12 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel. weit verbreitet sind pathologische Unbescheidenheit und Eitelkeit und ein Größenwahn, der noch vielfach auf dem Wege der individuellen und nationalen Erziehung genährt wird. Aber wie liebenswürdig und naiv erscheint doch diese Übertreibung der eigenen Bedeutung noch im 18. Jahrhundert, ganz abgesehen davon, daß sie weniger als soziale, denn als individuelle Krank⸗ heit auftritt und zumeist nur auf ihrem freilich auch heute noch eigensten Gebiete, dem literarischen, wuchert. Mit der zweiten Periode des Subjektivismus dagegen haben sich viel bewußtere und unerfreulichere Formen der Autosuggestion ein⸗ gestellt, und zwar vornehmlich in voller sozialer Ausbildung auf den Gebieten des praktischen Lebens: Reklamesucht, Parvenu— gefühle, Protzentum, und ganz allgemein etwas, was man Impofanz“ heißen möchte oder vielmehr den albernen Versuch, durch unzureichende, oft rein äußerliche Mittel zu imponieren. Es sind Eigenschaften, die geeignet sind, unserer Zeit in der An⸗ schauung der Nachfahren einmal einen lächerlichen Zug zu berleihen, während eine solche Lächerlichkeit kulturgeschichtlicher Charaktere dem ganzen 18. Jahrhundert und selbst den Männern des Sturmes und Dranges erspart blieb. Von noch höherem Interesse sind die Formen von Auto⸗ suggestion, in denen diese einen krankhaft neologistischen Zug annimmt. Es sind Formen, die namentlich neuen Entwicklungs— arten der Frömmigkeit naheliegen, denn eben auf dem Wege der Suggestion sucht diese ins Unerforschliche vorzudringen. Im 18. Jahrhundert waren auch diese Formen im ganzen nur iu milden Bildungen entwickelt: ja zwischen den mystischen Frömmigkeitsübungen des Pietismus und der spekulativen Mystik der Identitätsphilosophie fehlen sie beinahe; es sei denn, daß man den Mesmerismus und sonst vornehmlich an vita— lifüsche Vorstellungen anknüpfende praktische Ubungen von Mystik hierher rechne; doch waren diese gänzlich doch erst für die Romantik bezeichnend. In unserer jüngsten Vergangenheit und Gegenwart dagegen welch rohe und zahlreiche Formen eines weit verbreiteten Mystizismus: von dem mystischen Sym⸗ holismus der Kunst, der jetzt ziemlich überwunden ist, über