Die Frühromantik. 73 klarer Charakteristik; und eine Schilderung der Außenwelt dominiert, welche die Natur nur in ihren gröbsten Zügen als Behausung von menschlichen und übermenschlichen Geistern zu kennen scheint. So war denn die Erzählung der Frühromantik eigentlich etwas auf mystischem Hintergrunde Subjektiv-Lyrisches: und hieraus wäre zu schließen, daß die dichterische Phantasie der Zeit in der Lyrik gipfeln mußte. Diese Annahme wird nun auch durch die Beobachtung bestätigt; auf keinem Gebiete hat die Dichtung der Frühromantik dauerndere Werte geschaffen wie auf dem lyrischen. Aber freilich bleibt auch hier die Grundlage des Empfindens die selbe, mystische. Das Ziel des Strebens ist ein mystisch Bild Von sinnlich-geist'ger Harmonie gestellt. Die Sehnsucht wird durch Sehnen noch gestillt: Als Ort des Sehnens lieben wir die Welt. So auch mit Sehnsuchtsdüften überhüllt Die neue Kunst dem Menschen wohlgefällt. Hellenisch Leben, du bist uns verloren, Drum haben das romantische wir erkoren. Es sind etwas ungefüge Verse Mniochs; sie sollen aber hier gleichwohl angeführt sein, weil sie mehr als tausend andere in die seelischen Voraussetzungen der frühromantischen Lyrik einführen. Da lernen wir sie kennen, die Mystik in ihrem ewig unerfüllten Suchen nach Ineinssetzung mit den Dingen in realistisch-idealistischer Ausgleichung: in jener Sehnsucht, der Sehnsucht schließlich selbst Gehalt und damit Selbst— zweck wird. Die Welt ist eine Lilie, eine blaue, Ein Inbegriff geheimnisvoller Dinge .... An dieser Lilie weitem Wunderbaue Hängt schwebend mit der sehnsuchtmüden Schwinge Des Menschen Geist, gleich einem Schmetterlinge, Und lechzet durstig nach des Kelches Taue. (Rückert.) Freilich: läßt sich dieser Zustand mystischen Sehnens, auf die Dauer ein unerträgliches Dasein nervöser Spannung,