Die Frühromantik. 75 Geschlechter verschob sich. Wie die Zahl der dichtenden Frauen, zum ersten Male in unserer literarischen Entwicklung, beträcht⸗ licher stieg, so erschien das Weib als der Schoß schöpferischer Fruchtbarkeit und als der Träger uralter Weisheit, und der Mann als der Barbar bloßen Schutzes. Im letzten und aller⸗ letzten aber gipfelte diese Umwertung aller Werte im Kulte der Mystik. Da tauchte die Verehrung der alten transzen— dierenden Meister auf von Tauler und Meister Eckhart über Thomas von Kempen bis Jakob Boehme, dem Gottseligen des Protestantismus: Wer möchte nicht erwerben So hohen Meisterthron? Wer nicht aus Liebe sterben, Wenn das des Todes Lohn? Max von Schenkendorf.) Und noch einmal wieder rückwärts wirkte diese Empfind— samkeit für bisher ungekannte Werte. Die Formen der Dichtung selbst wurden jetzt sonderbar: prunkend, schmuckbeladen, sinn⸗ lich-musikalisch, auswärtigen Literaturen entnommen, Sonett, Oktave: bis es scheinen konnte, als müsse unter ihrer barocken Märchenpracht jeglicher Inhalt zusammenbrechen. Es ist die Höhe der Entwicklung, die Poesie der Schlegel, Tiecks, auch noch von Novalis. Aber sie war vorbereitet durch einen leisen Anstieg, zum Zeichen des, daß sie organisch war. Während sich die volle Ausbildung an das preziöse Berlin mit seinen literarischen Zirkeln und an Thüringen knüpfte, das Land so vieler Reize uralten Sanges, fielen die vorbereitenden Zeiten nach Schwaben: in das Gebiet, in dem sich die Ro— mantik, ohne vieles Dazwischentreten des Klassizismus, rein aus Empfindsamkeit und Sturm und Drang heraus gestaltet hat. Aber vorher führte Friedrich Matthisson, schon in den achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts, den Reigen und glänzte, noch an Klopstock und Ossian erinnernd, als gefühlvoller Dichter der Landschaft. Dann folgte ihm, als bedeutendster einer ganzen Gruppe, der unglückliche Hölderlin. Voll Ahnungen bereits der Mystik eines Schelling ja Hegel, in seinem Hyperion