Die Frühromantik. 53 Philosophen mühsam zu deuten suchte, bei den Dichtern offener dargelegt, klarer veranschaulicht, wirksamer mitgeteilt — und ins Praktische, ins Leben hineingewendet. „Eine Idee ist“, heißt es im Athenaeum, „ein bis zur Ironie vollendeter Be⸗ griff, eine absolute Synthesis absoluter Antithesen, der stete sich selbst erzeugende Wechsel zweier streitender Gedanken. Ein Ideal ist zugleich Idee und Faktum. Haben die Ideale für den Denker nicht so viel Individualität wie die Götter des Altertums für den Künstler, so ist alle Beschäftigung mit Ideen nichts als ein langweiliges und mühsames Würfelspiel mit hohlen Formeln oder ein nach Art der chinesischen Bonzen hinbrütendes Anschauen seiner eigenen Nase.“ Wie anders muten schon diese Worte an, als jegliche philosophische Enthüllung der Geheimnisse des triadischen Schlusses! Aber nicht bloß die Denkmethode, auch das tiefe Denkpathos der Philosophie wird im Munde der Dichter seiner dialektischen Mystik ent— kleidet. Läßt Fichte von der These des Ichs zur Antithese des Nicht-Ichs und von da zur Synthese des Selbstbewußt⸗ seins einen dialektischen Prozeß verlaufen, so beschäftigt ihn dieser Gedanke nicht als ein dynamischer. Und lehrt Schelling das Erfließen der Natur- und Geisteswelt aus einem geistigen Indifferenzpunkte nach links und nach rechts gleichsam bis zu den niedrigsten Grenzen der Wirksamkeit natürlicher Agentien einerseits und andrerseits bis zu den höchsten Erscheinungs⸗ formen des Geistes: so verbindet er damit nicht eigentlich den Begriff des Werdenden, des tatsächlichen Evolutionismus. Und doch ist klar, daß Fichte und mit ihm auch Schelling, der ihm folgt, die psychische Statik, von deren Grundlage aus noch Kant durchaus geurteilt hatte, aufheben, und daß Schelling dem Gedanken einer organischen Entwicklung, ja selbst eines Evolutionismus der anorganischen Natur Freunde wirbt. Wird da nicht der Historiker eben in diesem Zusammenhange ihre Bedeutung sehen: sind sie ihm nicht gerade hierin die Dol— metscher des seelischen Charakters ihrer Zeit, der eben Aktua— lität war und Dynamis und darum die Welt dynamisch und aktuell zu spiegeln gezwungen blieb?