verursacht. Der Dichter des psychologischen Dramas
wird eine Fabel mit möglichst einfacher Handlung vorziehen, in
der nicht allzuviele Personen sich auf engem Raume in Gegen⸗
sätzen von möglichst vertiefter Darstellung zusammenfinden.
Auch die Schicksalsidee wandelt sich natürlich ab. Sie
muß nun durchaus immanent gefaßt werden, sie beruht nur
noch in der „entschiedenen Natur des Menschen, die sich in
gegebenen oder geforderten Umständen, die das Schicksal vor⸗
stellen, auslebt“. Dabei wird das Schicksal der Regel nach
durch ein einziges Ereignis in Bewegung gesetzt, worauf sich
alles gleichsam von selbst vollzieht; im „Egmont“ ist dies Er—
eignis Albas Ankunft, in der „Iphigenie“ das Erscheinen
Drests, im „Tasso“ die Krönung des Dichters — wonach kaum
noch gesagt zu werden braucht, daß von diesen drei Dramen
der „Tasso“ das innerlichste, in sich vollendetste ist. Den Aus⸗
gang aber der dramatischen Fabel bildet dann entweder Re—
signation, Sichbescheiden gegenüber dem ersten ausgreifenden
Streben, oder Sieg, oder aber, im Sinne einer Katastrophe,
innerlicher Zusammenbruch der Lebenskraft.
Für die Form des psychologischen Dramas endlich gilt,
daß fie bei ihrer inneren Geschlossenheit und der notwendiger—
        <pb n="226" />
        518

Zweiundzwanzigstes Buch.
weise vertieften Zeichnung der Charaktere eine ungemeine Höhe
psychologischer Schilderungsgabe voraussetzt. Nun kann man,
von den ersten Zeiten des neuen Seelenlebens an, eben diese
Gabe machtvoll wachsen sehen von der einfachen Beobachtung
einzelner Tatsachen und der gleichsam statistischen Aufzeichnung
charakteristischer Außerungen bis zur Virtuosität zusammen⸗
hängender psychologischer Motivierung und abgerundeter
Charakterzeichnung: und es versteht sich, daß Goethe das all⸗
gemein gewachsene Vermögen persönlich noch um ein Be—
deutendes überholte. Indem nun dies Verfahren angewandt
wurde, hörte die grobe Selbstcharakteristik der Personen bei—
nahe ganz auf, wie sie früher mehr noch auf die äußere
Phantasie als auf das Herz des Zuschauers gewirkt hatte; man
forderte tiefere und bei weitem mehr differenzierte Illusionen,
und der Dichter hatte das Gemüt durch das gleichsam Un—
bewußte, durch den Empfindungszusatz der Handlungen zu
treffen. Es war eine schwere Kunst, die eine ganz neue
Sprache erforderte, wie sie eben Goethe in vollendeter Meister⸗
schaft gebildet hat; und ihr Ergebnis war ein neues drama—
tisches Element, die über dem Drama als Gesamtwerk hin⸗
gelagerte einheitliche Stimmung. Es ist der Punkt, in dem
das psychologische Drama am weitesten der Entwicklung des
Musikdramas des 19. Jahrhunderts entgegengekommen ist.

Von Goethe müssen, fieht man von dem Riesenbau des
„Faust“ ab, der wie die Kathedralen des Mittelalters ver⸗
schiedenen Zeiten und Stilen angehört, in diesem Zusammen—
hange vor allem, Egmont“, „Iphigenie“ und „Tasso“ genannt
werden.
„Egmont“, schon 1775 in den Gefichtskreis Goethes ge—
treten, ist erst 1787 in Italien vollendet worden: eine Jugend⸗
konzeption reicht er hinein in die Mannesjahre, und so bleibt
in ihm die Lösung der Probleme des psychologischen Dramas
noch unvollkommen. Das Bezeichnende ist, daß der Dichter
in diesem Drama der Transzendenz noch nicht völlig entwächst.
Gegenüber dem gemeinen Gange der Dinge nimmt er noch
eine besondere Kraft aus der Hoöhe an, die sich außergewöhn—⸗
        <pb n="227" />
        Neue Dichtung.

319
lichen Personen mitteilt: einen Dämon, eine letzte Ausgeburt
der Genieperiode: eine Kraft von solcher Gewalt, daß sie fähig
erscheint, der Weltordnung von eigener Richtung aus entgegen⸗
zuarbeiten.

Als solche dämonische Natur hat Goethe nach eigener Er—
klärung Egmont lebendig machen wollen. Aber ist es ihm
gelungen? Am Ende scheint es doch vornehmlich der Reiz des
übergewöhnlich Liebenswürdigen, des menschlich Hinreißenden,
und nur nebenher der des Nachtwandlerischen zu sein, der von
ihm ausgeht. Indem aber das Dämonische wenigstens ab⸗—
sichtlich und grundsätzlich eingeführt erscheint, versteht sich auch
ohne weiteres der ins Jenseits übergreifende Schluß; und wenn
dieser erst unter den erhabenen Klängen der Musik Beethovens
künstlerisch ganz wahrscheinlich wird, so sieht man, wie in diesem
entscheidenden Augenblicke der noch nicht genügend gesteigerten
Stimmungsmalerei der Sprache die Kunst der Stimmung par
ↄxcollence zu Hilfe kommen muß.

Es ist der Zusammenhang, aus dem heraus „Iphigenie“
wie „Tasso“ dem Dichter erst dann vollendet erschienen, als
sie im Gewande des Verses daherschritten. Und zwar nicht
des Knittelverses, des alten deutschen Vierzeilers, den Goethe
im „Faust“ schon mit überwältigender Meisterschaft gebraucht
hatte, des Verses unserer Epigramm- und Spruchdichtung:
sondern im Gewande des musikalischen und monumentalen
Trimeters. Es ist derselbe Grund, aus dem Schiller im
„Don Carlos“ den Vers „Nathans des Weisen“ aufgenommen
hat: — im vollsten Bruche der ihm bisher gewohnten hastenden
Prosa.
In der „Iphigenie“ behandelt Goethe zum erstenmal ein
Problem, das dem psychologischen Drama besonders gemäß
erscheint: das Problem der Toleranz und der Humanität: der
allgemeinen Menschenliebe. Es rührte an eine der Grundfragen
der Zeit: in ihm trafen sich letzte Aufklärung wie entwicklungs—
geschichtlich gegebener Subjektivismus und hellenische Renaissance
als in der schönsten ihrer Harmonien. Darum ist es auch
mmer und immer wieder behandelt worden. Im Bereiche des
        <pb n="228" />
        320

Zweiundzwanzigstes Buch.
Dramas stehen da neben Goethes „Iphigenie“ vor allem noch
Lessings „Nathan“ und Schillers „Don Carlos“. Aber wird
man nicht seinem Verständnis in der „Iphigenie“ die Palme
reichen? „Nathan der Weise“ handelt von kirchlicher Toleranz
und innerer religiöser Freiheit, „Don Carlos“ von staatlicher
Freiheit und der Begründung des Staates auf das Wesen des
subjektivistischen Menschen: die „Iphigenie“, das Drama der
Entsühnung, predigt die reine Menschlichkeit des Subjektivismus
als allheilendes Element menschlicher Gebrechen, auch solcher,
die aus niedriger Kultur oder krankhafter Verirrung hervor—
gehen. Und gibt es noch ein zweites Drama nicht bloß der
deutschen, nein der Weltliteratur, in dem Kampf und Not in
gleich klarem, gleich sinnvollem, gleich menschlich schönem Aus—
gleich enden?

Die „Iphigenie“ ist in Italien abgeschlossen worden, doch
war sie schon vor der italienischen Reise in allem Wesentlichen
vollendet. Und so zeigt sie in Form und Inhalt nicht den
Einfluß der italienischen Antike, sondern ist, soweit sie mit der
Antike Berührung hat, ein Kind der Vorstellungen, die sich
Deutsche in Deutschland von den Alten machten. Von diesem
Gesichtspunkte aus erklärt sich die Abneigung gegen das Groß—
artig-Gewaltsame, die sie trotz alles Fürchterlichen der Fabel
durchzieht: erreicht wurde die stille Größe, in der die Kunst
der Alten zu Winckelmann gesprochen hatte. Und aus dieser
Tendenz zu stiller Erhabenheit folgte eine gehaltene Symmetrie
des Szenenaufbaues, innerhalb deren sich die schönste Sprache
durch wohllautende Verse in einen unerschöpflichen Reichtum
sinnvoller Weisheit ergoß. Ja, auch die Gestalten waren in
diese weiche Klarheit getaucht. Erscheinen sie nicht wie antike
Statuen, die von ihren Sockeln langsam und feierlich herab—
steigen, um in fast sakraler Gebärdensprache zu reden?

Wir stehen an der Grenze, an der hellenischer Einfluß noch
belebend wirken konnte, wenn er nicht, wie in einer noch späteren
Entwicklungsstufe Goethes, im Gewande des Symbolischen auf⸗
trat. Und nur das gewaltige innere Weben des Stückes, das
heute Menschenherzen ergreift wie am ersten Tag, verdeckt die
        <pb n="229" />
        Neue Dichtung.

521
Tatsache, daß im Grunde jederlei Renaissancedrama mit dem
Fluche des Mechanischen belastet ist. Denn da seine Glieder
gleichsam nicht organisch aus einem bestimmten Kulturzustande
erwachsen, sondern durch Zusammenleimen vereinzelter Stücke
einer vereinzelten Überlieferung in eins gebracht werden, so
entgeht ihm die letzte Wahrheit des Augenblickes, die höchste
ooetische Notwendigkeit.

Wie anders steht doch in dieser Hinsicht „Tasso“ der
„Iphigenie“ gegenüber! Jetzt hatte Goethe das Land der
Griechen gefunden, durchstreift, heimatlich angebaut: und er
war sich bewußt geworden, daß ihm sich aus seinem unendlichen
Reichtum völlig nun aufleben könne, was er sich vollkommen an—
geeignet. Damit stellte sich dann, bei einem nicht antiken Stoffe
zumal, wiederum eigene Kraft und Fülle ein. Wie klar wurde
schon das Thema erfaßt: der überempfindliche Dichter erfährt
in einer Umgebung, die seelisch zu fein organisiert ist, um ihm
mit voller erzieherischer Festigkeit entgegenzutreten, den Bruch
seiner Lebenskraft. Und wie unerbittlich wirkt das dem Dichter
eingeborene Fatum! Hier, wenn je für Goethe, galt das Wort
Mercks schon aus dem Jahre 1775: „Dein Bestreben, deine un⸗
ablenkbare Richtung ist, dem Wirklichen eine poetische Gestalt
zu geben.“ Und wie gelang die Ausprägung dieser Gestalt
und dieses Schicksals auch äußerlich! Nie vielleicht hat Goethe
schönere Verse geschrieben, nie seine Sprache verständnisvoller
individualisiert: und die Personen leben vor unseren Blicken.

Im ganzen darf man wohl sagen, daß eben das psycho⸗
logische Dramg Goethes eigentlichste Domäne gewesen sei. Den
Anforderungen dieses Dramas entsprach seine Beobachtungs⸗
gabe der Personen, die mehr aufs Beschauliche, innerlich Be—
wegte, als auf das Pathetisch-Leidenschaftliche ging, weshalb
seine Männergestalten leicht zu weich, seine Frauengestalten um
so frischer, mannigfalter, lebensvoller gerieten. Diesen An⸗
forderungen kam auch die Erscheinung zugute, daß bei Goethe
das Lyrische und Epische aus der dramatischen Synthese immer
und immer wieder hervortrat: darum kam fast ein Zug des
Sittengemäldes in die Durchführung, und die Gestalten wirkten,
        <pb n="230" />
        —

Zweiundzwanzigstes Buch.
Goethischer Lyrik folgend, ein wenig ins Typische. Alledem
gab dann schließlich die Sprache die Weihe eines inneren,
charaktervollen Zusammenhanges. Man hat wohl gemeint,
das psychologische Drama Goethes wirke auf der Bühne nicht,
weil seine Sprache dem Schauspieler schon zu viel vorweg
nehme. Und gewiß stehen Goethes Verse im entschiedenen
Gegensatze zu der Sprache etwa der Schauspieler-Dichter
Shakespeare und Moliöre, die, vom Standpunkte des Schau—
spielers aus betrachtet, besser wußten, was der Bühne zu
überlassen war. Aber gibt es denn nur eine Schauspielkunst?
Goethes seelenvolle Verse, in ihrer eigenen Musik vorgetragen,
mögen auch typische Empfindungen wecken: daß sie den drama⸗—
tischen Eindruck schwächen, wird heute, in einer Zeit mehr
durchgebildeten psychologischen Dramas, wohl niemand be—
haupten wollen.

Eines aber steht nach alledem fest: für den zweiten der
Dioskuren, Schiller, war das psychologische Drama weit
weniger geschaffen. Wo blieben denn in ihm Tathandlung,
wo Furcht und Schrecken in deren Wortbedeutung, wo
Leidenschaft und „der Menschheit große Gegenstände“ in Auf—⸗
ruhr und Staatsaktion, im Kriegslager und in der Kammer
des Geheimen Rates? In der Tat kann nur ein seiner Ent—
stehung nach ziemlich isoliertes Stück Schillers, der „Don
Carlos“, dem psychologischen Drama zugerechnet werden.

Schiller hat am „Don Carlos“ überaus lange gearbeitet,
mindestens fünf Jahre: der erste Entwurf geht noch in die
Bauerbacher Zeit zurück. Wirklich zur Rundung, kam der Stoff
erst in den Jahren 1785-86: also zur selben Zeit etwa, da
Goethe die schönsten seiner psychologischen Dramen abschloß.
Damals wurde Schiller durch das Studium der Geschichte zu
tieferem psychologischen Grübeln angeleitet: und so waren es
nicht mehr die Taten des Helden, die ihn fesselten, sondern
die „Annalen seiner Verirrungen“: diese „aus der unveränder⸗
lichen Struktur der menschlichen Seele“ und aus den ver—
üänderlichen Bedingungen der Umgebung abzuleiten erschien ihm
als wichtigste Aufgabe der Seelenforschung.
        <pb n="231" />
        Neue Dichtung.

528
Was aber ist das Drama anders als konkret⸗künstlerische
Anwendung der Psychologie? Und so belebte sich der „Don
Carlos“ mit Zügen, die den früheren Dramen Schillers fremd
geblieben waren: die Charaktere wurden tiefer gezeichnet, vor
allem auch die Frauen erhielten fast zum erstenmal etwas Lebens⸗
echtes, so die Königin, die Eboli; und unter diesem Bestreben
wurde auch die Umwelt genauer erschaut, Einzelzüge traten her⸗
vor, und selbst die Sprache erschien nach Gestalt und Umstand
gemodelt. Was aber vielleicht noch charakteristischer ist: selbst
ein Stimmungsmoment von ziemlich durchgehender Bedeutung
wurde gewonnen: neben dem späteren Hohenlied der Gatten⸗
treue, „Fidelio“, läßt sich , Don Carlos“ wohl als das drama⸗
tische Hohelied entsagender Frauen⸗ und edelster Freundesliebe
bezeichnen. Es ist ein schwärmerischer Zug der Motivierung,
der damit die Handlung durchzieht; und wenn Posa seine
politischen und religiösen Forderungen vorträgt, so mag man
wohl noch weiter an die rührenden Töne der Gefangenenklage
im „Fidelio“ erinnert werden: erfüllen will Posa, auf Freund⸗
schaft gestützt, was jene Unglücklichen des spanischen Kerkers
ersehnen, und mehr als das: brechen will er die geistigen und
zeitlichen Schranken seines Zeitalters. Es sind Bestrebungen,
die das Schicksal, das bisher von Schiller im Grunde noch
immer tranfzendent gedacht war, der Handlung immanent ein⸗
schreiben, wenn auch dessen Ausgang noch über das Stück
hinaus gleichsam in die Zukunft projiziert ers cheint: der Infant
hat die leidenschaftliche Liebe zu seiner Mutter überwunden
ind würde jetzt, wenn körperlich frei, so auch frei von jeder
sterblichen Begierde“ sein Leben höchster geistiger Tat, der
Freiheitsrettung der flandrischen Provinzen, weihen.

War aber Schiller mit alledem, mit allen Fortschritten
and Feinheiten des „Don Carlos“, schon zu den lichten Höhen
gedrungen, auf denen zu gleicher Zeit Goethe bereits wandelte?
Muhsam erst und auf ganz anderen Lebenswegen als Goethe
hat Schiller die Freiheit der Lebensführung, die Weite des
Horizontes und die Ausdehnung des Denkens errungen, die
—F
        <pb n="232" />
        324

Zweiundzwanzigstes Buch.
Schiller, 1759 geboren, war fast genau zehn Jahre jünger
als Goethe; seinem Erleben fehlten damit die Anfänge des
neuen Zeitalters, und seine Empfindsamkeit hat immer etwas
Abgeleitetes behalten; ganz gehörten zu seinem Eigen erst die
Erfahrungen von Sturm und Drang. Das Kind war zart;
bei Krankheiten des jugendlichen Alters traten krampfhafte
Zufälle auf; stark erwies sich von vornherein nur der Wille.
Der aber war alsbald dem Idealen zugewandt: Pfarrer wollte
der Knabe werden; schon übte er eine unzweifelhafte aber
aunproportionierte Gabe der Rhetorik in kindlichen Predigten,
und seine ersten Gedichte waren halbgeistlichen Inhalts. Als
aber der Knabe zum Jüngling heranwuchs, griff eine rauhe
Hand in alle Träume. Der Herzog Karl Eugen von Württem⸗
berg, der nach einer verzweifelten ‚Lebensgaloppade“ mehr in
sich gegangen war, hatte zur Erziehung talentierter Landes—
kinder eine Akademie gegründet, der wurde Schiller nach der
Konfirmation einverleibt, um erst zum Juristen, dann zum
Mediziner gebildet zu werden. Von persönlicher Lebens—
bestimmung war dabei nicht die Rede; in dieser Schule, die
Schubart Seelenfabrik oder Seelenplantage zu nennen pflegte,
gab es bei allem jenem Wohlwollen, das den, den es liebt,
züchtigt, weder Privatarbeitszeit, noch Ferien, noch geregelten
Urlaub; und der briefliche Verkehr der Zöglinge mit den
Eltern unterlag der Überwachung.

Da saß nun Schiller acht Jahre und genoß den Anschauungs-⸗
unterricht jenes Lebens der Fürsten, der „Erdengötter“, das
seine ersten Dramen an den Pranger stellen sollten, und unter
härtestem Zwang nur regte sich in ihm der Genius.

Ende 1780 wurde der Zögling entlassen und in Stutt⸗
gart mit einem Bettelgehalt zum Medikus eines stadtkundlich
verlotterten Regiments bestellt. Es war trotz allem eine Be—
freiung, die nicht bloß lösend, die fast zersetzend wirkte. Dahin
ging der Kindesglaube:
Nicht in Welten, wie die Weisen träumen,
Auch nicht in des Pöbels Paradies,
Richt in Himmeln, wie die Dichter reimen: —
        <pb n="233" />
        Neue Dichtung.

525
airgends ist das Ziel des Lebens erkennbar. Jahre wild hin—
geworfener Dichtungen folgten, allmählich überwog in ihnen das
düsterne die Kraft: eine „unbändige Imagination“ gestattete
dem Behagen an schlüpfrigen Bildern Zutritt, ohne daß es von
„platonischem Schwulste“ noch maskiert wurde; gut noch, wenn
die Laura-Oden mehr „das Erzeugnis eines dem Dichter bisher
unbekannten, exaltierten Gefühls als wahre Leidenschaft“
waren. Dennoch litt der unverwüstliche ideale Kern im Wesen
Schillers keinen Schaden; mitten in dem Wuste von Sinnen⸗
taumel und Torheit erlebten die „Räuber“ ihre Vollendung.

Im Jahre 1781 ließ Schiller die „Räuber“ auf seine
Kosten drucken. Es war der Anfang seiner Schulden — jener
unglückseligen Schulden, die ihn durch sein ganzes Leben fast
zis an dessen letzte Pforten begleitet haben.

Anfang 1782 erklärte sich Schiller mit der Aufführung
der „Räuber“ in Mannheim einverstanden — ohne Vorwissen
des Herzogs. Dazu fuhr er nach Mannheim — ohne Urlaub.
Nach der Aufführung der „Räuber“ begann er am „Fiesco“
zu arbeiten, ohne auf das Verlangen des Herzogs Rücksicht
zu nehmen, daß er vorher seine medizinische Promotion durch⸗
führe, die immer noch ausstand: vielmehr fuhr er noch ein
zweites Mal nach Mannheim zu einer Aufführung der „Räuber“
— wieder ohne Urlaub. Als ihn darauf der Herzog auf vier⸗
zehn Tage in Arrest schickte und ihm jeden weiteren Verkehr
mit dem „Auslande“ verbot, sollen ihm die ersten Gestalten
bon „Kabale und Liebe“ aufgestiegen sein; als ihm der Herzog,
nach weiterem Anstoß, bei Strafe der Kassation verbot, noch
mehr Komödien zu schreiben — floh er.

Inzwischen hatten die „Räuber“ ungeheures Aufsehen
gemacht; an den besten Bühnen waren sie aufgeführt worden;
m Oktober 1784 wurden sie, mit Erlaubnis des Herzogs,
auch in dessen Stuttgarter Theater gegeben.

Schiller ging nach Mannheim, an den Ort des ersten
Glückes seines Dramas. Aber er konnte sich nicht halten; der
Intendant Dalberg bot keine Unterstützung, dazu vermutete der
dichter Nachstellungen seines Herzogs. So floh er weiter nach
        <pb n="234" />
        526

Zweiundzwanzigstes Buch.
Norden: mit welchen Gefühlen ist er eines Nachmittags über
die große Mainbrücke, den Lieblingsweg Goethes, in Frankfurt
eingezogen! Die Gestalten von „Kabale und Liebe“ begannen
zu reifen, unter unzweifelhaft württembergischem Kolorit.
Retten aber sollte in der schon halb verzweifelten Lage der
„Fiesco“, der in Mannheim zunächst abgelehnt worden war.
Er wurde in einem kleinen Neste bei Mannheim umgearbeitet —
und wieder abgelehnt! Da verkaufte der Dichter das unglück⸗
selige Manuskript für 113/2 Louisdor (etwa 195 Mark) an
den Buchhandel — längst nicht genug, um seine Schulden
abzutragen — und verfiel auf lange der Mildtätigkeit der
Freunde.
Zunächst barg er sein Dasein in dem erbärmlichen Herren—
hause eines von düsteren Föhrenwäldern umgebenen Dorfes
im Meiningenschen, Bauerbach, wo ihm eine Stuttgarter Be—
kanntschaft, Frau von Wolzogen, ein Asyl bot. Hier, an dem
für einen Dramatiker, der Menschenkenner sein soll, ungünstigsten
Orte, entstanden „Kabale und Liebe“ wie der Anfang des
„Don Carlos“; von hier, wo er fühlte, „daß das Genie,
wenn nicht unterdrückt, doch entsetzlich zurückwachsen, zusammen⸗
schrumpfen kann, wenn ihm der Stoß von außen fehlt,“ wurde
er schließlich doch noch vertrieben durch eine unglückliche Liebe
zur Tochter seiner Gönnerin, Charlotte.

Nun folgte, vom September 1788 ab, ein Jahr drama—
turgischer Stellung am Mannheimer Theater, das mit Nicht—
wiederanstellung, ja mit Verhöhnung des Theaterdichters von
offener Bühne herab abschloß. Und wenn das alles gewesen
wäre! Als Schiller seine Stellung antrat, war die Stadt
voller Kranker gewesen, die an einer „gallichten Seuche“
litten; Schiller war selbst erkrankt und hat hier den Grund
zu seinem späteren Lungenleiden gelegt; dazu unglückliche
Liebeleien und Schulden, Schulden, die nun auch ein Zer—
würfnis mit dem Vater brachten — und auf des Lebens Licht⸗
seite ein einziger starker theatralischer Erfolg mit „Kabale und
Liebe“, sowie eine erste wirkliche Liebesleidenschaft mit Char⸗
lotte von Kalb, die „ängstigte und entzückte“, um in halber
        <pb n="235" />
        Neue Dichtung.

527
Flucht und der bildenden Kraft einer großen Resignation zu
enden.

Wie teuer ist Schiller mit alledem seine Flucht aus Stutt⸗
gart zu stehen gekommen! Und um wie vieles leichter hatte
sich Goethe aus der Bahn beengender Zustände und eines un—
geliebten Berufes losgerissen!

In diesem Tiefpunkte seines Lebens trieb den Dichter die
Macht wiederum nach oben, die in ihm selbst vor allem den
Dichter machte: die Begeisterung. Ein Leipziger Doppelbraut—
— ED00
Werken verehrend schätzte, darunter der Sohn eines begüterten
Predigers und Universitätsprofessors, Körner, hatte ihm schon
früher Unterstützung angeboten. Jetzt folgte er dieser Stimme;
im April 17985 erschien er in Leipzig, und eine Freundschaft
hegann, die unter den vielen, die Schillers späteres Leben
adelten, zu den schönsten gehörte. Schiller hatte in seiner
Natur bei allem Selbstbewußtsein die Schmiegsamkeit, die ihm
auch als Mann noch enge Gemeinschaft mit Männern zu
schließen ermöglichte. Körner, selbst unproduktiv, war ein
fruchtbarer und doch behutsamer Kritiker, zudem ein Meister
besonnener Lebensführung: was mochte Schillern nicht aus dem
Zusammentreffen mit dieser ihm ergänzenden Natur erblühen!
Und auch der übrige Kreis von Freunden, nicht am wenigsten
der der Frauen, war behaglich. So stellte sich dem Dichter nach
langem Elend, so unselbständig und aussichtslos sein äußeres
Dasein noch erschien, die erste Lebensfrohheit wieder ein; und
aus Loschwitz, aus dem Dresdener Weinbergshäuschen Körners,
drang in dem Hymnus „An die Freude“ die enthusiastischste
UÜbertragung des Freundschaftsgefühls auf alles Leblose und
Lebendige, auf Natur und Geist in die Welt.

Auch geistig begann sich der Dichter wieder ein wenig zu
Hause zu fühlen. „Mit weicher Beschämung, die nicht nieder—
drückt, sondern männlich emporrafft“, sah er auf die Ver—
gangenheit zurück und deren Verluste: und faßte den herku—

lischen Entschluß, nachzuholen und zu lernen.

Wenig genug stand er im Grunde mit der zeitgenössischen

damprecht. Deutsche Geschichte. VIII. 2. 4
        <pb n="236" />
        8
be

Zweiundzwanzigstes Buch.
Welt in innerem Zusammenhang. Vor allem hatte er Sturm
und Drang noch zu überwinden. Gewiß hatte ihn Charlotte
von Kalb wie nicht minder sein Verkehr in der Deutschen
Gesellschaft zu Mannheim bereits auf die Franzosen verwiesen;
und die Formen der tragédie classique wirkten schon im
„Don Carlos“ mäßigend ein. Auch an antiken Einflüssen hatte
es nicht gefehlt. Der Antikensaal in Mannheim, dessen Be—
such schon Lessing, Herder und Goethe so vieles verdankten,
hatte ihm offengestanden, und auch er hatte in der Plastik
Griechenlands die „reinste Harmonie aller Teile zu einem un⸗—
nachahmlichen Ganzen“ entdeckt.

Aber es waren doch mehr Eindrücke von außen gewesen.
Jetzt ging er selbst auf die Eroberung der Welt aus, um sie
zu beherrschen. Und wie es Goethe in diesem Zusammen—
hange unbewußt fast zur Natur getrieben hatte, so trieb es
Schiller bewußt zur Geschichte; und wo Goethe hatte reisen
dürfen, da versenkte sich Schiller in die Wunder völkerkund—
licher Berichte. Doch vor allem die große Persönlichkeit fesselte
ihn: und so wurde er am niederländischen Aufstande und am
Dreißigjährigen Kriege, der „Epoche des höchsten Nationen—
elends“ und „der glänzendsten Epoche“ zugleich „menschlicher
Kraft“ zum Historiker; Rousseaus Ideale verschwanden ihm
vor denen Montesquieus.

Aber mit den historischen kamen auch die philosophischen
JInteressen. Während der Dichter in den „Philosophischen
Briefen“ von 1786 seine Weltanschauung zu einem ersten
System zusammenschloß!, ergoß sich diese zugleich künstlerisch
in die grübelnde Psychologie sonderbarer Erzählungen: so ent—
standen der „Geisterseher“ und der „Verbrecher aus verlorener
Ehre“, dieser ein abgerundetes novellistisches Gegenstück zu den
„Räubern“, jener niemals vollendet und von Schiller, dem
die Behaglichkeit des Erzählens abging, bald darauf als „sünd—
licher Zeitaufwand“, ja als „Farce“ und „Schmiererei“ gebrand—
markt.

S. oben S. 399.
        <pb n="237" />
        Neue Dichtung.

529
Vollendete nun Dresden und Leipzig mit alledem den
Prozeß innerer Durchbildung, dessen der Dichter bedurfte?
Schon die innere und äußere Unruhe, in der sich Schiller
schließlich doch wieder bewegte, zeigte ihm, wie viel noch zu
tun blieb. Dazu die materielle Abhängigkeit von seinen
Freunden — trotz zahlreicher Aufführungen seiner Dramen,
deren Gewinne ihm auch nicht zu bescheidenem Anteil zufielen!
Er schloß den „Don Carlos“ ab, ein Zeugnis erreichter Höhe,
riß sich dann aber los und ging in der Absicht, sich ganz zu
oerselbständigen, nach Weimar.

Im JZuli 1787, während Goethe in Italien weilte, traf
er dort ein, zwölf Jahre nach Goethe: und unter dem freund—
lichen Anteil von Herder und Wieland begann für ihn eine
noch emsigere, teilweise auch in Jena fortgesetzte Zeit histo⸗
rischer Studien; Goethe erzählt von etwas späterer Zeit, er
habe sich oft acht Tage lang eingeschlossen und sich von keiner
Seele sprechen lassen: „Abends um acht stand noch sein Mittag⸗
essen vor seinem Schreibpult.“ Aber es gelang ihm. Durch
Schriftstellerei machte er sich, zumeist mit Hilfe Wielands,
materiell leidlich selbständig. Die Geschichte erschien ihm dabei
als ein Feld, auf dem alle seine Kräfte ins Spiel kämen,
ohne daß er immer aus sich selbst zu schöpfen brauche. Ein
Gefühl unendlicher Befriedigung überkam den Ruhelosen und
mündete aus in einen glückseligen Brautstand. Schon im Juni
1784 hatte er Charlotte von Lengefeld flüchtig kennen ge⸗
lernt; lang hat er um sie geworben, lang dauerte eine heim⸗
liche Vertrautheit. Aber in diesen Tagen, Monaten, Jahren
fand Schiller „seinen Genius wieder“; und als seine Studien
ihm unter Vermittlung Goethes einen neuen Beruf, eine

Geschichtsprofessir an der Jenaer Universität als Mitgift
seines Fleißes eingebracht hatten, führte er die Braut heim,
Februar 1790. Es waren die glücklichsten Zeiten seines Lebens,
wenn er auch schon hüstelte und 1791 ein erster schwerer,
lebensgefährlicher Anfall seiner Krankheit eintrat. Denn Char—
lotte war ihmn, was Frau von Stein Goethe gewesen war,
uind sie ward ihm noch weit mehr als Gattin und Mutter
34 *
        <pb n="238" />
        330

Zweiundzwanzigstes Buch.
von vier blühenden Kindern. „Mein Dasein ist in eine harmo—
nische Gleichheit gerückt; nicht leidenschaftlich gespannt, aber
ruhig und hell gehen mir diese Tage dahin,“ konnte er von
sich schreiben. Und mit Wonne nahm er es wahr: „es kleidet
sich wieder um mich herum in dichterische Gestalten, und oft
regt sich's wieder in meiner Brust.“

Doch bevor der Dichter dem Genius von neuem folgte,
vollendete er seine Selbsterziehung. Schon seit 1788 läßt sich
hei ihm, nicht zum wenigsten unter dem Einflusse von Goethes
„Iphigenie“, eine weit entschiedenere Hinwendung zur Antike
wahrnehmen; in diesem Jahre bereits sind die „Götter Griechen—
lands“ entstanden:

Schöne Welt, wo bist du? Kehre wieder,
Holdes Blütenalter der Natur!
Jetzt trat dazu, während aus der Antike namentlich die
Tragiker zu wirken begannen, unter Kants Einfluß eine letzte
philosophische Abrundung; und wir wissen schon, daß sich ihr
rin Schönheitsbegriff zu entringen begann, der die Typen⸗—
auffassung Goethes in sich aufnahm, wie er die Sittlichkeits—
lehre Kants umschloß!. Es war die Vollendung; — der Boden
war geebnet, der Grund fruchtbar bestellt für eine höchste
Produktion im Sinne des klassischen Subjektivismus. Und
mehr fast noch: Schiller reifte der Zeit entgegen, da er Goethe
nicht nur zur Seite treten, da er ihm auch innerlich fördernd
der wahrste aller Freunde werden sollte.

5. Erst im Jahre 1794, vermutlich am 14. Juli, haben
sich Goethe und Schiller gefunden; fünf bis sechs Jahre, nach—
dem sie auf Thüringer Boden, eng benachbart, nebeneinander
hergeschritten waren. Aber in fast gänzlich wandellosem Ver—
trauen hat dann ihr gegenseitiges Verhältnis fortgewährt über
ein Jahrzehnt bis zu Schillers vorzeitigem Tode.

Wie oft sind nicht die vielfachen Umschläge erzählt
worden, die lange Zeit hindurch immer wieder eine An—
S. oben S. 408 ff.
        <pb n="239" />
        Neue Dichtung.

331
näherung der Dioskuren verhinderten. Ihr Verlauf ist von
höchstem menschlichen Interesse, und für ihre Geschichte liegt
genug an authentischen Denkmälern vor, um ihr Studium
mmer von neuem lehrreich zu machen. Ja selbst von einem
universalgeschichtlichen Interesse könnte man reden. Denn
heispiellos ist die Freundschaft der beiden Großen in der Ge⸗
schichte aller Literaturen.

Hier kann nur der allgemeine Zug der Dinge angedeutet
werden; Einzelheiten könnten nur befriedigen, wenn sie voll⸗
ständig wären, und gehören als solche der Biographie an.

Goethe konnte nach der italienischen Reise lange das
Gleichgewicht seines Wesens nicht wiederfinden. Seine Seele
schmerzte, da sie sich „unwiderstehlich zu einer unwiderstehlichen
Verbannung“ im Norden hingezogen sah; die Lösung von der
Dichtung der Empfindsamkeit und des Sturmes und Dranges
und den mit ihr gegebenen literarischen Beziehungen, eine
Lösung von großen Teilen der bisher gepflegten Amtsgeschäfte,
die Lösung gar von der Frau von Stein besserten die Lage
nicht: der Dichter sah sich vereinsamt. Zu alledem kam auch
noch literarische Enttäuschung; „Iphigenie“ und „Tasso“ wurden
vom deutschen Publikum kalt aufgenommen — wie in der
Ferne einer anderen Welt lag die Begeisterung, die einst „Götz“
und „Werther“ erweckt hatten; und es half nicht, daß der
Dichter das Publikum verachtete:

Wer sich der Einfamkeit ergibt,
Ach. der ist bald allein.
So starb auch das dichterische Schaffen ab; die Jahre 1790
his 1793 waren unfruchtbar; und was neu entstand, die
„Römischen Elegien“, die „Venetianischen Epigramme“, blieb
im Dunkel des Pultes verborgen — bis Schiller die Fesseln
sprengte.

Allerdings nahm sich Goethe 1794 wieder auf. Den ersten
fast vegetativen Jahren im Zusammensein mit der Vulpius
(seit 1780) war langsam ein innerliches Zusammenfassen ge⸗
folgt; jetzt trat es hervor; im Bau des neuen Hauses am
        <pb n="240" />
        532 Zweiundzwanzigstes Buch.
Frauenplan, des heutigen Goethehauses, fand es gleichsam
einen symbolischen Ausdruck.

In denselben Jahren aber hatte sich Schiller ganz anders
entwickelt. Die Erfolge seiner Dramen hatten ihn schon gegen
Ende des neunten Jahrzehnts zu einem der volkstümlichsten
Dichter der Nation gemacht; von da ab auch in materiell stets
zuünstigerer Lage, jung verheiratet, von dem Korporations—
geiste der Universität Jena nicht ohne frisches Selbstgefühl
gehoben, mochte er wohl das Auge himmelwärts lenken. Und
schon umgaben ihn neue liebende Freunde, deren Lob und
Tadel ihm Bedürfnis war, oder standen in naher Aussicht:
zu Körner und den Weimarer Bekannten traten Wilhelm von
Humboldt und Fichte.

Nur der Zeus von Weimar fehlte noch! Schiller hatte
ihn zum erstenmal im Jahre 1779 zusammen mit Karl August
als illustren Gast der Stuttgarter Akademie gesehen; er hatte
ihn bewundert, seitdem er Dichtungen von ihm kannte; er
hatte Anknüpfungen zu ihm gesucht, sobald sein Fuß ver—
weilend Thüringer Land durchstreift hatte; er war überzeugt
von seiner überragenden Größe; er hatte ihn geliebt wie ein
prüdes Mädchen, Jahre hindurch geliebt mit stillem Groll —
und Goethe hatte sich ihm entzogen! Gewiß: der Minister
hatte dem Menschen Schiller mit einer Professur in Jena aus—
geholfen — und wie Schiller in bitteren Stunden meinte, ihm
damit von Weimar fortgeholfen; den Dichter aber kannte und
anerkannte der Dichter nicht.

Da kam, als sich in Goethe neue Geister regten, im
Sommer 1794 die entscheidende Stunde: für Schiller — und
im Grunde auch für Goethe — die Stunde der Erlösung.
Schiller bewies Goethe, daß er, und er vielleicht allein, ihn
kannte, und daß das ihn schätzen hieß. Und er bewies ihm
aicht minder, daß er auch sich selbst kannte — und schätzte.

Die Zeiten, die nun begannen, wurden von Körner mit
der Bemerkung an Schiller eingeleitet: „Freundschaft erwarte
ich nicht (zwischen Euch beiden), aber gegenseitige Reibung und
dadurch Interesse füreinander.“ Ist es wirklich nun so ge—
        <pb n="241" />
        Neue Dichtung.

388
kommen? Kein Zweifel: Männerfreundschaften bedeuten nur
in seltenen Fällen noch Ineinanderfließen der Charaktere; das
Schwärmerische der Jugendfreunds chaft fehlt; Interessen drängen
sich vor, und Freundschaft heißt Bundesgenossenschaft. Und
dies starke Band hielt auch die Dioskuren zusammen; vereint
waren ihre Kräfte im Kampfe der literarischen Strömungen
ervier⸗, ja verzehnfacht, und Goethe, insbesondere aber Schiller
ist sich dessen wohl bewußt gewesen. Aber ist es dabei, ist es
auch bei der „gegenseitigen Reibung“ geblieben? Schiller hat
in einer Eintragung in das Album von Goethes ältestem
Sohne die Freundschaft zwischen ihm und dem Vater als
herzliches Band der Wechselneigung und Treue“ bezeichnet.
Und man darf sagen: so war es. Aus einer Interessen⸗
gemeinschaft zum Kampfe nach außen und zur gegenseitigen
Ergänzung entwickelte sich allmählich eine gemütvolle Schätzung
des Charakters und das Gefühl gemeinsamer Unentbehrlichkeit,
ja fast Einheit; in den Briefen bricht allmählich aus Höflich—
keit Wärme hervor; und nichts ist vielleicht charakteristischer,
als daß in ihnen schließlich auch Alltäglichkeiten, kleine An⸗
gelegenheiten des Hauses und der Familie, Raum gewinnen.

Den innersten Kern des Bundes aber hat Goethe nach
seiner Art in dem typischen Satze bloßgelegt: „Selten ist's,
daß Personen gleichsam die Hälften voneinander ausmachen,
iich nicht abstoßen, sondern sich anschließen und einander er⸗
zänzen.“

In der Tat: Hälften eines Ganzen, Hälften der deutschen
Totalität ihrer Zeit gleichsam haben Goethe und Schiller dar—
gestellt: wie das Rietschel in seiner Doppelstatue der Dichter
Weimar, diesem Denkmal aller Goethe- und Schiller—
denkmäler, verkörpert hat, dessen Nachbildung jetzt im Goldenen⸗
Tor-Park zu San Francisco auch eine andere Hemisphäre
schmückt.

Schon in der Herkunft der Dichter, ja bereits in der
Herkunft ihrer Eltern tritt dies Komplementäre ihres Wesens
— Urahnen sind Handwerker ge⸗
desen: in den untersten Schichten des Mittelstandes sind sie
        <pb n="242" />
        334

Zweiundzwanzigstes Buch.
beide schließlich sozial verankert. Aber der Vater Goethes war
kaiserlicher Rat und seine Mutter eine Frankfurter Patrizier⸗
tochter: der nächsten Aszendenz nach gehörte Goethe dem neuen
hohen Bürgertum an, dessen Bildung sich in dem Jahrhundert
nach dem Dreißigjährigen Kriege vollzogen hatte. Anders
Schiller. Sein Vater war ein Wundarzt, der es schließlich
bis zum Major brachte, seine Mutter eine Wirtstochter: er
entstammte den besseren Schichten des bürgerlichen Mittel⸗
standes. Und so verkörpern die Eltern beider Dichter die
beiden neuen Klassen des Bürgertums im 18. Jahrhundert,
deren gemeinsamem, sich ergänzendem Streben der Aufschwung
der Nation zu einer primitiven Volkswirtschaft des Unter
nehmertums zu danken war.

Nicht minder läßt sich von einer komplementären Bildung
beider Dichter nach ihrer geistigen Herkunft sprechen. Die
Väter von beiden hatten viel ähnliches: nüchterner Rationa—
lismus, tüchtiges Wesen: und wenn Schillers Vater in den
Jahren 170768 ,Okonomische Beiträge zur Verbesserung des
bürgerlichen Wohlstandes“ erscheinen ließ und darin für eine
rationelle Baumzucht eintrat, so dürfen wir annehmen, daß
der alte Herr Rat diese Schrift, hätte er sie gekannt, sicher
zur Hand genommen haben würde. Aber die Söhne sind
nicht den Vätern nachgeraten, sondern den Müttern. Und da
welch gegensätzliche Ergänzung! Auf der einen Seite die
Mutter Schillers, kleinbürgerlich schlicht, ohne literarisch⸗
ästhetische Ambitionen, in einem fast mystischen Christentum
als dem geistigen Mittelpunkt ihres Daseins geruhig lebend —
und auf der anderen die Frau Rat, die resolute Frau in der
großen Frankfurter Haube, die „alles gleich frischweg tat und
den Teufel verschluckte, ohne ihn erst lange zu begucken,“ die
in naiver Demut rühmen konnte: „Ich habe die Gnade von
Gott, daß noch keine Menschenseele mikveranüat von mir weg⸗
gegangen ist.“

Ja selbst bis auf die körperliche Ausstattung erstreckte sich
der ergänzende Gegensatz der Dichter. Man weiß, wie Goethe
den Zeitgenossen, und nicht zuletzt den Frauen, als Apoll galt:
        <pb n="243" />
        Neue Dichtung.

535
brünett, von großen hellen Augen und prachtvoll hochgewölbter
Stirn, mittelgroß, von festem, langem Rumpfe, gefiel er sich
in der aufrechten Haltung des Siegers. Schiller dagegen war
übergroß, mit sechs Fuß zwei Zoll der längste Mann in Weimar;
auf schlanken Beinen ruhte ein Oberkörper mit schmaler Brust,
der sich zwar edel, doch gern in liebenswürdiger Schüchtern⸗
heit bewegte, und der Rumpf trug ein Haupt, dessen im Unter⸗
gesicht stark hervortretender Knochenbau und breite Schwaben—
stirn mit zart durchscheinender Haut bedeckt war, dessen Höhen
rötliche Haare zierten, und dessen leicht entzündliche blaue Augen
im allgemeinen ins Innere gekehrt waren: bis sie im besonderen
Augenblick innig aufleuchteten.

Und leider erstreckten sich die körperlichen Unterschiede, in
denen man leicht die Differenz der beiden deutschen Haupt—
typen, des brünetten und des blonden, erkennt, auch auf die
Gesundheit. Was war Goethe, trotz mancher Krankheit, für eine
unverwüstliche Natur: ein großer Schläfer und ein tüchtiger
Esser, kräftig, ziemlich breitschultrig, unempfindsam gegen Hitze
und Kälte, bei anstrengendem gesellschaftlichem Vergnügen immer
der Letzte — kein Stubenhocker: die besten Ideen sind ihm im
Gehen gekommen. Schiller dagegen war schon ein schwerkranker
Mann, als er Goethes Freundschaft gewann; eingefallene
Wangen, rasches und lautes Atmen der Brust zeugten von
der Unerbittlichkeit des zehrenden Siechtums: schon hatte er

das strenge Wort gelesen,
Dem Leiden war er. war dem Tod vertraut.

Als Goethe ihn 1794 in sein Haus lud, mußte ihm Schiller
antworten, daß seine Krämpfe ihn gewöhnlich nötigten, den
ganzen Morgen dem Schlafe zu widmen, weil sie ihm des
Nachts keine Ruhe ließen. „Üüberhaupt wird es mir nie so
gut, auch den Tag über auf eine bestimmte Stunde sicher
zählen zu dürfen.“ Und so war denn der Dichter an Zimmer
und Hausgarten gebannt. Wie viel Stellen im schönen
Thüringerland sind nicht durch das Andenken an Goethe ge—
weiht: wenige nur erinnern an Schiller.
        <pb n="244" />
        586

Zweiundzwanzigstes Buch.
Doch den schwachen Körper regierte eine Feuerseele; und
aus der geistigen Tätigkeit der Dichter im Jahrzehnt ihrer
Freundschaft würde die Krankheit Schillers schwerlich zu er—
schließen sein.

Aber eben hier, im Brennpunkt ihres Wesens, ergab sich
wiederum das merkwürdigste, auf entscheidenden Gegensätzen
heruhende Ineinandergreifen ihrer Naturen.

Goethe war in tiefster Seele auf die Anschauungskraft
fundamentiert; und daher war sein grundlegender Instinkt der
Trieb zu formen. Dazu bedurfte er aber nur der eigenen
Welt, und so war Beschaulichkeit und Milde gegen andere, in
Stunden des Schwankens nicht selten ein läßlicher Quietismus
sein Los. Den Willen als etwas der Erscheinungswelt Ent—
zegengesetztes kannte er nur wenig:

Da ist's denn wieder, wie die Sterne wollten,
Bedingung und Gesetz, und aller Wille
Ist nur ein Wollen, weil wir eben sollten.
Darum wartete er ruhig ab, was ihm das Schicksal bieten,
ob es ihm drohen oder winken werde. Und selbst die früh
gemachte Erfahrung, daß sich niemand mit sich selbst und mit
anderen unverworren erhalten könne, brachte ihn nicht aus
dem Gleichgewicht genießender Beschaulichkeit, für dessen Be—
stand er alle Kräfte seines Strebens nach außen und seiner
Selbsterziehung aufwandte: so daß es ihm der Regel nach
gelang, drohende Konflikte an den Grenzen seines Wesens auf—⸗
zuhalten und auszufechten. So hätte man im biblischen Sinne
von ihm sagen können, daß sein Leben verborgen war in Gott,
und selbst in Zufälligkeiten und Einzelheiten, in seiner Vor⸗
liebe zur Maskierung, zum Inkognito, in seiner Kunst, um⸗
fassende Ansichten unter einem einzigen unauffälligen Worte, ja
sogar sich selbst gelegentlich in Unauffälligkeit zu bergen, drückt
sich immer wieder diese Elementaranlage seiner Seele aus.
Wie ganz anders war des Freundes Temperament! Schiller
war von rastlos vorwärtsjagenden, ja sich überstürzenden Trieben;
noch 1799, schon todkrank, kam er sich nach Beendigung der
Wallenstein⸗Trilogie, da er nicht alsbald einen neuen Plan durch⸗
        <pb n="245" />
        Neue Dichtung.

537
jührte, vor, wie wenn er im „luftleeren Raume“ schwebe. So
treibt bei ihm ein in leidenschaftlichen Spannungen kochendes
Willenselement Affekte und Gefühle in schneller Fülle und Wucht
in die Wirklichkeit. Eine vulkanische Natur, wäre sie nicht
durch ein zarteres Element, eine große Innigkeit des Empfindens
gemäßigt worden. Durch diese wurde sie, vornehmlich in
späteren Jahren gesicherter Existenz und freilich auch zunehmen—
der Krankheit, zu einer besonderen Heiterkeit gestimmt, zu dem,
was Schiller in Augenblicken von Bedeutung Freude nannte:

Froh, wie seine Sonnen fliegen

Durch des Himmels prächt'gen Plan,

Laufet, Brüder, eure Bahn,

Freudig, wie ein Held zum Siegen!
Ein Willensmensch war Schiller an erster Stelle auch im
Reiche der Gedanken: „nichts genierte ihn, nichts engte ihn
ein,“ rühmt Goethe im hohen Greisenalter bewundernd von
ihm, „nichts zog den Flug seiner Gedanken herab; was in ihm
von großen Ansichten lebte, ging immer frei heraus ohne Rück—
sicht und ohne Bedenken.“ Aber auch praktisch suchte der
Dichter das Schicksal zu zwingen, und nie erlosch sein Be—
dürfnis, auf andere zu wirken, anderen zu befehlen und zu
dienen. So ist sein Leben erfüllt von einem Freundschaftskult
aktivster Art; und jenseits der Freunde sah er in der Nation
das vornehmste Element, das er beeinflussen, ja fesseln müsse,
so wie Voltaire Frankreich gefesselt habe. Von diesem Stand⸗
punkte aus war ihm das Schicksal seiner Dichtungen nicht
zleichgültig, während Goethe den seinigen ein schlechter Vater
war; er sorgte für deren Verbreitung und auch für die der—
jenigen Goethes, und auf dem Gebiete des Buchhandels ent—⸗
faltete er die Eigenschaften eines genialen Unternehmers,
während Goethe, wenn in diese Dinge hineingezogen, ver⸗
wundert in den Schranken des aristokratischen Kaufmanns von
altem Schrote verharrte.

Wie mußten nun diese Fundamentalunterschiede im eigent⸗
lich schöpferischen Moment, in der Dichtung beider Freunde,
hervortreten! Ausgeprägt waren sie bis zu dem Grade, daß
        <pb n="246" />
        538

weiundzwanzigstes Buch.
Goethe innerlichst zwischen den Berufen des Dichters und
Malers, Schiller zwischen denen des Dichters und Predigers
geschwankt hat: anschauliche Dichtung lautete die Losung
Goethes, Schillers dagegen phantasievolle Dichtung von rheto—
rischer Färbung. Goethe fand deshalb seine Stoffe, ohne sie
zu suchen. Er war glücklich über den Besuch der Muse, aber er
iud sie kaum ein. Er bildete seine Gestalten von außen nach
innen; er erlebte das Gedicht so lange, bis es kreiste; und
dann erfolgte mühelos die Geburt. Darum dichtete er am
liebsten morgens, nach erquickendem Schlafe, der die Gestaltung
der Bilder vorgeschaffen hatte, und Verszeilen und Verse fielen
in vollendeter Rundheit wie Perlen von seinen Lippen. Dabei
wandelte seine Sprache ruhig dahin, lieber geschwätzig als ab—
gerissen, niemals getrübt und undurchsichtig. Schiller dagegen
fühlte die Begeisterung als einen unbestimmten Drang zur
Schöpfung, Musik, selbst einfaches Spiel Lottens auf dem
Spinett löste ihn aus, und die Abend- und Nachtstunden waren
seinem Schaffen die liebsten Gefährten. Erst aus dieser sub—
jektiven Empfindung heraus suchte er dann nach Stoffen, die
geeignet waren, den Schaffensdrang in sich aufzunehmen und
zu verkörpern. So hat er den Sazß aufstellen können, daß alle
Geburten unserer Phantasie zuletzt nur wir selbst seien, da in
unserer Seele alle Charaktere nach den Urstoffen schliefen. Und
seine Phantasie arbeitete unter diesen Bedingungen so kräftig,
daß sie sinnlich niemals Geschautes realistisch zu verlebendigen
wußte: so erstaunlich schon in dem Jugendgedichte „Die
Schlacht“, so vollendet an der Neige seines Lebens in den
Schweizerszenen des „Tell“. Aber diese überströmende Phantasie
arbeitete nicht ruhig, sondern stoßweise. Dem Befehl eines
herrischen Willens unterstellt, werde sie gleichsam als Sklave
tätig, und ihre Erzeugnisse blieben deshalb nicht frei von
Schlacken. Wie oft hat darum Schiller auch an der Form
seiner Schöpfungen im weiteren Sinne geändert, und selbst
im einzelnen sind die Manuskripte seiner Gedichte voll von
Streichungen und Korrekturen.

Sind das scheinbar äußerliche Beiträge zur Psychologie
        <pb n="247" />
        Neue Dichtung.

539
der Dichter, so haben wir das Glück, den Weg zu einem noch
weitergehenden Verständnisse durch Schiller selbst eröffnet zu
sehen. Denn der reflektierende Dichter hat in den Abhandlungen
über naive und sentimentalische Dichtung selbst Studien zur
Psychologie der Dichtung geliefert, denen eigenste Erfahrungen
wie auch Reflexe aus der vertrauten Beobachtung Goethes nicht
fern geblieben sein können.

Schiller geht in diesen Studien allerdings im Grunde von
einem Fundamentalunterschiede der praktischen Psychologie über⸗
haupt aus, von dem zwischen dem Realisten und dem Idealisten,
um ihn in einem noch heute fast durchweg geltenden Sinne zu
formulieren. Der Realist ist ihm „in Rücksicht auf das Theo—
retische ein nüchterner Beobachtungsgeist und von fester An—
hänglichkeit an das gleichförmige Zeugnis der Sinne“; „in
Rücksicht auf das Praktische“ zeigt er „eine resignierte Unter—
werfung unter die Notwendigkeit (nicht aber die blinde Nöti—
gung) der Natur: eine Ergebung also in das, was ist und
sein muß.“ Die Eigenart des Idealisten dagegen sieht er
darin, daß er „im Theoretischen ein unruhiger Spekulations—
geist“ ist, „der auf das Unbedingte in allen Erkenntnissen
drängt, im Praktischen“ aber einem „moralischen Rigorismus“
huldigt, „der auf dem Unbedingten in allen Willenshandlungen
besteht“.
Der Realist beweist sich demgemäß „als Menschenfreund,
ohne etwa einen sehr hohen Begriff von den Menschen und
der Menschheit zu haben“; der Idealist „denkt von der Mensch—
heit so groß, daß er darüber in Gefahr kommt. die Menschen
zu verachten“.

Höchst lehrreich ist nun, wie Schiller, wenn auch nicht in
der Art des Verlaufes, so doch im Grunde seiner Erörterungen,
von diesen beiden allgemeinen Typen Anwendung macht auf
den Typus des Dichters. Auch die Dichter zerfallen ihm in
Realisten und Idealisten. Ist ein Dichter Realist, so wird er
ganz von seinem Gegenstande beherrscht sein: wie die Natur,
ja wie die Gottheit steht er hinter seinem Werke. Der idea—
listische Dichter dagegen wird in der Natur erst das Ideal
        <pb n="248" />
        540

Zweiundzwanzigstes Buch.
suchen, das er sich von ihr geschaffen hat; und mit bewußter
Geisteskraft wird er nach ihm ringen. Demgemäß erscheinen
die Realisten als naive Dichter, da sie die Natur sind, die
Idealisten dagegen als sentimentalische, da sie diese suchen.

Die größeren Dichter aber sind die sentimentalischen Idea—
listen: denn der naive Realist kann in seiner Art eine gewisse
endliche Vollkommenheit so gut wie absolut erreichen: der
sentimentalische Dichter dagegen, der nach einem niemals ganz
erreichbaren Ideale strebt, wird eben durch sein nie ermattendes
Annäherungsbestreben an eine unendliche Größe ständig höher
zehoben.

Nun ist klar, daß Schiller in diesen Ausführungen nicht sich
und Goethe charakterisiert hat: denn wann gingen Charaktere
jemals völlig im Typus auf? Aber daß ihn der Unterschied
der beiden Charaktere in seinen Beobachtungen mit geleitet
hat, ist nicht zu leugnen. Und so wird man eben an der
Hand seiner Ausführungen zur weiteren Einsicht über die beider⸗
seitigen Übereinstimmungen und Gegensätze gelangen.

In der Tat hatte Schiller vieles vom sentimentalischen
Dichter. Er strebte ohne Unterlaß hinaus in die Welt der Ideale;
und so waren es nicht allzuviele, aber eben die größten Probleme
des Menschenlebens, die ihn beschäftigten. Nicht zum mindesten
aus diesen Zusammenhängen heraus ist er zum Dramatiker
geworden, zum Dichter der Tat, während Goethe, mehr episch
und lyrisch angelegt, vor allem als Dichter eines verwickelteren
Innenlebens, als Dichter des Gemütes gelten darf. Ja bei
Schiller kann es geschehen, z. B. in der Besprechung von
Matthissons Dichtungen, daß er die Kunst auf den Menschen
als ihren einzigen Gegenstand einschränkt. Und so versenkte
er sich denn nicht in das volle, warme Element der Dinge,
sondern haftete gleichsam an deren idealem Umriß: bis ihm,
unversöhnlich in sich, der große Gegensatz von Natur und
Geist heraussprang. Dabei war ihm der Geist die hohe sitt—
liche Idee und, menschlich gefaßt, der energische klare Wille.
Dieser aber erscheint ihm als Herrscher über die Natur: „es
st der Geist, der sich den Körper baut.“
        <pb n="249" />
        Neue Dichtung.

541
Mit diesen Sätzen stehen wir an dem Urquell des Idea—
lismus Schillers; die Idee der Suprematie des Willens hat
der Dichter selbst in Sätzen wie dem folgenden ausgedrückt,
daß es schönstes Ziel des Menschen sei, „der Mechanik seinen
Natur nach Gefallen mitzuspielen und das Uhrwerk empfinden
zu lassen, daß ein freier Geist seine Räder treibt“. Und in
Leben und Sterben hat er diesen Satz mit seinem Blute be—
siegelt. Es ist der Zusammenhang, aus dem her Goethe später
äußern konnte, durch alle Werke Schillers sei die Idee der
Freiheit gegangen.

Wie anders Goethe selbst! In einem Briefe an Schiller
hat er sein Talent eine Naturkraft genannt, die, wie sie sich
selbst bilden muß, auch aus sich selbst und auf ihre eigene
Weise wirke. Klingt das nicht fast wie eine Definition des
naiven Dichters? So versteht es sich, daß Goethe einen
Unterschied zwischen Geist und Natur im Grunde nicht kannte:
Geist und Natur sind eines nur. Und als höchstes Ziel mensch—
licher Bildung und Kunst erschien es ihm, das Bewußtsein der
allumfassenden Bedeutung einer durchgeistigten Natur zu fördern
und ungetrübt fortzupflanzen:
Am Sein erhalte dich beglückt!

Ist das nicht zugleich die vollständige Absage an eine Welt—
anschauung und ein Temperament, wie diejenigen Schillers?

Dennoch gab es, in ideglistischer Richtung von der Natur
her, Vereinigungspunkte höchster Art, in denen die Dichter
sich ausglichen und zu höchstem Schaffen trafen.

In jenem Briefe zu Goethes Geburtstage im Jahre 1794,
mit dem Schiller Goethes Herz gewann, sagt er ihm: „Sie
suchen das Notwendige der Natur, aber Sie suchen es auf
dem schwersten Wege, vor welchem jede schwächere Kraft sich
wohl hüten wird. Sie nehmen die ganze Natur zusammen,
um über das einzelne Licht zu bekommen; in der Allheit ihrer
Erscheinungsarten suchen Sie den Erklärungsgrund für das
Individuum auf .... Wären Sie als ein Grieche, ja nur
als ein Italiener geboren worden, und hätte schon von der
        <pb n="250" />
        z42

Zweiundzwanzigstes Buch.
Wiege an eine auserlesene Natur und eine idealisierende Kunst
Sie umgeben, so wäre Ihr Weg unendlich verkürzt, viellejcht
ganz überflüssig gemacht worden. Schon in die erste An—
schauung der Dinge hätten Sie dann die Form des Not—
wendigen aufgenommen, und mit Ihren ersten Erfahrungen
hätte sich der große Stil in Ihnen entwickelt.“ Es ist die
erste klare Darstellung des Kerns der Goetheschen Natur—
philosophie, wie wir sie schon früher kennen gelernt haben!:
Goethe selbst hat es anerkannt; in Schillers Worten fand er
mit freundschaftlicher Hand die Summe seines Seins gezogen.
Und der Mann, der Goethes Innere so zu erschließen ver—
stand, sollte seinen Anschauungen so gänzlich fern gestanden
haben? Eben in der Vorstellung von einem Idealen hinter
der Welt der Erscheinungen trafen sich die Dichter, mochte
diese Vorstellung auch bei Goethe mehr als eine triebmäßig
hharakterisierte aus der Natur, bei Schiller als eine mehr
willensmäßig gedachte aus der Geschichte abgeleitet sein. Und
mehr. Wir wissen bereits?: eben von dieser Vorstellung aus
waren beide schon in den ersten Jahren ihrer Freundschaft
einig darin, daß sie noch nicht ein Letztes bedeute. Für beide
vielmehr erhob sich über der Welt der Erscheinungen und über
der Welt der Gedanken diese beherrschend eine dritte Welt,
in der sie beide letztlich lebten: „das dritte Idealische,“ wie
es Schiller einmal ausgedrückt hat, „was Natur und Kunst
zuletzt zusammenknüpft.“ Vor ihm, vor dem Reiche des ein⸗
fach Schönen, in der letzten Harmonie, verschwanden schließlich
die Unterschiede des naiven und des sentimentalischen Dichters,
verschmolzen auch die Abweichungen beider Freunde in Tempera⸗—
ment und Charakter, in Weltanschauung und Dichtung. Und
nicht als ob damit eine schwächliche Transfusion beider ein—
getreten wäre. Sie blieben im Kerne, was sie waren, aber
uͤber ihnen leuchtete als Stern glücklicher Zukunft die stetige
Möglichkeit des innersten Verständnisses: und aus ihr erstand

1S. oben S. 381 ff.
2 S. oben S. 407.
        <pb n="251" />
        Neue Dichtung.

543
als Glück der Gegenwart eine nimmer ermattende gegenseitige
Befruchtung.

Wie treten doch demgegenüber die Tätigkeiten zurück, in
denen wir die Dichter nach 1794 nun auch äußerlich vereint
sehen: sie geben Zeitschriften mehr oder minder gemeinsam
heraus; sie stellen in den „Xenien“ ihre besonderen Standpunkte
innerhalb der literarischen Bewegung Deutschlands gegen Freund
und Feind gleich gerecht, wenn auch nicht ohne gelegentlich
verletzende Offenheit fest; sie nehmen sich des Weimarschen
Theaters an, wobei bezeichnenderweise Goethe das Anschauliche
von der Wahl der Kulissen bis zur Harmonisierung der Ge—
bärden der Schauspieler, Schiller das Rhetorische und damit
nach seiner Übersiedlung nach Weimar die Leseprobe zufällt.
Wichtiger ist, daß früh schon und allmählich immer innerlicher
eine Belebung der beiderseitigen Schaffenskraft eintrat, die recht
eigentlich den Gipfelpunkt der neuen Freundschaft bezeichnete;
ohne Bedenken kann man für Goethe einige Jahre gegen den
Schluß des 18. Jahrhunderts als die herrlichsten und frucht—
barsten seines Lebens herausheben; und Schiller hat von der
Arbeit am „Wallenstein“ ab bis zu seinem frühen Tode eine
heinahe unglaubliche Schöpferkraft entfaltet: 1798 „Wallen⸗
steins Lager“, 1799 ,Die Piccolomini“ und „Wallensteins Tod“,
1800 „Maria Stuart“, 1801 „Die Jungfrau von Orleans“,
1803 „Die Braut von Messina“, 1804 „Tell“, 1804 auf 1805
Demetrius“.

In welchem Grade diese dichterische Gemeinschaft hob,
zeigt aber wohl nichts besser als der Fortschritt in der Lyrik
Schillers. War Schiller bis dahin überwiegend rhetorisch zu—
fahrend und aus zu leidenschaftlicher Art des Fühlens stimmungs-
los, so war fast alles schon, was die „Horen“ von 1795 und
der „Musenalmanach“ des Jahres 1796 von ihm brachten, von
tiefster Stimmung, ruhig und abgeklärt. Ja auch in Gedichten
stark persönlichen Gepräges, wie den „Idealen“, näherte er sich
typisierender Meisterschaft: wie sehr sind die „Ideale“ fast der
allgemeine Ausdruck einer rührenden Klage um die verlorene
Jugend: Goethe war darum von dem Gedichte besonders er—

Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 2. 35
        <pb n="252" />
        344

Zweiundzwanzigstes Buch.
griffen, denn er fühlte die Verwandtschaft mit seiner Art. Vor
allem aber wurde Schiller jetzt der Meister des philosophischen
Gedichtes, und in einzelnen Fällen gelang ihm die Durch—
dringung gedankenschweren Stoffes mit höchster Form aufs
vollkommenste. Nirgends wohl mehr als in dem „Liede von
der Glocke“: hier gehen eindrucksvolle und deutliche Darstellung
der Handlung und sinnvolle Betrachtung des individuellen und
sozialen Lebens in einer Harmonie zusammen, der absichtlicher
Tiefsinn und verwickelter Schwulst gleich fern stehen; und
nirgends vielleicht wird darum die innerliche Zucht der Lyrik
Goethes sichtbarer.

Goethes Lyrik selbst aber hatte inzwischen einen Zug
erhalten, der sie von der gleichsam persönlichen Typik der
früheren Periode entfernte. Was diese frühere Zeit aus—
gezeichnet hatte, war das persönliche Erlebnis gewesen und
dessen Mitteilung zwar in verallgemeinerter Form, aber doch
in so lebensvoller Darstellung der sozusagen bloßen lyrischen
Existenz bei ungemeiner Schärfe des Sehens, daß gerade in
dieser Hinsicht ein Anschluß fast schon an die impressionistische
Dichtung einer weit späteren Zeit erreicht wurde. Jetzt dagegen
trat das persönliche Erlebnis mehr zurück oder verflüchtigte
sich zu allgemeinsten Formen, und dem folgte auch die innere
Form, in dem sie in blasseren Farben atmete. So sind z. B.
schon Gestalten wie die Mignons oder die des Harfners gewiß
Verkörperungen des lyrischen Bedürfnisses des Dichters und
ihre Gesänge Erzeugnisse höchster Kunst, dennoch aber tritt in
diesen die rein persönliche Note bereits zurück. Weit mehr aber
ist das bereits in den „Der Geselligkeit gewidmeten Liedern“
der Fall, die Goethe im Jahre 1804 erscheinen ließ. Auch
hier ist die Kunst von vollendeter Reife, aber an Stelle des
Erlebnisses tritt die Phantasie, die Gestalten verobjektivieren
sich gleichsam, und das Gebilde nähert sich epischer Empfindung,
oweit sich nicht selbst schon Allegorisches aufdrängt.

Eben dieser Zug zum Epischen, von vornherein Objektiven
ist nun für den Dichter, dessen Leben sich jetzt um die fünf—
ziger Jahre bewegt, charakteristisch. Der erzählende Zug, einer
        <pb n="253" />
        Neue Dichtung.

545
der Grundfaktoren der Goetheschen Kunst, tritt mehr hervor,
und breit hat er schon den Ausgang des 18. Jahrhunderts
beherrscht: „Reinecke Fuchs“ ist 1794 erschienen, „Wilhelm
Meisters Lehrjahre“ 1795—96, die „Römischen Elegien“ 1795,
„Alexis und Dora“ 1796, die Balladen und „Hermann und
Dorothea“ 1797: lyrisch durchzogene Erzählung, Epos ver—
schiedener Formgebung und Roman beherrschen das Feld. Und
eben indem die Dichtung Goethes diese Wendung nimmt, er⸗
steigt sie eine letzte, höchste entwicklungsgeschichtliche Stufe des
Klassizismus.

Zwar die Balladen brachten, wie wir wissen!, keine neue
Form des Epos: die short story in Versen war, zum Teil
in Anknüpfung an englische Vorbilder, schon von Schubart
und Bürger wie anderen, vereinzelt auch von Goethe selbst,
aus dem deutschen Bänkelgesang entwickelt worden. In welcher
Veredlung wurde aber diese Form von Goethe und im engsten
Zusammenhange mit dem Freunde zugleich von Schiller gepflegt.
Das Jahr 1797 wurde von Schiller das Balladenjahr genannt;
es schenkte der Nation aus dem reichen Schoße der Dioskuren
fast möchte man sagen die schönsten all der Gedichte, deren
Form und Inhalt noch heute vor allem die Jugend entzückt.
Für Goethe bedeutete das den Verzicht eines innerlichen Be—
itzes, den er, zum großen Teile schon in fertiger Form, seit
langem in sich getragen und an dessen Vortrag er sich heim—
lich ergötzt hatte: so sind seine Balladen kurz, schlagend, von
geschliffenstem Feuer und doch behaglichem Glanze: es ist die
Fortsetzung der Bürgerschen Ballade ihrer inneren Tendenz
nach. Schillers Balladen dagegen entstanden zumeist erst im
edlen Wettbewerbe mit Goethe; darum sind sie gleichsam ge—
—
berlaufen mehr in der Richtung einer Fortsetzung der äußeren
Balladenform Bürgers. Doch wer will im einzelnen scheiden,
was in diesem reichen Kranze dem einen oder dem anderen
der Dioskuren angehört? Wir wissen, daß sie die Stoffe unter

S. oben S. 454ff.
        <pb n="254" />
        546

Zweiundzwan zigstes Buch.
sich verteilt haben; wir sehen, wie die typische Durchbildung
im Goetheschen Sinne bald in einer Ballade Schillers über—
wiegt, bald die Deklamation Schillers eine Erzählung Goethes
heeinflußt zu haben scheint; und in einer Ballade, der vom
„Ringe des Polykrates“, erlauben uns die Akten, noch ziemlich
genau in die Werkstatt der beiden Blicke zu tun: in ihrer
jetzigen Gestalt kann sie als Gesamtprodukt beider bezeichnet
werden.

Goethe aber war es, der den Weg des Epos weiter ver—⸗
folgte, während eben die letzten großen Balladen Schillers,
die „Kassandra“, „Hero und Leander“, beide vom Jahre 1802,
lyrische Stimmung verraten. Goethe schritt zur halb episch
gehaltenen Elegie und schließlich zum modernen Sittenepos
fort: und auf so herrliche Stücke wie „Alexis und Dora“
folgten „Hermann und Dorothea“ und die Bruchstücke der
„Achilleis“. Von ihnen ist „Hermann und Dorothea“ durch
Schiller als der Gipfel aller modernen Kunst bezeichnet worden:
mit Recht, wenn man mit Schiller die klassische Dichtung als
moderne Kunst par excellence versteht. Denn hier ist mit
seltensten Sinne deutsches Leben im milden Glanze seines
typischen Daseins so gemalt, daß es ins allgemein Mensch⸗
liche gehoben: daß Menschenleben in seinen wichtigsten Augen—
blicken überhaupt geschildert zu sein scheint. Die Form, in der
es geschah, war dabei nicht neu; Voß, der treffliche Übersetzer
der homerischen „Odyssee“ und auch der „Ilias“, hatte die
epische Technik der Griechen in den Dienst einer etwas haus⸗
backenen niederdeutschen Idyllik halbepischen Charakters gestellt;
1784 war seine „Luise“ erschienen. Aber wie überbot Goethe
diese Anfänge! In fest geordneter Marschroute gleichsam, mit
der hellen Klarheit, die das Gedicht auszeichnet, fast unter der
Beobachtung der Einheiten des französisch-klassischen Dramas,
führt uns der Dichter in jenes Leben des mittleren deutschen
Bürgertums ein, dessen geistige Vertreter die wichtigsten sozialen
Träger wie des seelischen Aufschwungs der Zeit überhaupt, so
auch der Dichtung gewesen sind: nie hat sich eine Kunst ihres
sozialen Ursprunges gleich würdig und beinahe fromm ent—
        <pb n="255" />
        Neue Dichtung.

547
sonnen. Und so sehr die Typik des Standes in den wichtigsten
seiner Vertreter gewahrt wird, so ist doch alles aktuell belebt:
der Hintergrund der französischen Revolution leuchtet auf, und
selbst die Moden der Zeit finden Berücksichtigung: man kann
das Stück auf eine ganz bestimmte Zeit eindatieren: das Jahr
1796, da Moreau über den Rhein geht, Frankfurt beschossen
und Schwaben von den französischen Heeren überschwemmt
wird. Und dennoch auf der anderen Seite die vollste Dar—⸗
legung des Allgemein-Menschlichen! Sie wird erreicht, indem
die Gestalten in der Typik ihres Gehaltes ein wenig über die
Darlegung ihrer sonstigen Eigenschaften erhöht werden: so er⸗
halten sie etwas von der Plastik des modernen malerischen
Idealismus eines Millet, Böcklin oder Klinger; die Umwelt
tritt, wie scharf auch immer gezeichnet, hinter sie zurück, und
ndem sie das gehobene Wesen bestimmter Berufe wider—
zustrahlen scheinen, vereinigen sie sich zur durchsichtigsten
Charakteristik der Totalität einer menschlichen Gesellschaft.
„Hermann und Dorothea“ ist 1797 entstanden, das „Lied
von der Glocke“ 1799: man darf wohl sagen, daß sie den
Kreis menschlichen Daseins, in der besonderen Lebensluft
deutsch-bürgerlicher Entwicklung des 18. Jahrhunderts erfaßt,
böllig und durchaus der Eigenart der beiden großen Dichter, die
sie schufen, wie dem Wesen ihrer gemeinsamen Anschauungen
entsprechend umschließen. Und so sind sie zu Lieblingsdichtungen
der Nation geworden und haften ganz oder teilweise im Ge—
dächtnisse von Tausend und Abertausend ja von Millionen
Deutschen: und auch keiner der Fremden, der ihre deutsche
Schönheit einmal empfunden hat, wird sie je wieder vergessen.
Das Epos ist, welcher Art es auch sein mag, unter allen
Umständen eine konzentrierte Erzählung; in ihm drängt die
Handlung in bestimmtem Sinne einem bestimmten Ziele zu,
und danach regeln sich die Einzelheiten der Formgebung.
Anders der Roman. Der Roman ist, um mit Goethe zu reden,
„eine subjektive Epopöe, in welcher der Verfasser sich die Er—
laubnis ausbittet, die Welt nach seiner Weise zu behandeln“;
er ist ein Gemälde, vielleicht eine Gemäldesammlung, die zu
        <pb n="256" />
        8
54

Zweiundzwanzigstes Buch.
—EDD0
sich, daß die strengere Form des Epos, so lange sie sich noch
lebendig fortgebildet sah, gegen den Roman im Grunde Ver—
wahrung eingelegt hat; noch Schiller hat Romandichter nur
für Halbpoeten erachtet.

Gleichwohl: seit dem 16. Jahrhundert spätestens, seitdem
die Welt bunter und die Darstellungsgabe intensiver geworden
war, war der Roman vorhanden, und der Harfner der Vor—
zeit, der erzählende Vagant der Landstraße des hohen Mittel⸗
alters, der Geschichtenerzähler auf dem Markte der spätmittel⸗
alterlichen Stadt wurde abgelöst durch den Buchführer des
16. Jahrhunderts, der etwa Jörg Wickrams „Rollwagen—
büchlein“ um wenig Geld darbot, und durch den Sortimenter
des 17. und 18. Jahrhunderts, der die dickleibigen Hofromane
dieser Zeiten verkaufte.

Groß war dabei die Kunst der älteren Romandichtung
nach heutigen Begriffen nicht. Der Roman des 16. und
17. Jahrhunderts, des individualistischen Zeitalters überhaupt,
ging noch ganz im Erzählen von Taten auf; von einer
Charakteristik der Helden war keine Rede; sie lieben nur und
werden geliebt, kämpfen und schlagen sich durch die Welt:
sind Subjekte und Objekte von Handlungen. Nicht minder ist
ihre Umwelt nur eine solche von Ereignissen: rascher Zug der
Erzählung bei aller Verworrenheit des Inhalts ist das einzige
allenfalls durchgehende künstlerische Prinzip.

Diese Art des Romans war nun in England und Frank—⸗
reich, vornehmlich aber in England als dem frühesten Träger
subjektivistischen Seelenlebens innerhalb der Völkerfamilie West⸗
und Mitteleuropas seit Beginn etwa des 18. Jahrhunderts
eine andere Art entgegengetreten. Der Roman wurde jetzt die
poetische Form der Darstellung der Zustände, die man zum
erstenmal in ihrem eigentlichen sozial-psychischen Wesen zu ahnen
begann: und so schrieb man ihm die Aufgabe zu, Begeben—
heiten und Gesinnungen zu schildern, während die Wiedergabe
von Charakteren und Handlungen dem Drama zugewiesen

blieb. Es war eine Richtung, mit der in der Tat die Anfänge
        <pb n="257" />
        Neue Dichtung.

349
des modernen psychologischen Romans gegeben waren; und
ihre vollendeten Erzeugnisse, vor allem die Romane Richardsons
(„Pamela“ 1740, „Grandison“ 1753) fanden in Übersetzungen
weite Verbreitung auch in Deutschland.

Was aber wollte ihr Einfluß gegenüber dem der franzö—
sischen Entwicklung besagen, die, nach manchen durch englische
Einwirkungen unterstützten Anfängen, in den großen Romanen
Rousseaus, der „Neuen Héloise“ von 1760 und dem „Emil“
von 1762 gipfelte! Wie in Frankreich wurden Rousseaus
Bücher auch in Deutschland gierig verschlungen; und allent—
halben begegnet man Spuren ihres Wirkens, in der Literatur
wie in der Entwicklung des Seelenlebens überhaupt.

Das, was sie auszeichnet, die durchgeführte Schilderung
eines Charakters, hatte man allerdings in Deutschland seit
Mitte des 18. Jahrhunderts auch schon versucht, und es waren,
hervorgehend aus einem immer mehr verbreiteten psychologischen
Interesse, Romane entstanden, deren Gestalten sich günstigen⸗
falls nach Tiefe und Breite der Auffassung etwa der gleich—
zeitigen oder wenig späteren Porträtkunst eines Mengs oder
Graff vergleichen lassen. Allein keines von diesen Büchern
—
reichen, war Goethes „Werther“ vorbehalten geblieben. Durch
ihn aber wurde Rousseau in Deutschland wirklich geschlagen,
wenn auch teilweise mit seinen eigenen Waffen, denn der
Zusammenhang selbst der Form von „Werthers Leiden“ mit
den Romanen des Genfers ist offenbar.

Werther ist schon ein durch und durch subjektivistischer
und insofern moderner Romanheld; erfüllt erscheint in ihm
bereits die Forderung der älteren Romantik, daß es, „um
einen Roman berühmt zu machen“, genüge, „wenn ein durch—
aus neuer Charakter darin auf eine interessante Art dargestellt
und ausgeführt wird'. Wie aber erfolgte diese Ausführung
in „Werthers Leiden“? Wie schon der Titel deutlich zeigt,
ist der Held ein passiver Charakter: keine Spur von dem
Tatendurst früherer Romanfiguren: entschlußlangsam lebt er
in Empfindungen, und indem er sich bewußt in ihnen schaukelt,
        <pb n="258" />
        0

Zweiundzwanzigstes Buch.
sieht er auch die Welt nur durch ihr trübes Mittel. Handelte
es sich da, bei einem solchen Helden, in der Tat nur noch um
ein Einzelbildnis? Nein — durch den Helden hindurch er—
scheint die Zeit; und eben sie, das ist der gleichsam erzieherische
und programmatische Zweck, soll durch Schilderung eines patho⸗
logischen Vertreters überwunden worden.

Und so schillert schon dieser früheste Roman Goethes aus
dem Individual- in das Sozialpsychische — wie es nicht minder
mit den Bekenntnissen einer schönen Seele, jenem verhältnis—
mäßig fruüh entstandenen Einschiebsel in „Wilhelm Meisters
Lehrjahren“, der Fall ist.

Es ist ein Zug zur höheren Ausbildung des Romans, der
eben in „Wilhelm Meisters Lehrjahren“ zum erstenmal volles
Leben gewinnt. Goethe hat an dem Werke, das 1795 auf
1796 veröffentlicht wurde, lange Zeit, gegen zwei Jahrzehnte,
gearbeitet; kein Wunder daher, wenn es nicht als aus einem
Gusse hervorgegangen erscheint und insofern auch den Meister
selbst nicht befriedigte. Seine entwicklungsgeschichtliche Be—
deutung wird ihm dadurch nicht genommen. Diese aber beruht
m Grunde in einem Doppelten.

Einmal wird hier zum erstenmal die Aufgabe des sub—
ektivistischen Romanes, ein Totalbild einer bestimmten Zeit
zu geben, grundsätzlich ganz erfaßt. Was Goethe beabsichtigt,
ist ein breites Gemälde seiner Gegenwart zu entwerfen: und
wwar dieser Gegenwart nicht in ihren eminenten Handlungen,
sondern in ihrem sozialpsychischen Gemeinleben, ihrem Diapason.
Es ist eine Aufgabe, die in einem individualistischen Zeitalter,
das dieses Gemeinleben kennen zu lernen noch nicht reif genug
ist, nicht einmal vorzustellen gewesen wäre. Und indem der
Dichter in dieser Absicht zu Werke geht, stellt er mit sicherem
Instinkte dasjenige Problem der zeitgenössischen Geschichte in
den Vordergrund, das damals allen Leuten von Voraussicht
als das Wichtigste erschien, das der Erziehung. Wir werden
später an anderer Stelle! hören, in welchen merkwürdigen

Im neunten Bande, Buch XXIII, Kap. I.
        <pb n="259" />
        Neue Dichtung.

551
Formen die geistige Gesellschaft der zweiten Hälfte des 18. Jahr⸗
hunderts dazu überging, erste Vermutungen über die not—
wendigen öffentlichen Formen des neuen Seelenlebens, über
einen subjektivistischen Staat der Zukunft also, zu äußern.
Und wir haben schon erfahren!, daß man als eine unumgäng—
liche Vorarbeit für die Bildung dieses neuen Staates die Er⸗
ziehung der Zeitgenossen zu voller subjektivistischer Lebens—
haltung forderte. Von diesem Standpunkte aus also ergriff
Goethe das Thema: und in diesem Sinne ist sein Roman ein
Beitrag zur Geschichte auch der politischen Theorien.

Wie aber faßte er nun diese Erziehung auf? Sein Wil—
helm Meister ist ein Sohn wohlhabender bürgerlicher Eltern,
der in zweierlei Kreise gerät, Kreise des Theaters und Kreise
des Adels. Auf den ersten Augenblick eine sehr merkwürdige
Zusammenstellung. Indes läßt der Verlauf des Romanes
keinen Zweifel, wie sie gemeint ist. Wilhelm Meister soll in
den Schauspielerkreisen zum Künstler gleichsam der Kunst, in
den Adelskreisen aber zum Künstler des gesellschaftlichen Lebens
erzogen werden: um ästhetische Erziehung handelt es sich in
beiden Fällen, um eine Erziehung zugleich auch ethischen
Charakters, insofern edle Sitte sich der Kunst vermählt: um
die Verwirklichung mithin von Idealen, wie sie in verwandter
Weise Schiller in seinen Briefen über ästhetische Erziehung
vorschwebten. Und das hat Schiller sehr wohl empfunden,
wenn er von Wilhelm Meister sagte: „er tritt von einem
leeren und unbestimmten Ideale in ein bestimmtes tätiges
Leben, aber ohne die idealisierende Kraft dabei einzubüßen.“

Indem aber Wilhelm Meister in idealisierender Kraft
dahinlebt, hebt seine Erziehung zugleich auch alle anderen Ge⸗
stalten des Romans ins Ungemeine: sie sind alle typisiert, be—
deuten mehr als Individuen, sind Ausdruck von Tendenzen
und allgemeinen Zusammenhängen. Und diese Typisierung
der Gesialten steigert sich da, wo über dem Ungemeinen noch
das Außerordentliche gegeben werden soll, fast ins Allegorische.

S. oben S. 294 ff.
        <pb n="260" />
        552 Zweiundzwanzigstes Buch
Nirgends wunderbarer, überraschender, sozusagen neuer als in
den Gestalten des Harfners und Mignons. Welche Farben
werden hier lebendig: süßeste Sehnsucht, namenloses Hoffen,
pathetische Innigkeit, graue Melancholie — und schließlich wort—
karger Schmerz und tiefste schweigende Erschütterung. Nicht
minder wunderbar, vielleicht wunderlich erscheint es, daß das
Schicksal des Helden durch die geheimnisvolle Gesellschaft des
Turmes geleitet wird: ein sinnbildlicher Zug offenbar, eine
Verkörperung wohlwollender transzendenter Führung, eine
Theodicee des menschlichen Geschickes. Es sind romantische
Züge: und man sieht hier einmal deutlich, wie leicht sie sich
aus dem Typisierungsdrange des Idealismus entwickeln konnten,
sobald dieser ins Allegorische und damit wohl auch ins un—
mittelbar Mystische gesteigert wurde.

Es ist der zweite bemerkenswerte Zug an den Lehrjahren
Wilhelm Meisters: weist der Roman seinem Inhalte nach in
einer Perspektive von mehr als zwei Geschlechtern unmittelbar
auf den realistischen Sozialroman des 19. Jahrhunderts hin,
so wird er durch seine Form zu einem Vermittler aus dem
literarischen Zeitalter des Klassizismus hinein in die unmittel—⸗
bar folgende, ja um 1800 längst schon blühende Zeit der
Romantik.

Goethe aber hatte sich auch mit dieser Ausgestaltung des
Romans noch nicht genug getan. Erst in einem bei weitem
geschlosseneren Kunstwerke, als es „Wilhelm Meister“ ist, einer
Dichtung, die in ihrer dramatischen Spannung zugleich den
höchsten Anforderungen der Novelle gerecht wird, in den „Wahl⸗
verwandtschaften“, hat er, wenige Jahre nach dem Tode
Schillers, die Summe seiner erzählenden Kunst gezogen. Die
„Wahlverwandtschaften“ sind ein Ehebruchsroman, und schon
insofern gehören sie der um 1800 noch völlig neuen Strömung
des sozialpsychologischen Romans an. Während aber der Ehe—
bruchsroman, eine der frühesten und, bei den sitten- und sozial—
geschichtlichen Problemen des 19. Jahrhunderts, hartnäckigsten
Formen des sozialpsychologischen Romanes, von der Mehrzahl
der Dichter, die ihn pflegten, von den Kotzebue, Lafontaine
        <pb n="261" />
        Neue Dichtung.

553
und Genossen roh genug behandelt wurde, indem sie beim rein
Außerlichen, beim Erzählen stehen blieben, ging Goethe, trotz
romantischer und symbolischer Neigungen, die sich auch hier
verraten, der Hauptsache nach doch schon zu einer psychologisch
zerlegenden, naturwissenschaftlichen Behandlung über. Da wird
denn die Entwicklung der Charaktere durchaus zum Mittel—
punkte der Begebenheiten gemacht: und damit reicht die Ab—
sicht und vielfach auch die Durchführung schon unmittelbar an
die Anfänge der impressionistischen Kunst der zweiten Hälfte
des 19. Jahrhunderts heran.

Gewiß kann bei alledem betont werden, daß die moderne
Technik doch nicht erreicht ist. Allein wenn es richtig ist, daß
die Welt im „Werther“ noch vielfach durch den Schleier der
Empfindsamkeit gesehen ist, — daß im „Wilhelm Meister“ eigent⸗
lich nur die Theaterverhältnisse ganz plastisch dargestellt sind,
während schon die weitere Umwelt nur im Kontur erscheint
und gar die Linien des landschaftlichen und allgemeinen sozialen
Hintergrundes ins Ungewisse verschwinden, — daß endlich in
den Wanderjahren, diesem Werke des Alters, die Gestalten zu
Schemen verblassen und in ihren Adern statt Blutkörperchen
Abstraktionen rollen: so erscheinen die „Wahlverwandtschaften“
doch als das Werk, in welchem sich der Genius Goethes auch
in der Erahndung der künstlerischen Form am weitesten nach
borwärts gestreckt hat in neue Zeiten: und nur noch die
psychologischen Dramen, sowie manche lyrische Gedichte, als
psychologisches Drama auch der „Faust“, lassen sich in dieser
Hinsicht neben ihnen nennen.

Indem dies aber die geschichtliche Stellung dieser Werke
war, verloren sie an Bedeutung für die eigene Gegenwart.
Wie die Dramen, so haben auch die Romane Goethes den
Zeitgenossen nur in beschränktem Kreise etwas gegolten — auch
bon „Wilhelm Meisters Lehrjahren“ steht das fest; nur die
noch engen Kreise der Romantiker haben sie gefeiert —: der
eigentliche Dichter der Nation um 1800 war Schiller.

Schiller aber war um diese Zeit mehr wie je zuvor
Dramatiker: und so feierte der deutsche Klassizismus, insofern
        <pb n="262" />
        564

Zweiundzwanzigstes Buch.
er bereits den Zeitgenossen etwas bedeutete, seine größten
Triumphe eben im Drama. Gewiß waren dabei auf diesem
Gebiete neben Schiller auch noch Männer wie Iffland und
Kotzebue Lieblinge der Nation, und ihr Ruhm stand seit den
„Jägern“ etwa (1785) und „Menschenhaß und Reue“ (1789)
fest auf mehr als ein Jahrzehnt: aber doch erkannte auch schon
das größere Publikum in steigendem Maße die Überlegenheit
Schillers: und Szenen, wie sie sich in Weimar nach der ersten
Aufführung von „Wallensteins Lager“, in Leipzig nach der
Erstaufführung der „Jungfrau von Orleans“ und in Berlin
gelegentlich der Anwesenheit Schillers abspielten, sollen un—
vergessen bleiben in der Geschichte des nationalen Geschmackes.

Für das Drama des entwickelten Subjektivismus gilt im
allgemeinen der Satz, daß das Schicksal als immanent gedacht
wird: es entspricht das einem Grundzuge des subjektivistischen
Denkens, wie er sich aus den Naturwissenschaften her auch
den Geisteswissenschaften immer stärker mitteilte und bereits
auch in Kants Philosophie zutage trat. Denn wenn Kant von
Transzendenz redet und Transzendenz annimmt, so ist damit
doch nicht jene alte Transzendenz einer kausalitätslosen Dextra
manus Dei gemeint, von der das ältere Drama erfüllt war,
sondern nur die Tatsache zum Ausdrucke gebracht, daß inner—
halb der menschlichen Entwicklung neben dem Einflusse der
Sinnenwelt stetige Beziehungen unsinnlichen, geistigen Charakters
obwalten. Diese Transzendenz Kants ist also im Sinne der
älteren Transzendenz eine immanente.

Eine immanente Schicksalsidee in diesem Verstande von
Immanenz kann nun aber noch sehr verschieden gestaltet werden.

Einmal kann das Schicksal nun als sozusagen etwas Selbst⸗
verständliches gelten; es können die Ideen, die sich in ethischen
Anforderungen bei Schuld und Vergeltung, in einem Kausal⸗
nexus von großer Handlung und Katastrophe ausdrücken, wirken,
ohne als für den Charakter gerade dieses Dramas insbesondere
geltend empfunden zu werden. Dies ist der Fall, wenn das
Schicksal nichts ist als das Wirken der gewöhnlichen, seelischen
Umwelt, der Jedem gegenwärtigen Zustände, unter denen die
        <pb n="263" />
        Neue Dichtung.

555
Gestalten leben. Dann bewegen sich die Charaktere für den
Zuschauer frei von einem als fremd empfundenen Zwange
und treten ganz in den Mittelpunkt der Handlung: und es
entsteht das realistische Drama.

Anders liegt der Fall, wenn das Schicksal nicht als etwas
Selbstverständliches gilt: wenn es als eine als etwas Be—
sonderes empfundene Kraft die Gestalten überwältigt. Dies
kann geschehen entweder dadurch, daß Probleme früherer, nun
historisch gewordener Schicksalsformen aufgeworfen werden,
oder dadurch, daß ein Pflichten- und Rechtskoder, vielleicht
sogar eine Kausalität angenommen wird, die erst der Zukunft
angehört. Dann treten die Gestalten natürlich unter den
Zwang dieser Schicksale. Können sie aber unter diesen Um—
ständen noch realistisch gefaßt werden? Die Frage wäre zu
hejahen, wenn es gelänge, sie auf den Boden eines Seelen—
lebens zu stellen, das den Anforderungen des anders gearteten
Schicksals entspricht. Das ist aber niemals ganz möglich; denn
es hieße für den Dichter Veränderung seines Verhältnisses zu
seiner Zeit und damit seines geistigen Selbsts. Wohl aber
kann der Dichter anzupassen suchen. Und bei diesem Vorhaben
wird ihm die fremde Schicksalsart helfen, indem sie die Ge—
stalten in ihre Atmosphäre zu ziehen suchen wird. Es ist eine
der Arten, in welcher das idealistische Drama entstehen kann:
denn indem die Gestalten der Typik einer besonderen Schicksals—
idee unterliegen, verfällt ihre Darstellung ohne weiteres einem
besonderen Stile.

Dies idealistische Drama ist dann aber entweder historisch:
—in diesem Falle erscheinen die Gestalten früheren Schicksals—
deen unterworfen und dadurch gebunden, stilisiert: um so
stärker stilisiert, je mehr die Schicksalsidee Zeiten gebundenerer
Kultur als der heutigen, insbesondere etwa mystischen Zeiten.
der Urzeit oder dem Mittelalter angehört.

Oder aber das idealistische Drama wird Zukunftsdrama,
Tendenzdrama: dann erscheinen die Gestalten an Forderungen
einer ersehnten Kultur, an ein Schicksal der Zukunft geknüpft
und dadurch stilisiert: — insofern aber dies Schicksal freier
        <pb n="264" />
        556

Zweiundzwanzigstes Buch.
gedacht wird als das heutige, bewegen sie sich in sich freier,
ungebundener als die Charaktere der Gegenwart.

Im Sinne der soeben aufgestellten Unterschiede ist Schiller
kaum je völlig realistischer Dichter gewesen. In seiner Jugend⸗
zeit war er vielmehr idealistischer Zukunftsdramatiker und in
seinen reiferen Jahren historischer Idealist, während „Don
Carlos“, das Drama der Zeit zwischen Jugend und Reife,
zwischen diesen beiden Spielarten vermittelt.

Schon von dieser Betrachtung aus also hat Schiller eine
zwar einseitige, aber bedeutende Entwicklung erlebt. Stellen
wir uns aber auf den allgemeinen idealistischen Standpunkt
der letzten Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts und übersehen
von diesem aus die Einzelheiten seines Schaffens, so tritt uns
erst recht eine schier unentwirrbare und tatsächlich auch nicht
immer gänzlich klare Fülle der Entwicklung entgegen; und
Goethe behält recht mit dem Verse, in dem er gelegentlich eines
Maskenzuges im Jahre 1818, der Bilder aus Schillers Dramen
darstellte, den verewigten Freund „den Sinnenden“ nannte,
„der alles durchgeprobt“.

Wir erinnern uns, daß Schiller in seinen Jugenddramen
klar noch an Resten, in unklarer Weise vielleicht sogar noch am
Ganzen der christlichen Schicksalsidee festgehalten hatte!, wenn
sich ihr auch immer mehr, und schließlich im letzten Akte jedes
Stückes siegreich, ein immanentes, nicht näher charakterisiertes
Schicksal, ein Schicksal aber jedenfalls der Rache und der Ver—
geltung, entgegenstemmte.

Wie stellte sich nun zu dieser Entwicklung das erste der
großen Dramen der reifen Zeit, die „Wallenstein“-Triologie?
Man weiß, daß dem Dichter die Bewältigung dieses Stoffes,
der ihm aus der Bearbeitung der Geschichte des Dreißig⸗
lährigen Krieges zuwuchs, große Schwierigkeiten gemacht hat.
Und die Lösung ist denn auch keineswegs durchsichtig. Das
Schicksal scheint, etwas äußerlich betrachtet, beinahe in die
Armee verlegt zu sein; sie ist das „Objekt, worauf ‚Wallen⸗—

S. oben S. 4709 ff.
        <pb n="265" />
        Neue Dichtung.

557
stein‘ ruht“: „sein Lager nur erkläret sein Verbrechen.“ Wenn
aber anderseits im Prolog ausgesprochen wird, daß die Dichtung
die größere Hälfte der Schuld des Helden den unglückseligen
Gestirnen zuwälze, so erscheint das Schicksal doch weit um—
fassender: als das dunkle Walten einer Notwendigkeit in, viel⸗
leicht uber den Dingen. Das ist die Notwendigkeit, welche die
Tat des Helden aus seinem Charakter, aus der Vorgeschichte
und aus dem dadurch geschaffenen Drucke der Verhältnisse
hervortreibt, welche schließlich in einer unentwirrbaren Kausalität
den Untergang herbeiführt“. Diese „finstere Macht, die keines
Menschen Kunst vertraulich macht“ — ist sie nun eine sittliche
Idee?

Ihr gegenüber stehen die Gestalten, vor allem Wallen—
stein. Es scheint, daß er frei ist: „In deiner Brust sind
deines Schicksals Sterne!“ Und auch sein astrologischer Glaube
macht ihn nicht unfrei, denn er ist Ausfluß seines Wesens.
Gilt also für ihn die empirische Freiheit Kants? Und über
ihr als Schicksalsmacht Kants ethischer Transzendentismus?

Schiller hat im Jahre 1796 etwa als proton pseudos
des Stückes gefunden, daß „das Schicksal noch zu wenig und
der eigene Fehler noch zu viel zu Wallensteins Unglück tue“.
Er neigte also, wie er auch das Problem der menschlichen
Freiheit dramatisch zu lösen suchte, einem stärkeren Determi⸗—
aismus zu. Es war der Punkt, in dem er an die Alten an⸗
knüpfte, und von wo aus er von ihnen beeinflußt wurde;
gleichzeitig mit den zitierten Worten hat er antike Tragiker,
—0
höre man, aus dem Herbst 1797, folgendes merkwürdige Be—
kenntnis an Goethe: „Der Ödipus ist gleichsam nur eine
tragische Analysis. Alles ist schon da, und es wird nur heraus—
gewickelt. Das kann in der einfachsten Handlung und in einem
sehr kleinen Zeitmoment geschehen, wenn die Begebenheiten
auch noch so kompliziert und von Umständen abhängig waren.

S. Kettner, Einleitung zur Ausgabe des dramat. Nachlasses.
(Schillers Werke. Cottasche Jubil.-Ausg. VIII. S. IXX.)
        <pb n="266" />
        558

Zweiundzwanzigstes Buch.
Wie begünstigt das nicht den Poeten! ... Die Vorteile sind
unermeßlich, wenn ich auch nur das einzige erwähne, daß man
die zusammengesetzteste Handlung, welche der tragischen Form
ganz widerstrebt, dabei zum Grunde legen kann, indem diese
Handlung ja schon geschehen ist und mithin ganz jenseits der
Tragödie fällt. Dazu kommt, daß das Geschehene, als un—
abänderlich, seiner Natur nach viel fürchterlicher ist. . Aber
ich fürchte, der Odipus ist seine eigene Gattung, und es gibt
keine zweite Spezies davon.“ — Sollte die Erkenntnis der
dramaturgischen Vorteile der antiken Schicksalsidee unbewußt
zu schärferem Determinismus getrieben haben?

Schon die „Wallenstein“-Trilogie ist nach unendlichen Mühen
schließlich so „organisiert“ worden, daß nur der letzte Teil die
eigentliche Tragödie enthält und die beiden Dramen vorher
sich in die soziale und individuale Exposition teilen.

Erst recht aber ist nach diesem Schema das nächste Drama,
die „Maria Stuart“, gebaut, und eine Anzahl von Dramen
der gleichen Zeit, die unvollendet geblieben sind, befolgen
ebenfalls dieses Schema. Sehen wir für „Maria Stuart“ zu,
mit welchem Ergebnis. Die Exposition im ersten Akte ist höchst
einheitlich und vollständig; das ganze Stück drängt sich auf
die drei letzten Tage der Heldin zusammen; diese steht, eine
erhabene Person im Sinne der AÄsthetik Schillers, ganz im
Mittelpunkte der Handlung. Jene gewaltigen Schau— und
Leidenschaftseffekte werden erzielt, die das Stück noch heute
zu einem der beliebtesten des Dichters machen. Aber das
Schicksal wird nur im Hintergrunde gemalt und wirkt durch
Ereignisse, die weit zurückliegen. „Dadurch werden die Per⸗
sonen, die die tödlichen Entscheidungen herbeiführen, Elisabeth
und Burleigh, gewissermaßen mechanische Werkzeuge in der
Hand der Nemesis“1. Schon Otto Ludwig hat sich in diesem
Sinne ausgesprochen: alle Gestalten seien nur Schachfiguren
der historischen Mächte; durch Katholizismus und Protestan—
tismus, abstrakte Begriffe, würden sie in Bewegung gesetzt;

Wuchgram, Schiller S. 319.
        <pb n="267" />
        Neue Dichtung.

559
ihr Kampf sei ein epischer, und so spreche im Grunde nur der
Dichter mit verteilten Rollen. In der Tat: läßt man einen
beinahe absoluten Determinismus noch dazu nur im Hinter⸗
grunde grollen, so können die Gestalten nicht belebt sein. Und
selbst Maria leidet unter diesem nicht aufzuhebenden Zusammen⸗
hange. Denn worin besteht denn schließlich ihre Schuld?
Kaum in mehr als in einer allgemeinen Leidenschaftlichkeit,
die freilich in der großen Szene mit Elisabeth dämonisch aus—
briht: Wie Bergeslasten fällt's von meinem Herzen;
Das Messer stieß ich in der Feindin Brust!
Doch läßt sich allenfalls auch eine mehr vereinfachte Be—
trachtung des Dramas durchführen. Als Schicksalsidee würde
sich in diesem Falle die sittliche Idee des Staates des 16. Jahr⸗
hunderts ergeben, und ihr würden beide Königinnen zum Opfer
fallen: Maria, weil sie sich in früher Vergangenheit gegen sie
schwer vergangen, Elisabeth, insofern sie sich ihr in der Unter—
zeichnung des Todesurteils, entgegen einem höheren Begriffe
der Menschlichkeit, unterwirft und darunter für immer zu leiden
haben wird.

Mit der Geschichte Maria Stuarts hat sich Schiller schon
in Bauerbach beschäftigt, während die Ausführung erst in die
Ettersburger Waldeinsamkeit der Jahre 1799 und 1800 fällt;
wir haben es also mit einer Verschweißung von Jugendideen
und Manneswerk zu tun. Ganz der reifen Zeit gehört dagegen
die „Jungfrau von Orleans“ an. In ihr liegt ein echtes
historisch-idealistisches Drama vor; der Determinismus weicht
einer göttlichen Sendung; Wunder geschehen, nicht bloß psycho⸗
logische Merkwürdigkeiten und sonderbare Zufälle; der Stoff
wird der „gemeinen Deutlichkeit der Dinge“ enthoben: hie gut
Mittelalter allewege, können Gestalten und Zuschauer rufen.
Und diese resolute Lösung sichert dem Dichter auch allen Er—
folg im kleinen. Nun fügen sich die stark betonten sozial⸗
osychischen Elemente den persönlichen ein, die Gestalten können
dealistisch im Sinne mittelalterlicher Personaltypen gefaßt
werden, und die Jungfrau ist gleichwohl mit einer Kraft der

Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 2. 46
        <pb n="268" />
        560

Zweiundzwanzigstes Buch.
Charakteristik gezeichnet, üuber die der Dichter noch niemals sonst
geboten hatte.

Aber es war ein besonderer Stoff, der eben diesmal diese
Lösung ermöglichte. Wie im übrigen um diese Zeit, und schon
früher Schiller das Schicksal faßte, das ergibt sich wohl am
besten aus den erhaltenen Nachrichten über „Die Braut in
Trauer“, ein Drama, das einen zweiten Teil der „Räuber“
bilden sollte, aber niemals ausgeführt worden ist. Was uns
aus ihnen entgegentritt, ist ein absoluter Determinismus bei—
nahe transzendenten Charakters im alten Sinne der Trans⸗
zendenz: der Geist des alten Moors und Franzens erscheinen
deutlich als Dämonen der Rache.

Er war zur selben Zeit etwa, da Tieck in seinem „Karl
don Berneck“ das Ritterdrama in die Bahnen des Schicksals⸗
dramas hinüberlenken half. Und in der Tat: bedingen sich
nicht stärkerer Determinismus und typischere Zeichnung der
Gestalten bis hin zum Symbolischen, wie sie zunächst der
Klassizismus anstrebte, gegenseitig — und führen sie nicht zu—⸗
gleich über ins Lager der Romantik?

Nach der „Jungfrau von Orleans“ hat Schiller in der
„Braut von Messina“ den scharfen antiken Determinismus,
wenn nicht geradezu aufgenommen, so doch als entscheidendes
Vorbild befolgt.

Ähnlich wie die europäische Völkerfamilie von heute aus
dem gebundenen Seelenleben ihres Mittelalters in dem
Christentum dieser Zeit eine Weltanschauung mit in die neueren
Zeiten hinübergenommen hat, die das Schicksal abhängig denkt
vom unbegreiflichen Einflusse höherer Gewalten, so hatten
sich auch die Griechen aus ihrem Mittelalter bis in Zeiten
hoher Kultur hinein eine Schicksalsidee erhalten, die bei allem
Unterschiede vom Christentum des 8. bis 16., aber auch noch
des 16. bis 18. Jahrhunderts, doch mit diesem in der Vor—
stellung eines transzendenten Eingreifens göttlicher Kräfte in das
Menschenschicksal übereinstimmt. Nun erscheint allerdings diese
Idee innerhalb der Gruppe der großen griechischen Tragöden
cein eigentlich nur noch bei Aeschylus, stark gemildert dagegen
        <pb n="269" />
        Neue Dichtung.

561
bei Sophokles und innerlich fast zermürbt bei Euripides: allein
da die Stoffe, welche diese und andere Dichter behandelten, dem
alten Sagenvorrat entstammten, dessen Fabeln unter dem vollen
Walten der Transzendenz entstanden waren, so ließ sich diese
Art von Schicksalsidee dennoch nicht ganz ausmerzen: sie sah
überall durch und wurde in ihrer unvertilgbarsten Form, der
des Fluches, der von Generation zu Generation innerhalb eines
Geschlechtes fortwaltet, von der hellenischen Renaissance des
Endes des 18. Jahrhunderts als das spezifisch Griechische und
Antike des Dramas empfunden.

Von dieser Auffassung ging auch Schiller in der „Braut
bon Messina“ aus. In der Tat ist die Schicksalsidee dieses
Stückes fast ganz die antike:
Wahl, meine Mutter,
Ist's Wahl, wenn des Gestirnes Macht den Menschen
Frreicht in der verhängnisvollsten Stunde?
So äußern die Personen des Stückes selbst eine fatalistische
Auffassung der Dinge; Traumdeutungen nach Art antiker
ODrakelsprüche werden eingeführt; und gleich der Moira der
Odipussage lastet ein Fluch über dem Hause der Herrscher.
Höchstens ließe sich sagen, daß dieser Fatalismus noch durch
den Chor begrenzt sei, als dessen Aufgabe es erscheint, „die
sinnliche Welt, die sonst nur als roher Stoff auf uns lastet,
als eine blinde Macht auf uns drückt, in eine objektive Ferne
zu rücken, in ein freies Werk unseres Geistes zu verwandeln
und das Materielle durch Ideen zu beherrschen“. Und wer
nöchte leugnen, daß ein edelster Glanz Schillerscher Sprache
den Chor fähig erweist, sich in diese Rolle hineinzubegeben?
Wer nicht bewundern, wie gerade in diesem Drama der Stoff
ganz von der Form überwunden ist: Einheit der Zeit, seltener
Szenenwechsel, harmonisches Gegengewicht der Gestalten unter—
einander, Typ und Antityp im Fortschritte der Handlung?
Aber atmen die Personen dabei wirklich noch, unter der Schnür—
hrust dieser Form — sind sie noch individuelle Charaktere und
nicht vielmehr erstarrte Typen?

Wie weit Schiller schließlich in einem erbarmungslosen

*
        <pb n="270" />
        z62⸗

Zweiundzwanzigstes Buch.
Determinismus ging, zeigen vor allem die herrlichen Bruch—
stücke des „Demetrius“, über dessen Vollendung Schiller im
Jahre 18085 gestorben ist: hier schafft eine „unregiersam stärkre
Götterhand“ die erste Verknüpfung der Ereignisse, und diese
wirkt in grausamer Folgerichtigkeit weiter bis zur Vernichtung.

Die deterministische Weltanschauung Schillers hat Nach—
ahmung gefunden. Die ersten Zeiten des neuen Jahrhunderts
sind erfüllt von der sogenannten Schicksalstragödie, in der die
unverhüllte Anwendung des fatalistischen Prinzips, des Fußens
in einer ehrwürdigen Mythologie beraubt, zu einem Zufalls⸗
glauben schlimmer Art führte und in eine Art von transzendentem
Fetischismus auslief. Aus diesem Prinzipe heraus hat schon
Zacharias Werner (17608 5 1828) geschaffen; in seinem „Vier—
undzwanzigsten Februar“ setzt das Schicksal außer diesem
Kalendertag noch eine Sense und ein Messer als fatalistische
Werkzeuge in Bewegung. Offenbarte sich dabei in Werner
noch eine große, wenn auch zügellose und schließlich in geschmack⸗
lose Phantastik versinkende Kraft, die gelegentlich über das
Bedenkliche der tieferen Anlage hinwegzureißen wußte, so trat
das Prinzip nackt und nüchtern bei Müllner (1771 -1829)
hervor. Sein „Neunundzwanzigster Februar“ ist durch Werners
„Vierundzwanzigsten“ veranlaßt worden und steht, wie leicht
zu erwarten, in der Anwendung der Schicksalsidee selbst noch
unter diesem; andere Dramen, wie die „Schuld“, bieten nicht
oiel Besseres, so sorgfältig in ihnen Sprache und Technik
gehandhabt wird. Als Dritter endlich ist in diesem Zusammen⸗
hange der Freiherr von Houwaldt (1778 —1845) zu nennen
mit seinen vornehmlich in den zwanziger Jahren erschienenen
Stücken, von denen der „Leuchtturm“ wenigstens eine wahre
Schicksalstragödie ist, so schwer es auch dem rührseligen und
weichen Dichter wird, die vollen Folgen des leitenden Prin—
zipes zuzulassen.

An den Schluß dieser ganzen Reihe aber kann man Grill—⸗
parzers „Ahnfrau“ stellen. Denn in ihr ist die Grundidee
zweifellos noch fatalistisch im Sinne der Schicksalstragödie:
und wenn der Stoff der modernen Auffassung gleichwohl noch
        <pb n="271" />
        Neue Dichtung.

5683
erträglich erscheint, so wird das viel mehr der außerordentlichen
Kunst des Dichters verdankt, Stimmungen hervorzurufen und zu
erhalten, als der Idee des Dramas. Zudem ist bei Grillparzer
immerhin schon eine Mischung der antiken Schicksalsidee mit
modernen Mythologemen und daraus hervorgehenden An—
schauungen eingetreten, die uns auch das Schicksal der „Ahn—
frau“ näher bringt, als das der Dramen etwa Werners oder
Müllners.

Im ganzen wird sich sagen lassen, daß Schillers „Braut
von Messina“ und Grillparzers „Ahnfrau“, Anfang also und
Ende der Bewegung, noch derart von unserer Kultur an⸗
gehörigen Elementen durchsetzt sind, daß sie sich dem Gange
der nationalen Entwicklung nicht entziehen: die eigentlichen
Schicksalsdramen dagegen fallen aus ihm heraus und sind taube
Erzeugnisse eines ins kleinliche übergeleiteten Klassizismus.
Nicht als ob sich nicht auch unter modernen Verhältnissen
fatalistische Uberzeugungen bilden könnten, und als ob nicht
das Leidenschafts-Trauerspiel dazu aufforderte, sie walten zu
lassen. Aber diesem Anreiz muß Widerstand geleistet werden,
da der Fatalismus nicht als grundlegende Weltanschauung
eines Zeitalters gelten kann, das die empirische Freiheit des
einzelnen unter seine ersten Forderungen zählt und sie tatsächlich
weithin verwirklicht hat.

Man erkennt in diesen Zusammenhängen ein Stück der
Grenze, die einem fruchtbaren Einwirken auch der schönen
hellenischen Renaissance des 18. Jahrhunderts gezogen war;
und kein Zweifel, daß Schiller in der „Braut von Messina“
diese Grenze zu überschreiten in Begriff war.

Dabei ist leicht zu erraten, was ihn dazu veranlaßte.
In den eigentlichen Schicksalstragödien läßt sich unter der
Einwirkung fatalistischer Weltanschauung eine fortschreitende
Schematisierung und Aushöhlung gleichsam der Charaktere be—
merken, die deren Gestalten schon den Zeitgenossen Müllners
und Houwaldts als bloße Schemen erscheinen ließ. Bei Schiller
ist die Entwicklung die umgekehrte. Sein hochgespannter Idea—
sismus und seine ganze mehr deduktive Veranlagung führten
        <pb n="272" />
        564

Zweiundzwanzigstes Buch.
dazu, daß er, wie jener von ihm geschilderte Typ des Idea—
listen, vor der Menschheit die Menschen nicht sah, daß er, bei
aller realistischen Schilderung im einzelnen, seine Gestalten
weniger nach einer rein konkreten Einbildung, nach Vorstellungen
eines innigen inneren Schauens, als nach den Bedürfnissen
der Fabel schuf. So wurden sie ihm zu strengeren Typen,
als dies der Idealisierungstrieb des Klassizismus an sich er—
forderte, und zu ihrer Ergänzung bedurfte es daher, um die
Fabel vorwärts zu treiben, eines unerbittlich folgerichtigen,
eines peitschenden Schicksals.

Wie sehr sich hier Fragen der dramatischen Okonomie und
der Weltanschauung bei Schiller zu einem nicht immer leicht
zu entwirrenden Knäuel verknüpften, wird am anschaulichsten
durch die Tatsache, daß der Dichter gelegentlich doch auch ein
freundliches, minder hervortretendes, gleichsam realistischeres
Schicksal gekannt hat. So vor allem im „Tell“.

Im „Tell“ tritt die Schicksalsidee überhaupt zurück; die
Handlung ist mittelalterlich, mittelalterlich und teilweise selbst
mythisch auch die Charaktere: wie konnte man sie ganz unter
die Weltanschauung ihrer Zeit stellen, sollten sie Seele und
Herold sein einer Entfaltung moderner Freiheitsgedanken? So
verläuft denn die Fabel gut chronikenartig, wenn auch unter
dem Gedanken der Sittlichkeit jeder Freiheitserhebung für die
ursprünglichsten gemeinsamen Güter der Menschheit, für Haus
und Familie, und die Seele des Haupthelden, Tells, atmet
zum Schlusse frei, wie die seines Volkes, und ohne ein Gefühl
iittlicher Verschuldung.

Diese Weite und Ferne zugleich der Schicksalsidee hat
dann eine Ausgestaltung des Stückes ermöglicht, mit der in
die Entwicklung des deutschen Dramas ganz andere Motive
geworfen wurden, als sie die Nachahmung der Alten nahe ge—
legt hatte: Motive der Zukunft. Wo hätten die Alten nicht
gern die Zahl der Personen beschränkt, sie innerlich gegen—
gewogen, nur wenige von ihnen plastisch hervorgehoben, die
anderen dagegen in einem gleichsam symmetrisch geordneten,
aach beiden Seiten verlaufenden Relief zurücktreten lassen?
        <pb n="273" />
        Neue Dichtung.

565
Hier aber erhebt sich ein ganzes Volk; und so ist die Symmetrie
der Gestalten nicht die des alten Reliefs mit seinem pyrami⸗
dalen Aufbau der Konturen, sondern die dynamische der Licht—
malerei etwa, die Symmetrie eines Rubens und Rembrandt:
Massen werden Massen gegenübergestellt, breit ist der Hinter⸗
grund belebt; es handelt, wer zu handeln den Drang hat,
und er handelt, bei aller an der Antike gebildeten Sprache,
nicht so sehr schön als charakteristisch. So ist denn im Grunde
alles deutsch und national: und das große sozialpsychische
Schauspiel des 19. Jahrhunderts wird angebahnt.

Und wie hat Schiller diese Masse dirigiert, wie als ruhiger
Kapellmeister gleichsam die herben und die zarten Melodien dieser
dramatischen Symphonie ertönen lassen. Denn auch hier, ja
wiederum hier erst recht war er in seinem Elemente. Einsam
stand er über Gegenstand und Personen in gleichsam deduktiver
Höhe, die einzelne Gestalt war ihm hier ein Klang, ein Ton, deren
mehrere erst Melodie und Stimmung ergaben; mit zwei Worten,
scharf, schlagend mußte sie hingestellt werden im Verein mit
inderen: und dies eben war die Kunst der Personenzeichnung
des Dichters. Dazu welch reiche Anlage der Szenen! Von
jeher schon, und erst recht in dem letzten, —VVD0
seines Lebens, liebte Schiller das Bunte, Wechselvolle der
Handlung, war er gewöhnt, mit starken szenischen, ja ent⸗
schiedenen die ganze Handlung durchziehenden Kontrasten zu
arbeiten. So hat er schon die „Wallenstein“-Trilogie wesentlich
mit auf den Gegensatz des Idealismus und des Realismus,
des Rührenden und des Heroischen, Maxens und Wallensteins
aufgebaut, um das zu erreichen, was er bedeutungsvoll Totalität
des Menschlichen nannte. Und wie hat er diese Kunst, die
verwickelten Szenenbau erforderte, von Drama zu Drama ge—
steigert, bis er im, Demetrius“ mit einem durch den ganzen Auf⸗
bau künstlerisch hindurchgeführten Stimmungswechsel operiert,
der an die komplizierte Lichtführung barocker Palast⸗ und
Kirchenbauten erinnert.

Das Musterstück aber in dieser Hinsicht ist der „Tell“.
Wie breit ist hier zunächst der landschaftlich-geographische
        <pb n="274" />
        366 Zweiundzwanzigstes Buch.
Hintergrund angelegt und wie dies Erdmilieu gleichsam mit
dem politischen, wie das Land mit den Leuten verbunden!
Kaum eine Person, die nicht den Stempel des Bergbewohners
zeigte, kaum eine Szene, in der nicht alles, und keineswegs
bloß die Kulisse, von der Schweiz erzählte, und in der Rütli—
szene das Außerordentliche der Landschaft, der Mondregen—
bogen, neben dem Außerordentlichen der Handlung. Vor
und auf diesem Grunde aber bauen sich drei kunstvoll in—
einander verschlungene Handlungen auf, die Tellhandlung, die
Rütlihandlung, die Rudenzhandlung, wie man sie wohl ge—
nannt hat: und zum Zeichen, daß die Tellhandlung überwiegen
soll, fallen ihr von den vier großen Szenen des Dramas, der
Attinghausenszene, dem Apfelschuß, dem Rütlischwur, der Er—
mordung Geßlers, zwei zu, die wiederum in verschlungenem
Wechsel zwischen die beiden anderen verteilt sind. Erscheint
es nicht fast wie das Gerüst nur einer Erzählung? Man ver—
steht, daß Goethe den Stoff des Stückes, den er aus der
Schweiz mit nach Thüringen gebracht hatte, episch verarbeiten
wollte; und in epischer Breite mag er auch Schiller, der nie in
der Schweiz war, in den dämmernden Abendstunden gemeinsamen
Verkehrs um 1800 von Land und Leuten der Berge erzählt
haben. Aber Schiller hat diese Breite des Stoffes dramatisch
zu beleben gewußt; und zum erstenmal geschah es damit, daß
auf deutscher Bühne deutsches Volk sich als Helden erblickte.

Mit Schillers „Tell“ schließt eine Periode der Geschichte
des deutschen Dramas und wird noch mehr eine neue eröffnet.
Sehen wir von dem psychologischen Drama Goethes ab, das,
in seiner Zeit weniger verstanden, Perspektiven bis in das
impressionistische Drama der zweiten Hälfte des 19. Jahr—
hunderts hin eröffnet, so hatte mit Schiller das klassizistische
Drama auch innerlich sein Ende erreicht. Mochte es in der
Entwicklung der Schicksalsidee, von der Antike mit verlockt,
einen Weg eingeschlagen haben, der in eine Sackgasse führte,
dennoch hatte es der Zeit genug getan; die Bühnen ertönten
oon Schillers Versen, und Goethe konnte die Erfahrung seines
reiferen Alters wie zu einem Epilog in die Worte zusammen⸗
        <pb n="275" />
        Neue Dichtung.

567
fassen, daß sich das deutsche Theater in einer Schlußepoche
hefinde, wo eine allgemeine Bildung dergestalt verbreitet sei,
daß sie keinem einzelnen Orte mehr angehören, von keinem be⸗—
sonderen Punkte mehr ausgehen könne. Und was dabei Publikum
und Dichter zusammengeführt hatte, war am Ende doch die
allgemeine Haltung des Idealismus gewesen, die sittliche Über⸗
zeugung, daß es Schöneres nicht gebe, als zu Idealen eines
hohen Lebens ausgeweihte Gestalten unter dem Walten eines
sittlichen Determinismus, als „in der schönen Form die schöne
Seele“. In dieser Form hat denn auch das Andenken Schillers
namentlich fortgelebt: es sind nicht so sehr die Dichtungen an
sich gewesen, die spätere Geschlechter immer und immer wieder
anzogen, als vielmehr die energische sittliche Persönlichkeit, die
hinter diesen Dichtungen stand, der idealistische, gleichsam schon
erdentrückte Charakter, der auch da durchleuchtete, wo die
dramatische Problemstellung vielleicht nicht in dem reinsten Feuer
des vollendeten Diamanten strahlte. Ja, als Persönlichkeit vor
allem lebt Schiller noch heute fort und wird er der Nation
fortleben vor allem in Zeiten politischer Katastrophen und all—
mählicher Übergänge zu höherer seelischer Reife: dann, wenn
tiefere Sehnsuchten auftauchen und weitere Lebenswahrheiten
gesucht werden.
        <pb n="276" />
        BRildende Kunst und Musik.

1. In unserer Zeit wird von manchen Seiten für die
bildenden Künste ein Gesamtkunstwerk erstrebt, ein Gegenstück
zleichsam zu dem Gesamtkunstwerk der darstellenden Künste,
das zu schaffen oder durch sein Schaffen wenigstens vorzubereiten
der Lebenswunsch Richard Wagners gewesen ist. Es ist eine
Neigung, die durch die tiefsten seelischen Strömungen unseres
Zeitalters bedingt ist. Hohe Kulturen, die sich nach der Natur
zurücksehnen, vermögen diese Sehnsucht zu verwirklichen nur
durch bewußte Umgestaltung ihres Inhalts im Sinne der
Einfachheit primitiver Kulturen: da aber in allen Urzeiten
rine organische Einheit aller Künste galt — da in ihnen Tanz
und Gesang und Dichtung und dramatische Aufführung, sowie
sogar plastische und malerische Darstellung zusammenfielen —,
so liegt es auf der Hand, daß ein solches bewußtes Streben
nach natürlicher Einfachheit, nach Jugend und Lenzesfrische,
auf künstlerischem Gebiete zur Idee des Gesamtkunstwerks führen
muß. In den bildenden Künsten wird darum Einheit von
Architektur und Malerei und Bildnerei, Malerei und Bildnerei
dabei einem zu erhoffenden großen architektonischen Stile unter—
zeordnet, zur eigentlichen Losung.

Es liegt aber auch in der sich in gewissem Sinne ewig
wiederholenden Natur der Dinge, daß solche Zeiten, in denen
die Einheit des Gesamtkunstwerks schon einmal, wenn auch
aus anderen Tendenzen her verwirklicht zu sein schien, nun
        <pb n="277" />
        Bildende Kunst und Musik.

569
allen denjenigen als künstlerisch besonders hoch stehend er—
scheinen, die ohne weiteren geschichtlichen Horizont nur dem
aächsten praktischen Ziele der Kunst zueilen. Ihnen sind die
hunten Reflexe der eigenen Schaffens- und Genußrichtung in
der Vergangenheit ohne weiteres Anzeichen für Höhepunkte der
früheren Entwicklung überhaupt. Und in dieser Auffassung
wird sie die Tatsache wenig stören, daß es, von vorurteilsfreiem
geschichtlichen Standpunkte her betrachtet, überhaupt keine Höhe—
punkte der Entwicklung gibt, zu deren Entdeckung es der Wert⸗
urteile, und das heißt der Vorurteile irgendeiner kurzen Gegen—
wart bedürfte.

Wir werden daher, wenn wir jetzt Perioden des Gesamt—
kunstwerkes in der Entwicklung der deutschen Kunst aufsuchen,
dies tun, ohne damit über deren absolute Bedeutung etwas
aussagen zu wollen. Eine wissenschaftliche Geschichtsbetrachtung
kennt ja, abgesehen von der Reihenfolge der typischen Verlaufs⸗
stufen der seelischen Entwicklung, überhaupt nur relative Werte;
und nur der vorübergehenden Praxis einer jeden Gegenwart ver⸗
bleibt die Aufgabe, für ihre besonderen und begrenzten Zwecke
aus diesen relativen Werten absolute zu entwickeln, indem sie
ie in ein bestimmtes Verhältnis zu ihren eigenen Bestrebungen
zu setzen sucht. —

Im Verlauf der deutschen Geschichte hat es vier Perioden
eines Gesamtkunstwerkes gegeben: eine älteste etwa im 6. bis
J. Jahrhundert, eine zweite etwa im 12. und 13. Jahrhundert,
eine dritte etwa im 15. Jahrhundert und eine vierte im 17.
und vornehmlich im 18. Jahrhundert. Es sind die Zeitalter
des ausgebildeten germanischen Holzbaustils, der entwickelten
romanischen Baukunst, der vollendeten Gotik und des Renaissance—
stils, insofern er in Barock und Rokoko gipfelt. Von ihnen ist die
erste nur schwer genauer datierbar; das aber ist sicher, daß sie,
ihrem letzten Aushallen nach, jener sehr eigenartigen Entwicklung
urzeitlichen Seelenlebens angehört, die wir als symbolisch be—
zeichnen müssen. Wir haben auch von ihr nur noch geringe
bauliche Überreste; doch können wir uns von ihrer Architektur
mit Hilfe der Ausläufer im heimischen Holzbauernhaus und in
        <pb n="278" />
        570 Zweiundzwanzigstes Buch.
der nordgermanischen Holzarchitektur, sowie mit Unterstützung
der schriftlich erhaltenen Nachrichten immerhin noch eine gewisse
Vorstellung machen. Und da ergibt sich, daß Plastik und
Ornamentik, letztere als Anfang aller malerischen Darstellung,
der Baukunst dienstbar gemacht waren: diese führte, Bildnerei
und Malerei dienten ihr, und sie vermochten das um so eher,
als sie nach unserer Terminologie rein ornamentalen, also dekora⸗
tiven Charakters waren.

Im 12. und 18. Jahrhundert, in der Ausgangszeit des
romanischen Stils und in der Periode des Überganggsstils,
finden sich Erscheinungen verwandter, nur entwicklungs—
geschichtlich mehr fortgeschrittener Natur. Auch damals stand
die Baukunst auf der Höhe einer Entwicklung von bestimmten,
einfachen Formen, die seit dem 9. und 10. Jahrhundert auf—
tauchten; auch damals diente die Bildnerei dem Schmuck des
Baues und war da, wo sie diesem ferne stand und in sich
freier wurde, in ihren Stilelementen vom Baue abhängig;
und auch damals trat die Malerei, nun schon zu vollendeter
Wiedergabe der Umrisse der Erscheinungswelt entwickelt, gerade
in ihrer höchsten und edelsten Ausbildung als Wandmalerei in
den Dienst der Baukunst.

Zeigen die beiden späteren Perioden, die der ausgehenden
Gotik und des Barocks wie des Rokokos, andere Merkmale?
Keineswegs; um nur einige auffälligste Tatsachen zu erwähnen,
so ist dort die Überhöhung der menschlichen Statur in der
Malerei und Plastik eine Folge der Entwicklung der Baukunst,
und ergibt sich hier die Entartung der Bildnerei zur bloßen
Zierkunst und die Aufnahme hellerer Farbenstimmungen in der
Malerei als ein Moment in der Abwandlung des barocken
Baustils zum Rokoko!.

Was aber diese Erscheinungen der vier verschiedenen Zeit⸗
alter miteinander verbindet, ist der Umstand, daß das Gesamt—⸗
kunstwerk jedesmal am Schlusse einer längeren, in sich gleich—
mäßigen Entwicklung unter der Herrschaft der Baukunst ein⸗

Val. Bd. VII. I. S. 208.
        <pb n="279" />
        Bildende Kunst und Musik.

571
txitt. Man führe dagegen nicht die Zeit des Barocks und des
Rokokos an; Barock und Rokoko und nicht die Renaissance
sind eigentlich erst die der Absicht nach vollgültigen modernen
Aneignungsformen der Antike; und die Baumeister der großen
Dome des 17. Jahrhunderts wie der Paläste des 18. haben
durchaus im Sinne der Alten, etwa nach den Lehren Vitruvs,
zu schaffen geglaubt.

Und ist denn eine solche Entwicklung nicht an sich leicht
erklärlich? Die Architektur ist diejenige der bildenden Künste,
die dem Raumgefühl der anderen Künste erst kuünstlerisch Maß
und Ziel setzt; nur sie vermag darum den umschließenden
Rahmen eines Gesamtkunstwerks zu bilden. Zugleich ist sie
aber auch diejenige Kunst, die am meisten am Bedürfnisse
klebt; der wechselnde Raumbedarf und die großen Wandlungen
unterworfene Raumanschauung der einzelnen Zeitalter ist für
sie, abgesehen von der eigentlichen Entwicklung des künstlerischen
Sinnes, maßgebend. Diese Bedurfnisse aber entfalten sich
innerhalb eines bestimmten Zeitalters nur langsam zu völliger
Klarheit, und ihre volle architektonische Bewältigung setzt nicht
bloß die Reife einer durch lange Zeiträume erwachsenen gleich—
mäßigen Kultur voraus, sondern auch noch ein instinktives
Wahrnehmen und Übertragen dieser Reife in tektonische Ge⸗
danken und bauliche Anschauung.

Es ist ein Zusammenhang, der zugleich weiter führt. Volle
Entwicklung eines Baustils und damit Möglichkeit eines Gesamt⸗
kunstwerks ist nach alledem nicht bloß Sache günstiger künstlerisch⸗
individueller Entwicklung; beide Erscheinungen können sich an—
scheinend nur gegen den Reifezustand eines ganzen Kultur⸗
zeitalters, gegen Ende einer in sich geschlossenen Kultur, einer
ablaufenden Periode seelischen Gesamtlebens einstellen. In der
deutschen Geschichte wenigstens sind diese Zusammenhänge un⸗
mittelbar anschaulich. Das Gesamtkunstwerk der Urzeit steht
am Schluß des Zeitalters symbolischen Geisteslebens; das
romanische und gotische Gesamtkunstwerk grenzt die beiden
Perioden mittelalterlich gebundenen Geisteslebens, des typischen
wie des konventionellen, gegen die ganz andere Entwicklung
        <pb n="280" />
        5723 Zweiundzwanzigstes Buch.
der Neuzeit ab; Barock und Rokoko erzeugen in Kirchen und
Palästen Gesamtkunstwerke gegen Schluß des individualistischen
Zeitraums.

Wer möchte unter diesen Verhältnissen in der Frühzeit
eines neuen Seelenlebens, in den Anfängen des Subjektivismus,
alsbald ein neues Gesamtkunstwerk erwarten! Die reizvolle
Harmonie des Rokokos, in der im Grunde nicht allein Bildnerei
und Malerei und Architektur ein Kunstwerk gebildet hatten, in
der das Leben selbst ein großes Kunstwerk geworden zu sein
schien, sie war unwiederbringlich dahin; und selbst auch nur
für die Baukunst war eine Lösung der großen Probleme der
neuen Zeit in absehbaren Jahren nicht zu erhoffen. Tritt doch
erst die Gegenwart, und das heißt etwa die fünfte und sechste
Generation innerhalb des neuen Zeitalters des Subjektivismus
den schweren Fragen einer unserer Psyche angemessenen archi⸗
tektonischen Stilbildung nahe; und haben sich doch erst etwa
in den letzten zwei Generationen die neuen Raumbedürfnisse
für eine solche Stilbildung entwickelt.

Die Kunst, die dem neuen Geistesleben zunächst greifbar
inschauliche Richtung wies, war die Malerei.

2. Schon seit dem 15. und 16. Jahrhundert war der
Malerei die Aufgabe zugefallen, neue Formen des Seelen—
lebens zuerst anschaulich zu entwickeln. Warum eben sie diese
Rolle spielte und nicht die Bildnerei, das erklärt sich ohne
weiteres aus den einfachsten Momenten ihrer Geschichte im
Verhältnis zur Geschichte der Plastik.

Was bezwecken die bildenden Künste im engeren Sinne,
Malerei und Bildnerei? Sie wollen die verwickelte Welt der
Erscheinungen, die sich vor unserem Auge ausbreitet, von
neuem darbieten, sei es mit der Absicht bloßer schöpferischer
Wiedergabe, sei es vor allem in dem Bestreben, deren eigent—⸗
liches, tieferes, über den Eindruck der einzelnen Erscheinung
hinausgreifendes, typisches Bild in persönlicher Belebung und
Umdeutung zu gewinnen. Ist diese doppelte Absicht des künstle—
rischen Schaffens, die naturalistische und die idealistische, über
        <pb n="281" />
        Bildende Kunst und Musik. 573
alle Zeitalter hin, wenn auch nicht in stets gleich ernster und
ausgedehnter Ausbildung zu verfolgen, so ergibt sich doch leicht,
daß es dabei für den entwicklungsgeschichtlichen Verlauf vor—
aehmlich auf die naturalistische Richtung ankommt. Denn will
man einen Kanon idealistischer Kunst aufstellen, sieht man den
Typ persönlichen oder allgemein-stilistischen Charakters in der
Flucht der unendlich wandelbaren Erscheinungen, so muß man
erst die zur Zeit schon erreichte oder erreichbare Herrschaft über
deren Wandelbarkeit besitzen, soll das Ergebnis anders das
eines wirklich „auf der Höhe der Zeit“ stehenden Idealismus
sein. Höchstes naturalistisches Ausdrucksvermögen ist darum
unumgängliche Voraussetzung jedes wahrhaftigen und ernsten
Idealismus; und zu allen Zeiten sind wirklich große Meister
dealistischer Kunst für ihre Zeit auch meisterhafte Naturalisten
zgewesen: so in der deutschen Kunst die großen Miniaturisten
der karolingischen Zeit, eine Herrad von Landsberg, ein Dürer
und Rembrandt, ein Klinger.

Darauf also kommt es bei einer kunstgeschichtlichen Auf—
fassung an, die den Namen einer entwicklungsgeschichtlichen
berdienen will, daß vor allem die Entwicklungsstufen des
Naturalismus, d. h. der künstlerischen Ausdrucksfähigkeit für
die möglichst genaue Wiedergabe der äußeren Erscheinungs—
welt, in den einzelnen Zeitaltern klar und zweifelsohne auf—
gesucht und festgestellt werden.

Nun unterliegt es aber keinem Zweifel, daß, rein physio⸗
logisch betrachtet, der Netzhaut des menschlichen Auges zu jeder
Zeit ein vollkommenes Bild der Erscheinungswelt in ihren Um—
rissen, in ihrer farbigen Buntheit, in ihrer Durchwobenheit
mit tausend und abertausend Widerscheinen des Lichts ver—
mittelt worden ist. Die Frage ist nur die, ob die Menschen
aller Zeiten sich dieses Bild in gleicher Weise zum anschanu⸗
lichen Bewußtsein gebracht haben. Daß auf diesem Gebiete
zunächst ganz im allgemeinen große individuelle Verschieden⸗
Jeiten bestehen, unterliegt keinem Zweifel; der eine sieht bei
weitem mehr als der andere; es gibt Maleraugen und deren
Gegenteil.
        <pb n="282" />
        74

Zweiundzwanzigstes Buch.
Aber es besteht auch ein genereller Unterschied der Zeit—
alter. Man hat ihn wohl schlechtweg als „undenkbar“ leugnen
wollen — als wenn er nicht schon durch die noch heute be—
stehende individuelle Verschiedenheit als möglich gesichert wäre.
Daß er aber und inwiefern er besteht, das lehrt die geschicht—
liche Erfahrung, und diese Erfahrung zur Grundlage histo⸗
rischen Verständnisses der Kunst zu machen ist Aufgabe einer
wirklichen Kunstgeschichte, die nicht in dem Erzählen von Ge—
schichten aus dem Leben großer Künstler oder in rein sub—
jektiven und impressionistischen Schilderungen einzelner Maler—
ndividnalitäten aufgehen will. Und da ergibt sich denn, daß das
Auge selbst der begabtesten Künstler früher kulturgeschichtlicher
Zeitalter von dem, was wir — geschweige denn unsere Künstler —
von der Erscheinungswelt in wirklich anschaulichem Bewußtsein
in uns aufnehmen, nur gewisse Teile sah: daß also im Laufe
der Generationen eine ungeheuere Schulung bewußten Sehens
ganz allgemein, vor allem aber bei den Künstlern und den
künstlerisch interessierten Volksteilen eingetreten ist. Von dieser
Entwicklung des Sehens vornehmlich, in minderem Maße erst
von der Möglichkeit, das Gesehene nun auch im Stoffe wieder—
—U0
geschichte ab.

Die Kunstgeschichte ordnet sich damit der allgemeinen Ge—
schichte des Lebens ein; denn es ist ein unbestrittener Satz der
Biologie, daß sich die finnliche Empfindung und mit ihr das
Bewußtseinsmaterial, in dem sich das Sein darstellt, um so
mehr differenziert, zu je höheren Formen die Organismen auf—
steigen!.

Anfangs freilich mag das künstlerische Auge dem Durch—
schnittsauge ziemlich gleich gewesen sein; wie dieses, mag es
nur nach kleinen Teilen und Ausschnitten dessen, was auf der
Netzhaut physiologisch gegeben ist, geurteilt haben: nach ge—
wissen Licht- und Schattenpartien, vagen Farbeneindrücken,
oornehmlich wohl nach gewissen charakteristischen Momenten
Vgl. dazu u. a. C. Fiedler. Schriften über Kunst S. 238.
        <pb n="283" />
        Bildende Kunst und Musik.

575
des Umrisses. Allein genügten diese Momente zur malerischen
Wiedergabe der Erscheinungen? Die Notwendigkeit selbst schon
einfachster Reproduktion zwang zu schärferem Sehen, energischerer
Erinnerung des Geschauten.

Der Probleme, die damit auftauchten, war Legion. Was
alles kann der Beobachtung eines scharfen und gedächtnisstarken
Auges unterliegen! Aber der Hauptsache nach handelte es sich
doch um zwei große Momente, die zu erfassen waren: um den
einzelnen Gegenstand, und um den Gegenstand als Teil, als
Inhalt des Raumes.

Und da ist es denn charakteristisch, daß die deutsche
nationale Kunst viele Jahrhunderte hindurch zunächst nur den
einzelnen Gegenstand zum Objekt der Wiedergabe gemacht hat.
Dabei ging sie keineswegs von einer Erfassung der Erscheinung
aus, die, nach unserem Auge, auch nur den gröbsten Merk⸗
malen mit Schärfe gerecht geworden wäre. Wiedergegeben
wurde anfangs von der Farbe — die naturgemäß für den
einzelnen Gegenstand nur hätte Lokalfarbe sein können —
nichts; vom Umriß nur die Summe der allerbezeichnendsten
Momente. So war das Ergebnis nach unseren Begriffen das
Ornament: ausschließlich ornamental war die deutsche Kunst
bis ins 11. Jahrhundert, teilweise ornamental noch bis ins
dreizehnte. Gewiß war diese rein nationale Entwicklung leise
schon seit dem stärkeren Verkehr mit dem Mittelmeer, der mit
dem Auftreten der Römer an der Süd- und Westgrenze ein⸗
setzte, durch fremde Elemente gestört; und gewiß wurde sie
aoch mehr beeinflußt durch die Einwanderung der Franken
und Alemannen nach Gallien und die karlingische und otto—
nische Renaissance: alle diese Bewegungen brachten eine steigende
Kenntnis der höher entwickelten antiken Kunst. Aber trotzdem
behielt die deutsche Kunst da, wo sie frei vom Gängelbande
der Antike schuf, ganz, und auch sonst noch vorwiegend, ihren
ornamentalen Charakter; noch aus dem 12. Jahrhundert be⸗

sitzen wir Landschaften, die nur aus einer Summe von Orna⸗
menten bestehen. Dem ornamentalen Grundcharakter dieser
Kunst aber entspricht es, wenn bis in diese Zeit hinein eine

Lamdbrecht. Deutsche Geschichte. VIII. 2. 7
        <pb n="284" />
        576

Zweiundzwanzigstes Buch.
der Wirklichkeit nahekommende Wiedergabe der Lokalfarbe
noch nicht völlig gesichert war. Die älteren Zeiten hatten,
soweit überhaupt die Farbe zur Füllung der Ornamente und
damit zur stärkeren Betonung des Flächenmäßigen herangezogen
wurde, nur eine ornamentale Palette gekannt: Farben, deren
Bukett der Wirklichkeit ferne lag, aber einen an sich harmo—
nischen Eindruck vermittelte: Schwefelgelb und Zinnober,
Schwarz und Weiß, Grün und Gold: und aus dieser Palette
her waren je nach dem Bedürfnis der Farbensymphonie orna⸗
mentale Vögel bald grun und gelb, ornamentierte Pferde bald
rot und golden und alle Gegenstände gelegentlich wohl auch
in der eigenen Lokalfarbe gemalt worden.

War dies das grundsätzliche Wesen der rein nationalen
Kunst bis ins 11. Jahrhundert, nur daß bis zum 7. und
8. Jahrhundert die Ornamentierung des Umrisses um vieles
allgemeiner und die Farbengebung um vieles ornamentaler er⸗
schien als später, so bringen die letzten Jahrhunderte des Mittel—
alters den Fortschritt vom ornamentalen zum konventionellen
Umriß und von der ornamentalen zur wirklichen Lokalfarbe:
in leisen Übergängen vollzieht sich die Wandlung, bis zu Be⸗
ginn des individualistischen Zeitalters der Gewinn des rea—
listischen Umrisses abgeschlossen zutage tritt.

Und schon war man seit dem 12. Jahrhundert etwa auch
nach anderen Seiten hin über die ältere Entwicklung hinaus—
gegangen. Man hatte in den konventionell gehaltenen Dar—
stellungen der Gegenstände, der Menschen, Tiere, Pflanzen,
der Berge, des Erdbodens zu modellieren begonnen; die dem
Zeichner näher liegenden Partien waren zumeist als Vichtteile
heller, die entfernteren dunkler gehalten und wohl auch
schraffiert worden: das Gefühl der Ausdehnung in die Tiefe
war aufgetreten: und rasch nahm die Praxis der Modellierung
zu, bis sie um die Wende des 15. Jahrhunderts durch Auf—
hellung in Weiß oder Gelb oder gelegentlich auch in die
Komplementärfarbe zur Lokalfarbe (z. B. in Rosa zu Grün)
sowie durch Schwärzung der Schattenpartien einen gewissen
Abschluß erhielt.
        <pb n="285" />
        Bildende Kunst und Musik.

577

Das deutliche Gefühl des Raumes war da; der Gegen⸗
stand erschien in den drei Dimensionen; kein Wunder, daß
auch die Einordnung der Gegenstände in den Raum Fort—
schritte gemacht hatte. Die Anfänge einer wirklichen Linear⸗
perspektive hatten sich gleichzeitig mit dem realistischen Umriß
entwickelt; ja in der blauen Färbung der Gegenstände des
Hintergrundes war man bis zu den ersten Elementen der Luft⸗
perspektive gelangt.

Aber die wichtigeren Feinheiten der Einordnung der
Gegenstände in den Raum zu sehen und künstlerisch wieder⸗
zugeben war doch erst dem 16. bis 18. Jahrhundert vor⸗
behalten. Insbesondere wurden jetzt die Probleme der Linear⸗
perspektive bis zu jener raffinierten Ausnutzung ihrer Kenntnis
gelöst, welche die Decken⸗, namentlich die Kuppelmalereien des
Barocks und noch mehr des Rokokos aufweisen. Indes die
größten Schwierigkeiten zeigten sich nun doch auf anderen Ge—
bieten als dem des Umrisses.

War der Raum nicht lichtdurchflossen? Hielten ihn nicht
recht eigentlich die leisen feinen Elemente der Luft, die Nebel⸗
bläschen mit ihren direkten Reflexen des sie durcheilenden direkten
Sonnen⸗, Mond⸗ oder künstlichen Lichts und mit ihrer unend⸗
lichen Summe von Widerscheinen von den lichtreflektierenden
Gegenständen her zusammen — waren nicht sie es, dieses rätsel⸗
hafte „Ambiente“ der Gegenstände, was in der Malerei vor
allem wiederzugeben war, um dem Raume gerecht zu werden?

Hier traten Fragen auf, deren Neuheit die Maler seit dem
16. Jahrhundert recht eigentlich beschäftigte; hier galt es der
Natur näher zu kommen, als je, und mit ihr um ihre intimsten
Reize zu ringen.

Es versteht sich, daß die Bildnerei diesen Weg nicht un⸗
mittelbar gehen konnte. Der Umriß und die drei greifbaren
Dimensionen des Gegenstandes sind zunächst die Grenzen der
Plastik; darum hatten sich, solange es sich allein um sie han—
delte, Malexei und Plastik parallel nebeneinander entwickelt.
Jetzt dagegen erzwang sich das künstlerische Auge Eintritt in
Gebiete, in die vorzudringen der Plastik höchstens auf Um—

37*
        <pb n="286" />
        578

Zweiundzwanzigstes Buch.
wegen, nach vorhergehender Erforschung des Terrains durch die
Malerei und im Gefolge der Errungenschaften dieser, möglich
war. Darum trat seitdem die Plastik in der Entwicklung der
bildenden Künste zurück; und übernahm seit dem 16. Jahr—
hundert die Malerei die Führung.

Allein auch ihr ward es nicht leicht, auf dem überaus
schwierigen Boden Fuß zu fassen. Gewiß war für die Schärfung
des malerischen Auges dadurch viel erreicht, daß mit der
steigenden Ausbildung eines besonderen rein künstlerischen
Malerstandes seit dem 16. Jahrhundert an Stelle der noch im
15. Jahrhundert nicht aufgelösten handwerklichen Einbettung
der Kunstmalerei in die Tätigkeit des Weißbinders die Muße
der Beobachtung und damit die Intensität des künstlerischen
Sehens außerordentlich zu steigen vermochte. Es ist der Bei⸗
trag zur Kunstgeschichte, den die steigende Geldwirtschaft des
individualistischen Zeitalters ganz im stillen geleistet hat. Aber
nicht zu verkennen bleibt doch, daß diese Intensität nicht im
geraden Verhältnis zu dem immer rascheren Zeitmaß der Volks⸗
wirtschaft fortschritt.. Das Tempo des Wirtschaftslebens ist in
naturalwirtschaftlichen Perioden durch den Ablauf der Jahres-
zeiten ein für allemal gegeben: jährlich ein voller Umsatz des
Kapitals, jährlich ein einmaliger Umlauf der menschlichen
Berufstätigkeit, das ist das nicht überschreitbare Maximum.
Jetzt dagegen, in geldwirtschaftlicher Zeit, ergab sich ein mit
steigendem Kapital und verbesserten Verkehrswegen immer
rapiderer Umsatz des Kapitals und damit ein immer hastenderes
Zeitmaß der materielle Werte erzeugenden Tätigkeit: konnte
dem nun die geistige Produktivität folgen? Man wird es von
denjenigen geistigen Berufen behaupten können, bei denen
größere Kapitalaufwendungen schnellere Ergebnisse geistiger
Arbeit verbürgen: so gewiß für eine ganze Anzahl wissen⸗
schaftlicher Betätigungen. Aber gilt die Wandlung auch für die
Gebiete der Kunst? Schwerlich; es sei denn, daß Intensitäts⸗
schärfungen der künstlerischen Fähigkeiten durch Anwendung
wissenschaftlicher Erziehungsmittel, Photographie, Kenntnis der
optischen Wissenschaften u. dgl., und damit indirekt durch
        <pb n="287" />
        Bildende Kunst und Musik. 579
Kapitalaufwendungen gefördert werden könnten: eine Möglich—
keit, die in vollem Umfange erst im 19. Jahrhundert ein—
getreten oder wenigstens ausgenutzt worden ist. Und so ergibt
sich denn für das 16. bis 18. Jahrhundert ganz besonders der
auch heute noch nicht ganz veraltete Satz, daß die künstlerische
Entwicklung, weil der Hauptsache nach nur an besondere mensch⸗
liche Begabung, nicht aber unmittelbar an den objektiven
Fortschritt der materiellen Weltbeherrschung gebunden, eine
verhältnismäßig langsamere Entwicklung durchlief als andere
geistige Tätigkeit. Eben dies ist, beiläufig bemerkt, einer der
Gründe, warum unsere Bildung heute bei weitem mehr eine
intellektuell wissenschaftliche als eine anschauliche, künstlerische
ist; die künstlerischen Bildungsmittel sind im Verhältnis zu
unserem allgemein geistigen und seelischen Dasein wenigstens
his vor kurzem zu konservativ gewesen.

Langsam also vollzog sich im 16. bis 18. Jahrhundert die
künstlerische Eroberung der Luft und des Lichtes. Zunächst
suchte man beiden durch den sogenannten Ton gerecht zu
werden: man verband alle Gegenstände eines Raumes durch
das gemeinsame Medium einer bestimmten Farbenhaltung, etwa
einen goldigen Ton, der freudige Beleuchtung, einen silber⸗
grauen Ton, der delikates Licht ausdrücken sollte usp. Es
war eine Lösung, die dem Bilde jene interessante Einheit gab
oder wenigstens geben konnte, die für ein Frauenantlitz durch
den herabgelassenen Schleier hergestellt wird. Aber die Lösung
oerschleierte eben auch tatsächlich nur das Problem, statt es
u lösen.

Der Tonmalerei folgte entwicklungsgeschichtlich das Hell—
dunkel. Man erkannte, wie schwer Luft und Licht im Freien
sich wiedergeben lassen; man sah, um wie vieles aufdringlicher
und um welche Unsummen von Kombinationen geringer Licht
ind Reflexe in geschlossenen Räumen auftreten. Man fühlte
hier das Webende, Schummrige, gleichsam in der Luft flüssig
Gewordene der Widerscheine; man sah die Sonne sich in ganzen
Milchstraßen von Sonnenstäubchen ergießen; man vermochte
zie natürlichen Lichtquellen wie die Ströme künstlichen Lichtes
        <pb n="288" />
        580 Zweiundzwanzigstes Buch.
nach Absicht und Bedürfnis zu dirigieren: hier zuerst erschien
daher das Problem der Lichtwiedergabe wirklich faßbar.

Die erste augenscheinlich tonige Landschaft im Bereiche der
deutschen Kunst zeigt das Genter Altarwerk der van Eycks;
es bildet in so früher Zeit, um die Wende des ersten Viertels
des 15. Jahrhunderts, eine durch besondere Momente be—
gründete Ausnahme; im allgemeinen hat man tonige Bilder
erst im 16. Jahrhundert gemalt. Der deutsche Meister des
Helldunkels, der größte Meister dieser Art des Malens über—
haupt, ist dann Rembrandt gewesen. Aber auch Rubens steht
entwicklungsgeschichtlich auf dem Boden des Helldunkels. Und
Süd- wie Nordniederländer des 17. Jahrhunderts malten im
Sinne dieser beiden Meister und schufen so selbst dann, wenn
sie Landschaften oder Marinen malten: Erde und Meer sind
ihnen sozusagen große Innenräume, die zur Ermöglichung
dieser Fiktion fast ausnahmslos bei bedecktem Himmel nur durch
einige Wolkendurchlässe wie gleichsam durch Fenster erleuchtet
erscheinen —: nur ganz wenige Meister haben sich dauernder
und noch keiner durchaus diesem Schema entzogen.

Erschien damit das Problem der freien Raumwiedergabe
im Flusse von Licht und Luft gelöst? — Die Gegenwart steht
noch unter der frischen Erfahrung, daß es nicht an dem war.
Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts hat, um es hier
nur ganz allgemein zu bezeichnen, etwa bis 1870 überwiegend
noch nach der Methode des Helldunkels gemalt. Dann aber
brach eine neue Methode zu malen nicht mehr abwendbar
hervor, die Freilichtmalerei; und sie hat in den nächsten Jahr—
zehnten, noch vor Schluß des 19. Jahrhunderts, gesiegt. Es
ist der Versuch gemacht worden, Luft und Licht des unbedeckten
Raumes im künstlerischen Auge aufzufangen und ihren Ein—
druck auf die Leinwand zu bringen. Es war zweifelsohne ein
großer entwicklungsgeschichtlicher Fortschritt.

c. Aber dieser Fortschritt scheint, bei einem Blick auf die
Einzelheiten der Geschichte der Malerei im 19. Jahrhundert,
nicht in einfacher, ruhiger Weiterentwicklung aus dem Hell—
        <pb n="289" />
        Bildende Kunst und Musik. 581
dunkel heraus gemacht worden zu sein, und er war jedenfalls
don Vorgängen begleitet, die schon an dieser Stelle dazu
nötigen, mit zwei Worten auf die allgemeine Bewegung der
Malerei im 19. Jahrhundert einzugehen. Aus Gründen, die
bald zur Darstellung gelangen sollen, setzte die Malerei in dem
Deutschland des 19. Jahrhunderts nach vorübergehenden oder
wenigstens nicht völlig zum Siege gelangenden Neigungen zum
freien Licht mit einer bloßen Umrißkunst ein. Es war ein
Zurückfallen gleichsam auf die Anfänge aller Kunst; es war,
As ob das 19. Jahrhundert in einem Wiederholungskurs des
früher Erlernten und Erreichten hingehen solle. In der Tat war
hder Umriß der Kunst eines Carstens und Overbeck und Cornelius
oielfach konventionell, stand also entwicklungsges chichtlich eigent⸗
lich auf der Höhe der Kunst des 14., allenfalls des 15. und
16. Jahrhunderts. Von da ging man dann wohl rasch zur Farbe
fort, aber zunächst auch nur zur Lokalfarbe nach der Weise des
14. 15. und 16. Jahrhunderts. Dann, im Grunde und ganz
erst seit den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts, näherte man
sich den Problemlösungen des 17. Jahrhunderts; der Realismus
der Farbe dieser Zeit, das Helldunkel, tauchte auf!.

Verlief nun, das ist die Frage, diese ganze Zeit tatsächlich
nur in einer schlechthin nachahmenden Wiederholung früherer
Schaffensperioden? Wir werden später sehen, daß schon die
ältesten Meister dieser nachahmenden Kunst zugleich recht natura—
listische Skizzen im Sinne der großen Kunst des 17. Jahr⸗
hunderts, wenn auch nicht mit vollem Erfolg gemacht haben,
imd daß gleichzeitig neben ihnen da und dort stille Schulen
auf der Grundlage der Malweise des 17. und 18. Jahrhunderts
fortblühten, ja sich sogar schon früh den neuen Problem—
stellungen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts näherten.
1An dieser Stelle sei bemerkt, daß der ganze Abschnitt über die
bildende Kunst in diesem Bande im Jahre 1899 geschrieben ist. Anderungen,
die der wissenschaftliche Ertrag der Berliner Jahrhundert-Ausstellung des
Jahres 1906 an einzelnen, nicht zu zahlreichen Stellen nahelegen könnte,
sollen erst dann vorgenommen werden, wenn dieier Ertrag in wissen—
chaftlich abgeklärter Form vorliegt.
        <pb n="290" />
        582 Zweiundzwanzigstes Buch.
Es wäre also falsch, wenn man von einem gleichsam zeit- und
voraussetzungslosen Studium der Malerei des 14. bis 16. Jahr—
hunderts bei den Meistern des 19. Jahrhunderts sprechen
wollte; sie standen entwicklungsgeschichtlich höher; nicht als an
sich und entwicklungsgeschichtlich unerreichbar, sondern nur als
aus besonderen, bald zu erörternden Gründen vorzuziehen haben
sie die Kunst früherer Zeiten nachgeahmt.

Seit den fünfziger und sechziger Jahren des 19. Jahr—
hunderts aber begann dann eine noch viel bewußtere Nach—
ahmung der alten Meister: so des Rubens und seiner zeit—
genössischen Landsleute bei den Vlaemen, bei Feuerbach und
Makart der Venezianer, bei Lenbach schließlich aller alten Kunst.
Man stand jetzt auf mindestens gleichem Boden mit diesen,
und man lernte von ihnen wie von hochbegabten Kollegen.

Daß aber die Entwicklung des 19. Jahrhunderts bis dahin
gleichwohl nicht bloß ein Repetitionskurs alter Malerei gewesen
ist, das bezeugt, abgesehen von der allgemeinen historischen
Erfahrung, schon die besondere Tatsache, daß die Meister des
Umrisses wie des Farbenrealismus in ganzen großen Richtungen
dennoch Eigenes in die Kunstgeschichte eingebracht haben: so die
Umrißmeister die heroische Landschaft, die Farbenmeister die
Symphonie Makarts und verwandter Künstler und den Neu—
idealismus teilweise noch Feuerbachs und Böcklins.

Dann aber, nach dem Realismus der dreißiger bis sieb—
ziger Jahre, kam das völlig Neue des 19. Jahrhunderts, nahten
die Zeiten der Freilichtmalerei und des Impressionismus. Es
ist eine Malerei, in der, je mehr Nachdruck auf die Wieder—
gabe des Lichtes gelegt wird, um so mehr die dargestellte Er—
scheinung nur ihren allgemeinsten Eindrücken und Formen nach
gegeben werden kann. Wird aber diese Möglichkeit bis in die
äußersten Konsequenzen ausgenutzt, so bedürfen eben gerade
diese allgemeinsten Formen der scharfen Umziehung im Umriß.
Eine sehr merkwürdige Entwicklung, wie wir sie z. B. in dem
modernen Plakatstil vor sich gehen sehen; eine Entwicklung,
die bis zur Aufnahme rein ornamentaler Formen der Licht—
bewältigung führen kann: denn Lichteindrücke in ihren ein—
        <pb n="291" />
        Bildende Kunst und Musik.

8ss
fachsten Grenzen umrissen, erhalten eben einen ornamentalen
Charakter. Wurden nun aber die Folgen dieser Entwicklung
—0
für die modernste Malerei gerade auf Grund ihrer modernsten
Prinzipien wieder eine ornamentale Form — eine Form wie
die der Urzeit! Und in der Tat: die moderne Ornamentik,
die aus diesen Beziehungen hervorgegangen ist, und nicht
minder die moderne symbolische Malerei, soweit sie bis zu
ornamentalen Konsequenzen fortschreitet, hat eine nicht un—
bedeutende Anzahl von Berührungspunkten mit dem ältesten
nationalen Malstil, mit der Ornamentik der deutschen Stammes—
zeit und der Jahrhunderte der Karlinge.

Wir stehen hier vor einer eigentümlichen Tatsache, die um
so genauer ins Auge gefaßt zu werden verdient, als sie nicht
isoliert dasteht und Beobachtungen zu vertiefen geeignet ist, die
schon im Beginne dieses Kapitels gestreift wurden. Eine große
Anzahl von Kulturerscheinungen gerade des modernsten, sich
immer stärker entfaltenden subjektivistischen Zeitalters erinnern
an analoge Erscheinungen der urzeitlichen, symbolischen Kultur—
periode. So, um nur einiges zu erwähnen, die Tendenz zu
genossenschaftlichem Zusammenschluß, die massivere religiöse
Innigkeit, wie sie namentlich dem Aufschwunge der mittelalter—
lichen, katholischen Kirche zugute kommt, die von der Wissenschaft
begünstigte Neigung zu einer pantheistischen oder panpsychischen
Weltanschauuug, und das Drängen der darstellenden Künste zur
Vereinigung von Musik, Dichtung und Mimik in einem einzigen
Ausdruck. Es sind Züge, die auch sonst reife Kulturzeitalter in
der Geschichte anderer Nationen gezeigt haben; allgemein liegen
— D
sucht hoher Kulturen nach Natur und Ursprünglichkeit, nach
der Kombination einer überhitzten Zivilisation mit der frischen
Atmosphäre der Urzeiten zugrunde: — jenen Neigungen, welche
das moderne deutsche Kulturzeitalter von dem männlichen Rufe
Hallers nach der Einfachheit des Alpenbewohners an bis zu dem
müden Lechzen nach Uranfänglichem aufweist, wie ihn populär
etwa der Titel der Zeitschrift „Jugend“ ausspricht.
        <pb n="292" />
        Zweiundzwanzigstes Buch.
Aber wird diese Sehnsucht nach einem Jugendbrunnen je
gestillt werden? Im Sinne der Urzeit niemals. Jede voll—
ständige Erfüllung würde eine unbewußte Rückentwicklung be—
deuten des genossenschaftlichen Triebes zum Kommunismus, der
Religion zum ritualistischen Gehorsam, der Wissenschaft zur
Mythologie, der darstellenden Küunste zum Hynnus. Wohl aber
läßt sich in hohen Kulturen vielfach bewußt eine Vereinfachung
gewisser verwickelter Tendenzen erreichen, und die Formen
dieser bewußten Vereinfachung ähneln dann äußerlich gewissen
unbewußt entwickelten Kulturformen der Urzeit bei völlig ab—
weichender innerer Struktur und Veranlagung. Es ist ein
Zusammenhang, der wohl beachtet sein will; wird er doch
sogar in der Auffassung der Freiheit wirksam, die in Urzeiten
eine unbewußte, d. h. nur durch die Institutionen gewähr—
leistete ist und darum im Grunde vielmehr Gebundenheit ge—
nannt werden muß, während sie in hoher Kultur durch Er—
ziehung innerlich bewußt gesichert erscheint — und umfaßt er
damit doch den ganzen ethischen und psychischen Kosmos hoher
Kulturen. Denn eben in ihm, in seiner systematischen An⸗
wendung sichern sich hohe Kulturen bewußt vor der schranken⸗
losen Willkür des Subjektivismus; der Ruf nach Natur, nach
Urzeit, ist daher zugleich der Schrei nach Gesundheit und der
Warnungsruf vor den zerstörenden Einwirkungen einer un—
gezügelten Bewegungsfreiheit subijektiver Zeiten.

In diesem Zusammenhange gewinnt auch der unter ge—
wissen Umständen eintretende Rücklauf der Freilichtmalerei zu
bewußter Ornamentierung gerade der fortgeschrittensten Formen
allgemeine Bedeutung. Er muß als ein Zuchtmittel verstanden
werden und als ein künstlerisches Gegengewicht gegen das
radikale Wesen jenes zügellosen Impressionismus, der sich aus
der Freilichtmalerei entwickeln kann. In weiterem Sinne aber
gehört hierher überhaupt das gleichzeitig mit den frühesten
Versuchen der Freilichtmalerei schon einsetzende Betonen der
Form in der Malerei, d. h. das Hindrängen auf besonders
klare und anschauliche Ordnung der Raumverhältnisse, wie sie
dem deutschen Neuidealismus der Feuerbach, Böcklin, Thoma,
        <pb n="293" />
        Bildende Kunst und Musik.

585
Klinger eignet und von Marses, Fiedler und auch Hildebrand
lehrhaft gepredigt worden ist.

Erscheint aber so die Wiederaufnahme alter Bildungs—
formen in der Malerei des 19. Jahrhunderts mindestens seit
dem vollen Siege der Freilichtmalerei keineswegs als einfache
Nachahmung, sondern vielmehr als die besondere Anwendung
einer sehr allgemeinen Entwicklungsform dieses Kulturzeitalters
überhaupt, so darf man billig Bedenken tragen, die Malerei
der Zeit unmittelbar vor dem Triumphe des freien Lichtes
einfach als Nachahmung früherer Malereien zu kennzeichnen.
Auch bei ihr handelt es sich zugleich um einen Vorgang der
Kombination subjektivistischer Neigungen mit den strengeren
Formanforderungen früherer Zeiten, wenn auch gelegentlich
das Moment reiner Nachahmung stark mit in Frage gekommen
ein mag.

Und so erhalten wir für die entwicklungsgeschichtlich ebenso
—
der zweiten Hälfte des 18. und im Verlaufe der ersten Hälfte
des 19. Jahrhunderts etwa folgende allgemeine Ansicht: schon
früh, unmittelbar mit dem Erwachen des subjektivistischen Zeit⸗
alters seit Mitte des 18. Jahrhunderts entschiedene Versuche
des Übergangs zu Freilichtmalerei und Impressionismus, die
aber durch besondere Umstände in ihrer freien Entwicklung
unterdrückt werden, ohne doch als Entwicklungsansätze in der
Tiefe jemals wieder zu verschwinden; darauf eine große
akademische Malerei, die gegenüber den ihrer Meinung nach
destruktiven Tendenzen der soeben charakterisierten Unter—
strömung Schutz sucht bei den strengen Formen der Alten und
aus ihnen heraus von einer Umrißkunst zu einer Kunst der
Lokalfarbe und einer Kunst der Tonmalerei und des gebundenen
Werkstattlichtes fortschreitet; endlich, jenseits schon der Mitte
des 19. Jahrhunderts, eine aus der bisherigen Unterströmung
nicht ohne die Hilfe des Auslands hervorbrechende Freilicht-
malerei, die ihrerseits zur Gegenwehr gegen die formenlösende
Gewalt des freiflutenden Lichtes zurückgreift sogar bis zum
ornamentalen Umriß der Frühzeit und damit selbstverständlich
        <pb n="294" />
        6
58

Zweiundzwanzigstes Buch.
auch gelegentlich zu den anderen wichtigsten bindenden Formen
der späteren Entwicklung: zum konventionell oder realistisch
gehaltenen, jedenfalls aber stark betonten Umriß, zur Ton⸗
malerei, zum Werkstattlicht und zu den aus diesen natura—
listischen Ausdrucksmitteln jeweils abgeleiteten idealisierenden
Stilformen der romanischen Kunst, der Gotik, der italienischen
Früh- und Hochrenaissance, der deutschen Renaissance, der nord⸗
und südniederländischen Malerei, ja auch des Rokokos und des
Empire.

Kann man unter diesen Umständen die Malerei des
19. Jahrhunderts vom Historismus „durchseucht“ nennen?
Gewiß hat der Historismus teilweise zu unselbständiger Nach—
ahmung verführt und dann die freie künstlerische Entfaltung
der Individuen beeinträchtigt; anderseits aber hat er der Ten—
denz einer zum Verfall geneigten, anscheinend an der äußersten
Grenze der möglichen Ausdrucksmittel angelangten Kunst bin⸗—
dende Formen früherer Zeit rettend zur Verfügung gestellt.
Aber freilich läßt sich in diesem Zusammenhange überhaupt
nicht mehr von reinem Historismus reden, denn die alte Form
wurde selbstverständlich grundsätzlich eine andere, sobald sie in
moderner Anwendung neuen Absichten und Zwecken diente.
Was aber für die Malerei auf diesem Gebiete galt, das galt
auch für die anderen bildenden Künste, für Bildnerei und
Baukunst: galt für sie um so mehr, als sie in ihren Ausdrucks—
mitteln konservativer blieben, da sie den Umriß überhaupt nicht
oder nur sehr schwer auflösen konnten, während die Freilicht—
malerei ihn zerstörte, — und doch den Einflüssen dieser Malerei
als der führenden Kunst unterlagen.

d. Ist denn aber die Voraussetzung, daß die Kunst—
geschichte im Grunde nur eine Geschichte der künstlerischen
Ausdrucksmittel sei, überhaupt richtig? Wird nicht oft genug
von Künstlern selbst geltend gemacht, die Kunstgeschichte sei
nur eine Geschichte der Technik, von Laien und auch von
Historikern, sie sei mindestens zum Teil auch eine selbständige
Geschichte der künstlerischen Inhalte? Und gibt es nicht eine
        <pb n="295" />
        Bildende Kunst und Musik.

587
ganze Literatur von kunstgeschichtlichen Darstellungen, in denen
die Gesichtspunkte der Ausdrucksmittel, der Technik, des künstle—
rischen Inhalts ohne ein Wort der Aufklärung über ihr gegen—
seitiges Verhältnis in bunter und willkürlicher Abwechslung
zum Verständnis der künstlerischen Entwicklung herangezogen
werden?

Gewiß soll jedes Bild, wie jedes Kunstwerk, etwas Be—
stimmtes ausdrücken, vom philosophischen Gedanken bis zu
einer individuellen Licht- oder Formstimmung. Und dabei
braucht der Inhalt dem Bilde keineswegs unmittelbar ein⸗
verleibt zu sein; es gibt auch Bildideen, die erst dadurch
wirksam werden, daß sie eine außerhalb der bildlichen Dar—
stellung liegende Ideenassoziation wecken; auch das Bedürfnis
der Novellistik wie der Dogmatik wie der Darstellung jedes
anderen Gedankenkreises kann im Bilde Befriedigung suchen.
Aber kann dieser Inhalt auf irgendeinem anderen Wege an—
schaulich werden als auf dem der Anwendung der künstlerischen
Ausdrucksmittel? Sie allein bilden doch auch hier die Brücke
zum Kunstwerk; in ihrer Geschichte spiegelt sich daher dennoch
aller kunstgeschichtliche Einfluß des Inbhalts der Kunstwerke
wider.

Dabei kann dieser Einfluß an sich groß genug sein. Unter—
scheidet man z. B. in der Entwicklung der Malerei seit dem
15. Jahrhundert zwischen der Schwarz⸗Weiß- oder Griffelkunst,
der Wandmalerei oder Raumkunst und der eigentlichen Bild—
kunst, wie Max Klinger es tut, so versteht sich, daß diese
Dreispaltung, wie sie mit ihrer verschiedenartigen Bestimmung
der Bilder wenn nicht durchweg, so doch vielfach auf deren
besonderen Inhalt zurückgeht, auch auf die Entwicklung der
Ausdrucksmittel von Bedeutung gewesen ist.

Und berührt man dieselbe Dreispaltung vom Gesichts—
punkte der Technik aus, so läßt sich nicht leugnen, daß, während
die Wandmalerei sich auch weiterhin früher schon bekannter
Maltechniken bediente, die Bildkunst vornehmlich der Olmalerei,
die Griffelkunst vornehmlich der Entwicklung der Druckverfahren
ihren gewaltigen Aufschwung verdankt. Und es ist klar, daß
        <pb n="296" />
        Zweiundzwanzigstes Buch.
diese Techniken den künstlerischen Ausdruck stark bestimmt
yaben.

Allein nicht darum handelt es sich, ob die Techniken
überhaupt auf den Ausdruck einwirkten: das vielmehr ist die
Frage, ob sie hier, in diesem besonders hervorragenden Falle,
wie sonst imstande gewesen seien, ihm eine neue Richtung zu
geben, ihn qualitativ entscheidend zu ändern. Diese Frage aber
muß vor dem Forum jeder tieferen historischen Erfahrung ver⸗
neint werden. Der Übergang z. B. von bloßer Umriß- und
Lokalfarbenkunst zur Tonmalerei und den darauffolgenden Er—
scheinungen mag durch die Olmalerei beschleunigt worden sein;
hervorgerufen durch sie wurde er nicht. Der Beweis für diese
Auffassung ist schon in der Tatsache gegeben, daß nach der
Tonmalerei der van Eycks viele Maler in Ol gemalt haben,
ohne darum Ton zu haben; hatten die van Eycks oder
wenigstens der eine der Brüder Ton, so war das eine Folge
der besonderen Feinheit ihres Künstlerauges, die zudem noch
durch einen besonderen Umstand, nämlich die Kenntnis anderer
als südniederländischer Landschaften, also durch das überaus
wertvolle Mittel des Vergleichs verschiedener malerischer Ob⸗
jekte gestärkkt worden war. Die Ursache der Tonigkeit der
Landschaft des Genter Altarwerks liegt also nicht in der Tat—
sache, daß sie in einer neuen Technik gemalt ist, sondern in
der besonders hohen Begabung ihres Schöpfers für die Emp⸗—
findung des Tonigen in der Landschaft, mithin in einem
seelischen Werte.

In dem hier nachgewiesenen Zusammenhange aber er—
halten wir überhaupt erst den Schlüssel zum Verständnis des
Wertes von Inhalt und Technik des Kunstwerks in der kunst—
geschichtlichen Entwicklung. Sind — so dürfen wir jetzt
fragen — die Gabelung der Malerei in Griffel-⸗, Raum- und
Bildkunst, sowie die Entwicklung der Oltechnik und der reprodu—
zierenden Künste im 15. Jahrhundert denn wirklich geschicht⸗
liche Tatsachen von tiefstem und fundamentalem Werte? Keines⸗
wegs! Längst vor der Erfindung des Buchdrucks und der
übrigen reproduzierenden Künste, des Holzschnitts vornehmlich

8
58
        <pb n="297" />
        Bildende Kunst und Musik.

589
und des Kupferstichs, bestand das Bedürfnis der Verviel—
fältigung gewisser Kunstwerke und fand, entsprechend den zahl—
reichen Schreibschulen des 14. und 15. Jahrhunderts, in der
Arbeit ganzer Illustratorenschulen Ausdruck. Warum aber diese
Schulen, warum das Bedürfnis nach häufiger Reproduktion
einfacher Kunstwerke, wie sie die Federzeichnungshandschriften
des 13. bis 15. Jahrhunderts darbieten? Weil in dieser Zeit
soziale Veränderungen vor sich gingen, die ein demokratisches
Mäcenat schufen: das Bürgertum nahm sich auf und begann
mit den Fürsten um die politische wie geistige Führung der
Nation zu wetteifern. Darum eine demokratische Kunst, darum
die Erfindung der vervielfältigenden Verfahren — darum auch,
wie sich leicht nachweisen ließe, die Anwendung der technisch
längst bekannten Olmalerei zu künstlerischen Zwecken. Und
fernerhin: ist etwa die Gabelung der Malerei in Griffel,
Raum- und Bildkunst eine fundamentale historische Tatsache?
Wir sahen schon, wie die Griffelkunst aus der Entwicklung
eines demokratisch-bürgerlichen Mäcenats hervorging noch vor
der Durchbildung der reproduzierenden Kunste; demselben
Zusammenhang entsprang auch die Bildkunst, die zunächst für
das Haus des Bürgers und die intime Bürgerkapelle der
Stadtkirche, für trauliche Räume also schuf, während das Wand⸗
gemälde der bürgerlichen Repräsentation in Rat- und Kauf⸗
haus, vornehmlich aber, zumal seit den Zeiten der Renaissance,
der Repräsentation der Fürsten gedient hat.

Auf soziale Momente also gehen in diesen Fällen Inhalt
der Kunstwerke und Anderungen der Technik zurück! Und es
wäre nicht schwer nachzuweisen, daß dies auch sonst der Fall
ist, wenige Ausnahmen abgerechnet, wo es sich in der Technik
um Zufallsfunde handelt — die aber auch immer erst dann
recht nutzbar gemacht worden sind, wenn wichtige soziale Ein⸗
düsse treibend hinter sie getreten waren. So wird z. B. die
Ausbildung der Bildnismalerei zu einem eigenen Kunstzweig
der Entwicklung des niederländischen Bürgertums verdankt, so
ist die Ausgestaltung der lithographischen Technik aufs engste
mit dem Emporkommen der Bourgeoisie des 19. Jahrhunderts
        <pb n="298" />
        590

Zweiundzwanzigstes Buch.
verknüpft: und Dutzende von kleinen Wandlungen in den In—
halten und Techniken der Kunstgeschichte des 19. Jahrhunderts
werden sich ebenfalls als einfache Folgeerscheinungen sozialer
Wandlungen ergeben.

Was aber ist nun mit der Reduktion der Geschichte der
künstlerischen Inhalte und der künstlerischen Techniken auf
soziale Momente gesagt? Nichts anderes, als daß diese Ge—
schichte indirekk auf eben jene Wandlung der allgemeinen
psychischen Momente in einer Nation zurückgeht, als deren
direkten Ausdruck auf künstlerischem Gebiete wir die Entfaltung
der künstlerischen Ausdrucksmittel gefunden haben. Denn wie
auch immer die Faktoren beschaffen sein mögen, aus deren
Zusammenwirken sich die soziale Schichtung einer Nation formt
und stetig umformt, mögen sie nun, wie in älterer Zeit, mehr
rein wirtschaftlicher Natur sein oder, wie zu Zeiten höherer
Kultur, zugleich die Entwicklung geistiger Berufe widerspiegeln:
immer läßt sich als Ergebnis reiner geschichtlicher Erfahrung
feststellen, daß das seelische Diapason, das Gemeinsame des
seelischen Lebens eines Volkes, der „Volksgeist“, sich der
Wandlung der sozialen Schichtung parallel umformt: also daß
der soziale Körper in dem Augenblick, da er Veränderungen
seiner anschaulichen, gleichsam materiellen Zusammensetzung
erleidet, damit zugleich auch Veränderungen seiner seelischen
Kollektiväußerungen erlebt. Ist dies aber der Fall und wandelt
sich im Zusammenhange mit dem allgemeinen Wesen der seelischen
Kollektivkräfte auch die künstlerische Ausdrucksfähigkeit in lang—
samer Entwicklung, so begreift sich, wie aus den sozialen Ver—
änderungen erst mittelbar abgeleitete Momente, wie der Inhalt
und die Technik der Kunstwerke, die Entwicklung der künstle—
rischen Ausdrucksmittel grundsätzlich nur in der für diese be—
stehenden, aus der physiologischen Konstruktion des Auges
organisch hervorgehenden Bahn zu fördern, niemals aber ihr
auf die Dauer entgegenzuwirken vermögen.

Und darum ist die Kunstgeschichte die Geschichte der
künstlerischen Ausdrucksmittel oder anders ausgedrückt des
künstlerischen Auges; und nicht der Inhalt und die Technik
        <pb n="299" />
        Bildende Kunst und Musik.

591
des Kunstwerks in erster Linie, sondern die organische Ab—
wandlung der Formen dieser Ausdrucksmittel, sozusagen der
künstlerischen Arten des Sehens bestimmt ihren Verlauf.

Diese Ausführungen ziemlich eingehender Art mußten hier
aus zwei Gründen gegeben werden. Einmal weil ohne Ein—
blick in diese tiefsten treibenden Kräfte die Geschichte der
Malerei und die Kunstgeschichte des 19. Jahrhunderts über⸗
haupt nicht zu verstehen sind. Dann aber weil an irgendeinem
Paradigma der geistesgeschichtlichen Entwicklungszweige einmal
zu zeigen war, wo denn eigentlich das durchgehendste Moment
der Entfaltung zu suchen ist. Denn es versteht sich von selbst,
daß, was für die bildende Kunst erhärtet ist, auch für die
darstellende zu Recht besteht: daß also mit dem Nachweise der
besprochenen Zusammenhänge auch für die Musik wie die Dicht—
kunst wie die Mimik die Entwicklung der Ausdrucksfähigkeit
als das entscheidende psychische Moment und als der eigentliche
Kernpunkt des geschichtlichen Werdens nachgewiesen ist, ja daß
das gleiche auch für die Religion gilt und für die Sittlichkeit
und das Recht: so daß allein die Geschichte der Frömmigkeit,
der sittlichen Vorstellungen und Begriffe und des Rechtssinnes,
nicht aber die Geschichte etwa der Kirche oder der Sitte oder der
pezifischen Rechtsmaterien in den Kern dieser Seiten mensch⸗
licher Entwicklung einführen.

Auf dem Gebiete der bildenden Künste aber und vor—⸗
nehmlich der Malerei wurde der Nachweis erbracht, weil diese
Gebiete die anschaulichsten innerhalb aller Überlieferung sind
und darum auch den anschaulichsten Beweis gestatten: an—
schaulich aber muß die Geschichtswissenschaft selbst da zu bleiben
suchen, wo sie zur festen Begründung methodisch wichtiger
Sätze in die untersten Schichten menschlicher Entwicklung hinab⸗
gräht. —

2. „Jedes Land hat seine eigentümliche Kunst wie sein
Klima und seine Landschaft, wie seine Kost und seine Ge—
tränke,“ heißt es in Heinses „Ardinghello“. „Hochverrat ist
es, wenn einer behauptet, daß die Griechen nicht übertroffen

Lamprecht. Deutsche Geschichte. VIII. 2. 20
        <pb n="300" />
        X

Zweiundzwanzigstes Buch.
werden können,“ schreibt Klopstock. Und Herder ruft im
„Vierten Kritischen Wäldchen“: „Was hat die Malerei für
ein anderes Gesetz, als die große Tafel der Natur mit allen
ihren Erscheinungen zu schildern? Und mit welchem Zauber
tut sie das? Die sind nicht klug, die die Landschaftsmalerei
verachten und dem Künstler untersagen. Ein Maler, und soll
kein Maler sein! Bildsäulen soll er drechseln mit seinem
Pinsel. Gewiß, die griechischen Denkmale stehen im Meer der
Zeit als Leuchtturme da. Aber sie sollen nur Freunde sein
und nicht Gebieter. Malerei ist eine Zaubertafel, so groß wie
die Welt, in der gewiß nicht jede Figur eine Bildsäule sein
kann. Es entsteht sonst ein mattes Einerlei langschenkliger,
gradnäsiger griechischer Figuren. Auch wird uns unsere Zeit,
die fruchtbarsten Sujets der Geschichte, alles Gefühl von
einzelner Wahrheit und Bestimmtheit hinwegantikisiert.“

Man sieht, aus welchem Lager diese Stimmen erschallen,
deren Rufe sich leicht vermehren ließen!. Es ist der Geist der
jungen Literatur der Empfindsamkeit und des Sturmes und
Dranges, der speziell nationalen Strömung auf literarischem
Gebiete überhaupt, der aus ihnen spricht. Eine deutsche Kunst
neben einer deutschen Literatur, keine blinde Abhängigkeit von
der Antike, keine Lehrbarkeit der Kunst, die Kunst reine Phantasie⸗
tätigkeit des modernen Geistes, das ist die Meinung. Und wie
diese Forderungen auf dem Gebiete der Literatur aus den
Kreisen des gebildeten Bürgertums heraus erschollen waren, so
konnte auch die soziale Grundlage einer neuen Kunst, wie sie
hier ersehnt wurde, nur da gesucht werden, wo sie von der
Literatur gefunden worden war, vornehmlich im Bürgertum.

War nun aber das Bürgertum kräftig genug, eine solche
künstlerische Bewegung zu zeitigen, zu nähren, zu hoher natio—
naler Bedeutung großzuziehen?

Die um 1750 herkömmliche Auffassung der Kunst als nichts
denn einer schönen Wissenschaft der Nachahmung der Griechen
war nicht ohne starke soziale Stützen.

Die zitierten Stellen bei Muther, Gesch. der Malerei 4, 151252.
        <pb n="301" />
        Bildende Kunst und Musik.

—
Im Mittelalter und in den Aufangszeiten der Renaissance
war die deutsche Kunst noch eng mit dem Handwerk verflochten
gewesen. Sie war demgemäß Kundenarbeit; das Publikum
hestimmte zum guten Teile den Inhalt und auch die Form
der Kunstwerke; nur äußerst selten setzte sich ein Maler für
die Durchführung großer Schöpfungen ein nur ihm eigenes
Programm, wie das etwa Dürer getan hat; der erste deutsche
Meister, der im allgemeinen keine Aufträge mehr erledigte,
sondern nur noch nach seinen Gedanken schuf, war doch erst
Rembrandt. So blühte die Kunst an zahllosen Stellen in
lokalen Schulen; beim Meister lernte der Gesell und das Lehr—
kind nur das Handwerksmäßige — alles übrige ergab die
Individualität und die Umwelt der Natur, der öffentlichen
Kunstmeinung und der Bedürfnisse. Und diese Umwelt war
zumeist bürgerlich. Darum waren die entstehenden Schulen
der Regel nach an große Städte geknüpft, und in den Bildern
reflektierte dieser städtische Charakter vom gegenständlicheren
Detail der Darstellung an bis hin zur Wiedergabe der bald
feuchteren, an Widerscheinen reicheren, bald klaren und trockenen
Luft der see⸗ oder binnenstädtischen Umgebung. Bürgerliche
Kunst also auf lokalem Boden in handwerklicher Tradition, das
war die Kunst des späteren Mittelalters und zum großen Teile
auch noch des 16. Jahrhunderts.

Aber darauf kam die Renaissance zu voller Entwicklung,
und unter deren Ausbreitung seit der zweiten Hälfte des
16. Jahrhunderts begann an Stelle der bürgerlichen eine fürst⸗
liche, höfische Kultur zu treten. Die Kunst fing damit an,
gelehrt zu werden und suchte ihre Stützen am Hofe. Wie aber
sieß sich nun dieser neue Zustand befriedigend gestalten?

Die Stellung der Kunst an den romanischen Fürstenhöfen
wies den Weg. Am römischen Hofe hatte man schon seit
Nikolaus V., seit der Mitte des 15. Jahrhunderts eine Kunst-
pflege gehabt, die einen Teil der Methode der späteren Kunst—
akademien vorwegnahm. Noch mehr war das an dem Hofe
Franz' J. von Frankreich der Fall gewesen. Das Entscheidende
war dabei immer, daß man bedeutende Künstler, insbesondere

30*
        <pb n="302" />
        304

Zweiundzwanzigstes Buch.
früh auch Maler, aus der Umwelt riß, in der sie bodenständig
waren, sie an den Hof verpflanzte, ihnen spezielle Aufträge
gab und versuchte, sie zu Lehrern einer zweiten Generation von
Künstlern — und diese dann zu Lehrern einer dritten uswp. —
auszubilden.

In Deutschland kann man die Stellung Cranachs am
Hofe der ernestinischen Wettiner und die ähnlichen Stellungen
anderer Maler an anderen Höfen als den Beginn einer ver—
wandten Entwicklung auffassen. Akademien aber erwuchsen
aus diesen Anfängen zuerst in Italien und Frankreich. In
Deutschland vollzog sich ein Abschluß in diesem Sinne erst
spät seit dem 17. Jahrhundert: nun kam es in München,
Dresden, Berlin und sonstwo zu wirklichen Pflanzschulen der
Kunst.

Natürlich enthielten aber diese Pflanzschulen ihrem innersten
Wesen nach für die Weiterbildung der Kunst ganz andere
Voraussetzungen als die alten zünftlerischen Überlieferungs—
formen der Kunst. Ausbildung und Beschäftigung der Meister
wurde hier zugleich geregelt; nicht bloß das Handwerksmäßige
wurde gelehrt, auch der Geschmack, das Auge wurden gebunden.
Und maßgebend für die damit verknüpfte Brechung der künstle—
rischen Persönlichkeit wurde eine fremde Kunst, da es eine
heimische Tradition für diese Kreise nicht gab: die Renaissance.
Das Ergebnis kann nicht überraschen. Die Künstler wurden
sozusagen Beamte, liebe, stetige, fleißige Männer von guten
Manieren, korrekt, wohlanständig, als Höflinge zumeist elastischen
Rückgrats, als Künstler zeitlebens Lehrlinge fremden Ge—
schmackes.

Im 18. Jahrhundert aber wurden dann diese Kreise klar
ersichtlich zu Elementen, aus denen die wahre Kunst floh:
zu Begräbnisstätten der noch lebendigen Kunst des 17. Jahr—
hunderts. Denn wo nur immer sie „aufblühten“, da wurde
die Kunst fast ausnahmslos zur schönen Wissenschaft, blieb nichts
übrig als Phlegma.

Diesem Gange der Entwicklung gegenüber konnte sich nun
die Auffassung der Enthusiasten der zweiten Hälfte des 18. Jahr—
        <pb n="303" />
        Bildende Kunst und Musik.

595
hunderts, des Sturmes und Dranges, der jungen Nationalen
eigentlich nur auf zweierlei stützen: auf Akademien, die etwa
dennoch nicht oder nicht ganz der fürstlichen, der „akademischen“
Aunst zum Opfer gefallen waren, und auf die Produktion
stiller Winkel, in denen das ältere, bürgerliche Leben der
Kunst vielleicht noch nicht erloschen und neuen Aufflackerns
fähig war. Aber wie wenige solcher Winkel mochte es noch
geben! An der breiten Heerstraße der Entwicklung, in den
Großstädten des 17. und der ersten Hälfte des 18. Jahr—
—V0
deren Kunst eingezogen: Leipzig hatte zur Zeit des jungen
Goethe seine Akademie mit dem echt akademischen Hser als
Direktor, und in der Geburtsstadt Goethes baten die Maler
den Rat im Jahre 1767 um die Errichtung einer Akademie,
deutlich von der Überzeugung getragen, daß das Wesentliche
der Kunst in Regeln gefaßt werden könne.

Im ganzen waren es daher nur die Grenzgegenden
deutschen Wesens, wo frisches Leben noch von alters her fort—
sprudelte: die Schweiz und hier und da ein österreichischer Ort
m Süden, im Norden vielleicht ein wenig das Danzig Chodo—
wieckis, sicherlich Hamburg, und jenseit der südgermanischen
Grenzen, aber damals deutscher Kultur voll, Kopenhagen, von
denen eine nationale Fortbildung der Kunst zu erhoffen war.
Und von hier aus regte sich denn auch leise, mit mancherlei Ab—
senkern ins innere Deutschland, nach Berlin und Dresden zumal,
eine neue Kunst, und zwar, wie sich versteht, eine bürgerliche.

Es war auf europäischem Gebiete nicht die erste neue
bürgerliche Kunst des 18. Jahrhunderts. Wie im allgemeinen
die bourgeoise Entwicklung der neueren Zeiten, so war von
England auch die bourgeoise Kunst vorweggenommen worden:
Hogarth, der leidenschaftliche Moralprediger, der Schöpfer der
Lebensläufe einer Dirne“ (1733) und eines „Wüstlings“, der
„Mariage à la modeé“ (1745), des Cyclus „Fleiß und Faul⸗
heit“, wurde dort schon zu ihrem ersten klassischen Vertreter.
Und auch in Frankreich war man zur Zeit der Tragédie
bourgeoiso und der Comédie larmoyanté in eine anscheinend
        <pb n="304" />
        5960

Zweiundzwanzigstes Buch.
bürgerliche Kunst eingelenkt; damals, seit 1755, schuf Greuze
seine berühmten bourgeoisen Bilder, erschienen eins nach dem
anderen jene eleganten Büchelchen in Taschenformat, in denen
Meister wie Gravelot, Cochin und Eisen Molières „Komödien“
oder Ovids „Metamorphosen“ oder die „Novellen des Boccaccio“
für das lesende Publikum mit feinen Stichen illustrierten. Es
war die doppelte Tätigkeit, die sich schon bei Hogarth findet:
das Olbild in kleineren, „bürgerlichen“ Formaten für die
reicheren Familien und das Kupfer oder sonst eine Art der
reproduzierenden Kunst für die ärmere und doch bildungs—
bedürftige und bildungsfähige Masse. Nur daß da, wo es
Hogarth heiliger Ernst war und ihm der Wahrheitseifer den
strengen Stil der Karikatur eingab, die Franzosen vielmehr
frivol und verlogen, pikant und anmutig-konventionell zu
schaffen wußten.

Deutschland, das um einige Jahrzehnte später die Wege
sozialer Entwicklung Englands und Frankreichs betrat, hat zu
der eigentlichen Maltätigkeit Hogarths und Greuzes kaum ein
volles Gegenbild aufzuweisen; für Olmalerei war unser Bürger⸗
tum im allgemeinen zu arm, unsere Kultur zu philisterhaft. Im
Kupfer aber wurde Chodowiecki unser Hogarth und unser
Gravelot, unser Cochin und unser Eisen zumal — si parva
licet componeère magnis.

Chodowiecki wurde im Jahre 1726 in Danzig geboren
und ist erst ziemlich spät, fast dreißig Jahre alt, zudem noch
mit wesentlich autodidaktischer Bildung, in seine eigentliche
künstlerische Heimat, nach Berlin gekommen; zur Illustration,
seiner wichtigsten Tätigkeit, gelangte er gar erst um sein vier—
zigstes Jahr. Es ist das Gebiet, das ihn den Zeitgenossen
vor allem lieb und wert machte; mit seinen Bildchen kleinen
und kleinsten Formates ist er der erste Illustrator unserer
Klassiker, aber auch englischer und französischer Duodezformate
geworden: so konnte man ihn hübsch ständig mit sich herum—
tragen in einer Zeit, die ganz der Literatur lebte, und der
ein literarisches Buch etwa in gleicher Art mit zur Kleidung
zehörte, wie dem 15. Jahrhundert das Gebetbuch oder dem
        <pb n="305" />
        Bildende Kunst und Musik.

507
—
die prickelndste Grazie des Rokokos darf man bei ihm ebenso⸗
wenig suchen wie etwa gar das anschauliche Pathos des
Sturmes und Dranges. Er ist ein biederer, braver Philister,
ein Mann von wackerer Wahrheitsliebe, der mit unbedingter
Ehrlichkeit die meist recht stille Welt zu Papier bringt, die
den Schauplatz des Bürgerlebens seiner Zeit bildete. Eins
seiner bekanntesten Blätter, er selbst im Familienzimmer am
Fenster zeichnend, die gute Mama mit den Kleinen um einen
Tisch gruppiert zu geselligem Beieinandersein, an den Wänden
des Zimmers Bild an Bild, das Ganze Werkstattsarbeit und
Familienglück zugleich, so wie auch Chodowieckis Freund Graff
im Familienzimmer malte und wohl malen mußte: das charakteri⸗
siert ihn am besten. Als Chronist einer frühen Entwicklungs⸗
stufe unseres modernen Bürgertums von kleinbourgeoiser An⸗
mut, als jemand, der in den Zeiten eines im übrigen ver—
schwommenen Klassizismus sehr genau sah und im Charakter
der erfahrenen Stimmung sorgfältig berichtete, und insofern
als einer der Väter der realistischeren Kunst des 19. Jahr—
hunderts wird Chodowiecki immer mit Ehren genaunt werden.
Chodowiecki hat auch porträtiert, natürlich der Hauptsache
nach mit. dem Zeichenstift, der das einzige ihm ganz liegende
Ausdrucksmittel war. Es sind kleine Blättchen, oft Familien⸗
szenen; wie viele Familien Norddeutschlands besitzen nicht noch
setzt die Bildnisse des dritten oder vierten Geschlechts vor
ihnen in seinen sauberen Konterfeis! Und in eben solchen
Handzeichnungen hat er auch mit unermüdlichem Griffel die
Freuden und Leiden des eigenen, im Grunde ereignislosen
Daseins niedergelegt; die Zeichnungen von seiner Fahrt von
Berlin nach Danzig mit kleinen Reiseabenteuern und mit der
gewissenhaften Aufnahme jedes Besuchs bei „berühmten“ Dan—
ziger Leuten können geradezu ein Tagebuch in Bildern genannt
werden.
Da treten denn Neigungen hervor, die sich in der deutschen
Geschichte — wenn auch unter gewissen Abweichungen, wie sie
inderen Kulturzuständen entsprachen —, schon zweimal hatten
        <pb n="306" />
        398

Zweiundzwanzigstes Buch.
beobachten lassen, in der Blütezeit des deutschen Bürgertums
im 16. Jahrhundert und auf der Höhe der holländischen Ge—
schichte im 17. Jahrhundert. Dem Bürgertum auch dieser
Zeiten ist schon der Zug ins Sittenbildliche eigen, und zwar
gern mit einem Stich ins Sentimentale, in den Humor der
Tränen; selbst die große Zeit der deftigen Holländer und der
kraftstrotzenden Vlaemen ist von diesem Zusatze nicht ganz frei;
und neben der Neigung zum Genre steht die Neigung zum
Porträt. —

Das Bildnis ist in der deutschen Kunst natürlich erst dann
aufgetreten, als die Möglichkeit voller Wiedergabe wenigstens
der Umrisse eines Kopfes bereits voll entwickelt war. Es war
gegen Ende des 18. Jahrhunderts der Fall. Die ganze große
Nonnenschar, welche Herrad von Landsperg in ihrem , Hortus
deliciarum“ zur Zeit Kaiser Friedrich Rotbarts porträtiert
hatte, mutet uns noch an wie eine Serie von Puppengesichtern
aus einem Modejournal; König Rudolf von Habsburg dagegen,
dessen gleichzeitiges Bildnis auf seiner Grabplatte im Speierer
Dom wenigstens in einer leidlichen Kopie des 16. Jahrhunderts
erhalten ist, wirkt ein Jahrhundert später schon mit der Ur—
sprünglichkeit klar, wenn auch noch äußerlich erfaßter indivi—
dueller Züge. Vom Ende des 13. Jahrhunderts an aber geht
es über die Arnolfini des Jan van Eyck im Berliner Museum
in reißendem Fortschritt der Wiedergabe des äußeren wie des
inneren Lebens fort bis zu der schönen Offenburgerin Holbeins
and dem Holzschuher Dürers.

Im ganzen aber blieb das freie, als selbständiges Kunst—
werk auftretende Bildnis zunächst des Mittelalters doch noch
Fürstenporträt; und erstrebt wurde bei ihm im Grunde und
durchschnittlich mehr ein Erinnerungsbild, vor allem an teure
Tote, als die treue Wiedergabe des Lebens. So sind die
Bildnisse ganzer Figur auf den messingenen Grabplatten des
15. und auch noch des 16. Jahrhunderts oft gar nicht ähn—
liche Porträts, sondern nur symbolische Figuren etwa des
Berufstyps des Verstorbenen, die nur ganz im allgemeinen
das Gedenken an diesen wachzurufen geeignet sein sollten.
        <pb n="307" />
        Bildende Kunst und Musik.

599

Inzwischen aber hatte sich auf einem Gebiete, wo auch
der Bürger mitreden konnte, da er Christ war wie die Fürsten,
eine andere Art des Bildnisses entwickelt. Es geschah auf den
großen Andachtsbildern, die man für die Altäre von Kirchen
und Kapellen stiftete. Da brachte man in der Regel die eigenen
heiligen Patrone oder die des Altars zu Ehren; und die Sitte
erlaubte es, daß man sich zu ihnen im Gebet aufblickend dar—
stellen ließ. Gewiß ein noch in engen Grenzen der Darstellungs⸗
fähigkeit lebendes Porträt! Der Zug der Andacht hatte das
Muskelspiel zu beherrschen, knieend erschien die ganze Figur:
es war der Mensch in der Haltung der Religio, d. h. der
Gebundenheit. Darstellungen dieser Art hielten sich in katho—
lischen Ländern, z. B. in den vlaemischen Gegenden, bis tief
ins 17. Jahrhundert, in den protestantischen hörten sie mit
der tieferen Erfassung der neuen Lehre auf. Aber in sich ent⸗
wickelten sie sich doch immer freier: welcher Unterschied etwa
zwischen den Donatoren eines frühen Bildes der Kölner Schule
und der Familie des Bürgermeisters Meyer schon auf der Darm—
städter Lieben Frau Holbeins, geschweige denn den Donatoren⸗
bildern des Ildefonsoaltars eines Rubens!

Gewiß aber ist, daß daneben schon im 15. Jahrhundert
das bürgerliche Porträt auch frei gemalt wurde, ja im inneren
Deutschland des 16. Jahrhunderts schon eine wunderbare Blüte
erlebte.

Seit dem 16. Jahrhundert aber hatte an der Seeküste
Deutschlands, in den Niederlanden, wiederum noch eine andere
in sich zusammenhängende Entwicklung begonnen. Auch hier
war das Bildnis anfangs noch gebunden aufgetreten, aber
laienhaft, genossenschaftlich gebunden. Da ließen sich wohl die
Gefährten einer gemeinsamen Pilgerfahrt nach Jerusalem
porträtieren oder die Vorsteher eines Hospitals oder die An—
gehörigen einer Rederijkerbruderschaft oder einer Zunft oder
Schützenbrüder derselben Schießgesellschaft: es handelte sich um
Gruppenporträts geistig oder beruflich eng miteinander ver⸗

bundener, meist dem Bürgerstande angehöriger Leute.

Aber auch hier ging aus diesen Gruppenbildern, diesen
        <pb n="308" />
        300 Zweiundzwanzigstes Buch.
„Doelenstücken“, das Einzelbildnis hervor in der machtvollen
Ausgestaltung eines Rubens und van Dijk, eines Hals und
Rembrandt.

Und diese Bildnisse unterschieden sich von denen des
—DDD
wohlgeleiteten Lichts, in das flimmernde Farbenleben des Innen⸗—
raums, die vornehme silbrige Tonwelt etwa van Dijks oder
das warme goldige Lichtmilieu Rembrandts, nicht bloß das
Wesen des Dargestellten herausarbeiteten, sondern auch die
besondere Stimmung: wie strahlt es nicht aus den zahlreichen
Selbstbildnissen Rembrandts wider bald von jauchzendem Glück,
bald von herber Enttäuschung; es ist als sähe man die selbe
Natur im launischen Wechsel der Jahreszeit.

Das Bildnis war damit jetzt frei geworden, so weit es
aicht impressionistischen Versuchen unterworfen wurde — und
auch hierzu finden sich schon Anfänge bei Hals. Aber machte
die Porträtkunst darum von nun ab noch eigentliche kunst⸗
geschichtliche Fortschritt? Das spätere Barock schuf das
Repräsentativbild mit schwer fallendem Vorhang, Säulen—
stellung und würdevoll purpurnem Ton, das Rokoko das
frivole Vollporträt zarter Frauen in mehr oder minder mangel—
hafter Bekleidung unter dem Namen irgendwelcher Nymphe
oder Göttin: im ganzen aber verfiel die Kunst des Bildnisses.
Denn eine fürstlich-höfische Kultur herrschte, und das gute
Bildnis ist ein intimes Kunstwerk; Intimität aber war in diesen
Zeiten ein wesentliches Merkmal bürgerlicher Verhältnisse.

Es war der sozialgeschichtliche Grund, warum mit Senti—
mentalität und Sturm und Drang eine neue Porträtkunst ein—
setzen konnte. Freilich: das deutsche Bürgertum dieser Zeit
war noch nicht wohlhabend; und ärmlich begann darum die
neue Entwicklung. Wir kennen schon die Zeichnungen Chodo—⸗
wieckis. Daneben stellte sich die Miniatur auf Pergament und
Porzellan, noch ein Erbteil der höfischen Kunst des Rokokos,
nun bürgerlich abgewandelt. Auch der Kupferstich war beliebt.
Das eigentlich bezeichnende Kunstwerk dieser ersten Periode
eines neuen bürgerlichen Bildnisses aber ist der Schaͤttenriß,
        <pb n="309" />
        Bildende Kunst und Musik.

601

die Silhouette. Nach einem Minister Ludwigs XV. genannt,
der 1759 die französischen Finanzen vergeblich zu reformieren
beflissen gewesen, hat sie noch bis in die ersten Jahrzehnte des
19. Jahrhunderts hinein die Rolle gespielt, in die von da ab
das lithographische Porträt, dann die Daguerreotypie, endlich
die Photographie mit ihren Tochterkünsten eingetreten sind.
Vielleicht in ihrer raschen Verbreitung mit durch die gleich⸗
zeitige Beliebtheit jener griechischen Vasenmalerei älteren Stils
gefördert, die schwarze Figuren auf rotem Grunde zeigt, nicht
minder der antiken Medaillontechnik, insbesondere auch dem
Gemmenportrait verpflichtet, war sie doch auch an sich eine der
Zeit im höchsten Grade willkommene Kunst. Denn ihre Er—
zeugnisse waren billig, und die leichte Reproduktionsfähigkeit
des einmal vorhandenen ersten Exemplars gestattete alle Be—
kannte mit einem Andenken auszustatten: eine süße Genugtuung
für Zeiten enthusiastischer Freundschaft.

Es ist eine Entwicklung, die zu einem Vergleiche mit dem
Gruppenporträt der Niederländer des 16. und 17. Jahrhunderts
und dem Andachtsbildnis des 14. bis 16. Jahrhunderts auf—⸗
fordert. Dort schuf die scharfe geistige Gebundenheit an die
Kirche, die lockrere an die Genossenschaft unter noch gering
entfalteten Verkehrsverhältnissen, die den einzelnen ein für
allemal einer bestimmten kirchlichen und menschlichen Gemein—
schaft zuwiesen, Bildnisformen, die durch die in einem einzigen
Kunstwerk erfolgende Zusammenfassung gewisser Interessen und
Personen charakterisiert sind. Hier bestand eine der Form
nach viel weniger feste, aber doch immerhin noch eine gewisse
Bindung in den Zusammenhängen enthufiastischer Freund—
schaft; die Freunde aber wohnten nicht an einem Orte; in
dem regegewordenen nationalen Verkehr wechselten ihre gegen⸗
seitigen lokalen Beziehungen; und dem entsprach nun eine
Kunft, die auf möglichst billigem Wege Bildnisse in einer be⸗
liebigen Anzahl von Exemplaren herzustellen erlaubte und
jedem Freunde die Anlegung einer Sammlung von Freundes—
porträts gestattete. Es war ein Beitrag der bildenden Kunst
zur Entwicklung jener lockeren Formen freundschaftlicher Ge—
        <pb n="310" />
        302

Zweiundzwanzigstes Buch.
selligkeit, die im Stammbuch schon seit weit mehr als einem
Jahrhundert einen ersten allgemeinen Ausdruck gefunden hatte.
Und so entstanden denn in der zweiten Hälfte des 18. Jahr—
hunderts vielfach ganze Sammlungen von Silhouetten, und
es gab bürgerliche Kreise, die die Silhouetten berühmter
Persönlichkeiten so zusammenbrachten, wie die Fürsten des
16. und 17. Jahrhunderts sich kleine Porträtgalerien ihrer
Genossen angelegt hatten und der demokratische Staat des
19. Jahrhunderts öffentliche Museen mit den Bildnissen be—
rühmter Männer der Nation zu schmücken sucht. Ja hier und
da wurden sogar Anläufe genommen, solche Sammlungen von
Freunden und Berühmtheiten nicht nur in Silhouetten an—
zulegen, sondern in dem viel kostbareren Materiale des Ol—
bildes. Dahin gehören der Gleimsche Freundschaftstempel und
die schöne Sammlung zeitgenössischer Bildnisse, die Philipp
Erasmus Reich, der Inhaber der Weidmannschen Buchhandlung,
zusammenzubringen begann, und deren fertig gewordener Teil
heute einen Schatz der Leipziger Universitätsbibliothek bildet.

Inzwischen hatte sich aber, wie früher neben dem Andachts⸗
bild und neben dem Gruppenporträt, so jetzt neben der Silhouette
das höhere Einzelbildnis entwickelt. Und auf diesem Gebiete
ergab sich nun ein unmittelbarer Zusammenhang mit dem
Rokokoporträt der fürstlichen Kultur. Denn abgesehen von dessen
höfischer Ausbildung, wie sie hauptsächlich doch in Frankreich
heimisch war, machte sich schon im Rokoko ein Zug zum Ein—
fachen, Ländlich-Frischen geltend, der leise zur Intimität der
neuen bürgerlichen Kunst hinüberführte. Und wenn diese dann
langsam hellere Töne und ein gewisses Eintauchen der isoliert
gegebenen Figur in still webendes Licht, in unbestimmte Reflexe
eines Innenraumes vorzuziehen begann, so zeigte sich auch
darin ein Anschluß an gewisse Neigungen des Rokokos, nament—
lich an die beliebte Pastellmalerei hellen Tones.

So erklärt es sich, wenn jetzt Meister des intimen Bild—
nisses auftraten, die, abgesehen vom Porträt, noch ganz im
Geiste des Rokokos oder wenigstens der Palette des Rokokos,
wenn auch in dessen klassizistischer Stilumbildung schaffen. In
        <pb n="311" />
        Bildende Kunst und Musik.

608

diesem Zusammenhange hat z. B. Mengs ganz ausgezeichnete
Bildnisse sowohl in Ol wie in Pastell gemalt, am besten frei⸗
lich in seinen jungen Jahren: die Dresdner Galerie, aber auch
manche italienische Bildersammlung bietet hierfür die präch—
tigsten Belege. Und nicht minder hat Vogel (1759 —1816),
der Maler gespreizter Historien und frostiger Allegorien klassi⸗—
zistischen Stiles, im Bildnis seiner beiden Söhne ein schlagendes
Beispiel ganz anderer Kunst hinterlassen. Es ist die Erscheinung
eines Doppelseelentums, die wir von nun ab oft genug bei
Meistern treffen werden, die der akademischen Kunst angehören
und im Sinne der Alten schaffen: durch den mühsam erlernten
Stil der Fremde bricht bei Arbeiten intimer Art, im Bildnis
vornehmlich und in der Studie, immer wieder die Handschrift
der eigenen Zeit hindurch und gelangt das lebendig künstlerische
Auge der Gegenwart zur Wirkung.

Der bezeichnendste Meister der neuen Bildnismalerei aber
war der in Dresden lebende Schweizer Anton Graff (1736 bis
1813). Dabei kommt er sowohl nach der Art wie nach dem
Umfang seines Werkes an erster Stelle in Betracht; zwölf—⸗
hundert Porträts, meinte er einmal selbst im hohen Alter,
habe er gemalt; und unter den Gemalten befanden sich fast
alle Berühmtheiten der Zeit, literarische Größen wie Herder
und Schiller, fürstliche wie Friedrich der Große und sein
Bruder Heinrich, Gelehrte wie Ramler und Hagedorn, von
vielen zunächst nur gesellschaftlich und beruflich interessierenden
Personen zu schweigen. Das aber, was Graff vor allem aus—
zeichnete, war seine Wahrhaftigkeit. Er wußte nichts mehr
von der Lehre des Rokokos, daß die Porträtmalerei die Pflicht
habe, gewisse Fehler der Natur zu verbergen oder zu ver—
hessern; und er malte seine Auftraggeber nicht mehr in Pose,
im Staatsgewande, in unwahrer Umgebung. Wie sie leibten
und lebten vielmehr, losgelöst von den Zufälligkeiten der
Repräsentanz, nur sie und eben sie allein brachte er auf die
Ldeinwand, einfach und doch mit vollfter Herzenskündigung. Und
er erreichte sein Ziel, indem er, soweit es die volle Deutlich—
keit des Bildes noch eben zuließ, das Licht in den Vorder—
        <pb n="312" />
        04

Zweiundzwanzigstes Buch.
grund seiner Technik schob. In diesem Lichte, einer sanften,
silbrigen, beruhigenden Beleuchtung, faßte er das Bildnis
künstlerisch zu einer Einheit zusammen, indem er dem be—
lichteten Kopf alles andere im Tone unterordnete und inner—
halb des Kopfes wieder alle Kraft im Auge konzentrierte: und
so erhielten seine Bildnisse jenes Sprudelnde, Lebendige, das
—D
der Bewältigung des Lichts auf der Höhe der alten Nieder—
länder steht und in gewissen Einzelheiten, in der Zulassung
einer nicht künstlich geleiteten, sondern natürlich gesehenen Be—
leuchtung auch schon die Probleme der Freilichtmalerei des
19. Jahrhunderts ankündigt.

Aber war gerade das Porträt dazu geeignet, diese neuen
Probleme zu erfassen und zu bewältigen? Gewiß war der Über⸗
gang vom Fresko und vom großen Galeriebild zu den kleinen
Formaten notwendig, die der Bürger in der Wohnung noch
hrauchen kann, um die aller angenommenen, aller Renaissance⸗
kunst innelebende Pose zu beseitigen, um ganz wahrhaftig zu
werden und das künstlerische Auge völlig zum eigenen Rechte
kommen zu lassen. Und eben aus diesem Zusammenhange
heraus wurde die bürgerliche Kunst für den Fortschritt der
Malerei schon im 15. und 16. Jahrhundert, dann im 17. Jahr⸗
hundert, endlich wieder im 19. Jahrhundert entscheidend. Aber
ließen sich Lichtwirkungen, und auf deren freieste Wiedergabe
kam es doch eben an, gerade beim Bildnis leicht studieren? Es
ist bezeichnend, daß der größte deutsche Bildnismaler jüngster
Zeit, Lenbach, einer der letzten Meister gewesen ist, die dem
Freilicht keine offenkundigen Zugeständnisse gemacht haben. Licht—
wirkungen bedürfen, um stärker bemerkbar zu werden, der
Fernsicht; ihre Wiedergabe muß deshalb Wege einschlagen, die
auch zur verhältnismäßigen Fernsicht auf das Bild nötigen. Ein
Bildnis aber will der Regel nach in der Nähe betrachtet sein;
und das Original wird darum ebenfalls in der Nähe, ohne
die Zwischenschicht stark wirkender Reflexe, gemalt.

Die impressionistische Porträtmalerei im freien Licht hat
bei ihren Schwierigkeiten noch heute verhältnismäßig wenige
        <pb n="313" />
        Bildende Kunst und Musik.

605
Anhänger gefunden; als der Kolorismus des 16. und 17. Jahr⸗
hunderts aufkam, verblieb das Bildnis konservativ den Zeichnern
unter den Malern; unter den Koloristen der Reformationszeit
ist keiner Bildnismaler gewesen. Wohl aber war unter ihnen
der erste deutsche Landschaftsmaler, Altdorfer; und die Land—
schaft ist von da ab das eigentliche Versuchsfeld für alle Fort—
schritte der Malerei geblieben. Niemals aber wurde sie es mehr
als in dem Augenblicke, da die Freilichtexperimente sich, wenn
auch zunächst und auf lange Zeit hin nur leise ankündigten;
wie die Malerei in den bildenden Künsten, so übernahm darum
die Landschaftskunst in der Malerei des 19. Jahrhunderts die
Führung.

Und hier, auf dem entscheidenden Gebiete, wurden nun
die ersten Versuche fern von jenen Akademien gemccht, die
nur noch die Reliefkunst der Figurenmalerei kannten; hat doch
Lessing ganz im Sinne dieser Akademien die Landschaftsmalerei
geradezu als eine ästhetische Verirrung bezeichnet. Die Grenz⸗
fäume deutschen Wesens waren es damit, die an die Spitze
der Bewegung gerieten, die Schweiz und die Nordseeküste mit
einer Abzweigung an die Ostsee, nach Kopenhagen.

In der Schweiz hat, namentlich in den sechziger und
siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts, Salomon Geßner
(1780-1788) Landschaften radiert, denen freilich noch ein
starker Rokokozug innewohnt, die aber im Gegensatze zu den
Werken der vollen Rokokomaler doch etwas wenn auch
dilettantisch Natürliches haben, neben Bildern akademischer
Gattung einfach deutsche Wald- und Wiesenmotive, alles
stimmungsreich und nicht selten sentimental. Es waren neben
vielem Alten doch leise Ahnungen ganz anderer Auffassung,
wie sie auch schon in den idyllischen Gedichten Geßners zutage
traten. Weiter belebt und entwickelt werden konnten diese aber
nur im Ölbild — die Radiertechnik der Zeit versagte noch. Und
hier ergaben sich eben für die Alpengebiete mit ihren begrenzten
Horizonten und ihren geringen Feuchtigkeitserscheinungen be—
sondere Schwierigkeiten. Aus der langsam erwachenden Mal—
industrie des Alpenpanoramas erhob sich Philipp Hackert (1737
        <pb n="314" />
        306

Zweiundzwanzigstes Buch.
bis 1807) doch nicht so weit, daß er Lichtstudien gemalt hätte;
erst Ludwig Heß (1760 — 1800) hat dem heimischen Gebirge
Töne freieren Lichtes abgewonnen. Jedenfalls konnte die Er—
kenntnis dessen, was not tat, viel eher durch die dunstige
Landschaft des deutschen Nordens vermittelt werden, vor allem
durch die malerischen Gegensätze der Seeküste, wo bei West—
wind alles in Ton gehüllt, bei Ostwind alles klar und rein
erscheint.

In der norddeutschen Malerei der Zeit, die, soweit die
Landschaft in Frage kam, in der Tat eine Kunst der Küsten—
—DD——
Strömung unterscheiden; Strömungen, die freilich, wie das
bei der Kulturstellung Hamburgs für die Nordgermanen in
dieser Zeit selbstverständlich ist, gelegentlich ineinander über—
gingen.

Durchgangspunkt der nordischen Bestrebungen war Kopen⸗
hagen, wo unter dem Dänenkönige Friedrich V. (1746 -1766)
im Schlosse Charlottenborg eine Kunstakademie nach fran—
zösischem Muster begründet worden war. Aus dieser Akademie
sind Carstens und Thorvaldsen hervorgegangen: sie war also
an erster Stelle klassisch. Aber daneben regten sich doch auch
stille Anfänge einer heimischen Kunst, einer Kunst unmittelbarer
Erfassung des dänischen Lebens und der dänischen Landschaft
mit ihren weichen Akzenten. Sie führten hinunter zu der
späteren Malerei Eckersbergs (1783—1853), des Begründers
einer ersten nationaldänischen, von deutscher und französischer
Übermacht gleichmäßig befreiten Kunst. Eine Generation früher
aber war der Vertreter dieser Richtung in Kopenhagen ein
Hamburger, Jens Juel (1742 - 1802), ein Schüler des Ham—
burger Amtsmalers Gehrmann.

Juel hat schon Landschaften gemalt, in denen die Um—
risse im Lichte aufgelöst find, doch neigte er im ganzen, trotz
allem Studium des Lichtes, zur plastischen Auffassung: und
so finden sich bei ihm schon die ersten, intuitiven Ahnungen
jener Lösung des Lichtproblems in seiner Verbindung mit dem
Raumproblem, die die Neuidealisten seit den achtziger und
        <pb n="315" />
        Bildende Kunst und Musik.

607
neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts erstrebt haben. Ein
Schüler Juels war Kaspar Davrid Friedrich (1774 - 1840).
Friedrich hielt sich im allgemeinen in der Richtung seines
Lehrers; er war ein im Grunde der Form nach noch fester
Maler besonderer landschaftlicher Stimmungen; mit dem Auge
eines Bewohners des Flachlands hat er besonders den Himmel
und seine Wolkenformen studiert. Aber daneben sah er doch
auch bereits häufig die Landschaft nicht mehr im festen Um—
riß, überhaupt nicht mehr in den Gegenständen, sondern in
dem Ganzen der sie durchlebenden Töne, im frei wallenden
Lichte. Und in diesem Falle liebte er schon das Einfache,
leuchtend Umflossene, die großgeschriebenen Formen der See
oder die langhinstreichenden Landmassen der Ostseeküste in den
verschwimmenden Tönen des Zwielichts.

Friedrich ist 1795 nach Dresden gegangen; und um vieles
impressionistischer noch als er, aber freilich auch ein bei weitem
schlechterer Maler, war der Dresdner Carus (1789 - 1869).

Neben diesen beiden aber lebte in Dresden zu jener Zeit
noch ein dritter Fortgeschrittener, Johann Christian Claußen
Dahl (1788 - 1857). Auch er war ein Kind des Nordens,
ein Norweger; 1818 ist er nach Dresden gekommen. In der
Dresdner Galerie hängt von ihm eine Alpenlandschaft mit
stumpfer Luft und fernem Talnebel, von großer Tiefen—
wirkung, von vollständiger Aufhebung der alten drei Gründe
und ohne den konventionell braunen Baumschlag der Akademien.

Und in Dresden hatte inzwischen schließlich noch ein
anderer, und zwar der vielleicht merkwürdigste Schüler Juels,
geweilt und auch Friedrichs Einfluß erfahren: der im Jahre
1777 zu Wolgast geborene Runge. Runge kam noch nicht
voll durchgebildet nach Dresden, lernte hier Tieck und dessen
romantischen Kreis kennen und erstarkte an deren Kunstlehren
in einem schon vorhandenen Gegensatze zur Antike und zu deren
kunstästhetischem Pfleger Goethe. Im übrigen blieb er freilich
von den Kunstanschauungen Tiecks und seiner Freunde auch
wieder vielfach getrennt. Von dem kunstakademischen Leben
angewidert ging er bald von Dresden nach Hamburg: und

Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 2. 39
        <pb n="316" />
        608

Sweiundzwanzigsies Buch.
hier, in einer Stadt, die noch keine Akademie besaß, während
die Städte mit verwandter Entwicklung, Antwerpen schon um
1680, Amsterdam um 1700 Antikensäle errichtet hatten, hoffte
er seiner Kunst frei leben und mit der Zeit auch selbst das
Handwerkliche der Kunst lernen zu können. In der Tat ist
er eigentlich auch in Hamburg erst Maler geworden, hat er
sich namentlich die Oltechnik von einem obskuren Meister erst
ordentlich angeeignet.

Der Dresdner Zeit Runges gehört die Konzeption der
vier großen Wandgemälde der Tageszeiten (1803— 1805) an,
deren Entwürfe in Kupferstich erschienen sind und von denen
in Hamburg „Der Morgen“ als Olgemälde ausgeführt wurde;
außerdem schuf er in Dresden das Bild „Der Nachtigall
Unterricht“, ein Bildnis der Braut des Malers als Psyche
mit beziehungsreicher ornamentaler Umrahmung nach der Idee
einer Klopstockschen Ode: beides mystisch-symbolische Entwürfe
von siegreicher und höchst eigenartiger Formensprache und Er—
findung.

Doch erst in Hamburg wurde Runge auch inhaltlich ganz
er selber, ging er zugleich auf die Anregungen seines Lehrers
Juel zurück. Juel hatte schon Bildnisse im Freien mit großem
Raumgefühl und Sinn für bewegtes Leben gemalt: „Zwei
junge Mädchen pflücken Blumen in ihrem Garten“; „Ein
Knabe, der durch einen großen Garten rennt“ usw. Runge
ging auf diesem Wege weiter, indem er weiten Innenraum
und noch lieber Landschaft und freies Spiel des Lichtes mit
dem Porträt in großen Abmessungen verband; das Ideal seines
Schaffens wurde jetzt das monumentale Bildnis. In dieser
Art hat er 1804 sich und seinen Bruder mit dessen Frau in
einem Parke stehend gemalt, 1805 die Hülsenbeckschen Kinder
in dem Garten eines Hamburger Landhauses, 1806 seine
Eltern, lebensgroß, wie sie ihr Haus in Wolgast zu einem
Spaziergang verlassen. Es sind Bilder, in denen die Personen
nach Räumlichkeit, Farbe, Luft und Licht der Wirklichkeit
nachkonstruiert erscheinen: wo andere Maler der Zeit nur
Trübung und Tönung kennen, da zeigen sie harte Farben
        <pb n="317" />
        Bildende Kunst und Musik.

609
und zum Teil auch wirkliche Widerscheine: gelbgrüne, blau—
grüne, lichtdurchsonnte Blätter; leuchtendes Fleisch mit grünen
Blattreflexen; und hinter den scharfumrissenen Personen enden
sie in die weiten Formen einer enthusiastisch wiedergegebenen
Stimmungslandschaft von tiefem Horizonte.

Ist es nötig hinzuzufügen, daß Runge in dieser Zeit an—
scheinend der einzige deutsche Maler gewesen ist, der seine
Bilder in Farbenskizzen entwarf? Daß wir weiterhin bei ihm
Klarheit darüber finden, daß es sich beim Schaffen eines Kunst⸗
werks nicht um Nachahmung alter Meister, überhaupt nicht
um Nachahmung und um Wissenschaft und Verstand handle,
sondern um das schöpferische Nachfühlen lebhaftester Bilder der
eigenen Phantasie? Von hier aus, von dem durch intensivstes
Studium der Natur geweckten Gefühl her will Runge ein
Künstler werden, will er wiedergeben, was ihn bewegt: Licht
und Farbe und völligstes Leben.

Runge hat damit alle wesentlichen Entwicklungsgedanken
der Malerei des 19. Jahrhunderts ahnend vorweggenommen,
wie er denn auch schon der modernen Ornamentik verwandte
Formgedanken gehabt hat; in eigenen Schriften hat er sich
darüber eingehend geäußert. Zudem wuchs ihm zu der Zeit,
da er in Hamburg behäbiger seßhaft wurde, in seiner Umgebung
eine Generation empor, die bald geeignet gewesen würde, von
ihm zu lernen, die Speckter, Oldach, Milde, Morgenstern; und
auch ein Kunsthistoriker und Theoretiker der neuen Richtung
schien sich in Rumohr zu finden. Da ist er frühzeitig, 1810,
gestorben.

Die Tätigkeit Runges bietet den Beweis dafür, daß ein
Genie unbeirrt um Modebestrebungen seinen Weg im Zu—
sammenhange mit den tiefsten Strömungen seines Zeitalters
zu gehen vermag, Strömungen, die dem bloß wißbegierigen
und nur talentierten Auge verborgen bleiben. So steht er
einsam da in der Kunstgeschichte, anscheinend nur auf sich
selber gegründet.

Denn die deutsche Malerei war weit davon entfernt, sich
aus den soeben geschilderten dunkeln und instinktiv erfaßten An—

39 *
        <pb n="318" />
        310

Sweiundzwanzigstes Buch.
fängen nun in leuchtendem Aufschwunge zu einer neuen Kunst
zu erheben.

Angedeutet war in dem bisher Geschehenen die Möglich—
keit eines doppelten weiteren Entwicklungsganges. Eine zu
vollem Freilicht fortschreitende Landschaftsmalerei konnte bis
zum grundsätzlichen Impressionismus führen. Eine gegenüber
dieser Bewegung zurückhaltende und ihr doch idealisierend
folgende Kunst konnte zur monumentalen Behandlung des
ganzen Menschen, sei es im Porträt, sei es in freier Schöpfung
überleiten, zu seiner reliefartigen Wiedergabe mithin in einem
Raum, dessen Tiefen dann, entsprechend den physiologischen
Voraussetzungen unseres Auges, impressionistisch gehalten
werden konnten.

Was dabei in der Landschaft hätte erreicht werden können,
das zeigt die aus gleichen geschichtlichen Bedingungen her
entwickelte, unter verwandten klimatischen Voraussetzungen ge—
pflegte Malerei Englands. Hier lenkte Thomas Gainsborough
den Sinn auf das Erfassen der landschaftlichen Massen im
Licht; hier zeigte John Crome, daß der Luftton das Bild
mache, und nicht der Gegenstand; hier beseitigte John Constable
die alte kunstmäßige Kulissenkomposition und malte ein Stück
Natur in deren hellen Tönen; hier schuf schließlich William
Turner, der Maler hellblendenden, in bunten Farben schim—
mernden Lichtzaubers die moderne Landschaft.

Wenn der deutschen Entwicklung von alledem nichts
wurde, so trägt daran nicht so sehr die Armut unseres Bürger—
tums die Schuld, die man auch hier anzuführen geneigt sein
könnte: denn ist etwa Turner durch den Verkauf seiner Bilder
reich geworden? Vielmehr hat in erster Linie das Über—
gewicht jenes klassizistischen Denkens, das die Landschaft am
liebsten völlig verwarf, den dünnen Faden der bürgerlich—
realistischen Entwicklung der Malerei zerrissen.

Und die Porträtmalerei, das große, monumentale Bildnis
Runges? Das Barock hatte das monumentale Porträt auch
in bürgerlichen Kreisen gekannt — in Nordniederland als Er—
zeugnis der heldenhaften Periode der Befreiung vom spanischen
        <pb n="319" />
        Bildende Kunst und Musik. 611
Joch, in Südniederland als Abklatsch des fürstlichen Repräsen—
tationsbildnisses. In der letzteren Form, so, wie etwa Cornelis
de Vos seine biederen Bürger in Schloßsälen mit Säulen—
architektur und Seidenvorhängen gemalt hat, hatte es sich
dann auch in das Rokoko, ja gelegentlich bis tief in die zweite
Hälfte des 18. Jahrhunderts hinein vererbt. Aber konnte es
noch als spezifisch bürgerlich gelten in einer Zeit, da Graffs
Auftraggeber nicht mehr posierten, Graffs Bilder den Menschen
allein, ja nur den Kopf, und an diesem wiederum nur das
geistige Teil des Menschen wiedergaben? Da man intim sein
wollte mit allen Fasern des Lebens? Das monumentale
Rokokoporträt verfiel, und kein anderes trat an seine Stelle.

Ja mehr noch. Das Bildnis galt dem deutschen Maler,
der auf sich hielt, bald überhaupt nicht mehr als eigentlich
volle Malerei. Wer sich daher in Deutschland gut wollte
porträtieren lassen, der wandte sich von nun ab an einen
fremden Künstler; vaterländische Maler lieferten zumeist nur
noch Dutzendware an den Mittelstand.

Denn ein verhängnisvoller Umstand hatte inzwischen den
Verfall des Porträts entschieden: der Klassizismus hatte es
verleugnet. Und in der Tat: wie hätte ein Akademiker ein
Bild malen sollen ohne Apparat, ohne Pose, und vor allem
ohne Idee! Wie hätte er stimmungsvolle Hintergründe, wie
den Hauch der Intimität auf die Leinwand bringen sollen! Das
Bildnis verschwand als wichtiger Teil der hohen Kunst; noch
in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts wurde es unter
die Historienmalerei und das Sittenbild, ja sogar unter die
Landschaft gestellt: die Porträtmalerei ward zur verachtetsten
aller Künste.

Za. Aber nicht bloß den Angriffen und der Abneigung
der klassizistischen Kunstlehre ist die junge nationale, bürgerliche
Malerei unterlegen. Sie war auch in sich noch nicht gefestet,
sie strebte noch zu rasch nach den höchsten Zielen, und ihrem
Gedeihen fehlte der breite soziale und der gefestigte allgemein—
psychische Unterbau. Es ist einer der nicht seltenen Vorgänge
        <pb n="320" />
        512 Zweiundzwanzigstes Buch.
an den Pforten eines neuen Zeitalters, daß von frühreifen
Geistern Versuche gemacht werden, Bluteerscheinungen der
aeuen Kultur schon im Augenblicke des Keimtreibens vorweg
zu nehmen: so haben die Koloristen schon der Reformationszeit
den Versuch gemacht, das Licht zu bannen, so die Wiedertäufer
der ersten Jahrzehnte des 16. Jahrhunderts ein subjektivistisches
Religionsprogramm aufgestellt, und so haben weiter zurück,
schon im 18. Jahrhundert, ein Dutzend Generationen vor
Stevinus und Galilei, einige große Männer modern natur—
wissenschaftlich zu denken gewagt. Natürlich zunächst mindestens
äußerlich erfolglos.

Ähnlich steht es mit den deutschen Frühimpressionisten
um die Wende des 18. Jahrhunderts. Wenn man genauer
zusieht, so bemerkt man, daß die tieferen Voraussetzungen einer
wirklich neuen Malerei des Impressionismus und des freien
Lichtes bei diesen Vorläufern doch im Grunde noch so wenig
sicher vorlagen wie etwa bei den Koloristen des 16. Jahr—
hunderts die Voraussetzungen auch nur der Bewältigung künst⸗
lichen Lichtes. Der Instinkt, der dunkle Drang zum Neuen
ist da, aber es fehlt noch die klare Erkenntnis des Weges, auf
dem es restlos zu verwirklichen wäre. Die neue malerische
Ausdrucksweise konnte schließlich nur aus einem gänzlich un—
voreingenommenen, mit heiligem Ernst und nie nachlassendem
Fleiße betriebenen Studium der Natur, unter Absehen von
jeglicher Überlieferung hervorgehen. Die Art aber, so zu
verfahren, die seelische Haltung der vollkommen freien Künstler—
persönlichkeit des 19. Jahrhunderts war doch noch nicht ge⸗
zeitigt. Friedrich hat gewiß eifrig nach der Natur stizziert;
gemalt aber hat er anders. Er selbst erzählt, wie er seine
Bilder im Geiste mit geschlossenen Augen gesehen und das im
Geiste Fertige auf die Leinwand übertragen habe. Er war
also kein erbarmungsloser Naturalist, wie es dessen zunächst
bedurft hätte. Er machte dem Idealismus Zugeständnisse —
und zwar nicht einem Idealismus, wie er sich nach entschiedenem
und grundsätzlich festgehaltenem Naturstudium, nach absolvierter
Elementarschule einer neuen malerischen Ausdrucksfähigkeit hätte
        <pb n="321" />
        Bildende Kunst und Musik. 613
entwickeln können und später entwickelt hat — sondern dem
Idealismus seiner Zeit. Dieser Idealismus aber war der der
Klassizität. Denn auch die akademischen Maler des Klassizismus
skizzierten nach der Natur, um dann den Natureindruck im
Geiste nach den angeblichen Regeln der Alten umzubauen und
danach zu malen.

Und noch weniger als Friedrich kann Runge als natura⸗
listischer Lichtmaler gelten. Ja er würde eine solche Bezeichnung
mit Entrüstung von sich gewiesen haben. Denn er war in erster
Linie nicht Abschreiber der Natur, sondern ästhetischer und
vsychologischer Grübler; in seinem Nachdenken über die Farben⸗
werte z. B. berührte er sich mit Goethe und späteren gelegent⸗
lichen Ausführungen Ludwig Richters. Indem ihm Weiß und
Licht das Gute, Dunkel und Schwarz das Boöse war, indem
ihm auch sonst Farbenwerte mit allgemeinen seelischen Eindrücken
uind sittlichen Normen in Verbindung zu stehen schienen, wurde
er zum Farbensymboliker, der in seinen „Tageszeiten“ und
inderen Werken wenigstens der Dresdner Periode auch nach
diesem Rezepte gemalt hat. Und was ihn dabei zu allen Zeiten
ausgezeichnet hat, das war das Suchen nach einer Form hinaus
über die Zerflossenheit des naturalistischen Lichteindruckes: hier
liegt sein Berührungspunkt mit dem modernen Neuidealismus,
mit Meistern z. B. wie Thoma. Es steht deshalb ähnlich um
ihn wie um Friedrich; er überspringt schließlich die nächst—
rotwendige, naturalistische Entwicklungsstufe; er glaubt ernten
zu können, wo noch nicht gesäet ist.

Aber man stelle sich freilich auch die ganze Schwierigkeit
des Problems vor, das mit der Forderung eines neuen
Naturalismus und dem Drange, aus diesem neuen Naturalismus
wieder einen neuen Idealismus zu entfalten, eröffnet war!

Schon in der Entwicklung der Dichtung war ein verwandtes
Problem aufgetreten, als es sich um die reifere Bewältigung
der naturalistisch-iormlosen Errungenschaften der Zeiten der
Empfindsamkeit und des Sturmes und Dranges handelte. Und
nicht nur aus eigenen Mitteln hatte die deutsche Dichtung dabei
chließlich den Sieg errungen. Die Antike war zu Hilfe gerufen
        <pb n="322" />
        614

Zweiundzwanzigstes Buch.
worden, d. h. das Feingefühl der höchsten und abgeklärtesten Ent—
wicklung der so überaus formbegabten alten Völker des Mitlel—
meers. Konnte man da von den so leisen impressionistisch⸗
naturalistischen Anfängen der bildenden Kunst um 1800 er—
warten, daß sie stracken Laufes und ohne fremde Hilfe alsbald
zu einem klaren Idealismus überleiten würden? Das Problem,
das der Dichtung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
gestellt wurde, ist für die bildende Kunst, voran die Malerei,
schließlich erst etwa ein Jahrhundert später dringlich geworden.
Denn Form hineinzubringen in die gärende, wogende Masse
des impressionistischen Naturalismus: das wurde zur Losung
schließlich doch erst der modernsten deutschen Kunst. Kann man
aber sagen, daß selbst in der Gegenwart der Kampf um einen
neuen Idealismus so ganz ohne Unterstützung des Formgefühls
der Alten gekämpft werde? Und unter diesen Umständen
hätte der Ruf schon Runges nach Form fur einen doch erst
in den Anfängen befindlichen, in kleinen Kreisen versuchten
Naturalismus auf die Dauer frei bleiben können von einem
Hilfegesuch an die Antike? Zu einer Zeit, da die um so viel
stärker entwickelte Dichtung dem Einfluß dieser Antike unter—
legen war? Auch auf dem Gebiete der bildenden Kunst über⸗
flutete die allgemeine nationale Oberströmung des Klassizismus
zunächst weithin bedeckend alles Land.

Wohin sollte sich nun bei dieser Wendung die Kunst
flüchten? Wohl mochte sie sich in einzelnen Fällen dem neuen
Bürgertum bescheiden anpassen da, wo es sich besonders frisch
oder groß entfaltete: an den wenigen Stellen, wo das geschah,
sind die Anfänge der modernen großbürgerlichen Kunst zu
suchen. Im übrigen aber blieb nur die Zuflucht zu den alten
Mächten künstlerischer Kultur: zur Kirche und vor allem zu
den vornehmsten Trägern der hergebrachten höfischen Bildung,
zu den Fürsten. Und deutsche Fürsten, ein Ludwig J. von
Bayern, Friedrich Wilhelm IV. von Preußen, Großherzog
Alexander von Weimar, sind noch bis über die Mitte des
19. Jahrhunderts hinaus die wichtigsten Mäcene deutscher
Kunst geblieben.
        <pb n="323" />
        Bildende Kunst und Musik.

615
Indem aber so die Kunst zum guten Teile sozial-aristo—
kratisch blieb, war noch ein Grund mehr gegeben für den auch
sonst schon sicheren Sieg des Klassizismus. Denn bei Hofe
und in der Kirche war das Losungswort Kontinuität und Ver—
meidung jedes Bruchs mit dem Alten. Kirchliche und fürst—
liche Kunst hatten eine große Vergangenheit; und die Gegen—
wart erschien von ihrem Standpunkt nur als deren Fort-
setzung. Und war denn für den Klassizismus nicht noch eine
breite psychische Grundlage vorhanden? War denn wirklich
so ganz mit der Aufklärung gebrochen worden? Mußte das
ganz begreifliche Streben nach Form in der Kunst nicht das
Bedürfnis nach einer gefesteten und erprobten geistigen Basis
hervorrufen, wie sie in der wohlausgebauten Weltanschauung
des individualistischen Zeitalters vorlag? Hatte Kant nicht
die Vermittlung gefunden? War es so gänzlich absurd, daß
in der Kunst doch auch die Tradition, die Lehre etwas be—
deute? Ja viel bedeute, wenn man der erhabensten Lehre
der Vergangenheit folge, der Lehre der Alten? Und eben sie
hatte man ja, wie man rühmte, seit Winckelmanns Forschungen
in lauterster Klarheit zu Handen.

So erschienen die Anfänge der bürgerlich-nationalen
naturalistischen Kunst schließlich als eine Episode; schon vor
1800 begriff man im allgemeinen nicht mehr, wie Goethe sich
einmal in der Dresdner Galerie zu den holländischen Meistern
habe hingezogen fühlen und in seinem wirtlichen Schuster
einen lebendigen Menschen ostadeschen Types habe verehren
können; und unverständlich ward auf einige Zeit sogar sein
Lob des Straßburger Münsters. Die Antike war es, die siegte,
die Antike Winckelmanns mit ihrem Programme der stillen
Größe und Einfalt der Alten. War ihre Lehre seit den sechziger
Jahren immer lauter und eindringlicher verkündet worden, so
fand sich nun, seit den achtziger und neunziger Jahren zu ihr
auch eine gewisse Praxis ein, und aus dieser wiederum erwuchs
eine förmlich aufs Leben hingewandte, von dem Bestreben,
der Kunst unmittelbar voranzuleuchten, ausgehende Ästhetik.
Deutlich ist sie entwickelt in den Vorträgen, die Fernow, der
        <pb n="324" />
        316

Zweiundzwanzigstes Buch.
Priester und Schüler Kants, in den Jahren 1794-1797 für
—DD0
sönlichkeit, ist da die Meinung, habe zum Verfall der Kunst
geführt; der Unterordnung bedürfe es unter die idealische
Formenreihe der antiken gleichsam objektiven, unpersönlichen,
kanonischen Kunst. Es sind Lehren, die seitdem auf mehr als
eine Generation hin nicht ausstarben, wenn sie auch von Zeit
zu Zeit in neuem Gewande auftraten; so war noch Hegel
überzeugt, daß Winckelmann die Kunstbetrachtung dem Gesichts—
bunkte gemeiner Zwecke und bloßer Naturnachahmung entrissen
und in den Kunstwerken und der Kunstgeschichte die Kunstidee
zu finden mächtig gefordert habe; und mit ihm huldigte seine
Zeit der Ansicht, daß es in der Kunst jedenfalls nach Ideen,
ind zwar zumeist nach den Ideen der Antike zu schaffen gälte.

Was hieß das nun für die gesamte Kunst, und was
insbesondere für die Malerei? Von der Antike kannte man
m Grunde nur wenig Architektur, wenig und rein dekorative
Malerei und viel Plastik. Es verstand sich demnach, daß zunächst
die Plastik so viel als irgend möglich auf den antiken Fuß
gebracht wurde; nirgends sind die Einwirkungen der Alten
stärker und andauernder gewesen als auf diesem Gebiete. In
der Architektur glaubte man, zumal unter Berücksichtigung der
technischen Schriften der Alten, auch klassisch schaffen zu können;
wo Beispiel und Lehre versagten, folgte man Inspirationen aus
der Plastik. Wie aber gerade die führende Kunst, die Malerei
nachahmend bewältigen? Gewiß wurden hier die pompeianischen
Entdeckungen von Bedeutung. Im übrigen aber abstrahierte
man die Gesetze der Malerei von der Plastik. Leichter möglich
wurde das durch den besonderen Umstand, daß man als Meister⸗
—
mälern verehrte, wie z. B. die Laokoongruppe oder den Apoll
von Belvedere, die heute als, zumeist noch nicht einmal origi⸗
nale Denkmäler einer ins Malerische gehenden Verfallszeit
antiker Plastik erkannt sind.

Aber selbst unter diesen Umständen wurde es schwer, die
Malerei nur auf die Griechen und nur auf die Plastik ein—
        <pb n="325" />
        Bildende Kunst und Musik.

617
zustellen. Um die außerordentliche Wendung zu ermöglichen,
bedurfte es nicht bloß des gleichzeitigen Aussterbens fast aller
Maltechnik, sondern auch einer gewissen Wendung der all—⸗
gemeinen Ästhetik. Es läßt sich verfolgen, wie in dieser mit
der zunehmenden Blüte der literarischen Entwicklung praktisch
wie theoretisch immer mehr ein Zug ins Ruhige, Einfache,
Große eintrat; wie dieser Zug als das eigentlich Charakte—
ristische des Kunstwerks aufgefaßt wurde: und wie diese Lehre
bei dem außerordentlichen Einflusse der Wissenschaft und der
Literatur auf die Zeitgenossen auch in die bildende Kunst immer
entschiedener überflutete. Konnte sie da aber in der Malerei
anders wirken als im Sinne einer Reduktion der verwirrenden,
noch nicht klar unter den Einheitspunkt des Lichts gestellten
Farbenelemente und im Sinne einer starken Betonung des
Umrisses?

Das aber war eben auch die Richtung des Einflusses der
antiken Plastik. Die Farbe nur Lokalfarbe, nur Gewand
gleichsam und Füllung des Umrisses: das Licht ausgeschlossen,
der Umriß Wesen und gleichsam Körper des Bildes: so läßt fich
darnach das technische Programm des Klassizismus zusammen—
assen.

Es war der vollendete Widerspruch zum eigentlichsten,
tiefsten Strom der malerischen Entwicklung. Denn diese ging,
wie wir wissen, auf Licht und Luft und Farbe — die Periode
des reinen Umrisses lag um ein Jahrtausend hinter ihr.

Würde nun, das war die Frage, bei aller möglichen
individuellen Größe einzelner Schöpfungen, entwicklungs⸗
geschichtlich aus dieser Grundlage eine freie Kunst von dauern—
der Bedeutung erwachsen können?

Die Antwort hätte bejahend lauten können, wenn der
Einfluß der historischen Überlieferung, der Literatur, der philo⸗
sophischen Asthetik auf die Entwicklung des künstlerischen Auges
von durchschlagender Bedeutung zu sein vermöchte. Allein
davon kann in Wahrheit niemals die Rede sein. Tatsächlich
geht vielmehr jeder wirkliche Fortschritt der Kunst hervor aus
einer dem Schaffen unmittelbar entspringenden, dem Werdenden
        <pb n="326" />
        618

Zweiundzwanzigstes Buch.
sich entringenden Einsicht; und auch diese ist schöpferisch nur
in dem erhabenen Augenblicke ihrer Geburt; jede andere Ein—
sicht hat nur das Verdienst, Gegenwart und Vergangenheit
zugunsten einer nicht voraussetzungslos zu denkenden Zukunft
zu verknüpfen. Diese schöpferische Einsicht aber wird ganz aus—
schließlich der zeugungskräftigen Zusammenfassung jener Ele—
mente verdankt, die das Seelenleben einer Zeit ausmachen;
sie quillt empor aus tiefen Schächten, die bis zu dem Grund—
sttrom der ständiger Veränderung unterworfenen psychischen
Gesamtkraft einer menschlichen Gesellschaft hinabführen.

Der Klassizismus in der Architektur wie in der Plastik
and Malerei bildet deshalb nur eine im übrigen gewiß lehr—
reiche Episode in unserer nationalen Entwicklung; er ist im
Grunde nur ein besonders augenscheinliches Schwächezeichen,
ein letztes Denkmal gleichsam jener ungeheuren geistigen Ver—
blutung, die unsere damals schon vom Bürgertum geführte
nationale Entwicklung durch die Einführung der Antike unter
gleichzeitigem Verfall der Kräfte eigenen Fortschreitens seit der
zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts erlitten hat — er hat
ferner, im Sinne einer großen Generalrepetition der elemen⸗
taren Kunstentwicklung, der späteren, nun eigentlich erst zeit—
gemäßen Kunst manche besondere Züge, vor allem den einer
für sie recht notwendigen strengen Auffassung vermittelt — er
entsprach auch auf dem Gebiete der Malerei dem besonderen
Hange der deutschen Malerseele, mehr zu dichten und zu
harakterisieren als zu formen und zu harmonisieren —: eine
große, voll auf sich beruhende, selbständige und eigenartige,
für das Volksleben als Ganzes schöpferische Bedeutung hat er
nicht gehabt.

Dabei darf man freilich nicht meinen, daß seine ersten
Erzeugnisse einen absoluten Bruch mit dem Rokoko und also
mit der alten Renaissance des 16. Jahrhunderts bedeutet
hätten. Gewiß: den Zeitgenossen erschien zwischen Klassizismus
und Rokoko eine ungeheure Kluft befestigt, wie sie auch mit
der Philosophie Kants eigentlich die lex continui gebrochen
'ahen. In Wahrheit aber waren zeitgenössische Meinungen von
        <pb n="327" />
        Sildende Kunst und Musik.

619

dieser Art Erweiterungen relativer Gegensätze, wie sich deren
ein begrenzter zeitlicher Horizont auf geschichtlichem Gebiete
häufig schuldig macht. Und läßt sich denn die nächste ent—
wicklungsgeschichtliche Nuance einer bestimmten Gegenwart
wirklich jemals herbeifüuhren, ohne daß sie dem Haß und der
Gunst der Zeitgenossen als etwas auch nur annähernd noch
nie dagewesenes, als etwas absolut Neues vorgeführt würde?

Namentlich in der Malerei ist der Zusammenhang des
Alassizismus mit dem Rokoko augenscheinlich; nur langsam
reißt sich hier das Neue aus der Formgebung und aus der
Farbenfeinheit des Alten los. Oser, der geistige Pate, wenn
nicht Vater des von Winckelmann geschriebenen ersten Pro—
gramms des Klassizismus vom Jahre 1755, der „Gedanken
iber die Nachahmung der griechischen Werke“, ist hier die erste
Erscheinung von größerem Interesse. Hser ist auch Plastiker
gewesen und hat durch seine Ratschläge die Baukunst in
Dresden und Leipzig und darüber hinaus beeinflußt: an erster
Stelle aber war er doch und glaubte er sich Maler. Seine
Bilder, nicht selten frostige Allegorien, wie sie die Zeitgenossen
liebten, zeigen noch gerade in ihrer tieferen Anlage alle Merk—
male des Rokokos: die Wirkung auf ein Ganzes ist mit jener
feinen Sicherheit erstrebt, welche die unregelmäßigen Stuck—
ornamente des Rokokos gleichwohl künstlerisch abgewogen er—
scheinen läßt; die Palette ist die der ins Silbrige gebrochenen
Halbtöne, wie sie Watteau meisterhaft gehandhabt hatte; der
jetzt infolge von Farbenzersetzungen oft recht peinliche Ein—
druck muß einmal vornehm und behaglich gewesen sein. Aber
daneben stehen schon hippokratische Züge: ein fatales Nach—
sassen des allgemeinen Farbensinns, eine Neigung zum Flauen
und Verschwommenen und Kreidigen, eine gewisse Steifheit
ind Absichtlichkeit der Komposition: und zu alledem schüler—
hafte Versuche in hellenischer Pose und griechischer Gewandung.

Bei weitem höher steht Mengs. Seine Bildnisse, sei es
in Pastell, sei es in Ol, sind Meisterwerke; unter glücklicheren
Sternen geboren, würde er sich dauernd dem Ruhme haben
nähern können, den ihm die Zeitgenossen so freigebig als
        <pb n="328" />
        620

Zweiundzwanzigstes Buch.
einem der größten deutschen Künstler spendeten. Aber sehr
bald verfiel er der Nachahmung zuerst der Bologneser Schule,
dann, im Anschluß an die Lehren Winckelmanns, mit dem er
in Rom freundschaftlich zusammenlebte, der Antike. Das
vollendetste Denkmal dieser Zeit ist der „Parnaß“ der Villa
Albani: ein Werk, das in Farbe und Zeichnung nach Art des
Rokokos noch stark ist, auch noch nicht ganz die Verschwommen⸗
heit im Gesichtsausdruck zeigt, die später bedenkliches Kenn—
zeichen des Klassizismus wurde, in dem aber doch schon die relief⸗
artige Komposition, die statuenartige Auffassung der einzelnen
Gestalten, der mathematische Aufbau für den klassizistischen
Eindruck des Ganzen entscheidend sind.

Weitere Meister des Übergangs sind Angelica Kauffmann,
Wächter und Schick. Von ihnen hat Angelica Kauffmann
oielleicht schon als Frau noch besonders viel vom Rokoko, so
namentlich in der sanften Harmonie der Farbe, während die
Strenge des Aufbaus in ihren, freilich jetzt meist vergessenen
Szenen aus der Antike schon stark klassizistisch gemahnt, wenn
—DDD
noch jedermann ihren Winckelmann und ihren Goethe, lieben
wohl auch noch die meisten ihre Sibyllen: und in der Tat
zeigen diese vor allem die zarte Anmut und Liebenswürdigkeit
ihres Pinsels, den sogenannten schönen Ton und eine Sauber—
keit der Technik, die jede Erinnerung an die Werkstatt hinweg—
bannt. Schick und Wächter, die zu Römern gewordenen
Schwaben — denn die neue Kunst suchte schon früh gern
Rom auf — waren Schüler Davids, des antikischen Malers
der französischen Revolution, und so waren sie, trotz lebhafter
koloristischer Neigungen, doch in der Form schon ganz klassi—
zistisch: sie komponierten plastisch, im Relief gleichsam und
ohne daß die Linien sich überschnitten, sie zeichneten schon
stark und fast mehr, als daß sie malten, und sie begannen zu—
gunsten der großen einfachen Einheit das Detail zu vernach⸗
lässigen, den Ton der Haut, das Muskelspiel, das Stoffliche
der Gewandung. So galten sie zu ihrer Zeit als die eigent—
lich modernen Maler; Bilder wie der „Hiob“ Wächters oder
        <pb n="329" />
        Bildende Kunst und Musik.

621
„Der harfenspielende David“ Schicks wurden mit Enthusiasmus
begrüßt.

Allein die ganze Fülle der klassizistischen Forderungen be—
friedigten sie noch nicht. Dies vermochte allein eine wesentlich
nur noch zeichnerische Kunst zu tun, eine Kunst, die von der
Plastik das Außerste herübernahm, das herüberzunehmen der
Malerei eben noch möglich war, nämlich die Zeichnung, und
das hieß vornehmlich den Umriß, und die die Färbung nur
noch als Füllung dieses Umrisses betrachtete. Der Meister,
der diese Kunst brachte, war Asmus Carstens (17541798).

Carstens war ein Schleswiger; wie Thorvaldsen ist er von
der Kopenhagener Akademie nach Rom gekommen!. Gemein—
sam war ferner beiden, daß sie sich der Antike keineswegs
literarisch näherten, sondern nur rein anschaulich auf sie ein—
gingen — beide waren unstudierte Leute, ja, vom philologischen
Standpunkte aus betrachtet Boötier. Auf dem Gebiete des
rein Anschaulichen aber trafen sie sich wiederum darin, daß
sie im Grunde zu spät geborene Hellenen waren; sie nahmen
die Antike, wie sie aus Roms Vergangenheit in Stadt und
Museum zu ihnen sprach, als etwas ihnen Selbstverständliches
auf, nicht als etwas erst zu Erlernendes, zu Übertragendes; sie
war ihnen mundgemäße Kost. Dabei war Thorvaldsen Plastiker
und Lyriker, Carstens, der bei weitem ältere von beiden, Maler
(d. h. Zeichner sowie allenfalls Illuminator) und Dramatiker.

Carstens war ein harter Kopf; sein Leben, klein beginnend,
war ein erstaunlich und erhebend herber Kampf um Ideale:
und selbstrichtig und eigen war auch seine Kunst. Er zeichnete
nicht oder malte gar nach der Natur. Er verließ sich auf sein
außerordentliches Formengedächtnis. Aus diesem heraus schuf
er — und indem er schuf, stilisierte er, ein wenig unter
Reminiszenzen an ihm kongeniale Meister der letzten Jahr⸗
hunderte, vor allem an Michelangelo, sehr selten mit einigen
direkteren Anlehnungen an das Rokoko, in der Hauptsache aufs
Entscheidende nach der Antike, und das heißt wiederum nach

S. oben S. 606.
        <pb n="330" />
        622

Zweiundzwanzigstes Buch.
der antiken Plastik. So ward er zum Verächter der Farbe
und zum begeisterten Vertreter der Formschönheit des Um—
risses; nur wenig hat er gemalt, fast durchaus zeichnerisch ge—
schaffen. War er dabei, vom Standpunkte der reinen Wieder—
gabe der Erscheinungen aus betrachtet, ein um vieles schlechterer
Zeichner als Mengs, so wird er doch in seinen Schöpfungen
jedem, der sie betrachtet, für immer im Gedächtnis bleiben: mit
seiner Wucht der Umrißgebung, mit seiner zwingenden Kraft
der Phantasie, mit seiner zum persönlichen Stil vordringenden
Stärke endlich künstlerischer Aneignungsfähigkeit der Natur; und
die stetig wiederkehrenden Fehler, die Verkleinerung der Glieder,
die unrichtige Wiedergabe der Bewegungen werden bald den
Eindruck hinterlassen, daß sie zur Eigenwilligkeit gerade dieser
Kunst zu gehören scheinen.

Carstens hat auf seinem eigentlichsten Gebiete nur einen,
spätgeborenen, Nachfolger gehabt: Genelli (1798 - 1868).
Genelli steht der Farbe noch weniger hold gegenüber; sogar
auf das Aquarell hat er den braunen Galerieton übertragen.
Genelli war auch dem naturalistischen Zeichnen noch weniger
geneigt. Im Grunde kennt er nur einen einzigen männlichen
und einen einzigen weiblichen Typ; immer wieder erscheinen
diese auf seinen Blättern und immer und immer wieber in
denselben, teilweise an Carstens Stil gemahnenden Ver—⸗
zeichnungen. Und auch das Detail ist noch weniger beobachtet
wie bei Carstens. Die Köpfe sind seelenlos; das Muskelspiel,
oft wäre von Muskelgewoge zu reden, bleibt vielfach un—
verständlich. Dennoch erzielt auch Genelli mit seinen einfachen
Umrissen, die oft den Hintergrund kaum noch in Linien an—
deuten, eine gewisse Wirkung. Denn er ist von beträcht⸗
licher Gewalt der Komposition, namentlich da, wo er in
rascher Begeisterung hinwirft; man möchte ihn fast den Melo⸗
diker der Linie nennen. Das, was ihn kennzeichnet, ist das
tiefe Pathos, der Drang, den Umriß eigentlich zu überschreiten,
ihn mit süßem Leben zu blühendem Dasein aufzufüllen: das
ist es, was seine großen Kompositionen für Holzschnitt und
ZSteindruck, die „Umrisse zu Homer“ (1844), das „Leben einer
        <pb n="331" />
        Bildende Kunst und Musik.

s28
Hexe“ (1847), das „Leben eines Wüstlings“ (18606) niemals
ohne Teilnahme betrachten läßt. Freilich: erreichbar war das
Ziel, das Genelli vorschwebte, mit Carstens Mitteln nicht.
Genelli weist über sich selbst hinaus auf Licht und Farbe, und
er hat noch die Anfänge von Freilicht und Impressionismus
selbst mit erleben können.

In der Tat: ließ sich denn die Lehre vom reinen Zeichnen,
so schön sie aus der Antike gezogen war, im 19. Jahrhundert
wirklich halten? Charakteristisch ist, was schon einer der
frühesten Theoretiker des Stils, Fernow, dazu bemerkt hat!.
Die Zeichnung, meint er, gäbe gewiß Form, Rundung, Be—
leuchtung, Haltung, Helldunkel, ja bis zu einem gewissen
Grade auch die Farbe. Lege man aber auf das Beiwerk Nach—
druck und trete in die Welt des Farbigen, so sei freilich das
Licht in seiner Wirkung unerreichbar. Aber im übrigen lasse
sich immerhin im Kolorit die Überlegenheit des Künstlers über
die Natur dartun. Er ordne die Beleuchtung planmäßig und
verteile im Helldunkel und in den Luftpartien tieferer land—
schaftlicher Hintergrunde Licht, Schatten und Mitteltöne der⸗
art, daß eine durch sich selbst gefällige Einheit für die Emp—
findung entstehe: und er werde die größte Wahrheit und
Schönheit des Kolorits im einzelnen mit der größten Schön—
heit und Harmonie im ganzen vereinigt haben.

Das waren immerhin beträchtliche Zugeständnisse über die
Zeichnung hinaus. Dabei ist es kein Zufall, wenn sie sich zunächst
auf die Landschaft bezogen. Die Landschaft hatten strengste
Vertreter des Klassizismus, wie Lessing, überhaupt beinahe ver—
pönen wollen: von ihrem Standpunkte aus mit Recht. Aber
ließ sich da etwas wie ein Verruf wirklich durchführen? — Der
Klassizismus selbst hat dennoch eine Landschaft entwickelt — und
gerade diese hat, als verhältnismäßig bei weitem modernster
Zweig der klassizistischen Richtung, am längsten fortgelebt.

Freilich: da man wenig oder nichts von antiken Land—
schaften hatte, so setzte sich der Hinweis auf die Antike in

1Vgl. Gurlitt, Deutsche Kunst im 19. Jahrhundert S. 57.
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 2. in
        <pb n="332" />
        za⸗

Zweiundzwanzigstes Buch.

diesem Falle in die Beachtung der allgemeinsten Forderungen
um, die jener zugrunde lagen: Umriß an erster Stelle, Ver—
einfachung des Umrisses wieder in das allein Große, Farbe
demgemäß nur als Lokalfarbe und zur Eintragung einheitlicher
großer Stimmungsmomente, in demselben Sinne, soweit man
es verstand, Ton und Lichtwirkung: — und darüber hinaus vor
allem Komposition der Landschaft derart, daß sie aus einzelnen,
in der Natur beobachteten Requisiten, Bäumen, Bergen,
Kulissen, zu etwas Neuem, nur in der Phantasie Bestehendem
zusammengesetzt werde: das war die Lehre.

All diese Einzelheiten aber sollten nun nicht bloß zusammen—⸗
zebracht werden; sie sollten auch leben. Und nicht durch
Wiedergabe der unbewußten Pulse des Lichtes, die durch die
Erscheinungswelt gehen. Die waren ausgetrieben, soweit man
sich ihrer Beherrschung überhaupt zu nähern verstand. Hier
setzte jetzt vielnehr die Idee ein. Eine Landschaft sollte im
Dienst einer höheren, dichterischen Idee stehen; es sollten in
ihr „sittliche und leidenschaftliche Gegenstände mit den Szenen
der Natur“ verbunden werden, so hatte schon Sulzer gelehrt,
so forderte noch einseitiger Fernow. Mit anderen Worten:
Komposition und Einzeldurchführung sollten getragen sein durch
ein ihnen einverleibtes, aus ihnen sprechendes Moment subjektiv⸗
menschlichen Empfindens. Das war nun an sich eine einfache
Forderung des Subjektivismus; sie hat sich daher im 19. Jahr—
hundert immer wieder erneut. Allein der Naturalismus be—
friedigt sie, indem er die Landschaft objektiv so darstellt, daß sie
in uns diejenigen Stimmungen erregt, welche durch eben jene
Landschaft objektiv erregt werden würden, die der Darstellung
zugrunde liegt. Im Naturalismus erscheint also das subjektive
Moment der Landschaft mehr innerlich eingeschrieben, ist ihr
immanent; im Idealismus dagegen ist es ihr als Idee mehr
äußerlich aufgelegt, und häufig genug bleibt diese sozusagen
transzendent.

Der Antike speziell aber suchte man eine Landschaft von
dieser Art noch dadurch anzunähern, daß man ihre Vorwürfe
mit Vorliebe den Mittelmeerländern, Italien und auch Griechen—
        <pb n="333" />
        Bildende Kunst und Musik.

625

land entnahm. Und es geschah das, indem man anfangs
zwischen den antikisch stilisierten Landschaften, die sich schon
bei Carstens finden, und der ziemlich schwunghaft betriebenen
deutsch-italienischen Vedutenmalerei vermittelte. Von diesem
Ausgangspunkte her etwa entwickelte sich der erste große Meister
der neuen Kunst, ein Schüler von Carstens, Josef Anton Koch
(1768 -1839). Koch war Tiroler; in Rom lebend, das ihm
zur zweiten Heimat geworden war, erhielt er sich doch viel
don der herben Frische des Gebirgskindes. Indem er aber,
wie Carstens, unmittelbar aus einer überaus glücklichen Er—
innerungsgabe heraus schuf, gelangte er von selbst aufs Abkürzen
und Zusammenfassen, und damit wiederum auf die Betonung
des viel leichter zu behaltenden Umrisses und auf die Vernach—
lässigung der Farbe, sowie zu einem fast gänzlichen Übersehen
des Lichtes, von dem nur kindliche Behandlungsversuche zeugen.
In der idealistischen Wiedergabe der körperlichen Formenwelt
dagegen ist er wahrhaft Meister; und seine Auffassung der
landschaftlichen Umgebung Roms, der poesievollen Wustenei
der Campagna, vor allem aber der edlen Linien der Sabiner⸗
und Albanerberge beherrscht noch heute die Kraft unserer Ein—
bildung.

Hatte dabei Koch seine Landschaften vornehmlich zum
Schauplatz für Götter- und Heldengestalten gemacht und dem⸗
gemäß gleichsam mythisch und heroisch behandelt, während das
Historische und das Idyllische, das menschlich Weite und das
menschlich Begrenzte mehr zurücktraten, so ging Rottmann (1798
his 1850) eben auf diesem Wege weiter: er vor allem ist
daher zum Meister der sogenannten historisch-klassizistischen
Landschaft geworden. Seine Gemälde sollen den idealen Typ
gewisser Gegenden derart zum Ausdruck bringen, daß sie als
harmonischer Schauplatz gewisser heroischer, vor allem aber
historischer Ereignisse erscheinen, die sich auf ihrem Boden ab—
gespielt haben oder abgespielt haben könnten: so daß diese
Gegenden für den menschlichen Inhalt gleichsam vorherbestimmt
erscheinen. Dabei begnügt sich Rottmann gelegentlich nicht
einmal mit menschlichen oder menschlich gedachten Vorgängen;

40 *
        <pb n="334" />
        326

Zweiundzwanzigstes Buch.
auch die Bildungsgeschichte der Erde, vulkanische Umwälzungen
z. B. zieht er in seinen landschaftlichen Idealismus hinein.
Im übrigen ist er nicht mehr in dem Grade, wie Koch, ein
Künstler vornehmlich nur des Umrisses; so sehr er die große
Linie empfindet, so haben doch auch Farbe und Beleuchtung bei
ihm schon Bedeutung, namentlich soweit er in seinen Haupt⸗
werken, den heroischen Landschaften im Münchener Hofgarten
(1829 ff.) und in der Neuen Pinakothek, von der Malerei
al fresco zur Ausführung in Harzfarben auf Zementtafeln
übergeht.

Noch anders erscheint ein letzter großer Vertreter der
heroischen Landschaft, Friedrich Preller, der Farbe befreundet
(1804-1878). Unter den Augen Goethes herangewachsen,
ein eifriger Bewunderer der Renaissancelandschaften Poussins
und Claude Lorrains, Schüler Kochs, hat er in den Jahren
1832 bis 1834 einen frühesten Zyklus von Odysseelandschaften
im Römischen Hause zu Leipzig gemalt: von Anbeginn über—
wog bei ihm gegenüber dem Dramatiker Rottmann die epische
Stimmung. Später kamen dann die Eindrücke von Studien—
reisen nach Rügen und Norwegen hinzu, um ihn, neben seinen
idealistischen Konzeptionen, der realistischen Landschaft zuzu—
führen, ihn Licht und Farbe ganz anders schätzen zu lehren,
als seine Vorgänger, und seinem landschaftlichen Idealismus
zugleich jenen Zusatz des Schöpfungsmäßig-Uranfänglichen und
Nordisch-Düstern zu geben bei aller Formenklarheit des Südens,
der sein Hauptwerk, die Weimarer Odysseelandschaften (Kartons
1858 ff.) auszeichnet. Und auch insofern es sich in diesen
Landschaften um den Ausgleich zwischen der einer heroischen
Landschaft fast unumgänglich notwendigen Staffage und dem
eigentlich Landschaftlichen handelt, bezeichnen diese Bilder einen
Höhe- und Schlußpunkt der Entwicklung. Denn hier hat
die Staffage eine Bedeutung, die das künstlerische und inhalt—
liche Gleichgewicht zum Landschaftlichen herstellt, und beide
Teile sind so aufeinander gestimmt, daß sie inhaltlich voll—
kommen verwachsen erscheinen: wie erhebt sich z. B. in dem
Leukotheabilde die Nymphe aus der aufbrausenden Meereswelle
        <pb n="335" />
        Bildende Kunst und Musik.

627
gleichsam als ein letzter Bestandteil dieser, und wie bezeichnet
Odysseus im Wogentale zugleich den Tiefpunkt von Schicksal
und anschwellender und hinabsinkender Flut!

Nach Preller haben sein Sohn sowie andere Meister,
Kanoldt, Hummel u. a., noch im alten Sinne fortzuschaffen
—
seinem Schüler Franz Dreber (1822 -1875) gelang es, der
alten Melodie noch einen neuen Vers, einen rein lyrischen,
unterzulegen. Aber Drebers Landschaften gerade der besten
Zeit erinnern stark an die Jugendarbeiten Böcklins: der Grund—
satz der idealistischen Formengebung aus dem Umrisse hatte sich
erschöpft; die moderne idealistische Landschaft, die Landschaft
Böcklins und anderer ist bei allem Formgefühl ihrer Meister
eine Landschaft der Farbe.
b. Verhältnismäßig organisch, und schon insofern ein—
facher und mit der Gewähr fruchtbarerer Dauer vollzog sich
der Übergang der Architektur zum Klassizismus.

Die Baukunst der Renaissance hatte sich im Barock zu
einem massigen, trotz mancher Auflösungen zunächst noch würde—
voll gebundenen, prunkenden Stil entfaltet; am römischen
Petersdom kann man alle ihre Fortschritte verfolgen, bis für
Italien mit der Zeit um 1580 etwa ein Höhepunkt erreicht
ist. Dann begann, deutlicher mit Bernini, seit etwa 1630,
eine Wendung ins Leichtere, Freudigere: bis schließlich, am
vollendetsten auf französischen Boden, eine Auflösung aller
tektonischen Formen ins Dekorative erreicht war und sich damit
gleichzeitig, bei reichster Verzierung, die nüchternste Haltung
des baulichen Gerüstes einstellte. Im ganzen war es ein Her⸗
gang, der hinsichtlich der einzelnen Bauglieder der Vernichtung
der Renaissance nahe kam, hinsichtlich des Baukörpers die
Reduktion aufs einfachste zur Folge hatte!.

Man stand damit im Grunde vor einem unzweifelhaften
Verfall aller der Elemente, welche die bisherige architektonische

S. Bd. VI S. 268 ff.; VII, 1, S. 180 ff., 209 ff.
        <pb n="336" />
        s28

Zweiundzwanzigstes Buch.
Entwicklung getragen hatten; es war abgewirtschaftet. Übrig
geblieben war der bloße Zwang des Raumbedürfnisses und der
Gesichtspunkt des Zweckmäßigen: die Baukunst war auf die
einfachen Forderungen beschräukt, die der aufstrebende und prak⸗
tische Stand des Bürgertums vornehmlich an sie stellte und bei
seinen materiellen Mitteln auch allein an sie stellen konnte. Die
Daseinsbedingungen des noch unglaublich nüchternen Bürger—
hauses des 18. und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren
geschaffen: Kasernenstil im kleinen wie im großen, für Familien⸗
wie Zins- und Geschäftshaus. Erschien dieser Zeit aber eine
architektonische Kunst üuber das bloße Bedürfnis des Bauens
als solches hinaus als zulässig, so konnte eben der Hellenismus
mit seiner edlen Einfachheit geeigneter als irgendein anderer Stil
an diese Alltagsformen anknüpfen. Und schon war diese Ver—
bindung in dem Lande des frühest entwickelten Bürgerstandes,
in England, hergestellt.

In England hatte man sich nie so recht für das Barock
begeistern können; man war Palladio treu geblieben. Von
hier schlug sich dann leicht die Brücke zum Hellenismus, als
der allgemeine geistige Fortschritt auf anderen Gebieten zu
diesem geneigt machte und als die großen wissenschaftlichen
Entdeckungen Stuarts sowie Rewetts (1748) und anderer die
verschüttete und vergessene Welt der griechischen Tempel wieder
ans Licht zogen: jetzt schuf vor allem das englische Bürgertum
eine erste junghellenische Architektur jungfräulich-herben, ja
kargen Stils. Inzwischen aber war dieser Stil nach Frankreich
übergegangen, wo man des tollen Rokokoüberflusses satt war
und dem alten Streben schon des Zeitalters Ludwigs XIV.
nach einfacher Erhabenheit jetzt nicht bloß im Baukörper,
sondern auch in dessen Schmuck zu willfahren suchte. So
wurde denn die zügellose Ornamentik, eine letzte Ausläuferin
der Renaissancekunst, verlassen; auch im Innenbau wurden
die Dekorationsmotive ins Antike vereinfacht, und für ihre
Einordnung die strenge Gliederung der Wände durch stark
profiliertes Rahmenwerk zurückerobert.

In Deutschland erhielt man diese neue Bauweise etwa
        <pb n="337" />
        Bildende Kunst und Musik.

baꝛo
um 17803; das älteste ganz stilechte Werk ist der kleine dorische
Tempel im Parke zu Gotha, der dem Grabe des Prinzen
Ernst (7 1779), einer jener nun aufkommenden, mit säuselnden
Pappeln bepflanzten Grabinseln, gegenübersteht. Er ist den
Aufnahmen athenischer Altertümer von Stuart und Rewett
nachgebildet; gebaut hat ihn Friedrich Wilhelm von Erdmanns⸗
dorf, der 1761 in Rom unter den Einfluß Winckelmanns,
später unter den des französischen Architekten Clérisseau ge—
kommen und vermutlich durch diesen, einen Freund von Adams,
auf die Engländer hingewiesen worden war. Und so erschienen
denn schon bei Erdmannsdorf alle jene Einflüsse gemischt, die
den Klassizismus in der deutschen Baukunst bedingten: die
klassische Strömung in der Literatur und Wissenschaft der
Nation und das Beispiel Frankreichs und Englands. Es ist
eine Kombination, in der sich im Grunde doch die Führung
der geistigen Kultur durch Gelehrsamkeit und Dichtung aus⸗
sprach: schon in dem Kampfe, den Krubsacius in Dresden
seinerzeit auf Grund der alten Lehren des Vitruv gegen den
Ratszimmermeister Schmidt und seinen Kreuzkirchenbau unter⸗
nommen hatte, wie nicht minder in dem Einflusse Oesers in
Dresden wie Leipzig war sie als solche zutage getreten.

Der erste aber, der den kommenden neuen Stil in Deutsch⸗
land in seiner Bedeutung klar erfaßte, war wohl Friedrich
der Große; er hat aus den englischen Veröffentlichungen von
Palladios, Jones und Kents Werken einzelne Blätter an bau—⸗
lustige Burger Potsdams verteilt und diese gezwungen, die
Schauseiten ihrer Häuser danach einzurichten, gleichgültig, wie
sie über den inneren Ausbau dieser Häuser verfügten. Und
Knobelsdorff hat dann in diesem Geschmack das Berliner Opern—
haus geschaffen. Seitdem blieb Berlin einer der wichtigsten
Schauplätze der neuen Baukunst; selbst in dem an Bauten
überaus armen Menschenalter der Revolution und der Frei⸗
heitskriege sind hier so groß gedachte Schöpfungen wie das
Brandenburger Tor von Langhans entstanden; und neben
Langhans wirkte Gilly, der Schinkel und Klenze, die späteren
Helden des Stils, beeinflußt hat.
        <pb n="338" />
        630 Zweiundzwanzigstes Buch.
Allein auch außerhalb Berlins faßte der neue Stil Fuß.
Zwar in Süddeutschland hielt man noch länger an zopfig
vereinfachten Formen des Rokokos fest; so hat in München
Nikolaus Schedel von Greifenstein noch 1807 das Max Joseph⸗
Tor im Zopfstil errichtet, und neben ihn stellte sich Peter von
Nobile, der Erbauer des Wiener Burgtors. Auch F. Wein⸗
brenner, der 1791 bis 1797 in Italien studierte, verblieb inner—
halb palladiesker Formen, wie seine Bauten in Karlsruhe und
anderswo zeigen. Allein daneben neigten sich doch wenigstens
der Nordwesten und Mitteldeutschland dem neuen Stile zu;
und wie in Hannover und Gotha, so wurde in Kassel in seinem
Geiste geschaffen. Hier war es vor allem der Schloßbau von
Wilhelmshöhe, der von dem Architekten Du Ry, dem Sprossen
einer alten Hugenottenfamilie, seit dem Jahre 1785 nach dem
Vorbilde der 1777 erschienenen Ausgabe der Bauwerke von
Robert James Adam durchgeführt wurde. Mit der Archi⸗
tektur aber verband sich in Wilhelmshöhe die Anlegung eines
iener großen Parke, in denen die englische Gartenkunst
Triumphe feierte; und den Parkanlagen von Wilhelmshöhe
gingen die von Wörlitz und Weimar zur Seite. Noch rascher
jedoch, wenn auch nur in seinen einfachsten Formen, drang
der neue Stil in die bürgerliche Architektur ein; hier schossen
jetzt jene nüchternen Wohnhäuser empor, deren sich noch heute
in unseren größeren Städten zumeist eine Anzahl befindet, mit
einer gänzlich vereinfachten antiken Säulenstellung am Tür—
eingang, mit großen Halbkreisfenstern im Treppenhaus und
an den Giebelseiten, mit verhältnismäßig geräumigen, aber
noch niedrigen Zimmern in pompejanischer Ausschmückung. Und
selbst in den Kirchenbau drang der neue Stil schon vereinzelt
vor: so hat z. B. Dauthe die Leipziger gotische Nikolaikirche
seit 1784 nach den Gruundsätzen des neuen Stiles umgebaut.
Dennoch handelte es sich bei alledem zunächst noch um Ver—
suche und Anfänge; die wirkliche Blüte des Stils fällt erst
in die beruhigte Zeit nach den Freiheitskriegen und nach
der vollsten Durchbildung des literarischen Klassizismus, und
ihr Beginn wird bezeichnet durch das Aufstreben Klenzes in
        <pb n="339" />
        Bildende Kunst und Musik

681
Munchen 1814 und Schinkels in Berlin 1815. Klenze, ein
Obersachse, der im Jahre 1864 starb, hat in München vor⸗
nehmlich die Glyptothek (1816ff.) und die Propyläen (1846 ff.),
dazu die bayerische Ruhmeshalle hinter der Bavaria und
bei Regensburg die Walhalla (vollendet 1842) gebaut, die
Glyptothek mit einer ionischen Säulenstellung, dorische Säulen
vor den anderen Bauten: sogar die Walhalla ist ein dorischer
Tempel. Wie der Meister diese Bauten selbst ansah, läßt sich
qaus seiner Meinung ermessen, daß die Akropolis zu Athen der
große Probierstein klassischen Kunstsinnes sei, und daß, wer
in ihrem Anblick nicht geheilt werde von „individuellen und
typisch nationalen Aberrationen“, gerichtet sei vor dem Areopage
der Rachwelt. Freilich hat er selbst diesen Worten nicht nach—
gelebt, nicht nachleben können. Gerade in München hatte sich
noch bis ins 19. Jahrhundert hinein recht viel erhalten von
dem alten Kunstbetriebe des Rokokos und Barocks; den neuen,
auf absolute Reinheit gerichteten Absichten stellte sich diese Über⸗
lieferung entgegen, und ihr stilles Wirken führte dazu, daß
gerade die Bauten des Münchener Klassizismus ein gutes Teil
erhielten von jenem Malerischen der Anlage und der Wirkung,
das man als einen der eingeborensten und durchgehendsten
Züge der Architektur des 19. Jahrhunderts hetrachten kann.
Und gibt schon dies der Münchener Antike eine ganz besondere
Prägung, so noch mehr der Umstand, daß sie im Grunde
doch abhängig war von einem einzigen Willen, dem König
Ludwigs J. Ludwig aber war doch nicht so antik, daß er
nicht im Innersten seines Herzens lieber deutsch hätte sein
wollen, und nicht so sehr Kunstfreund und dem herrschenden
Stil verschworen, daß er nicht sein München in jeder Hin—
sicht hätte schmücken wollen und darum eben zu einem Stell⸗
dichein aller Stile, schon gedachter wie noch denkbarer gemacht
hätte. Und so mußte schon Klenze selbst in dem Festsaalbau der
Residenz zu einer Behandlung der Antike übergehen, der man
später Palladianismus vorwerfen konnte, ja er mußte die Aller⸗
heiligen-Hofkirche nach dem Muster der Capeélla palatina zu
Neapel aufführen, eines reizvollen Gemisches byzantinischer,
        <pb n="340" />
        Zweiundzwanzigstes Buch.
maurischer und nordischer Formgedanken. Und selbst damit
noch nicht genug. Neben die klassischen Bauten Münchens trat
Zieblands angeblich altchristliche Bonifaziusbasilika und Gärtners
Feldherrnhalle (1841) nach dem Vorbilde der Loggia dei Lanzi
in Florenz, in der Vorsiadt Au erhob sich Ohlmüllers gotische
Pfarrkirche, und die Ludwigspfarrkirche in der Stadt (1829)
erhielt den Typ lombardisch-romanischen Stiles. Man war
in München bald in allen Sätteln gerecht, ja schuf sich in dem
Rundbogenstil der Regierungsbauten in der Ludwigsstraße noch
seine höchsteigene Bauweise. Natürlich wurde man bei alledem
auch zusehends akademisch und langweilig. Aber immer blieb
trotzdem eine gewisse Gelenkigkeit der Phantasie und des hand—
werklichen Komponierens erhalten: und das war auch auf den
Münchener Klassizismus von Einfluß.

In höherer Potenz gleichsam hat sich die Münchener Ent⸗
wicklung in Wien wiederholt. Denn hier, in der wohligen
Luft der Donaustadt, vermochte sich der strenge Stil der
antiken Architektur erst recht nicht in ungebrochener Reinheit
zu entfalten, namentlich soweit dieser als voller Gerüststil auf⸗
trat: was man baute, wurde bei aller Wucht doch zugleich
heiter, frei, festlich und farbig behandelt. Der größte Meister
dieser Kunst aber war nicht ein eingeborener Wiener, sondern
ein Landsmann Thorvaldsens, Theophil Hansen, ein Mann,
der diesem in dem klaren, oft etwas zu geraden Losgehen
auf schematisch-schöne Lösung der gestellten Probleme wie in
dem Sinne für äußere Anmut verwandt war: ganz richtig
hat er seine Kunst nicht mehr nachgeahmte Antike, sondern
hellenische Renaissance genannt wissen wollen. Hansen, 1813
geboren, hatte den Vorteil gehabt, seit 1838 längere Zeit in
Griechenland zu weilen, und so schuf er mehr aus einer ge—
samten künstlerischen Lebenshaltung heraus als die Münchener.
Im Jahre 1846 kam er nach Wien; sein Hauptwerk (seit
1863) wurde das Parlamentshaus, ein Bau von wunderbarer
Symmetrie, wenn auch einer Symmetrie, der die innere Zweck—
mäßigkeit vielfach zum Opfer gefallen ist. Was aber die Ent—
wicklung in Wien neben der Weichlichkeit der Formen ebenso
        <pb n="341" />
        Bildende Kunst und Musik.

638
wie die in München kennzeichnet, das ist der Umstand, daß
die Antike an beiden Orten, ja man kann sagen in Süd—
deutschland überhaupt, wenn auch zeitweise in den Vorder—
grund tretend, doch niemals auch nur annähernd allein ge—
herrscht hat: immer entstanden neben ihr Bauten anderer
historischer Stile.

Ein wenig anders war es in Berlin. Hier bestand um
1815 an sich schon eine mehr als dreißigjährige Tradition zu—
gunsten der Antike; hier hatte das Herrscherhaus als Haupt—
bauherr im Verlaufe dieses Menschenalters ohne Wanken an
dem einen Stile festgehalten, und hier erschien in Schinkel
ein Meister, der die Fähigkeit besaß, die bei antiker Nach—
ahmung noch eben denkbaren modernen Möglichkeiten zu ent—
wickeln und zugleich schulbildend zu wirken. Schinkel (4J 1841),
der Schöpfer des alten Berliner Museums (1825 ff.), des
Schauspielhauses und der Bauakademie (1832), der geduldige
Entwerfer von tausend gewaltigen, nur in der Phantasie pro—
jektierten Bauten, für deren Ausführung dem armen Preußen
und Deutschland seiner Zeit das Geld mangelte, selbst soweit
sie einfachen und praktischen Zwecken gewidmet waren, ist recht
eigentlich der Klassizist der deutschen Architektur; bei ihm er—
innert fast nichts mehr an den Zusammenhang mit der
Rengissance und deren Tochterentwicklungen; höchstens im Stil
der Gotik hat er neben dem der Antike mit einer gewissen
Vorliebe und, nach der Kenntnis seiner Zeit, mit bemerkens—
werter Reinheit geschaffen. Grundsätzlich aber und in dem
Wichtigsten seiner Werke wurde er zum Hellenisten: die Säule,
die Ordnung waren ihm heilige Traditionen, die es zu er—
neuern galt, wenn er auch, wo es irgend mit seinen Theorien
vereinbar war, als Hellene in dem Bewußtsein moderner Be—
dürfnisse zu schaffen suchte. Eben in dieser Kombination ge—
wann er dem Klassizismus eine menschliche Seite ab, und
eben darum schuf er, eigentlich mit wenigen antiken Bauten,
mit diesen aber auch aufs innigste vertraut, aus dem geringen
alten Formenvorrat überraschend viel dem 19. Jahrhundert
Eigenes: bis zu dem Grade, daß er Barock und Rokoko über—⸗
        <pb n="342" />
        334

Zweiundzwanzigstes Buch.
wand. Dabei war ihm keineswegs eine volle, große, etwa
gar üppige Phantasie verliehen; wesentlich zur Befriedigung
des Sinnes für feine Verhältnisse, für wohlgebildete Formen,
allenfalls für bauliche Anmut schien er geboren. Aber gerade
damit war seinem Hellenismus eine lange Zukunft beschieden,
um so mehr als Bötticher diesen nach dem Tode des Meisters
in seiner „Tektonik der Hellenen“ (1848 ff.) in ein System
brachte, das auf ein Menschenalter die allgemeinen Vorstellungen
über die Baukunst der Alten beherrscht hat, bis es der rea—
listischen Archäologie seit 1870, dem Ausgrabungsergebnissen
eines Schliemann und seiner Nachfolger und den daraus ab—
geleiteten Folgerungen erlag. Und so hat man denn in Berlin
noch bis in die achtziger Jahre hinein unter der unmittelbaren
oder mittelbaren Nachwirkung Schinkels gebaut, wenn sich auch
seit den späteren sechziger Jahren neben Bauten wie Stülers
Neues Museum (1845 vollendet) Schöpfungen aus ganz
anderem Gusse, namentlich Renaissancebauten, zu stellen be—
gannen. Vor allem blieb die Privatarchitektur, soweit sie
künstlerische Richtung innehalten wollte, noch lange dem
Schinkelschen Stile in seinen letzten Ausläufern getreu; so
sind die Villen der fünfziger und sechziger Jahre in dem
Viertel vor dem Brandenburger Tore in diesem Stile gebaut,
nicht minder die kleinen Schlösser des Hofes um Potsdam,
wenn bei ihnen auch daneben englische Gotik gepflegt ward.
Spätere größere Denkmäler sind noch die Nationalgalerie und
die Siegessäule Stracks. Es ist im ganzen eine Bauweise, die
nicht eines gewissen gefälligen Maßhaltens und bescheidener An⸗
mut entbehrt. Und das, was sie schließlich gestürzt hat, ist nicht
eigentlich die Aufnahme eines anderen Stiles gewesen, obwohl
man deren mittlerweile neben der Gotik der dreißiger bis fünf—
ziger Jahre eine ganze Anzahl, so schließlich selbst wiederum
Barock und Rokoko übernommen hatte, sondern die Unmöglichkeit,
mit dem für die Ausbidung der antiken Baukunst maßgebenden
technischen Material zahlreichen Raumbedürfnissen wenigstens
der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gerecht zu werden.
Denn wer kann sich eine hellenische Eisenbahnhalle vorstellen?
        <pb n="343" />
        Bildende Kunst und Musik.

635
Und wer tausend andere eminent moderne Bauten, etwa Sport⸗
hallen, Ruderklubhäuser, Rathäuser, ja — trotz Hansens Wiener
Bau — Poarlamente? Der griechische Stil gibt nur schwer
die Individualisierung der Räume her, deren unsere großen
modernen Bauanlagen bedürfen, und vor allem: er gestattet
mit den für ihn charakteristischen Steindecken nicht die not—
wendigen Raumweiten. Hier kann, handelt es sich um weite
Decken ohne Gewölbe, nur das Eisen helfen; die Aufnahme
von Eisen aber verändert alsbald die inneren Raumbeziehungen
der griechischen Baukunst, wie schon die Deckenbildung im
Treppenhaus des Neuen Berliner Museums beweisen konnte.
Es kam unter diesen Umständen so weit, daß die hellenischen
Formen nur noch als etwas vom Baustoffe Unabhängiges an⸗
gewandt wurden, mit anderen Worten, daß sie ornamentalen
Tharakter erhielten: und das bedeutete den Untergang.

e. Der Gang der klassizistischen Bildnerei ist am Ende
ein ähnlicher gewesen wie der der Baukunst. Auch hier zunächst
ein starkes Hereinragen älterer, barocker, und späterer Elemente,
wie in den Zeiten der Baukunst vor Schinkel. Dann ein
scheinbar absolutes Nachschaffen der Antike durch Thorvaldsen.
Und schließlich, wenn auch erst in der Gegenwart, nach lang—
samer Unterwühlung durch den steigenden Naturalismus, der
Bruch infolge neuer Ideale, die freilich nur teilweise der Be—
nutzung anderen Materials — auch in der Baukunst war dies
ja gegenüber dem veränderten Raumsinn nur ein unter—
geordnetes Moment gewesen —, vornehmlich aber einem anderen
plastischen Sinne ihr Erblühen verdanken.

Anschauungen einer anders gearteten Vergangenheit und
daneben aufkommenden klassizistischen Sinn hat in der Bildnerei
auf deutschem Boden wohl am frühesten Hser miteinander ver⸗
bunden. HPser muß dabei freilich weniger nach seinem aus—
geführten bildnerischen Werken beurteilt werden, für deren
Roheit vielfach schlecht kopierende und ausführende Steinmetzen
verantwortlich sind, als nach den Modellen für diese. In diesen
Modellen aber zeigt er bei allem Streben, hellenisch zu sein,
        <pb n="344" />
        636

Zweiundzwanzigstes Buch.
doch noch feinen Sinn für die graziöse Linienführung des
Rokokos, während er den barocken Elementen ferner steht. Und
auf Geleisen, die der Auffassungsweise Osers verwandt waren,
hat sich der Hauptsache nach auch noch Dannecker (1758 - 1841)
bewegt. Denn auch er verband den Klassizismus mit jener
Anmut etwa, die Canova, der ihn während seines Aufenthalts
in Rom stark beeinflußt hat, aus dem Rokoko in die neue
Antike gerettet hatte; so zeigt ihn vor allem sein bekanntestes
Werk, die „Ariadne“ im Bethmannschen Hause zu Frankfurt,
mit dem graziösen Bau ihrer sinnlich schwellenden Glieder.
Daneben aber lebte in Dannecker doch schon ein Zug viel
realistischeren Charakters; und der tritt denn vor allem da
hervor, wo er sich in der Plastik, wie in der Malerei, über—
haupt schwer vermeiden ließ: im Bildnis. So ist namentlich
Danneckers realistische Schillerbüste ein wahres Meisterstück
plastischen Wirklichkeitssinnes und weitaus die beste uns über—
lieferte Darstellung des Dichters. Freilich: nicht sie hat Dan—
necker fuür das Hauptwerk gehalten, sondern jene nach ihr ge⸗
schaffene idealisierende Büste Schillers, die noch heute die in
der Nation am besten bekannte ist.

Noch um einige Schritte weiter der Gegenwart zu und
vom Rokoko ab rückte Gottfried Schadow (1764 - 1850).
Schon Schadows Lehrer Tassaert (1720- 1788), ein Meister,
der im Jahre 1774 aus Paris von Friedrich dem Großen nach
Berlin berufen wurde, war in einer für seine Zeit erstaunlichen
Weise den Weg der Natur gegangen; und in den Statuen
der Generäle Seidlitz und Keith (jetzt im Kadettenhaus zu
Lichterfelde) war er dabei bis zu einem grundsätzlichen Realismus
der äußeren Auffassung — die Generäle erscheinen in der
Uniform ihrer Regimenter — und zu einer wunderbar gegen⸗
ständlichen und ergreifenden Wiedergabe auch des inneren
Wesens der Dargestellten vorgedrungen. Schadow schritt nun
zunächst in diesem Sinne weiter; seine Standbilder Ziethens
(17983) und des Alten Dessauers (1805) sowie die für Stettin
geschaffene Marmorstatue Friedrichs des Großen (1793) gehören
nach Tiefe der Charakteristik und Treue der äußeren Dar—
        <pb n="345" />
        Bildende Kunst und Musik.

637

stellung zu den hervorragendsten plastischen Denkmälern der
Wende des 18. Jahrhunderts. Und in dem Doppelstandbild
der Königin Luise und ihrer Schwester (im Schlosse zu Berlin,
der Gips in der Berliner Nationalgalerie), übertraf dann
Schadow gleichsam sich selbst; hier ist ein ins Idealistische
umschlagender Naturalismus in diskreter und wohliger Art
an die besten Überlieferungen der Antike und ein klein wenig
auch noch an das Rokoko angelehnt. Später, in seinem „Blücher“
(1819), seinem „Luther“ (1821, in Wittenberg), hat der Meister
dann freilich, im ersten Falle infolge Einmischung Goethes,
Alterszugeständnisse an die Antike gemacht, die der Auffassung
seiner männlichen Jahre widersprachen.

In Schadow ist die eben im Entstehen begriffene moderne
Bildhauerkunst von der Antike wie auch von den letzten Stilen
der Vergangenheit, dem Barock und dem Rokoko, im Bereiche
des irgend noch Möglichen abgewichen. Denn Schadow hat
sich selbst in Rom, wo er 1785 war, gegenüber der Antike
kritisch verhalten; und als sie in seinem Alter völlig und für
immer gesiegt zu haben schien, da hat er sich verlassen gefühlt
unter den Künstlern; einsam geworden vergrub er sich zum
Teil in nur noch theoretische Betrachtungen über die Kunst.
Aber auch dem Rokoko gegenüber stand er innerlich freier da
als Dannecker oder gar Oser. Darum bezeichnet das Schaffen
seiner Höhezeit die Möglichkeit und Tendenz einer ähnlichen
Entwicklung, wie sie die kurzlebige bürgerlich-naturalistische
Malerei am Ende des 18. und im Beginne des 19. Jahr⸗
hunderts aufgewiesen hatte: Hinstreben allein zur Natur. Aber
freilich: die Grundrichtung der neuen Zeit zur Weiterentwicklung
des künstlerischen Auges konnte gerade auf dem Gebiete der
Bildnerei am leichtesten erfolgreich überdeckt werden, denn die
Errungenschaften höheren ästhetischen Verständnisses der Er—
scheinungswelt waren nicht zuerst auf deren Gebiete, sondern
auf dem der Malerei zu gewinnen: und zwar durch Aufhebung
des Umrisses und durch Beseitigung gleichsam gerade alles
dessen, was man Plastik nannte und was auch Schadow Plastik
genannt haben würde.
        <pb n="346" />
        338

Zweiundzwanzigstes Buch.
Trotzdem wirkte das naturalistische Drängen der Zeit auch
bei solchen Meistern noch nach, die sich im übrigen ganz der
Antike näherten. Der interessanteste unter diesen ist wohl
Trippel (1744 -1793). Er arbeitete seit 1778 in Rom, in
starkem Gegensatz zu Canova, dem weichsten aller Vermittler
zwischen Rokoko und Antike, nur auf sich gestellt, von gesunder
Kraft, von feiner Empfindung für das Eigenartige, einer der
bemerkenswertesten Porträtisten Goethes: in mehr als einer Be—
ziehung ein Vorläufer Schadows. Trippel war ein Schweizer,
seine Schule hat er in Kopenhagen und Paris durchgemacht;
der unmittelbare Nachfolger in seiner Stellung in Rom war
Heinrich Keller aus Zürich, also auch ein Schweizer. Es ist eine
Beobachtung, die sich auch schon für die Malerei wie früher be—
sonders eingehend für die Dichtung machen ließ: Träger des
eigentlich Neuen sind beim Beginn des modernen Zeitalters vor
allem die Grenzgebiete im Norden wie im Süden des Vater⸗—
landes gewesen; hier die reichen Städte der Schweiz mit ihrer
fast ununterbrochenen bürgerlichen Entwicklung, dort vor allem
Hamburg mit seinem großen nordischen Einflußgebiet, dem
besonders auch Dänemark angehörte. Und ein Däne war es
dann, der, in seinen Werken in Deutschland nicht minder
heimisch als in seinem engeren Vaterlande, eine erste Ver—
söhnung zwischen dem modernen Naturalismus und der Antike
gefunden zu haben schien: Thorvaldsen (1770 - 1844).

Schon sehr früh läßt, sich die hohe bildnerische Begabung
gerade der Nordgermanen nachweisen, wie denn auch inner⸗
halb der Südgermanen die nördlichen Stämme, Sachsen und
Thüringer, in der Plastik besonders hervorragen. Aus diesem
Norden kam jetzt Thorvaldsen, vielleicht die größte naiv—
plastische Kraft, die germanischer Boden bisher erzeugt hat.
Denn ihm war anscheinend nur eine Sprache gegeben, eben
die des Bildens. Wie er der Wissenschaft und allem begriff⸗
lichen Dasein fern stand, so fast sogar der Sprache — stunden⸗
lang konnte er stumm innerhalb reichen Menschenverkehrs sitzen;
im klassizistischen Sinne ungebildet kam er nach Rom und
blieb es bis zu seinem Tode — so war auch sein Verhältnis
        <pb n="347" />
        Bildende Kunst und Musik.

639
zur Antike durchaus naiv; er schuf in antikem Geiste halb
wie ein in der selbstverständlichen Befangenheit der Zeit—
genossen verweilender Angehöriger der antiken Welt. Und er
schuf so, weil die antiken Formen im Kerne seinem Sehen
entsprachen. So lebte er dahin als ein spätgeborener Heide:
eben in diesem Punkte berührte er sich mit dem seiner Zeit
nicht minder fremden Winckelmann und im gewissen Sinne
auch mit Goethe. Innerhalb seiner allgemeinen Begabung
aber war er freilich wiederum nochmals begrenzt: dem Träumer
waren die kraftvollen Seiten der Antike wenig zugänglich:
Titanenkampf und Schlachtgeschrei der Ilias waren nicht seine
Freude; still und ohne starke Erregtheit hat er seine anmutig—
friedlichen Gestalten geschaffen, während sich draußen die Heere
der Revolution und Napoleons schlugen und Deutschlands Volk
auszog in den Kampf um Freiheit und Recht. So fehlte seiner
Kunst der kraftvolle Nerv; sie verharrte im Idyll und den ihm
eigenen und verwandten Stimmungskomplexen, traf aber damit
freilich die Ruhseligkeit der Zeit nach 1815. Das nun folgende
Menschenalter bis zu Thorvaldsens Tode (1844) ist darum
recht eigentlich die Zeit seiner Anerkennung gewesen; in ihr
stand er aufrecht neben Schinkel als der größte Künstler der
neugeborenen Antike. Vor allem auch in Deutschland fand
Thorvaldsen damals Anerkennung, und in Rauch (17791857)
einen Anhänger, der zu ihm längere Zeit fast mit ebenso großer
Bewunderung wie zur Antike aufschaute. Denn Rauch hat zwar,
wenn es ihm äußere Umstände aufdrängten, in realistischerem
Sinne kräftig und stark zu schaffen gesucht; im Grunde aber
neigte seine Begabung zum Weichen, anmutig Geschwungenen
und trat dadurch neben der Antike auch dem Rokoko nahe;
und wo er aus diesen Gesichtspunkten her zu bilden vermochte,
da hat er, wie in seinen kranzspendenden Viktorien, am meisten
Persönliches und Dauerndes geboten. Nach Rauch aber lebte
ein ins Tändelnde abgewandelter antiker Stil in Deutschland
nur noch in untergeordneten Erzeugnissen längere Zeit neben
den Schöpfungen einer Kunst fort, die zwar äußerlich auch viel—
fach am Anstriche der Alten festhielt, innerlich sich aber von
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 2. 41
        <pb n="348" />
        9
34

Zweiundzwanzigstes Buch.
ihnen immer mehr zugunsten eines entschiedeneren Realismus
entfernte.

4. Wir stehen am Ausgange der klassizistischen Plastik und
der klassizistischen bildenden Kunst überhaupt. Wir haben ihr
lange Betrachtungen gewidmet, und nicht leicht ergab sich ihr
entwicklungsgeschichtliches Verständnis. Denn in ihr hallten
noch am längsten, und in letzten Ausläufern bis über die
Mitte des 19. Jahrhunderts hinaus jene Schwierigkeiten fort,
welche durch die Aufnahme der antiken Kultur in den nationalen
Bildungsgang überhaupt immer wieder verursacht wurden und
werden. Denn wer will mit Sicherheit behaupten, daß diese
Aufnahmeschwierigkeiten der Antike in den Zeiten des Klassi—
zismus in ihrer Art schon die letzten gewesen sind? Wenn
auch in Abschwächung, so drohen doch noch immer unserer
gesamten geistigen und seelischen Entwicklung gewisse Umwege
und Hindernisse, locken ihr freilich auch Vorteile aus der mög—
lichen Ablenkung ihrer eingeborenen Richtung — oder wenigstens
der Nebenwege dieser Richtung — durch die Wucht der antiken
Überlieferung.

Wie einfach, gerade, sicher zum Ziele führend erscheint
demgegenüber der Verlauf der nationalen Kultur da, wo ihre
Entfaltung nicht durch Indigestionen gleichsam infolge der Auf⸗
nahme fremdartiger Überlieferungen belastet erscheint! Und
aus wie viel größerer Tiefe dringen die Fortschritte der natio—
nalen Kultur auf solchen Gebieten empor: heraus aus dem ein⸗
fachen Schoße nationalen Werdens!

Es sind Beobachtungen, die auf keinem Gebiete mehr zu—
treffen als auf dem der Tonkunst; und die sich in diesem Be—
reiche wiederum nie besser bewahrheitet haben als in der Zeit
des aufsteigenden frühen Subjektivismus.

Zwar ist auch die Entwicklung der Musik in Deutschland
von antikischen Einflüssen nicht ganz verschont geblieben; wir
wissen, wie die Ausbildung des Madrigals des 16. Jahrhunderts
aufs engste mit der musikalischen Begeisterung für die antike
Ode zusammenhing; wie weiterhin die älteste Form der Oper,
        <pb n="349" />
        Bildende Kunst und Musik. 641
das Dramma per musica, im Grunde auf nichts anderes
hinauswollte als auf eine Wiedergeburt des griechischen Dramas.
Und gehören diese Erscheinungen mehr den Anfängen und der
Blüte des individualistischen Zeitalters an, so besteht doch auch
noch in den Wiegenjahren des Subjektivismus zwischen der
Gluckschen Opernreform und der neuen, hellenischen Renaissance
ein gewisser Zusammenhang. Indes Madrigal und Dramma
per musica waren doch zunächst Formen der italienischen Ent—
wicklung, und nur in starken Umgestaltungen wurden sie, an
sich schon alles andere als eine wirkliche Nachahmung der
Antike, der deutschen Kultur vermittelt; und die Opernmusik
wie die Operngestalten Glucks können wohl etwa den Forde—
rungen Winckelmanns unterstellt werden; aber sie gehen nicht
von ihnen aus und sind auch weit davon entfernt, in ihnen
aufzugehen.

Im ganzen unterliegt es keinem Zweifel, daß sich die
deutsche Musik des frühsubjektivistischen Zeitalters rein aus den
eingeborenen psychischen Voraussetzungen der Zeit, sogar unter
verhältnismäßig geringer Beteiligung italienischer und fran—
zösischer Elemente, und das heißt eines um diese Zeit schon
nicht mehr abweisbaren und in jedem nationalen Kultur—
elemente aufzufindenden Bestandteiles internationaler west—
europäischer Diosmose, entwickelt hat.

Will man diese Entwicklung in ihren Tiefen verstehen, so
gilt es sich, ehe in die Darstellung des geschichtlichen Flusses
der Einzelheiten eingetreten wird, zuvor in rohen Zügen der
größten Gegensätze der Musik des individualistischen und des
subjektivistischen Zeitalters überhaupt zu vergewissern. Sie
liegen etwa im folgenden. Der Intensität der musikalischen
Betätigung des 16. bis 18. Jahrhunderts hatte es im all—⸗
gemeinen entsprochen, die Töne noch mehr als physikalische,
denn als seelische Werte aufzufassen. Gewiß waren die mittel—
alterlichen Zeiten überwunden, in welchen die Töne verschiedener
Stimmen polyphone Marschexerzitien neben- und vor allem
gegeneinander ausgeführt hatten, bei denen es auf den Wohl—
laut in unserem Sinne nicht immer im besonderen ankam;

41 *
        <pb n="350" />
        342

Zweiundzwanzigstes Buch.
für das Tonschöne als solches war die Empfindung gewachsen.
Allein die Schönheit, die man suchte, war, abgesehen etwa von
der Kirchenmusik, wo fromme Begeisterung in den erhabensten
Schöpfungen zu einem häufig ganz anderen Ergebnisse führte,
nicht eigentlich die seelische gewesen. Es war die Schönheit
an sich rein rhythmisch wohl zusammengereihter Schallwellen,
die Schönheit etwa der Töne der Marschmelodie oder derjenigen
des Tanzes. Mit einem Worte: der Ton als absolute, wenn
auch schon schöne Größe, nicht aber als spezifische Ausdrucks-
form des Gemütes kam, vor allem für die weltliche Musik, in
Frage.

Wie weit mußten nun unter diesen Umständen die Aus—
drucksmittel entwickelt sein?

Von Bedeutung war hier an erster Stelle die menschliche
Stimme. Ihr rang man in diesem Zeitalter, namentlich im
Einzelgesange, jede Art der Modulationsfähigkeit und jede Art
der Stimmbildung und der Stimmgewandtheit ab. Es ist die
Zeit des Triumphes des verhältnismäßig seelenlosen. hel canto
mit seinen Kadenzen und Trillern, mit der ganzen Heerschaar
seiner Mittel zur Entwicklung von „Blüten“. In Italien
vornehmlich wurde auf dieser psychischen Grundlage, die dem
zemütvolleren Deutschen nicht so leicht einging, eine außer—
ordentliche Virtuosität des Gesanges in tausend Schulen mit
tausend Geheimmitteln der Kehlpflege gezeitigt. Und neben
der Einzelstimme wurde auch ein Chorgesang verwandter Art
zu hoher Vollendung gebracht: zu größerer in gewissem Sinne,
als im 15. und 16. Jahrhundert.

Konnte nun die Instrumentalmusik mit dieser Volubilität
und Versabilität der menschlichen Stimme wetteifern? Will
man die Frage beantworten, so muß man von der heutigen Aus—
bildung des Orchesters völlig absehen: die großen dynamischen
Wirkungen und RKontrastbildungen, die Mannigfaltigkeit der
Schattierungen und das glänzende Farbenspiel des modernen
Orchesters waren damals noch völlig unbekannt; läßt man Orgel
und Cembalo beiseite, jene Tasteninstrumente also, die allenfalls
einen allgemeinen Tonuntergrund für das Orchester herzustellen
        <pb n="351" />
        Bildende Kunst und Musik.

o48
gestatteten, so wurde der orchestrale Grundklangstoff wenigstens in
den Kammerkonzerten, den Vorläufern der späteren Symphonie—
konzerte, noch ausschließlich vom Geigenchor bestritten; und in
hn mischten sich erst schüchtern je nach Bedürfnis die zarteren
Blasinstrumente, Flöten, Fagotte, Oboen, Hörner. Bedenkt man
aun, daß bei einem nach unseren Begriffen so überaus dünnen
Orchester zugleich auch noch Stimmenreinheit und regelmäßiger
Anschlag viel zu wünschen übrig ließen: so wird man verstehen,
daß, bei aller Entwicklung schon einer selbständigen Instrumental-,
ja selbst Klaviermusik im Verlaufe der späteren Jahrhunderte
des Individualismus, dennoch die menschliche Stimme, und sie
wiederum immer noch zunächst als Klanginstrument, die führende
Rolle behielt.

In diesen Zustand schlugen nun die seelischen Wandlungen
des 18. Jahrhunderts verheerend und auf Grund bisher un—
erhörter Forderungen umgestaltend ein. Was zunächst gesucht
wurde, das war gewiß noch immer der schöne Ton; aber
schön verstanden im Sinne der Beseelung: so kam man von
GBlucks ausdrucksvoller Schönheit zu dem Haydnschen musika—
lischen Schönheitsbegriffe und von ihm zur Mozartschen Höhe
der Kantabilität. Und auch dabei blieb man noch nicht stehen;
mmer gewaltiger hoben sich die Ansprüche, und erst der völlig
beseelte Ton, der Ton nur noch als Ausdruck und Wiedergabe
ganz bestimmter psychischer Erregung, nicht mehr der absolute
ohysikalische, sondern der subjektive menschliche Ton, der Ton
Beethovens brachte die Erfüllung der Zeiten.

War das aber der steile Weg, den die Entwicklung empor⸗
stieg zum musikalisch-subjektivistischen Klassizismus, so konnten
seine ersten Stufen nicht so sehr in die Gebiete der Instrumental—⸗
musik führen, wie in den Bereich der menschlichen Stimme.

Sicherlich unterliegt es keinem Zweifel, daß auch das
Orchester alsbald von den neuen Forderungen ergriffen wurde.
Schon in den letzten Zeiten des alten Bach, jedenfalls nicht
lange nach der Mitte des 18. Jahrhunderts ist das geschehen.
Die Instrumente wurden jetzt als immer intensiver zu ent—
wickelnder Faktor der Tondarstellung fraglos anerkannt; der
        <pb n="352" />
        644

Zweiundzwanzigstes Buch.
Acapellastil begann auszusterben; wo der Gesang erscholl, da
erschollen unzertrennlich von ihm zugleich die Instrumente. Allein
eben nur mit ihm zunächst; ihm noch untergeordnet, als
wichtige Begleitmittel musikalischen Ausdruckes der Empfindung.
Und selbst da, wo das Orchester selbständig gestellt wurde,
waren es doch nicht mehr so sehr die einzelnen Instrumente,
die gegeneinander exerzierten, wie vielmehr ein Instrument
oder eine Instrumentengruppe, z. B. die Geigen, die als Ver—
treterinnen gleichsam der menschlichen Stimme die Führung
erhielten derart, daß sich die anderen Instrumente ihnen unter⸗—
ordneten.

Konnte es anders sein? Wenn es sich um Beseelung des
Tones handelte, ja selbst wenn anfangs nur eine gewisse Ver—
edlung des schönen Tones ins Auge gefaßt war: wie konnte
sie sich anderswo vollziehen als im Bereiche der menschlichen
Stimme, in die die Seele sozusagen unmittelbar überfloß?
Es war ein so zwingender Zusammenhang, daß sich ihm sogar
die Beseelung der Instrumente fügte; und die instrumentale
Kantilene wurde damit zu einer Analogiebildung, zu einem
Gegenstück der vokalen.

Indem aber der Drang, die Musik nicht bloß als Aus—⸗
druck und Gewebe objektiv gefälliger Tonerscheinungen dienen
zu lassen, sondern sie vielmehr als Ausdrucksmittel tiefster
subjektiv-menschlicher Empfindungen zu behandeln, dieses
Weges führte, kam es zu einer völligen Revolution des bis—
herigen musikalischen Stiles. Aufgegeben werden mußte der
polyphone Stil so vieler Jahrhunderte, in dem jede Stimme
gleichberechtigte Hauptstimme gewesen war: mithin ein Zu—
sammenklang objektiv gedachter und so geführter Stimmen
stattgefunden hatte. Und eingeführt wurde — langsam natür—
lich, in tausend Übergängen, die selbst in ihren sichtbarsten
Formen meist mehr als ein Menschenalter umfaßten — ein
neues beherrschendes Stilprinzip, die Homophonie: eine Haupt—
stimme mit Begleitung, eine klare, das innere Leben des Ton⸗
stückes, das nun zur Dichtung wird, zum Ausdrucke bringende,
durch Harmonisierung zur Wiedergabe auch schon sublimierter
        <pb n="353" />
        Bildende Kunst und Musik.

645
Gefühlswendungen befähigte Melodie. Damit verschwindet der
gebundene kontrapunktische Satz, und die auf die Formen der
Fuge oder des Kanons oder des doppelten Kontrapunkts be—
gründete thematische Arbeit des Vokalsatzes verwandelt sich in
freie, schließlich alle instrumentalen Darstellungsmittel aus—
nutzende Arbeit.

Es war eine Revolution, deren Gegensätze, Polyphonie
und Homophonie, sich in den Werken Johann Sebastian Bachs
und Händels noch in den wunderbarsten Formen verschlingen.
Um die Mitte des 18. Jahrhunderts aber beginnt leise die
Homophonie ihren sieghaften Zug anzutreten. Charakteristisch
für die Wandlung, für den Schritt sozusagen über die Paß—
—DV—
und Höhe, ist um diese Zeit zweierlei: einmal der beginnende
rasche und unaufhaltsame Verfall der Kirchenmusik, welche die
naturgemäße Trägerin des alten mustkalischen Stiles gewesen
war: ein negatives Element; und positiv das Emporkommen
des einfachen Kunstliedes, der primitivsten und naivsten Form
der leise einsetzenden musikalischen Beseelung.

Der Individualismus hatte in seinem Verlaufe das Lied,
wie es bis dahin Volkslied und Gesellschaftslied gewesen war,
fast ertötet; statt dessen hatte die Arie mit ihren künstlichen
Formen zu herrschen begonnen und der aus ihr entwickelte
mehrstimmig gesetzte Kammergesang, wie ihn z. B. noch das
Händelsche „Amor, dir werd ich nie trauen“ (1742) vergegen⸗—
wärtigt; und neben ihn waren höchstens noch besonders in
Frankreich gepflegte Melodien mit Liederterxten getreten: denn
gesungen worden ist in Deutschland von jeher viel und gern;
und nur von einem einzigen deutschen Stamme, den Friesen,
heißt es seit alters: non cantat.

Demgegenüber erwachte nun seit der Mitte etwa des
18. Jahrhunderts das neue deutsche Lied. Anfangs noch in
Rokokoformen gebettet, z. B. bei Philipp Emanuel Bach noch
zierlich verschnörkelt, und bis auf Zelter noch die spezifische
Stimmung des Rokoko-, Muntern“ aufweisend, ging es von
vornherein auf einfachste musikalische Wiedergabe reiner Emp—
        <pb n="354" />
        646

Zweiundzwanzigstes Buch.
findung. Dabei blieb es anfangs vielfach noch an alte Zu—
sammenhänge und größere musikalische Kunstformen gebunden:
erzählte es, so kamen wohl Anlehnungen an den alten Bänkel⸗
sängerton zum Vorschein, war es Bestandteil eines dramatischen
Zusammenhanges, so entnahm es der alten Oper leise musika—
lische Elemente. In dieser Art wirkt etwa die durch mehrere
Generationen hindurch gesungene Romanze „Als ich auf meiner
Bleiche ein Stückchen Garn begoß“ aus der „Jagd' (1770) von
Hiller; und noch in Zumsteegs Balladen finden sich Reminis—
zenzen an den Bänkelsang, wie denn die früheste Form der
subjektivistischen Balladendichtung zum Teil aus dem Baͤnkel—⸗
sang hervorgegangen war!. Das eigentliche Ideal der neuen
Liedform aber wurde in voller Reinheit erst da erreicht, wo ein
großer Dichter und ein großer Musiker von verwandter Be—
gabung zusammenwirkten; so haben Gluck und Klopstock das
Lied zum Gefäß einfachsten und zugleich tiefsten Empfindens ge⸗
macht; und Kompositionen Klopstockscher Oden von Gluck wie
die „Frühen Gräber“ oder der „Jüngling“ (ca. 1770) wirken
noch heute auf uns mit der Gewalt elementarer Stimmung.
Von solchen Ausgangspunkten ab gedieh das deutsche Lied,
getragen von der Lyrik unserer großen Dichter, seinen ersten
blühenden Zeiten entgegen: Zumsteeg, der Leibkomponist
Schillers, war der erste Meister der durchkomponierten Ballade
mit wechselnder Situationsmalerei; Reichardt wuchs an
Goetheschen Texten aus der einfachsten Liedform zu der Höhe
der Melodik, die seine Komposition des Mignonliedes kenn⸗
zeichnet, und Zelter fand neben manchen altertümlichen Zügen,
die ihn, neben der Durchsichtigkeit seiner Komposition, Goethe
besonders wert gemacht haben mögen, in seinem „König von
Thule“ oder dem tief empfundenen „Füllest wieder Busch und
Tal“ Töne, die ihm immerhin die Stellung des schließenden
Meisters einer ersten Periode des modernen Liedes sichern.
Voll freilich entfaltete das Lied seine Schwingen erst in
der duftenden Atmosphäre der Romantik. Aber ihr näherte es

S. oben S. 454 ff.
        <pb n="355" />
        Bildende Kunst und Musik.

647
schon Beethoven, indem er hinaus über die noch instrumental
empfundenen vierstimmigen Gesänge Haydns und die zu drama—
tischen Szenen umgestalteten Schöpfungen Mozarts in seinem
Mignonliede oder in der Komposition der Tomba oscura eine
nie zuvor empfundene Macht des Pathetischen entfaltete.

Das Lied hat damit alle jene Phasen der psychischen Ent—
wicklung des 18. Jahrhunderts mit durchlaufen, die wir, vor—
nehmlich aus der reichen Weschichte der Dichtung, schon kennen;
wie sich hier, etwa in den Mondversen des einzigen Dichters
Goethe, von dem spielenden
Luna bricht die Nacht der Eichen,
Zephirs melden ihren Lauf,
bis zu dem tiefaufatmenden „Füllest wieder Busch und Tal“
die ganze Entwicklung abspiegelt!, so passiert das musikalische
Lied von der letzten, spielenden und auch mit der Empfindung
noch tändelnden Phase des Rokokos die schwermütigen Tage
der Empfindsamkeit, tobt aus in Sturm und Drang und er—
ringt in den schönsten Schöpfungen Beethovens, wenn auch
rhythmisch noch stärker gebunden, ja eben durch diese rhythmische
Gebundenheit die stolze Höhe des Klassizismus.

Aber noch vorher, aus der Entwicklung des Rokokos und
der angehenden Empfindsamkeit her, hatte das Lied, die Urzelle
gleichsam der Musik des Subjektivismus, zu einer höheren
Bildung geführt: es trat in Zyklen auf, die dramatisch ge—
gliedert wurden; es verwob sich durch Zwischensätze wohl gar
schon zu den Anfängen einer laufenden dramatischen Musik:
es wurde Komponente des Singspiels. War damit die primi—
tivste Form der späteren nationalen Operette gefunden, so hat
zu deren Entwicklung allerdings anfangs auch der Einfluß der
sprudelnden französischen Operette, wie sie schon auf zwei
Menschenalter einer wechselreichen Geschichte zurücksah, vor allem
aber auch der Widerwille gegen die Unnatur der italienischen
Oper beigetragen. So finden sich Anfänge eines deutschen

S. oben S. 459 ff.
        <pb n="356" />
        648

Zweiundzwanzigstes Buch.
Singspiels seit der Mitte des Jahrhunderts in verschiedenen
größeren Städten; am frühesten vielleicht in dem lebenslustigen
Wien, wo Haydn schon um 1751 die Operette „Der krumme
Teufel“ komponiert hat, deren Aufführung freilich wegen derber
Satire auf den Schauspieldirektor Affligio verboten wurde.
Maßgebend aber für die früheste Entwicklung wurde schließlich
Leipzig. Hier kam auf Veranlassung des Schauspieldirektors
Koch im Jahre 1752 zunächst eine euͤglische Operette zur Auf—
führung, Coffeys „The devil to pay“, die 1743 von dem
preußischen Gesandten in London Herrn von Borck unter dem
Titel „Der Teufel ist los“ übersetzt worden und durch Standfuß
mit neuer Musik versehen worden war. Bald aber wurde für
die Operettenbühne in Johann Adam Hiller (1728 - 1804) ein
quellendes Komponistentalent entdeckt, dem zur Seite Christian
Felix Weiße (1726 -1804), ein Leipziger Steuerbeamter und
Freund Lessings, im Anschluß an die alte muntere Weise der
Leipziger Dichtung und im Sinne der Ausstattung etwa der
Gellertschen Poesie für heitere Librettos sorgte. Es handelte
sich dabei um Lustspiele in Prosa mit eingelegten Gesängen,
die sich bald einer außerordentlichen Popularität erfreuten.
„Lisuart und Dariolette“, „Lottchen am Hofe“, „Die Liebe
auf dem Lande“ fanden überall enthusiastische Aufnahme; lange
noch sang man auf den Gassen: „Ohne Lieb' und ohne Wein
was wär' unser Leben?“ und dergleichen; und der Anfang
eines Liedes: „Morgen, morgen, nur nicht heute! sprechen
immer träge Leute“ hat sich bis zur Gegenwart als geflügeltes
Wort hindurchgerettet.

So überschritt denn die neue Kunstform als deutsches
Singspiel bald das Weichbild Leipzigs; zum letzten Male übte
das Klein-Paris der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts aus
den Tiefen der eigenen dichterischen Entwicklung her, wie von
der Basis der besonders hohen musikalischen Bildung Ober—
sachsens aus, einen umfassenden Einfluß.

Auf seinem Wege durch Deutschland aber empfing das
Singspiel an dem Orte und in dem Lande, die jetzt bald
übermächtig in den Entwicklungsgang der deutschen Musik
        <pb n="357" />
        Bildende Kunst und Musik.

649
eingreifen sollten, erst recht seine eigentliche Weihe. Im Jahre
1767 wurde „Lisuart und Dariolette“ in Wien gegeben; und
1768 komponierte der junge Mozart auf österreichischem Boden
sein graziöses Singspiel „Bastien und Bastienne“, das man
heute gelegentlich wieder zu hören bekommt. Kaum ein Jahr-—
zehnt später aber konnte man in Wien die Klage hören, daß
die Operette alle Tragödien und Komödien verdränge; ja 1778
wurde in der Kaiserstadt auf Anregung Josephs II. ein eignes
deutsches Nationalsingspiel, eine Art deutscher komischer Oper,
eröffnet. Es war zu der Zeit, da sich seit 1786 in Wien in
der Person Karl Ditters von Dittersdorf (J 1799) zugleich ein
überaus geschickter Komponist zu regen begann. Sein Haupt—
werk, „Doktor und Apotheker“, das noch heute gegeben wird
und die Vollendung der Gattung vor dem Eingreifen Mozarts
bedeutet, enthält, trotz aller possenhaften Elemente etwa im
Sinne Molières, doch schon die Züge, die zur eigentlichen
komischen Oper hinüberführen. Die Musik ist sangbar und den
Situationen angepaßt, während das musikalische Charakterisie—
rungsvermögen gegenüber den Personen der Handlung noch
versagt, es sei denn, daß ihm ein Ausflug in die Karikatur er⸗—
laubt wird. Als Ganzes ist das Stück mehr eine Aneinander—
reihung einzelner Sätze, als daß ein organischer Aufbau der
Musik hervorträte; namentlich im Finale des ersten Aktes zeigt
sich noch das Ursprüngliche der Anlage. Neben den possenhaften
kommen dabei wohl auch sentimentale Züge vor, doch sehr in
der Minderzahl; die Mischung ist etwa schon dieselbe, wie man
sie aus Lortzings Opern kennt. Freilich: von all den sonstigen
Vorzügen Lortzings: der klaren Organisation des Ganzen, der
sicheren Personencharakteristik, dem feineren Humor bei aller
Ausgelassenheit, zeigen sich nur erste Spuren. Und auch bei
dem Durchschnitte der übrigen Singspieldichter der Zeit, bei
Georg Benda in Gotha, bei Peter von Winter in München,
bei Ignaz Holzbauer in Mannheim, bei Johann Friedrich
Reichardt in Berlin fehlen sie; wenngleich Reichardt (1752
bis 1814), ein echter Liederkomponist, die spielerischen Formen
schon mehr ins Ernste umschuf: während Mozart aus dem
        <pb n="358" />
        650

Zweiundzwanzigstes Buch.
losen Gefüge in „Belmonte und Konstanze“ (1782) erstaunlich
rasch und erfolgreich die vollen und größeren Formen der
älteren komischen Oper entwickelte.

Mit alledem war nun das Lied außerordentlich fruchtbar
geworden; es hatte seine ganze reiche Empfindungsskala und
seine Gemütstiefe einer einfachen dramatischen Form mitgeteilt,
und es hatte dadurch diese Form zu einer wahrhaft musikalischen
gemacht. Nicht mehr im Anschluß an imaginäre Heroen der
klassischen Zeit, deren Taten sich schließlich in hohle Gefühle
auflösten, sondern in der Ausprägung sicherer Empfindungen
der Liebe, des Frohsinns, der Munterkeit, mochten sie ge—
legentlich und namentlich anfangs auch noch in eine nicht völlig
natürliche Schäferszenerie verlegt werden, entwickelte sich diese
neue dramatische Musik; und in ihrem Meister und Überwinder
zugleich, in Mozart, fand sie die volle Identität der musikalischen
Empfindung und der Charakteristik nicht bloß der Gefühle, so⸗—
weit diese einzelne Handlungen begleiten, sondern der handelnden
Personen selbst in ihrer Ganzheit.

Aber während sich auf dem Gebiete des niederen dra—
matischen Lebens die Musik als ein neues Darstellungsmittel
von ungeahnter Biegsamkeit und Feinfühligkeit durchsetzte, er—
oberte das neue Empfinden auch das ernstere musikalische
Drama. Und auch hier war der Zusammenhang mit der Ent—
wicklung des Liedes, wenn auch bei der schon weit fester
entwickelten Form der Oper keineswegs gleich eng wie beim
Singspiel, so doch im Grunde nicht zu verkennen: Gluck, der
Reformator auf diesem Gebiete, ist zugleich einer der frühesten
großen Komponisten des ernsten gefühlvollen Liedes gewesen;
und Mozart, der Vollender, hat Lieder komponiert, die sehr
wohl als Bestandteile seiner Opernmusik würden gelten können.
Das sukzessiv Vermittelnde aber zwischen neuem Lied und
neuer Oper war wiederum jene Abfolge psychischer Momente,
die wir schon kennen: Empfindsamkeit und aus der Dissoziation
der alten psychischen Haltung in Sturm und Drang abgeklärter
neuer, frühsubjektivistischer Klassizismus: nur daß in der Oper
Zusätze der gleichzeitigen hellenischen Renaissance zur Empfind—
        <pb n="359" />
        Bildende Kunst und Musik.

651
samkeit Glucks und eine gewisse Beimischung noch von Rokoko—
elementen zum Mozartschen Klassizismus im allgemeinen stärker
als in der Entwicklung des Liedes anklingen.

Als charakteristisch fir den engen Zusammenhang, in
welchem auf diesem höchsten Gebiete vokaler und instrumentaler
Betätigung zugleich Dichtung und Musik stehen, kann schon
die Tatsache gelten, daß sich die Dichtung allmählich einer
immer tieferen Würdigung der Musik und ihrer Beziehungen
zur Dichtung näherte. Hatte Gottsched und die literarische
Kritik seiner Zeit und Art noch kein inneres Verhältnis zur
Musik gehabt, ja eben die Oper als ästhetische Mißbildung
verworfen, so wurde die Haltung der neuen subjektivistischen
Kritik, wie sie seit den fünfziger Jahren erwuchs, immer freund⸗
licher. Ja selbst die Aufklärung schwenkte jetzt ein; sogar Nikolai
hat die Sache der Oper auf gute Weise geführt. Bei den
Helden des neuen Lebens aber findet sich dann überraschend
früh ein Verständnis dafür, daß Musik und Dichtung zu—⸗
sammengehen müßten; und damit eine entschiedene Würdigung
der Oper im Sinne eines erahnten und erwünschten Dramas
der Töne und Sprache zugleich. Hierher gehörige NAußerungen
Herders sind bekannt!. Aber auch schon bei Rousseau, der
uüͤbrigens der Schöpfer des modernen Melodramas war, findet
sich das gründliche Wort: „Ein großes und schönes Problem
liegt in der Frage, wie weit es die Sprache im Singen, wie
weit es die Musik im Reden bringen kann. Von einer richtigen
Lösung dieses Problems hängt die ganze Theorie der dra—
matischen Musik ab?.“ Und früh hat es selbst Lessing aus—
gesprochen, daß die Natur Poesie und Musik nicht sowohl zur
Verbindung als vielmehr zu ein und derselben Kunst bestimmt
zu haben scheine. Voll überzeugt von der Notwendigkeit in—
limsten Zusammenhanges und zwar wiederum auf den Brettern
der Bühne sind dann unsere Dichterheroen gewesen. Von
Schiller hat man den Ausspruch, er habe immer ein gewisses

1 Vgl. dazu den Geistesgeschichtlichen Ergänzungsband S. 55.
2 Liszt, Werke 2, 3. 2, 150.
        <pb n="360" />
        652

Zweiundzwanzigstes Buch.
Vertrauen zur Oper gehabt, daß sich aus ihr, wie aus den
Chören des alten Bacchusfestes, das Trauerspiel in einer edleren
Gestalt loswickeln solle; und daneben steht sein monumentaler
Satz, daß die Musik in ihrer höchsten Veredlung Gestalt werden
müsse. So nimmt es kein Wunder, von Schiller das Ge—
ständnis zu hören, seine eigenen poetischen Ideen seien immer
„aus einer gewissen musikalischen Gemütsstimmung“ hervor—
gegangen. In der Tat hat er die „Jungfrau von Orleans“
aunter dem unmittelbaren Eindrucke einer Gluckschen Oper kon—
zipiert und in seiner „Braut von Messina“ eine Art Gegen⸗
stück zu Beethovens Symphonie mit Chören geschaffen. Wie
aber wäre es nötig, noch von Goethes innigem Verhältnisse
zur Musik ausführlich zu reden? In seinen besten Stunden
hat er von einem innigen Ganzen der Poesie, der Malerei,
des Gesanges, der Musik und der Schauspielkunst geträumt:
„wenn alle diese Künste und Reize von Jugend und Schönheit
an einem einzigen Abend und zwar auf bedeutender Stufe
zusammenwirken, so gibt es ein Fest, das mit keinem andern
zu vergleichen“.

Es ist der Boden von Stimmung und Gesinnung, auf
dem die frühsubjektivistische Oper, die Oper von Gluck und
Mozart, in gewissem Sinne auch noch Beethovens „Fidelio“
erwachsen ist.

Christoph Willibald Gluck (seit Annahme einer päpstlichen
Ehrung, der sich übrigens auch Mozart unterzog, Ritter von
Gluck) ist am 2. November 1714 zu Weidenwang in der Ober⸗
pfalz geboren und gestorben zu Wien am 15. November 1787.
Er war längst als Opernkomponist im italienischen Sinne
tätig, ehe er dreiundfünfzigjährig, in vollster Klarheit über die
Bedeutung seines Schrittes, mit der herkömmlichen, und das
hieß mit der italienischen Oper des individualistischen Zeit—
alters brach und zunächst in „Orpheus und Eurydice“ (1762),
dann ganz ausgesprochen in der „Alceste“ (1767) neue Wege
ging. Es war in den JZahren, da Winckelmanns „Geschichte
der Kunst des Altertums“ erschien, da das ernste Lied der
Empfindsamkeit, die Ode, schon entwickelt war. Seine neue
        <pb n="361" />
        Bildende Kunst und Musik.

653
Auffassung spricht Gluck in der Zueignungsschrift der „Alceste“
an den Großherzog von Toskana (1769) selbst aufs deutlichste
aus1. „Als ich den Entschluß faßte, die Oper „Alceste‘ in
Musik zu setzen, nahm ich mir vor, alle Mißbräuche, welche
die übel angebrachte Eitelkeit der Sänger und die zu nach—
ziebige Gefälligkeit der Komponisten in die italienische Oper
eingeführt, und womit sie aus dem prachtvollsten und schönsten
der Schauspiele das langweiligste und lächerlichste gemacht, zu
vermeiden. Ich versuchte es, die Musik auf ihren wahren
Beruf zurückzuführen, nämlich die Poesie zu unterstützen, um
den Ausdruck der Gefühle, das Interesse der Situationen zu
kräftigen, ohne die Handlung zu unterbrechen und sie durch
überflüssige Verzierungen kälter zu machen. Ich glaubte, die
Musik müsse der Poesie geben, was einer richtigen und ver—
nünftig komponierten Zeichnung die Lebendigkeit des Kolorits,
die glückliche Übereinstimmung der Lichter und Schatten ver—
leiht, welche nur dazu dienen, die Figuren zu beleben, ohne
ihre Umrisse zu verändern. Ich habe mich daher wohl gehütet,
einen Schauspieler im Flusse seines Dialogs zu unterbrechen,
um ihn ein langweiliges Ritornell anhören oder ihn in der
Mitte seiner Rede auf einem günstigen Vokale ruhen zu lassen,
sei es, um in einer langen Passage die Geläufigkeit seiner
schönen Stimme zu entwickeln, sei es, um zu warten, daß das
Orchester ihm die Zeit gebe, Atem zu holen, um eine Kadenz
zu machen. Auch habe ich nicht geglaubt, rasch über den
zweiten Teil einer Arie hingehen zu müssen, wenn dieser zweite
Teil der wichtigste war, um regelmäßig viermal die Worte
der Arie zu wiederholen, noch die Arie endigen zu dürfen,
wenn der Sinn nicht beendigt ist, um dem Sänger die Mög—
lichkeit zu geben, zu zeigen, daß er nach seinem Gutdünken
irgendeine Passage in mehreren Weisen variieren kann. End—
lich habe ich alle die Mißbräuche verbannen wollen, gegen
welche sich schon seit so langer Zeit der gesunde Verstand und

1Ich gebe im folgenden
Liszts, Werke 2, 3, 2, 139 -140.

den Text nach der schönen Übersetzung
        <pb n="362" />
        384

Zweiundzwanzigstes Buch.
der gute Geschmack aussprachen. — Ich habe mir vorgestellt,
daß die Ouvertüre die Zuhörer über den Charakter der Hand⸗
lung, die sich vor ihren Augen entwickeln soll, belehren und
ihnen das Sujet derselben angeben müßte; daß die Instrumente
nur in Anwendung gebracht werden müssen im Verhältnis
des Grades des Interesses und der Leidenschaft, und daß be—
sonders zu vermeiden wäre, im Dialog einen zu schroffen
UÜbergang zwischen der Arie und dem Rezitativ vorwalten zu
lassen, um nicht die Perioden ganz unverständig zu verstummeln
und störend die Bewegung und das Feuer der Szene zu unter⸗
brechen. — Ich habe auch noch geglaubt, daß der größte Teil
meiner Arbeit sich darauf beschränken müßte, eine schöne Ein⸗—
fachheit zu suchen, und ich habe es wohl vermieden, mit
Schwierigkeiten auf Kosten der Klarheit Parade zu machen;
ich habe keinen Wert auf die Entdeckung irgendeiner Neuerung
zelegt, wenn sie nicht natürlich, durch die Situation gegeben
and mit dem Ausdrucke verbunden war; endlich gibt es keine
Regel, welche ich nicht ohne Widerstreben zugunsten der Wirkung
opfern zu müssen geglaubt habe.“

So ist deutlich, was Gluck wollte. Vor allem kannte er
keinen völlig absoluten Ton mehr, und die Musik war ihm
alles andere als objektiver Selbstzweck. Er haßte die Gesangs⸗
formen der hergebrachten Oper, die Töne einer Musik, die
nur einschmeicheln wollte und die nur um ihrer selbst willen
und zu nichts als dem Ohrenschmaus der Zuhörer vorhanden
schien. Musik war ihm Ausdrucksmittel der Empfindung gleich
der Poesie; aber ein Ausdrucksmittel, das, wenngleich aufs
engste noch an die Dichtung angelehnt, doch über diese hinaus
und ihre Wirkung steigernd Wahrheit und Wirklichkeit im
schönsten Scheine wiedergeben sollte. Und dazu, dies hohe
Ziel zu erreichen, forderte er Reinheit der musikalischen Mittel
und künstlerische Keuschheit des Komponisten.

Es waren die primitiven Ziele der neuen subjektiven Kunst
überhaupt. Aber nicht mehr mit der feurigen Begeisterung
der Jünglingsjahre hat Gluck sie erfaßt. Bei weitem mehr
in weiser Kritik hat er sich ihnen genähert, als in unbewußt
        <pb n="363" />
        Bildende Kunst und Musik.

655
schöpferischer Empfindung, und darum hat er sie mehr auf
den äußeren Gegensatz zu dem ihm wohlbekannten Alten heraus—
zearbeitet, als innerlich ahnungsvoll erlebt. Es war eine so
merkwürdige Stellung eines großen Neuerers, wie sie selten
borgekommen ist. Und sie wurde noch stärker dadurch betont,
daß sich Gluck, wie schon bemerkt, wohl nicht ohne Einfluß
der Theorie von der Einfalt und stillen Größe des Altertums,
in dem Gebrauche der Kunstmittel die äußerste Beschränkung
auferlegte. Schon in seinen Liedern ist das der Fall, höchst
auffallend z. B. in den Kompositionen zu Klopstock, in denen
sich nichts von der sentimentalen Kantilene findet, die man
nach dem Vorgange des Dichters vielleicht erwarten könnte.
Gewiß schließt dabei diese gewollte Beschränkung Wärme und
—DVDDD0
Mitteln weiß der Meister aufs innigste zu rühren. Aber dabei
bleibt doch bestehen, daß der ganze Reichtum der Tonmittel
gerade für die neue Auffassung der Musik noch nicht entdeckt
ist und damit auch die notwendigen technischen Voraussetzungen
der neuen Kunst nur erst primitiv zur Entfaltung gelangen: ja,
um neue Stimmungen zu charakterisieren, schließlich doch wieder
Mittel der alten Kunst, z. B. akkordische Füllung durch Ton—
leitern oder andere „Blüten“, in Anspruch genommen werden.
Unter diesen Umständen begreift sich auch von der technischen
Seite her, oder versteht es sich vielnehr als auch ein Ausdruck
der Primitivität, daß sich Gluck in der Wiedergabe der Emp⸗
findung noch ganz an das einzelne dichterische Wort gebunden
hält: zu schwer fällt es ihm noch oft, der Empfindung eines
zanzen Satzes in einheitlicher Kraft gerecht zu werden: es ist
in der Tat, wie er es geschildert hat: er tuscht die Poesie nur
aus, statt Empfindungsinhalte schon frei in Tönen von un—
erschöpflicher Selbständigkeit über ihr schweben zu lassen; er
bleibt in dem Bestreben befangen, wie er es wiederum selbst aus—
gedrückt hat, „mehr Maler und Dichter als Musiker zu sein“.

So gelang es ihm nicht, die alten Formen der italienischen
Oper schon innerlich vollends zu sprengen; nur von ferne sah
ex das Land der Zukunft. Aber wie unendlich weit reichte

Qamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 2. 42
        <pb n="364" />
        s56

Zweiundzwanzigstes Buch.
gleichwohl schon sein Blick, gemessen an dem Verständnis seiner
Umgebung und seines Volkes! Die Nation verstand seine Neue—
rungen nicht. Die „Alceste“ stieß in Wien auf Widerspruch;
von der norddeutschen Kritik wurde sie erbarmungslos zer—
zaust; und des Meisters höchste Offenbarungen, die „Iphigenie
in Aulis“, die „Armida“ und die „Iphigenie in Tauris“, haben
das Licht der Lampen in Paris erblickt (1774, 1777, 1779).

Was Gluck geplant und gesichtet hatte, hat Mozart un⸗
bewußt, mit der Selbstsicherheit des Genius, für die ober—
flächliche Betrachtung sogar ohne die Formen der italienischen
Oper zu sprengen, erreicht und vollendet.

Wolfgang Amadé Mozart ist am 27. Januar 1756 zu
Salzburg geboren worden. Seine Jugend war glücklich, denn
die Jahre des Wunderkindes wurden, trotz aller äußeren Zer—
streuung durch Kunstreisen (seit 1762), von dem Auge eines
gütig-strengen Vaters und dem Worte einer phantasiereichen
Mutter bewacht. Aber mit der frühen Verselbständigung — schon
mit vierzehn Jahren wurde Mozart erzbischöflich salzburgischer
Konzertmeister — begann das äußere Mißgeschick. Die Stellung
unter einem sittlich harten und ästhetisch verwahrlosten Herren
und seinen noch roheren Dienern wurde auf die Dauer un—
erträglich; spätere freie Jahre in Wien brachten die häßlichsten
Intrigen italienischer Neider. Aber der Genius ließ sich nicht
unterdrücken; und dem geplagten Herzen entquollen ohne Unter—
laß die süßesten Melodien, Zeugen innerer Freiheit. Fruh, 1791,
ist Mozart gestorben; in einer Armengrube wurde er bestattet,
da Mittel zu einem würdigeren Begängnis fehlten; vergebens
hat man später die sterblichen Reste gesucht.

Mozart, ewig bewegt, lebensfroh, jedem Eindrucke offen,
war der geborene Dramatiker; und so hat er sich schon überaus
früh, sobald es seine musikalische Erziehung zuließ, in drama—
tischen Formen bewegt. Diese Formen waren dabei anfangs
natürlich die italienischen. In Italien war mit Alessandro
Scarlatti, dem Haupte und Begründer der meapolitanischen
Opernschule, um etwa 1700 ein gewisser Abschluß der Opern⸗
form erreicht worden. Die mehrstimmigen AÄußerungen der
        <pb n="365" />
        Bildende Kunst und Musik.

657
Ensembles erschienen seitdem zurückgedrängt; ganz in den Vorder—
grund war die Monodie getreten, sei es als Rezitativ, soweit
es sich um die Wiedergabe rasch fortschreitender Gefühls—
momente handelte, sei es in der Arie, dem Kantabile, soweit
diese Gefühle mehr zuständlich auftraten. Scarlatti hatte
dabei diese monodischen Formen so reguliert, daß er das
Kantabile zur dreiteiligen Da-capo-Arie ausgestaltete und dem
Rezitativ zwei Formen zuwies, die des Seccorezitativs, der
fortlaufenden Gesangesrede mit bloßer harmonischer Unter—
lage des Orchesters oder Cembalos, und die des Recitativo
accompagnato, mit der Unterbrechung instrumentaler Zwischen⸗
spiele. Seitdem waren die Formen der italienischen Oper im
ganzen fest geblieben, wenn auch Piccini, dessen Schule den
Aufführungen Gluckscher Opern in Paris aufs ärgerlichste
entgegentrat, die Arie in der Rondoform ausgestaltet und das
Finale stärker durchgebildet hatte.

In diese festen Formen also wuchs der jugendliche Mozart
hinein. Und er hat sie auch, darin konservativer fast als
Gluck, äußerlich zeit seines Lebens nicht eigentlich gesprengt;
nur daß sich in späterer Zeit auch noch französische Einflüsse
aus der Oper namentlich Rameaus in der stärkeren Betonung
der Chöre wie in einigen anderen Dingen bemerklich machten.
Und so wäre, in Anbetracht der bloßen Form, Mozart bis
zu einem gewissen Grade wohl ebensosehr als ein italienischer
oͤder auch französischer, als ein deutscher Meister anzusprechen;
und sicherlich hat dieses äußere Festhalten und Verbinden fremder
Formen viel zu jener frühen internationalen Verbreitung seiner
Opernmusik beigetragen, mit der der Triumphzug der deutschen
dramatischen Musik durch die Welt begann.

Aber wie erscheinen nun diese alten Schläuche in all den
reifen Opern des Meisters, die bis heute fortleben, mit neuem,
brausendem Inhalte gefüllt! Und dieser Inhalt ist deutsch,
und er ist es, der der Muse Mozarts ihre geschichtliche Stellung
anweist.

Die erste Oper, die Mozart auf neuen Wegen zeigte, war
der „Idomeneo“ vom Jahre 1781. Zwar ist die Form hier

49 *
        <pb n="366" />
        858

Zweiundzwanzigstes Buch.
der Hauptsache nach noch ganz italienisch; nur daß in der
Arie sogar schon die Form der Da-capo-Arie gelockert erscheint
und in den Ensemblesätzen nicht mehr der absolute Ton über—
wiegt, sondern die Personen aus ihrem Charakter heraus
singen: was denn alsbald eine Abschattierung der musikalischen
Mittel von früher ungehörter Schärfe bedingte. Es war eine
Richtung hinein in das Intensivieren und Subjektivieren der
Stimmung, die sich auch in der Instrumentation zeigt; weit
mehr als bisher spielte das Orchester eine Rolle und begann
schon mit den menschlichen Stimmen der Tendenz nach zu
einem einzigen Ausdrucksmittel zusammenzuwachsen.

Einen wesentlichen Fortschritt bedeutete dem „Idomeneo“
gegenüber die „Entführung aus dem Serail“ (Belmonte und
Konstanze) vom Jahre 1782 zunächst nur insofern, als hier
der Stoff eine Anknüpfung an die jüngste, so reiche Ent—
wicklung des Singspieles erlaubte; dabei wurde zugleich der
Charakter des Singspieles in so hohem Grade veredelt, daß
der Typ der komischen Oper erreicht schien.

Als die mittlere Gruppe der Meisteropern wird man den
„Figaro“ von 1786, den „Don Juan“ von 1788 und „Cosi
san tutte“ von 1790 bezeichnen können. In ihnen vor allem
entfaltete sich der ganze dramatische Schönheitssinn, die volle
ind doch hurtige Kantabilität des Meisters: überaus berückend
besonders in „Cos fan tutte“, einer Oper, in der der Zauber
der Musik den häßlichen und albernen, übrigens Mozart auf—
gedrungenen Stoff vergessen läßt. Als Ganzes aber charakteri—
jieren namentlich „Figaro“ und „Don Juan“ diese Periode:
mit ihrer vollen musikalischen Individualisierung der Personen,
die um vieles über Glucks bloße Typisierung hinausgeht, mit
ihrer glänzenden, teilweise französischem Einflusse verdankten
Erweiterung der Ensembles und mit ihrem leisen Zuge des
Instrumentalen schon hin zum symphonischen Gebilde, wie er
z. B. in dem Finale des ersten Aktes des „Don Juan“ mächtig
hervorbraust. Und „Don Juan“ am besten zeigt, welches der
Erfolg dieser inhaltlichen Umbildung der alten Formen schon
war und immer mehr sein mußte: die Empfindung in jedem
        <pb n="367" />
        Bildende Kunst und Musik.

—
Sinne wurde bewältigt; nicht mehr erfreuen bloß oder gar
bloß unterhalten will jetzt die Musik, innerlich in den ver—
schiedensten Schattierungen ergreifen soll sie, und kein Zug
des Menschlichen, auch auf des Lebens Schattenseite, soll ihr
fern sein. So erwuchs aus der italienischen Opera die musika—
lische Tragödie, und der Spruch, der das Motto der Leipziger
Gewandhauskonzerte bildet: res severa verum gaudium: wurde
zur Wahrheit.

Den Gipfel aber aller Opern Mozarts, zugleich seinen
dramatischen Schwanengesang, bildet die „Zauberflöte“ (1791).
Das Libretto der Oper, deren Entstehung im einzelnen eine
der wunderlichsten Episoden der deutschen Musikgeschichte bildet,
mutet auf den ersten Augenblick wenigstens den Menschen der
Gegenwart fast mehr als sonderbar an; zudem ist es mit echt
wienerischer Unbesorgtheit gearbeitet und leidet an klaffenden
Widersprüchen, die sich nur zum Teile daraus erklären, daß
für den Anfang Liebeskinds Märchen „Lulu“, für die Fort—
setzung dagegen Terrassons Roman „Die Geschichte des
ägyptischen Prinzen Sethos“ zur Feststellung des Textes be—
autzt wurden. Sieht man indes über tausend mehr äußer—
liche Ungeschicktheiten hinweg, so erscheint der Stoff doch als
musikalisch höchst dankbar; und mehr: man kann sagen, daß
er auch wichtige Strömungen der Zeit seiner Entstehung naiv
zu Worte kommen läßt; ja es ist begreiflich, daß Goethe im
Verfolg seiner langjährigen vergeblichen Bemühungen um eine
deutsche Spieloper die „Zauberflöte“ fortsetzte.

Den Inhalt bildet im Grunde eine Apotheose der Auf—⸗
klärung, jener um 1790 immer noch weit verbreiteten seelischen
Haltung der Nation. Die weite Welt der Menschen wird
umgeben gedacht von zwei Idealwelten: der Götterwelt einer
gereinigten Vernunftreligion, wie sie dem Freimaurertum der
Zeit in der Isis und dem Osiris des alten Agyptens ver—
körpert erscheinen konnte, und einer Idealwelt der Gestalten
des alten mythologischen Aberglaubens, dem Reiche der Königin
der Nacht. Diese beiden Welten haben nun Anteil am Menschen—
reiche; die mythologische Welt beherrscht die Menschen sinn—
        <pb n="368" />
        3800

Zweiundzwanzigstes Buch.
licher Triebe, als deren Typus Papageno erscheint; die Welt
der Vernunftreligion die Weisen dieser Erde, wie sie sich um
Sarastro als Typus gesammelt haben. Aber die Welt der
Vernunft schreitet vorwärts; und wir sehen, wie sie das Reich
der Mythologie besiegt und stürzt, indem sie in Pamina, der
Tochter der Königin der Nacht, eine Braut heranzieht, die
eines künftigen Vernunftherrschers unter den Menschen würdig
sein wird, und in Tamino, dem Prinzen eines menschlichen
Furstenhauses, einen solchen Vernunftherrscher findet: worauf
beide, Tamino und Pamina, durch allerlei läuternde und
stählende Gefahren hindurch zusammengeführt werden, auf daß
sie ein weises und tugendsames Herrscherpaar seien des auf⸗
zuklärenden Erdballs. Ja selbst Papageno wird von diesen
Fortschritten der Vernunftreligion und der rationalen Tugend
wenn auch weniger eingenommen als betroffen: seine un—
geordneten Triebe werden zärtlicher und sanfter im Hinblicke
auf die Ehe mit einer gleichgesinnten Genossin und die aus
dieser zu erhoffenden lieben „Kinderlein“.

Ein solcher Triumphgesang der siegenden Vernunft wäre
für eine Oper an sich wenig brauchbar gewesen, hätte nicht
der Librettist, der in vieler Hinsicht doch wohl Schikaneder ge⸗
wesen ist, durch tausend Mittel für liebenswürdige Erregung
und sich überbietende theatralische Effekte gesorgt. Ist er
sicherlich kein Dichter im hohen Stil gewesen, so war er doch
zewiß ein geschickter, auch poetischen Verständnisses nicht barer
Handlungs- und Verwandlungskunstler. Mozart aber wurde
es so noch am Schlusse seines Lebens gegeben, mächtigste Zeit—
zedanken mit dem Gewande einer unsterblichen Musik zu um—
kleiden. Keine Handhabe bald ernster bald heiterer musikalischer
Ausprägung entging ihm dabei; stimmungsvolle Abwechslung
täuscht über alle Mängel des Textes hinweg; die musikalische
Charakteristik der Personen, soweit sie folgerichtiger gezeichnet
sind, gelingt trefflich; Papageno und Papagena, Sarastro
und Tamino, allenfalls auch noch die Königin der Nacht
leben; und wo der Text keinerlei charakteristische Durchbildung
gestattet, da tritt, wie bei den drei Damen und ven drei
        <pb n="369" />
        Sildende Kunst und Musik.

661
Genien, der reine musikalische Wohllaut entzückend hervor und
beugt alle Bedenken. Und wie durchaus deutsch ist nun auch
äußerlich diese Oper! Zum ersten Male ist die Deklamation
eines deutschen Textes auch deutsch empfunden, und da, wo
der begeisterte Freimaurer Mozart für die Priester des Reichs
Sarastros Töne religiöser Weihe sucht, da hallt wohl die
Weise des alten Chorals „Ach Gott im Himmel sieh darein“
bon der Bühne herab, und kontrapunktisch gesetzte Stimmen
in der Art des großen Bach umspielen ihr Gefüge. Nach der
weltlichen Seite hin aber welche Fülle des Volkstümlichen!
Neben dem schwermütig-strengen Liede „In diesen heil'gen Hallen“
tehen die losen Melodien Papagenos — bis sie im Vorgefühl
der Elternfreude mit seiner Papagena in die Ausgelassenheit
ilbenmäßigen Plapperns übergehen.

In der Tat: Mozart hat nie so rein, so ungegängelt
durch letzte Reste fremder Tradition, so liebenswürdig und so
hegeistert, so ganz deutsch in Tönen gesprochen; und nicht
umsonst ist die „Zauberflöte“ eine der Lieblingsopern unseres
Volkes geworden, während die Romanen sie weniger verstehen
aund schätzen.

Freilich: eine zeitliche Umgrenzung hat auch dieses letzte
und größeste Werk des Meisters. Für eine ganze große
Stimmungsgruppe hat es, vergleichen wir es etwa mit Webers
„Oberon“, einen spezifischen Ton noch nicht geschaffen: für
die der Wesen, die sich um die Königin der Nacht gruppieren,
und bis zu einem gewissen Grade auch für diese selbst. Wie
würde Weber, wie am Ende jeder Romantiker die musikalischen
Flemente dieser Gruppe entwickelt haben! Hier die noch in
der italienischen Arie steckende, Koloraturen singende Königin
der Nacht, mit ihren „Damen“ und Genien, so sehr sich schon
Keime romantisch-dämonischer Musik finden, dort Oberon, der
schmachtende, in den Tönen des voll entwickelten deutschen
Liedes sich ergehende Herrscher des duftig-verklärten Elfen—
reiches: welcher Gegensatz zwischen einem noch rokokomäßig
gebundenen Klassizismus und der Romantik! Und bedeutet
der Gegensatz nicht zugleich auch einen Gegensatz in der In—
        <pb n="370" />
        362

Zweiundzwanzigstes Buch.
tensität der Charakteristik überhaupt? Würde es Mozart, dem
Rafael der Musik, möglich gewesen sein, die verinnerlichten
Charakterschattierungen Webers zu geben, der sich zu ihm etwa
stellt, wie zu Rafael Correggio?

Webers „Freischütz“ ist genau dreißig Jahre nach Mozarts
Zauberflöte“ auf die Bühne gekommen; zwischen beiden aber
zeitlich ziemlich genau in der Mitte liegt Beethovens „Fidelio“.

Indes auch ohne Heranziehung der späteren Entwicklung,
rein und allein aus seinen Werken heraus ist Mozarts Stellung
in der Entwicklung der Oper sehr wohl zu beschreiben. Denn
Mozart sang keineswegs bloß, wie der Vogel singt, der in den
Zweigen wohnet; er war vielmehr, wie seine Briefe beweisen,
ein in hohem Grade denkender Künstler. Von diesem Stand—
punkte aus aber wäre zunächst generell zu sagen, daß Mozart
die klassische deutsche Oper schuf, indem er, nach unbewußter
Analogie zu der in der Entwicklung der klassizistischen Dichtung
vorliegenden Kombination von fortschreitenden und geschichtlich
gegebenen Tendenzen, Charaktere wie Situationen bei allem
Festhalten noch an den alten Formen der individualistischen
Oper wie allem Sicheinschließen in gewisse, namentlich in
einem besonderen Rhythmus gegebene Schranken des Rokokos
voll in den Subjektivismus der musikalischen Empfindung
tauchte. Von da aus empfängt bei ihm schon jede Nummer
der Opern ihre eigene Tonart, ihre eigene Instrumentation,
ihren eigenartigen Rhythmus und ihre eigentümliche melodische
und harmonische Behandlung. Und sieht man vom Einzelnen
aufs Ganze, so zeigt sich die Wirkung darin, daß die Musik
nicht mehr bloß, wie bei Gluck, zur Erhöhung des seelischen
Ausdruckes der Handlung dient, sondern vielmehr das dramatische
Gebilde von innen heraus zu beleben beginnt. Dadurch ent—
steht denn, vornehmlich unter dem Einflusse bisher unerhörter
symphonischer Wirkungen des Orchesters, eine wirkliche Einheit
des Ganzen: die Oper ist nicht mehr ein in Musik gesetztes
Drama, sondern ein in sich unauftrennbares musikalisch—
dramatisches Kunstwerk. Es ist der Zusammenhang, von dem
aus die italienische Oper innerlich überwunden wird: und es
        <pb n="371" />
        Bildende Kunst und Musik.

sss
entsteht diejenige Kunstform, die seitdem als deutsche Oper fort—
gelebt hat, und als deren vollkommen ebenbürtige, ja schon
höher stehende Erscheinung auf etwa gleichem Entwicklungs-—
niveau Beethovens „Fidelio“ zu verzeichnen wäre.

5. Die Entwicklung des musikalischen Dramas, mag es
komischen oder ernsten Inhalts sein, wird bis zu einem ge—
wissen Grade immer zugleich die Entwicklung der musikalischen
Werte der menschlichen Stimme bleiben. Und sie war es noch
in besonders hohem Maße in der frühsubjektivistischen Periode,
in einer Zeit, die aus der Vergangenheit her noch nicht eine
stark und mannigfach entfaltete Instrumentalmusik ins Feld
zu stellen vermochte.

Allein inzwischen war für das erweiterte Gebiet musikalischer
Empfindungen, das jetzt immer mehr über das Reich des nur
Musikalisch-Formschönen in die unendlichen Fernen der per—
sönlichen Stimmung hinein verlief, auch die Instrumentalmusik
zu schattierungsreicher Ausdrucksfähigkeit entwickelt worden.
Und es zeigte sich, daß sie unter den neuen seelischen Ver—
hältnissen schließlich noch reicher fast an Wirkungen sein konnte
als selbst die menschliche Stimme.

Schon die Instrumentalmusik des 17. Jahrhunderts hatte
sich das Gebiet eines rein musikalisch-kunstmäßigen Auswirkens
erobert; und ihre Poesie ist darum diejenige, die sich aus dem
reinen Wohlgefallen an Tönen und kunstgerechten Verbindungen
dieser ergibt. Wohlklang also und Einheit objektiven Selbst⸗
auslebens der Töne noch ohne wesentliche Beeinflussung durch
die künstlerische Persönlichkeit: dementsprechend ein polyphoner
gebundener Stil, der seine Gesetze, die einer objektiven Musik,
in sich selber trägt: das war das Exreichte und Regelmäßige;
und nur solche musikalische Formen, die als der Phantasie
ganz besonders geweiht bekannt und anerkannt waren, wie die
Toccata oder das Präludium, überschritten diese Grenze.

Jetzt dagegen, in dem neuen Zeitalter des Subjektivismus,
begann die Instrumentalmusik sich in viel weiterem Ausleben
zu entfalten. Die Themata wurden nach dem Empfindungs—
        <pb n="372" />
        364

Zweiundzwanzigstes Buch.
gehalte ausgestaltet, ihre Modifikationen und Kontraste schufen
sich musikalisch freiere Bahn; im Zusammenhange damit zer—⸗
brach die alte gebundene Form; und kräftig traten Homophonie
und Harmonisierung an Stelle des polyphonen Baues. Damit
wurde die Einheit des musikalischen Kunstwerks immer mehr
nicht in seiner Struktur, sondern in seinem Empfindungsgehalt
gesucht: dessen Charakter, Werden, Umschlagen, Vergehen,
überhaupt Entfaltungsweg darzustellen, wird Aufgabe des
Komponisten. Musik heißt jetzt musikalisch reproduziertes
lebendiges Gefühl, heißt Wiedergabe eines folgerichtig ent—
wickelten musikalischen Erlebnisses, das ahnungsreich von neuem
zu erleben der Hörer veranlaßt werden soll. Nicht als Aus—
druck musikalischen Gemeingefühls, wie die alte Musik der
Volkslieder und Choräle, sondern als Ausdruck subjektiver
musikalischer Empfindung beginnt also die neue Instrumental—
musik emporzuleben.

Doch geschieht das anfangs noch nicht in vollkommenster
Freiheit. Vielmehr schafft sich die neue Musik, noch immer
zugleich auch als Mittel zur Hervorrufung reiner, gleichsam
physikalischer Freude an den Tönen gefaßt, zunächst und sehr
mannigfaltig Formen, die vor allem dieser Auffassung noch
entsprechen. Und das Neue spricht sich einstweilen nur darin
aus, daß diese Formen die des empfindungsvollen Auf und
Ab, des assoziativen Wechsels menschlicher Stimmungen werden.
Aus diesem Zusammenhange her wird die zyklische Form der vier
Sätze entwickelt, wie sie der klassischen Sonate und Symphonie,
dem Trio und dem Quuartett in gleicher Weise eigen ist;
Hebung und Senkung, Anspannung und Beruhigung, Einheit
und Gegensatz sollen in ihr auf Grund großer, meist schon
im Beginn angeschlagener musikalischer Motive wechseln. So
folgt wohl einem leidenschaftlich erregten Satze ein Scherzo,
das durch heiteren Humor und anmutigen Frohsinn die Seele
entlastet, und diesem ein Adagio, das milde, sanfte Stimmung
hervorruft: bis in einem imposanten Finale alles, was den
Hörer in Schmerz und Freude bewegt hat, noch einmal be—
ruhigend zusammen- und abgeschlossen wird.
        <pb n="373" />
        Bildende Kunst und Musik.

665
Aber auch selbst diese freiere und ihren tiefsten Gesetzen
nach gleichwohl noch immer bindende Form des zpyklischen
Instrumentalsatzes hat sich nicht auf einmal entwickelt. Viel—
mehr ist sie, im wesentlichen den Elementarvorgängen unseres
einfachsten assoziativen und affektiven Lebens nachgebildet, erst
langsam im Verlaufe der geschichtlichen Erscheinungen, in denen
diese ins Bewußtsein gelangten, entsprechend also dem Ver—
laufe der sozial-psychischen Entwicklung von der Empfindsam—
keitsperiode bis zum Klassizismus, ins Leben getreten. Und
je mehr dies der Fall war, um so mehr hat sie der unendlich
reichen Entfaltung der Instrumentalmusik, vornehmlich von
Haydn bis Beethoven, zugrunde gelegen. Dabei entwickelte
sich schon allmählich in ihr latent, jedenfalls aber sie noch nicht
sprengend, ein weiterer höchst folgenreicher Subjektivismus der
einzelnen Tondichter im wandlungsvollsten Um- und Aus—
biegen der zunächst scharf und fest entwickelten Klammern und
Bänder der neuen Formen; wie bei Wunderpflanzen schießen
aus den ursprünglich einfachen musikalischen Gebilden der vier—
geteilten Zyklen immer launischer, rascher, fruchtbarer neue
Blätter und Blüten hervor: bis die Form, aber endgültig erst
in einer neuen Zeit, der Zeit nach Beethoven, in der Periode
der modernen Symphonie, und auch da noch nicht völlig, ge—
sprengt wird.

Will man die Entwicklung dieses quellenden Lebens im
einzelnen verfolgen, so bedarf es indes vorher noch einer Ver—
ständigung über die Leistungsfähigkeit und den Gebrauch der
Instrumente, die etwa der Mitte des 18. Jahrhunderts und
den folgenden Menschenaltern zur Verfügung standen. Denn
eben durch den Charakter dieser Instrumente war der Verlauf
der ganzen Bewegung vielfach im einzelnen umschrieben.

Die Kunstmusik, soweit sie Instrumentalmusik war, ist in
ihrer technischen Entwicklung ursprünglich nicht so sehr durch
die einzelnen Instrumente begrenzt worden, wie durch das
Generalinstrument des früheren Mittelalters und noch des
15. bis 18. Jahrhunderts, die Orgel. Denn sie hatte die am
meisten mechanische Spieltechnik; sie allein gehörte uursprünglich
        <pb n="374" />
        ß66

Zweiundzwanzigstes Buch.
der Kirchenmusik, und das heißt der künstlerischen Instrumental—
musik höchsten Charakters an; und sie allein verbürgte auch
eine gewisse durchschnittliche Reinheit des Tones. Daraus er—
klärt sich, daß die Einzelinstrumente, als sie schließlich zu einem
Orchester für Kunstmusik zusammengestellt wurden, zunächst
eine Behandlung einfach nach Analogie der Orgel erfuhren.
Wie die Orgel ihre Register hatte, so erhielt das Orchester
seine Spiele, deren jedes aus einer Anzahl gleicher Instrumente
zusammengesetzt war, so daß z. B. neben vier Streichern vier
Bläser standen usp. Und mit diesen Spielen als den vor—
handenen technischen Einheiten operierte nun der Orchesterleiter
ähnlich wie der Orgelspieler mit den Registerzügen; und dem
vaßte sich natürlich auch der Komponist an: noch Händel und
Johann Sebastian Bach haben in dieser Weise instrumentiert.
Dabei gab diese gleichsam choristische Behandlung den In—
strumenten natürlich noch nicht die Freiheit individueller Be—
tätigung; nicht eigentlich in dem, was wir Konzert nennen,
nicht in dem individuellen Austausche ihrer besonderen Eigen—
schaften, in der Ausnutzung ihres besonderen Empfindungs—
wertes verkehrten sie miteinander.

Diese gebundene Form wurde nun, einmal infolge der
besseren technischen Herstellung der Instrumente, die ihre Ver—
selbständigung gestattete, vor allem aber doch aus dem Be—
dürfnisse nach einer schattierungsreicheren und mannigfaltigeren
Instrumentalmusik, gesprengt. Und es läßt sich in diesem
Falle genau angeben, wer der eigentlich wirkungsvolle Neuerer
war: Haydn. Haydn, kein in der alten strengen Schule der
Polyphoniker und Generalbaßleute groß gewordener Musiker,
ein Wildling gleichsam, der nach eigener Neigung grünte und
schoß, hat die starre Orgelbindung des Orchesters gelöst und
das Orchester zum ersten Male zu einer freieren Gesellschaft
individueller Instrumente umgebildet. Kern und Grundlage
des Tonkörpers war fortan das Streichquintett (erste und
zweite Geige, Bratsche, Cello, Baß). Die Streicher machten
also einen Chor (Spiel) aus, wie früher die einzelnen In⸗
strumentalgruppen des alten Orchesters; aber sie waren jetzt
        <pb n="375" />
        Bildende Kunst und Musik. 667
der einzige vollständige Chor. Alle übrigen Instrumente (Holz⸗
und Blechbläser, Schlagwerk) wurden diesem Streicherchore
solistisch beigefügt, und zwar waren von den früheren in allen
Stimmlagen vertretenen Bläsern auch nur einzelne übrig ge—
blieben. Ihre Instrumente wurden meistens nur doppelt be—
setzt; d. h. zum Streicherchor traten zwei Flöten, zwei Oboen,
zwei Klarinetten, zwei Fagotte, zwei Hörner, zwei Trompeten,
ein Paar Pauken. Das war das sogenannte kleine Orchester.
Wurde es noch um zwei weitere Hörner, drei Posaunen und
unter Umständen noch um Pickelflöte, Triangel, Becken und
zroße Trommel vermehrt, so entstand das große Orchester:
das Orchester der Klassiker und auch noch der Symphoniker
des 19. Jahrhunderts unmittelbar nach Beethoven!.

Indem sich aber so das Orchester, bisher gleichsam nur
zine zwar starke, aber an Nuancen arme Farbenfkala, in eine
unendlich reiche, unzähliger Schattierungen fähige Palette ver—
wandelte, trat daneben zugleich, sozusagen ein kleines Orchester
für sich, das Klavier.

Das Orchester als Kunstwerkzeug hatte, wenigstens in der
kirchlichen Musik, vielfach ebensowenig allein gestanden als
die Stimme: es war auf die Orgel fundamentiert worden;
diese hatte sozusagen den Kanevas, den Grundton abgegeben,
auf dem sich die orchestralen Töne erhoben, in den sie ihr
Muster, die Melodie, einstickten. Dann waren hierfür an
Stelle der Orgel bei weltlicher Musik das Cembalo und das
Spinett getreten, und von ihnen hatte schließlich das Klavi—
zymbel gesiegt, ein Instrument, dessen Saiten mechanisch durch
Rabenfederkiele gerissen wurden. Trat damit für die Fort—
entwicklung der Musik insofern, als sie mit dem neuen Zeit⸗
alter wesentlich weltliche Musik wurde, zugleich die Orgel
zurück — ein Moment, das es z. B. erklärt, wie Johann
Sebastian Bach auf längere Zeit so gut wie in Vergessenheit
geraten konnte —, so verbesserte sich anderseits das Klavizymbel
zum Klaviere. Es war eine zunächst rein mechanische Ver—

Merian, Gesch. der Musik S. 236-37.
        <pb n="376" />
        668

Zweiundzwanzigstes Buch.
änderung: an die Stelle der Rabenfederkiele traten kleine,
anfangs mit Leder, dann mit Filz überzogene Hämmerchen
(woher auch der Name Hammerklapier), mit denen die Saiten
nicht gerissen, sondern geschlagen wurden. Diese Hammer—
mechanik war 1711 von Christofori in Toskana und 1717 von
Schröter in Sachsen erfunden worden; 1728 fertigte der
Orgelbauer Gottfried Silbermann in Deutschland die ersten
Hammerklaviere; und in den siebziger Jahren des 18. Jahr—⸗
hunderts etwa verdrängte das neue Klavier die älteren Formen
und erhielt 1823 durch Sébastien Erard in dem double
échappement (der Repetitionsmechanik) seine letzte große Ver—
besserung. In der Zeit des Emporkommens der subjektivistischen
Musik und in deren erster großer Periode bis zu Beethovens
Tod begann also das Hammerklavier älterer Art ein technisch
vollkommener entwickeltes Instrument zu werden. Was be—
deutete das nun psychisch? Das Hammerklavier hat auch den
bezeichnenden Namen Fortepiano erhalten: es war das erste
Saiten-Tasten-Instrument, in welchem man durch stärkeren
oder schwächeren, härteren oder weicheren Anschlag den Ton
genauer forte und pianod nehmen, und damit ausreichend
nuancieren konnte. Und das war um so wichtiger, als gleich—
zeitig der Ton voller wurde und auch die Mittel zur Dämpfung
und damit wiederum auch zu klarem Spiele beträchlich ver—
stärkt erschienen. Und selbst damit noch nicht genug. Auch der
Rhythmus wurde freier. Denn es liegt auf der Hand, daß
jedem Rhythmus ohne dynamische Akzente, z. B. noch dem
Orgelrhythmus gegenüber dem Klavierrhythmus etwas Schwer⸗
fälliges anhaftet. Das ging nun verloren: mit dem Tone wurde
auch der Rhythmus ausdrucksvoller, mannigfaltiger, lebendiger:
und eine Sicherheit und Fülle musikalischer Bewegungsfreiheit
wurde erreicht, die bis dahin, auf jederlei Instrument wie selbst
in der menschlichen Stimme, unerhört war.

Die Folgen waren beträchtlich. Zunächst war das Klavier,
so vervollkommnet, jetzt nicht mehr als verhältnismäßig un⸗
belebte Basis gleichsam des Orchesters haltbar; das Orchester
emanzipierte sich, ging seine eigenen Wege und verlor den
        <pb n="377" />
        Bildende Kunst und Musik. 669
Generalbaß. Weiterhin aber wurde das Klavier jetzt in seiner
Tonfülle und Tonmannigfaltigkeit, wie schon gesagt, gleichsam
selbst zu einem kleinen Orchester: es begann sich zum Instrumental—
orchester etwa wie die Radierung zum Ölgemälde zu verhalten,
es schilderte nur in zwei Farben, stufte diese aber aufs reichste ab.
Dabei kann der Vergleich mit der zweidimensionalen bildenden
Kunst noch weiter ausgedehnt werden: wie die Radierung zur
Reproduktion von farbigen Gemälden zu dienen vermag, so ist
das Klavier imstande, ein Orchester gleichsam im Auszuge, ein
wenig reduziert, etwas abstrakt, aber doch an sich ziemlich voll—
kommen zu vertreten. Unter diesen Umständen ist es denn klar,
daß man das Klavier auch selbständig, in Originalkompositionen,
gleichsam als Orchester behandeln kann: und nachdem der ältere
Klavierstil vielfach nur ein Analogiestil zur Behandlung des
wichtigsten Tasteninstrumentes, der Orgel, gewesen war, wurde
der neuere nun in vieler Hinsicht zum Orchesterstil schon der
klassischen Zeit, insbesondere unter der Einwirkung Beethovens.
Aber das Klavier kann auch seinen eigenen Stil entwickeln, und
vor allem in der Richtung auf große Beweglichkeit der Töne ist
das schon früh geschehen: und dann kann, bei dem besonderen
Verhältnis zum Orchester, dieser Stil wiederum auf die Be—
handlung des Orchesters zurückwirken.

Man sieht: ein unendlicher Reichtum selbst grundsätzlich
stark voneinander verschiedener neuer Möglichkeiten war mit
der technischen Entwicklung des Klaviers gegeben. In einem
aber trifft all dieser Reichtum zusammen: in dem Punkte, daß
durch diese Entwicklung das Bedürfnis nach höherer und um—
fänglicherer Ausdrucksfähigkeit im höchsten Grade befriedigt
wurde. Dies ist aber das Moment, auf das sich auch alle
Fortentwicklungsformen des Orchesters beziehen ließen, so
verschieden sie im übrigen technisch von dem Gange der Ver—
besserung des Klaviers waren: und so beweist dieser ver—
schiedenartige Verlauf der Entwicklung des Klaviers und des
Orchesters mit dem Ergebnisse dennoch gleicher Zielpunkte —
wenn dies noch bewiesen werden muß —, daß nicht das tech—
nische Motiv der Verbesserung an sich das entwicklungs—
        <pb n="378" />
        570

Zweiundzwanzigstes Buch.
geschichtlich Entscheidende war, sondern das psychische Be—
dürfnis nach Differenzierung des musikalischen Ausdrucks im
weitesten Sinne und damit auch der Werkzeuge, die diesem
Ausdrucke dienten.

Indem aber auf diese Weise doch zunächst äußerlich und
von technischer Seite her Bahn gebrochen wurde, begann das
erste große Zeitalter der deutschen subiektivistischen Klavier- und
Orchestermusik.

Das Klavier war dabei, im ganzen betrachtet, früher am
Platze: begreiflich genug: um wie viel leichter ist es zu hand—
haben. Dieser Zusammenhang erhellt schon aus der Tatsache,
daß eine der einfachsten Formen der viersätzigen Zyklen, die
Sonate im klassischen Sinne des Wortes, vornehmlich auf
dem Klavier zur Durchbildung gelangt ist. Dabei trat für
den Geschmack des Publikums die Sonate vor allem an die
Stelle der Orgelfuge. Hatte sich aber in der Fuge noch alles
in gediegener Gebundenheit aus einem einzigen Thema ent—
wickelt, so erbluhte nun die Sonate, ganz anderer dramatischer
Belebung fähig, aus dem viel empfindungsreicheren Kontraste
zweier Themen: bis zuletzt das Ganze, zur ursprünglichen
Fassung des ersten Themas zurückkehrend, beruhigt, versöhnt,
in geläuterter Steigerung ausklang.

Der größere Reichtum an Themen und damit zugleich
eine mehr gelockerte Form überhaupt bezeichnete damit den
Anfang zur Differenzierung der subjektivistischen Musik. Aber
es kam ein weiteres hinzu, um die Empfindungsfähigkeit gleich—
sam der Sonatenform und der Klaviermusik noch zu stärken.
Die ältere deutsche Klaviermusik noch des individualistischen
Zeitalters, wie sie etwa durch Buxtehudes Klaviersuite oder
Kuhnaus Sonaten (um 1700) charakterisiert wird, hatte im
Grunde den Orgelstil auf das Klavier übertragen und erging
sich daher, zur Füllung der gegenüber der Tonstärke der Orgel
an sich noch dünnen Musik des Klaviers in entschiedenerem Lauf—
werk und in Figurationen, die im Grunde nur eine äußerliche
Ornamentation des alten gebundenen polyphonen Stiles be—
deuteten. Es ist wie wenn die Baumeister des deutschen Über—
        <pb n="379" />
        Bildende Kunst und Musik. 671
gangsstiles im 12. und 13. Jahrhundert den romanischen Stil im
Grunde beibehielten, wenn sie ihn auch durch tausend eigentlich
ornamentale Einfälle, andere Fenster- und Friesformen u. dgl.
ins Reichere hinein variierten. Demgegenüber waren nun die
Franzosen einen anderen Weg gegangen: genau wie sie neben
dem deutschen ornamentalen Übergangsstil des 12. und 18. Jahr⸗
hunderts in der Baukunst ein neues konstruktives Prinzip, das
der Gotik, entwickelt hatten, so hatten sie es auch jetzt schon
früh zu einer neuen strukturellen Bildung der Klaviermusik
gebracht, indem sie den polyphonen Stil durch einen homo⸗
phonen ersetzten. Der Übergang ist charakteristisch genug. Er
knüpft an die Lautenmusik an. In dieser war schon früh
gegenüber der Gleichberechtigung aller Stimmen im polyphonen
Stil, der, auf ein Instrument übertragen, dies gleichsam nur
als den Träger einer Genossenschaft gleich wichtiger, gegen⸗
einander exerzierender Töne erscheinen läßt, eine Stimme als
die Trägerin der Melodie hervorgehoben worden, und die
anderen hatten sich zu ihr als dienend, begleitend, nuancierend

in Verhältnis gesetzt. Dieser Stil wurde nun auf das Klavier
übertragen: eine Hauptstimme trug klar und einfach die Melodie
vor, die anderen gruppierten sich um sie in der bloßen Form
der Ausmalung und Ausschmückung, als Vouten, Cornichen,

Schnörkelchen im Stile etwa des architektonischen Rokokos. So

entstand ein erster wirklicher Klavierstil der Homophonie, der

sogenannte stile galant; und sein Hauptmeister war der

jüngere François Couperin (1668- 1733). Indem dies geschah,

entwickelte sich neben der thematischen Differenzierung zugleich

eine Stimmführung, die der stärksten Schattierung musikalischer
Empfindungen fähig war: die Grundelemente des subiekti—
vistischen Klavierspiels waren gefunden.

In Deutschland hat schon Johann Sebastian Bach, nament—
lich in seinen französischen Suiten, angefangen, dem neuen
Geiste zu huldigen wenn auch unter stärkster Beibehaltung
polyphonen Satzes. Zum Durchbruch aber haben dem neuen
freien Stile erst seine Söhne Wilhelm Friedemann, der hoch⸗
begabte, aber leider zügellose Hallesche Bach (1710 1784) und

Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 2. 43
        <pb n="380" />
        672

Zweiundzwanzigstes Buch.
vor allem Karl Philipp Emanuel, der Hamburger Bach (1714
bis 1788) verholfen. Insbesondere kann der Hamburger Bach
als der Vater der klassischen deutschen Sonate gelten; ein un⸗
mittelbarer, von den Meistern selbst dankbar bezeugter Weg
führte von ihm zu der Musik Haydns und Moözarts.
Was Philipp Emanuel charakterisiert, ist vor allem die
Tatsache, daß er die neue werdende Form, neben manchem
gelegentlichen Festhalten an polyphoner und thematischer Arbeit,
mit einem unbaͤndigen Subjektivismus der Empfindung erfüllte:
sein Ausspruch, „Mich deucht, die Musik müsse vornehmlich das
Herz rühren,“ kann als Losung seines Kunstlebens gelten; und
nicht selten gemahnt seine Klaviermusik an den Sturm und
Drang der Dichter. Gewiß war er dabei noch etwas leer
und dünn in der Instrumentation; wer moderne Vollgriffigkeit
bei ihm suchen wollte, würde schwer enttäuscht werden; und
auch die Erfindung gemahnt gelegentlich noch an die Plattheit
des Rationalismus: in dieser Hinsicht steht er Haydn bei
weitem näher als seinem stets bis auf den Grund schöpfenden
Vater. Nicht minder wirkt die Innehaltung eines minutiösen
Rhythmus und die Entfernung der Koloraturen als eines
spielerischen Elementes einigermaßen ernüchternd, da gleichzeitig
die singenden Partien noch nicht eigentlich an das Liedhafte
etwa Haydns heranreichen. Allein bei der mit alledem gegen—
über den Klassikern noch geringeren Differenzierung der Emp—
findung: welch sinnvolles Spiel, welches Auswirken in neuen
musikalischen Bildern, welche Freiheit im wechselnden Satze,
der alle Stufen vom Improvisatorischen bis zu strengster
archaischer Bindung durchläuft, und vor allem: welche Summe
von Kokettem, Kapriziösem, Bizarrem: kurz auf alle Fälle
Rührendem und Unterhaltendem! So ist der Hamburger Bach
zum Vater des subjektivistischen Klavierspiels geworden, des
Salonspiels eon amore, und nur darin zeigt er sich gegen—
über seinen nächsten Nachfolgern auf dem Klaviere als der
Frühere und damit zugleich als zeitlich bedingt, daß er noch
immer wieder Elemente des gebundenen Stiles durchbrechen
läßt und daß er, ein psychisch dissoziierter Charakter der
        <pb n="381" />
        Bildende Kunst und Musik.

F
Sturmes- und Drangeszeit, in Aphorismen empfindet statt in
der Art des vollen inneren Programms der Klassizisten: in
Aphorismen, die ihm zugleich der Wechsel alter und neuer
Stilformen ebenso erlaubte wie nahelegte.

Der erste wahrhaft klassische Vertreter der neuen Instru—
mentalmusik aber war Haydn; und bei ihm verlief der fort⸗
schreitende Weg der Entwicklung zugleich der Hauptsache nach
aus der Klavier- in die Orchestermusik; wir kennen ihn schon
als geradezu den Schöpfer des klassizistischen Orchesters. Franz
Joseph Haydn ist 1732 zu Rohrau, an der ungarischen Grenze
Niederösterreichs, in kleinen Verhältnissen geboren; seine Jugend
war äußerlich traurig und dennoch nicht freudenlos; in einer
Kapellmeisterstelle im Dienste des Fürsten Esterhazy hat der
fromme und zufriedene Meister dann seit 1761 ein bescheidenes
Glück gefunden, bis ein höheres Alter, seit den achtziger Jahren
des Jahrhunderts, Ehren und Würden die Fülle brachte. Im
—DD
Lebenslinie, noch im hohen Alter durch zunehmende Erfolge
zu so großen Werken, wie der „Schöpfung“ (1798) und den
„Jahreszeiten“ (1801) ermuntert, hat Haydn rüstig über die
Wende des alten Jahrhunderts hinausgelebt; erst 1809 ist er
gestorben.

Im Jahre 180 besuchte Tomaschek den Meister. Er fand
ihn im Sorgenstuhle sitzend. „Eine gepuderte, mit Seiten⸗
locken gezierte Perücke, ein weißes Halsband mit goldener
Schnalle, eine weiße, reichgestickte Weste von schwerem Seiden⸗—
stoff, dazwischen ein stattliches Jabot prangte, ein Staatskleid
von feinem kaffeebraunen Tuche, gestickte Manschetten, schwarz⸗
seidene Beinkleider, weißseidene Strümpfe, Schuhe mit großer,
über den Rist gebogener silberner Schnalle, und auf dem zur
Seite stehenden Tischchen neben dem Hute ein Paar weiß—
lederne Handschuhe, waren die Bestandteile seines Anzuges.“
Versetzt man dies Bild um einige Jahrzehnte zurück, in die
Zeit, da seine Einzelheiten der allgemeinen Mode entsprachen,
so enthüllt es ein gutes Teil, wenn auch mehr der äußerlichen
Seiten des Haydnschen Wesens. Im Sinne des guten Rokokos

42 *
        <pb n="382" />
        g7

Zweiundzwanzigstes Buch.
gesellschaftlich elegant, zierlich, geschmackvoll, dabei von feinster
Sauberkeit der Empfindung und des Handelns, das vor allem
ist die Musik des Meisters. Und so fehlt ihr auch der Froh—
sinn und die Heiterkeit, die sinnige Munterkeit und die hurtig
huschende Gemütsbewegung des Rokokos nicht: eben für diese
Eigenschaften hat er die vollendetsten, neckischsten, glänzendst
bewegten, Ausdrucksmittel gefunden. Aber daneben stehen doch
auch noch andere Züge. Sind sie in dem Distichon Lavaters
richtig bezeichnet:
Etwas mehr als Gemeines erblick ich im Aug' und der Nase,
Auch die Stirne ist gut, im Munde was vom Philister?

Gewiß: erscheint uns Haydn zopfig, so kommt das zunächst
auf Rechnung des allgemeinen Wesens seiner Zeit. Aber
daneben hatte er doch wirklich auch einige Züge des deutschen
Philisters, vor allem dessen Sentimentalität. Nirgends tritt
das deutlicher hervor als in seinen Liedern: hier ist die ein—
fache Munterkeit gelegentlich mit einem Übermaß von Gemüt,
wenn nicht Empfindsamkeit belastet.

Was aber dem Rokoko Haydns noch mehr entwicklungs⸗
geschichtlich eine Schattierung gibt, die über den Durchschnitt
hinausgeht, das ist das sogenannte Volksmäßige. Im Grunde
rrifft diese Bezeichnung freilich so wenig ganz zu, wie etwa
für gewisse Lieder Schubarts, Bürgers oder Lenzens, ja selbst
Goethes, so oft auch Haydn Melodien des sangesfesten Stammes
seiner Heimat und vor allem der Wiener Bevölkerung, ins—
besondere auch Tanzmelodien in seinen Schöpfungen verwendet
haben mag. Denn alle diese Melodien sind doch verändert;
und kann man auch nicht gut schon von einem persönlichen
Melos des Meisters sprechen, so sind sie doch geistreich in die
Empfindungslage einer höheren Gesellschaft hineingehoben. Zu—
treffender erscheint es, von der langgezogenen und dadurch volks⸗
mäßig erscheinenden Melodie Haydns zu sprechen. Der Unter—
schied ist, an den Bachs, Vater und Söhnen, gemessen, außer⸗
ordentlich: dort der melodiöse Fluß noch unterdrückt durch die
alte gebunden⸗-musikalische Erziehung oder durch die aphoristische
        <pb n="383" />
        Bildende Kunst und Musik.

ors
Anlage einer Übergangszeit zum Klassisch-Neuen, hier dieser
Fluß so ruhig, anhaltend und sangerfüllt, daß sich ihm der
Regel nach geradezu ein Text unterlegen ließe. Ein wichtiger
Punkt. Denn in diesem Zusammenhange zeigt sich, daß erst
jetzt die ÜUbergangszeit aus dem Individualismus zum Sub—
jektivismus mit ihrer Dissoziation des Alten und ihrer erst
versuchsweisen und rohen Erfassung des Neuen abgeschlossen ist:
eine neue musikalische Schönheit taucht aus der Flut der Töne
empor, und Haydn ist ihr erster heiter-frommer Priester.

Dabei fehlt freilich das sogenannte Volkstümliche nicht,
wie denn der fortschreitende Subjektivismus sich auf allen
Gebieten, weil dem Ganzen des seelischen Lebens zugewandt,
auch in sozialpsychische Tiefen senkt: und das Wienerisch⸗
Osterreichische tönt aus tausend Melodien vornehmlich der
Mittelsätze, wie nicht minder oft aus den tanzartigen Finales
hervor. Hängt es hiermit zusammen, daß Haydn niemals
eigentlich tief wird und mehr unterhält, mehr „plauscht“, als
redet? Persönliche Anlage und Stammesgefühl gingen hier
wohl unauflöslich zusammen.

Gegenüber all diesem Neuen erscheinen die Rokokomomente
bei Haydn doch mehr als letzte, zu gemessener Schönheit bindende
Überlebsel einer absterbenden Kultur, dann als elementarer Be—
standteil. Dementsprechend treten sie auch keineswegs überall
hervor. In den Ecksätzen, wenn es besonders munter zugeht
und die Musik an sich dick genug erscheint, fallen sie fast weg;
und der Hauptsache nach nur dann, wenn die Melodie variiert
wird, werden letzte Sedimente der alten Kunst zur Füllung
verwendet. In den Mittelsätzen dagegen, in den sentimentalen
Larghi vor allem, erscheinen noch zahlreiche Blüten zu rokoko—
mäßiger Einrahmung der Melodie, und trotz aller Sangbarkeit
sind selbst Erinnerungen an die alten Kirchenstile nicht aus—
geschlossen.

So erscheint Haydn als ein erster, in gewissem Sinne
liebenswürdigster, dem absoluten Tonsystem moch nahestehender,
der alten Musik nicht grundsätzlich abgeneigter, vor allem aber
doch homophonischer Meister von langgezogener Melodie und
        <pb n="384" />
        676 F Zweiundzwanzigstes Buch.
neuem Schönheitssinn: und unsterblich wird er bleiben in den
Zeiten des Subjektivismus. Und wie hat er dessen frühe
Entwicklung durch mehr als ein Menschenalter, immer höher
steigend und tiefer grabend, begleitet! Bereits aus dem Jahre
1759 stammt seine erste Symphonie, aus den Höhenzeiten der
Empfindsamkeit, und schon zeigt sie deren Elemente. Aber
nicht an der großen Form der Symphonie, obwohl er etwa
anderthalbhundert Symphonien geschrieben hat, erprobte Haydn
zuerst vornehmlich die neuen Kräfte, sondern an dem kleinen
Zyklus des Quartettes: ihm vor allem hat er in den Jahren
etwa 1760 bis 1780 gehuldigt, wenn auch der glänzende Ab—
schluß seiner Quartettkunst erst in dem Kaiserquartett von 1796
(.Gott erhalte Franz den Kaiser“, „Deutschland, Deutschland
über alles“) erfolgt ist. Von der Kammermusik ist er dann,
deren Form immer mehr erweiternd, zur Orchestermusik über—
gegangen: und nun brach die große Zahl seiner Symphonien
hervor, darunter schon aus den Zeiten höheren Alters als
die schönsten von allen die zwölf Londoner Symphonien, die
gelegentlich seines englischen Aufenthaltes (er war zweimal,
1790 und 1794 in England) entstanden sind. Den Schluß
aber seiner Lebensarbeit bildeten die beiden Oratorien an der
Wende des 18. Jahrhunderts, in denen zuerst der voll weltliche
Charakter der Gattung gewonnen wurde.

Was Haydn auf dem Gebiete der Instrumentalmusik be—
gann, hat Mozart in gewissem Sinne vollendet. Freilich: wer
will die Unsumme von Anregungen ermessen, die zwischen den
beiden Meistern hin und her gingen: eben in ihnen wurde der
klassischen Musik unserer Nation die spezifisch österreichische,
ja wienerische Färbung, wie denn mit ihnen auch nach langen
Zeiten begrenzt nationalen Charakters die deutsche Musik zum
ersten Male wiederum internationale Bedeutung errang und
namentlich in Paris und London unauslöschliche Eindrücke
hervorrief. Was aber die gegenseitige Beeinflussung angeht,
so hat Haydn, soviel auch Mozart von ihm gelernt hatte,
dennoch den jüngeren, lange vor seinen Greisenjahren heim—
gegangenen Meister wie seinen Lehrer verehrt. Und gewiß
        <pb n="385" />
        Bildende Kunst und Musik.

677
ging Mozart weit hinaus über die innere Ausstattung, die
Haydn den neuen Formen gegeben hatte.

Zunächst emanzipierte er sich innerlich noch weit mehr als
Haydn vom Rokoko, wenngleich auch ihm noch etwas von der
hurtigen Gebundenheit des Stiles, soweit diese seiner eigenen
Anlage entsprach, geblieben ist. Vor allem aber individuali—
sierte er die Wirkungen der einzelnen Instrumente mehr, als
Haydn dies getan hatte; hier, auf dem Klavier wie im Orchester,
bewies er dieselben Fähigkeiten der Differenzierung der Ton—
wirkungen und ihrer Ausnutzung zu tieferer Charakterisierung
von Gefühlen, durch die sich seine Opernmusik auszeichnete.
Damit hing es denn zusammen, daß seine Musik weit enhar⸗
monischer wurde als die Haydns: selbst Beethoven hat sie darin
nicht übertroffen, wenn er auch in der Richtung der Dissonanzen
weiter und nicht selten sogar bis zur Kakophonie ging. Und
nicht minder ergab es sich aus diesem vermehrten Charakte—
risierungsbestreben, daß der Klaviersatz voller und die Orchester—
musik dicker wurde. Es war eine Entwicklung; die sehr leicht
an dem Übermaß der Tonwirkungen hätte scheitern können.
Aber hier war es nun die vielleicht bezeichnendste Eigenschaft
Mozaurts, daß ein eingeborener Schönheitssinn dieses Übermaß
nicht zuließ. Denn nichts charakterisiert die Musik des Meisters
mehr als die berühmte Kantabilität, jene Sangbarkeit, mit
der er alle instrumentalen Wirkungen auszustatten verstand, vor
allem die Instrumentalmelodie selber.

Indem er sich aber so im Besitze und in der Herrschaft
bedeutend verstärkter und verfeinerter instrumentaler Wirkungen
sah, ging er unwillkürlich auch über die Einfachheit der Melodie—
bildung hinaus, die für Haydn noch so bezeichnend gewesen
war. Zwar war ihm die Melodie keineswegs schon gelegentlich
etwas unmittelbar Aphoristisches — wohl nie hat er bereits
einen Tonsatz mit Bruchstücken einer Melodie begonnen —:
aber dennoch zog er schon, weit über Haydn hinweg, z. B. die
Tanzmelodie gern derart in die Kunstform, daß man nach ihr
nicht mehr zu tanzen vermag: idealisierte also das sinnliche
Element der ursprünglicheren musikalischen Empfindung. Da
        <pb n="386" />
        578 Zweiundzwanzigstes Buch.
sieht man denn wohl, wie hier ein Klassizismus zu erstehen
begann, der die Formen seiner Bindung nicht mehr der
früheren Kunst verdankte: hier eben entwickelte sich die höhere
Freiheit vom Rokoko und den letzten Einwirkungen des ge⸗
bundenen und galanten Stiles. Und nun läßt sich verfolgen,
wie unter diesem Zuge zur Idealisierung, diesem spezifisch
künstlerischen Triebe zur Ausbildung der Melodie und der
Musik überhaupt Satz und Harmonie höher, ja fast künstlich
organisiert werden, wie volksmäßige Motive nur noch als Ge⸗
dächtnishintergrund erscheinen, wie diese Musik den Erdgeruch
gleichsam verliert und sich aufbaut ins persönlich Stilgemäße,
subjektiv Wirksame. Gewiß geschieht das nicht ohne den Hinzu⸗
tritt fremder Einflüsse; so erinnert 3z. B. die Weitung der
Melodie namentlich in den Adagios leicht an italienische Vor—
bilder, und die französische Rhythmik wurde namentlich seit
dem Pariser Aufenthalte von 1778 von Bedeutung: seitdem
verbinden sich auch mit der Schönheit und der Innerlichkeit
der Melodien häufiger als früher Ernst und erhabenes Pathos.
Aber im ganzen bleibt doch Mozart auch in dieser Zeit der
Vollendung seines Stiles er selber. Sein Eigen ist es, wenn
jetzt alle Kunstmittel zusammengenommen und, im Streben
nach dem Charakteristischen, zu Überraschungen ausgenutzt.
werden, die Haydn erschreckt haben würden; sein Eigen der
häufige Wechsel des Temperaments, von dem die „Sonata
quasi fantasia“ eines der lehrreichsten Beispiele bietet; sein
Eigen auch die Variation als eine Kunstform, die nicht mehr
auf bloße Verwendung von Arabesken hinausläuft, sondern
das Thema derart subjektiv abwandelt, daß es nur eben noch
erkennbar bleibt. Von hier ist bis dann bis zum leisen Durch—
brechen der einfachsten alten Formen wie namentlich des
zyklischen Kreises der vier Sätze nicht mehr weit; es kommt
vor, daß bei Wiederholung einer Melodie Takte in sie ein⸗
geschoben werden, ja daß sich der Meister in den Themen
der Allegrosätze wohl gar in Sinnen und Träumen verliert:
und allbewältigend beginnt so ein subjektives Moment hervor⸗
zutreten, dessen volle Herrschaft den Triumph des frühen
        <pb n="387" />
        Bildende Kunst und Musik. 679
Subjektivismus bedeutet und der Größe des letzten Vollenders,
Beethovens, vorauseilt. Gewiß treten diese Eigenschaften bei
Mozart, wie sie sich teilweise überhaupt nur angedeutet zeigen,
erst spät hervor; so in den herrlichen Arbeiten des Jahres
1788, der Es-dur-Symphonie (Schwanengesang), der G-moll-
Symphonie und der Jupitersymphonie (D-dur; mit der Schluß—
fuge). Aber doch sind sie vorhanden; und nirgends haben sie
an sich vielleicht umgestaltender gewirkt wie in einem der letzten
großen Werke des Meisters, in dem unvollendet hinterlassenen
Requiem. Und wie der Bruch mit dem gebundenen Oratorium
noch Händels und Bachs in der Entwicklung Haydns in ge⸗
wissem Sinne den Gipfelpunkt bedeutet, so läßt sich sagen,
daß Mozart hier, in einer ersten Versubjektivierung einer sehr
alten Form kirchlicher Musik, ganz abgesehen von der unsterb⸗
lichen Schönheit gerade dieses Werkes, vielleicht den bis dahin
höchsten Sieg der subjektivistischen Tonkunst über frühere ge⸗
bundene Formen gefeiert hat. —

Es war die Zeit, in der die Musik zugleich, auf Grund
der Erfolge der letzten großen Meister, eine ganz andere soziale
und damit doch auch entwicklungsgeschichtliche Bedeutung zu
erhalten begann als bisher.

Die älteste große soziale Form der Kunstmusik war die
Kirchenmusik gewesen. Es ist naturgemäß, daß sie mit dem
Zurücktreten der einzigartigen Bedeutung der Kirche als sozial⸗
politischer Einrichtung seit dem 16. Jahrhundert auch ihrerseits
schwand: das 17. und 18. Jahrhundert hatte nicht so sehr
Kirchenmusik im ursprünglichsten und ersten Sinne des Wortes
wie geistliche Musik hervorgebracht. Aber auch die spätere
geistliche Musik, ja die Chormusik der Oratorien, Passionen
und Kantaten Händels und Bachs mit ihren dramatischen
Bindegliedern der Arie und des Rezitativs, verfiel trotz ihrer
verhältnismäßig modernen Form mit dem Ausgange des Zeit⸗
alters des Individualismus. Was blieb, war eine geistliche
Musik zunächst noch der Aufklärungsperiode, ohne kirchlichen
Erust, ein wenig süßlich, ein Parallelerzeugnis gleichsam des
galanten Stiles. In ihr verflachte das Oratorium sogar in
        <pb n="388" />
        680

Zweiundzwanzigstes Buch.
seinen besten Offenbarungen, wie in den Schöpfungen Haydns,
zu einer fromm⸗-weltlichen Auffassung; und die strengen alten
Formen der eigentlichen Kirchenmusik erhoben sich, soweit sie
noch in neuen Erzeugnissen fortwährten, eigentlich nur in
Mozarts Requiem und einzelnen Stellen seiner Messen über
das Niveau des Verfalles.

Es versteht sich, daß unter diesen Umständen das Interesse
an der geistlichen Musik überhaupt abnahm; erst das vollendete
Zeitalter des Subjektivismus hat es von neuem belebt, aber
dann von ganz veränderter Auffassung aus: die erhabene
Eingangshalle zu dieser neuen Musik bildete Beethovens „Missa
sollemnis“. Und mit dem Interesse schwand auch der soziale
Halt, den die Kirche Komponisten und ausübenden Musikern
geboten hatte: wo finden sich in der zweiten Hälfte des
18. Jahrhunderts noch Orgelspieler von dem auch gesellschaft—
lichen Ansehen, das ein Sweelinck oder ein Buxtehude genossen
hatten.

An die Stelle war das musikalische Interesse zunächst
jenes Standes getreten, der seit dem späteren Mittelalter
überhaupt die Führung der geistigen Geschicke der Nation an⸗—
getreten hatte: des Bürgerstandes. Es ist schon erzählt worden,
wie er sich von vornherein einer familiären Musik widmete: wer
kennt nicht die traulichen Lautenstunden des 16. Jahrhunderts?
Und neben die in den Städten bürgerlich fortgepflegte kirch—
liche und geistliche Musik war in einer ganzen Anzahl deutscher
Städte schon seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts
die Oper getreten!. Aber auch die Formen der Musik, aus
denen die Instrumentalmusik des neuen Zeitalters hervor⸗
gegangen ist, kamen beim Bürgertum verhältnismäßig früh in
Gebrauch, wenn sie auch nur seitens der wohlhabenden Kreise,
seitens der uns wohlbekannten frühesten Unternehmeraristokratie
gewisser Großstädte, vornehmlich Leipzigs, reichlicher entwickelt
wurden: seitens jener Schichten also, die um 1700 vieles von
der Kultur des homme du monde angenommen hatten. Da

1S. dazu u. a. Bd. VI S. 227.
        <pb n="389" />
        Bildende Kunst und Musik.

681
wurden denn sogenannte Collegia musica begründet, und in
ihnen ertönte immer heiterer und schließlich auch in zunehmender
gesellschaftlicher Stimmung die Kammermusik. Schneller aber
fast noch als sie entwickelte sfich aus ihnen und aus dem kleinen
Orchester das große und das öffentliche Konzert: tauchten leise
die Anfänge des modernen Musiklebens empor.

Ehe diese Wandlung aber, in der zweiten Hälfte des
18. Jahrhunderts, deutlicher hervortrat, hatte sich neben dem
Orchester das Klavier Anspruch auf selbständige instrumentale
Geltung errungen. Es war, auch sozialgeschichtlich betrachtet,
ein Vorgang von außerordentlicher Bedeutung. Denn jetzt
erst zog die instrumentale Musik in allen Weiten wenigstens
ihrer Konzeption, wenn auch nicht ihrer Durchführung in das
Haus jedes Gebildeten, und vor allem in die Salons und die
Stuben auch des mittleren Bürgertums ein; und ein musika—
lisches Treiben erwachte, das schon Kant zu dem bösen Worte
von der Musik als einer aufdringlichen Kunst den Anlaß gab.

Inzwischen aber war an einer besonderen Stelle deutschen
Lebens auch eine besondere musikalische Entwicklung im Bereiche
eines besonderen Standes eingetreten: in sterreich hatte sich
der höhere Adel des Mäcenats der Musik bemächtigt. Es war
in Zeiten, in denen das Klavier noch nicht seine orchestrale Ge—
walt entfaltet hatte, sondern erst in der Keimform des Cembalo
vorhanden war: so kamen für die Aufführung höherer Musik
als Tonwerkzeuge zunächst nur die menschliche Stimme und
das Orchester in Betracht. Mußten unter diesen Umständen
zur Pflege höherer Musik auf dem Lande besondere Sänger
und Instrumentalisten gehalten werden, so war von vornherein
klar, daß dazu nur ein reicher Adel imstande war. Aber sollte
selbst dieser sich da, wo zahlreiche Fürstenhöfe mit Kapellen
italienischer Musik dicht beisammen lagen, wie das vielfach im
Westen und Norden Deutschlands der Fall war, dem kost⸗
spieligen Vergnügen hingeben? Eigentlich nur Osterreich kam
hierfür in Betracht, wo vornehmlich seit dem 17. Jahrhundert
ein reicher Adel über weite Flächen Landes sozial alleinherrschend
verstreut saß.
        <pb n="390" />
        682

Zweiundzwanzigstes Buch.
Für die Entwicklung der Musik aber gerade an diesen
Adelssitzen war noch ein anderer Umstand wichtig. Die Kapellen
an den fürstlichen Höfen waren groß; sie pflegten auch die
Oper und schon mit ihr vornehmlich italienische Musik. Die
Kapellen des Adels dagegen und selbst die reicherer land—
sässiger Fürsten wie etwa der Esterhazys hielten sich in ge—
messenen Grenzen. So ging ihr Bedürfnis nicht so sehr auf
große repräsentative, als gesellige, als Kammermusik; und
eben hierin kamen sie der sich bildenden Instrumentalmusik des
neuen Zeitalters entgegen: nicht an den Fürstenhöfen darum,
sondern in den einfacheren Schlössern des Hochadels ist diese
groß geworden und hat hier auch noch ihre Fortbildung aus
dem Quartett zur Symphonie erlebt.

Freilich: indem diese Entwicklung eintrat, wurden die
Musiker zu fürstlichen Dienern und Dienern selbst dem Range
nach geringeren Adels. So hat Haydn das fürstlich Ester—
hazysche Hofkleid getragen; und die traurigen Schicksale Mozarts
am Salzburger Hofe sind bekannt: selbst der Fußtritt eines
adligen Schranzen ist ihm nicht erspart geblieben.

Demgegenüber bedeutete es denn allerdings einen ge—
waltigen Umschwung, als neben die alten Collegia musica
der Städte und die Kapellen der Adelssitze das öffentliche
Konzert und nicht minder die private Musikpflege vornehmlich
des mittleren Bürgerhauses auf dem Klaviere zu treten be—
gannen. Denn es ist klar, daß diese Wendung vor allem auch
der sozialen Stellung der Musiker und Komponisten zugute
kommen mußte. Bisher Diener der Aristokratie in persön⸗
licher Bindung wurden sie nunmehr Diener des Publikums,
der OÖffentlichkeit, und insofern frei. Schon Haydn hat von
dieser Wandlung der Dinge genossen, und auch Mozart ist von
ihr nicht unberührt geblieben. Dennoch sind beide noch auf
dem älteren Niveau zu Männern gereift: und so hat ihre
Musik immer noch etwas Aristokratisch-Dienendes, ist eine
Musik des wohligen Schloßsaales, will vor allem doch auch
unterhalten. Und nur da, wo diese Umwelt absolut verlassen
erscheint, in der Oper und der geistlichen Musik, schaffen beide
        <pb n="391" />
        Bildende Kunst und Musik.

s88
Meister freier. Aber der junge Musiker, der Musiker, der um
die Wende erst des 18. Jahrhunderts groß wurde: konnte er
sich diesem alten Milieun noch völlig fügen? Für ihn begeisterte
sich schon neben der alten, noch fortwährenden Musikwelt eine
neue Welt, die der Gebildeten überhaupt: und alles persön—
lichen Dienstes frei trat er als moderner Komponist neben den
Dichter.

Es sind Richtungen der Entwicklung, deren Ziele Beet—
hoven instinktiv gesichtet, deren Wege er stolz beschritten hat.

6. In Ehrfurcht beugen wir uns vor dem Namen Beet—
hoven, dem die Schlußbetrachtung dieses Bandes gewidmet
sein soll.

In Ehrfurcht vor allem vor dem Menschen. Denn wenn
ein Mensch ein Kämpfer gewesen ist, so war er es. Sein
Vater war ein Trunkenbold, und auch ihm selber hat der
Wein verführerisch gewinkt. Er ist der Gefahr Herr geworden;
und erblich belastet ist er mit einer Willenskraft den Weg zu
den Sternen gezogen, die flüchtigen Schlachtenmut aufwiegt.
Dazu drohten seinem Genius feinere, nicht minder verderbliche
Gefahren. Eine übertriebene Gewissenhaftigkeit ließ ihn zeit⸗
lebens für Verwandte sorgen, die seiner Hilfe nicht wert
waren, und unzählige Disharmonien der täglichen Lebens—
führung waren die Folge. Eine glühende Liebe zum Weibe
hat ihn von Schwärmerei zu Schwärmerei geführt: wie hat
er sich stets nach einer glücklichen Ehe gesehnt: es kam nur zu
leidenschaftlichen Ergüssen in der Weise des Briefes an die
unsterbliche Geliebte: dauernd einsam zog der Einsame seines
Weges. Und zu alledem noch das furchtbare Schicksal, daß das
größte musikalische Genie der west- und mitteleuropäischen Welt
früher Schwerhörigkeit und bald der Taubheit verfiel! Und
dies, aus den edelsten Beweggründen, jahrelang selbst den
Freunden verschwieg! „Noch war's mir nicht möglich, den
Menschen zu sagen: Sprecht lauter, schreit, denn ich bin taub!
Ach wie wäre es möglich, daß ich damit die Schwäche eines
Sinnes zugeben sollte, der bei mir in einem vollkommeneren
        <pb n="392" />
        684

Zweiundzwanzigstes Buch.
Grade als bei anderen sein sollte, einen Sinn, den ich einst
in der größten Vollkommenheit besaß, in einer Vollkommenheit,
wie ihn wenige von meinem Fache gewiß haben, noch gehabt
haben! O, ich kann es nicht! Darum, Freunde, verzeiht, wenn
ihr mich da zurückweichen sehen werdet, wo ich mich gerne
unter euch mischte. Doppelt wehe tut mir mein Unglück,
indem ich dabei verkannt werden muß. Für mich darf Er—
holung in menschlicher Gesellschaft, feinere Unterredungen,
wechselseitige Ergießungen nicht statthaben . .. Welche
Demütigung, wenn jemand neben mir stund und von weitem
eine Flöte hörte und ich nichts hörte, oder jemand den Hirten
singen hörte, und ich auch nichts hörte! Solche Ereignisse
brachten mich nahe an Verzweiflung; es fehlte wenig, und
ich endigte selbst mein Leben. — Nur sie, die Kunst, sie hielt
mich zurück! Ach, es dünkte mir unmöglich, die Welt eher zu
verlassen, bis ich das alles hervorgebracht, wozu ich mich auf—
gelegt fühlte. Und so fristete ich dieses elende Leben, — wahr—
haft elend, einen so reizbaren Körper, daß eine etwas schnelle
Veränderung mich aus dem besten Zustande in den schlechtesten
versetzen kann. Geduld, — so heißt es, sie muß ich nun zur
Führerin wählen! Ich habe es. — Dauernd, hoffe ich, soll
mein Entschluß sein, auszuharren, bis es den unerbittlichen
Parzen gefällt, den Faden zu brechen. Vielleicht geht's besser,
vielleicht nicht; ich bin gefaßt. — Schon in meinem achtund—
zwanzigsten Jahre gezwungen, Philosoph zu werden, ist es
nicht leicht, für den Künstler schwerer als für irgend jemand. —
Gottheit, du siehst herab auf mein Inneres, du kennst es, du
weißt, daß Menschenliebe und Neigung zum Wohltun darin
hausen! O Menschen, wenn ihr einst dieses leset, so denkt, daß ihr
ein Unrecht getan, und der Unglückliche, er tröste sich, einen seines
Gleichen zu finden, der, trotz allen Hindernissen der Natur, doch
noch alles getan, was in seinem Vermögen stand, um in die Reihe
würdiger Künstler und Menschen aufgenommen zu werden.“ —
Und so ist er seines Weges gegangen, unverwandt, dieser echt

Aus dem Heiligenstadter Testament Beethovens vom 6. Oktober 1802.
        <pb n="393" />
        Bildende Kunst und Musik. 685
moderne Märtyrer und Held: und unter seinen Fußtritten sind
Blumen hervorgesproßt, wilde Blumen, Blumen aller Jahres-—
zeiten, Blumen mit herbbizarren Kelchen, Passionsblumen ohne
Zahl.

Ludwig van Beethoven, Sohn eines Mitgliedes der kur—
fürstlich kölnischen Hofkapelle, ist am 17. Dezember 1770 zu
Bonn getauft worden. Nachdem er in derselben Kapelle ge—
dient hatte, nahm er, früh als genial erkannt, auf Veranlassung
edler Freunde, die seine bessere Durchbildung wünschten, seit
1792 seinen ständigen Aufenthalt in Wien, als freilich ziem—
lich widerwilliger Schüler Haydns, als Bewunderger der
älteren Musik Bachs, Händels und früherer Meister bis zurück
auf Palestrina, die er im Hause van Swietens, des geistig
beweglichen und hochgebildeten Leibarztes der Kaiserin Maria
Theresia, kennen lernte. Seit 1795 war er als Komponist
tätiger, seit 1808, von der Schöpfung der 7Eroika“ an, er—
lebte er ein Jahrzehnt freiester Vollendung seines Schaffens,
das mit der A-dur-Symphonie des Jahres 1813 schloß; dann
folgte etwa ein Jahrfünft geringerer Fruchtbarkeit, bis der in
sich Gezogene, immer höheren musikalischen Ideen zustrebend,
noch die herrlichste Spätblüte seines Genius erlebte. Am
26. März 1827 ist er gestorben.

Das Geschlecht Beethovens war vlaemischer Herkunft; in
der Gegend von Löwen war es zu Hause. Beethoven hatte,
wie so viele große Deutsche, den echten Charakter seines
Stammes. Der Vergleich mit Rubens liegt nahe: bei beiden
die selbe Energie der Gefühlsäußerung, die selbe unerschöpf—
liche Phantasie, das gleich Berauschende des Vortrages. Aber
Beethoven ist von beiden der tiefere, wie er der unglücklichere
war. Seine Gefühlswelt ist unermeßlich; er hat als Künstler
persönlich eine Riesenentwicklung erlebt, und nie hat ihm die
Gefahr, die Rubens nahetrat, in Manier zu verfallen, auch
nur von ferne gedroht.

Aus diesem unendlich reichen Inneren, aus dieser un—
glaublich starken Aktualität der Seele quoll bei Beethoven eine
nicht minder gewaltige Unendlichkeit von Tönen. Er war
        <pb n="394" />
        b86

Zweiundzwanzigstes Buch.
unerschöpflich, aus dem geringfügigsten Motive in anmutigstem
Zauber die wunderbarste thematische Arbeit hervorgehen zu
lassen, denn auch das Kleinste ward ihm zum Gleichnis des
Ganzen. Und er war hart genug, in der Furchtbarkeit des
Erhabenen Felsblock über Felsblock aufeinanderzutürmen; sein
musikalischer Kosmos ist grenzenlos. So über der Masse und
über der Feinheit der Töne stehend, war er zum Herrscher ge—
boren; und herrschend spielte er mit den Formen, zur humor—
vollen Feier des vielleicht persönlichsten aller Triumphe. Aber
neben dem Humor steht bei ihm das Pathos — ja sein Humor
selbst ist herb und pathetisch —: die große, die erhabene Leiden—
schaft. In ihrer Herrschaft häuft der Meister Motiv auf Motiv
und Satz auf Satz und ergeht sich in den brausenden Akkorden
seiner Finales. Denn von Heldengefühlen pflegt er am Schluß
jeder größeren Komposition Abschied zu nehmen, indem er seine
innerste Natur eröffnet.

So war er im Grunde Dramatiker; seinen Kompositionen
fehlt oft zum Drama nichts als die sichtbare Form der Dar—
stellung. Indem er sie aber vermied, machte er die Musik erst
völlig zu dem, was sie in einem Zeitalter des Subjektivismus
sein muß: zu einer Kunst des Ausdruckes innersten Lebens.
Bildeten Haydn und auch Mozart noch das schöne Sein als
solches und errangen dadurch einen besonderen Kanon musika⸗
lischer Schönheit, wie einst Raffael einen solchen der malerischen
erreicht hatte, so gleicht Beethoven eher Michelangelo, denn
die Empfindung setzt sich bei ihn um ins Bewegte. Daraus
folgt denn, daß er die musikalische Tektonik der viersätzigen
Zyklen aufs äußerste füllt, wenn nicht gar schon lockert, daß
Gemütsbewegungen die Form auch im einzelnen durchbrechen,
daß neben den harmonischen Zusammenklang der Töne häufiger
als früher die Zwischengefühle darstellende Dissonanz tritt, so—
weit sie den Schönheitskanon der Zeit noch nicht aufhebt, daß
in den Harmonien entferntere Beziehungen und Übergänge
bevorzugt werden, und daß endlich bereits in der ersten Periode
des Schaffens allmählich alle nur schönen Verzierungen und
Blüten hinwegfallen, soweit sie nicht dem unmittelbaren Aus—
        <pb n="395" />
        Bildende Kunst und Musik.
druck des inneren, dichterischen Programmes dienen, dessen
bewegte Bewältigung erste Sorge des Meisters bleibt.

Bei alledem werden von Beethoven die hergebrachten musika⸗
lischen Formen nicht eigentlich fortgebildet. Sie erscheinen viel⸗
mehr in einer auch für seine Musik noch ausreichenden Entfaltung
schon von Haydn und Mozart geschaffen. Und so läßt sich
bvon diesem Gesichtspunkte aus wohl behaupten, daß Beethoven,
rein musikalisch, nur die Musik Haydns und Mozarts zu einem
Neuen verschmolzen habe. Von Mozart würde er für eine
solche Betrachtung die bekannte Kantabilität im Allegro her—
zgenommen haben, jene unmittelbare Verbindung kräftig be—
wegter und sentimental ruhiger Elemente, die von den Zeit⸗
genossen zuerst als Stilvermischung getadelt worden war. Und
bon Haydn hätte er das Prinzip der thematischen Entwicklung
ergriffen, eine neue instrumentale Rhetorik, deren Wesen auf
der größten Ausnutzung der kleinen und kleinsten Satzteile und
Gedankenglieder beruhte. Von dem einen wäre er auf Innig—
keit hingewiesen worden und von dem anderen auf Meister—
schaft der Exegese. Und Haudns Einfluß wäre dabei der
tärkere gewesen.

Aber nicht so erklären sich die Taten des Genius. Beet—
hoven gehörte der ganzen Umwelt seiner Zeit an und holte
weiteinatmend aus all ihrer Luft das Lebensprinzip seines
Daseins. Im übrigen aber gehörte er sich selbst; und es ist
gänzlich verfehlt, ihn mit den Destillierapparaten der üblichen
Ableitungstheorien als Kompositum einiger vorhergegangener
menschlicher Größen erweisen zu wollen. Schon eine einfache
Nachrechnung sollte dieses törichte, aber noch immer als wissen⸗
schaftlich geltende, ja noch herrschende Verfahren vernichten.
Man leite nur ab und ab, von Generation zu Generation rück—
wärts — bis auf den ersten Menschen und frage sich dann,
wie sich aus einem ursprünglich einzigen schöpferischen Prinzip
die komposite Divergenz der späteren erklären solle.

Beethoven war er selber, wie Haydn und Mozart sie selber
waren: und nachschaffend zu umfangen, nicht aber berechnend
einzuzirkeln ist ihre Größe.

Zamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 2.
        <pb n="396" />
        588 Zweiundzwanzigstes Buch.
Was Beethoven vor allem charakterisiert, ist die Fülle
der Gesichte und die absolute Herrschaft über sie. Wir wissen,
wie er seinen inneren Reichtum ständig in Skizzenbücher, die
er immer bei sich trug, ableiten mußte, um nicht zu ersticken.
Und wir sehen ihn in ständiger Souveränität, auf Grund eines
erstaunlichen Gedächtnisses, über diesen Reichtum verfügen. Er
ist ein Herrscher und Schöpfer zugleich, dessen abschließende
Dispositionen und dessen Werkstattsakten vorliegen: und von
unvergleichlichem Reize ist es, zu sehen, wie aus den dürren
Blättern die Flammen des Genius emporzüngeln und zu den
Feuermassen jener vollendeten Werke zusammenlohen, die wir
kennen. In dieser Fülle und Herrschaft ist Beethoven wohl nur
mit Shakespeare zu vergleichen: wie er ihm deshalb auch gleicht
in dem langatmigen Zuge der Phantasie und in der virtuosen,
mit tausend Mitteln einer kunstreichen Technik durchgeführten
Vorbereitung wichtiger Effekte. „Wie bei Shakespeagre, scheint
bei ihm die bunteste Fülle von Modulationen zu herrschen ...
Tritt man näher hinzu, so bewundert man die Einheit, wie
vorher die Mannigfaltigkeit, die Notwendigkeit wie vorher die
Kühnheit der Willkür. Lange vor dem wirklichen Eintritt der
Modulation in die Tonart der Dominante oder in die verwandte
Durtonart zeigt der Komponist diese schon. Er strebt ihr zu,
die noch herrschende Tonart zieht ihn immer wieder zurück,
jenes Streben wird immer dringender, der Widerstand immer
schwächer. Wir haben schon das vollständige Gefühl der neuen
Tonart, während wir noch in der Gewalt der alten zu sein
scheinen. Dennoch überrascht uns das wirkliche Faktum des
Übergangs. Durch das vorhergegangene Zögern erscheint uns
die nun doch unvermeidliche Tat als eine freie, kühne, wie
die offene Erklärung eines Schrittes, der eigentlich schon
getan ist.““

Soll die Stellung Beethovens in der Geschichte der
musikalischen Formgebung — und das heißt in der Ent—
wicklungsgeschichte der Musik — gekennzeichnet werden, so ge⸗
Otto Ludwig, selbst bekanntlich auch Musiker, Werke 2, 92.
        <pb n="397" />
        Bildende Kunst und Musik.

689
nügt es nicht, zu sagen, er sei der erste, der dem Ausdrucks—
bedürfnis subjektiven Gefühlslebens musikalisch voll gerecht
geworden sei: und bei dem deshalb eben so die Formenwelt
bereits der eigentlichen Romantiker, eines Weber etwa oder
Schumann, wie die Richard Wagners, ja wie endlich zum
großen Teil sogar schon die der Neueren und Neuesten keim—
haft vorgebildet zutage trete. So richtig das ist, so charakteri—
siert es den Meister doch nicht völlig. Man muß ihm viel—
mehr noch in die Einzelheiten seines Wirkens folgen, um aus
ihnen heraus den Eindruck des Spezifischen seiner künstlerischen
Persönlichkeit zu erhalten. Und da tritt nun bei Beethoven
etwas auf, das sich in dieser Höhe und Stärke bei keinem der
früheren Meister überhaupt vorfindet: die reinste Subjektivität,
das, was man Melos genannt hat. Es hängt zunächst mit
dem hastenden Quellen einer überreichen Phantasie zusammen.
Beethoven ist einer der glänzendsten Improvisatoren gewesen,
die die Welt gehört hat. Wenn er im vollen Sinne schöpferisch
tätig war, trat daher gleichsam ein Überschwang der Erfindung
ein; die Phantasie produzierte auf einmal zu viel und erhielt
dadurch etwas Sprunghaftes, Nervöses. Gewiß findet man bei
Beethoven tausend ausgereifte Melodien von unerhörter
Stimmungstiefe. Aber daneben stehen noch, wie die Aus—
würflinge eines Vulkans, tausend und abertausend Melodien—
fragmente. Und sie durchbrechen, schmücken, charakterisieren,
unterstreichen, verwirren den einfachen Fluß der melodiösen
Grundstimmung: als Ausbiegungen von einigen Takten, als
unvermittelte Einschiebungen, als Protuberanzen aus der Be—
gleitung, wenn diese einen melodiösen Fluß annimmt, als ...
Fermaten in leeren Takten, die nicht selten unterdrückte Melodien
oder Bruchstücke von solchen andeuten: schwere musikalische
Gedankenstriche, wie sie sich schon in den frühesten Werken,
namentlich den Sonaten, finden.

Indem nun so die melodiöse Verdichtung und zugleich
Verflechtung ins unendliche geht, wird sie ihrem Stimmungs-
charakter nach ganz durch die moralische Persönlichkeit des
Meisters bestimmt. Und da ist der Grundzug der der tiefsten,

44*
        <pb n="398" />
        690

Zweiundzwanzigstes Buch.
furchtbarsten Tragik. Daher die jähen Stimmungswechsel, die
Zerklüftungen, der spielende und doch springende Rhythmus,
der wilde Humor, das herbe Pathos des gefangenen, an sich
selbst gefesselten Löwen. Und daher das tiefe Atemholen und
der weit, zum Brechen weit gespannte Bogen der Melodie; der
Unendliches anzudeuten, Unendliches zu sagen weiß. Wohin
waren für diesen Helden die ruhigen Tage Haydns? Wo
flossen seine Melodien noch in stets geschlossener Munterkeit,
kanonisch gleichsam, ohne Abwechslung auf Kosten elementarer
Gemütsbewegung, keimfähig für unterhaltende Kammermusik
und den epischen Tändelton primitiver Symphonien? Jetzt
waren es Offenbarungen, die jsaus heißem Herzen emporloderten
und aufs unmittelbarste Gefühltes zum Tönen brachten, rück—
sichtslos wurde der Hörer in ihren Empfindungsgehalt ein—
gebannt: und die melodiösen Keime trugen mit Windeseile
hinüber in den schmermütigen Bereich eines unerforschlichen
Schicksals.

Wer wird da denken, daß sich ein Meister dieser Art in
den schönen Ton eines Haydn, ja auch eines Mozart habe
einspinnen können! Hier überwiegt das Gefühl den Ton und
der Charakter die Schönheit. Denn dieser Meister deklamiert;
mit einer Dynamik ohnegleichen rührt er an jeder Faser des
Herzens; und immer groß, immer monumental, auch wo er
scherzt im leichten Verzichte schmerzlicher Reflexionen, weiß er
nicht bloß zu erfreuen, sondern zu erschüttern, fromm zu machen,
zu trösten. Und nie wird er dabei dünn in der Form und
klimpernd im Tone. Dick und verwachsen gleichsam, der jung
aufsprossende Urwald einer neuen musikalischen Welt, ist seine
Musik; und indem er durch unerhörte Begleitungen seine
Melodien in bald königlich triumphierenden, bald zu tiefstem
Mitleid rührenden Erfolgen einherschreiten läßt, zwingt er
Gehör und Auge gleichsam suggestiv heran an das Drama
seiner Affekte. So wird die gewöhnliche Akkordbegleitung
durch tausend Einfälle unterbrochen und wenn sie melodiös
wird, wohl gar als Melodie fortgeführt: nicht einfach und
glatt ist der Rahmen, in dem die berückenden Bilder dieser
        <pb n="399" />
        Bildende Kunst und Musik. 691
unverwüstlichen Phantasie erscheinen, sondern schon bestickt und
bemalt und durchwirkt mit Elementen, die das Bild charakteri—
sieren und im weiteren Sinne ihm zugehören. Und wenn das
Melos der Melodie bittersüß sein sollte oder schicksalsschwer
im Gegensatze tragischer und heiterer Empfindungen, dann
erscheint wohl gar eine zum Charakter der Melodie antithetische
Harmonisierung: ein zitterndes Spannungsgefühl wird erreicht;
und wir glauben uns Zerstörungen nahe und Katastrophen.
Bewegt sich der Meister so in allen Welten einer Stimmung,
die völlig frei ist und unberührt von gebundener Macht, die
an die Sterne tastet und an die Schatten der Unterwelt, so
fehlt, bei mancher vlaemischen Derbheit im einzelnen, die aus
den Spalten einer mächtigen Persönlichkeit hervordringt als
ein ahnenreicher Atavismus, dennoch nicht eine Bindung, ein
inneres wie äußeres Maß, bestehen Elemente künstlerischer wie
sittlich-religiösser Erzogenheit. Es sind die Elemente, die
Beethoven erst zum Klassiker gemacht haben bei aller glücklichen
Stellung in der Entwicklungsgeschichte der Kunst und bei aller
Hochflut persönlicher Begabung. Beethoven war selbsterzogen
in Frömmigkeit, wenn auch nicht kirchlich: sein schriftlicher
Nachlaß ist durchsetzt mit dem edlen Metall kurzer Gebete,
Symbolen einer tiefen und unaussprechlichen Hingabe an das
Unendliche; und wer vernimmt nicht über und unter den musi—
kalischen Fluten der „Missa solemnis“ den Orgelton religiösen
Ringens und endlich sieghaft gebliebener Uberzeugung? So
besaß der Meister schon früh, mindestens als Disposition, ein
inneres Maß der Dinge; und wo seine Ansicht gleichsam
exzentrisch zu werden scheint zu dem künstlerischen und affektiven
Kosmos der Zeit, spricht dennoch eine letzte und leise Stimme
aus ihm das fromme Wort: „Was ist der Mensch, daß du
seiner gedenkest!“ Da kann denn auch eine gewisse äußere
Bindung nicht fehlen. Man versuche, Schumann wie Beethoven
zu spielen oder Beethoven nach Schumanns Art, und man
wird sie empfinden. Nichts schon von der verschwommenen
Weichheit der Romantik, kein Verlassen der alten Herbigkeit
des 18. Jahrhunderts: und vor allem, entschiedenes Festhalten
        <pb n="400" />
        692

Zweiundzwanzigstes Buch.
an der Hurtigkeit des Rokokos, diesem elementar-stimmungs⸗
mäßigen Ausdrucke eines gläubig-optimistischen Herzens. Es
ist der stille Zug von Gebundenheit, der nicht einem Takte
der Musik Beethovens fehlt, der auch da vernehmlich anklingt,
wo der Meister in sentimentalen Stimmungen und volks—
tümlichem Tone die Romantik weniger vorbildet, als ihre
gemütliche Disposition in seiner Weise streift: es ist der
elementare Zug, der heute auf den Hörer wie das leise Mit—
hallen militärischer Schritte wirkt und ihm das Wohlgefühl
gibt: diese Musik werde niemals straucheln.

Hat nun Beethoven, bei dieser entschiedenen Ausstattung
seines Inneren, die ihn erhob und auf ihm lastete als sein
Schicksal, eine starke innere Entwicklung erlebt? In gewissem
Sinn kann man die Frage verneinen. Schon seine frühesten
Werke, die des sogenannten Jugendstils, Klaviersonaten, Violin⸗
sonaten, Quartette, rufen vernehmlich exx ungue leonem; und
insbesondere die Klaviersonaten zeigen bereits die orchestrale
Behandlung des Instrumentes, die musikalische Mitteilung
gleichsam wie aus einem Urgrund von Melodienreichtum, die
deklamatorische Eigenart, und die schweren Akzente wie die
Nervosität des Empfindens. Am deutlichsten aber ergeben
vielleicht die nicht allzuzahlreichen Lieder des Meisters das sich
ständig gleichbleibende Element seines Grundempfindens. Zwar
nicht in positiver Weise. Beethoven war selbst sein viel zu
großer Dichter, als daß er sich oft und gern an fremde Stoffe
ausgeliefert hätte, die Anschluß an ein außer ihm Quellendes
und Blühendes erforderten: es ist der Grund, warum er dem
Drama und der Kirchenmusik im ganzen fernblieb, warum seine
Hauptwerke auf diesem Gebiete, der „Fidelio“, die „Messe“,
obwohl objektiv gemeint, dennoch durchsetzt erscheinen von
persönlichster Empfindung. So konnte ihm auch an der
Komposition fremder Lieder wenig liegen; und im allgemeinen
nur den größten der von ihm verehrten Dichter hat er
musikalisch gehuldigt. Seine Kompositionen aber werden nicht
eigentlich dem Dichter gerecht, sie drücken nicht aus, was dieser,
sondern was der Musiker empfand, und insofern erlauben sie
        <pb n="401" />
        Bildende Kunst und Musik.

693
kein Urteil über einen sich je nach verschiedener Gelegenheit
wandelnden Stil. Um so mehr aber reden sie von der innersten
Seele des Komponisten selbst. Und hier zeigt sich, daß sie
eine fast unveränderte Sprache führen durch alle Jahrzehnte
der schöpferischen Tätigkeit des Meisters hin; manchmal noch
ein wenig der Phraseologie des Rokokos verwandt sind sie
doch vor allem einfach und darum geeignet, tief auf das Gemüt
zu wirken. Ja man kann von den besten von ihnen behaupten,
daß ihr Ton nicht bloß die ganze Schaffenszeit des Meisters
fast indifferent überspanne, sondern daß sie auch, gleich den
schönsten Liedern Goethes, mindestens für die ganze Kultur
des Subjektivismus gleichsam zeitlose Schöpfungen seien. Oder
wer empfindet nicht heute noch so pathetische Lieder wie in
„In questa tomba oscura“, oder so melancholische, wie
„Trocknet nicht, Tränen der ewigen Liebe“, oder so geheimnis⸗
voll sehnende wie „Kennst du das Land“ als modern und als
von gleichsam jüngster Geburt wie vor hundert Jahren?

Dennoch hat auch dieser ausgesprochene Geist seine Ent—
wicklung gehabt; ja sie war in sich sogar von einem fast un⸗
glaublichen Reichtum; und mindestens zwei Perioden seines
Wirkens müssen unterschieden werden, da sie durch ein Jahr⸗
fünft verhältnismäßiger Unfruchtbarkeit, die Zeit von 1818 bis
etwa 1817 oder 1818, unterbrochen sind.

Die erste Periode begann etwa mit der Wende des Jahr⸗
hunderts. Sie zeitigte die ersten acht Symphonien und den
„Fidelio“, sie blühte ab mit den Goetheliedern und auch wohl
der achten Symphonie vom Zahre 1812. Ihr Höhepunkt wurde
erreicht in den Jahren 1804 bis 1808: „Eroika“, „Fidelio“,
„Appassionata“, C-moll-und F-dur-Symphonie.

Das noch vor dieser ersten Periode liegende Jahrfünft
hatte Beethoven vornehmlich der Klaviermusik und damit zu—
nächst der Sonate gewidmet. Und schon hier zeigte sich der
Meister. So wie etwa Giotto die alten typischen Gestalten
der herkömmlichen Bilder zum Alten und Neuen Testamente
mit ihren stereotypen Gesten persönlich belebt und dadurch erst
zum Sprechen bringt, so daß du betroffen zurückprallst, siehst
        <pb n="402" />
        604

Zweiundzwanzigstes Buch.
du dieses plötzlich durch einen einzigen Gemus in reifer Zeit
aus seinen Traumzuständen zum vollen Dasein erweckte Leben,
etwa in dem Bilderzyklus von Santa Maria dell'Arena zu
Padua, vor dir: so fühlen wir auch Beethoven in der her—
gebrachten Sonatenform alsbald sich persönlich regen, so wird
uns unter seiner Hand jede Floskel, jede Koloratur, jede Blüte
der älteren Musik bedeutend, so verliert in seiner Phantasie
der musikalische Ausdruck alsbald das Spielende: und das
Klavier erscheint nicht mehr als ein einziges Tonwerkzeug,
sondern als eine Bühne gleichsam, auf der unsichtbar ein
Orchester in tausend Zungen redet. Es ist eine alsbald monu—
mentale Richtung, die sich in der orchestralen Klaviermusik
Webers und Schuberts einigermaßen fortgesetzt hat gegenüber
der rein klaviermäßigen Behandlung des Instrumentes etwa
bei Chopin und Schumann. Aber schon wird aus ihr der
Übergang zu der ersten vollen Blütezeit gewonnen; und unter
den Werken, die diesen Übergang zeigen, ragt sogar noch eine
Klaviersonate hervor, die „Pathétique“ (C-moll; Op. 183).
In der ersten Periode selbst spielt dann freilich schon die
Kammermusik als Ausgangspunkt etwa dieselbe Rolle, wie vor—
her das Klavier: ja bereits in den Quartetten noch früherer
Zeit war der Übergang vorbereitet. Aber die eigentlichen Re⸗
präsentantinnen der neuen großen Zeit im Verlaufe des ersten
Jahrzehnts des neuen Jahrhunderts wurden doch die Sym⸗
phonien; und die erste (C-dur; Op. 21) ist schon im Jahre
1800 zur Aufführung gelangt. Es war der Moment, da
Beethoven, bereits unter den harten Erfahrungen zunehmender
Schwerhörigkeit, zum Manne heranreifte: sehr spät im Ver—⸗
hältnis zu der Frühreife anderer Meister und namentlich auch
der der klassischen Zeit, und nach seiner Gewohnheit nicht ohne
die gründlichsten technischen Vorbereitungen hat er sich der
höchsten, aus der Kammermusik heranwachsenden instrumentalen
Form genähert. Aber nur wenige Jahre, und schon folgte
die „Eroika“ (1804, Ps-dur; Op. 55). Das Neue an ihr war,
daß jetzt jede Erinnerung an die bloße Schönheit der alten
absoluten Musik und damit auch jede soziale Bindung der
        <pb n="403" />
        Bildende Kunst und Musik.

695
musischen Kunst an irgendwelche speziellen gesellschaftlichen An—
sprüche, seien es die des Adels, seien es die des Bürgertums,
mit einem abgestreift erschien. Denn diese Symphonie zeigt
nicht mehr in der herkömmlichen Weise typische Stimmungen
ihrer einzelnen Sätze, deren Gefühlswert in Einzelheiten ja
wechseln mochte, im ganzen aber festgelegt war: sondern ihr
liegt ein einziger großer poetischer Plan zugrunde. Den Gang
des Genius in dieser Welt der Unvollkommenheiten zu schildern,
den heroischen Kampf um sein innerstes Dasein und dessen
Auswirkung, den Augenblick des scheinbaren Unterliegens, dann
aber doch freudigen Aufschwungs und endlichen Sieges in einer
idealen Welt in Tönen darzustellen: das war die Aufgabe.
Man weiß, wie überwältigend sie Beethoven gelöst hat. Wie
setzt das Ganze elementar ein, fast lieblos im Ausdrucke,
starr, die musikalischen Eindrücke wie Stahlblöcke geschleudert;
wie durchdringen den Trauermarsch schrille Klage, grollende
Trauer, und doch fromme Hoffnung auf den Sieg des Großen,
kein Ton zuviel und kein Ton um des Tones halber: bis die
späteren Sätze durch humoristische und parodistische Elemente
hindurchdringen zur seligen Anschauung des Heldenwerkes und
jubelnd die Lebensregel des Meisters verkünden: „Kraft ist die
Moral der Menschen, die sich vor anderen auszeichnen, und sie
ist auch die meinige.“ Bekannt ist, daß Beethoven die fertige
Schönschrift des Manuskriptes der „Sinfonia eroica, composta
per festeggiare il sovvenire di un grapd' uomo“ mit der
Aufschrift „Buonaparte“ versehen hatte; daß er aber, als ihm die
Nachricht wurde, Bonaparte habe sich zum Kaiser erklärt, in
Wut geriet und ausrief: „Ist der auch nicht anders als ein
gewöhnlicher Mensch!“ — an den Tisch ging, das Titelblatt
oben anfaßte, bis unten durchriß und zur Erde schleuderte.
Nach der ersten Aufführung der „Eroika“ im Januar 1805
erschien unter den Berichten über sie der folgende. Die Sym—
phonie „ist eigentlich eine sehr weit ausgeführte kühne und
wilde Phantasie. Es fehlt ihr gar nicht an frappanten, schönen
Stellen; sehr oft aber scheint sie sich ins Regellose zu ver⸗—
lieren. Des Grellen und Bizarren ist zuviel, wodurch die
        <pb n="404" />
        696

Zweiundzwanzigstes Buch.
Übersicht erschwert wird und die Einheit beinahe ganz ver—
loren geht.“ Verfasser der Kritik war Karl Maria von Weber:
nicht nur über seine Zeit, auch über die Besten des kommenden
Geschlechtes schon war Beethoven hinausgewachsen.

Über die „Eroika“ haben die folgenden Symphonien dieser
Periode bis zur achten einschließlich in mancher Hinsicht nicht
hinweggeführt. Charakteristisch ist, daß die Skizzen zu der
ausgeglichensten und gedankenreichsten unter ihnen, der in
C-molll, bis zum Jahre 1801 zurückreichen. Freilich: die Kunst
der musikalischen Durchführung wuchs außerordentlich; auf
diesem Gebiete hat der überaus genaue und technisch kaum je
mit sich zufriedene Meister niemals gerastet und ununterbrochene
Fortschritte gemacht; und in dieser Hinsicht vermittelt wohl
die achte Symphonie den Eindruck der größesten Reife.

Charakteristisch ist bei alledem, daß im Verlaufe dieser
Kompositionen gewisse Jahre hindurch, etwa um 1805 und
1806, das romantische Element, sonst bei Beethoven nur ein
Stimmungstyp nebeu vielen anderen, etwas stärker durchklingt;
so namentlich in der Einleitung der vierten Symphonie, so
auch in der um die gleiche Zeit entstandenen großen Klavier—
sonate in F-moll (Op. 57), der „Appassionata“. Es war ein
Durchgangsmoment, wie sich deren außer bei Schiller vor—
nehmlich auch bei Goethe eingestellt haben: hat man die
O-mollSymphonie mit dem Faust verglichen, so mag man in
diesem Zusammenhange wohl Wilhelm Meisters gedenken. Und
wie hier innere Berührungen der größten deutschen Phantasie—
künstler der Zeit stattfanden, so brachte der Schluß dieser
Periode, das Jahr 1812, auch ihre persönliche Begegnung.
Es war eine Zeit, da Beethoven sich ganz dem Genius Goethes
mit aller, seinem Charakter noch eben möglichen Aufopferung
genähert hatte; im Jahre 1810 war die Musik zum „Egmont“
entstanden, danebenher liefen die schönsten Kompositionen
Goethischer Lieder („Mignon“, „Neue Liebe, neues Leben“). Daß
die beiden Großen einander verstehen würden, war freilich aus—
geschlossen. Goethe blieb auf musikalischem Gebiet wie auf so
manchem anderen ein Mann der Mitte des 18. Jahrhunderts
        <pb n="405" />
        Bildende Kunst und Musik.

z97
und also im Grunde Anhänger der absoluten Musik; die
äußerlich sonderbare Erscheinung Beethovens hätte ihn wahr⸗
haft nur aus einem innigen Verständnisse seiner Schöpfungen
her fesseln können. „Beethoven habe ich in Teplitz kennen ge—
lernt. Sein Talent hat mich in Erstaunen gesetzt. Allein er
ist leider eine ganz ungebändigte Persönlichkeit, die zwar nicht
unrecht hat, wenn sie die Welt detestabel findet, aber sie frei—
lich dadurch weder für sich noch für andere genußreicher macht“.
Die herrlichste Frucht der symphonischen Zeit im Momente
ihrer leisen Anbiegung an fast überwiegend romantische Stim—
mungen ist der „Fidelio“ (1805). „Fidelio“ ist vor allem ganz
deutsch. Liszt hat einmal bemerkt!, daß alle großen deutschen
Opernkomponisten bis auf Richard Wagner mit Ausnahme
Beethovens ihrem eigenen Lande gewissermaßen ferngeblieben
seien: Mozart habe wohl in tragischen Momenten den de—
klamatorischen Akzent merklich seinem Rechte genähert, doch
verlangten seine Opern darum doch Sänger, die nach der
italienischen Schule gebildet seien; Gluck und Meyerbeer hätten
für das Pariser Publikum geschrieben; Weber würde, hätte er
länger gelebt, höchstwahrscheinlich für England gewirkt haben.
Ist dies Urteil auch übertrieben, so bleibt doch bestehen, daß
„Fidelio“ in der Tat die erste ganz deutsche Oper ist: und zwar
ganz unbewußt, nur aus dem Zusammentreffen des Charakters
des Meisters mit dem tiefsten Gange der national-psychischen
Strömungen entstanden: leise Romantik und leises National⸗
gefühl, so zart und wunderbar in ihren Anfängen um das
Jahr 1800, sie spielen hier in verstohlener Seligkeit mit. Es
ist einer jener wichtigen Unterschiede von den Opern Mozarts,
die sich auch sonst verfolgen lassen und für den „Fidelio“ alle
entwicklungsgeschichtliche Fortschritte bedeuten. Mozart hatte
zuerst Opernfiguren musikalisch scharf umrissen; er war zum
Realisten der Operncharakteristik geworden. Beethoven bildete
die Personen schon zum Typus um; ihm erscheint das einzelne
schon in allgemeiner, idealer Beleuchtung. Damit werden denn

Werke 2, 3, 2, 241.
        <pb n="406" />
        698

Sweiundzwanzigstes Buch.
die wesentlichen Züge der Handlung, jener schönsten aller Ver—
herrlichungen der Frauentreue, schon als im Bereiche der eigenen
Stimmungswelt jedes Zuhörers und Zuschauers liegend be—
trachtet; das Allgemeinmenschliche tritt hervor und ergreift mit
ganz anderen Akzenten als die objektivere Instrumentation der
Handlung bei Mozart. Und hiermit, bei einer idealisierenden
Charakteristik der einzelnen Personen, hält die Kunst Beethovens
nicht inne. Weiter vor dringt sie zur Wiedergabe der Gesamt—
stimmung sowohl der Einzelpersonen wie der ganzen, das Stück
umfassenden Umwelt. Wie ist doch die Leidensstimmung, in
der wir uns den Gemahl Leonorens vorstellen müssen, ohne ihn
lange Zeit hindurch gesehen zu haben, von vornherein vor—⸗
gebildet und später, da wir ihn sehen, vertieft durch die Klagen,
mit denen der Gesang der Gefangenen unser Herz erschüttert!
Es ist eine Anwendung der Milieuschilderung von keuschester
und zugleich vollkommenster Ursprünglichkeit. Und dieser Zug
steht nicht allein; völlig durchwebt ist die Oper mit verwandten
Motiven.

So konnte auch ihr musikalischer Stil nicht der alte
bleiben. Schon begann sich die orchestrale Begleitung des Ge—
sanges zu symphonischer Kraft und zyklischem Zusammenhange
auszuweiten, und wurden auch die alten Gesangsformen der
italienischen Oper noch nicht völlig gesprengt, so erlitten sie
doch eine Einordnung in die Gesamtheit des musikalischen Ge—
füges, die den Singstimmen nach der Auffassung der Zeit nicht
selten Gewalt tat.

Unter diesen Umständen ist leicht zu begreifen, daß die
Oper trotz der elementaren Gewalt, mit der sie die Herzen
erfaßt, bei ihrer ersten Aufführung im Jahre 1803 durchfiel.
Im Jahre 1814 war dann, nach einem etwas guünstigeren
Schicksale im Jahre 1806, ihre Wiederaufnahme zwar von
Erfolg begleitet; aber in ihrer vollen Bedeutung erkannt und
anerkannt wurde sie doch erst 1822, als die Rolle der Leonore
in der Schröder-Devrient einer Dolmetscherin von außer—
ordentlicher Begabung zufiel.

Es waren die Zeiten, da der alternde Meister am Aus—
        <pb n="407" />
        Bildende Kunst und Musik. 699
gange seiner zweiten fruchtbaren Periode stand. Schindler,
der hingebende Freund der späteren Jahre Beethovens, erzählt
uns eben von jener Neuinszenierung des „Fidelio“ im Jahre
1822 eine Episode, die einen erschütternden Einblick in das
Seelenleben des Meisters in dieser Zeit gewährt. Beethoven
wollte die Oper selbst dirigieren und leitete daher die letzte
Probe. Aber schon nach den ersten Szenen ergab sich, daß
es unmöglich war: Beethoven hörte nichts mehr. Doch nie—
mand wagte, ihm das Furchtbare zu sagen. Da endlich fragte
er selbst; und Schindler schrieb ihm wenige Worte auf. Er
eilte aus dem Theater, warf sich zu Hause aufs Sofa, stumm,
und bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen. Schindler schließt
seinen Bericht mit dem Satze: „Von der Einwirkung dieses
Schlages hat er sich nie mehr ganz erholt.“

Der taube Meister dieser Jahre und der vorhergehenden
Zeit, der Periode von etwa 1818 bis 1824, war es, der der
Welt die Neunte Symphonie und die „Missao solemnis“ ge—
schenkt hat.

Man hat wohl gesagt, daß die musikalischen Perioden
Beethovens mit durch sein Gehörleiden bestimmt gewesen seien.
Es ist möglich. Sicher erscheint, daß die unfruchtbare Periode
(etwa 1813 bis etwa 1819) die Zeit ist, in der die Schwer—
hörigkeit in Taubheit überging; die ältesten erhaltenen Kon—
versationshefte stammen etwa aus dem Jahre 1816. Doch
sicher ist es oberflächlich, die Perioden der inneren seelischen
Entwicklung Beethovens nach der Zunahme allein des Gehör—
leidens abzustufen. Beethoven war eine tief pathologische
Natur; und erst eine Biographie, die den pathologischen
Prozeß klarlegt, wird es vielleicht einmal ermöglichen, die
Anderungen des musikalischen Stiles in unmittelbare Beziehung
zu tieferen biopsychologischen Motiven zu setzen.

Fest steht, daß in der letzten Periode des Meisters ein neuer
Stil auftritt, der sich am einfachsten an den Klavierwerken dieser
Zeit, schon der Hammerklaviersonate von 1818, namentlich aber
den letzten Klaviersonaten (1820 bis 1822), in manchen Richtungen
eingehend auch an den Quartetten (1822) verfolgen läßt. Was
        <pb n="408" />
        700

Sweiundzwanzigstes Buch.
hier äußerlich zunächst auffällt, ist die ungeheuere Verwachsen⸗
heit des Melodiösen; tausend Melodien und Teile solcher sind
durcheinandergewoben: es ist, als sprächen nicht Stimmen,
sondern Gesellschaften von Stimmen und Chören. Dabei ist
der sinnliche Körper der Musik auf das geringste Maß be—
schränkt, und die früher noch nicht seltenen Blüten mehr reiner
Tonschönheit sind abgestreift und verweht; kaum daß man noch
ihre Spur findet. Da ist alles der Ausdruck eines tiefen Grübelns
und tragischen Träumens, der bloße Ernst von einstmals mit
seinen noch immer wunderbar frischen Spiegelungen in Humor
und Groteske ist von ihnen abgelöst; ganz fast ist die vlaemisch⸗
rheinische Heiterkeit geschwunden, und an der Stelle des einst
pathetischen Erzählers waltet und kündet der Philosoph. Und
mas er ausspricht, ist feierlich, mystisch, religiös, fast kirchlich
im Sinne der Kultusformen einer erst zukünftigen, neuen Ge—
meinde der Heiligen; wer wird nicht Töne des Parsifals hier
vorgeahnt, ja, angeschlagen finden!

Natürlich, daß damit eine neue musikalische Formgebung,
ein Rütteln schon an den Lehren der herkömmlichen Harmonie
verbunden war. Schildern wir zugleich den Eindruck der letzten
großen Orchesterwerke, so sehen wir, wie sich unter genialer
Abwandlung der Formen einer archaisch gewordenen Musik
eine neue kontrapunktische Schreibweise durchbildet, wie die
Anfänge der modernen Fuge und fugenartige Sätze auftauchen,
die nicht mehr nach der strengen Schulformel der Quinten⸗
fuge durchgeführt sind, wie endlich die Modulation das Gängel⸗
band des regelmäßigen Wechsels zwischen Tonika und Domi—
nante abwirft. Dabei weiten sich die Satzformen: immer neue
Glieder und Zwischenglieder sprießen hervor; immer tiefer
wird das Atmen der Musik unter der Belastung durch einen
unendlichen Gefühlsgehalt. Und alledem wird nun der her⸗
kömmliche Zirkel der Harmonie nicht mehr gerecht; ein wahres
Wühlen in den Tonelementen beginnt, und Dissonanz auf
Dissonanz entwindet sich dem Streben nach Charakteristik des
Unendlichen.

Es ist das letzte Herrschaftsringen eines Meisters sonder—
        <pb n="409" />
        Bildende Kunst und Musik.

701
gleichen; und insofern schließt der neue Stil ein Heldenleben.
Aber es ist doch zugleich auch Vorahnung eines künftig
Werdenden. Wer diesen Stil mit dem neuester Musik, der
ausgespochenen Musik der zweiten Periode des Subjektivismus
vergleicht, der findet tausend Ähnlichkeiten und tausend Anlässe
wenigstens zur Erinnerung: ihm erscheint dieser letzte Stil
Beethovens wie ein Vorläufer dessen, was in der Gegenwart
werden will, nur von der dünnen und schlanken Keuschheit des
eben erst Keimenden, vielleicht auch ein wenig von der Leere
des Alters. Um einen Vergleich zu wagen: wie sich Runges
symbolische Blätter, der Morgen etwa oder der Abend, in
ihrer schwankend-zerbrechlichen Ornamentik, in der schüchternen
Verwendung von Gänseblümchenmotiven und Motiven der
blauen Blume und in ihrer bescheidenen Farbigkeit von der
Ornamentik des Impressionismus mit seinen Lilienstengeln und
Orchideen und der dichten Glut seiner Farbengebung unter⸗
scheiden: so stellt sich die letzte Musik Beethovens, wenigstens
was die Klavier- und Kammermusik betrifft, zur Musik der
jüngsten Zeiten.

Die größten Werke dieser Spätzeit waren die „Missa
solemnis“ (1818 - 1822) und die Neunte Symphonie (1817
bis 1824).

Zu der Zeit, da sich Beethoven mit der großen D-dur-
Messe beschäftigte, schrieb er in sein Tagebuch das kurze
Gebet: „O höre stets, Unaussprechlicher, höre mich, deinen
unglücklichen, unglücklichsten aller Sterblichen!“ Und Schindler
versichert, Beethoven „sei vor und niemals nach jener Zeit
mehr in einem solchen Zustand absoluter Erdenentrücktheit“ ge—
wesen. Denn Beethoven war es ernst mit seinen religiösen
Gefühlen, doppelt ernst, wenn er sie in die Formen eines für
ihn archaischen Glaubensbekenntnisses zu gießen hatte. Er
hatte sich aus Champollions „Gemälde von Ägypten“ zwei Auf—⸗
schriften vom Tempel der Göttin Neith abgeschrieben und ein—
gerahmt auf seinen Schreibtisch aufgestellt: „Ich bin, was da
ist. Ich bin alles, was war und was sein wird; kein sterb—
licher Mensch hat meinen Schleier aufgehoben.“ Und: „Er ist
        <pb n="410" />
        oe

Zweiundzwanzigstes Buch.
einzig von ihm selbst, und diesem Einzigen sind alle Dinge ihr
Dasein schuldig:“ Durchgedrungen war er zu jenem enthusia⸗
sttischen Pantheismus, wie er doch deistische Elemente nicht
ausschloß, der als das gemeinsame Glaubensbekenntnis der
Großen der frühen Zeiten des Subiektivismus bezeichnet
werden kann.

Aus diesem Glauben, aus dieser frommen Haltung heraus
hat Beethoven, demütig auch vor den Offenbarungen des
Thristentums, seine Messe gedichtet. Und welcher wenn auch
subjektiven Versenkung in die Geheimnisse selbst dieser Welt
erwies er sich fähig! Welche Stufenleiter von Empfindungen
von dem bittenden Kyrie Eleison des Anfangs zu dem jubelnden
Gloria, von dem festen und doch in seiner Gewißheit alle
Zweifel überwundener Kämpfe offenbarenden Credo zu dem
sanft erregten Benédictus, qui venit in nomine domini,
mit dem das Überirdische sinnlich Einzug hält in gefühlvolle
Herzen! Und wie sie zum Herzen geht, so ist diese Musik mit
Herzblut geschrieben: wo sonst erscheint das Credo gleich
majestätisch in seinen kosmologischen Grundlagen, gleich innig
in seinen geschichtlichen Heilstatsachen, gleich jubelnd in seinen
künftigen Hoffnungen gedolmetscht?

Dennoch: was den Meister letzten Endes und höchsten
Zieles bewegte, was sein persönliches Glaubensbekenntnis war
und seine künftige Gewißheit, das hat er erst in der Neunten
Symphonie als unvergänglichstem Denkmal seiner Persönlichkeit
hinterlassen. Und es hat sich, eine Prophezeiung des Genius,
ils die spes erwiesen venturi saeculi.

Beethoven war, bei aller Tragik seines Lebens, wie jeder
große Künstler, im Grunde Optimist. Denn er schuf; und
Schaffen heißt Seligkeit. Und so suchte er das Glück nicht
erst jenseits der dunkelnden Horizonte dieser Erde: auf ihr
selbst schon wollte er es genießen und genoß es in der stillsten
aller Einsamkeiten, dem Alleinsein des Schöpfers. Das ist
hm die große Freude, die Freude, an die er glaubte als eine
dereinst allen erschließbare diesseitige Seligkeit, von der er
neinte, daß sie in den schönen Tagen Griechenlands schon
        <pb n="411" />
        Bildende Kunst und Musik.
708
einmal herabgestiegen sei auf diese schmerzensreiche Erde. Und
in diesem Sinne wurde ihm der Kultus der Freude das Symbol
einer künftigen, als möglich gedachten, weil schon einmal er—
lebten Regeneration der Menschheit: und früh schon suchte er,
dem dunklem Drange seines Wesens folgend, diesen Zusammen—
hang; schon 1793 wollte er Schillers Freudenlied komponieren,
und im Beginne des neuen Jahrhunderts, in dem Heiligenstädter
Testament, einem der tragischsten Denkmäler unserer Geschichte,
bittet er Gott verzweiflungsvoll um „einen reinen Tag der
Freude“. Was aber sein Herz durch Jahrzehnte bewegte, hat
er in vollstem Herzensergusse tönend erst erlebt und tönend
offenbart in der Neunten Symphonie. Denn die Erlösung zur
Freude ist der bewegende Grundgedanke dieses Kathedralbaues
unter den symphonischen Werken der letzten Jahrhunderte: zur
Freude nicht im Dienste der Sinnlichkeit, nicht im lustvollen
Ausruhen griechischer Religion in Gott, sondern zur Freude
schöpferischen Wirkens. In ihr wird die Welt dereinst siegen,
in ihr der Mensch erhöht werden über den Jammer der Ver—⸗
gangenheit, in ihr sich die Menschheit verbrüdern zu einer
einzigen Humanität und einem Gedanken Gottes. —

Bei aller Tragik seines Lebens darf Beethoven doch wahr⸗
lich glücklich gepriesen werden. Denn er hat sich vollenden
dürfen. Mochte er auch noch eine zehnte Symphonie und
andere Dinge planen: in der Neunten hat er als in einem klaren
Testamente der Nachwelt vermacht, was er ihr sein konnte.
Und wer sieht nicht, daß er mit seiner Philosophie der Freude,
wie schon Schiller und Goethe in anderer Art, die Brücke
schlägt von der ersten Periode des Subjektivismus zur zweiten:
zu Richard Wagner und seiner Regenerationslehre, zu den
Ahnungen schon Ludwigs und Hebbels und zu der halsstarrigen
Gewißheitslehre vom Übermenschen Nietzsches? Jenes Sehnen
nach einer neuen Sittlichkeit und nach einem neuen Glauben
var in ihm, wie es die volle Entfaltung des Subjektivismus
einmal zu befriedigen bestimmt ist: einer der Frühesten war
er, der da die Augen aufhob zu den neuen Bergen, von denen
die Hilfe kommen soll; und so werden seine Melodien die

Lamprecht, Deutsche Geschichte VIII. 2. 45
        <pb n="412" />
        704

Zweiundzwanzigstes Buch
Menschheit auf ihrem Pilgrimszuge zu diesen Bergen begleiten,
bis sie dem Triumphliede weichen werden, daß der Gipfel er—
reicht sei. — —

Sehen wir aber jetzt von dem mit Beethoven erreichten
Standpunkte rückwärts auf die Entfaltung der Phantasie⸗
tätigkeit und des Denkens unseres Volkes von der Mitte bis
über das Ende des 18. Jahrhunderts: welch unglaublich reicher
Verlauf tritt da uns entgegen! Welches Drängen von tausend
Gestalten, welcher Zug von Genies und Talenten, welches
Hasten nach vorwärts und welche Erträge! Aber es kann hier
nicht die Aufgabe sein, diese Erträge in reich gebundenen
Garben noch einmal zusammenfassend in weiter Scheuer zu
sammeln; und noch weniger ist es möglich, den Zug der ge—
samten Entwicklung noch einmal auch nur in seinen Hauptphasen
an uns wie eine Prozession von unerhörter Pracht vorüber
zu führen. Ja selbst der höchsten Gipfelpunkte der Entwicklung,
der Taten Herders und Kants, Goethes und Schillers, Mozarts
und Beethovens kann hier nur im monumentalsten Sinne,
durch bloße Namenskündung, gedacht werden; denn der Ver—
lauf unserer Erzählung bedarf einer Zusammenfassung der
Kultur der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts an anderer
Stelle, da, wo von 'dem weiteren Ausbau unseres geistigen
Lebens die Rede sein wird, und eilt zunächst ganz anderen
Zielen, der Schilderung der äußeren, öffentlichen, politischen
Entwicklung des frühen Subjektivismus zu.
        <pb n="413" />
        J. Bachregister.

v
Abenteurerromane 2838.

Absolutismus 12f. 123. 130. 193.
286. — in England 101.

Achatindustrie 156.

Adel, im Beamtentume 222 f. —
beim Ausgange des individuglisti—
schen Zeitalters 14. — sein Anteil
an der Bildung 224 ff.

Adelsgenofsenschaften 785.

Adreßbücher 208.

A draswes Meer, Handel 145.
51.

Akademie der Wisfsenschaften
siehe Gesellschaft der Wissenschaften.

Aldamodetum 126.

Alkoholgenuß 199.

Ameräükaß Entdeckung 100. — Han—
del 178.

Amsterdam, Bevölkerung 182. —
Handel 184. 1387. 148. — Industrie
117. — bildende Kunst 608. —
Theater 18.

Anakreontiker 234. 242. 410. 439.
449. 457. 460.

Anhalt, Hofleben 227.

Ansbach, Handel 127.

Anthropologie 318.

Antike 54. 64. 82. 283. 488. 494
bis 500. 514. 520. 530. 575. 592. 607.
o3 biöf. bed f. 6al ff. 638f.

Antwerpen 109. — Börse 106. 133.
— Handel und Industrie 101 f.
1I06. 109. 117. 134. 141. 147. -
Malerei 252. 608.

Apolda, Industrie 178.

Arbeitseünstellungen 168.

Archäologie 494.

Architektür im Zeitalter des Indi—
vidualissmus 14 bis 17. — des Sub—

jektivismus 36 53. 568 bis 572. 5386.
627 bis 635.

Armenpflege 191.

Assoziationspfychologie 307.

Asthetik im Zeitaälter des Subjek—
tivismus 52. 311. 314 bis 318. 880.

Astrologie 10. 308.

Astronomie 10.

Athenäum, Zeitschrift 210 Anm.
292. 293 Anm. 356 Anm. 406 Anm.
499 Anm.

Aufklärung 10. 20. 81, 203. 245.
272. 286. 307. 438. 651. 659. 679.

Augsburg 128. 131. — Handel und
Gewerbe 98. 107. 110. 116f. 127.
9 147. 168. 212. — Verfassung

M
Baden (Großherzogtum), Hofleben
227. — Tabakbau 199 Anm. —
Abschaffung der Folter 285

Bader 122.

Balladen 454. 458. 545.

Bandweberei 1I18. 165.

wankelfändger 10. 154. 845. 646.

Banken 109.

Barchentweberei 117.

Barden 425.

sacoc u4ff. 570 ff. 577. 600. 610.
627. 631. 633. 6386 f.

Barrieretraktat von 1715 149.

Basel, Aufblühen im 17. u. 18. Jahr—
hundert 138 f. 141. 416. — Bau—
kunst 190. — Buchhandel 212. —
Dichtung 141. — Handel und In—
dusttie N7f 132. T305148 Dä
164. — Patrizierfamilien 1388. —
hulwesen 141. — Verwaltung
140.
        <pb n="414" />
        706

Sachregister.
B — ach bei Meiningen 522. 526.

Bauernstand 7. 219.

Baukunst siehe Architektur.

Baumeister 167.

Baumwollweberei 115. 151. 158.

Bautzen 146.

Bayern, Beamtentum 222. — Bür⸗
gertum 99. — Handel und In—⸗
dustrie 99. 140. 1858. — Protestan⸗
tismus 211. — Städte 99.
Stände 99. — Zünfte 170.

Bayreuth, Handel 127. 165.

Beamtentum 221ff.

Becken (musikalisch) 667.

Bergwerke 147. 174.

,g 183. 146. 293. — Bevölke—
rung 153. 182. — geistiges Leben
227. 490. 554. — gesellschaftliche
Verhältnisse 214. —“ Handel 149
152. 166. 212. — Kuͤnst 301 7.
329. 633 f. 6419. — Schulwesen 800
Universität 494. — Zeitungen 208

Berliner Monatsschrift 214.

Bern, Aufblühen im' 18. Jahr—
hundert 416. — Handel 182. 171.
Zünfte 122

Bibliothèdgue des Dames 291

Biedermann, Der, Zeitschrift 209.

Bierstuben 289.

Bildende Künste im Zeitalter des
Individualismus 13 f. des Sub
jektivismus 51. 53. 190. 215. 806
409. 568 bis 640.

Vndnismolerei 189. 598 bis 605
—10.

Bildungsgenossenschaften 75.

Bingen 86.

Blechbläfer 667.

Blechschmiede 119.

Blutrache 22.

Bodensee, Handel 149.

Böhmen, Handel 164. 188. 145.
152. — Zuͤnfte 170.

Bologna, Kunst 620.

Bordeéaux, Handel 137.

Börsen 166.

ie e fiehe Preuß

Brandenburg siehe Preußen.

Bratschen ziß

Braunschweig (Herzogtum), Han—

Idel 168. — Hofleben 227.

Braunschwet g Stadt), Buchhandel
212.- fonstiger Handel ios 44131

Breifach, Gewerbe 118.
Breisgau, Tabakbau 199 Anm.
Bremen 128. 186. 1388. 141. —
Börse 183. — Dichtung 141. —
Handel 108. 126. 181 s —1837. 150 f.
Ie — Verfafssung 181. — Zöolle
Brennerpaß 145.
Breslhau, geistiges Leben 190. —
Handel 148. 144f. 149. 158. 155.
Brokatstoffweberei 168. 165
Brügge, Industrie 117. — Lieb—
frauenkirche 190.
Buchdruck, Erfindung 858.
Buchdrucker 116.
Buchführer 8548.
Buchführung, doppelte 111.
Buchgewerbe 127.
Buchhandel 116. 208 f. 212. 298.
Buch horn siehe Friedrichshafen.
Bückeburg 287. 276. 334.
Budapest, Handel 183
Ie wirtschaftliche Ent⸗
wickelung in den letzten Jahrhun—
derten 14. 93 bis 170. 5890. 593
bürgerliche Offiziere 228. — Musik
g* * —
Burgfrieden, Der, siehe Eschke,
Ernst Adolf.
Burgund 101.

E.
Oabinet des princes de lDurope
224.

5 — in Württemberg, Industrie

Cello 666.

Cembalo 642. 657. 667. 681.

Chalons 162.

Charlotttenborg, Schloß in Dä—
nemark 606.

Chartres 162.

Chemie 10.

Chemnitz 494. — Baumwollweberei
151. — Industrie 145f. 151.

Lhristentum im individualistischen
Zeitalter 47 bis 81. — im subjelti
vistischen 271. 275f. — Einfluß der
Alten 277.

Dollegia musica 681f.

Oyclopaedia Paracelsica Chri-
stiana 299.
        <pb n="415" />
        Sachregister.

707

D

Empfindsamkeitszeitalter 81.
87. 89. 214. 232. 240. 244 bis 248.
250. 259. 269. 279. 284. 289. 294.
297. 308. 311. 317 f. 333. 374. 492.
419. 421. 423. 435. 487. 489 f. 442
bis 445. 448. 454. 482 bis 485. 490f.
499. 506 f. 5316. 531. 592. 600. 6183.
647. 650. 652. 665.

FEmpirestil 434. 586.

England, geistiges Leben 205. 251
268. 309. 335. 364. 398. 417. 483 ff.
548. — Zeitalter des Individua—
lismus 9. — Kunst 434 595. 610.
628. — Handel und Industrie 59
94. 98. 100 ff. 105 bis 108. 123. 134
137. 147f. 155. 161. 178f. 181. 184.
— Volkswirtschaft 86.

Fpos 547 f.

Shnet 50. — Handel 148. 146. 150.

52.

Erlangen, Handel 127. 178. —
Universität 357.

Erzgebirge, Handel 148.
Erziͤehung 26ff. — im 18. Jahr—
hundert 82. 289 f. 296 bis 302
Ethik im Zeitalter des Individua—
lismus 117. — des Subjektivismus

47. 49. 272.

Ethnologie 309.

Ettersberg und Ettersburg bei
Weimar 462. 559.

Fulenspiegel 204.

isce Fama 224.

Futin 212. 2275.

Daguerreotypie 601.

Dänemark255. — Handel 103 186.
— Kunst 606. 638.

Danzig 141. — Bevölkerung 182.
— Handel 103. 182. 149. — Kunst
598 ff

Darmstadt (iehe auch Hessen, Groß—
herzogtum), Buchhändel 212. —
Kunst 599.

Demokratismus im Zeitalter des
Subjektivismus 57 f.

Defsau227.-Philanthropinum 296.

„Deutsche Chronik“ von Chr. F.
D. Schuͤbart 208.

Deutsches Museum 333.

Diersulene schlestsche 146. 292.

Dichtung als Teilgebiet universal—
geschichtlicher Entwickelung 77. —
im Zeitalter des Individnalismus
16 bis 18. — im Zeitalter des Sub—
ektivismus 51ff. 204. 285. 265 bis
269. 406 f. 499 bis 567.

Doelenst ücke 600.

Donau, Schiffahrt 142. 145.

Drahtziehereien 117.

Drama, Anfänge 17. — des Sub—
jektivismus 419. 448. 463. 515 ff.
bis 548. 553 bis 567.

Dramma per musica 641.

Dresden, Bevölkerung 182. —
Handel 144f. 150. 152. — Kunst
514. 594 f. 603. 607. 613. 619. 629.
— Zeit Schillers 529. — Zolle 96.

Düsseldorf 156.
——

.
Eastland Company 102.

Fdelmetallproduktion 109.

Bdinburgh' Review 434.

Eger, Handel 145.

— ihre Bewertung im 18. Jahr—
hundert 291ff.

Fisenach 502. — Handel 148. 146.

Eisenindustrie II4f.

ẽ e, Schiffahrt 114 152. — Zölle

Elementarschulen 298f.

Elfenbeinschnitzerei 187.

Elfsaß, Tabakbau 199 Anm.

Fabriken 113f. 140. 181. 185.

Fagotte 648. 667.

2 Leute 410.

Familie in der deutschen Urzeit 68.
74. — am Ende des 18. Jahr—
hunderts 286 bis 294.

Färberei 118. 122. 157. 165.

Fichtelgebirge, Dendel 142. 145.

Fischerstechen 218.

ere geistiges Leben 252. —
gesellschaftliche Verhältnisse 187. —
Innve 144. 147. - Tuchmacherei

Fliegende Blätter von deutscher
Art und Kunst 447. 489.
        <pb n="416" />
        708

Sachregister.

Florenz, Handel 1083f. 107.
lzten 643. 667.

olter 28. 285.

ortepiano 668.

zranken, Industrie 159. 178.

——— a. Main, Aufblühen im
17. und 18. Jahrhundert 188. 141.
215f. 514. 547. — Börse 147. —
Buchhandel 212. — sonstiger Handel
140. 148f. 147 f. 152. 159. 215 f.
Kunst 595. — sonstiges geistiges
Leben 255. — Zeit d, 510.
526. — Messen 147. vPoly—
technische Gesellschaft 216. — Stä—
delsches Institut 216. — Verfassung
129. 131.

eaee a. d. Oder, Handel 152

Frankreich, Finanzwesen 86. 110.
— Zeitalter des Individualismus
9. — geistiges Leben 251. 309. 312
330. 373. 415. 484 f. 548. — Kunsi
16. 434. 594f. 628. 636. 641. 671.
— Musik 645. 647. 657. 67 1. 678.
— Kirche 25. 164. — Handel und
Industrie 59. 94. 100. 106. 108 f.
117. 126. 182. 187 f. 140. 143
147. 161 bis 164. 179. 181.

Frauenarbeit 115. 118.

Frauenemanzipation?glf.

Freiberg (achsen) Handel 145.

j — urg im Breisgau, Gewerbe

Freiburg an der Unstrut 502.

ß entt 59.

ß Vneiege Einfluß auf die
Bildung 216. — auf das National—⸗
gefühl 59.

Freimaurer 218. 659.

Fremdwörter 141.

ß ndichaftsrurtns 261f. 281f.
601.

Friede, Stettiner (1570) 103.

Friede, Westfälischer 445. — han—
delspolitische Folgen 149. — Bremen
kommt an Schweden 136. — Be—
stimmungen über Zölle 95.

Friedensburg (Dorf, Reg.-Bezirk
Stettin) 419.

Feedrich ghafein (früher Buchhorn)

Friesen 685.

Frühromantik 84.

Fugen 670. 700.

Fürsten, Verhältnis zu den Städten
95. 99. — beim Ausgange des in—
dividualistifchen Zeitaälters 14. —
Verhältnis zum Großkapital 104 f.
107. 147. — zu den Bildungs—
ssürliten des 18. Jahrhunderts
226f.

G.
Galanteriewaren 187.
Bartenbaukunst 630.
Bazeweberei 117.
Seburtsrecht 75f.
Gegenreformatidn, Wirkung auf
die Malerei 16.
Beheime Gesellschaften 218f.
Beigen 644. 666.
Beisteswissenschaften im Zeit—
alter des Individualismus 11. —
des Subjektivismus 43f. 84.
Beldhandel, Geldverkehr 104
bis 111. 138. 147.
Bemäldegalerien 190.
Gxpossenschaften, mittelalterliche
Gent 580. 588.
Genug, Fabriken 118. — Handel
103 f. 107. 109.
Vesnnbrrittet im 18. Jahrhundert
Gesang 642ff.
Geschichtswissenschaft im Zeit—
alter des Individualismus II.
Beschlecht in der deutschen Urzeit
68. 74.
Gefschlechtertänze 289.
Gesellenverbände 121. 124f. 168f.
Gesellschaft der Wissenschaften,
preußische 341.
Gesellschaftshäuser 289.
Besellschaftsromane 247.
Bewandfschneider 115.
BSewerbe 1TI2 bis 179.
Bewürzhandel 146.
Bilden 75.
Boldfädenfabrikation 117.
Goldhandel 168.
Goldschmiedekunst 116. 156. 165.
— —
Goseck bei Weißenfels 502.
Gotha(siehe auch Sachsen-Coburg
und Gotha) 629f. 649. — Buch—
handel 212.
        <pb n="417" />
        Sachregister.

709

Gotik 14. 671.

Göttingen, Buchhandel 212. —
geistiges Leben 235. 490. 494. —
Universität 225. 416.

Braubünden im dreißigjährigen
Kriege 189.

Graz, Handel 140.

eete 256.

Broßindustrie 440.

Broßlichterfelde 686.

„Gründeutschland“ 444

Buinea Company 102.

Bymnasien 300.

Hansestädte, Verfassung 131.
härter (Klingenschmiede) 115.
arz,148.
hausierer 122. 154.
hHausindustrie 113f. 154. 156 bis
159. 168.
avel, Handel 152.
eidelberg, Bevölkerung 193. —
Buchhandel 212.
Heiligendamm, Seebad 257.
Heimarbeit 154f. 176f.
helgobland 132.
herrnhut 9. 278.
Hefsen (Großherzogtum), Handel
146. 165. 168. — Hofleben 227.
— Handel 146. 165.
68.
nbhted 456.
Inbers in Schlesien, Handel
Hochschulen 208.
5of (Stadt) 145. 150.
dohen-Asperg bei Stuttgart 449f.
Holland siehe Niederlande.
Holstein, Abel 184. 225f. — Buch⸗
handel 212.
Holzbaukunst 569f.
olzbläser 667.
olzschnitt 588.
zolzschnitzerei 127. 159.
3örnex (musikalisch) 648. 667.
hörfeltal bei Eisenach 148.
zofenstricker 115. 122.
zugenotten 127. 138.
umanismus 7. 228. 300.
utmacherei 115. 163. 165.
üttenwerke 147.

5
qaarlem, Industrie 117.
afner 122.
ainbund 55. 234f. 482. 489.
alle (Saale) 257. 502. 671. —
Handel 142f. 1500f. — Tabakbau
199 Anm. — Universität 494.

hamburg 128. 141. — Admiralität
135. — Bevölkerung 136. 182. —
bildende Kunst 190. 595. 606 ff.
338. — Börfe 188. 185. — Buch—
handel 212. — Dichtung 141. -
geistiges Leben 255. 435. — Gixo—
hank 184. — Handel 96ff. 102f.
131 bis 187. 141. 144 f. 149 bis 152.
159. 163. 165. 178. — Handlungs—
akademie 1883. — Kaufmannsrat
185. — Kommerzdeputation 135. —
Merchant Adventurers 98. 102.
123. 134. — Musik 190. 672. —
Patriotische Gesellschaft 188. —
Seeversicherungsgesellschaften 137.
—Theater 171. 190. — Verfassung
129. 131. 187. — Zöolle 96.
ammerklaviere 668.
ammerwerke 117.

Hanau, Handel 165. — Tabakbau
199 Anm.

Handel der letzten Jahrhunderte
94 bis 179. 197f. 216.

Dgndelsgefeicalten, eushiche
andelsstraßen 141 bis 158. 181.
andschuhfabrikation 118. 165
andwerk 112bis 179. 181. 194f.
annover, Königreich, Handel 168
— Zölle 96.
aunover (Stadt), Künste 630.
anse 98. 100 bis 103.

Idartal, Industrie 156.

Illustratorenschulen 589.

Indigohandel 137.

Individualismus 3 bis 24. 61
bis 81. 201. 250. 270. 273. 279.
295. 471. 641. 679.

Industrie der letzten Jahrhunderte
111 bis 180. 216.

Innungen 18585. 158.

Instrumentalmusik siehe Musik.

Instrumente, musikalische, siehe
Musik.

Intellektualismus des 16. bis
18. Jahrhunderts 272.

J. Vokal.)
        <pb n="418" />
        710

Intelligenzblätter 208.

Jtalien, Baukunst 16. Handel
und Industrie 100 ff. 108 117.
127. 132. 138. 147. 162 f. 180. —
geistiges Leben 255. — Maͤlerei 594
Musik 641. 647. 652 6586 ff.
862. 682.

J. (Konsonant.)
Jagd 188.

Jauer, Handel 155.

Jema (fiehe auch Schiller, Friedr. von)
293. — Universitaͤt 357 400. 42
———

Jouxnal von und für Deutschland
208.

Journalisten 208.

Jugend, Zeitschrift 588.

Kabarette 4604.

Kabinett, Eröffnetes, des gelehrten
Frauenzimmers 291.

Kaffeehandel 187. 199.

Kaffeehäuser 242. 289. 298.

Kaltschmiede 122.

LKannengießer 116.

Kap der guken Hoffnung 450.

Kapitalissmus 167. 318

Karikatur 434.

Karlsruhe 227. — Bauten 630.

Karreten 188.

Kaffel, Handel 165. — Künste 630.

Katholizismus im Zeitalier des
Individualismus 9. 18. des Sub—
ektivismus 86. 211.

Kesselschmiede 188.

Kirchenbußen 285

Kirchenlied 9. 19. 410.

Klarinetten 667.

Klafsizismus 82f. 88f. 247 f.
269. 374. 378. 881 388. 396 401.
406. 489. 442. 488. 501 bis 867. 6500.
865. -- der Malerei 612f. 61585.
—J

Klavier 215. 648. 667 bis 671. 681.
693f

Klavizymbel 667.

Kleiduüng 28

Klingenfschmiede 115.

Kneißlied 19.

Knopfmacherei 118.

Sachregister.

Koalitionen 168.

Koblenz 96.

Kolmar Elsaß) 138.

öln 127.— Börse 147. — Handel
103. 127. 130. 144. 147. &amp; In⸗
dustrie 117. — Kunst 599. — Pa—
trizier 129.

Kolonialwarenhandel 187.

Königsbexgi. Pri 141. 323. 857.
— Handel 182. — Kants Zeit 490

Konstantinope! 149.

Kontrapunkt 10. 645.

Konzerte 215. 289. 294. 643. 666.
6erf.

Kopenhagen 595. 605 f. 621. 638.

Korduanschuster 118.

Kösen 508.

Kosmopolitismus siehe Welt—
bürgertum.

Krakau, Dande 145.

Krankenkassen 168.

Kreditwesen 199.

Krieg, Dreißigjähriger 6f. 111. —
Wirkung auf die Bevölkerungszahl
182. — auf die Sitten 2093
auf Haudel und Industrie 185.
147f. 151. 154. 171. 180 ff.

rieg, Siebenjähriger 223. 231. —
Einfluß auf Handel und Gewerbe
153. 170.

Kriminalistik 88.

Krofsen 128.

Zuchengärten 215.

Kulturgeschichte 44.

Kunst, als Teilgebiet universal⸗
geschichtlicher Entwickelung 77.
im Zeitalter des Individualismus
18. — des Subjeklivismus 25. 86.
87. 314 ff. 394 bis 398. Bildende,
fiehe unter Bildende Künste.

ßunstakademien 215f.

Kunstgeschichte 494.

Kunstgewerbe in den letzten Jahr⸗
hunderten 14. 86. 112 127. 216.

Kupferschmiede 122.

Kupferstich 589. 600.

Kuriofitätenkabinette 190

Kurzwarenindustrie 127.

8.
Landeshut in Schlesien 156.
Lautenmusik 671. 680.
        <pb n="419" />
        Sachregister.

711

Laufitz, Handel 152.
Landstädte, Handel 86f.
dandschaftsmalerei 665 bis 627.
Landkartendruckerei 127.
Lederindustrie 165.
Leihbibliotheken 85. 206f.
deinwandmanufaktur und
-handel 115. 117. 127. 133. 152.
155 bis 158. 161. 178.

Leipzig, Bevölkerung 194. — Börse
151. — Buchhandel 148. 151. 202.
212. — sonstiger Handel 142
144 ff. 148 bis 153. 159. — Leih—
hbibliotheken 207. — Messen 156.
159. — gesellschaftliche Verhältnisse
186f. 189. 191. 217f. 224 680.
Musik 215. 648. 659. 680. — andere
stünste 190. 595. 619. 626. 629f.
— Theater 248. 246. 270 554 —
Universität 217. 422. 506. 602. —
jonstiges geistiges Leben 190. 204.
207. 335. 240. 490. 514 — Goethe
in Leipzig 510. — Schiller in Leipzig
529. 554. — Völkerschlacht 148.

devantehandel 149.

Lex Salica 59.

Lexika 206.

Liberalismus 60.

Liköre 199.

Literarische Gesellschaften 294.

diteraten 208f. 216.

Literatur im Zeitalter des Indi—
vidualismus 14. — neuere 190.
204. 2183.

Lithographie 601.

Livland 256.

Locarno 188. 163.

Lohnarbeiter 114. 124.

dombardei, Industrie 162.

London 417. 435. — Bevölkerung
182. — Handel 107. — Künste
676.

dorenzodosen 255.

Loschwitz bei Dresden 527.

Löwen, Stadt in Belgien 6885.

dübeck, 141. — Börse 138. — Ge⸗
sellschaft zur Beförderung gemein—
nütziger Tätigkeit 138. — Handel
103. 132 f. —* 152.

Süneburg, Handel 152.

vuthertum zur Zeit des Indivi—
dualismus 8f. 62. — des Sub—
sektivismus 272.

—X 119. 1837 f. 174.

—178.

Lyon, Bevölkerung 164. — Börse
106f. — Industrie 162.

dyrik beim Ausgange des individug—
listischen Zeitalters 18. — im Zeit—
alter des Subjektivismus 52. 410.
448 bis 463.

M.
Madrigal640f.

Magazünfür Erfahrungsseelenkunde
241. 330.

Magdeburg, Handel 151 f. —
Tabakbau 199 Anm. — Zölle 96.
Zölle 96. — Zünfte 122.

Magie lof.

Ag en, Handel 133.

Mährisches Gefenke 148.

Malland, Handel 110.

Main, Schiffahrt 142. 145f.

Mainz, Industrie 168.

Ydalerei im Zeitalter des Indivi—
dualismus 13ff. 63. — des Sub—
jektivismus 25. 830. 53. 570 bis 627.
8337. — siehe auch Bildnismalerei,
Landschaftsmalerei.

Mannheim, Handel 148. — Zeit
Goethes und Schillers 514. 3835f.
528. 649.

Manufaktur 112. 114bis 131. 137.
3. 153 bis 160. 171. 174 ff. 178.
—181.

Markgenossenschaften 75.

Markgrafenkrieg 108.

Märklte 111.

Marocco Company 102.

Marxoquinschuster 118.

Maschinenbau 184f.

Maskeraden 289.

Materialismus 330.

Mathematik im Zeitalter des In—
dividualismus 10.— des Subjekti⸗—
vismus 342f. 351.

eagte —10.

Mecklenburg, Abschaffung der Fol—
ter 285. — Zölle Hef gderg

Meiningen Giehe auch Sachsen—
Meiningen), Buchhandel 212.

Meißen, Fürstenschule 219. — Por—
zellanmanufaktur 151.

Melodrama6851.
        <pb n="420" />
        712

Sachregister.
Merchant Adventurers 88. 102.
123. 134.
Merinoschafe 178.
Merkantilismus 18. 96. 157.
Merkur, Zeitschrift 245.
Nesgen (Gandelsmessen) 111. 147.
503.
eeemiede 115. 122. 155.
Meßscontro 147.
Metallverarbeitung 127.
Metaphysik, subjektivistische 46. 49.
308f. 311. 353.
Milchgärten 215.
Miniaturmalerei 600.
Ministerialität 228.
Minnesang 489.
Missionswesen 288.
Mittelschulen 213. 298 ff.
Mittelstand, Emporkommen 198
Monarchie, absolute 5.
Monismus 321f. 324. 327. 329.
Montblanc 256
München, Künste 594. 630 ff. 649.
— sonstiges geistiges Leben 211
234. — Industrie 160.
Münster Westfalen) 234. — Buch
handel 212.
Münzwesen 88.
Musenalmanache 206. 239
Musik im Zeitalter des Individua—
lismus 14. 16. 19. — des Subjekti—
vpismus 30. 51ff. 82. 215. 244.
265. 268. 858. 408. 640 bis 704. —
Kirchenmusik 642. 645. 666. 679.
— Kammermusik 681f. 694. —
Instrumente 663 bis 683.
Musselinweberei 158.
Mystik, Mystizismus 9. — des
fübjektivistischen Zeitalters 62. 274
375f. 379 f.

Naturrecht 21f.

Naturwissenschaften im Zeit—
alter des Individualismus 10. —
des Subjektivismus 44. 84. 274.
328. 341. 356 Anm. 357. 377.

Raumburg an der Saale 502f.

Neapel, Capella palatina 631. —
Handel 107.

Neckar, Schiffahrt 146.

Neuenburg bei Freiburg an der
Unstrut 502.

„Neuer Graben“ zwischen Oder
und Spree 152.

Teuhaus in Böhmen 161.

Neukantianismus 48.

Nibelungenlied 489.

Niederlande 23. — Freiheitskämpfe
163. — geistiges Leben 253. 483. -
zesellschaftliche Verhältnisse 187. —
Handel und Industrie 84. 100f.
105. 109. 117. 137. 143. 146. 148 ff.
155. 163. 178. 181. — die Nieder⸗
lande im Zeitalter des Individua—
lismus 9. — Malerei 219. 610.

Nürnberg 128. 181. — Bevölkerung
127f. 182. — Buchhandel 212. —
sonstiger Handel und Gewerbe 98.
104. 108. 110. 116f. 119. 1283. 127.
—————
Pherlgiertum 130. — Verfassung

O.

Oboen 648. 667.

Oden 652.

Oder, Handel und Schiffahrt 144.
149. 152.

Offenbarungsreligion 47. 49.

Ol den burg, Buchhandel 212. —
geistiges Leben 225.

Oper 18. 190. 640. 647 bis 663. 682.
— komische 650. 658.

Operette 647f.

Optik 578.

Oratorium 679.

Scchester b42657 f. 662. 666.
668f. 673. 676. 681.

Orgeln 642. 666 ff.

Ornamentik im Zeitalter des Sub—
jektivismus 570.

Ortler 256.

Osnabrück, Handel 108. — geistiges
Leben 490. Intelligenzblärter 207.

Nantes 126. — Edikt 164.

Rarwa 108.

Rationalismus 59f. 81. 285 f.

Nationalökonomie im Zeitalter
des Individualismus 11ff.

Palrnismun 256. 265. 267 bis

70.

Naturgefühl 80ff. 231. 256. 297.

Naturphilosophie 803. — des
Suübsjektivismus 221.

N.
        <pb n="421" />
        Sachregister.
718

österreich, Adel 222 — Beamten—
tum 222. — Bürgertum 99. —
Industrie und Handel 99. 127. 140
58. 160f. 1680- Schulwesen 301.
— Städte 99. — Stände 99. —
In asun der Folter 288. —
Türkenkriege 23. — Zünfte 170.

Ostin dien, Entdeckung des Seeweges
dahin 100.

Pommern, Bevölkerung 179. —
Handel 152.

Pompeji 616.

Popularphilosophie 297.

Portugal, Handel 84. 105. 108 ff.
—187. 148. 181.

Porzellanmanufaktur 151.

Posaunen 667.

Posse 18.

i bemn 629. 634. — Sanssouri

Prag, Handel 142. 145.

Präludium 668.

Preußen (auch Brandenburg), Be—
amtentum 228. — Bevölkerung 178.
Gewerbe und Handel 122. 183. 153.
I61. 165. 168 bis 171. 177. —
Preußen unter Friedrich dem Großen
28. — Politik im 19. Jahrhundert
85. — Schulwesen 300f. — Tabak—
bau 199 Anm. — Abschaffung der
Folter 2858. — Zünfte 169 ff.

Privatrecht im Zeitalter des In—
dividualismus 12.

Protestantismus, Verhältnis des
Hauses Habsburg zu ihm 99.

Psychologie im Zeitalter des Sub—
jektivismüs 34. 41f. 221. 263 f.
303 bis 408. — astrologische 303. —
Assoziationspsychologie 307.

Pädagogik siehe Erziehung.

Padua 886. 694.

Pandynamismus 68. 184. 319.
475.

Panpsychismus8f. 319.

Pantheismus 47. 475,

Papiermanufaktur 116.

Papiermühlen 117.

Paris 324. 417. — Bevöltkerung
182. — Industrie 162. — Kunst
638. 656. 676.

Parkanlagen 31.

Passemenkmacherei 118. 165.

Pästum 515.

Paternostermacher 116.

Patriziertum, ftädtisches 129f.

Perückenmacher 189.

Pfalz, Bevölkerung 182. Industrie
160. — Abschaffuug der Folter 285.

Pfeifer 122.

Phanemgnalig wue 332 ff.

Philanthropinismus 191. 206.

Philologie im Zeitalter des Indi—
bidnalisnus 117. — des Subiekt—
tivismus 493 f.

ier ent 578. 601.

Phrenoslogie siehe Schädellehre.

Physit 10 809.

Phyfiognomik 2683.

Pickelflöten 667.

Pietismusoff. 81. 190. 278. 308.
422. 488.

Pirna 142.

Plastit im Zeitalter des Indivi—
duglismus 13. 63. — des Subjek—
tivismus 80. 58. 570. 577. 616 4.
635 bis 640.

Phngen i. V., Industrie u. Handel

Polen, Handel und Industrie 147.
182. i7df.

Polypolium 174.

O.
Quarterly Review 434.
Quedlinbura 421.

M
Rationalismus 11. 20. 34. 41f.
44. 62 bis 65. 81. 201. 203. 245.
251. 257 f. 270. 274. 283. 308. 315.
330f. 334. 338f. 341. 345. 353.
367. 438. 488. 491 ff.

Rauchen 199.

Realismus des 19. Jahrhunderts
84f. 90.

Realschulen 800.

Rechtswiffenschaft im Zeitalter
des Individualismus 11f. J

Rederijkerbruderschaften 599.

Reformation 228. 277. 286. —

Reformierte Kirche im Zeitalter
des Individualismus 8. 66. 278.
        <pb n="422" />
        7

Sachregister.

Regale 174.

Régence, Trachten 188.

Regensburg 127f. 234. — Buch—
handel 212 — fonstiger Handel
97. 142. — Walhalla 631. —
Zünfte 122.

Reglementierung industrieller
Betriebe 175f. 178. 188.

Reichsstädte, Bürgertum 128bis 131
— Handel 96f — Verfassung 180f.

Reichstag zu Regensburg 127. 120.

Reider (lingenschmiede) 115.

Reifröcke 241.

Reisen 198. 256. — Reisebeschrei—
bungen 283.

Religion als Teilgebiet universal—
geschichtlicher Entwickelung 77.
Religionsflüchtlinge, ihre Wir—
kung auf Handel und Industrie

163 bis 166.

Religionskriege, Wirkung auf
den Handel 163.

Renaissance 5983f. 627. — ihre
allgemeine Kultur 228. — Einfluß
auf den Individualismus 6. 11. —
Hellenische 64.

Rentenbriefe 108.

———X Französische 84. 357.

Revue des deux mondes 434.

Rheims, Industrie 162.

Rhein, Schiffahrt 140. 148 bis 148.
— Zölle 95f.

Rheinberg am Niedecrhein 95.

Riga 324. — Handel 155.

Rifterbünde 75.

Rittergüter 224.

Rittertum, Vergleich mit dem
18. Jahrhundert 229.

Robinsonaden 253. 256. 295.

I vpradren an del —133. 142.

Rohrau bei Wien 673.

Rokoko 16f. 192. 199. 242. 570 ff.
577. 586. 600. 602. 605. 611. 618.
621. 630f. 633. 636f. 671. 674
677 f. 6092. — Trachten 188.

Rom, Bevölkerung 182. — Handel
io7. RKunst 620 f. 627. 0.
Goethes italienische Reise 515.

R nen 547 bis 553. — bürgerlicher

Romantik 32. 83f. 89f. 245. 248 ff.
253. 291. 293. 374. 383. 406. 439.

488. 485 f. 489. 516. 552f. 560.
646. 661. 689. 691. 696.
Rosenkreuzer 218.
Kdostock, Händel 108.
Rouen 162.
Kousseaugrabinseln 629.
Rudelsburg 508.
Kuhla bei Eisenach 1585.
Kufsia Companh 102.
sußland, Handel und Industrie
147. 179f.
S.

Zaale, Handel 153.

Zaaleck 5083.

Sachsen Königreich), Bevölkerung
178. — Handel und Gewerbe 1116
118. 122f. 150. 152f. 159. 161.
163. 165. 168.177f. — Abschaffung
der Folter 285. — Schulwesen 299.
Zünfte 169f.
achsen-Coburg und Gotha, Hof—
leben 227.

Sachsen-Meiningen, Hofleben 227.

Sachsen-Weimax, Groͤßherzogtum,
Hofleben 227. 294.

Sackpfeifen 485.

Zafranhandel 163.

Saint-Etienne, Bevölkerung 164.

Salinen 174.

3alzburg 686.

*ammetweberei 150. 168. 165.
san Francisco 533.

3änften 188.

Sankt Gallen, Gewerbe 116. 140.

Zanssouci siehe Potsdam.

Satire 17f. 411.

Schädellehre 263. 306.

Schafe, Elektoralschafe 178. — Me—
rinoschafe 178.

d nindu vaeiyve. Hofleben
Schauspiele, Schauspieler 17f.
— bürgerliche Schauspiele 214.

Schelde, Handel 149.

Schicksalsidee im Drama 468 bis
472. 481. 554 ff. 560. 592.

Schlagwerk 667.

Schleserindustrie 156. 158. 178.

Schleifer 115.

Schlesien, Handel und Industrie
144f. 149f. 152. 155. 159. 178.
— Tabakbau 199 Anm.

Schlosfer 122.

7—
        <pb n="423" />
        Sachregister.

715

Schnäpse 199.

Schneider 115f.

A 199.

chuhmacher 113. 116. 125. 168.

culpforta 422. 480. 502.
chulwefen 288 bis 302.

»chützenfeste 218.

chußzollfsystem 153. 161f.

»chwank 17.

Schwarzfärber 122.

Schwarzwald, Uhrenindustrie 156.

Schweden erhält das —
Kremen 136. — Handel 1683.

Schweiz 23. — geistiges Leben 252.
415f. 419. 430. — Handel und
Industrie 117. 127. 139. 141. 148.
147. 163. — ihre landschaftliche
Schönheit 32. — Literatur 190.
314. — Zeitalter des Individualis—
mus 9. — Kunst 595. 605. 638. —
wirtschaftlicher Fortschritt im
18. Jahrhundert 416.

Schwertfeger 115.

Schwertschmiede 115.

Seehandel, deutscher 98.

Seelenliebe 280. 298.

Seidenindustrie 116f. 1389f. 150.
160f. lös ff.

Seiler 116.

Sesenheim 447. 458.

Silberbergbau 104.

ilhonetten 601f.
zugspiel 648f.

Aizilien 255. 886.

Skandinavische Länder, Handel
und Industrie 137. 179.

Skeptiͤzismus 338 bis 341.

Solingen, Industrie 115. 156.

Sommerfeld Gausitz) 125.

Sonaten 670ff. 689. 693 f.

Sonneberg in Thüringen 159.

Sortimenter 548.

Sozial-Aristokratismus 57.

Sozialismus 56.

Sozialpolitik 294.

Spanien, Handel und Industrie
94. 105. 108 ff. 136f. 149. 165.
178. 181. — 'der königliche Hof
226.

Spätromantik 84.

Speier, Dom 598. — Tabakbau
199 Anm.

—A

Spielwarenindustrie 127. 159.

Spinette 667.

Z3piritismus 241.

3pitzenklöppelei 165.

or t 38. 188.

d hreiniguugavestrebungen

Spree, Handel 152.

Städte, wirtschaftliche Entwickelung
in den letßzten Jahrhunderten 93
bis 179.

3tapelrecht 96. 150.

3teinkohlenindustrie 115.

Zteinmetzen 122.

Stettin 636. — Handel 152.

dmevteesen im 18. Jahrhundert
ockholhm, Handel 155.
oizismus 10. 468.
trafrecht 22. 27f.
traßburg i. E. 324. — Aufblühen
im 17. und 18. Jahrhundert 1838.
141. — Geistesleben 190. 415. 446.
— Goethe in Straßburg 447. 510.
— Handel und Industrie 95f. 98.
117f5. 132. 139 f. 147. 149. 159. —
Universität 4158. — Münster 447.
3. — Zollwesen 95f. — Zünfte
rickerei 118. 165.
trumpfindustrie 117f. 178.
turm und Drang 33. 82ff. 87.
39. 219. 230. 237. 239ff 245 bis 252.
259 269 285. 289. 294. 297. 308.
317ff. 321. 324. 333 374. 396. 402.
106. 437 bis 502. 507. 516. 324. 528.
531. 592. 595. 600. 613. 647. 650.
372f.
uttgart, Buchhandel 212. —
Industrie 168. — Karlsschule 398.
524. — Theater 525.
ubjektivismus 8. 14. 19f. 24
bis 90 201. 210. 220. 225. 247 f.
250. 253. 258. 260f. 268. 271. 283.
295f. 302. 318. 330. 334. 356 374.
381. 398. 406. 409. 443. 456. 465.
471. 484. 494. 497. 530. 641. 668.
575f. 679 f. 686 708.

Sudeten, 148.

59umbolhlismus 725f.

T.
Tabakindustrie 118. 165. 199 Anm.
Talion 23.
        <pb n="424" />
        7116

Sachregister.

Tanz 189. 215. 289.

Tee, Einführung 199.

Teplitz 697.

Territorien, Handel 98.

Teutoburger Wald 1483.

Textilindustrie siehe Weberei.

Theater 17. 215. 242 f. 294

Fheatrum Europaeëeum 224.

Theologie im Zeitalter des Indi—
bidualismus 8.
heosophie 255.
hüringen, Handel und Industrie
104. 143. 158. 159. 178. — seine
landschaftliche Schönheit 32. —
Tabakbau 199 Anm.

Tierpfychologie 820.

Tiers état 216.

T iggl, Silberbergbau 104. — Zünfte

Toccata 663.

Todesstrafe 285.

Tortur siehe Folter.

Toskana, Handel 110.

Touraine, Industrie 164.

Tours 162.

Trachten 188. 191f. 241.

Triangeln 667.

Trier Gurfürstentum), Protestantis—
mus 211.

Triest, Handel 151.

Trommeln 667.

Tübingen 212.

Tuchhandel und-industrie 122f
627. 178.

Türkenkriege 28.

Turkeyn Company 102.

Vaterlandsliebe 288. 285f.

Venedig, Bevölkerung 182. —
Fabriken 113. — Handel und In—
dustrie 103f. 110. 145. 162.

VBereinigte Staaten von Nord—
amerika, Befreiungskrieg 357.

Vereinswesen, jetziges 75f.

Berkehr am Ende des 18. Jahr—
hunderts 260.

VBerleger (Warenverleger) 115 bis
— ———
Vernünftigen Tadlerinnen,

Die 209.
Vierter Stand 118.
V lande Industrie 151. 158f.
Bölkerpsychologie 309.
Volkswirtschaft der letzten Jahr—
hunderte 86. 94f. 180 ff.

W.
Wachsfigurenkabinette 190.

Waldenser 168,

Wartburg 503.

Weberei 114. 117 f. 127. 150f. 155.
——

Weidenwang in der Oberpfalz 652.

De snusshe Buchhandlung

Wei marssiehe auch Sachsen⸗Weipnar,
Großherzogtum, sowie Goethe, Joh.
Wolfgang) 291. 293. 324. 626. -
Buchhandel 212. — Park 630. —
Goethehaus 532. — Theater 548.

Wn ndcu und-handel 137. 161.

Weißbinder 578.

Weißenfels 502.

Weißenhorn bei Ulm 117.

Weißkunig 489.

Weltbürgertum 58. 61. 283.

Leltliteratur 59.

Beltpolitik 45.

Veltverkehr 120.

Werra, Handel 146.

Weser, Zölle 96.

Westfalen, Handel und Industrie
149. 159.

Westindien siehe Amerika.

Wetterau 143.

BVeßlar 234. 441. 510.

Überbrettl 454.

Überlingen 1831.

UÜhrenindustrie 156. 165.

Uleim 127f. — Handel und Gewerbe
98. 116. 12750 147. 157. 163. —
Verfassung 131.

nrie Handel 104. 140. 145.
147.

un werfirten als Gemeinschaften

Unternehmertum 86. 120. 167
175. 181. 183ff. 197. 199.

Unterrichtswesen 191. 213.

Unterstützungskafsen 168.

Utrecht, SAnduftrie 117.
        <pb n="425" />
        Personenregister.

717

Wien 2834. — Bevölkerung 182. —
geistiges und gesellschaftliches Leben
3211f. 226. — Handel und Indufstrie
133. 140. 142. 149. 160f. 167f
— Künste 257. 630. 632 688.
648 f. 656. 674. — Liechtensteinsche
Galerie 257. — Zünfte 122.
Wilhelmshöhe bei Kassel 630.
Wirtschaftsleben, modernes 86f 8
Wissenschaft als Teilgebiet uni—
versalgeschichtlicher Entwickelung7?7 Zeitschriften 205f. 208,
Wittenberg 504. 506. 637. deitungen 208.
Wochenschriften 205. 208. 290. ittau 146.
Wolfenbüttel, Lessings Zeit 490 ölle 95. — am Rhein 98f.
— Wolfenbütteler Fragmente 320. uckerhandel 137.
Dosen 607 f. zünfte 75. 114. 117 bis 121. 155.
Wollweberei 115. 123. 139. 160. 158. 164. 166 bis 179. — Zunft—
165. 178. häufer 289.
Wörlitz 630. Zürich, Aufblühen im 17. und
Worms 128. 18. Jahrhundert 188f. 141. 416.
D er 206. — Dichtung 141. — Handel und
Wuppertal, Bevölkerung 178. Industrie 117. 122. 132. 189 f. 159.
Württemberg, Bevölkerung 178. Schulwesen 141.
i8s. Geistesteben 4183Handel Zwickau (Sachsens, Handel 145.

uvp Gewerbe 122. 159. — Zünfte
70.
Würzburg, Industrie 168.

II. Personenregister.

A.
Abbt, Thomas 198. 222. 254. 264

Adalbert von Bremen 502.

Aan ð Robert James, Baukünstler

Adams, Robert, Baukünstler 629.

Adelung, Johann Christoph,
254 Anm.

A . gio, Wiener Schauspieldirektor

Ahlefeld, holsteinsches Adelsge—
schlecht 134.

Alba, Ferdinand Alvarez von To—
ledo, Herzog von 150, 163.

Alexander L. Kaiser von Rußland,
sein Charakter 247.

Altdorfer, Albrecht, Maler, 605.

Altenstein, Karl Freiherr von Stein
zum, preußischer Minister 301.

A * an „Kurfürstin von Brandenburg

Anna, Amalia, Herzogin von
Sachsen-Weimar 504. 307f.

Ariovist 143.

Arnd, Johann 410

Arndt, Ernst Moritz, 253.

LAschylus 560.

Auerbach, Berthold 220.

August J. GVater August), Kurfürst
von Sachsen 299.

August der Starke, Kurfürst von
Sachsen knüpft Handelsbeziehungen
mit Holland an 150.
53
Bach, Johann Sebastian 20. 648.
645. 661. 666f. 671f. 674. 679.
685.

Bach, Karl Philipp Emanuel 645.
672. 674.

Bach, Wilhelm Friedemann, Musiker
671. 674
        <pb n="426" />
        Personenregister.
Vaeen— Francis (von Verulam) 101
Bary, de, Handelsfamilie 138. 146.
Basvw. Johann Bernhard 194
Baumgarten, Siegmund Jakob
257. 202.
Bayle, Pierre 206.
Beauchamps, Tanzmeister 189.
Becker, Johann Joachim 160.
Beethoven, Ludwig van 588. 82.
268. 408. 519. 648. 647. 652. 662f.
665. 667 ff. 677. 679 f. 688 bis 704
Behaim, Georg Friedrich 288.
Benda, Georg, Singspieldichter 649
Bernini, Gibvanni Lorenzo 627.
Bernouilli, Basler Patrizierfa—
milie 138.
Beyer, Adrian 167.
Bitzus, Albert (Jeremias Gotthelf)
20.
Blücher, Gebhard Leberecht von,
Fürst von Wahlstatt 637.
Blumauer, Aloys 454.
Boccaccio, Giovanni 596.
Bonin, Arnold 416. 547. 582. 384.
7.
Bodmer, Johann Jatob 190. 314
416. 489.
Boerhaave, Hermann 274. 417.
Bohse, August (Talander) 292.
Boie, Heinxich Christian 206.
Boiledu-Despréaux, Nicolas
267. 419 Anm. 496.
Borck, von, preußischer Gefandter
in London 648.
Bötticher, Karl, Archäolog 634.
Boucher, François, Maler 38. 434
Branconi, Maͤrchesa 234.
Bre eroo, Gerbrand Adriaenszoon
87.
Breitinger, Johann Jakob 190
314. 416.
Brockdorff, holsteinsches Adels
geschlecht 134.
Brockes, Barthold Heinrich 190
258. 410.
Brunhilde, Gattin König Sigi—
berts von Austrasien 467.
Bruyn, Barthel, Maler 34.
Bry, Theodor de Künstler 34.
Buddens. Joh. Frauz 206.
Buffon, Gebrge Louis Leclerq Graf
von, Naturforscher 26. 258 398

718

Bünau, Heinrich Graf von 225.

Burckhardt, Basler Patrigier—
familie 138.

Büxger, Gottfried Auguft, 195. 204.
235. 238f. 241. 243 267. 1448.
452 bis 456. 460. 545. 674. seine
Frau Elise geb. Hahn 262.

Burgheim siehe Miller, Johann
Martin.

Büsch, Johann Georg, Gründer der
Hamburger Handlungsakademie
185.

Büsching, Anton Friedrich 198.

e, Dietrich, dide 670.
AJ
Cghderon de la Barca, Don Pedro
Caͤmpe, Joachim Heinrich 296.
338 Antonio, Bildhauer 636.
38.
Carlos, Infant von Spanien (1545
bis 1568) 110.
Carstens, Asmus Jakob, Maler
581. 606. 621 ff. 685.
Cartefius siehe Descartes, René.
35 8, Karl Gustav, Arzt u. Maler
Egigrione, Giovanni Benedetto
Cetlar ius, Christoph 221.
Champollion, Jean Francçois 701.
Cherbury, Herbert von 333.
Chlodowech J., König der Franken
467.

Chodexrlos de Laclos, P. A. F.
Les liaisons dangereuses 204
Chodowiecki, Daniel Nikolaus

* ff. 600.
opin, Friedrich Franz, 694.

43332 Matthias 267 Anm.
75.

Chlérisseau, Charles Louis 629

Clive, Lord Robert 97.

Cochin, Charles Nicolas, Kupfer—
stecher 596.

Coffey, Charles, englischer Sing—
spieldichter 648.

Colbert, Jean Baptiste 110. 1683.

—8B1 John, englischer Maler
610.

Cooper, James Fennimore, eng—
lischer Dichter 435.
        <pb n="427" />
        Personenregister.

719

Cornelius, Peter von 581.
Cotta Freiherr v. Cottendorf, Jo—
hann Friedrich 208. 212. 291 Anm.
Couperin, François, Musiker 671.
Cranach, Lukas (der Altere) 594.
Creutz, Friedrich Kasimir Karl Frei⸗—
herr von 281. 310. 318. 348. 402.
Cristofori, Bartolommeo, Klavier—
bauer 668.
Crollalanza, Industrieller 157.
CTrome, John, englischer Maler 610.
CTrusius, Christian August 309.

Eckersberg, Christopher Wilhelm,
dänischer Maler 606.

Einem, Lotte von 234.

Einsiedel, Friedrich Hildebrand
Freiherr von 225.

Eifen, Charles, Kupferstecher 596.

Elisabeth, Königin von England,
Handel unter ihr 101. 186. — Krieg
mit Philipp II. von Spanien 186.

ẽlisabeth, die heilige, von Thü—
ringen 5083.

slisabeth Chaxrlotte, Herzogin
von Orléans 291.

Engelhard, Regner 28.

Frard, Söébastien, Klavierbauer 668.

Erdmannsdorf, Friedrich Wil—
helm von, Baukünstler 629.

Ernesti, Johann August 498.

Ernst, Prinz von Sachsen-Gotha
und Altenburg 629.

e e, Ernst Adolf, der Burgfrieden

Esterhazy, Nikolaus Jofe ürst
von 673. 682. febh Furß

Euripides, 561.

Eyck, Hubert und Jan van 880. 588.
— Jan 598.

Dahl, Johann Christian Claußen,
Maler 607.

Dalberg, Wolgang Heribert Reichs—
freiherr von, Intendant des Mann⸗
heimer Theaters 525.

Dännecker, Johann Heinrich von,
Bildhauer 636f.

Darjes, Joachim Georg 309.

Darwin, Charles 44. 888.

Dauthe, Johann Friedrich Karl,
Baukünstler 630.

D — 5 b Jacques Louis, Maler 434.

Debary siehe Bary, de.

Defoe, Daniel 258.

Demme, Hermann Christian Gott⸗
fried, der Pächter Martin 204.
Deneufville, Handelsfamilie 146.
Descartes, René 10. 21. 805f.

311. 320f. 331ff. 858.

Dessoir, Max 319 Anm. 346 Anm.

Dickens, Charles 434.

Dijk, Anton van, siehe Dyck.

Dilthey, Wilhelm 338 Anm.

Ders von Dittersdorf, Karl
649.

Dou, Gerard, Maler 187.

Dreber, Heinrich, Naler 627.

Dubos, Jean Baptiste 315.

Düntzer, Heinxich 462 Anm-

Dü r. Albrecht 15. 894. 573. 598.
598.

Du Ry, Karl, Baukünstler 630.

Dyck, Anton van 187. 600.

F.
desie Gustav, Dichter 87.
alke, Johannes 199 Anm.
Faßmann, David 207.
8 du, Handelsfamilie 146.
Feder, Johann Georg Heinrich 830.
Ferdinand J., deutscher Kaifer,
seine Handelspolitik 97.
Ferguson, Adam 398.
Fernow, Karl Ludwig 615. 623f.
58 ach, Anselm von, Maler 582.
Fichte, Johann Gottlieb 42. 195.
205. 211. 291 Anm. 4988. 532.
Fiedler, Konrad 574 Anm. 585.
Fielding, Henry 434f. 485.
Floren z, Herzöge von, siehe Medici.
Forster, Georg 198. 2583.
Francke, August Hermann 422.
Franz J. von Frankreich, Kriege
gegen Karl V. 104. — Kunst unter
ihm 583.
z anz, Kardinal von Lothringen 110.
Franz⸗Dreber, Heinrich, siehe
Dreber, Heinrich.

Eberhard, Johann August 52. 260.
264 Anm. 312. 316. 318.
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII.

E.

2
        <pb n="428" />
        720

Personenregister.
Fredegunde, Gattin König Chil—
perichs J. 467.

—ãA Gustav 484. 478 Anm.
riedrich, Kaspar David, Maler
607. 6187.

Frrüedrich III., deutscher Kaiser
440- 1493) die ihm zugeschriebene
Reformation aus den zwanziger
Jahren des 16. Jahrhunderts 119.

dd erich V., König von Dänemark

Friedrich II., der Große, König
von Preußen 23. 169. 281. 444
449. 473. 505. 603. — Beamtenstand
unter ihm 222. — Heer 228. —
Kunst 629. 636. — Eroberung
Schlefiens 156. — Verhältnis zur
Bildung seiner Zeit 226f. — Zei—
tungen unter ihm 208.

Friedrich Christian, Herzog von
Schleswig-Holstein-Sonderburg⸗
Augustenburg 55.

Friedrich Wilhelm, der Große
Kurfürst, ende unter ihm 152
— schützt Bremen 128.

Friedrich Wilhelm J, König von
Preußen, Beamtenstand unter ihm
222. — Handel unter ihm 168.

Friedrich Wilhelm II., König
von Preußen 357. 360.

Friedrich Wilhelm IV., König
von Preußen, Kunstpflege 614.
ries, Jakob Friedrich 276.
ußger Handelsfamilie 100. 106f
1IIO. 117 131. 146.

Fürstenberg, Franz Friedrich Wil—
helm Freiherr von, e 234.

Gehrmann, Hamburger Amts⸗
maler 606.

Geibel, Emanuel 50.

Gellert, Christian Fürchtegott 55.
190. 228. 288. 294. 297. 411. 648.

Genelli, Bonaventura, Maler
622f.

Gerhardt, Paul 266.

G J enberg, Heinrich Wilhelm von

Geßner, Salomo, 2834 Anm. 410.
498. 605.

Gilly, Friedrich, Baumeister 629.

Giotto di Bondone, Maler und
Baumeister 693.

Gleim, Johann Wilhelm Ludwig
212. 244. 264. 280 294. 316. 410
454. 602.

Gluck, Christoph Willibald 20. 244.
n 641. 643. 646. 650 bis 658. 662.
97.

Göckingk, Leopold Friedrich Günther
von 208.

Go el, Handelsfamilie 146.

Goldsmith, Oliver 434f. 447.

Gontard, Handelsfamilie 146.

Goethe, Johann Kaspar 288. 5311.
534. — die Frau Rat 584.

Boethe, Johann Wolfgang von 27.
29. 40. 51. 59. 82f. 191. 139. 202
208. 222f. 227f 280. 240. 246f.
251. 254 Anm. 259. 268f. 281.
286. 291. 297. 322. 324. 358. 409.
452. 456. 485. 488. 595. 620. 626.
637 ff. 646 f. 659. 674. 704. —
Charakter und Weltanschauung 82f.
38. 184. 231. 237. 243f. 261f. 271.
273. 374 bis 396. 401f. 407. 487.
444. 446 ff. 459 bis 468. 495 f. 498.
502 bis 522. 828. 580 f. 341f. 607.
615. 703. — seine Werke im all—
gemeinen 474. 480. 698. — Lyrik
544. — Sprache 483. — Natur-
forschung und Naturanschauung 384
bis 894. 512. 515. 342. - Viebe zur
Kunst 652. 696. — Freundschaft mit
Schiller 33. 324. 530 bis 567 mit
Karl August 55. 402. — Begegnung
mit Beethoven, 696f. — Achillei⸗
546. — Alexis und Dora 515.
545 f. — Balladen 545. — Clavigo
475. — Dichtung und Wahrheit
214. 280. 264. —- —* 476 481.
513. 515. 517 ff. 666. — Farben—⸗

G.
Gainsborough, Thomas, englischer
Maler 610.

Galilei, Galileo, 10. 184. 327. 612.

Gall, Franz Joseph 263.

Galli in, Adelheid Amalia Fürstin
von 234. 275.

G z ner, Friedrich von, Baumeisten

Garve, Christian 84. 244. 398.

Gaßner, Johann Josef 241.

Batterer, Johanna 2885.

Bebhard, Johann Nepomuk 286.

Gegenbauer“ Harloz87
        <pb n="429" />
        Personenregister.

721

lehre 618. — Faust 184. 241. 271
375. 8382. 8398f. 447. 475. 489
511. 553. 696. — der Geselligkeit
oe Lieder 544. — Götz von
erlichingen 250. 271. 448. 478.
475. 477. 489. 511. — Hermann
und Dorothea 195. 219. 515. 545 ff.
— Iphigenie 284. 481. 5183. 515.
517 bis 321. 530. — JItalienische
Reise 514. — Der ewige Jude 475
— Mahomet 475. — Wilhelm
Meister 187. 513. 544 f. 550 bis 558.
696. — Prometheus 475. — Reineke
Fuchs 545. — Römische Elegien 515.
5. —- Sizilianische Briefe 500. —
Sprüche in Prosa 377. — Stella
474f. — Tasso 481. 5183. 515. 517
bis 521. — Wahlverwandtschaften
552 f. — Die Leiden des juüngen
Werther 34. 233. 248. 246. 254
275. 281. 284. 432. 436 Anm. 437
440 ff. 477. 507. 511. 549. 558. —
Xenien 209. 548. — seine Frau
Christiane geb. Vulpius 531. —
Gotter, Friedrich Wilhelm 206.
Gottsched, Johann Christoph 190
F 209. 226 ff. 294. 314. 491.
Gow, Neil 485.
Graff, Anton 549. 597. 608. 611.
warngelot. Hubert Franz, Künstler
Gregory 254 Anm.
Greuze, Jean Baptiste 596.
Grillparzer, Franz 562f.
Brimmelshausen, Hans Jakob
Christoffel von, Simplizissimus 256
——
uise, Herzog Heinrich J. von 110.
Bünther, Johann Christian 10.
411 bis 414. 452. 482.
Gurlitt,. Cornelius 623 Anm.

Haller, Albrecht von 19. 26. 8.
252 f. 256. 274. 295. 309. 312. 328.
411. 415 bis 419. 421. 487. 450.
482. 492 Anm. 583.

Hals, Frans, Maler 187. 600.

Hamann, Johann Georg 282f.
286.2öεα— M. us. 273.
275. 328. 445 ff. 491.

Pamerling, Robert 48.

Händel, Georg Friedrich 20. 645.
666. 679. 685.

5 — — en, Theophil, Baukünstler 632.

Hartley, David 307.

daen Franz Joseph 82. 648. 646.
648. 665 f. 672 bis 680. 682. 685 ff.
690.

Haym, Rudolf 322.

ebbel, Friedrich 80. 484. 703.

Zebel, Johann Peter 492 Anm.

dederich, Benjamin 206.

ßegel, Georg Friedrich Wilhelm
42. 616.

deidenreich, Erbauungen 204.

Zeine, Heinrich 455. 458. 486.

ßeinrich von Veldeke siehe Vel—
deke.

Zeinrich J., deutscher König 480.

Heinrich VI., deutscher Kaiser 227.

Heinrich VIII., König von Eng—
land, Handel unter ihm 101.

Heinrich, Prinz von Preußen,
Bruder Friedrichs des Großen 6083.

Heinse, Johann Jakob Wilhelm
244. 264. 591.
einze, Max 348 Anm. 867 Anm.
elmholtz, Hermann Ludwig Fer—
dinand von 356 Anm.

og art, Johann Friedrich 42. 8307.

Herder, Johann Gottfried von 44
88. 126. 195. 221f. 227. 280.
244 ff. 252. 265. 275. 388 439.
509. 514. 529. 608. 651. 704. —
sein Charakter 26. 31. 34. 42. 55. 59.
237. 275 bis 280. 284. 322 bis 329.
374. 378. 381. 392. 401. 444. 446.
496. 499. 505. 510 f. 528. — Briefe
zur Beförderung der Humanität
498. — Vom Erkennen und Emp⸗
finden der menschlichen Seele 829. —
Ideen zur Philosophie der Geschichte
der Menschheit 34. 282. 324. 497.

Wirkung auf Goethe 447. —
46 *

85
absburg, Kaiserhaus, Hofhaltung

v im 18. Jahrhundert zh — Ver—
hältnis zur Reformation 99.

Häckenschmidt, Johann Christian
493 Anm.

— Philipp, Maler 605.
agedorn, —E von 190.
419 Anm. 603.

Hagen der Nibelungensage 467.
        <pb n="430" />
        *

Personenregister.

Pädagogik 298. 344. — lteste Ur—

kunde des Menschengeschlechts 276

326. 446. — Volkslieder 446. 494f

— Kritische Wälder 446. 497. 5923.
Her der, Karoline von, geb. Flachs—

land 237. 280. 8324.

H r ann, Landgraf von Thüringen
Herradvon Landsberg, Äbtissin

des Klosters St. Odilien 573. 598

erwegh, Georg 30.

eß, Ludwig, Maler 606.

ettner, Hermann 420 Anm.

n ler, Basler Patrizierfamilie
85 e, Christian Gottlob 195. 494

99.
8 ildebrand, Ernst, Maler 885.

9 Fe r, Johann Adam, Musiker 646
deee Thomas 21. 358.

— mann, Basler Patrizierfamilit
8 arth, William 4834. 595 f.
— eim, Theophrastus Bom—⸗

bastus Paracelsus von 299.
Pobentt al, Grafen von 224.
Hohenwart, Sigismund von

Bischof von Linz, Naturforscher 256
zelbeir Hans 588 f.

ölderlin, Friedrich 498.

H d y, Ludwig Heinrich Christoph

H 31 bauer, Ignaz, Singspieldichter
9.

Homann, Vorfahr der Grafen von

Hohenthal 224.

Homer 64. 318. 488. 485. 447.

104 5314. 346.
zore⸗ 419 Anm.

örnigk Hornick oder Horneck)

Philipp Wilhelm von 159. 161.
Houwaldt, Christoph Ernst Frei

herr von 562.

übner, Johann 206.

umbold!t, Alexander von 225. 252

umboldt, Wilhelm von 225. 244

259. 268. 532. — seine Weltan—

schauung 382 498. 502. — seine

Staatslehre 83. — seine Frau Karo—

line geb. von Dachröden 280.
Hume, David 41. 307. 323. 887.

bis 340. 355.

Hummel. Karl, Maler 627.

J. GVokal.)
Ibsen, Henrik 295.
Iffland, August Wilhelm 54.
Imhof, Handelsfamilie 100. 105.
Immermann, Karl Leberecht 484
Iselin, Basler Patrizierfamilie 138.

Jablonski, Johann Theodor 206.
Jacobi, Friedrich Heinrich, Philo—
soph 42. 254. 274. 276. 390
Jacobi, Johann Georg 254f. 262.
Jahn, Friedrich Ludwig 201.
Jegan Paul siehe Richter, Johann
Paul Friedrich.
Jeremias Gohuthelf siehe Bitzius,
Albert.
Jöcher, Johann Gottlieb 206.
Jones, Inigo, Baukünstler 629.
Joseph J., Deutscher Kaiser, gei—
stiges Leben unter ihm 211. 649.
Fb Toleranzedikte 46. — Zünfte
Juel, Jens, dänischer Maler 606f.
Inn Bitttin g, Johann Heinrich
5.

J. (Konsonant.)

Kalb, Charlotte von 526. 528.

Kanoldt, Edmund, Maler 627.

Kanut, Immanuel 40. 45. 48. 51. 82.
88. 195. 211. 221. 232. 236. 246.
278f. 295. 305. 331. 8389 bis 378.
392. 490 ff. 616. 618. 704. —
Metaphysische Anfangsgründe der
Raturwissenfchaft 360. — Asthetik
318. 615. — Ethik 47. 63. 82 *
881. — Grundlegung zur Meta—
physik der Sitten 889.Einfluß
auf Schiller 399 bis 408. 406. 492
530. — Einfluß auf 328f.
— Kant-Laplacesche Hypothese 45.
—. Idee zur einer allgemeinen Ge—
schichte in weltbürgerlicher Absicht
196f. — Kritik der praktischen Ver⸗
nunft 360 bis 3738. — Kritik der
reinen Vernunft 40f. 46. 67. 72f. 88.
331 Anm. 339 bis 373. — Kritik der
Urteilskraft 360. 400. — Von der
Dad des Gemütes 358. — Päda—
gogik 298. — Religion innerhalb
der Grenzen der bloßen Vernunft

8
        <pb n="431" />
        Personenregister.

728
360. 369 bis 373. — Transzendenz⸗
theorie 554. 557.

Karl V., deutscher Kaiser 104. 187.
— seine Handelspolitik 97.

Karl VI., deutscher Kaiser, Handel
unter ihm 1685.

Karl J. König von England 187.

Karl Alexander, ————— von
Sachsen, Kunstpflege 614.

Karl August, Großherzog von
Sachsen 85. 385 00 0ä89α
KarlEugen, Herzog von Württem—

berg 450. 524.

starl WilhelmFerdinand, Erb—
prinz (später Herzog) von Braun—
schweig-Lüneburg 234.

Karsch, Anna Luise 280.

Nasnr er, Abraham Gotthelf 411.

Kauffmann, Angelita 620.

Kaufmann, Christoph 239.

Kehrbach, Karl 299 Aum. 362 Anm
363 Anm. 364 Anm. 365 Anm.

Keith, Jakob, preußischer Feldmar—
schall 636.

Keller, Gotffried 88. 45. 416. 484
4983 Anm.

Keller, Heinrich, Bildhauer 688.

Kent, William, Künstler 629.

Kettner, Gustav 480 Anm. 557 Anm

Keyßler, Johann Georg, Reise—
schriftsteller 128.

Kleist, Ewald von 410.

Kleist, Heinrich von 484. 486.

Klenze, Leo von 629 ff.

Klettenberg, Susanne Katharine
von 275.

Klinger, Friedrich Maximilian von
237 241. 243. 474. 487.
Klinger, Max, Künstler 547. 578.

585. 587.

Klopfstock, Friedrich Gottlieb 194.
209. 227f. 285. 266f. 291. 418
bis 437. 489. 444. 452. 456. 592
646. 655. — Messias 243f. 250.
418 bis 437. 5009. — Oden 481. —
seine Sprache 418. 483.

Knaus, dudwig 434.

Knebel, Karl Ludwig von 225.

Knobelsdorff, Georg Wenzeslaus
von, Baukünfstler 629.

Knutzen, Martin 3857.

Koch;, Gottfried Heinrich, Schau—
spieler 648.

Koch, Josef Anton, Maler, 625 f.

Konftantin, Prinz von Sachsen—
Weimar 508.

Koppernikus, Nikolaus 45. 481.

Körner, Chriftian Gottfried 262
399. 527. 5338.

Kotze bue, August von 247. 507.
552. 554.

Ir wig ge
Krubfacius, riedri ugust,
Baumeister 629. —
Krüger, Johann Gottlob, Natur—

forscher 482.
Kuhnau, Johann, Mußfiker 670.

8.
Lafontaine, August Heinrich Ju—
lius 247. 552.

8 an⸗ ert, Johann Heinrich 341 bis
844.

Langhans, Karl Gotthard, Bau—
künstler 629.

Laplace, Pierre Simon Marquis
de 45.

Lasker, Eduard 200.

Laun— Friedrich, siehe Schulze, Fried⸗
rich August.

Lavater, Johann Kaspar 288f.
239 f. 244. 263. 274 f. 674.

Leerse, Handelsfamilie 146.

Leibniz, Gottfried Wilhelm von 5.
52. 186. 276. 283. 305 f. 308. 312.
31s. 318f. 821 f. 328. 880 3321.
339. 858. 380. 398. — Nouveaux
essais 8310. — Monadenlehre 310.
319 f. 322. — sein Rationalismus
8. — Theodicee 318.

Leisewitz, Johann Auton 289. —
Julius von Tarent 246. 474

Lenbach, Franz von 582. 604.

dengefeld, Charlotte von, siehe
Schiller, Friedrich von.

Lenz, Jakob Michdel Reinhold 289,
241. 448. 452. 456 bis 459. 474. 674.

Le o Id I. Fürst von Anhalt-Dessau

Leffing, Gotthold Ephraim 83. 46.
209. 211. 246. 274. 289. 488. 490f.
496. 498. 514. 528. 648. — seine
Asthetik 3158. 897. 605 628. 651.
— Emilia Galotti 411. — Er—
ziehung des Menschengeschlechts 372
— Hamburgische Dramaturgie 496
        <pb n="432" />
        724

Personenregister.

— Minna von Barnhelm 478. —
Nathan der Weise 228. 284. 519f

bigid ——
ichtenberg, Geor risto
246. 411. SMo a sior

di esrind Verfasser von „Lulu“

Lindau, Adolf Wilhelm 247.

Liselotte fiehe Elisabeth Charlotte,
Herzogin von Orléans.

bisgt ne 651 Anm. 653 Anm.
697.

Locke, John 41. 290. 807. 810 ff.
3585 f. 38387. d4sf

Lvohenstein, Daniel Kaspar von
412. 417.

Lorrain, Claude, Maler 626.

Lortzing, Albert 649.

Lo 8 Johann Christian 334.

Lothringen, Franz, Kardinal von,
fiehe Franz.

udwig, Otto 397. 470 Anm. 471
484. 486. 558. 688 Anm. 703.

Ludwig J., König von Bayern,
Kunstpflege 614. 631.

Ludwig XIV., König von Frank
reich, —2 Kriege 140.

Luise, Königin von Preußen 637.
— ihr Charakter 247.

Luther, Martin 286f. 371f. 508.
637. — das Gefühl in seinem
nreden 272. 277 f. — seine Mystik

Max J., deutscher Kaiser 104. —
seine Handespolitik 97.

Max JIdseph, Kurfürst von Bayern
5 9⸗

Medieci, Cosimo J., Herzog von
Florenz 110.

Meiners, Christoph 341.

Mencke, Johann Burkhard 206.

Mendelssohn, Moses 25. 207.
310 ff. 402. 490.

Mengs, Raphael 549. 608. 619.

Menzel, Wolfgang 258.

Merck, Johann Heinrich 262. 521.

Merian Hans 667 Anm.

M Im er, Franz (Friedrich Anton)

Meunier 252.

Meyer, Konrad Ferdinand 416.

Meyerbeer, Giacomo 697.

Michelangelo 190. 621. 686.

Mieris, Frans van, Maler 187.

Milde, Julius Karl, Maler 609.

Miller, Johann Märtin 234. 489.
— seine Romane Xaver Siegwart
und Karl von Burgheim 207 245.

Millet, Jean Frangois, Maler 547.

Milton, John 258. 480. 485.

Molixre, Jean Baptiste Poquelin
522. 596. 649.

Monbexry, Walter von, siehe Nau—
bert, Benediktine Christiane.

Montesquieun, Charles de Se—
condat, Baron de la Brède et de
216. 490. 528.

Moreau, Jean Victor, franzöfischer
General 547.

Nndenstenn, Christian, Maler

Moritz, Karl Philipp 241. 830.

Moritz, Kurfürst von Sachsen 149.

Moscherosch, Hans Michäel 414.

Moser, Johann Jakob 278.

Moser, Karl Friedrich von 216.

Möfer, Justus 97. 186. 178. 222.
447. 490. — Osnabrückische In—
telligenzblätter 207.

Moucheron, Balthazar de 190.

Mozart, Wolfgang Amadeus 82.
6483. 646. 649 ff. 652. 656 bis 663.
672. 676 bis 680. 682. 686f. 690.
oͤo7 f. 704

Mühl, Gustav, Dichter 493 Anm.

Mäühler, Friedrich Maler Müller)
219. 289. 474.

M.
Macchiavelli, Niccold 271.

Macpherfon, James 251. 258. 485.

Maeterlinck, Maurice 252.

Makart, Hans 582.

Manteuffel, Ernst Christoph Graf
von 225.

Marsées, Hans von 5885.

Maria, die Katholische, Königin von
England 163.

Maria, Gräfin von Schaumburg—
Lippe 324.

Maria Theresia, deutsche Kaiserin
291. — Handel unter ihr 168. —
Zünfte 170.

Martin, dex Pächter, siehe Demme,
Hermann Christian Gottfried

Matthisson, Friedrich von 5241.
        <pb n="433" />
        Personenregister.

728
M * si p er, Amandus Gottfried Adolf

Münchhausen, Gerlach Adolf Frei—
herr von 225.

Muther, Richard 592 Anm.

Petit de Juleville, Louis 251.

Philipp D., König von Spanien,
Krieg mit England 136.

Piccini, Nicola 657.

d — Adolf, Besteiger des Ortler
56.

Pindar 514.

Plato 447.

Ploucket, Gottfried 338f.

9 8 Karl Ludwig Freiherr von

Bope, Alexander 88. 268.

Poufsin, Nicolas, Maler 626.

ddeier⸗ Friedrich (Vater) Maler
326f.

bdter Friedrich (Sohn), Maler
27.

Protagoras 332.

VNuynvorfe Samuel Freiherr von

N.
Napoleon J., Bonaparte 84. 695
— nach der Völkerschlacht 148.
NRaubert, Benediktine Christiane,

Walter von Monberry 204.
Reidhardt, Kaufmann im 16. Jahr—
hundert 110.
Neukirch, Benjamin 187.
Rewton, Isaak 184. 389.
NRicolai, Christoph Friedrich 488.
190. 651.
Niebuhr, Carsten 1988.
Nietzsche, Friedrich 295. 708.
Nikolaus V. Papst 598.
NRobile, Peter von, Künstler 630.
R.

D.
Oberlin, Johann Friedrich 415.

Ohlmüller, Joseph Daniel, Bau—
meister 632.

Oldach, Julius, Maler 609.

Oefer, Adam Friedrich 510. 595.
— V ————

Osfian 250. 285. 485 f. 511.

Ostade, Adrigen van 615.

Overbeck, Friedrich, Maler 581.

Dvid 596.

Raabe, Wilhelm 484.

Rabenex, Gottlieb Wilhelm 411.

Raffael 394. 686.

Rameau, Jean Philippe, franzb⸗
sischer Musiker 657.

Ramler, Karl Wilhelm 608

Ramsay, Allan 485.

Ranke, Leopold von 388.

Rantzau, holsteinsches Adels—
geschlecht 184.

R — Inde Christian Daniel, Bildhauerx

Reich, Philipp Erasmus 602.

Reichardt, Johann Friedrich 646.
649.

Reimarus, vrang Samuel 320.

Reinwald, Christophine, Schillers
Schwester 262

Reinwald, Wilhelm Friedrich Her—
mann, Schillers Schwager 862

Rembrandt 15. 53. 565. 573. 580.
593. 600.

Reuter, Fritz 434.

R tt, Nicolas, englischer Reisender

Richardson, Samuel 253. 485. 549.

Richter, Iohann Paul Friedrich
(Jean Pauh 245. 247. 865. 293.
484 bis 487 507.

Richter, Ludwig, Maler 613.

PB.
P Iser ina, Giovanni Pierluigi da

Palladio, Andrea, Künstler 628 ff.

Pallas, Peter Simon 1898.

Paracelfus siehe Hohenheim, Theo—
phrastus Bombastus Paracelsus von.

Pasch, Tanzmeister 1809.

P ghsed ant, Handelsfamilie 138.

Paulsen, Friedrich 201.

Paumgartner, Handelsfamilie
iobf.

Perch, Thomas 435.

Perfius 8371.

Perthes, Friedrich Christoph 212.

Bestalozzi, Johann Heinrich 82.
299. 4983 Anm.
        <pb n="434" />
        726

Dersonenregister.

Kiehl, Alois 386.

Kiehl, Wilhelm Heinrich von 434.

Rietschel, Ernst 838.

Robertson, William 207.

Rocho w, Eberhard Freiherr von 296.

Rohr, Julius Bernhard von 292.

KRottmann, Karl, Maler 628f.

Roufsseau, Jean Jacques 250 bis
258. 256. 275. 285. 295 bis 298.
321. 337. 364. 486f. 485. 511. 328.
549. 651.

Rubens, Peter Paul 15. 53. 187.
565. 580. 582. 599 f. 685.

KFüdiger, Otto 428 Anm.

Rudotf J. von Habsburg, sein
Grabmal 598.

studolphi, Karoline, Dichterin
428 Anm.

Ruhmohr, Karl Friedrich von 609.

Runge, Otto Phllipp, Maler 607
bis 611. 613f. 701.

474. 476. 479. 500. — Sprache
118. 483. 561. — Asthetik 82. 215.
285. 316. 318. 8394. 897. 400 biss
408. 492. 580. 551. 558. 651. die
Braut in Trauer 560. — Die Braut
von Messina 548. 560 f. 568. 658.
— Demetrius 480. 548. 562. 565.
- Don Carlos 55. 261. 399. 174.
319f. 820f. IA86. 856. Gefchicht⸗
ges Dreißigjährigen Krieges 388.
Uber naive und fentimentalische
Dichtung 421 Anm. 500. 589.
Fiesco 474. 481. 526. — Sied an
die eve 708. — Geisterseher 528.
— Lied von der Glocke 34. 547.
Die Götter Griechenlands 50.
Hero und Leander 546. Horen
207. 548. — Die Ideale 548.
Jungfrau von Orleans 270. 348.
354. 359. 652. — Kabale und Liebe
ö. 474V. i be
Kassandra 546. — Musenalmanach
207. 548. — Philosophische Brief⸗
528. — Die Raͤuber 24. 46. 248.
74. 476. 478 bis 481. 524. 5860.
Der Ring des Polykrates 546. —
Die Schlaͤcht 888. — Maria Sltuart
348. 368f. — Wilhelm Tell 338.
548. 564 ff. — Verbrecher aus ver⸗
lorener Ehre 528. Wallenstein
308. 480. 336. 548. 554. 356. 656.
Xenien 209. 548. — seine Eltern
s34. — seine Frau Charlotte geb.
pon Lengefeld 280. 529. 538.
Schilling, Friedrich Gustav 247.
Schilter, Johann 415.
Schimmelmann, Graf Ernst von,
dänischer Finanzminister 85
Schindler, Anton Felit, Musiker
und Schriftsteller 699. 701.
Schinkel, Karl Friedrich 629. 631.
633. 635. 689.
Schirmer, Wilhelm, Maler 627.
Schlegel, Auguft Wilhelm von und
— von 499. — Friedrich
293. 500. — seine Gattin, Vorothea
geb. Mendelssohn 298.
Schleiermacher, Friedrich Daniel
Ernst 278f. — Reden über die Re—
ligion 88.
—A
Schlossser, Johaͤnn Georg 288. 456.
Schmidt, Dresdener Ratszimmer—
meister 629.

S.
Sachs, Hans 194. 468. 489. 316.
Salzmann, Christian Gotthilf 296
zu asin, Handelsfamilie 138.
Saufsure orace Bénedicte de
Inure, 9
Scarlatti, Alessandro 656.
Schadow, Gottfried 686ff.
Schäffle, Albert Eberhard Fried—
rich 291 Anm.
SHhaumburg-Lippe, Gräfin
Maria 276.
Schedel von Greifenstein, Ni—
kolaus, Künstler 630.
Schelling, Friedrich Wilhelm Jo—
seph von 42. 221.
Scheuch zer, Johann Jakob 286.
Schick, Gottlieb, Maler 620 f.
Schtebeler, Daniel 454.
Schikaneder, Emanuel, Dichter 660.
—chiller, Friedrich von 55. 58 82f.
195. 208. 210 Anm. 211. 228. 346.
254 Anm. 260. 262. 269 f. 281.
284. 291. 297. 872. 500 bis 500.
322 bis 567. 603. 636. 646. 666.
Weltanschauung 874. 878. 882.
392 bis 408. 476. 498. 500 ff. 538
bis 541. 703f. — Freundschaft mit
Goethe 83. 824. 880 bis 867.
eine Werke im allgemeinen 444.456.
        <pb n="435" />
        Personemregister.

727
Schmidt, Michael Ignaz, Geschicht—
schreiber 25.

Schmolck, Benjamin 412.

Schmoller, Guüͤstav 200.

Schnabel, Johann Gottfried (Gi—
fander) 258.

S v“ nborn, Gottlob Friedrich Ernst

Schopenhauer, Arthur 52. 394.

Schöttgen, Johann Christian 206.

S 8 der-Devrient, Wilhelmine
698.

Schröter, Christoph Gottlieb, Kla—
vierbauer 668.

Schubart, Christian Jidrig Da⸗
niel 195. 208. 212. 284. A8 bis
452. 454. 456. 460. 524. 545. 674.

Schubert, Franz, Tonsetzer 694.

ultheß, Fohann Georg284Anm.

Schulz, Franz Albert 868.

Schulze, Friedrich August Fried⸗
cich Laun) 247.

Schulze, Johannes, Schulmann 301.

Schumann, Robert 689. 691. 694.

Schütz, ei Tonkünstler 20.

Scotk, Walter 484.

Seneca, der Ältere, 18.

Servede, Michael 67. 383.

Seydlitz, Friedrich Wilhelm von,
preußischer General 686.

Shaftesbury, Anthony Afhley
8 Graf von 309. 315. 398.

Shakespeare, William 288. 246.
250 f. 253. 268. 424. 485. 447 f.
467 bis 473. 478. 522. 688.

Siegwart fiehe Miller, Johann
Maͤrtin.

Silbermann, Gottfried, Orgel—
bauer 668.

Smith, Adam 337.

Smollet, Tobias 435.

Socin, Basler Patrizierfamilie 138.

Sokrates 237. 445.

Sommer, Hugo312 Anm. 318 Anm.
343 Anm. J
—A

pus 557 f.
Spalding, Johann Joachim 207.
vn ter, Erwin und Otto, Maler
609.
Spener, Philipp Jakob 190.
Spielhagen, Friedrich 56.

Spanoza, Baruch Genedikt) 8. 231.
271. 805. 322. 325. 332. 368. 376.
380. 511.

gInj ckmann, Anton Matthias 234.

Städel, Johann Friedrich 216.

Standfuß, Musiker 648.

Stein, Charlotte von 462. 512f.
529. 5331.

Stein, Heinrich Friedrich Karl Frei—
herr vom, Reformen 188.

Stein, Karl Heinrich von 895 Anm.

Zteiner, Rudolf 387.

Steinhausen, Georg 248 Anm.
262 Anm.
terne, Lorenz NYorick) 250. 253 ff.
435. 447. 485.

Stetten, Hans von 104.

Rtevin, Simon 612.

töber, Daniel Ehrenfried 493 Anm.

tolberg, Auguste Gräfin 262

3tolbexg, Christian und Friedrich
Leopold Grafen von 55. 804. 225
Lο gedric deo
zun 258. — seine Geschichte der
Religion Jesu 275.
track, Johann Heinrich, Bau—
meister 634.

Stromer, Ulman, Nürnberger Un—
ternehmer 116.

—8 t, James, englifcher Reisender
6828.

Stüler, Friedrich August, Bau—
künstler 634.

Stumpf, Karl 862 Anm.

Sulzer, Johann Georg 263. 312.
315f. 321. 348. 402 f. 624.

Süßmilch, Johann Peter, Sozio—
loge 182.

Sweelinck, Peter, Orgelspieler 680.

Swieten, Gerhard van, Leibarzt
Maria Theresfias 685.

T.
Talander siehe Bohse, August.
Tannhäuser 503.
Tassaert, Johann Peter Auton,
Bildhauer 636.
Terraffon, Jean 659.
Tetens, Johann Nikolaus 299.
311ff. 320. 341f. 402.
46 *38
        <pb n="436" />
        728

Personenregister.
Teuber, C. A. 19 Anm.

Thoma, Hans, Maler 584. 618.

Aesiia Christian 190. 208.

Thomson, James 485.

Thorwaldfen, Bertel 606. 621
88. 638

Ih el- Moritz Augnst von 214

Thuͤrneysen, Basler Patrizier—
familie 188.

Tieck, Ludwig 560. 607.

Tizian 187.

Tomaschek, Wenzel Johann, Ton—
künstler 678.

T di pel, Alexander, Bildhauer

Tichernhaufen, Ehrenfried Walther
von 224.

Tucher, Nürnberger Handelsfamilie
104. 131.

Tudor, englische Königfamilie 101

asger, William, englischer Maler
10.

Twiß, Richard 447.

W.
Wächter, Georg Friedrich Eberhard
von, Maler 620.

Wackernagel, Wilhelm 288.

Wagner, Heinrich Leopold 241.
474. 487.

An er, Richard 56f. 295. 408.
568. 689. 697. 7083.

Waldmann, Gustav, eine deutsche
Geschichte 204.

Walter, von der Vogelweide
428. 503.

Watteau, Antoine, französischer
Maler 53. 619.

Weber, Karl Maria Freiherr von
—BV——

Weinbrenner, Friedrich, Bau—
künstler 630.

Weiße, Christian Felix 648.

33 er, Handelsfamilie 100. 106f.

Werner, Zacharias 562f.

Wertemann Wertemate), Basler
Patrizierfamilie 188.

W ram, Jörg, Dichter 493 Anm.

Wieland, Christoph Martin 204.
30 öö —ι. .
447. 483. 489. 508. 511 f. 329.

Wilhelm, Graf von Schaumburg⸗
Ae 324.

Wilkie, David 4834.

Winckelmann, Johann Joachim
195. 225. 495 f. 498. 520. 615 f.
619f. 629. 639. 641. 652.

Windelband, Wilhelm 393 Anm.
472 Anm.

W F. ter, Peter von, Singspieldichter

W de Friedrich August 25. 195. 206.

Wolff, Christian Freiherr von 63.
190. 290. 297. 3065 bis 308. 318.
319 Anm. 382. 346. 398. — seine
Schüler 318.

Wölfflin, Heinrich 234 Anm.

Wollwarth auf Neubronn, Reichs⸗
freifrau von 225.

Wolzogen, Frau von, Freundin
Schillers 526. — deren Tochter
Charlotte 526.

Wouwerman, in 257.

Wychgram, Jakob 558 Anm.

u.
überweg, Friedrich 848 Aum
367 Anm.
Anzer, Johann August 312.

B
Vaihinger, Hans 319 Anm. 339

Valois, Königsfamilie 226.

Beit, Dorothed, geb. Mendelssohn,
fiehe Friedrich von Schlegel.

Veldeke, Heinrich von 502.

Vergil 313. 417.

Verkemate siehe Wertemann.

Vitruv 571. 639.

vn zel, Christian Leberecht, Maler

Voltaire, François Marie Arouef
de 251. 487. 334.

gdeß ee Maler e Wr

Voß, Johann Heinrich 219. 225.
440. 8 546. v

Bulpius, Christiane, siehe Goethe,
Johann Woifgang von.
        <pb n="437" />
        Personenregister.

729

9.
or ick siehe Sterne, Lorenz.
Young, Edward 253. 315. 483. 485.

Ziebland, Georg Friedrich, Bau—⸗
8 33 .
ieten, Hans Joachim von,
General 636. w preuß
Zimmermann, Johann Georg
Ritter von 248.
Zinzendorf, Nikolaus Ludwig Graf
von 273.
33 steeg, Joh. Rudolf, Musiker
Zwugli, Ulrich 67. 286.

3.
34haria, Just Friedrich Wilhelm
erter, Karl Friedrich, Musiker 645.
efen, Philipp von 209.
        <pb n="438" />
        Altenburg
Pierersche Hofbuchdruckerei
Stephan Geibel &amp; Co.
        <pb n="439" />
        <pb n="440" />
        20
*
8
—
1
52

F

musische
price
mit ei
nicht n
ihrer ei
e
liegt eit
des Ge
den he
Annn
aber d
idealen!
Man w
setzt dal
starr, de
wie dur
Trauer,
kein To
späteren
hindurch
jubelnd
Moralh?
ist auch
Schönsch
per fes
Aufschri
Nachrich
Wut ge
gewöhnl
oben an
Nal
erschien
phonie
wilde P
Stellen;
sieren.

9
*

*

D
cq3

3
5

X
—F

—
*

2
9

2
2
ẽ

2
5

2
D

2
—X

O
—

—
—3—

*
.

2
—

2
7

D
3

2
3

3

ildende Kunst und Musik. 695
gendwelche speziellen gesellschaftlichen An—
des Adels, seien es die des Bürgertums,
erschien. Denn diese Symphonie zeigt
erkömmlichen Weise typische Stimmungen
deren Gefühlswert in Einzelheiten ja
ganzen aber festgelegt war: sondern ihr
ßer poetischer Plan zugrunde. Den Gang
Welt der Unvollkommenheiten zu schildern,
f um sein innerstes Dasein und dessen
jenblick des scheinbaren Unterliegens, dann
lufschwungs und endlichen Sieges in einer
ien darzustellen: das war die Aufgabe.
wältigend sie Beethoven gelöst hat. Wie
nentar ein, fast lieblos im Ausdrucke,
Eindrücke wie Stahlblöcke geschleudert;
Trauermarsch schrille Klage, grollende
mme Hoffnung auf den Sieg des Großen,
kein Ton um des Tones halber: bis die
humoristische und parodistische Elemente
eligen Anschauung des Heldenwerkes und
el des Meisters verkunden: „Kraft ist die
die sich vor anderen auszeichnen, und sie
Bekannt ist, daß Beethoven die fertige
nuskriptes der „Sinfonia eroica, composta
vvenire di un grand' vomo“ mit der
»e“ versehen hatte; daß er aber, als ihm die
— aaparte habe sich zum Kaiser erklärt, in
Def: „Ist der auch nicht anders als ein
— an den Tisch ging, das Titelblatt
en durchriß und zur Erde schleuderte.
lufführung der „Eroika“ im Januar 1805
richten über sie der folgende. Die Sym—
eine sehr weit ausgeführte kühne und
ehlt ihr gar nicht an frappanten, schönen
ge scheint sie sich ins Regellose zu ver—
und Bizarren ist zuviel, wodurch die
*

2
—

*
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
