Die Spätromantik. —131 trotz reichster Mittel — denn weit übertrifft seine Harmonik an Umfang und Intensität die Schuberts —: aber Schubert zeichnet mit weniger Mitteln feiner und setzt der Wandmalerei eine fast plastische, reliefartige Kunst entgegen. So ist Schumann in der Form breiter, die Begleitung wächst zu orchestraler Fülle und deckt bisweilen im Suchen nach Wohlklang die Stimme; doch schwingt sich die Stimme im allgemeinen frei über ihr auf: während bei Schubert Stimme und Begleitung mehr als Freunde zusammenwandeln und sich in einer Prägnanz des Gesamtausdruckes ergehen, die Schumann der Regel nach ver—⸗ sagt ist. Im übrigen weiß man, daß das deutsche Lied mit der Romantik keineswegs abgestorben ist. Auf Schumann folgte nicht bloß Robert Franz in seiner vornehmen Herbheit; neue Zeiten brachten neue Meister; wir werden noch von Brahms und Rubinstein, von Liszt und Cornelius, von Strauß und Wolf vernehmen; und noch heute wallt und quillt es im deutschen Liederbronnen wie vor alters. Was aber für die Romantik zum ersten Male bezeichnend war, das war der Umstand, daß die großen Meister nicht isoliert standen und nicht für eine exklusive Gesellschaft schufen: ihr Hörerkreis war die Nation, wie sie seit 1815 erwacht war; und unzählige Trabanten und Halbtalente vermittelten die neue Liedkunst den Massen. Man muß sich das anschaulich machen, will man den außerordentlichen Aufschwung der Oper in und seit der Zeit der Romantik verstehen. Schon in den Jahrzehnten des Klassizismus hatte das Lied auf die Oper Einfluß gewonnen. Läßt sich nicht schon die Glucksche Reform als ein Vorläufer gleichsam der Lied— entwicklung in der Oper bezeichnen, insofern sie das Expressive anstrebte? Darauf ist nicht bloß das Singspiel fast ein Pro⸗ dukt der Entwicklung des Liedes gewesen; Mozart hat mit dem Singspielartigen auch das Liedartige in die „Entführung aus dem Serail“, hat das Lied in seiner ernsten Ausbildung in die „Zauberflöte“ eingeführt. Und wie nahe trat in dieser Hinsicht 92*