28 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel. weit zurückliegender Zeiten, anfangs spielend geübt im be⸗ rauschenden Suchen nach neuen Werten und Motiven, führte wohl bisweilen zu ernstem Studium, gewöhnlich aber zum reaktionären Schwelgen eben in dieser Vergangenheit selbst. So wollte Görres mittelalterliche Politik lieben lernen und trieb sie; so begann die Christusschule der bildenden Kunst nach Fra Angelico zu malen; so verhalfen die Boisserées der Kölner Domgotik zur Rolle des einzigen Stils der Welt: es schien, als wollte man ins Mittelalter gänzlich zurücktauchen. Und ließ sich der kühne Sprung nicht wirklich vollführen? Noch gab es in der katholischen Kirche eine Institution von un⸗ gebrochen mittelalterlicher Prägung. Ihr darum drängte man zu, und eben die subjektiv Frischesten aller Romantiker verloren hr Willkürdasein in den Weihrauchsnebeln der Messe und in der Litaneinarkose der Andacht zur allerseligsten Jungfrau. Und unter ihnen wiederum am meisten die, die als Pro— kestanten geboren waren. Denn die innigsten Anhänger der katholischen Kirche sind immer die gewesen, die, fromm ge— worden, eine große Sünde oder einen großen Irrtum hinter sich zu haben vermeinten. Doch gab es noch eine andere Rettung aus dem gefähr⸗ lichen Abwege, den die Entwicklung aus den Grenzwerten des Subjektivismus heraus zu gehen drohte. Neue, eigene Idealis— men zu entwickeln, das war die eingeborene Aufgabe, welche der Frühromantik und nicht minder, wenn auch wesentlich im Sinne eines Ausbaues, der Spätromantik verblieb. Und mit jener genialen Sicherheit der Beobachtung, mit der er die Geschichte seiner Zeit begleitete, hat der alternde Goethe sie bezeichnet. „Niemals haben sich die Individuen vielleicht mehr vereinzelt und voneinander abgesondert als gegenwärtig. Jeder möchte das Universum vorstellen und aus sich darstellen; aber indem er mit Leidenschaft die Natur in sich aufnimmt, so ist er auch das Überlieferte, das, was andere geleistet, in sich aufzunehmen genötigt.“ Denn zunächst vom Naturforscher gesagt, galten diese Worte doch-für die Zeit überhaupt und m weitesten Sinne.