52 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel. so leicht geüt werden? Und geht heute, wo diese Pflicht für die schöpferischen Kreise der Nation nur noch um so dring— licher gilt, der Prozeß dieser Bildung einer persönlichen Lebens⸗ anschauung so ganz systematisch vor sich, um auf dem Wege klarer und sozusagen pedantischer, rationaler Durchbildung mmer zu einem System dieser Anschauung zu führen? Wir wissen es alle: nicht ein philosophisches oder religiöses System, sondern eine an sich freilich sehr unbedingte Gefühlsgeneigtheit und Lebensbestimmung allein sind das Ergebnis. Und sie werden zum besten Teile unbewußt errungen: erlebt, erfahren in nicht selten halb mystischen Prozessen. Begann nun eine derartige subjektivistische Entwicklung von Lebenswerten eben in den Zeiten der Frühromantik: so begreift sich, wie außer⸗ ordentlich, wenn auch im einzelnen schwer kontrollierbar, der Einfluß von philosophischen Systemen auf diese Entwicklung werden mußte, die schließlich verwandten Bildungsformen und Motiven ihre Entstehung verdankten. Und nur die abstruse Form der Darstellung, der vielleicht große Geistesreichtum, zugleich aber die Unverständlichkeit der Analogieschlüsse, wie die mit ihnen verbundene in langen Reihenformen verlaufende scholastische Dialektik der romantischen Systeme mögen diesen Einfluß zum Teil unterbunden haben. Aber hier trat nun ein Zusammenhang helfend ein, der erst die ganze Breite der hier möglichen Einwirkungen offen— legt. Sollte nicht die Dichtung der Zeit dieser Philosophie der Mystik aufs nächste gestanden haben? Und nun anschau— licher und eindringlicher verkündet haben, was jene im Dickicht dialektischer Schlußreihen und im Weihrauchduste mystischer Ineinssetzungen lehrte? Es ist ein innerlicher Zusammenhang, wenn Jena und Berlin Sitze frühromantischer Poesie und Philosophie zugleich gewesen sind, wenn die Schlegel und Novalis und Fichte und Schelling und Schleiermacher in tausend persönlichen Berührungen lebten, wenn das Athenaeum es aussprach, daß nach der Vermutung einiger die höchste Philosophie wieder Poesie zu werden bestimmt sei. Denn tatsächlich trifft unsere Erzählung, was sie bei den