Neue Anschauungen von Staat und Gesellschaft. 65 Was speziell Ästerreich angeht, so trifft man in diesem Zusammenhange schon im Anfange der sechziger Jahre des 18. Jahrhunderts auf das Geständnis des Fürsten Kaunitz: „Wenn man Eid und Pflichten vor Augen hat, so denkt man zuerst an seinen Souverän und an die allgemeine Wohlfahrt.“ Diese aber erfordert eine immer größere Beschränkung des Adels, „weil die wahre Stärke des Staates in dem größten Teil der Menschen, nämlich in dem gemeinen Manne, besteht und dieser die vorzüglichste Rücksicht verdient“. Unter Joseph II. sind dann diese Ideen in fast übertriebener Weise für die praktische Politik maßgebend gewesen. Hatte Maria Therefia noch sorgsam zwischen der Bevorzugung der alten sozialen Stützen des Reiches und der Begünstigung der unteren Schichten die Mitte gehalten, nicht ohne Widersprüche im einzelnen, aber im ganzen in konsequenter Durchführung einer konservativen Politik des Überganges, schonend auf der einen Seite, hilfreich auf der anderen, so ging Joseph II. stark im Sinne der radikalen Neuerer vor. Nichts wollte er mehr wissen von mittelalter⸗ lichen Privilegien und von den Resten feudaler Staatsverfassung; gleiches Recht und einheitlicher Untertanenverband sollten an hre Stelle treten. Dementsprechend erkannte er die bevor⸗ rechtete Stellung der alten Stände nicht mehr an: eine un⸗ unterschiedene Masse mit ihren bisherigen Untertanen bildend, sollten sie als Staatsbürger unter ein und demselben Regimente des absoluten Herrschers stehen. Und wie keine sozialen, so wollte er im Grunde auch keine geistigen, religiösen Vrivi— legien. Freilich: diese seine Ideale wirklich durchzuführen war der Kaiser nicht imstande. Er regierte dazu schon zu kurze Zeit; doch genügten bereits diese wenigen Jahre, um zu zeigen, daß auch bei erweiterter Frist das Ziel nicht zu erreichen gewesen wäre. Gewiß hatte der Kaiser seine Bewunderer, und die Apostel des neuen Staates blickten teilweise zu ihm als dem Messias empor. Aber neben den enthusiastischen Stimmen ließen sich auch andere Meinungen? hören. Bereits im Jahre 1786 wurde in Flugschriften die Frage für und wider erörtert, Lamprecht, Deutsche Geschichte. 12. *