30 vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel. ind der Welt gewonnen wurde, gelang es für den immer noch zunehmenden Reichtum nicht bloß neuer Reize, sondern nun auch schon neuer Zwecksetzungen und neuen praktischen und schließlich sittlichen Handelns allmählich auch eine neue Syn⸗ these praktischer Weltanschauung zu entwickeln: wir werden sehen, wie die scheinbar so abstrakten Spekulationen der Jugend Fichtes schon unbewußt von historischem Instinkt durchsetzt baren, wie dann die von dem genetischen Gedanken tief durch⸗ tränkte Philosophie Schellings emporblühte, und wie beiden schon, noch mehr aber allen späteren, zumeist christlich durch— färbten Spekulationen der Romantik bis hin zum Hegelschen System die Durchbildung ebenso einer historischen Weltanschau⸗ ung wie einer neuen Form des Gewissens zugrunde lag. Daneben wurden freilich die enthusiastischen Überlieferungen der Frühzeit des Subjektivismus noch keineswegs aufgegeben. Wie im klassizistischen Idealismus Schiller, als der Haupt⸗ dolmetsch und Herold der hierhergehörigen Empfindungsreihe, den Einzug in das Land einer neuen Sittlichkeit nur durch das Morgentor des Schönen als möglich vorstellte, so war auch noch der romantische Idealismus überzeugt, daß Wirklich⸗ keit ohne Poesie nicht bestehen könne. „So wie es trotz aller Sinne ohne Phantasie keine Außenwelt gibt, so auch mit allem Sinn ohne Gemüt keine Geisterwelt. Wer nur Sinn hat, sieht keinen Menschen, sondern bloß Menschliches: dem Zauberstabe des Gemüts allein tut sich alles auf. Es setzt Menschen und ergreift sie; es schaut an wie das Auge, ohne sich seiner mathematischen Operation bewußt zu sein.“ In der Tat, das war es: die Abklärung des leidenschaftlichen Enthusiasmus der Frühzeit zu einem alles einhüllenden und alles durchdringenden Oden des Gemüts: was die Zeit kennzeichnete. Aber immer klarer und durchsichtiger, wie ein fließender Hauch reinster Abendluft, wenn Wald und Feld ein letztes Wehen durch⸗ zieht, kommt dies Gefühlsmoment zum Vorschein. In ihm wird damit, im Bereiche der Dichtung, die Seele zum Schau— platz wechselndster Gefühle, und neben eine Lyrik von tiefem Pathos stellt sich eine Gedankendichtung, welche die dichterische