Die Frühromantik. 74 Allein schon das Vorbild eben Wilhelm Meisters war be— denklich; unter den großen Romanen Goethes ist er der am mindesten sicher durchkomponierte; fast zerfällt er in Szenen. Und wenn man dann nur wenigstens in der Szenenbildung bei der Anschaulichkeit Goethescher Kunst verharrt hätte! Muß nach unserer Kenntnis der zentralen Erscheinungen frühroman— tischen Seelenlebens noch gesagt werden, daß dies völlig un— möglich war? Selbst in der Szenenbildung herrschte unbedingt statt der objektiven Anforderung der Erzählung der Subjekti— vismus des Autors, sahen sich Einfall und Aphorismus im bittern Widersinn zu ihrer Bedeutung zum Stilprinzip erhoben. „Wenn die Novelle in jedem Punkte ihres Seins und Werdens neu und frappant sein muß, so sollte vielleicht das poetische Märchen und vorzüglich die Romanze unendlich bizarr sein; denn sie will nicht bloß die Phantasie interessieren, sondern auch den Geist bezaubern und das Gemüt reizen; und das Wesen des Bizarren scheint eben in gewissen willkürlichen und seltsamen Verknüpfungen und Verwechslungen des Denkens, Dichtens und Handelns zu bestehen. Es giebt eine Bizarrerie der Begeisterung, die sich mit der höchsten Bildung und Freiheit berträgt und das Tragische nicht bloß verstärkt, sondern ver⸗ schönert und gleichsam vergöttlicht, wie in Goethes Braut von Korinth, die Epoche in der Geschichte der Poesie macht. Das Rührende darin ist zerreißend und doch verführerisch lockend. Einige Stellen könnte man fast burlesk nennen, und eben in diesen erscheint das Schreckliche zernalmend groß.“ In der Tat glaubte man, mit solchen Ingredienzien die saubere Szenen— folge eines Romans, zum mindesten aber die saubere Einzel⸗ szene schaffen zu können. Man bemerkte dabei wohl den Ab⸗ grund, der von dem einfachen Realismus der Erzählung trennte: aber man tröstete sich: „aus dem romantischen Ge— sichtspunkt haben auch die Abarten der Poesie, selbst die er⸗ zentrischen und monströsen, ihren Wert als Materialien und Vorübungen der Universalität, wenn nur irgend etwas darin ist, wenn sie nur original sind.“ So kann natürlich der frühromantische Roman gar nicht