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        <title>Neueste Zeit</title>
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      <div>Fortschritte des politischen Denkens. 455 
die sich auf diese Weise bildeten, wurden zwar zum Teile schon 
während der dreißiger Jahre in der Staatslehre Stahls, und 
hier nicht ohne einen Einfluß der besonderen Berliner Romantik, 
systematisch vorgetragen, entwickelten sich jedoch in schließlich 
jeglicher Hinsicht erst um und nach 1840 und haben in diesem 
Stadium ihren vollendetsten Ausdruck wohl nicht so sehr in einem 
Systeme, wie vielmehr in dem praktischen Denken Leopolds 
und Ludwigs von Gerlach, des Generaladjutanten Friedrich 
Wilhelms IV. und des Berliner Gerichtspräsidenten, gefunden: 
wie sie denn auch in dieser Form später, durch Vermittlung der 
durch Leopold von Gerlach am Hofe Friedrich Wilhelms IV. 
gebildeten Kamarilla und durch Begründung der konservativen 
Kreuzzeitungspartei vornehmlich durch Ludwig von Gerlach 
weitaus am wirksamsten geworden sind. 
Was bei ihnen auch noch in den Zeiten des vollsten 
praktischen Ausreifens am meisten auffällt, das ist die noch 
mmer fortwährende starke und prinzipielle religiöse Begründung. 
Zwar ist die Idee der Concordantia in speziell katholischem 
Sinne zurückgetreten; statt dessen wird an den viel konkreteren 
Gedanken der Heiligen Allianz der europäischen Mächte an— 
geknüpft und erfolgt unter seinem. Schutze eine konsequente 
Evangelisierung der religiösen Grundlage. Und so sind denn 
pPflicht und Gewissen viel mehr und mit ihnen auch der persön⸗ 
liche Glaube weit stärker in den Vordergrund gerückt. Und dem 
entspringt dann wieder eine Anerkennung des bewegenden Grund⸗ 
triebes des Zeitalters, des Subjektivismus, die um manchen 
Grad über die analoge Beurteilung des Klerikalismus hinaus— 
führt: die Freiheit des Willens wird ausdrücklich betont und 
nur zu jener Freiheit hin abgetönt, die mit dem Bestande staat— 
licher Bindung vereinbar und von jedem in freiem Entschlusse 
erreichbar ist; fern steht weiter das Denken jeglichem Zwange 
und vor allem der Vielregiererei des Polizeistaats; Menschen⸗ 
rechte und Toleranz gelten ohne Vorbehalt als wahrhaft große 
Ideen, deren Hochhaltung und Verteidigung selbst am Libera⸗ 
lüsmus geschätzt wird; und in dem Lichte eines befreienden 
Subjektivismus finden sogar die Revolutionen und unter ihnen</div>
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