Fortschritte des politischen Denkens. 518 O du erwarteter O du verheißener Freundlicher Bote zukünftiger Zeit! O erschein', o erschein' uns, wir flehen dich an, Dein wartet in Tränen, dein wartet die Welt: O erscheine dem hoffenden Volke! Wolitische Wochenstube.) Aus ganz anderem Holze geschnitzt war Georg Herwegh. Es war das Geringste, was von ihm gesagt werden konnte, wenn ihn Gottfried Keller mit der Zeile pries: „Zum Wecker bist vor vielen du gefürstet!“ Er hat manch schönes unpolitisches Lied gedichtet; noch singt man von ihm „Die bange Nacht ist nun herum“, und wohl auch gelegentlich noch einmal das einst— mals vielgeliebte „Ich möchte hingehn wie das Abendrot“. Was ihm aber politisch seine Stelle wies, das war der Um— stand, daß er den frühen Radikalismus des Jungen Deutsch-— lands um vieles reifer und schärfer wieder aufnahm; aus der Gedankenwelt Börnes und über sie hinaus erwachsen seine Lieder. Und erst recht ihre Form zeigt, daß die Trennungstage eines gemäßigten und eines radikalen Liberalismus nahten: rhetorisch zugespitzt, erbittert und erbitternd, Stacheln gleich dringen sie in die Gesinnung des Lesers; und sollte ihnen aus ihnen selbst ein Motto gegeben werden, so müßten es die Zeilen sein Wir haben lang genug geliebt, Wir wollen endlich hassen. Sõ erhält der Dichter unerwartete Beziehungen zu manchem großen Sänger der Jahre des Franzosenhasses und der Be— freiung; und in den Strophen des „Aufrufs“ ist es wie ein Wiederaufleben des Ingrimms der Geharnischten Sonette: Vor der Freiheit sei kein Frieden, Sei dem Mann kein Weib beschieden, Und kein goldnes Korn dem Feld! Bor der Freiheit, vor dem Siege Seh' kein Säugling aus der Wiege Frohen Blickes in die Welt! Doch streckt sich der Dichter nicht minder nach vorwärts; und wo die großen Ziele einer Demokratie der Zukunft auf— Lambrecht. Deutsche Geschichte. X. 38