Fortschritte des politischen Denkens. 507 auch das deutsche aufzugehen bestimmt sei. Es waren Ge— danken, die besonders seit dem Untergange des alten Reiches an Kraft innerer Gestaltung wuchsen. So hat der warm— herzige Philosoph Krause im Jahre 1808 seinen „Erdrechtsbund“ geschrieben;, in dem er vorschlug, Europa unter Napoleons Führung und unter französischer Vorherrschaft zu einem Ein⸗ heitsstaate zu gestalten mit Paris als natürlichem Sitze der Weltregierung, der französischen Sprache als Staatssprache — und dem allgemeinen Verbote des Leihens auf Zinsen: Phan⸗ tasien, die durch die Kriege der Folgezeit bald aufs grausamste gekennzeichnet wurden. Als aber nach dem ersten Pariser Frieden die Heilige Allianz ins Leben zu treten begann: hatte man da nicht in manchem Betrachte den ersehnten Erdrechtsbund? Und bewährte er sich nicht gegen Napoleon, den verkörperten Antichrist, wie gegen das geistige Antichristentum des Libera⸗ lismus? Da war die große Lebensform errungen, deren man bedurfte. Wozu noch, im Schutzbereiche der Heiligen Allianz, eine nationale Einheit hinaus über die des Deutschen Bundes? Selbst in den Kreisen, die liberal empfanden, gewöhnte man sich an diesen Zustand. War man denn am Ende nicht wirklich in erster Linie Österreicher, Preuße, Sachse; Mecklen⸗ burger, Reuß-Schleizer, Reuß-Greizer? Die Nationalität fiel aus; höchstens daß man für sie einen überaus vagen Be— griff volkstümlicher Bindung entwickelte. In der zartesten, un— brauchbarsten Form findet sich dieser Begriff schon in der Früh— romantik. „Deutsche gibt es überall, und Germanität ist so wenig wie Romanität, Gräzität oder Britannität auf einen besonderen Staat eingeschränkt; es sind nur allgemeine Menschen— charaktere, die nur hier und da vorzüglich allgemein geworden sind.“ Zu den Zeiten des Jungen Deutschlands ist dieser Be— griff dann gang und gäbe; und schon in Kühnes Novellen vom Jahre 1881 wird die fatal-deutliche Frage Ernst Moritz Arndts, was des Deutschen Vaterland sei, mit dem Satze be⸗ antwortet, für die Gemäßigten sei „die Einheit Deutschlands Herausgg. von Mollat, 1893.