510 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel. Menschenalter später, nach langem Schlummer, zum Höchsten berufen war, was ein Dichter und Sänger erträumen kann: zum Herolds- und Kriegsrufe seines Volkes. Alsbald aber wurden die Weisen auch mannigfaltiger und die Meinungen tiefer begründet; von den äußeren Sorgen sprang die Dichtung über zu den inneren, zu freiheitlicher Prophezeiung, Erwartung, Verkündigung. So enthält das gedankenreiche Gedicht von Robert Prutz aus dieser Zeit, „Der Rhein“, die Strophe: Gebt frei das Wort, ihr Herr'n auf euren Thronen, So wird das andre sich von selbst befrei'n. Wagt's und vertraut! In allen euren Kronen Wo strahlt ein hell'res, edleres Gestein? Die Preffe freil! Uns selber macht zum Richter, Das Volk ist reif — ich wag's und sag' es laut: Auf eure Weisen baut, auf eure Dichter, Sie, denen Gott noch Größ'res anvertraut! Unter diesem Ansturm schwand zunächst die begründende, forschende, staatsrechtliche Erwägung. Schon der Schluß der dreißiger Jahre hatte vielfach mit Ruge! gemeint, der Staat sei weder ein Organismus noch eine Maschine, sondern das freie Reich der Sittlichkeit — und zu erreichen sei er nur durch scharfe Forderungen des Tages: die französische Revolution sei eine „notwendige Blutwäsche“ gewesen. Im Beginne der vierziger Jahre aber waren wohl neue Anfänge einer Staats— lehre zu bemerken gewesen, die nun wirklich freiem Subjekti⸗ vismus zustrebte, so z. B. in Bluntschlis ‚Psychologischen Studien über Staat und Kirche“ (1844): allein, soweit —— besser ausgebaut worden waren, fielen sie erst späteren Zeiten zu. Was jetzt zur Frage stand, war ein anderes: Stimmungen, deren Ziele sich allmählich konkreter gestalteten; Ahnungen, die sich verdichteten; Visionen, deren Verwirklichung erstrebt, Forderungen, deren Erfüllung immer ungestümer verlangt wurde. So war denn die Politik auch innerlich eine Politik noch der Dichter; der äußeren Erscheinung nach aber sind um das eine Hallesche Jahrbücher S. 1169 f.