86 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel. die schon früher entwickelt worden sind, in den Zeitaltern einer höheren Kultur recht eigentlich die geschichtlich-reprä— sentative Formauswirkung der bildenden Phantasie überhaupt. In der Tat hat die Zeit der Frühromantik eine mystisch— symbolistische Malerei zu entwickeln gesucht. Wir haben da schon von dem Universalkünstler Philipp Otto Runge gehört?: er hat in Ol und Fresko gemalt; er kannte und beherrschte zum Teil auch die künstlerischen Reproduktionsarten seiner Zeit; er war ein Meister im Silhouettenschneiden; er schuf eine neue Ornamentik oder wandte sie wenigstens glänzend an, falls Eugen Neureuther ihr Erfinder gewesen sein sollte; er war kunstgewerblich tätig: was Wunder, daß er auch komponierte und schriftstellerte; im Jahre 1842 hat sein Bruder seine „Hinterlassenen Schriften“ herausgegeben. Runge hat nun, namentlich während seines Aufenthaltes in Dresden, auch eine romantische Zeit gehabt, wie denn er mit Tieck und Wilhelm Grimm in Verkehr stand. Und da ist er in der Tat zu einer merkwürdigen, tiefer ästhetischer und optisch⸗physiologischer Be⸗ merkungen vollen Farbensymbolik fortgeschritten und hat deren Prinzipien auch eine Zeitlang in seiner Malerei zur Anwendung gebracht. Es war zur selben Zeit, da er auch die neue Orna⸗ mentik, eine stilistisch hochstehende Reduktion der realistischen Umrisse vor allem der den Romantikern teuren Pflanzen, Lilien, Aurikeln, Maßliebchen, pflegte: und in seiner Konzeption der vier Tageszeiten wie in einem Bildnis seiner Braut mit syin⸗ bolischer Umrahmung kamen all diese Momente zu entzücken— dem Ausdruck. Dabei stand Runge mit seinen Bestrebungen keineswegs allein; in Dresden z. B. wirkte in verwandter Richtung auch noch der Landschafter Kaspar David Friedrich, ein impressionistischer Symbolist, der mit der modernen Kon— zeption des Landschaftlichen schon den Gedanken verband, in dessen Darstellung auf Befriedigung des persönlichen Seelen— lebens, vor allem natürlich einer tiefsten Stimmung, auszugehen. S. z. B. Band VII S. 216. S. Band VIII, 2, S. 607 ff.