72 Dreiundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel. politische Einfluß auf Montesquieu sich durch diesen und ver⸗ wandte Denker nach Deutschland erstreckt hat, um gegen Schluß der zweiten Hälfte des Jahrhunderts durch eine unmittelbare Einwirkung englischer Staats- und Gesellschaftslehren überholt zu werden!. Einer der wichtigsten Vermittler dieser Ideen aber war auf dem Gebiete der Verwaltungspraris, bei aller Selbständig— keit seines Denkens und Wollens, der Freiherr vom Stein; als Göttinger Student hat er vornehmlich mit Engländern verkehrt, wie bis zu einem gewissen Grade später am selben Orte und unter verwandten Verhältnissen sein großer Nachfolger Fürst Bismarck; und weit griff in diesen Zeiten seine englische Lektüre geschichtlichen und politischen Inhalts. Dann aber führte eben der Freiherr vom Stein im deutschen Nordwesten die Reformanfänge Mösers in der Verwaltung der preußischen Lande dieser Gegend nach Heinitzscher Vorschrift oder mindestens im Heinitzschen Sinne fort. Möglich wurde ihm das wesentlich unter der Einwirkung folgender Umstände. Einmal hildeten die westlichen Territorien Preußens ein ihren jeweiligen Leitern besonders fügsames Versuchsobjekt: denn Preußen war in dieser Zeit in seiner inneren Entwicklung wie seinen zaußeren Interessen nach noch an erster Stelle ein Staat des deutsch-kolonialen Ostens. Dann aber war Stein selbst ein Sohn des Westens, und zwar einer, dem Geburt und Lebensumstände das Auge frei machten und schärften für ein schon grundsätzlich neuen Idealen zugewandtes politisches Handeln. Die Steins, ursprünglich Ministerialen des Hauses Nassau, hatten ihre Burg auf demselben Berge mit der Stammburg des Dienstherren: reichsfrei geworden, mußten sie in ständigem Gegensatze leben zum einstigen Souverän und nächsten Nachbar. Aber auch im Dienst und in der Anerkennung benachbarter Fürsten konnten sie nur schwer Fuß fassen: denn diese waren zumeist katholisch und sie seit alters, ja seit den Vgl. dazu unten drittes Kapitel, Abschn. IV.