232 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel. Boden schon Vico und Montesquieu nicht übel Lust verspürt hatten. In der Tat wurde dies Feld auch in Deutschland weithin angebaut; namentlich die räumlichen, geographischen, klimatischen Bedingungen begannen unversehens in die Rolle historischer Ursachen hineinzuwachsen: bis die neue Erkenntnis von Ritter in den Rahmen eines glänzend geistreichen Systems gefaßt wurde. Im ganzen, darf man ,sagen, war der Ausbau dieser An— schauungen als für die durchschnittliche Geschichtsauffassung und Geschichtsdarstellung maßgebend mit der Wende des Jahr— hunderts abgeschlossen; und vollendet kommt diese Tatsache in den Schriften des größten Historikers dieser Zeit, Johannes von Müllers, zum Ausdrucke. Kausales Verständnis der Er— scheinungen und insofern kulturgeschichtliche Entwicklung — ja: aber daneben teleologische, ja fast noch theologisch-christliche Deutung des geschichtlichen Verlaufes: das war die merkwürdige Mischung. „Die Universalhistorie sollte ein Buch werden,“ schreibt Müller am 11. Januar 1800,, das ich denen, die die christ⸗ liche Religion nicht kennen, nicht ungenießbar machen möchte; ihr eigentlicher Zweck soll doch ... der Induktionsbeweis des Zu— sammenhanges der Welthistorie unter sich und mit einem Plane des Welturhebers ... sein.“ Dementsprechend ist Müller für das Genie noch die „Erleuchtung der Seele“ wesentlich, und im Grunde erscheint alles geschichtliche Geschehen doch als persönliche Auswirkung des Absoluten. Nun versteht sich, daß bei einer so umfassenden Definition der Geschichte, und noch mehr bei solch außerordentlicher Penetranz der historischen Auffassung alle Geisteswissenschaften historisch werden mußten. Es ist ein ungemein wichtiger Vorgang, der sich mit unwiderstehlicher Gewalt, von den geisteswissenschaft⸗ lichen Einzeldisziplinen kaum bewußt beobachtet, in seinen Grundlinien noch im Laufe des 18. Jahrhunderts vollzieht. Dabei haben vor allem die alten großen praktischen Geistes⸗ wissenschaften, die Theologie und die Jurisprudenz, die Kon⸗ sequenzen dieser Umbildung zu verspüren gehabt: sogar äußer— lich, in der Stellung, welche diese Disziplinen innerhalb der