Die Frühromantik. 15 auf, auf dem wir die Autosuggestion zuletzt kennen gelernt haben, so ist augenscheinlich, daß die Sucht, Neues zu er⸗ fahren, also das Sensationsbedürfnis im objektiven Sinne, im Naturalismus der zweiten Periode wie nicht minder in der Gegenwart schon an sich um vieles stärker entwickelt ist als im 18. Jahrhundert: unsere ganze seelische Konstitution ist, infolge ständiger Zufuhr überaus großer Massen von Reizen seit zwei Menschenaltern, gleichsam auf deren stetige Aufnahme in dem herkömmlichen Übermaße nunmehr eingerichtet: und bedarf daher dieses Ubermaßes. Besonders charakteristisch zeigt sich diese Entwicklung in ihren Auswüchsen, in der Neugier gegenüber dem Schamlosen und dem Ungeschmack oder, wie man es auch ausdrücken kann: in der Prostitution der hergebrachten sittlichen und ästhetischen Persönlichkeit. Gewiß ist auch die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts, wie jede Zeit einer Dissoziation älterer Kulturzustände, von Kultur der Fäulnis keineswegs frei gewesen; und der Reiz, Häßliches zu sehen, hat schon den Hund des Aubry auf die Bühne gebracht. Was bedeutet das aber gegenüber den Erscheinungen der Gegenwart: gegenüber der gesteigerten sexuellen Perversität, gegenüber der Brutalität in der Behandlung sexueller Fragen überhaupt, gegenüber der Grausamkeitswollust, gegenüber den Mord- und Selbstmord⸗ epidemien! Spezifisch ist dabei noch, daß diese in solchen Dingen so rohe Zeit doch zugleich, freilich ebenfalls aus Per⸗ versität, nicht aus Verehrung, einen feministischen Zug an— genommen hat, wie er freilich auch der zunehmenden Willensauto— matie vor allem der Männer verdankt wird. Oder ist vielleicht eben in ihm eine der ältesten Erscheinungsformen dleses ganzen Stimmungs- und Charakterkomplexes zu sehen? Schon in der Romantik scheinen einige Anfänge vorhanden gewesen zu sein, wie denn in ihr zugleich auch die ersten gesunden Züge geistiger Emanzipation der Frauen hervortreten. Im übrigen ist auch die unbedingte Nachahmung anderer, der bloße Willensautomatismus, als Form der Fremdsuggestion in den Anfängen der zweiten subjektivistischen Periode viel stärker vertreten als im Beginne der ersten; wie er denn