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            <surname>Lamprecht</surname>
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      <div>284 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel. 
Innerhalb der Naturwissenschaften war dabei die Entwicklung 
insofern leichter, als sich unmittelbar wieder, soweit die Fäden 
nicht überhaupt noch erhalten waren, an die rationalistisch- 
mechanische Naturanschauung des 17. und 18. Jahrhunderts 
anknüpfen ließ: so daß die Gesamtentwicklung aus der Per— 
spektive der sechziger und siebziger Jahre beinahe einen kon— 
tinuierlichen, durch die Traumgebilde der Naturphilosophie 
kaum noch unterbrochenen Eindruck machte. Es war ein eben 
nicht verwunderlicher Verlauf: sind doch die Reflexe des alten 
Rationalismus in den realistischen Jahrzehnten selbst im Staats⸗ 
leben überaus kräftig gewesen: in der Wahlrechtsentwicklung, 
in der Lehre von der Teilung der Gewalten und an manch 
anderer Stelle traten nie ganz übertünchte Färbungen des 
Naturrechts wieder hervor. In den Geisteswissenschaften da— 
gegen, soweit sie der tieferen historischen, genetischen, bald 
evolutionistischen Strömung folgten, war die Entwicklung etwas 
verworrener. Gewiß ordneten sich diese Wissenschaften im all⸗ 
gemeinen dem sozialpsychischen Verlaufe williger und in stärkerer 
Beeinflussung selbst durch dessen Einzelheiten ein als die Natur— 
wissenschaften: denn unmittelbar strömt in ihre ja stets seelischen 
Materien, nicht aufgehalten durch die Zwischenwand heterogener 
Objekte, der Geist jeglichen Kulturzeitalters ein. Allein in dem 
vorliegenden Falle war eben dieser Geist, im raschen Über— 
gange von Romantik zu Realismus, noch in sich selbst nicht 
pöllig homogen: wie also hätte er eindeutig wirken sollen? 
Unter diesen Umständen trägt es zu leichterem Verständnisse 
bei, wenn zunächst von der Entwicklung der Naturwissenschaften 
erzählt wird. 
Mit der Entfaltung der mechanischen Naturwissenschaften 
seit der ersten Hälfte des 17. bis zum Schlusse des 18. Jahr⸗ 
hunderts und einige Jahrzehnte darüber hinaus war schon eine 
arbeitsteilige Erforschung der Naturgeheimnisse erreicht, die 
sich in einer, wenn auch damals noch nicht voll entwickelten, 
so doch heute leicht erkennbaren Organisation der Naturwissen— 
schaften niederschlug. Da ließ sich zunächst, nach Lage der 
erworbenen Kenntnisse, von Wissenschaften der leblosen, an—</div>
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