Neue Anschauungen von Staat und Gesellschaft. 39 erschien der „Dialogus de morale à l'usage de la jeune noblesse“, Hinter den Erziehungsfragen aber tauchte dem Könige auch schon das Problem des neuen Staates auf. Und er fand ihn in einer zum Gesetzesstaate gemäßigten Monarchie. „Die guten Monarchien, deren Verwaltung mild und weise ist, stellen heute eine Regierungsform dar, die mehr von der Oligarchie als vom Despotismus hat: es ist das Gesetz allein, das herrscht.“ Freilich hatte sich Friedrich damit noch keines— wegs schon der Weisheit des greisen Goethe genähert, die auf die Frage: „Welche Regierung die beste sei?“ die Antwort gab: „Diejenige, die uns lehrt, uns selbst zu regieren.“ In seiner altgewohnten, mehr moralischen als juristischen oder gar öffentlich-rechtlichen Betrachtungsweise hielt Friedrich, zugleich jahrzehntelanger Praxis treu bleibend, stillschweigend am Absolutismus als der Grundlage des Staates fest; und darum gelangte er zu keinerlei Forderungen von Institutionen oder gar einer Volksvertretung, die dem in seinen Funda⸗ menten vorgeahnten neuen Zustande zu verfassungsmäßigem Ausdrucke hätte verhelfen können. Nicht einmal einen durch— aus legitimen und darum ständigen Einfluß der öffentlichen Meinung auf die Regierung war er anzuerkennen bereit, so mild auch die Zensur im allgemeinen unter ihm gehandhabt worden ist. So nahm der König wohl ahnungsvoll eine neue Kon⸗ zeption des Staates wahr und ließ sie in seinem alternden Denken sogar über die Grenzen des ihm möglich Erscheinenden aufsteigen; nie aber würde er sie verwirklicht haben. Und fern war er doch auch in seiner bloßen Anschauung noch den grundsätzlich neuen Fassungen eines Kant oder gar eines Rousseau. Er verfluchte die „Paradoxien und den zynischen Ton“ des Genfer Denkers, wenn er ihm auch in seinem Neuenburger Lande gastfreundlichen Schutz gewährt hat. Und Genaueres über Friedrichs Erziehungsgrundfätze s. unten in Ab— schnitt III.