72 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel. mit dem gewöhnlichen Maßstabe der Erzählung gemessen werden, geschweige denn, daß die Frage aufdeworfen werden darf, inwiefern durch ihn die Form der Erzählung gefördert worden sei. Gewiß schwelgen die Romane dieser Zeit in Farben und Tönen; das eigentlich Malerische des deutschen Stils, eine außerordentliche Wesensseite unserer modernen Sprache, wird vor allem in ihnen entdeckt; und das Ungewöhnliche ins— besondere, das Schaurige, das Gespensterhafte wirkt mit einem ganz unerhörten Reichtum von Schattierungen. Allein daß in ihnen erzählt würde, kann nur mit Einschränkung be— hauptet werden, und Anschauungskraft und Gedächtnis finden zu ihnen kaum ein Verhältnis. Denn es handelt sich da der Hauptsache nach gar nicht um Schilderungen in Anknüpfung an eine gegebene Welt, sondern um Phantasmagorien aus einem höheren Dasein, aus der transzendenten Welt des Ichs: und darum blühen auf diesen Gründen nicht Schilderung und Bericht, sondern Allegorie, Symbolismus und Mystik. Und auch da, wo die Welt notwendig gemalt werden muß, wird sie nicht nach dem Lebenden skizziert, sondern „ver⸗ klärt“ dargestellt, wird sie zum „Wunder“. Da findet sich denn in Novalis' Heinrich von Ofterdingen, dem Musterstück der Gattung, kaum die Andeutung einer Charakterschilderung, ja kaum grundsätzlich die Schilderung von Personen überhaupt; Kaufleute, die Heinrich begleiten, sprechen bezeichnenderweise nur im Chor! Und dementsprechend fehlt mit mangelnden Motivenreihen auch der innere kausale Zusammenhang der Ereignisse, und so zerflattert die Komposition: keine Spur davon, daß sie geschlossen einem bestimmten Ende zudrängte. Diese Art einer angeblichen Form aber ist für alle Romane der Zeit charakteristisch; charakteristisch also auch, daß nur wenige von ihnen vollendet wurden. Es sind eingeborene Züge der erzählenden Dichtung; immer kehren sie wieder; sogar auf eine jüngere Generation, z. B. De la Motte Fouqus sind sie noch vererbt: denn auch er noch wirft tausend Stoffe in Romanen ohne Zeit und Ort durcheinander; auch bei ihm noch findet sich keinerlei Spur