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            <forname>Karl</forname>
            <surname>Lamprecht</surname>
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        EIGEMTU
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J—
1

—

744
        <pb n="2" />
        Deutsche Geschichte

7200

KRarl LTamprecht.

Dder ganzen Reihe zehnter Band.

Erste und zweite Auflage.

Berlin.
Weidmannsche Buchhandlung.
1907.
        <pb n="3" />
        Deutsche Geschichte

4

Karl Tamprecht.

Dritte Abteilung:

Neueste Seit.

Zeitalter des subjektiven Seelenlebens.

Dritter Band.

Erste und zweite Auflage.

Berlin.
Weidmannsche Buchhandlung.
1907.
        <pb n="4" />
        Alle Rechte vorbehalten.

J
* ⸗

—

A
——

—
2
S,
—
404.

—*

J
        <pb n="5" />
        Vorwort.

Diesem Bande habe ich nur wenige Worte vorzusetzen:
Worte des Dankes. Wie mein lieber Schüler und Freund
Herr Dr. Rudolf Wustmann die literärgeschichtlichen Partien
des achten Bandes, so hat der mir in verwandter Weise nahe⸗
stehende Herr Dr. Friedrich Schulze die entsprechenden Teile
dieses Bandes in der Korrektur mitgelesen. Andere Abschnitte
wissenschaftsgeschichtlichen und politischen Inhalts sind von
den Herren Geheimrat Professor Dr. Ostwald und Professor
Dr. Des Coudres, sowie Herrn Dr. Armin Tille durchgesehen
worden.
Das Register hat, wie bei früheren Bänden, Herr
Martens bearbeitet.
Allen diesen freundlichen Helfern weiß ich herzlichen Dank.

Dr.

Leipzig, 1. November 1807.

. Camprecht.
        <pb n="6" />
        Inhablt.

Vierundzwanzigstes BRuch.

Erstes Kapitel. Zrühromantißk.

Innerer Verlauf und Wesen der Romantik..
Einleitendes. Rückblick auf den Verlauf der Entwick—
lung seit der Mitte des 18. Jahrhunderts. Abgrenzung
gegen die zweite Periode des Subjeklivismus. Allgemeiner
Lharakter und Perioden der Romantik. Die Frühromantik
Wesen und Auswüchse; innerer Verlauf; Verhältnis der
Zweige der Phantasietätigkeit und der Philosophie in ihr
II. Die Philosophie der Frühromantik. .....
Verlauf der Philosophie des 16. bis 18. Jahrhunderts
mit besonderer Rücksicht auf die mystische Denkrichtung;
Kant. Die Systeme Fichtes und Schellings. Mystischer
Charakter des frühromantischen Denkens. Gefchichtliches
Verhältnis dieses Denkens zur ffrüheren Entwicklung der
Mystik: seine Fruchtbarkeit, seine Konsequenzen. Religiöft
Wandlungen im extremen Subjektivismus. Die Welt
anschauung der Dichter.

ill. Die Dichtung . . ... . . . . . . . . . . . ..
Die fubjektive Frühromantik. Das Drama: Märchen⸗
drama, Stimmungsbrama, Zauberdrama; genereller Cha—
rakter; Lesedrama, Bühnendrama; Schauspielkunst. Die
Erzählung: Charakter der Szenenbildung, Wesen des Ro—
mans. Die Lyrik: allgemeiner Charakter; schwäbische An—
fänge; Novalis; der Schlegel-Tiecksche Kreis. Die objektive
Frühromantik: Ballade, Volkslied; Historismus und Re—
gionalismus.

Seite
332

32262

62—82
        <pb n="7" />
        VIII

Inhalt.

Seite

V. Die bildende Kunst. — Romantik und Klafsfi—
zismußs......* .
Entwicklungsschwierigkeiten; Führerschaft der Malerei.
Asthetik des Klassizismus und der Romantik. Die Nazarener
in Rom und in Deutschland: subjektive Frühromantik.
Objektive Frühromantik: Schwind. Verhältnis der bilden—
den Kunst zu Dichtung und Weltanschauung. — Gegensatz
und Übereinstimmung von Klassizismus und Romantik.
Allgemeines Verhältnis der Großen der früheren Periode
zur Romantik. Die Helden jenseits dieses Gegensatzes:
Beethoven; Goethe (Wilhelm Meister, Faust, Greisenalter);
Vermächtnis beider an die Nation.

Zweites Kapitel. Spätromantik.
l. Die Musik der romantischen Zeit......
Die Formengebung und die Seele der romantischen
Musik; Verhältnis zum Klafsizismus. Die Entwicklung
des Liedes: Anfänge in der Zeit des Klassizismus; Schubert;
die Ballade (Zumsteeg, Löwe); Fortentwicklung bei Weber,
Mendelssohn, Schumann, Franz. Die Entwicklung der
Oper: Vorstuse, Spohr; Weber; Marschner, Lortzing,
Kreutzer; Nicolai. Instrumentalmusik: Mendelssohn, Voll—
reife bei Schumann, Ausläufer: Bruch, Rheinberger.

II. Die bildende Kunst.
Das Zeitmaß der Entwicklung in der musischen und der
bildenden Kunst während der Spätromantik. Die Malerei:
Umrißstil (Cornelius, Kaulbach); unmittelbarer romantischer
Kolorismus am Rhein und an der Elbe Cudwig Richter);
Anerkennung der Selbständigkeit von Farbe und Licht
und Übergang zu realistischen Neigungen (Düsseldorfer
Schule, Wilhelm Schadow). Die Bildnerei. Die Bau—
kunst: protestantische Gotik; katholische Gotik der Kölner
Dombauschule.
III. Die Dichtung..... 8
Das Drama: Schicksalsdrama; Versuche historischer
Dramen; Grillparzer und Raimund (besondere Stellung
sterreichs in der literarischen und kulturgeschichtlichen Ent—
wicklung der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts). Die
Erzählung: die objeklive Romantik früher Zeit GKitter-,
Räuber- und Schauerroman); die terarisch-fubjektiven
Romane der Frühromantik und späterer Zeit; der historische

822116

117-143

—143 -160

160 - 191
        <pb n="8" />
        Iuhalt.

Seite

Roman: die Novelle. Die Lyrik: literarische Bedeutung
der Lyrik der Freiheitskriege; griechisch⸗gelehrte Lyrik; die
Lyrik Chamissos und Eichendorffs; die Landschaftsschulen
in Schwaben, im Elsaß, am Mittelrhein und in Hsterreich
Rückschlag und Abschluß der romantischen Lyrik (Lenau,
Annette Droste, Heine).
IV. Die Wissenschaft im Zeitalter der Romantik.
Allmähliches Erstarken der rationalen Motive in der
Entwicklung; Verhältnis von Verstandes- und Phantasie⸗
tätigkeit im Verlaufe der Romantik. — Die Naturwissen⸗
schaften: Entwicklung im 18. Jahrhundert; Physik und
Chemie sowie organische Naturwissenschaften bis in die
Zeiten der Romantik; Entfaltung und Blüte der Natur—
philosophie von Goethe bis Schelling; Einfluß der Natur—
philosophie auf die Naturwissenschaften. — Die Geistes⸗
wissenschaften: quantitative und qualitative Erbreiterung
des Materials; Entwicklung der Quellenkritik; Verlauf der
höheren kritischen Methoden in Motivenlehre, Ideenlehre
und den ersten Anfängen kulturgeschichtlicher Methode;
Entwicklung der romantischen Geschichtsphilosophie, Hegel;
zunehmend wissenschaftlicher Charakter des philosophischen
Denkens.

Drittes Kapitel. RZeginnender Realismus.
J. Die bildende Kunst. .. .. ... — —
Übergang zum Realismus. AÄnderung der Stellung
der bildenden Kunst im Bereiche des ästhetischen Schaffens:
wachsende Anteilnahme des Bürgertums. Vervielfältigende
Künste: Lithographie, Holzschnitt, Radierung, Kupferstich,
Stahlstich. Anfänge des Realismus in der Malerei;
Militärbild, Landschafts- und Bauernmalerei, Italien—
malerei, Porträt. Erste Vermählung des Realismus mit
den akademischen Traditionen vornehmlich auf dem Boden
der Düsseldorfer Schule: Sittenbild; Landschaft; Historien⸗
bild; Asthetik und Kunstgeschichte im Verhältnis zur aus—
übenden Kunst; Lessing, Rethel. Verhältnis von Phantasie—
tätigkeit und Entwicklung der Wissenschaft.
Die systematisch-anorganischen Naturwissen—
schaftene eeeeee,
Übergangsmotive von der Romantik zum Realismus.
Differenzierung der Naturwissenschaften im Beginne des
19 Jahrhunderts. Entwicklung der physikalischen Wissen—
pt*

—II.

91. - 258

259 — 282

282 303
        <pb n="9" />
        Inhalt.

Seite

schaften: Mechanik, Akustik, Optik; Magnetismus, Elektri⸗
zität, Galvanismus. Entwicklung der Chemie: quantitative
Lehre von den Elementen, Anfänge der modernen Atom—
lehre. Die Anschauungen von dem Zusammenhange der
Raturkräfte; Entwicklung des Gesetzes von der Erhaltung
der Kraft, seine Bedeutung.
Die historisch-anorganischen Naturwissen—
schaften..... ..303-316
Astronomie. Geophysikalische Disziplinen. Minera—
logie und Geologie (Paläontologie). Zusammenfassung des
Bedeutenden der Periode in Alexander von Humboldt:
Kosmos. Die Geographie als fynthetische Wissenschaft der
historischen Naturwissenschaften unter dem Gesichtspunkt der
Menschheitsgeschichte; Ritter.
V. Die Geisteswifsenschaften... .. . .
Gesamtverlauf der Naturwissenschaften; ihr Verhältnis
zu den Geisteswissenschaften. Die Geisteswissenschaften und
die Psychologie: Elemente einer eigenstündigen Psychologie
in den Frühzeiten des Subjektivismus, Beneke, Herbart;
Wirkung beider auf 'pädagogischem und völkerpsycho—
logischem Gebiete. Einwirkung metaphysischer Anschau—
ungen und Methoden der Romantik: die Ideenlehre, Ranke
und Gervinus; das Hegelsche System, seine Triadenmethode
and die historischen Disziplinen, Übertragung des Systems
auf die sogenannte materielle Kultur durch Marx. Die freie
Entwicklung der Geisteswissenschaften: politische Geschichte;
klassische Philologie und Altertumskunde. Geisteswissen⸗
ichaftlicher Realismus und Politik.

III.

316 -849

Viertes Kapitel. Politische Restauration;
wirtschaftliche Zortschritte.
Die auswärtige Lage; europäische Politik von
1815 bis 1834430........ ..... 350 -380
Allgemeines über die Grundlagen der europäischen
Politik nach dem Wiener Kongreß. Ihre Entwicklungs⸗
ohasen bis etwa 1840. Stellung der europäischen Mächte
um 1816. Italienische Revolutionen bis 1821. Spanische
Bewegungen bis 1823. Verselbständigung des romanischen
Amerikas, bis 1825. — Stellung der Mächte in der
Heiligen Allianz um 1820. Der griechische Freiheitskampf
bis zum Fall von Missolunghi, 1826. Wendung der russi—

.
        <pb n="10" />
        Inhalt.

XxIl

Zeite

II.

IV.

schen und englischen Politik; diplomatische Sprengung der
Heiligen Allianz. — Liberale Wendung in England; franzö⸗
iische Julirevolution. Europäische Wirkungen der Juli—
zevolution. Frankreich und England im Laufe der dreißiger
Jahre. Französische Orientpolitik; erste Erregungen aus—
wärtigen politischen Interesses in Deutschland; Stellung
der europäischen Großmächte um 1840.
Entwicklung der innerpolitischen Lage in
Deutschland von 1815 bis 1840....... . 380-409
Ausbau und Mißbrauch der deutschen Bundesverfafsung,
his 1834: Allgemeines über die internationale Lage in diefer
Zeit; Begründung des Deutschen Bundes; erfolglose Ver—
uche eines Ausbaues der Heeresverfassung durch Preußen;
reaktionäre Bundestätigkeit der Jahre 1815—1824; voller
Berfall des Bundestages, 1824 -1834. — Verfassungsleben
in den Einzelstaaten: Begründung des politischen Lebens
in den Südstaaten; die Verfafsungsfrage in Preußen; re—
»olutionäre Ereignisse infolge der Julirevolution; Unter—⸗
drückung des Verfassungslebens in den Einzelstaaten seit
Ende der dreißiger Jahre, der hannoversche Staatsstreich
von 1837 und seine Folgen.
Selbständige Entwicklung freierer Formen der
Unternehmerwirtschaft /............ .
Erste Entfaltung moderner Wirtschaftsformen des Sub—
jektivismus auf dem platten Lande und in den Städten:
Großgutswirtschaft, Fabrik; soziale Anfänge des bürgerlichen
Unternehmertums. — Die preußische Zollgesetzgebung des
Jahres 1818: Vorbereitungen und äußere Lage, die eigent—
liche Zollgesetzgebung, Schiffahrtsverträge und Verwandtes.
Die Anfänge des Zollvereins.. ....
Entwicklung des Zollvereins bis zu den Jahren 1834
bezw. 1841: Vorbereitungen, das Prinzip und seine erfte
Durchführung durch Preußen, Anfänge der Ausdehnung
zegenüber verwandten Vereinen, Sieg mit dem 1. Januar
1834, Zunahme des Verkehrs, Verselbständigung des Trans⸗
yortwesens.
Fünftes Kapitel. Jortschritte des politischen
Denkens.
Anfänge des konservativen, klerikalen und pro—
tbestantisch orthodoxen Denkens bis etwa zum
Jahre 1840....

109 425

126 437

138 460
        <pb n="11" />
        XII

Inhalt.

Seite
Der Gedanke des Organismus in der Romantik und
seine enthusiastische und philosophische Gruudlegung. Ver—
hältnis zu Christentum und Kosmopolitismus. Schließlich
christlichezreligiöse Basis. Der katholische Zweig: groß—
deutsch, klerikal, österreichisch. Der protestantische Zweig:
kleindeutsch, im Sinne des 19. Jahrhunderts pietistisch,
nordostdeutsch-preußisch. Beziehungen der beiden Zweige
zueinander.
Primitiver Liberalismus und Junges Deutsch-⸗
land bis etwa 1835..... . . ... .. 460 - 4686
Meinungen und Stimmungen des frühesten Libera—
lismus; Verhältnis zu den einzelnen Phasen des Früh—
ubjektivismus. Radikalismus des zweiten Jahrzehnts.
Börne und Heine. Das Junge Deutschland: literarische
Form der Opposition; Inhalt und Ziele; Beiträge der
einzelnen Dichter; Unterdrückung und Resignation seit 18835
und 1838.
Entwicklung eines kirchlich und religiös ex—
tremen Liberalismus. ... . 486-504
Lage der Kirchen um 1830; die Konfessionen und der
Ablauf der geistigen Strömungen des Frühsubjektivismus.
Entwicklung der Bewegung bis 1835: Das Junge Deutsch⸗
land; die historische und philosophische Theologie, Strauß'
Leben Jesu. Die kirchlichen und religiösen Schicksale der
romantischen Philosophie, insbesondere der Spekulation
Hegels; Hegelsche Rechte und Junghegelianer. Feuerbach
und feine Wirkung. Sektenbildung innerhalb der pro—
testantischen und der katholischen Kirche.
Politischer Radikalismus; politische Lyrik vor
1848.......... . ....
Liberalismus und Rationalismus. Entwicklung der
Vaterlandsliebe und des Einheitstraumes bis 1840. Auf—-schwung
 in den vierziger Jahren. Die neue Lyrik: Becker,
Hoffmann von Fallersleben, Dingelstedt, Prutz, Herwegh,
Freiligrath, Heine, Geibel. Fortschritt von einer Dichtung
des Affekts zu einer Dichtung der Tat.

II.

V.

505517

J. Sachregister. ... . ..
II. Personenregister ..

518 -525
526 539
        <pb n="12" />
        Vierundzwanzigstes Buch.

vamprecht, Deutsche Geschichte. X.
        <pb n="13" />
        Erstes Kapitel.

Die Frühromantik.

Die einzelnen Kulturzeitalter eines großen nationalen Ver—
laufes sind nicht durch steile, unübersteigbare Schranken von—
einander getrennt. So wenig es in der Natur den absoluten
Gegensatz von Bewegung und Ruhe gibt, jede Gleichgewichts⸗
erscheinung vielmehr nur auf einem zeitlichen Ausgleich lebendiger
Kräfte beruht, deren Spannung alles andere bedeutet denn Still—
stand, und so wenig in der Welt der physischen Erscheinungen
sich überhaupt Sprünge von Vorgang zu Vorgang ereignen,
so wenig kann in der Welt des Geistes von ruckweiser Be⸗
wegung und unzusammenhängender Entfaltung die Rede sein
Große geschichtliche Katastrophen sind wie Erdbeben; sie treten
zwar plötzlich ein, sind aber im Grunde durch kontinuierliche
Veränderungen uralter Zustände unter der Einwirkung ständig
tätiger Kräfte veranlaßt.
So wäre es eine Errungenschaft von größter Tragweite,
gelänge es, ein Universalmittel oder eine Summe von Formeln
ausfindig zu machen, die es gestatteten, jede geschichtliche Be—
wegung als stetig leise vorrückend so darzustellen, wie sie sich
in diesem Zustand in jedem Augenblicke zu der unendlichen
Fülle anderer gleichzeitiger, ebenfalls leise fortrückender Be—
wegungen verhält. Man weiß, wie in den Naturwissenschaften
von der Mechanik her eine solche Möglichkeit entwickelt worden
ist, sobald sich an Stelle statischer Grundanschauungen lang—
18*
        <pb n="14" />
        Hierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

sam eine dynamische Auffassung einzufinden begann; in der
Fluxionslehre der Newton-Leibnizschen Zeit liegt ihr erster
Versuch vor, und das Problem ist fortbearbeitet worden bis zu
den Mannigfaltigkeitslehren der dreißiger Jahre des 19. Jahr—
hunderts und jenen kühnen Bestrebungen einer allgemeinen
mathematischen kinetischen Kombinatorik, die sich in der zweiten
Hälfte dieses Jahrhunderts als selbstverständlicher Ausdruck der
Tatsache einfand, daß die Naturwissenschaften nun gänzlich
und grundsätzlich dynamischen Anschauungen zu folgen begannen.
Im Gebiete des Seelenlebens, im Bereiche der zahlreichen
Disziplinen, die man seit dem Beginne des 19. Jahrhunderts, da
man Geist gleich Seele setzte, Geisteswissenschaften zu nennen
anfing, ist es aber zu einer so weitgehenden Entwicklung prin⸗
zipieller Grundlagen noch in keiner Weise gekommen. Selbst
die psychische Statik ist im Bereiche der hergebrachten Psycho⸗
logie noch nicht so weit durchgebildet, daß sie der Anwendung
auf dem Gebiete der praktischen wie der historischen Geistes—
wissenschaften etwa so unbedingt generelle und von allen
Forschern gleichmäßig aufgenommene Unterstützung gewährte,
wie sie die mechanische Statik den Naturwissenschaften schon
des 17. und 18. Jahrhunderts geleistet hat. Eine dynamische
Psychologie aber, die nichts anderes sein könnte als eine Lehre
von der Psychogenese, sei sie nun aus der Kinderpsychologie
abgezogen oder aus der Völkerpsychologie, besteht einstweilen
erst in leisen Anfängen und ist noch weit davon entfernt, all⸗
gemeinste Entwicklungstatsachen, geschweige denn schon allgemeine
Beobachtungen über Form und Charakter des Verlaufes, und
diese nun gar wieder in der kondensierten Gestalt leicht brauch⸗
harer Formeln zur Verfügung zu stellen.
Hier bestehen Aufgaben, des Schweißes der Edlen wert;
und wer sich ihnen widmet, sei es auf dem Gebiete onto—
genetischer Kinderforschung, sei es auf dem phylogenetischer
Entwicklungsgeschichte, der darf sicher sein, bei seinem Wege
nicht nur auf allgemeine Ergebnisse von höchster Bedeutung,
sondern auch auf zahlreiche und glänzende Goldstufen von
Finzelfunden zu stoßen.
        <pb n="15" />
        Die Frühromantik.

Für die Darstellung einer nationalen Entwicklung aber
namentlich hoher Kulturstufen, in einer Gegenwart, die der
allgemeinen kulturgeschichtlichen Hilfsmittel noch so bar ist wie
die heutige, muß man sich wenigstens den Grundsatz immer
wieder ins Gedächtnis rufen, daß alle geschichtlichen Ver—
änderungen von tieferer Bedeutung kontinuierlichen Charakters
iind und daher eine Unsumme eng miteinander verbundener
Einzelvorgänge aufweisen.
Das gilt auch für die deutsche geistige Bewegung während
der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Sie läßt sich gewiß
ohne jede Schwierigkeit in Zeiten der Empfindsamkeit, des
Sturmes und Dranges und des Klassizismus zerlegen. Schon
die Zeitgenossen haben dies der Hauptsache nach getan: so
augenscheinlich sind die Einschnitte. Dennoch: sieht man ihr
Ganzes aus weiterer Ferne, so erscheint es in der Tat auch
als ein Ganzes, wie eine ungeheure Sinfonie mit Steigerungen
»on tausend Takten: und während die groben Einschnitte
der triadischen Periodisierung verschwinden, tritt statt dessen
ein leises Kontinuum der Veränderung hervor, dessen feinste
Schattierungen man eher fühlen als aussprechen kann: denn
die Sprache ist einstweilen noch unvermögend, mit dem kurrenten
Zahlgeld ihres Wortschatzes so zarte Nuancen zu decken.
Uber die Form des Gesamtverlaufs aber kann kein Zweifel
sein, zumal sie sich Gesetzen der Anfänge neuer Kulturzeitalter,
einer Mechanik gleichsam des kulturgeschichtlichen Geschehens
fügt, die sich auch schon im früheren Verlaufe der deutschen
Geschichte beobachten lassen.
Bereits für das 8. bis 10. Jahrhundert kann aus dem
für eindringlichere Forschungen noch recht schwachen Bestande
unserer Quellen dennoch festgestellt werden, daß starken wirtschaft⸗
lichen und namentlich auch sozialen Veränderungen eine Wand⸗
lung des Seelenlebens folgt, in der, namentlich auf dem Gebiete
der für uns am besten überschaubaren Frömmigkeitsentwick⸗—
lung, zunächst Formen einer fast unerträglich zu nennenden
Dissoziation auftreten: in der Askese schon des neunten, nament⸗
lich aber des 10. Jahrhunderts: bis dann ein höheres System
        <pb n="16" />
        3

Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

hristlichen Glaubens und frommen Vertrauens gewonnen wird,
dessen weite Verbreitung die psychische Grundlage des Verlaufs
des Investiturstreites im 11. Jahrhundert bildet.
Viel deutlicher tritt die Mechanik des kulturgeschichtlichen
Verlaufs schon im 12. und teilweise 13. Jahrhundert, in den
Zeiten des Übergangs vom typischen zum konventionellen Zeit⸗
alter, hervor. Wieder haben wir es hier zunächst mit starken
wirtschaftlichen und sozialen Momenten zu tun; auf dem platten
Lande nähert sich die Grundherrschaft des früheren Mittelalters
hrem Abschluß und teilweisen Verfall und entläßt aus sich eine
ganze Anzahl neuer sozialer Bildungen, vor allem die der Ritter;
in den Städten entfalten sich die Anfänge der Geldwirtschaft
und mit ihnen die sozialen Kreise der Geschlechter und der
Zünfte. Und dem folgt dann ebenso wieder eine Dissoziation der
alten Seele der typischen Zeit, und ein neues Seelenleben ent—
wickelt sich zunächst stark naturalistisch in der kontemplativen
Frömmigkeit der ersten Hälfte des Jahrhunderts wie in den
ritterlichen Abenteureridealen der frühstaufischen Jahre und einer
entsprechenden Poesie: bis Maze und Kirchenideale des 13. Jahr⸗
hunderts die Schößlinge der neuen Kultur beschneiden und in
einem idealistischen Abschlusse zusammenfassen.
Steht es aber in den Zeiten des Überganges vom Mittel—
alter zur Neuzeit, vom Konventionalismus zum Individualismus
anders? Muß noch angeführt werden, was damals die wirt⸗
schaftlichen nnd sozialen Umwälzungen des 15. Jahrhunderts und
der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts bedeuteten: Großhandel,
primitives Unternehmertum, Umbildung der zunftlerischen In—
dustrie in quantitative Produktionsformen, Bauernrevolution
auf dem Lande und Revolution des Proletariats in den
Städten? Und kennt man nicht den geistigen Gehalt dieser
Zeiten? Ein grober Naturalismus gebar in der Dichtung
die neuen Formen der Satire und des Dramas, wirkte
sich in vergeblichen Frömmigkeitssehnsuchten des 15. Jahr⸗
hunderts aus, schuf in der bildenden Kunst einen unerhörten
Realismus; bis der religiösen Sehnsucht ihre Fülle in der
Reformation, der Phantasietätigkeit wenigstens in der Kunst
        <pb n="17" />
        Die Frühromantik.

Dürers, Holbeins und Vischers ein neuer Idealismus, nicht
ohne Beihilfe der Antike, beschert wurde.
Es sind Zeiten, in deren Antlitz und Seele die große
Anzahl der Quellen schon tiefer zu schauen gestattet. Aber
weit übertroffen werden sie in dieser Hinsicht doch durch die
Menschenalter des Uberganges von Individualismus zu Sub⸗
jektivismus. Und da ist es denn nicht zu verwundern, daß
der Verlauf der seelischen Entwicklung damit wiederum noch
deutlicher, sozusagen in allen seinen Nuancen, hervortritt.
Doch ist es nicht die Aufgabe, ihn hier in dieser Hinsicht
nochmals auch nur zusammenfassend zu verfolgen?. Wir haben
vorwärts zu schauen und nicht hinter uns. Und da ist das
Problem dielmehr dies, den Unterschied in der Entwicklung
der ersten Periode des Subjektivismus in der zweiten Hälfte
des 18. Jahrhunderts gegenüber der Entwicklung der zweiten,
um etwas mehr als ein Jahrhundert später liegenden Periode
festzustellen und dadurch Grenzwerte zu gewinnen, welche in
das allgemeinste Verständnis der dazwischenliegenden Zeiten,
vor allem und zunächst der Romantik, einzuführen geeignet sind.
Die äußere Entwicklung des jungen subjektivistischen Zeit⸗
alters war natürlich die eines Naturalismus neuen Schlages bis
hin zu einem ersten Versuche, diesen in ideale Werte zusammen⸗
zufassen und dadurch abzulösen; und der naturalistischen Disso⸗
ziation ging wie der Regel nach eine wirtschaftliche und soziale
boraus: langsam und leise stellten sich seit der zweiten Hälfte des
17. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts und darüber hinaus bis
zu den Zeiten der Auflösung des alten Reiches die Formen
eines primitiven Wirtschafts- und Gesellschaftslebens der Unter⸗
nehmung ein. Allein eigenartig war diesen Zeiten doch, daß
neben den ökonomischen und sozialen in sehr beträchtlichem
Maße auch geistige Faktoren das neue Zeitalter und die be—
sonderen Summen von Reizen, aus denen es hervorging, vor⸗
bereiten halfen: so die neue mechanische Naturwissenschaft, wie
sie seit Galilei und Newton sich entfaltet hatte, so die außer—

Val. die eingehende Darstellung im achten Bande.
        <pb n="18" />
        Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

ordentliche Erweiterung des kosmischen Horizontes durch die
Astronomie seit den Zeiten der Kopernikus, Kepler und wiederum
Newton, so die Erbreiterung des Erdhorizontes durch die Un—
summen neuer geographischer und namentlich völkerkundlicher
Tatsachen, die seit etwa 1700 auf das Publikum eindrangen,
so nicht zum geringsten die Wirkung der ersten großen, vom
Christentum freien Weltanschauungen von Descartes bis auf
Leibniz. Dabei ist leicht zu sagen, welches das Ergebnis dieser
besonders starken geistigen Verursachungen sein mußte: die neue
Zeit trat auch als Ganzes zunächst vornehmlich auf geistigem
Boden in Erscheinung.
Eine zweité Besonderheit kam dazu, diese Seite der Ent—
wicklung zu verstärken. Kein größerer geistiger Zusammenhang
ist unabhängig von den geistigen Konstellationen, die vor ihm
bestanden, auch wenn er nicht eigentlich aus ihnen hervorgeht:
wie tragen nicht neue Systeme des Dichtens, Denkens, Bildens,
Schaffens schon deshalb den Stempel ihrer Vorzeit, weil sie
zunächst nur mit den durch diese Vorzeit bereit gestellten Mitteln
verwirklicht werden können. Die Kulturzeitalter aber sind vor—
nehmlich auch dadurch miteinander verbunden, daß bei ihrer Bil⸗
dung in besonders hohem Maße Reaktionsgefühle gegen das vor—
hergehende Zeitalter eine Rolle spielen. Vielleicht niemals indes
hat dies Element in der deutschen Geschichte stärker gewirkt
als um 1750. Und der Grund dafür scheint von der Art zu
sein, daß er sich vermutlich in der Entwicklung gerade der hohen
Kulturstufen jeder nationalen Entwicklung wiederholen wird.
Das Zeitalter des 16. bis 18. Jahrhunderts schloß mit einem
ganz ausgeprägten Intellektualismus: weit trat hinter den Aus—
wirkungen des Verstandes die Bedeutung aller anderen Tätig⸗
keiten des Seelenlebens zurück. Es war zunächst der Ausdruck
der Entwicklung dieses individualistischen, die Einzelperson iso—
lierenden und darum verstandesmäßig sterilisierenden Zeitalters
selbst. Daneben aber wurde wohl noch ein anderes Motiv
wirksam. Hohe Kulturen, wie sie auf besonders starker Ent—
wicklung der Verstandestätigkeit beruhen, neigen an sich zur
Intellektualisierung der ihnen angehörenden Erscheinungen: und
        <pb n="19" />
        Die Frühromantik.

so mußte denn um 1750 der Individnalismus wieder noch
einmal als besonders verstandesmäßig erscheinen.
Nun wissen wir, wie die neue Zeit nach 1750 eben hiergegen
besonders starke Gegenwirkungen liebte; was bezeichnen nicht
auch nur die Worte Empfindsamkeit und Sturm und Drang
in diesem Zusammenhange! Aber auch als sich aus diesen der
Klassizismus des ausgehenden 18. Jahrhunderts entwickelte,
blieb es bei dieseni besonderen Wesen. In dem zarten Bereiche
der geistigen Keime und Blüten, die diese Zeit vornehmlich
aufwies, entwickelte sich die bildende Kunst am wenigsten; schon
ihr Naturalismus war sehr schüchtern gewesen; ihre Mittel,
selbst die Farbe, waren zu spröde gegenüber dem spezifisch
spiritualistischen Wesen; und in der abgezogenen Form der
Kartons mit ihren blassen Umrissen ist sie wohl der Zeit selbst
etwas gewesen, hat aber zum Unterbau einer neuen, subjek⸗
tivistischen Kunst wenig beigetragen. Wie ganz anders stand
es dagegen mit der weit spiritualistischeren Dichtung. Sie be—
herrschte bis zum Schluß des Jahrhunderts große Teile der
Entwicklung überhaupt; und ihr Werkzeug, die Sprache, wurde
neuen Zielen und einer edleren Phantasie in einer Weise dienstbar
gemacht, die über die Neubildung bloßer Mittel der bildenden
Kunst unendlich hinausging. Dennoch ist in der Gesamtentwick⸗
lung auch der Dichtung noch nicht der höchste Preis zugefallen,
sondern der Musik. Schon das war für sie von besonderem
Vorteil, daß sie in Rhythmus wie Harmonie und Tonbildung
sich ganz allein angehörte; die Antike hat auf sie nur vorüber—
gehenden Einfluß gehabt. Dann aber kamen die Zeiten, da
sie, mit Beethoven vor allem, nicht bloß die Führung der
Künste übernahm, nicht bloß, sogar in politischen Dingen!,
Zeitausdruck von höchster Bedeutung wurde, sondern in einem
immer reißender vorwärts stürmenden Gefühlsleben selbst
Empfindungsformen der zweiten subiektivistischen Veriode schon
vorwegnahm.
Und so wahrte denn eben die Musik die Reaktionsgefühle

1

S. Band IX S. 338 f.
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        10 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

gegen den trockenen Intellektualismus der Aufklärung besonders
stark, so wunderlich sich auch gelegentlich Aufklärung und Musik,
z. B. in Mozarts „Zauberflöte“, durchdrangen; denn eben auf
hrem Gebiete blieben erregtere und ruhigere Momente des
neuen Seelenlebens untrennbar, waren naive und sentimentale
Strömungen, waren Empfindsamkeit und Klassizismus aufs
innigste in Eins verknüpft.
Fassen wir jetzt zusammen, so ergibt sich: das neue Zeit—
alter war in seinen Anfängen bis zum Schluß des 18. Jahr⸗
hunderts nicht bloß besonders spiritualistisch, es war auch be⸗
fonders empfindungsreich: fern stand es bis zu den Freiheits⸗
kriegen der Massivität politischer Begeisterung und kriegerischen
Handelns, fern bis um 1830 der brutalen Ingerenz von wirt⸗
schaftlichem Gewinn und Vorteil, fern bis zum Ausgange fast
seiner ersten Periode starken sozialen Kämpfen.
Dabei hatte es zwar, trotz seines Empfindungsreichtums,
mmer und immer wieder an der Gefahr kultursatter Ver—
ständlichkeit zu leiden — ständig drängte sich dies Element her⸗
vor, wenn es auch erst mit der notwendigen Intellektualisierung
der neuen Kultur nach Klassizismus und Romantik siegte —:
indes noch wurde dies Element bis weit über die Wende des
18. Jahrhunderts hinaus auf dem charakteristischen Wege einer
pekulativen Mystik bewältigt.
In all diesen besonderen Zugen waren nun diese An⸗
fänge der ersten subjektivistischen Periode denen der zweiten
entgegengesetzt. Dennoch treffen wir dabei noch nicht auf die
tiefsten Unterschiede beider Perioden. Diese erhellen vielmehr,
nsoweit die Perioden überhaupt vergleichbar sind — was
natürlich auf dem Gebiete der Formentwicklung ihrer speziellen
Naturalismen und Idealismen nicht der Fall ist, denn durch
diese unterscheiden sie sich ja eben fundamental — am besten
aus den für jede Periode besonderen Außerungen, welche an die
Grundvorgänge der psychischen Mechanik anknüpfen. Da ist
denn beiden Perioden, ähnlich wie den Kulturzeitaltern über⸗
haupt, in ihrem Anfange gemeinsam ein starker Andrang neuer
Heige, Empfindungen, Vorstellungen und infolgedessen eine
        <pb n="21" />
        Die Frühromantik.

gewisse seelische Gleichgewichtsstörung der am Fortschritte be⸗
sonders beteiligten Individuen wie schließlich der ganzen Zeit:
die alten geistigen Zusammenhänge gehen verloren; neue stellen
sich nicht alsbald ein; man geht in der bloßen naturalistischen Auf⸗
nahme des Neuen auf. Solche Zeiten sind nun stets von hoher
Suggestibilität, wie Zeiten neuer Dominanten und Idealismen
nach ihnen Momente der Synthese, der Konzentration zu sein
pflegen. Suggestiv wirken kann aber das Werdende wie das
Gewordene: und so gibt es eine suggestive Begeisterung für
das Alte, einen konservativen Fanatismus, wie einen Neo—
logismus, der, mit Läßlichkeit gepaart, schön findet, was
kommen mag.
Fanatismus und Neologismus sind Wesenserscheinungen
der Anfänge der ersten wie der zweiten subjektivistischen Periode
gewesen. Allein wie verschieden haben sie sich doch in beiden
Fällen geäußert! Im 18. Jahrhundert waren die fanatischen
Elemente duͤnn gesät; erst seit der Romantik sind sie in Staat
und Kirche stärker hervorgetreten; dagegen herrschte die Läß—
lichkeit eines optimistischen Kosmopolitismus, der sich sogar zur
Vaterlandsliebe nur langsam bekehrte. Wie erweitert erscheint
dagegen die Suggestibilität der jüngst verflossenen Zeiten, der
Anfänge der zweiten subjektivistischen Periode! Da tritt uns
auf kirchlichem Gebiete der Klerikalismus, auf staatlichem und
nationalem der Chauvinismus entgegen, ganz zu geschweigen
von den politisch⸗wirtschaftlichen und politisch-sozialen Egoismen,
von der Unduldsamkeit auch, die in künstlerischen und wissen—
schaftlichen Kreisen als etwas Selbstverständliches gilt. Und
leise nur regt sich erst ein jüngster Optimismus anknüpfend
an alle Bestrebungen, eine neue ideale Kultur zu entwickeln;
und reiner Sinn für die Größe der alten Zeiten wie ein alle
Erdenräume siegreich umfassender Kosmopolitismus dienen ihm
als Stütze.
Aber auch wenn wir die Suggestibilität, einen sehr um—
fassenden Begriff, in ihre Teilvorstellungen zerlegen, ergeben
sich bemerkenswerte Unterschiede.
Gewiß ist die Autosuggestion beiden Perioden gemeinsam;
        <pb n="22" />
        12

Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

weit verbreitet sind pathologische Unbescheidenheit und Eitelkeit
und ein Größenwahn, der noch vielfach auf dem Wege der
individuellen und nationalen Erziehung genährt wird. Aber
wie liebenswürdig und naiv erscheint doch diese Übertreibung
der eigenen Bedeutung noch im 18. Jahrhundert, ganz abgesehen
davon, daß sie weniger als soziale, denn als individuelle Krank⸗
heit auftritt und zumeist nur auf ihrem freilich auch heute
noch eigensten Gebiete, dem literarischen, wuchert. Mit der
zweiten Periode des Subjektivismus dagegen haben sich viel
bewußtere und unerfreulichere Formen der Autosuggestion ein⸗
gestellt, und zwar vornehmlich in voller sozialer Ausbildung auf
den Gebieten des praktischen Lebens: Reklamesucht, Parvenu—
gefühle, Protzentum, und ganz allgemein etwas, was man
Impofanz“ heißen möchte oder vielmehr den albernen Versuch,
durch unzureichende, oft rein äußerliche Mittel zu imponieren.
Es sind Eigenschaften, die geeignet sind, unserer Zeit in der An⸗
schauung der Nachfahren einmal einen lächerlichen Zug zu
berleihen, während eine solche Lächerlichkeit kulturgeschichtlicher
Charaktere dem ganzen 18. Jahrhundert und selbst den Männern
des Sturmes und Dranges erspart blieb.
Von noch höherem Interesse sind die Formen von Auto⸗
suggestion, in denen diese einen krankhaft neologistischen Zug
annimmt. Es sind Formen, die namentlich neuen Entwicklungs—
arten der Frömmigkeit naheliegen, denn eben auf dem Wege
der Suggestion sucht diese ins Unerforschliche vorzudringen.
Im 18. Jahrhundert waren auch diese Formen im ganzen nur
iu milden Bildungen entwickelt: ja zwischen den mystischen
Frömmigkeitsübungen des Pietismus und der spekulativen
Mystik der Identitätsphilosophie fehlen sie beinahe; es sei denn,
daß man den Mesmerismus und sonst vornehmlich an vita—
lifüsche Vorstellungen anknüpfende praktische Ubungen von
Mystik hierher rechne; doch waren diese gänzlich doch erst für
die Romantik bezeichnend. In unserer jüngsten Vergangenheit
und Gegenwart dagegen welch rohe und zahlreiche Formen
eines weit verbreiteten Mystizismus: von dem mystischen Sym⸗
holismus der Kunst, der jetzt ziemlich überwunden ist, über
        <pb n="23" />
        Die Frühromantik.

13

Theosophismus und Spiritismus, Medianismus und Okkultis—
mus tief tief hinab bis zum Satanismus und zum Gesundbeten
der Christian science! Dazu neben dem mystischen Neologismus
 noch eine besonders unangenehme Form der Autosuggestion,
die Sensationsmacherei nicht aus Bedürfnis, die auch das
18. Jahrhundert schon kannte, sondern aus Geschäft! Und dem—
entsprechend ein Haschen nach Originalität um jeden Preis,
das, namentlich in den ausübenden Künsten der Mimik und
Musik, in ständiger Begriffsverwechslung von Genial und Ge—
sucht dahintaumelt.
Prüfen wir weiterhin die negativistischen Formen der Auto⸗
suggestion vom einfachen satirischen Hange bis zum Herostraten⸗
tum, so treten uns verwandte Beobachtungen nochmals ent—⸗
gegen: hier die gutmütige Satire eines Rabener und Lichtenberg,
die kaum überhaupt in diesen Kreis zu ziehen ist, daneben erst
in den Zeiten der Romantik Jronie und Weltschmerz, doch
noch ohne vitalen Pessimismus: dort dagegen voller Pessi—
mismus und zerstörender Anarchismus, zum Charakterzug ge⸗
wordene Lust am Zweifel, grundsätzliches Behagen am Relati—
vieren und Zersetzen ja Umwerten womöglich aller Werte —
und, zu den Zeiten des vollen Naturalismus, das gänzliche Ver—
sagen fast von einfacher Satire und von Humor als zu harm⸗
losen Außerungsformen des Negativismus.
Gehen wir endlich noch einen Schritt weiter hinein in
jene wunderliche psychische Welt, in der sich Neologismus und
Negativismus im Schaffen bisher verworfener Werte, in der
Ausprägung vor allem des Perversen treffen, so ist das Re—
pertorium der hierher gehörigen Erscheinungen der ersten Periode
erst recht mit wenigen Worten umschrieben. Was sich findet,
gehört zudem fast ganz erst der Zeit jenseits des Klassizismus,
an erster Stelle der Romantik an. Hierhin läßt sich schon der
Umstand ziehen, daß in der romantischen Dichtung, namentlich
der Frühzeit, die Form so häufig über den Inhalt siegt: also
das Unwesentlichere über das Wesentlichere gesetzt wird. Diese
auf den ersten Blick vielleicht befremdliche Einschätzung wird
wohl doch als zutreffend erscheinen, sieht man, wie formale
        <pb n="24" />
        Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Klangwirkungen der Romantik in der zweiten Periode des Sub—
jektivismus geradezu ins Musikalische gesteigert werden: also
die Vermischung von Poesie und Tonkunst unmittelbar erstrebt
wird. Es ist damit jene Form der Perversität erreicht, die
als Vermischung der Perzeption von Reizen, audition colorée
und Verwandtes, also in mehr elementarer Entwicklung, auch
schon der Frühromantik, wenngleich längst nicht in dem Um—
fange und in der Häufigkeit wie der jüngsten Vergangenheit be—
kannt war. In diesen mehr elementaren Rahmen gehört es
denn auch, wenn schon die Frühromantik Grenzwerte, die sich
an sich näher liegen als Musik und Dichtung, vermischte: so
hat sie eine dichterische Philosophie, so dramatische Märchen
erzeugt. Indes auch in diesem Punkte ist sie später weit überholt
worden: nun wurde eine gemeißelte, gemalte, in Töne gesetzte
und gedichtete Philosophie hervorgebracht; man denke z. B. an die
philosophische Wissenschaft, wie sie heute die Schule Windelbands
vertritt, denke an Klingers Brahmskomposition als Beispiel des
Ineinsgehens von Musik und bildender Kunst, und innerhalb
der Malerei, Plastik und Architektur überhaupt an die Idee
des modernen Gesamt-Kunstwerks. Freilich sind auch hier, noch
nicht alle jene Erscheinungen der Perversität vereinigt, in denen
sich der moderne Naturalismus von dem früheren unterscheidet:
denn immer handelt es sich noch nur um Formdinge. Das
eigentlich Moderne auf diesem Gebiete ist aber vielmehr das
Schaffen perverser Werte: der ästhetischen Häßlichkeit, der
sittlichen Grausamkeit, der widerwärtigen Anmut usw. Diesen
Gebieten hat sich die Romantik höchstens durch genauere Durch⸗
bildung des Archaischen, Kapriziösen, überhaupt Seltsamen
genähert; und nur einer ihrer Dichter kann, noch über Jean
Paul hinaus, dessen Schüler er freilich war, als Poet des
Perversen bezeichnet werden: E. T. A. Hoffmann.
Neben der Autosuggestion steht als charakteristisches Merk—
mal der kulturgeschichtlichen Suggestibilität die Fremdsuggestion.
Und auch das weite Feld ihrer Geltung zeigt sich in den beiden
Perioden, deren Psyche wir vergleichen, sehr verschieden entwickelt.
Sucht man die Fremdsuggestion auf dem fatalen Gebiete
        <pb n="25" />
        Die Frühromantik.

15

auf, auf dem wir die Autosuggestion zuletzt kennen gelernt
haben, so ist augenscheinlich, daß die Sucht, Neues zu er⸗
fahren, also das Sensationsbedürfnis im objektiven Sinne, im
Naturalismus der zweiten Periode wie nicht minder in der
Gegenwart schon an sich um vieles stärker entwickelt ist als im
18. Jahrhundert: unsere ganze seelische Konstitution ist, infolge
ständiger Zufuhr überaus großer Massen von Reizen seit zwei
Menschenaltern, gleichsam auf deren stetige Aufnahme in dem
herkömmlichen Übermaße nunmehr eingerichtet: und bedarf daher
dieses Ubermaßes. Besonders charakteristisch zeigt sich diese
Entwicklung in ihren Auswüchsen, in der Neugier gegenüber
dem Schamlosen und dem Ungeschmack oder, wie man es auch
ausdrücken kann: in der Prostitution der hergebrachten sittlichen
und ästhetischen Persönlichkeit. Gewiß ist auch die zweite
Hälfte des 18. Jahrhunderts, wie jede Zeit einer Dissoziation
älterer Kulturzustände, von Kultur der Fäulnis keineswegs frei
gewesen; und der Reiz, Häßliches zu sehen, hat schon den Hund
des Aubry auf die Bühne gebracht. Was bedeutet das aber
gegenüber den Erscheinungen der Gegenwart: gegenüber der
gesteigerten sexuellen Perversität, gegenüber der Brutalität in
der Behandlung sexueller Fragen überhaupt, gegenüber der
Grausamkeitswollust, gegenüber den Mord- und Selbstmord⸗
epidemien! Spezifisch ist dabei noch, daß diese in solchen
Dingen so rohe Zeit doch zugleich, freilich ebenfalls aus Per⸗
versität, nicht aus Verehrung, einen feministischen Zug an—
genommen hat, wie er freilich auch der zunehmenden Willensauto—
matie vor allem der Männer verdankt wird. Oder ist vielleicht
eben in ihm eine der ältesten Erscheinungsformen dleses ganzen
Stimmungs- und Charakterkomplexes zu sehen? Schon in der
Romantik scheinen einige Anfänge vorhanden gewesen zu sein,
wie denn in ihr zugleich auch die ersten gesunden Züge geistiger
Emanzipation der Frauen hervortreten.
Im übrigen ist auch die unbedingte Nachahmung anderer,
der bloße Willensautomatismus, als Form der Fremdsuggestion
in den Anfängen der zweiten subjektivistischen Periode viel
stärker vertreten als im Beginne der ersten; wie er denn
        <pb n="26" />
        6

Viernndzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

zugleich viel breitere Schichten trifft und in ungleich stärker
differenzierten Formen auftritt. Um nur die letzte Behauptung
zu belegen, so sind die Zeitungsklientelen, die Dichtergemeinden,
die Anhänger von Eintagsheilanden für Religion und Heil⸗
kunde, die mit einseitigem Korpsgeist dem Nichtigen zugewandten
und darum Wichtiges vorgebenden Sportkkreise, die Parteien
in ihrer heutigen Durchbildung, die anarchistischen und sonstigen
terroristischen Zusammenhänge solche differenzierte Formen der
Begenwart. Nun läßt sich ja allerdings sagen, daß auch die
weite Hälfte des 18. Jahrhunderts schon in mancher Richtung
Anfänge verwandter Erscheinungen aufwies: sehr bezeichnend
ist z. B. in diesem Zusammenhange die Tatsache, daß sie an
einer außerordentlichen Überschätzung der öffentlichen Meinung
litt: allein nirgends vermag man doch schon so viel unbewußtes
Aufgeben eigener Meinung zu beobachten, wie es z. B. der
heutige Byzantinismus mit sich bringt; und nicht entfernt so
ttark war die Zahl der Personen, die, der Autosuggestion und
der Fremdsuggestion zugleich unterliegend, Objekte also und
Subjekte der Suggestibilität zugleich, die Nation nur auf die
Spanne einer Sekunde oder Minute beschäftigten, um dann
m Nichts wohlverdienten Vergessens zu verschwinden.
Sucht man dagegen die milderen Formen der Fremd—
suggestion auf: die Geschmacksautomatie und die Urteilsauto⸗
matie, so ist verwunderlich zu sehen, wie sie in der zweiten
Hälfte des 18. Jahrhunderts, und namentlich in den Anfängen
des Subjektivismus, zum Teil wenigstens ohne Frage stärker
entwickelt waren als heute. So bedingt z. B. die Übersättigung
nit Kunstgekrüssen heutzutage, wie sie namentlich der „Betrieb“
der aufdringlichsten aller Künste, der Musik, mit sich bringt, einen
ziemlich starken Herdengeschmack; indes kann man im Zweifel sein,
ob nicht die Zuchtung literarischer Meinungen durch die Wochen⸗
schriften schon in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts mit noch
größerem Erfolg betrieben worden ist. Und sicher steht, daß wir
für die einfache Urteilsautomatie so milde Formen von kultur⸗
geschichtlicher Bedeutung, wie sie der beginnende Subjektivismus
ufwies, überhaupt nicht mehr besitzen. Wie liebenswürdig ist z. B.
        <pb n="27" />
        Die Frühromantik.

17

die Heldenverehrung der Empfindsamkeit und des Sturmes
und Dranges gegenüber der von der Geschichtswissenschaft
noch dazu intellektualistisch aufgeputzten Forderung des FNdo
cι_ν—ο[ dord der Gegenwart; wie mangelt, charakteristisch
genug, zu dem innigen Freundschaftskulte des 18. Jahrhunderts
im ausgehenden 19. Jahrhundert und in der Gegenwart fast
jegliche zutreffende Parallele!
Forschungen wie die, auf denen die soeben kurz durch⸗
geführte Vergleichung der beiden subjektivistischen Perioden be⸗
ruht, werden heute erst selten angestellt, wenn sie überhaupt
schon eingeleitet worden sind: wertvolle methodische Behelfe
werden sie erst für eine Kulturgeschichte der Zukunft bilden1.
Dann wird man ihnen auch sehr genaue Einzelheiten zur
Charakteristik der verschiedenen Kulturzeitalter verdanken. Einst⸗
weilen wird es vorsichtig sein, ihnen nur die allergröbsten und
unwiderleglichsten Schlüsse zu entnehmen. Gleichwohl ergibt
ich auch so schon eine beträchtliche Anzahl von Leitmotiven
für die Charakteristik der beiden Perioden.
Kein Zweifel zunächst, daß die zweite Periode gleichsam
als ein Komparativ der ersten erscheint: die Ausschlagsstellen
des Seelenlebens arbeiten sozusagen mit ausgesprocheneren, über
den Bestand des 18. Jahrhunderts hinaus entwickelten Formen.
Und kein Zweifel auch, daß die Entwicklung in der zweiten
Periode härter, gewaltsamer verläuft, so sehr man sich hüten
muß, in Dingen, die wir nach unserer heutigen Sprache kaum
anders als mit Worten ausdrücken können, die eine levis nota
enthalten, alsbald auch schon Krankheiten an sich und nicht
bloß Entwicklungskrankheiten zu erblicken. Aber beruht die
akzessorische Eigenschaft des Brutalen und Gewaltsamen nicht

Zum begrifflichen Gerüst der vorgetragenen Ansichten vergleiche
man die Psychologie von Lipps, außerdem den Anfang von Lipps, Zur
Pfychologie der Dekadenz, in Graf Hoensbroechs Deutschland, 1904. Für
die Methodik ist auch von Interesse R. Baerwald, Psychologische Faktoren
des modernen Zeitgeistes (Schr. der Ges. f. psycholog. Forschg. Heft 15).
—* s. des Verfassers Moderne Geschichtswissenschaft, namentlich
S. 51 ff.
Lauprecht, Deutsche Geschichte. X.
        <pb n="28" />
        8

Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

auch mit auf der ungeheuren Schnelligkeit, mit der sich die Ent⸗
wicklung in der zweiten Periode vollzogen hat und vollzieht?
And ist sie insofern nicht durch die Rapidität unserer modernen
wirtschaftlichen — und auch sozialen — Geschichte wenigstens
mit in hohem Grade veranlaßt? Es erhebt sich hier ein uni—
versalgeschichtliches Problem, das die Wissenschaft weit entfernt
ist schon zu beherrschen: das nach dem Zeitmaß, dem Tempo
des kulturgeschichtlichen Verlaufes. Nur so viel ist auf diesem
Gebiete einstweilen sicher, daß das Zeitmaß in der Entwicklung
der einzelnen großen menschlichen Gemeinschaften sehr ver⸗
schieden war und ist. Aber was sind die Ursachen dafür?
Ist die Frage in der Tat mit dem bloßen Hinweis auf den
Verlauf des Wirtschaftslebens erledigt? Oder lauern hier
noch Geheimnisse analog dem nun über ein Jahrhundert un⸗
gelöst gebliebenen Geheimnis der chemischen Katalyse?
Kehren wir in den engeren Kreis unserer Erzählung zurück,
so ergibt sich, daß die Vergleichung der beiden Perioden zu⸗
gleich bestimmte Entwicklungsvorgänge innerhalb der ersten
Periode besonders sicher erkennen läßt. Da gibt es zunächst
keine elementare Erscheinung der zweiten Periode, die ihre
Vorstufe in der ersten jenseits der Romantik gefunden hätte:
mit der Romantik also schließen die entwicklungsgeschichtlich
schöpferischen psychischen Vorgänge der ersten Periode der Haupt⸗
— —— sich eine ganze Anzahl solcher
Vorgänge noch als in der Romantik zum ersten Male auf—⸗
tretend beobachten. Oder mit anderen Worten: die Romantik
birgt in sich noch immer erst emporkeimende Naturalismen der
ersten subjektivistischen Periode — natürlich solche, die sich denen
der zweiten Periode am meisten nähern —: sie ist mithin noch
aicht bloß eine idealistische Erfüllung dessen, was Empfindsam⸗
seil und Sturm und Drang naturalistisch errungen hatten: sie ist
in mancher Hinsicht noch deren einfache, geradlinige Fortsetzung.
Und doch liegt dieselbe Romantik hinter den Jahrzehnten
des Klassizismus! Und ist in so vielen Dingen bereits idealistisch
durch und durch: Synthese des Früheren, Erfüllung des Er—⸗
sehnten, und insofern Parallelerscheinung zum Klassizismus!
        <pb n="29" />
        Die Frühromantik.

19

Man muß sich mit der Vorstellung dieser eigenartigen
Stellung der Romantik, die natürlich im einzelnen tausend
Verwicklungen zur Folge hat, ganz erfüllen, will man ihren
Verlauf verstehen.
Dabei ist die äußere Chronologie dieses Verlaufes einfach
genug, namentlich wenn man sich dafür zunächst an das Gebiet
der literarischen Entwicklung, als das am leichtesten übersichtliche,
zu halten sucht. Eine Vorperiode kann man durch Matthisson
Gedichte 1787), auch wohl durch Jean Paul, insofern dieser
einige Eigenschaften der Romantik vorwegnimmt, bezeichnet sehen.
Man würde damit allerfrühestens auf etwa die Mitte der achtziger
Jahre als auf den literarischen Anfangstermin gelangen. Damit
würde sich vertragen, daß in einigen Gegenden, vor allem in
Schwaben, die Romantik unmittelbar aus Sturm und Drang
hervorgewachsen ist.
Voll setzt dann die Zeit der Frühromantik mit dem Denken
der großen Philosophen ein: Fichtes Kritik aller Offenbarung
vom Jahre 1792, und vor allem seine Wissenschaftslehre von 1794
eröffnen da den Reigen; auf die Höhe führen Wackenroders
Herzensergießungen (1797), Friedrich Schlegels Griechen und
Römer (1797), die Bücher Schellings zur Philosophie der Natur
1797) und über die Weltseele (1798) sowie Schleiermachers Reden
über die Religion (1799); der über Novalis Schriften (1802)
erfallende Abschluß wird durch Hegels erstes entscheidendes Buch,
die Phänomenologie des Geistes, vom Jahre 1807 gekennzeichnet.
Inzwischen aber hat sich denn auch die volle frühromantische
Dichtung eingestellt: Tiecks Volksmärchen 1797, Franz Stern⸗
balds Wanderungen 1798, Friedrich Schlegels Lucinde 1799,
Tiedges Urania 1801: und schon übt die neue Form der
Phantasietätigkeit ihren Einfluß auch auf die älteren Großen,
auf Schiller, Beethoven, Goethe.
Etwa mit dem Jahre 1808 ist dann in der Entwicklung der
Frühromantik ein stärkerer Einschnitt wenn nicht schon etwas wie
rin Abschluß wahrzunehmen; die Schwere der äußeren Zeitereig—
aisse wirkt ein; schon gibt Ernst Moritz Arndt seit 1806 seinen
Geist der Zeit heraus und hat Fichte seine Reden an die deutsche
2 *
        <pb n="30" />
        20 Vvierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Nation gehalten; die bisher räumlich eng verbundenen Träger
der literarischen Bewegung zerstreuen sich; leise naht die Zeit
ihrer Erfüllung mit dem Geiste des —XVD—
Christlichen, noch ehe der Chor der Freiheits- und Vaterlands⸗
lieder erschallt, und auch in der eigenen Produktion beginnen
Motive des Volkstums stärker anzuklingen; 1807 erscheint die
Ausgabe des Nibelungenliedes von von der Hagen, 1806 - 1808
des Knaben Wunderhorn, ins Jahr 1812 fällt die Ausgabe
der Märchen der Brüder Grimm.
Inzwischen aber hatten die ungeheuren Vorgänge der po⸗
litischen Geschichte, der Fall und die Verjüngung Preußens,
die Erhebung der Nation und die Freiheitskriege läuternd und
dem Hart-Tatsächlichen zuführend eingegriffen, und mit ihrem
Abschluß erscheint die Romantik verwandelt: die Zeit der Spät—
romantik beginnt, um sich bis gegen das Jahr 1830 und noch
darüber hinaus zu erstrecken.
Räumlich ist dabei der ganze Verlauf von den achtziger
Jahren des 18. bis zu den dreißigern des 19. Jahrhunderts durch
eine immer weitere und intensivere Verbreitung über die deutschen
Gaue hin gekennzeichnet. Geht man auch hier wesentlich wieder
von der Beobachtung der literarischen Erscheinungen aus, so er⸗
gibt sich, daß die Romantik im Grunde die erste ganz Deutschland
schließlich gleichmäßig durchdringende Bewegung des Subjekti⸗
bismus gewesen ist. Denn die bürgerlich aristokratische Über—
gangskultur vom Individualismus zum Subjektivismus war im
Grunde nur in einigen großen Städten, in Hamburg, in Leipzig,
in Basel⸗-Zürich zu Hause gewesen; Empfindsamkeit und Sturm
und Drang hatten nur in Königsberg, Straßburg, Darmstadt,
Frankfurt, Göttingen sowie in Schwaben geherrscht; der Klassi—
zismus jeder Art endlich hatte seine Heimat in Königsberg, Wien
und Weimar, der literarische sogar fast nur in Weimar gefunden.
Und wie eng waren dabei die Wellenringe gewesen, die gerade
die letzte Phase der Entwicklung vor der romantischen, die klassi⸗
zistische, zunächst warf! Das Schicksal von Schillers Horen, von
denen nur drei Jahrgänge (1796—5 1797) erscheinen konnten,
hatte gezeigt, wie gering der innerliche Anteil der Gesamtnation
        <pb n="31" />
        Die Frühromantif.

21

an ihnen war, so sehr man wenige Jahre darauf den Dramatiker
Schiller feierte. Nun waren die Anfänge der Romantik gewiß
auch nicht hoffnungsreicher; mag sich auch das Athengeum über
die Tatsache, daß man für einen kleinen Kreis, ja oft nur für
sich selber schrieb, mit den Worten trösten: „Das ist recht gut.
Dadurch wird die deutsche Literatur immer mehr Geist und Cha—
rakter bekommen. Und unterdessen kann vielleicht ein Publikum
entstehen.“ Was aber das Merkwürdige war: das Publikum
entstand! — wenigstens seit 1815 war es vorhanden. Und es
war bald nicht bloß in einzelnen Ländern Deutschlands zu
Hause, sondern überall, sogar in Bayern und sterreich.
Die Tatsache, daß die Romantik die erste seelische Strömung
des Subjektivismus war, welche die Gesamtnation traf, ist
politisch wie kulturgeschichtlich von ebenso großer Bedeutung,
wie sie aus der Perspektive noch unserer Zeit und beim heutigen
Stande unserer Kenntnisse schwer abzuleiten bleibt. War die
Ursache in einer starken sozialen Fundamentierung gegeben?
Gewiß sind manche Erscheinungen der Frühromantik, und vor—
nehmlich die auffallendsten, besonders das Auftauchen dessen,
was man eine Nervenperiode, eine beginnende Reizsamkeit
nennen könnte, in den Verhältnissen der Keimorte der Romantik,
Berlins, Jenas, wie in der literarischen Umwelt, namentlich
in dem Einflusse eines in Emanzipation begriffenen Judentums,
sozial bedingt gewesen. Aber nicht eben sie, erste Vorposten
gleichsam der kommenden zweiten subjektivistischen Periode, kenn⸗
zeichnen den allgemeinen Verlauf der ersten aufs stärkste. Und
das Bürgertum der Zeit, das man am ehesten als sozialen
Träger der ganzen Bewegung ansprechen könnte, bereitete um
1800 bis 1820 in schwerem Ringen allerdings eine neue seelische
Phase des Zeitalters vor, aber dies war nicht die romantische
mehr, sondern die spätere des Realismus.
Darüber hinaus könnte man mit mehr Recht die sogenannten
Gebildeten als eine um 1800 etwa vollentwickelte, nunmehr
fertige Klasse besonderer Art, als die geistigen Interessenten
gleichsam der Nation ansprechen und von ihnen behaupten, daß
sie als reines und großes Gefäß sozialen und geistigen Lebens
        <pb n="32" />
        22 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

die Romantik aufgenommen hätten. Aber wäre das noch eine
dynamische und das heißt historische Erklärung? Am Ende
sieht man sich zu einer noch allgemeineren Motivierung hin⸗—
gedrängt. Der Subjektivismus als Ganzes war in den frühen
Stufen der ersten Periode nicht ein Ferment, das schon die
Gesamtnation durchdrungen hätte: so sehr uns die Lebens—
erscheinungen dieser Stufen auch heute grundlegend erscheinen,
so wenig wurden sie in der Zeit ihrer Entwicklung selbst so
empfunden. Erst dann, als die ganze Bewegung des Sub⸗
jektivismus, eben mit der Romantik, auf die volle Höhe einer
ersten Entwicklung gelangt war, ging ein Gefühl des vollen
Werdenden durch die Nation und fand schließlich in einem
Gastesrechte Ausdruck, das nun dem neuen Geiste überhaupt,
zunächst aber vor allem in seiner jüngsten Gestaltung, gewährt
wurde. Dazu kam wohl auch noch, daß eben erst diese Ge—
staltung den Gegensatz der Konfessionen übersprang, während
die früheren Phasen des Subjektivismus noch immer, gleich
den geistigen Strömungen des 16. bis 18. Jahrhunderts, im
ganzen protestantisch charakterisiert gewesen waren: auf die
Romantik hat sich später die Orthodoxie nicht minder wie der
Klerikalismus berufen.
Wie dem aber auch sei: gewiß ist, daß die romantische
Bewegung in Deutschland zu einer allgemeinen wurde, daß sie
darum mehr als ein Menschenalter und somit viel länger als
jede fruhere Phase des Subjektivismus währte: und daß sie
eben dadurch wieder um vieles weiter über die Grenzen des
Vaterlandes gewirkt hat als Empfindsamkeit oder Sturm und
Drang oder zunächst selbst Klassizismus.
Das Fundamentale, wenn man will Radikale, das die
Romantik hierin aufweist, war auch die Begleiterscheinung ihrer
inneren Geschichte: selbst ihre normalen Entwicklunaswerte sind
Grenzwerte gewesen.
Und da ist denn der erste Grenzwert die absolute Frei—
stellung des Subjekts. „Der Mensch gebe sich selbst wie ein
Kunstwerk, welches im Freien aufgestellt jedem den Zutritt ver—
stattet und doch nur von denen genossen und verstanden wird,
        <pb n="33" />
        Die Frühromantik.

29

die Sinn und Studium mitbringen. Er stehe frei und bewege
sich seiner Natur gemäß, ohne zu fragen, wer ihn ansieht, und
wie.“ Es ist ein Begriff des Subjektivismus, der über das
Subjektive des Klassizismus noch hinwegführt. Dabei läßt
sich aber dennoch, auf literarischem Gebiete, seine Ableitung
aus den Vorstellungen des Klassizismus verfolgen. Da hatte
Schiller, der den Romantikern wegen klassizistischer Orthodoxie
bald so Verhaßte, den Unterschied zwischen Naiv und Senti—
mental gemacht: im Grunde doch zugunsten des Naiven,
Goethes und der Antike. Aber das ließ die Romantik nicht
gelten. Sie setzte Naiv gleich Objektiv und Subjektiv gleich
Sentimental und entwickelte dabei, nach gewissen Andeutungen bei
Schiller, für das Subjektive das Kennzeichen des Interessanten.
Und nun ließ sie sich den breiten Strom der ihr eigenen
Empfindungen hinabtreiben. Interessant wurde ihr gleich—
bedeutend mit Willkürlich, Ungebunden: Begriffe, die nun
ebenso ihr ethisches wie ihr ästhetisches Leben zu decken geeignet
schienen.
Dabei konnte die neue Ungebundenheit sehr wohl ein tiefes
Versenken in sich selbst, eine starke Entwicklung der Innenwelt
und eine genaue Beobachtung ihrer seelischen Zusammenhänge
bedeuten. Sie hat in diesem Sinne der Dichtung der Zeit so
wenig gefehlt wie der bildenden Kunst, und die Philosophie
insbesondere der Frühromantik beruhte am Ende auf dem An—
spruche der Einzelperson nicht bloß auf Selbsterkenntnis, sondern
unmittelbar auf ein subjektives Bild der Welt überhaupt.
Nicht minder aber mußte sich bei einer solchen Ausweitung
des Persönlichen das Universale im höchsten Sinne als Grenz⸗
wert einstellen: das Universale in jederlei Begriff und An—
schauung, das Universale der Zeit und des Raumes. So wird
der Sinn schon der Empfindsamkeit und des Sturmes und
Dranges fur das geschichtlich Nationale, so die Neigung des
Klassizismus zur Antike noch einmal und in dieser zweiten
Entstehung noch kräftiger geboren und jetzt als universaler
Historismus zur interessanten Durchstöberung jeglicher geschicht—
licher Welt; so entgeht das Reizvolle keines Raumes und
        <pb n="34" />
        44 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

keines Klimas mehr der reproduzierenden Aufnahme: und mit
einer feministischen Leichtigkeit, die weit abliegt von dem männ—
lichen Charakter mindestens des Klassizismus und des Sturmes
und Dranges, wird empfangen, angeeignet, wiedergeboren, was
die Überlieferungen der Weltgeschichte und die räumlich ver—
teilten Schätze des Erdreichs darbieten.
War da aber nicht zu fürchten, daß eine solche Extensität der
Interessen, die wenigstens auf dem Gebiete des Denkens und
Dichtens sehr früh neben deren Intensität trat wenn nicht sie
überwucherte, schließlich zum Selbstverluste eben der allzu sou—
oeränen Persönlichkeit führen werde? Ahnend schon kündigt es
das Athenageum, diese Fundgrube früher romantischer Weisheit,
an: „Universalität ist Wechselsättigung aller Formen und Stoffe.
Zur Harmonie gelangt sie nur durch Verbindung der Poesie
und Philosophie; auch den universellsten vollendetsten Werken
der isolierten Poesie und Philosophie scheint die letzte Synthese
zu fehlen; dicht am Ziel der Harmonie bleiben sie unvollendet
stehen. Das Leben des universellen Geistes ist eine ununter—
brochene Kette innerer Revolutionen.“ So war denn in der
Tat ein nie in sich gefestigtes Dasein das deutlich vorher—
gesehene Ziel; bitter rächte sich der Aufbau des Lebens an den
letzten Grenzen, den trügerisch gleitenden Abgründen des Sub—
jektiven. Denn der Mensch soll sich nicht so radikal subjekti—
vieren, daß er, nur auf sich gestellt, sich von den natürlichen
Banden der Gemeinschaft löse, in die hinein er geboren ist;
bielmehr hat er die allem wahrhaft Menschlichen eingeborene
Pflicht, die Errungenschaften seiner subjektiven Durchbildung
eben dadurch zu sichern, daß er sich der Gemeinschaft, der er
angehört, mit reifer entwickelten Kräften erst recht zurückgibt.
Indem aber diese Grenze, vorerst und vornehmlich in
der Frühromantik überschritten wurde, entwickelte sich ein Zu—
stand, der in eine krankhafte Überreife des neuen Seelenlebens
entartete. Da wurde zunächst, in der Erforschung des Seelen—
lebens, das eigene Innere und das anderer bis auf jene Tiefen
abgegraben, in denen das Unbewußt-Nervöse drohend zutage
trat, und all jene Erscheinungen einer rettungslosen Suggesti—
        <pb n="35" />
        Die Frühromantik.

25

bilität tauchten auf, von deren für die Romantik charakteristischem
Emporkommen schon erzählt worden ist. Da hob, wie stets in
solchen Zeiten, eine Umwertung der Werte an, vor allem der
sittlichen. Denn längst schon hatte man das alte Glückseligkeits—
ideal des Rationalismus verlassen; jetzt aber verließ man auch
und vielleicht noch lieber den Rigorismus des kategorischen Im—
perativs. Daneben kokettierte man gelegentlich wohl mit all⸗
gemeiner Tugendstrenge, und ergoß sich gelegentlich auch
archaisch in Empfindsamkeiten des Herzens. Theoretisch ver—
suchte man dabei wohl noch dem Imperative Kants das angeb—
liche höhere Recht der „Stimme der Natur“ im Menschen im
Sinne Jacobis entgegenzusetzen oder mit Schiller die Strenge
der christlichen und Kantschen Forderungen durch das Streben
nach einer sittlich-ästhetischen Kultur zu mildern; oder man
hob sich endlich durch Schwelgen in einem möglichst universalen
Begriffe der Humanität über alle greifbaren Forderungen
hinweg. Das Endergebnis aber war natürlich immer dasselbe:
ein haltloses Schwanken auf den dunkeln Wässern des eigenen
Ichs. Oder wie man es auf romantisch ausdrückte: „Der
sittliche Mensch bewegte sich aus eigener Kraft frei um seine
Achse.“ Natürlich aber war diese Achsenbewegung neologistisch.
Und deutlich erkannte man auch hier wiederum selbst das Ende:
„Die erste Regung der Sittlichkeit ist Opposition gegen die
positive Gesetzlichkeit und konventionelle Rechtlichkeit, und eine
grenzenlose Reizbarkeit des Gemüts. Kommt dazu noch die
selbständigen und starken Geistern so eigene Nachlässigkeit und
die Heftigkeit und Ungeschicklichkeit der Jugend, so sind Aus—
schweifungen unvermeidlich, deren nicht zu berechnende Folgen
oft das ganze Leben vergiften.“ Gab man aber darum den Weg
der praktischen Umwertung der Werte auf? Es war der Gang
der Dinge, daß dies nicht geschehen konnte. Sittsamkeit war nach
Schlegel, und nicht bloß in der „Lucinde“, das, was die Menge
Schamlosigkeit nennt; und Brentano hat die „Philistermoral“
nicht nur Unmoral genannt, er, und mit ihm Zacharias Werner,
Tieck, Arnim und andere, haben auch nach diesen Maximen, wenn
auch unter sehr verschiedenen Intentionen, zu leben gesucht.
        <pb n="36" />
        26 vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Dabei fiel ihnen dieseExzentrizität der Tugendhaftigkeit“,
wie sie vor allem in den Verhältnissen der Liebe und Ehe her—
bortrat, mit Poesie zusammen. „Es gibt unvermeidliche Lagen
und Verhältnisse, die man nur dadurch liberal behandeln kann,
daß man sie durch einen kühnen Akt der Willkür verwandelt
und durchaus als Poesie betrachtet. Also sollen alle gebildeten
Menschen im Notfalle Poeten sein können, und daraus läßt
ich ebensogut folgern, daß der Mensch von Natur ein Poet
sei, und daß es eine Naturpoesie gebe, als umgekehrt.“
In der Tat drang, merkwürdig genug, aus dieser Welt
eines fittlichen Aunarchismus, aus der es schwer ist immer den an
ich vielfach berechtigten Ruf der Reform klar zu vernehmen,
ein stiller Einfluß hinein nicht nur in die Inhalte, sondern
auch in die Form der Dichtung. „Auch die Sprache begegnet
der Sittlichkeit schlecht. Sie ist nirgends so roh und arm, als
wo es auf die Bezeichnung sittlicher Begriffe ankommt.“ „Ein
zewisser Mystizismus des Ausdrucks, der bei einer romantischen
Phantasie und mit grammatischem Sinn verbunden etwas sehr
Reizendes und etwas sehr Gutes sein kann, dient oft als
Symbol schöner Geheimnisse.“ Gewiß kann die Genesis des
Pittoresken und Farbigen im Stil und im Wortschatze unserer
Zprache, die wesentlich der Romantik verdankt wird, nicht
allein oder auch nur vorwiegend aus diesem Zusammenhange
erklärt werden, ist vielmehr zunächst Ergebnis eines immer noch
fortgebildeten Naturalismus. Aber lehrreich bleibt es doch,
hon einer so selbstbeobachtenden Natur wie Friedrich Schlegel
so ganz allgemeine Kombinationen wie die erwähnten bezeugt
zu sehen.
Indes Selbstvergötterung des Herzens und zuchtlose Frei⸗
heit der Sitten waren nicht die letzten Erlebnisse romantischer
Naturen. Vielmehr stellte sich bald heraus, daß es auch in
diesem Zustande einer gewissen Autorität bedurfte. Und diese
wurde gefunden in der mehr oder minder schmerzhaften Selbst⸗
objektivlerung des Ichs: dem nunmehr die Führung des eigent—
lichen Ichs, jetzt gleichsam seines Schattens, zufiel. Es ist eine
Wandlung, die sich in der Literatur durch eine sonderbare Art
        <pb n="37" />
        Die Frühromantik.

27

der Stimmungsmalerei bemerklich macht: und äußere Gestalt
gewinnt in einer bald überladenen, bald mageren Sprache, in
einer gewissen Disharmonie der Anordnung, in eitler Kramerei
—D Sachlichem, in
geschmackloser Verbindung von Extremen: kurz im Gegensatze zu
aller Regel, im Anarchismus der Form. Dabei hat diese eigen⸗
artige Selbstbindung des souveränen Ichs verschiedene Phasen
von stolzer Selbstüberhebung bis hin zum ergreifenden Gefühl
der Verlassenheit durchlaufen können. Die erste Stufe der Ent—
wicklung war dabei wohl allenthalben das, was ganz allgemein
als notwendige Mitgift des schöpferischen romantischen Geistes
gedacht wurde: göttliche Jronie. „Opfere den Grazien,“ ruft
Schlegel aus, „heißt, wenn es einem Philosophen gesagt wird,
so viel als: Schaffe dir Ironie und bilde dich zur Urbanität.“
Und das Wesen des poetischen Gefühls konnte vom Stand—
—V
sich selbst affizieren, über nichts in Affekt geraten und ohne
Veranlassung phantasieren kann“. Aber gelang es stets, diese
göttliche Jronie festzuhalten? Nur zu häufig, wenn nicht
mmer wich sie dem Humor. Der Humor aber hat es schon
mit Sein oder Nichtsein zu tun; „sein eigentliches Wesen ist
Reflexion. Daher seine Verwandtschaft mit der Elegie und
allem, was transzendental ist; daher auch sein Hochmut und
sein Hang zur Mystik des Witzes.“ Wie aber, wenn auch der
humor versagte? Dann wurde das Stadium des Welt—
schmerzes erreicht.
Aber dem Weltschmerze der deutschen Romantik wurde es
anfangs nicht so leicht, sich mit Betrachtungen, wie sie Byron
in berühmten Strophen niedergelegt hat, über den Schmerz
selbst zu trösten, oder mit Leopardi bitter zu rufen:
Eeil naufragar m'è dolce in questo mare.
Erst in den Verfallszeiten unserer Romantik erwächst diese
Lösung, und immer hat sie etwas Exotisches behalten. Das
regelmäßige Ende auf deutschem Boden war, daß der phantastisch
gewordene Subjektivismus in sein Gegenteil, in starke und
stärkste Gebundenheit, umschlug. Die Betrachtung geschichtlich
        <pb n="38" />
        28 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

weit zurückliegender Zeiten, anfangs spielend geübt im be⸗
rauschenden Suchen nach neuen Werten und Motiven, führte
wohl bisweilen zu ernstem Studium, gewöhnlich aber zum
reaktionären Schwelgen eben in dieser Vergangenheit selbst. So
wollte Görres mittelalterliche Politik lieben lernen und trieb sie;
so begann die Christusschule der bildenden Kunst nach Fra
Angelico zu malen; so verhalfen die Boisserées der Kölner
Domgotik zur Rolle des einzigen Stils der Welt: es schien,
als wollte man ins Mittelalter gänzlich zurücktauchen. Und
ließ sich der kühne Sprung nicht wirklich vollführen? Noch
gab es in der katholischen Kirche eine Institution von un⸗
gebrochen mittelalterlicher Prägung. Ihr darum drängte man
zu, und eben die subjektiv Frischesten aller Romantiker verloren
hr Willkürdasein in den Weihrauchsnebeln der Messe und in
der Litaneinarkose der Andacht zur allerseligsten Jungfrau.
Und unter ihnen wiederum am meisten die, die als Pro—
kestanten geboren waren. Denn die innigsten Anhänger der
katholischen Kirche sind immer die gewesen, die, fromm ge—
worden, eine große Sünde oder einen großen Irrtum hinter
sich zu haben vermeinten.
Doch gab es noch eine andere Rettung aus dem gefähr⸗
lichen Abwege, den die Entwicklung aus den Grenzwerten des
Subjektivismus heraus zu gehen drohte. Neue, eigene Idealis—
men zu entwickeln, das war die eingeborene Aufgabe, welche
der Frühromantik und nicht minder, wenn auch wesentlich
im Sinne eines Ausbaues, der Spätromantik verblieb. Und
mit jener genialen Sicherheit der Beobachtung, mit der er die
Geschichte seiner Zeit begleitete, hat der alternde Goethe sie
bezeichnet. „Niemals haben sich die Individuen vielleicht mehr
vereinzelt und voneinander abgesondert als gegenwärtig. Jeder
möchte das Universum vorstellen und aus sich darstellen; aber
indem er mit Leidenschaft die Natur in sich aufnimmt, so ist
er auch das Überlieferte, das, was andere geleistet, in sich
aufzunehmen genötigt.“ Denn zunächst vom Naturforscher
gesagt, galten diese Worte doch-für die Zeit überhaupt und
m weitesten Sinne.
        <pb n="39" />
        Die Frühromantik.

29

Das, was rettete, war die anfangs unbewußte, später
immer bewußter werdende Flucht zum Objektiven: nicht um
sich ihm zu beugen, sondern um durch seine Beherrschung selber
zu herrschen. Es ist der Weg, den die deutsche Kultur bis
zum Schlusse der ersten subjektivistischen Periode Stufe für
Stufe, in tausend leisen Fortschritten vom Objektiven des
Geistes hin bis zum Objektiven der Natur gegangen ist; und es
gehört zu den reizvollsten Aufgaben der Geschichtschreibung
des 19. Jahrhunderts, ihn in seinen einzelnen Phasen zu ver⸗
solgen und in seiner jeweiligen Vollendungshöhe zu deuten.
Was zunächst zur Bildung eines neuen, konzentrierten
und souveränen Ichs hinüberleitete, war die Stärkung der ver⸗
einheitlichenden Kraft des Selbstbewußtseins, insofern dieses sich
auf die Vorstellungen bezog, welche der Zeit und ihrer wesentlich
ideologischen Anschauung am nächsten lagen: war der Versuch,
auf dem Wege der Universalphilosophie und der geschichtlichen
Betrachtung der Menschheit zu einer Reihe beherrschender
Werte zu gelangen. Dabei war nichts vielleicht eigentümlicher
als die gleichsam germanische Renaissance, die Selbsterneuerung
aus der Vergangenheit des eigenen Volkes auf dem Wege der
praktischen Umdeutung der in ihr beruhenden ästhetischen,
ethischen und politischen Werte, die sich erst spekulativ und
dichterisch, darnach wissenschaftlich und antiquarisch-geschichtlich
vollzog. Es war ein Erneuerungsprozeß besonderer Art, wie
er sich wohl ausnahmslos in der Geschichte jeder hochkultivierten
Nation verfolgen läßt und einmal eingehender vergleichender
Beleuchtung bedürfte, um die typische Tiefe seiner Vorgänge zu
erfassen. Es war bei weitem mehr als der „Reflex des er—
solgreichen Rückstoßes der historischen Maͤchte gegen die Re—
volution“, wie die politische Historie den Vorgang zu deuten
pflegt: und seine Wichtigkeit hat schon vor zwei Menschenaltern
der Maler Wilhelm Kaulbach weit gründlicher erfaßt in den
Worten: „Geschichte müssen wir malen, Geschichte ist die Re—
ligion unserer Zeit.“
Indem aber auf dem Wege geschichtlicher Kontemplation und
Forschung ein erstes Verhältnis zu den objektiven Mächten der Zeit
        <pb n="40" />
        30

vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

ind der Welt gewonnen wurde, gelang es für den immer noch
zunehmenden Reichtum nicht bloß neuer Reize, sondern nun
auch schon neuer Zwecksetzungen und neuen praktischen und
schließlich sittlichen Handelns allmählich auch eine neue Syn⸗
these praktischer Weltanschauung zu entwickeln: wir werden
sehen, wie die scheinbar so abstrakten Spekulationen der Jugend
Fichtes schon unbewußt von historischem Instinkt durchsetzt
baren, wie dann die von dem genetischen Gedanken tief durch⸗
tränkte Philosophie Schellings emporblühte, und wie beiden
schon, noch mehr aber allen späteren, zumeist christlich durch—
färbten Spekulationen der Romantik bis hin zum Hegelschen
System die Durchbildung ebenso einer historischen Weltanschau⸗
ung wie einer neuen Form des Gewissens zugrunde lag.
Daneben wurden freilich die enthusiastischen Überlieferungen
der Frühzeit des Subjektivismus noch keineswegs aufgegeben.
Wie im klassizistischen Idealismus Schiller, als der Haupt⸗
dolmetsch und Herold der hierhergehörigen Empfindungsreihe,
den Einzug in das Land einer neuen Sittlichkeit nur durch
das Morgentor des Schönen als möglich vorstellte, so war
auch noch der romantische Idealismus überzeugt, daß Wirklich⸗
keit ohne Poesie nicht bestehen könne. „So wie es trotz aller
Sinne ohne Phantasie keine Außenwelt gibt, so auch mit allem
Sinn ohne Gemüt keine Geisterwelt. Wer nur Sinn hat, sieht
keinen Menschen, sondern bloß Menschliches: dem Zauberstabe
des Gemüts allein tut sich alles auf. Es setzt Menschen und
ergreift sie; es schaut an wie das Auge, ohne sich seiner
mathematischen Operation bewußt zu sein.“ In der Tat, das
war es: die Abklärung des leidenschaftlichen Enthusiasmus der
Frühzeit zu einem alles einhüllenden und alles durchdringenden
Oden des Gemüts: was die Zeit kennzeichnete. Aber immer
klarer und durchsichtiger, wie ein fließender Hauch reinster
Abendluft, wenn Wald und Feld ein letztes Wehen durch⸗
zieht, kommt dies Gefühlsmoment zum Vorschein. In ihm
wird damit, im Bereiche der Dichtung, die Seele zum Schau—
platz wechselndster Gefühle, und neben eine Lyrik von tiefem
Pathos stellt sich eine Gedankendichtung, welche die dichterische
        <pb n="41" />
        Die Frühromantik.

31

Philosophie der Dioskuren würdig fortsetzt. In ihm erwächst
dann, und je mehr die Klarheit überhand nimmt, um so sicherer,
vor allem auch das praktische Leben zu reicher Betätigung:
die assoziativen Triebe erwachen, zuerst auf dem Gebiete der
—D—
jene ungeheure Entwicklung des Genossenschaftslebens, die das
deutsche Leben der zweiten Periode des Subjektivismus kenn⸗
zeichnet, senkt ihre geist- und gemütreichen Keime bis in die
mittleren und die Schlußzeiten der Romantik. Und selbst die
Wissenschaft, insbesondere ihre historischen Zweige, wie nicht
minder die Naturphilosophie ist von der Macht des Gemütes
beherrscht: bis eben auf diesem Gebiete zuerst die Herrschaft
der Verstandesanschauungen Boden gewinnt.
Doch war dies schließlich der Gang der Dinge überhaupt.
Nicht bloß in der Wissenschaft folgten auf Schelling und
Dersted Liebig und Mayer und auf Creuzer und die Gebrüder
Grimm Lachmann und Waitz: ganz allgemein wurde der Hori⸗
zont schärfer und schneidender gezeichnet; und das, was man nun
Mystizismus des Gemütes zu nennen begann, verschwand. Es
sind die Anfangszeiten des Realismus; noch werden sie zunächst
von einem immer trockener werdenden Historismus beherrscht,
der sich später teils archäologisch-antiquarisch umwandelt,
teils, durch die politischen Leidenschaften der Zeit in ein un—
sachliches oder wenigstens unwissenschaftliches Pathos um—
gestaltet, in der politischen Geschichtschreibung erhält; schließ—
lich aber, im Übergang zum Epigonentum der fünfziger bis
fiebziger Jahre, werden sie doch im öffentlichen Interesse durch
den Sieg der Naturwissenschaften abgelöst, und dem po—
pulären Naturalismus der Jahre politischer Reaktion erwächst
in einer nochmaligen Umformung endlich eine der eigenen
Tendenz nach noch realistischere Philosophie des Materialismus.
Da hatte man denn sozusagen die Vollendung der Ent—
wicklung vor sich: an Stelle der spekulativ⸗mystischen Synthese
war erst die Fähigkeit zur Analyse, dann eine raffinierte
Praris dieser Analyse bis zu einer neuen radikal-intellektua—
listischen Synthese getreten — diese als eine Schlußeigenschaft
        <pb n="42" />
        32 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

der ersten subjektivistischen Periode, welche einen neuen Na—
turalismus und damit den Anfang einer neuen, zweiten
Periode vorbereiten mußte.

I.

Das Gefühlsmäßige des Denkens ist es gewesen, das auch
die romantische und vor allem die frühromantische Philosophie
in hohem Grade beherrscht hat: ja man kann sagen, daß die
starke Betonung eben dieses Elementes und damit eine be—
sondere Mystik das eigentlich Bezeichnende für das Denken
dieser Zeit war.
Freilich: war dies Element an sich in der deutschen, ja
in der allgemeinen abendländischen Philosophie selbst des in⸗
dividualistischen Zeitalters etwas so Unerhörtes? Metaphysik
ist ohne Phantasie- und Gemütserregung nicht denkbar. Von
eigentlichem Interesse ist daher vornehmlich nur die Beobachtung,
in welchen Formen und Übergängen sich dies Element aus
Individualismus und Rationalismus heraus zu der Mystik der
frühromantischen Weltanschauungen steigerte.
Das deutsche Denken des 16. und 17. Jahrhunderts war
der Hauptsache nach in zwei Richtungen verlaufen.
Im inneren Deutschland hatte man in kühner Abwendung
von den unfruchtbaren Syllogismen der Scholastik, in deren
Gestrüpp sich die Theologie beider Konfessionen anscheinend
unlösbar verwickelt hatte, den Flug in höchste Höhen genommen
und mit Eins einen neuen Inhalt des Denkens zu ergreifen
gesucht. Es war in dem völlig mystischen Zuge pandyna—
mistischer Systeme geschehen!.
Aber hatte nun die Gedankenwelt dieser Mystiker, selbst
die des besten und größesten unter ihnen, Jakob Boehmes,
wirklich den Segen der Beruhigung gespendet? In der Ent—
faltung animistischer Naturphantasien an die Wissenschaft eines
Paracelsus und seiner Jünger angelehnt, mußte sie allein

Vgl. Band VI S. IIGS ff.
        <pb n="43" />
        Die Frühromantik.

gs

schon mit der glänzenden Entwicklung der mechanischen Natur—
wissenschaften seit spätestens der Mitte des 17. Jahrhunderts
zugrunde gehen. Dazu begann ihr um diese Zeit auch ihr
subjektiver Nährboden entzogen zu werden, die mystische Sehn—
sucht des religiösen Gemütes. Denn jetzt löste sich das Christentum
der Frommen immer mehr aus der orthodoxen Umschlingung;
schon hatte Arnd erbaut und Spee gesungen; bald wurden die
eigentlichen pietistischen Strömungen lebendig, und empfindungs⸗
volle Seelen, die früher pandynamistischen Lehren zugefallen
sein würden, fanden ihre Ruhe jetzt in der Beschaulichkeit
frommer Zirkel!.
Aber auch der andere Zweig des deutschen philosophischen
Denkens, der niederländische, hatte inzwischen, wenn er sich
auch ganz anders entwickelte, kaum zu einem andern Ergebnis
geführt.
In den Niederlanden war im Verlaufe des 16. Jahr—
hunderts die Neigung der freien Geister nicht minder mystisch
zewesen als in Binnendeutschland: neben den großen evan⸗
gelischen Konfessionen hatte die Sektenbildung der Täufer ge—
wuchert. Und wenn neben ihnen eine Richtung auf die Aus—
bildung einer rationalistischen Naturreligion aufgetreten war,
so war sie doch in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts so
wenig erstarkt, daß sie ihre Vollendung schließlich nur in Eng⸗
land finden konnte. Der mystischen Haltung der freieren Geister
war dann gegen Mitte des 17. Jahrhunderts nicht minder
und immer mächtiger das System des Descartes entgegen⸗
getreten, des französischen Adoptivkindes der Republik. Denn
indem es nicht so sehr auf eine abgeschlossene Metaphysik und
ein mit ihr gegebenes Verständnis der Welt ausging, wie auf
eine scheinbar klare Methode des Denkens, nämlich die der
mathematischen Analogie, förderte es zunächst das Selbst—
bewußtsein als die eine deutlich feststehende Tatsache des
Denkens zutage und behauptete Gott und Welt als von ihm
aus deduktiv beweisbar. War nun aber dieses System frei

S. Band VI, 116 ff., 202 ff.; VII, 167 ff.
Lamprecht, Deutsche Geschichte. X.
        <pb n="44" />
        34 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

don Mystik? Nach dieser Methode hätte man anscheinend er⸗
warten können, daß auch die cartesianische Schule zunächst die
erkenntnistheoretische Seite der Philosophie pflegen und Cha⸗
rakter und Verlauf des Denkens untersuchen würde, ehe sie
sich zur Aufstellung neuer metaphysischer Systeme entschlösse.
Allein weit gefehlt! Es zeigte sich, daß die Anregungen von
Descartes sich nicht nur zu ferneren erkenntnistheoretischen Er⸗
zrterungen, sondern fast noch viel besser zur spekulativen Kon⸗
struktion eines neuen allgemeinen, nunmehr als vollendet be⸗
trachteten Denkinhalts benutzen ließen. So wuchsen die Systeme
der Okkasionalisten heran, und so vor allem das System
Spinozas. Und sie waren, wie das einzige große cartesi⸗
mische System auf französischem Boden, das des Malebranche,
m Grunde wiederum mystisch.
Wie konnte es auch anders sein? Beruhte denn die Er⸗
kenntnistheorie des Descartes wirklich auf wesentlich induktiven
Antersuchungen über den menschlichen Verstand? Und war
seine Beweismethode tatsächlich die deduktive der Mathematik?
Wenn Spinoza, in der Beweisart durchaus ein Schüler Des⸗
cartes'), aus der Tatsache, daß der Raum Dimensionen habe,
den Schluß zog, daß Gott Attribute haben müsse: hatte er
dann wirklich „moro geometrico“ bewiesen? — Oder handelte
es sich bei ihm, wie bei Descartes, nicht vielnehr nur um
Vergleiche mit mathematischen Schlußweisen: war das Ver—
fahren nicht im Grunde nur eine dem Zeitalter wegen des
Heranziehens der Mathematik besonders einleuchtende An—
wendung des Analogieschlusses? Aber selbst wenn diese An—⸗
wendung richtig gewesen wäre, so hätte sie zur absoluten
Gültigkeit des Inhalts der mit ihrer Hilfe gezogenen Schlüsse
noch vorausgesetzt, daß der deduktive Charakter des mathema⸗
lischen Beweises über allen Zweifel erhaben sei. Das stand
nun freilich dem 16. bis 18. Jahrhundert durchaus fest: erst
das 19. Jahrhundert hat die bloß empirische Gültigkeit der
mathematischen Urteile in eingehenden Untersuchungen an⸗
scheinend nachgewiesen und jedenfalls behauptet. Allein selbst
venn das Zeitalter des Individualismus in diesem Punkte
        <pb n="45" />
        Die Frühromanmik.

35

fest zu fußen glaubte, so wurden die Deduktionen des Descartes
ind der ihm folgenden Philosophen dennoch nicht dem mathe—
matischen Verfahren, sondern bloßen Analogieschlüssen zu den
im mathematischen Verfahren ergründeten Zusammenhängen
berdankt, waren also im allgemeinen willkürlich.
War dies aber der Fall, so blieb die Lage eigentlich die—
selbe wie im 16. Jahrhundert; nur auf dem Wege tiefsinniger
Spekulation, mit unzureichenden Mitteln des Denkens, waren
Selbstbewußtsein und Gottesbewußtsein, jene Pole der indivi—
dualistischen Welt, auch hier wieder miteinander verknüpft
worden. In der Tat: wie anders als auf dem Wege der
Intuition, der überzeugt gehandhabten und nicht selten un—
mittelbar in mystischer Verzückung gefundenen Prämissen waren
denn die großen Rätsel des Daseins zu lösen, mochte die Dar⸗—
stellung des Errungenen selbst im VPanzergewand mathematischer
Beweise glänzen?
Und so treffen denn der binnendeutsche wie der nieder—
ländische Zweig der nationalen Philosophie im 16. und 17. Jahr⸗
hundert darin zusammen, daß in beiden das Denken deduktiv
aund in den entscheidendsten Fällen zugleich mystisch verlief.
Stand es aber mit der Philosophie Leibnizens, in der in
gewissem Sinne die beiden genannten Zweige ihre Fortsetzung
fanden, etwa anders? Faßt man die Monadenlehre als eine
Vermittlungsentwicklung des binnendeutschen Pandynamismus
und des niederländisch-cartesianischen Panmechanismus des
16. und 17. Jahrhunderts, so tritt als wesentlich hervor, daß
Leibniz von dem physikalischen Begriffe des Atomes das Ma—
terielle abstreifte und es zu der Monas, richtiger zu einem
Systeme von Monaden verdichtete, als deren Substanz eine
innen wirkende Kraft gedacht wird. Erschien nun eine solche
Bildung nicht etwa schon als mystisch? Sie war es so offen⸗
zundig, daß Wolff, der korrekte Rationalist, in seinen Lehr⸗
vorträgen des Leibnizschen Systems gerade diesen anti—
materialistischen und dynamischen Charakter nach Möglichkeit
abstreifte.
Als Motiv der Entwicklung aber ergibt sich bis hierher,
        <pb n="46" />
        36 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes RKapitel.

daß die Mystik der älteren Systeme tunlichst verdeckt er—
schien, verdeckt womöglich unter der Last mathematischer Be—
weise, während bei Leibniz der mystische Charakter im Grunde
gar nicht geleugnet wird. Natürlich war damit auch zugleich
eine Entwicklung der Schattierung der Mystik selbst verknüpft.
Die ältere Mystik lebt noch an Beweise gebunden, wie die
mittelalterliche an die Offenbarung: bei Leibniz regt dagegen
die Mystik, so namentlich in der Theodicee, zum ersten Male
als eine Macht des Geistes an sich ohne fremdes Gängelband
Glieder und Flügel.
Wir werden sehen, wie diese Bewegung sich fortsetzt: und
die Frühromantik wird sich als die eigentliche Befreiungsepoche
der Mystik, als ihre Emanzipationszeit zum eigenen Leben
und damit als die Zeit ergeben, da man zum ersten Male über
ihr Wesen als solches nachdachte.
Einstweilen aber nahm Kant als Sieger das Feld der
Philosophie voll in Anspruch. Dabei bot er der Welt nicht
eigentlich ein abgeschlossenes System der Philosophie; schon
die Art, in der er arbeitete, das Erscheinen einzelner, durch
längere Zeiträume getrennter Darlegungen, legte ihm eine
letzte Kompilation seines Denkens nicht nahe. In der Tat
blieben auch schon aus diesem Grunde eine Menge von Wider—
sprüchen in seinem Denken bestehen: was zur Folge hatte, daß
ihn bei Lebzeiten und noch länger hin die einen für einen
Leibnizianer, die andern für einen Anhänger Lockes, die meisten
aber für einen der damals zahlreichen Verschmelzer Leibnizscher
und Lockescher Lehren hielten; ja daß auch der Dogmatismus,
unter anderen selbst die Orthodoxie beider Konfessionen, wie
der Skeptizismus ihn gleich freundlich begrüßten: und daß er,
als gewaltigster Anreger, schließlich der Allbesieger aller wurde.
Dabei lag es aber in der Natur der Dinge, daß bei der prak⸗
tischen Unerfüllbarkeit seiner Ethik, die leicht einzusehen war,
doch vor allem der Phänomenalismus als die ihm eigene Lehre
betont wurde: dieser hat daher vor allem eingewirkt, zumal er
zugleich dem spiritualistischen Empfinden und Denken der Zeit
entsprach.
        <pb n="47" />
        Die Frühromantik.

37

War nun aber Kant auf diesem Gebiete frei von Mystik?
Eben hier hat man ihm dogmatischen Rationalismus nach—
gewiesen: eine geistige Haltung also im Bereiche der von
Cartesius her verlaufenden Linie der Mystik. Freilich: von
der unbewußten Stärke der cartesianischen Zeit war diese
Mystik Kants nicht mehr; sie war aber auch noch nicht von
jener durch Selbsterkenntnis genährten Freiheit, die bald von
Schelling erreicht wurde; sie war nur ermäßigt und gleichsam
erzogen durch eine nicht geringe empirische Skepsis.
Da versteht sich denn, daß ihr Inhalt im höchsten Grade
geeignet war, einem nun wirklich freien Mystizismus die Wege
zu ebnen. Es ist der Zusammenhang, durch welchen das Ver⸗
hältnis Kants zur Frühromantik gekennzeichnet wird.
In der theoretischen Philosophie Kants finden sich im
Grunde zwei miteinander nicht vermittelte Elemente: ein rea⸗
listisches in den Dingen an sich, das auf uns wirken muß,
damit Erfahrung möglich wird, und ein idealistisches, das der
in uns liegenden apriorischen Anschauungs- und Denkformen,
durch welche die Erfahrung erst zustande kommt“. Da war
nun klar, daß eine veränderte Weltanschauung, wie sie das
neue Seelenleben der Romantik unbedingt erzeugen mußte, an
sich sowohl an das idealistische wie an das realistische Element
anknüpfen konnte.
Allein zugleich war doch auch augenscheinlich, daß die Früh—
romantik ihrer ganzen Art nach nur von der idealistischen Seite
ausgehen konnte; hatte doch schon die Philosophie der Empfind⸗
samkeit und des Sturmes und Dranges stark phänomenalistische
Neigungen entwickelt?. Vor allem aber wies in diese Richtung
die psychologische Grundtatsache der Periode, der extreme Sub⸗
jektivismus.
Das Mittelalter hatte den Vorteil gehabt, einem absoluten
und unbezweifelten Anthropozentrismus huldigen zu dürfen:
ihm hatte der Mensch wirklich noch Mittelpunkt der objektiven

S. Band VIII 2 S. 344 f.
2 S. Band VIII 1 S. 283-384.
        <pb n="48" />
        38 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Welt sein können. Dann aber hatte die Lehre des Kopernikus
eine solche Auffassung für alle Zukunft ausgeschlossen; und nur
mühsam und in sich schließlich auch unhaltbar waren dafür die
optimistischen Anschauungen jener Teleologie des Rationalismus
eingezogen, welche die Welt trotz ihres eigenen Ganges doch als
von Gott nur zugunsten des Menschen eingerichtet betrachteten.
Im ganzen mußte man seit Mitte des 18. Jahrhunderts be—
ginnen, sich darüber klar zu werden, daß sich die Welt—
anschauung eines objektiven Anthropozentrismus nicht mehr
halten ließ, welcher Art auch immer sie im einzelnen sein mochte.
Da begründete Kant einen neuen, subjektiven Anthropo—
zentrismus. Denn nach seiner Erkenntnistheorie richtete sich
die Erkenntnis eines Gegenstandes und damit der Charakter
der Erscheinungswelt überhaupt, so, wie wir sie auffassen, nach
den Gesetzen unserer vor aller Erfahrung liegenden inneren
Vorstellungen, der Stammesanschauungen, der Stammesbegriffe:
 und so war die Welt in dieser Hinsicht unser Er—
zeugnis: wir stehen zu ihr nicht exzentrisch, sondern sie dreht
sich konzentrisch um uns. Es ist ein Zusammenhang, in welchem
sich Kant selbst als den Kopernikus der Erkenntnistheorie be—
zeichnet hat: wie Kopernikus die anscheinende Drehung des
Himmelsgewölbes aus der tatsächlichen Bewegung der Erde
und ihrer Bewohner erklärt habe, die die Erscheinung jener
Bewegung veranlasse, so erkläre er Charakter und Verlauf der
Welt der Erscheinungen überhaupt aus dem Wesen der inneren
Konstruktion unseres Geistes.
Noch mehr aber stellte Kant das Subjekt in den Mittel—
punkt einer anderen Welt, der moralischen: man weiß, daß er
auf diesem Gebiete den ganzen sittlichen Kosmos als ein Werk
eben unseres Selbstbewußtseins, unseres Gewissens entstehen
ließ, und daß er außer dieser subjektiven eine objektive Sitt—
lichkeit als ursprünglich überhaupt nicht anerkannte.
Waren das nun nicht Lehren, die dem maßlosen Sub—
jektivitätsgefüuhl der Frühromantik selbst wenn zu extremsten
Formen gesteigert höchst willkommen sein mußten? Mit mehr
als vollem Herzen nahm es sie auf und gab damit dem ihnen
        <pb n="49" />
        Die Frühromantik.

z9

zugrunde liegenden Idealismus der Kantschen Lehre einen ein⸗
seitigen Vorzug. Und indem dies geschah, entwickelte es eine
Richtung des Denkens, die darauf hinauslief, durch Ver⸗
schmelzung des reinen Ichs und der Dinge an sich mit dem
Absoluten einen Pantheismus zu begründen, in welchem die
Trennung der Erscheinungswelt und der jenseitigen Kantschen
intelligibeln Welt aufgehoben erschien, und dessen Aufbau rein
apriorisch aus der Logik erfolgte.
Der erste große Philosoph der frühromantischen Zeit war
Fichte. Fichte schon sah ursprünglich das subjektive Weltbild,
das jede Person sich macht, als das eigentlich Seiende an und
ließ erst aus ihm die objektive Welt hervorgehen.
Fichte war am 19. Mai 1762 zu Rammenau in der Ober⸗
lausiz als Sohn eines armen Webers geboren; mit ihm zuerst
schob sich jenes junge philosophische Geschlecht in den Vorder⸗
grund, das über Kant hinauswollte; er hat es gewagt, Kant
einen Dreiviertelskopf zu nennen. Nach schweren Kämpfen um
Leben und Unterhalt, nach einer erzieherischen Tätigkeit von
neun Jahren, die ihn vornehmlich nach Zürich geführt hatte,
und nach persönlichen Beratungen mit Kant im Jahre 1794
übernahm Fichte eine Professur in Jena, legte sie infolge von
Zwistigkeiten mit der Regierung, die sich an die Veröffent⸗
lüchung einer Gott und den sittlichen Weltwillen gleichsetzenden
Schrift knüpften, nieder und lebte seitdem bis zu seinem Tode
im Jahre 1814 meist in Berlin, seit 1810 als Professor an der
neubegründeten Universität. So war sein Leben äußerlich be⸗
wegt, und es war es auch innerlich, um so mehr, als er früh
in anregenden Verkehr mit den dichterischen und religiösen
Fuhrern der Romantik, mit Friedrich Schlegel, mit Schleier⸗
macher, mit Tieck u. a. getreten war und vor allem auch mit
den gewaltigen politischen Ereignissen seiner Zeit mitfühlte, an
den Peripetien der französischen Revolution innerlich teilnahm
und, lebhaften Staatsgefühls, ein glühender Patriot, auch in den
Jahren der deutschen Befreiungszeit unvergleichlich gewirkt hat!.

S. Band IXS. 334 ff., 364.
        <pb n="50" />
        9

6*

Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Dies Interesse am politischen Leben wie am Geistesleben seiner
Zeit überhaupt hat ihn denn auch in seiner philosophischen
Entwicklung während der Frist von nicht einem Vierteljahr⸗
hundert, von 1790 bis zu seinem Tode, mehrere in sich ziem⸗
lich abweichende Phasen philosophischen Denkens durchlaufen
lassen: eine um so bemerkenswertere Tatsache, als er in vieler
Hinsicht zu den festest angelegten Charakteren seiner Zeit ge—
hört hat. Freilich bezogen sich diese Wandlungen vornehmlich
auf seine Sitten- und Rechtslehre, also mehr Einzelgegenstände
philosophischen Denkens. Fichtes Gedanken auf diesem Ge—
biete, wenigstens auf dem der Staatslehre, sind im Zusammen⸗
hange mit den sozialistischen Theorien später wichtig geworden;
auf die philosophische Strömung seiner Zeit dagegen wirkten,
und zwar im höchsten Grade durchschlagend, mehr die Prin—
zipien seiner Wissenschaftslehre ein, die, wir wissen es schon,
zum ersten Male im Jahre 1794 erschienen ist.
Die Wissenschaftslehre war nach Fichtes Absichten nur ein
notwendiger Vorläufer seiner praktischen Philosophie, und das
hieß eben einer Neugestaltung der Sittenlehre und der Rechts—
anschauung: für diese sollte in einer Untersuchung unserer Er—
kenntnis der theoretische Untergrund gelegt werden. Fichte
ging hierbei, nach der Art seines Vortrages, im Gegensatz zu
Kant, zugleich aber in Übereinstimmung mit Ideen, die auch
sonst in seiner Zeit, z. B. bei Reinhold und Schulze, zum
Ausdruck gelangten, von der Anschauung aus, daß es un⸗
umgänglich notwendig sei, die gesamte theoretische Philosophie
aus Einem Grundsatze abzuleiten. Und indem er von dieser
Forderung aus das Kantsche Denken untersuchte, kam er zu
dem Satze, daß die Entwicklung unserer Vorstellungen nicht,
wie Kant lehrte, von einer doppelten Seite her vor sich gehe,
nämlich durch Affektionen, die die Dinge auf das Subjekt
ausüben, und durch eine Tätigkeit des Subjekts, welche diese
Affektionen unter Anschauungs- und Denkformen ordne: sondern
daß sie vielmehr einfacher Natur sei: denn sie beruhe aus—
schließlich auf der Tätigkeit des Subjekts, das an die Affektionen
nicht bloß die Anschauungs- und Denkformen heranbringe,
        <pb n="51" />
        Die Frühromantik.

—D—
der Erfahrung selbst produziere. Der Gedanke von einem
Dinge, das an sich, unabhängig von irgendeinem Vorstellungs⸗
vermögen, Existenz und gewisse Beschaffenheiten haben solle, er⸗
schien also Fichte als eine Grille, ein Traum, ein Nichtgedanke.
Es gab nach ihm kein Nicht-Ich, das nicht einem Ich entgegen⸗
gesetzt wäre. Daraus folgte ihm dann, da das Ich eine tätige
Kraft sei, daß es auch kein Ich gebe, das sich nicht alsbald
ein Nicht-Ich entgegensetze: der Thesis trat also alsbald die
Antithesis gegenüber. Da aber aus diesem Vorgang erhelle,
daß das Nicht-Ich auch ein Ich sei — wie könnte es sonst
von diesem gesetzt werden? — so seien Ich und Nicht-Ich als
Gegensätze in dem Einen Ich gezwungen, sich gegenseitig ein—
zuschränken, und in dem Vorgang dieser Einschränkung liege
eine Synthese ihres Gegensatzes.
Thesis, Antithesis, Synthesis sind demgemäß nach Fichte
Vorgänge, die sich in unserem Dasein ausschließlich und ständig
zusammenfinden: folglich muß sich aus ihnen alles, was zum
System des menschlichen Geistes gehört, also ein Kreis all—
gemeinster Prinzipien ableiten lassen. Diese Ableitung nahm
nun Fichte in seiner Wissenschaftslehre vor, indem er aus
Thesis, Antithesis und Synthesis zunächst die drei Kategorien
der Identität, des Widerspruchs und des Grundes entwickelte
und von hier aus nach dem Vorbilde der Kantschen Tafel der
Kategorien weiter fortfuhr, z. B. aus dem Satz des Grundes
Relation, Kausalität, Substanz ableitete usw.“*

1 Man vergleiche zu der oben gegebenen Darstellung Wundt, Logik II,2
2. Aufl.) S. 6388—89: „Schon die Kritik Kants ist eine ebenso einseitig
rationalistische, wie diejenige Humes eine empiristische gewesen war. Wie
dieser von allen transzendentalen Bedingungen der Begriffe abstrahiert, um
bloß deren empirische Elemente zurückzubehalten, so abstrahiert Kant um—
gekehrt von diesen, um bloß jene einer Untersuchung zu unterwerfen. Die
Empfindung ist ihm ein gegebener Stoff, nach dessen Entstehung und nach
dessen Beziehungen zu den Erkenntnisformen nicht weiter gefragt wird;
jogar bei diesen wiederholt sich das einseitig rationalistische Interesse:
nachdem die weitere kritische Scheidung in Anschauungs- und Begriffs—
formen vollzogen ist, beschränkt sich der Versuch einer Deduktion ganz und
        <pb n="52" />
        42 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

gar auf die letzteren. Diese Deduktion benutzt für die Ordnung der Ka—
tegorien die antithetische Methode, von der Kant überdies in sinnreicher
Weise und unter Herbeiziehung der apagogischen Beweisform in den Anti⸗
nomien seiner transzendentalen Dialektik Gebrauch macht. Zugleich ist es
die Deduktion der Kategorien, in der die folgenreiche Ergänzung der Anti—
these durch die Synthese zum ersten Male in Anwendung kommt. Aber
die Ausgangspunkte dieser Deduktion ermangeln bei Kant noch der dia—
lektischen Notwendigkeit. Die Urteilsformen werden lediglich als tatsächlich
vorhanden aufgegriffen, ohne daß nach ihrem Zusammenhang mit den all—
gemeinsten Gesetzen des Denkens gefragt würde. Auf diese selbst, auf die
Sätze der Identität, des Widerspruchs und des Grundes, in dieser ihrer
logisch notwendigen Reihenfolge zurückzugehen, ergab sich daher als eine
unmittelbare Forderuug. Mit ihr verknüpfte Fichte alsbald den Gedanken,
jene logischen Grundsätze mit den einzelnen Akten des antithetisch-synthe—
tischen Verfahrens in Beziehung zu bringen. So wurde das Identitäts—
axiom zur ursprünglichen Thesis, die durch die Kraft der Verneinung von
—D
sich endlich beide in dem Satz des Grundes als ihrer logischen Synthesis
vereinigen. Zu diesem ersten Prinzip der Methode, das auf die Platonische
Dialektik zurückgeht, tritt aber als ein zweites das Postulat der onto—
logischen Methode, daß es einen ursprünglichen Begriffsinhalt geben müsse,
der durch sich selbst Evidenz besitze. Fichte bestimmte als diesen Begriff
zuerst das reine Ich, Hegel setzte an dessen Stelle den allgemeineren des
reinen Seins. In beiden Fällen ist es eine absolute Abstraktion, die das
Resultat herbeiführt. Dort soll von jedem zufälligen Inhalt des Selbst⸗
bewußtseins, hier von jedem wechselnden Merkmal des zu Denkenden ab—
strahiert werden. So kann denn nur das reine Selbstbewußtfein oder das
bestimmungslose Sein zurückbleiben. Diese ersten ontologisch notwendigen
Begriffe werden nun die Anfangspunkte einer antithetisch-synthetischen Be—
griffssentwicklung, in der durch eine den Begriffen selbst immanente Dialektik
das System der Begriffe entstehen soll.“ — Für die Entstehung der Tri⸗—
chotomie der These, Antithese und Synthese ist namentlich die Einleitung
zur „Kritik der Urteilskraft“, letzte Note, von Interesse; man vgl. hierzu,
wie zu weiteren Zusammenhängen zwischen Kant und vornehmlich Fichte
Heinze-Uberweg III, 1, 286. Übrigens lagen schon dem Klassizismus An—
schauungen, wie sie die romantische Durchführung der Trichotomie be—
herrschten, nicht fern. Man vgl. z. B. Wilhelm von Humboldt (ittel
S. 91): „Wie der menschliche Geist nur durch Reflexion sich deutlich
werden und diese nur durch Gegenüberstellen der objektiven und der sub—
jektiven Welt geschehen kann, so bringt sich auch die Kraft des Uni—
versums auf der Stufe, auf der wir sie kennen, nur dadurch zur Klarheit,
—D
selben erkennend, fühlend und wollend wiederfindet“.
        <pb n="53" />
        Die Frühromantik.

48

Bewegten wir uns bisher nur auf erkenntnistheoretischem
Gebiete, sah auch Fichte in seiner Wissenschaftslehre zunächst
nichts als eine Verbesserung der Kritik der reinen Vernunft,
ja ein nun erst wirklich vorhandenes System der reinen Ver—⸗
nunft, so erweiterte sich doch diese bloße Erkenntnistheorie sehr
rasch zu einer ganzen Weltanschauung. Denn früh schon führte
Fichte aus, daß die vom Ich gesetzte These und Antithese nun
wirklich und an sich so beschaffen sei, wie man sie denke, mithin
die logische Wahrheit für unseren Verstand und jede von uns
denkbare Intelligenz zugleich reale Wirklichkeit sei. Von da
war es dann allerdings nicht mehr weit zu dem Satze, daß
unserem in These, Antithese und Synthese verlaufenden Denken
der Verlauf der Dinge an sich und in der objektiven Wirk—
lichkeit entspreche. Und es versteht sich, daß damit die ob—
jektive, außer uns befindliche Welt restlos der Welt unseres
Innern einverleibt wurde und als Schöpfung dieser erschien;
es war der absolute Sieg einer Weltanschauung, die nur den
Geist als im Grunde seiend anerkennt, es war die Ausbildung
eines in sich völlig folgerichtigen idealistischen Monismus.
Aber verflüchtigten sich in dem Augenblicke, da der Philo⸗
soph mit der Betonung der absoluten Souveränität des Ver⸗
standes Ernst machte, nicht zugleich alle sittlichen Prinzipien?
In der Tat verwarf Fichte auf sittlichem Gebiete die drei
Postulate der Freiheit, der Unsterblichkeit und Gottes, die Kant
als Warner und Erzieher menschlichen Willens noch aus den
Zeiten des Rationalismus übernommen hatte: nach seiner
Lehre mußte sich das sittliche Bewußtsein zur Durchführung
seiner selbstgesetzten Zwecke lediglich selbst genügen, und die
menschliche Freiheit bedurfte zum Guten keinerlei göttlicher Hilfe.
Indes nachdem Fichte gegen Ende des 18. Jahrhunderts
diese radikalste aller Lehren vom absolutesten sittlichen wie in—
tellektuellen Absolutismus des Ichs aufgestellt hatte, trat ihm
doch bald die Frage entgegen, wie sich denn mit dieser Auf—⸗
fassung die tatsächliche Mehrheit des Ichs in der Erscheinungs—
welt vertrage? Mußte denn seine Philosophie nicht alle In—
dividuen außer mir als nur von meinem Bewußtsein realisiert,
        <pb n="54" />
        F Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

alle Willensstrebungen außer mir mithin als unzulässig be—
trachten? Hob eine solche Betrachtung nicht die Welt der
Erscheinungen, ja nicht noch viel mehr die sittliche Welt aus
den Angeln?
Fichte war ein Mann von viel zu sicherem sozialen Emp—
finden, als daß er diese Konsequenzen zugelassen hätte. Wie
seine Schriften in blitzartig wirkenden Zwischensätzen immer
wieder die innere Erregung verraten, mit der er schreibt, wie
ihn stets ein warmes Pathos für alles menschlich Große
leitete, so war er nicht in der Lage, mit einem System
des Solipsismus oder des Anarchismus zu schließen. Er gab
vielmehr seiner Lehre jetzt eine weitere Stütze und zugleich
einen tieferen Hintergrund, indem er zur Erklärung der Vielheit
der Individuen und deren wesentlich gleicher Haltung einen
ewigen und unendlichen Willen und Verstand als ihnen zu—
grunde liegend annahm und in den sozialen Gemeinschaften
besondere Projektionen dieses souveränen Ichs erblickte: indem
er somit zum idealistischen Sozialisten und noch mehr, zum
mystischen Pantheisten wurde. In der Schrift „Anweisung
zum seligen Leben“ (1806) erscheint diese Wandlung vollzogen.
Denn nunmehr besteht für Fichte höchste Weisheit und höchste
Religiosität in dem unmittelbar gläubig empfundenen Zusammen—
hange der individualen Endlichkeit mit dem einen Unendlichen,
Ewigen, Göttlichen. In diesem Zusammenhange aber wird
dem Philosophen die Erkenntnis aktiv und setzt sich in Willen
um, in eine Liebe Gottes, die fern ruhender Beschaulichkeit vor
allem tätige Menschenliebe sein soll.
Man sieht, es ist eine Wendung, die in ihrem letzten Schlusse
zugleich von dem quieszierenden, in sich satten romantischen
Subjektivismus hinwegführt zu den gemeinen Pflichten sozialen
Zusammenlebens: hier war der Punkt, von dem aus Fichte
weiter fortschritt, die Spuren der frühen Romantik verließ und
zu jenem glühenden Patrioten der deutschen Freiheitsbewegung
gegen französische Unterdrückung wurde, als den wir ihn
kennen.
Fichtes philosophische Entwicklung ist ein Vorgang, zu
        <pb n="55" />
        Die Frühromantik.

45

dem sich Parallelen in dem Verfalle der frühromantischen
Geister in allerlei Gebundenheiten, insbesondere in die Geistes⸗
herrschaft des Katholizismus, ohne weiteres darbieten. Sie
zeigt zugleich einen Verlauf, der nach allem, was schon er⸗
zählt worden ist, unvermeidbar war: sie bedeutet einen ersten
großen Schritt zur Objektivierung der subjektiven Persönlichkeit.
War aber in diesem ersten Falle schon eine von der Selbst⸗
herrlichkeit der frühromantischen Persönlichkeit ausgehende Be⸗
trachtungsart schließlich in den Ruhm der Selbstherrlichkeit
des Absoluten und seiner Auswirkung wie in der Welt der
Erscheinungen, so in den Einzelpersonen umgeschlagen, so war
klar, daß der Weg der Philosophie, bei aller Freiheit des
Denkens, in der Richtung stärkerer Entschleierungsversuche des
Wesens und der Altualität des Absoluten weiterführen mußte.
Dies ist nun in der Tat der Pfad, den die Philosophie
Schellings eingeschlagen hat. Schelling, 1775 als Sohn eines
württembergischen Landgeistlichen geboren, frühreif, 1798 auf
Goethes Veranlassung zum Professor in Jena berufen, 1808
Professor in Würzburg, dann, seit 1806, in München in hohen
Ehren lebend, 1841 durch Friedrich Wilhelm 1V. als Prophet
gegen den neuen Zeitgeist nach Berlin erbeten, ist im Jahre
1854 auf einer Reise in der Schweiz gestorben. Für die Ent—
wicklung des deutschen Denkens war er aber schon seit seiner
Übersiedlung nach Würzburg von geringerer Bedeutung; und
bereits gegen Schluß des ersten Jahrzehnts des 19. Jahr⸗
hunderts erlag er den rettungslosen Wirrnissen einer immer
ungezügelter verlaufenden theosophischen Spekulation. Seine
große Zeit war mithin die Jenenser, und seine einflußreichsten
Werke blieben die ersten naturphilosophischen Bücher, welche
er schrieb, nachdem er Herdersche und Fichtesche Ideen passiert
hatte: die Ideen zu einer Philosophie der Natur (1797), das
Buch von der Weltseele (1798), der erste Entwurf eines
Systems der Naturphilosophie (1799) und auch noch das
System des transzendentalen Idealismus (1800).
In diesen Schriften ging Schelling von einem Gedanken
aus, für den die damals im Vordergrunde des wissenschaftlichen
        <pb n="56" />
        16 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Interesses stehenden galvanischen und magnetischen Experimente
nicht ohne Bedeutung gewesen zu sein scheinen!. Er fand
nämlich in der Natur den Drang, aufs Intelligente zu kommen:
eine vollendete Theorie der Naturwissenschaft würde daher nach
ihm alle Natur in Intelligenz aufzulösen imstande sein; ja sie
würde zu zeigen vermögen, daß Natur und Geist im Grunde
identisch seien. So muß es denn nach ihm einen Punkt, einen
Urgrund geben, ein Absolutes, von dem aus die Natur lang⸗
sam bis zu dem Minimum von Geist herabsank, das wir in
ihren elementaren Erscheinungen ahnen, und von dem andrer—
seits sich die Welt der Geschichte zu jenem Maximum des
Geistes erhob, das die Menschheit kennt und erlebt hat.
Dabei müssen die Stufen dieser Entwicklung im wesentlichen
parallel verlaufen sein. Nach welchen Prinzipien aber ent—
wickelte sich nun der Urgrund beiderseits? Es geschah nach
Schelling, sehr begreiflich nach dem Vorgange der Fichteschen
Philosophie, im Verlaufe und nach dem Grundsatze der Abfolge
von Thesis, Antithesis, Synthesis. So entwickelte sich nach
diesem Schema nach der Seite der Natur hin zunächst Re⸗
produktionskraft, Irritabilität und Sensibilität, darauf Magne—
—
Wärme: bis mit Abstraktion, Repulsion und Schwere die heute
elementarsten aller Kräfte der Natur erreicht wurden. Die
Entfaltung nach der Seite des Geistes aber war nach Schelling
gleich umfassend und wurde als in verwandten Potenzen und
Stufen vor sich gehend gedacht, ist indes von unserm Philo—
sophen nicht in gleicher Ausführlichkeit behandelt worden.
Was aber erschien Schelling nun als das eigentlich
Treibende dieser ganzen Entwicklung? Unter welcher Ein—
wirkung dachte er sich den indifferenten Urgrund zu den
letzten Polen der Natur und des Geistes, zum objektiven Re—
alen und zum subjektiven Ideellen hin organisiert und aus—
gewirkt? Er nahm hierfür als Kraft eine besondere Weltseele

S. zum folgenden auch unten zweites Kapitel Abschnitt IV und
drittes Kapitel Abschnitt II.
        <pb n="57" />
        Die Frühromantik.

7

an, die wir freilich nicht zu erkennen vermögen, sondern nur
intuitiv zu erfahren, wie Schelling sich ausdrückt, intellektuell
anzuschauen imstande sind.
Deutlich zeigt sich in diesen Zusammenhängen ein schon
von Anbeginn ab mystisches Element der Schellingschen Lehre;
und es kann nicht befremden, wenn der sprachgewandte Philo⸗
soph unter diesem Eindrucke die Lehren seines Denkens ge—
legentlich auch im Gedichte vortrug:
Vom ersten Ringen dunkler Kräfte
Bis zum Erguß der ersten Lebenssäfte,
Wo Kraft in Kraft und Stoff in Stoff verquillt,
Die erste Blüt', die erste Knospe schwillt,
Zum ersten Strahl von neugebornem Licht,
Das durch die Nacht wie zweite Schöpfung bricht
Und aus den tausend Augen der Welt
Den Himmel so Tag wie Nacht erhellt,
Ist Eine Kraft, Ein Wechselspiel und Weben,
Ein Trieb und Drang nach immer höherem Leben.

Aber auch Fichte ist, in bescheideneren Grenzen, ein Dichter
gewesen! Und auch er hat, gleich manchem Dichterphilosophen
vor ihm, den eigentlichen Moment seiner inneren Peripetie be⸗
sungen, den Augenblick, da sich bei ihm persönlichstes Schicksal
und philosophische Doktrin aufs innigste verschlangen:
Das ist's! Seit in Uraniens Aug', die tiefe,
Sich selber klare, blaue, stille, reine
Lichtflamm', ich selber still hineingesehen,
Seitdem blieb dieses Aug' mir in der Tiefe,
Und ist in meinem Sein das ewig Eine,
Lebt in mir Leben, sieht in meinem Sehen.

Vor allem aber ist es kein Zufall, daß gerade die früh—
romantischen Philosophen gedichtet haben. Sie waren wirklich
im Grunde Dichter, und sie waren sich dieser Tatsache keineswegs
so gänzlich unbewußt. Ja von diesem Punkte her erhellt dann
erst völlig ihre philosophische Methode und zugleich ihre kultur⸗
geschichtliche Stellung: sie waren es, die die Entwicklung der
mystischen Formen des Denkens im Subjektivismus fortsetzten.
        <pb n="58" />
        8

Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Der Charakter des Mystischen kann in der Ineinssetzung
des Denkens mit dem zu erkennenden Gegenstande gefunden
werden. Das aber ist es, was Schelling meinte, bezeichnete
er als Philosophieren, wenn wir uns „aus dem Wechsel der
Zeit in unser innerstes Selbst zurückziehen und dort unter der
Form der Unwandelbarkeit das Ewige anschauen“. Oder was
—AD00
ausdrückte:

Windesrauschen, Gottes Flügel,
Tief in dunkler Waldesnacht!
Freigegeben alle Zügel
Schwingt sich des Gedankens Macht:
Hört in Lüften ohne Grausen
Den Gefang der Geister bransen.

Natürlich sind die Formen dieser Selbstentäußerung zu—
gunsten des Denkobjekts in verschiedenen Zeiten sehr verschieden
gewesen; im ganzen waren sie jeweils getreuer Ausdruck steigender
kultureller Intensität und können daher in der Entwicklung
der verschiedenen menschlichen Gemeinschaften gut als Leit⸗
erscheinungen zur Diagnostizierung bestimmter Kulturzeitalter
verwendet werden. In der deutschen Geschichte war das Denken
der Mystik des 10. Jahrhunderts durch wunderliche Formen
direkter körperlicher Selbstentäußerung, durch rohe Askese gekenn⸗
zeichnet; das 12. Jahrhundert dagegen schon, die Zeit des Kon⸗
ventionalismus, zeigte die systematische, verhältnismäßig aber
noch äußerliche geistige Versenkung in der Form der Kontempla⸗
tion, als deren intensivere Form dann im Bürgertum des
14. Jahrhunderts der Raptus, das Überspringen des seelischen
Fünkleins in den Gegenstand der Kontemplation, in Gott hervor⸗
trat. In den Zeiten der Reformation hat darauf Luther die
hergebrachten Formen mystischer Praxis an sich erprobt und in
der Gotteskindschaft, dem milden Sichversetzen, sich Anvertrauen
in Gott, die seiner Zeit genäße gefunden. Und wiederum im
17. Jahrhundert, im Zeitalter des durchgebildeten Indivi—
dualismus, erfolgte an dem Orte höchster Ausgestaltung des—
selben eine weitere Vergeistigung der mystischen Praxis, und
Spinoza rühmte sich demutsvoll des amor intellectualis Dei.
        <pb n="59" />
        Die Frühromantik.

*
1

Es sind die Phasen etwa, die nun, in der Frühromantik,
durch eine noch neuere ergänzt und, wenigstens für die Zeit
der ersten subjektivistischen Periode, auch abgeschlossen wurden.
Die Mystik der Frühromantik kann, im Gegensatze zu der
individualistischen des amor intellectualis, ausgesprochener⸗
maßen als eine solche des Gemütes bezeichnet werden: ihr
„stehen Gedanken zu fern“; weitab von allem Rationalen ent⸗
nimmt sie die Kriterien der Wahrheit und Wahrscheinlichkeit
dem Gefühl, jenem Bestandteile unserer Erfahrung also, der,
sobald man ihn aus seinem Zusammenhange mit den sonstigen
vsychischen Elementen loslöst, sich allerdings als der unmittelbar
gewisseste, zugleich aber auch als der dunkelste, am wenigsten
abzugrenzende und analysierbare erweist. Es war gewißlich
die zarteste aller bis dahin in der deutschen Geschichte ver—⸗
—
zusagen das Subjekt trotz aller Selbstentäußerung als Ganzes
frei und band es nur mit dem dunkeln Untergrunde seines
Wesens an das Absolute.
Freilich könnte man nun fragen, wie denn bei alledem die
rationale, denkhaft befriedigende Durchführung eines bestimmten
philosophischen Systems möglich geblieben sei? Allein eine
solche Frage würde nur die Schwierigkeit des Nicht-Adepten
zeigen, sich in den mystischen Bereich zu versetzen. Die Mystik
bedarf keines rationalen Schlusses; wie es im Athenaeum
heißt: Verstand ist mechanischer, Witz ist chemischer, Genie
— und das heißt: philosophische Begabung — ist organischer
Geist. Ja die Mystik versagt sich sogar den eigentlich mo—
dernen, den induktiven Schluß aus sehr natürlichen Gründen.
Da es sich bei ihr immer um ein Ineinssetzen von Subjekt
und Objekt handelt, so kommt sie im Grunde niemals über
ein die Identifikation anstrebendes Vergleichen hinaus: und
somit ist das ihr familiäre Beweismittel recht eigentlich der
mittelalterliche Analogieschluß. In diesem Zusammenhange ist
es denn auch ganz selbstverständlich, daß sie trotz höherer Kultur—
periode die mittelalterliche Dialektik, das getreue Komplement
zum Analogieschluß liebt. Darum ist denn den frühromantischen
Lamprecht, Deutsche Geschichte. X.
        <pb n="60" />
        50 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Philosophen diese Dialektik etwas ganz Selbstverständliches
gewesen; und die Möglichkeit rationaler Urteile, deren De—
duktion Kant als das Schwerste in der Metaphysik erklärt
hatte, haben sie daher als das Leichteste von der Welt, ja als
etwas ganz Selbstverständliches betrachtet. Natürlich aber
wurden sie durch all dies, an den allgemeinen Denkanforde—
rungen ihrer Zeit gemessen, höchst unzuverlässige und unsaubere
Denker: Kant steht an Strenge und Behutsamkeit des Schlusses
mindestens um ebensoviel über ihnen, wie er an Tiefe des
Vorstellens den seichten Eklektizismus der Wolffianer und der
Popularphilosophen seiner Zeit überragt hat.
Aber war das in den Augen der romantischen Philo—
sophen etwa ein Fehler? Vor allem Fichte hat gar nicht die
Absicht der gemeinen Deduktion gehabt; er entfernte ja aus
der Erkenntnis den empirischen Faktor; er unternahm es viel⸗
mehr, den Stoff und die besondere Form der Erfahrung ganz
aus der Wunderwirkung einer sich ins Unendliche setzenden, im
Grunde nichtigen, aus und mit nichts schaffenden geistigen Tätig⸗
keit hervorzuzaubern. Demgegenüber machte dann Schelling,
vornehmlich naturphilosophisch tätig, der Wirklichkeit allerdings
schon wieder Zugeständnisse, aber nur halbe, ja nur scheinbare,
denn er tat es nur ideologisch. Dies alles aber entsprach
ganz den eingeborenen Gesetzen jeder Mystik. Das Impulsiv⸗
Radikale, das Voraussetzungslos-Behauptende, bei stärkster In⸗
tensität des Empfindens das Hellseherische, Prophetische ist stets
Erbteil mystischen Denkens gewesen. Dies aber besaß neben
Fichte eben auch Schelling; und in der Geschichte der Wissen⸗
schaften wird noch zu erzählen sein, mit welch sicherer Pro⸗
gnose er in seiner Naturphilosophie das Wesentliche des Ent—
wicklungsganges der Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert
vorweggenommen hat!.
Da läßt sich denn die Einwirkung, welche die Philosophie
der Frühromantik ausübte, freilich nicht nach der Sicherheit
ihrer Schlüsse und nach dem Grade ihrer rationalen Wider—

S. unten im zweiten Kapitel Abschnitt IV.
        <pb n="61" />
        Die Frühromantik.

51

legbarkeit bemessen; stellt man sich auf diesen Standpunkt, so
trifft Comtes hartes Urteil von der Liberté vagabonde der
deutschen Ich-Philosophie zum Ziel. Vielmehr dargauf kommt
es an, die Anregungen, die von der Philosophie der Früh—
romantik ausgegangen sind, zu ermessen, gleichviel in welcher
Form und in welchem Zusammenhange sie auftraten.
Und da ist denn das Geringste, was sich für das Gebiet
der Philosophie sagen läßt, noch immer, daß durch den ent—⸗
schiedenen Monismus der gesamten Richtung Lehren, denen
wie dem Cartesianismus Geist und Materie als verschiedene
Substanzen oder Faktoren galten, auf lange Zeit, im ganzen
für das ganze 19. Jahrhundert, von entschiedener Vertretung
in der Philosophie ausgeschlossen worden sind. Es war eine
außerordentliche schützende Wirkung: sie isolierte die Entwick—
lung der Wissenschaften gegenüber den Andrangsversuchen
des christlichen Dualismus; sie machte die Philosophie frei,
eine Metaphysik rein voraussetzungslos allein aus den wissen—
schaftlichen Gegebenheiten als deren hypothetischen Abschluß zu
entwickeln.
Allein diese Wirkungen im engeren Bereiche, wie wichtig
an sich, waren nicht die größesten. Diese lagen vielmehr auf
einem Gebiete, dessen langsame Durchbildung überhaupt erst
für das Zeitalter des Subjektivismus charakteristisch ist. Indem
nämlich diese Zeit die einzelne Persönlichkeit frei stellt gegen—
über Gott und Welt, verlangt sie im Grunde von jedermann
die Durchbildung einer eigenen Weltanschauung; nicht zufällig
ist es daher, wenn schon die großen Dichter der Empfind⸗
samkeit, vor allem aber des Klassizismus ohne Kenntnis
ihrer persönlichen Weltanschauung kaum verstanden werden
können 1.
Wenn aber nun, mit steigender und sich verbreiternder sub⸗
jektivistischer Lebenshaltung in den weiten Kreisen der Ge—
bildeten, diese Pflicht eben seit den Zeiten der Frühromantik
immer mehr empfunden wurde: konnte sie dann in der Tat

S. Band VIII, 2, S. 808 ff.
        <pb n="62" />
        52 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

so leicht geüt werden? Und geht heute, wo diese Pflicht für
die schöpferischen Kreise der Nation nur noch um so dring—
licher gilt, der Prozeß dieser Bildung einer persönlichen Lebens⸗
anschauung so ganz systematisch vor sich, um auf dem Wege
klarer und sozusagen pedantischer, rationaler Durchbildung
mmer zu einem System dieser Anschauung zu führen? Wir
wissen es alle: nicht ein philosophisches oder religiöses System,
sondern eine an sich freilich sehr unbedingte Gefühlsgeneigtheit
und Lebensbestimmung allein sind das Ergebnis. Und sie
werden zum besten Teile unbewußt errungen: erlebt, erfahren
in nicht selten halb mystischen Prozessen. Begann nun eine
derartige subjektivistische Entwicklung von Lebenswerten eben
in den Zeiten der Frühromantik: so begreift sich, wie außer⸗
ordentlich, wenn auch im einzelnen schwer kontrollierbar, der
Einfluß von philosophischen Systemen auf diese Entwicklung
werden mußte, die schließlich verwandten Bildungsformen und
Motiven ihre Entstehung verdankten. Und nur die abstruse
Form der Darstellung, der vielleicht große Geistesreichtum,
zugleich aber die Unverständlichkeit der Analogieschlüsse, wie
die mit ihnen verbundene in langen Reihenformen verlaufende
scholastische Dialektik der romantischen Systeme mögen diesen
Einfluß zum Teil unterbunden haben.
Aber hier trat nun ein Zusammenhang helfend ein, der
erst die ganze Breite der hier möglichen Einwirkungen offen—
legt. Sollte nicht die Dichtung der Zeit dieser Philosophie
der Mystik aufs nächste gestanden haben? Und nun anschau—
licher und eindringlicher verkündet haben, was jene im Dickicht
dialektischer Schlußreihen und im Weihrauchduste mystischer
Ineinssetzungen lehrte? Es ist ein innerlicher Zusammenhang,
wenn Jena und Berlin Sitze frühromantischer Poesie und
Philosophie zugleich gewesen sind, wenn die Schlegel und
Novalis und Fichte und Schelling und Schleiermacher in
tausend persönlichen Berührungen lebten, wenn das Athenaeum
es aussprach, daß nach der Vermutung einiger die höchste
Philosophie wieder Poesie zu werden bestimmt sei.
Denn tatsächlich trifft unsere Erzählung, was sie bei den
        <pb n="63" />
        Die Frühromantik.

53

Philosophen mühsam zu deuten suchte, bei den Dichtern offener
dargelegt, klarer veranschaulicht, wirksamer mitgeteilt — und
ins Praktische, ins Leben hineingewendet. „Eine Idee ist“,
heißt es im Athenaeum, „ein bis zur Ironie vollendeter Be⸗
griff, eine absolute Synthesis absoluter Antithesen, der stete
sich selbst erzeugende Wechsel zweier streitender Gedanken. Ein
Ideal ist zugleich Idee und Faktum. Haben die Ideale für
den Denker nicht so viel Individualität wie die Götter des
Altertums für den Künstler, so ist alle Beschäftigung mit
Ideen nichts als ein langweiliges und mühsames Würfelspiel
mit hohlen Formeln oder ein nach Art der chinesischen Bonzen
hinbrütendes Anschauen seiner eigenen Nase.“ Wie anders muten
schon diese Worte an, als jegliche philosophische Enthüllung
der Geheimnisse des triadischen Schlusses! Aber nicht bloß
die Denkmethode, auch das tiefe Denkpathos der Philosophie
wird im Munde der Dichter seiner dialektischen Mystik ent—
kleidet. Läßt Fichte von der These des Ichs zur Antithese
des Nicht-Ichs und von da zur Synthese des Selbstbewußt⸗
seins einen dialektischen Prozeß verlaufen, so beschäftigt ihn
dieser Gedanke nicht als ein dynamischer. Und lehrt Schelling
das Erfließen der Natur- und Geisteswelt aus einem geistigen
Indifferenzpunkte nach links und nach rechts gleichsam bis zu
den niedrigsten Grenzen der Wirksamkeit natürlicher Agentien
einerseits und andrerseits bis zu den höchsten Erscheinungs⸗
formen des Geistes: so verbindet er damit nicht eigentlich den
Begriff des Werdenden, des tatsächlichen Evolutionismus. Und
doch ist klar, daß Fichte und mit ihm auch Schelling, der ihm
folgt, die psychische Statik, von deren Grundlage aus noch
Kant durchaus geurteilt hatte, aufheben, und daß Schelling
dem Gedanken einer organischen Entwicklung, ja selbst eines
Evolutionismus der anorganischen Natur Freunde wirbt. Wird
da nicht der Historiker eben in diesem Zusammenhange ihre
Bedeutung sehen: sind sie ihm nicht gerade hierin die Dol—
metscher des seelischen Charakters ihrer Zeit, der eben Aktua—
lität war und Dynamis und darum die Welt dynamisch und
aktuell zu spiegeln gezwungen blieb?
        <pb n="64" />
        Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Die Dichter aber fühlten, was die Historie heute kündet;
und so erfolgte in ihrem Herzen und Munde, vor allem in
der Verdolmetschung durch ihren philosophischen Chorführer,
Friedrich Schlegel, eine Durchbildung frühromantischer Philo—
sophie, die noch heute höchst praktisch nachwirkt. Da wurde
natürlich von dem Begriffe des Kunstwerks ausgegangen; wann
wäre der philosophische Dichter nicht zunächst Asthetiker ge—
wesen? Diesem Kunstwerke aber wurde ein dynamischer Zug
eingehaucht, es erschien atmend, erschien sich belebend: war die
höhere Vollendung des Organischen, ja Typ und Symbol des
Drganismus überhaupt. Und indem nun Geist und Natur rück—
wärts wirkend wiederum im Lichte des Kunstwerkes betrachtet
wurden, erschienen auch sie als organisch: und der Begriff des
Organismus trat in den Mittelpunkt der Anschauung der
Welt. Ja weiter: indem im Kunstwerke vermöge seiner dy⸗—
namischen und genetischen Eigenschaften Subjekt und Objekt,
Innenwelt und Außenwelt in eins zusammenfallend gedacht
wurden: ergab sich ein blühender objektiver Idealismus, der
die strengen Lehren Fichtes der Welt annäherte und schließlich
in wichtigsten Punkten mit Schelling zusammentraf. Denn
nun mochte man wohl noch geringe Unterschiede statuieren,
wie den gegen Fichte, daß die Welt nicht in den Geist, sondern
der Geist in das Objekt gefaßt werde, oder den gegen Schelling,
daß das Absolute der Weltentwicklung nicht so sehr mehr in
die Vernunft wie in das reine Wollen, die Liebe falle: im
ganzen war man doch einig, und voll und faßbar erst trat
jetzt der wesentliche Unterschied der neuen Mystik gegen die
individualistische Mystik Spinozas hervor: nicht mehr als Sein
erschien die Welt, sondern als Werden.
Das also war die Philosophie der Dichter: die schaffende,
der die Welt ein Kunstwerk ist, die schöpferische, die sich dem
Werdegedanken hingibt, die Philosophie, der „in der Philo—
sophie der Weg zur Wissenschaft nur durch die Kunst geht“.
Und wie hat diese Philosophie gewirkt! Aus ihrem Bereiche
ging der frühevolutionistische Gedanke der ersten Jahrzehnte des
19. Jahrhunderts in den Wissenschaften hervor, den wir bald
        <pb n="65" />
        Die Frühromantik.

z8

kennen lernen werden!, bis ihn der neue Realismus der
dreißiger und vierziger Jahre zum mehr äußerlich Genetischen
zurückschraubte und dynamische Anschauungen wieder durch
mehr statische ersetzte; aus ihr erhob sich der Gedanke des
Staates als Organismus und damit die reiche Blüte der
konservativ-klerikalen Staatslehren?.
Was aber vielleicht die stärkste Wirkung und Kraftprobe
zugleich dieser Philosophie wie freilich der Philosophie und des
— überhaupt war: aus diesem
Zusammenhange heraus erfolgte zum ersten Male der Versuch
einer Subjektivierung des Christentums.
Was man auch sagen mag: der Klassizismus hat zum
Christentum ein innerliches Verhältnis nicht gehabt. Man
höre die harten Worte Goethes: „Der Mensch ist wirklich in
die Mitte einer wirklichen Welt gesetzt und mit solchen Organen
begabt, daß er das Wirkliche und nebenbei das Mögliche er—
keunen und hervorbringen kann. Alle gesunden Menschen haben
die Uberzeugung ihres Daseins und eines Daseienden um sie
her.“ In keiner Weise gegen das Christentum unmittelbar
gesprochen, beweisen sie in ihrem unbedingten Greifbarkeits⸗
sinne um so mehr, wie fern ihrem Urheber, wenn vielleicht nicht
völlig christliches Genie, so doch sicher christliches Pathos stand.
Schillers Verhältnis zum Christentum war kaum inniger. Klassi⸗
zismus und Christentum hatten keinen Bund geflochten; niemals
m Grunde ließen die Götter Griechenlands den Heiland zu.
Anders stellte sich die Romantik schon wegen ihrer uni⸗
versalen Weite gegenüber allem Gewordenen. In ihr konnte
an die spärlichen Versuche angeknüpft werden, die bis dahin
die Geschichte einer Umbildung des Christentums in den Zeiten
des Frühsubjektivismus aufwies.
Im ganzen, man versteht es, hatte in dieser Zeit das
Christentum noch kein Verhältnis zu den neuen Lebensmächten
gewonnen; seine Lehre verharrte im allgemeinen noch in den

ES. unten Kapitel 2 Abschnitt IV.
S. den Schluß dieses Bandes.
        <pb n="66" />
        56 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Formen der Aufklärung, und seine Diener verfielen zum Teil
der Verachtung: „Kein Mensch zieht mehr seinen Hut ab,
wenn er einem Geistlichen begegnet.“
Zwar hatte schon in sehr früher Zeit ein überaus ener⸗
zischer Versuch zur Subjektivierung des Christentums statt⸗
gefunden, durch Zinzendorf, und er hatte auch schon zu einer
klaren subjektivistischen Kirchenverfassung geführt, zur Bildung
der Sekte der Herrnhuter?. Denn freie Kirche im freien
Staate, und das heißt freie Sektenbildung, das ist das all⸗
gemeine Ideal subjektiver Frömmigkeit.
Allein der Fall war vereinzelt geblieben. Und innerhalb
der Kirchen war der Katholizismus durch volles Ausruhen,
wenn nicht Aussterben religiös fruchtbarer Gedanken gekenn—
zeichnet; aber auch im Protestantismus herrschte die Stille auf—
klärerischer Prosabeschaulichkeit, wenn auch schon durch An—
näherungsversuche an die neue seelische Welt unterbrochen.
Allein was wollten die Hamannsche Personalorthodoxie, was
Lavaters und Jung Stillings Wunderlichkeiten, ja was selbst
der aufrüttelnde Einfluß Herders und die still überleitende
Schmiegsamkeit von Männern wie Claudius für die Um—
gestaltung des Ganzen besagen? Die mystisch-pietistischen Kreise
gegen Schluß des Jahrhunderts, die Jacobi, die Gallitzin
mußten sich im ganzen ohne Vorbild mit der zunehmenden
subjektivistischen Kultur, mit Klassizismus, Kant und dem
modernisierten Spinoza abfinden, und da näherten sie sich nun
in der Methode schon der Fruhromantik: um sich zu Gott zu
erheben, sei es notwendig, sich auf Fittichen des Gemütes, wie
vermöge eines Saltomortale, befreit von den trügerischen Netzen
der Philosophie, emporzuschwingen.
Unter diesen Umständen bedeutete es eine volle Revolution,
als Schleiermacher, einer der Frühromantiker, ein um wenige
Jahre jüngerer Zeitgenosse Fichtes, 1768 geboren, die erste Ver—

Leipzig im Profil GPamphlet von 1789, aber mit manchen guten
Beobachtungen), S. 108 104.
2 S. Band VIII, 1, S. 278 f.
        <pb n="67" />
        Ue Frühromantik.

57

söhnung des alten Glaubens mit dem Neugewordenen brachte;
faft gleichzeitig mit den entscheidenden Schriften Schellings
sind seine Reden über die Religion an die Gebildeten unter
ihren Verächtern (1799), seine Monologen (1800), seine Grund⸗
linien einer Kritik der bisherigen Sittenlehre (1803) erschienen
und haben einen neuen Christengott geschaffen und einen neuen
Christenglauben begründet.
Mit Emphase wandte sich Schleiermacher gegen die ein⸗
seitige Weiterbildung, welche Kants Kritizismus seit Fichte in
der Richtung eines absoluten Idealismus, einer Verflüchtigung
der realen Welt in Gebilde des Gedankens gefunden hatte:
dieser Idealismus wird nach ihm „das Universum vernichten,
indem er es bilden zu wollen scheint; er wird es herab⸗
würdigen zu einer bloßen Allegorie, zu einem nichtigen Schatten⸗
hilde der einseitigen Beschränktheit seines leeren Bewußtseins“.
Vielmehr geht Schleiermacher erkenntnistheoretisch zunächst
ganz konservativ von den beiden in der Kantschen Lehre ge⸗
gebenen Elementen der Erkenntnis aus: dem rationalen in
uns gegebenen wie dem empirischen, aus der Erscheinungswelt
eindringenden: beide müßten, meint er, miteinander verbunden
werden, denn andernfalls würden einseitige Rationalisten alles
in starre Begriffe auflösen und einseitige Empiriker alles in
Relationen, ohne daß sich ein ruhender Punkt in der Flucht
der Erscheinungen fände. Allein indem Schleiermacher von diesen
Betrachtungen aus fortfuhr, wurden in ihm doch alle erkenntnis⸗
theoretischen Grundgedanken der Romantik lebendig: und hinter
den beiden Erkenntniselementen Kants erschien, nicht ihnen gleich—
geordnet, sondern über ihnen, das romantische Absolute. Dabei
war Schleiermacher dieses Absolute als Einheit des Realen und
des Idealen allerdings nicht erkennbar. Wohl aber können wir es
fühlen, können wir seiner gewiß werden in einer seelischen Funk⸗
tion, die zwischen Denken und Wollen steht, im Gemüte. Und
das Gefühl in diesem Sinne, in seiner Richtung auf das Ewige,
ist nun Schleiermacher Frömmigkeit, ist Religion. Anknüpfend
an Spinoza, sowie an einzelne Außerungen Herders und Jugend⸗
eindrücke des herrnhutischen Pietismus, getragen von der Glut
        <pb n="68" />
        58 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

und dem Pathos des Sturmes und Dranges, erklärt Schleier⸗
macher vielmehr in einer mystisch-poetisch⸗rhetorischen Sprache,
deren Überschwang heute teilweise fast unverständlich wirkt, die
Religion als „das Gefühl für das Unendliche im Endlichen“,
für ein vom sittlichen Leben und reflektierten Denken getreuntes
mystisches Empfinden des einzelnen: das Herz, das sich selbst
empfindet, schafft sich schon dadurch eine Religion: seiner
Stimmung entquellen die Gefühle der Demut, der Liebe, der
Dankbarkeit, des Mitleids, der Reue; und deren verschieden—
artige Abgrenzung nach Art und Bedeutung bedingt die Ver—
schiedenheiten der Religionen.
Dieser subjektiven Verinnerlichung der Religion entsprechend
ist Schleiermacher dann der Glaube natürlich nicht an irgend—
welche Autorität geknüpft oder gar an sie gebunden; selbst
Gott und die Unsterblichkeit sind keineswegs Voraussetzungen,
sondern nur Ergebnisse der Reflexion frommen Gefühles. Noch
weniger aber ist Frömmigkeit und Religion auf eine äußerliche
Heilsanstalt angewiesen: die Zeit wird kommen, wo es keine
Priester, kein organisiertes Lehramt, keine Tempel mehr gibt, —
Einrichtungen zum Nutzen nur solcher, welche die Religion erst
suchen: und an die Stelle treten wird die allgemeine Voll—
kommenheit des religiösen Empfindens bei allen, mögen sie aus
der Religion ein Studium machen oder als fromme Brüder
in werktätigem Dasein dahinleben.
Man sieht: das geschichtliche Christentum, wie jede ge—
schichtliche Erscheinung der Religion überhaupt, entschwindet
diesen Spekulationen, der menschlich-soziale Zusammenhang der
Individuen, ja jeder Begriff der Gemeinschaft überhaupt nicht
minder: es ist der Paroxysmus des isolierten, gleichsam in luft⸗
leeren Raum versetzten romantisch-religiös fühlenden Herzens.
Und doch war dies der Standpunkt, den Schleiermacher, seit
1804 Professor der Theologie und Philosophie zu Halle, seit
1809 Prediger an der Dreifaltigkeitskirche in Berlin und bald
Theologieprofessor zugleich, lange Zeit hindurch in reinster Be—
geisterung und zäher Willenskraft festgehalten hat. Von ihm
aus erschien ihm dann aber die Religion seiner Zeit, hinaus—
        <pb n="69" />
        Die Frühromantik.

39

gewachsen über die Fetischverehrung und den Fatalismus wie
den Polytheismus früherer Zeitalter, dem Verständnis des
Seins als eines Ganzen zugewandt, vor allem eine einheitliche
Auffassung des Absoluten in der Form sei es des Monotheismus
oder sei es des Pantheismus zu verlangen; und wie er die
Form des Monotheismus in dem Christentum, dem er diente,
verwirklicht sah, so verehrte er doch in gewissem Sinne nicht
minder den Pantheismus Spinozas. „Opfert mit mir ehr—
erbietig eine Locke den Manen des heiligen verstoßenen Spinoza!
Ihn durchdrang der hohe Weltgeist, das Unendliche war sein
Anfang und sein Ende, das Universum seine einzige und
ꝛwige Liebe; in heiliger Unschuld und tiefer Demut spiegelte
er sich in der ewigen Welt und sah zu, wie auch er ihr liebens⸗
würdiger Spiegel war; voller Religion war er und voll heiligen
Geistes, und darum steht er auch da allein und unerreicht,
Meister in seiner Kunst, aber erhaben über die profane Zunft,
ohne Jünger und ohne Bürgerrecht.“
Wenn nun aber Schleiermacher die Religion so auf den
frommen Drang zu einem monistisch gedachten sei es theistischen
sei es pantheistischen Gotte zurückführte, so war er doch weit
davon entfernt, diesem Drange das Sein der Zeit, insbesondere
auch den Fortschritt wissenschaftlichen Denkens unterordnen zu
wollen. Schon in den Monologen hat er einen solchen Primat
religiösen Empfindens verworfen: die freieste geistige Selbst—
bestimmung müsse obwalten; jedes Individuum habe in sich
die Menschheit auf eigentümliche Weise darzustellen und dazu
sei vor allem Eines nötig: Freiheit des Denkens, unabhängig
bon allem Gefühl, auch vom religiösen. In diesem Zusammen-—
hange bezeichnete er es denn als das Bedürfnis gerade seines
Zeitalters, „einen ewigen Vertrag zu stiften zwischen dem
lebendigen christlichen Glauben und der nach allen Seiten
freigelassenen, unabhängig für sich arbeitenden wissenschaft⸗
lichen Forschung, so daß jener diese nicht hindere und diese
aicht jenen ausschließe“. Ist aber dieser Vertrag geschlossen,
bewegen sich Glaube und Wissenschaft frei nebeneinander, so
bleibt dem sittlichen Menschen die Aufgabe, in der Dar—
        <pb n="70" />
        30 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

stellung der Menschheit in sich auf die Natur organisierend
zurückzuwirken, und aus ihr heraus durch innere höhere,
geistigere Formen der Organisation und der Symbolisierung
Sprache, Kunst und Religion zu erschaffen: Grundlagen und
Brenzen zugleich einer freien persönlichen Erhebung des Ge—
müts zu Gott.
Man darf sagen, es sind die wichtigsten Bausteine einer
romantischen, extrem subjektivistischen Gottesverehrung, die
Schleiermacher auf diese Weise fast ausnahmslos zusammen⸗
getragen und zu dem Aufrisse eines Systems geschichtet hat.
Und schon verbindet sich mit ihnen eine dynamisch-evolutionistische
Auffassung der Religion, die, freilich gegengewogen durch eine
zunehmend einseitige Auffassung des Christentums, erst in
unseren Tagen von neuem gewonnen worden ist und Schleier—
machers Nachwirkung von neuem erhöht hat.
War nun aber mit so extrem subjektivistischen Betrach—
tungen eine Kirche zu erhalten oder zu begründen? Ent—
sprachen sie nicht in gewissem Sinne den extrem-subjektivistischen
Anschauungen des jugendlichen Wilhelm von Humboldt vom
Staate? Noch Schleiermacher selbst hat in seinen späteren
Jdahren die Nation aus einer übermäßig subjektivistischen Auf—
fassung zu einem tieferen Verständnis auch der religiösen freien
Persönlichkeit hingeleitet. Das selbstherrliche religiöse Gefühl
des Herzens seiner frühesten Schriften wurde nun zum frommen
Gemeingefühl und suchte Anhalt an der von Christus aus—⸗
gegangenen Gemeinschaft der Gläubigen.
Vollendet erscheint der Prozeß dieser Wandlung Schleier⸗
machers in dem Werke über den christlichen Glauben nach den
Grundsätzen der evangelischen Kirche (1821). In ihm ist denn
in der Tat zum ersten Male die Moͤglichkeit einer Versöhnung
zwischen Subjektivismus und Christentum eingehender begründet.
Während bis dahin alle positiven Gegebenheiten des Christen—
tums von der dichterischen Romantik in den Nebel religiös—
mystischer Empfindung, von der spekulativen Philosophie in

S. Band IX S. IIG ff.
        <pb n="71" />
        Die Frühromantik.

61

erkenntnistheoretische Allegorien aufgelöst worden waren, wußte
jetzt Schleiermacher den einen wie den andern dieser beiden
Wege zu vermeiden. Dabei wurde ihm der Glaube nunmehr
gewiß nicht wieder die äußere Abhängigkeit von irgendwelchem
dehrsystem, wohl aber doch eine entschiedene Bestimmtheit des
frommen Gefühls, eine klare Tatsache der inneren Erfahrung,
ein wohlerrungener Teil unseres Selbstbewußtseins. Und diese
innere Bestimmtheit glaubte er jetzt nicht mehr auf isoliert
subjektivem Wege gewinnen zu können, sondern sie erschien ihm
mit geschöpft und bestimmt aus der gemeinsamen Erfahrung
der geschichtlich erwachsenen religiösen Gemeinschaften, der
Kirchen.
Im Glauben des einzelnen traf sich also nunmehr Indivi⸗
duelles und Allgemeines: und so war es freilich auch jetzt
noch eigentlich unmöglich, ein allgemeingültiges System dieses
Glaubens aufzustellen. Dennoch wurde dies von Schleiermacher
bersucht, indem er von seiner eigenen religiösen Erfahrung
ausging und annahm, daß diese sich im Laufe seines Lebens
allmählich dem durchschnittlichen Glaubensbewußtsein der pro—
testantischen Kirchengemeinschaft stark oder gar gänzlich ge—
nähert haben werde.
Man hat natürlich darüber gestritten, inwiefern diese An⸗
nahme zugetroffen habe und habe zutreffen können: inwiefern
also auf sie hin noch die subjektivistische Belebung großer kirch⸗
licher Gemeinschaften möglich sei. Allein nicht dies war zu
Schleiermachers Zeiten schon eigentlich die brennende Frage.
Sicher dagegen war, daß die von Schleiermacher gefundene
Basis eines Ausgleiches zwischen Christentum und Subjektivis⸗
mus eine weitgehende Toleranz der dogmatischen Arbeit ge⸗
währleisten konnte, wie sie ein außerordentliches Emporblühen
der geschichtlichen Forschung über die Ursprünge des Christen⸗
tums ermöglichte. Auf Grund dieser Zusammenhänge aber
wurde sie zur Basis der modernen Vermittlungstheologie mit
ihren verschiedenen, die subjektiven Seiten jedes hervorragenden
Theologen widerspiegelnden Richtungen und gab vor allem
schon in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts den
        <pb n="72" />
        32 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

religiösen Gebildeten das beruhigende Gefühl von der Mög—
lichkeit eines ihren subjektiven Bedürfnissen angepaßten reli—
giösen Autoritarismus.

III.

Es waren Ziele und Ergebnisse, die freilich schon weit
ablagen von den Ursprungsempfindungen Schleiermachers in
den Jahren der Frühromantik; bereits an dieser Stelle unserer
Erzählung vorgetragen können sie dem Leser rasch eine schon
jetzt nicht unwillkommene ungefähre Vorstellung des Abstandes
der Spätromantik von der Frühromantik vermitteln. Für
Schleiermacher selbst aber ist es doch die Frage, ob er sogar
in den Jahren der Frühromantik so ganz den folgenden Worten
des Athenaeums zugestimmt haben möchte: „Wenn jedes un⸗
endliche Individuum Gott ist, so gibt's so viele Götter als
Ideale. Auch ist das Verhältnis des wahren Künstlers und
des wahren Menschen zu seinen Idealen durchaus Religion.
Wem dieser innere Gottesdienst Ziel und Geschäft des Lebens
ist, der ist Priester, und so kann und soll es jeder werden.“
Wie man aber auch die grundsätzlich ästhetische Auffassung
der Religion ansehen mag, die sich in diesen Worten ausspricht:
sicher ist, daß sie der Ausdruck eines ungemeinen Ernstes und
einer starken Gewissenhaftigkeit der Romantik als Kunst sind.
Und damit regen sie eine Überzeugung an, die uns vor allem
beseelen muß, wenn wir von der Dichtung der Frühromantik
hören wollen. Denn nur zu leicht verknüpfen wir mit dieser
aus den nächsten Eindrücken gewisser Erscheinungen, namentlich
des Sittenlebens wichtiger Dichter her die Voraussetzung des
Spielerischen.
Von den dichterischen Erscheinungen waren vielleicht die
wichtigsten der Roman und das Drama. Dabei ist bekannt, daß
sie beide sozusagen unvollendet blieben; daß sie den Eindruck von
Blumen machen, die, aus fruchtbarstem Keime entsprossen, im
Wachstum stecken bleiben, um vor der Blüte bereits elend zu—
grunde zu gehen. Und nichts ist für diese Auffassung vielleicht
        <pb n="73" />
        Die Frühromantik.

63

bezeichnender als das Urteil Otto Ludwigs, eines Dramatikers
und Erzählers also der nächsten Periode, daß das Grundwesen
der Romantik aus der Flucht vor dem Trivialen bestanden habe:
ein negatives Urteil also, das als positiv Wichtigstes doch höchstens
noch das Jagen nach neuen Empfindungsweisen zuläßt.
Die Romantik war zunächst mystische Grundempfindung.
Konnte sie nun von dieser Wurzel her zu so anschaulichen und
greifbaren Formen der Dichtung, wie Drama und Erzählung,
uͤberhaupt in nähere Beziehungen treten? Nur ihrem Uni—
versalismus ist es zu danken, daß beide Formen überhaupt ge⸗
pflegt wurden. Aber natürlich geschah das in den Grenzen
der allgemeinen seelischen Lebensvoraussetzungen — und eben
darum keineswegs mit Vollkommenheit.
Im Drama gelang es der Romantik nicht, das alles andere
bedingende Moment der Schicksalsführung klar zu erfassen. Wir
haben früher gehört!, wie dies schon dem Klassizismus schwer
gefallen war: die Transzendenz im alten Sinne, der Christengott
als Schicksalssender, ließ sich nicht aufrechthalten. Noch weniger
natürlich war das in der ursprünglichen Romantik, im extremen
Subjektivismus, möglich. Also hätte man statt dessen die Im—
manenz im neuen Sinne bevorzugen sollen. Allein das wäre der
Übergang zu einem unerhörten Realismus gewesen, den im
Grunde erst die naturalistischen Anfänge der zweiten subjekti—
vistischen Periode gebracht haben: es hätte die Selbstverneinung
der Mystik bedeutet. Und so blieb nichts übrig, als daß die
Schicksalsidee in spielenden, träumerischen, illusionistischen, ex⸗
trem subjektiven Formen gesucht wurde.
Da fand sich denn zunächst das Märchendrama ein: uralte
Fabeln, in denen die Impulsivität einer vorzeitlichen Psycho⸗
logie waltet, die mithin nach modernen Begriffen jeder ver—
nünftigen Motivierung zu entbehren scheinen, waren am ehesten
geeignet, sich einer Schicksalsidee unterstellen zu lassen, die im
Grunde die der Willkür war. Allein ließen sich diese Fabeln,
so behandelt, bis zur Höhe einer modern⸗theatralischen Illusion

S. Band VIII, 2, S. 516 ff.
        <pb n="74" />
        z4

Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

heraufzüchten? Konnten sie glaubhaft erscheinen? Es war
vergebens, daß man in ihre Bearbeitung nicht selten ganz
moderne Probleme einbezog und damit dem Ganzen das An⸗
sehen einer heiteren Scheinwillkür, einer Art dramatischer
Phantasmagorie zu geben versuchte: das Publikum erwartete
irgendeine Stabilität des Schicksals; deren Aufhebung machte
es sozusagen geistig seekrank; und das Ergebnis war stets das⸗
selbe, mochte es sich um Brentanos „Gründung Prags“, viel⸗
leicht das charakteristischste aller Stücke, oder um andere Dramen
handeln: es blieb schließlich als denkbar nur das Lesedrama
zurück.
Nun konnte man freilich, auch wenn man sich an Stoffe
mit großer Unbeständigkeit der Schicksalsidee, und das hieß an
Stoffe der Urzeit, gebunden sah, über das Märchendrama
hinausgelangen. Man vermochte das Märchen zum Traum
zu versubjektivieren oder ganz naiv, für Kinderseelen gleichsam,
in die Gegenwart hinein zu objektivieren: dann drang man in
die Traum- und Zaubersphäre Goethes ein, und ein Erfolg
erschien immerhin möglich.
Indes lag es in der Natur der Dinge, daß von den
Traums und Zauberdramen im Grunde nur die Traumdramen
noch der höheren Kunst angehörten. Und unter ihnen auch
nur diejenigen, welche die ungeheuren Stimmungsmomente des
Traumes, vor allem die bangen Ahnungen ausnutzten: und so
reduzierte sich denn das ganze Gebiet im Grunde auf das Drama
der Ahnung. Darin ist denn freilich mancherlei ges chaffen worden;
noch Immermanns Merlin gehört in dieses Gebiet, und selbst
bei Grillparzer, in der Ahnfrau und sonst, ist die stimmungs—
hildende Kraft der Ahnung festgehalten worden, bis letzte roman⸗
tische Stimmungselemente in seinen Dramen, 3. B. in „Des
Meeres und der Liebe Wellen“, nur noch als ein besonders be—
rauschender Duft, als ein Parfüm gleichsam dreifachen Extraktes,
uüber dem Ganzen lagern. Aber beinahe allein in einer solchen
letzten Durchbildung gewann diese Art des Dramas ein Publikum;
in den eigentlichen romantischen Stücken vermißte der Zu—
schauer, von einem widerspruchsreichen Wogenschwall willkür⸗
        <pb n="75" />
        Die Frühromantik.

65

licher Erfindungen hin und her geschüttelt, den ruhigen Horizont
einer festen Weltanschauung und versank damit in die Zweifel
des Urteilslosen.
So war es denn schließlich die niederste Gattung, das
Zauberdrama, die noch am besten gedieh. Aber auch sie doch
nur da, wo eine schon recht populär gewordene Romantik an
ein theatralisches Herkommen Anschluß fand, dem alte Narren⸗
spielkünste und selbst der Hanswurst noch nicht ganz fremd
geworden waren. Es war in Wien der Fall: aus dieser Kom⸗
bination wuchsen schließlich, in den Zeiten der Spätromantik,
die prächtigen und gemütreichen Stücke Raimunds hervor, von
denen einige, wie der Verschwender, noch heute nicht selten
gegeben werden!.
Über all dies hinaus aber wäre der Romantik, insofern sie
aus dem extremen Subjektivismus bald gebundenen Idealen,
vor allem auch des Christentums anheimfiel, freilich auch, so
sollte man denken, ein Drama mit der Schicksalsführung des
16. bis 18. Jahrhunderts, letzter christlich firmer Zeiten, mög—
lich gewesen: und Calderon und Shakespeare, beide von den
Romantikern nicht bloß gerühmt, sondern auch praktisch hoch
geschätzt, hätten hier Vorbilder bieten können. Indes konnte
auf diesem Boden mehr als eine künstliche Kunst erstehen?
Calderon und Shakespeare hatten aus den psychischen Be—
dingungen ihrer Zeit gewirkt und darum ein lebensvolles
Ganzes geschaffen; die neue Nachahmungskunst hatte nicht dies
feste Fundament; sie schuf im Grunde doch immer aus einer
gegenwärtigen Willkür. Und so erzeugte sie nur Scheinleben;
ihre Technik war gemacht, ihr Wundersames übertrieben; ihre
Vorbilder verflachten. Und hätte man, historisch unmöglich,
selbst Calderon und Shakespeare übertroffen, so würde das
Ergebnis unbefriedigend gewesen sein. Goethe hat das als
Schauspieldirektor in Worte klarer Erfahrung gefaßt: „Bringt
man so etwas irgendeinem Publikum, so setzt man bei dem—
selben immer guten Willen voraus, daß es geneigt sei, auch

S. darüber Genaueres unten Kapitel 2 Abschnitt III.
Lamprecht, Deutsche Geschichte. X. 5
        <pb n="76" />
        Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

das Weltfremde zuzugeben, sich an ausländischem Sinn, Ton
und Rhythmus zu ergötzen, und aus dem, was ihm eigentlich
gemäß ist, eine Zeitlang herauszugehen.“
Muß im übrigen noch bemerkt werden, daß unter diesen
Umständen die Romantik, namentlich in ihren frühen Formen,
die Technik des Dramas nicht gefördert hat? Eine wirkliche
Charakterzeichnung war in ihren Schöpfungen ja nur in Aus⸗
nahmefällen denkbar; im ganzen schwanden die Charaktere in
Maͤrchengestalten zusammen, die urzeitlich schematisch angelegt
wurden; und oft waren sie noch nicht einmal dies, sondern nur
dramatische Haubenstöcke, Träger gewisser Ideen, Symbole,
Allegorien, wie die Figuren der sinnreichen Rederijker aus den
frühesten Anfängen des deutschen Dramas im 15. Jahrhundert!.
Und über diesen Wesen sollte sich, bei gänzlicher Abwesenheit
sicherer Schicksalsführung, eine wirklich dramatische Handlung
haben aufbauen können? Da klafften überall die gröbsten
Sprünge in der Motivierung; von dem Universalmittel des
—V
letzte Klammern des Zusammenhanges zu lösen drohten; und
half alles nichts, so beruhigte man sich eben ganz einfach bei
Lem Gedanken des Irrationellen, schlechthin Unverständlichen
und Wunderlichen.
Dabei versteht sich, daß dieser böse Verfall der Technik
aus dem höheren romantischen Drama auch auf die zeit—
genössische dramatische Marktware zurückwirkte. Es ist ein
Moment, das sich zur Entlastung von Fabrikanten, wie Kotzebue
anführen läßt, wenn auch damit deren schleppender Dialog,
deren alberne Spaßlosigkeit bei allen Späßen und deren stillose
Wiedergabe einer unbehilflichen Alltäglichkeit nicht entschuldigt
werden soll.
Im romantischen Drama aber stellte sich allmählich aller—
dings ein Stil ein; aber er war alles andere als dramatisch.
Es entstand das stilvoll durchgebildete Lesedrama und für das
aufgeführte Drama eine Schauspielkunst ohne dramatischen Nerv.

S. Band IV, 301 f., VI, 251 ff.
        <pb n="77" />
        Die Frühromantik.

67

Das Lesedrama bedarf im Grunde der Personen über—⸗
haupt nicht, denn diese sind doch wohl eigentlich zum Handeln
da. Ihm genügen vollauf „Moralitäten“, Prinzipien differenten
Handelns. „Ich hoffe noch zu erleben,“ meinte später Otto
Ludwig!, „daß der philosophische rechte Held gar nicht sinnlich,
d. h. persönlich im Stücke vorkommt; genug, wenn sich durch
Reflexion nachweisen läßt, daß eine Person, von der zuweilen
darin gesprochen wird, die philosophischen Erfordernisse zu
einem tragischen Helden besitze.“ Nun — so weit war es noch
nicht gekommen. Doch ergab sich das Lesedrama immerhin
schon in steigendem Umfange den Gesetzen der epischen Kom⸗
position, bevorzugte also die Handlung vor den Charakteren,
erzählte mehr, als daß es durch Aktion wirkte, wurde dem
Glauben an die Wirklichkeit der Gestalten weniger gerecht und
schuf rhetorisch bis zu dem Grade, daß der Dichter bisweilen
an der Stelle der Gestalten zu reden schien.
Natürlich litt unter einer so allgemeinen Entwicklungs⸗
tendenz auch die Schauspielkunst der aufgeführten Stücke. Die
deutsche Theaterkunst, ursprünglich im Drama wie vornehmlich
in der Oper dem krassesten Naturalismus ergeben, hatte durch
die französischen Theoretiker der Zeit Ludwigs XIV., Vertreter
eines antikisierenden Kunstprinzips, eine erste Regelung erfahren.
Darüber hinaus waren dann die Naturalismen der Empfind—
samkeit und des Sturmes und Dranges in sie eingezogen.
Aber inzwischen hatte Garrick in England einen neuen ge—
mäßigten Naturalismus zur Herrschaft gebracht: und diesen
hatte darauf Lessing in seinen Lehren mit idealistischen wie
naturalistischen Erscheinungen der heimischen Bühne derart zu
einheitlicher Wirkung verbunden, daß sie die Theater Deutsch—
lands im allgemeinen bis auf Tieck beherrschten. Freilich mit
einer überaus wichtigen Ausnahme. In Weimar hatten die
Dioskuren für ihre Dramen und ihre Bühne überhaupt einen
eigenen Stil entwickelt, der, mochte sich auch Schiller mehr der
Leseprobe, Goethe mehr der Einstudierung der Gebärde und

Werke 2, 783.
        <pb n="78" />
        38

Pierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Haltung annehmen, der Hauptsache nach doch auf Goethe
zurückging. Goethe hatte dabei ganz auf den französischen
Konventionalismus als den dem deutschen klassischen Drama
noch angemessensten überlieferten Ausdruck schauspielerischer
Technik zurückgegriffen. Er hatte sich damit ausdrücklich dem
deutschen Naturalismus der funfziger bis achtziger Jahre
des 18. Jahrhunderts entgegengesetzt und hatte, solange er
selbst als entflammender Geist hinter Schauspiel und Bühne
ftand, damit Außerordentliches geleistet. Allein nach Schillers
Tode und nach seinem Rücktritt erlahmte die Kraft der Schau—
spieler, und das Ende war ein wenig erfreulicher Konventio⸗
nalismus.
Konnte nun er, ja konnte selbst die mittlerweile zurück—
gegangene Tradition Lessings durch lebendige Werte einer
neuen romantischen Schauspielkunst überwunden werden? Der
Schauspieler, in so vielen Dingen ein Plastiker gegenüber der
zweidimensionalen Kunst der Sprache und des Dichtens, will
starke Charaktere oder zum mindesten Personen, die er ver—
gegenwärtigen, die er marschieren und handeln lassen kann.
Wo nur Umrisse stehen, da will er Farben einsetzen, wo Farben
spielen, da will er Kontraste der Beleuchtung, der Tiefe in sie
hineinzaubern. Gab ihm das romantische Drama hierzu Ge—
legenheit? Er wurde in seiner Kunst der Motivierung und
Schattierung aufs schwerste durch die urzeitlich einfache Psycho⸗
logie der Charaktere behindert; wollte er nicht zum bloßen
Deklamator werden, so mußte er sich Stücken der Vergangenheit,
des Klassizismus, des 16. und 17. Jahrhunderts, der Antike
zuwenden. Allein man drängte ihn auf der schiefen Entwicklungs⸗
linie der Romantik vorwärts; das Deklamationsstück wurde,
wenn auch teilweise erst jenseits der Zeiten der Romantik,
geschaffen; und statt der Helden betraten Typen die welt⸗
bedeutenden Bretter.
Aus dieser Geschichte des romantischen Dramas möchte
man vielleicht die Vermutung ableiten, daß sich die romantische
Erzählung weit besser entwickelt haben müsse. Es würde,
wenigstens für die Frühromantik, wieder ein Irrtum sein.
        <pb n="79" />
        Die Frühromantik.

69

Die Erzählung des individualistischen Zeitalters war im
Grunde noch eine Aventüre gewesen oder, im Roman, eine
Sammlung von Abenteuern, die sich um eine Person gruppierten.
So wollte es die Kasuistik der Erfahrung, und so schadete es
auch nichts, wenn neben den Abenteuern noch ein ganzer bunter
Raritätenkasten von Anekdoten, allerlei „kuriosem“ gelehrtem
und traditionellem Detail, Hausbackenheiten, Bauernregeln, Vor⸗
schriften bürgerlichen und höfischen Lebens in einem Roman
zum Auspacken gelangte. Es war dem Leser dabei zumute,
als schlüge er ein Konversationslexikon auf; das Utile cum
dulci sollte ihm behagen; an eine bestimmte Tendenz, einen
inneren starken Zusammenhang, eine Evolution gar der Erzählung
dachte niemand. Im Simplizissimus am ehesten könnten noch
solche Motive gesucht werden; allein die schließliche Besserung
des Helden wird doch auch hier durch ein ganz mechanisches
und für sich stehendes Mittel, das Vertreiben auf eine einsame
Insel, erreicht. Freilich, dem Leser der Zeit erschien dieses
Mittel immerhin als ein göttliches Wunder und somit mo—
tiviert: nach der Zuversicht des Autors wird er „die göttliche
Barmherzigkeit preisen, wenn er findet, daß ein so schlimmer
Gesell ... dennoch die Gnade von Gott gehabt, der Welt
zu resignieren und in einem solchen Stand zu leben, darinnen
er zur ewigen Glori zu kommen verhofft“: und so siegt zu
guter Letzt wie im gleichzeitigen Drama der christliche Schicksals—
gedanke.
Der Periode des Simplizissimus aber war dann, mit dem
Zeitalter des Subjektivismus, der empfindsame Roman gefolgt,
Werthers Leiden hatte die Welt erobert; und eine letzte, der
Romantik sich schon nähernde Blüte war mit den litera—
rischen Erfolgen Jean Pauls erreicht worden. Leitete da nun
nicht schon die zum Himmel strebende Empfindung Jean
Pauls, die bei allem innerlichen Zuge zum Mystischen dürftige,
aber doch ein wenig realere Anschauung, die spielende, von
Bild zu Bild gaukelnde Sprechweise mit ihren gelegent—
lichen Wirklichkeitsaphorismen zu höheren romantischen Formen
über? Ja war Jean Paul nicht ganz schon ein Romantiker?
        <pb n="80" />
        70 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Man wird hier die Romantiker selber hören müssen, um die
feinen Schattierungen des Übergangs nicht zu verfehlen.
„Gäbe es eine Kunst, Individuen zu verschmelzen oder könnte
die wünschende Kritik etwas mehr als wünschen, wozu sie
überall so viel Veranlassung findet, so möchte ich Jean Paul
und Peter Leberecht (Tieck) kombiniert sehen. Gerade alles,
was jenem fehlt, hat dieser. Jean Pauls groteskes Talent
und Peter Leberechts phantastische Bildung vereinigt, würden
einen vortrefflichen romantischen Dichter hervorbringen!“
Aber aus dem Romane der Empfindsamkeit und des
Sturmes und Dranges hatte sich inzwischen, vertreten vor
allem durch Goethe, eine erste subjektivistische Schöpfung höchster
Vollendung, der psychologische Roman des Klassizismus ent—
faltet: durch Werther und Wilhelm Meister bis zu den
Wahlverwandtschaften aus dem Individualpsychischen in das
Sozialpsychische höchsten Sinnes aufsteigend, hatte er ge—
zeigt, wie sich moderne Gesinnungen und Begebenheiten dar⸗
stellen lassen in nicht minderem Sinne, wie auf dramatischem
Gebiete in Iphigenie und Tasso trotz aller historischen Stoffe
moderne Charaktere und Handlungen gezeichnet worden waren.
Eingeleitet erschien damit eine außerordentliche Höhe der Ent⸗
wicklung, die unmittelbar an Technik und Interessen der Gegen⸗
wart heranreicht. Konnte nun vor allem sie in der früh—
romantischen Kunst bewahrt oder gar etwa überschritten werden?
Man weiß, wie die jungen Romantiker vor allem Wilhelm
Meister geschätzt haben; sein Erscheinen galt ihnen als eins
der großen Ereignisse der Zeit. Und gewiß haben sie an diesem
Muster gehangen; wie oft sind Situationen und Charaktere
des Romans von ihnen variiert worden: das Bildungsmoment;
der ziellose untätige Held; Frauencharaktere in der Weise
Mignons und Philinens; eigenartige Situationen nächtlicher
Besuche; lyrische Einlagen?.

Athenaeum J, 2, S. 38.
2 Bgl. dazu die Geschichte des Romans in der Spätromantik, unten
Kapitel 2 Abschnitt III.
        <pb n="81" />
        Die Frühromantik.

74

Allein schon das Vorbild eben Wilhelm Meisters war be—
denklich; unter den großen Romanen Goethes ist er der am
mindesten sicher durchkomponierte; fast zerfällt er in Szenen.
Und wenn man dann nur wenigstens in der Szenenbildung
bei der Anschaulichkeit Goethescher Kunst verharrt hätte! Muß
nach unserer Kenntnis der zentralen Erscheinungen frühroman—
tischen Seelenlebens noch gesagt werden, daß dies völlig un—
möglich war? Selbst in der Szenenbildung herrschte unbedingt
statt der objektiven Anforderung der Erzählung der Subjekti—
vismus des Autors, sahen sich Einfall und Aphorismus im
bittern Widersinn zu ihrer Bedeutung zum Stilprinzip erhoben.
„Wenn die Novelle in jedem Punkte ihres Seins und Werdens
neu und frappant sein muß, so sollte vielleicht das poetische
Märchen und vorzüglich die Romanze unendlich bizarr sein;
denn sie will nicht bloß die Phantasie interessieren, sondern
auch den Geist bezaubern und das Gemüt reizen; und das
Wesen des Bizarren scheint eben in gewissen willkürlichen und
seltsamen Verknüpfungen und Verwechslungen des Denkens,
Dichtens und Handelns zu bestehen. Es giebt eine Bizarrerie
der Begeisterung, die sich mit der höchsten Bildung und Freiheit
berträgt und das Tragische nicht bloß verstärkt, sondern ver⸗
schönert und gleichsam vergöttlicht, wie in Goethes Braut von
Korinth, die Epoche in der Geschichte der Poesie macht. Das
Rührende darin ist zerreißend und doch verführerisch lockend.
Einige Stellen könnte man fast burlesk nennen, und eben in
diesen erscheint das Schreckliche zernalmend groß.“ In der
Tat glaubte man, mit solchen Ingredienzien die saubere Szenen—
folge eines Romans, zum mindesten aber die saubere Einzel⸗
szene schaffen zu können. Man bemerkte dabei wohl den Ab⸗
grund, der von dem einfachen Realismus der Erzählung
trennte: aber man tröstete sich: „aus dem romantischen Ge—
sichtspunkt haben auch die Abarten der Poesie, selbst die er⸗
zentrischen und monströsen, ihren Wert als Materialien und
Vorübungen der Universalität, wenn nur irgend etwas darin
ist, wenn sie nur original sind.“
So kann natürlich der frühromantische Roman gar nicht
        <pb n="82" />
        72

Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

mit dem gewöhnlichen Maßstabe der Erzählung gemessen
werden, geschweige denn, daß die Frage aufdeworfen werden
darf, inwiefern durch ihn die Form der Erzählung gefördert
worden sei. Gewiß schwelgen die Romane dieser Zeit in Farben
und Tönen; das eigentlich Malerische des deutschen Stils, eine
außerordentliche Wesensseite unserer modernen Sprache, wird
vor allem in ihnen entdeckt; und das Ungewöhnliche ins—
besondere, das Schaurige, das Gespensterhafte wirkt mit
einem ganz unerhörten Reichtum von Schattierungen. Allein
daß in ihnen erzählt würde, kann nur mit Einschränkung be—
hauptet werden, und Anschauungskraft und Gedächtnis finden
zu ihnen kaum ein Verhältnis. Denn es handelt sich da der
Hauptsache nach gar nicht um Schilderungen in Anknüpfung
an eine gegebene Welt, sondern um Phantasmagorien aus
einem höheren Dasein, aus der transzendenten Welt des Ichs:
und darum blühen auf diesen Gründen nicht Schilderung
und Bericht, sondern Allegorie, Symbolismus und Mystik.
Und auch da, wo die Welt notwendig gemalt werden muß,
wird sie nicht nach dem Lebenden skizziert, sondern „ver⸗
klärt“ dargestellt, wird sie zum „Wunder“. Da findet sich
denn in Novalis' Heinrich von Ofterdingen, dem Musterstück
der Gattung, kaum die Andeutung einer Charakterschilderung,
ja kaum grundsätzlich die Schilderung von Personen überhaupt;
Kaufleute, die Heinrich begleiten, sprechen bezeichnenderweise
nur im Chor! Und dementsprechend fehlt mit mangelnden
Motivenreihen auch der innere kausale Zusammenhang der
Ereignisse, und so zerflattert die Komposition: keine Spur
davon, daß sie geschlossen einem bestimmten Ende zudrängte.
Diese Art einer angeblichen Form aber ist für alle Romane
der Zeit charakteristisch; charakteristisch also auch, daß nur
wenige von ihnen vollendet wurden.
Es sind eingeborene Züge der erzählenden Dichtung;
immer kehren sie wieder; sogar auf eine jüngere Generation,
z. B. De la Motte Fouqus sind sie noch vererbt: denn auch
er noch wirft tausend Stoffe in Romanen ohne Zeit und Ort
durcheinander; auch bei ihm noch findet sich keinerlei Spur
        <pb n="83" />
        Die Frühromantik.

73

klarer Charakteristik; und eine Schilderung der Außenwelt
dominiert, welche die Natur nur in ihren gröbsten Zügen als
Behausung von menschlichen und übermenschlichen Geistern zu
kennen scheint.
So war denn die Erzählung der Frühromantik eigentlich
etwas auf mystischem Hintergrunde Subjektiv-Lyrisches: und
hieraus wäre zu schließen, daß die dichterische Phantasie der
Zeit in der Lyrik gipfeln mußte. Diese Annahme wird nun
auch durch die Beobachtung bestätigt; auf keinem Gebiete hat
die Dichtung der Frühromantik dauerndere Werte geschaffen
wie auf dem lyrischen. Aber freilich bleibt auch hier die
Grundlage des Empfindens die selbe, mystische.

Das Ziel des Strebens ist ein mystisch Bild
Von sinnlich-geist'ger Harmonie gestellt.
Die Sehnsucht wird durch Sehnen noch gestillt:
Als Ort des Sehnens lieben wir die Welt.
So auch mit Sehnsuchtsdüften überhüllt
Die neue Kunst dem Menschen wohlgefällt.
Hellenisch Leben, du bist uns verloren,
Drum haben das romantische wir erkoren.

Es sind etwas ungefüge Verse Mniochs; sie sollen aber
hier gleichwohl angeführt sein, weil sie mehr als tausend andere
in die seelischen Voraussetzungen der frühromantischen Lyrik
einführen. Da lernen wir sie kennen, die Mystik in ihrem
ewig unerfüllten Suchen nach Ineinssetzung mit den Dingen
in realistisch-idealistischer Ausgleichung: in jener Sehnsucht,
der Sehnsucht schließlich selbst Gehalt und damit Selbst—
zweck wird.

Die Welt ist eine Lilie, eine blaue,
Ein Inbegriff geheimnisvoller Dinge ....
An dieser Lilie weitem Wunderbaue
Hängt schwebend mit der sehnsuchtmüden Schwinge
Des Menschen Geist, gleich einem Schmetterlinge,
Und lechzet durstig nach des Kelches Taue.
(Rückert.)

Freilich: läßt sich dieser Zustand mystischen Sehnens, auf
die Dauer ein unerträgliches Dasein nervöser Spannung,
        <pb n="84" />
        7—

Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
durch auch nur eine Generation erhalten? Schon Brentano
seufzt:

Ach, wo ist Bleibens auf der Welt,
Ein redlich, ein gefriedet Feld,
Ein Blick, der hin und her nicht schweift.
Und Dies und Das und Nichts ergreift,
Der Geist, der sammelt und erbaut —
Ach, wo ist meiner Sehnsucht Braut?

Solange aber die mystische Sehnsucht fortwährte, so
lange hat auch die sonderbare Blüte eigenartiger lyrischer
Formen weitergeduftet, die eben dieser Sehnsucht gerecht wurde.
Da stellte sich denn vor allem eine Verschärfung der Sinne
für die leisen, gleichsam mystischen Bewegungen der Dinge ein,
in der allmählich Farbenerscheinungen in Tonempfindungen,
Tonempfindungen in Geschmäcke übergingen: kurz eine Aus—
gleichung aller Reize auf eine Art gemeinsamen mystischen
Nenners eintrat. So wurde die Poesie „Musik für das innere
Ohr und Malerei für das innere Auge; aber gedämpfte Musik,
aber verschwebende Malerei“, und zu den Zeiten etwa, da
sich, in einem fortgeschrittenen Stadium dieser Entwicklung,
der Kapellmeister Kreisler von Hoffmanns Erfindung auf ein
Kleid in Cis-Moll einen Kragen aus E-Dur aufsetzen ließ,
konnte De la Motte Fouqué entzückt die Vermischung aller
Sinnesreize zu dem Eindrucke eines Gesamtkunstwerks besingen:
Linde säuseln kühle Lüfte,
Und im süßen Himmelsglanze
Bilden spielend sich zum Kranze
Toöne. Worte, Farb' und Düfte.

Mit den Formen phantasievoller Perzeption verschoben sich
aber auch deren Gehalte. Jetzt wurde der heitere Lenz Anlaß
zu melancholischer Stimmung, und die braunen Töne des
Herbstes ermutigten zu freudigem Eingehen in die Lust der
Winterszeit. Jetzt galt das Ideal des kräftigen Mannes nicht
mehr; Bildsamkeit, Weichheit, Fähigkeit anbetender Liebe der
Jugend wurden gerühmt, und an der Milde des Greisenalters
haftete der bewundernde Blick. Ja selbst das Verhältnis der
        <pb n="85" />
        Die Frühromantik.

75

Geschlechter verschob sich. Wie die Zahl der dichtenden Frauen,
zum ersten Male in unserer literarischen Entwicklung, beträcht⸗
licher stieg, so erschien das Weib als der Schoß schöpferischer
Fruchtbarkeit und als der Träger uralter Weisheit, und der
Mann als der Barbar bloßen Schutzes. Im letzten und aller⸗
letzten aber gipfelte diese Umwertung aller Werte im Kulte
der Mystik. Da tauchte die Verehrung der alten transzen—
dierenden Meister auf von Tauler und Meister Eckhart über
Thomas von Kempen bis Jakob Boehme, dem Gottseligen des
Protestantismus:

Wer möchte nicht erwerben
So hohen Meisterthron?
Wer nicht aus Liebe sterben,
Wenn das des Todes Lohn?
Max von Schenkendorf.)

Und noch einmal wieder rückwärts wirkte diese Empfind—
samkeit für bisher ungekannte Werte. Die Formen der Dichtung
selbst wurden jetzt sonderbar: prunkend, schmuckbeladen, sinn⸗
lich-musikalisch, auswärtigen Literaturen entnommen, Sonett,
Oktave: bis es scheinen konnte, als müsse unter ihrer barocken
Märchenpracht jeglicher Inhalt zusammenbrechen.
Es ist die Höhe der Entwicklung, die Poesie der Schlegel,
Tiecks, auch noch von Novalis. Aber sie war vorbereitet durch
einen leisen Anstieg, zum Zeichen des, daß sie organisch war.
Während sich die volle Ausbildung an das preziöse Berlin mit
seinen literarischen Zirkeln und an Thüringen knüpfte, das
Land so vieler Reize uralten Sanges, fielen die vorbereitenden
Zeiten nach Schwaben: in das Gebiet, in dem sich die Ro—
mantik, ohne vieles Dazwischentreten des Klassizismus, rein aus
Empfindsamkeit und Sturm und Drang heraus gestaltet hat.
Aber vorher führte Friedrich Matthisson, schon in den
achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts, den Reigen und glänzte,
noch an Klopstock und Ossian erinnernd, als gefühlvoller Dichter
der Landschaft. Dann folgte ihm, als bedeutendster einer
ganzen Gruppe, der unglückliche Hölderlin. Voll Ahnungen
bereits der Mystik eines Schelling ja Hegel, in seinem Hyperion
        <pb n="86" />
        76 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

selbst dem Denken Nietzsches schon verwandt, eine zarte Mimosen⸗
natur, verband er, nicht ohne Gegensatz zu Goethe, noch klassi⸗
zistische Neigungen im Sinne Schillers mit vorzeitigen Emp⸗
findungen der Frühromantik; und in herrlichen Strophen,
mit einer jeglichen Ausdrucks fähigen Sprache hat er heid⸗
nische Frömmigkeit christlichen Anschauungen, hellenische Natur—
auffassung deutschem Landschaftsgefühl vermählt:

Wenn, umdämmert von der Weide,
Wo der Bach vorüber rinnt,
Tief bewegt von Leid und Freude,
Meine Seele träumt und sinnt;
Wenn im Haine Geister säuseln,
Wenn im Mondenscheine sich
Kaum die stillen Teiche kräuseln
Schau' ich oft und grüße Dich.

In die eigentlichen Hallen der Frühromantik aber führt
doch erst Friedrich von Hardenberg (Novalis). Denn ihn zuerst
charakterisiert ganz jenes Vorherrschen der Phantasie und des
Gemütes über die Analyse und den Verstand, das selbst die
Kritik gemütsreich gestaltet: keine Spur mehr der poetischen
Empirie des Klassizismus, der Reflexion, der Naivität im
Sinne Goethes und Schillers: die Deduktion siegt, es siegt
das Herz und die volle, die sentimentale Empfindung. Und
aus alledem heraus tritt dann eine selbsterträumte und selbst⸗
erahndete Welt, das dichterische Gegenstück des Fichteschen
philosophischen Gedankens. Zur Erscheinung gelangt damit,
was der alternde Goethe eine Poesie ohne Tropen genannt
hat: denn der Dichter gibt nur sich, und seine Dichtung ist
nichts denn das Bild seiner Seele.
Dabei erscheint diese Poesie, wie sie bei Novalis zuerst empor⸗
quillt, aber doch typisch ist für die Mehrzahl der Dichter, von
einer tiefen Melancholie erfüllt: denn sie ist der Ausdruck des
Unerreicht⸗Unerreichbaren, der Bronn tiefen Sehnens nach
einem Unbewußten, Unsäglichen, Jenseits-Fremden. Novalis
insbesondere aber bezaubert, weil bei ihm dies Sehnen noch
einfache, ungekünstelte, aus den Grundanlagen seiner Seele
        <pb n="87" />
        Die Frühromantik. 77

ohne jede Zwischenleitung erfließende Formen annimmt. Was
ihn erfüllt, sind die einfachsten Empfindungen der Romantik,
gewiß an sich Mischgefühle, doch von vollem harmonischem Ton:
die frühe Todessehnsucht des Brustkranken, die Trauer um eine
in den Jugendjahren dahingegangene Geliebte, zu der ihn der
Wunsch innigster Vereinigung im Jenseits treibt: der Kultus
der Nacht, des Todes, der Toten. Mit welch einfacher Ge⸗
walt weiß er sich in die Gefilde dieser Toten zu versetzen und
verleiht er den Abgeschiedenen Sprache:
Süßer Reiz der Mitternächte,
Stiller Kreis geheimer Mächte.
Wollust rätselhafter Spiele,
Wir nur kennen euch ....
Zauber der Erinnerungen,
Heil'ger Wehmut süße Schauer,
Haben innig uns durchdrungen,
Kühlen unsre Glut.
Wunden gibt's, die ewig schmerzen:
Eine göttlich tiefe Trauer
Wohnt in unser aller Herzen,
Löst uns auf in Eine Flut.
Und in dieser Flut ergießen
Wir uns auf geheime Weise
In den Ozean des Lebens,
Tief in Gott hinein;
Und aus seinem Herzen fließen
Wir zurück in unsre Kreise,
Und der Geist des höchsten Strebens
Taucht in unsre Wirbel ein.
Welch Zug tiefster Mystik spricht zudem aus diesen Versen!
Dunkle monistische Triebe, als deren Kern und Umhüllung
bald christologische, bald pantheistische Gefühle emportauchen,
vage Phantasien des Jenseitigen, in der Körperliches und
Körperloses wechselreich durcheinanderflutet: sie dringen un—
aufhaltsam empor. In seinen schönsten Gedichten aber und
seinen besten Stunden verklärt sie der Dichter und klärt sie zu⸗
gleich ab zum christlich-geistlichen Lied, zum Ausdrucke reinsten
Schauens und milden persönlichen Ergriffenseins von biblischer
Offenbarung:
        <pb n="88" />
        78 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Fern im Osten wird es helle,
Braue Zeiten werden jung;
Aus der lichten Farbenquelle
Einen langen, tiefen Trunk!
Aller Sehnsucht heilige Gewährung,
Süße Lieb' in göttlicher Verklärung!

Und nun fallen die schweren Tropen, fällt die Wucht
einer edelsteinüberladenen Poesie: und rein von aller Schlacke,
Kinder Gottes, treten Vers und Inhalt daher:
Ich sehe dich in tausend Bildern,
Maria, lieblich ausgedrückt;
Doch keins von allen kann dich schildern,
Wie meine Seele dich erblickt.

Ich weiß nur, daß der Welt Getümmel
Seitdem mir wie ein Traum verweht,
Und ein unnennbar süßer Himmel
Mir ewig im Gemüte steht.

Die Reinheit Hardenbergs wirkt wie die Symbolik jung⸗
fräulicher Keuschheit in unseren Märchen: lilienhaft, eine
Wunderblume, wurde sie nur einmal der Welt geschenkt. Alle
anderen Dichter der Frühromantik stehen ihr gegenüber in der
Reihe; sie werden von literarischen Interessen bewegt; sie ge—
hören dem Diesseits; und so hoch sie steigen mögen in Form
und Gehalt: man vergißt nie ihre persönliche Fühlung mit
Philosophie und Konfession, mit Fichte, Schelling, Schleier⸗
macher, man vergißt nicht ihren Zusammenhang untereinander,
und Friedrich Schlegel mit seinem Bruder August Wilhelm
wie mit Ludwig Tieck erscheinen als Häupter einer Schule wie
als Angehörige eines bestimmten sozialen Kreises.
Dabei werden die höheren dichterischen Interessen wohl
am besten durch den Gegensatz von Friedrich Schlegel und
Tieck umschrieben. Steigt man dabei auf die Höhen und sieht
von allem sehr Menschlichen ab, namentlich allem Sexuellen
und Liebesleidenschaftlichen, das sich oft wunderlich genug
zwischen Romeo und Julia und Mater dolorosa bewegt, so
fordern die besten Gedichte Schlegels das höchste Urteil heraus.
        <pb n="89" />
        Die Frühromantik.

79

Denn ein tiefes Gemüt bricht aus ihnen, wenn auch nicht in
immer völlig klarer Gestaltung des Gedankens, so doch mit
dem Pathos einer hohen Poesie hervor; und dem halb Ele—
gischen, Resignierten vermählt sich eine Feierlichkeit der Form
und eine Kraft der Sprache, der kaum ein Triumph ver—⸗
sagt ist.

Wie nächtlich ungestüm die Wellen wogen,
Bald schwellend liebevoll zum Sternenkranze,
Bald sinkend zu der Tiefe hingezogen,
Sehnsüchtig flutend in dem Wechseltanze,
Bis Morgenrot emporscheint aus den Wogen,
Noch feucht in blumenlichtem Tränenglanze:
So steigen hier der Dichtkunst hohe Strahlen
Aus tiefer Sehnsucht Meer und Wonnequalen.

Freilich, diese Höhe wird nicht immer erreicht; und mit
der Unrast der inneren Empfindung, die sich nur selten im
Strophenbau weit ausgezogener Kantilenen und damit in
philosophischer Durchbildung ergeht, stellt sich auch ein sicht⸗
—D0

Wenn ich still die Augen lenke
Auf die abendliche Stille
Und nur denke, daß ich denke,
Will nicht ruhen mir der Wille,
Bis ich sie in Ruhe senke.

Und so sind es im Grunde doch nur wenige Edelsteine,
die den Grund des poetischen Quells bei Schlegel bedecken,
wenn sich auch selbst auf das Mittelmäßige noch Goethes
Spruch beziehen läßt, daß das Manierierte ein subjektiviertes
Ideelles sei, und ihm so das Geistreiche nicht leicht fehle.
Tieck jedenfalls bezeichnet gegenüber Friedrich Schlegel einen
entschiedenen Rückgang. Gewiß denkt auch ihm Liebe in süßen
Tönen, denn Gedanken stehn zu fern; aber das tiefe träume—
rische Sehnen der Großen der Frühromantik weicht bei ihm
nur zu häufig gemachter Empfindung; das Pathos wird hohl,
unplastisch, stammelnd: und der schlimmste Feind alles Hohen
dieser Frühzeit erscheint, das Triviale.
        <pb n="90" />
        30 vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Verworrenes Leben,
Was ist dir gegeben? —
Erinnern und Hoffen
Zur Qual und zur Lust —
Ach! ihnen bleibt offen
Die zitternde Brust.

Da erscheinen denn noch die einfachen, goldumränderten
und durch stille Versenkung geadelten Naturschilderungen, die
sich nicht selten bei Tieck finden, als Perlen: es ist wie ein
letzter verglimmender, verglommener Abglanz der frühen Ro—
mantik:

Seht die Wasser, wie sie gleiten,
Und sich in der Flut die Bäume
Still beschauen; goldne Träume
Seh' ich durch die Wolken schreiten.

Bis zum Schlusse aber bleibt der Periode der Hang zur
Selbstbeschauung und die Verdichtung des inneren Erlebnisses
zum Vers nicht ohne Bespiegelung. Es ist bereits eine Poesie
der Mischgefühlen; es sind schon die Anfänge zu jener Trennung
des Subjekts in ein leidendes und zugleich beobachtendes, die
nachmals in der Romantik der zweiten Periode des Subjekti⸗
vismus so stark hervorgetreten ist: doch geben sie sich freilich
noch halb naiv, verschleiert, in den schüchtern-urbanen Formen
gleichsam einer noch vorsichtig tastenden neuen Welt.

1 Zur Scholastik der Mischgefühle vgl. noch die charakteristische Stelle
Athenaeum J1, 2, S. 14: Naiv ist, was bis zur Ironie oder bis zum
steten Wechsel von Selbstschöpfung und Selbstvernichtung natürlich, in⸗
dividuell oder klassisch ist oder scheint. Ist es bloß Instinkt, so ist's kind⸗
lich, tindisch oder albern; ist's bloß Absicht, so entsteht Affektation. Das
schöne, poetische, idealische Naive muß zugleich Absicht und Instinkt sein.
Das Wesen der Absicht in diesem Sinne ist die Freiheit. Bewußtsein ist
noch bei weitem nicht Absicht. Es gibt ein gewisses verliebtes Anschauen
eigener Natürlichkeit oder Albernheit, das selbst unsäglich albern ist. Absicht
erfordert nicht gerade einen tiefen Kalkul oder Plan. Auch das homerische
Naive ist nicht bloß Instinkt: es ist wenigstens so viel Absicht darin, wie
in der Anmut lieblicher Kinder oder unschuldiger Mädchen. Wenn er auch
keine Absichten hatte, so hatte doch seine Poesie und die eigentliche Ver—
fasserin derselben, die Natur, Absicht.
        <pb n="91" />
        Die Frühromantik.

81

Und wie man diese Poesie mit ihrer an und fur sich
nicht überstarken Produktion auch ansehen möge: nach der
Dichtung des Klassizismus bleibt sie doch eine Poesie der
Talente, und ihr pathetischer Mittelpunkt, ihr innerster Lebens⸗
kern, liegt nicht mehr in ihr allein oder auch nur vor—
nehmlich in ihr, sondern in mystischen Gefühlen, deren voll—
endetster Ausdruck immerhin schon in spekulativem Denken ge—
wonnen war. So bleibt denn dieser Poesie selbst in ihrer
höchsten Erscheinung, der Lyrik, etwas vom Charakter des Ab⸗
geleiteten; und ihr Licht erlischt mit der Verdunkelung der
Zentralsonne, der Mystik der Lebenshaltung und des Denkens.
Freilich war neben ihr her auch noch eine andere romantische
Poesie gegangen, eine exoterische gleichsam und objektive, die
Poesie des romantischen Zaubers früherer Zeiten und entfernterer
Orte. Sie ist zunächst nicht eigentlich romantisch in dem Be—
tracht, daß sie erst mit der romantischen Periode aufgekommen
wäre; sie ist die einfache Folge jenes entwickelten Sinnes für
Geschichte und jener Erbreiterung des räumlichen Horizonts,
die mit der Entwicklung des Subjektivismus überhaupt ein⸗
traten; und nur die enthusiastische Form ihrer Anfangs-⸗
erscheinungen vermählt sie früh der Romantik. Und so er—
breitert sich allerdings der Balladenstrom seit Bürger beträchtlich;
die Romantik der Ritter, Räuber und Schmuggler tritt auf,
und um 1800 erklingt Vulpius' furchtbares Lied von des
Waldes tiefsten Gründen:
Rinaldini! lieber Räuber!
Raubst den Weibern Herz und Ruh.
Ach, wie schrecklich in dem Kampfe,
Wie verliebt im Schloß bist du!
Neben das geschichtliche Archaische aber hatte sich das
Volkstümlich-Alte gesetzt, und mit wahrer Virtuosität hatte
es schon Maler Müller nachzuahmen verstanden:
Auf dem Bachstrom hängen Weiden;
In den Tälern liegt der Schnee.
Trautes Kind, daß ich muß scheiden,
Muß nun unfre Heimat meiden,
Tief im Herzen tut mir's weh.
Lamprecht, Deutsche Geschichte. X.
        <pb n="92" />
        32 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Es waren Richtungen, die, sich gern vermählend, zwar
noch vielfach dem Objektiv⸗Träumerischen angehörten: wie oft
ist in dieser Poesie nicht Höltys Vers variiert worden „Ich
weiß eine Mär aus verklungener Zeit; es liebte der Sänger die
Königsmaid“! Und so war dies Dichten insoweit auch der
Romaͤntik verwandt; und mit heller Lust hat daher erst diese
ganz ihren reichen Strom entfesselt:

Das sind die alten Klänge,
Helden- und Klagesänge
Aus ferner Riesenzeit.
Dem Liede muß gelingen,
Sie wieder uns zu bringen,
Der Retter ist nicht weit

Friedrich Schlegel.)

Im ganzen aber bedeuteten sie doch schon einen stärkeren,
wenn auch noch unabgeklärten historischen und geographischen
Realismus: und so sind sie weit mehr Vorboten der Zunahme
des Realistischen in der Romantik und damit des Eintritts
ihrer Spätzeit, ja wohl gar schon der Dichtung des Realismus
selbst gewesen, als daß sie als Kronzeugen über das Wesen
der Frühromantik befragt zu werden verdienten.

IV.

Überblicken wir jetzt die Entwicklung der frühromantischen
Dichtung, so zeigt sich, daß im Grunde zwei Strömungen in
ihr nebeneinander verlaufen: die eine davon ist wesentlich
national und insofern zeitlich auf die deutsche Vergangenheit
begrenzt und räumlich geneigt sich in dem Charakteristischen
der einzelnen deutschen Landschaften auszuwirken; sie hat in
starken Anfängen schon in den früheren Perioden des Sub⸗
jektivismus bestanden und tritt nun nur vollendeter hervor: —
die andere ist wesentlich universal, geht auf Raum und Zeit
in der Welt, hält Fühlung mit allem Großen, das diese Erde
sah, und vor allem mit dem Universalsten der Vergangen—
heit und Gegenwart, dem Christentum, und ist durchaus und
        <pb n="93" />
        Die Frühromantik.

83

beinahe in jedem Betracht eine besonders frühromantische
Schöpfung.
Muß nun noch betont werden, daß diese beiden Strömungen
Reflexe sind der fortschreitenden Bildung der Persönlichkeit
innerhalb des Subjektivismus? Empfindsamkeit und Sturm
und Drang durchwebten alle zeitlichen und räumlichen Weiten
des Nationalen; von daher haben sie auch schon Anfänge einer
neuen Vaterlandsliebe und eines neuen Staatsideals ent—
wickelt!: die Persönlichkeiten ihrer Zeit gingen in diesen An—
fängen auf, um sich, so verschieden sie sonst sein mochten, in
diesem Bereiche zu treffen: es ist die Periode der Klopstock
Möser, Pestalozzi. Allein nun hatte sich, mit der höchsten
Vollendung des Subjektivismus in seiner ersten Periode, eine
neue Erweiterung und Vertiefung zugleich des Gemeinschafts—
sinnes eingestellt: nicht mehr bloß in enthusiastischer Vater—
landsliebe, auch in mystischem Universalismus, ja in ihm vor—
nehmlich ergaben sich die neuen Seelen dem Ganzen der Erde
und der Welt; kosmische Stimmungen zogen herauf, mit dem
Weltall identifizierte sich eine allumfassende Symbolik, um es
zu beherrschen und sich zugleich daran zu verlieren; und
eine Rettung schon bedeutete es, wenn der einzelne aus diesen
unermeßbaren Weiten heimkehrte in das universalste Vaterhaus
dieser Welt, das Haus des Christenhimmels mit seinen mancherlei
Wohnungen.
Dabei verstand sich, daß der neue, zunächst mystische, dann
auch christliche Universalismus den älteren nationalen Historis—
mus und bald auch Regionalismus sehr wohl in sich auf—
nehmen konnte: dieser wurde zu einem Teil von ihm — blieb
freilich auch zunächst eben ein Teil —; und mit herzlicher
Freude konnte darum Friedrich Schlegel, der Herold und
Vorkämpfer der Frühromantik, die Sänger der Vorzeit be—
grüßen.
Allein das hat keineswegs zur Folge gehabt, daß beide
Strömungen nun nicht noch lange, ja im Grunde auf immer

Vgl. Band IX S. 21 ff.
        <pb n="94" />
        Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

voneinander zu unterscheiden gewesen wären. Die erste,
nationale, ist subjektivistisch überhaupt: sie hat als solche un—
geheure Wirkungen gehabt; denn sie ist ein wesentliches Cha—
rakteristikum der subjektivistischen Persönlichkeit bis auf die
Gegenwart geblieben: auf ihr beruhen u. a. die politischen
Einheitsbestrebungen des 19. Jahrhunderts. Die zweite da—
gegen ist zunächst wenigstens spezifisch frühromantisch; und in—
sofern ist sie das tiefste Charakteristikum eben nur dieser Zeit.
Aber da mit ihr zugleich der allgemeine Höhepunkt der seelischen
Entwicklung der ersten subjektivistischen Periode überhaupt er⸗
reicht wurde, denn über ihre extremen Erscheinungen ist nichts
Spateres hinausgegangen, so war klar, daß auch ihre Wirkung
nicht in ihrer Entstehungsperiode allein beschlossen war; vielmehr
hat sie fortgewährt bis zum Schlusse der ersten subjektivistischen
Periode, ja teilweise darüber hinaus bis auf heute. Und es
wird nicht eine der geringsten Aufgaben unserer Erzählung
sein müssen, diese Wirkung ihrem ganzen Umfange nach immer
wieder aufzudecken und zu verfolgen.
Freilich erscheinen dabei die Anfänge dieses Einflusses,
soweit wir sie bisher kennen, an der Geschichte der früh⸗
romantischen Dichtung gemessen, nicht eben sehr versprechend.
Gewiß: auf dem weiten Felde der Genesis von Weltanschau—
ungen hatte sich der mystische Subjektivismus bewährt: wo
ist je ein einheitlicheres System des philosophischen Subjekti—
vismus entstanden, als das Fichtes, wo ein vergeistigteres
System eines kosmischen Monismus, als das Schellings?
Allein in der Dichtung hatte das neue Seelenleben gegenüber
allen objektiveren Formen zunächst versagt, so gegenüber dem
Drama und selbst gegenüber der Erzählung; auf diesem Ge⸗—
biete kamen nur Erzeugnisse höchst preziöser Natur zutage,
in denen das Wesen subjektiver Willkür, vielleicht geistreich,
sicherlich wahllos zu walten schien; und nur in der Lyrik er—
gaben sich neue Töne von unbedingter Bedeutung. Zunächst
wurde hier freilich auch nur die schon bestehende Lyrik des
nationalen Historismus und Regionalismus, die Ballade, das
Volks- und das Gesellschaftslied, die landschaftlich symbolisierte
        <pb n="95" />
        Die Frühromantik.

85

und motivierte Liederlyrik, angeregt und auf eine höhere Stufe
gehoben: es entstand etwas, das man am besten, da in ihm
die frühromantische Strömung als in einem halbfremden
Körper nur reflektierte, als objektive Romantik bezeichnen kann;
und wir werden sehen, wie diese Strömung immer und immer
stärker verlief, indem sie sich zusehends mit gegenständlicherem
Leben füllte: bis aus ihr die Poesie vor allem schon der
Spätromantik, darauf aber auch zum Teil noch des Realismus
hervorbrach. Aber daneben stand nun doch, auch sie noch zu—
nächst beherrschend, die eigentliche, die hohe Lyrik der Früh—
romantik. Sie war symbolisch, mystisch; ganz brachte sie den
neuen seelischen Gehalt des extremen Subjektivismus zum
Ausdruck. Und so darf man denn sagen, daß sich der mystische
Kern des frühromantischen Seelenlebens nächst der spekulativen
Philosophie am unbedingtesten eben doch in dieser höchst eigen—
artigen Lyrik ausgewirkt hat.
Ist nun unter diesen Umstäuden zu erwarten, daß
die bildende Kunst der Zeit, dieser noch viel anschaulichere
Kreis menschlicher Phantasietätigkeit, analoge Grenzen erfüllt
habe oder gar über sie hinaus gelangt sei? Konnten denn
etwa Bildnerei und Baukunst den hier auftretenden innersten
Tendenzen irgendwie gerecht werden? Die Plastik — schon
das Wort besagt in diesem Zusammenhange alles — versagte
natürlich ganz; sogar die objektive Romantik hat späterhin
kaum eine originale Bildnerei entwickelt. In der Architektur
aber hätte sich wohl in der Form mystisch-mathematischer Raum—
und Verhältnisspielereien ein Äquivalent für den spekulativen
Mystizismus finden lassen. Allein diese Art der Verobjektivierung
ist einer Zeit hochentwickelter Naturwissenschaften nicht mehr
zugänglich und, wo sie als voll entfaltete Erscheinung vor—
kommt, ein wohl ganz unbedingtes Kennzeichen junger Kulturen.
So blieb die Malerei. Und sie allerdings noch am meisten
konnte Veziehungen zu den inneren Strömungen der Früh—
romantik entwickeln: steht sie doch von allen bildenden Kunsten
der Dichtung, und insbesondere der Lyrik, am nächsten, und
ist sie doch zudem auch noch aus kulturgeschichtlichen Gründen,
        <pb n="96" />
        86 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

die schon früher entwickelt worden sind, in den Zeitaltern
einer höheren Kultur recht eigentlich die geschichtlich-reprä—
sentative Formauswirkung der bildenden Phantasie überhaupt.
In der Tat hat die Zeit der Frühromantik eine mystisch—
symbolistische Malerei zu entwickeln gesucht. Wir haben da
schon von dem Universalkünstler Philipp Otto Runge gehört?:
er hat in Ol und Fresko gemalt; er kannte und beherrschte
zum Teil auch die künstlerischen Reproduktionsarten seiner Zeit;
er war ein Meister im Silhouettenschneiden; er schuf eine neue
Ornamentik oder wandte sie wenigstens glänzend an, falls
Eugen Neureuther ihr Erfinder gewesen sein sollte; er war
kunstgewerblich tätig: was Wunder, daß er auch komponierte
und schriftstellerte; im Jahre 1842 hat sein Bruder seine
„Hinterlassenen Schriften“ herausgegeben. Runge hat nun,
namentlich während seines Aufenthaltes in Dresden, auch eine
romantische Zeit gehabt, wie denn er mit Tieck und Wilhelm
Grimm in Verkehr stand. Und da ist er in der Tat zu einer
merkwürdigen, tiefer ästhetischer und optisch⸗physiologischer Be⸗
merkungen vollen Farbensymbolik fortgeschritten und hat deren
Prinzipien auch eine Zeitlang in seiner Malerei zur Anwendung
gebracht. Es war zur selben Zeit, da er auch die neue Orna⸗
mentik, eine stilistisch hochstehende Reduktion der realistischen
Umrisse vor allem der den Romantikern teuren Pflanzen, Lilien,
Aurikeln, Maßliebchen, pflegte: und in seiner Konzeption der
vier Tageszeiten wie in einem Bildnis seiner Braut mit syin⸗
bolischer Umrahmung kamen all diese Momente zu entzücken—
dem Ausdruck. Dabei stand Runge mit seinen Bestrebungen
keineswegs allein; in Dresden z. B. wirkte in verwandter
Richtung auch noch der Landschafter Kaspar David Friedrich,
ein impressionistischer Symbolist, der mit der modernen Kon—
zeption des Landschaftlichen schon den Gedanken verband, in
dessen Darstellung auf Befriedigung des persönlichen Seelen—
lebens, vor allem natürlich einer tiefsten Stimmung, auszugehen.

S. z. B. Band VII S. 216.
S. Band VIII, 2, S. 607 ff.
        <pb n="97" />
        Die Frühromantik.

87

Indes im ganzen blieben das doch vereinzelte Versuche.
Zu stark war die Kluft, die sich zwischen dem Mystizismus der
Philosophen sowie der dichterischen Denker und der Anschaulich—
keit der Malerei auftat, als daß sie so auf eins hätte über⸗
brückt werden können. Und wurde das nicht eben von den
Philosophen, den Hohepriestern zunächst der verfeinertsten
Romantik, selbst empfunden? Schelling hat in seiner Rede
„Über das Verhältnis der bildenden Künste zur Natur“ von
dem Künstler nur erwartet, daß er das Ganze im Auge habe
und das Einzelne danach entwerfe und ausführe: mithin von
der Natur des Einzelnen nur das behalte, was es auf das
Ganze bezieht. Gewiß war das eine an sich deutliche Vor—
schrift. Dennoch: welcher Maler hätte imstande sein sollen,
augenblicks und selbst höchst überlegter Weise nach ihr zu
schaffen? Da war es denn gut, daß schon beizeiten die litera⸗
rische Romantik selbst deutlichere Winke gegeben hatte: ja
bereits jetzt begannen Kunsttheorien, die von der Spekulation
und Poesie in die Werkstatt der Künstler verliefen, eine führende
Rolle zu spielen. Ein Jahr, bevor der Klassizist Carstens ge—
storben war, 1797, waren Wackenroders „Herzensergießungen
eines kunstliebenden Klosterbruders“ erschienen, und hatten,
zum Teil wiederum auf Grund von Betrachtungen in der
Dresdener Galerie, wie einst Winckelmann von Dresden aus⸗
gegangen war, gelehrt, daß nur „aus den zusammenfließenden
Strömen von Kunst und Religion sich der schönste Lebensstrom
ergieße“. Man sieht: es war eine, übrigens bald noch voll—
kommener entwickelte Parallele zu der teilweise schon in der
Poesie gefundenen Lösung; und der Glaube an sie wurde all—
gemein, als Wilhelm Schlegels Dichtung jenen Bund der Kirche
mit den Künsten feierte, dem Overbeck nachmals den Gedanken
se ines tiefsinnigsten Bildes vielleicht, des ‚Triumphes der Re—
ligion in den Künsten“, entnommen hat. Denn das war in
der Tat, was die Zeit zu bezeichnen begann: der Sieg des
Christentums in der Malerei, und zwar eines mystisch-roman⸗
tischen Christentums von leise asketischem und insofern archa—
ischem Charakter.
        <pb n="98" />
        38 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Soll aber verstanden werden, wie sich dieser Zug nun—
mehr formell in der bildenden Kunst entfaltete, so wird unsere
Erzählung eines Rückblickes in die früheren Zeiten des Sub⸗
jektivismus hinein bedürfen.
Schon in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hatten
sich in der Formengeschichte der bildenden Künste Andeutungen
all der Richtungen der Phantasietätigkeit eingestellt, die nachher
im 29. Jahrhundert zur Entwicklung gelangt sind: vor allem
der Zug zu einer naturalistischeren Wiedergabe der Außenwelt,
als sie bisher gewohnt gewesen, sowie Spuren eines künftigen
Impressionismus in der Malerei und in der malerischen Be⸗
handlung der Architektur und Plastik.
Aber es waren doch eben nur Spuren gewesen. Weit
weniger, als auf literarischem Gebiete, war auf dem der bilden⸗
den Kunst das Element des neuen Seelenlebens rasch und
offenbar wirksam geworden. Es ist auch die Rede davon ge—
wesen, welche Ursachen diesem verschiedenen Verlaufe zugrunde
lagen; hier hat uns nur das Ergebnis zu beschäftigen. Dies
aber bestand, allgemein ausgedrückt, darin, daß zwar die
Neigung zu fortgeschrittener naturalistischer Behandlung be⸗
stehen blieb — vor allem die Vertreter der führenden Kunst,
der Malerei, sind im Grunde alle Naturalisten in der Richtung
auf den Impressionismus hin gewesen —, daß sich aber diese
Neigung nur in Studien, in der intimen künstlerischen Be—
schäftigung auslebte. Fur das sozusagen offizielle, das voll—
endete Kunstwerk dagegen wurde dieser Naturalismus stilisiert,
in gebundene Form gebracht.
Und hierbei war nun das Charakteristische, daß diese Form
nicht unmittelbar durch Vereinfachung und zugleich menschliche
Verinnerlichung der errungenen naturalistischen Eindrücke in
irgendeinem Sinne gefunden wurde, sondern durch Anwendung
und Einführung einer fremden Bindung. Man war gleichsam
in dem Ausdrucke des neuen Seelenlebens auf künstlerischem
Gebiete noch nicht sicher, nicht erzogen genug, um seine reife

S. dazu wie zum folgenden Band VIII, 2, S. 572 ff.
        <pb n="99" />
        Die Frühromantik.

so

Form aus ihm selber her zu gestalten; man suchte statt dessen
nach einer fremden Anleitung, einer äußeren Vormundschaft.
Es war ein Vorgang, wie er teilweise ja selbst auf dem viel
lebensfreieren Gebiete der Literatur eingetreten war: und wie
dort, so unterwarf man sich auch hier zunächst der Regelung
der Antike.
War damit aber eine befriedigende Lösung gefunden? Es
ist klax, daß diese schließlich nur aus der Selbstbegrenzung der
neuen Kunst allein aus sich heraus zu einer eben nur ihr
eigentümlichen Freiheit hervorgehen konnte. Was aber jede
andere Lösung besonders störend machte, war der Umstand,
daß bei ihrer praktischen Durchführung schließlich doch nicht
bloß ein fremdes Formenideal in Frage kam, sondern auch noch
Ideale fremden Inhaltes mit in Kauf genommen werden
mußten: daß der jungen Kunst des Subjektivismus nicht bloß
fremde Gebundenheit, sondern auch fremde Objekte der Dar⸗
stellung, beim Klassizismus z. B. die der antiken Welt als
wesentlich mit vermittelt wurden. Das Ergebnis war damit
nicht nur eine nach antiker Form, insbesondere dem Kanon der
Bildnerei geregelte naturalistische Kunst, sondern eine auch
äußerlich möglichst antikisierende künstlerische Produktion.
Und in diesem Zusammenhange lebte denn bis zu einem
gewissen Grade noch immer auch das alte rationalistische
Ideal von der Erlernbarkeit der Kunst fort, wennschon in
abgeschwächter Wirkung: denn jede Kunst mit inhaltlichen,
nicht bloß Formenidealen wird besonders leicht als erlernbar
gelten.

Zugleich aber war damit die Möglichkeit gegeben, daß
nicht bloß die Antike, daß unter Umständen auch eine andere
Kulturgewalt die Gängelung der neuen Kunst übernehmen
konnte. Und sie fand sich nun, wir hörten schon in welchem
Zusammenhange, im Christentum ein, in der ästhetisch beson—
ders hervorragenden Verkörperung desselben, in der katholischen
Kirche, und speziell wieder in deren romantischer Ausprägung.
Die allgemeine Lehre der Romantik von der bildenden Kunst
wich nach alledem im Grunde nicht so sehr von der des Klassizismus
        <pb n="100" />
        90 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

ab: sie lief darauf hinaus, daß die anschauliche Natur durch
die Idee zu meistern sei, und daß diese Idee sich dem Künstler
in mystischen Momenten schöpferischer Verzückung als ein höchstes
Moment seines inneren Schauens offenbare. Aber in der näheren
Charakteristik des Konzeptions⸗ und Geburtsvorganges der Idee
gingen doch Klassizismus und Romantik auseinander. Der
Klassizismus hatte für diesen Prozeß immer antike Momente
geltend gemacht, ihn mit antikem Inhalt möglichst weitgehend
erfüllt. Anders die Romantik. Da lehrte nach Wackenroders
mehr enthusiastischen Ausführungen auch August Wilhelm
Schlegel in dem Gespräch „Die Gemälde“ schon 1798: die
Reformation habe den Mystizismus zu vernichten gesucht; wer
sich aber der Kunst und damit dem künstlerischen Schöpfungs⸗
vorgang ergeben wolle, der müsse den kirchlich-katholischen Ele—
menten Raum geben: hier allein lebe für den Künstler jene
Welt heiliger und reiner Symbole, auf die sein Seelenzustand
hindränge; ihnen, den göttlichen und heiligen Personen eines
noch wirksamen Glaubens, sei zu huldigen. Und so änderten
sich denn die Inhalte, denen man Raum geben zu müssen
glaubte: und die antike Kunst wurde durch eine christliche abgelöst.
In welcher Zeit aber hatte die Kunst jenen kirchlich-katho—
lisch-mystischen Charakter gehabt, den die Romantik ersehnte?
War es in den letzten Jahrhunderten, war es selbst in den
klassischen Zeiten der italienischen Kunst des 16. Jahrhunderts
gewesen? Nimmermehr: Heidentum sprach aus den Werken
eines Michelangelo und Raffael, ja selbst eines Lionardo.
Weiter zurück also mußte man greifen in die Zeiten jenseits
—
der Alpen auf die frommen Gemälde Meister Wilhelms und
seiner Nachfolger sowie der Niederländer des 15. Jahrhunderts;
und auch Dürer durfte sich allenfalls noch dem heiligen Kreise
nähern.
Die Kunst aber, die man so fand, war natürlich nicht
bloß katholisch und religiös, sie war vor allem in der Form
auch mittelalterlich gebunden; sie kannte noch nicht die volle
Meisterung der Farbe, geschweige denn kühne Versuche der
        <pb n="101" />
        Die Frühromantik.

91

Beherrschung des Lichtes. Im Umriß vornehmlich ging sie
auf und in der Lokalfarbe, und ihre Raumvorstellungen be—
gnügten sich mit einer noch wenig virtuos gehandhabten und
selbst theoretisch noch nicht völlig klaren Perfpektive der Linien.
So war denn diese Kunst freilich auch dem reinen Formen—
gehalte nach recht geeignet, jenen Gefahren allzu naturalistischen
Schaffens zu begegnen, denen das malerische Studium unter
dem Einflusse des erwachsenden modernen Auges unterliegen
konnte.
Und hier war nun der Punkt, in dem sich die Romantik
mit dem Klassizismus nochmals traf. Das, was die Malerei
des Quattrocentos für die Gängelung der modernen Kunst
leistete, das hatte man früher schon formell nicht minder durch
den Einfluß der antiken Plastik zu erringen gesucht. Und auch
inhaltlich standen sich doch Antike und selbst katholisches Christen⸗
tum um das Jahr 1800 nicht so fern, als man zunächst ver—
muten könnte. Waren denn nicht evangelische wie katholische
Kirche seit dem 16. Jahrhundert von der Stützung durch den
Humanismus abhängig, hatte sich nicht neben der Philologia
profana eine Philologia sacra für beide Kirchen entwickelt?
Und noch sah man die Antike nicht mit dem bloß historisch
sondierenden Auge der Gegenwart und in der ganzen nackt—
erhabenen Blöße ihres Heidentums; noch hatte man die un—
geheure Tiefe der geistigen Kluft, die uns von den Alten
trennt, nur wenig ausgemessen; selbst über die Mitte des
19. Jahrhunderts hinaus haben noch Generationen feingeistiger
und überlegsamer Menschen in dem Glauben leben können,
daß sie antike und christliche Weltanschauung im Innersten
des eigenen Lebens zu verschmelzen vermöchten.
So erklärt es sich, wenn Romantik und Klassizismus auf
dem Gebiete der bildenden Künste formell wie inhaltlich ge—
legentlich den engsten Bund eingingen, wenn selbst in großen
Künstlerpersönlichkeiten etwas wie eine Verschmelzung der Ele—
mente beider eintrat. So war Overbeck gewiß reiner Ro—
mantiker und Thorvaldsen reiner Klassizist; wer aber wollte
selbst bei ihnen trotzdem gemeinsame Elemente verkennen, und
        <pb n="102" />
        92 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

wer vor allem etwa Cornelius in eine der beiden großen
Strömungen so ohne weiteres einordnen?
Im ganzen indes erlebte man, daß seit dem ersten Jahr⸗
zehnt des 19. Jahrhunderts die romantische Strömung langsam
über die klassizistische siegte.
Die entscheidenden Tatsachen des Übrgangs zur Romantik
vollzogen sich an der Stelle, wo Antike und katholisches Christen⸗
tum im Anfange des 19. Jahrhunderts in bei weitem ein—
drucksvollster Anschaulichkeit nebeneinander wirkten, in Rom.
Overbeck, der Sohn eines Lübecker Bürgermeisters, hatte den
Umgang des damals in religiöse Grübeleien versunkenen
Philipp Otto Runge in Hamburg genossen, hatte dann seine
eifrigen Naturstudien gleichsam idealisiert wiedergefunden in
den Präraffaeliten, deren Werke ihm in Kopien in Hannover
zu gänglich geworden waren, und war schließlich, nach länge—
rem Aufenthalte in Wien, mit dem frühvollendeten, für
Dürer begeisterten Pforr im Jahre 1810 nach Rom gewandert.
Rom aber war damals so recht derjenige Ort der Welt,
der ihre stillen Bestrebungen entfesseln, ihren Neigungen Halt
gewähren konnte. In ununterbrochener Folge hatten sich in
der ersten Hauptstadt der westlichen Welt bis zum Ausgange
des 18. Jahrhunderts die Denkmäler der Antike, des Mittel-⸗
alters, der Neuzeit gehäuft: ein Giist hatte sie schließlich alle
durchdrungen herab bis zu den jüngsten Bauten Clemens' XIV.
und Pius' VI.: und mit jener erhabenen Monumentalität,
deren Dolmetscher für die Deutschen Winckelmann geworden
war, hatten sie als ewig, als zeitlos gleichsam und doch un—
mittelbar sinnlich gewirkt. Dann aber war dieser sozusagen
dogmatische und kanonische Zustand durch das Eingreifen der
revolutionären Mächte von Frankreich und Oberitalien her be—
seitigt worden: und zum ersten Male erhob sich in den jungen
Zeiten des 19. Jahrhunderts die Frage nach dem Schicksal der
ewigen Stadt außerhalb der uralten Gleise der weltumspannen—
den Politik des antiken und des päpstlichen Roms. Schließlich
war dann freilich das Erbe Petri aus dieser Krise scheinbar
unversehrt hervorgegangen. Aber die alten Zeiten blieben ent—
        <pb n="103" />
        Die Frühromantik.

93

schwunden. Der Zusammenhang mit der Vergangenheit wenig—
stens der Antike war bewußt geworden, der Apfel vom Baum
der Erkenntnis gepflückt: die Wissenschaft zog ein und begann die
Antike zu sondieren und zu analysieren: ihr vollster künstlerischer
Zauber war gebrochen. Um so mehr trat aber damit für den
Künstler das christliche Mittelalter hervor: die Zeiten, da der
seraphische Fra Angelico, da Signorelli und Duccio, da Gozzoli
geschaffen hatten. Dies eben waren die Meister, die die deutschen
Ankömmlinge mit hungriger Seele suchten; und ihre Werke
bildeten für sie den reichsten, längere Zeit hindurch fast den
einzigen Inhalt der alten Urbs impeérialis, der Hauptstadt
des modernen Konservatismus. Und so ließen sie sich denn,
zusammen mit anderen Gesinnungsgenossen, die ihnen, so na⸗
mentlich Cornelius im Jahre 1811, folgten, am heiligen Orte,
in dem kürzlich aufgehobenen Kloster San Isidoro nieder und
begannen, bald durch eine Reihe junger Berliner, die der
literarischen Romantik eng verwandt waren, Philipp und
Johannes Veit und die beiden Schadows, Söhne des alten
Gottfried, verstärkt, ein besonderes künstlerisches Leben zu
führen. In frommer Beschaulichkeit malten sie nur heilige
und Legendengeschichten nach dem Vorbild der alten italienischen
Künstler zwischen Giotto und Raffael und allenfalls der Deutschen
vor 1520. Dabei verzichteten sie in ihren strengen Tafeln auf
alle Vorteile der Olmalerei; durchaus zeichnerisch war ihre
Darstellung gehalten, und das Gezeichnete wurde nur durch—
koloriert: der Hintergrund meist hell, der Vordergrund in
tieferen Farben, die Modellierung teils im helleren Ton der
Lokalfarben, teils ins Weiße hinein. So verblieb die Tiefen—
wirkung wesentlich der Linearperspektive: aber auch diese nahmen
sie im Sinne des späteren Mittelalters und verstärkten ihre
Bedeutung nicht etwa durch Zuhilfenahme einer stärkeren
Perspektive der Luft: jeder Gegenstand wurde wie in nächster
Nähe gesehen gemalt, so daß die scharfen Umrisse volle Kulissen⸗
wirkung ergaben. Dabei wollten sie je länger je mehr nichts
wissen von den einschmeichelnden Farbenspielen des Rokokos,
von Graugrün etwa und Graurot, von Graublau und Graugelb;
        <pb n="104" />
        94 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

hart, doch unter Wahrung eines blauen Gesamtcharakters des
Tons, stellten sie die Farben in schreiender Behandlung neben—
einander, so daß sie gleichsam asketisch wirkten, und erhöhten
die Seltsamkeit der reflex- und übergangslosen Eindrücke noch
durch Goldgründe und goldene Glorien, durch Goldsäume an
der Gewandung und durch Engelsgestalten, die goldhaarig
etwa auf goldenen Harfen spielten. Auch gaben sie im wesent—
lichen nur Figurenbilder; nebenher vorkommendes Landschaft—
liches wurde seiner geologischen Grundlage nach in hohem
Grade zeichnerisch stilisiert und in der Vegetation so behandelt,
als wären deren Teile in nächster Nähe gesehen: was dann
die Individualisierung, zugleich aber auch eine der Zahl der
wiedergegebenen Pflanzenexemplare nach spärliche und zer—
streute Behandlung des vegetativen Wuchses zur Folge hatte.
Im Jahre 1815 aber gelang den Genossen dieser Kunst
zum ersten Male auch eine größere Tat; sie begannen in dem
Hause des preußischen Konsuls in Rom, Bartholdy, die jetzt
in der Berliner Nationalgalerie befindlichen Fresken zu malen,
acht Bilder aus der Geschichte Josephs. Und diesen Fresken
folgten später Wandgemälde in der Villa des Fürsten Massimi,
der mit einer sächsischen Prinzessin vermählt war: Szenen
aus Ariost, dem Lieblinge später Böcklins, dessen Verherr—
lichung in Goethes Tasso damals hell in den Ohren der
deutschen Zeitgenossen klang. Es waren Arbeiten von müh—
seligster Technik; doch wurde man sich in ihrem Verlaufe
darüber klar, wie sehr sich die neue Auffassung gerade für
Wandgemälde eigne. Indes nicht allzulange Zeit verging, so
hatte man auch über den Tafelgemälden alle Schulung des
Rokokos vergessen und Mengs hassen gelernt, ja erblickte selbst
in Carstens nur noch einen Vorläufer der neuen Kunst der
Gegenwart: die Romantik hatte gesiegt.
Eins der Häupter, wenn nicht das Haupt der Frühzeit
dieser Entwicklung war Overbeck (1780 -1869). Er ist der
in besonderem Sinne religiöse Maler des Kreises, ein wieder—
geborener Fra Angelico gleichsam, wie Meister Wilhelm mild,
andächtig, lauter, bis zu seinem Tode trotz römischen Aufenthalts
        <pb n="105" />
        Die Frühromantik.

95

ein mystisch schwärmender Deutscher, schaffend und rüstig eigent⸗
lich nur in der Stärke des Gebets. Sein Stoffkreis blieb der
Hauptsache nach begrenzt durch Bibel und christliche Legende,
auf diesem Gebiete aber war er Herr und Meister im Sinne
moderner katholischer Frömmigkeit. So hat seine Kunst eine
Verbreitung gefunden, wie kaum die eines andern Meisters
des 19. Jahrhunderts: wo nur mystisch gewandte Seelen der
verschiedensten christlichen Konfessionen den Herrn anriefen in
ihrer Weise, da trat dieser in der Idealgestalt Overbecks unter sie:
hunderttausende von Oldrucken des gekreuzigten Heilands und
der schmerzensreichen Jungfrau, die die christlichen Kirchen der
Gegenwart bergen, gehen auf Overbecks Bilder oder wenigstens
auf Overbecks Auffassung zurück, und Originalgemälde von ihm
erbauen die Gläubigen in England und in Mexiko, in Lübeck
und in Köln, auf protestantischen wie auf katholischen Altären.
Dabei fehlte es dem Meister nicht an einem reichen Kranze
von Schülern und Nachahmern. In seinem Bannkreis be⸗
wegte sich die Malerei der Deger und Ittenbach und Andreas
und Karl Müller und Pfannschmidt und Plockhorst und Kupel—
wieser; und wie einst, zu Beginn der Romantik, das Nazarener—
tum der overbeckschen Genossenschaft zum ersten Male in einem
Zyklus von Wandmalereien bedeutend hervorgetreten war, so
fand dieselbe Kunst in der Überreife ihrer Erscheinung noch
einmal einen Gesamtausdruck in den 1839 begonnenen Wand—
malereien der St. Apollinariskirche zu Remagen am Rhein:
Deger, Ittenbach und die beiden Müller waren hier in Demut
und Gottesfurcht tätig. Im übrigen aber trug der Einfluß
der neuen Kunst auch schöpferisch noch weit hinweg über den
Rhein und über die deutschen Grenzen; in ihrer Strömung
bewegten sich Hippolyte Flandrin und Ary Scheffer in Paris,
William Dyce und Armitage in London und Paton in Edin—
burg; und auch in Schweden wie in Italien war ihre starke
Wirkung zu spüren.
Groß war indessen auch die Zahl selbständiger Meister, die
unmittelbar neben Overbeck und mehr oder minder in gleicher
Richtung mit ihm schufen, als eine Schule gleichsam, der man
        <pb n="106" />
        6

Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

den Namen der Nazarener gab. Da war Philipp Veit (1793 bis
1877), dem im Vergleiche mit Overbeck ein etwas weltlicherer Zug
eignete, der Schöpfer des Freskenkreises im Westchor des Mainzer
Domes, und neben ihm Eduard Steinle (1810-1886), der
größte Kolorist der Gruppe, vornehmlich in Frankfurt und am
Dberrhein tätig. Die bedeutendsten aber blieben doch wohl
Führich und Schnorr von Carolsfeld. Von diesen war Joseph
Führich (1800-1876) Overbeck verwandter, wenn er auch,
jünger als dieser, dem kommenden Realismus vor allem in
der Lebendigkeit der Komposition, weniger in der Farbe Zu—
geständnisse gemacht hat. Zudem hatte er Dürer mehr studiert;
das warf ihn ins Markige und Deutsche und gab ihm auch
die Neigung, für den Holzschnitt zu schaffen, zumal er den
Stift besser führte als den Pinsel: und gerade seine großen
Holzschnittfolgen, der Bethlehemitische Weg, der Verlorene
Sohn, die Illustrationen zu Thomas von Kempen sind mit als
die innerlichsten Offenbarungen des Nazarenertums in weite
Kreise der Nation gedrungen. Aber auch Schnorr (1794-1872)
folgte mit seinen besten Eingebungen gern dieser volkstümlichen
Richtung. Im übrigen war er einer der wenigen Meister
der Gruppe, die Protestanten blieben. Und dementsprechend
war ihm allerdings auch ein weiteres Arbeitsfeld und ein
mehr weltlicher Zug eigen. Gewiß knüpfte er dabei in seinem
Alter mit der Bibel in Bildern (1860) noch einmal ganz an
die christlichen Ideale seiner Jugend an; doch übertrug er
den Stil der Nazarener, nicht ohne Zugeständnisse an den
wachsenden Kolorismus der Zeit, auch auf die deutsche Helden—
sage und sogar schon auf das Geschichtsbild, und insofern sind
der Nibelungenzyklus in den Sälen des Münchner Königsbaus
und die Szenen aus der mittelalterlichen Kaisergeschichte in
den Festsälen des Kaiserbaus (1827 f.) seine bezeichnendsten
Werke.
War er aber nicht mit alledem zugleich der Künstler, der
aus den rein religiösen und gleichsam christologischen Bahnen
des romantischen Subjektivismus hinüberführte in die Welt
des historisch und landschaftlich Nationalen: dessen, was wir
        <pb n="107" />
        Die Frühromantik.

97

schon als objektive Romantik kennen gelernt haben? Es ist eine
un nicht weniges umgewandelte Welt, in die schließlich ein letzter
und spätestgeborener Sohn frühromantischer und auch schon
pätromantischer Empfindung entzückend und geistreich, fromm
und doch auch wieder heidnisch-national einführt: Moritz von
Schwind (1804.71). Schwind verfügte kaum über die Farben⸗
sattheit Schnorrs, der allmählich wie die Kompositionsweise so
zuch die Palette der vorraffaelischen Kunst derjenigen Raffaels
und Michelangelos hatte weichen lassen; in der Komposition macht
er manchmal den Eindruck des begabten Dilettanten, und sein
Farbensinn war gering: Zeichnung und Aquarell sowie Fresko
sagen ihm besser als Olbild. Dabei ist für ihn bezeichnend, daß er
das mit den Worten ausdrücken konnte: „Die Malerei, der ich
folge, ist die deutsche, und als Grund derselben die Glasmalerei
anzunehmen“: die Farbe war ihm sogar hier Nebensache, und
er liebte nur den besonderen Stil, wie der ihm formell ver—
wandte Präraffaelismus in England später die Glasmalerei
wieder zu einer nationalen Kunst gemacht hat. Aber mit
welcher Zartheit des Empfindens hat der Meister die feineren
Gestalten seiner zeichnerischen Phantasie erfüllt! Er war das
Sonntagskind der Romantik: er lebte in der Welt der Geister
und Elfen, er war daheim auf den taufrischen Wiesen des
Mondlichts; er glaubte nicht bloß an diese Schönheitswelten,
er war von ihnen selbst ein Teil. Und diese seine besondere
Mit⸗- und Umwelt gab er mädchenhaft frisch, wie sie war,
in keuscher Grazie wieder; holdselig, wie ein mittelalterlicher
Dichter; in halb ornamentalen Formen namentlich des Pflanz⸗
lichen, wie die späten Meister urzeitlicher Ornamentik im Zeit—
alter der Staufer, dabei sinnlich weich und doch gänzlich fern
jener schwülen Lusternheit der präraffaelitischen Neuromantiker,
deren Kunst er noch erlebt hat. So war er namentlich der
Verkörperer, ja man darf sagen der Zeichner von Stimmungen
ind wußte mit seiner Kunst selbst musikalische Gefühle an—
zuregen, hierin seinem Wiener Landsmann Steinle verwandt,
dessen stärkeres koloristisches Gefühl freilich leichteres Spiel
Jatte.

Lamprecht, Deutfche Geschichte. X.
        <pb n="108" />
        8 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Am stärksten ist Schwinds Begabung im Märchenerzählen;
hier erreicht er den vollen Zauber der Übereinstimmung von
Form und Dichtung; so in den schönen Bildern zum Aschen⸗
brödel (1855), in den Zeichnungen zum Märchen von den sieben
Raben (1857) und von der schönen Melusine (1870), denen
die Fresken aus dem Leben der heiligen Elisabeth auf der
Wartburg angeschlossen werden können: da klingt und singt
es aus ihm wie aus einer fernen, schönen Welt; und eine
Stimmungsstärke duftet empor, in die auf dem Gebiete der
romantischen Dichtung wohl höchstens Raimund und Grillparzer,
auch sie Wiener, zu versetzen vermochten.
Mit dem Wirken Schwinds erlosch der letzte verklingende
Zauber der frühromantischen Kunst. Und war sie nicht eben
durch ihn noch zu guter Letzt auf die volle Höhe einer idealisti—
schen Kunst des Subjektivismus überhaupt gehoben worden?
Schwind hat gelegentlich auch impressionistisch gemalt; er war
im Vollbesitze des naturalistischen Künstlerauges seiner Zeit.
Allein was er in seiner eigentlichen, seiner hohen Kunst schuf,
lief nicht auf eine mechanische Wiedergabe der Erscheinungs—
welt von größerer oder geringerer Treue hinaus, sondern war
der Ausdruck seines besonderen Wesens, das mit eigenem
Auge Form, Raum und Farbe empfand und darnach persön—
lich zu stilisieren wußte.
Indes mit dieser Art innerer Anlage und schöpferischen
Auswirkens reichte Schwind doch schon weit über den künst⸗—
lerischen Charakter der eigentlichen Frühromantik hinaus. Bei
ihm war das naturalistische Wiedergabevermögen schon das
Grundlegende, und so hing von ihm auch die schöpferische Kraft
letzthin ab. In der Frühromantik dagegen, und zwar in ihren
eigentlichen Zeiten wie bereits im Klassizismus, wurde das Ver—
hältnis von Stilisierung und Naturwiedergabe umgekehrt ge—
dacht. Erst die Idee, hieß es da, und dann die Anschauung,
das Bild. Und so malte man Wirkungen, ehe man Ursachen
kannte: malte bei aller Reinheit der subjektiven Stimmung
Effekte. Es war gewiß zugleich Inhaltsmalerei; aber nicht
mmer, ja selten sogar leuchtete die Idee schließlich als ein
        <pb n="109" />
        Die Frühromantik.

99

Unvergängliches aus dem Kunstwerke klar hervor; und nur zu
häufig blieb es beim Wollen.
Gewiß hat es an Versuchen einer rein realistischen, und
das hieß bei dem immer noch fortgesetzten Steigen des künst—
—VV —
Selbst die reinen Nazarener haben eine Zeitlang starke Anläufe
ins Farbige gemacht, um sich dann freilich um so entschiedener
in das Gebiet der farblosen Zeichnung zurückzuziehen. Und
zur selben Zeit, da Goethe die Pflanze an sich suchte und
fand, begann Runge seine wunderbar naturalistischen Pflanzen⸗
ilhouetten auszuschneiden und malte Baum und Strauch unter
dem Hauche des Impressionismus. Ja selbst das künstlerische
Porträt, wie es der Klassizismus unter Weglassung der „Zu—
fälligkeiten der realen Erscheinung“ zu pflegen begonnen hatte,
und wie ihm seit der Wende des Jahrhunderts in der Litho—
graphie ein erster, anfangs zumeist banausischer Konkurrent er⸗
wuchs, ist doch noch von Runge und anderen Hamburgern wie
bon der regionalen Malerei der meisten Landschaften und Groß—
städte in achtenswerten Erzeugnissen gepflegt worden.
Aber nicht eben dies war die große, die führende Malerei.
Man mag heute die Überreste der zerstreuten Tätigkeit zahl—⸗
reicher Meister mit Liebe aufsuchen als Spuren, die einen neuen
Naturalismus vorherverkünden: schon die Tatsache, daß mit
der eigentlichen romantischen Malerei auch die malerische Technik
früherer Zeiten, insbesondere des Rokokos, verloren ging, be—
weist, in welcher Richtung sich die Zeitströmung auf dem Ge—
hiete der bildenden Kunst bewegte.
Und trat die Fresko- und Kartonkunst der Frühromantik
wie ihr farbenmageres Bild und ihre oft so anziehende Zeich—
nung mit eben diesem Charakter nicht gerade erst recht in den
Reigen des geistig Zeitgemäßen ein? In der objektiven Romantik,
in der von Inhalten geredet werden durfte, blühte vor allem
Volkssage und Märchen. Es ist aber von Malern wie Knille
schon längst bemerkt worden, daß man diesen Stoffen nicht
mit Farbe und Tonstimmung, sondern mit der Form, im
Zeichnerischen, am besten beikommt. Was aber die Formgebung
        <pb n="110" />
        100 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

der subjektiven' Romantik anlangt, entsprach da nicht das Lese—
drama ganz der Kartonmalerei, ja auch dem ausgeführten
frühromantischen Fresko? Und wenn selbst in den an Blut
bolleren Dramen der Zeit ein Schicksal voller Willkür nur
Schemen und Typen statt Charaktere und Personen zuließ:
wiederholte sich diese Erscheinung nicht in den gleichsam formel⸗
haften Gestalten der religiösen und mythologischen Zyklen⸗
malerei, deren Erzeugnisse die Wände von Palast und Kirche
zu füllen begannen? Man mag dabei anführen, daß die deutsche
Kunst von jeher etwas Gedankenhaft-Poesievolles gehabt habe,
daß schon das deutsche Mittelalter angeblich dichtende Maler
erzeugt habe, daß unserem Volke bereits seit dem 15. Jahr—
hundert in sehr charakteristischer Weise die kraftvollste Aus—
bildung einer räsonnierenden und phantasierenden Griffelkunst
eigen sei: all diese Elemente, deren Dasein zum Teil nicht be—
stritten wird, trugen in den Anfangszeiten des 19. Jahrhunderts
nur dazu bei, einer an sich gedankenhaften und in diesem Sinne
dealistischen Kunst noch eine immerhin bedeutende Wirkung
und erstaunliche Lebenskraft zu verleihen. Und, um schließlich
das Letzte und Höchste zu betonen: spricht aus der keuschen
und zarten Umrißwelt der Nazarener nicht derselbe Geist, der
Weltanschauung und Dichtung beherrschte, der Geist der Mystik?
Und wird nicht eben erst durch ihn diese Kunst ganz charakteri—
siert, und keineswegs schon durch ihre mehr äußere Abhängig—
keit von den Künstlern des Quattrocentos?
Ganz parallel standen in den eigentlichen Tiefen der Ent—
wicklung die idealistische Kunst und die deduktive Spekulation
der frühromantischen Weltanschauung wie der Paroxysmus der
Dichtung; sie alle drei blieben in bewußter Entfernung von
der Wirklichkeit, sie alle drei suchten das Pathos der Distanz,
am die Wirklichkeit zu meistern: und mystische Herrschafts—
neigungen eines extremen Subjektivismus waren ihr Keim,
ihr Wirkungsmittel und ihre Krönung.
        <pb n="111" />
        Die Frühromantik.

101

Und so war denn doch, alles in allem betrachtet, mit der
Entwicklung der Frühromantik eine neue Kulturhöhe, ja im
Grunde die Kulturhöhe überhaupt erst der ersten Periode des
Subjektivismus gewonnen: und unendliche Wirkungen haben
sich aus der zunächst noch unentwickelten Kraft ihrer Kern⸗
erscheinungen in die Seelen der kommenden Menschenalter
gesenkt.
Es ist, neben dem starkentwickelten Klassizismus des Endes
des 18. Jahrhunderts, eine in hohem Grade merkwürdige Er—
scheinung: fast wie Rivalen muten sich um 1800 diese beiden
großen Idealismen, der klassische und der romantische, an:
und geistig unendlich reich erscheint die Zeit eben in diesem
Wettbewerb.
Doch war seit spätestens etwa dem Jahre 1810 kein
Zweifel mehr, welche der beiden Strömungen die tiefere, die
zu nationaler Herrschaft weiterhin berufene war. Herder hat
schon 1767, in den „Fragmenten über die neuere deutsche
Literatur“, geäußert: „Wäre Deutschland bloß von der Hand
der Zeit an dem Faden seiner eigenen Kultur fortgeleitet: un⸗
streitig wäre unsere Denkart arm, eingeschränkt: aber unserem
Boden treu, ein Urbild ihrer selbst, nicht so mißgestaltet und
zerschlagen.“ Inzwischen hatten sich die eingeborenen Tendenzen
geltend gemacht: während der Klassizismus, von nationalen
Trieben eines noch nicht zu vollster Reife und Überreife ent—
wickelten Subjektivismus getragen, groß und gewaltig am Ende
nur durch fremde Hilfe, in raschem Verfalle abstarb, ohne die
Gesamtentwicklung gerade in ihren nächsten Phasen mehr als
oberflächlich zu furchen, erhob sich immer wirksamer aus ex—
tremster Selbstentfaltung der Nation heraus die Romantik:
freilich nicht alsbald in sich gerundet, mehr Gärungsmittel
einstweilen als Vollendung, mehr Zukunft als Gegenwart, ge—
schweige denn Vergangenheit trotz aller historischen Tendenzen.
Mit diesem außerordentlichen Wechsel aber wandelte sich zu⸗
gleich auch das Schicksal der bisher führenden Personen, mochten
sie den Umschwung noch als Zeitgenossen schauen oder bei
seinem Eintritte wenigstens noch als bestimmende geschichtliche
        <pb n="112" />
        102 Vierundzwanzigsies Buch. Erstes Kapitel.

Mächte fortleben. Und da zeigte sich denn bald, wie sie bei—
nahe alle doch der vorromantischen Entwicklung so fest ein—
geschrieben waren, daß ihre Einwirkung zurücktrat und dem
Einflusse der anfangs kleinen, aber kräftigen Gesellschaft der
Romantiker fast bedingungslos Platz machte. Wer schuf da
noch in den Spuren der Musik Mozarts, so gern man die
Musik des Meisters hörte? Rückwärts, in das Rokoko der
Italiener und Franzosen, schien er zu weisen. Und erging es
den Werken Schillers besser? Sieht man auch ganz von dem
Gegensatze Schillers und der Romantiker auf dem Gebiete der
ästhetischen Lehren ab: im Leben der Dichtung gingen Schillers
Spuren vielfach auf lange verloren, und ein neues Geschlecht
dichtete in anderer Sprache, anderen Lauten. Dabei blieb kaum
zu verkennen, daß auch noch Resterscheinungen des individua⸗
listischen Zeitalters eben Mozart und Schiller von den neuen
Jahrzehnten trennten: beide Meister waren stärker im Be⸗
wältigen des einzelnen, im gegenständlichen Ausdrucke, schwächer
dagegen im Pathos der Gesamtkomposition trotz aller Geschlossen⸗
heit des Aufbaus: Schiller hat kaum irgendwo eine ab⸗
geklärte Schicksalsidee folgerichtig walten lassen, Mozart ist weder
in seinen zyklischen Werken noch gar in seinen Opern Sym—
phoniker. So blieben sie denn beide gerade im Innersten ihres
Schaffens gegenüber den Anforderungen der romantischen Zeit
zurück und büßten das durch halbe Vergessenheit.
Aber auch Kant und Herder, die Denker der abgelaufenen
Perioden des Subjektivismus, hörte man weniger. Besonders
wenig bald Kant. Kants noch recht enge Beziehungen zum
—
Phantasie, vornehmlich moralischen Problemen zugewandt, ver⸗
sagte gegenüber den philosophisch-mystischen Anforderungen,
die sich an die frühromantische Ineinssetzung des Ichs und
der Welt knüpften. Besser in gewissem Sinne erging es
Herder. Schon der literarische Streit, in den er eben mit Kant
verwickelt worden war, kann hier als symptomatisch gelten:
was zutage trat, war der Gegensatz des Denkens von Empfind—
samkeit und Sturm und Drang und des Philosophen des
        <pb n="113" />
        Die Frühromantik.

103

mehr rationalen Klassizismus; und die romantische Folgezeit
entschied sich für Herder. Dennoch gewann Herders Denken,
so sehr es in den historischen Wissenschaften noch fortlebte, zu
den leitenden Ideen Fichtes und Schellings kein inneres Ver—
hältnis, und selbst in Hegels System erscheint es noch un⸗
verarbeitet, ja ist es beiseite geschoben. Denn ein anderer
Entwicklungsgedanke hatte sich inzwischen im Denken der Ro—
mantik zu entfalten begonnen, und die Zeit war noch nicht
im Besitze eines geschichtlichen Denkens, dem die Klarlegung
der feinen Unterschiede zwischen dem frühsubjektivistischen Evo—
lutionismus Herders und dem romantischen Evolutionismus
in seiner Entfaltung von Fichte bis Schelling oder bis Hegel
als Pflicht gegolten hätte!.
Und so konnte es denn scheinen, als wenn mit dem
Szenenwechsel zwischen Klassizismus und Romantik auch ein
voller Personenwechsel verbunden wäre. Wie an Meeresstellen,
in denen entgegengesetzte Strömungen in ewigem Wechsel
gegeneinander prallen, sich Wellenberge türmen, deren zu
Wasserwänden emporschießende Wogenkämme in jähem Nieder—
fall zu töten scheinen, was sich ihnen von animalischem Leben
nähert, so daß diesseits und jenseits dieser Strudel verschiedene
Welten des Lebens hausen: so konnte man meinen, daß der Über⸗
gang vom Klassizismus zur Romantik eine alte Generation
ganz ausscheiden und eine völlig neue zur Herrschaft berufen
wer de.

Dennoch hat es zwei Genien gegeben, die über diesen Wechsel
gesiegt haben: Adlern gleich schwebten sie über den Tiefen des Ab⸗—
grunds, kaum berührt von dem Gischt ewig wiederholter Gegen⸗
wirkungen, die Welten des Alten und Neuen zugleich umfassend
und verbindend: Beethoven und Goethe. Es war eine wunder⸗
bar einzige Stellung; das Größte, was Menschen dieser Jahre zu
erleben vergönnt war: und nur besonderen Umständen höchster
Begabung und glücklichster Fugung wurde sie verdankt.
Schon Herder hat der Musik jene zentrale Stellung unter

1 Val. dazu unten Zweites Kapitel Abschnitt IV.
        <pb n="114" />
        104 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

den Künsten der Zukunft geweissagt, die sie heute in manchem
Betrachte erreicht hat. Dabei ist die Musik zugleich auch die
eigentlich populäre Kunst geworden: ein höchster Ruhm und
ein stärkster Triumph in demokratischen Zeiten. Die deutsche
Sprache hat für die Unempfindlichkeit gegen die Wirkungen
der Dichtung oder der bildenden Kunst kein Wort; für die
Unempfindlichkeit gegenüber der Musik dagegen hat sie, eben
im Zeitalter des Subjektivismus, das Wort unmusikalisch ge⸗
prägt: und schon Goethe meinte, daß einem Unmusikalischen
die Hälfte des Daseins verloren gehe. Ist es da nicht be—
greiflich, daß, was nur immer dem Heldentum der Phantasie⸗
tätigkeit im 19. Jahrhundert zugehörte, Maler, Architekten,
Bildhauer, Dichter, fast ausnahmslos in der Welt des Musika⸗
lischen heimisch war? Schon für Schiller sprach die Seele nur
Polyhymnia aus, und bereits Goethe hat in seinen Sprüchen
in Prosa den Satz geprägt, daß die Würde der Kunst bei der
Musik wohl am eminentesten erscheine: denn sie habe keinen
Stoff, der abgerechnet werden müßte, sie sei ganz Form und
Gehalt und erhebe und veredle alles, was sie ausdrücke.
Diese allgemeine Stellung der Musik in subjektivistischen
Zeitaltern, die ihren Meistern ohne weiteres eine zentrale
Wirkung auf dem Gebiete der Phantasietätigkeit zuweist, wurde
aber innerhalb der deutschen Entwicklung nochmals erhöht durch
die von niemand bestrittene besondere musikalische Begabung
der Nation und durch den Umstand, daß nur die Musik eine
durch fremde Gewalten ungebrochene Entwicklung schon wäh—
rend der gesamten subjektivistischen Frühzeit erlebt hatte. Da
war sie schon mit so wunderbaren Übergangserscheinungen in
das neue Zeitalter eingetreten, wie mit Bach und Händel:
Meistern, die die technischen Hilfsmittel zur Wiedergabe späterer
musikalischer Empfindungen bereits sehr eingehend entwickelten.
Da hatte sie rasch in Homophonie und Lied die ersten Kunst—
formen des neuen musikalischen Seelenlebens entfaltet und
hatte die frühe Krönung dieser gesamten Entwicklung noch im
Laufe des 18. Jahrhunderts im musikbegleiteten Drama wie
in den zyklischen Konzertarten, in der Oper wie in der Sym—
        <pb n="115" />
        Die Frühromantik.

105

phonie erlebt. Und da war sie in der Reihenfolge einer großen
Anzahl gottbegnadeter Meister rasch in einem ganz besonderen
Lande deutschen Wesens heimisch geworden, hatte sich in dem
alten klassischen Südosten, im heiteren sterreich konzentriert:
auf katholisch-sinnlichem Boden, wo sie sicher war vor den
Auswüchsen des neuen Geisteslebens, sicher auch vor ihren für
sie vielleicht allzurationalen Früchten: und umschlossen von
einer uralten musikalisch-geistlichen Tradition wie getragen von
dem munteren Naturell einer sangesfreudigen Bevölkerung.
So hatte sie denn Förderung auf Förderung erfahren; bis
zu den heitren Höhen Haydns, bis zu den sonnigen Horizonten
Mozarts.
Das war die Lage, in die Beethoven, der vlämische
Fremdling vom Rhein hineinwuchs, nachdem er, wie so oft
seine kaufmännischen Landsleute im Mittelalter auf Handels⸗
fahrten, auf der Suche nach dem musikalischen Ideale ganz
Deutschland von Nordwest nach Südost durchmessen hatte.
Und er erst vollendete die frühesten Ideale subjektivistischer Musik,
indem er alle Weiten der neuen Gefühle im künstlerischen
Spiele restlos zu Tönen umschuf.
Hielt er sich aber, indem er die Welt in seiner Kunst be⸗—
grub, in den engen Grenzen des Klassizismus? Oder ward
er, der scharfe Meister der Form, indem er in der Mystik der
Musik seine Seele in die Dinge und die Dinge in seine Seele
versenkte, zum Romantiker? Man mag von Zeiten reden, in
denen romantische Stilelemente bei ihm besonders anklangen,
wie man bei Goethe von einer romantischen Periode zu sprechen
pflegt: dennoch haben ihm diese Elemente niemals anders als
zu höher liegenden, gegenüber Klassizismus und Romantik im
Grunde indifferenten Zwecken gedient. Und wohl mag man
anführen, daß in der Gewalt des Meisters, auch das Außer⸗
und Übersinnliche zu versinnlichen, eine Kraft sich äußere,
die in das Gefühl des Mystischen und Metaphysischen eingeht:
wie denn die Neunte Symphonie sichtbarlich aus den Qualen
der Zerrissenheit, des inneren Aufgewühltseins, der Verzweif—
lung zur siegesjauchzenden Prophezeiung einer höheren Welt
        <pb n="116" />
        106 — Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

emporführt. Gleichwohl würde es schwer sein, in dem Walten
solcher Kraft speziell frühromantische Gefühle, ja eine ro—
mantische Disposition überhaupt zu entdecken. Denn was
sich hier äußert, ist allgemein menschlicher Art, wenn auch
zu höchsten Höhen gehoben; und für diese Musik gelten die
vom Romantischen zum Universalen überleitenden Zeilen
Schlegels:

Musik ist die Kunst der Liebe,
In der tiefsten Seel' empfangen
Aus entflammendem Verlangen
Mit der Demut heil'gem Triebe;
Daß die Liebe selbst sie liebe,
Zorn und Haß sich ihr versöhnen,
Mag sie nicht in raschen Tönen
Bloß um Lust und Jugend scherzen:
Sie kann Trauer, Tod und Schmerzen,
Alles, was sie will, verschönen. —

Beethoven aber wurde an Universalität der Stellungnahme,
an Schweben gleichsam über dem Abgrunde der Zeiten noch
einmal übertroffen durch Goethe.
Wie ist doch das Leben Goethes im Verlaufe dreier
Menschenalter harmonisch dahingeflossen! Die Geburt des
Dichters leitete das neue große Zeitalter des Subjektivismus
ein, dem sein Leben angehören sollte, und seine Lebensperioden
fielen mit Empfindsamkeit und Sturm und Drang, mit Klassi—
zismus, mit Romantik, ja beinahe noch mit der Periode des
Realismus zusammen. Wie mögen wir jemand glücklich preisen,
der 1848 als Jüngling, 1806 und 1870 als reifer Mann und
darauf die erste Glorie des neuen Reiches als Greis erlebt hat.
Ein reiner Wohllaut, Akkorde gleichsam vom selben Klang und
doch von stets höherem Reichtum und größerer Vollendung scheinen
uns sein Leben erfüllt zu haben. Und doch verlief sein Leben mit
dem Goethes verglichen noch flach im Strome der Zeiten, war
sein Dasein nur auf ein Instrument des ungeheuer reichen mensch—
lichen Orchesters, das politische, gestimmt: und weit blieb er
damit zurück hinter dem Sonntagskinde des Jahres 1749. Denn
diesem bot der Zeiten vollste Fülle alles, dessen es jeweils im
        <pb n="117" />
        Die Frühromantik.

107

weiten Bereiche des Menschlichen bedurfte; und auf den
Bühnen, die es betrat, wurden in unablässiger Aufeinander—⸗
—V00
die ersten der Rollen zufielen. So hat sich Goethe den ver—
schiedenen Perioden und Zeitaltern seines Jünglings- und
Manneslebens voll und voller hingegeben:
Du hast getollt zu deiner Zeit mit wilden
Dämonisch⸗-genialen jungen Scharen;
Dann sachte schlossest du von Jahr zu Jahren
Dich näher an die Weisen, göttlich milden.

Und als das Greisenalter sich meldete, da wurde selbst
der milden Griechenwelt ein wenig der Abschied gegeben, und
andere zur Romantik führende, ja ihren Kern erfassende Er—
wägungen stellten sich ein. „Jedem Alter des Menschen ant—
wortet eine gewisse Philosophie. Das Kind erscheint als
Realist, denn es findet sich so überzeugt von dem Dasein der
Birnen und Apfel als von dem seinigen. Der Jüngling, von
inneren Leidenschaften bestürmt, muß auf sich selbst merken,
sich vorfühlen, er wird zum Idealisten umgewandelt. Dagegen
ein Skeptiker zu werden hat der Mann alle Ursache; er tut
wohl, zu zweifeln, ob das Mittel, das er zum Zwecke gewählt
hat, auch das rechte sei. Vor dem Handeln, im Handeln hat
er alle Ursache, den Verstand beweglich zu erhalten, damit er
nicht nachher über eine falsche Wahl sich zu betrüben habe.
Der Greis jedoch wird sich immer zum Mystizismus bekennen;
er sieht, daß so vieles vom Zufall abzuhängen scheint; das
Unvernünftige gelingt, das Vernünftige schlägt fehl, Glück und
Unglück stellen sich unerwartet ins Gleiche; so ist es, so war
es, und das hohe Alter beruhigt sich in dem, der da ist, der
da war und der da sein wird.“
Allein ist der Dichter jemals in einer dieser reichen Pe—
rioden seines Lebens, und sei es selbst in der mystisch-roman⸗
tischen des Greisenalters völlig aufgegangen? Schon in den
ersten, jugendlichen Zeiten war das nicht der Fall: Werther
führte nicht zur Versenkung in die Empfindsamkeit, sondern
zur Befreiung von ihr. Und auch den Klassizismus betrachtete
        <pb n="118" />
        108 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

der Dichter immer und immer wieder objektiv: „Stehen uns
diese weiten Falten zu Gesichte, wie den Alten?“ Und war es
denn wirklich nur die Form, die Goethe auch in diesen Zeiten
immer wieder der Heimat zuführte?
Allerlieblichste Trochäen
Aus der Zeile zu vertreiben,
Und schwerfälligste Spondeen
An die Stelle zu verleiben,
Bis zuletzt ein Vers entsteht,
Wird mich immerfort verdrießen.
Laß die Reime lieblich fließen,
Laß mich des Gesangs genießen
Und des Blicks, der mich versteht!

So hat, in höheren Jahren schon, die Romantik erst recht
nicht das Herz des Dichters völlig gefesselt. Gewiß: wie er
im Werther sich ganz subjektiv gegeben hatte, so hat er lin
Wilhelm Meister ein objektives Bild und damit einen voll—
ständigen Umriß dessen zu entwerfen gesucht, was er sein
konnte. Allein mit nichten ging er darum in dem Werke auf.
Schon die Kritik Schillers zeigt das Gegenteil, und früh schon
war sich Goethe bewußt, daß er in der Form eines Romans
überhaupt trotz aller Formmittel der Erzählung die Unendlich—
keit seines Seins wie überhaupt einer bestimmten Idee nicht
zu erschöpfen vermöge. Und daran änderte es nichts, daß in
diesem Kunstwerk fast zum ersten Male recht eigentlich roman—
tische Stimmungen, süße Schwermut, pathetische Innigkeit,
sinnbildliche Züge zum Ausdrucke kamen: Züge, die sich in
den Wahlverwandtschaften noch weiter bis ins Symbolische
und in den Wanderjahren ins Allegorische, ja Schematische
steigerten. Wohl mochte die kritische Begeisterung der Ro—
mantiker den Meister hier auf der Höhe der Ironie sehen
und in der wunderbaren Verwebung von Lustigem und Er—
greifendem, Geheimem und Lockendem das Muster ihrer Art
zu komponieren und das Vorbild ihres malerischen Stiles
erkennen, bis sie sich mit Mignons Exequien in das Innerste
des neuen Tempels versetzt fühlte und in dem heiligen Kinde
das letzte Geheimnis des großen Werks verehrte. Goethe aber
        <pb n="119" />
        Die Frühromantik.

100

zeigte in ihm im Grunde etwas völlig Anderes, als die
„Willkür eines bis zur Vollendung gebildeten Geistes“. Was
ihm am Herzen lag, war die Erziehung einer schönen Seele
zur Harmonie: und diese Harmonie schien ihm nicht er—
reichbar ohne eine gewisse Resignation, die den Romantikern
ursprünglich fern lag: die aber dem wirkenden Menschen des
subjektivistischen Zeitalters im Blute liegen muß, will er ge—
sund bleiben.
Es sind Gedanken und Tendenzen, die hinüberführen zum
Faust. Der erste Teil der Tragödie ist 1808 erschienen, mitten
im romantischen Treiben, während Abschnitte aus ihm schon
1790, in seinem Beginne, veröffentlicht worden sind; der zweite
Teil wurde vollständig erst nach Goethes Tode, 1832, ver⸗
öffentlicht: nahezu zwei Menschenalter hatte der Dichter immer
und immer wieder an dem Werke gearbeitet.
Wir ahnen, was das bedeutete. Nicht wie ein ab—
gezirkeltes Kunstwerk mutet die Dichtung an oder wie ein
rasch gereiftes Erzeugnis, das einheitlich empfangener und
unbedingt durchgeführter Phantasie und Überlegung sein Da—
sein verdankt; wie ein Mensch ist sie vielmehr, ein ganzer
Mensch mit seinem Widerspruch und seinem Geheimnis; ja
mehr noch: wie das künstlerisch geformte Schicksal einer Nation,
einer Welt in einem ganzen Zeitalter; neben das Nibelungen⸗
lied als ein Erzeugnis des Mittelalters stellt sie sich damit,
eine moderne dramatische Epopöe, und neben die homerischen
Gedichte als das poetische Spiegelbild einer noch ferneren Urzeit.
Denn in ihr lebt sich das Walten des Subjektivismus über—
haupt aus, wie er im raschen Zeitmaße einer fast ausschließlich
geistigen Entwicklung von sentimentalen Anfängen zu der
mystischen Vollendung der Romantik, ja über sie hinaus zu
dem Wirklichkeitsdrange des Realismus fortschreitet: und nach
seinen Phasen wechseln in ihr Stil und Empfindung, Kom—
position und Formgebung des einzelnen. Denn wie Hans
Sachsische Knittelverse die eigentliche Tragödie eröffnen, ein
Zeugnis frühester Patriotismen des Sturmes und Dranges, wie
die Sprache einzelner Szenen des ersten Teils bald rückwärts
        <pb n="120" />
        110 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

weist in die flutenden Gefühlswellen der Empfindsamkeit und
bald vorwärts in die Periode zusammenfassender Typisierung
des Klassizismus, wie Alexandriner und spanische Trochäen
und fünffüßige reimlose Jamben im zweiten Teile den Uni—
versalismus des Alters verkünden, während Helena aus den
jambischen Trimetern des griechischen Dramas da, wo sie mit
der nordischen Welt in Berührung tritt, zum musikalischen
Wohllaut des Reimes vorbricht: so flutet und wallt es durch
das Ganze von einem ungeheuren Wechsel der Stilelemente
und höchster Kompositionsweisheit: unerschöpflich, ein quellender
Born; und nicht geschaffen, sondern erlebt, ja ein Leben selber
erscheint die Dichtung. Und wie ist dabei zugleich der Inhalt
geschürzt und zu den engsten Formen eines psychologischen
Dramas, weit über Iphigenie und Tasso hinaus, im ersten
Teile gedichtet: kurze Szenen, Mischung von Ernst und
Heiterkeit, ideale Behandlung von Ort und Zeit, Ausklingen
der Stimmung trotz allem und poetisches Sichgehenlassen des
Gehaltes: es sind Shakespearische Eigenschaften, es sind die
Zeiten der Jugend. Und wie wiederum stellt sich dem, bei aller
Buntheit der Geschehnisse, die strengere Stilreinheit, das Ge—
haltene des zweiten Teiles gegenüber: trotz aller Romantik,
die manches Mal an einen Raimund höherer Sphäre gemahnt,
trotz alles Graezismus, in dem sich die Zeiten des Sophokles
zu erneuern scheinen, dennoch ein folgerichtig festgehaltener
typischer Realismus, das starke Sichzusammenraffen und Sich—
bezwingen einer erfahrenen Männlichkeit: bis Mystik und Alle—
gorie des Greisenalters Personifikationen und Symbole einwebt.
Ein Pandämonium der poetischen Formenwelt des Sub—
jektivismus ist damit gleichsam aufgetan: keine Empfindung
dieses Zeitalters, die nicht ihre Wortmusik, kein Gedanke, der
nicht sein sprachliches Kleid erhalten hätte. Und diese Formen
verschönen einen Inhalt, der das typische Schicksal, die Genesis,
die Nöte, den erfolgreichen Ausgang des subjektivistischen
Menschen typisch darlegt. Wie brausen da die Jugendmächte
der Empfindsamkeit und des Sturmes und Dranges in dem
verjüngten Faust! Und schon vor dieser Verjüngung hat er
        <pb n="121" />
        Die Frühromantik.

111

die romantischen Empfindungen durchkostet: die Schalheit eines
Lebens, das das All in sich verschlingen möchte, die höchste
Ironie und Melancholie, Todesgedanken, ja Todesentschluß:
bis ihn das Christ ist erstanden der Kinderzeit zu neuem Leben
rief. In diesem neuen Leben aber schreitet er nun durch alle
Formen des Genusses und der geistigen Aneignung: er genießt
in Gretchen die Liebe einer naiv-nationalen Welt wie in
Helena die bewußte Hingabe einer sentimental-klassischen: bis
er der großen Wahrheit des neuen Zeitalters inne wird, daß
nicht der Genuß, sondern die Arbeit das Leben vollende.
Und nochmals vertieft sich in diesem Zusammeunhange der
Gedanke. Die Figur Fausts ist keine Schöpfung subjektivistischer
Zeiten; keineswegs war sie von Anbeginn und so, wie Goethe
sie dem Puppenspiel und der Tradition des Volksbuchs ent—
nahm, dahin gemünzt, die Weiten menschlicher Aktualität und
eben damit das Spezifische wenigstens der Willensseite der
subjektivistischen Persönlichkeit zu durchmessen. Faust hat im
ersten Drittel etwa des 16. Jahrhunderts gelebt; der Drang
nach dem Idealen, den man allenfalls in seinem Leben finden
könnte, hat von der Sage der zweiten Hälfte des 16. Jahr—
hunderts deutlich pandynamistische Züge erhalten; im 17. Jahr—
hundert sind seine Taten, zunächst in der englischen Dramati—
sierung Christopher Marlowes, auf die deutsche Bühne gelangt
und von dieser fort⸗ und bis zum Puppenspiel herabgebildet
worden; dann hat die ausgehende Aufklärung, insbesondere
Lessing die Figur wiederum dramatisch höher zu werten be—
gonnen, doch beinah stets noch in dem alten Sinne, daß Faust für
seine zauberischen Neigungen vom Teufel geholt wird: so war
er denn durch und durch eine literarische Figur des indivi—
dualistischen Zeitalters geworden und hat alle denkbaren poeti—
schen Entwicklungsphasen fast eines solchen Charakters durch—
wandert.
Er war damit eine Figur, die gründlicher Umgestaltung
bedurfte, sollte sie dem neuen Zeitalter seit der Mitte des
18. Jahrhunderts auch nur interessant sein. Und alle wahren
Dichter, die sich nun mit ihm beschäftigten, ein Maler Müller,
        <pb n="122" />
        112 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

ein Klinger, haben dies durchgefühlt. Goethe aber blieb es
vorbehalten, den Zug unersättlichen Tätigkeitsdranges in ihm
als die Kerneigenschaft des eigenen Zeitalters zu entdecken und
zum erwärmenden Lebensinhalt zu gestalten. Allein indem
der Dichter dies vollbrachte, verlor darum sein Geschöpf nicht
jeden Zug eines höheren Alters und eines anderen Ursprungs.
Auch jetzt noch erinnern zahlreiche Einzelheiten an ihm an
die Zeiten des Individualismus: und heben dadurch sein
Wesen hinaus über den subjektivistischen Zufall in die reinere
Sphäre des Universalen. Denn das ist das Geheimnis der
großen literarischen Stoffe, die fortdauern hin durch die geistigen
Welten der Völker, daß sie, immer und immer wieder be—
arbeitet, in sich das Menschliche aller Zeiten und Kulturen in
schließlich durchgeschliffenster, reinster Form enthalten: bis sie
vollendet erscheinen und aufnahmefähig in den kristallenen
Kreis des bloß Humanen selbst. Dies ist der unendliche Reiz
unserer Märchen, dies die Tiefe der Sittlichkeit der Welt—
religionen, dies die Vollendung des Kosmopolitismus und das
Siegel der Einheit des Menschentums.
Nicht bis zu solchen Höhen ist die anfangs so einfache
Geschichte Faustens gehoben worden. Andere Lösungen hat
das große Problem der Seligkeit dessen, der immer strebend
sich bemüht, in früheren Zeiten unserer Geschichte empfangen,
im Parzival Wolframs, und selbst noch im Simplizissimus
Grimmelshausens. Denn da fehlt niemals neben dem un—
bewußt Strebenden der treue Mentor; und in diesen noch
geistig gebundenen Zeiten führt schließlich doch das Absolute
selbst, die Hand Gottes, erzieherisch hin zu sich selbst und damit
zugleich zu sich selbst zurück. Faust dagegen ist selbst strebend;
und selbst, aus eigener Macht, fällt er in hartem Lebenskampfe
das böse Prinzip vor Gott als zuschauendem, wenn auch
wissendem Richter. Keine Frage: das ist subjektivistisch: und
unverständlich früheren Zeiten. Doch darf man es auch ro—
mantisch oder klassizistisch oder sentimental nennen? Darf
man innere Beziehungen oder auch nur Harmonien suchen zu
Kant oder Fichte oder Schelling? Nein: die reine Höhe jener
        <pb n="123" />
        Die Frühromantik.

113

Konzeption des Subjektivismus ist erreicht, die auch uns noch
heute voranleuchtet, vor der es keine Schuld gibt als Selbst⸗
aufgabe, vor der auch der gefallenen Liebe Gretchens, weil sie
Liebe ist, nicht irgendwelche Verzeihung, sondern die Gerechtig⸗
keit des reinst Menschlichen winkt.
Und dies ist es denn, was unser in solchem Besitze glück—
liches Volk als das Höchste an seinem größten Dichter ver—⸗
ehren darf: die unbedingte, erhabene Universalität des modernen
Menschen. In ihr hat Goethe leben und sterben wollen.
Dabei war aber der Dichter jeder Verblasenheit des
Denkens, jeder Verwaschenheit der Empfindung fern. Er sah
es wohl: „wir leben in einer Zeit, wo wir uns täglich mehr
angeregt fühlen, die beiden Welten, denen wir angehören, die
obere und die untere, als verbunden zu betrachten, das Ideelle
im Reellen anzuerkennen und unser jeweiliges Mißbehagen mit
dem Endlichen durch Erhebung ins Unendliche zu beschwich—
tigen.“ Aber darum blieb er doch einem kosmopolitischen oder
gar rein mystischen Ausruhen in den Spekulationen etwa
Schellings fremd, so sehr er sie und ihren Autor schätzte.
Und wohl meinte er, in einem engeren Bereiche des Denkens,
es gäbe keine patriotische Kunst und keine patriotische Wissen—
schaft: beide gehörten, wie alles hohe Gute, der ganzen Welt
an und könnten nur durch freie Wechselwirkung aller zugleich
Lebenden in steter Rücksicht auf das, was uns vom Ver—
gangenen übrig und bekannt ist, gefördert werden. Und so
traten ihm neben die Götter und Mythen Griechenlands die
Heiligen und die Künste des abendländischen Mittelalters und
späterer Zeiten, und zur Seite indischer Weisheitslehren sang
ihm Hafis, der Dichter des persischen Ostens.
Aber durchaus irren würde, wer diese Weite des Blickes
bei Goethe mit Kurzsichtigkeit für das Nähere gepaart wähnte.
Im Gegenteil: die Anteilnahme des Greises gehörte je länger
je mehr auch dem Nachbar, dem Landsmann, dem Vaterland.
„Sehen wir unsere Literatur über ein halbes Jahrhundert zurück,
so finden wir, daß nichts um der Fremden willen geschehen ist.“
„Jetzt, da sich eine Weltliteratur einleitet, hat, genau besehen,
Lamvbrecht. Deutfsche Geschichte. X. 0
        <pb n="124" />
        —114 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

der Deutsche am meisten zu verlieren; er wird wohl tun, dieser
Warnung nachzudenken.“ Und immer schärfer, immer mehr
auf den Mikrokosmos des Einzelnen richtet sich des alternden
Dichters Blick. „Der lebendig begabte Geist, sich in prak—
tischer Absicht ans Allernächste haltend, ist das Vorzüglichste
auf Erden.“ „Der geringste Mensch kann komplett sein, wenn
er sich innerhalb der Grenzen seiner Fähigkeiten und Fertig—
keiten bewegt; aber selbst schöne Vorzüge werden verdunkelt,
aufgehoben oder vernichtet, wenn jenes unerläßlich geforderte
Ebenmaß abgeht.“
Es ist der Moment, in dem der scheinbar so theoretische
Universalismus Goethes ins Praktische umschlägt. Wer denkt
sich nicht den greisen Heros leicht nach den einschmeichelnden
Versen Friedrich Schlegels:

Rede heiter, denke milde,
Schwebe still im sauften Gleise,
Blühend nach der Blumen Weise:
Wie sie duften im Gefilde,
Lebe linde, liebe leise.

Und in den Jahren, da Schlegel diese Verse sang, traten
allerdings für Goethe schon leise Alterserscheinungen auf; ver—
hältnismäßig früh ist er von ihnen heimgesucht worden. Man
hat beobachtet, daß schon seit 1808 bei ihm Erfindungsgabe
und Phantasie mindestens zeitweise abnahmen und die Rezepti—
vität zu überwuchern begann; der Tod Schillers im Jahre 1805
hat ihm dann den ersten großen Schmerz seines Lebens ge⸗
bracht, dessen er nicht recht Herr werden konnte; und in den
Annalen dieses Jahres verzeichnet er selbst, daß ihn der künst⸗
lerische Blick nach und nach zu verlassen drohe, und erhofft Ersatz
in den Reizen wissenschaftlicher Beschäftigung.
Allein mochten die Eigenschaften des Dichters nicht mehr
die alten bleiben: die Eigenschaften des Mannes wuchsen.
Je älter Goethe wurde, um so mehr drang er auf die Energie
der Tat, von der er mit dem Freiherrn vom Stein und
manchem anderen bedeutenden Zeitgenossen meinte, daß seine
Zeit ihrer besonders bedürfe und besonders ermangle. Und er
        <pb n="125" />
        Die Frühromantik.

115

tat es schließlich hart, wie so oft jene religiösen Idealisten des
Mittelalters, die als hochbetagte Greise den Stuhl Petri be—
stiegen: an den herben Ausdruck der Glasmalerei beginnt seine
geistige Gestalt zu mahnen, und seine Worte fallen wie asketische
Predigt. Schon im Wilhelm Meister hatte er den Übergang
vom empfindenden zum tätigen Leben als heilsam, als not—⸗
wendig hingestellt; bald zog er ein Leben der Tat, insbesondere
der Kulturwerte schaffenden und der politischen, dem künstlerisch—
ästhetischen Dasein vor: und in den Sprüchen in Prosa erteilt
er den Deutschen den Rat, in einem Zeitraum von dreißig
Jahren das Wort Gemüt nicht auszusprechen: denn jetzt be—
deute es nichts als Nachsicht mit Schwächen, eigenen und
fremden. Voll zur Theorie ausgeprägt aber tritt diese Lehre
in den Wanderjahren, und noch einmal zu höchster Dichtung
verkörpert im zweiten Teile des Faust hervor. Denn was
Faust schließlich rettet, ist die Tat: sie ist es, die nun am
Anfang steht, und nicht das Wort. Aber nicht die egoistische
Tat ist gemeint, ja nicht einmal die Tat bloß persönlicher
Aufopferung; und nichts hat Goethes Ansicht gemein mit den
Leidensidealen des Evangeliums. Vielmehr die unmittelbar
positiv schaffende, die politische Tat ist gemeint: die Tat des
Tages, die Kontinuität einer freien Tätigkeit:
Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,
Der täglich sie erobern muß.
Und eben sie, in allen und jedem lebendig, ist das Ge⸗—
—
liche Dasein des neuen Zeitalters, enthält die Gewähr einer
herrlichen Zukunft. So schafft Faust, um mit freiem Volk
auf freiem Grund zu wohnen; so wird in den Wanderjahren
visionär und doch konkret der jungfräuliche Boden Amerikas
umworben: von dorther wird sich jene universale Kultur er—
heben, die jedem den angemessenen Anteil an den Gütern
dieser Erde und die ungemessene Freiheit geistiger Entwicklung
gewährleistet.
Es sind letzte Gedanken, besser letzte Ahnungen und
Empfindungen, in denen sich noch einmal die beiden Größten
Q*
        <pb n="126" />
        116 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

der Zeit, Beethoven und Goethe, treffen. Ist Faust das Evan⸗
gelium tätiger Manneskraft, so ist Fidelio das Hohelied alles
wagender Frauenliebe. Und schuf Goethe in tausend Stellen
seiner reifen Dichtung immer wieder das Ideal des modernen
Menschen von kraftvoller, seiner selbst sicherer Bescheidenheit,
wie er es lebte, so pries Beethoven dies Ideal in den tausend
Zungen seiner Symphonien und weissagte in deren letzter und
größester seine nahe Verwirklichung.
Es waren das nicht die Ideale der Zeit, am wenigsten
die der Romantik. Weit wies, was Goethe und Beethoven
meinten, über die geistigen Strömungen ihrer Gegenwart
hinweg in die Zukunft, in die Zeiten des Realismus, ja noch
mehr in die Jahre späterer politischer Vollendung des Deutsch⸗
tums: in jene Jahre, in denen auch ihre Urheber erst von
klar begeisterter, weil nun endlich ganz verständnisvoller An⸗
—ID—
Auf diesen Höhen aber begegneten beide dem Glauben und
dem Wesen der Großen aller deutschen, ja aller germanischen
Zeiten überhaupt: denn wo hätten Germanen der Frühzeit wie
Deutsche des Mittelalters, wo ein Luther und Dürer wie ein
Rembrandt und Leibniz wahrhaft Großes geschaffen ohne die
sodernde Leidenschaft der Begeisterung?
        <pb n="127" />
        Zweites Kapitel.
Die Spätromantik.

Rufen wir uns, ehe die Erzählung in der Geschichte der
Romantik fortschreitet, eine in Einzelheiten schon hier und da
angedeutete Gedankenreihe nochmals mit zwei Worten ins
Gedächtnis.
Extremer Subjektivismus, Frühromantik: — man kann
sie: wohl kurz mit dem Namen Mystik bezeichnen. Aber irr—
tümlich würde es sein, daraus ihre Unfruchtbarkeit ableiten
zu wollen. Was gibt es, ließe sich sagen, in fortgeschritteneren
Zeiten schließlich für ein fruchtbareres Prinzip zur Erkenntnis
der Dinge und zur Herrschaft über sie, als sich, wie es nur
in mystischer Vereinigung möglich ist, mit ihnen in Eins zu
setzen? Das Ergebnis eines solchen Verfahrens ist dann aller⸗
dings sicherlich nicht Wissen, sondern Ahnen, nicht Erkenntnis,
sondern Hypothese: als heuristisch kommt es vor allem in Be—
tracht. Indes, wenn wir die Wahrheit immer zu suchen und
nie zu erreichen bestimmt sind: ist da mit einem solchen Er—⸗
gebnis am Ende nicht viel, wenn nicht das Höchste gewonnen?
Unzählig jedenfalls sind die Anregungen, die von der Früh—
romantik ausgegangen sind auf alle Gebiete des Lebens, und eben
auf die dem ersten Anschein nach mystischem Trieb und Treiben
am wenigsten verwandten: vor allem in der Wissenschaft und selbst
in der Politik werden wir ihnen noch begegnen. Und fortgewährt
haben sie zäh durch die ganze erste Periode des Subjektivismus,
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        118 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

wenn auch in langsamer Abnahme der Intensität ihres Ein—
flusses: bis sie in der Zeit erster idealistischer Regungen der
weiten Periode sogar nochmals zu einem stärkeren neuen Leben
erwacht sind, das uns noch heute umfängt: nun freilich nicht
in unmittelbarstem Einflusse mehr, sondern verquickt mit den
Einwirkungen, welche die Kenntnis analoger Vorgänge in
früheren Perioden im Sinne einer Renaissance gestattet.
Für die nächste Auswirkung der Romantik aber, unmittel⸗
bar aus dem Wehen des neuen Geistes heraus, ergab sich bei
alledem ein Merkwürdiges. Mystik ist höchste Poesie; als solche
wenigstens wurde sie von den Frühromantikern empfunden.
Gestattete diese dann aber noch, an sich schon eine Aktualität
und ein geschlossener Zustand, die höchste Ausbildung für sich
lebendiger dichterischer Formen? Erschien nicht selbst die
Dichtung schon nur noch als ihr Ausfluß, als ihre Projektion,
ihr Objekt? So betrachtet hat sich die Poesie der Früh—
romantik nicht zu den freien Höhen der Dichtung des Klassi—
zismus emporflügeln können: sie diente; und sie gewann selbst
Form nur in Beziehung auf einen höheren, im Grunde über
ihr stehenden Inhalt.
Es scheint in diesen Zusammenhängen der Grund zu
liegen, warum der eigentlichsten, der Frühromantik eine be⸗—
sonders ausgebildete musikalische Periode überhaupt und voll—
kommen nicht entsprochen hat. Denn die Musik des Sub—
jektivismus wollte von vornherein souveräne Beherrscherin der
Gefühle sein: wie hätte sie sich da in mystische Dienste
zwingen lassen? Soweit die Frühromantik des musikalischen
Ausdrucks bedurfte, hat sie ihn in der Sprache gesucht: ihr
dachte Liebe in süußen Tönen; und dicht an das Musikalische
streiften viele unter Friedrich Schlegels, Tiecks, Novalis' Ge⸗—
dichten der Frühzeit.
So kam die Musik gleichsam erst zu Worte, sobald die
Grundergebnisse der Frühromantik in einem aus ihnen, wenn
auch ziemlich unmittelbar erfließenden allgemeinen Stimmungs-—
gehalte vorlagen: sie kam zu Worte, indem sie Interpretin
einer schon abgeleiteten, wenn auch noch so lebendigen, einer
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        Die Spätromantik.

119

schon der Sprache zugänglichen Gefühlswelt wurde. Und sie ist
insofern, als der klassischste Ort vielleicht schon der ersten Ab—
leitungen und der unmittelbarsten Emanationen der Frühroman—
iik, eine der entwicklungsgeschichtlich frühesten Erscheinungen
des späteren Romantismus.
In diesem Zusammenhange versteht sich denn auch, daß die
nusikalische Romantik nicht eigentlich durch eine starke Fort—
hildung der absoluten Musik charakterisiert sein konnte; sie folgte
pielmehr dem poetischen Empfinden der Dichter und damit
der Sprache oder mindestens einem dichterischen Grund—
gedanken:

Durch alle Töne tönet
Im bunten Erdentraum
Ein leiser Ton gezogen
Für den, der heimlich lauschet.

Es sind Worte Friedrich Schlegels, die man mit Recht zur
Erklärung vor allem noch von Schumanns C-Dur-Phantasie
herangezogen hat, jener wunderlichen Vielheit von bizarren,
wilden und großen oder intimen und weichen Zügen. Und
doch war Schumann, der größte Instrumentalist noch unter
den Romantikern, bereits in vieler Hinsicht schon ein Vorläufer
der Musik der zweiten Periode des Subjektivismus, der musika—
ischen Kuünste der Liszt und der Wagner!
Indem aber so die Musik zur Poesie in enge Beziehungen
trat, und zwar nicht bloß in interpretatorische, sondern sehr
hald auch in dem Sinne, daß sie den Gefühlsausdruck der
Dichtung reinigte, genauer faßte und dadurch überhöhte,
wurde sie zugleich an die Spitze mindestens der darstellenden
Künste, ja in gewissem Sinne sogar auch schon der bilden—
den Künste der Romantik und erst recht noch späterer Zeiten
gestellt. Es war der Beginn einer Richtung in der Entwick—
lung, die schließlich in dem Gesamtkunstwerk Richard Wagners
zipfelte.
Ehe indes die Musik damit zum Ausdrucke nicht bloß
mehr einer gegebenen Poesie, sondern aller Sehnsuchten,
auch der religiösen und philosophischen, wurde und sich, von
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        120 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

einem neuen instrumentalen Stile aus, und somit von der
Architektonik ihrer eigensten, innersten, absoluten Entwicklung
her in der Dekoration und der Darstellung des musikalischen
Dramas auch Plastik und Architektur, Mimik und Malerei
einverleibte, hatte sie sich zunächst doch dem romantischen Ge—
danken und damit der Dichtung in viel engerem Anschlusse zu
fügen. Und das geschah nicht bloß durch Aufnahme der ob—
jektiven Romantik, der romantischen Inhalte. Gewiß, auch
sie wurden für die musikalische Empfindung maßgebend: die
ganze bunte Märchenwelt, der Leben und Dichtung zusammen—
fiel, zog in das Reich der Töne ein; Mondnächte und Träume
vergangener Herrlichkeit; Zauber ferner Feenländer und Wetter—
stürme tosender Meere: Poesie des Mittelalters und der Urzeit,
stoffliche Anregungen aus Indien und Persien, aus den Wüsten
der Sahara und von den verblauenden Horizonten der Levante.
Aber wichtiger wurden doch die Einflüsse der subjektiven Ro—
mantik: die Tatsache, daß das Moment der musikalischen
Schöpfung aufs engste mit dichterischen Vorstellungen ver—
knüpft war. Sie drückte sich schon äußerlich darin aus, daß,
wie die Dichter der Romantik der Musik aufs nächste traten
und in der Lyrik namentlich musikalische Wirkungen der Sprache
erstrebten, so die großen Musiker der Zeit fast alle poetisch
empfanden: so daß sie vielfach schon Dichter ihrer Librettos
gewesen sind, und daß neben E. Th. A. Hoffmann Weber und
Schumann geradezu als erste musikalische Literaten bezeichnet
werden müssen. Innerlicher aber trat dieselbe Tatsache darin
hervor, daß als bevorzugte Formen der Musik durchaus solche
der Vokalmusik erschienen: Lied und Oper: auf ihrem Gebiete
daher vor allem vollzog sich der Fortschritt.
Es war ein Zusammenhang, der dann, in gewissem Sinne
wiederum nochmals tiefer, im Bereiche der Entwicklung der
musikalischen Formensprache dahin gewirkt hat, daß vornehmlich
nur die Formenwelt der Vokalmusik, und die der Instrumental—
musik wesentlich nur vom Standpunkte des sie begleitenden
Gesanges her fortgebildet wurde.
Man muß sich das gegenwärtig halten, will man die auch
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        Die Spätromantik.

121

heute noch immer wieder erhobene Klage über die Formlosigkeit
der Romantik besonders auch auf dem Gebiete der Musik richtig
würdigen. Allerdings: die alten großen Formen des Klassi—
zismus wurden nicht mehr streng beobachtet oder verfielen: so
die Sonate, die Symphonie: hat doch Tieck im Beginne des
Lustspiels „Die verkehrte Welt“ gar den Versuch gemacht, eine
Symphonie in Worten zu komponieren. Aber es waren Formen
der Instrumentalmusik, wie sie der Klassizismus eben aus seinem
Bedürfnisse heraus, zur Belebung der musikalischen Empfindung
etwa gegenüber dem im bol canto der italienischen Oper er—
starrten Gesange, geschaffen hatte. Jetzt handelte es sich um
ein anderes, um die Belebung eben des Gesanges wiederum
selbst; denn in ihm vor allem empfand sich die Musik als der
Sprache und Dichtung verbunden. Und auf diesem Gebiete
sind gerade von den Musikern der Romantik zwei ebenso bieg—
same wie andrerseits wieder strenge Formen erst recht geschaffen
und durchgebildet worden: das Lied und die deutsche Oper;
mit welch reichem und steigendem Erfolge, wird bald zu er—
zählen sein. Freilich läßt sich auch für sie wieder sagen, daß
es nicht eigentlich bloß musikalische Formen sind; sie sind nicht
Gehäuse von strengster, rein architektonischer Fügung einer
absoluten Musik; das Moment der Poesie klingt in ihnen auf;
und das Lied verhält sich als einfachste Komponente, als Zelle
gleichsam zur Oper, wie in der dichterischen Epik die Szene zum
Roman und im Drama Monolog und Szenenbildung zum Akt
und zum Ganzen der Akte. Allein enthält das Wort Friedrich
Schlegels, daß die Baukunst eine „gefrorene“ Musik sei, nicht
eine tiefe Wahrheit? Die Zeit der Romantik jedenfalls lebte
in den geschilderten Zusammenhängen, ja suchte sogar die
Instrumentalmusik ganz in sie hineinzuziehen. „Wer Sinn für
die wunderbaren Affinitäten aller Künste und Wissenschaften
hat,“ heißt es im Athenaeum!, „wird .. eine gewisse Tendenz
aller reinen Instrumentalmusik zur Philosophie an sich nicht
unmöglich finden. Muß die reine Instrumentalmusik sich nicht

1, 2, S. 144.
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        122 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

selbst einen Text erschaffen, und wird das Thema in ihr nicht
so entwickelt, bestätigt, variiert und kontrastiert, wie der Gegen—
stand der Meditation in einer philosophischen Ideenreihe?“
Wie man aber auch über die Verwandtschaften der Künste
untereinander und der Künste und „Wissenschaften“ — die
Wissenschaft ist der Romantik freilich im Grunde Mystik,
Meditation“ — denken möge: gewiß ist, daß die romantische
Musik die Elemente ihrer bevorzugten Formen, des Liedes und
der Oper, man könnte auch sagen die Formelemente, welche
mit einem dichterischen Grundgedanken im Bereiche menschlicher
Stimmwirkung verknüpft werden können, im einzelnen wie im
ganzen nicht wenig gefördert hat. Im Grunde handelte es
sich dabei natürlich um die musikalische Abschattierung neuer
Empfindungen und Empfindungsnuancen, mithin um das, was
musikalisch mit einer Vermischung der für Malerei und Musik
charakteristischen Reizbenennungen, die in der Romantik selbst
schon häufig zu beobachten ist, am besten als Kolorismus be—⸗—
zeichnet werden kann. Kolorismus der Töne, das ist es, was
nan vor allem ausbildet, so wie in der Dichtung der Koloris—
mus der Sprache gefördert wird.
Und auch die Mittel, die dazu in der Musik angewendet
werden, entsprechen in vieler Hinsicht unmittelbar den sprach—
lichen. Da werden archaische Formen aufgesucht und neu
belebt: so übermäßige und verminderte Akkorde, Trugschlüsse,
Vorhalte und dergleichen; und es wird gelegentlich auch gern
auf die noch ältere naive Monodie des Volksliedes zurück—
gegriffen. Da wird nicht minder fremde Erfindung nach—
zeahmt und tributär gemacht: nicht nur, daß gelegentlich un—
erwartet bekannte und doch verpönte fremde Melodien anklingen,
wie etwa die Marseillaise in Schumanns „Frühlingsschwank“;
schon bei Schubert erscheint ungarische und Zigeunermusik;
und Spohr und Weber haben bereits das Kolorit morgen—
ländischer Musik zu benutzen gesucht, freilich ohne es wirklich zu
treffen. Viel wichtiger, als diese mehr mechanischen Bereiche—
rungen, war aber auf diesem Gebiete doch die Fortbildung des
Figenen. Und welchen neuen, steigend aufgehäuften Schätzen
        <pb n="133" />
        Die Spätromantik.

128

hegegnet man hier! Jetzt wird die Instrumentationskunst, vor
allem für die Begleitmusik zum Gesange, zum ersten Male
überhaupt Gegenstand ernstester Studien: um sie jeder Empfin⸗—
dung, vor allem aber allen romantischen Regungen des Ge—
fühls dienstbar zu machen, wird zum ersten Male steigend
die Dissonanz in den Mittelpunkt der musikalischen Satztechnik
gestellt: es tauchen, nicht als einzelne Erscheinung, sondern
als ständiger Ausdruck von Halbempfindungen chromatische
Ton- und Akkordfolgen sowie weite Lagen dissonierender Klänge
auf, und ganz allgemein werden tonale Schwankungen, wird
rzin Mangel an tonaler Einheit bemerklich. Dabei greift die
Entwicklung bald über die Durchbildung dieser noch einfachsten
neuen Charakterisierungsmittel hinaus. Auch die Motive er⸗
fahren eine andere Behandlung; ihre mehr melodische Bildung
hört auf; und an die Stelle tritt eine rhythmische von viel
größerer Kürze und Bestimmtheit des Ausdruckes, bis schließlich
schon bei Weber in zunehmender Deutlichkeit das Leitmotiv
hervorspringt und damit eine Bildung, in welcher die Aus—
gestaltung des Melodischen dem Sprachlich-Dichterischen so viel
als möglich genähert erscheint. Indem nun aber all diese
Wandlungen zusammenwirken, indem die Charakterisierungs⸗
kunst in Tönen durch sie wesentlich gefördert, die modula—
torischen Kräfte der Musik gesteigert, die Rhythmik stärker
belebt und das ganze Neue malerischen und poetischen Ab—
sichten dienstbar gemacht wird: nimmt die Wandlung und Fort⸗
bildung Dimensionen an, welche weit über Gesang und Be—
gleitung, über Lied und Oper hinaus auch auf die absolute
Musik völlig umbildend einwirken: und als letzter der großen
Musiker der Romantik erscheint ein auch in der Instrumental—
musik höchst schöpferischer Meister, der in seiner Behandlung
der Formenwelt freilich schon in weitere Entwicklungen über—
leitet: Robert Schumann.
Verfolgen wir nun die Entwicklung der romantischen
Musik im einzelnen, so braucht wohl kaum noch bemerkt
zu werden, daß sie mit der Geschichte des Liedes eröffnet
verden muß.
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        124 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Auf diesem Gebiete drängte die Romantik zunächst überall
auf ein dem einfachen lyrischen Gedicht entsprechendes musi—⸗
kalisches Gebilde: die Franzosen haben in diesem Sinne die
Romanze entwickelt. Lied und Romanze aber bezeichnen ganz
allgemein den Unterschied der französischen und deutschen Ro—
mantik, ja fast könnte man sagen des deutschen und franzö⸗—
sischen Geistes. Wie tritt doch schon der Charakter des
älteren deutschen Volksliedes und des älteren französischen
Gesellschaftsliedes, der Strophen etwa über den Bon roi
Dagobert bis hin zu dem Singsang von Marlborough s'en
va-t-en guerre, grundsätzlich auseinander! Dort Herz und
Gemüt, flutende Melodie bis oft zu sentimentaler Kantilene;
hier Esprit und jene leise Ironie, die fast jedes französische
Gespräch durchscheint, und in der Musik dann tatsächlich auch,
nach deutscher Empfindung, ein starker Einschuß trällernden
Gesprächstons! In Romanze und neuerem deutschen Lied
aber erscheinen diese Gegensätze fast noch ebenso verschärft als
vergeistigt: bis zu dem Grade, daß der französischen Sprache
ebensowenig eine Übersetzung für Lied zur Verfügung steht
wie der deutschen für Romanze, und daß es in beiden Sprachen
langer und doch ungenügender Interpretationen bedarf, um
beide Begriffe wechselsweise auch nur verständlich zu machen.
Die neuere französische Oper aber, die Spieloper der
Opéra comique wie die Große Oper der Académieèé nationale
de Musique sind ebenso auf die Romanze aufgebaut wie die
deutsche Oper der Weber und Marschner, der Nicolai und
Lortzing auf das Lied.
Dies neue deutsche Lied ist nun allerdings nicht erst ein
Erzeugnis der Romantik. Mit Sturm und Drang, ja bereits mit
der Zeit der Empfindsamkeit hatte es seine Schwingen gehoben,
ein echtes, noch heute jugendfrisches Kind subjektivistischer Zeiten
überhaupt. So hat schon Gluck die schönsten Oden Klopstocks
liedmäßig komponiert und Hiller mit seinen Liedern sogar
bereits das erste deutsche Singspiel, den Vorläufer von komischer
Oper und Operette, geschaffen. Und schon Schulz zeigte sich
in der Einführung seiner „Lieder im Volkston, bei dem Klavier
        <pb n="135" />
        Die Spätromantik.

iez

zu singen“, die 1785 erschienen, über das Wesen der neuen
Kunstgattung klar: durch Melodie und Gesang sollten die
Worte des Liederdichters allgemeinere und erhöhte Aufmerk⸗
samkeit erregen. Dann hat Mozart in der Zauberflöte mehr als
einmal das Arioso zugunsten des Liedmäßigen fallen lassen, und
von seinen Einzelliedern leben heute noch „Komm, lieber Mai,
und mache“ und „Brüder, reicht die Hand zum Bunde“ fort,
wie von Haydn „Gott erhalte Franz den Kaiser“ („Deutschland,
Deutschland über Alles“). Beethoven aber hat in den Liedern
an die ferne Geliebte schon den ersten Liederzyklus komponiert.
Dennoch entband erst die Romantik gänzlich die neue
Form. Denn jetzt erst verschwindet das Arienmäßige, gedrungen
Kunstartige, „Vornehme“. Jetzt erst bedarf es nicht mehr der
gelegentlich noch bei Beethoven gegebenen Weisung: „mit der
innigsten Empfindung vorzutragen“. Jetzt vor allem erst wird
das Lied populär und Eigentum breitester Schichten.
Nichts aber ist dabei für den Umschwung charakteristischer,
als daß nun neben dem neuen Gesang auch all die alte Lieder⸗
lust der Nation wiederum erwacht. Wenige Jahre nach dem
Erscheinen von „des Knaben Wunderhorn“, dessen reiche Samm—⸗
lung das Liederarchiv der Vergangenheit erschloß, gründete
Zelter in Berlin, im Jahre 1809, die erste Liedertafel; und
ihr folgte ein Jahr später in der Schweiz, in Zürich, auf
Anregung Nägelis der erste Männergesangverein. Und wie
rasch verbreiteten sich diese Organe einer nationalen Pflege
des Liedes! Wie griff man eifrig nach der „Sammlung
deutscher Volkslieder“, die Silcher veranstaltete, und wie sang
man dessen eigene Kompositionen, von denen noch heute „Ich
weiß nicht, was soll es bedeuten“, „Ich hatt' einen Kameraden“,
„Morgenrot, Morgenrot“, „Es zogen drei Bursche wohl über
den Rhein“ und manch andere frisch wie am ersten Tage
leben. Und neben den süddeutschen Silcher trat im von jeher
sangesfreudigen Thüringen und seinem Kolonialgebiete, in
Leipzig, Zöllner, der „Sängervater“; im Jahre 1833 hat er
den ersten „Zöllner-Verein“ gegründet.
Es war eine volkstümliche Pflege der Kunst, die nicht
        <pb n="136" />
        126 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

ohne politische Bedeutung geblieben ist; solange mindestens
und so stark wie das Deutsche Reich der Gegenwart durch
Handel und Verkehr zusammengeschweißt worden ist, ist es
auch von tausend und abertausend Kehlen zusammengesungen
worden.
Doch über den Fluten des nationalen Gesanges ertönte
alsbald auch der edlere Flügelschlag des Kunstlieds.
Der erste große Meister des Kunstliedes war Franz
Schubert (1797-51828): ein Sänger, wie ihn die roman—
tische Phantasie fahrender Schüler kaum besser hätte erfinden
können, ein Bohémien vor der Zeit, doch von gemildert
wienerischem Wesen; der Vogel, der von den Zweigen sang
gleichgültig selbst, ob auch nur Gott ihm lohne, der Mann eines
stetigen milden Enthusiasmus, Optimist durch und durch, nie—
mandem untertan und niemandes Herr, auch nicht seiner selber.
Das schöuste Liederjahr Schuberts ist wohl das Jahr
1814 gewesen, damals und da herum hat er als Schulgehilfe
seines Vaters, eines armen Lehrers mit vierzehn Kindern und
bierhundert Gulden Gehalt, in dessen Brot — und was für
einem Brot! — den „Wanderer“ und den „Erlkönig“, die
Mignonlieder, den „Fischer“ und das „Heideröslein“ — darüber
auch noch Opern und Singspiele, Messen und Kirchenchöre,
die erste Symphonie, Sonaten, ein Streichquartett und tausend
andere Dinge geschaffen.
Am unerschöpflichsten aber war er doch als Liedersänger.
Es genügte für die Komposition oft, daß er ein Gedicht las;
denn er las es mit der aufquellenden Melodie zugleich. Und
er schrieb die Eingebungen nieder, wo er sich eben befand, bei
Freunden, im Wirtshaus; Speisekarten, Papierschnitzel emp⸗
fingen nicht selten unsterblichen Gehalt. So war er auch in der
Form nicht ängstlich. Er ging wohl von der strengen Art
Beethovens aus, den er kindlich verehrte, so sehr sich der
Meister gegen seinen liebenswürdigen und einschmeichelnden
Genius bei aller inneren Anerkennung spröde verhielt. Aber
im Grunde stand zwischen beiden doch der Gegensatz von
Heroismus und Romantik; und so war es Schuberts Aufgabe,
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        Die Spätromantik.

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dem Liede selbständig seine Form zu geben. Und dies be—
deutete eine Freiheit, die er reichlich nutzte. Er hat „Am
Brunnen vor dem Tore“ und „An Schwager Kronos“, er hat
„Die junge Nonne“ und die „Grenzen der Menschheit“ kom—
voniert: keine der möglichen Liedformen, die bis zur Gegen—
wart hin entwickelt worden find, ist ihm schon völlig fern ge—
blieben. Da ordnen sich denn die Lieder gelegentlich wohl
zu Zyklen, wie in der „Winterreise“ und in dem sogenannten
„Schwanengesang“; das Volkstümliche paart sich mit dem Kunst—
mäßigen früherer Zeiten; das Ganze schließt sich, und der
Meister erscheint fast als ein Symphoniker des Liedes. Da
wird in anderen Fällen die geschlossene Form durchbrochen und
der Klavierapparat fast zur Programmmusik erweitert. Da
zeigt sich wohl auch der sichere Stil und die Tabulatur des
Volkslieds: und das Heideröslein entsteht. Da bringt endlich
ein Opus 1 — die Nummern bezeichnen bei Schubert, der
sich um seine musischen Kinder nicht im geringsten, am wenigsten
etwa durch Reihezahlen kümmerte, freilich nicht sicher die relative
Zeit des Entstehens — da bringt also ein Opus 1 alsbald
den „Erlkönig“ und in ihm die Vollendung der musikalischen
Form der Ballade. Da erweitert sich manches Lied sogar zur
dramatischen Skizze von gedrängtester Empfindung; und der
Dichter steht beschämt vor dem Gefühlsreichtum des Komponisten.
Doch wie auch die Form moduliert wird: eins bleibt be—
stehen, die Klarheit und auch noch die wenngleich künstlerisch
gewandte Volkstümlichkeit des Ganzen. Schuberts Lieder
hauchen Erdgeruch aus gleich dem gesunden Brodem der Pflug-⸗
furche, sie sind nicht „vornehm“; raffinierte Halbempfindungen
parfümierter Kreise, etwa Schlegels „Windesrauschen, Gottes
Flügel“, vermag der Meister nicht befriedigend in Töne zu fassen.
Denn dazu sagen seine Lieder von vornherein viel zu deutlich
und zu genau, was sie wollen; die ersten Takte schon schlagen
die richtige Stimmung an; durchsichtig ist die Melodie geführt,
und die Klavierbegleitung zeichnet breit, oft mit enormer, kaum
je übertroffener Kunst der Malerei die festesten Umrisse der
Umwelt.
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        128 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Da begreift sich denn auch, daß Schubert keineswegs nur
Liederkomponist gewesen ist. Er hatte das Bedürfnis, sich all⸗
seitig auszuleben. Er hat tiefsinnige Sonaten für Klavier ge—
schrieben, nicht ohne sie in „göttliche Lüngen“ auszuspinnen,
mit heute vielfach veraltetem technischen Apparate, aber auch
schon mit leisen ÜUbergängen zu den Umwälzungen Liszts und
Wagners. Denn er konnte wenn auch nicht grübeln, so doch
gründlich reflektieren, und er meinte, daß die Sonate hier⸗
für ein geeigneter Ort sei, mochte sie auch unter dieser Zu—
mutung einiges von der alten Geschlossenheit ihrer Form
verlieren. Wollte Schubert aber leicht sein und spielerisch,
mehr Weaner als Wiener und weniger Musiker als Musikant,
so vertraute er sich dem Tanze und Marsche an, und kam's
hoch, so griff er zur Ouvertüre. In seinen Quartetten da—
gegen begegnete er sich noch mit Beethoven; und was kann
man von der schweren Philosophie seiner anscheinend unvoll—
endeten herrlichen H-Moll-Symphonie Besseres sagen, als daß
sie würdig war des Zusammenlebens mit diesem Größten aller
Großen, der nur ein Jahr vor ihm starb, und verwandt er⸗
scheint mit dem spätgeborenen Werk eines Brahms?
Das Lied aber entwickelte sich nach Schubert immerhin
noch in vollere Breiten. Wie neben die Lyrik des Sturmes
und Dranges schon, als Ausdruck rapider, dramatischer Epik,
aicht ohne lyrische Empfindungsbeigaben, die Ballade getreten
var, so entfaltete sich neben dem musikalischen Liede auch eine
besondere Musik der Ballade: wir haben schon gesehen, wie
sie bei Schubert wenn auch nicht mit zahlreichen, so doch um
so mehr mit bedeutenden Stücken vertreten war. Aber bereits
vorher hatte Zumsteeg, seit 1792 Hofkapellmeister in Stuttgart,
Balladen komponiert, und eben die großen Anfangswerke der
literarischen Bewegung, Bürgers „Leonore“ und anderes, waren
bon ihm in Musik gesetzt worden. Der eigentliche Balladenkönig
der späteren Zeit ist dann aber der Sachse Karl Loewe (1796
dis 1869) geworden. Er war vornehmlich in den zwanziger
dis vierziger Jahren fruchtbar; aber noch immer singt man seinen
Erlkönig“ oder „Heinrich der Vogler“, seinen „Fridericus Rex“
        <pb n="139" />
        Die Spätromantik.

rao

oder „Archibald Douglas“: Stücke, welche alle Vorteile der
Komposition Loewes zeigen: die Zerlegung des Stoffes in eine
Art Liederreihe, ihre Unterbrechung durch rezitativartige Partien
und ihre Verbindung durch eine Begleitmusik, in der neben
symphonischem Charakter schon Spuren einer Musik des Leit⸗
motivs auftauchen.
Indes nicht eigentlich auf dem Gebiete der Ballade hat
ich das Lied fortentwickelt: zu sehr wies hier, vor allem in
comantischer Zeit, der epische Gehalt von den breiten Be—
ceichen des Stimmungsvollen hinweg. Es macht sich das nament⸗
lich auch in Loewes Musik geltend; zu oft schon hat sie etwas
Hartes, Realistisches und bewahrt darum auch strengere Form:
ein Moment, das sie nach rückwärts wiederum mit dem Klassi—
zismus und der Technik Zumsteegs verbindet.
In der Hauptströmung der Geschichte des Liedes waren es
aatürlich die großen Musiker der Romantik überhaupt, die Epoche
nachten: Weber, Mendelssohn, Schumann; und nur Franz
würde neben ihnen noch als ein Meister von vollster Eigenart
su nennen sein. Weber war dabei nicht so sehr der Held der
subjektiven als schon der objektiven Romantik; in keinem seiner
Lieder verleugnet sich seine allgemeine Stellung als größter
Komponist der romantischen Oper. Er nähert sich darum
ähnlich wie im Freischütz dem Volkston; und was in dessen
Liedern sangbar war seit Jahrhunderten, das lebt in ihm auf
und fort. Doch gelang ihm auch die Weiterbildung dieses
Tones in Anwendung auf moderne Verhältnisse: vor allem
die Kompositionen der Lieder aus Körners „Leier und Schwert“
heweisen es: wie lange haben sie, in den Chören der Männer—
gesangvereine pietätvoll gepflegt, wenn nicht die volle Stimmung,
so doch das Andenken der Freiheitskriege erhalten helfen.
Weicher, mehr auf das Bedürfnis des mittlerweile ganz ent—
vickelten Männergesanges eingestellt, ist die Kunst Mendels—
sohns: selbst seine schönsten Kompositionen, „Es ist bestimmt
n Gottes Rat“ oder „Wer hat dich, du schöner Wald“ be—
deuten nicht eigentlich mehr Sturm, sondern Dünung, stend
nehr anempfunden als erlebt. Sie waren darum auch nicht
Ldamprecht, Deutsche Geschichte. X.
        <pb n="140" />
        130 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

eben schwer nachzuahmen; und es ist vielleicht ihr herbstes
Schicksal gewesen, daß ihre Art von Abt, von Gumbert, von
Kücken und anderen Helden verseicht werden konnte.
Die vollste entwicklungsgeschichtliche Höhe erreichte das
speziftsch romantische Kunstlied erst in Schumann. Besonders
wenn sich Schumann mit dem Spätling der dichterischen Früh—
romantik, mit Heine traf. Welche Deutung Heinescher Lieder
in ihrer tiefen Melancholie gibt nicht vor allem der Zyklus
der „Dichterliebe'! Was dem Poeten Erlebnis gewesen war,
das wurde dem Komponisten Schicksal. Und nun ergießt sich
über den Hörer trotz stetig festgehaltener gedrückter Stimmung
ein unglaublicher Wechsel der Stimmungen von den noch halb
hoffnungsvollen Tönen des wunderschönen Monats Mai bis
hin zu dem in Verzweiflung gebrochenen „Ich grolle nicht“,
und von dem breit hingeworfenen „Im Rhein, im heiligen
Strome“, dessen Harmonien sich wie Quadern aufbauen, bis zu
dem Idyll des leuchtenden Sommermorgens, das leise Töne
aus einer nicht mehr irdischen Formenwelt umhauchen. Hat der
Dichter seinen Liedern wie seiner Liebe das groteske Begräbnis
in einem Riesensarge gewünscht, den Träger stärker wie der
St. Christoph des Kölner Doms im Ozean betten sollen —:
in Schumanns Töne gefaßt haben sie mehr als dieses Wunsches
Erfüllung erlebt, werden sie noch Menschenalter deutschen Lebens
erschüttern.
Gewiß wird man Schumann schon auf Grund dieses einen
Zyklus als den charakteristischsten Liederdichter der Romantik
insprechen dürfen. Ob auch als den an sich größten? Mehr als
sonst jemand hat er das Pathos der Romantik; aber wo Schubert
zu sinnen scheint, da brütet und starrt er bisweilen: es ist
manchmal, als kündigte sich das unheilvolle Ende seines Lebens,
der Sprung von der Düsseldorfer Brücke in die Rheinflut eines
eisigen Wintertages, die Nacht der letzten wahnsinnigen Jahre
oerderbenhauchend an. Es fehlt das schöne, naive Maß
Schuberts: der Meister weicht der Stimmung, eilt ihr nach,
läst sich von ihr fortreißen, und sie flutet in langen Vor—
und Nachspielen aus. Zugleich malt er nicht selten al fresco
        <pb n="141" />
        Die Spätromantik.

—131

trotz reichster Mittel — denn weit übertrifft seine Harmonik
an Umfang und Intensität die Schuberts —: aber Schubert
zeichnet mit weniger Mitteln feiner und setzt der Wandmalerei
eine fast plastische, reliefartige Kunst entgegen. So ist Schumann
in der Form breiter, die Begleitung wächst zu orchestraler Fülle
und deckt bisweilen im Suchen nach Wohlklang die Stimme;
doch schwingt sich die Stimme im allgemeinen frei über ihr
auf: während bei Schubert Stimme und Begleitung mehr als
Freunde zusammenwandeln und sich in einer Prägnanz des
Gesamtausdruckes ergehen, die Schumann der Regel nach ver—⸗
sagt ist.
Im übrigen weiß man, daß das deutsche Lied mit der
Romantik keineswegs abgestorben ist. Auf Schumann folgte
nicht bloß Robert Franz in seiner vornehmen Herbheit; neue
Zeiten brachten neue Meister; wir werden noch von Brahms
und Rubinstein, von Liszt und Cornelius, von Strauß und
Wolf vernehmen; und noch heute wallt und quillt es im
deutschen Liederbronnen wie vor alters. Was aber für die
Romantik zum ersten Male bezeichnend war, das war der
Umstand, daß die großen Meister nicht isoliert standen und
nicht für eine exklusive Gesellschaft schufen: ihr Hörerkreis war
die Nation, wie sie seit 1815 erwacht war; und unzählige
Trabanten und Halbtalente vermittelten die neue Liedkunst
den Massen.
Man muß sich das anschaulich machen, will man den
außerordentlichen Aufschwung der Oper in und seit der Zeit
der Romantik verstehen.
Schon in den Jahrzehnten des Klassizismus hatte das
Lied auf die Oper Einfluß gewonnen. Läßt sich nicht schon
die Glucksche Reform als ein Vorläufer gleichsam der Lied—
entwicklung in der Oper bezeichnen, insofern sie das Expressive
anstrebte? Darauf ist nicht bloß das Singspiel fast ein Pro⸗
dukt der Entwicklung des Liedes gewesen; Mozart hat mit dem
Singspielartigen auch das Liedartige in die „Entführung aus
dem Serail“, hat das Lied in seiner ernsten Ausbildung in die
„Zauberflöte“ eingeführt. Und wie nahe trat in dieser Hinsicht
92*
        <pb n="142" />
        132 Hierundzwanzigstes Buch. 5weites Kapitel.

Beethovens „Fidelio“ der letzten Weisheit Mozarts. Gleich⸗
wohl war damit noch nicht alles versucht, geschweige denn er—
reicht. Beethovens Werk hat auf die Bühnenpraxis der Oper
zeringen Einfluß gehabt, da es erst in den zwanziger und dreißiger
Jahren des 19. Jahrhunderts beliebter zu werden begann; bei
Mozart war trotz allem noch zu viel vom italienischen Schema
zurück geblieben. Und die klassizistischen Epigonen, Winter,
Lindpaintner, auch Franz Lachner, haben daran wenig ge—
ändert. Ja selbst Ludwig Spohr (1784 -1859) gelang es
noch nicht, sich von den Schwierigkeiten einer Zwischenentwick—
lung völlig zu lösen. Er war sich deren zwar bewußt; und
er wollte romantisch schaffen. Allein in seinen Opern, deren
wichtigste Faust und die auch heute noch aufgeführte Jessonda
waren, trieb doch mehr eine klassizistisch objektive als eine
subjektive Romantik ihr Wesen: Geister und Hexen traten zwar
auf, wie ein exotisches Kolorit gesucht wurde, allein genügten
diese Requisiten schon an sich zum romantischen Charakter?
Und gewiß zeigten sich daneben auch schon Symptome einer
mehr innerlichen Abwandlung; die Chromatik wird bevorzugt,
die Modulation wird sprunghaft, und als persönliches Element
findet sich eine gewisse Sentimentalität bei aller zurückhaltenden
Vornehmheit der Tonsprache. Aber daneben bleiben die alten
strengen Formen der Oper — wie in der heute vergessenen
Instrumentalmusik Spohrs die Formen der Symphonie, des
Dratoriums, des Quartetts — erhalten: und das Talent des
Meisters erweist sich nicht als stark genug, um sie in elemen⸗
tarem Neugusse zu wandeln.
Der Held, der hier siegte und damit zum eigentlichen Schöpfer
der romantischen, nunmehr zugleich völlig deutschen Oper wurde,
war Karl Maria von Weber (1786 -1826). Weber war Theater⸗
kind und in der Musik bis zu einem gewissen Grade Dilettant;
unstät in der Welt umhergeworfen, hatte er die verschiedensten
Lehrer gehabt und sah sich im Grunde der allgemeinen Zeit⸗
strömung und seinem eigenen Talente überlassen. Diese aber
ergriff er mit jener starken Energie, die ihm überhaupt eigen
war und ihn alsbald auf das Dramatische verwies, hierin
        <pb n="143" />
        Die Spätromantik.

133

Haydn unähnlich, mit dem sich die Art seines musikalischen
Emporkommens im übrigen in mancher Hinsicht vergleichen läßt.
So war es eigentlich selbstverständlich, daß er weniger in den
technischen Kleinformen der Musik als ins Große hinein ein
Reuerer war. Stellt man seine Klaviermusik, der so unverwüst⸗
liche. Stücke wie die „Aufforderung zum Tanz“ angehören,
neben diejenige Beethovens, so ist harmonisch eigentlich kein
großer Unterschied; manche Stellen könnte man geradezu für
Eigentum Beethovens ansprechen. Allein das Gigantische
fehlt; der Titan schläft; und auch technisch wird der Einfluß
der Instrumentalmusik vermißt: das Klavier Webers ist kein
kleines Orchester. Dagegen treten romantisch objektive Mo—
mente neu hervor: Volkstum, Märchenwelt, Zeichen und
Wunder: und ihnen entspricht eine besondere Behandlung des
Klaviers. Doch ist damit Webers Musik noch nicht gänzlich
erklärt: sie ist zugleich auch dick, packt zu, operiert mit ge—
waltigen Spannungen und großen Griffen, wie denn Weber
über Finger von übernormaler Länge verfügte: kündet den
Dramatiker an.
Die neue romantische Oper hat Weber in Dresden geschaffen,
wo er seit 1816 ein stetigeres, wenn auch nicht unbestrittenes
Heim fand; als Dirigent der deutschen Oper mußte er sich erst
gegen die von Hof und Adel geliebte italienische Konkurrenz unter
Morlacchi durchsetzen; als Komponist der Freiheitslieder Körners
war er politisch verdächtig. Es war fast wie eine Vorweg—
nahme der Erfahrungen Richard Wagners in Dresden. Und
wie eine Vorstufe der Tätigkeit Wagners erscheint auch sonst
die Dresdner Zeit des Meisters. Wie dieser nutzte er in
seiner amtlichen Stellung die Erfahrungen einer der Bühne
nicht fernstehenden Jugendzeit aus: griff in die Rechte des
Regisseurs ein, drillte die Sänger zu Schauspielern. Und all
die Ergebnisse, die sich bei solchem Tun einstellten, wurden in
seinem musikalischen Schaffen für die Bühne doppelt lebendig.
Damit schwand denn die alte, noch immer herrschende Vor—
stellung, daß die Arie das konstituierende Element der Oper
sei; an ihre Stelle trat Lied und Szene; und die damit
        <pb n="144" />
        134 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

eingeleitete Annäherung an das Drama wurde fortgesetzt, in⸗
dem die Musik den letzten Abglanz des Absoluten verlor und
allein der Charakterisierung dienen sollte. So ergab sich eine
ganz andere Art der Instrumentation; die Instrumente suchten
nicht mehr zu schmeicheln, sondern ein jedes trat nur dann
hervor, wenn es etwas eben in seinem Tone zu sagen hatte:
und indem sie so zusammen nicht mehr einen simultanen, sondern
einen sukzessiven Chorus bildeten, wurden sie zugleich zu
Schöpfern einer ersten, mehr symphonischen Einheit des Ganzen.
Es war eine Bewegung, die sich sozusagen rein technisch ergab,
die aber der Komponist bewußt aufnahm. Indem Weber die
Ldiedmelodien der fünf Akte zu dem Kranz einer neuen Art
hon Ouvertüre zusammenband, die, ein Programm gleich—
sam, die harrenden Hörer von vornherein in die musikalische
Stimmung der Oper einführte, brachte er deren Einheit als⸗
bhald auch innerlich zum Bewußtsein; und indem er das System
der Leitmotive wenn auch noch nicht zu vollster Folgerichtigkeit
entwickelte, hielt er den Zusammenhang des ganzen Verlaufes
in der stetigen Erinnerung der Hörerschaft. Eine neue Form
der Oper war damit geschaffen, die Form eines ausschließlich
deutschen, auf das Lied konstituierten musikalischen Dramas
symphonischen Charakters selbst da, wo das bloße gesprochene
Wort die Musik noch unterbrach: die Form, aus der später
das vollendete Musikdrama Wagners, das Musikdrama der
Gegenwart überhaupt hervorging.
Weber hatte noch um 1812 in der Form der italienischen
Buffo-Oper geschaffen. Aus dem Dresdner Aufenthalt erwuchs
dann die Musik zur Preziosa und die „Drei Pintos“, in deren
heiter graziösen Rhythmen sich noch einmal das 18. Jahr—
—
schon der Komponist der Aufforderung zum Tanz und der
Meister des Freischützen ankündigt: selbst die Jungfernkranz⸗
zene findet sich, wenn auch nur äußerlich, vorgeahnt. Vor—
geahnt wenigstens für das große Publikum und die Offentlich—
keit: denn als die Szenen der niemals ganz zu Ende geführten
Oper komponiert wurden, harrte auch das Hauptwerk der
        <pb n="145" />
        Die Spätromantik.

135

Dresdner Frühzeit, der Freischütz, Webers vollendetstes Werk
überhaupt, schon der Aufführung. Sie fand im Sommer 1821
zum ersten Male statt: unter beispiellosem Beifall der Hörer.
Was bot aber auch dies musikalisch und dramatisch revolutio⸗
näre Werk unserem Volke! Was ist nicht alles schon in der
Duvertüre enthalten, die im übrigen die strenge Form der
Sonate noch nicht sprengt: Waldesweben und die stille Poesie
der Mondscheinnacht, Jägerfrohsinn und der rauhe Ton des
Bösen, Liebesglück und Verzweiflung, das Erzittern vor der
dämonischen Macht der Sünde und der Siegesjubel eines rein
liebenden Herzens. Und wie schlägt aus der Oper selbst, die
ihr Meister mit Recht eine romantische genannt hat, das Herz
des Volkes heraus, soweit es unter der Stimmung einfacher
bäuerlicher Zustände und der Wirkung ursprünglicher Gefühle
der Liebe und des Hasses, der Abhängigkeit von guten und
hösen Mächten steht. Und erstaunlich ist auch noch für unser
Empfinden die Durchdringung und die Veredlung zugleich dieser
polkstümlichen Welt.
Auf den Freischütz folgte, 1823, die „Euryanthe“. Es ist ein
Werk, das der später durch Wagner bezeichneten Periode besonders
aahe tritt. Die Musik erscheint hier dem dichterischen Gedanken
pöllig untergeordnet; grundsätzlich und in allen wichtigen Fällen
auch praktisch gibt sie das Gesetz ihrer herkömmlichen Organi—
sation, ihres Formenbaues auf, wenn dies durch den Fortschritt
des dramatischen Gedankens gefordert wird. So springt un—
zählige Male die geschlossene Form ungescheut in das Rezitativ
über; so stellen sichh Beugungen und Unterbrechungen durch
Leitmotive ein; aus deklamatorischen Elementen erheben sich
ariose Formen, deren Koloraturen ganz dem Ausdrucke der
Stimmung dienstbar gemacht sind; das gesamte musikalische
Wesen wird akzentreich und pathetisch; und Steigerungen von
außerordentlicher Langatmigkeit werden gewagt und veranlassen
die Stimmen der Sänger wie des Orchesters zu nie zuvor er—
hörter Anspannung. Gleichwohl sind in der Euryanthe die
Pforten einer neuen Zeit noch nicht ganz erreicht, geschweige
denn überschritten. Denn obwohl sich im einzelnen schon die
        <pb n="146" />
        136 Vierundzwanzigstes Buch, Zweites Kapitel.

Formenwelt des späteren Musikdramas vorgezeichnet findet oder
zu leiser Bildung ansetzt, so fehlt doch im ganzen noch dessen
seelischer Gehalt, — und damit auch noch dessen eigentlichste,
nervenspannende Sprache. Zugleich macht sich ein Mangel im
höchsten Grade fühlbar, den ebenfalls erst Wagner als Dichter
und Komponist des musikalischen Dramas zugleich überwunden
hat. Weber ist zwar in gewissem Sinne noch vor Schumann
musikalischer Literat gewesen, hat indes die Textbücher seiner
Opern nicht selbst geschaffen. Helmine von Chézy aber, die
Verfasserin des Librettos zur Euryanthe, war alles andre als
Dichterin, ja auch nur als geschmackreiche Anordnerin eines
gegebenen Stoffes und Zusammenhalterin von musikalisch ver—
wertbaren Empfindungsmomenten. Der Text ist unzusammen—
hängend, formlos, sprunghaft; und so ließ sich auch eine Zer—
stückelung der Musik an vielen Stellen selbst bei der Meisterschaft
Webers nicht vermeiden. Eben an diesem Ausgang wurde es
klar: die neue Oper forderte als Künstler einen Dichter—
Komponisten, dessen weitausschwingendes Pathos großgearteten
Stoffen in jeder Hinsicht gerecht wurde.
Webers letzte Oper war der Oberon. Totkrank, brust-—
leidend, hat er ihn im Jahre 1825 für das Coventgarden⸗
Theater in London verfaßt; es war etwas Außerordentliches,
daß der Ruhm seiner Werke das Monopol der Pariser Oper
auf Versorgung der nichtfranzösischen Welt mit Opern durch—
brach; am 12. April 1826 wurde das Stück im Beisein des
Meisters unter starkem Erfolge zum ersten Male gegeben; am
Morgen des 5. Juni fand man ihn entseelt, einem Schlag⸗
anfalle erlegen, im Bette.
Der Stoff der Oper ist noch einmal echt romantisch im
objektiven und subjektiven Sinne des Wortes: ja im objektiven
mehr als irgendein Werk Webers zuvor. Der Gegenstand
umspannt verschiedene Welten des geographischen und des
seelischen Milieus, umspannt auch Geschichte zugleich und
Märchen: und so ist er von solcher Ausdehnung, daß sich die
Personen in dessen weiten Falten fast verlieren, daß die psycho—
logische Motivation in ihrem Tun, ja ihren Bewegungen ver—⸗
        <pb n="147" />
        ODie Spätromantik. 137

schwindet und an deren Stelle die ständige Leitung durch eine
romantische Welt, eine Welt der Elfen tritt. Dementsprechend
ist denn auch die ganze Handlung willkürlich, von dem ersten
Motiv des Zwistes Oberons und seiner Gemahlin und dem
Gebot Kaiser Karls an Hüon an bis hin zu der Abwehr des
Feuertodes Hüons und Rezias durch die Tanzwirkungen des
Wunderhorns. Aber eben dieser Charakter des Librettos er⸗
laubte eine ungeheure Beweglichkeit der Musik: der Orient in
seinen verschiedenen Farben in Bagdad und Tunis zieht in
charakteristischen Tönen an uns vorüber, wenn auch an der
Wiedergabe des tunesischen Milieus spanische Farben teil—
nehmen — und daneben stellt sich die Elfenmusik mit ihren
huschenden, lieblichen Melodien, die christlich-romantisch-musika⸗
lische Einkleidung des Ganzen, die grausige Malerei des
Sturms und der virtuos geschilderte Stimmungswechsel des
bald still erglänzenden, bald zornig erregten Meeres. Dabei
sind auch noch die Personen wenigstens ihrer besonderen
Umwelt nach scharf erfaßt: wie unterscheiden sich z. B., mit
wenig Strichen auseinandergehalten, die Herrscher des Orients
und Okzidents, Karl der Große, der Bey von Tunis, der
Kalif von Bagdad!
Entwicklungsgeschichtlich aber steht der Oberon nicht auf
dem schon weiter fortgebildeten Niveau der Euryanthe: so liegt
beispielsweise noch eine Welt zwischen dem Gesange der Meer—
mädchen auf der Insel, da Hüon und Rezia landen, und den
Sängen der Rheintöchter in Wagners Nibelungen. Zwar fehlt
auch im Oberon nicht das Leitmotiv; von der einfachen Ton⸗
folge des Zauberbechers hinauf bis zu dem kräftig akzentuierten,
verwickelten Motive des allgegenwärtigen Pucks findet es sichere
Verwendung. Und auch die spielenden Motive der Violinen
bei Wagner und das gewaltige Anschwellen der Stimmungen
bis zum Einsetzen des Blechs — überhaupt das tiefe Pathos
späterer Zeiten kündigt sich an. Aber all dies wird doch noch
überrieselt von den springenden Wässern niemals versagender
und breit ergossener Melodien.
Weber hat als Opernkomponist der romantischen Zeit
        <pb n="148" />
        138 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

seinesgleichen nicht gehabt. Neben ihm mochte wohl Marschner
(179551861) im „Vampyr“ und im „Hans Heiling“ die
Märchenmotive ins Grausige und die Geisterwelt ins Dämo—
nische ziehen oder in „Templer und Jüdin“ die Ritterromantik
ins Abenteuerlich-Erxzessive, wie der glücklich-unglückliche Lortzing
(1801 1851) in der philiströsen Spieloper seines „Zar und
Zimmermann“, seiner „Undine“ und seiner „Beiden Schützen“
eine deutsche Eigentümlichkeit entwickelte, in der sich Komisch und
Sentimental zu einem Ganzen verschmolzen, das in seiner liebens⸗
würdigen und doch bühnentechnisch ziemlich raffinierten Einfalt
auch auf uns noch immer behaglich wirkt. Aber keiner von
beiden, und auch Kreutzer nicht in seinem „Nachtlager von
Granada“ oder Nicolai in seinen viel höher stehenden „Weibern
von Windsor“, die freilich schon einer etwas späteren Zeit an—
gehören, ist so sehr Repräsentant und Meister der Periode zu—
gleich. Und nur auf dem Gebiete der Instrumentalmusik,
nicht in dem eigentlich weit mehr romantischen Bereiche der
Oper, hat es für Weber ebenbürtige und siegreiche Rivalen ge—
geben.
Die Behauptung läßt sich verteidigen, daß eine neue ro—
mantische Instrumentalmusik von Schubert noch nicht geprägt
worden sei, und daß als großromantisch in so frühen Zeiten
weit eher gewisse Werke Beethovens angesprochen werden
müßten, will man sie überhaupt der Romantik einrechnen. In
diesem Falle würde dann also Beethoven, freilich nur für eine
Periode seines Lebens und für wenige Seiten allein seines
Schaffens als der einzige wahrhaft große Schöpfer einer früh—
romantischen Musik zu bezeichnen sein.
Die Entwicklung der romantischen Instrumentalmusik im
ausgesprochenen Sinne führt jedenfalls in eine verhältnis—
mäßig späte Zeit und sofort zu einer nicht einfachen Erscheinung,
zum Wirken Mendelssohn-Bartholdys (1809 1847). Mendels⸗
sohn war der Sproß einer reichen und einer literarisch erlauchten
deutschen Judenfamilie, der ersten dieser Art, der die Emanzi—
pation im Staate Friedrichs des Großen freien Ellenbogen ver—
chafft hatte; sein Großvater war der Berliner Popularphilosoph
        <pb n="149" />
        Die Spätromantik.

189

zleichen Namens. Mit Mendelssohn erscheint der jüdisch—
deutsche Genius auf musikalischem Gebiete zum ersten Male
aicht bloß ausübend, sondern auch schaffend. Und er offenbart
alsbald sein Charakteristikum: die Virtuosität des Vereinigens
von Eignem und Fremdem, die ungemeine Kraft der Rezeption
bon Erziehungs- und Zeitmomenten neben biegsamer persön—⸗
licher Zutat. Musikalisch höchst sorgsam gebildet, wurzelte
Mendelssohn in der Tradition der Klassiker, wenn er auch
ohne den Vorhergang Webers nicht zu denken ist. Historisch
und ästhetisch auf der Höhe der Zeit, brachte er die alte Musik,
vor allem Bach, wieder praktisch zu Ehren und überschritt,
war dies romantisch, doch niemals mit romantischen Exzessen
die Grenze des guten Geschmackes. Dazu kam ein eigenes,
—
äußerte und siegreich durch die Bewunderung der nächsten Um—
gebung hindurchwuchs. Und aus alledem ging eine Mischung
hervor, welche die Zeit begeisterte, ohne sie doch meisternd zu
überwinden.
Am stärksten und weitesten bewundert wurden wohl des
Meisters „Lieder ohne Worte“. Die Form war nicht völlig
neu, wohl aber der Titel; inhaltlich brachten sie jedenfalls
auch eine Verfeinerung des Liedes, trieben sie die Phantasie des
Hörers, der zum Ton des Klaviers den Gesang, ja das Wort
zu ergänzen hatte, in einen höheren Bereich. Und selbst die—
jenigen dieser Lieder, die so Eigenartiges nicht leisteten, waren
doch Malereien in entzückendem Pastell. Die Gabe, pittoresk
zu wirken, zeigten vor allem einige Symphonien, so die früh
entstandene schottische vom Jahre 1829, auch die italienische,
obwohl hier die Fähigkeit, den schärferen Auftakt südlichen
Volkslebens und südlicher Landschaft zu schildern, schon ver—
sagt. Noch mehr ist das in der Musik zur Antigone und
zum dipus auf Kolonos wie zur Athalia Racines der
Fall; das Heroische lag jenseits der Grenzen jenes geschmackvoll
abgezirkelten Schönheitssinnes des Meisters, dem Beethovens
machtvolle Musik mit ihren schweren Akzenten kein „Pläsier“
var. Darnach ist es denn auch ohne weiteres verständlich, daß
        <pb n="150" />
        140 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapiteil.

Mendelssohn die Stimmung des Shakespeareschen Sommer—⸗
nachtstraumes besonders lag: Elfenspuk, mimosenhafte Zart—
heit, Leidenschaften ohne Ecken und Spitzen, dazu ein histo—
risches Anempfinden aus sehr verschiedenen fremden Kulturen
zumal: das war eine Aufgabe recht eben für ihn geschaffen;
schon siebzehniährig hat er, 1826, die Ouvertüre, und in wie
hoher technischer Vollendung bereits, geschaffen. In den
späteren Werken seiner Manneszeit, in den Oratorien Elias
und Paulus (1846 und 1836), denen sich ein Christus an⸗
schließen sollte, zeigten sich dagegen wieder die Grenzen seiner
Begabung. Die Musik entsprach der Gotik dieser Zeit: sie ist
weichlich, bisweilen aber doch noch kirchlich, namentlich da, wo
ein altjüdischer Funke durchschlägt: aber sie bleibt zu schön,
um in deutschem Sinne charaktervoll zu wirken.
Muß nach alledem noch gesagt werden, daß dem Meister
die Oper, die frühe große Form der Romantik, im Grunde fern
lag? Aber auch eine neue Formenwelt ihrer Instrumentalmusik
hat Mendelssohn nur in engen Bezirken angebaut. Groß dagegen
und in seiner Zeit unübertroffen war er als Dirigent. Mit
welchem Stolze sieht der Leipziger noch heute auf das Zahr⸗
zehnt seiner Tätigkeit am Gewandhaus zurück! Und es war
nur eine Ausdehnung dieser reproduzierenden Wirksamkeit, daß
Mendelssohn im Jahre 1848 zu Leipzig das erste Konserva⸗
torium der Musik schuf. Es war zugleich der innerste Aus—
druck seiner Veranlagung. Nun zum ersten Male wurde die
Musik des 19. Jahrhunderts modern-akademisch gepflegt und
ihre Formenwelt darum nicht mehr so sehr fortgebildet als ge—
schlossen. So hat denn die Leipziger Schule Großes gewirkt
in den JZahren ihres frühesten Bestehens, solange die Be—
wegung, von der sie getragen war, auch noch außerhalb ihres
Kreises lebte; später hat sie wesentlich nur noch mittlere Talente
dressiert und zu guter Letzt sogar noch einen Historismus ge—
züchtet, der sich der Gegenwart verschloß.
Der eigentliche Vollender der romantischen Musik, ihr
fortgeschrittenster instrumentaler Meister war Robert Schumann
(1810- 1856). Schumann stammte aus Zwickau, aus einer
        <pb n="151" />
        Die Spätromantik. 141

—A—
der Wiesen zu Grau entstellen; er war von Natur in sich ge⸗—
kehrt, schweigsam, verschlossen: früh schon überschattet von
melancholischen Stimmungen. So wurde ihm zunächst, bei
literarisch und musikalisch gleich starker Begabung, Jean Paul
zum Herzensfreund; bis zum Verlust seiner selbst versenkte er
sich in ihn: „er hat mich oft dem Wahnsinn nahe gebracht,
aber der Regenbogen des Friedens schwebt immer sanft über
allen Tränen und das Herz wird wunderbar erhoben und mild
verklärt“. Neben Jean Paul war es, in sonderbarem Gegen—
spiel, die blühende Melodik Schuberts, welche die Leipziger
Studentenjahre Schumanns — er sollte Jurist werden —
verschönte: er zuerst eigentlich hat den fast verhungert Ge—
storbenen ganz gewürdigt.
In den dreißiger Jahren des Jahrhunderts rang sich
Schumann zur Musik als Lebensaufgabe durch; zunächst mehr
literarisch, mehr aneignend; er versuchte sich als Klaviervirtuose,
wobei er nur durch eine wahnwitzige anatomische Behandlung
seiner Finger den Beruf verfehlte, und er begründete im Jahre
1834 zu Leipzig die Zeitschrift für Musik. Es war ein früh—
geborenes Gegenstück gleichsam zu dem um ein Jahrzehnt später
entstandenen Konservatorium Mendelssohns: wollte dieser recht
eigentlich konservieren, so drängte Schumann vorwärts. Da
ging er und ging seine Zeitschrift, die bis in die vierziger
Jahre von seinem Geiste beseelt war, mit der flachen Musik
der Rossini und Bellini ins Gericht, da wetterte er gegen die
Klaviermusik der Czerny und Hunten, gegen welche die Weber,
Marschner, Chopin noch nicht aufgekommen waren, da prophe—
zeite er die „Vorbereitung eines neuen poetischen Zeitalters“.
Und hielt es bald für seine Aufgabe, dieses Zeitalter
selbst mit heraufzuführen. Denn, ein zwiespältiger Charakter,
war er traumhaft und schroff und vereinigte mit aller litera—
rischen Kontemplation das leidenschaftliche Stürmen und die
tiefe Ruhmessehnsucht des schaffenden Künstlers.
Schumann hat die entwicklungsgeschichtliche Höhe seiner
Kunst schon in den Klavierwerken der dreißiger Jahre und in
        <pb n="152" />
        142 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

einigen anschließenden Stücken erreicht. Dabei war der Zwanzig⸗
jährige des Neuen, das er sehnend schuf, früh auch bereits Herr:
so schon in der Fis-Moll-Sonate von 1883 bis 1885, die man
freilich nach dem Rezept des Meisters spielen muß: „Betrachten
Sie sie liebevoll, so wird sie Ihnen antworten; es hängt viel
altes Herzblut daran.“ Unter den späteren Kompositionen
dieser Zeit sind die Phantasiestücke (Opus 12), die zartsinnigen
Kinderfzenen, auch die durch E. Th. A. Hoffmann inspirierten
Kreisleriana besonders bekannt geworden. Die außerordent⸗
liche Gewalt des Neuen tritt aber in den Rtudes symphoniques
vom Jahre 1834 am deutlichsten hervor. Und das Wesen dieses
Neuen hat wohl niemand früher erkannt als Liszt, der schon
1887 in der Pariser Gazette musicale auf den jungen Deutschen
aufmerksam machte. Die Werke Schumanns aus dieser Zeit
sind im Grunde mehr oder weniger symphonisch gehaltene
Zyklen von außerordentlich gespanntem Stimmungsgehalt: sind
Vorbereitungswerke der späteren impressionistis ch⸗ymphonischen
Musik eben Liszts und Wagners. Dabei wird freilich die
neue Form noch nicht grundsätzlich gesichtet oder wenigstens
vollkommen erreicht. Denn Schumann hatte in seinem Wesen
etwas Verschwommenes, das seine Seele am allerwenigsten zur
kristallhellen Bildnerin einer neu abschließenden Formenwelt
bestimmte: ihm fehlte die Herbheit, die Härte, auch wohl die
rücksichtslose und leidenschaftliche Energie der Selbsterziehung
Beethovens. Und so blieb er denn in der Formentwicklung,
und damit auch in der Durchbildung der technischen Mittel,
auf halbem Wege stehen, fand und erfand wohl manches Neue,
den häufigen Gebrauch geteilter Stimmen, Arpeggien und der—
gleichen, verharrte aber doch im ganzen im Verworrenen einer
wesentlich passiven Stimmungswelt. Aus alledem heraus war
er denn im ganzen doch auch in dieser Frühzeit Romantiker;
und schon war es ganz wesentlich die Neigung zum Bizarren
und Grotesken, die ihn beherrschte.

Dies die Ansicht meines lieben Schülers und Freundes Dr. Barge,
die ich teile.
        <pb n="153" />
        Die Spätromantik.

143

Die spätere Zeit aber bedeutete eher einen Rückschritt
auf der Bahn des Pfadfinders, so herrlich, rein ästhetisch oder
vom Standpunkte persönlichen Geschmackes aus betrachtet, ihre
Blüten gewesen sind. Schumann war gegen die vierziger Jahre
hin noch unbekannt; er konnte noch 18839 in Leipzig von sich
schreiben: „Die Welt weiß eigentlich so gut wie nichts von
mir.“ Und neben ihm schuf am gleichen Orte, in der Sonne
des Ruhmes, Mendelssohn-Bartholdy! Man versteht um so mehr,
daß Schumann ihm nachzueifern begann, als es sein persönliches
Verhängnis war, dadurch gelegentlich den Glauben an sich
selbst zu verlieren, daß ihn die am wenigsten verstanden und
schätzten, die ihm im äußeren Leben am nächsten traten. Seit
seinem Verkehr mit Mendelssohn und noch mehr seit seiner
Verheiratung im Jahre 1840 wandte er sich vokalen und iustru—
mentalen Kompositionsformen zu, die seinem Genius nicht ent—
sprachen; und schuf er sich im Liede noch ein neues, ihm
kongeniales Ausdrucksmittel — wie fruchtbar war er darin an—
fangs, allein im Jahre 1840 sind mehr als hundert Lieder
entstanden —, so verfiel er doch im ganzen, statt sich fort—
zuentwickeln, dem Zwange eines formalen, eines epigonenhaften
Klassizismus.
Es ist der Hauptsache nach zugleich auch der Ausgang der
romantischen Musik, so sehr noch bedeutende Nachzügler, wie Max
Bruch und Joseph Rheinberger (beide gegen Ende der dreißiger
Jahre geboren), in ihrem Geiste und aus ihrer Stimmung
geschaffen haben.

II.

Die Musik war in gewissem Sinne die Kunst, die der
Romantik am meisten entsprach: denn der Ton schafft ins
Leben eingeführt die fernsten Möglichkeiten zu Wirklichkeit
um: der leise Klang des Wunderhorns im Oberon lullt
bald alle Handelnden mitten in ihrer letzten Bewegung in
einen Dornröschenschlaf, bald bannt er jedermann zur Ver—
zückung im Tanze. So versteht es sich denn, daß die Musik
auch am längsten romantisch blieb; ja ihre dem Natura—
        <pb n="154" />
        144 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

lismus jeder Anschauung an sich fernstehenden Ausdrucksmittel
erhielten sie dauernd im Kreise ausgesprochenster Stimmung.
Rascher schon welkte die Blüte der Romantik auf dem
Felde der darstellenden Kunst.
Wir erinnern uns, daß auf diesem Gebiet die Malerei
führte. Aber war die Malerei der Frühromantik nicht viel—
mehr Zeichnung gewesen? Es war ungefähr die Zeit, da ein
geistvoller Franzose meinte, wenn Gott die Farbe mit der
Form habe auf eine Linie stellen wollen, so würde er sicherlich
sein Meisterwerk, den Menschen, mit dem Kolorit des Kolibri
bedacht haben.
Aber nicht einmal den eigentlich realistischen Umriß hatte
die Frühromantik in der für sie vorwiegenden und charakteristi⸗
schen Malerei gekannt; Nachahmerin vielmehr war sie ge—
wesen noch jenes Konventionalismus der Konturen, der in den
Zeiten des 14. und 15. Jahrhunderts für die europäische Kunst
bezeichnend gewesen war und nunmehr, freilich in gewissen Ab⸗
wandlungen, wie sie der malerische Ausdruck der frühroman—
tischen Mystik nahelegte, und unter asketischer Anwendung nur
der Farbe wieder auflebte.
Bedeutete es da nicht schon einen Fortschritt, wenn die
malerisch darstellende Kunst sich statt auf den konventionellen
Umriß vornehmlich der Italiener des Quattro- und Cinque—
cento vielmehr auf die realistischere Zeichnung des 16. Jahr—
hunderts und auf deutsche Kunstübung überhaupt zu stützen
begann? Es war der entwicklungsgeschichtliche Zug, mit dem
sich die erhabene Kunst des Cornelius der Geschichte der
deutschen Malerei des 19. Jahrhunderts einordnete.
Peter Cornelius (1788 - 1867) ist erst achtundzwanzig—
jährig, 1811, in den Kreis der Nazarener in Rom getreten: und
damit innerlich fertiger als manch anderer der Genossen, die
mit ihm in der Casa Bartholdy und der Villa Massimi gemalt
haben. Er hatte sich schon in Düsseldorf, seiner Heimat, von
dem Direktor der dortigen Akademie, Langer, sagen lassen
müssen, daß ihm die Welt der Farbe im Grunde verschlossen
sei, und er hatte sich deshalb um so eifriger dem energischen
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        Die Spätromantik.

u4s

Studium des größten Deutschen der Zeit vollendeter Wieder—
gabe des Umrisses, Dürer, wie auch der Kleinmeister des
16. Jahrhunderts hingegeben. In ihnen wurzelte dann zeit—
lebens seine Kunst, nur daß er sich aus dem Realismus
des Umrisses heraus doch immer wieder dem besonderen Zuge
zum Stilisiert-Erhabenen hingab. Da konnte ihm denn Rom,
das er auf Goethes Rat aufsuchte, auch neben den deutschen
Meistern noch unendlich viel bieten: die Antike und Thorvaldsen,
Raffael und vor allem Michelangelo begannen auf ihn zu
wirken. Das Ergebnis war eine Auffassung, die sich im Sinne
erweiterter und romantisch beeinflußter Stildurchbildung an
Carstens anzuschließen schien; nur daß Cornelius Carstens an
der Hand größerer Aufgaben wie auch innerlich, im gedanklichen
Auswachsen überholte. Das um so mehr, als er den ganzen
Ernst und Eifer der Nazarener teilte: „Wie rein und heilig
war das Ziel,“ hat er noch im Greisenalter von diesen Zeiten
sagen können, „wonach wir rangen! Unerkannt, ohne Auf—
munterung, ohne Hilfe, als die des liebenden Vaters im
Himmel!“

Von Rom wurde Cornelius schon frühzeitig heimwärts
gerufen. Hatte er in einem Brief an Görres gemeint, die
Kunst müsse zur Veredlung und Verherrlichung des öffentlichen
Lebens dienen und als Bedingung hierzu, zugleich zur Ent—
wicklung einer volkstümlichen Bildung, die Freskenmalerei be—
zeichnet: so schienen König Ludwig J. von Bayern und später
König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen bereit, in diesem
Verstande die Kunst zu fördern. Und an Mitteln hierzu, wie
überhaupt zu fürstlichem Mäcenat, fehlte es wenigstens in
Bayern nicht: König Ludwig hat in 28 Jahren mehr als
37 Millionen Gulden aus seiner Privatschatulle geopfert, um
München zur Kunststadt zu machen.
Aber war das Zeitalter für eine öffentliche Kunst auch
reif? Und konnte eine solche Kunst jetzt eben das Fresko sein
oder werden? Ja vermag eine öffentliche Kunst überhaupt
zugleich volkstümlicher „Bildung“ zu dienen?
Cornelius kehrte im September 1818 nach Deutschland
Lamprecht, Deutsche Geschichte. X.—. 10
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        146 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

zurück, ubernahm 1820 die Direktion der Düsseldorfer Akademie
und begann zugleich in der Munchner Glyptothek im Auftrage
König Ludwigs zu malen. Darauf wurde er 1825 als Akademie—
direktor nach München berufen und schuf weiter im Sinne und
Auftrage des Königs. Die Fresken der Loggien in der Pinako—
thek waren schon begonnen; hierzu kamen als Munchner Haupt⸗
werk die Malereien der Ludwigskirche, vor allem das Jungste
Gericht, das 1840 vollendet wurde. In diesem Jahre zog
Cornelius dann desselben Wegs wie Schelling, der letzte noch
lebende große idealistische Philosoph; König Friedrich Wil—⸗
helm IV. hatte ihn nach Berlin berufen. Hier hat er dann
noch im alten rastlosen Eifer, seinen Idealen reinen Herzens
dienend, die Kartons zu den Wandgemälden des geplanten
Campo santo und des Doms geschaffen, die jetzt den großen
Oberlichtsaal der Nationalgalerie füllen; Kompositionen, die
so großartig gedachte Stücke wie die apokalyptischen Reiter
enthalten; zur Ausführung ist er nicht mehr gelangt.
Die Fresken der Glyptothek schildern das Leben in der
Natur, wie es sich im Gestaltenkreis des hellenischen Olympes
auswirkt; die Wandgemälde der Ludwigskirche den Kreis der
christlichen Offenbarung als etwas Ganzes; die Entwürfe für
den Berliner Campo santo „die allgemeinen und höchsten
Schicksale des Menschengeschlechts, das Walten der göttlichen
Gnade der Sünde der Menschen gegenüber, die Erlösung von
der Sünde, Verderben und Tod, den Sieg des Lebens und
der Unsterblichkeit“. Es waren Stoffe, deren Bewältigung
durch Cornelius einen Teil der Zeitgenossen mit höchster Be—
geisterung erfüllte; Vergleiche mit Michelangelo schienen an—
gebracht, wenn sie nicht gar als zu mager galten. Und sicherlich
fühlt man dieser Kunst auch heute noch das Tiefe, Einfältige
und Große nach, das Niebuhr ihr zusprach. Dennoch erweist
sie sich schon in der Konzeption nicht von der dauernden
Wirkung des gänzlich Großen. Die Beziehungen der Figuren
und Gemälde untereinander erscheinen ausgeklügelt; es war ein
unbewußt richtiges Urteil, wenn nicht eine Verurteilung, wenn
der philosophische Ehrendoktor Cornelius mit ihnen den Begriff
        <pb n="157" />
        Die Spätromantik.

147

der Dissertation verband. Das spiegelt sich denn auch in der
Komposition wider: sie ist zu gedrungen, sie erscheint ge⸗
zwungen, gemacht. Denn wie sollte es schließlich möglich sein,
nicht etwa noch anschauliche Ideen, nein ganze abstrakte Be—
griffssystenme und Ideenkreise zu malen? Cornelius' Kunst
scheiterte an der gerade in seinem Kopfe bis zu durchsichtigster
Energie und Wirkungsfähigkeit entwickelten Auffassung, die
Kunst sei eine Magd der Vorstellung, das Anschauliche ein
Diener des Gedankens: die tiefste Antinomie der kunstgeschicht⸗
lichen Entwicklung des Zeitalters trat eben bei dieser höchsten
und klarsten künstlerischen Kraft auch am deutlichsten zutage.
Und wenigstens die jüngeren Zeitgenossen des Meisters
vermißten bereits durchweg auch etwas anderes: die Farbe.
Schon König Ludwig hatte vor dem Jüngsten Gericht das
verhängnisvolle Wort ausgesprochen: „Er kann nicht malen.“
Und tausendmal ist es seitdem variiert worden. Feuerbach
aber hat es noch mit einer anderen berechtigten Beobachtung
verbunden!: „Ist das Cornelius, der große Cornelius? Bei
näherer Betrachtung wird es immer schlimmer; man entdeckt
immer mehr mangelhafte Stellen der Zeichnung, grobe Zeich—
nungsfehler — von Kolorit keine Spur.“
Doch man werte Cornelius vor allem von seinem Stand⸗
punkte aus! Da bleibt seine Malerei trotz allem groß; es
sind gewaltige Schöpfungen einer monumentalen Kunst des
Umrisses: und alles ist auf dessen Rhythmus gestellt. Farbe
vertrug diese Kunst eigentlich überhaupt nicht, denn farblos
war sie empfunden. Fand eine nachträgliche Auffüllung mit
ihr statt, so hatte diese nur einen wesentlich symbolischen Wert.
Erhob man gleichwohl die Forderung nach Farbe und wurde
die Farbe dann naturgemäß realistisch angewandt, so ergab
sich bald, daß damit der Rahmen dieser Kunst gesprengt wurde.
Es war gewiß auch ein Weg zum Realismus. Aber konnte
auf ihm Großes erreicht werden?
Diesen Weg ist Wilhelm Kaulbach (1905—74) gegangen.

Vermächtniss, 30 -31. (0. 1848).
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        148 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Kaulbach tat den entscheidenden Schritt in der Hunnenschlacht
(1834 -37) und in der Zerstörung Jerusalems; beide Kom⸗
positionen hat er später den sechs Wandbildern im Treppen—
— —— einverleibt. Alle
diese Bilder zogen die Farbe, anfangs schüchtern, dann kräftiger,
bald nicht ohne sinnlichen Zug, in die Monumentalmalerei des
Cornelius. Das Ergebnis trat alsbald zutage: technische Auf⸗
lösung der festen Form und geistige Zerstörung des herb idealen
Inhalts; und übrig blieben trostlose süßliche Geschichtsphilo—
sophien rein beschreibenden Charakters. Kaulbach war ein
reflektiert moderner Mensch von starkem Sarkasmus und von
einiger Lusternheit — kein Prophet wie Cornelius —: die Kari⸗
katur und die seit den vierziger Jahren aufblühende Illustrationskunst
 lagen ihm näher. Aber auch hier hat er Tüchtiges nur
in der Karikatur geleistet — so geschätzt auch sein Reineke
Fuchs und seine Goetheschen Frauengestalten lange Zeit in den
Kreisen der künstlerisch Armen blieben.
Die Bedeutung aber der alten Umrißkunst des Klassizismus
und der Romantik und der aus ihr hervorgehenden idealistischen
Farbenbehandlung war allerdings mit Kaulbach noch keines—
wegs erschöpft. Gleichzeitig mit der Verbreitung des vlamischen
Kolorismus durch das innere Deutschland im Verlaufe der
vierziger Jahre ging eine Bewegung umgekehrten Zuges durch
die südlichen Niederlande und hob die Namen Operbecks, Veits,
Cornelius' und auch Kaulbachs noch einmal auf den Schild;
und noch 1862 hat in Brüssel eine Ausstellung deutscher Karton—
malerei mit günstigem Erfolge stattgefunden. Ja aus diesem
Zusammenhange ging dann nochmals eine besondere belgische
Monumentalmalerei hervor, die vornehmlich in den vlämischen
Kirchen und Rathäusern des Landes wichtige Denkmäler hinter⸗
lassen hat, der auch die Fresken im Sankt Veitsdom in Prag
angehören, und deren hervorragendste Meister zwei Antwerpener,
Guffens und Swerts, gewesen sind.
Für die deutsche Entwicklung indes starb mit den Ge—
mälden Kaulbachs ein wichtiger, der konturistische Zweig der
romantischen Malerei so gut wie völlig ab. Und fragt man
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        Die Spätromautik.

149

sich, was ihn eigentlich vernichtet hat, so war es im Grunde
doch nicht eigentlich oder gar allein die emporquellende Farbe.
Was zugleich und in noch viel tieferem Sinne verloren ging,
war der Geist der Romantik. Wie hatten doch die Gemälde
eines Overbeck in ihrem religiösen Zuge bei aller Unbeholfen—
heit der Darstellung, ja gerade ihretwegen zu den Herzen der
Frommen gesprochen: Keime waren sie und duftende Blüten
tiefster Stimmung. Ließ sich ein gleiches noch von Cornelius'
Gemälden sagen? Und doch spricht auch aus ihnen trotz aller
Gedankensystematik ein herbes Pathos dramatisch-ethischen Zuges.
Kaulbachs große Repräsentationsbilder dagegen wenden sich mehr
an den kombinierenden Verstand als an Empfindung und Phan—
tasie; mit Recht ist über sie geurteilt worden, daß ihr Meister,
was er darstellen wollte, ungleich präziser, besser und wahrer
in Worten hätte sagen können. Denn tatsächlich ist Kaulbach
mehr mit den literarischen Gedanken der ausgehenden dreißiger
Jahre und deren mehr wissenschaftlichem und politischem als
poetischem und philosophischem Charakter vertraut, als mit dem
Empfindungskreise der Nazarener und selbst noch Cornelius'.
Und so war denn der Verfall unvermeidlich; die blaue Blume
war abgeblüht unter den sengenden Strahlen einer herein—
brechenden Zeit des Verstandes; die Poesie der Konturmalerei
endete in dürrem Intellektualismus.
Natürlich war das Schicksal eines zweiten Zweiges der
romantischen Malerei, der inzwischen erwachsen war, kaum ein
anderes.
Die Romantik mußte, sobald sie sich des rein subjektiven
Momentes des bloßen Mystizismus entschlug, zur Farbe leicht
ein inniges Verhältnis entwickeln. Denn Farbe hieß bunte
Mannigfaltigkeit, hieß Darstellungsmöglichkeit unzähliger neuer
Reizempfindungen, hieß Schattierung der Eindrücke: und dem
Kolorismus der Musik und des Orchesters entsprach ein nicht
minder starker Kolorismus der Malerei und der Palette.
Dieser Kolorismus aber konnte sich schwerlich irgendwo
früher und leichter bilden als auf dem Gebiete der Landschaft;
denn hier drängte schon das Obiekt der Darstellung selbst mit
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        150 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

seinen Wirkungen des Unbestimmten, der Luftperspektive zumal,
über den Umriß hinaus. In der Tat ist darum auch schon ein
Klassiker wie Rottmann, oft in fast theatralischem Sinne, etwa
in seinen Landschaften in der Münchner Pinakothek, und einiger—
maßen an Turner erinnernd, Kolorist gewesen. Zwar löste er
die Landschaft in ihre einfachsten linearen Elemente auf: betonte
die geologische Formation, vereinfachte die Reflexe fast niemals
fehlender Wasserflächen, führte die Vegetation auf das zur
Charakteristik Notwendigste zurück. Aber daneben waltet in
seinen Bildern eine idealistische Beleuchtung über dem Ganzen,
die sich den gelben Tönen frühherbstlicher Sonnenuntergänge
und dem blauen Weben beschatteter Landschaftsteile nähert.
In den Zeiten der entwickelten Romantik aber wurden dann
diese Elemente in dem Sinne umgebildet, daß der Umriß viel
weicher genommen und daß die koloristischen Stimmungselemente
in hohem Grade gesteigert wurden. Dazu kam die objektive Ro⸗
mantik der dargestellten Gegenstände. Schon der junge Mann,
der in Tiecks Sternbald Maler werden will, läßt seine Ein—
bildung sich in ihnen ergehen: „Dann würde ich einsame schauer⸗
liche Gegenden abschildern, zerbrochene Brücken, über zwei
schroffen Felsen, einem Abgrunde gegenüber, durch den sich ein
Waldstrom schäumend drängt, verirrte Wandersleute, deren
Gewänder im feuchten Winde flattern, furchtbare Räuber—⸗—
gestalten aus dem Hohlweg heraus, angefallene und geplünderte
Wagen, Kampf mit den Räubern.“ Das war es denn,
was auch wirklich gesucht wurde: nicht die Heimat in den
leisen Reizen der Flachlandschaft und des Wassers, denen die
Stimmung mehr innerlich und intimer innewohnt, sondern die
deutsche Landschaft des Mittelgebirges, vor allem am Rhein,
und der Alpen mit ihren noch fester sich aufdrängenden Um—
rissen, und doch schon hineingetragen in die Stimmung durch
besondere atmosphärische und menschliche Ereignisse. Daneben
wurden Mondscheinbilder modern und Landschaften düstrer
Wolkenbildung und wogenden Sturmes: elegisch und senti—
mental vor allem sollten die Zauber der Palette wirken.
Am Rhein, namentlich in Düsseldorf, war es eine ganze
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        Die Spätromantik.

151]

Anzahl von Malern, die in diesem Sinne vornehmlich die
Gegend zwischen Mainz und Koblenz zum Vorwurf wählten;
in Bacharach, in Sankt Goar, in Lorch, in Boppard allenfalls
noch fühlten sie sich heimisch. Daneben entdeckte hier Karl
Friedrich Lessing in seinen düsteren Eifellandschaften, nach einem
ersten Aufstieg in dies geologisch so mannigfaltige Bergland
im Jahre 1832, das eigentliche Mittelgebirge, und mit ihm
schon das Objekt einer mehr realistischen Schilderung. Doch
entfaltete sich daheim, auf der Staffelei der Werkstatt, auch
noch die idealistisch-romantische Landschaft an sich weiter;
sie hat noch so große Meister gehabt, wie Schirmer, der mit
seinem „Deutschen Urwald“ im Jahre 1828 zuerst Aufsehen
erregte, und Franz-Dreber (1822 -1875); und sie hat auf
späte Klassizisten, wie den älteren Preller, noch bedeutenden
Einfluß geübt, wie sie auch der Entfaltung des impressionisti—
schen Frühidealismus in der zweiten Periode des Subjekti—
vismus Vorschub geleistet hat: Böcklin war, wie Franz-Dreber,
ein Schüler Schirmers.
Neben dem Rheintal waren es namentlich die Mittel—
gebirgspartien des Elbtals in Böhmen und teilweise noch in
Sachsen, welche die romantischen Maler anzogen: und in der
Tat haben diese Teile des Elbtals, namentlich in Nordböhmen,
bei allen Abweichungen manche Ähnlichkeit mit dem Mittelrhein
zwischen Bingen und Andernach oder Königswinter, ja über—
treffen ihn an Größe des Landschaftlichen, wenn ihnen auch die
reichste Romantik einer großen Vergangenheit vielfach fehlt.
Der größte Meister der Elbromantik war Ludwig Richter
(1803 - 1884). Auf einem der besten Bilder Richters, der
Überfahrt über die Elbe am Schreckenstein bei Aussig (1837),
ist im letzten Abendlicht unter dem schüchternen Erscheinen der
Mondsichel — im Hintergrund verblauende Berge, mitten im
Vordergrund der schroff ragende Schreckenstein mit seiner Burg—
ruine — ein Kahn zu schauen, der auf dem Strome durch
einen Greis leise von einem Ufer zum andern getrieben wird,
mit mannigfachen Insassen: einem alten grauen Harfner, der
in die Saiten schlägt und dem ein Jüngling still erschauernd
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        152 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

lauscht; einem Handwerksburschen, der in begeistertem Wander⸗
drang zur Burg aufschaut; einem jungen Paar, Bauern der
Gegend, mit Magd und Kind, die Futter für die Kühe daheim
geholt haben und nun über den Fluß setzen —, das alles in
der selig-ruhevollen Stimmung abendlicher Dämmerung. Das
Bild, ein wahres Musterblatt romantischer Requisiten, erklärt
zugleich auch Richter den romantischen Landschafter, und
Richter den feinen Stilisten des Volkslebens. Schon beinahe
alle seine Staffeleibilder sind voll von Staffage, mag es sich
nun um einen Brautzug durch Frühlingswald oder um einen
Abendsegen bei sinkendem Sommertag unter dem schwingenden
Glöcklein des Einsiedels handeln. In der bloßen Zeichnung,
deren Technik der Meister von jeher liebte und später immer
mehr bevorzugte, tritt dann die Staffage noch viel, viel mehr
hervor. Und hier erst erscheint denn eigentlich des Meisters
ganz persönliche Art, wie sie dem Inhalt das Siegel einer
idealisierenden, ruhig-verklärenden Erinnerung im Sinne einer
Spätröte der Romantik aufdrückt: Gemüt und Sehvermögen,
Schauen und Sinnen sind eins, und traulich, subjektiv wahr⸗
haftig und engelrein, dabei ein wenig philiströs wird uns vom
engen Familienkreise des deutschen Hauses berichtet, von frommer
Sitte und gutem Brauch, von harmloser Freude an der Natur
und wohligem Behagen am häuslichen Herde bei wärmendem
Ofen und in der Ofenröhre singendem Apfel. Richter ist
damit in seinen Holzschnittfolgen, wie sie erst vornehmlich in
den fünfziger und sechziger Jahren erschienen („Fürs Haus“
z. B. 1851-61), der Verklärer vornehmlich des mittleren
Bürgertums der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts geworden:
und so endete in dieser Hinsicht der stolze Umrißstil des Klassi—
zismus und der Romantik, der bei Heroen und Heiligen, wenn
nicht bei Göttern und Gott begonnen hatte, in den Winkeln
der Welt, im Kreise jener Kleinen, welche, dieweil sie sanft⸗
mütig sind, das Erdreich besitzen. Ist es da nicht selbstverständ⸗
lich, daß er auf diesem Wege bei aller stilistischen Kunst doch
weit realistischer wurde?
Eine dritte Richtung der romantischen Malerei aber, der
        <pb n="163" />
        Die Spätromantik.

153

zweiten freilich am Rheine vielfach verwandt, führte gleichzeitig
mit den Jugendjahren Richters schon zu noch vollerer Farbe —:
bis schließlich auch sie in einer gemäßigteren, aber nun fast
schon rein realistisch zu nennenden Palette aufging.
Wilhelm Schadow, der Sohn Gottfrieds, des Berliner
Bildhauers, einer der Nazarener, wurde im Jahre 1826 Di—
rektor der Malerakademie in Düsseldorf. Er hatte von seinem
Vater eine Neigung auf technische Gediegenheit geerbt; und
er war der einzige in der Maljugend deutscher Nation in Rom
gewesen, der sich den Einflüssen der dortigen, schon stark kolo—
ristischen französischen Malerkolonie zugänglich erwiesen hatte.
Zum tüchtigen Lehrer gereift und mit der Verantwortlichkeit
der Akademieleitung betraut, meinte er jetzt wenigstens die
schwächeren seiner Jünger zu energischem Naturstudium an—
halten zu müssen: die Begabteren freilich würden dessen wegen
ihres stärkeren Formengedächtnisses nicht bedürfen. Gewiß war
er dabei noch der Ansicht der Nazarener, wie sie Schelling viel⸗
leicht am besten formuliert hatte, daß die schöne Form nur Wert
habe, insoweit sie Ausdruck des Inhaltes sei; der Gedanke
war ihm noch die erste, dessen Verwirklichung in Form und
Farbe erst die zweite Tat des Künstlers. Allein deshalb lehrte
er doch, daß der Künstler zwar zuerst einen poetischen Gedanken
im zeichnerischen Entwurfe niederlegen müsse. Aber dann müsse
diese Komposition mit Modellen behandelt werden. Und darauf
sei eine Farbensktizze unter Prüfung der Licht- und Schatten⸗
verteilung wie des Tones und der Farbe an einem Ensemble
von Modellen, gleichsam wie an einem lebenden Bilde her—
zustellen: worauf erst dann die Ausführung beginnen solle.
Es war ein Verfahren, das freilich einem lebhaft vor—
wärts gerichteten Künstler wie z. B. Anselm Feuerbach schon
in den vierziger Jahren unerträglich war: „Schadow verlangt
immer großartige Ideen in der Komposition, und die Aus—
führung will er nach gewissen Regeln haben, die er mit dem
Lineal anzugeben weiß.“ In den zwanziger und dreißiger
Jahren jedoch führte Schadow seine Schüler in der be—
geisterten Annahme seines Verfahrens noch vorwärts. Und
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        154 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

das Ergebnis war nach dem Urteil der Zeitgenossen außer—
ordentlich: da endlich habe man die schmerzlich gesuchte echte
deutsche Kunst: und die Berliner Kunstausstellung schon des
Jahres 1830 brachte den Düsseldorfern volle Triumphe. In
der Tat war schon viel erreicht, ließ Schadow seine Schüler,
eine größere rheinische Gruppe und eine Gruppe von meist
wohlhabenden Berlinern, die nach Düsseldorf gekommen waren,
darunter Lessing und Bendemann, die stärkeren farbigen Prin—
zipien und realistischeren Züge auch nur auf den gewohnten
Vorstellungskreis der klassizistischen und frühromantischen Kunst
anwenden. Bald aber wurde dieser Kreis auch im Sinne
einer objektiven Romantik erweitert: Poesie und Geschichte
wurden Inhalt der neuen Malerei. Dabei wurde zunächst die
Poesie bevorzugt: wie oft ist in diesen Jahren nicht Romeo
und Julia, sind nicht andere Gestalten und Szenen Shake—
spearischer Dramen gemalt worden! Daneben wurden die ro—
mantisch anmutenden Dichtungen der Italiener und Spanier
der Illustration in Zeichnung und lbild unterworfen, Dante,
Ariost, Cervantes; und neben ihnen spielten persischer Orient
und deutsches Mittelalter ihre Rolle. Die eigentliche Historien⸗
malerei dagegen predigte Schnaase erst im Kunstblatt des Jahres
1834 als Ziel der Zeit. Doch wußten die Maler die For—
derungen der Poesie und der Geschichte noch sehr wohl zu
vermählen; das Alte Testament mit seinen Helden war da
Mode; und gern sah man jetzt „lyrisch-historische“ oder gar
„sentimentalisch-historische“ Personen, wie Boas und Ruth,
oder Bendemanns Trauernde Juden im Exil (1832) oder des⸗
selben Meisters „Jeremias auf den Trümmern Jerusalems“
(1834). Doch fiel daneben der ursprüngliche Verstand roman—
tischen Inhalts noch nicht fort; noch immer fanden edle Räuber
und sentimentale Wilddiebe, Schleichhändler und Vagabunden
und der ganze Troß der „romantisch Freien“ Käufer; und
noch immer wurden sie mit den einfachen koloristischen Mitteln
Schadowschen Rezeptes bewältigt: bis sich der Eine Rethel
über all diesen Requisitenkram hinweg zu stilvoller Größe und
geschichtlicher Hoheit emporschwang.
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        Die Spätromantik.

155

Inzwischen aber hatte sich die allgemeine Malweise immer⸗
hin insoweit schon ins mehr Realistische umgesetzt, daß sie mit zu⸗
nehmender koloristischer Freiheit neuen Gebieten zudrängte: dem
Sittenbild, dem tendenziösen Historienbild und der stimmungs—
vollen Landschaft. Dabei lag namentlich die Bearbeitung der
ersten beiden Gebiete sehr nahe, denn die Nation, und das
hieß künstlerisch die Bourgeoisie, begann sich selbst interessant
zu werden und noch mehr alle bäuerlichen Zustände als von
ihrer Gegenwart abweichend und darum interessant zu finden,
während zugleich eine mehr wissenschaftliche Betrachtung der
Vergangenheit historischen Enthusiasmus zu entfesseln wußte.
Unter diesen Einflüssen gelang es Schadow im Verlaufe der
dreißiger Jahre nicht mehr, seine Schüler inhaltlich und selbst
auch formell am alten Programme festzuhalten: sie gingen über
ihn hinweg, und eine neue Phase der nationalen Malerei, die
realistische, begann zu erblühen.
Halten wir jetzt noch über Bildnerei und Baukunst der
Romantik Umschau, so bedarf es wohl kaum erst der Be—
merkung, daß über die Bildnerei nicht viel zu sagen ist. Denn
schon der Begriff der Plastik widerspricht in seiner prägnanten
Fassung dem der Romantik; und so wenig es ein romantisches
Drama von Bedeutung und namentlich von Bühnenwirksamkeit
gegeben hat, so wenig wußten, mit geringen Ausnahmen, ro⸗—
mantische Skulpturen zu fesseln. Doch ist die Entwicklung an
sich und eben in diesem Zusammenhange betrachtet nicht ohne
Interesse. Ihr Verlauf begann damit, daß man sich von der
süßlichen Manier Canovas, aber auch von der konventionell—
antikisierenden Kunst Thorvaldsens abwendete. Vor allem das
christliche Motiv in der Romantik widersprach da. Bald
war man sich infolgedessen dahin einig, daß der segnende
Christus in der Kopenhagener Frauenkirche so wenig ein tiefes
wie ein christliches Ideal des Welterlösers verkörpere, ge—
schweige denn, daß die im reichsten Statuenkranze um ihn
versammelten Apostel genügen konnten. Und es bestärkte diese
Auffassung, daß auch Rauch und Rietschel, Meister der sterben⸗
den Klassizistik und des erwachenden Realismus, in den Denk—
        <pb n="166" />
        156 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

mälern der Frauenkirche nicht viel mehr als bärtige Männer
sahen.
Wie nun aber romantische Ideale finden? Sie aus
Eigenem zu schaffen, erzeigte sich der auf plastischem Gebiete
formlose Zeitgeist als unfähig. Ließ sich aber nicht wie in der
Malerei an das italienische Quattrocento anknüpfen? Dann
ging die Fahrt allerdings unfehlbar schließlich zu dem eben
erst vermiedenen heidnischen Hellenismus. Oder sollte man
weiter zurückgreifend die Plastik der gotischen Blütezeit wieder
aufnehmen? Sie war zu wenig bekannt, das spätgotische
Material aber in seinen stilistischen ÜUbertreibungen mißfiel der
Anschauung romantischer Anmut, und eine hier und da ver—
suchte Adaption an die Milde der Gegenwart gelang nicht.
So kam es zu spärlicher Kunstübung und zum Eklektizismus;
und Künstler wie Achtermann (1799 bis 1884) in seiner
Münsterschen Pietà suchten frommen Sinnes eine Vermitt⸗
lung des christlichen Kunstideals mit der Antike unter An—
lehnung an einige Kompositionsgedanken der Gotik. Schließ⸗
lich aber entwickelte sich bei der regen Nachfrage namentlich
nach religiösen Werken der Bildnerei im Grunde nichts als
eine Art bildnerischen Kunsthandwerks von süßlichen Formen:
wobei man sich an die Antike anlehnte, den modernen Sinnen
durch Bemalung genugtat und Massenwiederholungen gering⸗
wertiger Originale in Kirchen und frommen Häusern umtrieb.
Im Grunde konnte ein Fortschritt für die Plastik nur
in einem geläuterten Realismus und im Anschluß an die An—
fänge einer wirklich zeitgemäßen Baukunst gefunden werden.
Allein durfte man, während spätestens der Ausgang der dreißiger
Jahre eine Wandlung zum Realistischen brachte, so leicht auf
die Verwirklichung der zweiten Voraussetzung hoffen?
Der Klassizismus hatte eine moderne Umbildung der
Bauformen des griechischen Gerüststils gezeitigt: in vollster
innerer Übereinstimmung mit der Entwicklung der Malerei:
denn bei jedem Gerüststil überwiegt der Umriß, die Linie, und
malerische Effekte werden nicht so sehr den Einzelgliedern des
Baues wie deren Gesamtwirkung verdankt. So vor allem in
        <pb n="167" />
        Die Spätromantik. 157

der Gotik. Wer wird die einfachen Pfeilerformen besonders
der Frühgotik, ja selbst auch die Bekrönungen, die Wimperge,
die Fialen, an sich malerisch finden? Aber wie reich in diesem
Sinne wirkt das steinerne Dickicht eines durchgebildeten Strebe—
systems, wie groß und einheitlich der Pfeilerwald eines Kirchen⸗
innern, vielleicht noch dazu in der magischen Beleuchtung eines
Sonnenlichts, das durch alte Glasmalereien bricht!
Als die Romantik den Sinn aufs Historische, Vater⸗
ländische, Fromme wandte, da lag es nahe, den antiken Gerüst⸗
stil durch den mittelalterlichen Gerüststil der Gotik zu ersetzen:
zumal es dann bald als möglich erschien, den Charakter der
Linienführung der Malerei der Nazarener auf die Architektur
zu übertragen: denn dieser Charakter war zum Teil aus den
Staffeleibildern des Quattrocentos abgeleitet, und damit aus
wichtigen Denkmälern einer Zeit gotischer Architektonik.
Von diesen Tendenzen wurden die an erster Stelle ge⸗—
nannten auch zuerst wirksam; und so versteht sich, daß sich
schon in der Vorzeit romantischen Empfindens, in den Jahren
der Empfindsamkeit und des Sturmes und Dranges, wenigstens
literarische Regungen finden, die auf die Gotik hinweisen. Es
ist die Periode, in die Goethes Wurdigung des Straßburger
Münsters und Schlossers begeisterte Worte über den Kölner
Dom fallen: es ist eine Zeit, der der gotische Stil noch schlecht—
hin als der nationale, der deutsche erscheint. Diese Auffassung
und dieser Enthusiasmus ging dann freilich in den Jahren
der klassischen Dichtung verloren; Schiller hat das Wort
gotisch im Sinne von ungeheuerlich gebraucht. Indes eine
Unterströmung für die Gotik blieb gleichwohl wirksam; ihr
entstammte z. B. das Werk Friedrich Gillys über die Marien—
burg vom Jahre 1794. In den Tagen der Romantik aber
gewann diese Strömung dann wieder Obergewalt; man sieht
fie etwa seit Beginn des neuen Jahrhunderts wachsen; damals
entwarf der jugendliche Schinkel seine großartigen gotischen
Bauphantasien, und seit 1807 forderte der praktischere Sulpice
Boisserée am Rhein den Ausbau des Kölner Domes. Doch
erst im Verlaufe der Freiheitskriege wurde die Bewegung recht
        <pb n="168" />
        158 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

gesteigert und befruchtet. Gewaltig trat jetzt Görres, seit
1814, für den Kölner Dombau ein als ein nationales und
katholisches Werk zugleich, während man in protestantischen
Kreisen den Sieg in der Völkerschlacht durch einen deutschen
Dom auf Leipziger Boden zu verewigen dachte.
Bezeichnend war dann freilich, daß die protestantischen
Bestrebungen keinen Erfolg hatten, so wenig wie der großartige
Plan Schinkels, einen gotischen Dom auf dem Leipziger Platze
in Berlin als Dankesmonument der wiedererlangten Freiheit
zu errichten: diese Blüten welkten rasch unter Restauration
und Autoritarismus. Allein war ihr Verdorren nicht auch
ein wenig mit durch den Stand der architektonischen Kenntnisse
über die Gotik bedingt? Sieht man die Pläne Schinkels ein
oder schlägt man Stieglitzens Lehrbuch altdeutscher Baukunst
vom Jahre 1820 auf: der Eindruck ist der gleiche; der innere
Charakter selbst der frühmittelalterlichen Gotik ist noch wenig
erkannt; welch ein Abstand gegen die an sich auch noch sehr
unvollkommenen Publikationen Heideloffs, die mit dem Jahre
1838 begannen! Schinkel aber hat schließlich, während er im
übrigen zum Klassizismus überging, eine magere und billige
Backsteingotik als einen geistlichen Ausnahmestil gleichsam im
allgemeinen nur noch für Kirchen verwendet; und seine be—
kanntesten Schöpfungen auf diesem Gebiete, die Werderkirche
und als bedeutendste wohl die Nikolaikirche in Potsdam (seit
1830) gehören sogar dem klassizistischen Stile an, mag dieser
auch von Traditionen evangelischer Baukunst des 16. Jahr⸗
hunderts und Erinnerungen an moderne Kirchenbauten eines
angeblich hellenischen Gerüststils, so denen der Pariser Made—
leine, durchtränkt sein.
Die Ausbildung einer Schule praktischer Gotik knüpfte
der Hauptsache nach an die Wiederherstellung und Vollendung
des Kölner Domes an.
Die Forderung, den Ausbau des Domes als ein nationales
Werk zu betrachten, war seit den Freiheitskriegen nicht mehr
verstummt; 1821 wurde Köln von neuem Sitz eines Erzbischofs;
1823 wurde mit den Arbeiten am Dom begonnen; neue Frische
        <pb n="169" />
        Die Spätromantik.

150

kam in die Fortsetzung des Werkes, als sich Friedrich Wilhelm IV.
seiner als König alsbald mit Begeisterung annahm; 1880 wurde
der Dom vollendet. In den sechzig Jahren der neuen Arbeit
an ihm lassen sich, sieht man von dem noch recht unverständigen
Wirken des ersten Dombaumeisters Ahlert ab, vornehmlich zwei
Phasen unterscheiden, die sich an die Namen der Dombaumeister
Zwirner und Voigtel knupfen. Voigtel hat den Dombau zu
einer Zeit abgeschlossen, da man die Formen der Frühgotik
— der Dom ist im Jahre 1248 gegründet — wissenschaftlich
schon gut kannte, in der allgemeinen Bewegung der Baukunst
aber frühgotischen Formen schon ferner getreten war. Für die
Zeit, die uns hier beschäftigt, ist Zwirners Tätigkeit von
höchster Wichtigkeit gewesen; seine Blütezeit waren die zwanziger
und dreißiger Jahre. Zwirner hat der Linienführung der Na⸗—
zarener und ihrer Nachfolger parallel und unter einem gewissen
Einfluß auch noch des klassizistischen Baugedankens eine Gotik
besonderer Art entwickelt. Sie ist von einer Symmetrie, einem
Einflusse des Zirkels und einer mechanischen Gleichmacherei be—
herrscht, wie sie das Mittelalter niemals, auch nicht in den
Zeiten der Frühgotik, gekannt hat; und da in ihr die Formen⸗
welt des Mittelalters, vielleicht unter der Einwirkung Winckel—
mannscher Ideen von der stillen Größe der Alten, auch noch
beschränkt und vereinfacht wird: so tritt eine weiblich-graziöse,
in der Tat der romantischen Malerei stilistisch gut zur Seite
gehende Kunst ans Licht, von deren gefälligen, etwas süßlichen
Formen die Fassade des südlichen Querschiffs des Domes mit
ihrem überreichen Portalbau, ganz eine Schöpfung Zwirners,
vielleicht die beste Anschauung gibt. Wurden diese Formen
dann an kleineren und weniger wichtigen Bauten in reduziertem
Maße angewendet, so erhielt man die Gotik der Apollinariskirche
 bei Remagen, eines Werks Zwirners aus den dreißiger
Jahren: Formen, die gleich leicht auf Schloßbau, Villenbau
und bürgerliche Architektur übertragbar waren und in diesem
Sinne tatsächlich auch in zahlreichen Bauten der vierziger und
fünfziger, ja noch sechziger Jahre Verwendung gefunden haben.
Es ist eine etwas gemacht-anmutige, eine auf gelegentlich recht
        <pb n="170" />
        —160 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

philiströse Wirkungen vereinfachten Linienwerks gestellte Gotik,
die denn auch den Kirchenstil namentlich der Katholiken lange
beherrscht hat, ja von einflußreichen Laien gefühlsmäßig noch
bis vor kurzem als der eigentliche Stil des katholisch-mittel⸗
alterlichen Christentums betrachtet worden ist.
Im Verlaufe der architektonischen Entwicklung dagegen
war dieser Stil seit etwa Anfang der vierziger Jahre spätestens
erledigt. Das zu Perzeption und Genuß stärkerer malerischer
Eindrücke fortschreitende künstlerische Auge verlangte jetzt kräfti—
gere Formen und statt kahler, mit mißverstandenem Maß—⸗
werke aufgeputzter Wände die pittoresken Innen- und Außen⸗—
wirkungen des vollendeten gotischen Gerüststils; und die zu—
nehmende Kenntnis der mittelalterlichen Bauformen aus der
Zeit der vollendeten und der späten Gotik vermochte diesem
Drängen gerecht zu werden, wie sie aus ihm hervorging; be—
reits seit etwa 1840 lehrte Heideloff die Gotik des Ulmer
Münsters und noch späterer Zeiten verstehen, schätzen und
nachahmen.

III.

Ist schon die bildende Kunst in der spätromantischen Zeit
wesentlich durch Übergangserscheinungen gekennzeichnet, die von
der verhaltenen oder der enthusiastischen Mystik der frühroman—
tischen Tage dem Realismus der dreißiger und vierziger Jahre
zuführen, so gilt das noch mehr von der Dichtung. Die früh—
romantische Dichtung hat noch eine internationale Bedeutung
gehabt; man darf sagen, daß durch sie Deutschland noch, wie
das letzte halbe Jahrhundert zuvor in steigendem Maße durch
Empfindsamkeit, Sturm und Drang und Klassizismus, die Welt⸗
literatur kommandiert hat. Jetzt dagegen, nach den großen
kriegerischen Erfolgen der Jahre 1813 und 1815, rücken die
Männer der Literatur auf die gewöhnlicheren Abmessungen
zurück; und Frankreich und England gelangen zur literarischen
Führung.
Auf dem Gebiete des Dramas hatte schon die Frühromantik,
        <pb n="171" />
        Die Spätromantik.

161

im Grunde rein lyrisch gestimmt, ihr Unvermögen zu konkreten
Schöpfungen gezeigt; wie wunderlich lesen sich sogar die
Buchdramen von Tieck oder Brentano oder Arnim. Nunmehr,
in den zwanziger Jahren und schon zuvor, zeigte sich erst recht
der Verfall der dramatischen Entwicklung; und keinerlei Sur—
rogate dramatischer Bewegung konnten darüber hinwegtäuschen.
Die Schicksalstragödie hatte eigentlich bereits die Versuche,
die dramatische Handlung irgendeiner durchgreifenden Welt—
anschauung subjektivistischen Charakters zu unterstellen, ad
absurdum geführt. Weltanschauung und Zacharias Werners
„24. Februar“: das waren überhaupt fast mehr als Gegen—
sätze, es sei denn, man hätte sich der Täuschung hingegeben,
daß die thaumaturgischen Vorstellungen des früheren Mittel—
alters die kausal verknüpfende Begriffswelt der Gegenwart
zu schlagen imstande seien. Und mit der Schicksalsführung
waren zugleich auch die Einzelformen der dramatischen Kunst
bis hinab zur Sprache vorzeitlicher Roheit verfallen. Im
Grunde konnte man sich für die Stücke, die für die Bühne
etwas bedeuteten, auf die noch halb in der Erzählung steckenden
dramatischen Formen des individualistischen Zeitalters zurück⸗
geführt sehen.
In der Tat knüpfte eine bestimmte Strömung bei Andreas
Gryphius, ja fast könnte man sagen der Technik nach sogar bei
Hans Sachs wieder an. Im Jahre 1828 25 waren Raumers
Hohenstaufen, eins der besten Werke der romantischen Geschicht⸗
schreibung, erschienen: sie boten so recht den Stoff, dessen ein
erzählendes Drama bedurfte. Und so folgten ihnen unzählige
Dramen; von 1828 -1830 gingen beispielsweise Immermanns
Friedrich II., Eichendorffs Ezzelin, Grabbes Friedrich Barba—
rossa und Heinrich VI. aus dieser Bewegung hervor. Dann
gar, 1830-1837, überschwemmte Raupach die deutsche Welt
mit seinem Hohenstaufenzyklus von sechzehn Dramen: die ganze
Historie des 12. und 18. Jahrhunderts, das, was der Autor von
ihr wußte und was er nicht wußte, aber zu wissen meinte, wurde
da auf die Bretter gebracht; Staatsaktionen zauberten Bilder
don des Reiches Größe vor, Päpste fluchten und Kardinäle
Vamprecht, Deutsche Geschichte. X. 11
        <pb n="172" />
        162 vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

intrigierten, und das Publikum, das dem allen mit inniger
Hingebung folgte, ermüdete selbst nicht bei der Verkündung
langatmiger Staatsurkunden und Proklamationen. Es war
der erste volle Ausbruch eines noch romantisch gefärbten histo—
rischen Sinnes; und Raupach war ganz der Mann dazu, die
neue Kost einem hohen Adel und geehrten Publikum in gleich
mundgerechter Art zu servieren.
Man kann aber diese Bewegung, der tiefere Erwägungen
dramatischer Kunst fernstanden, gleichwohl als die eigentlich
vorwärts weisende ansehen — trotz all des Spottes, der bald
auf sie herabhagelte. Denn konsequent weiter verfolgt mußte
sie zum vollen Historismus und aus diesem in den dramatischen
Realismus führen. Und insofern mag ihr halber Rückfall in
die Praktiken der Technik des 17. oder 16. Jahrhunderts wohl
mit jenem historischen Schulkursus der bildenden Kunst ver—
glichen werden, der, wie wir wissen, an der Hand der Kunst
des Quattro- und Cinquecentos und der deutschen Malerei
der Reformation wie in dem Geleit der gotischen Stilformen
des Mittelalters von Overbeck bis zu Kaulbach, von Schadow
bis zu Rethel, von Schinkel und Zwirner bis zu den Gotikern
der vierziger bis siebziger Jahre führte.
Daneben aber nahmen noch dramatische Erscheinungen die
Aufmerksamkeit in Anspruch, die vornehmlich nach Osterreich
und nach Wien wiesen. Sie waren sozusagen Ausnahms- und
Rückständigkeitserscheinungen, wie wir sie in der geistigen Ent—
wicklung der Nation für sterreich von nun ab wiederholt
werden feststellen können. Sie beruhten darauf, daß sich der
größte katholische Staat des Reiches lange Zeit hindurch der
vornehmlich protestantisch charakterisierten Bildung der Nation
unzugänglich, ja feindlich erwiesen hatte, insbesondere so lange,
als sich während des ganzen Verlaufes des individualistischen
Zeitalters das Moment der neuen Konfession, deren Bildung
ja eben diesem Zeitalter verdankt wurde, als ausschlaggebend
für den allgemeinen geistigen Fortschritt erwies. Nun, seit der
zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, seit dem Aufkommen
eines neuen, an sich nicht mehr konfessionell und damit auch
        <pb n="173" />
        Die Spätromantik.

168

grundsätzlich und auf die Dauer auch nicht mehr protestantisch
charakterisierten Zeitalters, lenkten die deutschen Länder Oster—
reichs langsam wieder in die Pfade der gemeinsamen Entwick—
lung des nationalen Geisteslebens ein. Aber naturgemäß geschah
es nicht ohne eine Art von Nachholungspause und damit unter
zeitlichen Verspätungen, die sich erst langsam im Laufe des
19. Jahrhunderts so weit ausgeglichen haben, daß etwa seit
1870 und 1880, seit der vollen Entfaltung der zweiten Periode
des Subjektivismus, wiederum nahezu volle Gleichzeitigkeit mit
dem Fortschritt in den vorwiegend protestantischen Gegenden
des Vaterlandes, vor allem im Norden Deutschlands erreicht ist.
Dieser allgemeine Zusammenhang sprach sich nun in den
zwanziger und dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts für
Hsterreich darin aus, daß in ihm, und zwar vornehmlich in
Wien, zwar schon ein neues selbständig-deutsches Geistesleben
erwacht war; daß es aber noch gern an frühromantischen, ja
klassizistischen und teilweise sogar noch weiter zurückführenden
Formen festhielt. Es war eine Erscheinung, die sich ganz all⸗
gemein beobachten ließ, die aber vielleicht nirgends besser zum
Ausdruck gelangte als im Theater, wie denn Buhne und Schau⸗
spielerleben für den Wiener seit langem einen besonderen Reiz
besessen haben und noch heute besitzen. Und so konnte es denn
geschehen, daß Klassizismus und Romantik in Hsterreich noch
zu einer Zeit Triumphe feierten, in der sich der norddeutsche
Graf Platen schon in Versen von höchstem Wohllaut und in
Karikaturen von beißendem Witze gegen deren Ausläufer,
im Jahre 1826 in der „Verhängnisvollen Gabel“ gegen die
Schicksalstragödie, im Jahre 1829 im „Romantischen Odipus“
gegen Immermanns Versuche romantisch-historischer Dramatik
gewendet hatte.
Der weitaus hervorragendste Dichter des österreichischen
Spätklassizismus war Grillparzer (1791 -1872). In jungen
Jahren wenig in den literarischen Strömungen der Zeit zu
Hause, Zeit seines Lebens in der Tätigkeit und im Berufs⸗
kreise des kleinen Beamtentums umgetrieben, zudem in der
immer dicker werdenden Luft der österreichischen politischen
11*
        <pb n="174" />
        164 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Restauration wirklichen Begebenheiten, die ihn hätten vorwärts
schnellen können, so gut wie gänzlich ferngehalten, hat Grill—
parzer sein ausgesprochenes dramatisches Talent im Grunde
an nichts schulen können, als am Drama selbst. Und hier
wurde er denn durch die Geschichte des ernsten Wiener Theaters
alsbald in feste Wege gewiesen. Das Schauspiel war da
seit Joseph II. wesentlich durch das Hof- und Nationaltheater
vertreten gewesen, das 1776 aus den Kämpfen einheimischer
Buhnentätigkeit mit Gottschedischen Einflüssen hervorgegangen
war. In diesem Theater hatten die Dramen Goethes und
Schillers, aber auch Shakespeares und Lessings rasch Eingang
gefunden, wenn man sich auch ängstlich und seit der französi—
schen Revolution und Metternichs Regiment immer peinlicher
von den liberalen und nationalen Tendenzen fernhielt, die
dem Klassizismus Goethes und vor allem Schillers innewohnten.
So war denn schon eine ziemlich sichere Tradition vorhanden,
als Schreyvogel im Jahre 1814 für fast zwei Jahrzehnte die
Direktion des Theaters übernahm. Schreyvogel aber war ganz
der Mann, diese Tradition zu sichern und zu veredeln; er ge⸗—
hörte dem Klassizismus mit Leib und Seele an und begeisterte
sich vor allem für die Dramen der Spätzeit Schillers als
dessen höchste Offenbarung.
So wurde Grillparzer schon aus den Gewohnheiten der
heimatlichen Bühnenpraxis vor allem auf Schiller hingewiesen,
ganz abgesehen davon, daß Schillers entschiedene Art und
rhetorische Form weit eher Schule zu machen geeignet war
als Goethes universal umfassende Begabung. Allein Grill⸗
parzer war doch andrerseits auch von genügend festem geistigem
Bau, um die Gefahr, sich ganz in Schiller zu verlieren,
zu vermeiden. Zudem stand er auch den Zeiten Schillers
tatsächlich schon zu fern, um nicht vom Weben eines immer⸗
hin schon anderen Geistes erfaßt zu werden: es ist ein
Umstand, der ihm z. B. gegenüber dem Schicksal Theodor
Körners von Vorteil war, der als Dramatiker ganz in
Schiller aufzugehen gedroht hatte. Und wies ihn nicht zugleich
die eigene Begabung doch bis zu einem gewissen Grade hinein
        <pb n="175" />
        Die Spätromantik.

165

in die neuere, die romantische Umwelt? Schon seine Welt—
anschauung, die insofern christlich war, als ihm transzendente
Mächte mit Sicherheit schon auf Erden, oder wenigstens in der
Er denluft seiner Stücke, Verdienst belohnten und Sünde be—
straften, brachte ihn, gegenüber dem viel freieren Schiller, den
romantischen Frommen näher. Und zugleich schrumpfte da—
durch die weite Welt des Klassizismus mit ihren harten Formen
auf ein enger⸗gemütlicheres Niveau zusammen; menschlich vor
allem und nicht heroisch muten darum die Helden der Phantasie
des Dichters an; und indem sie von ihm nicht bloß im Relief
gleichsam einer hastig vorwärts drängenden Handlung, sondern
mehr als Rundfiguren gezeichnet werden, erweitert sich das
Detail der Charakteristik und gewinnt etwas von dem Abglanze
jenes Kolorismus der Sprache, den schon die Frühromantik
entwickelt hatte: und es entstehen Umrisse und Bilder, die sich
mit den Erzeugnissen des zunehmenden Kolorismus in Musik
und Malerei sehr wohl vergleichen lassen. Dazu kommt noch
ein Weiteres, vielleicht Wichtigstes. Grillparzer ist ein Meister
der Stimmungsmalerei. Wie durchzittert doch eine besondere
Stimmung, gleichsam wie ein mit unheimlichen Kräften ge⸗
ladenes Fluidum, die „Ahnfrau“! Wie sonnig und doch senti⸗
mental, wie klar und doch gleichsam unmittelbar zu leiser
Trübung und tragischem Abschluß geschaffen erscheint das
Ambiente in „Des Meeres und der Liebe Wellen“: und wie
ist die rührende Geschichte von Hero und Leander fast nur ein
notwendiges Produkt dieser allumfassenden, aufs sicherste ge—
malten Stimmung. Es ist ein Element, das für Grillparzer
so bezeichnend ist, daß es auch seine Sprache und Technik mit—
bestimmt: den reichen Aufbau der Szenen, die Lyrik der Diktion,
die geheime Wucht der Retizenzen und jenes volle Schwingen des
Verses von Anbeginn, in dem sich tiefste Empfindung ausspricht.
Ist nun aber dies Element nicht recht eigentlich romantisch?
Es ist der Teil seines Wesens, in dem sich Grillparzer am ehesten
Victor Hugo nähert, dem großen dramatischen Romantiker der
Franzosen fast gleicher Zeit: und ein eingehenderer Vergleich
beider zunächst von dieser Stelle aus würde lehrreich sein, um
        <pb n="176" />
        166 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

zu zeigen, was die dramatische Romantik der beiden führenden
Nationen des zentralen Europas voneinander unterschied und
was ihr gemeinsam war.
Grillparzer ist vom Ende des zweiten bis zum Beginn
des vierten Jahrzehnts des 19. Jahrhunderts am fruchtbarsten
gewesen: 1817 wurde die „Ahnfrau“ aufgeführt, 1818,Sappho“,
1821 die Trilogie des goldenen Vlieses, 1825 „König Ottokars
Glück und Ende“, 1828 „Ein treuer Diener seines Herrn“,
1831 „Des Meeres und der Liebe Wellen“, 1834 „Der Traum
ein Leben“. Es ist eine Folge von Schöpfungen, die zugleich
den Interessenkreis des Dichters seinem Inhalte nach übersehen
lassen. Man bemerkt, wie die Antike noch überwiegt, wenn ihr
auch gern dem Romantischen sich nähernde Stoffe entnommen
werden; reine subjektive Romantik ist selten; auf dem Boden
einer mehr objektiven Romantik findet eine Entwicklung vom
gruselnden Sagenstoff bis zu historischen Vorwürfen statt. Je
mehr aber die dramatischen Stoffe historisch werden, um so
deutlicher zeigen sie sich auch auf Osterreich begrenzt: dem Land
zwischen Alpen und Böhmerwald und Sudeten, der Stadt an
der blauen Donau gehörte des Dichters Herz. Und noch heute
mag jemand es als eine besondere Gunst des Schicksals be⸗—
trachten, Grillparzers Werke in Wien zu hören; denn nirgends
stimmen noch heute für deren Welt Bühne und Zuschauer so
wohl zusammen wie hier: es ist, als ob des Dichters Gestalt,
wie sie in dem Denkmale des Wiener Volksgartens verewigt
ist, bei ihrer Aufführung durch die Säle schritte: und in die
Herzen der Bewunderer des im Leben so vielfach Verbitterten
senkt sich die Gewißheit, daß er lebe: denn seine Werke folgen
ihm nach.
Noch einem anderen, wenn auch minder großen Wiener
Dramatiker der dreißiger und vierziger Jahre kann dies schönste
Los des Dichters nachgerühmt werden: Raimund. Ist Grill⸗
parzer immerhin noch österreichisch, so ist Raimund speziell
wienerisch; fast nur auf dem Boden dieser entscheidenden Stätte
seines Wirkens kann er verstanden werden. Gleich dem späteren
Anzengruber war er Schauspieler, und aus seinem Berufe her.—
        <pb n="177" />
        Die Spätromantik.

i6f

im Grunde durch Bedürfnis nach besserer Lebenshaltung und
Benefiz, wurde er zum Dichten gedrängt. So war es, zumal
bei seiner ganz mangelhaften Bildung, von vornherein klar,
daß sich seine Dichtung in den Grenzen seines Theaters, der
Leopoldstädter Buhne, halten mußte. Als nach langem Be—
mühen der alte österreichische Hanswurst um 1770 von der
höheren Bühne verdrängt zu werden begann, hatte er sich, in
frischer Ausstaffierung, in das 1780 begründete Leopoldstädter
Haus geflüchtet, in ihm freundlich gewährte Unterkunft gefunden
und spielte nun hier, als Diener zumal, in tausend gern ge—
sehenen Possen seine lustige Rolle weiter. Das ist das Milien,
aus dem heraus und für das Raimund schuf. Und er schuf
aus einer üppigen Phantasie Zauberdramen, wie den „Dia⸗
mant des Geisterkönigs“ oder „Das Mädchen aus der Feen—
welt“, oder „Alpenkönig und Menschenfeind“: sozusagen ob⸗—
jektive Romantik, in der mit dem naiven Sinne fast des
Mittelalters die Wirklichkeit des Wunders und die symbolische
Bestimmtheit der Personen von dem Dichter mit ebensoviel
Natürlichkeit eingeführt wie von dem entzückten Vorstadtpublikum
mit Biedersinn geglaubt wurde. Und eben aus dieser Natürlich—
keit der Konzeption, die um Himmelsweiten verschieden ist
von dem gemachten Skeptizismus in den ironisierenden Märchen⸗
dramen der literarischen Romantiker, geht noch heute der
wundersamste Reiz aus: man schaut wie in ein Stück in—
krustierten Lebens des Mittelalters und der Urzeit; es ist, in be—
scheidenen Grenzen, wie das wirkliche Erblühen der blauen
Blume der Frühromantik.
Doch versteht sich leicht, daß diese Kombination einzigartig
war. Sie gehörte nicht der Hauptstraße, sondern, wie bis zu
einem gewissen Grade schon die Poesie Grillparzers, freund⸗—
lichen Seitenpfaden der Entwicklung an; und ihr Reiz wurde
um so stärker empfunden, als die breite Hauptzeile des drama—
tischen Fortschrittes in diesen Zeiten nur von weit weniger
starken Talenten, als es Raimund und Grillparzer waren, be⸗
völkert schien.
Klarer und einheitlicher, als im Drama, verlief die Ent⸗
        <pb n="178" />
        168 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

wicklung der Spätromantik auf dem Gebiete der Erzählung,
im Bereiche des prosaisch-epischen Schaffens überhaupt.
Zunächst lag es hier in der Natur der Gattung selbst, daß
die objektive Romantik von vornherein überwog: wie hätte
man nur in Gefühlen erzählen sollen? Indem dies aber un—
vermeidlich erschien, wurden freilich in den Zeiten der Früh—
romantik die Elemente aller höheren Erzählungsformen, die
kurze szenische Darstellung, der reflexionslose Bericht, von den
wichtigsten Vertretern der neuen Poesie so gut wie gar nicht
gepflegt. Und so blieb es denn der Produktion für die Massen,
dem literarischen Kunsthandwerk überlassen, sie zu entwickeln.
Es geschah zum Teil noch im Anschluß an die Ritter- und
Räuberromane des Sturmes und Dranges, bei denen im ge—
wissen Sinne Goethe mit dem „Götz“ und Schiller mit den
„Räubern“ Paten gestanden hatten. Die von der Romantik
hinzugebrachte umfangreichere Form aber war der Schauer—
roman, in dem tolle Phantastik, echte und vermeintliche Ge⸗—
spenster, unbegreifliche Vorgänge, Wunder und Zeichen ihr
Wesen trieben; und als ihr konstituierendes Formgebilde wurde
die Märchenerzählung entwickelt. Die Anfänge gehen hier wohl
noch bis in die achtziger Jahre des 18. Jahrhunderts zurück;
von besonderem Einflusse scheinen bald Veit Webers (Leonhard
Wächters) „Sagen der Vorzeit“ gewesen zu sein, die in den
Jahren 1787 bis 1798 veröffentlicht wurden.
Die Produktion an Ritter-, Räuber- und Schauerromanen
weiter zu verfolgen, bleibt außerhalb des Bereiches unserer
Erzählung, da die Formentwicklung auf diesem Gebiete gering
war. Denn Ernst Theodor Amadeus Hoffmann, der in ge⸗—
wissem Sinne als der höchststehende Vollender dieser Dichtung
anzuführen wäre, hat zwar den Kultus des Schauerlichen durch
eine volle Umkehrung der Welt, indem er das Philiströse als
schrecklich und ungewöhnlich, die Romantik aber als selbst—
oerständlich schilderte, zum Außerordentlichsten gesteigert; er ge⸗
bietet auch über eine ungemein saubere Form und jenen persön⸗
lichen Stil, den die Franzosen besonders lieben und der ihm eine
nicht unverächtliche Stellung in der Weltliteratur eingetragen
        <pb n="179" />
        Die Spätromantik.

160

hat. Indes läßt sich nicht sagen, daß er durch seine Form—
gebung eine bestimmte Richtung begründet oder daß er in
der Entwicklung des persönlichen Gerüstes der Erzählung, in
der vertieften Darstellung der Charaktere einen wesentlichen
Fortschritt eingeführt habe. Dagegen verfügte er, auch in
seinem gewöhnlichen Empfinden in die sonderbare Welt seiner
Dichtungen gebannt, über eine Summe von psychologischen
Erfahrungen und Beobachtungen, z. B. auf dem Gebiete der
audition coloréo, die ihn in dieser Hinsicht als frühen Vor—⸗
läufer der Reizsamkeit der zweiten subjektivistischen Periode
erscheinen läßt.
Soweit sich die großen Vertreter der Frühromantik hin—
weg über die objektive Romantik der Ritter-, Räuber⸗- und
Schauerromane epischer Produktion zuwandten, waren sie fast
alle durch Goethes „Wilhelm Meister“ beeinflußt, ja, nach der
eingehenden Analyse dieses Romans durch Schlegel, eigentlich
unter dessen Herrschaft: und mehr fast als ein Menschenalter
hindurch hat diese Einwirkung fortgewährt. So sind „Franz
Sternbalds Wanderungen“ von Tieck-Wackenroder, aus dem
Jahre 1798, ein künstlerischer Bildungsroman, wie der Wilhelm
Meister ein schauspielerischer war; daneben wird freilich roman⸗
tischen Neigungen durch die Verlegung der Szene in das aus⸗
gehende Mittelalter und durch die Heraufbeschwörung des alten
Nürnbergs mit seinen engen Gäßchen und gotischen Giebeln
noch besonders gehuldigt. In ähnlicher Weise nehmen später
Novalis' „Heinrich von Ofterdingen“ und Arnims „Gräfin
Dolores“ zu Wilhelm Meister Stellung; wie dort das Theater⸗
wesen, so spielen hier Poesie und adliges Lebensideal eine
zentrale Rolle: und auch Eichendorff in seinem Werke „Ahnung
und Gegenwart“ vom Jahre 1815 gelangte über Goethes Bann
noch nicht hinaus, sowie noch um vieles später nach ihm
Immermann mit seinen Epiqonen (1836) in dessen Kreisen
verharrte.
Charakteristisch fir die meisten dieser Romane, und be—
sonders die der früheren Zeit, ist der Umstand, daß sie innerlich
unabgeschlossen und wohl auch gar äußerlich Fragmente blieben.
        <pb n="180" />
        170 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Was ihnen mangelte, war die eigentlich epische Stimmung.
Denn bei aller Neigung zur Realistik im Einzelnen der Er—
zählung, wie sie gerade die wichtigsten Vertreter am stärksten
zeigen, wird doch das Ganze noch von phantastischen Tendenzen
und formlosen Stimmungen überwuchert; die Kunst der Er⸗
zählung schon, noch mehr die Kunst der epischen Komposition
dringt nicht durch; der Leser wird von Aphorismen hin und
her geschaukelt, statt ein starkes und gerades Interesse am Ver—
laufe der Ereignisse zu gewinnen: und so ist das Ergebnis
aller Kunst doch ein eng auf die Zeit selbst begrenztes, schon
für die Zeitgenossen der vierziger Jahre eindrucksloses Schaffen.
Hinausheben über diese Lage konnte eigentlich nur die
stärkere Betonung der Begebenheiten. Und diese mußte sich
am leichtesten im historischen Romane einstellen. In der Tat
wird dieser daher alsbald nach den Freiheitskriegen das
zunächst wichtigste Gefäß der weiteren Entwicklung; und an
seinen Formen läßt sich vielleicht am eingehendsten und an—
schaulichsten ein Abklärungsprozeß verfolgen, der von den
mystischen Anfängen der Romantik zu ihrem historisch-realisti—
schen Abschlusse hinführt.
In gewissem Sinne können schon Werke wie „Franz
Sternbalds Wanderungen“ als historische Romane bezeichnet
werden; sie spielen in der Vergangenheit. Indes handelt es
sich dabei doch nur um eine äußere geschichtliche Einkleidung,
deren Wesen selbst an sich schon Tendenzen der Gegenwart
dienen soll: geschweige denn, daß etwa versucht würde, die
Seele einer bestimmten geschichtlichen Periode in ihnen aufleben
zu lassen. Der letzte und in gewissem Sinne bedeutendste dieser
Romane, der sich schon geschichtlicher Betrachtung mehr an—
näherte, erschien seit 1817; es waren Achim von Arnims
„Kronenwächter“. Die Kronenwächter, ein geheimnisvoller
Bund, der bald an die Genossenschaft der Gralsritter anklingt,
bald an die Gesellschaft vom Thurm im „Wilhelm Meister“
exinnert, bewachen in einem märchenhaften Glasschlosse mitten im
Meere die deutsche Krone; und dem Hause Habsburg feind suchen
sie Abkömmlinge der alten Hohenstaufenherrscher zu Gegen—
        <pb n="181" />
        Die Spätromantik.

171

kaisern auszubilden: — vergebens, und vergebens nicht ohne
eigene Schuld. Deutschland, das ist der Schluß, auf den der
Dichter hinsteuert, wird keine politische Einheitsgewalt und
keinen über das Ganze gebietenden Herrscher mehr haben; seine
Macht ist einseitig geistig, und Träger deutscher Kronen werden
nur die sein, die geistig obsiegen: Dichter, Sänger, Gelehrte.
Man erkennt in alledem wohl historische Elemente, man sieht
den Beitrag zur Kritik und zum Verständnis der Gegenwart;
mittelalterliche Romantik, Restauration und Resignation bilden
Zettel und Einschlag. Gleichwohl konnte sich aus alledem
schwerlich das feste Gewebe einer künstlerisch durchgeführten
Erzählung gestalten. Auch die „Kronenwächter“ wurden, bei
aller persönlichen Kunst des Autors, kein vollendeter Roman
und blieben auch äußerlich Fragment.

Still schmücktest dun. mit Kranz und Blume
Den Dom, an dem du bauetest, den weiten,
Zu Gottes Ehre, deinem Volk zum Ruhme.
Zwar sahst du nicht das Werk zum Ende schreiten,
Doch ragt's, gleich jenem Kölner Heiligtume,
Ein riesig Bruchstück in dem Strom der Zeiten.
sE. Geibel.)

Das einfache ruhige Erzählen hat eigentlich erst Scott die
Deutschen gelehrt. Und wie unter seinem Einflusse, der in den
zwanziger Jahren zu bemerkenswerter Höhe stieg, Ranke zu
den ersten geschichtlichen Konzeptionen gelangte, so blühten
unter der Einwirkung seiner Romane Hauffs „Lichtenstein“ und
verwandte Werke empor: eine Höhe des kulturgeschichtlichen
Romans wurde namentlich da, wo sich die Dichtung lauterer
Heimatsliebe vermählen konnte, erreicht, die der geschichtlich—
gelehrten Erkenntnis um ein beträchtliches vorauseilte. Allein
die dreißiger Jahre zeigten doch auch, daß es sich hier um eine
teilweise künstliche Blüute handelte; noch immer währte die ro—
mantische Strömung wenigstens bei dem durchschnittlichen Lese—
publikum fort, wenn sie nicht gar erst jetzt ihre volle Höhe er—
rang. Was schließlich im historischen wie im Zeitromane erreicht
wurde, das zeigen typisch vielleicht am besten die beiden großen
        <pb n="182" />
        172 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitei.

Werke Immermanns, die in der zweiten Hälfte der dreißiger
Jahre erschienen, wenigstens wenn man von der dem „Münch—
hausen“ einverleibten Dorfnovelle „Der Oberhof“ absieht. Die
„Epigonen“ (1836) wie der „Münchhausen“ (1838 -9) sind in
der Komposition fast noch von der Formlosigkeit des Romans
der Frühromantik, die Epigonen zudem im Stofflichen der
Erzählung vielfach an Goethes Wilhelm Meister angelehnt; der
Held erinnert im allgemeinen Verlaufe seines Schicksalsganges
durchaus an Meister, die Konzeption der Fiametta würde
ohne Mignons Vorbild kaum verstanden werden. Aber auch
in der inneren Haltlosigkeit der Charaktere, die im Grunde
nur Träger gewisser dichterischer Absichten sind, tritt noch der
Boden der Romantik zutage. Und verdeckt wird er einiger—
maßen nur durch den Oberbau, im Münchhausen durch die
satirische Tendenz, in den Epigonen durch die Absicht, von dem
Deutschland der zwanziger Jahre ein großes Sozialgemälde zu
entwerfen, das freilich, der dem Stoffe innewohnenden Tendenz
nach, realistischer hätte ausfallen müssen.
Die Tatsache, daß sich schließlich doch nur der eigentliche
historische Roman, und damit eine fur die erste Hälfte des
19. Jahrhunderts untergeordnete Form der großen Erzählung,
zu einiger Sicherheit künstlerischer Durchbildung entwickelte, ist
im hohen Grade charakteristisch dafür, inwiefern in der all—
gemeinen seelischen Entwicklung der Zeit historischer und rea—
listischer Sinn zu unterscheiden ist: wie weit war der historische
Sinn selbst da, wo er mit Begeisterung gepflegt wurde, noch
davon entfernt, sich mit vollem realistischen Erkenntnistriebe zu
decken!
Für die Erzählungskunst folgte aus diesen Zusammen—
hängen, daß sie ihre erste allgemeine Höhe nicht so sehr in den
großen Formen, dem Romane oder gar dem Romanzyklus, wie
in der kleinen Erzählung und in der Novelle erreichen mußte.
Und hier war nun wieder bezeichnend, daß durchaus die Novelle
obsiegte. Die kleine Erzählung kann nur das Tatsächliche geben;
Reflerionen stören ihren hastigen Fluß. Die Novelle, die mit
der Erzählung die Absicht teilt, die Kenntnis „neuer, seltsamer
        <pb n="183" />
        Die Spätromantik.

178

und wunderlicher Begebenheiten“ zu vermitteln, dient doch zu⸗
gleich noch irgendeiner Tendenz, einem Programme, einer Ab⸗
sicht, und liebt deshalb eine gewisse, gelegentlich recht behaglich
verweilende Stimmung oder mindestens einen durchgebildeten
Kolorismus der Darstellung. Nun lief aber eben hierauf,
vor aller historisch-realistischen Fortentwicklung, die eigentliche
Neigung der Spätromantik hinaus; und so versteht es sich, wie
schon in den zwanziger Jahren derjenige der Frühromantiker,
der sich durch verhältnismäßig größeren Wirklichkeitssinn aus—
zeichnete, Tieck, zum Vater der deutschen Kunstgattung der
Novelle werden konnte; 1821 sind seine „Gemälde“ erschienen.
Gewiß hatte sich schon vorher Goethe in meisterhaften
Gebilden novellistischer Art versucht. Aber er stand damit
allein. Dann war von der epischen Zelle gleichsam her, von
der aus der Räuber- und Schauerroman gespeist wurde, von
der Märchenerzählung aus, auch eine feste Durchschnittsform
der Novelle entwickelt worden. In ihr haben Fouqué und
Achim von Arnim gedichtet: in einfachem schmucklosem Vortrage,
ohne weitere Künste der inhaltlichen und formalen Gliederung.
Jetzt aber ging Tieck über diese Anfänge hinweg; er schilderte
schärfer; er baute kunstvoller auf; er nutzte die Tendenz zum
Dramatischen, die der Gattung innewohnt, wenn auch noch
zögernd aus. Das Ergebuis war dann freilich noch nicht die rea⸗
—0—
gebildete Novelle der Epigonenzeit der fünfziger und sechziger
Jahre, sondern ein zunächst noch recht zartes und graziös⸗
unbehilfliches Gebilde, die ästhetische oder Teetischnovelle, voll
von feinknochigen Gestalten und vor allem voll von Reflexionen
und anderer romantischer Zutat. Dieser Charakter beschränkte
dann natürlich auch den Inhalt; wesentlich nur das Treiben der
höheren Stände wurde geschildert. Doch haben dann andere,
Eichendorff und namentlich Hauff, in ihren novellistischen Erzäh—
lungen einen kräftigeren Ton über breiterem Inhalt angeschlagen.
Im ganzen blieb es indes dabei, daß die Novelle in ihrer
ästhetischen Durchbildung auf dem Gebiete der Malerei etwa
der koloristischen Kunst der Schadowschen Schule entsprach,
        <pb n="184" />
        74 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

während wenigstens für die zwanziger Jahre Vergleiche mit
Schwind als Figurenmaler und Ludwig Richter als Land—
schafter noch näher liegen; die Romane aber der Frühromantik
und vielfach noch der zwanziger, ja dreißiger Jahre erinnern
gar am ehesten noch an die zarten Umrißbilder der Na—
zarener und deren geheimnisvollen Inhalt oder an die wenig
farbenfrohen, wenn auch im Umriß kräftigeren Kartons des
Cornelius.
Was aber den entwicklungsgeschichtlichen Inhalt der spät⸗
romantischen Dichtung ausmacht, das hat seinen reichsten und
vollständigsten Ausdruck doch wohl in der Lyrik gefunden: und
mehr, darf man sagen, als in den anderen Gattungen der
Dichtung tönten in ihr auch die wichtigsten zeitgenössischen
Interessen mehr zufälligen Charakters wider.
Schon der Umstand, daß sich die spätromantische Lyrik
von der frühromantischen schärfer abhebt als andere poetische
Gattungen, ist nicht ohne Bedeutung: das gibt dem Verlaufe
des Ganzen alsbald einen geschlossenen Zug, wenn auch die
Ausgänge ähnlich diffus sind wie auf anderen Gebieten: denn
die Heimat der Dichtung überhaupt wird langsam
dämmernd und dunkel und alt,
Trüb rinnen die heiligen Quellen;
und indem dem Enthusiasmus der subjektivistischen Frühzeit
zusammenfassend-rationalisierende Jahre folgen, verfliegt jenes
Fluidum poetischer Haltung, das vordem Leben und Sein der
Nation so ausnehmend erfüllte.
In der Lyrik machten die Freiheitskriege und eigentlich
noch mehr ihre Vorjahre Epoche. Die harte Not der Fremd⸗
herrschaft zwang wie der Philosophie so auch dem Liede, wie
dem Denken so auch dem Dichten eine Richtung auf das Dies—
seits auf, die in Fichtes Reden an die deutsche Nation und in
Arndts Poesie vielleicht zum entschiedensten Ausdrucke kam.
Denn was haben Arndts politische und kriegerische Dichtungen
viel mit dem Besonderen der Fruͤhromantik zu tun? Hier er—
schallten Töne der Vorzeit, alttestamentlich, evangelisch, volks⸗
tümlich nicht im Sinne der Nachahmung, sondern des eben⸗
        <pb n="185" />
        Die Spätromantik.

175

bürtigen Gewachsenseins, und in sehr besonderem Verstande
wurde das universale Wort Goethes verwirklicht:
Wer in die Zeiten schaut und strebt,
Nur der ist wert, zu sprechen und zu dichten.
Die Dichtung der Freiheitskriege als Ganzes hat sich frei—
lich nicht auf dieser Höhe gehalten. Kleist entwickelte allerdings
noch über Arndt hinaus in mancher Hinsicht Ureigenschaften
und trat damit, bei seiner besonderen Veranlagung, dem Im—
pressionismus der zweiten subjektivistischen Periode wundersam
nahe: aber Körner stand, wenn auch am wenigsten in seiner
Kriegspoesie, unter dem Einflusse Schillers, und Schenkendorf
verleugnete niemals den stark romantischen Einschlag, während
des jungen Rückert Geharnischte Sonette im ganzen mehr in
der Form als dem Inhalte nach die Zeitgenossenschaft mit Tieck
und den Schlegeln verraten.
Jedenfalls aber blieb auch noch nach den Freiheitskriegen
manches von dem besonderen, verhältnismäßig realen Ton der
Poesie der Notjahre erhalten; und es entwickelte sich daraus
eine politische Dichtung so allgemeinen Charakters, daß man sie
vielleicht am besten als Vaterlandspoesie schlechthin bezeichnen
kann. Und eines gar hohen Tones unterwindet sich anfangs
diese Poesie. Es ist, als diente ihr Arndts kräftig-stolze Apo—
strophe an das Vaterland als Leitspruch:
Es geh', durch Tugenden bewundert,
Geliebt durch Redlichkeit und Recht,
Stolz von Jahrhundert zu Jahrhundert,
An Kraft und Ehren ungeschwächt!

Allein bald mischen sich in die freudige Stimmung Töne des
Mißtrauens in die Freiheit einer künftigen Entwicklung, dann
der Sorge, der Resignation, des Unmuts. Da klingt es noch
mmer zuversichtlich, wenn Göttling im Jahre 1815 dichtet:
Werde stark, o Vaterland!
Eigner Satzung freies Band
Halte dich zusammen;
Daß, droht dir der Feinde Schwert,
Jeder, wie um eignen Herd,
Brenn' in Zornesflammen!
        <pb n="186" />
        176 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Aber schon 1820 ist der Ton aufs Ruhigere gestimmt;
Maßmann dichtet „Ich hab mich ergeben mit Herz und mit
Hand“; und sein Lied folgt bereits der Melodie des wehmuts⸗
vollen und nur noch im Verzichte mutigen Burschenliedes „Wir
hatten gebauet ein stattliches Haus“.
In der Burschenpoesie der Universitäten ist dann das
leuchtende Feuer der Lyrik der Freiheitskriege verglommen:
nicht ohne noch grelle Funken zu sprühen, ehe es prasselnd in
sich versank:

Stolz, keusch und heilig sei,
Gläubig und deutsch und frei
Hermanns Geschlecht!
Zwingherrschaft, Zwingherrnwitz
Tilgt Gottes Racheblitz:
Euch sei der Herrschersitz,
Freiheit und Recht! Karl Follen.)

Wie wir bald hören werden, war es die öde Politik der
Restaurationszeit, die bald alle Regungen nicht bloß freiesten,
sondern jeglichen Fortschritts erstickte.
Die junge Vaterlandsdichtung hat aber in gewissem Sinne
die spätromantische Lyrik überhaupt eingeleitet. Im übrigen
freilich: welche Welt der Verschiedenheit lag schon zwischen ihr
und der Frühromantik auch nur der Form nach!

Nicht bloß die Blume welkt, das Duftgewebe
Der Frühe reißt, entflieht des Lenzes Prangen,
Nicht bloß erbleichen junge Rosenwangen:
Dem Geist auch droht's, daß er sich überlebe.
Wie kühn er erst auf freien Flügeln schwebe,
Dumpf genügsam bleibt er bald am Boden hangen.
O wißt ihr für sein grenzenlos Verlangen,
Weis' oder Dichter, keinen Trank der Hebe?
(Auqust Wilhelm Schlegel.)

In den klagenden Rhythmen dieser Verse, wie sie in der
Spätromantik auch nicht ein einziges Gegenstück finden, hat sich
die Frühromantik zugleich selbst ihr Grablied gesungen. Nicht
ohne tiefe Einsicht. Denn das, was sie verzehrte, war in der Tat
der Ehrgeiz eines ikarischen Fluges, der Drang einer niemals zu
        <pb n="187" />
        Die Spätromantik.

177

befriedigenden Mystik. Da war denn der Gedanke an die
nächsten Pflichten, an die nationalen Aufgaben, da war die
Stärkung der Willenskraft überhaupt das Nächste, dessen man
bedurfte; und eben die Vaterlandsdichtung reichte am frühesten
den stählenden Trank. Aber leise drangen seine Wirkungen,
drang überhaupt eine zwar noch nicht realistische, aber immerhin
doch schon gegenständlichere Betrachtung von Gott und Welt
ein, und die alte Romantik wurde gleichsam für Feierstunden
aufgespart:

Gönnt mir's, daß in linden Träumen
Sehnsucht meinen Busen schwellt,
Wenn nur in des Wachens Räumen
Kraft und Mut die Zügel hält.
(F. de la Motte Fouqué.)

Es sind die Gefühle, unter denen die frühromantische
Lyrik leise abgeblüht ist:
Lieder nicht — nur leife Klänge
Aus dem Reich der Phantasie.
Daß ein fühlend Herz sie sänge.

(Dilia Helena.)

Und so lassen sich späterhin wohl noch gelegentliche Er—
innerungen an die alte Weise vernehmen; aber sie sind so—
zusagen persönlicher Natur; sie gehören vereinzelten Dichtern
besonderer Art an, unter denen vielleicht Hoffmann am meisten
hervorragt und sicherlich am meisten fesselt. Aber freilich ver⸗
schlingt sich bei ihm die alte Romantik eben in seinen besten
Gedichten schon mit starken Vorahnungen jenes zukünftigen
Impressionismus, der die zweite Veriode des Subjektivismus
charakterisieren sollte:
Ein Flüstern, Rauschen, Klingen
Geht durch den Frühlingshain.
Fängt wie mit Liebeschlingen
Geist. Sinn und Leben ein.

Säng' ich es nach, was leise
Solch stilles Leben spricht,
So schien aus meiner Weise
Das ew'ge Liebeslicht.
Lamprecht, Deutsche Geschichte. X.
        <pb n="188" />
        178 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Im ganzen lag es nahe, daß das Abblühen der Früh—
romantik unter bald folgendem Ersterben der Vaterlands—
dichtung zunächst zu einem gewissen Quietismus führte; und
dieser Gang der Dinge wurde zeitweise um so mehr erleichtert,
als Goethe, nun in das letzte, greisenhafte Stadium seiner
Entwicklung eintretend, auf ihm der natürliche Fuhrer war. Es
ist für ihn der Moment des „Westöstlichen Divans“, der Be—
schaulichkeit, der Reflexionen und Dialoge. Doch auch junge
Dichter schlugen diesen Pfad ein, der dann bald zu literarischkritischen
 und literaturgeschichtlichen Studien und damit ins
Ausland und, wie eben bei Goethe, vor allem ins orientalische
Fernland führte. Der Prototyp dieser Entwicklung ist Rückert.
Und wer sollte, wenn nicht an der Formgewandtheit, in dem
späteren Übersetzer der Makamen des Hariri noch den Dichter
der Geharnischten Sonette wiedererkennen?
Die Pfade dieser Entwicklung verloren sich aus dem
Affekte in die Nachempfindung und aus der noch so meisterhaft
gehandhabten gebundenen Form in die Prosa — aus der Poesie
in die Gelehrsamkeit. Eine der zahlreichen Übergangsformen
der Zeit vom Enthusiasmus zum Realismus ergab sich damit,
und zwar eine solche, bei der dem Enthusiasmus noch lange
ein gewisser Spielraum zu verbleiben schien. Es ist wie das
Absterben der gemalten Poesie noch von Cornelius im Ver—⸗
hältnis zu der Systemmalerei Wilhelm von Kaulbachs.
Die wirkliche Poesie der Spätromantik bevorzugte andere
Wege. Vor allem entwickelte sie, aus dem extrem Subjektiven
der Frühromantik heraustretend, den objektiven Gehalt der
romantischen Welt. Und sie tat es in steigend ruhigeren, rea⸗
listischeren Formen und Inhalten. Da hören wir wohl, in
einem der bekanntesten und schönsten Gedichte Eichendorffs, zwei
wandernde Gesellen am Bergeshang, wie sie die stille Gegend
entlang singen:

Von schwindelnden Felsenschlüften,
Wo die Wälder rauschen so sacht,
Von Quellen, die von den Klüften
Sich stürzen in Waldesnacht;
Sie singen von Marmorbildern,
        <pb n="189" />
        Die Spätromantik.

179

Von Gärten, die überm Gestein
In dämmernden Lauben verwildern,
Palästen im Mondenschein,
Wo die Mädchen am Fenster lauschen,
Wann der Lauten Klang erwacht,
Und die Brunnen verschlafen rauschen
In der prächtigen Sommernacht.

Bei Uhland ist dann eine verwandte Stelle schon weit
konkreter gestimmt; und neben die Naturpoesie tritt weit über—
ragend als Inhalt der Dichtung das Menschenleben, treten
Liebe, Treue und Vaterland: I

Sie singen von Lenz und Liebe,
Von sel'ger goldner Zeit,
Von Freiheit, Männerwürde,
Von Treu und Heiligkeit.
Sie singen von allem Süßen,
Was Menschenbrust durchbebt
Sie singen von allem Hohen.
Was Menschenherz erhebt.

Und manche Stelle späterer Zeit ließe sich anführen, die
neben der Menschenwelt der Gegenwart auch noch die der
Vergangenheit als das Reich der Dichtung rühmt: und nicht
mehr in der verschwommenen Weise der Empfindsamkeit oder
auch noch der ersten Romantik, sondern konkret, an Ort und
Zeit gebunden, und mahnend zu reicherem Sinne und härte⸗
rem Tatendrang: wohl soll auch da noch des Lebens Muse
frei einher wallen, aber nicht mehr, um im Vergangenen zu
versinken, sondern in Heldenträumen befangen einer größeren
Zukunft.
Es war eine Wendung, die von Anbeginn auch einen anderen
Begriff des Volkstümlichen bedingte als bisher. Der früh⸗
romantische Begriff hatte immer noch etwas Gemachtes gehabt;
das Nationale, noch mehr das eigentlich Volkstümliche war
Gegenstand eines besonderen Interesses, war beinahe kuriös,
im französischen Sinne dieses Wortes, gewesen. Jetzt wurde
das Volkstümliche einfach volksgemäß; es wurde zu etwas
Selbstverständlichem, dessen Gefühl und Empfindung sich der
12*
        <pb n="190" />
        180 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Brust des Dichters entringt wie das Vaterländische überhaupt.
Und alsbald verband es sich in diesem Sinne mit dem leis
Historischen: bis es von Natur- und Geschichtsgefühl zugleich
in innigster Durchdringung beherrscht wurde.
Die führenden Dichter dieses Moments waren Eichendorff
und Chamisso, neben denen eine ganze Anzahl kleinerer her—
geht, die man am besten aus Chamissos Musenalmanachen
kennen lernt. Von ihnen war Eichendorff mehr der Natur,
Chamisso vielleicht mehr der Geschichte zugewandt. Und jeden⸗
falls ist Chamisso von ihnen beiden der durchsichtigere, klarere,
aber auch flachere; es ist wie eine letzte Spur seiner franzö—
sischen Herkunft in seinen Gedichten. Den entwicklungsgeschicht⸗
lichen Fortschritt bezeichnet dagegen weit mehr der durch und
durch deutsche Eichendorff. Auch er hat gewiß etwas Ein⸗
förmiges; es ist nicht wünschenswert, daß man seine Gedichte
ohne Unterlaß hintereinander lese. Im ganzen aber über⸗
rascht immer wieder die in die Einzelheiten eindringende Ver—
tiefung des Naturgefühls bei allem Festhalten auch noch sub⸗
jektiver Elemente:

Über Bergen, Fluß und Talen,
Stiller Lust und tiefen Qualen
Webet heimlich, schillert Strahlen!
Sinnend ruht des Tags Gewühle
In der dunkelblauen Schwüle;
Und die ewigen Gefühle,
Was dir selber unbewußt,
Treten heimlich, groß und leise,
Aus der Wirrung fester Gleise,
Aus der unbewachten Brust
In die stillen. weiten Kreise.

Aber auch der Welt der Seele weiß Eichendorff ein vertieftes
wirkliches Verständnis abzuringen: und so stehen seine nicht allzu
zahlreichen Liebeslieder über dem Durchschnitte der Zeit, wenn
er auch früh vor dem scheinbar Unaussprechlichen Halt macht:
Schließ ich nun auch Herz und Mund,
Die so gern den Sternen klagen:
Leise doch im Herzensgrund
Bleibt das linde Wellenschlagen.
        <pb n="191" />
        Die Spätromantik.

181

Man begreift unter diesen Umständen, wie Eichendorff
vor allem auch volkstümlicher Dichter werden konnte: keusch
vor dem Subjektiven zurückweichend, das Naturgefühl der
Nation voll entbindend und veredelnd, hat er mit zahlreichen
seiner Lieder ganz ins Weite gewirkt.
Im übrigen ist es charakteristisch, daß mit dem ferneren
Verlaufe der Spätromantik das Liebeslied überhaupt zurück—
tritt; seine Forderungen greifen zu tief; und einstweilen handelte
es sich nicht so sehr um Eroberungen in den verworrens⸗tiefen
Gebieten der Herzenswelt, wie in den weiten Blachfeldern der
Natur und der Geschichte. So erhalten denn die meisten
Liebeslieder leicht etwas Typisches:
Deine Reize mich berauschen,
Sehnlich atm' ich füße Pein.
Darf ich Herz um Herz nicht tauschen,
Ist doch meine Seele dein.
(Helmine v. Chézy.)

Nur die leidenschaftlichsten Naturen verlassen diese breit
gebahnten Auen, und wo sie sich öffnen, da schlagen uns die
Schauer eines fast noch ungeborenen, mehr dem Ereignis als
der Erscheinung zugewandten Realismus entgegen:
Wird nie, in des Lebens Fülle getaucht,
Der Sehnsucht Flamme gelöscht?
Ach, könnt' ich einst trunken vom süßen
Taumel der Wonn' an den Busen dir sinken!
(Crisalin sIsaac von Sinclairs.)

Der gemeinsame Zug der Entwicklung aber drängt ins
Gegenständliche, Individuelle, in Zeit und Raum Faßbare,
in Vergangenheit und Heimat. Damit tauchen in dem all—
mählich zum Realistischen hin verlaufenden Abkühlungsprozesse
der Lyrik nun die landschaftlichen Dichterschulen auf: und eben
die objektiv „romantischsten“ Länder sind es, die sie entstehen
sehen, Schwaben mit seinen alten staufischen Erinnerungen und
seiner bewegten fürstlich-städtischen Vergangenheit, das Elsaß
im Kranze seiner Burgen und im Wohllaut seiner Sagen,
indem es mitten aus den bänger werdenden Tagen seiner
        <pb n="192" />
        182 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

babylonischen Gefangenschaft noch einmal am deutschen Leben
teilnimmt, endlich die schönsten Talgegenden unserer größten
Ströme, hier Osterreich mit seinen Traditionen aus den Tagen
der Babenberger, dort das Mittelrheintal mit seinen Wein⸗
geländen, der Wacht seiner Schlösser und Burgen, und der
Stadt der Heiligdreikönige mit dem herrlichen Dom!
Am reichsten wohl und gewiß am höchsten erklangen aber
die neuen Lieder in Schwaben. Denn hier zum ersten Male
wurde völlig die bloße Zustandsschilderung, die in der Lyrik
leicht zu einer Exposition ohne Handlung drängen kann, ver⸗
lassen; hier zuerst wurde nach den schweren Leidensjahren
der Fremdherrschaft auch im Süden ein Rückblick in frühere
Größe ohne Scham getan: hier zuerst fand man in dieser
Größe der Vergangenheit die Ziele einer hoffnungsreicheren
Zukunft wenn nicht vorgezeichnet, so doch umrissen: hier erwuchs
ein patriotischer Historismus und in ihm eine jener Gewalten,
welche die Nation in die erträumte Einheit von 1848 und in
den erkämpften Zusammenschluß von 1870 gehoben haben.
Dabei machte sich zugleich noch eine weitere Erscheinung be—
merklich, die eine wichtige Wendung der Entwicklung ankündigte.
Körner und Grillparzer, anderer nicht zu gedenken, waren aus
vpersönlichen Gründen gleichsam Nachahmer Schillers gewesen;
ihre Individualität hatte sich an eine höhere, verwandte an—
gelehnt; und hatten die Frühromantiker und Spätere Goethe
nachgeahmt, so war es unter dem überwältigenden persönlichen
Einflusse des Genies geschehen. Jetzt dagegen begann der Klassi—
zismus als solcher zu wirken: leise Spuren einer ersten, sehr
oerständigen und sehr klaren, wenn auch das eigene Wesen noch
keineswegs vernichtenden Epigonie ziehen ein: die erlöschende
Fackel der Lyrik der ersten subjektivistischen Periode entzündet
sich noch einmal an der lebendigen Erinnerung vergangener
Schönheit.
War es da ein Zufall, wenn ein Hochschullehrer, ein Literar—
historiker zumal, zur höchsten Verkörperung dieser Tendenzen
gelangte? Es war die Stellung Uhlands in der Dichtung
der ersten Hälfte des Jahrhunderts. Persönlich schüchtern,
        <pb n="193" />
        Die Spätromantik.

188

zurückhaltend, ein nimmersatter Feiler der Form, hat er seiner
Zeit und den nächsten Generationen bis auf heute Unsterbliches
geschenkt. Denn mögen seine Eberhardromanzen heute nur
noch ein Schuldasein fristen: Lieder wie „Ich hatt' einen Ka—
meraden“ haben noch die Lebenskraft eines männlichen Daseins.
Und nicht minder hat Uhland die Formenwelt der Romantik,
den oft übersatten Kolorismus der Sprache, die bunte Mannig—
faltigkeit der Strophenbildung kräftig abgeklärt und das Dauer—
hafte davon in der strengen Musik seiner Sprache geborgen.
Aber er stand nicht allein. Mag Gustav Schwab nur
noch der Jugend der Gegenwart durch seine „schönsten Sagen
des klassischen Altertums“ vertraut sein; mehr wiegen Justinus
Kerner und Eduard Mörike, des jüngeren Hauffs nicht zu ver—
gessen. Von ihnen war Justinus Kerner insofern noch voller
Romantiker, als ihm noch Poesie und Wirklichkeit zusammen⸗
flossen und ihm nur zu leicht gerade die Poesie zur Wirklichkeit
geworden ist. Aber wenn sich darauf sein Hang zur Hellseherei,
ja ein ganzer Geisterschwindel aufbaute, dem er unbewußt-bewußt
und gläubig-skeptisch nachging, so haben das schon die Zeit—
genossen bezeichnenderweise als mindestens original, wenn nicht
gar bereits als anormal und ärgerniserregend empfunden. Die
Nation wird darüber nicht vergessen, daß sie Kerner so Volks—
tümliches wie das Lied „Dort unten in der Mühle“ verdankt.
Ein Original in seiner Art, nach moderner Auffassung vermutlich
ein Neurastheniker, war auch Mörike. Die Zeit selbst freilich
begriff ihn nicht als krank, sondern nur schlechthin als faul;
und sicherlich lautet eines seiner liebsten Selbstbekenntnisse:
Am Waldfaum kann ich lange Nachmittage
Dem Kuckuck lauschend in dem Grase liegen.
Allein welche Perlen wuchsen in dem wunderlichen Ge—
häuse dieses Lebens, dem selbst eine Dorfpfarrei von ein paar
hundert Seelen zuviel der Arbeit war! Und wie klug und
klar sah der sich selbst treue Mann! Schon neigt sich bei ihm
die Schale zum vollen Realismus, ja jelbst impressionistische
Motive fehlen nicht; und so tritt er entwicklungsgeschichtlich
als Dichter seinem schweizerischen Amtsbruder nahe, dem freilich
        <pb n="194" />
        184 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

als Persönlichkeit ganz anders gebauten, tapferen Jeremias
Gotthelf.
Für die schwäbische Dichtung als Ganzes aber genügt es
nicht, sie ihrem Ursprunge nach zu betrachten; auch der Ab—
grenzung nach der Zukunft hin bedarf sie, um deutlich um—
schrieben zu sein. Und da erweist es sich denn namentlich als
notwendig, ihre patriotische und selbst schon kriegerisch-nationale
Seite etwas mehr, als dies zumeist geschieht, ihren Nuancen
nach zu bestimmen. Gewiß hat, wie Uhland „Ich hatt' einen
Kameraden“, so Hauff „Morgenrot, Morgenrot“ und „Steh
ich in finstrer Mitternacht“ gedichtet. Aber Uhland hat als
Abgeordneter der Vaulskirche von dem gastlichen Hause, das
ihn in Frankfurt beherbergt hatte, mit den Versen Abschied
nehmen können:

In diesen kampfbewegten Maientagen
Hört doch die Nachtigall nicht auf zu schlagen,
Und mitten in dem tobenden Gedränge
Verhallen nicht unsterbliche Gesänge.
Und Mörike gar, der 1870 auf 71 noch erlebte, hat die
großen Ereignisse dieser Jahre und den Vorwurf, sie nicht zu
besingen, mit den Zeilen quittiert:
Bei euren Taten, euren Siegen
Hat mein Gesang beschämt geschwiegen;
Doch manche, die mich darob schalten,
Hätten auch besser das Maul gehalten.

Man sieht: der historische Patriotismus hatte noch seine
sehr deutlichen Grenzen; in recht wesentlichen Punkten, wie
wir noch hören werden, unterschied er sich noch von der
patriotisch-politischen Lyrik sogar schon der zweiten Hälfte der
dreißiger Jahre.
Keineswegs so ernst, als die schwäbische, kann die Elsässer
Lyrik genommen werden. Ihre nächsten Vertreter, die Stöber,
waren mäßige Dichter; die Nachfahren aber hatten, das Los
der Elenden, den Zusammenhang mit dem großen Flusse des
deutschen Lebens verloren. So hat denn freilich die roman—
tische Lyrik im Elsaß bis zur Erlösung des Landes im Jahre
        <pb n="195" />
        Die Spätromantik.

188

1870 fortgeblüht, ein bescheidenes Dornröschen, wie man heute
etwa am Mississippi oder am Stillen Weltmeer noch in der
Weise Heines dichtet. Doch zeitigte 'eben diese Spätzeit noch
so achtenswerte Talente wie Gustav Mühl.
Leerer noch war der Singsang, der vom Rheine her
erscholl. Vergebens lud da wohl Simrock, der beliebte Über⸗
trager mittelhochdeutscher Texte ins Neuhochdeutsche, in einem
der wenigen Gedichte, die ihm ganz gelungen sind, zu reichem
Schmause wie in Italien so am Rheine ein:
O kommt ins Reich der Lieder und Gesänge,
Wo alle Träume reift die milde Sonne
Und alle Frauen heißen Königinnen!

Denn sangen Dichter und Dichterinnen vom wogenden
wallenden Rhein, so hatten die Wellen bei allem Herzerfreuen⸗
den doch wenig Besonderes zu melden:
Sie rauschen von den Tagen
Der längst vergangnen Zeit,
Von Liebe, Lust und Klagen,
Von deutscher Herrlichkeit!
(Adelheid von Stolterfoth.)

An der blauen Donau aber war es nicht eben um vieles
besser. Auch in den Landen sterreichs floß wohl die Welle
tönend im See,

Schaukeln Kähne in den Rieden,
Auf der Insel die Kapelle
Blinkt aus grünem Waldesfrieden.

Aber tiefster Empfindungen ist der Sänger dieser Zeilen,
Anastasius Grün (Graf Auersperg) doch nicht fähig gewesen,
wenigstens nicht insofern sie zugleich Höheres, Neues künden
sollten. Dagegen hielt Osterreichs Dichterwelt ähnlich wie auf
dramatischem Gebiete so auch in der Lyrik alte Töne pietätvoll
fest und ließ sie in verhältnismäßig späten Zeiten noch fein
und sauber, Silberglocken gleich, erklingen.
Lautlos lauscht die Mitternacht
Über Wald und Wellen,
Und die Weiden wehen sacht
An den Uferstellen.
        <pb n="196" />
        186 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Leiser Lichtschein zittert auf,
Dämmerhaftes Fließen,
Und es zieht der Mond herauf,
Schimmer auszugießen.
Silberstrahlen in den See
Senkt er, in das Dunkel;
Es erwacht die Wasserfee
Von dem Lichtgefunkel.
Ludwig August Frankl.)

Es war gleichsam der reguläre Abschluß der Spätromantik.
Allein wie die Musik, neben der Lyrik die am meisten re—
präsentative Gattung der Phantasietätigkeit in diesen Zeiten,
nicht in sich selbst versandete ohne das gewaltige Finale der
Schöpfungen Schumanns, so ging die Periode auch in der
Lyrik nicht zu Ende ohne große oder wenigstens eigenartige
Erscheinungen. Und sie gehörten eben den matten Gebieten
der rheinischen und der österreichischen Lyrik, wenn auch etwas
exzentrisch an: hier Heine und die Annette Droste-Hülshoff,
soweit sie schon in diesem Zusammenhange zu nennen ist, dort
Nicolaus Lenau.
Besonders nahe liegt der Vergleich zwischen Schumann und
Lenau. Bei beiden verwandte Anlage und dasselbe grausige
Schicksal. Bei beiden im Grunde ein Hinausstreben schon über
die Form der Romantik in neue Naturalismen, und bei beiden
das Unvermögen, neue Ziele klar zu sichten. Und bei beiden
auch hierfür ein beinahe gleiches Hindernis. Denn was sie
knickte, war doch vor allem die innere Zerrissenheit ihrer
Natur, war eine tiefe, nicht eigentlich mehr sozialpsychisch⸗
romantische, sondern an erster Stelle rein persönlich zu ver⸗
stehende Melancholie. Es war ein Element, das namentlich
Lenau um so stärker charakterisiert, als es seiner Dichtung
aufs unbedingteste und darum beinahe ausnahmslos ein⸗
gegossen ist.

Die Lüfte rasten auf der weiten Heide;
Die Disteln sind so regungslos zu schauen,
So starr, als wären sie aus Stein gehauen,
Bis sie der Wandhrer streift mit seinem Kleide.
        <pb n="197" />
        Die Spätromantik.

187

Und Erd' und Himmel haben keine Scheide,
In eins gefallen sind die nebelgrauen,
Zwei Freunden gleich, die sich ihr Leid vertrauen,
Und mein und dein vergessen, traurig beide.

Konnte einer solchen Beanlagung, und umfaßte sie die Natur
noch so innig und warm, eine Katastrophe erspart bleiben?

Weil' auf mir, du dunkles Auge,
übe deine ganze Macht,
Ernste, milde, träumerische,
Unergründlich süße Nacht!

Nimm mit deinem Zauberdunkel
Diese Welt von hinnen mir,
Daß du über meinem Leben
Einsam schwebest für und für. —

Aus wie anderem Stoffe war da die Annette Droste
geschaffen! Auch ihr Schicksal floß melancholisch dahin; hoff—
nungslos hat sie geliebt. Aber ihr Leben war heiter.

Denn, wie trotzig sich die Düne
Mag am flachen Strande heben,
Fühl ich stark mich, wie ein Hüne,
Von Zerfallendem umageben.

Und was ihr zerfiel, war, bei allem Eingeborensein in das
Leben des westfälischen Adels und in katholische Frömmigkeit,
dennoch die Romantik. Nicht als ob sie sich dessen bewußt ge—
wesen wäre. Starke Elemente selbst der Frühromantik pulsen
in ihr gelegentlich nach; verwandt mußte sie sich in ihrem
Pathos Männern wie Görres fühlen. Aber die tiefe Durch—
dringung von Natur und Geist wies sie vorwärts, diese weit⸗
aus größte Dichterin unseres Volkes; und während sie in
dennoch weiblichem Konservatismus an Inhalten hing, die eben
jetzt zur Vergangenheit wurden, streckte sich ihre poetische Witte—
rung vorwärts in noch ungeborene Zeiten. Und das Herbe,
recht eigentlich auch Jungfräuliche, das ihrer Dichtung damit
anhaftet, bildet nicht selten einen fremdartig wirkenden Gegen—
satz zum romantischen Stoffe.
        <pb n="198" />
        188 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Tief zieht die Nacht den feuchten Odem,
Des Walles Gräser zucken matt,
Und ein zerhauchter Grabesbrodem
Liegt über der entschlafnen Stadt:
Sie hört das Schlummerlied der Well'n,
Das leise murmelnde Geschäume,
Und tiefer, tiefer sinkt in Träume
Das alte Köln.
Dort, wo die graue Kathedrale,
Ein riesenhafter Zeitentraum,
Entsteigt dem düstern Trümmermale
Der Macht, die auch zerrann wie Schaum —
Dort, in der Scheibe Purpurmund
Hat taumelnd sich der Strahl gegossen
Und sinkt, und sinkt, in Traum zerflossen,
Bis auf den Grund.

Der Ampel Schein verlosch, im Schiffe
Schläft halbgeschlossen Blum' und Kraut;
Wie nackt gespülte Aferriffe
Die Streben lehnen, tief ergraut;
Anschwellend zum Altare dort,
Dann aufwärts dehnend, langgezogen,
Schlingen die Häupter sie zu Bogen
Und schlummern fort. —
Den Abschluß der Romantik bildet, ihre Auflösung be—
deutet die Lyrik Heines.
Heines Wesen läßt sich schwerlich verstehen, erinnert man
sich nicht des gleichzeitigen Wirkens Mendelssohns und auch
schon Meyerbeers. Die Entwicklung der ersten subjektivistischen
Periode war in eine Phase gelangt und sollte mit dem Rea—
lismus noch mehr in sie eintreten, in der der nationalen
Phantasietätigkeit die schöpferischen Augenblicke mehr und mehr
versagten und an ihre Stelle die Reproduktion und die Re—
pristination, die geschickte Synthese, der Verschleiß großer Er—⸗
rungenschaften im einzelnen, das geschmackvolle Geistreichtun,
das Spiel selbst mit Worten trat. In diesem Moment, der
noch nicht Epigonentum war, aber sich ihm in leisem Schritte
näherte, regte sich zum ersten Male wirksam eingreifend der
jüdisch-deutsche Geist. In Mendelssohn in der einen immer
        <pb n="199" />
        Die Spätromantik.

iso

wiederkehrenden Schattierung, im Konservatismus des Her⸗
gebrachten, das in gutem Geschmacke unter einigem persön⸗
lichen Zusatz variiert wird, in Stimmungen und Neigungen,
die auf politischem Gebiete gleichzeitig Stahl in stärkerem Ak—
zente zu vertreten begann. In Meyerbeer in den Regungen
eines das Vergangene dekomponierenden, aber nicht zu schöpfe—
risch Neuem umschweißenden, sondern auf den bloßen Effekt
richtenden Ehrgeizes, der nur durch die Furcht vor Mißerfolgen
gezügelt wurde. In Heine, im geraden Gegensatze zu Mendels⸗
sohn, in einem alle Inhalte zersetzenden Radikalismus, dem
nur eine raffinierte Pflege der Form wenigstens beinahe aus⸗
nahmslos heilig war:

Die Veilchen kichern und kosen
Und schau'n nach den Kronen empor.
Heimlich erzählen die Rosen
Sich duftende Märchen ins Ohr.

Es hüpfen herbei und lauschen
Die frommen, klugen Gazell'n,
Und in der Ferne rauschen
Des heiligen Stromes Well'n.

So hat Heine vor allem auch in der Form nachgewirkt.
Wie viele Elefantennaturen haben, um eine Anschauung der
eben zitierten Verse aufzunehmen, das lässig elegante und doch
so wohl kontrollierte Hüpfen dieser graziösen Gazelle nach⸗
zuahmen gesucht! Vergebens natürlich: denn eben dies war die
einzigartige Stellung Heines in der Entwicklung der deutschen
Dichtung, auf den Verfall des unerhörten Formenreichtums
namentlich der romantischen Lyrik zu treffen, und aus ihm in
persönlicher Umbildung aufzuraffen, was sich effektvoll, pikant
und in strengstem Feilen scheinbar läßlich gestalten ließ.
Fast mehr noch hat Heine auch die romantischen Inhalte
dekomponiert. Die deutsche Lyrik hat immer etwas Reflekto—
risches gehabt, und am wenigsten fehlte diese Ingredienz der
Romantik. Es ist ein Zug, der, verstärkte er sich, gerade
deutsche Dichter immer so leicht zur Satire getrieben hat. Bei
Heine setzte sich diese satirische Reflexion nun geradezu und nur
        <pb n="200" />
        190 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

zu leicht ins Frivole um. Was hat aber das Frivole noch mit
romantischer Ironie, was gar mit romantischem Weltschmerz
zu tun? Dem geängsteten Herzen des Briten entquoll die
Strophe:

Count o'ér the joys thine hours have seen,
Count o'er thy days from anguish free,
And know, whatever thou hast been,
PTis sométhing better not to pbe.

Wann wären Heine diese Zeilen Byrons gekommen?
Anders lauten die Worte, die er sich und der Romantik, wie er
sie noch glauben mochte zu vertreten, als Grabschrift gesetzt hat:

Am Kreuzweg wird begraben,
Wer selber sich brachte um;
Dort wächst eine blaue Blume,
Die Armesünderblum'.

Im Grunde beendet Heine die deutsche Romantik dadurch,
daß er die Form in ihr überwiegen läßt und sie dadurch auf
eine bloße literarische Bewegung reduziert: was sie ursprüng⸗
lich durchaus nicht gewesen war. Es ist die französische Kon⸗
zeption der Romantik, die damit eingeführt wird; nicht umsonst
hat sich der — verbannte — Dichter in Paris so wohlgefühlt.
Soweit aber die deutsche Romantik noch Inhalte hatte, wurden
auch sie von ihm ertötet. Diese Romantik hatte, wenigstens
in der Lyrik und in der Dichtung überhaupt, nicht am wenigsten
auf der Flucht aus der Gegenwart in eine Anschauung fremder
Zeiten und Räume beruht, die dem Gefühl und der Phantasie
freien Lauf gab: Heine aber ließ eine häßliche Wirklichkeit in
diese schönen Träume des Herzens hineingrinsen und schuf
dadurch Unbehagen, Blasiertheit und bestenfalls den Drang
nach Neuem. Freilich war er dabei weniger der Mörder, als
nur noch der Exekutor des Romantischen. Denn schon in der
Mitte der dreißiger Jahre meinte Immermann in den Epi⸗
gonen: „Der Fluch des gegenwärtigen Geschlechts ist, auch
ohne alles besondere Leid sich unselig zu fühlen. Ein ödes
Schwanken und Wanken, ein lächerliches Sichernststellen und
Zerstreutheit, ein Haschen, man weiß nicht wonach. Es ist
        <pb n="201" />
        Die Spätromantik.

191

als ob die Menschheit, in ihrem Schifflein auf einem über—
gewaltigen Meere umhergeworfen, an einer moralischen See—
krankheit litte, deren Ende kaum abzusehen ist.“

IV.

Überschauen wir die weiten Gefilde der Phantasietätigkeit
der Spätromantik, wie wir sie in den bisherigen Abschnitten
dieses Kapitels, von der Musik über die bildende zur dar—
stellenden Kunst durchwandert haben, so ist der allgemeine Ein⸗
druck der in ihnen immer wieder hervorblickenden, sie um—
fassenden und durchtränkenden Entwicklung nicht zweifelhaft.
In tausend Schattierungen, bei mancherlei Umwegen und Ver—⸗
hüllungen, wie sie der versiegenden ästhetischen Schöpferkraft
entsprachen, führt der Verlauf vom Enthusiastischen zum Über—
legten, vom Mystischen zum Rationalen — von der Phantasie—
tätigkeit zur Wissenschaft. Und diesen Prozeß zu verfolgen,
war um so reizvoller, als er sich im Grunde rasch vollzog.
Wie hurtig doch eilte die Dichtung von der subjektiven zur
objektiven Romantik und von dieser zum Historismus! Und
wie schnell wandelten sich damit, besonders deutlich in der
Lyrik, auch ihre Formen selbst da, wo es nach wie vor auf
den Ausdruck bloßer Gefühle ankam! Wie nicht minder reißend
vollzog sich aber auch in der bildenden Kunst der Übergang
von der zarten Linienkunst der Nazarener zu dem primitiven
Kolorismus Schadows und von da zu einem immer stärker
werdenden Historismus der Malerei, dem in der Architektur
alsbald eine mit sehr entschiedenen Zeitmomenten ausgestattete
Renaissance der Gotik zur Seite trat. Ja selbst in der Musik
bildeten sich aus Lied und Spiel bald neue feste Formen, und
bei den letzten großen Meistern machte sich sogar schon eine
neue, objektivere Kristallisation der Instrumentalmusik in erstem
Aufschießen bemerkbar.
Es mag wohl sein, daß die Schnelligkeit dieses Verlaufes
an erster Stelle der hohen Kulturstufe verdankt wurde, auf
der die Begebenheiten sich abspielten. Hohe Kultur bedeutet
        <pb n="202" />
        192 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

an sich schon Vorwiegen der intellektuellen Seite des Lebens,
bedeutet Korrektheit und Prosa. Wie sicher hat das nicht
schon Herder in bekannten Sätzen über die Lebensalter der
nationalen Sprachen geschildert. Aber war es nicht charakte⸗
ristisch, daß eben schon er dies tun konnte? Ein Angehöriger
noch der enthusiastischen Hälfte der ersten Periode des Sub—
jektivismus! Und doch schon so überlegt, so philosophisch, so
beinahe wissenschaftlich in dem prägnanteren, vielleicht sogar
bhornierteren Sinne dieses Wortes! Doch eben dies ist be—
zeichnend, daß die Dichtung auch schon des Klassizismus voll—⸗
steckt von Philosophemen, daß Goethe und Schiller nur von
denen ganz verstanden und selbst genossen werden können, die
den Windungen der Entwicklung ihrer Weltanschauung zu
folgen imstande sind. Von vornherein war die Periode, auch
in der Zeit ihres Enthusiasmus bereits, noch weit mehr aber
in der ihrer Mystik, intellektualistisch beschwert; und eben ihr
vollster Subjektivismus schon hat in Kant und in den Dichtern
der Frühromantik philosophischen Ausdruck gefunden.
Da mußte denn freilich der Weg von überwiegender Phan⸗
tasie zu überwiegendem Intellekt rasch zurückgelegt werden; und
über ein kleines bereits trat an die Stelle der Künste die
Wissenschaft. Dennoch wurde der Schritt nicht ohne sehr aus⸗
gesprochene und länger andauernde Übergangserscheinungen
getan; wir kennen deren schon einige in der Entwicklung der
Helden des Sturmes und Dranges wie des Klassizismus, voran
in den Weltanschauungsformen Herders, Kants, Goethes,
Schillers; wir haben andere in den Philosophemen der Denker
der Frühromantik berührt. Jetzt nun, in der Spätromantik,
wurde die damit eingeschlagene Richtung so kräftig weiter ver⸗
folgt, daß sie aus Weltanschauung und geschlossenem Philo—⸗
sophem unmittelbar in die Wissenschaft, wenn auch in eine zu⸗
nächst noch etwas enthusiastische Wissenschaft als ein bestimmen⸗
des Zeitmoment hinüberführte: es begann die Rationalisierung,
wenigstens die Realisierung der Psyche der ersten subjektivisti⸗
schen Periode. Es ist der für die innere Fortentwicklung schon
der dreißiger, noch mehr aber der vierziger Jahre entscheidende
        <pb n="203" />
        Die Spätromantik.

198

Prozeß; wir werden gut tun, ihn eingehend zu verfolgen.
Soll dies aber mit Aussicht auf Verständnis geschehen, so sehen
wir uns gezwungen, in der Geschichte der Wissenschaft ziemlich
weit zurückzugreifen: bis zu jenen Stellen, an denen die Dar—
stellung ihrer Entwicklung in einem früheren Bande abbrach!.
Im Verlaufe des 17. Jahrhunderts hatten die Naturwissen⸗
schaften den ersten Aufschwung ihrer Geschichte erlebt, so wie
sie die modernen Völker Europas bisher der Hauptsache nach
entwickelt haben, und wie ihre Entfaltung in dieser Zeit und
ihre spätere Fortbildung hier unter häufigem Hinausgreifen
auch über den nationalen Rahmen zur Sprache kommen muß.
Das Prinzip der quantitativen Forschung war damals in ihnen
durchgesetzt, der Gesichtspunkt der mechanisch-mathematischen
Naturbetrachtung gewonnen worden.
Der Aufschwung des Denkens, der zu dieser Ausgestaltung
der Naturwissenschaft führte, hatte im 16. und 17. Jahrhundert
von zwei Seiten her eingegriffen: von der schärferen und
sichreren Anwendung der Induktion und von der klareren
Formulierung allgemeiner deduktiver Elemente her: Experiment
und mathematischer Kalkül hatten gleichmäßig die neue Wissen—
schaft aus der Taufe gehoben.
Zur vollen Aufklärung dieses Zusammenhanges muß mit
zwei Worten selbst bis ins Mittelalter zurückgegangen werden.
Zwar durchaus nicht der einzige, wohl aber der gewöhn⸗
liche Schluß des mittelalterlichen Denkens in seinen klassischen
Zeiten war der Analogieschluß gewesen: er war das wesentliche
Mittel zur Erweiterung der noch sehr gering entwickelten Er—
fahrung. Sein Korrelat auf dem Gebiete des allgemeinen,
deduktiven Denkens aber war, wie früher eingehend begründet
worden ist?, der Wunderglaube; auf diesem fußte vor allem
das dogmatische Glaubenssystem der Kirche. Dementsprechend
bewegte sich das fortschreitende Denken des Mittelalters nach
der Seite der Erfahrung und nach der Seite der allgemeine

Band VII, 1, S. 67 ff.
2 S. Band VII, 1, S. 56 ff.
Lamprecht, Deutsche Geschichte. X.
        <pb n="204" />
        4 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Zusammenfassung hin zwischen den Grenzen des Analogie—
schlusses und der Deduktion aus den Grundtatsachen der christ⸗
lichen Lehre: und alle Wissenschaften, auch die Naturwissen—
schaften, fanden sich durch diesen Zusammenhang bestimmt und
gemeistert.
Es war aber ein Zusammenhang, der seit Ende des
15. Jahrhunderts, mit Einbruch und Verlauf des indivi—
dualistischen Zeitalters, immer mehr verloren ging. Jetzt er—
weiterte sich die Erfahrung außerordentlich, und an die Stelle
des Analogieschlusses trat der Induktionsschluß: jenes Denken,
das aus der Beobachtung stetig sich wiederholender Momente
in ausgedehnten Tatsachenreihen auf einen regelmäßigen, gesetzmäßigen,
 unverbrüchlichen Zusammenhang dieser Momente, vor—
nehmlich nach dem Prinzipe von Ursache und Wirkung, schließt.
Es verstand sich dabei, daß das deduktive Korrelat zu dieser
Art des Schlusses nicht mehr ein auf Wunderglauben gestütztes
dogmatisches System sein konnte: denn eben den Wunder—
glauben verneint je länger je mehr eine auf Induktion auf⸗
gebaute Erfahrung. Das deduktive Korrelat wurde vielmehr
nun auf ganz andere Weise gewonnen. Indem das indivi—
dualistische Zeitalter seiner ganzen seelischen Konstruktion nach
von vornherein wesentlich dem Intellektualismus zuneigte!,
ergab es sich als natürlich, daß gewisse oberste Prinzipien ver⸗
standesmäßigen Denkens als nicht aus der Erfahrung ab—
geleitet, sondern als aprioristischer Halt gleichsam und letzt—
endliches Moment eines allgemeinen Zusammenhanges galten.
Prinzipien solcher Art waren in den Grundaxiomen der Mathe⸗
matik gegeben: diese erschienen daher als eine unbedingte, von
jeher vorhandene Ausstattung der menschlichen Seele.
Unter diesen Umständen war klar, daß sich die innere
Entwicklung der Wissenschaften seit dem 16. Jahrhundert für
den ganzen Verlauf des individualistischen Zeitalters in steigender
Auswirkung zwischen den Denkgrenzen des induktiven Schlusses
und der mathematischen Deduklion bewegen mußte. In der

S. Band VIII, 1, S. 3 ff.
        <pb n="205" />
        Die Spätromantik.

195

Tat war dies das Wesentliche der Zeit. Natürlich aber
mußte in diesem Zusammenhange die entscheidende Stelle aller
Förderung da liegen, wo Induktion und. Mathematik evident
und mit sicherster Wirkung zusammentrafen.
Dies war der Fall in der Frage der Erkenntnis der einfachsten
Bewegungsvorgänge innerhalb des Gebietes der anorganischen
Natur: im Bereiche der Forschungen über die schiefe Ebene, die
Fallgesetze, die elementarsten Gesetze des Gleichgewichts. Hier er⸗
reichten darum Männer wie Stevinus, Kepler, Galilei, Huyghens
und andere zuerst die Übereinstimmung der Gegebenheiten des
Experimentes mit den Resultaten mathematischer Berechnung!:
und damit das Ideal individualistischen Denkens. Und als es
dann gar Newton noch gelang, auf Grund der Errungen⸗
schaften dieser Denker die Bewegungen der Himmelskörper des
Sonnensystems und damit den inneren Zusammenhang des
ganzen der Zeit fast allein genauer bekannten Kosmos verständlich
zu machen: da war der Sieg dieser ganzen Denkrichtung, der
Triumph der anorganischen Naturwissenschaften, entschieden.
Die auf die Erklärung einfachster Bewegungsvorgänge
angewandte mathematische Wissenschaft aber nannte man Mecha⸗
nik: und von ihr empfing darum die gesamte Art der neuen
Naturbetrachtung die Bezeichnung der mechanischen. Es war
eine Betrachtungsweise, die sich bis zur Mitte des 19. Jahr⸗
hunderts allerspätestens insofern vollendete, als bis dahin,
ganz in der Konsequenz noch individualistischen Denkens, die
Wissenschaft der Mechanik, so wie diese im 17. und 18. Jahr—
hundert verstanden worden war, völlig ausgebaut wurde: die
großen Systeme namentlich der Franzosen im zweiten und
dritten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts, eines Lagrange und
Laplace?, bedeuteten ihren Abschluß.
Mit den Errungenschaften des 17. Jahrhunderts hatte sich
aber im allgemeinen die Kraft der naturgeschichtlichen Fors chung
der individualistischen Zeit, wenigstens auf dem besonderen

S. Band VII, l, S. 69 ff.
2 S. Band VII, 1, S. 73, 78 ff.
        <pb n="206" />
        196 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

experimentellen Gebiete der Physik, erschöpft. Die Natur war
grundsätzlich rationalisiert; für den vollen Beweis und die
feinere Durchführung. dieser Rationalisierung fehlten indes viel—
fach noch die induktiven Mittel. So zeigte die wissenschaftliche
Bewegung in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ein Nach—
lassen — wenn überhaupt noch von einer Bewegung im strengen
Sinne des Wortes die Rede sein konnte: es gab eigentlich
nur noch einzelne tüchtige Gelehrte, nicht aber bestimmte
Strömungen wissenschaftlichen Fortschritts.
Demgegenüber begann mit der zweiten Hälfte des 18. Jahr⸗
hunderts, in Deutschland mit dem Beginn des neuen sub—
jektivistischen Zeitalters, wiederum eine kräftigere Strömung.
Sie war zunächst, das zeigt schon die Geschichte der Psycho—
logie dieser Zeit!, naturalistisch: wie denn auch auf dem Ge—
biete der Phantasietätigkeit während Empfindsamkeit und Sturm
und Drang starke Naturalismen herrschten. Und so hätte man
wohl einen starken Fortschritt vor allem auch der naturwissen—
schaftlichen Einzelforschung erwarten können.
Traf diese Erwartung nicht volllommen zu, so war dafür
im allgemeinen wohl die verhältnismäßig geringe Entwicklung
der methodischen Hilfsmittel, in Deutschland zugleich die Hin—
wendung der geistigen Interessen vornehmlich auf die Gebiete
der Phantasietätigkeit die Ursache.
Von methodischen Hilfsmitteln hatte allerdings noch das
ausgehende 17. Jahrhundert die Deduktion reich entwickelt,
insofern sie fruchtbarer Hypothesenbildung dienen und zugleich
zu genauer Beschreibung von Naturvorgängen führen konnte.
Insbesondere hatte Leibniz auf dem für die deduktiven Hilfs—
mittel entscheidenden Gebiete der Mathematik in der Infini⸗
tesimalrechnung oder höheren Analysis ein überaus feines Werk—
zeug zur exakten Beschreibung wichtiger Bewegungsarten ge—
schaffen, während Newton sich in dieser Hinsicht noch wesentlich
mit dem Rüstzeug Galileis hatte behelfen müssen.
Im Bereiche der Induktion indes war die Kunst des

S. Band VIII, 2, S. 803 ff.
        <pb n="207" />
        Die Spätromantik.

197

Experimentierens noch wenig entwickelt; erst in der zweiten
Hälfte des 18. Jahrhunderts wird man eines neuen Auf⸗
schwungs gewahr; in klarer Zusammenfassung tritt er z. B.
aus Senebiers Essai sur l'art d'observer et de faire des
expériences, Genf 1775, hervor. Und in der Zeit, da dieses
Buch erschien, hatten die deutschen Universitäten der Regel
nach auch schon Institute zum Experimentieren, während ver—
wandte Arbeitsstätten des Studiums auf dem Gebiete der
Geisteswissenschaften noch selten waren; als eines der an—⸗
gesehensten galt das Göttinger naturwissenschaftliche Institut
unter Lichtenberg, wie denn in Göttingen auch die geistes—
wissenschaftlichen Seminarien noch am besten entwickelt waren.
Insoweit die Fähigkeit der menschlichen Sinne bei Durch—
führung von Experimenten durch besondere Werkzeuge verstärkt
werden kann, befand man sich freilich in all diesen Instituten
nach heutigen Begriffen noch in den Kinderschuhen: eben auf
diesem Gebiete hat die Technik des 19. Jahrhunderts die
schönsten Erfolge erzielt. Doch begann ein gutes Instrumen⸗
tarium immerhin schon, je nachdem die Erfindungen bis in die
ersten Jahrzehnte'des 19. Jahrhunderts fortschritten, wichtige
neue Werkzeuge vornehmlich zum Messen und auch zum Wägen
aufzuweisen: so die Drehwage von Cavendish und die Dezimal⸗
brückenwage von Quintenz und Schwilgué; die Fallmaschine
von Atwood, die verbesserten Chronometer von Harrison und
englische Winkelmeßinstrumente besonders für astronomische
Zwecke, durch welche Bogengrößen bis nahe an eine Sekunde
mindestens der Schätzung zugänglich wurden. Im ganzen war
dabei wohl die Astronomie noch mit den besten Instrumenten
ausgestattet; ihr führte z. B. F. William Herschel, ein aus
Hannover nach England ausgewanderter deutscher Musiker, sehr
wesentlich vergrößerte und verbesserte Teleskope zu. Auf dieser
besonderen Gunst der Entwicklung ihrer Werkzeuge beruhte es,
wenn die Astronomie um die Wende des 18. Jahrhunderts als
die fortgeschrittenste der naturwissenschaftlichen Einzeldisziplinen
bezeichnet werden konnte. In der Tat: welche neuen Kennt—
nisse hatte sie nicht eben um diese Zeit der Welt geschenkt oder
        <pb n="208" />
        198 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

zu schenken: die Entdeckung mehrerer Planetenmonde und vor
allem eines neuen Planeten, des noch jenseits des Saturns
kreisenden Uranus (1781); die erste Aufklärung über das
Wesen der Sternenhaufen; ein frühestes ungefähres Bild von
der Verteilung der Fixsterne im Raume und damit auch von
der Stellung unseres Sonnensystems in diesem: erreicht erschien
im allgemeinen, was vor der Entwicklung der Spektralanalyse
und vor ihrer Einstellung in den Dienst der Astronomie er—
rungen werden konnte.
Führt man sich aber die Lage der einzelnen konstituierenden
naturwissenschaftlichen Disziplinen etwa gegen Schluß des
18. Jahrhunderts vor, so gebührte der Ruhm schon eines ge—
wissen Abschlusses um diese Zeit doch vor allem der Physik. Da
war besonders die Lehre von der Schwerkraft, freilich wiederum
vornehmlich mit Rücksicht auf die Verhältnisse des Sonnen—
systems, in den Einzelheiten der Beschreibung ihrer generellen
Wirkungen so gut bereits wie abgerundet; auf diesem Gebiete
hatten vornehmlich Franzosen gearbeitet: Clairault, D'Alembert,
Lagrange, Laplace, Legendre. Eine gewisse Vollendung emp⸗
fingen diese Untersuchungen dann in der Laplaceschen Hypothese
von der Entstehung des Sonnensystems. Die Gedanken, die
Laplace hier ausführte und näher zu begünden unternahm, hatte
allerdings ihrer allgemeinen Richtung nach schon Kant in seiner
„Naturgeschichte des Himmels“ vom Jahre 1755 angedeutet;
allein die volle naturwissenschaftliche Stützung und damit den
inneren Ausbau brachte doch erst Laplaces Exposition du
système du monde (1798). Laplace nahm da an, daß das
Sonnensystem durch Konzentrierung und Absonderung der
Sonne wie der Planeten aus einem Gasballe von un—
geheurer Ausdehnung und ebenso ungeheurer Verdünnung
hervorgegangen sei.
Abgesehen von der Theorie der Schwerkraft aber war,
teilweise auch noch im Zusammenhange mit der Astronomie,
die Lehre vom Lichte besonders gefördert: man kannte schon
die Erscheinungen seiner Zerstreuung, Beugung, Brechung und
Polarisation. Und dies war genug, um die alte Emiffions—
        <pb n="209" />
        Die Spätromantik. 199

theorie, wonach das Licht in abgeschleuderten Körperteilchen
des leuchtenden Gegenstandes bestehen sollte, bereits bedenklich
ins Wanken zu bringen. Hatte zudem nicht schon im 17. Jahr—
hundert der große Holländer Huyghens dieser Lehre eine
Schwingungstheorie gegenübergestellt? Jetzt aber, 176651772,
führte Euler in den „Briefen an eine deutsche Prinzessin über
einige Gegenstände der Physik und Philosophie“ aus, daß
überall ein Mittel von äußerster Feinheit, ein Äther, die
Zwischenräume zwischen den Körpern fülle, und daß eine Wellen—
bewegung dieses Äthers von uns als Licht empfunden werde.
Im Rückstande gegenüber den bisher besprochenen Dis-—
ziplinen erschienen dagegen Akustik und Wärmelehre. In der
Akustik konnte die Wirksamkeit Chladnis (17861827) wohl
als die verhältnismäßig am meisten fördernde bezeichnet werden:
Chladni stellte die Schwingungszustände von Platten und
Scheiben in den bekannten Klangfiguren sinnenfällig dar:
womit die Erscheinungen des Schalls noch sicherer als bisher
der physikalischen Mechanik eingeordnet erschienen.
In der Wärmelehre aber galt einstweilen der Hauptsache
nach noch eine alte, von J. S. Becher vorbereitete, von
Black aufgestellte, aber auch von Stahl (16601734) schon
in allen ihren Zusammenhängen entwickelte Theorie, wo—
nach es ein besonderes Prinzip, das Phlogiston, gebe, dessen
Wirkung Verbrennung sei: eine letzte theoretische Emana—
tion der alten Qualitätslehre von den Elementen, von der
unsere Erzählung bald eingehender zu berichten haben wird.
Es war eine Vorstellung, wie man sie auch vom Lichte ge—
habt hatte, und wie sie nicht minder für die als unwägbare
Flüssigkeiten bezeichneten magnetischen und elektrischen Be—
wegungen zur Geltung gelangt war. Gegen Ende des 18. Jahr⸗
hunderts wurde nun diese Anschauung für die Wärme schon
sichtbar erschüttert, obwohl sie immerhin eine Erklärung der
Begriffe der Oxydation und Reduktion, der Verbrennung
und Wiederherstellung zuließ: der Graf von Rumford, ein
englischer Günstling des bayrischen Kurfürsten, führte im letzten
Viertel des 18. Jahrhunderts Experimente aus, mit deren
        <pb n="210" />
        200 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Bekanntmachung im Jahre 1796 es beinahe gewiß zu werden
schien, daß die Wärme eine Art von Bewegung sein müsse;
und in ein solches Wesen der Wärme schien dann auch die
Entdeckung Herschels vom Jahre 1800, daß es in dem jenseits
der roten Farbe gelegenen Ende des Sonnenspektrums Strahlen
gäöbe, die, für uns dunkel, stark erwärmen, einen seltsamen
Einblick zu eröffnen. Freilich wußte die Zeit mit dieser Er—
scheinung einstweilen nichts anzufangen, obgleich sie eine voll—
kommene Analogie zwischen Licht- und Wärmestrahlen schon
recht nahe zu legen schien.
Sollte nun bei diesem Stande des Wissens in der Wärme—
theorie die Lehre von der Elektrizität schon besser gefördert ge—
wesen sein? Man kannte zunächst fast nur die Reibungs—
elektrizität, und auch die Lehre von dieser hatte die zweite
Hälfte des 18. Jahrhunderts von der Vorzeit noch fast in den
Kinderschuhen übernommen, wenn auch Dufay 1733 den elektri—
schen Gegensatz entdeckt hatte und ihm schon 1729 der Eng—
länder Grey in der Unterscheidung von Leitern und Nichtleitern
 vorangegangen war: was dann die Konstruktion des
Blitzableiters durch Franklin ermöglicht hatte. Etwas später
machte man aber doch große Fortschritte in der Kenntnis elektri—
scher Vorgänge. Im Jahre 1792 wurde die tierische Elektri—
zität durch die Froschexperimente Galvanis bekannt; andere
Formen einer Elektrizifät, die zunächst als Kontaktelektrizität
bezeichnet wurde, ergaben sich in den Erscheinungen der Volta—
schen Säule: bis Volta die Identität dieser Formen nachwies.
Aber über die Vorgänge selbst hinaus ins innere Ver—
ständnis der neuen Kraft einzudringen gelang noch nicht. Im
ganzen handelte es sich damit doch nur um erste Forschungs—
feldzüge auf einem noch dunklen Gebiete.
Betrachtet man indes das ganze große Feld der anorgani—
schen Naturwissenschaften, so war das Gesamtergebnis der
physikalischen Wissenschaften gegen Schluß des 18. Jahrhunderts
doch immerhin schon nicht ohne Bedeutung. Weit weniger
jedenfalls, als die Physik, war die Chemie entwickelt. Sehr
begreiflich. Denn die wissenschaftliche Chemie ist erst als
        <pb n="211" />
        Die Spätromantik.

201

Analogiewissenschaft zur Physik, unter Aufnahme der Leit—
motive physikalischer Untersuchung groß geworden. Und im
Grunde hat sie bis tief in die zweite Hälfte des 19. Jahr—
hunderts, wenn nicht darüber hinaus bis zur Gegenwart
noch unter dem überragenden Einfluß physikalischer Denkweisen
gestanden.
Das Eigene aber, das sie zu diesem Anschauen und Denken
ausgesprochenermaßen hinzubrachte, war, spätestens mit der
Entwicklung der mechanischen Naturlehre, die Frage nach dem
stofflichen Wesen der Körper in dem Sinne, daß diese aus
kleinsten Teilchen zusammengesetzt gedacht wurden: die Frage
also nach einer irgendwie gearteten Atomistik.
Spiegelte sich indes nicht an sich schon in der atomistischen
Problemstellung jenes Denken wider, das zunächst auf physikalisch⸗
mechanischem Gebiete entwickelt worden war? Die ersten wissen⸗
schaftlichen Spekulationen der abendländischen Welt über das
Stoffliche der Körper sind keineswegs von atomistischen An—
schauungen ausgegangen. Wenn Thales im Wasser, andere
griechische Naturphilosophen im Feuer, im Geist, im Sein oder
im Werden die Grundprinzipien der Dinge, insbesondere der
Körper gesehen hatten, so war der Gedanke der eines ein—
zigen zugrunde liegenden Stoffes oder einer Kraft, deren
qualitative Umbildungen, gleichsam Verkleidungen und Mas—
kierungen, die Mannigfaltigkeit der Welt ergäben. Und auch noch
die Elementenlehre des Aristoteles war qualitativen Charakters,
wenn auch im Verhältnis zu der älteren Naturphilosophie von
höherer und feinerer Überlegung. Denn auch Aristoteles suchte
noch nach den allgemeinsten Eigenschaften der Körper; und er
fand sie in den Gegensatzpaaren von Warm und Kalt und von
Feucht und Trocken. Aus ihrer Kombination entwickelte er dann
die vier Typen der Grundeigenschaften der Körper, nämlich
kalt und feucht, kalt und trocken, feucht und warm, und trocken
und warm: und stellte als wesentliche Repräsentanten dieser
Typen Wasser, Erde, Luft und Feuer hin. Es waren ihm
und Dutzenden von Geschlechtern nach ihm die vier sogenannten
Elemente: man sieht aber alsbald, daß sie mit dem, was wir
        <pb n="212" />
        202 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Elemente nennen, nicht das geringste zu tun hatten; denn
diese werden von der Naturwissenschaft als quantitativ, näm—
lich als an erster Stelle durch ihr Atomgewicht unterschiedene
Stoffe betrachtet: die aristotelischen Elemente dagegen sind
stoffliche Vertreter von Qualitäten.
Den aristotelischen Charakter der Elemente wiesen auch noch
alle die Elemente auf, die das mitteleuropäische Mittelalter, ja
teilweise noch die Spekulation des 16. und 17. Jahrhunderts über
die vier Elemente hinaus aufstellte: so die Metalle, insbesondere
das Quecksilber oder der Schwefel oder das Salz: denn auch
sie waren nur Repräsentanten von Qualitäten, welche den
Stoffen inhärent und als ihr Wesen konstituierend gedacht
wurden. Dabei erschien es denn als ganz selbstverständlich,
daß es möglich sein müsse, die Eigenschaften eines bestimmten
Körpers auf einen anderen zu übertragen, und nicht minder
lag der Gedanke nahe, daß es einen Körper mit einer In—
härenz aller Eigenschaften geben müsse, die dann von ihm
überallhin übertragbar wären. So kam es zu der Konzeption
der uns auf den ersten Blick höchst seltsam erscheinenden Lehre
vom Stein der Weisen, und zu den tausend und abertausend
Versuchen der Goldmacherei im 17., ja noch im 18. Jahrhundert.
Sehen wir aber von diesen Auswüchsen der qualitativen
Stofflehre ab: ist sie etwa an sich so absurd? Wäre es nicht
in der Tat denkbar, daß nicht die Stoffe an sich, wohl aber
ihre letzten Elemente, mag man sie nun als Atome oder sonst⸗
wie bezeichnen, sich dadurch unterschieden, daß ihnen qualitativ
differente Kräfte oder wenigstens Kraftformen inhärent wären?
Sicher ist, daß sich die Entwicklung der Chemie seit dem
17. und 18. Jahrhundert weit von solchen Vorstellungen ab—
wandte; denn sie entsprachen nur wenig dem Intellektualismus
des individualistischen Zeitalters. Sie nahm vielmehr die
Richtung auf eine Anschauung der Konstitution der Körper,
wonach diese aus kleinsten Teilchen zusammengesetzt galten, die
sich unter sich wieder nur auf mechanische Weise, durch Summe,
Lagerung und allenfalls auch Bewegung unterschieden. Dabei
hielt man eine Hypothese dieser Art bald für eine unwandelbar
        <pb n="213" />
        Die Spätromantik.

203

sichere Lehre; und einer kommenden Zeit schien es nur noch
überlassen zu sein, zu prüfen, durch welche neuen Konstruktionen
diese Vorstellungen, die mit fortschreitender Erfahrung immer
schwieriger wurden, als Ganzes stetig haltbar gemacht werden
könnten.
In Deutschland hat, nachdem durch Galilei und seine
Nachfolger die wissenschaftliche Mechanik aufgeblüht war, zuerst
wohl der Hamburger Rektor Jungius das Elementare der
Dinge in das Konkret-Stoffliche und nicht mehr in Eigen—
schaften verlegt. Allein sein Denken hatte auf seine Zeit keinen
großen Einfluß. Viel wichtiger wurde in dieser Hinsicht Robert
Boyles (1627 — 1691) vielgelesenes Buch Chymista scepticus.
Unter seiner Einwirkung bildete sich eine früheste Form der
modernen mechanischen Atomlehre, die Korpuskularthevrie, aus,
die den Verlauf der chemischen Reaktionen durch das gegen—
seitige Eingreifen von Spitzen, Schneiden und Haken an den
kleinsten Körperchen der Stoffe zu erklären suchte. Feiner war
es denn schon, wenn man, nachdem Newton seine Verallgemeine—
rung des Schwerebegriffes ausgesprochen hatte und die Idee der
allgemeinen Anziehung in den Vordergrund getreten war, die
chemische Verbindung auf irgendwelche Verschiedenheit in der
Form zurückführte, von der die Anziehung nach Art und
Stärke beeinflußt werde.
Im übrigen waren im 17. und vor allem im 18. Jahr—
hundert die Errungenschaften der Chemie als Einzelwissenschaft
noch nicht eben groß. Zwar löste man sich schließlich voll—
kommen von der qualitativen Auffassung früherer Zeiten,
wenn auch nun gelegentlich das Kind mit dem Bade aus—
geschüttet wurde: wie denn z. B. die medizinische Fakultät der
Universität Ingolstadt im Jahre 1760 experimentelle Vorträge
über Chemie als für die Studenten überhaupt überflüssig er—
klärte, sintemalen die „Arcana“, mit Einschluß des Gold—
machens, auf „eitel Prahlerei“ hinausliefen. Aber klare Prin⸗
zipien der quantitativen Chemie begannen sich doch eigentlich erst
seit eben der Zeit, da die Ingolstädter Fakultät also dekretierte,
völlig durchzusetzen. Es geschah, nachdem der Engländer Black
        <pb n="214" />
        204 Dierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

die Abscheidung der Kohlensäure aus kaustischem Kalke und
Priestley und der in Schweden lebende Deutsche Scheele die
Abscheidung des Sauerstoffes durchgeführt hatten, vornehmlich
durch Anwendung der Wage auf die Untersuchung chemischer
Prozesse. So suchte z. B. in Deutschland J. B. Richter in
seinen „Anfangsgründen der Stöchiometrie oder Meßkunst
chemischer Elemente“, 1792 -1794, schon die Gewichtsverhält—
nisse festzustellen, in denen sich Säuren und Basen zu Salzen
verbinden: womit eine Richtung der Forschung aufgenommen
war, die später zu außerordentlichen Einsichten geführt hat.
Und bereits vorher, im Jahre 1774, war dem Franzosen
Lavoisier, auf Grund von Untersuchungen mit der Wage, ein
Nachweis gelungen, der recht eigentlich die ältere qualitative
von der neuen quantitativen und mechanischen Chemie zu
trennen bestimmt war. Wir kennen schon aus anderen Theo—
rien der Zeit her die Vorstellung von einem, freilich bereits
besonders verfeinert aufgefaßten Repräsentanten der Verbrenn⸗
barkeit der Körper, dem Brennstoff, dem Phlogiston. Bei der
Verbrennung, so nahm man an, entweiche dieses Phlogiston
in die Luft, und die zurückbleibende Asche stelle dann den
eigentlichen Stoff des Körpers, ohne Phlogiston, dar. Aus
dieser Auffassung zog nun Lavoisier, falls fie richtig sei, den
der mechanischen Naturlehre ganz konformen Schluß, daß dann
die Asche leichter sein müsse als der Körper vor der Ver—
brennung, denn ihr müsse das Gewicht des entwichenen Phlo⸗
giston fehlen. Nun ergab aber die Untersuchung gewisser Aschen
mit der Wage genau das Gegenteil: die Asche war schwerer
geworden. Also konnte zunächst die Phlogistontheorie nicht
richtig sein. Zugleich aber fand Lavoisier auch eine Erklärung
für die Zunahme der Schwere. Die Veraschung machte die
verbrannten Stoffe um ebensoviel schwerer, als die umgebende
Luft leichter geworden war: aus dieser war mithin ein Be—
standteil, und zwar, wie sich zeigte, der Sauerstoff in den Ver—
brennungsprozeß eingetreten und eben in dem Maße des er—⸗
höhten Gewichts nachweisbar. Es war eine erste chemische
Erklärung der Verbrennung und die Bestätigung zugleich der
        <pb n="215" />
        Die Spätromantik.

205

Zulässigkeit einer mechanischen Interpretation chemischer Pro—
zesse. Es war die Konstituierung der mechanischen Chemie und
der mechanischen Atomistik.
Über diese Anfänge moderner Chemie aber hinaus war
man um das Jahr 1800 noch nicht gekommen. Ja alles schien
überhaupt noch im Werden; und wohl nur wenige gaben sich
bereits sichere Rechenschaft von der Bedeutung der jüngsten
Errungenschaften.
In diesem Momente nun, seit etwa 1790, wurde eine
Bewegung wichtiger, die in Deutschland im Grunde schon in
den Anfängen des neuen subjektivistischen Zeitalters, um 1760
und 1770, begonnen hatte. Soll sie ganz verstanden werden,
so muß an dieser Stelle schon über den Gesamtverlauf der Natur⸗
wissenschaften im subjektivistischen Zeitalter gesprochen werden.
Und ist diese Nötigung denn so außergewöhnlich? Die letzten
Jahrzehnte des 18. und die ersten etwa noch des 19. Jahr—
hunderts sind die Keim- und Wiegenjahre alles wissenschaftlich
Großen gewesen, das sich seitdem reicher, voller, klarer, ver—
standesmäßiger entwickelt hat.
Die mechanische Naturanschauung, wie sie ihrem Wesen
nach am bezeichnendsten in der quantitativen Atomistik und in
der Lehre von der Fernwirkung hervortritt, war eine echte, reife,
vielleicht die reifste Frucht des individualistischen Zeitalters in
seiner Höhe und in seinem Ausgang. Ihre Zeitabhängigkeit wird
anschaulicher, sobald man sie mit analogen Lehren auf dem
Gebiete des Geisteslebens, insbesondere mit der Lehre vom
Staate vergleicht. Wir wissen: auf diesem Gebiete galt, schon
seit dem 16. Jahrhundert entwickelt, durch alle Jahrhunderte
des Individualismus unverbrüchlich, wenn auch in verschiedener
Ausgestaltung, das Naturrecht!: der Staat erschien als aus
einzelnen isolierten und gleichförmigen Individuen nach privat⸗
rechtlichen Vertragsnormen zusammengesetzt; und über der gleich—
mäßigen Masse der Individuen erhob sich die eine, zu allen
in unmittelbare Beziehungen gesetzte absolute Staatsgewalt.

S. Band VII, l, 111 ff.; VIII, 1, 21 f.
        <pb n="216" />
        206 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Rapitel.

Dem entsprach es im Bereiche der Naturanschauung, daß als
kleinste Komponenten gleichartige Körperchen, Atome, ohne
qualitative Ausstattung, gedacht wurden, deren Bewegung und
Gleichgewicht die Welt zusammensetzt, und daß Bewegung und
Gleichgewicht letzten Endes gegeben erschienen in den Wirkungen
einer absoluten, alle Fernen mystisch überwindenden Kraft. Es
ist eine anthropomorphe, geschichtlich noch besser gesprochen cine
psychomorphe Anschauung: nicht anders, als irgendeine Natur—
wissenschaft vergangener Zeiten, ist auch die mechanische Natur—
wissenschaft das Spiegelbild der Anschauung, welche sich die
Zeit ihrer Entstehung vom Menschen und seinem dieser Zeit
spezifisch eignenden psychischen Wesen gebildet hatte und bilden
mußte: — auch der Entwicklungsgang der Naturwissenschaften
ist im tiefsten abhängig von dem Entwicklungsgange der Kultur—
zeitalter, von der nationalen und der universalen Psychogenese.
Wie sollte es übrigens, ganz allgemein und erkenntnistheoretisch
betrachtet, auch anders sein? Alle Erkenntnis ist dem Zu⸗
stande des Werkzeuges des Erkenntnisses und das heißt den
jeweiligen Eigenschaften der menschlichen Seele konform.
Dies vorausgeschickt, versteht es sich, daß mit dem Er—
blühen der subjektivistischen Kultur grundsätzlich schon rasch
und früh, in praktischer Durchdringung der einzelnen natur⸗
wissenschaftlichen Disziplinen allmählich und später, schließlich
aber mit vollkommenster und allseitigster Sicherheit eine ganz
andere Grundanschauung der Natur eintreten mußte: und daß
sie der neuen Psyche, dem entwicklungsgeschichtlich abgewandelten
Wesen des subjektiven Menschen zu entsprechen hatte. Wie
sehr aber wich dieser Mensch in der Tat von dem des indivi—
dualen Zeitalters ab! Wo jener isoliert und gleichförmig er⸗
schienen war, handelte dieser im Zusammenhang mit seines⸗
gleichen und nach einer für die einzelnen Personen verschieden⸗
artigen Willenskraft und Eigenschaftsausstattung, und wo jener
in einer großen Masse ununterschieden sich dem Willen des
absoluten Monarchen gebeugt hatte, entwickelte dieser, demo—
kratisch veranlagt, in der stärksten Abstufung von genossen⸗
schaftlichen und gemeindlichen Selbstverwaltungen einen reich—
        <pb n="217" />
        Die Spätromantik.

207

gestalteten gesellschaftlichen und staatlichen Organismus. Ent—
sprach dem nicht im Bereiche der Natur eine Atomistik, deren
kleinste Komponenten, wenn nicht unbedingt qualitativ ver—
schieden, so doch in verschiedener Weise kräftebegabt, und zwar
mit immanenten Kräften ausgestattet gedacht werden mußten,
und bei der die Mystik der Fernwirkung durch ein unbedingt
engstes und nächstes Spiel stetig verteilter, aber auch stetig
organisierter Energien ersetzt wurde? Und mußten in einer so
verstandenen Naturwissenschaft nicht neben den anorganischen
Naturwissenschaften, der eigentlichsten Domäne der mechanischen
Naturanschauung des individualistischen Zeitalters, die organi—
schen Disziplinen, die Wissenschaften vom Leben, erhöhte Be—
deutung gewinnen?
Eben dies letzte Moment ist mit am frühesten charakte—
ristisch; wie schon die Mitte des 18. Jahrhunderts, die erste
Zeit des Subjektivismus, Versuche einer selbständigen, der Ab⸗
sicht der Forschung nach von Metaphysik freigehaltenen Psycho—
logie erlebt hatte!“, so sah sie die erstmaligen Anfänge einer
wirklichen Physiologie, ja eines biologischen Denkens überhaupt,
in denen man der Pflanze, dem Tier, dem Menschen als einem
lebendigen Organismus gerecht zu werden suchte.
Der Ausgang des Individualismus war auf diesem Ge—
biete allerdings noch durch das Wirken eines für die Zeit—
anforderungen in besonderem Maße veranlagten Mannes ge—
kennzeichnet gewesen, dessen äußere Berufs- und Lebensstellung
zugleich ein lehrreiches Bild der Rolle darbot, die in der ersten
Hälfte, ja noch um die Mitte des 18. Jahrhunderts den orga—
nischen Naturwissenschaften neben den anorganischen zufiel.
Karl von Linné (1707 51778), Sohn eines schwedischen Bauern,
der Nachwelt vornehmlich als Botaniker und Zoologe bekannt,
war seinem Berufe nach zunächst Arzt; er hat nicht minder
über die Genera morborum wie über die Genera plantarum
geschrieben; wie denn auch Haller, der große Physiologe, Zoo—
loge und Botaniker, berufsmäßig vor allem Mediziner gewesen

S. Band VIII, 2, S. 309 ff.
        <pb n="218" />
        208 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

ist. Zoologie und teilweise auch Botanik, noch mehr aber
Physiologie und, soweit sie in kleinen Anfängen vorhanden
war, Entwicklungslehre der organischen Welt waren noch fast
ausschließlich nebensächliche Berufsaufgaben der Mediziner; und
vor allem den Anatomen fiel es zu, auf diesem Gebiete zu
arbeiten. Es ist nach heutigen Begriffen ein Zustand der Un—
vollendung, der noch weit ins 19. Jahrhundert hineingeragt
hat; noch Baer, Oken, Blumenbach, ja noch Rudoph Wagner
und Johannes Müller sind Anatomen gewesen; und sogar aus
wieder noch einmal späterer Zeit sind die Verdienste der Mediziner
und Anatomen Kupffer, Koelliker, Schultze um Zoologie und
Entwicklungslehre des tierischen Organismus bekannt genug.
Zu den Zeiten nun, da die organischen Naturwissenschaften
noch von den Mitgliedern der medizinischen Fakultät zumeist
gleichsam im Nebenamte betrieben wurden, machte die Tätigkeit
Linnés insofern Epoche, ja bildete einen ersten gewissen Ab—
schluß der Entwicklung, als Linné zum letzten Male die
Leistungen des individualistischen Zeitalters mit weitem Blicke
zu einem System zusammenfaßte. Denn das, was Plato Zu—
sammensehen genannt hat, war sein eigentliches Talent. So hat
er in den Fundamenta botanica während der dreißiger Jahre
des 18. Jahrhunderts den Grund zu dem noch heute bekannten
Pflanzensystem gelegt; so in den vierziger Jahren aus einer ein⸗
gehenden Durchforschung der Fauna seiner Heimat ein ent—⸗
sprechendes Tiersystem entwickelt. Das Entscheidende war dabei
in beiden Fällen, daß die Merkmale der Einteilung und System⸗
bildung nicht einem Studium des Gesamtorganismus der ein⸗
zelnen Tiere und Pflanzen, sondern nur gewissen, rasch auf—
fallenden Eigenschaften, so bei den Pflanzen vornehmlich der Zahl
und Art der Staubfäden, entnommen wurden: noch handelte es
sich, so sehr Linné auch hier, wie auf manch anderem Gebiete,
in der Wahl wichtiger Sexualorgane der Pflanzen als Ein—
teilungsgrund einen genialen Blick bewährte, doch nur um eine
sehr äußerliche Bewältigung der Probleme, welche die Wissen⸗
schaften der lebendigen Natur stellen: nicht als Organismen,
sondern, noch immer Descartes folgend, gleichsam nur als
        <pb n="219" />
        Die Spätromantik.

209

Maschinen, als Träger einiger besonderer, individueller Eigen⸗
schaften wurden ihre Objekte erfaßt.
Es war beinahe zu derselben Zeit, da in Deutschland
Haller bereits auf viel tieferen Einsichten beruhende sogenannte
natürliche Systeme zu begründen suchte, wie als Dichter so auch
als Naturforscher ein früher und glänzender Vorläufer des
Subjektivismus 1. Allein es ist bezeichnend, daß er damit nicht
durchdrang. Auf dem Gebiete der Botanik haben, nach an—
regenden Vorversuchen Joseph Gärtners in seiner Karpologie,
erst die beiden Jussien, insbesondere der jüngere von ihnen in
seinem Buche Genera plantarum secundum ordines naturales
disposita, 1789, die organischen, inneren Verwandtschafts⸗
beziehungen der Pflanzen ihrer Einteilung zugrunde gelegt;
erst der ältere de Candolle (1778 —1841) hat dann das System
—DDD
und Formenverhältnisse auf gewisse Ursachen zurückzuführen
und somit das primär Wichtige in der Symmetrie der Pflanzen
hervorzuheben bestrebt war — und noch tief in das 19. Jahr—
hundert hinein ist das alte Linnésche System für das Heer
der Pflanzensammler von populärer Bedeutung geblieben, so
sehr schon die Naturphilosophie der ersten Jahrzehnte des Jahr—
hunderts in richtiger Ahnung der tieferen Zusammenhänge für
die Aufnahme des natürlichen Systemes eingetreten war. Und
nicht besser ist es der Entwicklung eines natürlichen Systemes der
Faunga ergangen. Gewiß hat hier Cuvier angebahnt, was schon
Haller gefordert und selbst versucht hatte; seine Aufsätze über
die Anatomie und die Verwandtschaftsverhältnisse der Würmer
(1795) und seine Vorlesungen über die vergleichende Anatomie
(1800 - 1805) gaben eine erste natürliche Übersicht; schon fand
er das Gesetz der Korrelation, wonach jedes organische Wesen
ein Ganzes bildet, dessen Teile mit innerer Notwendigkeit
wechselseitig verbunden sind, und damit einen der wichtigsten
Wegweiser für die weitere Durchbildung der vergleichenden
Anatomie und der Entwicklungslehre; und selbst auf den Bau

1 S. dazu Band VIII, 2, 416 ff.
Lauprecht, Deutsche Geschichte. X.
        <pb n="220" />
        210 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

ausgestorbener Tiere hat er bereits seine Untersuchungen er—
streckt, ein früher Meister der Paläontologie des Tierreichs.
Allein auch seine Anschauung, geschweige denn sein System
ist nicht rasch durchgedrungen: noch immer hielt man, nament—
lich soweit es sich um nicht medizinische Vertreter der Forschung
handelte, an älteren, mechanischen Einteilungen fest.
Der Grund hierfür wie für den gleichen, fast noch länger
währenden Widerstand auf dem Gebiete der Botanik ist einfach
genug. Konnte man organische Systeme aufstellen, ehe man
die Organismen selbst untersucht hatte? Der Gang der ernstesten
und darum schließlich erfolgreichsten Untersuchungen konnte keine
anderen Wege einschlagen als die der eingehendsten physio—
logischen Forschung.
Und hier wiederum lag es in der Natur der Dinge, daß
man zunächst nur vom Menschen ausging: denn Mediziner
waren es, die auf diesem Gebiete noch lange wissenschaftlich
führten. Nur nebenbei kam daher zunächst die Pflanzen—
physiologie im weitesten Sinne dieses Wortes und die Tier—
physiologie, diese zum Teil als Hilfswissenschaft der eigent—
lichen, der Menschenphysiologie, in Betracht.
Der erste große Forscher moderner Zeiten auf dem Gebiete
der Physiologie des Menschen ist wiederum Haller (1708 bis
1777) gewesen. Haller betrachtete als Grundsubstanz des
menschlichen und tierischen Körpers das Gluten, eine aus Ol
und Wasser gebildete Gallerte: gleichsam das Protoplasma
seiner Auffassung. Während nun nach ihm die niederen Tiere
sich wesentlich nur aus Gluten zusammensetzten, traten bei den
höheren Tieren, und vor allem beim Menschen die Elemente
des Eisens, der Luft, der Erde hinzu. Indem dies geschah,
bildeten sich dann nach Haller Fibern, feine, teilweise mikro—
skopisch klein gedachte Komponenten, die darauf durch den
Druck der Umgebung zu Fasern, Platten, Kugeln: kurz zu den
den Organismus konstituierenden Teilen umgebildet wurden.
Bei dieser Lehre mußte nun Haller natürlich, wollte er weiter⸗
gelangen, alles auf das Wesen der Fibern ankommen; und
omit entschloß er sich zu eingehenderer Untersuchung der Gewebe
        <pb n="221" />
        Die Spätromantik. 211

und Nerven, in denen ihm die Fibern vornehmlich deutlich zu—
tage zu treten schienen. Und hier machte er dann als erster
die Beobachtung jener Kontraktionsfähigkeit der Muskeln und
zahlreicher anderer Gewebe, die teilweise auch nach dem Tode
bestehen bleibt, und des Empfindungsvermögens der Nerven
für äußere Reize: der Irritabilität also und der Semnfibilität:
von Erscheinungen, die tief in das Wesen der organischen Welt
einzuführen geeignet waren. Diese Entdeckungen aber waren
nicht möglich ohne Erweiterung der Forschungsmittel. Haller
war zugleich der Begründer des geordneten physiologischen
Erxperimentes, während er freilich, wie noch die nächsten Genera—
tionen der Mediziner nach ihm, den Gebrauch des Mikroskops
vernachlässigte.
Die großen Entdeckungen Hallers aber hatten ihre nächsten
Folgen aus uns schon bekannten Zusammenhängen und Gründen
nicht auf physiologischem oder morphologischem Gebiete, auch
nicht auf dem der zoologischen oder botanischen Systematik,
sondern in der Medizin. Aber hier waren diese Folgen denn
auch außerordentlich: beinahe ein Jahrhundert, darf man sagen,
blieben sie deutlich erkennbar.
Auf Grund der Forschungen Hallers über Sensibilität
und Irritabilität bildeten sich drei medizinische Gesamtanschau—
ungen aus, indem von einer Schule, die vornehmlich durch
den Engländer Cullen vertreten wurde, die Irritabilität als
Folge der Sensibilität gefaßt wurde, während eine zweite, die
an den Namen des Schotten Brown anknüpfte, umgekehrt als
oberstes Prinzip die Irritabilität aufstellte, und endlich eine
dritte, die sich insbesondere in Frankreich und zwar an der
Fakultät von Montpellier entwickelte, Irritabilität und Sensi—
bilität zu einem höheren Gesamtbegriffe zu verschmelzen suchte.
Dementsprechend führte die erste Schule jede Lebenserscheinung
auf den Einfluß der Nerven zurück, wollte die zweite alles vom
Standpunkte der Muskelerregung begreifen, entwickelte die dritte
die sogenannte vitalistische Methode, indem sie Reizbarkeit und
Erregbarkeit als Doppelausfluß einer allgemeinen Lebenskraft
ansah.
        <pb n="222" />
        212 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

In Deutschland faßte während der zweiten Hälfte des
18. Jahrhunderts vornehmlich die zweite dieser Schulen, wenn
auch unter gewissen Abänderungen der Hauptlehre, Fuß. Sie ist
auch im allgemeineren Zusammenhange deshalb besonders be—
merkenswert, weil sie, indem sie als Krankheitstypen eine starke
und eine zu schwache Erregbarkeit des Muskelsystems, in techni—
schen Ausdrücken eine Asthenie und eine Sthenie annahm, dazu
gelangte, die in Empfindsamkeit und Sturm und Drang hervor—
tretenden nervösen Erscheinungen als Asthenie zu bezeichnen.
Es bedarf dabei kaum noch des Hinweises darauf, daß, ganz
parallel dieser Entwicklung ärztlicher Begriffe im 18. Jahr⸗
hundert, nur wissenschaftlich intensiver begründet und insofern
entwicklungsgeschichtlich höher in der zweiten Hälfte des 19. Jahr⸗
hunderts, in den Zeiten der Reizsamkeit und des Impressionis⸗
mus, der Krankheitstyp der Neurasthenie in der Medizin zur
Ausbildung gelangte.
Die dritte aber unter den alten Gesamtanschauungen be—
darf deshalb besonderer Betrachtung, weil in ihr mit dem
Vitalismus ein Prinzip gefunden wurde, das noch über die
debenserscheinungen der Irritabilität und der Sensibilität hinaus
eine allgemeine Vorstellung über das Wesen des organischen
Lebens überhaupt, nicht bloß beim Menschen, sondern auch bei
den Tieren und Pflanzen ermöglichte, ja schon ausdrückte. Nun
war dieses Prinzip an sich freilich nicht neu. Allein in der
besonderen Durchbildung, die es jetzt erhielt, lehnte es sich doch
durchaus an neuere Forschungen an. Und da unterschied denn
schon Stahl von dem Blutkreislauf, der dem Körper die tierische
Wärme gäbe, eine Anima vegeétativa, welche durch raschere
oder langsamere Nervenschwingungen den „Tonus“ des Körpers
gestalte. Und andere deutsche Gelehrte, so Reil und Hufeland,
dieser der bekannte Berliner Arzt, entwickelten, zum Teil unter
dem Einflusse französischer Theorien, verwandte Lehren, während
Blumenbach (1752— 1840), der Begründer der Anthropologie,
an Stelle der Anima vegetativa einen Nisus formativus unnahm,
 der die Auswirkung der mechanischen Kräfte im Körper
regle und von der Empfängnis an die allmähliche Ausbildung
        <pb n="223" />
        Die Spätromantik.

2183

und Erhaltung eines bestimmten Organismus bis zu dessen
Zerfall zu sichern habe.
Klar ist dabei, daß dieser Begriff des Vitalismus der viel⸗
fachsten Deutungen und auch mannigfachen Mißbrauches fähig
war. Aus ihm ist einerseits durch Samuel Hahnemaunn (1753
bis 1848) seit Ende des 18. Jahrhunderts die Homöopathie
entwickelt worden; 1822 wurde das „Archiv für die homöo—
pathische Heilkunst“, 1829 in Leipzig der „Allgemeine homöo—
pathische Verein“ begründet. Andererseits ging aus ihm der
Mesmerismus hervor. Mesmer, 1734 geboren, hatte 1766
eine Schrift De intsuxu planetarum in corpus humanum
geschrieben, die in mehr als einer Hinsicht an sonst schon ver⸗
gangene Zeiten religiösen Aberglaubens und medizinischen
Wahnes erinnerte. Im Jahr 1818 ist er zu Meersburg am
Bodensee, auf dessen Friedhof ein wunderliches Grabmal an
ihn erinnert, gestorben. Seit Ende der siebziger Jahre des
18. Jahrhunderts hatte er in Paris magnetische Kuren be—
gonnen, indem er, ähnlich wie schon einmal Paracelsus, Kranke
mit Magneten in den Händen berührte; später, als er Heilungen
auch durch bloßes Streichen ohne Magnet erzielte, hielt er die
in ihnen ausgewirkte Kraft für einen von ihm selbst her⸗
rührenden animalischen Magnetismus. Er ist kein eigentlicher
Betrüger gewesen; auch in Deutschland erfreute er sich nicht
geringen Anklanges, so bei Lavater, bei dem Theosophen von
Baader, ja auch bei Ennemoser und Nasse, beides nicht un—
bedeutenden Medizinern: ein später Anhänger von ihm endlich
war noch Justinus Kerner mit seiner Seherin von Prevorst!.
Verführte so der Vitalismus, wie er zunächst im Zu—
sammenhange mit medizinischen Studien, also mit Unter—
suchungen über den Menschen, entwickelt wurde, eben wegen
dieses Zusammenhanges leicht zu allerlei spiritualistischen Ex—
zessen, die zudem durch die mystische Gesamthaltung der Früh—

, Blätter aus Prevorst, Originalien und Lesefrüchte für das innere
Leben“, 1831 51839; „Magicon. Archiv für Betrachtungen aus dem Gebiet
der Geisterkunde und des magnetischen und magischen Lebens“, 1840 -1853.
S. dazu oben S. 183.
        <pb n="224" />
        214 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

romantik noch beträchtlich gesteigert werden mußten, und litt
unter diesem Zusammenhange der einfache und ruhige Betrieb
auch der Tierphysiologie, so wurden auf dem Gebiete der
Pflanzenphysiologie viel sicherer gewisse einfache Grundlagen
späterer Erkenntnis gewonnen. Da war schon früh vor allem
die Lehre von der Befruchtung gefördert worden, insbesondere
hatte Camerarius die Wirkung des Pollens in dieser Richtung
festgestellt. Daneben wußte man bereits um 1760 aus den
Untersuchungen Malpighis, daß die Blätter Ernährungsorgane
der Pflanzen seien, und Ray hatte schon seine Experimente
über die Einwirkung des Lichtes auf die Färbung der Pflanzen
veranstaltet. Ein noch vollerer Reigen von Fortschritten be—
gann dann, als Lavoisier eine Anzahl von chemischen Unter—
suchungsarten der physiologischen Forschung zugänglich gemacht
hatte. Senebier zeigte 1782, daß in den grünen Organen
unter dem Einflusse des Lichtes Kohlensäure zersetzt wird.
Ingenhousz wies 1796 nach, daß die Pflanzen beständig Sauer—
stoff aufnehmen und Kohlensäure bilden; daß aber unter dem
Einflusse des Lichtes die grünen Organe umgekehrt Kohlen⸗
säure aufnehmen und Sauerstoff ausscheiden. Saussure be—
schäftigte sich, in Vervollständigung der Nachweise von Ingen⸗
housz, in seinen Recherches chimiques sur la végétation,
die im Jahre 1804 erschienen, noch eingehender mit dem Stu—
dium der Atmung der Pflanzen. Es waren Arbeiten, die zu
einer vollen Lehre von der Pflanzenernährung hinüberführten:
freilich aber einstweilen weit mehr auf französischem als auf
deutschem Boden Beachtung fanden. Denn in Deutschland
hatte man inzwischen, für den exakten Verlauf der Forschung
zu früh, schon begonnen, sich mit den schwersten Problemen
der Entwicklungsgeschichte zu beschäftigen.
Anregungen waren hierzu eigentlich schon von Haller aus—
gegangen, indem dieser, in gewissem Sinne noch ganz auf dem
alten Standpunkte der biblischen Schöpfungsgeschichte, wenn
auch deren Anschauungen im ganzen nur für die Vorstellungen
über die Entwicklung des einzelnen Individuums zugänglich,
zunächst für den Tierkörper die sogenannte Theorie der Praä—
        <pb n="225" />
        Die Spätromantik.

215

formation aufgestellt hatte. Nach dieser Theorie sollte kein
Teil irgendeines Organismus vor dem anderen gemacht, sondern
alle sollten zugleich im Ei enthalten sein. Dieser Anschauung war
dann Caspar Friedrich Wolff im Jahre 1764 in seiner Theoria
generationis durch die Lehre von der Epigenese entgegen⸗
getreten, nach welcher der Keim im Anfange vielmehr als ein
unorganischer Stoff erschien, der sich erst durch die Befruchtung
infolge eines bestimmten Entwicklungsprozesses langsam organi⸗—
siere. Es waren Lehren, die im Grunde alle beide noch un—
vollständig waren, sobald man von der Entwicklung des In—
dividuums auf die der Art kam. Denn dann mußte offenbar
die Präformationstheorie durch den Satz ergänzt werden, daß
in einem Keime nicht bloß die Organe des zunächst aus ihm
entstehenden Lebewesens, sondern auch die Organe aller Ab—
stämmlinge von diesem — mithin in den Keimen des ersten
Menschenpaares die gesamten Organe aller menschlichen Indi—
viduen präformiert seien. In der Tat ist nun die Prä—
formationstheorie in dieser Hinsicht durch die sogenannte Ein—
schachtelungslehre ergänzt und nach ihr dem in der Eva liegenden
Keime die Summe von 200 Milliarden in ihm eingewickelter
Organpräformationen für einzelne menschliche Individuen zu—
geschrieben worden. Einer wenn auch minder gewagten Er⸗
gänzung bedurfte aber auch die Lehre von der Epigenese.
Denn wenn in ihr ein langsam fortschreitender Entwicklungs⸗
prozeß in jedem Individuum behauptet wurde, so mußte offen⸗
bar irgendein Anlaß da sein, der diesen Entwicklungsgang vor⸗
wärts trieb. Und hier war es nun Blumenbachs Lehre von
dem Nisus formativus, die diesen Anlaß zu erklären schien;
und so wurde sie mit der Theorie der Epigenese verbunden.
War damit ein doppelter Ausgangspunkt für jede weitere
Vorstellung vom Wesen und vom Verlaufe der Entwicklung
der organischen Natur gegeben, so kann man heute, auf der
Grundlage unseres Denkens, leicht zu der Meinung gelangen,
die Theorie der Epigenese mit oder ohne Nisus formativus
hätte rasch zum Siege gelangen müssen. Dies war aber keines⸗
weas der Fall. Wolff (7 1794) hat den Sieg seiner Theorie
        <pb n="226" />
        216 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

nicht mehr erlebt. Vielmehr behauptete, unter dem Einflusse
biblischer Vorstellungen, insbesondere des Schöpfungsgedankens,
die Präformationslehre einstweilen das Feld.
Dies war die Lage, als, mit der steigenden geistigen Be—
wegung des Subjektivismus überhaupt, in dem Augenblicke,
da sich mit dem Verlaufe des literarischen, künstlerischen und
psychologisch-philosophischen Klassizismus zunächst auf diesem
Gebiete das Bedürfnis einer Synthese ergab, auf diesem Wege
auch eine Beruhrung mit dem Verlaufe der naturwissenschaftlichen
Forschung eintrat, die alsbald wenn nicht zu sicheren neuen
Ergebnissen, so doch zu fruchtbaren Hypothefen allgemeineren
und allgemeinsten Charakters führte.
Vergegenwärtigen wir uns für diesen wichtigen Moment
kurz zusammenfassend die Kräfte, die eine Verbindung eingehen
sollten. Die Naturwissenschaften waren in diesem Augenblicke
noch streng in organische und anorganische geschieden; von dem
Bereich der einen schien nicht einmal der schmalste Pfad in den
Bezirk der anderen zu führen. Dabei war auf anorganischer
Seite für Physik und Chemie in der mechanischen Anschauung
eine klare, einstweilen genügende Grundlage erreicht. Freilich
begann dabei eben jetzt, und in steigendem Maße im Ablaufe
der Fusion früher subjektivistischer Weltanschauungen und natur—⸗
wissenschaftlichen Denkens eine Reihe neuer physikalischer Er⸗
scheinungen bekannt zu werden, die später in anderem Zu⸗
sammenhange eingehend darzustellen sein werden, und die eine
Zeitlang die mechanische Anschauung als unzulänglich zu er—
weisen schienen: eine ganze Anzahl noch unübersichtlicher magne—
tischer, elektrischer, galvanischer Vorgänge erregte im höchsten
Grade das Interesse der Zeitgenossen. War damit die Mög⸗
lichkeit einer zwiespältigen Entwicklung angedeutet, in der sich
neben die mechanisch-statische eine dynamisch⸗organische Inter⸗
pretation der Naturvorgänge stellen konnte, so trat ein solcher
Zwiespalt der Auffassungen in den organischen Naturwissen—
schaften noch deutlicher zutage: neben Anfängen chemisch-physio⸗
logischer Untersuchungen, denen schließlich mechanische Inter—
pretationsprinzipien zugrunde lagen, hatten sich vitalistische
        <pb n="227" />
        Die Spätromantik.

217

Theorien gebildet. Und während in den anorganischen Dis—
ziplinen die mechanische Auffassung überwog, war in den orga⸗
nischen Disziplinen die Führerschaft der vitalistisch-organischen
Auffassung kaum zu leugnen.
Wie wirkte nun in diese Konstellation hinein der synthe—
tische Zug der Weltanschauung des Klassizismus? Mit Empfind—
samkeit und Sturm und Drang war die rein naturalistische
Zeit des Frühsubjektivismus so gut wie erledigt. Jetzt wollte
man beherrschen, was die Generationen seit Mitte des 18. Jahr⸗
hunderts an psychischer Weite und breiterer wie tieferer Er—
fahrung gewonnen hatten, wollte man systematisieren, was sich
als Wesen der neuen, subjektivistischen Psyche ergeben hatte. So
kam man zunächst zu dem Begriffe der Totalität: alles Dasein
als ein gemeinsam Ganzes sollte durch ein erklärendes Ver—
ständnis umfaßt werden. Zugleich aber entwickelte man als
das Wesentliche dieses Ganzen den Begriff der Aktualität: denn
eben diese, die Willensmomente des Seelenlebens, die Frei—
heit subjektiver Bewegung, bedeuteten das Neue des empor—
kommenden Zeitalters.
Näherte sich diese Strömung der fortschreitenden seelischen
Entwicklung dem Bereiche der Naturwissenschaften, so war es
klar, daß sie ihn mit dynamischen Vorstellungen überschwemmen
und schließlich durchdringen mußte, und daß der Eingang für
sie am leichtesten auf dem Gebiete der organischen Natur—
wissenschaften zu gewinnen war. In der Tat verlief die Ent—
wicklung in diesem Sinne; schon seit Beginn der siebziger
Jahre des 18. Jahrhunderts läßt sich der Vorgang deutlich
verfolgen; und Herder bereits stand in der Linie seines Ver—
laufes. Der erste große Vertreter aber der zunächst auf orga—
nischem Gebiete eingetretenen Mischung war Goethe.
Goethe war an sich weitschauend genug, neben der orga—
nischen auch die mechanische Betrachtungsweise der Natur gelten
zu lassen. In diesem Zusammenhange hat er wohl von zwei ver⸗
— —DDDDDDDDD—
schen und der dynamischen, und ihren Unterschied darin ge—
funden, „daß jene in ihrer Erklärung das geheimnisvolle
        <pb n="228" />
        218 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Napitel.

Band nachbringt, und daß diese es voraussetzt.“ Aber persön—
lich neigte er doch durchaus der organischen Erklärung zu.
Schon das war für ihn in dieser Hinsicht charakteristisch, daß
er eine natürliche Abneigung gegen die Mathematik hatte.
Positiv aber mochte seine bezeichnendste Eigenschaft als Natur—
forscher vielleicht darin bestehen, daß er auch sich selbst der
Natur organisch einordnete. Er trat ihr nicht selbständig
gegenüber; sie war ihm nicht ein seelisch durchaus von ihm
verschiedenes, durch seine Seele als seelenbelebt unerkennbares
Objekt, das kühler Untersuchung mit Hebel und Schrauben
zu unterwerfen sei. Als Teil der Natur vielmehr glaubt er
diese eben von sich aus, aus den Regungen der Seele her
nicht bloß überhaupt, sondern gerade am tiefsten vorstellen zu
können. Es war eine geistige Haltung, die natürlich für die
Naturwissenschaften die Deduktion nicht nur zuließ, sondern
unmittelbar nahelegte.
Und hier meinte nun Goethe, das „ganze Geschäft“ be—
stehe darin, „die einfachste Erscheinung als die mannigfaltigste,
die Einheit als Vielheit zu denken“. Mußte ihn nicht das
schon vornehmlich der organischen Natur als der mannig—
faltigsten am ehesten zuführen? Es ist schon früher ausführlich
erzählt worden, welche Theorien er dabei fand und entwickelte!;

S. Band VIII, 2, S. 8384 ff. Kants Vorstellung einer doppelten
Welt, einer der Erfahrung und einer intelligibeln, kann schließlich mit
dem Goetheschen Idealismus (Welt der Ideen und Welt der Erfahrung,
beide nur im Denken trennbar) parallelisiert werden, wenn man von den
—D—
Goethe der Naturphilosophie einer solchen Weltanschauung gerecht wurde
ljund Wilhelm v. Humboldt, wie wir sehen werden, nach deren Analogie
eine Geschichtsphilosophie begründete), Kant vielmehr die Probleme der
Ethik und der sich bei ihm an diese anschließenden Metaphysik ausbaute.
Oder anders ausgedrückt: Goethe (und Humboldt) zogen die Konsequenzen
der allgemeinen Anschauung mehr gegenüber der äußeren, Kant mehr gegen—
über der inneren Erfahrungswelt; Goethes (und Humboldts) Bestreben
oerlief in der Richtung auf das theoretische Bedürfnis des Welterkennens,
Kants in der Richtung auf das pratktische Bedürfnis des Selbsterkennens
und der Selbstregierung.
        <pb n="229" />
        Die Spätromantik.

219

wie sich ihm, seit etwa 1770, langsam ein pflanzlicher Typ
ergab, der sich in allen konkreten Pflanzengebilden nach den
Prinzipien der Kontraktion und Expansion der hauptsächlichsten
Teile auswirke: wie er dann seit 1791 auch einen Tiertypus
aufstellte, bei dem die Wirbelknochen bis zu dem Grade die
Rolle von Hauptkomponenten übernahmen, daß aus ihnen die
Schädelbildung erklärt wurde: wie dann schließlich beide Typ—
ansichten in leise Vorstellungen eines Urtyps überhaupt zu—
sammenschießen konuten. In diesem Sinne hat der alternde
Goethe einmal geäußert, daß die Systeme des Kelches, der
Krone und der Staubfäden dem Systeme der Stengelblätter
korrespondieren, Pistill, Fruchtbehälter und Frucht aber dem
Systeme der Augen angehören. „Wer sich dies anschaulich
machen kann, wird einen tiefen Blick in die Naturgeheim—
nisse tun.“

Charakteristisch war dabei für Goethe, daß er im allgemeinen
in den Grenzen der eben geschilderten Vorstellungen stehen
blieb. Es war ihm das Reich des noch Anschaulichen. Darüber
hinauszugehen, erschien ihm schreckhaft. „Das unmittelbare
Gewahrwerden der Urphänomene versetzt uns in eine Art
von Angst; wir fühlen unsere Unzulänglichkeit; nur durch das
ewige Spiel der Empirie belebt, erfreuen sie uns.“ Methodo⸗
logisch betrachtet bedeutete dies die Einschränkung auf eine
physiologische Stufe dynamisch- organischer Naturanschauung.
Gewiß löste sich Goethe dabei von den biblischen Ideen los,
die für Herder immer und immer wieder das Bild der Ent—
stehung der organischen Natur bestimmt hatten. Aber aus der.
Welt der in ihrer Genesis biblisch nicht mehr begrenzten physio⸗
logischen Möglichkeiten bis zu jenem Urgrunde vorzudringen,
den eigentlich schon der energetische Monismus Leibnizens
klargelegt hatte: als Grundprinzip eine Kraft anzunehmen, von
der aus Energieäußerungen Ursachenzusammenhänge schüfen, die
sich bei der ständigen Art der Energieausstrahlung als kon⸗
tinuierlich erwiesen: und nun diesen Urgrund mit der Mannig-—
—VV
nistische Hypothese und Theorie zu verbinden: so weit ging
        <pb n="230" />
        220 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Goethe nicht. Nicht einmal aus den Typen des Pflanzlichen
und Animalischen bestimmte Entwicklungsreihen hervorzuhaspeln
erschien ihm als eine wichtige Aufgabe, geschweige denn, sich
zu fragen, warum und auf Grund welcher Ursachen und
Wirkungen eben diese Entwicklungsreihen sich bildeten. Es ist
ein Standpunkt, den man als idealiftisch-genetisch, und zwar
bei Goethe wesentlich als nur auf die organische Natur an—
gewandt bezeichnen mag.
War nun dieser Standpunkt an sich noch primitiv, so war er
doch bedeutend genug, um die Naturwissenschaften mit seinen
Kernvorstellungen noch auf lange zu beeinflussen. Die Morpho—
logie der Pflanzen wie der Tiere ist noch in den zwanziger bis
vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts voll von dem Gedanken,
daß für die Bildung der Typen besondere, von Chemie und
Physik unabhängige Gestaltungsgesetze in mehr oder minder
Goetheschem Sinne bestehen müßten. Die Arbeiten so bedeutender
Naturforscher, wie Karl Schimpers und Alexander Brauns,
gehören in diesen Zusammenhang, mögen sie auch zugleich mit
durch die vitalistischen Tendenzen der zünftigen Naturwissenschaft
bedingt gewesen sein; und noch die großenteils der tierischen
Morphologie gewidmeten Betrachtungen von Bronn (in seinen
„Morphologischen Studien“ vom Jahre 1858) zeigen Goetheschen
Einfluß.
Wendet man aber auf Goethes Anschauungen den Ausdruck
Naturphilosophie an, so ließe sich sagen, daß seinen physio—
logischen Betrachtungen in Fichtes frühesten und fundamentalsten
Theorien eine psychologische Stufe der Naturphilosophie ge—
folgt sei.
Wir kennen das System der Fichteschen Dialektik!. Trug
es nicht im Grunde ein genetisches Element in sich, das man
nur aus der Zeitlosigkeit des Gedankens in einen einseitigen
Ablauf in der Zeit zu setzen brauchte, um in These, Antithese
und Synthese ein evolutionistisches Schema zu erhalten? Schon
Kant hatte in Einteilungen mit Vorliebe triadische Schemata

S. oben S. 39 ff.
        <pb n="231" />
        Die Spätromantik.

221

gewählt und vor allem auch bei der Charakteristik von Ent—
wicklungen angewendet. Da nun bei Fichte These, Antithese
und Synthese insbesondere zur Erklärung, wenn nicht Konsti—
tuierung des Ichs dienen, so ist klar, daß bei ihm nach der Auf⸗
fassungsweise unserer Zeit eine dialektisch maskierte Psycho—
gonie oder wenigstens deren Keim vorliegt. Freilich: Fichte
hat diese Psychogonie noch ebenso von Raum und Zeit ab—
strahierend behandelt, wie Goethe im Grunde seine Typen:
und so ist er weit davon entfernt gewesen, die Reihenvorgänge
einer wirklichen Psychogenese etwa genauer zu entwickeln.
Dennoch muß seine Lehre parallel der Goethes als eine primi⸗—
tivste Form späteren wirklich evolutionistischen Denkens auf—
gefaßt werden, denn aufs engste hing es mit dem Denken
Hegels zusammen: dieses aber vergegenwärtigte, wie wir sehen
werden, schon eine höhere Stufe eines wenn auch noch immer
primitiven psychischen Evolutionismus.
Ihre Vollendung erreicht die Naturphilosophie des frühen
subjektivistischen Denkens in Schelling!. Denn bei ihm wird
der Übergang von einer bloß physiologischen oder psychologischen
Betrachtung auf die dynamische Behandlung der anorganischen
Natur vollzogen: womit sich die Erweiterung zu einer vollen
Kosmologie ergibt. Jetzt erscheint der absolute Geist als der
Urgrund alles Seins, und aus ihm ergibt sich der anschau—
liche und der psychische Kosmos auf dem Wege der Entwicklung
durch eine merkwürdige Polarität des Verlaufes: aus einem
Indifferenzpenkte her entfalten sich die Erscheinungen der
Natur durch Reproduktionskraft, Irritabilität und Sensibilität
als Organismen, während unter dem Wirken von Agentien,
die dem Absoluten gleichsam minder nahe stehen, von Magne—
tismus, Elektrizität, Chemismus; von Licht, Klang, Wärme;
von Schwere, Attraktion, Repulsion die Erscheinungen der an—
organischen Welt hervorgehen: in entgegengesetzter Richtung aber
zur Welt der Natur entfalten sich in verwandter, wenn auch von
Schelling nicht genauer durchgeführter Weise die Erscheinungen

S. oben S. 45 ff.
        <pb n="232" />
        222 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

der psychischen Welt, der geschichtlichen Menschheit. Es ist an
sich ein System von hoher Vollendung; die Ergebnisse vor
allem der gleichzeitigen Naturforschung sind ihm einverleibt; und
so war wohl zu erwarten, daß es auf die Naturwissenschaften
einen starken Eindruck, natürlich im Sinne einer energetisch⸗
organischen, antimechanischen Auffassung machen werde.
In der Tat hat die Kosmologie Schellings die deutsche
Naturwissenschaft eine Zeitlang wenn nicht beherrscht, so doch
in wichtigen Vertretern an sich gefesselt, wie übrigens auch in
Frankreich die Naturwissenschaften von der Romautik vorüber—
gehend, wenn auch freilich viel leiser als in Deutschland einer
Synthese und spekulativem Denken zugedrängt worden sind.
Dabei verstand es sich für Deutschland leicht, wenn sich nament⸗
lich die Morphologie und Physiologie, und mit dieser auch die
Medizin, solchen Einwirkungen hingaben; ihre vitalistischen
Theorien forderten ohne weiteres dazu auf, und sie wurden
aus diesem Zusammenhang her vor allem durch einen gewissen
ästhetischen Mystizismus bezeichnet. Aber auch die anorganischen
Naturwissenschaften blieben nicht frei von Einfluß.
Am charakteristischsten fuhrte wohl Oken (1779 - 1851),
in der wichtigsten Zeit seines Lebens Professor in Jena, die
kosmologischen Lehren in die Naturwissenschaft ein. Er erklärte
die ewige Verwandlung Gottes in der Welt, in der die Er—
scheinungen des natürlichen und geistigen Lebens im Grunde
identisch seien, für nichts als die ständige Vollziehung des
Selbstbewußtseinsaktes seitens des Absoluten. Dieser Selbst⸗
bewußtseinsakt begann ihm nun, soweit die Organismen in
Frage kamen, mit der Entfaltung der primitiven Lebewesen
aus einem Urschleim; als vollkommenster Organismus erschien
ihm der Mensch, in welchem sich in kleinen Organen zusammen—
geschoben habe, was sonst nur auf verschiedene animalische
Klassen verteilt in der Natur gefunden werde. Man sieht, es
war ein Gedanke, der etwa die Mitte hielt zwischen den Theorien
Herders und der Deszendenzlehre Darwins: in der Natur—
wissenschaft erfuhr das vollendetste System der Naturphilosophie
eine Einkleidung in Zeit und Raum und erschien demgemäß
        <pb n="233" />
        Die Spätromantik.

223

als eine Fortblidung der ersten anschaulichen evolutionistischen
Phantasmen des Subjektivismus und als eine erste Vorstufe
andererseits späterer, um vieles mehr realistischer Forschung.
Allein weit über diesen zunächst doch noch enger wissen—
schaftlichen Zusammenhang hinaus hat die Naturphilosophie
gewirkt. Durch sie wurde zum ersten Male erst recht die Vor—
stellung des Subjekts, und damit auch des typischen Objekts,
des komponierenden Körpers, des Atoms, als einer energetischen
Einheit in das naturwissenschaftliche Denken eingeführt: womit
denn auch das Absolute der Welt analog als Entelechie, um
einen von Goethe aus Aristoteles aufgenommenen Ausdruck zu
gebrauchen, als eine energetische Einheit geordnet wurde. Es
war eine Annäherung der physischen Begriffe an die psychischen,
die freilich zunächst nur in ihrer äußeren Umhüllung von durch—
schlagendem Einfluß wurde: fast alle Naturwissenschaft des
19. Jahrhunderts ist monistisch gewesen. Dagegen gingen die
Anregungen, welche die Naturphilosophie gab, eine Atomlehre
nach Analogie der subjektivistischen Seele und eine Physik nach
Art der subjektivistischen psychischen Aktualität zu entwickeln,
einstweilen mit dem Verblassen der Elemente dynamischer An—
schauung, das schon mit der Spätromantik, namentlich aber
mit dem Realismus der dreißiger bis fünfziger Jahre eintrat,
fast verloren. Untergegangen aber waren sie darum nicht.
Vielmehr, als mit den enthusiastischen Zeiten der zweiten Periode
des Subjektivismus, seit den achtziger und neunziger Jahren
des 19. Jahrhunderts, wiederum eine mehr dynamische Auf—
fassung der Naturerscheinungen einzutreten begann, wie sie
heute noch fortwährt, da erwachten diese Elemente und An—
schauungen von neuem, nur viel konkreter und modernen Er—
rungenschaften der Naturwissenschaft angemessen: denn es hatte
sich inzwischen gezeigt, daß nicht wenige Spekulationen Schellings
im einzelnen als Hypothesen und Faktoren von heuristischem
Werte für die Naturwissenschaften höchst fruchtbar geworden
waren.
        <pb n="234" />
        224 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Dennoch bleibt darüber kein Zweifel, daß Schellings
System um 1800, zur Zeit seines Verblühens, der Hauptsache
nach Begriffsdichtung war und damit recht eigentlich der früh—
romantischen Mystik angehörte; nur dies ließe sich vielleicht
behaupten, daß es schon eine Art Vergröberung und Materiali⸗—
sierung der Mystik darstellte. Denn im Grunde galt von
dieser doch Friedrich Schlegels Vers:
Wer es je im Herzen wagte,
Zu dem Ather zu entfliehen,
Den der Himmel uns versagte.
Denkt in leisen Phantasien,
Was er nie in Worten sagte.

Und doch hatte diese Philosophie die Naturwissenschaften
beeinflußt; doch hatte in der Zeit ihrer Blüte gegolten, daß
die Geschichte der Wissenschaften im Grunde auf die Identi—
fikation des jeweiligen Wesens des Subjekts mit der Welt
hinausläuft!. Wie viel mehr mußte das nun zutreffen, als
die Philosophie mit der allmählichen Entwicklung der Spät—
romantik realistischer zu werden begann und gleichzeitig die
Geisteswissenschaften, die ihren Grundanschauungen von vorn⸗
herein näherstanden, in den Vordergrund der wissenschaftlichen
Entwicklung zu treten begannen, während die Naturwissen—
schaften, durch den Zwischengriff der Naturphilosophie ein
wenig aus der Bahn ihrer mechanischen Grundauffassung ge—
drängt, erst einige Zeit der Sammlung bedurften, um ihren
Eroberungszug im Reiche der organischen und vor allem der
anorganischen Erscheinungswelt fortzusetzen.
Es versteht sich dabei, daß sich in diesem Prozesse Wissen⸗
schaft oder wenigstens Geisteswissenschaft und Philosophie immer
näher traten. Die Wissenschaft entkleidete sich in der Spät—
romantik immer mehr ihres enthusiastischen Charakters, die
Philosophie suchte nicht mehr so sehr mit der Naturwissenschaft
als mit der Geisteswissenschaft Fühlung und nahm sehr intime
Elemente der Ergebnisse dieser, ja selbst ihrer Untersuchungs—

S. oben S. 20 ff.
        <pb n="235" />
        Die Spätromantik.

225

methoden auf: es sind die Zeiten des Wissenschaftsbetriebes im
Sinne der Brüder Grimm und der metaphysischen Lehren
Hegels.

Für die Entwicklung der Geisteswissenschaften in den ro—
mantischen Zeiten ist einer der auffallendsten Züge zunächst die
außerordentliche Erweiterung des Materials. Zwar war diese
um das Jahr 1800 an sich nichts Neues. Wie hatte doch
schon in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts das posititive
Wissen vom Menschen der Gegenwart wie der Vergangen heit
zugenommen! Da war die antike Welt erst recht auch über
die Kenntnis hinweg aufgetaucht, die den überlieferten Schrift⸗
stellern zu entnehmen war; große Forscherreisen hatten der
abendländischen Welt wichtige plastische und bauliche Denk⸗
mäler Griechenlands und Kleinasiens näher gebracht; und eine
Fahrt nach Italien, die sich wohl bis tief in das alte Groß—
griechenland erstrecken mochte, war unter Gebildeten nicht ganz
mehr eine seltene Ausnahme. Aber wie man gleichzeitig auf
dem Wege der psychologischen Untersuchung in die eigene Welt
des Abendlandes, namentlich auch die der Gegenwart, immer
tiefer eindrang, so hatte man auch, dank dem Mittel der An—
eignung geographischer und historischer Kenntnisse, deren Grenzen
weit überschritten: wieviel Erkenntnis verbreitete da nicht die
Literatur der Reisen schon bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts,
und wie bestrickend wirkten nicht in dessen zweiter Hälfte die
Berichte der großen Weltumsegler, die Schriften über die Cook—
schen Fahrten, die Bücher Forsters!
Dennoch ist mit der Romantik wiederum — und für die
Geschichte der ersten Periode des Subjektivismus darf man
sagen: noch einmal — eine außerordentliche Bereicherung des
geisteswissenschaftlichen Materiales eingetreten. Heeren, in feinen
Ideen über die Politik und den Verkehr der vornehmsten
Völker des Altertums, hatte recht, wenn er seiner Zeit be—
zeugte, es habe „noch nie einen Zeitraum gegeben, wo die Erde
und ihre Bewohner so allgemein Gegenstand der Forschung
gewesen wären; noch nie ein Volk, dessen Wißbegierde mit einem
so gleichen Interesse alles umfaßt hätte“, als sein Zeitalter und
Lamprecht, Deutsche Geschichte. X. — 15
        <pb n="236" />
        226 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

seine Nation. „Unsere Länderkunde hat in den beiden letzten
Dezennien größere Fortschritte gemacht als sonst in manchem
Jahrhundert.“
Diese Fortschritte hier im einzelnen darzulegen, ist un—
möglich. Wohl aber kann an einem Beispiel gezeigt werden,
um welchen Umschwung es sich handelte. Um die Mitte des
18. Jahrhunderts und auch später galt für die Vorstellungen vom
Alter und Ursprunge der Menschheit noch ganz der Paradieses⸗
gedanke: auch wer sich vom biblischen Wortglauben freigemacht
hatte, lebte damals dennoch der Überzeugung, daß Hochasfien
die Wiege des Menschengeschlechts gewesen sei, und daß das
Alter der Menschheit schwerlich die Ansetzungen der bib—
lischen Zeitrechnung, also etwa 6000 Jahre, überschreiten
werde. Als Buffon dem entgegen zu behaupten wagte, daß
ein jedes der sechs Tagewerke Gottes bei der Erschaffung der
Welt einen Zeitraum von 10-35 000 Jahren umfaßt haben
müßte, erntete er, nach Herders Zeugnis, den Spott der Zeit⸗
genossen.
Und auch noch die ganze zweite Hälfte des 18. Jahr⸗
hunderts verharrte der Hauptsache nach in diesen Vorstellungen.
Nach Herder erzeugte sich in Hochasien, dem am frühesten aus
der Urflut hervorgestiegenen Lande, die Perle der vollendeten
Erde. Und Pallas erschöpfte all seine Gelehrsamkeit, um aus
— Haus⸗
tiere den Schluß zu bekräftigen, daß Hochasien die Ursprungs—
stätte des Menschengeschlechts gewesen sei. Aber auch Majer
vertrat eine solche Lehre, wenngleich er nicht Hochasien, sondern
das tropisch üppige Hindostan zum Urlande der Kultur machte.
Und noch Johannes von Müller, in vieler Hinsicht der re—
präsentative Historiker der Romantik, hat dem Paradieses⸗
gedanken in den angedeuteten räumlichen und zeitlichen Grenzen
gehuldigt.
Einen vollen Umschwung der Anschauungen auf diesem
Gebiete brachte auch der Verlauf der Romantik noch nicht.
Zahlreiche Forscher auch späterer Zeit noch hafteten mit ihren
Vorstellungen an dem wenngleich abgeschwächten Varadieses—
        <pb n="237" />
        Die Spätromantik.

227

gedanken; viele Untersuchungen über die Heimat der Indo—
europäer zeigten sich noch wenn auch unbewußt von ihm be—⸗
herrscht; noch zäher fortlebend hat er eine Rolle in den
Anschauungen vom Alter des Menschengeschlechts und von der
Genesis des Menschen überhaupt gespielt: und es würde eine
der lehrreichsten Untersuchungen zur Geschichte der Ideenwelt
des 19. Jahrhunderts sein, wollte man einmal seine leisen
Umwandlungen bis noch zu unserer Gegenwart hin eingehend
verfolgen. So viel aber ist klar, daß ein erster Zusammenstoß
dieser uralten Phantastik mit der Wirklichkeit erfolgen mußte,
sobald man über das mittlere Asien besseren Bescheid er—⸗
langte. Und welchen Umschwung brachte da nun eben die
Romantik! Noch Herder in seinen „Ideen zur Philosophie
der Geschichte der Menschheit“ hatte von der indischen Ge—
schichte wenig gewußt. Aber noch er erlebte, seit Ende des
18. Jahrhunderts, den Anfang einer ganz außerordentlichen
Erbreiterung der Kenntnisse. Im Jahre 1791 verdeutschte
Georg Forster die Sakuntala von Kalidasa nach der englischen
Übersetzung Jones', des Präsidenten der im Jahre 1784 neu
gestifteten Asiatischen Gesellschaft in Kalkutta. Dann übertrug
1797 Christian Hüttner das Hindu-Gesetzbuch; und um die⸗
selbe Zeit machte Friedrich Majer die indische Geschichte zu
seinem besonderen Studium: im Jahre 1800 hat er in Tiecks
Journal einen Aufsatz über die mythologische Dichtung der
Inder veröffentlicht. Es waren die Vorhallen gleichsam des
Tempels, den die großen Romantiker bald darauf der Weisheit
und Poesie der Inder errichteten. Da wandte sich Friedrich
Schlegel orientalischen Studien, insbesondere dem Sanskrit zu,
und sein Bruder August Wilhelm folgte ihm auf diesem Wege.
Da wurden die breiten Straßen gebahnt, auf denen das schon
früh geweckte Interesse Goethes für den asiatischen Orient
immer weiter fortschritt, auf deren ebenem Boden sich ebenso
eine indische Philologie wie die Übersetzungskunst Rückerts ent—
wickelte. Und es war nur natürlich, wenn sich im Fortgange
dieser Studien auch universalgeschichtliche Fragen, wie die
nach Alter und Heimat des Menschengeschlechtes, immer mehr
158*
        <pb n="238" />
        228 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

zu klären begannen, so sehr auch noch die Schlegel bereit
waren, diese Heimat in Indien zu finden.
Was aber hier an einem wichtigen Beispiel ausgeführt
ist, das wiederholt sich in den Geisteswissenschaften allenthalben:
ungeheuerlich fast war und wirkte die quantitative Erweiterung
des Materials. Nicht ohne Grund, wenn auch, vom Standpunkte
unserer Gegenwart aus betrachtet, mit einiger Übertreibung,
konnte darum Hotho später in seiner Geschichte der deutschen
und niederländischen Malerei erklären: „Wir stehen mit unserer
Kenntnis, Bildung und Einsicht auf einem Gipfel, von dem
aus wir die ganze Vergangenheit überschauen. Der Orient,
Griechenland und Rom, das Mittelalter, die Reformation und
die moderne Zeit breiten sich mit ihrer Religion, Literatur und
Kunst, ihren Taten, ihrem Leben wie ein universelles Panorama
vor uns aus, das wir mit universellem Sinne für die Eigen—
tümlichkeit jedes Volkes, jeder Epoche, jeden Charakters auf⸗
fassen sollen.“
Wie man sieht, werden indes in diesen Worten schon über die
bloße Sammlung des Materials hinaus weitere Folgerungen ge⸗
zogen. Gewiß hatte man die außerordentliche Wichtigkeit der
Materialanhäufung und der richtigen Aufbereitung des geistes—
wissenschaftlichen Stoffes wohl erkannt; auf dem Gebiete der
deutschen Geschichtswissenschaft war die Romantik die Zeit der Ent⸗
stehung des großen Quellenwerkes der Monumenta Germaniae
historica, in deren Sinnspruch Sanctus amor patriae dat
animum noch der Geist der Freiheitskriege widerhallte, wie denn
ihr vielleicht entschiedenster geistiger Urheber der Freiherr vom
Stein gewesen ist; gewiß gehörte auch die Idee eines Werkes,
wie der „Jahrbücher der deutschen Geschichte“, die sich zum
Ziel setzten, „das vollständige Material für die deutsche Ge—
schichte zusammenzustellen, kritisch zu sichten und in annalistischer
Form zu verarbeiten“, also historisches Halbfabrikat von un—
bedingter Zuverlässigkeit und Weite des Materials zu liefern,
eigentlich noch romantischem Denken an, so sehr sie auch erst
in den Zeiten des Realismus und noch später verwirklicht
worden ist. Denn Absichten dieser Art, deren Realisierung, ist
        <pb n="239" />
        Die Spätromantik.

229

der Gedanke einmal gefaßt, nicht so sehr durch die hetan—
gebrachten Gesichtspunkte als durch den Stoff selber bedingt
ist, Voraussetzungen schließlich aller Denkmäler geduldiger und
spezifischer Detailarbeit der Alexandriner, Byzantiner, Mauriner,
Bollandisten und so manches Konsortiums modernen Gelehrten⸗
tums, haben etwas Zeitloses an sich; sie stehen wie granitne
Pfeiler in den Strömungen zeitlichen Ablaufs; und nur deren
starke und grundsätzliche Brandungen pflegen sie zu beeinflussen,
zu unterwühlen, zu stürzen.
Indes nicht eben diese Arbeiten waren für die Qualitäts—
erweiterung des geisteswissenschaftlichen Materials charakteristisch.
Hier handelte es sich vielmehr um Einflüsse ganz anderer Art.
Wie oft ist schon davon die Rede gewesen, daß das Zeitalter
des Subjektivismus national und historisch, und auf wissen⸗
schaftlichem Gebiete vor allem historisch wurde; es ist nach all⸗
gemeiner und längst schon vorgetragener Auffassung einer der
bezeichnendsten Unterschiede des subjektivistischen und des vor—⸗
hergehenden Zeitalters des Individualismus: und in einer
ganzen Geschichte seiner Begriffsentwicklung, vom Kurios⸗
Historischen über das Pragmatische zum Genetischen und von
da zum Evolutionistischen, hat er sich bis zur Gegenwart aus⸗
gewirkt.
Indes so wichtig diese Anschauung an sich ist, so wenig
darf man sagen, daß das individualistische Zeitalter so
ganz ohne geschichtliches Verständnis gewesen sei. Schon die
bewußte Abweichung, in der sich der Individualismus gegen—
über der Gebundenheit des Mittelalters nicht bloß bewegte,
sondern geradezu gefiel, erforderte eine gewisse Höhe geschicht—
licher Erfahrung, einen zeitlichen Horizont. Und dieser Horizont
ist im Laufe des 16. bis 18. Jahrhunderts in der Gliederung
der geschichtlichen Vergangenheit in die großen Hauptperioden
des Altertums, des Mittelalters und der Neuzeit ausgebaut
worden.
Richtig ist freilich, daß diese Errungenschaften gegen Schluß
des individualistischen Zeitalters dann derart rationalisiert
wurden, daß das dynamische, energetische Element fast ver⸗
        <pb n="240" />
        230 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

schßand. Und somit bestand denn der erste große Fortschritt
des Subjektivismus darin, daß er eben dies Element, und
zwar in einer bisher unerhörten Stärke und Aktualität,
wiederum nachschuf.
Dabei spielte zunächst wohl auch nur die Individualpsycho—
logie eine Rolle. Was man vor allem sah, war die verstärkte
Tätigkeit der großen Individuen, der Helden, der Genies, in
denen sich Gott noch unmittelbar auswirkte: eben ihr Zu—
sammentreffen und ihre Aufeinanderfolge schienen den Reigen
der Zeiten zu beherrschen.
Aber noch bezeichnender war doch, daß daneben sehr bald
und zunächst zwar meist nur ahnungsreich, aber um so wirk—
samer sozialpsychologische Motive traten. Sehr natürlich. Die
unmittelbare Gewißheit von der lebendigen, aber differenten
psychischen Einwirkung der Individuen mußte doch vor allem
auch zur Einsicht der sie verbindenden Momente führen; man
entdeckte sehr bald, daß diese vornehmlich in dem seelisch Un—
bewußten, Zeitgemäßen, Nationalen lagen: und so ergänzte sich
die individuale Geschichtserklärung durch die soziale, die politische
Geschichte durch Versuche auf kulturgeschichtlichem Boden. Es
war ein ganz allgemeiner, mit dem Subjektivismus auch schon
in seinen leisesten Regungen unmittelbar verknüpfter Vorgang;
Lessing schon hat auf diesem Boden seine Beobachtungen ge—
macht; so wenn er in der Vorrede zu Gleims Kriegsliedern
bemerkt, der „Landmann, der Bürger, der Soldat und alle
die niedrigen Stände, die wir das Volk nennen, blieben in
den Feinheiten der Rede immer wenigstens um ein halb Jahr—
hundert zurück“. Derjenige indes, der die Einführung des
sozialpsychischen Momentes in die Geschichtsforschung als etwas
fundamental Neues, als etwas eine durchaus neue Zeit der
Geschichte Einleitendes voll begriff, war doch erst Goethe—
Und in einem monumentalen Satze hat er, auf Winckelmann
und seine Forschung bezogen, den Wechsel festgestellt. „Winckel—
mann, ein zweiter Kolumbus, hat die Entwicklung und das
Schicksal der Kunst als an die allgemeinen Gesetze aller Ent—
wicklungen gebunden, in ihrem Sinken und Steigen mit der
        <pb n="241" />
        Die Spätromantik.

231

Kultur und den Schicksalen des Volkes gleichsam Schritt
haltend, entdeckt.“
In der Mitte der siebziger Jahre des 18. Jahrhunderts
war das neue Motiv schon voll aufgenommen und durchgebildet.
Die Kulturgeschichte kam auf, und in ihr lag auch schon der
Entwicklungsgedanke als vage Vorstellung von dem kontinuier⸗
lichen Fortschreiten der Summen sozialpsychischen Geschehens
eingebettet, wenn auch die Behandlung dieses Gedankens noch
keineswegs sehr konkret, sondern mehr philosophisch erfolgte:
so daß aus ihr mehr eine Philosophie der Geschichte der
Menschheit als eine Universalgeschichte hervorwuchs: es ist die
Zeit des historischen Denkens und Darstellens Lesfings, Iselins,
Wegelins, vor allem aber Herders und Kants. Dabei ergriff
man doch namentlich den Gedanken der Kontinuität des Ge—
schehens noch nicht so sicher, daß man nicht, eben auch um die
Mitte der fiebziger Jahre, die Katastrophentheorie aus der
Geologie aufgenommen hätte, und daß man nicht durchweg an
eine Unterbrechungsmöglichkeit des kontinuierlichen und in sich
kausal zusammenhängenden Geschehens durch transzendente,
göttliche Einflüsse geglaubt hätte. Freilich war hier der Ge⸗
danke der, daß die Dextera manus Dei doch nur ausnahmsweise,
 und vornehmlich durch Zulassung und Schaffung genialer
Menschen, in die Geschichte eingreife; im ganzen wirkte Gott
doch schon nur als Causa remota.
Man muß sich diese Auffassung, die natürlich sehr ver—
schiedene Modifikationen zuließ, ganz vergegenwärtigen, will
man den Charakter der Vorstellungen der Zeit von der im—
manenten Kausalität verstehen. Gewiß: im allgemeinen galt
diese Kausalität; doch Männer selbst wie Chladenius, Abbt,
Gatterer, Büsching ließen noch immer zahlreiche Ausnahmen
von ihr zu. Und keinesfalls brauchte sie, da sie ja doch durch⸗
brochen wurde, als ausschließlich psychisch gefaßt zu werden. Auf
diesem Wege wurde es dann möglich, namentlich dem so—
genannten Milieu, soweit es nicht psychisch ist, einen weiten
Einfluß zu gestatten, ja es wohl gar als eines der wichtigsten
Triebmittel der Geschichte anzusehen, wozu auf romanischem
        <pb n="242" />
        232 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Boden schon Vico und Montesquieu nicht übel Lust verspürt
hatten. In der Tat wurde dies Feld auch in Deutschland
weithin angebaut; namentlich die räumlichen, geographischen,
klimatischen Bedingungen begannen unversehens in die Rolle
historischer Ursachen hineinzuwachsen: bis die neue Erkenntnis
von Ritter in den Rahmen eines glänzend geistreichen Systems
gefaßt wurde.
Im ganzen, darf man ,sagen, war der Ausbau dieser An—
schauungen als für die durchschnittliche Geschichtsauffassung
und Geschichtsdarstellung maßgebend mit der Wende des Jahr—
hunderts abgeschlossen; und vollendet kommt diese Tatsache in
den Schriften des größten Historikers dieser Zeit, Johannes
von Müllers, zum Ausdrucke. Kausales Verständnis der Er—
scheinungen und insofern kulturgeschichtliche Entwicklung — ja:
aber daneben teleologische, ja fast noch theologisch-christliche
Deutung des geschichtlichen Verlaufes: das war die merkwürdige
Mischung. „Die Universalhistorie sollte ein Buch werden,“
schreibt Müller am 11. Januar 1800,, das ich denen, die die christ⸗
liche Religion nicht kennen, nicht ungenießbar machen möchte; ihr
eigentlicher Zweck soll doch ... der Induktionsbeweis des Zu—
sammenhanges der Welthistorie unter sich und mit einem Plane
des Welturhebers ... sein.“ Dementsprechend ist Müller
für das Genie noch die „Erleuchtung der Seele“ wesentlich,
und im Grunde erscheint alles geschichtliche Geschehen doch als
persönliche Auswirkung des Absoluten.
Nun versteht sich, daß bei einer so umfassenden Definition der
Geschichte, und noch mehr bei solch außerordentlicher Penetranz
der historischen Auffassung alle Geisteswissenschaften historisch
werden mußten. Es ist ein ungemein wichtiger Vorgang, der
sich mit unwiderstehlicher Gewalt, von den geisteswissenschaft⸗
lichen Einzeldisziplinen kaum bewußt beobachtet, in seinen
Grundlinien noch im Laufe des 18. Jahrhunderts vollzieht.
Dabei haben vor allem die alten großen praktischen Geistes⸗
wissenschaften, die Theologie und die Jurisprudenz, die Kon⸗
sequenzen dieser Umbildung zu verspüren gehabt: sogar äußer—
lich, in der Stellung, welche diese Disziplinen innerhalb der
        <pb n="243" />
        Die Spätromantik.

238

Fakultäten der Universitas litterarum einnahmen!. Um wie—
viel mehr erst innerlich. Wie diese Wandlungen Theologie
und Kirche, Dogma und Frömmigkeit berührt haben, davon
wird in anderem Zusammenhange zu erzählen sein: denn weit
über die bloße Geschichte der Wissenschaften griff dieser Prozeß
hinaus. Leiser und bedeutungsloser verlief die Umbildung im
Bereiche der Rechtswissenschaft: doch auch hier hat sie Genera—
tionen gewährt und ist sogar noch heute nicht völlig ab—
geschlossen. In der Rezeption des römischen Rechtes als des
ius scriptum hatte es gelegen, daß sich die zeitlose Rationali—
sierung der Rechtsmaterien im Laufe des Individualismus an
dies Recht, das nun als ratio seripta betrachtet wurde, na—
mentlich anschloß. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts war
der Vorgang im allgemeinen abgelaufen: höchst gewappnet, eine
Logik des praktischen Handelns, stand der Inbegriff der natur⸗
rechtlichen Lehren vor allem gerade auf dem Gebiete des Privat—
rechtes da. Gleichwohl erfolgte die Historisierung. Natur—
gemäß lehnte sie sich nicht zum geringsten an den Beginn eines
umfassenderen Studiums der deutschen Rechtsentwicklung an;
Eichhorns Reichs- und Rechtsgeschichte vornehmlich aus dem
ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts, das Erscheinen der
Zeitschrift für Rechtsgeschichte seit 1818 waren hier wichtige
Etappen. Dennoch trat noch im Jahre 1846 auf dem Frank—
furter Germanistentage der Gegensatz zwischen den germanisti—
schen Juristen mit historischem Gesichtspunkte und den Ro—
manisten von der rationalistischen Observanz derart scharf
hervor, daß Reyscher die Bedeutung des römischen Rechtes noch
immer dahin verkünden konnte, daß es die naturalis ratio
verkörpere. Und noch heute mag es manchen geben, der der
Rechtswissenschaft selbst der jüngsten Vergangenheit den Vor—
wurf nicht erspart, daß sie sich, unter Vernachlässigung
der historischen und psychologischen Methoden, zu sehr den
logischen Aufgaben gewidmet habe und widme: so daß ein
einseitiger dialektischer und formalistischer Betrieb noch immer
nicht aufgehört habe zu wirken.

Vgl. Band IXS. 92 ff.
        <pb n="244" />
        234 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Indes zeigt nicht eben diese Lage ganz den Sieg des
historischen Prinzips? Wie es in der Natur fundamentaler
Seiten des Subjektivismus gelegen ist, so hat es sich im Ver—
laufe der letzten fünf Generationen unserer Geschichte durch—
gesetzt und bewahrheitet: die dynamischen Elemente der Geistes⸗
wissenschaften überwiegen, und mit ihnen die Geschichtswissen—
schaft; die geschichtliche Methode ist damit zur Methode aller
geisteswissenschaftlichen Disziplinen geworden; ihre Fortschritte
bedeuten und spiegeln den allgemeinen Fortschritt wider; und
sie allein hat aus den Geisteswissenschaften heraus, ein Zeichen
ihrer Hegemonie, fruchtbare Zweige bis in die Metaphysik
getrieben.
Welches war nun aber die Entwicklung ihrer Methode?
Eng schließt sich diese, unter der allgemeinen Voraussetzung
des Bestandes subjektivistischen Denkens, an die quantitative
und qualitative Erweiterung des Materiales an; und selbst die
Tatsache, daß die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts noch zu
im allgemeinen nüchterner Betrachtung der Vergangenheit ge—
neigt war, während die Romantik mit der Renaissance des
eigenen und des romanischen Mittelalters zu enthusiastischer
Auffassung fortschreitet, ist gegenüber diesem Zusammenhange
nur von sekundärer Bedeutung.
Der Ausgang des individualistischen Zeitalters kannte erst
die Anfänge eines eigentlich wissenschaftlichen, selbständigen
Betriebes der Geschichtswissenschaft. Man muß sich da er—
innern, daß in den höheren Schulen des 17. Jahrhunderts
Geschichtsunterricht meist noch ganz gefehlt hatte; in der Fürsten⸗
schule zu Meißen z. B. ist er erst seit 1702, in Lübeck seit 1799
aufgenommen worden. Noch weniger gab es ein eigentlich
historisches Studium an den Universitäten. Erst etwa um die
Mitte des 18. Jahrhunderts und später wurde an einigen
Hochschulen die Geschichte dem Verbande der Professuren der
Theologie oder des Staatsrechts oder der Poesie und der Be—
redsamkeit, dem sie bisher angehört hatte, entzogen und be—
sonderen Lehrstühlen, bald auch solchen für ihre Hilfswissen—
schaften zugewiesen; und es scheint, als ob die philosophischen
        <pb n="245" />
        Die Spätromantik.

235

Fakultäten, insbesondere die, an denen eine streng systematische
Philosophie Wolffscher Richtung herrschte, sich keineswegs leicht
dazu hätten entschließen können, die neue Disziplin als eben—
bürtig anzuerkennen.
Dennoch ließ sich ihre Zulassung sehr bald nicht mehr
vermeiden; schon die Tatsache brachte das mit sich, daß man
sich mit dem Eintritte des neuen geistigen Zeitalters besonders
rasch von der Vergangenheit entfernte und diese darum ge—
schichtlich zu verstehen und dadurch gerade auch in den kon—
servativen Kreisen möglichst zu bewahren Ursache hatte. Ja
der damit eingeleitete besonders entschiedene geistige Fortschritt
begann in gewissem Sinne schon in den Abschlußzeiten des
Individualismus selbst.
Es war ein wichtiger Vorgang, denn er hatte zur Folge, daß
die Grundlage aller historischen Methode, die Kritik der Quellen,
die sachgemäße Aufbereitung des historischen Materials, anfangs
noch unter dem Gesichtspunkte des historischen Individualismus
erfolgte. Dieser hatte im Grunde nur politische Geschichte im
Sinne einer ziemlich äußerlichen „Historia“ der Taten „derer
Potentatum“, der Könige, Helden, Staatsmänner und Heer—
führer gekannt; und so wurden zunächst der Hauptsache nach
nur die Quellen zur Geschichte dieser, vornehmlich Annalen,
Chroniken, Biographien, Memoiren, Urkunden, wohl auch Akten,
der methodischen Betrachtung unterworfen. Einen systema—
tischeren Anfang hierzu hatte schon Leibniz gemacht; die letzte
Höhe der individualistischen Entwicklung vertrat dann Johann
Jakob Mascop, der ausgezeichnete Leipziger Reichshistoriker
der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts; über seine Grund—
sätze sind auch Spätlinge der individualistischen Historiographie,
wie Friedrich der Große, nicht hinausgegangen. Mascov
trifft zunächst grundsätzlich eine Auswahl unter den Quellen,
insofern er — freilich ohne immer in der Praxis seinem Prin—
zipe treu zu bleiben — als historische Quellen nur Urkunden
und gleichzeitige darstellende Überlieferung zuläßt. Wie aber
nun in diesem engeren Bereiche zwischen Gut und Schlecht
unterscheiden? Da lebt Mascov im Grunde noch des Glaubens,
        <pb n="246" />
        236 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

daß alle Historiker früherer Zeiten in der Art der Autoren
des 18. Jahrhunderts gearbeitet haben, und legt daher nur
den Maßstab grober Unterscheidungsmerkmale, der Parteilichkeit,
der Unzuverlässigkeit, der Nachlässigkeit an. Den Einfluß des
Milieus dagegen, überhaupt in der Zeit wie im Subjekt des
Schreibers gelegene unbewußt-objektive Mängel, wie z. B. Be⸗—
schränktheit des Blickes oder Bedingtheit des Urteils durch die
Logik einer bestimmten Kulturstufe, sieht er noch nicht; und
ebensowenig kennt er schon die Ableitungskritik, die Notwendig⸗
keit, die Herkunft des Materials, das sich in einer bestimmten
Quelle vorfindet, zu untersuchen, obwohl sie durch den kom—
pilatorischen Charakter der von ihm benußtzten mittelalterlichen
Quellen nahegelegt wurde.
Mit dieser Art der Quellenkritik war natürlich auch der
zweituntersten Manipulation der historischen Methode, der kriti⸗
schen Wiederherstellung des Verlaufs eines einzelnen Faktums,
eines einzelnen Ereignisses schon eine Schranke, und zwar eine
vielfach recht enge Schranke gezogen. Soweit nun aber inner⸗
halb dieses Rahmens die Konstituierung eines solchen Ge—
schehens vorgenommen wurde, ist der kritische Maßstab zur Ab⸗
hörung der Quellen und zur Gruppierung ihrer Aussagen nach
objektiver Wahrscheinlichkeit und Unwahrscheinlichkeit auch noch
recht unvollkommen. Es kommt eigentlich nur zu einem juristisch⸗
inquisitorischen Verhör der Zeugnisse, wobei namentlich die
Chronologie eine Rolle spielt: noch schimmert, namentlich auch
in der gern geübten Gewohnheit, in irgendeiner Weise eine
Schuldfrage zu konstruieren, die Herkunft der Geschichtsforschung
nicht zum geringsten Teile aus den historisch-juristischen Deduk—
tionen der Wissenschaft des Reichsstaatsrechtes durch. Wo aber
diese Mittel versagen, so namentlich in dem Falle, daß zwei
gleich gut überlieferte gleichzeitige Quellen in ihren Angaben
von einander abweichen, da versagt die Methode überhaupt.
Man sieht: noch recht primitive Anfänge historischer
Methode. Aber eins darf nicht verkannt werden: sie waren
höchst solid; etwas wie von gesteigertem juristischem Ver—
antwortlichkeitsgefühl geht durch diese Forschung. Schon die
        <pb n="247" />
        Die Spätromantik.

237

ersten Generationen des Subjektivismus haben dann freilich
die Arbeitsmittel der niederen Methoden außerordentlich ver—
stärkt und darin auch noch für unsere Zeit im allgemeinen
Abschließendes geleistet. Das Entscheidende war das Eindringen
des individualpsychologischen Interesses und des sozialpsycho—
logischen Begriffes der Umwelt, des Milieus, wie beides ohne
weiteres mit primitivsten Vorgängen des subjektivistischen Seelen⸗
lebens schon zur Zeit der Empfindsamkeit, ihrem Freundschafts⸗
kulte z. B. gegeben war. Nun wurde die einzelne Quelle vor
allem auf die Person ihres Urhebers untersucht: wes Geistes
Kind war er gewesen, welche Schicksale hatte er gehabt, kurz,
was war seine innere und äußere Biographie, und welcher Art
mußte demgemäöß seine historische Information sein: das waren
die Probleme, deren Lösung nun gesucht wurde. Und darüber
hinaus wurde die Person des Urhebers jetzt in ihre Zeit
gestellt: was konnte ihr diese an Möglichkeit historischen Ver—
ständnisses gebbdten haben? Da ergaben sich denn außer—
ordentlich schwierige Fragen: zum ersten Male tauchten die
Probleme der ganz anderen Überlieferungsfähigkeit niedriger
Kulturen gegenüber hohen auf: die Probleme des Volksepos
und der Sage und des Märchens, die Probleme mittelalterlichen
Temperaments und mittelalterlicher Beobachtungsgabe. Und
alsbald ergriff man die schwierigsten Stoffe solcher Über—
lieferung, um sie zu sichten, zu charakterisieren, auf Wahr⸗
haftigkeit und Unwaährhaftigkeit ihrer Aussagen zu prüfen.«
Homer mußte sich die Zerlegung und Durchforschung nach
—DDD—
lieferung wurde ihr unterworfen: Friedrich August Wolf und
Barthold Georg Niebuhr bezeichneten mit ihren scharfsinnigen
Arbeiten den Höhepunkt dieser Entwicklung. Vor allem aber
wurde jetzt auch die Historia sacra neben der Historia profana
 nach diesen Lehren auf Herz und Nieren gepruft; das
Inspirationsprinzip, wie es die katholische Kirche für die Bibel
—EDD—
unhaltbar. Und nicht bloß die Verbalinspiration fiel, bald
mußte ihr auch die Realinspiration folgen: und nur die Mög—
        <pb n="248" />
        238 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

lichkeit schien vor der historischen Kritik schließlich noch übrig
zu bleiben, daß man in der Offenbarung das allmähliche
Anwachsen einer Masse von religiösen Erfahrungen zu einer
Gesamterfahrung des menschlichen Geschlechtes und in der Bibel
das hervorragendste Urkundenwerk für diesen Prozeß sähe:
womit denn freilich weniger eine Vermittlung zwischen einer
angeblichen Natürlichkeit des Offenbarungsprozesses mit dem
Begriffe des Geschichtlichen, als eine Vernichtung dieses Offen—
barungsprozesses gegeben war.
Man erkennt hier einmal an einer wichtigen Stelle, von
welch außerordentlichen Folgen jeder Fortschritt selbst bereits
der bloßen historischen Quellenkritik war und immer mehr
werden mußte: schon er allein trennte alles, was jetzt geistes—
wissenschaftliche Konzeption, ja was Weltanschauung hieß, end⸗
gültig von dem analogen Denken früherer Zeitalter. Klar aber
war, daß diesen subjektivistischen Umwandlungen der Quellen—
kritik auch eine energische Fortentwicklung in der Kunst der Kon⸗
stituierung des Verlaufs einfacher historischer Fakten zur Seite
gehen mußte. Denn jetzt gestaltete sich das Zeugenverhör der
Quellen, in denen nunmehr Eigenes und Fremdes, Persönliches
und objektiv Zeitgemäßes genau geschieden wurden, gänzlich
anders; und eine Feinheit in der Anwendung historischer Mittel
ergab sich, die eine Masse von Fällen als schlüssig hinstellte, an
deren sicherer Lösung man bisher hatte verzweifeln müssen.
Da war es denn nur natürlich, daß durch diese Ent—
wicklung auch die höhere historische Kritik, die kritische Vor⸗
bereitung und Fundierung der eigentlichen Erzählung, in hohem
Grade beeinflußt wurde.
Der Schluß des individualistischen Zeitalters hatte eigent—
lich nur ein einziges Bedürfnis der Zusammenfügung von Er—
eignissen zur kontinuierlichen Schnur von Fakten, zur Erzählung,
gekannt: das politische. Denn ihm war Geschichte noch Er—
zählung der Staatsaktionen, der Handlungen der politischen
Persönlichkeiten gewesen. Diese aber erschienen innerlich ver—
knüpft nur durch die Motive dieser leitenden Personen; und so
kam es darauf an, über eine Anzahl von zusammengehörigen
        <pb n="249" />
        Die Spätromantik.

239

Ereignissen auch einen Zusammenhang solcher Motive, eine
Motivenreihe zu spannen. Es war die eigentliche Aufgabe der
sogenannten pragmatischen Geschichtschreibung; denn Pragma
hedeutet Handlung. Richtig ist dabei freilich, daß eine solche
Aufgabe zugleich auch die moralische Bewertung der Motive
sehr nahelegte: nahelegte zumal in der Zeit eines indivi—
dualistischen Utilitarismus und einer entsprechenden der Haupt-—
sache nach egoistischen Glückseligkeitsmoral. Und so versteht
sich, wie unter pragmatischer auch leicht moralisierende und zu
praktischem Handeln erziehende Geschichtschreibung verstanden
werden konnte.
Vermochte sich indes die Geschichtswissenschaft bei diesen
berschiedenen Arten der pragmatischen Geschichtschreibung, und
selbst bei der reinsten, auf längere Zeit zu beruhigen? Auch hier
erwuchsen schon dem ausgehenden Individualismus allerlei Be—
denken. War denn tatsächlich die Motivenverbindung die einzige,
die in der Geschichte vorkam? Gab es jenseits der Reihen
von Tatsachen, innerhalb deren sich die Abwandlung des In—
dividualwillens eines oder mehrerer Helden verfolgen ließ,
keinerlei tiefere oder höhere Zusammenhänge? War die Ge—
schichte des Papsttums z. B. bloß durch Charakter und Willens⸗
raft der einzelnen Päpste, die des Kaisertums bloß durch Taten
und Meinungen einzelner Kaiser bestimmt? Bestand nicht ein
Etwas, das ganz unabhängig von den Einzelpersonen den ganzen
Verlauf des Papsttums oder des Kaisertums bezeichnete?
Schon Bodmer hat in seinen Diskursen (1721 ff.) eine
geistvollere Behandlung der Geschichte als die pragmatische
verlangt. Die Verbindung der Tatsachen und die Ergründung
ihrer Ursachen müsse tiefer getrieben, die Charakteristik der
Helden schärfer geformt werden. Dann hat Mosheim besonders
für die Kirchengeschichte ähnliches gefordert. Abbt endlich, schon
ein Kind des Subjektivismus, sah um 1760 nur noch den als
einen recht pragmatischen Historiker an, der den Verfall und
die Verbesserung einer Gesellschaft durch die Begebenheiten, die
in einem großen Zeitraume vorgefallen seien, so verstehe, daß
man deren wichtigste Triebfedern entdecken könne. Und diese
        <pb n="250" />
        240 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Triebfedern nannte dann Abbt wohl auch schon die „philo⸗
sophischen Ursachen“; denn bei ihrer Hervorhebung entständen
die Sententiae graves, „unterdessen daß Einbildungskraft und
GBedächtnis nicht einen Augenblick müßig sind“.
Kein Zweifel: hier war etwas Neues im Entstehen. Und
im Laufe der nächsten Generation, völlig abgeschlossen etwa
bis zum Ende des zweiten Jahrzehnts des 19. Jahrhunderts,
hat fich dann dies Neue, die historische Ideenlehre, völlig ent—
wickelt. Langsam lernte man nun die tieferen Zusammenhänge
jenseits der Motivenreihen als bestimmte Tendenzen von Ent—
wicklungen kennen, die großen historischen Zusammenhängen,
wie eben z. B. dem Papsttum und dem Kaisertum, als solchen
eigen seien. Dabei bezeichnete man aber diese Tendenzen, im
Grunde Energie⸗ oder Willensrichtungen, als Ideen; denn man
jah sie eigentlich doch als intellektuell oder wenigstens als
vorstellungsmäßig an: sie erschienen als die Gedanken Gottes
in den Geschicken der Menschen, als Emanationen des Absoluten
in der Geschichte. Und so sah man denn auch den Zusammen—
hang mit der althergebrachten Begrenzung der Geschichte auf
Personen- und das hieß Heldengeschichte einfach genug: die
Ideen wurden von Gott zunächst einzelnen Menschen, Genies,
die dazu besonders berufen waren, vermittelt, so etwa die Idee
des Papsttums dem Apostel Petrus, die des Kaisertums Karl
dem Großen: und diese hatten nun die Aufgabe, der Idee in
der Willenswelt der Menschheit zur Erscheinung zu verhelfen.
Den Abschluß der Theorie der historischen Ideenlehre be⸗
zeichnet das System Wilhelm von Humboldts, wie es in seiner
Abhandlung von der Aufgabe des Geschichtschreibers (1821)
klassisch niedergelegt ist. Humboldt geht in seinem Denken,
das im wesentlichen noch dem Klasfizismus angehört und
in mancher Hinsicht dem geschichtlichen Denken Goethes und
Schillers verwandt erscheint, von zwei nicht weiter bewiesenen
Prämissen aus. Einmal fesseln ihn geschichtlich im Grunde
nur die größten, die weltgeschichtlichen Fragen; deren „Mär“
zu deuten, ist ihm, wie später Ranke, ernstestes Bedürfnis. Da
aun der weltgeschichtliche Verlauf als solcher im strengsten
        <pb n="251" />
        Die Spätromantik.

241

Sinne singulär ist, d. h. einseitig in der Zeit in nur einmal
so oder ähnlich vorkommenden Ereignissen verläuft, so erscheint
es ihm als Hauptaufgabe, den Sinn dieser singulären Ereig⸗
nisse recht zu verstehen. Und da glaubt er nun zweitens, daß
dies auf einem Wege möglich sei, der, formell von Kant aus—
gehend, doch in die Netze der mystischen Erkenntnistheorie schon
der Romantik verläuft. Nach Analogie nämlich von Kants
aprioristischen Kategorien des Denkens und der Anschauung
nimmt er noch eine besondere Kategorie eines aprioristischen
historischen, eines Wirklichkeitssinnes an. Und diesem Sinne
nun erschließen sich die Ideen als die eigentlichen Agentien der
großen singulären Prozesse der Weltgeschichte. Wenn sich der Ge⸗
schichtschreiber ganz seiner eigenen Meinung entreißt und fremde
Geistesart schlechterdings sich einverleibt, wenn er seine Indivi⸗
dualität in sich selber zurückdrängt und sein Ich geradezu auf⸗
löst, wenn er so zur Nichtindividualität wird und infolgedessen
fähig, sich jeder zu erforschenden historischen Individualität
vollkommen zu assimilieren, ja sich ihr bis zur zeitweiligen
Identifikation zu unterwerfen: wenn er sich zu diesem historisch⸗
mystischen Verzicht und Raptus zugleich erhebt, dann werden
sich seinem „Ahndungsvermögen“, seiner „Verknüpfungsgabe“
die Ideen enthüllen.
Man sieht: es ist eine zwischen Goethes Praxis und den
Lehren der Frühromantiker stehende Erkenntnistheorie. Als
Ergebnis aber eines an ihr geschulten Erkennens, das, mit
Ranke zu reden, sein Selbst auslöscht, tritt der Hauptsatz hervor,
daß Weltgeschichte ohne Annahme einer Weltregierung nicht
verständlich ist. Und damit werden denn die Ideen zu Er⸗
scheinungsweisen Gottes in der Geschichte, werden zu Mittels⸗
wesen gleichsam zwischen der erfahrungsmäßig wirklichen und
der metaphysischen Welt. Und so ergießen sie sich als göttliche
Kräfte in die Geschicke der Menschheit und beherrschen deren
Verlauf und Charakter.
Träger der Ideen aber in der Welt des Sichtbaren sind die
großen Individuen, seien es große Menschen oder große Völker.
Ihnen sind bestimmte Ideen wie Dämonen, einer andern Welt
Lamprecht, Deutsche Geschichte. X. 13
        <pb n="252" />
        242 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

entstammend, eingeboren: darum schaffen sie revolutionär mit
unerklärlich hoher Kraft und sind an diesem, im Vergleich zu
den eingespannten Kräften und angewandten Mitteln Inkom—
mensurabeln ihrer Wirkungen noch am leichtesten erkennbar.
In den Besitz ihrer Erkenntnis aber vor allem hat sich der
Historiker zu setzen, der den Forderungen seines hohen Berufes
gerecht werden will; denn sie sind das A und O der Geschichte.
Gewiß kennt Humboldt daneben noch die herkömmliche
Art des geschichtlichen Betriebes. Da sucht man aus der An—
schauung der einzelnen psychologischen, namentlich der Willens⸗
oorgänge das Ganze zu erschließen. Aber es ist ein undank—
dares, ja unmögliches Geschäft und die untergeordnetste aller
denkbaren historischen Methoden: weil sie in dem individuellen
Seelenleben ein Objekt bewältigen will, das sich niemals
wirklich bewältigen läßt, und weil sie schon deshalb nicht
hinaufführt in die oberen Regionen der Geschichte.
Kein Zweifel, daß mit Humboldts Ideenlehre eine stark
wirkende und von hoch her erleuchtende Methode geschichtlichen
Erkennens gewonnen war; in dem Denken und Forschen von
so verschiedenen Männern wie Ranke und Gervinus werden
wir, wenn nicht die unmittelbaren Spuren ihres Wirkens, so
doch die tiefen Grundtöne ihres zeitgenössischen Charakters und
damit die UÜberzeugung überhaupt wiederfinden, daß in der
Ideenlehre mindestens ein historisch-methodologisches Motiv der
Zusammenfassung von geschichtlichen Entwicklungsreihen ent—
wickelt worden war, die höher liegen und umfassender sind
als die Reihen bloß persönlich zusammenbindender Motive.
Allein wurde diese Ideenlehre, auch in der Durchbildung,
die Humboldt ihr gab, den neuen Anforderungen des Sub—
jektivismus und vor allem nun auch der Romantik an die Ge—
chichtswissenschaft gerecht?
Es soll hier nicht die Rede davon sein, daß Humboldt selbst
zelegentlich zugab, daß eine rohe mechanisch-individual-psycho—
logische Behandlung der Geschichte, ließe sie sich durchführen, die
Ideenlehre überflüssig machen würde; andere Stellen seiner Dar—
legungen zeigen, daß er doch an diesem Satze nicht völlig festhielt:
        <pb n="253" />
        Die Spätromantik.

243

denn er hatte eine Ahnung von dem, was neuerdings unter dem
Begriffe der psychischen Kausalität gesucht wird, was Wundt zum
Teil unter der Lehre von der Heterogonie der Zwecke vorgetragen
—D
wandlung dieser Ahnung in Gewißheit oder wenigstens Theorie
die Ideenlehre mindestens ihrer Transzendenz entkleiden sollen.
Wichtiger war, daß Humboldts Ideenlehre auf die mittler⸗
weile gewaltig entwickelten Vorstellungen von der Wirkung
sozialpsychischer Kräfte in der Geschichte, auf das, was eigent⸗
lich Kulturgeschichte heißt, keine Rucksicht nahm. Nicht als ob
er ihr Bestehen nicht gekannt hätte, wundervoll genug hat er
sich vielmehr über sie gelegentlich geäußert. Aber sie schienen
ihm gegenüber dem faszinierenden Eindrucke der Ideenlehre
als von geringerer, wenn auch als von weit größerer Be—
deutung als die politischen Motive; und da ihm zudem als
Träger von Ideen nur Individuen oder als Individuen ge—
dachte Völker, nicht aber eigentlich sozialpsychische Kräfte in
Betracht zu kommen schienen, so hat er über sie nur aphoristisch
nachgedacht. So z. B. in der Abhandlung über die Aufgabe
des Geschichtschreibers. Und da hält er sie denn allerdings
für geeeignet, Regelmäßigkeiten und Gesetze des geschichtlichen
Lebens in solchen sozialpsychischen Entwicklungsreihen nach—
zuweisen, die sich wiederholen: vor allem also in den Perioden
des typischen Entwicklungsganges der Nationen. Aber das
scheint ihm ohne Bedeutung; es ist die Verachtung, mit der
im 17. Jahrhundert ein Vertreter des naturwissenschaftlichen
Pandynamismus, ein Nachfahre etwa des Paracelsus, auf
Galileis kleine und mühselige Versuche herabgesehen haben
könnte.
Und doch war inzwischen längst, wenn auch in sich über—⸗
aus unklar, und mehr als eine unbedingte Forderung des neuen
Zeitalters denn als eine geisteswissenschaftliche Methodenlehre
bon abgeschlossener Theorie die Arbeitsweise der Kulturgeschichte
erwacht. So sehr das zu erwarten war: denn die neue Psycho—
logie der Empfindsamkeit mußte alsbald die sozialpsychische
Vorstellungsweise hervorrufen: so überraschend ist es gleichwohl,
16 *
        <pb n="254" />
        244 — Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

den sichersten Instinkt des Kulturgeschichtlichen alsbald hervor—
brechen zu sehen. Da hatte noch eben Chladenius als Gegen—
stand der Historie „sogenannte Händel“, „neue sonderbare
Taten“, „wichtige Geschäfte“, „Rebellionen, Meutereien, Pro—⸗
zesse, wobei Gewalt vor Recht geht, Kontroversen, dabei es an
Schmähungen, auch wohl Verfolgungen nicht fehlt, ingleichen
verbotene Liebeshändel“ aufgestellt: als Hamann sich dahin ver⸗
nehmen ließ, daß ihm eine solche Geschichte wie jenes weite Feld
des Propheten vorkomme, das voller Beine lag: „und siehe,
sie waren sehr verdorrt!“ Und wenige Jahrzehnte darauf schien
die Kulturgeschichte selbst in die Gebiete der politischen Ge⸗
schichte schon völlig eingezogen zu sein. Maskow noch hatte
nur von politischen Händeln erzählt, höchstens mit einem Unter—
schiede, den er ausschließlich der Anschauung seiner Zeit verdankte,
nämlich dem zwischen Hauptvorgängen und geheimen Neben—
aktionen im Kabinett; dabei war er im Grunde ein Chronist
geblieben: hatte sich sklavisch an den Text der Quellen ge⸗
halten, Personen nach bestimmten Schematen gebildet, ohne
ihre Eigenart vom Typischen unterscheiden zu können, hatte
das eigene Denken in der Darstellung möglichst ausgeschieden
und war weit davon entfernt gewesen, in ganz nebenher er—
wähnten kulturellen Zuständen mehr als Folgen politischer Er⸗
eignisse, etwa gar Faktoren des geschichtlichen Verlaufes zu
erkennen. Aber schon die Göttinger Schule, ein Gatterer,
Schlözer, später Spittler, ging darüber hinaus. Zwar waren
auch ihr noch die großen Männer die „Acteurs“ der „Haupt⸗
begebenheiten“, vor allem auch der Revolutionen, deren Be—
griff, ein Zeichen zunehmender kulturgeschichtlicher Betrachtungs⸗
weise, aus der Geologie in die Geschichtswissenschaft einbrach:
aber sie forderte neben der Politik doch schon Berücksichtigung
des sozialpsychischen historischen Lebens, ja wandte den Begriff
ben der Revolution auch auf Kirche, Literatur, Sitte und
Wissenschaft an. Aber freilich: dies war wohl die Theorie; in
der Praxis dagegen blieb man noch weit zurück; in ihr herrschte
nach wie vor die politische Geschichte mit einigem unorganischen
Anhängsel von „kuriösen“ kulturgeschichtlichen Daten; und nur
        <pb n="255" />
        Die Spätromantik.

248

so viel wurde, schließlich unter Assistenz namentlich der histo⸗
rischen Teleologie Kants, erreicht, daß sich wenigstens politische
Geschichte und Verfassungsgeschichte unter dem halborganischen
Begriffe der Staatengeschichte zusammenschlossen. Im übrigen
zeigte sich, was die Anfänge neuer Kulturzeitalter so häufig
kennzeichnet: radikal wurde wohl der Charakter und das Be—
dürfnis des Neuen ergriffen und begriffen, aber die Ausführung
scheiterte an dem Mangel der Mittel zur intimeren Bewältigung
der gestellten Aufgabe und angesichts des ganz überwältigenden,
sich von Tag zu Tage häufenden Stoffes, der zu durch—
dringen war.
Da war denn kein Zweifel: am ehesten war auf dem neuen
Gebiete ein bestimmter Vorstellungsgehalt noch von enthusiasti—
schen, halb philosophischen Meinungen zu erwarten. Und hier
nun schenkte Herder der Nation in seinen Ideen zur Philosophie
der Geschichte der Menschheit ein Meisterwerk!. Herders Ideen
haben in späteren Zeiten außerordentlich eingewirkt und wirken
noch heute. Allein daß sie gerade in ihrer Zeit und bald
darauf Klarheit geschaffen und Schule gebildet hätten, kann
man schwerlich behaupten. Flach war der kulturgeschichtliche
Gedanke schon seit Mitte etwa der sechziger Jahre durch die
sogenannten Menschheitsgeschichten vorweggenommen worden,
deren erste bedeutendere die Iselins war; Arbeiten, in denen
sich die Probleme der heutigen Anthropologie, Anthropo⸗
geographie und Kulturgeschichte im engeren Sinne noch un—
entfaltet nebeneinanderlagerten. Die wenigen späteren Er⸗
scheinungen dieser Art haben dann durch Herders Ideen nicht
gewonnen. Daneben und danach ist denn wohl auch eine
kulturgeschichtliche Literatur entstanden, in der Herders Einfluß
mehr oder weniger durchscheint, so vor allem in den Arbeiten
Heerens; allein auch hier ist man zu einer wirklichen Begriffs⸗
bildung, worauf es doch im Verlaufe exakter wissenschaftlicher
Forschung vor allem ankommt, nicht gelangt. Auf einem be—
sonderen Gebiete, dem der Mythologie, wucherte vielmehr, in

S. Band VIII, 2, 324 ff.
        <pb n="256" />
        246 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

den schon romantischen Darstellungen und Forschungen Kleukers,
Plessings, Creuzers und auch Görres', zum guten Teile an die
zweite Auflage von Herders Altester Urkunde des Menschen⸗
geschlechtes angelehnt, ein wüst-mystisches Schlußwesen, eine
Dithyrambik fast der Begriffe auf.
Eine gewisse Klärung konnte da sogar noch die spätere
Romantik bringen, namentlich nachdem der Zusammenbruch
der kontinentalen Gesellschaftsordnung unter der Faust des
gallischen Eroberers den Sinn für die objektiven Werte des
Lebens und damit recht eigentlich die Kulturwerte zu schärfen
begonnen hatte.
Das Charakteristische der Romantik war auf diesem Ge—
biete, daß sie, auf Grund des leisen Historismus schon des
Frühsubjektivismus des 18. Jahrhunderts, mit einer bewußten,
enthusiastischen Renaissance des Mittelalters begann. Natürlich
war diese nur möglich, indem man die großen literarischen und
Kulturprodukte des Mittelalters überhaupt repristinierte: und
dies war ein immerhin recht bedeutendes objektives Moment
des ganzen Vorganges: auf historischem Gebiete speziell be—
deutete es die massenhafte, liebevoll gepflegte und durchgeführte
Sammlung des Materiales jeglicher Überlieferung. Allein bei
der allgemeinen Geisteshaltung war es doch wieder natürlich,
daß man die wissenschaftlichen Forschungsmittel zunächst, wenn
auch unter steigendem Nachlassen, phantastisch anwandte. Die
Folge dieser merkwürdigen Konkurrenz von Umständen war
eine höchst verwunderliche, halb poetische Wissenschaft nicht
eigentlich der Kulturgeschichte, wohl aber der kulturellen Be—
trachtung oder wenigstens der kulturgeschichtlichen Neigungen.
Das Athenaeum hat den Zusammenhang einmal, zunächst für
einen etwas engeren Kreis, den der Philologie, gut bezeichnet1.
„Zur Philologie muß man geboren sein wie zur Poesie und
Philosophie. Es gibt keinen Philologen ohne Philologie in
der ursprünglichsten Bedeutung des Wortes, ohne grammatisches
Interesse. Doch ist diese notwendige Beschräuktheit um so

I. 2, S. 124.
        <pb n="257" />
        Die Spätromantik.

247

weniger zu tadeln oder zu beklagen, da auch hier die künstlerische
Vollendung allein zur Wissenschaft führen und die bloß formale
Philologie einer materialen Altertumslehre und einer humanen
Geschichte der Menschheit nähern muß.“ Nicht minder klar
aber war, daß diese Konstellation zu einer künstlerischen Auf—
machung, wenn nicht Bearbeitung der heimischen und zu nicht
minder künstlerischer Übersetzung fremder Quellen des Ver—
gangenen führen mußte. Und damit begann deshalb die
eigentliche romantische Philologie, Altertumskunde und Kultur—
geschichte. Was hat nicht allein schon Wilhelm Schlegel in
diesem Zusammenhange vornehmlich übersetzt: neben vielen
Werken der südromanischen Literaturen fast den ganzen Shake—
speare, von dessen Dramen in den wenigen Jahren von 1797
dis 1801 sechzehn erschienen sind. Es war die entscheidende
Begründung der unter allen Nationen unübertroffen dastehenden,
freilich von dem Genius unserer Sprache besonders getragenen
deutschen Übersetzungskunst; selbst Tiecks Übersetzung des Don
Quirxote trat neben ihr in den Hintergrund.
Es steigt der Briten Höchster lächelnd nieder,
Und Calderon, den Kränze bunt umglühen,
Der Minnesang im Goldgewand; erblühen
Run will Italien, uralt heil'ge Lieder
Vom Ganges wachen auf, und rundum brennen
Trophä'n, die dankbar deinen Namen nennen.
(Tieck.)
Vor allem aber war es doch die Beschäftigung mit der
heimischen Vergangenheit, welche die Romantik bewegte. Und
eben hier konnte man aufs beste an Herder anknüpfen. Schon
1777 hatte Herder der Sammlung von Volkssagen, Märchen,
Mythologien seine Aufmerksamkeit zugewendet: „sie sind ge—
wissermaßen Resultat des Volksglaubens, seiner sinnlichen
Anschauung und Kräfte .... also ein großer Gegenstand
für den Geschichtschreiber der Menschheit, den Poeten und
Poetiker und Philosophen“. Und bereits er hatte auch seinem
Volke eine Sammlung seiner Märchen zu schenken beabsichtigt;
eit 1796 war seine Gattin Karoline damit an der Arbeit.
        <pb n="258" />
        248 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Was aber sie und Herder selbst nicht zustande brachten, haben
dann die Gebrüder Grimm aufgenommen; im Jahre 1806
begannen sie ihre Sammlung, von 1812 ab ist sie unter dem
Titel „Kinder- und Hausmärchen“ veröffentlicht worden. Dem
Märchensammeln ging das Sammeln der deutschen Volkslieder
zur Seite; und noch vor den Grimmschen Märchen gaben Achim
von Arnim und Clemens Brentano die drei Bände des Wunder—
horns heraus. Als dritter aber im Bunde erschien neben ihnen
Joseph Görres, dessen deutsche Volksbücher im Jahre 1807
herauskamen: eine Gabe, die recht eigentlich zu tieferem Nach⸗
graben in den reichen Schachten der Volksliteratur überhaupt
verlockte. Da mochte denn wohl Goethe warnen, daß weder
Mythologie noch Legende in der Wissenschaft zu dulden sei:
„der wissenschaftliche Mann beschränke sich auf die nächste
klarste Gegenwart“: die Bewegung ging über ihn hinweg; was
entstand, war eine erste, wenn auch vielfach noch enthusiastisch
gefärbte Wissenschaft vom Geiste des deutschen Volkes von
alters her: war ein notwendiges und schon klar zu definieren⸗
des Stadium der Entfaltung der Kulturgeschichte überhaupt.
Gewiß war dabei das, was man unter Volksgeist ver⸗
stand, noch einigermaßen unklar, wenn auch keineswegs an sich
mystisch. Denn „so wenig die Einzelseele etwas anderes ist
als der Zusammenhang der psychischen Erlebnisse des Einzel—
bewußtseins, gerade so wenig ist die Volksseele oder irgend—
eine andere Form des Gesamtgeistes etwas anderes als die
tatsächliche Wirklichkeit all der psychischen Vorgänge, die inner⸗
halb einer bestimmten Gemeinschaft durch die Wechselwirkungen
der psychischen Energien im einzelnen zustande kommen“1.
Einstweilen aber war man doch weit davon entfernt, schon
eine so einfache Definition des kulturgeschichtlichen Substrates
zu haben, so sehr auch die Kulturgeschichte als solche schon in
den Einzeläußerungen ihrer Disziplinen bestand: und so traten
denn dem Beobachter in dem zweiten Jahrzehnt etwa des
19. Jahrhunderts, im Beginne der Spaͤtromantik, auf dem

Wundt, Logik? II, 2, 295.
        <pb n="259" />
        Die Spätromantik.

249

Gebiete der Geschichtswissenschaft, und das hieß in den Geistes—
wissenschaften überhaupt, im Grunde unvermittelt zwei Er—
scheinungen nebeneinander entgegen: die Staatengeschichte mit
ihrem Aufbau in Motivenreihen und Ideenfolgen, und die
Kulturgeschichte in ihren Einzelerscheinungen: und höchstens
durch den gleichen Betrieb der niederen kritischen Methoden
erschienen die beiden auf dem Boden der gleichen Wissenschaft
miteinander verbunden.
War aber damit nicht die Möglichkeit gegeben, sie wenigstens
in einem philosophischen Systeme ein erstes Mal anzunähern,
um so mehr, als die höhere Methode der Staatengeschichte mit
der Ideenlehre unmittelbar in die Gebiete der Metaphysik
hinüberführte?1
Es ist der Zusammenhang, in welchem das letzte der
großen romantischen Philosophiesysteme, dasjenige Hegels, vor⸗
nehmlich fruchtbar geworden ist; es war das letzte Stelldich—
ein zugleich, das sich auf lange hin Wissenschaft und Welt-—
anschauung unter ausgesprochener Zulassung der Werte der
letzteren in die Wissenschaft schienen geben zu können: denn
schon begann die wissenschaftliche Bewegung zu überwiegen,
während die philosophisch-poetische zurücktrat: Hegels System
begrenzte die Romantik gegen die sich öffnenden Tore des
Realismus.

Hegel, 1770 zu Stuttgart geboren, war früh mit Schelling
befreundet, dem gleich er auf dem Tübinger theologischen Stifte
studiert hat. Nach einigen Hauslehrerstellungen von Schelling
im Jahre 1801 nach Jena gezogen, lehrte er dort mit diesem
bis zu dessen Abgang im Jahre 1803 in Eintracht und Freund—
schaft, trennte sich aber schon in der „Phänomenologie des
Geistes“ vom Jahre 1806 deutlich von ihm. Sein System hat
er aber eigentlich doch erst in der „Wissenschaft der Logik“,
seit 1812, und in der „Enzyklopädie der philosophischen Wissen—
schaften im Grundrisse“, 1817, aufgebaut. Seit 1818 Pro—
fessor an der Universität in Berlin, wo er 1881 der Cholera
erlag, hat er von da ab außer einer Rechtsphilosophie wenig
mehr veröffentlicht, um so mehr aber durch Vorlesungen gewirkt,
        <pb n="260" />
        250 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

die dann nach seinem Tode zum großen Teile von seinen
Schülern herausgegeben wurden.
Über Schelling suchte Hegel durch eine rationalere Er—
kenntnistheorie hinauszugelangen: eben in diesem Punkte zeigt
sich bei ihm auf rein philosophischem Gebiete am deutlichsten
der Fortschritt in der Richtung des Realismus. Schelling
hatte schon früh, um 1800, den Gegensatz des subjektiven Geistes
und der objektiven Natur in einer höheren Einheit, die nur
die Identität beider sein konnte, gelöst gedacht. Aber war es
ihm dann gelungen, diese von ihm als göttlich bezeichnete
Identität in der Art ihrer Auswirkung in Natur und Geist
anschaulich vorzustellen oder gar zu verstehen? Er fand keine
Möglichkeit, diese Auswirkung verstandesmäßig zu denken, und
gebrauchte daher eine mystifche Methode psychologischer In—
einssetzung des Denkenden mit dem Gedachten, die er, eine
volle contradictio in adjecto, „intellektuelle Anschauung“
nannte, und deren Anwendung, vornehmlich in der Aufstellung
der uns bekannten Emanationslehrel, ihn dem irrationellen
Tun seiner späteren Jahre zuführte.
Hegel suchte das Problem der Identität, in dessen Be—
arbeitung er sich mit Schelling traf, in anderer Weise zu lösen.
Er schaute das Element, das dem im Einzelsubjekt ausgeprägten
Geiste wie der Natur gemeinsam zugrunde liegen sollte, als
allgemeinen Geist, als göttliche reine Vernunft. Zur Ge—
winnung aber einer rein intellektuellen Vorstellung darüber,
wie denn nun diese Allgemeinheit zu Einzelgeist und Natur
habe führen können und müssen, zog er Gedanken, die schon
bei Fichte entwickelt waren, heran. Der dialektischen Lehre
Fichtes von These, Antithese und Synthese entsprechend be—
hauptete er, daß die allgemeine Vernunft so gut wie jeder
andere Begriff seinen Gegensatz, seine Nicht-Vernunft in sich
berge: und dieser Gegensatz sei die Natur. Zum vollen Bewußt⸗
sein ihrer selbst im Subjekt könne mithin die allgemeine Vernunft
nur gelangen, wenn sie diesen Gegensatz aus sich entlasse, die

S. oben S. 48 ff.
        <pb n="261" />
        Die Spätromantik.

251

Natur also außer sich, sich gegenüber setze. So entstehe durch
klar dialektischen, also rationalen, zugleich aber auch tatsäch—
lichen Auseinandertritt aus dem Allgemeingeist der Einzelgeist
— denn indem der Allgemeingeist sich seiner bewußt werde,
begrenze er sich auch notwendig — und die Natur. Damit
war denn das Problem, das Schelling durch mystische Kon—
templation hatte bewältigen wollen, denkhaft scheinbar gelöst:
ganz im Zentrum alles Denkens schien der Verstand über
VPathos, Enthusiasmus, Intuition gesiegt zu haben.
Diesen ganzen Vorgang aber sah nun Hegel auch zugleich
als vorbildlich an für alles philosophische, ja für alles Denken
überhaupt. Denn da Denken und Sein eins seien, so besäßen
wir ganz offenbar in der Selbstentwicklung der ewigen Vernunft
das unabänderliche Modell und Schema unseres Denkens:
weshalb wir nur dann richtig dächten, wenn wir diese Selbst⸗
entwicklung eben nach den Phasen, die sie wirklich umfaßt,
zu denken suchten. In der Bewegung durch These, Antithese
und Synthese, vom Satze zum Gegensatze und durch diesen
hindurch zu einer höheren Einheit von Satz und Gegensatz,
die dann wiederum als Satz ihren Gegensatz und ihre Syn⸗
these erzeugt, war also Hegel die absolut notwendige Me—
thode unseres Denkens gegeben; alle Willkür schwieg damit,
alle Leidenschaft war ausgebrannt; nicht mit einer Silbe mehr
war von der Phantastik romantischer Zeiten die Rede: nicht
eine beliebige Regel, das einfache Gesetz vielmehr erschien ge⸗—
funden, nach dem unser Verstand als Herrscher und Gesetz—
geber der Natur waltet. Dazu erklärte Hegel auch noch als
unwiderlegbare tiefste Wurzel alles Seins ein geistiges Prinzip
nachgewiesen, das sich der Personifikation nicht durchaus wider⸗
setze, wenn es auch eher einer mehr pantheistischen Durch—
bildung fähig sei: und alle großen Ideale der Zeit, Gott,
Freiheit, Unsterblichkeit, konnten damit nach ihm leicht nicht
nur als bloße Forderungen unserer sittlichen Veranlagung,
sondern auch als Wirklichkeiten, als ewige Zweckgedanken der
reinen Vernunft gedacht, ja bewiesen werden.
Daraufhin kam der dialektische Verlauf für Hegel über—
        <pb n="262" />
        252 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

haupt als systembildend in Betracht. Aus dem reinen Sein
ergab sich hierbei durch die Antithese des reinen Nichts die
Synthese des Werdens: und dieser ersten dreigliederigen
Ableitung folgten nun Tausende und Abertausende gleicher
Ableitungen: bis die ganze Welt des Gewordenen und Be—
stehenden als in ihnen aufgebaut und damit zugleich alles
Wirkliche als vernünftig nachgewiesen war.
Nun hatte Schelling schon von einem verwandten Stand⸗
punkte aus, freilich nach Hegels Urteil noch unvollkommen, die
Emangtion der Natur aus dem Absoluten in all ihrer Fülle
zu begreifen gesucht: es waren Vorstellungen, die alsbald über
die Naturphilosophie hinaus in den Naturwissenschaften selbst
nicht ohne Wirkung geblieben waren. Um wie viel stärker
mußte da jetzt Hegel mit seiner reineren Emanationsdialektik
wirken! Eine neue Logik, eine neue Philosophie der Natur
und eine neue Philosophie des Geistes, die beiden letzteren
aus der ersten geboren, standen in Aussicht.
Von ihnen hat Hegel indes außer der Logik nur die
Philosophie des Geistes eingehend durchgebildet. Die Natur—
philosophie blieb in den Anfängen stecken, einmal weil der
Meister auf dem Gebiete der Naturwissenschaft längst nicht über
so selbsterrungene und eingehende Kenntnisse verfügte wie auf
dem der Geisteswissenschaften, dann aber auch aus einem viel
merkwürdigeren Grunde: Hegel erkannte die tatsächliche Evo—
lution in der Natur nicht eigentlich an oder fand wenigstens,
daß alle bis zu seiner Zeit durchgeführten Versuche, die Natur
als zeitlich geworden zu denken, auf „nebulosen Vorstellungen“
beruhten.
Im Bereiche der Philosophie des Geistes aber ist Hegel
vornehmlich Geschichtsphilosoph gewesen. Sehr begreiflich bei
dem Stande der einzelnen geisteswissenschaftlichen Disziplinen
zu seiner Zeit. Wie sollte er denn das evolutionistische Prinzip
seiner dreiteiligen Gliederung etwa auf Anthropologie oder gar
Psychologie haben anwenden können? Selbst die Wissenschaflen
des absoluten Geistes im Hegelschen Sinne, die der Kunst, Re⸗
ligion und Philosophie, erschienen ihm noch zu wenig zugänglich.
        <pb n="263" />
        Die Spätromantik.

258

Man muß diesen Stand der empirischen Wissenschaften
beachten, will man verstehen, auf was schließlich Hegels Philo—
sophie des Geistes, zur Geschichtsphilosophie geworden, hinaus⸗
lief. Tatsächlich konnte sie nur an die schon entwickelte po⸗
litische Geschichte, an die Geschichte des Rechts und allenfalls
noch an die der Verfassungen anknüpfen. Und von diesem
Standpunkte aus erschien nun Hegel vor allem das Recht,
der zu seiner Zeit am meisten feststehende kulturgeschichtliche
Wert, als der Inhalt und als das Erzeugnis der Vorgänge,
in denen sich der allgemeine Wille als ein objektiver aus—
wirke: womit es denn nicht als Verwirklichung irgend welchen
Zwanges, sondern als Inslebentreten vielmehr einer willkür—
feindlichen Freiheit gefaßt wurde. Aber auch in diesem Umfange
erfuhren die genaueren Darlegungen Hegels nochmals eine
Beschränkung. Viel zu wenig war schon ein öffentlicher Geist
in Deutschland entwickelt, als daß der Philosoph klaren und
sicheren Eindrücken von der Bedeutung des öffentlichen, des
Staatsrechts ausgesetzt gewesen wäre; und so bezog sich sein
Rechtsgedanke vornehmlich auf den Besitz, ging sein Recht auf
in Eigentums- und Vertragsrecht. Gegenüber einem solchen
Rechte aber war ihm nun der ethische Sinn der in sich reflek⸗
tierte Wille, der subjektive Wille der Persönlichkeit in allgemein
gültiger Form, der Wille in seiner Selbstbestimmung als Ge—
wissen; und die Sittlichkeit die höchste Stufe jenes Gemein—
willens, in dem sich das Subjekt mit der sittlichen Substanz,
der Familie, der Gesellschaft, dem Staate eins weiß. In
diesem Zusammenhange lag es denn an sich wohl beschlossen,
daß die Gesellschaft als ein angemessenes Zwischengebiet zwischen
Familie und Staat erschien: aber weit noch war Hegel davon
entfernt, Familie und Staat als nichts denn einzelne, wenn
auch besonders wichtige Formen menschlicher Gesellschaft zu
erfassen. Vielmehr ergab sich ihm aus dem herkömmlichen
Umfange des geschichtlichen Betriebes und der historischen Be—
griffsbildung auch hier die Einschränkung, daß der Staat, als
die besondere Wirklichkeit der sittlichen Idee, als die selbst—
bewußte öffentliche Substanz, als inkarnierter göttlicher Wille
        <pb n="264" />
        254 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Rapitel.

unbedingt auch alle anderen Formen menschlichen Daseins
beherrsche: diese erschienen also gänzlich von ihm abhängig:
und die Weltgeschichte war Hegel folgerichtig, als Auswirkung
des Absoluten, Geschichte der Staaten.
War nun aber diese Begrenzung des historischen Werdens
wirklich noch der Zeit gemäß und gemäß auch den Grundzügen
der Gedankenbildung des Philosophen? Führte diese nicht,
im Grunde doch schon evolutionistisch, auf kulturgeschichtliche
Motive? Entsprach das Kleben an gegebenen historischen Vor⸗
stellungskreisen, statt eines kühnen Forschervordringens in das
Gebiet wenigstens der geistigen Zustände, nicht ganz dem klein⸗
mütigen Verzichte auf eine Theorie des naturwissenschaftlichen
Evolutionismus? Die kulturgeschichtliche Betrachtung war, dank
den weiten geistigen Interessen der Romantik, schon zu weit
fortgeschritten, als daß Hegel ihr ganz hätte entraten können:
zumal sie ihm an sich sympathisch war, wie tausend Einzelzüge
seiner Darstellung beweisen. Und so trat denn in seinem
System, anorganisch oder mindestens wie ein halb illegitimer
Johannistrieb neben dem alten Gezweig und Geranke staats⸗
historischer Anschauungen auch das kulturgeschichtliche Motiv
hervor: dem Staatengeist sekundierte ein Volksgeist als Träger
anderer als staatlicher Lebensformen, und Kunst und Wissen⸗
schaft, Sprache und Mythus wie sonstige Erscheinungen sozial⸗
psychischen Lebens fanden jede in ihrer Weise noch eine be—⸗
sondere, gleichsam einstweilige Unterkunft.
Man wird daher dem Systeme Hegels gerade da, wo es
am weitesten durchgeführt erscheint, alles andere als volle Ge⸗
schlossenheit nachrühmen können. Allein hat es nicht eben da⸗
durch gewirkt, daß es sich als ein Werdendes gab?
Das, was dies System noch am innigsten mit Früh⸗
romantik und in gewissem Sinne mit der Romantik überhaupt
verknüpfte, war schließlich der dialektische Unterbau, die logische
Skelettierung. Denn Hegel selbst mochte diesen Unterbau wohl
als besonders rational erachten. Jeder Einblick indes in den
Verlauf der Entwicklung nationaler Philosophien, mögen sie
nun chinesisch oder japanisch oder autik bodes deutsch sein,
        <pb n="265" />
        Die Spätromantik.

255

lehrt, daß sich gerade in der Verquickung von Denken und Sein,
in dem ontologischen Irrtum, der auch Hegels System noch
kennzeichnet, ausnahmslos ein gewisser Enthusiasmus, etwas wie
Romantik des Denkens am längsten erhält. Oder haben nicht
etwa die Eleaten der griechischen Philosophie und die helleni—
schen Denker hin bis auf Plato unter einer Art berauschender
Wirkung des ontologischen Irrtums gestanden? Und wird
nicht eben diesem dionysischen Zuge jene Ideenlehre des großen
Atheners verdankt, die niemand anders in modernen Formen
wieder aufgenommen hat, als die Vertreter der deutschen Identi⸗
tätsphilosophie, ein Schelling, ein Hegel? Erst nach ihnen ist die
Philosophie der modernen europäischen Völker ganz der Tatsache
inne geworden, daß Verstandesnotwendigkeiten und Erfahrungs⸗
tatsachen zweierlei sind, und daß die letzteren nicht so ohne
weiteres durch intellektuelle Schlußmethoden geschaffen werden.
Erscheint somit das logische Motiv des Aufbaus auch des
— D
über seine praktische Anwendbarkeit für die Einzelforschung, bei
einiger Umbiegung seines Sinnes, noch nichts ausgesagt. Und
in diesem Zusammenhange nun erwies sich die triadische Dia—
lektik Hegels allerdings als außerordentlich fruchtbar. Denn
wie man die Dinge auch ansehe: es ist eine Tatsache, daß
die geschichtliche Bewegung sich häufig in hastender Voraus—
nahme eines künftigen Lebensprinzips, Reaktion dagegen und
schließlicher Entwicklung eines Mittleren zwischen Erstrebtem
und Erreichtem vollzieht. Und da dieser Verlauf auf sehr
fundamentalen Ausstattungen und Äußerungen des Seelen—
lebens, nämlich auf der schöpferischen Kraft der Phantasie
und auf dem Gesetze der psychischen Reaktion beruht, so ist
man wohl berechtigt, mit seiner Erkenntnis einen Teil auch
des sozialpsychischen und das heißt des kulturgeschichtlichen
Entwicklungsmechanismus bloßgelegt zu sehen. Wurde nun
aber diese psychische Erscheinung in der Praxis der historischen
Forschung und Betrachtung nicht eben durch die Anwendung
der logischen Trias Hegels wenn nicht gedeckt, so doch ständig
angedeutet? Aus diesem Zusammenhange erklärt es sich, wenn
        <pb n="266" />
        256 Dierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

gerade die kulturgeschichtlichen Disziplinen, die eigentlich in
Hegels Gesamtsystem nicht eingingen, gleichwohl von seiner
Methodus philosophandi die allerstärkste Anregung — stärkere
als die bei Hegel noch zentral angeordnete Staats- und
Staatengeschichte — empfingen.
Wie auf diesem Gebiete der höheren historischen Methode,
so hat Hegel aber auch sonst, in der materiellen Geschichts—
betrachtung, sich den eigentlichen wissenschaftlichen Verfahrungs—
weisen, dem Denkinhalt und der Denkart der geisteswissenschaft⸗
lichen Einzeldisziplinen viel näher gestellt, als dies noch bei
Schelling gegenüber den Naturwissenschaften der Fall gewesen
war. Denn liest man Hegels Geschichtsphilosophie, die bei
—DD——
fesselndsten historischen Bücher hätte gemacht werden können, so
wird man bald, nach Überwindung der grundsätzlichen Er—
örterungen, der Tatsache inne werden, daß sie im einzelnen
nur wenig metaphysische Anleihen macht. Im Grunde spielt
nur die Überzeugung eine beherrschende Rolle, daß die Ent—
wicklung der Freiheit irgendwie das Wesen der Menschheits—
geschichte bestimme; im übrigen bilden Begriffe der immanenten
Entwicklung den Rost und machen auch den Charakter der einzel⸗
nen Darlegungen aus. So daß sich mit ein wenig Übertreibung
wohl sagen ließe, daß in Hegels Buch eine der geschicktesten
und frühesten, auf das Ganze des Zusammenhanges gerichteten
empirischen Universalgeschichten vorliege — geschrieben von
einem Manne, dem es selbst auf dem Gebiete der historischen
Hilfswissenschaften, z. B. dem der Quellenkunde, nicht an origi⸗
nalen Gedanken gebrach.
Ist dies die Stellung der Geschichtsphilosophie Hegels im
Bereiche der wissenschaftlichen Empirie, so versteht sich, mit wie
vielen, einer empirisch-genetischen Betrachtung der Dinge ent⸗
gegenstehenden philosophischen Vorurteilen sie brechen mußte.
So mit der Neigung der Weltanschauung des 17. und
18. Jahrhunderts, sich wesentlich nur auf Mathematik und
Mechanik zu stützen, die auch bei Kant, dem Zünger Newtons,
noch keineswegs verschwunden war. So mit dem wesentlich
        <pb n="267" />
        Die Spätromantik.

257

auf diese Neigung begründeten Prinzip einer nicht aktuellen,
sondern substanziellen Betrachtung der Dinge, wie es der
Hauptsache nach Descartes fundamentiert hatte: denn wenn
dieses Prinzip auch schon bei Hume und Kant in gewissem
Sinne gelockert war, so war es doch noch weit davon entfernt,
von einer entschlossenen genetischen Auffassung abgelöst zu sein.
Hegel hat hier freilich auch noch nicht voll durchschlagend ge—
wirkt, was nur bei psychologischer, statt logischer Behandlung
des Prinzipes der Aktualität möglich gewesen wäre: in dieser
Hinsicht ist die zweite Periode des Subjektivismus über ihn
hinweggegangen und weiter hinwegzugehen im Begriffe. Allein
immerhin hat er doch der Idee der Entwicklung durch seine
rücksichtslose Durchbrechung des Satzes vom ausgeschlossenen
Dritten erst recht Bahn gebrochen. Er löste dadurch die starren
unbiegsamen Begriffe des 18. Jahrhunderts erst auf und ver—
flüssigte sie so, daß Gegensätze nicht mehr als absolut, sondern
vielmehr als ineinander übergehend gedacht werden konnten.
Überträgt man diese Leistungen auf das psychologische Ge—
biet und unterwirft sie damit kulturgeschichtlicher Betrachtung,
so ließe sich sagen, daß Kant die neue Seele des Subjektivismus
gleichsam erst statisch, aus dem gegebenen Systeme ihres Da⸗
seins und insbesondere ihrer Denkbarkeit begriffen hat. Fichte
hatte dann diese selbe Seele, wenn auch noch durchaus in
dialektischer Methode, doch schon in den Stadien ihres Werdens
und ihrer tätigen Auswirkung, also dynamisch-genetisch, wenn⸗
gleich noch sehr oberflächlich beobachtet. Hegel aber ahnte und
belauschte in seinem Triadensysteme den großen Vorgang der
Psychogenese, der die Weltgeschichte ist, doch schon weit ein—
dringlicher, anschaulicher, sicherer. Gewiß blieb dabei in der
Anwendung der genetischen Kategorien der Individualseele,
denen schließlich das triadische Vorstellungssystem verdankt
wurde, auf das gesamte Seelenleben der Menschheit noch viel
von einem Analogieschluß im Sinne psychomorpher Vor—⸗
stellungen eben dieser, der spätromantischen Zeit: unbewußt
fast, jedenfalls selbstverständlich erschien die Welt der seelischen
Erscheinungen aller Zeiten noch durchaus als das Spiegelbild
Lamprecht, Deuische Geschichte. X. 17
        <pb n="268" />
        288 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

der subjektivistischen Seele, soweit diese schon elementar in
ihren Bildungsvorgängen erfaßt wurde.
Aber war nicht selbst damit schon ein außerordentlicher
Fortschritt gegeben? Sind nicht die Naturwissenschaften eben
in wenn auch unbewußter Anwendung anthropo- und psycho⸗
morpher Vorstellungen von den Eigenschaften der subjekti⸗
vistischen Psyche auf den Begriff der Kraft zu der Höhe ihrer
Ausbildung im 19. Jahrhundert gelangt? Von dem Niveau
eines bloßen Selbstlebens des Subjekts, wie es in Empfind—
samkeit und Sturm und Drang die erste literarische Epoche,
in der gesetzgeberischen Autarkie des Einzelnen gegenüber sich
und der Natur die erste große, Kantsche Philosophie des Sub—
jektivis mus errungen hatte, war man in wachsender Bewußtseins⸗
auswirkung heraufgedrungen in die geschichtlichen Daseins—
bedingungen des Subjekts, hatte begonnen, seine Stellung im
19. Jahrhundert zu Natur wie Geschichte, zu jeder Form der
Vergangenheit wie Gegenwart überhaupt ins Auge zu fassen,
und ihm damit für seine selbständige und isolierte Stellung
im Reiche des Gedankens, der Phantasietätigkeit und der
Empfindung diejenige Grundlage und Sicherung zu gewähren,
deren es zur festen Einnahme jener Stellung bedurfte.
        <pb n="269" />
        Drittes Kapitel.
Beginnender Realismus.

Im Athenaeum heißt es an einer berühmten Stelle: „Die
französische Revolution, Fichtes Wissenschaftslehre und Goethes
Meister sind die größten Tendenzen des Zeitalters. Wer an
dieser Zusammenstellung Anstoß nimmt, wem keine Revolution
wichtig erscheinen kann, die nicht laut und materiell ist, der
hat sich noch nicht auf den hohen weiten Standpunkt der Ge—
schichte der Menschheit erhoben. Selbst in unseren dürftigen
Kulturgeschichten, die meistens einer mit fortlaufendem Kom—
mentar begleiteten Variantensammlung, wozu der klassische
Tert verloren ging, gleichen, spielt manches kleine Buch, von
dem die lärmende Menge zu seiner Zeit nicht viel Notiz nahm,
eine größere Rolle als alles, was diese trieb.“ Man wird,
aus der Perspektive mehr als eines Jahrhunderts, die Zu—
sammenstellung der drei auf den ersten Blick so heterogenen
Faktoren nur bewundern können: denn sie bezeichnen in der
Tat für die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert den Durch—
bruch des vollen Subjektivismus in Staat und Gesellschaft, in
Phantasietätigkeit und Denken.
Inzwischen aber, seit dem Anfange des 19. Jahrhunderts,
hatte sich der vollste, der romantische Subjektivismus doch
vornehmlich auch im Denken ausgewirkt: nichts charakteristi—
scher als der Fortschritt, der in dieser Hinsicht von Fichte
17*
        <pb n="270" />
        260 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

bis zu Hegel, von den anfänglichen Paroxysmen fast eines
extremen Subjektivismus bis zu den Grenzen schon eines ob⸗
jektiveren Realismus wahrnehmbar wird.
Dabei versteht sich, daß dieser Verlauf der Phantasie—
tätigkeit und dem intellektuellen Seelenleben langsam ein ganz
anderes Verhältnis zueinander geben mußte, als es noch in den
Zeiten des Klassizismus bestanden hatte; die Phantasietätigkeit
 trat mehr auf den zweiten Plan, das Denken eroberte den
Vordergrund. Es ist der Umschwung, der die Zeiten des Rea—
lismus, von den dreißiger bis zu den sechziger Jahren, mehr
als solche wissenschaftlichen Triumphes und immer gegenständ⸗
licher werdenden politischen Denkens, denn als Höhepunkte
künstlerischen und dichterischen Schaffens erscheinen läßt. Und
diese gegensätzliche Bewegung geht so weit, daß die Dichtung
schon in den dreißiger Jahren, in den Zeiten des Jungen
Deutschlands zu nicht geringem Teile ganz in den Dienst
religiös-kirchlicher und sozial-politischer: kurz realistischer Ideen
—D
insofern auch dargestellt werden kann. Unter diesen Umständen
erscheint der Entwicklungsgang der Phantasietätigkeit schließlich
noch am reinsten in den bildenden Künsten: wird aber freilich
hier auch um so mehr den Eindruck erwecken, daß der Primat des
Seelenlebens immer mehr von den Bereichen des ästhetischen
in die Gebiete wissenschaftlichen und politisch⸗ gemeinnützigen
Schaffens und Denkens überzugehen begann.
Im Jahre 1889 sind die Wandmalereien auf dem Apolli⸗—
narisberge bei Remagen angefangen worden, eine letzte gemein⸗
same Lebensäußerung der Overbeckschen Richtung der Nazarener;
im Jahre 1840 hat Overbeck das Magnifikat der Künste voll—
endet, das man wohl ein abschließendes Kunst- und Lebens—
bekenntnis des Meisters nennen kann, hat weiter Cornelius
sein Jüngstes Gericht in der Münchener Ludwigskirche geschaffen:
das letzte umfangreiche Wandgemälde, das er ganz zu Ende
geführt hat. Im selben Jahre begann Rethel die Fresken im
Aachener Rathause; wenige Jahre darauf machten in Deutsch—
land die Werke der vlämischen realistischen Geschichtsmalerei,
        <pb n="271" />
        Beginnender Realismus.

261

die Bilder Gallaits und Biöfves, die Runde und erregten
außerordentliches Aufsehen.
So erweist sich das Jahr etwa 1840 als eine Zeitmarke in
der Entwicklung zunächst der Malerei; die Malerei aber hatte,
wie wir wissen, schon damals und erhielt noch immer mehr die
Führung in der Entwicklung der bildenden Künste!. In den
vierziger Jahren fing in der Tat ein schon vollkommenerer Re⸗
alismus in diesen an zu siegen, nachdem seine Anfänge deutlicher
schon seit etwa 1830 eingesetzt hatten; und seine Herrschaft
hat dann über ein Menschenalter fortgewährt.
Damit begann sich aber zugleich auch die Stellung der
bildenden Künste innerhalb der allgemeinen Kulturinteressen
überhaupt zu ändern. Während der ersten Generation des
19. Jahrhunderts hatte die deutsche Kunst etwas gleichsam Ex—⸗
territoriales gehabt; ihre Heimat war eigentlich Rom gewesen.
Und innerhalb der deutschen Grenzen hatte sie Förderung ge—⸗
funden weniger im Volke und in seiner führenden Schicht,
dem Bürgertum, als durch einige Fürsten: die Fortsetzer jener
Traditionen des 16. bis 18. Jahrhunderts, während deren
das Mäcenat der Kunst schon vom Bürgertum völlig an Adel
und Fürsten übergegangen war. Somit hatte die Kunst etwas
Akademisches und Ausschließliches an sich getragen und mußte
sich dem Willen der wenigen Mäcene mehr als nützlich war
fügen. Für das Leben der Nation dagegen war ihre Be—
deutung verhältnismäßig gering gewesen, während rings um sie
die Dichtung das öffentliche Interesse fand und die Musik die
künstlerischen Neigungen vor allem auch des Bürgertums noch
viel stärker fesselte und beherrschte: zusehends füllten und
mehrten sich die Konzerte.
Das änderte sich nun seit den dreißiger Jahren, wenn
auch nicht auf einen Schlag. Langsam, ausgesprochener freilich
erst seit den vierziger Jahren erhielt auch die künstlerische Welt

1Es wird daher hier von ihr und den graphischen Künsten allein
die Rede sein; Bildnerei und Baukunst werden erst gelegentlich der
Schilderung des ausgebildeten Realismus auf allen Gebieten in Band XI
behandelt werden.
        <pb n="272" />
        262 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

ein anderes Gesicht. Das Bürgertum nahm die führende
—A
erreicht hatte, nun auch in der bildenden Kunst in Anspruch.
Freilich nicht schon im Sinne jenes Mäcenats, das sich seit
den sechziger und siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts vor⸗
nehmlich zuerst langsam, dann rascher entwickelt hat. Man
war noch nicht wohlhabend genug, um die Baukunst oder die
Bildnerei reichlicher zu unterstützen; sogar in der Malerei litten
die kostspieligeren Techniken bis herunter zur Olmalerei unter
der noch immer andauernden Armut der führenden Schichten;
am wenigsten entwickelte sich die Freskomalerei als häusliche
Kunst; nach wie vor blieb sie der Hauptsache nach auf Staats—
aufträge und fürstliche Förderung angewiesen. Außerordentlich
dagegen blühten die vervielfältigenden Künste in ihren besten
Leistungen.
Die Griffelkünste, Künste verhältnismäßig demokratischen
Charakters, sind immer ein Bedürfnis vor allem des deutschen
Bürgertums gewesen. Sie tauchten zum ersten Male auf, als
dieses, mit dem 15. und 16. Jahrhundert, seine früheste Blüte
erlebte; und soweit sie stärker entwickelt wurden, waren sie fast
alle in dieser Zeit so gut wie deutschen Ursprunges oder wuchsen
wenigstens zu höchster Blüte in deutscher Pflege: Holzschnitt,
Buchdruck, Kupferstich, Kadierung. Im 17. Jahrhundert, mit
dem Emporkommen Hollands, an das die führende Stellung im
Bürgertum überging, sind sie dann, und vornehmlich wiederum
die Radierung, besonders in den Niederlanden nördlichen wie
südlichen Teils weiter entwickelt worden.
Im inneren Deutschland wurde seit der zweiten Hälfte
des 16. Jahrhunderts der Holzschnitt immer mehr durch den
Kupferstich verdrängt, neben dem sich auch die Radierung
weniger entfaltete. Dabei ist der Holzschnitt allerdings nie—
mals ganz verschwunden, in der Buchausstattung z. B. wurde
er in Kopfleisten, Initialen, Schlußstücken noch neben dem
Kupferstich verwendet; immerhin aber er führte ein kümmer—
liches Verfallsdasein. Denn schon die bessere Illustration,
vor allem aber das Titelbild und das graphische Porträt,
        <pb n="273" />
        Beginnender Realismus.

2638

daneben auch Stadtplan und Landkarte fielen dem Kupfer—
stich zu.
Allein auch der Kupferstich ging allmählich zurück. Je—
mehr nicht so sehr die breite Masse der Gebildeten, sondern
Aristokratie und Klerus Gönner der Kunst wurden, um so
weniger verlohnte es, ein wirkliches Kunstwerk in mehreren
oder vielen Exemplaren herzustellen. In der zweiten Hälfte
des 18. Jahrhunderts war es dahin gekommen, daß ein großer
Teil des Bürgertums wenn nicht kunstfeindlich, so doch der
Kunst gegenüber indifferent erschien: man erinnere sich z. B.
der Stellung Schillers zur bildenden Kunst gegenüber der weit
überlegenen Position Goethes: wie hätte da die schwere Kunst
hervorragenden Kupferstichs noch gedeihen sollen? Von wenigen
Ausnahmen abgesehen, begnügte man sich mit leichten, zumeist
nicht hochstehenden Radierungen, und der eigentliche Geschmack
an den Griffelkünsten ging fast verloren.
Allein eben in diesem Augenblicke erhob sich von neuem
die Anteilnahme des wiederum emporstrebenden Bürgertums
und der werdenden Kreise der Gebildeten. Doch geschah es
langsam genug; in mancher Hinsicht hat der Nullpunkt noch
in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts gelegen; es blieb
ein Vakuum so lange, daß fast alle Rokokoüberlieferungen ab—
—
Kabinette von graphischen Blättern gesammelt hatte, da hingen
sich auch die dreißiger Jahre noch des 19. Jahrhunderts nur einige
spärliche Blätter in schlechten Umrahmungen an die Wand,
deren Zusammenhang durch die breiten weißen Ränder übel
durchbrochen wurde.
Gleichwohl ging es vorwärts. Der Buchdruck wurde ver—
schönt und auch technisch verbessert, indem Stereotypie und
Schnellpressendruck aufkamen; der bessere Holzschnitt lebte wieder
auf; und als typische vervielfältigende Kunst der ersten Hälfte
des 19. Jahrhunderts und noch der Zeit darüber hinaus er—
bluhte die neue Kunst der Lithographie.
Wie der Holzschnitt und der Kupferstich, so ist auch die
Lithographie eine deutsche Erfindung. Aloys Senefelder (1771
        <pb n="274" />
        264 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kopitel.

bis 1834) begann im Jahre 1798 mit der Arbeit auf dem
Steine; und in unermüdlicher Arbeit bis an sein Ende hat
er bereits alle wichtigsten Behandlungsarten des Steins selber
durchgebildet: neben der einfachen Steinzeichnung die Aqua—
tintamanier und die sogenannte gespritzte Manier, den Ton—
druck und schon auch den Druck in Farben. Der künstlerischen
Vervollkommnung des Verfahrens aber widmeten sich dann im
Norden Meister wie Adolf Menzel (am frühesten in den drei
Jugendzyklen Luthers Leben, Künstlers Erdenwallen, Denk—
würdigkeiten aus der brandenburgischen Geschichte, 1883 bis
1836); nicht minder schufen auf diesem Gebiete die Wiener
Josef Kriehuber (1801 -1876), wohl der beste lithographische
Porträtist, und August Karl von Pettenkofen (1822 —1889),
der elegante Schilderer österreichischen Kriegslebens. Inzwischen
waren aber auch schon große Publikationswerke in Steindruck
entstanden oder im Entstehen begriffen, die weiteren Kreisen der
Gebildeten die schönsten Schätze alter Kunst in guter Wiedergabe
eröffneten: so die Strixnersche Galerie der Vlamen des 15. Jahr⸗
hunderts, der besten Arbeiten Dürers, Cranachs u. a.; dann die
Reproduktionen der Niederländer und Vlamen des 17. Jahr⸗
hunderts durch den älteren Piloty; als vollendetste dieser großen
Sammlungen vielleicht das Dresdner Galeriewerk Hanfstängls.
Tiefer noch in vieler Hinsicht als die Lithographie griff
aber bald der Holzschnitt in das Kunstleben der Nation ein;
er wurde recht eigentlich zur populären künstlerischen Technik
des 19. Jahrhunderts. Schon früh hatten einzelne Künstler,
wie die beiden Unger in Berlin oder Höfel in Wien, versucht,
mit Holzschnitten der herkömmlichen Technik — Bearbeitung
des Holzes mit dem Schneidemesser der Faser nach — den
Kupfern in den Almanachen des ausgehenden 18. Jahrhunderts
Konkurrenz zu machen; und es war ihnen vielfach gelungen.
Zum vollen Aufschwung aber kam der Holzschnitt doch erst
mit der realistischeren Kunst der dreißiger und vierziger Jahre
und einer technischen Verbesserung, die ihn im hohen Grade
geeignet machte, gerade den koloristischen Wirkungen der neueren
Malerei gerecht zu werden.
        <pb n="275" />
        Beginnender Realismus. 265

Diese technische Neuerung kam aus England. Hier hatte
Thomas Bewick (1753—1828) gelehrt, den Holzstock nicht der
Faser folgend mit dem Schneidemesser, sondern im Querschnitt
senkrecht zur Faser mit dem Stichel zu bearbeiten. Es war eine
Anwendung, die den Schnitt eigentlich zum Stich machte und
die Wirkung derjenigen des Kupferstichs annäherte: und so
bedurfte es zur Entwicklung einer neuen Blüte nur noch großer
Künstlerindividualitäten, die der veränderten Technik entsprechend
schufen und durch ihr Schaffen wiederum deren Grenzen er—
weiterten. In Deutschland waren es vor allem Adolf Menzel
und Ludwig Richter, die nun entscheidend eingriffen: der eine,
in den Illustrationen zu Peter Schlemihl (1838) und zu
Kuglers Geschichte Friedrichs des Großen (18391844) na⸗—
mentlich in koloristischer Richtung, der andere in den zahl—
reichen Folgen seiner Holzschnittwerke seit den vierziger Jahren
vornehmlich im Sinne der Ausbildung eines charaktervollen
Umrisses. Und dann brach, noch vor der Revolutionszeit be—
ginnend, jene Hochflut der Holzschnitte herein, die seitdem auf
mehr als ein Menschenalter nicht nachließ: ganz neue Gebiete
beinahe, wie die gesellschaftliche und politische Karikatur, der
wissenschaftliche Holzschnitt, die Illustration der Familien—
zeitschriften und Wochenblätter wurden der volkstümlichen
Kunst erobert: und als durchgereiftes Ergebnis der ganzen
Bewegung erschienen bereits seit 1845 die Fliegenden Blätter,
wenige Jahre darauf die Münchener Bilderbogen, seit 1843
die Illustrierte Zeitung, seit 1848 der Kladderadatsch, seit 1853
die Gartenlaube, der 1864 das Daheim folgte. Gleichzeitig
aber wurde der Holzschnitt auch zu noch höheren Leistungen auf
rein künstlerischem Gebiete fortgebildet; neben die Reproduktionen
Menzelscher und Richterscher Zeichnungen trat die Wiedergabe
von Werken Rethels und Kaulbachs und Schwinds und Führichs
und Schnorrs von Carolsfeld.
Es war eine insofern zum Teil recht eigentümliche Ent—
wicklung, als in der einfacheren Art des Holzschnitts, wie sie
der Zeit in den Reproduktionen der Zeichnungen Richters oder
Führichs oder auch Schnorrs und selbst Schwinds entgegentrat,
        <pb n="276" />
        266 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

ein gutes Teil der alten Umrißkunst des Klassizismus und der
Romantik noch einmal, nur durch ein neues technisches Ver—
vielfältigungsmittel gleichsam modernisiert und ins Weite ge—
tragen, begegnet. Es ist ein Vorgang, der der Zeit in ähnlicher
Weise wie auf literarischem Gebiete, wo den originalen Leistungen
der Kultus der Werke Schillers und Goethes zur Seite trat,
einen Zug künstlerischer Universalität verlieh, wie er sich dann
auf dem Felde der bildenden Künste in anderer Form noch
einmal gegen Schluß des Jahrhunderts, in dem Nebeneinander
altkoloristischer und impressionistischer Kunst, wiederholt hat.
Es war zugleich eine Erscheinung, die auch auf die Entwicklung
jener vornehmen reproduzierenden Künste, die auf die Kupfer—
platte angewiesen sind, wesentlich einwirkte.
Hier war der schließlich völlige Rückgang der Radierung
mit dem Umrißstil des Klassizismus und der Romantik eine
der am sichersten hervortretenden Tatsachen gewesen: was
sollte dieser Stil mit den malerischen Wirkungen einer solchen
Technik anfangen? Aber auch der Kupferstich hatte, wie wir
wissen, gelitten. Er war zurückgebildet worden in die einfache
Linienmanier eines Marcanton oder Dürer, wenn er nicht gar
zum bloßen Umrißstich geworden war, wie er in den Publika—
tionen Genellischer Zeichnungen, vor allem aber in wissenschafr⸗—
lichen Veröffentlichungen zur Veranschaulichung der Werke alter
Kunst zutage trat; und neben ihn hatte sich bezeichnenderweise
der im Tone so kalte Stahlstich gestellt, der nach der Ansicht
der Zeit dem -erstrebten Eindruck am Ende ebenso gerecht zu
werden schien wie der Kupferstich, und doch um so viel billiger
und, wenn es auf eine große Anzahl von Abdrücken ankam,
auch dauerhafter war. Stahlstichanstalten sind in Deutschland
schon seit den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts ent—
standen; und noch in den fünfziger, ja sechziger Jahren haben
sie zu tun gehabt; und dementsprechend hat bis dahin auch
der Kupferstich im ganzen schlechte Tage gesehen. Allerdings
hatte sich ihm mit der Entwicklung des Realismus wieder eine
bessere Zukunft eröffnet; er wurde wieder weicher, modulierter,
und diese Umgestaltung vollzog sich doppelt rasch unter dem
        <pb n="277" />
        Beginnender Realismus.

267

Einflusse verwandter Richtungen des Auslandes und unter dem
durch die Photographie aufgenötigten Drange, die Halbtöne
zarter und mannigfaltiger zu fassen. Zu einer wirklichen Blüte
aber gelangte der Kupferstich trotzdem in der ersten Periode des
Subjektivismus noch nicht: dazu war er der Nation anfangs
noch zu teuer; und später wurde er, bei ganz anderer Kenntnis
des Malerischen, von der Radierung abgelöst.
Übersieht man die Entwicklung der vervielfältigenden Kunste
im ganzen, so ergibt sich, daß sie immerhin seit den zwanziger
und dreißiger Jahren etwas ganz anderes zu bedeuten begannen
als vorher; sie wurden zum allgemeinen Ausdruck der idealisti—
schen Kunst der Vergangenheit wie des werdenden und schon
gegenwärtig blühenden Realismus, und ihr Eindringen in die
Weiten der Nation sprach die Tatsache aus, daß die mittleren
Kreise, die Angehörigen der gebildeten, zumeist bürgerlichen
Stände das Mäcenat der Künste von neuem antraten.
Indem damit aber Raum geschaffen wurde für eine rein aus
den nationalen Instinkten selbst erfolgende Fortentwicklung der
Kunst, begannen zum ersten Male die tiefsten Strömungen des
malerischen Subjektivismus ein wenig mehr ständige Freiheit
und sichreren Lauf zu erhalten gegenüber den Hemmnissen
von künstlerischer Tradition und überwiegendem Einflusse der
Dichtung, die bisher ihr Vorwärtsdringen verhindert hatten.
Freilich: auch jetzt setzten sie sich erst langsam in Bewegung;
und nur in einer Verschmelzung schließlich ihrer Richtung mit
der klassizistisch-romantischen Kunstübung, die in den Akademien
Fuß gefaßt hatte, sind sie zu allgemeinerer Wirkung gelangt.
Wir haben da schon früher gesehen!, wie allerdings mit
der Entwicklung des modernen Seelenlebens alsbald auch die
Lichtprobleme aufgetreten waren; an den Grenzen deutschen
Wesens, in den Alpen und an der Nordsee, sind wir schon
gegen 1800 entschiedenen Spuren der Freiluftmalerei begegnet.
Aber diese Anfänge waren erstickt worden von den klassizistisch—
romantischen Stilweisen; und nur leise hatten unter deren

Bgl. Band VIII, 2, S. 608 ff.
        <pb n="278" />
        268 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

bindender äußerer Umhüllung Versuche fortgedauert, sich der
Natur mit dem Auge des 19. Jahrhunderts zu nähern. Dabei
waren aber diese Versuche seit den zwanziger Jahren immer—
hin schon kühner und systematischer geworden, und wenn ihr
Ergebnis bei dem allgemeinen Rückgang des künstlerischen
Sehens auch in dieser Zeit noch nicht alsbald zu großer
Höhe führen konnte, so gab es doch bestimmte Gebiete der
Kunst, in denen sie sich festsetzten als primitive Anfänge eines
allmählich zu immer höheren Leistungen aufsteigenden Realismus.
Es waren diejenigen Zweige der Malerei, denen die roman—
tisch antikisierende und romantisch bloß konturierende Draperie
absolut nicht zu Gesichte stand: in denen mithin trotz allem
das eigentliche malerische Können des Zeitalters zutage trat.
Hierhin gehörte freilich nicht so viel, wie man zunächst ver⸗
muten möchte; z. B. nicht gänzlich das Genrebild: Genelli hat
in seinem Werke „Aus dem Leben eines Künstlers“ noch sehr
spät Genreszenen seines eigenen Lebens in antikischer Manier
gezeichnet. Doch gab es immerhin einige Gegenstände, deren
malerische Darstellung dem Klassizismus und der ausgesprochenen
Romantik unter keinen Umständen gelingen konnte: so die
Vedute und das naturgetreue Ansichtsbild überhaupt; dann das
Tierbild, das Jagdstück, die Wiedergabe von repräsentativen
Vorgängen, Empfängen, Paraden u. s. w. und noch mehr fast
das Schlachtenbild. Und auch das Porträt wollte sich dem
Umrißstil und der Idealisierung auf die Dauer nur wenig
fügen.
Mit am frühesten entwickelte sich von diesen Seitengebieten
der Kunst das der Militärmalerei; wie die Uniform die Plastik
veranlaßt hat, in die Gegenwart hinabzusteigen, so hat sie
auch die Malerei in einem wichtigen Felde von der UÜbermacht
der Antike und romantischer Phantasien freigemacht. Zwar
hat es, namentlich in Frankreich, auch ein Militärbild mit
klassischen Gebärden gegeben; Napoleonische Generale muten
hier in zeitgenössischen Bildern nicht selten wie antike Statuen
in moderner Bekleidung an. Allein diese Auffassung blieb im
wesentlichen romanisch; wie denn der Klaffizismus bei den
        <pb n="279" />
        Beginnender Realismus. 269

Franzosen wegen stärkerer innerer Verwandtschaft mit dem
römischen Genie viel länger gewährt hat als in Deutschland:
noch unter dem zweiten Kaiserreich hat er, parallel den
Offenbachiaden, eine freilich frivole Nachblüte erlebt. In
Deutschland dagegen bildete sich das Militärbild auf dem Wege
des Andenkens an die Freiheitskriege aus; und so trug es den
Stempel der Wahrhaftigkeit. Aufgenommen wurde es fast zu
gleicher Zeit von Krüger in Berlin sowie Adam und Heß in
München; auch die Wiener Schindler und L'Allemand sind in
diesem Zusammenhange zu nennen. An allen diesen Orten
handelte es sich um ehrliche, tüchtige, etwas trockene Wirklichkeits⸗
malerei. Dabei war Krüger anfangs mehr Pferde-, seit 1829
auch Paradenmaler; Adam hat sich noch 1848, als Zweiund⸗
sechzigjähriger, aufs Pferd gesetzt, um den italienischen Feldzug
der sterreicher unter Radetzky mitzumachen.
Neben die Militärmalerei trat bald eine originäre, zu—
nächst von der Vedute ausgehende, dann die geographischen
Momente freier behandelnde, sie auch vielfach mit regster und
reichster Staffage erfüllende Landschaftsmalerei, die dann nicht
selten schon zur Bauernmalerei herüberführte und damit leise
in die Anfänge des modernen Sittenbildes überging. Es
waren zunächst lokale Kräfte, die sich auf diesem Gebiete ver—
suchten; nicht selten ohne eine gewisse, doch äußerlich bleibende
Anlehnung an die historische Landschaft oder auch an die
Stimmung der romantischen Landschaft: in Dresden Karl
August Richter, der Vater Ludwigs; in Hamburg Kauffmann
und Gensel, am Rhein Becker und Meyerheim, in Wien Dan—
hauser, Waldmüller und Gauermann.
Mit am frühesten, und gleichsam in logischer Fortsetzung
der Militärmalerei, deren Meister teilweise auch schon auf
diesem Gebiete schufen, trat diese neue Kunst in München
auf; hier malte Hey schon im Jahre 1820 seinen „Morgen in
Partenkirchen“. Hauptvertreter der Münchener Malerei auf
diesem Gebiete aber war Heinrich Bürkel; 1822 von der
Akademie als talentlos zurückgewiesen, hatte er sich ganz auf
sich selbst gestellt und schuf eigentlich erst recht die sozusagen
        <pb n="280" />
        270 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

bäuerliche Landschaft, in der Natur- und Menschenleben in
gleicher Liebe studiert und mit gleich klarem Gefühle fest—
gehalten waren: fern jedem Anklange an Akademie und Ro—
mantik war hier der Gegenstand mit solcher Ehrfurcht strenger
Charakteristik erfaßt, daß selbst alle reizenden Momente wie
alle novellistischen Züge vermieden sind. Doch trägt diese
Malerei das Neue andrerseits noch mit allen Schwächen jugend⸗
licher Beobachtung vor; die Komposition ist überladen, die
Farbengebung bei übertrieben betontem Umrisse bunt — wenig—
stens da, wo Bürkel über bloße Skizzen hinaus eben sein Bestes
in durchgeführten Bildern geben wollte. Weit über Bürkel
ist dann schon Spitzweg hinausgelangt. Farbenreich und farben—
froh, ein Meister bereits der Experimente freieren Lichtes, ver⸗
band Spitzweg mit starkem realistischen Können die glückliche
Gabe überlegener romantischer Charakteristik und wurde daher
schon in hohem Grade zum Sittenmaler; und da sich seine
Kunst vornehmlich der kleinen bäuerlichen und bürgerlichen
Welt, der Welt insbesondere auch der Kleinstadt annahm, so
hat man seine Bilder in mancher Hinsicht zu Recht mit Jean
Pauls Dichtung verglichen. Ein eigentlicherer Fortsetzer Bürkels
war dagegen Hermann Kauffmann, ein Hamburger, der von
1827 bis 1883 dem Münchener Kreise angehörte und neben der
Wiedergabe niederdeutscher Szenen vor allem dem bayerischen
Hochgebirge als Maler treu blieb.
Neben diese Anfänge einer deutschen realistischen Land⸗—
schafts- und Genremalerei aber stellte sich zugleich, wenn auch
unter gewissen Einflüssen des Klassizismus und der französischen
Romantik, eine besondere Malerei italienischer Stoffe. Be—
gründet war dieser in den dreißiger Jahren überaus beliebte,
zwischen Romantik und Realismus vermittelnde Zweig der
Kunst durch einen jungen Neufchaͤteller, Leopold Robert, der
im Jahre 1818 zum ersten Male nach Italien gekommen war
und bald die Welt mit seinen sentimentalen Briganten, seinen
Capreser Fischern, römischen Pilgern, Eremiten, Pifferari, ge—
leckten Mädchen aus Sorrent und Frasscati in entsprechender
Landschaft überschwemmte. In Deutschland war August Riedel
        <pb n="281" />
        Beginnender Realismus.

271

wohl der erste Apostel der Malerei Roberts; 1823 begann er
mit einer neapolitanischen Fischerfamilie und hielt sich seitdem
eifrig an diesen Dingen. Darüber hinaus mußte indes sein
Kolorismus auffallen; er beherrschte in der Wiedergabe des
Lichts die Künste der Vlamen; doch wurde er dem italienischen
Himmel eher durch abnorme Verdunkelung der Schatten als
durch Lichtmalerei in modernem Sinne gerecht.
Im übrigen aber ging diese deutsche Malerei der auf—
kommenden realistischen Landschaft nicht, gleich der französischen,
über Italien hinaus und hinein in die noch stärker von Licht
umfluteten Landschaften des östlichen Mittelmeers. Im Gegen—
teil; im ganzen zog sie sich ins Heimische zusammen. In der
Zeit, da die Franzosen den Orient entdeckten, hielt sie sich zu⸗
meist an die Alpen und die deutschen Mittelgebirge, die ihrem
stärkeren Umrißbedürfnis entgegenkamen, und schilderte dort in
der bäuerlichen eine dem Städter vielfach schon fremd werdende
Welt: hier lag ihre Stärke, und längst vor Millet und der
Schule von Varbizon schon hat sie den Landmann entdeckt.
Aber freilich blieb sie in diesem Bereiche technisch ungelenk;
ihre Farben behielten nach wie vor etwas Schreiendes, Hartes;
statt ernster Versuche im wahrhaft Tonigen finden sich Geleckt⸗
heit und eine Art porzellanener Glätte; und die Buntheit
der bäuerlichen Trachten verdeckt nur mühsam den noch un—
entwickelten Sinn für die feineren Schattierungen eines vor—⸗
wärts drängenden Kolorismus.
So kam es denn auf dem Gebiete der Landschaft nur zu
Anfängen einer realistischeren Behandlung; immerhin aber
wurden doch Vorstufen gewonnen zu jener Landschaftsmalerei,
aus der später die Stimmungslandschaft, wie aus dieser schließ⸗
lich die Landschaft des Impressionismus und der freien Luft
hervorging.
In der Bildniskunst schwankte die Entwicklung einige
Zeit, ehe eine ihrer selbst sichere Richtung auf das rea—
listische Porträt eingeschlagen wurde. Einerseits hielten die
Maler noch an dem klassizistischen und romantische v Umriß⸗
porträt fest, das die dargestellten Köpfe zumeist ihrer eigentlichen
        <pb n="282" />
        272 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Individualität entleerte; vereinzelt ist noch bis in die fünf⸗
ziger Jahre in dieser Manier geschaffen worden. Andererseits
schien es, als ob, auf dem Umwege über eine besondere Ent—
wicklung der französischen Kunst, gar Einflüsse des Barocks
noch einmal wirksam werden sollten. In Paris hatte Gérard,
der Hofmaler der Bourbonen, im Bildnis von neuem die
prunkvolle Säulendekoration der Mignard, Lebrun und Rigaud
eingeführt, ein Umstand, der natürlich zugleich auch auf den
Barockstil überhaupt zurückwies: und er hatte damit in Deutsch—
land bei immerhin so bedeutenden Meistern wie Stieler und
Winterhalter Anklang gefunden. Indes erwiesen sich diese
Einflüsse und ebenso die Nachwirkungen von Klassizismus und
Romantik am Ende doch als vorübergehend: und eine Ent—
wicklung siegte, die auf dem schmucklos bürgerlichen Hinter—
grunde der Bilder etwa schon Anton Graffs den dargestellten
Personen realistisch zu Leibe ging. Dabei ist nicht zu ver—
kennen, daß für diesen gesunden Verlauf vor allem auch schon
der Geschmack der neuen bürgerlichen Gesellschaft von Wichtig—
keit war, die vom Bildnis mindestens eines, nämlich Ahnlichkeit,
verlangte. Überall erhob sich daher aus der alten Porträt—
malerei mit gutem oder schlechtem Erfolge eine neue, die mehr
oder minder geschickt dem Realismus mindestens der äußeren
Gestalt zustrebte: sehr zur Unzufriedenheit der Klassizisten, die
sich später der seltsamen Hoffnung hingaben, gerade diese
Richtung werde mit der Photographie aussterben: während
doch eben die Photographie, ja schon die Daguerrotypie min⸗
destens den Bildnismaler alsbald zum Wettbewerb in der
Wiedergabe auch abgetönter Farbenwerte aufforderte und da⸗
durch auf eine höhere Stufe trieb. Von den Bildnismalern
des primitiven Realismus aber waren die bedeutendsten Magnus
in Berlin; Amerling, Schrotzberg, Kriehuber in Wien; ferner
Stüber in München, Jacobs in Gotha, Riedel in Rom und
Winterhalter in Paris. Unter ihnen sind dann wiederum die
vier zuletzt genannten von besonderem Interesse: denn sie sind
Schüler ein und desselben Meisters, des früher Düsseldorfer,
dann (seit 1800) Münchener Akademiedirektors Peter von Langer
        <pb n="283" />
        Beginnender Realismus. 273

1824), der seinerseits ein Schüler von Mengs gewesen ist und
mehr als sonst jemand versucht hat, in den ersten Jahrzehnten
des 19. Jahrhunderts auf akademischem Wege eine realistische
Schule zu gründen. Gelungen ist das von Langer freilich
nicht: Cornelius hat in München, nicht zum wenigsten unter
direktem Eingreifen König Ludwigs J., alle realistischen Aus—
läufer seiner Direktionszeit unterdrückt.
Dennoch war klar, daß der junge, weithin verbreitete, aber
nirgends zu größeren Wirkungen vereinigte und durch systema—
tische Schulung vertiefte Realismus irgendwann und irgendwo
einmal mit dem akademischen Betriebe in Berührung treten
und ihn durchdringen mußte. Und da ist es denn das be—
sondere Schicksal der Akademie in Düsseldorf gewesen, daß sich
auf ihrem Boden dieser Vorgang am frühesten und in ge—
wissem Sinne am entscheidendsten vollzog.
Wir haben schon gehört!, daß mit der Direktion Schadows
(seit 1826) ein Leben eingezogen war, das sich weniger zu⸗
nächst was den Inhalt der Gemälde anging, als in Form und
vor allem Farbe von dem typischen Verfahren der Romantik
abwandte: wie wurden nicht schon die frühen Erzeugnisse der
Schüler Schadows als Denkmäler unbedingtesten Wahrheits⸗
sinnes gegenüber der Natur, als Offenbarungen eines neuen
Realismus bewundert. In der Tat leiteten sie mehr als
tausend andere Lebensäußerungen der Spätromantik zum Rea⸗—
lismus über. Daß sie aber diesen schon voll erreicht hätten,
wäre zuviel gesagt, wenn man auch dem harten Urteil Anselm
Feuerbachs, eines der bezeichnendsten Maler am Ausgange des
Realismus und im Übergange zu dem ringenden Werden der
zweiten Periode des Subjektivismus, nicht ganz wird zustimmen
wollen, daß Schadow immer großartige Ideen in der Kompo—
sition und eine Ausführung nach Regeln verlangt habe, die
er mit dem Lineal anzugeben vermochte. Was indes schon
um 1830 erreicht schien, war immerhin ein starkes Interesse
an der Farbe als der Trägerin der zusammenfassenden Werte

1S. oben S. 153 f.
Lamprecht, Deutsche Geschichte. X.
        <pb n="284" />
        274 vierundzwanzigsies Buch. Drittes Kapitel.

eines Bildes und demgemäß ein Übergang auch zur Darstellung
neuer Stoffe: des Sittenbildes, das sich zum Teil aus der
primitiven realistischen Landschaft heraus entwickelte, der be⸗
lebteren Landschaft, und endlich eines sentimentalen Historien⸗
bildes, wie es leicht aus dem stark gepflegten Illustrationsbilde
zu beliebten Stellen klassischer Dichter hervorgehen mochte.
Am beliebtesten wurde dabei das Sittenbild; und zwar
vornehmlich das bäuerliche. Denn wie die Kunst des Mittel⸗
alters geistlich, die des 18. und 16. Jahrhunderts altbürgerlich,
die des 17. und 18. Jahrhunderts fürstlich gewesen war, so
erhielt sie in diesen Zeiten einen Zug ins vornehmlich Neu—
bürgerliche, Bourgeoismäßige: und in diesem Zusammenhange
erschien ihr als die nächste fremde und darum besonders fesselnde
Welt die der Bauern: noch traten die Verhältnisse der Unter⸗
nehmungswirtschaft, noch vor allem die Leiden und Freuden
des vierten Standes, der Arbeiterklasse des Unternehmens, nicht
in den Bereich des künstlerischen Interesses. So macht denn heute
die primitive akademische Kunst des Realismus vor allem eben auf
dem Gebiete des Sittenbildes den Eindruck des Biedermaierischen,
des Philiströsen. Das Exotische, mit Ausnahme Italiens, fehlt
in ihr; das fremde Heimische erscheint als unter sentimentalem
Gesichtswinkel gesehen. Aus der Vergangenheit der Nation
hleiben nur Ritter und Klosterbrüder beliebte Figuren; der Bauer
wird in allen Erlebnissen geschildert, die Klatschbasen beschäftigen:
bei Kindtaufe, Firmung und Konfirmation, bei Hochzeit und
vor allem auch beim Begräbnis; daneben sind Spielerszenen,
Bankerotte, Pfändungen beliebte Effekte.
Es war eine Malerei, die schon in den dreißiger Jahren
zur Massenproduktion gelangte. Zu voller Höhe und zu fort⸗
schreitender künstlerischer Läuterung kam sie indes doch erst
seit den vierziger Jahren, gleichzeitig mit der nunmehr stark
einsetzenden Bauernnovelle und dem Dorfroman, von denen
sie auch nicht unbedeutend beeinflußt wurde. In Düsseldors
gehörten dieser Bewegung in der bildenden Kunst vor allem
Hasenclever und Jordan an. Doch verstärkte sie sich schon früh
auch an anderen Orten, in Wien z. B., wo sie bei Danhauser
        <pb n="285" />
        Beginnender Realismus.

27s

und Waldmüller einen Zug ins Theatralische, mehr Akademisch⸗
Vornehme, „Edle“ annahm, und in Berlin, wo sie namentlich
von Eduard Meyerheim in einer besonderen Note vertreten
wurde. Denn bei ihm zog sich das Landschaftliche und damit
die Natur überhaupt mehr zurück; und im Zusammenhange
damit entwickelte sich das Sentimentale zum Rührseligen: schon
sein erstes großes Bild, der „Schützenkönig“ von 1836, zeigt
diese Eigenschaften. Es war im Grunde mehr der Ausdruck
der besonderen Stimmung des Norddeutschen gegenüber dem
Bauernleben, dem der Bürger hier weit ferner stand als in
Süddeutschland, besonders in Bayern, und selbst am Rheine:
denn Meyerheim haͤtte an sich nichts Affektiertes: er emp⸗
fand hell und rein und malte darum auch naiv, was andere
empfanden.
Das Sittenbild in dem geschilderten Umfange seines In—
haltes und später darüber hinaus auch in Darstellungen aus
dem bürgerlichen Leben wurde in den dreißiger und vierziger
Jahren weitaus am meisten gepflegt: vor allem auch von den
damals emporwachsenden bürgerlichen Kunstvereinen, die sich
seiner durch Ankauf für Galerien, Verlosung und Verbreitung in
Nietenblättern bemächtigten. Aber es war nicht eigentlich der
zukunftreiche Zweig der Malerei. Zwar wurden wiederholt
Versuche gemacht, es zu veredeln; schon 1834 hat Schnaase in
dieser Absicht in seinen Niederländischen Briefen die Aufmerk⸗
samkeit auf die großen Genremaler der holländischen Ver—
gangenheit gelenkt. Allein ohne Erfolg. In der Tat konnte
es nicht eigentlich Träger der vorwärts drängenden formalen,
technischen Entwicklung sein: denn diese ging auf die Be—
wältigung des Lichtes aus und bedurfte darum zur Lösung
ihrer Probleme weiterer Räume und größerer Tiefen, als sie
die Szenerie des Sittenbildes im allgemeinen darbot. Und so
war es für die innerliche Fortbildung der deutschen Malerei
bis zu einem gewissen Grade ein Verhängnis, daß sich die
Gunst der bürgerlichen Gesellschaft an erster Stelle eben diesem
Zweige der Malerei zuwandte.
Trägerin des Fortschrittes mußte unter den geschilderten
2*
        <pb n="286" />
        276 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Umständen natürlich vor allem die Landschaft werden. Und
für sie hatten sich aus der impressionistischen Bewegung der
Frühromantik heraus! Anfänge von schon nicht geringem Werte
ergeben; so haben z. B. in Dresden der Norweger Dahl, der
seit 1818 im Elbtale malte, und sein Hausgenosse Friedrich
in einer Richtung gearbeitet?, die etwa auf den Umschwung
hinausläuft, den in England Constable und andere herbei—
führten, und der in Frankreich in der Schule von Barbizon
seine volle Höhe fand. Allein diese Anfänge, wie wir sie vor
kurzem eingehender verfolgt habens, blieben verstreut: und da,
wo sie, wie namentlich in Düsseldorf, in Berührung mit der
akademischen Romantik und deren Fortbildungen gerieten, er⸗
litten sie eine merkliche und doch für die Zukunft der deutschen
Landschaftsmalerei auf lange hin maßgebende Abweichung.
Die Stimmung nämlich, die die neuere Landschaftskunst wesent⸗
lich in der Wiedergabe der atmosphärischen Einwirkungen in
Verbindung mit der Beleuchtung zu bewältigen oder hervor⸗
zuzaubern sucht, wurde an erster Stelle nicht auf diesem in
der Entwicklungsrichtung der Gesamtmalerei gelegenen Wege,
sondern auf Nebenwegen erstrebt: vornehmlich durch einen mit
dem Bilde verknüpften Gedanken, also einen an sich gleich—
gültigen Inhalt, wie er zumeist in einer Staffage zum Aus—
druck kam; oder auch durch massive Mittel idealistischer Um—
bildung der Formen, z. B. durch eine grobe Umreißung der
Konturen vor allem des geologischen Aufbaus.
Natürlich geriet man damit entwicklungsgeschichtlich ins
Hintertreffen, so wenig man sich der dringenden Aufgabe der
Wiedergabe freien Lichtes ganz zu entziehen vermochte: die
Belebung der Landschaft durch Staffage gehörte vornehmlich
dem 17. und 18., die Heroisierung des Konturs der klassi⸗—
zistischen Landschaft des 18. und 19. Jahrhunderts an. Trösten
konnte in diesem Zusammenhange nur, daß an sich hervor—

S. schon Band VIII, 2, S. 611 ff.; dazu oben S. 99.
2 S. a. a. O. S. 607.
3 S. oben S. 270.
        <pb n="287" />
        Beginnender Realismus.

X

ragende Meister in ihm schufen: so Lessing (1908 -1880) mit
seinen Eifellandschaften, die den Vorteil hatten, in ihren geo—
logischen Formen selbst etwas Heroisches aufzuweisen, so
Schirmer (1807 -1863), der in ähnlichem Sinne arbeitete, ehe
ihn eine Reise nach Italien der rein idealischen Landschaft
gewann, die er dann lyrisch-romantisch durchbildete, so die
beiden Achenbachs, Andreas (* 1815) und Oswald (1827 bis
1905), von denen der eine mit schon innerlicheren Mitteln den
Stimmungsgehalt der norddeutschen waldigen und wasser—
reichen Landschaft und vor allem, ein erster binnendeutscher
Seemaler, die Stimmungen der niederländischen Küste und
ihres Meeres zum Ausdruck brachte, während der andere zumal
die freudigen Töne der italienischen Landschaft malerisch aus—
zulösen und zu bewältigen suchte.
Den höchsten Flug aber nahm die ganze, an die Führung
Düsseldorfs geknüpfte Bewegung doch auf dem Gebiete des
Geschichtsbildes. Es war, nachdem die Landschaftsmalerei im
Grunde versagt hatte, noch die glücklichste und auch in einem
anderen Sinne zugleich zeitgemäßeste Lösung.
Der idealistische Klassizismus wie die Romantik hatten in
der Kunst auch deshalb etwas minder Volkstümliches, Aus—
schließliches and Aristokratisches behalten, weil sie an den
Forderungen einer Asthetik festgehalten hatten, die schließlich
ihre Grundlage nicht so sehr in Ahnungen des nötigen künst—
lerischen Fortschrittes wie in den Prinzipien der allgemeinen
Asthetik der Klassiker und der romantischen Identitätsphilosophie
fand. Jetzt nun, seit den dreißiger Jahren, begann, wenn
auch noch langsam, der Nimbus dieser Ästhetik zu schwinden.
Und an ihre Stelle trat als wissenschaftliche Führerin zunächst
der Malerei, dann aber der Kunst überhaupt eine weit realisti—
schere Macht, die Kunstgeschichte. Kuglers Handbuch der Ge—
schichte der Malerei erschien 1837, seine Kunstgeschichte 1841;
Schnaases Kunstgeschichte wurde von 1843 ab ausgegeben; und
diesen Werken, die zunächst nur der reinen Wissenschaft dienten,
weun sie auch schon Ergebnisse früherer Forschungen zusammen—
faßten, folgten dann später, 1855, Burckhardts Cicerone und
        <pb n="288" />
        278 Vierundzwanzigftes Buch. Drittes Kapitel.

1860 Lübkes Grundriß der Kunstgeschichte, Bücher mit vor—
wiegend praktischen Zwecken. Inzwischen aber hatte Springers
auf geschichtlicher Anschauung fußende kunstkritische Tätigkeit
seit etwa 1845 eingesetzt; und im Jahre 1866 ergab sich das
Interesse der Gebildeten an Kunst und Kunstgeschichte schon
als stark genug, um die Begründung eines ersten großen
periodischen Unternehmens, der Zeitschrift für bildende Kunst,
zu ermöglichen.
Diese Verdrängung der ästhetischen Theorien durch eine
mehr kunstgeschichtliche Anschauung wirkte nun an sich befreiend
auf die Malerei und schließlich auch auf Baukunst und Plastik.
Denn es war klar, daß ein wirklich objektives und eingehendes
Studium der Kunst der Vergangenheit schließlich zu der Er—
kenntnis führen mußte, daß deren Stile nicht Ergebnis aprio⸗
rischer oder ein für allemal gegebener ästhetischer Grundsätze
seien, sondern vielmehr lebendige Erzeugnisse des jeweiligen,
sich in sich abwandelnden seelischen Charakters der Zeitalter,
und daß zu ihrer besonderen Ausbildung im einzelnen Kunst⸗
werke stets eine Summe besonderer Einflüsse beigetragen hatte,
deren Wiederholung gerade in dieser Konstellation schwerlich
erhofft werden könne. Und es verstand sich damit von selbst,
daß die Kunstgeschichte am Ende die Befreierin der Kunst
werden müßte von vorgefaßten Theorien und vielerlei Zwang,
der sich der Entwicklung von außen aufdrängte.
Dies ist auch das Ergebnis der kunsthistorischen Forschung
gewesen. Sie hat schließlich die künstlerischen Werte der Ver—
gangenheit als relativ erkennen gelehrt und gezeigt, daß ein
absolutes Urteil ihnen gegenüber nur dann zu gewinnen ist,
wenn man sich auf den Standpunkt einer bestimmten Periode
festlegt. Und sie hat damit für die künstlerische Praxis die
Alternative gestellt, sich entweder fortschrittslos auf eine solche
Basis zu stellen, oder aber frisch zu schaffen zwar unter der
Kenntnis der Lehren, aber auch ohne das Gängelband der
Vergangenheit.
Denn eine andere Seite der kunstgeschichtlichen Forschung
war es, daß sie den zeitlichen Horizont der Maler außerordentlich
        <pb n="289" />
        Beginnender Realismus.

279

erweiterte. Bisher hatte man nach einzelnen Meistern, die
man als absolut vorbildlich verehrte, geschaffen und gelegentlich
auch nach der Natur; jetzt trat neben die noch immer ver⸗—
nachlässigte Natur als Lehrmeisterin das ganze weite Gebiet
der geschichtlich gegebenen Malerei, aber nicht mehr als ab⸗
solutes Vorbild — was schon die in der Geschichte der Kunst
beschlossenen Widersprüche verhinderten —, sondern als ein in
großer Ausdehnung aufgetanes Feld früherer Versuche, wechseln⸗
den malerischen Idealen nahezukommen. Wie konnte man sich
in diesen bunten und abwechslungsreichen Auen ergehen, wie
diesem Arsenal Waffen entnehmen zur Bezwingung auch der
Probleme der Gegenwart!
Allein diese Erfolge der kunsthistorischen Forschung traten
naturgemäß nur langsam ein; fast zwei Menschenalter sind
darüber hingegangen, ehe so fundamentale Tatsachen, wie
die geschichtliche Erkenntnis vom Wesen der Stile Gemeingut
der künstlerischen Anschauung wurden. Und vorher zeigte sich
zwar auch schon die befreiende Wirkung der Kunstgeschichte für
den Kunstbetrieb, aber sie hielt sich in engeren Grenzen; und
so hat noch in den fünfziger und sechziger Jahren, ja darüber
hinaus, die Ästhetik immerhin eine gewisse Rolle gespielt.
Freilich: Eines konnte sie nicht verhindern, daß nämlich, zu—
nächst auf dem Gebiete der Malerei, die Künstler mehr mit den
Augen ihres Zeitalters zu sehen begannen und sich darum bei
dem Umrißstil des Klassizismus und der Romantik nicht mehr
beruhigten, sondern, in Fortsetzung der niederländisch-deutschen
Entwicklung des 17. Jahrhunderts, vorwärts drangen in die
Reiche der Farbe und des Lichts.
Dabei war es begreiflich, daß, abgesehen von diesen all⸗
gemeinen Zusammenhängen, der aufkommende Historismus an
erster Stelle und mit am frühesten auch auf die Aufnahme des
eigentlichen Historienbildes einwirkte. So hat Schnaase schon
1834 die Historienmalerei als eine Forderung der Zeit ge—
predigt und die Pflege künstlerisch-historischer Tätigkeit in diesem
Sinne geradezu als ein „wahrhaft religiöses Bedürfnis“ hin—
gestellt. So hat noch später Vischer die Geschichte als Offen—
        <pb n="290" />
        280 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

barung Gottes gepriesen und die Historienmalerei als ihre an—
schaulichste Nachahmung, als die Vollendung der alten Heiligen⸗—
malerei seit Giotto gekennzeichnet. „Wer stellt den heiligen
Geist würdiger dar, derjenige, der ihn als Taube über einem
Bündel von Strahlen malt, oder derjenige, der einen edlen
großen Mann, einen Luther, einen Huß im Feuer der gött—
lichen Begeisterung vor mich hinstellt?“ An den Künstlern war
es damit, dieser Forderung der Zeit gerecht zu werden, indem
sie aus den sentimental-romantischen Anfängen der Schule
Schadows eine wirkliche Geschichtsmalerei entwickelten. Es
geschah seit etwa Mitte der dreißiger Jahre; und der erste
Meister der neuen Richtung war der uns schon als Landschafter
bekannte Lessing. Er zuerst überwand Illustrationsmalerei und
Kloster⸗ und Räuberromantik, und seine Hussitenpredigt vom
Jahre 1836 wirkte darum auf weite Kreise der Nation wie ein
Ereignis. Gegen Schluß des Jahrzehnts aber trat schon der
Meister auf, der, was in der neuen Strömung Großes war,
verlebendigte und mit wichtigen Tendenzen des Alten in monu⸗
mentalem Zuge zusammenfaßte, Alfred Rethel. Rethel (1816
bis 1859; in den letzten sieben Jahren seines Lebens geistes⸗
gestört) war ein Schüler der Düsseldorfer Akademie, fand seine
weitere Ausbildung bei Veit in Frankfurt, hat aber, soweit
ihn nicht eigene starke Kraft trug, das meiste doch wohl
von Dürer gelernt. So war er imstande, seit 1840 in den
Fresken des Aachener Rathauses die Wandmalerei realistisch
umzugestalten. Er war dabei herb und massig in der Cha—
rakteristik; er wußte zu komponieren trotz einem Cornelius, wie
es der Geist des Wandbildes, seine architektonische Einordnung
erforderte; aber in wie anderem Sinne war er zugleich Herrscher
des Kolorits als die Künstler um Cornelius und Cornelius
selbst! Und wo er sich volkstümlichen Aufgaben in nationalster
Technik zuwandte, wie in seinen Totentanz-Holzschnitten
(1848), da wurde er der Ersten einer an Kraft der Phantasie
und Beherrschung der malerisch-zeichnerischen Forderungen. So
wäre er dazu bestimmt gewesen, der Monumentalmaler des
deutschen Realismus seiner Zeit in jeder Hinsicht, wenn nicht
        <pb n="291" />
        Beginnender Realismus.

281

der deutschen Kunst des 19. Jahrhunderts überhaupt zu werden,
hätte ihn nicht ein furchtbares Schicksal fruh gebrochen. Und
auch in den vollendeten Werken kündigt sich schon etwas von
diesem Schicksal an. Kernig, abgewogen, wohlkonzentriert,
von nachdrücklicher Kürze und klarer Unmittelharkeit, war
Rethel inhaltlich nur zu gern der Maler des Dämonischen,
des dunkel und düster Erhabenen: von diesem Standpunkte
aus betrachtet sind seine Totentanzbilder mit der ergreifenden
Symbolik der Revolution in ihrer schlimmsten Geißel, dem
Tode, das hervorragendste Denkmal seiner Kunst.
Mit Rethel schließt die Geschichte des frühen malerischen
Realismus; in ihr hat sich die neue Richtung zum ersten Male
ganz gefunden und ebenso mit der Vergangenheit auseinander—
gesetzt wie mit der Gegenwart, im weitesten Sinne, Fühlung
erlangt. Kann man aber sagen, daß der Realismus in seinem
tastenden Verlaufe bis zu ihm hin, ja in seiner Kunst selber
schon völlig sichere neue Formen gefunden habe? Fuür seine
Anfänge, die noch in der Schule Schadows wurzeln, ist diese
Frage nach allem, was von Schadows Unterricht bekannt ist,
zu verneinen. Gewiß haben dann die Jüngeren der Schule
mehr nach der Natur unmittelbar gemalt. Allein immer war
der Gedanke des Bildes und die Komposition nach diesem Ge—
danken auch bei ihnen noch das erste und spielte demgemäß
die anschauliche Phantasie die zweite Rolle — ganz abgesehen
davon, daß man sich im Verlaufe der Bewegung teils an die
alten Holländer, teils auch, namentlich im Sittenbilde, an die
gleichzeitigen Engländer anlehnte. So haben denn die Düssel—
dorfer selbst zwar ihre Malweise damals und auch noch später
„venetianisch“ gefunden, aber in Wirklichkeit blieb ihr Vortrag
kleinlich, und die Farbe ging jim allgemeinen nicht über matte
Effekte und eine äußerlich warme, zumeist durch gelblichen oder
bräunlichen Ton hergestellte und dadurch allerdings von der
Palette des Klassizismus und der Romantik verschiedene Har—
monie hinaus. Und so fehlte denn zunächst noch viel, daß
man auch nur den Realismus der großen Niederländer des
17. Jahrhunderts wieder erreicht hätte. Soweit aber die
        <pb n="292" />
        282 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Figurenmalerei im besonderen in Betracht kam, so wünschte
man doch immer noch „schön“ zu malen und verfiel damit in
den Fehler, den die Franzosen mit Exagérer la beauté be—
zeichnen. Dementsprechend wurde denn auch die Charakteristik
im allgemeinen nicht über den Bühnenkonventionalismus hinaus⸗
getrieben; das scharf Männliche und das würzig Weibliche
fehlte, die Jünglinge hatten alle Rosenwangen, die Alten er⸗
innerten an die Greise Tizians und Dürers, die Strolche waren
Theaterstrolche. Alle aber verband noch immer eine idealische
Schönheitslinie des Umrisses, eine sanfte, wellenhafte Grazie
der Konturen, die, günstig betrachtet, an die Anmut der ältesten
Kölner Malerschule erinnern kann, und die auch bei Rethel
nur durch den größeren, herberen Zug des vollendeten Dürer
vertieft erscheint.
Was aber den gesamten Verlauf der frührealistischen Kunst
vielleicht am meisten charakterisiert, das ist der Umstand, daß
sie, noch kaum der Vormundschaft der klassizistischen und roman⸗
tischen Asthetik entledigt, alsbald der Fuhrung des Historismus
doch nicht bloß ihrem Inhalte nach, sondern auch im Bereiche
der technischen und formalen Fortentwicklung anheimfiel. Und
ließ es sich dabei leugnen, daß dieser Verlauf zugleich eine
allgemeine Schwäche der Phantasietätigkeit in der Entwicklung
des Seelenlebens der Zeit enthüllte? Auch die bildende Kunst
stand unter dem Einflusse der Tatsache, daß nicht mehr die
schöpferische Anschauung, sondern der schöpferische Intellekt die
Entwicklung zu beherrschen begann: Wissenschaft, nicht mehr
Kunst oder Dichtung, hieß die Hauptlosung schon der dreißiger
Jahre.

II.

Schon die Romantik hatte sich im Grunde am besten und
ausführlichsten in dem ihr scheinbar am fernsten liegenden
Gebiete, dem des Denkens, ausgewirkt. Hatte dabei die Fruh—
romantik ihr Ziel klipp und klar in der mystischen Ineinssetzung
von betrachtendem Subjekt und betrachtetem Objekt gesucht
        <pb n="293" />
        Beginnender Realismus.

X

und damit gleichsam die wissenschaftliche Generalhypothese des
Subjektivismus möglichst radikal formuliert, so war schon die
Spätromantik mehr dem Objekte, den Tatsachen hingegeben.
Denn waren diese am Ende nicht dennoch mächtiger als das
Subjekt? Und konnten sie schließlich anders beherrscht werden
als dadurch, daß man sich ihnen verständnisvoll ein- und unter⸗
ordnete?
Es war der Weg, der auf dem Gebiete der Philosophie
wie besonders auf dem der Einzelwissenschaften zum Realismus
hinüberführte. Die Seele der Zeit mußte vor allem mit den
Dingen dieser Welt, mit wahrhaften und selbsterrungenen Be—
ständen empirischer und exakter Wissenschaften erfüllt werden,
sollte sie selbst weiter wirksam werden: erst so gelangten in
dem neuen subjektivistischen Seelenleben wirklich neue Begriffe
zu gründlicher Destillation, erschien eine der Zeit tatsächlich
angemessene Erkenntnistheorie möglich, die über Ding und
Eigenschaft, Ursache und Wirkung, Kraft und Außerung und
Verwandtes womöglich eindeutig berichtete.
War man nun aber seit den zwanziger und vor allem
dreißiger Jahren des Jahrhunderts bereit, dieses Weges zu
ziehen, so war der Verfall der Romantik eben hier, in der
Nähe äußerster Grenzen ihrer Wirkungen, aufs unbedingteste
besiegelt. Denn offenbar brachte diese neue seelische Haltung
etwas wie einen Rationalismus redivivus: der alte Feind alles
extremen Subjektivismus, der zerlegende, zersetzende Verstand
erwachte und intellektualisierte, wo die Väter und Großväter
geahnt und gefabelt hatten. So trat zunächst in den Natur—
wissenschaften der Einfluß energetischer und dynamischer An⸗
schauungen allmählich zurück: und die Schlußwerte ihrer neuen
Entwicklungsrichtung hießen Gesetz von der Erhaltung der
Kraft, Philosophie des Materialismus, Technik. Aber auch
auf dem Gebiete der Geisteswissenschaften verlief sich die
Dünung dynamisch⸗energetischer Einflüsse; es kam keine sichere
Methode kulturgeschichtlicher Forschung zustande, wenn auch
andrerseits der Rationalismus — und mit ihm auf diesem
Gebiete verbunden der Pessimismus — nicht völlig siegte.
        <pb n="294" />
        284 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Innerhalb der Naturwissenschaften war dabei die Entwicklung
insofern leichter, als sich unmittelbar wieder, soweit die Fäden
nicht überhaupt noch erhalten waren, an die rationalistischmechanische
 Naturanschauung des 17. und 18. Jahrhunderts
anknüpfen ließ: so daß die Gesamtentwicklung aus der Per—
spektive der sechziger und siebziger Jahre beinahe einen kon—
tinuierlichen, durch die Traumgebilde der Naturphilosophie
kaum noch unterbrochenen Eindruck machte. Es war ein eben
nicht verwunderlicher Verlauf: sind doch die Reflexe des alten
Rationalismus in den realistischen Jahrzehnten selbst im Staats⸗
leben überaus kräftig gewesen: in der Wahlrechtsentwicklung,
in der Lehre von der Teilung der Gewalten und an manch
anderer Stelle traten nie ganz übertünchte Färbungen des
Naturrechts wieder hervor. In den Geisteswissenschaften da—
gegen, soweit sie der tieferen historischen, genetischen, bald
evolutionistischen Strömung folgten, war die Entwicklung etwas
verworrener. Gewiß ordneten sich diese Wissenschaften im all⸗
gemeinen dem sozialpsychischen Verlaufe williger und in stärkerer
Beeinflussung selbst durch dessen Einzelheiten ein als die Natur—
wissenschaften: denn unmittelbar strömt in ihre ja stets seelischen
Materien, nicht aufgehalten durch die Zwischenwand heterogener
Objekte, der Geist jeglichen Kulturzeitalters ein. Allein in dem
vorliegenden Falle war eben dieser Geist, im raschen Über—
gange von Romantik zu Realismus, noch in sich selbst nicht
pöllig homogen: wie also hätte er eindeutig wirken sollen?
Unter diesen Umständen trägt es zu leichterem Verständnisse
bei, wenn zunächst von der Entwicklung der Naturwissenschaften
erzählt wird.
Mit der Entfaltung der mechanischen Naturwissenschaften
seit der ersten Hälfte des 17. bis zum Schlusse des 18. Jahr⸗
hunderts und einige Jahrzehnte darüber hinaus war schon eine
arbeitsteilige Erforschung der Naturgeheimnisse erreicht, die
sich in einer, wenn auch damals noch nicht voll entwickelten,
so doch heute leicht erkennbaren Organisation der Naturwissen—
schaften niederschlug. Da ließ sich zunächst, nach Lage der
erworbenen Kenntnisse, von Wissenschaften der leblosen, an—
        <pb n="295" />
        Beginnender Realismus.

288

organischen, und der belebten, organischen, Natur sprechen.
Und während die letzteren, zu einer Trennung in anatomische,
ohysiologische, pathologische Wissenschaften neigend, noch immer
den Stempel einer angewandten Wissenschaft, nämlich der
Medizin, trugen, hatte sich die Gruppe der anorganischen
Naturwissenschaften schon ganz aus den Forderungen eines rein
wissenschaftlichen Betriebes her zu entwickeln begonnen. Da
konnte man zunächst drei mathematische Grundwissenschaften
unterscheiden: die Arithmetik als Wissenschaft der Quantität,
die Geometrie als Wissenschaft der Dimension und die Mechanik
als Wissenschaft der Kraft und Bewegung. Und die Mechanik,
nun schon rein rational entwickelt und in den großen Systemen
eines Laplace und Lagrange einer ersten Vollendung zugeführt!,
leitete dann doch immer noch ziemlich unvermerkt und allmählich
zu den beiden großen experimentellen Disziplinen der anorgani⸗
schen Naturwissenschaften, Physik und Chemie, über. Dabei
waren freilich Physik und Chemie noch vielfach nicht getrennt.
Zwar hatte man wohl schon in der zweiten Hälfte des 18. Jahr⸗
hunderts deutlich gefühlt, daß zwischen ihnen ein Unterschied
bestehe; allein noch schien dieselbe Menschenkraft eines einzelnen
Forschers ausreichend, um beide Gebiete zu beherrschen; noch
behandelten Handbücher und Leitfaden beide Wissenschaften
gemeinsam; auch waren noch beide Fächer an den Universitäten
durch ein und dieselbe Person, den Professor physices, ver⸗
treten. Es war eine Personalunion, die vielfach bis zur Mitte
des 19. Jahrhunderts gewährt hat. Denn wer wollte sagen,
ob z. B. Namen wie Cavendish, Clément, Gay-Lussac, Faraday
mehr der Physik oder der Chemie zuzurechnen seien? In
Deutschland mochte selbst noch Bunsen, berufsmäßig schon allein
Chemiker, doch mit gleichem Rechte wohl auch als Physiker
bezeichnet werden. Und waren denn die Gebiete der beiden
Wissenschaften in der Tat so leicht zu scheiden? Neuerdings
hat sich, ein Zeichen ihrer schwierigen Trennung, zwischen sie
die physikalische Chemie eingeschoben; und wenn in unseren

1S. Band VII, J, S. 78.
        <pb n="296" />
        286 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Tagen van t'Hoff die Physik als die Lehre von den Ver—⸗
wandlungen der Arbeitsform und die Chemie als die Lehre
von den Verwandlungen der Materie definiert hat, so waren
so scharfe Scheidungen, ganz abgesehen davon, ob sie wirklich
zutreffen, auf Grund der erreichten Erkenntnis noch den Wissen⸗
schaften der ganzen ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kaum
zugänglich.
Treten wir aus dieser allgemeinen Übersicht der natur—
wissenschaftlichen, insbesondere physikal-chemischen Disziplinen
und ihrer historischen Dependenzen im einzelnen in eine erste,
und zwar die zunächst immer noch führende Einzelwissenschaft,
die Physik, über, so stehen wir hier noch während der Zeiten
der Naturphilosophie und noch mehr nach ihnen auf weit über
ein Menschenalter zunächst vor einer Unsumme eifriger Einzel—
arbeit und überraschender Entdeckungen und an sie anknüpfender
Erfindungen, während die Synthese einstweilen vernäachlässigt
wird: es ist eine rein der Erweiterung der Einzelkenntnisse
zugewandte Zeit des Realismus.
Dabei lag es in der Natur der Dinge, daß sich die
Förderung innerhalb dieser Wissenschaft vor allem auf die noch
wenig bekannten Agentien bezog; je bekannter schon ganze
Gruppen von Erscheinungen waren, um so weniger konnte auf
zahlreiche und durchschlagende neue Errungenschaften im ein—
zelnen gerechnet werden.
So ist vor allem die experimentelle Mechanik wenig zu bis
dahin unbekannten Ergebnissen gelangt, während die mathe—
matische Mechanik sich in eine allgemeine Mannigfaltigkeitslehre
aufzulösen begann. Am wichtigsten waren vielleicht, mit Rück—
sicht auf die spätere Erkenntnis der großen Agentien als Formen
von Bewegungen die Studien, welche Wilhelm Weber im Jahre
1825 in Verbindung mit seinem Bruder über die Wellen—
bewegungen in Flüssigkeiten veröffentlichte. Denn erst sie ex⸗
laubten einen wirklichen Einblick in die Natur der Wellen⸗
bewegung.
Schon Lionardo hatte translatorische und undulatorische
Bewegung unterschieden. Dann hatte Galilei die durch Inter—
        <pb n="297" />
        Beginnender Realismus.

as⸗

ferenz sich bildenden stehenden Wellen richtig definiert. Von
da an aber war ein ziemlicher Stillstand der Untersuchungen
eingetreten, wenn auch Benjamin Franklin den Prozeß der
Entstehung der Wasserwellen verständlicher zu machen suchte
und Laplace die Gezeitenbewegung als die anscheinend groß⸗
artigste Form dieser Bewegung genauer studiert hatte. Neue
Gedanken kamen in die Forschung erst durch Flaugerques und
von Gerstner, die darauf ausgingen, die geometrische Gestalt
des Wellenprofils zu ermitteln. Hieran knüpften die Gebrüder
Weber (Wilhelm Eduard, 1804-1891, und Ernst Heinrich,
1795-1878) in ihren Experimenten mit der Wellenrinne an,
deren theoretische Ergebnisse sie in der „Wellenlehre“ 1825
veröffentlichten.
In der Akustik, einem vom rein physikalischen, also noch
nicht physiologischen Standpunkte her früh angebauten Gebiete,
waren die Errungenschaften während dieser Periode auch nicht
groß, ja noch geringer: der Pariser Savart stellte Unter—
suchungen über Resonanz an und verwendete die Schwebungen
der Stimmgabeln zu genaueren Bestimmungen der Schwingungs⸗
zahlen der Töne; Benzenberg machte in der Umgebung von
Düsseldorf 1809 Studien über die Fortpflanzungskonstante des
Schalles in der Luft mit zweifelhaftem Erfolge; bessere Er—
gebnisse erreichten erst bei viel kostspieligeren und ausgedehn—
teren Untersuchungen die Pariser Akademie 1822 und die
beiden Holländer Moll 1824; außerdem wurde im Jahre 1819
von Cagniard de la Tour die Sirene erfunden, die von Helmholtz
viel später zu wichtigen physiologisch-akustischen Untersuchungen
hbenutzt worden ist.
Stärker waren dagegen die Fortschritte auf dem Gebiete
der Lehre vom Licht. Vor allem wurde der Sieg der Wellen⸗
theorie, wie sie schon seit lange mit der von Newton an⸗
gebahnten Lichtstofflehre stritt, immer allgemeiner entschieden;
hatten sie schon Fresnel um 1815 und überhaupt im zweiten
Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts Poung, Arago und Malus
sehr wahrscheinlich gemacht, so ließen sich ihr nach der Art
der Geschwindigkeitsmessungen in terrestrischen Medien, die in
        <pb n="298" />
        288 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

den vierziger Jahren, namentlich in Frankreich, vorgenommen
wurden, keinerlei plausible Einwände mehr entgegenstellen.
Freilich aber wurden in dieser Zeit, und vornehmlich wieder
durch Franzosen, deren große Forscher wesentlich der ersten
Hälfte des 19. Jahrhunderts angehören während die der
Deutschen in die zweite Hälfte fallen, auch sonst noch eine
große Anzahl von Erscheinungen des Lichtes genauer bestimmt
und vom Standpunkte der Wellentheorie aus erklärt: so wurden
die Lichtwellenlängen der verschiedenen Farben des Spektrums
gemessen, wurde, von Fraunhofer und Schwerd, die Theorie
—
Cauchy im Jahre 1836, eine rationelle Lehre der Dispersion
gefunden.
Auf dem Gebiete der Lehre vom Sehen aber machte vor
allem die Erfindung des Spiegelstereoskops im Jahre 1838
durch Wheatstone Epoche. Denn erst an der Hand der Theorie
seiner Erscheinungen gelang es, die alten Fragen klarzulegen,
warum wir, trotz der beiden Netzhautbilder, die Gegenstände
einfach, und warum wir sie, trotz der Flächenbilder, körperlich
sehen. Freilich blieb trozdem noch eine Fülle von Fragen
innerhalb des Problems des dreidimensionalen Sehens be—
stehen. Dennoch war der Fortschritt, auch soweit die Er—
klärung der Entstehung unserer Raumanschauung in Frage
kam, beträchtlich.
Von stärkerer Bedeutung als auf dem Gebiete der Akustik
waren in der Optik auch die mehr technischen Erfindungen.
Ganz in den Vordergrund trat hier die Erfindung der Photo—
graphie (1838), an die sich dann eine ganze Industrie ver⸗
schiedener graphischer Reproduktionsweisen auf dem Wege des
Lichtes angeschlossen hat. In unserem Zusammenhange darf
betont werden, daß es zur Entwicklung der primitiven Photo—
graphie, der Daguerrotypie, wie sie nach ihrem Erfinder hieß,
neben dem Gebrauche der Camera obscura, die schon dem
16. Jahrhundert bekannt geworden war, vor allem der ein—
dringenden Verständnisse der Lichtempfindlichkeit der Haloid⸗
verbindungen bedurfte, die sich im ersten Jahrzehnt des 19. Jahr⸗
        <pb n="299" />
        Beginnender Realismus.

289

hunderts verbreitet hatte. Im übrigen fand die Photographie
auch als Werkzeug wissenschaftlicher Untersuchung schon überaus
früh Anwendung; namentlich mikroskopische und teleskopische,
insbesondere auch astronomische Objekte wurden photographiert;
bald zog man die Photographie auch bei ständigen Registrier⸗
arheiten, z. B. des Zustandes der Sonnenoberfläche, zu Hilfe;
und schon 1848 erzeugte Becquerel vom Sonnenspektrum auch
farbige Lichtbilder.
In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts aber und
noch tief hinein in die Zeiten einer immer realistischer werdenden
Wissenschaft gehörte innerhalb der Physik das Hauptinteresse doch
bei weitem jenen fast noch gänzlich rätselhaften Erscheinungen
an, die man mit der Trias Magnetismus, Elektrizität und
Galvanismus bezeichnete, wenn auch schon Volta die Wesens—
gleichheit der tierischen Elektrizität — des Galvanismus —
mit der sonstigen Elektrizität nachgewiesen hatte.
UÜber die von Volta eingeführte Vereinfachung dieser
Agentien aber führte es doch schon weit hinaus, als im Jahre
1820 der Elektromagnetismus entdeckt wurde, indem Oersted in
Kopenhagen das eigentümliche Phänomen der Ablenkung der
Magnetnadel durch den galvanischen Strom auffand und Arago
die magnetische Erregung durch den galvanischen Strom in
Stahl und Eisen entdeckte. Sollte da nicht aus der gemein—
samen Eigenschaft der Polaritätserscheinung bei beiden Agentien
oder daraus, daß Elektrizität wie Magnetismus sich sowohl
durch Anziehungen wie Abstoßungen äußerten, geschlossen werden
können, daß diese beiden Kräfte im Grunde nur eine oder nur
verschiedener Ausdruck eines und desselben Prinzipes seien?
Schon 1820 wurde der Schluß vielfach gezogen. Aber erst
1826 erwies Ampoͤre vermittelst eines Apparates zur Her⸗
stellung beweglicher Schließungsdrähte, in welchen Ströme
kreisten, tatsächlich die Identität und gab einige Jahre später
entsprechende theoretische Erklärungen. Und ein doppelter Be—
weis gleichsam war es dann, als Faraday im Jahre 1831 als
Gegenstück zu der schon bekannten magnetischen Erregung durch
Elektrizität nun in der elektrischen Induktion auch die elektrische
Lamprecht, Deutsche Geschichte. X. 19
        <pb n="300" />
        290 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Erregung durch den Magneten entdeckte: seitdem war an der
innerlichen Wesensgleichheit der beiden Agentien ein Zweifel
kaum noch möglich.
Darüber hinaus gelang es dann aber auch, die allerweiteste
und darum gemeinsame Verbreitung von Elektrizität und
Magnetismus nachzuweisen. Faraday zeigte, daß alle Materie
magnetisch sei; und Gauß erforschte in den dreißiger Jahren
die Gesetze des Erdmagnetismus theoretisch, nachdem Hansteen
in Christiania schon 1809 magnetische Erdkarten entworfen
und der von Alexander von Humboldt begründete Magnetische
Verein bereits begonnen hatte, die Erdoberfläche mit seinen
Beobachtungsstellen zu überziehen. Weniger sicher blieb aller—
dings der Nachweis einer Allverteilung der Elektrizität. Aber
auch hier eröffnete Faraday durch seine Theorie von der
„Magnetisation des Lichtes“ (Drehung der Polarisationsebene
durch magnetische und elektrische Einwirkungen) die weitesten
Aussichten; und Untersuchungen über die Luftelektrizität be—
gannen wenigstens schon, wenn sie auch erst in jüngster Zeit
zu annehmbaren Ergebnissen, insbesondere für die Theorie des
Gewitters, geführt haben.
War man damit der Einheit der elektrischen und der
magnetischen Kraft in jeder Hinsicht auf den Fersen, so hatte sich
bei der Untersuchung der einschlagenden Erscheinungen zugleich
eine ganz außerordentliche Erweiterung der Hilfsmittel wissen⸗
schaftlicher Forschung ergeben. Wir besitzen ja keinen elektrischen
oder magnetischen Sinn: um so mehr mußte die Möglichkeit
einer unerwartet reichen Verwertung elektrischer und magnetischer
Erscheinungen zum Messen und Wägen zu neuen Ergebnissen
führen. In dieser Hinsicht war schon das um 1820 erfundene
und nachher immer und immer wieder verbesserte Galvanometer
von der größten Bedeutung: denn es erlaubte erst den Nach—
weis feinerer elektrischer Ströme, der Induktionsströme z. B.
in ihren elementarsten Formen, ferner der thermo⸗elektrischen
Erscheinungen, der Ströme endlich im tierischen Muskel. Neben
den Galvanometer aber trat schon 1821 das Thermoelement:
ein Instrument, in dem die auch an sich überaus wichtige, damals
        <pb n="301" />
        Beginnender Realismus.

291

neue Tatsache, daß in einem metallischen Leiter durch bloße
Temperaturunterschiede ein elektrischer Strom erregt wird, zur
Feststellung schon überaus kleiner Wärmeunterschiede benutzt
wurde. Andere ganz neue Werkzeuge verdankten vor allem
der fundamentalen Entdeckung, daß Eisen durch elektrischen
Strom vorübergehend, solange dieser andauert, magnetisch
gemacht werden kann, ihre Entstehung. Hierhin gehörte
der elektromagnetische Hammer zum Messen kleinster Zeit⸗
intervalle, der Ende der dreißiger Jahre in die Wissenschaft
eingeführt wurde und auf dessen Prinzip hin schon seit 1838
die Entwicklung des Telegraphen durch Gauß und Weber in
Göttingen begonnen hatte; hierher auch das Prinzip der elektro—
magnetischen Maschine, dessen erste Anwendung im großen,
zum Antriebe eines Bootes auf der Newa, Jacobi bereits 1839
erprobte. Und zugleich gelang es auch, vornehmlich durch
ständig verbesserte Konstruktion von Induktionsapparaten, immer
stärkere Massen von hochgespannter Elektrizität zur Verfügung
und lenksamen Behandlung zu erhalten; von Bedeutung waren
hier namentlich die Apparate von Neef (1839) und Ruhmkorff,
deren Leistungen quantitativ die der besten Reibelektrisier—
maschinen weit überholten.
Über alles hinaus aber, was wir bisher kennen gelernt
haben, stellte sich ein völlig neuer Zusammenhang über den
ganzen Bereich der älteren Physik ein von Untersuchungen
her, welche Faraday auf dem Gebiete der Elektrizität in den
dreißiger Jahren unternahm. An der Hand von Experimenten
über die Induktion entdeckte er die elektrolytischen Gesetze:
mit eins schienen dadurch die Scheidewände zwischen Physik
und Chemie niedergelegt, die große Einheit der anorganischen
Wissenschaften hergestellt: und alsbald erklärte Faraday chemische
Verwandtschaft und Elektrizität mit ganz anderer Sicherheit,
als es, etwa seit 1810, schon von anderen geschehen war, für
synonyme Begriffe.
Nun hätte man freilich bei den elektrischen Erscheinungen
schon längst auch chemische Wirkungen beobachten können, ja
müssen: es ist z. B. fast undenkbar, daß sie Volta bei seinen
19*
        <pb n="302" />
        292 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Erperimenten entgangen sein sollten. Aber man hatte sie von
seiten der Physiker zunächst gleichwohl nicht beachtet, weil der
Stand der Wissenschaft ihre Beachtung nicht aufzudrängen
schien. Es war ein in der Geschichte der Wissenschaften
häufig wiederholter, hier aber besonders lehrreich hervor—
tretender Vorgang. Wissenschaftliche Forschungen können mit
Erfolg nur vorgenommen werden, wenn man den zu unter⸗
suchenden Gegenstand genau begrenzt und also isoliert; dies
Verfahren macht dann aber nicht selten blind für Vorgänge,
deren Beobachtung im Grunde kein Unbefangener unterlassen
würde.
Gehen wir jetzt zur Geschichte der Chemie über, so erinnern
wir uns zunächst, wie Lavoisier durch die Einführung vor allem
der Methode des Wägens die alten qualitativen Anschauungen
der Chemie wenn auch vielleicht nicht völlig für den innersten
Charakter der Elemente, so doch für deren wissenschaftliche
Behandlung zu Falle gebracht hattel. Denn ihm erschien,
abgesehen von allen sonstigen Eigenschaften, als ein Element
derjenige Stoff, der ein unbedingt ständiges, durch nichts
veränderliches Gewicht habe: mithin bei allen chemischen Ver⸗—
änderungen, die er erfahren könne, das Gewicht beibehalte oder
durch Zusatz) vermehre, nie aber vermindere.
Und Lavoisier hatte schon auf Grund dieser Anschauungen
eine Tabelle der ihm bekannten Elemente aufgestellt, wenn auch
an der Spitze dieser Tabelle noch als „unwägbare Elemente“
Lichtstoff und Wärmestoff standen: atavististische Reste der früheren
Qualitätstheorien, die erst Berzelius beseitigt hat.
Nicht lange indes nach diesem Siege der quantitativen
Auffassung Lavoisiers schien es, als sollten deren Fundamente
durch Berthollet (1748 -1822) in sehr radikaler Weise auf die
Probe gestellt werden.
Berthollet behauptete: an jedem chemischen Vorgange seien
alle Stoffe beteiligt, nur mehr oder minder; er sei darum
auch nie eigentlich abgeschlossen, sondern immer nur ein rasch

S oben S. 204 ff.
        <pb n="303" />
        Beginnender Realismus. 293

sich wandelnder Gleichgewichtszustand konkurrierender P otenzen
Und diese Potenzen seien eben deshalb auch nie rein ab—
zuscheiden. Folglich könne man von Elementen als Substraten
wissenschaftlicher Untersuchung, d. h. also von Elementen im
Sinne Lavoisiers, überhaupt nicht reden.
In dieser Auffassung lag nun unzweifelhaft die Ahnung
großer Wahrheiten: sie muten heute ganz modern oder besser
gesagt noch immer hypermodern an, und Berthollets Denken
erschien auf diesem Gebiete wie eine Art Gegenstück zu dem
radikalen Vorwärtseilen der deutschen Naturphilosophie gleicher
Zeit. Gewiß ist ja nach heutiger Auffassung ein chemischer Vor⸗
gang nie in dem Sinne rein, wie es die chemische Doktrin an⸗
nimmt: sondern nur in den Grenzen der für sie zunächst
praktischen und für eine statische Theorie wünschenswerten
Messungsfähigkeit. Berthollet hatte also sicherlich recht. Allein
noch viel sicherer war, daß er dafür, daß er recht hatte, mit den
Mitteln und Methoden seiner Zeit den Nachweis nicht erbringen
konnte. Er wurde also um 1807 siegreich zurückgewiesen.
Seitdem stand für die weitere Entwicklung der Chemie
bis zur Gegenwart hin das Gesetz der Konstanz der Ele—
mente fest, und nicht minder auch das Gesetz konstanter Pro—
portionen, in dem sich die Elemente zu gewissen Stoffen ver⸗
einigen sollten.
Diese Tatsachen aber erlaubten alsbald eine ganz be—
stimmte Ausbildung der bis dahin noch recht vagen atomistischen
Hypothese. Die hier notwendig gegebenen Schlüsse hat am
klarsten seit etwa 1804 John Dalton (1766-1844) gezogen.
Er suchte zunächst experimentell festzustellen, daß alle Atome
eines gegebenen Elementes auch ganz gleich wären. Nachdem
dies für ihn ausgemacht war, folgerte er, daß danach die
einzelnen Elemente nur nach dem Gewichte ihrer Atome wirk—
sam werden könnten: so daß alle chemischen Verbindungen
nur nach bestimmten Gewichtsverhältnissen zu entstehen ver—
möchten, die durch die Verhältnisse der Gewichte der sie zu—
sammensetzenden Atome gegeben seien. Und danach schien es
ihm denn auch klar, daß alle chemischen Verbindungen so
        <pb n="304" />
        294 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

zusammengesetzt sein müßten, daß die Gewichtsmengen ihrer
Elemente durch ganz bestimmte Zahlen, die jedem Elemente
eigen sind, nämlich durch die relativen Atomaewichte dieser
EFlemente, darstellbar wären.
Diese Folgerungen hat dann Berzelius, durch zwei Jahr—⸗
zehnte hin der beherrschende Geist der Chemie der realistischen
Periode, experimentell vielfach nachgeprüft, richtig befunden, in
sehr einfacher Form zur Darstellung gebracht: und darum der
hemischen Schulwissenschaft bis auf heute geläufig gemacht.
Die Atomhypothese, so wie sie der Entwicklung der Chemie
im 19. Jahrhundert zugrunde lag, war damit in ihren funda—
mentalen Teilen entwickelt. Und diese Bestandteile haben sich
als so solid erwiesen, daß sie den immer reicheren Ausbau der
Hypothese durch fast drei Menschenalter hin ohne stärker zu
schwanken getragen haben.
Im übrigen entwickelte sich nun auf diese allgemeine Basis
hin, sowie im Zusammenhange mit den besonderen Unter⸗
suchungen, welche die chemische Wissenschaft etwa um die Wende
des 18. zum 19. Jahrhundert beschäftigten, eine erste ein⸗—
gehendere Theorie der chemischen Verbindungen. Es ist das
System des sogenannten elektrochemischen Dualismus. Sein
hauptsächlichster Vertreter war der schon erwähnte große
schwedische Chemiker Berzelius.
Die Chemie hatte spätestens um 1800 die ältere Analyse
auf trockenem Wege, in der Schmelzhitze, fast ganz verlassen;
diese galt zu sehr als Charakteristikum der Goldmacher und
Alchimisten und erhielt sich darum fast nur in den Probier—
laboratorien des Hüttenbetriebes. Statt dessen war die nasse
Analyse ausgebildet worden. Sie aber zog vor allem die
Salze in Betracht: so daß diese ganz in den Vordergrund der
Forschung traten. Nun weist aber jedes Salz zwei charakteristische
Reaktionen auf: eine für die Säure und die andere für die
Base. So mußten die Salze alsbald als aus zwei Anteilen
zusammengesetzt erscheinen. Und daraus ergab sich denn leicht
die Anschauung, daß die einfachste, ja vielleicht die einzige
Form chemischer Zusammensetzung überhaupt die binäre sei.
        <pb n="305" />
        Beginnender Realismus. 295

Zu dieser Auffassung aber stieß dann eine weitere. Wie
wir schon wissen, ist die Chemie bis tief ins 19. Jahrhundert
hinein, wenn nicht bis auf heute, von der Entwicklung der
Physik mit abhängig gewesen!. Sollten da nun die großen
Entdeckungen und Theorien Galvanis und Voltas, wie sie die
Zeit erregten, nicht eben auch auf das chemische Denken Ein—
druck gemacht haben? In der Tat trat jetzt alsbald die Frage
auf, ob die chemischen Vorgänge nicht auf elektrische Eigen—
schaften der Atome zurückgeführt werden könnten, und mehrere
elektrochemische Theorien suchten sie zu lösen. Unter diesen aber
siegte schließlich wiederum die von Berzelius, weil sie die elektri—
schen Erscheinungen am besten mit den bekannten chemischen
Eigenschaften der Salze verknüpfte, zudem von dem großen An⸗—
sehen getragen war, das Berzelius namentlich seit Herausgabe
der chemischen Jahresberichte (1821) gewann.
Schon eine Jugendarbeit, die Berzelius im Verein mit
Hisinger ausgeführt hatte, hatte nämlich gezeigt, daß sich unter
dem Einflusse des elektrischen Stromes die Säuren der Salze
am positiven Pole, die Basen oder Metalle dagegen am nega—
tiven Pole ausscheiden. Lag es da nun nicht nahe, die binäre
Eigenschaft der Salze — und wie Berzelius glaubte, damit
aller chemischen Verbindungen — als der Polarität der elektri⸗—
schen Kraft entsprechend anzusehen?
Unter dem Einflusse dieser Anschauung ordnete Berzelius alle
Elemente, entsprechend der von Volta für elektromotorische Wir—
kung aufgestellten Spannungsreihe, in eine chemische Spannungs⸗
reihe vom positivsten Elemente, dem Kalium, bis zum nega⸗
tivsten, dem Sauerstoff.
Im ganzen enthielten diese Lehren von Berzelius in der
Tat die erste rationale Durchbildung einer chemischen Atom⸗—
theorie. Der Begriff des Atoms an sich erschien dabei durchaus
als ausreichend; er wurde nur durch die negative oder positive
elektrische Ladung weiter bestimmt, vielleicht mochte man sagen,
in gewissem Sinne gespalten.

S. oben S. 285.
        <pb n="306" />
        296 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Zugleich aber ergaben sich aus dieser Theorie ohne weiteres
sehr nahe Beziehungen, wie es schien, zwischen Elektrizität und
Chemismus. Und diese Fundamentalanschauung blieb lange
Zeit hindurch erhalten, welches auch im übrigen die mannig—
fachen Schicksale der Theorie von Berzelius waren, wie wir
sie später kennen lernen werden. War nun aber damit nicht
eine weitere Grundlage für eine gemeinsame Auffassung der
großen chemischen und elektrischen Agentien gewonnen? Und
schien sich nicht bald eben die Identität von Chemismus und
Elektrizität durch Faradays Entdeckung der elektrolytischen
Gesetze noch in besonders hohem Grade zu bestätigen?
Von neuem, nur in schon weit deutlicherer Klarheit wie
in der Naturphilosophie um 1800 tauchte damit die Frage auf,
welche Beziehungen denn eigentlich zwischen allen großen Agentien
walten möchten. Und diese größere Klarheit bedeutete zu—
gleich auch eine stärkere Begrenzung des Problems. In den
Zeiten der Naturphilosophie hatte man alsbald die eine Lösung
in einem großen geistigen Absoluten gesucht; aber es war
schlechterdings unmöglich gewesen, zwischen diesem und der
Erscheinungswelt der großen Naturagentien unmittelbare Zu—
sammenhänge auch nur divinatorisch sicher, geschweige denn
experimentell völlig klarzulegen. Jetzt beschränkte man sich in der
Fragestellung. Nicht mehr auf das Absolute unmittelbar richtete
sich die um so vieles realistischer gewordene Wissenschaft, sondern
nur auf die Relationen, die in und aus der Erscheinungswelt
auf dies Absolute allenfalls hinzuweisen schienen: auf die Vor⸗
gänge der Kraftäußerung und der Bewegung der verschiedenen
Agentien. Was war unter ihnen zu denken? Waren sie etwa
gar unter irgendwelchem Gesichtspunkte einheitlich geordnet?
Das wurde die brennende Frage, die im Laufe der dreißiger
Jahre immer wieder auftauchte.
Herkömmmlich galten nun auf diesem Gebiete noch immer
die von Newton aufgestellten Begriffe, und vielfach hatte man
sich gewöhnt, das, was Newton nur als Hypothese aufgestellt
hatte, als bewiesene und allgemein gültige Wahrheit zu be—
trachten: eine Umsetzung von Vermutungen in Gewißheit unter
        <pb n="307" />
        Beginnender Realismus. 297

dem Einflusse großer Autoritäten, die in der Geschichte des
menschlichen Denkens zu den am häufigsten wiederkehrenden
Erscheinungen gehört. Dementsprechend ließ man eine un—
bermittelte Fernkraft, wie sie Newton für die Erklärung der
kosmischen Vorgänge angenommen hatte, ohne Bedenken zu und
ohne sich zu fragen, wie sie mit dem Prinzipe der mechanischen
Naturerklärung vereinbar sei; und da eine punktförmig aus—
strahlende Kraft, als deren Typus die Schwerkraft erscheinen
mußte, aus geometrischen Gründen nur als sich derart im
Raum verbreitend gedacht werden kann, daß sich ihre In—
tensität im Verhältnisse des Quadrates der Entfernung vom
Ausstrahlungspunkte abschwächt: so erschien diese Art der
Kraftverbreitung als die einzig zulässige und damit auch vor—
handene.
Wie mußte man da nun erstaunt sein, als diese ganze
Lehre gegenüber neuen Erfahrungen, wie sie namentlich auf
dem Gebiete der Elektrizität und des Magnetismus gemacht
wurden, nicht mehr standhielt: als sich Anziehungskräfte er—
zaben, in deren zahlenmäßigem Ausdrucke, wie es schien, nicht
immer die zweite, sondern auch die erste und sogar die dritte
Potenz der Distanz den Nenner einnahm. Diese Erfahrungen
waren die ersten, die unbedingt zu einem sehr bestimmten, von
dem Herkömmlichen abweichenden Nachdenken über Kraft und
Bewegung, und damit über die Grundfragen aller Physik und
im weiteren auch aller Chemie, über den Charakter mithin der
Agentien der anorganischen Naturwissenschaften überhaupt, an⸗
regen mußten.
Doch war auf diesem Gebiete das Feld für neue Ver—
mutungen natürlich einigermaßen durch jene Spekulationen der
Naturphilosophie abgegrenzt, die zwar verschiedene Naturkräfte,
wie die Schwerkraft, die magnetische, die elektrische Kraft, an—
genommen, zugleich aber behauptet und auf deduktivem Wege
— —
rungsformen ein und derselben obersten Naturkraft seien. Und
war es nicht im Grunde der den Menschen an sich eingeborene
Drang auf Einheit der Auffassung der Außenwelt überhaupt
        <pb n="308" />
        298 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

gewesen, der sich in dieser Hypothese geäußert hatte in dem
Augenblicke, da ein klarer Subjektivismus wachsenden Kom⸗—
plikationen der Naturerscheinungen mit eingeborener Voraus—
setzungslosigkeit entgegentrat? Es begreift sich, daß dieser
Drang, umgesetzt in das Bedürfnis, die Einheit und Identität
nachzuweisen, das ganze folgende Zeitalter exakter Forschung be⸗
herrscht hat.
Zunächst aber trat er freilich noch in Verquickungen von
Naturphilosophie und exakter Forschung zutage. In diesem
Zusammenhange hat schon Oersted, der Entdecker des Elektro⸗
magnetismus, ausgehend von Folgerungen, die er an die
Drehung der Polarisationsebene des Lichtes knüpfte, in seinen
„Ideen zu einer neuen Architektonik der Naturmetaphysik“, 1802,
und in seiner „Ansicht der chemischen Naturgesetze, durch die
neueren Entdeckungen gewonnen“, 1812, zuerst die Vermutung
wahrscheinlich zu machen gesucht, daß das Licht, also eins der
großen Agentien der Natur, nur eine besondere elektromagnetische
Erscheinungsform sei.
Viel reiner, bereits aus dem Kreise rein naturwissenschaftlich⸗
induktiver Untersuchungen her, vor allem aus dem Studium
der Erscheinungen der von ihm entdeckten Induktion aus, kam
dann Faraday, wie wir schon wissen!, um das Jahr 1833 zu
der Behauptung, daß nicht nur Elektrizität und Magnetismus,
wie aus zahlreichen Fällen ihres analogen Verhaltens geschlossen
werden müsse, in ihrem Wesen übereinstimmen, sondern daß
auch chemische Verwandtschaft und Elektrizität synonyme Be—
griffe seien. Und indem er zugleich für das Licht an der An⸗—
schauung Oersteds festhielt und für sie neue Gründe bei—
brachte, war er um die Mitte der vierziger Jahre so weit
gelangt, die vier großen Naturkräfte Licht, Magnetismus,
Elektrizitit und Chemismus als gleich oder mindestens aufs
innigste verwandt zu erklären: und nur die Schwerkraft ent⸗
zog sich noch seinem Systeme natürlicher Identitäten.
Dabei hatte er sich, schon Anfang der dreißiger Jahre,

S. oben S. 291.
        <pb n="309" />
        Beginnender Realismus. 299

für die Wirkung dieser Agentien, dieser Kraft und Kräfte ein
System von Linien erdacht, in denen sie, in der Form ver—
schiedenartiger Bewegung, verliefen: ein System, dessen Einzel⸗
heiten zunächst aus der Beobachtung einer Anzahl von magneti⸗
schen Erscheinungen abstrahiert waren. Allein allmählich schien
sich ihm zu zeigen, daß dieses System erdachter Linien tatsäch—
lich der Wirklichkeit angehöre: daß seine Gedanken ständigen
Vorgängen entsprächen: und 1852 proklamierte er die Tat—
sächlichkeit der gefundenen Linien und der in ihnen verlaufenden
Bewegungen, denn diese ließen sich ablenken, also gestaltlich
oerändern. So äußerte er z. B. hinsichtlich des Magnetismus:
„Ich nehme den Magneten als ein Kraftzentrum, das von
Kraftlinien umgeben ist, welche in ihrer Darstellung der Kraft
durch die mathematische Analysis bestimmt sind, und ich halte
dieselben als physikalische Linien für wesentlich, sowohl für
das Sein der Kraft im Magneten als auch mit Rücksicht
auf die Fortpflanzung und Wirkung derselben außerhalb des
Maqgneten.“
Experimentell und rein schlußmäßig aus Experimenten
erschien damit die Einheit der großen Agentien und die Gleich—
artigkeit ihrer Weise sich zu äußern nahegelegt. Den vollen
Beweis freilich, den experimentell-induktiven oder den mathema—
tisch-deduktiven, hatte Faraday nicht erbracht. Er war nicht
etwa gleich einem Newton neben dem Experimentator zugleich
Konstrukteur und Rechner. In dieser Hinsicht haben ihn erst
J. Clerk Maxwell, Helmholtz und Hertz ergänzt. Und erst
Hertz ist dann bekanntlich auch der exakt-experimentelle Nachweis
der Elektrizität als einer Kraftäußerung in Form von Wellen—
hewegung gelungen.
Allein längst bevor auf mathematischem Wege fortgeführt
wurde, was Faraday als Erxperimentalphysiker begonnen hatte,
war der Beweis von der Einheit der Agentien auf einem
hbisher weniger beachteten Gebiete, da, wo er im Grunde am
schwierigsten zu liefern war, von einem Deutschen errungen
vorden.
Julius Robert Mayer aus Heilbronn (geboren 1814) hatte
        <pb n="310" />
        300 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

als junger Mann gleich so manchem anderen Deutschen eine
Stelle als Arzt auf einem Schiffe der Niederländisch-Indischen
Kompanie angenommen, war nach Java gelangt und machte
dort bei Blutentziehungen aus dem menschlichen Körper die
Erfahrung, daß das Blut eine andere, hellere Färbung hatte
als daheim in Deutschland. Diese Tatsache veranlaßte ihn
zum Nachdenken — und zu ihrer Erklärung fand er, in einem
„Gedankenblitz“ im Sommer 1840 auf der Reede von Soera⸗
baya, das Gesetz von der Erhaltung der Kraft.
Ein auf den ersten Augenblick beinahe unglaublicher, fast
mysteriös erscheinender Zusammenhang! Aber ist nicht Newton
die Idee der Gravitation durch einen vom Baume fallenden
Apfel erweckt worden? Mayer kannte von seiner Tübinger
Studentenzeit her Lavoisiers Lehre von der physiologischen
Oxydation: nach ihr unterliegt die Nahrung im organischen
Körper einer langsamen Verbrennung, deren Folge die tierische
Wärme ist. Dabei muß die innere Verbrennung, um die
normale, nur geringe Schwankungen zulassende Wärme aufrecht⸗
zuerhalten, um so intensiver gestaltet werden, je mehr der
tierische Körper Wärme nach außen abgibt: die Nahrung muß
also in kälteren Ländern reicher an Verbrennungsstoffen sein
als in warmen oder gar unter den Tropen. Daß dies der Fall,
daß also bis dahin die Rechnung richtig war, schien Mayer
aus der Tatsache der anderen Färbung des Blutes unter den
Tropen hervorzugehen, denn diese war offenbar Folge des ge—
ringeren Sauerstoffverbrauchs, der hier mit der Assimilierung der
Speisen verbunden ist. So weit also schien der Prozeß auf⸗
geklärt und alles in Ordnung. Allein erfolgte denn, so fragte
Mayer weiter, die Regulierung des Verbrennungsprozesses im
tierischen Körper tatsächlich allein durch die Aufnahme ver—
schiedener Quanten von Nahrung? Widersprach dem nicht die
Erfahrung von der großen Gleichmäßigkeit, mit der dieser
Prozeß trotz aller Unregelmäßigkeiten der Nahrungsaufnahme
in Gang erhalten wird? Und er suchte noch nach einem
anderen Regulator der tierischen Wärme: und fand ihn in der
tierischen, organischen Arbeit. Denn war es nicht klar, daß
        <pb n="311" />
        Beginnender Realismus.

301

ein Mensch z. B., je mehr er physische Kraft in Arbeit ver⸗
hraucht, um so mehr auch Nahrung aufnehmen, also die Ver—
brennung anfachen mußte?
Wenn dies aber der Fall war: wurde dann nicht Wärme
in Arbeit umgesetzt? Unmittelbar schien ein Gesetz der Aqui⸗
valenz von Wärme und Arbeit aus diesen Erwägungen hervor⸗
zuspringen.
Mayer verfolgte diesen Gedanken weiter, und im Jahre
1842 faßte er seine Erwägungen und Beobachtungen in einem
kleinen Aufsatze Bemerkungen über die Kräfte in der unbelebten
Natur“ zusammen. In ihm generalisierte er seine Beobachtungen
durch Anwendung des Prinzips auf die verschiedensten Vor⸗
gänge: „Die Lokomotive mit ihrem Convoi ist einem Destillier⸗
apparate zu vergleichen; die unter dem Kessel angebrachte
Wärme geht in Bewegung über, und diese setzt sich wieder an
den Achsen der Räder als Wärme in Menge ab.“ Und aus
dieser Generalisierung heraus entwickelte er den allgemeinen
Satz, daß Wärme umgewandelte Bewegung sei, berechnete das
Verhältnis beider in einwandfreier Weise und forderte darauf—
hin eine neue Formulierung des herkömmlichen Begriffes der
Kraft.

Inzwischen war man aber auch anderswo dem Gedanken
der Aquivalenz von Wärme und Arbeit bezw. Bewegung nahe⸗
getreten; und der Däne Colding war der zweite, der ihn auch
durch Experiment zu stützen wußte und nachwies, daß eine
Temperaturerhöhung um 10 Celsius einer Arbeitsleistung von
350 Meterkilogramm entspreche. Es war ein noch ungenaues
Ergebnis; aber schon 1849 faßte es der reiche und darum zu
kostspieligen Experimenten fähige Engländer Joule schärfer,
indem er zeigte, daß, um die Kubikeinheit reinen Wassers von
O o Celsius auf 10 Celsius zu erhöhen, es einer Arbeitsleistung
bon 7738—775 Fußpfund bedürfe.
Während das Ausland experimentierte, war aber Mayer
im Durchdenken der ihm erreichbaren Tatsachen schon wieder
um einen gewaltigen Schritt vorwärts geeilt. In der Schrift
„Die organische Bewegung in ihrem Zusammenhange mit dem
        <pb n="312" />
        302 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Stoffwechsel“ hatte er, drei Jahre nach seiner ersten Ver—
zffentlichung, im Verfolg seiner Absicht, den Kraftbegriff neu
zu formulieren, das Grundprinzip aufgestellt, daß es überhaupt
nur eine Kraft gebe, deren Entstehung und Vernichtung stets
außerhalb des menschlichen Verständnisses bleiben werde: und
daß alle Bewegungen und Kraftäußerungen nur Veränderungen
und Umsetzungen dieser einen Kraft seien. Dabei bewies er
den Satz von der Einheit der Kraft schon für Bewegung, Fall⸗
kraft und Wärme, und versuchte eine Art von Beweis oder
wenigstens eine Annäherung an diesen auch bereits für Reibungs⸗
elektrizität, Magnetismus und chemische Wirkung.
Und wiederum drei Jahre später, 1848, wagte er sich in
einer Schrift über die „Dynamik des Himmels“ trotz früherer
Verwahrungen in dieser Richtung dennoch auch an die Lösung
des Rätsels von Herkunft und Erhaltung, wie Möglichkeit der
Vernichtung der allgemeinen einen' Kraft. Er fand diese,
wenigstens für die irdischen Vorgänge, schließlich in der
Sonnenwärme; und er nahm an, daß diese durch unaufhör—⸗
liches Einströmen dichtgefügter Schwärme von fein verteiltem
kosmischem Staube in die Bereiche ihres Brennens konstant er⸗
halten werde.
Mayers Schriften machten in Deutschland zunächst durch⸗
aus kein Aufsehen: im Gegenteil, ihr Verfasser mußte alles
äußere Unglück des großen Entdeckers durchkosten. Gerecht
wurde ihm schließlich zuerst ein Engländer, Tyndall. Dabei war
aber der Anlaß zu diesem Verlauf nicht etwa in dem Umstand
gegeben, daß Mayer in jedem Betrachte seiner Zeit weit vor—
aus gedacht hätte. Im Gegenteil: Gedanken, wie er sie zuerst
aussprach, lagen, wie man zu sagen pflegt, in der Luft als
das naturnotwendige Ergebnis der bisherigen Entwicklung der
Naturwissenschaft; und in besonders deutlicher Weise läßt sich
in diesem Falle einmal sehen, was die Gesamtentwicklung und
was der große Mann in der Geschichte leistet: denn nur
dies Verdienst kommt Mayer, freilich nun auch völlig un—
gemessen und ganz, zu, das Problem bis zum vollen Ende
durchgedacht zu haben, ohne sich durch Einzelheiten in Neben—
        <pb n="313" />
        Beginnender Realismus. 308

pfade verstoßen zu lassen. Doch kann man vielleicht sagen,
daß sein Beruf als Arzt, der ihn gerade vor die kompliziertesten,
noch heute keineswegs voll überschauten physiologischen Zusammen⸗
hänge von Kraftumsetzung führte, dazu beitragen mußte, seinen
Blick immer wieder auf das Ganze zu richten. Wie dem aber auch
sei: unvergänglich ist sein Name mit der Formulierung des
Gesetzes von der Einheit und Erhaltung der Kraft, einer Kraft,
die man bald auch Energie zu nennen begann, verknüpft.
Im Bereiche der besonderen physikalischen Erwägungen
aber fand sich bald ein junger Gelehrter, der, was Mayer er—
ahndet und beweishaft umschrieben hatte, wenigstens teilweise
noch viel stringenter und unmittelbar nachwies: Hermann Helm⸗
holtz. Helmholtz hielt im Jahre 1847 bei Begründung der
Physikalischen Gesellschaft in Berlin einen Vortrag „Über die
Erhaltung der Kraft“, in dem er durch analytische, gelegentlich
auch philosophische Betrachtungen erwies, daß es unmöglich sei,
„durch irgendeine Kombination von Naturkörpern bewegende
Kraft fortdauernd aus nichts zu erschaffen“. Es war das Ende
des Problems des Perpetuum mobile, es war die mathe—
— DD
Energie. Und schon unterschied Helmholtz diese Energie ihren Er—
scheinungsformen nach sichrer als einige Vorgänger in die
Hauptformen einer bald potentiellen, bald aktuellen Energie,
einer Energie der Spannkräfte und einer Energie der lebendig
gewordenen Kraft.

III.

Jenseits des großen Gebietes der experimentellen Natur⸗
wissenschaften, von dem bisher gesprochen wurde, waren die
Felder jener naturwissenschaftlichen Disziplinen, die man die
historischen nennen könnte, um die Wende des 18. Jahrhunderts
leilweise schon recht rege angebaut worden, soweit es die da—
mals erreichten Errungenschaften von Arithmetik, Geometrie,
Mechanik und Physik und Chemie zuließen: allen voran die
Astronomie, in gewissem Sinne auch die Wissenschaften von der
        <pb n="314" />
        304 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Erde, das was man heute Geophysik nennt, daneben Mineralogie
und bis zu einem gewissen Grade Geologie und Paläontologie,
während die Geographie, die Wissenschaft, welche von den
historischen Naturwissenschaften die Brücke hinüber schlägt zu
den Geisteswissenschaften und damit zur eigentlichen Geschichte,
noch mehr von der geisteswissenschaftlichen als von der natur—
wissen schaftlichen Seite bearbeitet erschien!.
Für den Stand der Dinge in den vierziger Jahren des
19. Jahrhunderts aber war es charakteristisch, daß, ungefähr
gleichzeitig mit den abschließenden deutschen Leistungen für die
Aufstellung des Gesetzes von der Erhaltung der Energie, im
Jahre 1846 der Planet Neptun, nachdem er durch Leverrier
berechnet worden war, an dem berechneten Orte von Galle
gefunden wurde: es erschien als ein nicht minder abschließender
Triumph der alten Himmelsmechanik Newtons und der neueren
Beobachtungskunst, soweit sie vor der Spektralanlyse entwickelt
werden konnte.
Dabei hatte allerdings die Zeit bewußter Entdeckungen
von Himmelskörpern schon in der zweiten Hälfte des 18. Jahr⸗
hunderts begonnen; und neuere Untersuchungen innerhalb der
astronomischen Wissenschaft bezogen sich seit etwa 1800 eigent⸗
lich mehr auf allgemeine kosmische Erscheinungen, wie z. B. die
Meteoriten, die zunächst überhaupt erst, durch Chladni, die An⸗
erkennung ihres Daseins finden mußten, und deren Periodizität
dann gegen den Schluß unserer Epoche, im Jahre 1842, von
Quoͤtelet erwiesen wurde. Daneben traten, während die Kennt⸗
nis des Sonnensystems ausgebaut erschien, soweit die mechani—
schen Hypothesen und Beobachtungen trugen, nun zum ersten
Male Untersuchungen und Vermutungen über die Stellung des
Son nensystems im Weltraum deutlicher hervor: freilich ohne
daß sie zu auch nur einigermaßen begründeten Meinungen
führten, wie denn diese in der Tat erst viel später auf Grund
spektroskopischer Forschungen geäußert werden konnten.

UÜber die Geschichte der organischen Naturwissenschaften wird erst in
anderem Zusammenhange, in Vand RXi, Buch 25, Zweites Kapitel, ge—
prochen werden.
        <pb n="315" />
        Beginnender Realismus. 305

Innerhalb des Sonnensystems aber wurden doch schon
die ersten Grundsteine zu einer Physik der Sonne gelegt, deren
Flecken bereits genauer beachtet wurden: und die Sonne er⸗
schien als eine dunkle, von einer leuchtenden Photosphäre um—
gebene Kugel. Im Vordergrunde standen aber noch immer die
Beobachtungen über die Erde; wobei man vom astronomischen
Gebiete leise in die geophysischen Disziplinen überging.
Da war man zunächst, seit den Gradmessungsexpeditionen
vom Jahre 1735, bereits der Tatsache sicher, daß die Erde keine
Kugel, sondern ein Sphäroid sei. Und weiterhin erlaubte die
klassische Behandlung der Kartenprojektionslehre durch Lambert
(1728 - 1777) sowie Euler und Lagrange auch schon eine ziemlich
zutreffende Wiedergabe des Erdbildes: von wo aus dann wiederum,
vornehmlich in den Arbeiten Rigauds (1774 -1839), zum ersten
Male das Arealverhältnis von Wasser und Land schärfer be⸗
stimmt werden konnte.
Dagegen waren die Versuche, Maße und Dichte der Erde
festzustellen, wie sie Maskelyne (1732-1811) und Hutton
1737-1828) vornahmen, noch recht wenig befriedigend.
Weit erfreulicher entwickelte sich dagegen die atmosphärische
Physik. Vor allem die Meteorologie war schon früh in Deutsch—
land gepflegt worden; bereits der Göttinger Historiker Gatterer
hatte die Forderung nach eingehenden meteorologischen Statistiken
aufgestellt; und die durch den Pfälzer Kurfürsten Karl Theodor
—EDD000
— DV0
zu werden. Am Ende der Periode aber reiften schon die Theorien
Doves (1803-1879), die zuerst 'einige Grundprinzipien der
meteorologischen Wissenschaft wenn nicht völlig richtig, so doch
sehr klar aufstellten:‘ so die Wirbeltheorie und das Gesetz der
Winddrehung im Zusammenhange mit der Drehung der Erde.
Daneben wandte sich das wissenschaftliche Interesse seit
dem zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts im Gefolge der
—DDD
dem Erdmagnetismus zu. Hansteens Untersuchungen über ihn
»om Jahre 1819 sind schon erwähnt worden, nicht minder
Lamprecht, Deutsche Geschichte. X. 20
        <pb n="316" />
        306 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Alexander von Humboldts angestrengte Tätigkeiti. In den
dreißiger Jahren war man dann so weit, daß Gauß den mag—
netischen Nordpol als ungefähr in den Archipelen der nord⸗
westlichen Durchfahrt liegend bestimmen konnte; und im Jahre
1841 ist er hier, auf Boothia Felix, von dem kühnen Seefahrer
John Roß gefunden worden.
Aus der Meteorologie aber sonderte sich im Verlaufe der
ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts allmählich die Klimatologie
ab; schon Leopold von Buch wie Alexander von Humboldt
haben auf ihrem Gebiete stark gearbeitet; der Begriff der sub—
tropischen Zone entstammt diesem Zusammenhange, im Jahre
1829 hat ihn Leopold von Buch zum ersten Male ent—
wickelt.
Doch standen alle diese mehr beschreibenden Wissenschaften
der Geophysik, wie sie leise zur Geographie hinüberführen,
erst ganz in ihren Anfängen; auch für die Ozeanographie galt
das, und nur die Lehre von den Gezeiten war in Laplaces
Mécanique céleste eingehender behandelt. Der Zeit wenigstens
anfangs viel wichtiger und daher weiter durchgebildet waren da⸗
gegen die Lehren vom Werden der Erdoberfläche; und hier spielte
natürlich die Geologie die hauptsächlichste Rolle.
In der Geologie handelte es sich von vornherein um die
Anwendung vornehmlich physikalischer, dann auch chemischer
Betrachtungsweisen auf die Genesis der heutigen Erde; nur
nebenher kamen auch die organischen Naturwissenschaften in
Betracht, insofern die Mächtigkeit der deponierten Massen in
Kohlen- und Kalkformationen und dergleichen in Frage kam.
Damit hing es zusammen, daß eine wissenschaftliche Geologie
schon einsetzte, sobald eine gewisse Summe sicherer physikalischer
Lehren und der Anfang einer modernen chemischen Wissen—
schaft das zuließ.
Die Anfänge dieser Zeiten lagen bereits tief im 18. Jahr—
hundert. Ja eigentlich schon dies ganze Jahrhundert hindurch
tobte der Streit der sogenannten Plutonisten und Neptunisten

Siehe oben S. 290.
        <pb n="317" />
        Beginnender Realismus.

307

über die Alternative, ob die Erdrinde Kräften des Wassers oder
der Macht des Feuers ihre Entstehung verdanke. In Deutschland
hatte dabei schließlich die neptunistische Anschauung, gefördert
durch einen überaus einflußreichen Lehrer der Freiberger Berg—
akademie, Werner, gesiegt; und sie ging von diesem noch an so
bedeutende Geister, wie Alexander von Humboldt und Leopold
von Buch, beides seine Schüler, über. Dies war um so eher
möglich, als Werner seine Anschauungen wirklich schon zu einem
ganzen System der Geologie entwickelt hatte; ein gewandter
Petrograph, unterschied er in der Erdkruste bereits Urgebirge,
Übergangsgebirge, Flözgebirge und aufgeschwemmte Gebirge,
und nur für die wenigen vulkanischen Gesteine blieb nach
ihm plutonischer Ursprung übrig.
Und doch hatte inzwischen schon der Engländer James
Hutton in seiner Theory of the Karth vom dahre 1788
zwischen aus Feuerfluß erstarrten und sedimentären Gesteinen
unterschieden und damit jenen Ausgleich der beiden gegenüber⸗
stehenden Ansichten angebahnt, der die eigentliche vollwissen—
schaftliche Periode der Geologie einleitete und sich im Laufe
der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer mehr vollzog,
wenn auch Bischof noch einmal eine jungneptunistische Richtung
begründet hat.
Im übrigen aber brachte der Beginn des 19. Jahrhunderts
und namentlich der Verlauf des Jahrhunderts seit seinem dritten
Jahrzehnt vor allem eine Zeit intensiver Einzelforschung, indem
man, zunächst an den bergmännisch wichtigen Stellen, zu geo⸗—
logischen Landesaufnahmen fortschritt. In Deutschland wurde
der Eintritt dieser Zeit am besten durch die Untersuchungen
der mittelrheinischen Gebirge bezeichnet, wie sie von Dechen und
von Oeynhausen im Jahre 1825 vollendeten; ihre Höhe und
in gewisser Hinsicht auch ihren Abschluß im Sinne einer Dis—
ziplin, die völlig neue Tatsachen von größter Bedeutung ver⸗
mittelte, kennzeichnete die Errichtung der sogenannten geologischen
Landesanstalten, die dann die nötige Einzelarbeit in ruhigeren
Bahnen fortführten. Die erste solcher Anstalten war der Geologieal
 Survey in England (1835), auf deutschem Boden erreichte
20*
        <pb n="318" />
        308 vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

die Bewegung mit der Begründung der österreichischen Reichs⸗
anstalt (1849) schon eine beträchtliche Höhe.
Im Verlaufe dieser Einzeluntersuchungen aber erwuchs all⸗
mählich auch eine immer sicherere relative Chronologie der
übereinandergelagerten geologischen Schichten. Maßgebend hier⸗
für war die Auffindung von Leitobjekten, nach welchen diese
Schichten als später oder früher entstanden zu bestimmen waren.
Und hier trat nun die organische Naturwissenschaft des Erd⸗
innern, die Paläontologie, in ihre Rechte. Denn da auch der
Fauna und Flora der geologischen Vergangenheiten schon unsere
Sonne geleuchtet hatte, so war klar, daß sie im allgemeinen
auf der Erde zu einer gewissen Zeit durchgehends auch dieselbe
Form, denselben Stil gleichsam, aufweisen mußten; und dies be⸗
fähigte ihre im Erdinnern deponierte Formenwelt, als Leiterin zur
Aufftellung einer relativen Chronologie der geologischen Schich⸗
tung zu dienen. Der erste Gelehrte, der in den Versteinerungen ein
entscheidendes Material zur Erkennung der verschiedenen geologi⸗
schen Schichtungen sah, war allerdings schon der Deutschböhme
J. von Born (1742-1791) gewesen. Doch mit dieser Er—
senntnis allein war es nicht getan. Offenbar mußte erst die Auf⸗
einanderfolge der verschiedenen Floren und namentlich Faunen,
hei denen sich die Unterschiede leichter erkennbar zeigen, festgestellt
sein, ehe sich die paläontologischen Leitfossilien gründlicher zu geo⸗
logischen Bestimmungen benutzen ließen. Der Anfang der hier⸗
her gehörigen Studien aber wurde vornehmlich erst um und
nach 1800, besonders durch Cuvier (1769 - 1832), gemacht. Von
da ab hat sich dann, wenn auch unter außerordentlichen Schwierig⸗
keiten, der Prozeß einer immer klareren und richtigeren Da⸗
tierung der geologischen Schichten langsam vollzogen; eben für
ihn waren die geologischen Landesuntersuchungen von großer
Bedeutung, wie denn z. B. die Aufstellung eines so wichtigen
Systemes, wie jenes der Trias in den mittelrheinischen Forschungen
von Dechens und von Deynhausens abschließend erfolgt ist; und
gegen Mitte des Jahrhunderts war im allgemeinen ein Zu⸗
sammenhang gefunden, der in späterer Zeit nur noch genauerer
Durchbildung bedurft hat.
        <pb n="319" />
        Beginnender Realismus. 309

Indem aber so das geologische Material allmählich chrono⸗
logisch geordnet wurde, erhielt natürlich das Nachdenken über
die eigentliche geologische Entwicklung erst eine zutreffende Grund⸗
lage und stärkeren Anlaß zur Aufstellung allgemeinerer evolu⸗
tionistischer Prinzipien.
Zugleich aber kam ihm auch noch eine Hilfe von andrer Seite
her: durch die Untersuchung der Zusammensetzung der Gesteine und
ihrer Veränderungen namentlich durch Druck und Verwitterung.
In ersterer Hinsicht entwickelte sich die Gesteinslehre (Petro⸗
graphie), die schon Werner stark gepflegt hatte, und die ein
Menschenalter später vor allem durch Leopold von Buch (1774 bis
1853) eine außerordentliche Förderung fand, vor allem dadurch
weiter, daß in ihre Untersuchungen chemische und optische Me—
thoden eingeführt wurden. Besonders reich waren dabei in der
ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Erträge, welche die mikro⸗
skopische Untersuchung ergab. Sie wurde schon von Ehrenberg
auf eine gewisse Höhe gebracht; eine neue Blüte stand dann
später in Aussicht, als, um 1850, die Methode der Dünnschliffe
aufkam, welche erlaubte, haarfein geschliffene Gesteinsproben be—
sonders eingehender Beobachtung zu unterziehen. Die chemische
Analyse aber ist besonders durch Bischof in Bonn, seit etwa
1845, gepflegt worden. Natürlich führte sie vielfach zu den
Fragen der Einwirkung von Druck und namentlich von Ver—⸗
witterung über: und damit zu der eingehenderen Betrachtung
des ständigen Einflusses der großen Agentien überhaupt auf das
Antlitz der Erde und die vorhandenen Gesteinsmassen. Und
damit war denn der Punkt erreicht, an welchem, eben von der
zunehmenden Kenntnis der entwicklungsgeschichtlichen Prinzipien
her, die Frage der Entwicklung der Erde selber auftrat.
Da war nun eine erste Anschauung die gewesen, daß sich
die Umwälzungen der Erdrinde in großen Katastrophen, vor
allem in Kataklysmen, vollzogen hätten. Es war eine Ansicht,
die noch an die Tradition der Sintflut anknüpfen konnte und
anknüpfte. Allein sie entsprach auch der allgemeinen historischen
Anschauung noch mindestens des ersten Drittels des 19. Jahr⸗
hunderts, die, wesentlich auf die Beobachtung der politischen Ge—
        <pb n="320" />
        310 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

schichte beschränkt, überall singulär wirkende, womöglich per⸗
sönliche Kräfte als entscheidend annahm und daher in eine
Theorie der Epochen und Katastrophen aufging. Und so kann
es nicht wundernehmen, wenn die Katastrophenlehre recht
eigentlich erst von Cuvier aufgestellt und auch von Leopold
von Buch, ja von Elie de Beaumont noch festgehalten worden
ist: wobei de Beaumont in Arbeiten, die zwischen den Jahren
1829 bis 1858 liegen, immer deutlicher die Ansicht ver⸗
trat, daß die Spalten, aus denen bei den Katastrophen die
magmatischen Massen aus dem Erdinnern ausgetreten wären,
sich einem regelmäßigen dodekaedrischen Netze auf der Erd⸗
oberfläche angepaßt hätten und anpaßten.
Demgegenüber hatte denn freilich schon Goethe 1820 gelegent⸗
lich eines Besuches des Felsenmeeres der Luisenburg bei Alexander⸗
bad im Fichtelgebirge deutlich ausgesprochen, welche Bedeutung viel⸗
mehr dem langsamen, aber stetigen Wirken der großen Agentien,
insbesondere den Erscheinungen der Verwitterung, beizumessen
sei. Es waren die Anfänge einer dynamischen Geologie oder
wirklich wissenschaftlichen Morphologie der Erdoberfläche. Und
die neue Anschauung fand schon wenige Jahre darauf ihre
klassische Begründung in dem großen Werke von Hoffs über
die durch Überlieferung nachgewiesenen Veränderungen der
Erdoberfläche (1822 -1841), in dem namentlich auch die Er⸗
scheinungen der Erosion und Denudation bereits eingehend be—
sprochen sind. So bedurfte es denn nur noch der Einführung der
vom Druck abhängigen Erscheinungen: und der Katastrophentheorie
konnte eine „quietistische“ Theorie der stetigen Erdumbildung
gegenübertreten. Das entscheidende Jahr für den beginnenden
Umschwung war dabei etwa 1830: in ihm erschien die Arbeit
Thurmayrs über den Jura, in welcher dies Gebirge mit seiner
ausgesprochenen Faltenbildung als ein Produkt der Kontraktion,
der Einschrumpfung der Erdoberfläche in Anspruch genommen
wurde. Seitdem hat sich dann die Faltentheorie oder die
Lehre vom Kontraktionsdruck der Erde immer weitere Gültig⸗
keit erobert; im Siegen begriffen aber war sie etwa schon in
den vierziger Jahren, als sich Cordier, Prévost und Dana für
        <pb n="321" />
        Beginnender Realismus. 311

sie entschieden und Lyell auf sie eine allgemeine Geschichte der
Erdoberfläche begründete.
Im ganzen waren damit um die Mitte des 19. Jahr⸗
hunderts die Grundzüge der Geologie festgestellt, und nur noch
Einzelerscheinungen der Geschichte der Erdrinde standen zur
Erörterung. Gewiß war dabei der Einzelforschung noch der
reichste Spielraum gelassen: weder die Petrographie, noch die
Stratigraphie als historische Geographie der Erdrinde, noch die
Paläontologie waren erledigt, von der Theorie der Vulkane und
Erdbeben und von so wichtigen Fragen, wie denen von den Ursachen
und vom Verlaufe der Eiszeit und der Theorie der Gletscher noch
ganz zu schweigen. Allein gleichwohl ließ sich sagen, daß das all⸗
gemeine wissenschaftliche Interesse einstweilen erschöpft, die Frage
nach der Durchbildung der allgemeinen geologischen Methoden
einstweilen beantwortet war. Und ergeben hatte sich, daß diese
Methoden durchaus historisch geworden waren und schließlich
auf eine Betrachtung des ständigen Einwirkungsverlaufes der
großen Agentien, nicht mehr auf eine bloße Beschreibung ein—
zelner Katastrophen hinausliefen. Gesiegt hatte damit die Be⸗
trachtung der Gesamtheit der Erscheinungen und in ihr die
Erkenntnis der zugrunde liegenden elementaren Kräfte, abgewiesen
war die bloße Deskription und die Herstellung eines geschicht⸗
lichen Gesamtverlaufes auf Grund singulärer Betrachtung.
Zum schönsten Ausdruck aber kam der Charakter der Gesamt⸗
periode, so wie er sich hier zuletzt dargestellt hat, in dem Leben
und Schaffen des vielleicht größten deutschen Naturforschers
dieser Zeit, Alexander von Humboldts. Humboldt (17691859)
hatte von allen Deutschen wohl zum ersten Male den Gedanken
einer vollen Erdbereisung in naturwissenschaftlichem Interesse
gehabt, so wie ihn später Darwin durchführen konnte. Freilich,
ihm ist es nicht gelungen, ihn ganz in Wirklichkeit umzusetzen.
Wie hat er sich zeit seines Lebens nach Indien gesehnt
und doch seinen Boden niemals betreten! Zu seiner Zeit war
es noch nicht leicht, die Erlaubnis zum Besuche fremder Länder
von den politischen Machthabern zu erhalten. Dagegen gelang
es ihm, 1799 -1804 Südamerika, das selten bereiste, zu durch—
        <pb n="322" />
        312 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

wandern; auch Nordamerika hat er wenigstens in flüchtigem Be⸗
suche gestreift. Nach dieser Reiseperiode aber lebte er, in großen
internationalen Beziehungen aufgehend, bis zum Jahre 1827
in Paris, ehe er nach seiner brandenburgischen und Berliner
Heimat zurückkehrte. Sie hat er dann bis zu seinem späten
Tode nur noch einmal zu einer großen Reise verlassen; schon
sechzigiährig besuchte er 1829 mit einem gewaltigen wissen—
schaftlichen Apparat, dessen Kosten Kaiser Nikolaus J. be—
stritt, in Begleitung des Mikroskopikers Ehrenberg und des
Chemikers Rose Rußland und Asien bis zur chinesischen Grenze.
Alexander von Humboldt war, neben Forster, der erste
deutsche Klassiker der Reisebeschreibung und der Naturwissen⸗
schaften; wie viele Generationen des 19. Jahrhunderts haben
—DD
schienen waren, erbaut. In seinen wissenschaftlichen Interessen
aber ging er weit über Forster hinaus. In seinem Kopfe
lebte der Gedanke einer großen beschreibenden Naturwissenschaft
auf Grund aller Errungenschaften der experimentellen Dis—
ziplinen, in der tellurische und kosmische Physik sich treffen
sollten: schon früh bewegte ihn im Sinne eines Ideals der
Gedanke des Kosmos.
Und als er dann in Berlin heimisch wurde, trat ihm dieses
Ideal näher. War er nicht, 1828 Präsident jener ersten voll—
entwickelten deutschen Naturforscherversammlung, die Oken schon
1822 angeregt hatte, im Bereiche der Disziplinen der Natur—
wissenschaft schon ein wenig, als was Hegel damals im Gebiete der
Geisteswissenschaften erschien: der höchste, der verehrte Führer?
Und als wenige Jahre darauf Hegel starb, da konnte es scheinen,
——DD0—
deutschen wissenschaftlichen Lebens überhaupt. Ja man mochte
sagen, es geschähe dies in ganz legitimer Nachfolge Hegels und
im Sinne der mittlerweile wiederum um ein weniges mehr
ins Realistische abgewandelten Zeiten. Denn Humboldt war
kein Philosoph mehr. Und dennoch war er noch viel weniger
einer der platten Materialisten der späteren fünfziger und
sechziger Jahre. Ein Kind noch des letzten aushallenden Zeit—
        <pb n="323" />
        Beginnender Realismus. 313

alters des alten Rationalismus, der individualistischen Auf⸗-klärung,
 war er in den kräftigen Jahren seines Greisenalters
mit noch starken rein geistigen Interessen hineingewachsen in
jenen immer kühner emporwachsenden Realismus, der schon
die Pflege der Naturwissenschaften zu bevorzugen begann; und
der Gedanke an die hohen klassizistischen Ideale seines Bruders
Wilhelm hatte ihm auch zugleich eine gewisse Fühlung mit den
enthufiastischen Zeiten noch des frühen Subjektivismus gewahrt.
Es ist diese höchst eigenartige Stellung im Verlaufe des
Seelenlebens seiner Zeit, die, neben allem Eigenen des Autors,
dem abschließenden wissenschaftlichen Werke Humboldts, dem
Kosmos (1845— 1888), eine kulturgeschichtlich wichtige Stellung
sichert. Nach langen Vorarbeiten, die schon mit den Vorlesungen
begonnen hatten, welche Humboldt nach Aragos Vorbild im
Winter von 1827 auf 1828 in der Berliner Singakademie hielt,
zog der große Forscher hier die Summe seines Lebens. In ab—
geklärter Form, aus einem gesättigten Verständnisse heraus, in
edler Popularität der Sprache handelte er zentral von der
Physik der Erde: von der Verteilung von Wasser und Land,
von der Wirkung der großen Agentien auf sie, von Licht,
Wärme, Magnetismus, elekrischen Kräften. Aber er begnügte
sich nicht mit dem terrestrisch-physikalischen Bilde, so sehr er
es auch in die großen kosmischen Räume erweiterte. Aus den
Gebieten der Natur stieg er auch — wie man will, hinauf
oder herab — zum psychischen Kosmos, und wesentliche Bei—
träge zu einer genetischen Universalgeschichte auf geographischer
Grundlage erweiterten seinen Blick bis zur aktuellsten Gegenwart.
Von diesem Umfange des Ganzen her mag man das Werk wohl
auch am ehesten mit Herders Ideen zur Philosophie der Geschichte
der Menschheit vergleichen. Denn in diesen ist der physikalische
Teil der Betrachtung nicht gering. So gesehen aber macht sich
dann erst recht in beiden Werken der Unterschied der Zeiten geltend.
Herders Werk, ahnungsvoll, enthusiastisch, für die Jahre seiner
Entstehung gewiß auf fleißigen Studien aufgebaut, im ganzen
aber doch mehr der Anregungen als der Ergebnisse voll, hat auch
an erster Stelle anregend gewirkt hin durch die Menschenalter des
        <pb n="324" />
        314 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

19. Jahrhunderts bis auf heute; Humboldts Buch, ein echtes
Erzeugnis schon der Jahrzehnte des Realismus, ist bei weitem
gelehrter, wissenschaftlicher, positiver in seinem Inhalt; aber es
fehlt ihm das große Pathos der Anfänge eines kulturgeschicht⸗
lichen Zeitalters; seine Resonanz verlief darum bereits in den
nächsten Menschenaltern, und heute bleibt es zumeist ungelesen,
wenn es auch noch nicht völlig vergessen ist.
Was aber die Entwicklung der historischen Naturwissen⸗
schaften in der Periode des Realismus auf die Dauer kennzeichnete,
das war doch nicht so sehr die Erscheinung des einen großen Hum⸗
boldt, als vielmehr die nun endlich sich der Abklärung nähernde
Entwicklung einer Disziplin, die, auf Grund einer Verarbeitung
alles Wissens dieser historischen Wissenschaften nach bestimmten
Gesichtspunkten, entschieden und sicher nach den Geisteswissen⸗
schaften hinüber vermittelte. Diese Disziplin war die Geographie.
Zusammenfassung geographischer Tatsachen nach allgemeinen
Gesichtspunkten hat man schon früh versucht. So hat Clüver
um 1620 eine Länderkunde unter geschichtlich-antiquarischem
Gesichtspunkte geschrieben, so Varenius um 1650 in seiner
Geographia universalis den Grundtyp einer allgemeinen
physischen Erdkunde aufgestellt. Allein den Anfang einer ge—
ordneten wissenschaftlichen Disziplin bezeichneten solche Er—
scheinungen nicht. Es ist klar, daß diese, als eine auf die
Geschichte der Menschheit gerichtete Synthese der Errungen⸗
schaften der historischen Naturwissenschaften erst dann zu stetiger
Entwicklung gelangen konnte, als diese Naturwissenschaften
weit genug gediehen waren, um ein genügendes Material für
eine solche Synthese zu liefern. Darum blieben denn auch
noch die Bestrebungen Kants und Herders auf diesem Gebiete
fruchtlos, so sehr der eine vom physikalisch-terrestrischen, der
andere vom anthropologischen Pole der Geographie aus bereit
und bestrebt war, geographische Probleme zu fördern.
Zum Begründer der wissenschaftlichen Geographie ist erst
Karl Ritter (1779 1859) geworden. Denn er zuerst formulierte
das Problem der neuen Wissenschaft dahin, daß sie die regel—
rechte Bedingtheit der geschichtlichen Ereignisse durch die geo—
        <pb n="325" />
        Seginnender Realismus.

315

graphischen Verhältnisse nachzuweisen habe, und versuchte sich
vor allem auch in der Durchführung des damit gegebenen
Programmes: so zuerst in der „Erdkunde im Verhältnis zur
Natur und zur Geschichte des Menschen“, 1817, die er auch
als „allgemeine vergleichende Geographie, als sichere Grund—
lage des Studiums und Unterrichts in physikalischen und
historischen Wissenschaften“ bezeichnete. Sollte in diesen Fassungen
noch der Geographie eine gleichmäßig unabhängige Stellung
zu Natur und Geist gewahrt werden, so hat sich doch bald,
und auch in dem Studienverlaufe Ritters selbst, ergeben, daß
die Natur vielmehr zur Basis, die Geschichte aber zum Ziel
geographischer Betrachtung gemacht werden mußte. Natürlich
aber kam in diesem Falle alles darauf an, wie der Weg auf⸗
gefaßt und gestaltet wurde, auf dem dies Ziel zu erreichen
war. Hier war nun klar, daß eine erste Aufgabe in nichts
anderem als in einer Beschreibung der Erdgestaltung mit Rück—
sicht auf historische Gegebenheiten bestehen konnte. Diese
Morphographie vor allem hat nun Ritter in seiner späteren
großen Geographie meisterhaft gehandhabt. Darüber hinaus
aber konnte man dann zu einer vergleichenden Zusammenfassung
verwandter Gestaltungen fortschreiten und untersuchen, in welcher
Weise diese abweichend oder identisch auf geschichtliches Geschehen
gewirkt hätten. Auch eine solche vergleichende Geographie hat
Ritter früh ins Auge gefaßt; und eben zu ihr wurde er vor allem
durch Alexander von Humboldt, mit dem er innige persönliche
Beziehungen hatte, immer wieder angeregt. Allein indem er
hier den geographischen Faktor stärker als den historischen,
ja sozusagen fast isoliert ins Auge faßte, verschob sich ihm nicht
selten das Objekt der Forschung und trübte sich sein Blick:
und wo er Bedingungen festzustellen hatte, da sah er geo—
graphische Ursachen menschlicher Geschichte. Es war ein Abweg
der Forschung, der in einer Zeit, da Hegels posthumer Einfluß
stark auf alle Wissenschaften wirkte, nicht ohne Bedenken war;
wie sich, betrat man ihn ganz, die Betrachtung der Dinge ver—
schieben konnte, das zeigt vielleicht am besten Kapps Philosophie
der Erdkunde vom Jahre 1845.
        <pb n="326" />
        316 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Aber lag hier nicht ein Problem von allgemeinerem, als
nur geographischem Interesse vor? War die undeutliche Vor⸗
stellung, die geringe Unterscheidung von Bedingung und Ursache
bei Ritter nicht auch eine Folge von Unklarheiten auf dem
Gebiete der Geisteswissenschaften?

[V.

Treitschke hat einmal ausgeführt, daß die Entwicklung
der Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert von der exakten
historischen Forschung entscheidend beeinflußt worden sei. Einer
der merkwürdigsten Irrtümer. Das gerade Gegenteil trifft zu,
faßt man nur das weite Gebiet der Geschichts- und Gesellschafts—
wissenschaften als eine Einheit; und selbst für schon weit frühere
Zeiten läßt sich mehr als eine Einzelheit der geistigen Ent—⸗
wicklung als auch von den Naturwissenschaften mit beeinflußt
nachweisen: so haben z. B. in der ersten Hälfte des 18. Jahr⸗
hunderts Entdeckungen in der Optik den Herausgeber des Specta⸗
tors auf jene Untersuchungen über das Wesen der subjektiven Ein⸗
bildungskraft geführt, die von so großem Einfluß auf die früh—
subjektivistischen Theorien der Schweizer Poetiker geworden sind.
Indes viel wichtiger erscheint, daß die Naturwissen⸗
schaften sich in den Beziehungen der Wissenschaft überhaupt
zu den hervorragendsten Anschauungs- und Begriffsformen
der menschlichen Seele als die bestimmenderen, mächtigeren er—
wiesen. Daß schließlich von ihnen die konkrete Raumanschau⸗
ung der ersten wie der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
vielfach gestaltet und sicherlich vor allem beherrscht wurde,
mag dabei noch als selbstverständlich erscheinen: denn auf diesem
Gebiete sind die Einwirkungsmöglichkeiten der Naturwissen⸗
schaften an sich weit stärker und zahlreicher als die der Geistes—
wissenschaften. Allein auch in der konkreten Formung des
Zeitbegriffs siegten sie: denn nicht die, Historie, sondern
die Geologie und die Astronomie haben jene Erbreiterung des
Begriffes herbeigeführt, die allem Denken der Zeit neue Weiten
und damit veränderten Inhalt gab. Ja im Zusammenhange
        <pb n="327" />
        Beginnender Realismus. 317

hiermit ist der Einfluß namentlich der Geologie noch viel tiefer
gedrungen; ihre Katastrophentheorie wurde auf lange Zeit
maßgebend für den feineren historischen Begriff der Revolution,
und erst nachdem sie die Vorstellung von der kontinuierlich—
langsamen Entwicklung durchgebildet hatte, ist diese in geistes⸗
wissenschaftliche Gebiete eingedrungen.
Sind dies Erscheinungen, deren Verlauf so ziemlich alle
Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts deckt, so war es in den
zwanziger und dreißiger Jahren vor allem die Empfindung,
der Instinkt, daß ein Zeitalter bloßer Tatsachenwissenschaften
angebrochen sei, der sich erst von den Naturwissenschaften auf
die Geisteswissenschaften verbreitete. Zunächst in den Natur—
wissenschaften erkaltete jenes Pathos eines latenten Evolutio⸗
nismus, das noch die Zeit von 1800— 1810 erfüllt hatte. Statt
dessen trat eine agenetische, und das hieß immer mehr ratio⸗
nalistische Behandlung der Probleme ein, die schließlich über
die Ausschaltung jedes tiefer evolutionistischen und vor allem
vitalistischen Gedankens zu der Materialisierung der anorganischen
und organischen Naturwissenschaften und zu dem philosophischen
Materialismus der fünfziger Jahre geführt hat. Dabei wurden
wohl anfangs noch gelegentlich, und eben von den bedeutendsten
Männern, Gedanken in evolutionistischer Richtung geäußert und
selbst einzelne Einzelforschungen ausgeführt: aber diese Gedanken
wurden immer weniger gehört und die auf sie eingehenden
Arbeiten immer weniger anerkannt. Wirklich durchdringend,
klar und laut hat von großen Naturforschern in Deutschland
und in seinen Annexen nach 1810 eigentlich nur noch Oersted
sim Jahre 1812) evolutionistische Ideen vorgetragen.
Dieser Verlauf wiederholte sich, unter den Abwandlungen,
die mit dem Unterschiede beider Wissenschaftskreise gegeben waren,
auch in den Geisteswissenschaften: war also doch vor allem auch
Ausdruck des Verlaufes der allgemeinen Denkrichtung, ja des zum
Realismus forttreibenden Seelenlebens überhaupt. Darum
konnte Ruge schon im Jahre 1838 in den Halleschen Jahrbüchern!

S. 1169 ff.
        <pb n="328" />
        318 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

den „Scharffinn des Verstandes“ gegen den „Stumpfsinn des
Gefühls“ ausspielen: des Gefühls, „das nur das Recht hat
zu existieren, aber nicht zu produzieren“. Und ebenso bezeichnend
war es, daß in den dreißiger bis sechziger Jahren auf dem
Gebiete der bildenden Kunst die Bildnismalerei, bisher stets
Mittel- und Höhepunkt einer freien germanischen Kunst in
großen Zeiten, sei es nun in Deutschland oder Holland oder
England, zu einem mageren und traurigen Spezialfach ent⸗
artete: als ob man das Persönliche selbst im Objekte der
Phantasietätigkeit hätte verbannen wollen. Da konnte es denn
nicht weiter wundernehmen, daß mit der intellektualistischen
Austrocknung der Gedanken des Frühsubjektivismus zugleich
ein beträchtliches Wiederaufleben der letzen Bildungen des
individualistischen Rationalismus, wenn auch in veränderter
Form, Hand in Hand ging. Die Zeiten kamen, da die Helden
dieses Rationalismus, ein Lessing vor allem, wieder höchste
Anerkennung fanden, da, wir werden noch davon hören, in
den Kirchen beider Konfessionen die Anregungen aus der Philo—
sophie des Klassizismus und der Romantik, in der katholischen
Kirche Kants, in der evangelischen Kirche Schleiermachers,
unter dem Schutte einer über sie von neuem entladenen älteren
Orthodoxie wiederum versanken.
Sollte nun von dieser Bewegung nicht auch das Herz
der Geisteswissenschaften in subjektivistischer Zeit, die Geschichts⸗
wissenschaft, betroffen worden sein? Da mochte wohl Jakob
Grimm noch auf der Germanistenversammlung des Jahres 1846
die Phantasietätigkeit aller Wissenschaften Wissenschaft nennen,
„weil sie gleich der leuchtenden Sonne in alle Verhältnisse der
Menschen dringt“: eine neue Art geschichtlicher Betrachtung
war inzwischen emporgedrungen, die unromantisch, gegen jeden
Evolutionismus gerichtet, ja agenetisch war. Gewiß blieb sie
dabei noch immer historisch: dies tiefste und durchdringendste
Ferment der Wissenschaften des subjektivistischen Seelenlebens
ließ sich seit 1750 nicht wieder beseitigen. Aber der geschicht—
liche Charakter war oberflächlich und ging einseitig wieder mehr
auf individualpsychische als auf sozialpsychische Beobachtung
        <pb n="329" />
        Beginnender Realismus.

319

und Betrachtung; das, was man für eine etwas spätere Zeit
im Sinne einer levis nota Historismus genannt hat, bildete
sich: bis die ganze Richtung schließlich in antiquarischen
Interessen, im Bereiche der politischen Geschichte in einer ver⸗
fassungsgeschichtlichen, den lebendigen Kräften des Daseins ent—
fremdeten Archäologie, im Bereiche der Kunstgeschichte wie der
Phantasietätigkeit überhaupt in innerlichst kunstgewerblichen Be⸗—
trachtungen und Studien endete.
Es war ein Verlauf, der in verwandter Weise auch bei
den europäischen Schwesternationen hervortrat, in Deutschland
aber schon deshalb besonders akzentuiert erschien, weil unser
Volk mehr als andere Träger der romantischen Strömung ge—
wesen war. Denn in England und Frankreich und noch mehr
in Italien ist die Romantik doch vornehmlich eine literarische
Erscheinung gewesen; im Lande. der Dichter und Denker aber
hatte sie eine volle Periode moderner Mystik bezeichnet. Und
so wurde denn in Frankreich aus der der Romantik folgenden
realistischen Bewegung bei ihrer Ruhe und Reinheit schöpferisch
sehr früh in einer neuen Synthese der possibilistische Evolutio—
nismus Comtes geboren: Deutschland aber wurde in dieser
Zeit nicht nur nicht zur Wiege eines neuen abgeschlossenen
und wohlgeklärten philosophischen Systems, sondern die neue
französische Philosophie fand sogar innerhalb seiner philosophisch
sonst so aufnahmefreudigen Grenzen kaum einen Widerhall.
Und nur dies eine trat in der deutschen, sehr scharf und darum
widerspruchsvoll und in sich abgerissen verlaufenden Entwicklung
deutlich hervor, daß um die Mitte der vierziger Jahre ganz
allgemein ein neuer, in der wissenschaftlichen Einzellehre rea—
listischer Zustand der Dinge erreicht war: wie die Formulierung
des Gesetzes von der Erhaltung der Energie, so gab das fast
gleichzeitige Erscheinen des ersten Bandes der Deutschen Ver—⸗
fassungsgeschichte von Waitz und von Sybels Buch über die
Entstehung des deutschen Königtums im Jahre 1844 hierfür
ein vollgültiges Zeugnis.
Zu größerer Klärung hätte die deutsche geisteswissenschaft⸗
liche Entwicklung bis zur Mitte der vierziger Jahre wohl am
        <pb n="330" />
        320 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

ehesten kommen können, hätte sich ihr die feste Stütze einer
abgeschlossenen empirischen Psychologie dargeboten. Es würde
ein Halt gewesen sein ähnlich demjenigen, den die Entfaltung
der Naturwissenschaften schon seit dem 17. Jahrhundert an
der Mechanik gehabt hat.
Allein von einer so raschen und glänzenden Entwicklung
einer empirischen Psychologie war wie anderswo so vor allem
auch in Deutschland einstweilen nicht die Rede.
Die psychologische Betrachtung pflegt, sobald sie sich in
einem gegebenen Menschheitskreise mit steigender Kultur in
festeren Formen einstellt, zunächst intellektualistischen Charakters
zu sein: wohl deshalb, weil das logische Gerüst des psychischen
Geschehens sich dem Überblicke am ehesten darbietet. Dabei liegt
es denn aber sehr nahe, ja ist beinahe unvermeidlich, daß sich in die
psychologische Betrachtung die logische einmischt: und daß damit,
in einem primitiven Stadium, die Psychologie der Erkenntnis⸗
theorie und Metaphysik angeschlossen erscheint. Bedenkt man
dabei zugleich, daß dies alles auf intellektualistischer Grundlage
geschieht, so kann es keinen Augenblick wundernehmen, daß
diese ganze Entwicklung sich mit großer Regelmäßigkeit in den
individualistischen Zeitaltern menschlicher Kulturen einstellt.
Dies war auch innerhalb der deutschen Entwicklung, seit dem
16. Jahrhundert, der Fall gewesen. Gegen Schluß des indivi⸗
dualistischen Zeitalters aber, in der ersten Hälfte des 18. Jahr—
— DDD
stimmtheit zutage, daß sie den Zusammenhang mit Metaphysik und
fast auch schon Logik abzustreifen begann und eine Methode selb⸗
ständiger Erforschung und Erkenntnis versucht wurde. Dabei
wurden anfangs zwei Wege kurz nacheinander betreten: ein Weg
bloßer Tatsachenbeschreibung, der sich im Grunde mit einer sehr
—E
sumierenden Verfahrens, das die Unsumme verwickelter seelischer
Erscheinungen auf einfachere Formen, auf Typen zurückzuführen
unternahm. In diesen Richtungen führte der erste Weg zu der so—
genannten Vermögenspsychologie, deren gründlichster Bearbeiter
auf deutschem Boden Wolff gewesen ist: sie nahm für jeden
        <pb n="331" />
        Beginnender Realismus. 321

Komplex psychischer Erscheinungen ein besonderes Vermögen
an; der zweite Weg aber lief schließlich auf die Assoziations⸗
psychologie hinaus, die, vornehmlich von Hartley und Hume
bearbeitet, doch auch der eigenständigen deutschen Entwicklung
nicht fremd, die Vorstellung als den einzigen Grundbestandteil
psychischen Geschehens zu betrachten und dessen buntes Leben
durch nichts als die mannigfach wandelnde Verknüpfung von
Vorstellungen zu erklären suchte.
Konnten nun Vermögens-⸗ wie Assoziationspsychologie den
Geisteswissenschaften und insbesondere der Geschichtswissenschaft
Stab und Stütze sein? Indem sie reiche psychische Erfahrung
nur mechanisch zerlegten oder auf ein einziges Element un—
zureichend zurückführten, schlossen sie eine systematische Behand—
lung der komplizierten Prozesse, die das geschichtliche Leben aus⸗
machen, nicht ein, sondern aus. Und so blieb die erste Epoche
einer selbständigen Psychologie für das historische Denken nahezu
unfruchtbar; vergebens wuürde man in den Geschichtschreibern
und Geschichtsphilosophen seit der zweiten Hälfte des 18. Jahr⸗
hunderts tiefer eingegrabene Spuren von ihr zu finden hoffen.
Nach der ablehnenden Haltung Kants aber gegenüber der
jungen Selbständigkeit der psychologischen Disziplin wie nach
deren Verschüttung durch die neue Metaphysik der romantischen
Zeit konnte erst recht nicht von einer einflußreichen Stellung
irgendwelcher Psychologie innerhalb der Geisteswissenschaften,
ja auch nur von ihrer würdigen und eigenständigen Haltung
überhaupt die Rede sein.
Als sich dann aber die romantischen Wässer verliefen, tauchte
von neuem das Bedürfnis nach einer selbständigen Psychologie
an sich wie im Verhältnis zu den nunmehr realerer Betrachtung
der Welt zugedrängten Geisteswissenschaften auf. Und der zu—
nehmende Empirismus begnügte sich nicht mehr mit einer ver—
besserten Vermögens- und einer einfachen Assoziationspsycho—
logie, obgleich auch diese gepflegt wurden, sondern suchte ein⸗
gehendere Regeln oder gar Gesetze aufzufinden, welche das Spiel
des psychischen Geschehens beherrschten: und nur der Umstand
erinnerte noch an die alten intellektualistischen Zeiten, wie er
Lamprecht, Deutsfche Geschichte. X. 21
        <pb n="332" />
        322 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

zugleich Ausdruck eines neuen Rationalismus war, daß das
psychische Wandelspiel noch durchaus als Wechselwirkung allein
von Vorstellungen begriffen wurde. Weshalb es denn eine
vollendetere Psychologie des Vorstellungsmechanismus war, die
aus der neuen Kombination hervorging.
Die wichtigsten fast und jedenfalls die frühesten Forschungen
auf diesem Gebiete waren diejenigen Benekes (1798 1854),
eines in Leben und äußerer Wirksamkeit vielfach vom Staate
behinderten Berliner Philosophen. Beneke tadelte an der Ver—
gangenheit, daß sie die Psychologie auf eine unzulässige Ver—
einigung von Erfahrung, Mathematik und Metaphysik be—
gründet habe, statt ausschließlich empirisch zu forschen und
die Wissenschaft von der Seele rein vermöge der in der Natur—
wissenschaft gebräuchlichen Methoden der Induktion, der Hypo—
thesenbildung usw. zu bearbeiten. Und schon in den zwanziger
Jahren, in seinen Psychologischen Skizzen (1825) und in der
Schrift über das Verhältnis von Seele und Leib (1826), schlug
er den von ihm geforderten neuen Weg ein, verwarf die An⸗
nahme abstrakter Seelenvermögen, wie Verstand, Urteilskraft
u. a. m., da diese nichts als hypostasierte Klassenbegriffe sehr
verwickelter seelischer Erscheinungen seien, verwarf ebenso wie
jede Annahme angeborener Formen psychischer Tätigkeit auch
die „angeborenen Begriffe“, und suchte nachzuweisen, daß alle
Formen seelischer Aktualität, die uns von unserem Selbst—
bewußtsein angezeigt werden, mehr oder weniger abgeleitet
seien: so daß es darauf ankomme, rein auf die Methode psycho—
logischer Selbstbeobachtung gestützt, die einfachen, diesen Kom—
—V—
Dies könne aber nicht unmittelbar geschehen; vielmehr sei es
die erste Aufgabe, einmal die einfachsten typischen Vorgänge
in der Seele überhaupt erst zu erkennen, herauszuarbeiten und
deren Gesetze aufzuhellen; erst nach alledem würden sich dann
die diesen typischen Vorgängen zugrunde liegenden, in ihnen
wirkenden Kräfte als Urvermögen enthüllen lassen.
Für die geisteswissenschaftliche Entwicklung war es nun
das Wesentlichste, daß Beneke in der Tat vier solcher Grund—
        <pb n="333" />
        Beginnender Realismus. 328

vorgänge zu unterscheiden suchte: den Prozeß der Aneignung
von Reizen, den Prozeß der Bildung neuer seelischer Kräfte,
die uns noch verhältnismäßig elementar erscheinen, den Prozeß
der Übertragung und Ausgleichung von Reizen und Vermögen,
und endlich den Prozeß der gegenseitigen Anziehung und Ver—
schmelzung gleichartiger seelischer Gebilde. In der Tat hat
er damit Probleme aufgestellt, die für jede tiefere geistes⸗
wissenschaftliche Arbeit, mochte sie individualpsychologischer oder
sozialpsychologischer Art sein, von der größten Bedeutung werden
mußten: denn sie bewegten sich eben, noch oberhalb der ein—
fachsten psychischen Vorgänge, wie sie später die experimentelle
Psychologie festgestellt hat, auf jenem Niveau, in jenem Stock⸗
werke gleichsam des psychischen Lebens, an das sich das historische,
überhaupt das höhere geisteswissenschaftliche Interesse knüpft.
Eine andere Frage war freilich, ob Beneke imstande sein würde,
diesen Zusammenhang so deutlich klarzulegen und die von ihm
formulierten Aufgaben so weitgehend und augenscheinlich sicher
zu lösen, wie das zur Einführung ihrer Ergebnisse und der
ihr zugrunde liegenden Denkart in den geisteswissenschaftlichen
Betrieb notwendig schien. Und in diesem Punkte versagte
dann allerdings noch seine Autorität und sein System: sein
Denken war frühreif; und im Grunde ist es eine Vorfrucht
nur für klarere Ergebnisse und Studienrichtungen der zweiten
Periode des Subjektivismus geblieben.
Zudem war inzwischen eine andere neue psychologische
Lehre aufgestellt worden, die auch gegen alle metaphysischen
Psychologien der Identitätsphilosophen Front machte, die weiter—
hin ebenfalls den starken naturwissenschaftlichen, insbesondere
mathematisch-physikalischen Neigungen des Realismus entgegen⸗
kam: sich aber zugleich doch nicht allzu stark von einigen der
noch immer sehr beliebten metaphysischen Voraussetzungen frei⸗
hielt: mithin einen überlegenen Wettbewerb gegenüber den Ge—
danken Benekes bedeutete. Es war die Lehre Herbarts (1776
bis 1841). Herbart war von der Erkenntnistheorie Kants
ausgegangen. Aber er hatte sie nicht frei von Widersprüchen
gefunden, wie sie namentlich in den in der Erfahrung gegebenen
21 *
        <pb n="334" />
        324 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Begriffen, insbesondere in dem Begriffe des Dinges mit mehreren
Eigenschaften, in dem Begriffe der Veränderung und in dem
Begriffe des Ichs gegeben seien. Es war eine Kritik, wie sie
die Anschauungen der Identitätsphilosophie an sich nahelegten.
Nach Herbarts Ansicht aber war es möglich, diese Widersprüche
durch Umformung der Begriffe zu beseitigen; und so machte
er sich an diese Aufgabe. Sehr bald aber fesselte ihn dabei
ganz besonders die Bearbeitung des Ichbegriffes; und von
hier aus kam er dann zu den Prämissen einer neuen Psycho—
logie. Rein empirisch, wenn auch objektiv betrachtet im An—
schluß an gewisse Spekulationen der Identitätsphilosophie,
glaubte er hier, um tiefer dringen zu können, vor allem die
Welt der Vorstellungen untersuchen zu müssen. Denn neben
ihnen, die unzerstörbar seien, komme den übrigen seelischen
Erlebnissen eine eigentliche Realität nicht zu: so seien z. B.
die Gefühle nur ein Ausdruck der Spannungszustände der
gegeneinander wirkenden Vorstellungen, die Triebe und der
Wille Effekte des Aufstrebens von Vorstellungen gegen vor—
handene Hemmungen usw. Man sieht: es ist ein ganz in⸗
tellektualistischer, neurationalistischer, metaphysischer Standpunkt.
Innerhalb des Reiches der Vorstellungen aber als des Wesent—
lichen der Seele erschien Herbart im Grunde nichts als ur—
sprünglich angeboren: alle Vorstellungen entstehen nach ihm
erst in diesem Bereiche. Aber nachdem sie einmal aufgetreten
sind, sind sie unvergänglich. Sie können dann wohl infolge
von Hemmungen, denen sie durch das Auftreten neuer Vor—
stellungen ausgesetzt sind, bis zum Unbewußten verdunkelt
werden; dennoch aber existieren sie unter der Schwelle des
Bewußtseins weiter. Das ganze seelische Leben besteht daher
nur im Auf- und Abwogen, im Kampfe, in Sieg und Nieder—
lage der Vorstellungen. Man sieht, mit diesen Aufstellungen
war eine Hypothese gewonnen, von der aus, insbesondere unter
Anwendung der Mathematik, in der Tat wenigstens eine be⸗
stimmte Theorie des Vorstellungsmechanismus entwickelt werden
konnte. Herbart hat diese Theorie darauf sehr eingehend nament⸗
lich in der Richtung auf eine Lehre der Vorstellungshemmungen
        <pb n="335" />
        Beginnender Realismus. 325

ausgebaut. Und da ergaben sich denn Sätze, wie der von der
Hemmungssumme, wonach bei gleichzeitiger Existenz mehrerer
einander partiell oder total entgegengesetzter Vorstellungen in
der Seele von ihnen so viel gehemmt, d. h. unbewußt werden
muß, als die Intensität sämtlicher Vorstellungen mit Ausnahme
der stärksten beträgt; und dergleichen mehr.
Allein ließen sich nun bei einem solchen Gange der Unter—⸗
suchung Ergebnisse erwarten, die den Geisteswissenschaften un—
mittelbar zugute kommen konnten? Offenbar hatte sich hier
eine radikale Abwendung von allem Historischen und damit
Kernhaft-Geisteswissenschaftlichen eingestellt; und Sätze, wie
der angeführte, forderten wohl zur Begründung einer ex—
perimentell⸗elementarsten, sozusagen untergeschichtlichen Psycho—
logie auf, für die sie einen ersten gleichsam nur rechnerischen
Voranschlag bieten mochten: hatten aber mit dem methodo—
logischen Betriebe vor allem der Geschichtswissenschaft nichts
zu tun.
Und so blieb denn auch diese Psychologie im allgemeinen
geisteswissenschaftlich unfruchtbar, soviel es auch Herbartianer, so
Drobisch und Strümpell, Lazarus und Steinthal, gegeben hat,
und nur für ein historisch zunächst noch sehr elementares und in
den Zeiten des Realismus und des Epigonentums noch wenig
angebautes Gebiet, das der Völkerkunde, gelangte sie zur Wirkung.
Daneben hat freilich Herbart, wie übrigens auch Beneke, die
Pädagogik wesentlich beeinflußt. Herbart konnte hierbei den
Vorteil wahrnehmen, sich zunächst an Pestalozzi anzuschließen.
Doch ergab sich ihm wie zum Teil auch Beneke aus der ein—
seitig intellektualistischen Anschauung des Seelenlebens die
praktische Folgerung, daß die Erziehung vor allem die Durch—
bildung der Verstandesinteressen, und zwar in möglichst harmo—
nischer Form, nur mit Betonung der besonderen Begabung,
zu bezwecken habe: „Alle müssen Liebhaber für alles, jeder
muß Virtuose in einem Fache sein.“ Dies war nun eine
Richtung in der Erziehungslehre, die der steigenden Berufs⸗
differenzierung in der Nation allerdings entgegenkam. Allein
mit ihrer einseitigen Betonung des Verstandes, mit ihrer
        <pb n="336" />
        326 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Ratlosigkeit gegenüber der Gemüts- und Charakterbildung war
sie doch selbst der realistischen Zeit zu einseitig. Und so erhielt
sie in dem steigenden Einflusse Fröbels (1782—- 1852), des
größten und eigentlichsten Schülers Pestalozzis, bald ein ge—
wisses Gegengewicht. Dies um so mehr, als sich Fröbel unter
Vermeidung fast jeder der spekulativen Anschauungen, die vor
allem doch Herbarts System sichtlich durchzogen, rein auf den
empirischen Standpunkt stellte und diesen in einer realistischen
Gemütern wohltuenden Weise betonte. Denn obwohl frommer
Christ, ging er bei seinem liebevoll-eingehenden Studium des
Kindeslebens doch nicht von dem Gedanken der Erbsünde,
sondern von der Annahme einer ursprünglichen Güte der
menschlichen Natur aus und fand eben in ihrer Erhaltung,
Durchbildung, Veredlung das pädagogische Ziel. Freilich hatten
dabei die erziehlichen Interessen in den Augen der Zeitgenossen
nicht mehr die Bedeutung wie eine Generation zuvor. Wir
wissen!, wie sie sich um 1800 noch aufs engste mit den po⸗
litischen deckten: gute Erziehung schien damals den besten, den
von der Zeit erhofften Staat herbeiführen zu können. In—
zwischen hatten sich die politischen Interessen von den päda—
gogischen getrennt und waren sozusagen zu Fachinteressen zu—
nächst engerer Kreise geworden. Nichts war hierfür bezeichnender
als das tragikomische Geschick, das später Fröbels wichtigste
Schöpfung wenigstens vorübergehend mit Vernichtung bedrohen
konnte. Der preußische Kultusminister von Raumer verwechselte
den Pädagogen Fröbel mit dem Demokraten Julius Fröbel
und verbot deshalb für einige Zeit die Gründung und den
Betrieb der Kindergärten innerhalb der königlich preußischen
Staaten.
Überblickt man von diesen Erfahrungen her, von dem
Verhältnisse der Psychologie Benekes und Herbarts selbst zu
Völkerkunde und Pädagogik aus die Stellung der Psychologie
zu den Geisteswissenschaften etwa in den dreißiger Jahren, so
ergibt sich im ganzen, daß diese der psychologischen Leitung

S. Band IX S. 77 ff.
        <pb n="337" />
        Beginnender Realismus.

327

noch so gut wie völlig entbehrten. Und so vermochten sie
denn, so sehr sie immer mehr zu reinen Erfahrungswissen—
schaften zu werden strebten, schließlich doch nur auf einem
doppelten Wege vorzudringen: auf der breiten Heerstraße des
Anschlusses an die bestehenden christlichen, klassizistischen, ro—
mantischen Weltanschauungen, oder auf den führerlosen Pfaden
eines agnostischen, gegenüber allen größten Aufgaben noch ver⸗—
sagenden Empirismus.
Von diesen beiden Wegen lag nun der Geschichtswissen⸗
schaft der erste in jeder Hinsicht näher. Denn schon die
Kantschen Lehren waren an ihrer Entwicklung nicht spurlos
vorübergegangen; die Anschauungen der Identitätsphilosophen
aber, vor allem Fichtes und Schellings, verquickten sich mit
ihrer eigenen methodologischen Entwicklung in einer Breite und
mit einer Sicherheit, durch welche mit Rankes Erscheinen die
Möglichkeit eines höchsten individuellen Aufschwunges geboten
schien.
Was Kant der Geschichtswissenschaft sein konnte, das hat,
trotz der Oberflächlichkeit seiner methodisch-wissenschaftlichen
Durchbildung im einzelnen, doch niemand besser zur Darstellung
gebracht als Schiller. Schiller, von göttlichem Berufe Drama—
tiker, von menschlichem Inhaber einer Geschichtsprofessur an der
Universität Jena, sah naturgemäß in dem geschichtlichen Verlaufe
mehr die Auswirkung großer Persönlichkeiten als das stille
Walten sozialpsychischer Kräfte. Es war eine Anschauung, die
ihn auf Staat und Staatsmann hinwies. Und dies Moment
wohl am ehesten verknüpfte ihn mit Kant, in dessen geschichts—
philosophischem Denken der Staat eine zentrale Stellung ein⸗
nahm. So fing er seine historische Laufbahn völlig als
Kantianer an; seine Rede beim Antritt der Jenaer Professur
beruhte auf Kants „Idee zu einer allgemeinen Geschichte in
weltbürgerlicher Absicht“, und seine Abhandlung über das erste
Menschengeschlecht geht auf Kants Ausführungen über „den
mutmaßlichen Anfang der Menschengeschichte“ zurück, verquickt
sie höchstens noch mit einigen Gedanken Rousseaus.
Allein bald entwand sich der Dichter einem so engen An—⸗
        <pb n="338" />
        328 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

schluß. Und nun wurde, im metaphysischen Sinne freilich noch
immer kantisch, zum Leitstern seines geschichtlichen Denkens
der Satz, daß in der Geschichte die göttliche Vernunft walte:
mithin deren Ziele das vernunftgemäße Ideal menschheitlicher
Entwicklung bildeten. Es war eine Wandlung, die zu kultur—
geschichtlichen Vorstellungen führen mußte; und schon am
26. März 1789 hat Schiller an Körner die denkwürdigen
Worte geschrieben: „Eigentlich sollten Kirchengeschichte, Ge—
schichte der Philosophie, Geschichte der Kunst, Geschichte der
Sitten und Geschichte des Handels mit der politischen in eins
zusammengefaßt werden, und dies erst kann Universalhistorie
sein.“ Allein vermochte Schiller mit dieser Einsicht die Berge
von Quellenmaterial, die schon seiner Zeit zugänglich waren,
zu durchdringen? Mangel an Zeit, an Vorbildung, auch, in
diesem Umfang, an Interesse verhinderten es. Und so sind
die Hauptwerke des Dichters, vor allem die Geschichte des Ab⸗
falls der Niederlande, in pomphaftem Stile geschrieben, re—
flexionsreiche Staatshistorien geblieben mit nur mehr oder
weniger stark betontem kulturgeschichtlichem Hintergrund.
Zum glänzendsten Vertreter aber einer Geschichtsforschung
und Geschichtschreibung, die aus der merkwürdigen Kombina—
tion spezialwissenschaftlicher Entwicklung und romantischer Welt⸗
anschauung nicht ohne Dreingabe christlicher Motive hervor—
ging, wurde Leopold Ranke.
Es ist früher erzählt worden!, wie das Bedürfnis geistes—
ökonomischer Zusammenfassung längerer Reihen von singulären
Tatsachen langsam, aber immer deutlicher im Laufe der zweiten
Hälfte des 18. Jahrhunderts von der Herstellung von Motiven⸗
reihen zur Begründung der Ideenlehre hinüberführte: und wie
dann die Methode der Aufstellung von geschichtlichen Ideen in
Wilhelm von Humboldts Aufsatz über die Aufgabe des Ge—
schichtschreibers Anfang der zwanziger Jahre ihren ersten Ab—
schluß fand. Dabei ist auch schon erwähnt worden, wie sich
das methodologische Bedürfnis alsbald mit einem metaphysischen

S. oben S. 239 ff.
        <pb n="339" />
        Beginnender Realismus.

zꝛo

verknüpfte, wenn nicht gar vielfach eben aus ihm hervorging:
die Ideen in ihrem geschichtlichen Verlaufe erschienen als Ema—
nationen des Absoluten, des Göttlichen, als die Gedanken
Gottes in der Geschichte: und als solche einzelnen großen
Individuen, Personen oder Völkern, besonders anvertraut.
Leuchtet nun nicht alsbald ein, daß sich eine solche Auf⸗
fassung aufs beste mit den Lehren Fichtes vertrug? Daß sie
gar beinahe als ein integrierender Bestandteil der Philosophie
Schellings und als ein unmittelbar konstituierendes Element
der Geschichtsphilosophie Hegels erscheinen konnte? So lag
es nahe, daß sie, als ein allgemeines Element romantischer
Weltanschauung, auch die Historiker der Zeit beherrschte, zumal
sie exakte Forschung im einzelnen bis zu einem hohen Grade
nicht ausschloß.
Ranke war ein Thüringer Kind, und in seiner lebhaften
Imagination, seinem versöhnenden Blicke auf die bunten Gegen—
fätze der Welt hat er immer etwas von der Eigenart seines
Stammes behalten. Im Jahre 1795 zu Wiehe geboren, fromm
erzogen, näherte er sich mit einer ersten Liebe dem Studium
der Theologie; und als der historische Beruf durchschlug, da
sah er seine eigentliche Aufgabe in einer priesterlich-enthusiasti—
schen Ergründung der göttlichen Mär der Weltgeschichte. Aus
diesen Stimmungen, aus der ernsten Pflege zugleich der Lehren
der soeben bis zur Niebuhrschen Quellenkunde und zur Humboldt—
schen Ideenlehre entwickelten Methode ging 1824 sein erstes
großes Werk, die „Geschichten der romanischen und germanischen
Völker“ hervor: von phantasiereichstem Eindringen in fremde
Welten, den ganzen Ranke der späteren Zeit schon ahnen
lassend, aber noch schwerflüssig und teilweise noch unter der
sichtlichen Einwirkung der Art Johannes von Müllers. Als
Ranke dann aber ein Jahr darauf eine Professur in Berlin erhielt,
da war er schon im Begriffe, in mancher Hinsicht ein Fertiger zu
werden. Mit heiligem Entzücken zog er in die Stadt ein, der
er bis an sein spätes Ende treu geblieben ist; tausendmal
schwor er sich zu, sein Leben in Gottesfurcht und Historie zu
pollbringen. Und alsbald begann er mit universalgeschichtlichen
        <pb n="340" />
        330 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Vorlesungen: die Ideen Gottes in der geschichtlichen Welt,
dem einzigen ihrer würdigen Schauplatze, galt es zu erahnden,
zu ergründen. Und nun reihte sich in der Entwicklung und
Erweiterung dieses Standpunktes Werk an Werk: die Ge—⸗
schichte der Päpste als der einzigen noch bestehenden Universal—
gewalt des Abendlandes; die Geschichte der deutschen Reforma—
tion als des großen germanischen Fermentes der europäischen
Völkerentwicklung neuerer Zeiten; die preußische Geschichte zur
Zeit der beginnenden Erhebung der brandenburgischen Mark—
grafschaft zur europäischen Großmacht; die englische und franzö—
sische Geschichte in den Zeiten Cromwells und Ludwigs XIV.
in ihrem Einwirken auf die großen kommerziellen und politischen
Fragen des Kontinents; dazu eine reiche Fülle kleinerer Arbeiten
und universalgeschichtlich gefaßter Biographien: bis der Vier—
undachtzigjiährige dem ungeheuren Gedanken der Weltgeschichte
Raum gab. Nur ihm lebend, ein Überleber seiner Zeitgenossen
— denn Alter ist an und für sich Einsamkeit, wie er wohl
schrieb — hat er noch über sechs Jahre lang geschaffen: und
dies in seinem laugen Sonnenuntergang so glückliche Dasein ist
nicht erloschen, ehe nicht der Zusammenhang des letzten großen
Werkes mit den früheren Geschichten der europäischen Welt
des 16. bis 19. Jahrhunderts in der Hauptsache gewonnen war.
Ranke ist weder in dem Getriebe der historischen Methode
noch in dem Ideenkreise der romantischen Philosophie völlig auf⸗
gegangen. Mit Recht hat er Scherer, der ihn einmal auf seine
geistigen Ursprünge klassifikatorisch auszufragen suchte, den Weg
mit dem humorvollen Worte abgeschnitten, er sei viel originaler,
als man glaube. Er war vor allem eine lebensprühende Persön⸗
lichkeit. So war ihm Kritik und Methode schlechthin nur Hilfs—
mittel und hob er sich schöpferisch über alle ihre kleinen Selbst—
zwecke; so gingen ihm philosophische Probleme, die er andachts⸗
voll liebte, nur vom Standpunkte eines persönlich-innigen, an
früher Lektüre Luthers gefestigten evangelischen Gottesglaubens
aus auf: und insofern diese liebenswürdige Natur hassen konnte,
haßte sie Hegel. So entnahm Ranke der Atmosphäre der
Kantschen Philosophie nicht die harte Antinomie zwischen Freiheit
        <pb n="341" />
        Beginnender Realismus.

331

und Notwendigkeit und zwischen individuellen und staatlichen
Energien; in der milden Luft seines anschaulichen Denkens
erschienen die Staaten wohl als vornehmste Träger mensch-—
licher Geschicke; aber er blieb weit davon entfernt, über ihren
scharfkantigen Wirkungen die freiheitlich höhere Sphäre der
geistigen und vor allem der religiösen Bewegungen zu vernach—
lässigen; und er hat selbst kunstgeschichtlich im einzelnen ge—
arbeitet. So blieb er zwar ein Kind seiner Zeit, aber indem
er deren Richtlinien in die besondere Denkweise einer uni—
versalen Anlage und damit ins Ungemeine verlängerte, sah er
auch sein Werk in Zeiträume von einer Ausdehnung hinein⸗
wachsen, die sich über die gewöhnliche Periode der Wirkung
eines Menschenlebens erhoben: und lange Zeit hindurch weniger
gelesen und mehr von ferne betrachtet, hatte er gegen Ende seines
Lebens und seines Jahrhunderts auch in dieser Hinsicht in
Fülle, was seine Jugend sich mochte gewünscht haben. Zugleich
aber war er über den politischen Gegensatz von Legitimität
und Revolution, der noch die Generationen seiner Mannes⸗—
jahre heftig bewegte, durch Erbreiterung der Begriffe der ge—
schichtlichen und der aufklärerischen Anschauung so gut wie völlig
hinausgewachsen; und nachdem er das Auge unter dem Blick—
punkte der letzten Zeitalter vom 15. und 16. Jahrhundert ab
zu höchsten Perspektiven geweitet hatte, war er, einem Goethe,
einem Faust an Weltfreude und Weltkenntnis ähnelnd, zu un—
erhörten Tiefen universaler Fernsicht gelangt, die ihn dem
Ewigen zu vermählen schienen.
Rankes Zeitgenossen im historiographischen Berufe, die
wie er schon einen stärkeren Realismus der Forschung und der
Darstellung mit dem idealen Zuge einer Weltanschauung der
Ideenlehre mehr oder minder verbanden, ein Loebell, Voigt,
Lappenberg, Stenzel, sind in der Überlieferung in den Kern—
schatten dieses blendenden Lichtes geraten; besonders unverdient
darunter auch Gervinus. In manchen Dingen Ranke ähnlich,
eine wesentlich methodisch angelegte Natur und vor allem
literarische Entwicklungen meisternd, kritisch und doch gleich
Ranke die Kraft bloßen Methodentums auf historischem Gebiete
        <pb n="342" />
        332 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

im Gegensatze zu vielen Zeitgenossen nicht überschätzend, wich
Gervinus durch die Schroffheiten einer höchst eigenwilligen Per—
sönlichkeit doch wesentlich von seinem Rivalen ab. War es unter
diesen Umständen ein Zufall, daß er zum willigsten Schüler
Schlossers, des strengsten historischen Moralisten deutscher Zunge,
geworden ist? Wie dem auch sein möge, indem er so das In—
dividuelle praktisch wenig beachtete, weder in den Personen
noch in den Dingen, hat er sich eine minder vorteilhafte Basis
persönlicher Erinnerungen geschaffen und auf wissenschaftlichem
Gebiete vor allem die unpersönliche Seite der Ideenlehre zur
Geltung gebracht. Es war ganz sicherlich ein Fortschritt in
der Art, wie diese in seiner Historik vom Jahre 1837 gelehrt
wurde und teilweise auch in seinen Arbeiten, vor allem den
literargeschichtlichen, zutage trat. Allein indem dabei die „künst—
lerische Behandlung des Geschehens“ besonders betont wurde,
indem der Historiker als ordnender Kopf gegenüber den mensch⸗
lichen Geschicken zu den Dichtern in Parallele geriet, die gegen⸗
über denselben Geschicken schöpferischen Sinn zu bewähren
hätten: trat Gervinus in Gegensatz zu einer Zeit, die immer
mehr zum Realismus der Einzelforschung fortdrängte, und der
bald ein Satz, wie der, daß in der Geschichte nur wichtig sei,
was sich einer historischen Idee anschließt, als ein Märchen,
wenn nicht gar als eine Blasphemie zu erscheinen vermochte.
Und nur der Gedanke, daß alles historische Leben doch wohl
im Staate gipfele, verband den Alternden zuletzt noch mit den
Epigonen Rankescher Schule.
Im übrigen war nicht zu verkennen, daß die Verquickung
der Ideenlehre als Teil der historischen Methodologie mit den
spekulativen Anschauungen der Romantik doch auch zu starken
Einseitigkeiten führte, die dem zunehmenden Realismus Anlaß
zu einer gewissen Abwendung gaben. Sicherlich hatte diese
Lehre der Geschichtsbetrachtung den höchsten Schwung gegeben.
„Was kann kühner sein“, ruft Gervinus einmal aus, „als der
Weltordnung nachzuforschen, im wirren Chaos der Dinge die
lenkende Hand Gottes zu erraten?“ Allein es mußte auch
erlaubt sein zu fragen, ob denn der Historiker die nötigen
        <pb n="343" />
        Beginnender Realismus. 333

Organe zu solcher Erkenntnis aufweise? Nur intuitiv, ant⸗
wortete darauf Droysen noch viel später in seiner Historik, läßt
sich der Ideengehalt der Geschichte erkennen. Da war denn also
die mystische Erkenntnistheorie der Romantik in die historische
Methodenlehre eingetreten; und niemand schien mehr etwas zu
wissen von den rationalistischen Anfängen dieser Lehre im
18. Jahrhundert. Darm mußte ein steigend rationalisierender
Realismus die Ideenlehre in der Art, wie sie bestand, bald als in
hohem Grade einseitig erkennen. Ging sie denn etwa auf die
Totalität der menschlichen Begebenheiten? Dem Geistigen an—
dächtig schauend zugewandt, übersah sie dessen Wurzeln in jenen
wirtschaftlichen und sozialen Elementarvorgängen, die dann eine
spätere Theorie ebenso einseitig als einzig zeugendes Element der
Geschichte gepriesen hat. Und diese Vernachlässigung der Erden—
elemente gleichsam geschichtlichen Werdens ging schon bei Ranke
so weit, daß alles „Ungeistige“ nur als „Schein“ betrachtet
wurde, während es Hegel, der Geschichtsphilosoph, gar als „un—
endliche Lüge“ bezeichnete. Da hatte denn die Historie freilich
bekenntnismäßig „das Amt, die Vergangenheit zu richten“, wie
Ranke sich ausdrückte, aufgegeben: war sie aber ihrem positiven
Vorhaben treu geblieben, bloß zu berichten, „wie es eigentlich
gewesen“?
Eine Zeitlang konnte es scheinen, als wenn eine erkenntnis⸗
theoretische Heeresfolge Hegels über die Schwierigkeiten, die
sich hier auftaten, hinweg- und weiterführen könne. Da konnte
man die Frage, ob die Geschichte tatsächlich die Verwirklichung
der Freiheit oder der Vernunft oder des Selbstbewußtseins
sei, vielleicht auf sich beruhen lassen und sich auch verwandt
„hoher Ämter nicht unterwinden“: und vermochte doch von
dem Erkenntnisschlüssel Hegels, dem Triadensystem, Gebrauch
zu machen, da es mit dem ihm eingeschriebenen Gedanken der
Polarität der Gegensätze und ihrem Werden auseinander und
zueinander ganz sicherlich eine starke psychologische und damit
historische Wahrheit enthielt oder wenigstens andeutete. Es
war ein Moment, das eine völlig andere Wendung in der Ent—⸗
wicklung der Geschichtswissenschaft zuließ: das Moment, welches
        <pb n="344" />
        334 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

eigentlich alle von Hegel beeinflußte historische Methodologie
in sich zusammenhält.
Und von ihm aus entwickelte sich nun in der Tat eine
überaus rege Geschichtsforschung, die mehrere Jahrzehnte, bis
in die sechziger, ja siebziger Jahre hinein noch fortwährte.
Nur war sie naturgemäß nicht so sehr auf die voluntaristische
Seite des geschichtlichen Geschehens als auf die intellektualistische
gerichtet; denn ihr Triadensystem ging ja im Grunde von
einer dialektischen Formel aus. Ein sehr merkwürdiges Ge—
schick in der Tat der Einwirkung der Hegelschen Geschichts—
philosophie. Nach Tradition und Wissen der zwanziger Jahre
vornehmlich dem Staate als dem vermeintlichen Mittelpunkte alles
historischen Werdens zugewandt und insofern voluntaristischen
Charakters, hat sie doch schließlich vor allem der Durchbildung
einer rationalisierenden Kulturgeschichte gedient. Denn die
höheren Zweige der Kultur vor allem waren es, auf deren Ent—
wicklung das triadische System Anwendung erlangte.
In diesem Bereiche aber hat seine Einführung in der Tat
wesentlich gefördert. Fragte man nach dem erkenntnistheoreti⸗
schen Werte der Ideenlehre, so bestand er doch vor allem darin,
daß sie längere Reihen historischen Geschehens unter einem
Begriffe, einer Anschauung zusammenzufassen gestattete. Damit
war, gingen diese Reihen auch ursprünglich und ausgesprochener⸗
maßen nur auf das Singuläre in der Geschichte, doch schon
häufig auch eine vage Erfassung sozialpsychischer Momente ver—
knüpft. Jetzt nun, in der Organisierung des kulturgeschicht⸗
lichen Stoffes durch das Hegelsche Triadensystem, traten diese
sozialpsychischen Elemente, die Stilformen in der Kunst, die
Frömmigkeitsarten in der Religion, die Rechtscharaktere in der
Verfassung und im Rechte, ganz anders in den Vordergrund.
Und die Triade erlaubte viel längere, ja eigentlich über eine
ganze menschliche Gesellschaft und ihre Schicksale durch beliebig
viele Generationen hin verlaufende Reihen: und unterwarf
zudem diese Reihen auch noch einer Gliederung. Es war ein
Zusammenhang, der aus der alten rein historischen und der
späteren genetischen Auffassung schon auf eine noch weitere,
        <pb n="345" />
        Beginnender Realismus. 385

evolutionistische verwies: so wie wenig später die melodisch
kurzen Reihen noch der klassizistischen Musik durch viel längere
romantische Bildungen und schließlich durch die „ewige Melodie“
der modernen Symphonik abgelöst worden sind.
Zugute aber kam die neue Betrachtungsweise an erster
Stelle der Geschichte der Philosophie und der Religion, so—
weit diese dem weiten Gebiete philosophischer Weltanschauung
verwandt war.
Für die Entwicklung der Geschichte der Philosophie wurde
Hegels System schon deshalb überaus einflußreich, weil die
entsprechenden Studien durchweg in der Hand von Philosophen
lagen und sein Urheber unter diesen des weitesten Anhanges
genoß. Denn während Kants Einwirkung sich so ziemlich er—
schöpft hatte und von einer Schule Fichtes nicht eigentlich ge—
sprochen werden konnte — erst neuerdings haben Fichtes Ge—
danken wenigstens zum Teil in den Philosophemen Bergmanns
und Euckens eine Auferstehung gefeiert — und während auch
die Scharen der Schellingianer dünn gesät waren, wurden in
den letzten Jahrzehnten vor der Mitte des Jahrhunderts die
meisten philosophischen Katheder der deutschen Hochschulen von
Hegelianern eingenommen und erschien von 1827-1847 in
den Jahrbüchern für wissenschaftliche Kritik ein eigenes Organ
der Hegelschen Schule. Das bedeutete im allgemeinen schon
eine außerordentliche Macht im Bereiche des deutschen Geistes⸗
lebens, und eine besonders starke erst recht auf dem engeren
Felde der Philosophie. Diese aber mußte bei der ganzen
historisierenden Richtung der romantischen Philosophie über—
haupt und vor allem des Hegelschen Denkens keiner philo⸗
sophischen Disziplin mehr als der Geschichte der Philosophie
zugute kommen. Und so haben hier Meister wie Zeller,
Erdmann, Fischer reiche Ernten geborgen. Aber auch andere
Gebiete der Philosophie begannen sich mehr oder weniger in
diskursive, historische Disziplinen zu verwandeln und damit
den gleichen Einflüssen anheimzufallen, so an erster Stelle die
Asthetik: es sei da nur an die Arbeiten Vischers und Carrieres
erinnert, die fast ebensosehr der Geschichte wie der systematischen
        <pb n="346" />
        336 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Philosophie angehören. Und erging es den systematischen
Disziplinen der Jurisprudenz, an erster Stelle der Staatswissenschaft,
 etwa anders? Innerhalb der Theologie aber, der
systematischen wie der historischen, lösten die gleichen Einflüsse
eine Bewegung aus, die tief einschneidend die Zeit bewegte
und darum ins Politische verlief. Es ist ein Ausgang, auf
den unsere Erzählung hier zum ersten Male stößt und auf den
sie später genauer einzugehen haben wird: ein charakteristischer
Ausgang: was stark und groß war in der realistischen Be—
wegung der höchsten geistigen Kultur während der dreißiger
und im Beginne der vierziger Jahre, in Wissenschaft, Philo—
sophie, Religion, Kunst, ist schließlich dieser Entwicklung zu—
gefallen: und die besten Errungenschaften des Realismus führten
so zu revolutionärer Tat, zu kriegerischem Entschluß, zu jener
nationalen Einheitsbewegung vor allem, welche die Mitte des
Jahrhunderts erfüllte.
Wenn aber so die systematischen Geisteswissenschaften unter
den genetischen Gesichtspunkt des Hegelschen Triadensystems
traten, wie hätten da die eigentlich historischen, und das hieß
nach früher Erzähltem! in diesem Zusammenhange die kultur—
historischen Disziplinen, die Literaturgeschichte und die Kunst⸗
geschichte vornweg, zurückbleiben sollen?
Schließlich geschah sogar noch ein anderes, Erstaunlicheres.
Da das dialektische Entwicklungsgesetz Hegels aus der Selbst—
—D
auch nur auf die Bewegung der höchsten geistigen Funktionen
vornehmlich intellektueller Art übertragen werden; wir wissen
dies schon, und es ist in dieser Hinsicht bezeichnend, daß Hegel
selbst seine Anwendung auf die Geschichte des Rechts, d. h.
nach seiner Auffassung des Gesamtwillens, nicht gefunden hat.
Da war es denn doch höchst merkwürdig, daß Marx, in
der sogenannten materialistischen Geschichtsphilosophie?, die
Trias Hegels auf die wirtschaftlichen Entwicklungsphänomene

S. oben S. 248 ff.
S. ausführlicher noch Band XI, 1, Buch 25, Zweites Kapitel No. III.
        <pb n="347" />
        Beginnender Realismus. 337

und über sie hinaus auf die Sozial- und schließlich Verfafsungs—
geschichte anwandte. Und indem er damit die geschichtliche
Führung auf dem Wege der Selbstbewegung, die Hegel dem
Geiste zugeschrieben hatte, an erster Stelle dem Wirtschafts⸗
leben zuwies, zu dem Satze kam, daß die ökonomische Potenz
der menschlichen Entwicklung zentral innewohne: und demgemäß
von ihrer veränderten Fortbildung lin der Gegenwart und
nächsten Zukunft eine entscheidende Anderung in dem Gange
unseres Kulturlebens überhaupt erwartete.
Gewiß erklärte sich diese total veränderte Anwendung der
Hegelschen Entwicklungsmechanik an erster Stelle aus der über⸗—
aus energischen Ausgestaltung des Wirtschaftslebens der Unter⸗
nehmung, aus der schweren Spannung vor allem zwischen den
neuen sozialen Schichten dieses Wirtschaftslebens, den Arbeit⸗
nehmern und Arbeitgebern, die inzwischen einzutreten begann.
Auch entsprach sie einem kausalen Bedürfnisse, das sich in der
na tionalökonomischen Wissenschaft schon seit Beginn des 19. Jahr⸗
hunderts langsam gegenüber der bis dahin überwiegenden teleo⸗
logischen Betrachtungsweise angekündigt hatte. Gleichwohl war
kein Zweifel, daß die Schlußfolgerungen von Marr innerhalb des
Hegelschen Systems selber dessen außerordentliche Einseitigkeit
und dessen fundamentale Fehler ganz besonders deutlich erkennen
ließen. Abgeleitet aus bloß logischen Vorgängen, deren Auf—
fassung an sich schon früh innerhalb der erkenntnistheoretischen
Fachliteratur insbesondere von Trendelenburg bestritten wurde,
— EDDDD0
menschlichen Entwicklung, mußte es bestenfalls die Erkenntnis
nur dieses Teiles fördern, dagegen zur Vernachlässigung der
übrigen seelischen Vorgänge des geschichtlichen Lebens führen:
bis es auf den elementarsten dieser Vorgänge, den wirtschaft⸗—
lichen, eine im Sinne seiner Entstehung geradezu mißbräuchliche
Anwendung fand.
Freilich: als diese Folgen klarer zutage traten, war die
Wirkung der Gedanken Hegels auf dem Gebiete der Geistes—
wissenschaften schon außerordentlich genug gewesen; und noch
die Köpfe der sechziger und siebziger Jahre waren von ihnen
Lamprecht, Deutsche Geschichte. N. 22
        <pb n="348" />
        338 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

erfüllt — wie denn ihr stiller, unbewußter Einfluß in seinen
Ausläufern noch heute gerade innerhalb der Kreise der so—
genannten exakten Forschung fortwährt.
Daneben hatte man sich freilich im höheren Betriebe der
Geisteswissenschaften schon früh gegen Hegel, gegen seine Welt⸗
anschauung wie seine Methode, zu verwahren begonnen. Und
noch vor dem Widerspruche der Vertreter der Einzelwissen⸗
schaften ertönte vereinzelt der der Philosophen. Schopenhauer,
der später Hegel mit deutscher Gelehrtenhöflichkeit einen „geist⸗
losen, unwissenden, Unsinn schmierenden, die Köpfe durch
beispiellos hohlen Wortkram von Grund aus und für immer
desorganisierenden Philosophaster“ genannt hat, hatte doch auch
den Mut gehabt, schon in seiner Antrittsvorlesung an der Uni—
—D
Kants Tode seien Sophisten aufgetreten, die mit ihrer barbari—
schen Dunkelheit die Denkkraft ihrer Zeitgenossen ermüdet und
vom Studium der Philosophie abgeschreckt hätten. Und andere
Philosophen, die sich mit Schopenhauer schon gegen die Ro—
mantik überhaupt wandten, bezeichneten dann deren Philosophie
als einen babylonischen Turmbau, der „mit Hochmut und Torheit
begonnen wurde und mit der Verwirrung der Sprachen schloß“.
Ja noch bei Hegels Lebzeiten war der Widerspruch so weit ge—
wachsen, daß der Meister in der satirischen Komödie Gruppes
„Die Winde, oder ganz absolute Konstruktion der neueren
Weltgeschichte durch Oberons Horn“ verhöhnt werden konnte
und seinen Anhängern nur der Trost blieb, daß es Schelling
in der anonym erschienenen Schrift Bruno Bauers „Schelling,
der Philosoph in Christo, oder die Verklärung der Welt—
weisheit zur Gottesweisheit“ schließlich fast noch schlimmer er⸗
gehen konnte.
Wenn aber die Philosophie so durch ihre eigenen An—
gehörigen für das Zeitbewußtsein entwertet wurde: sollten da
die Geisteswissenschaften und vor allem die Geschichtswissenschaft
nicht versuchen, proprio Marteé zu siegen?
Schon längst, noch unter der Einwirkung der Früh—
romantik, war dazu ein Anfang gemacht worden. Von
        <pb n="349" />
        Beginnender Realismus.

339

unmittelbar poetischen Anregungen, der Übersetzungstätigkeit an
fremden Literaturen und Verwandtem ausgehend', der politi⸗
schen Tätigkeit und Geschichtsbetrachtung ursprünglich fern, hatte
diese Bewegung anfangs zunächst auf einem Gebiete Früchte
gezeitigt, das, ein Willensgebiet, von der Geistesphilosophie der
Romantik am wenigsten gemeistert werden konnte, auf dem Ge⸗
biete des Rechtes. Hier hatten Eichhorn in seiner Deutschen
Reichs- und Rechtsgeschichte seit 1888 und von Savigny in
seiner Geschichte des römischen Rechts im Mittelalter seit 1815
schon die Bahnen einer durchaus empirischen Forschung ein⸗
geschlagen. Freilich blieb dabei dem Verlaufe auch dieser
Forschungen der romantische Geist noch nicht völlig fern; so
wenn Thibaut in Heidelberg im Zahre 1814 über Eichhorn
und Savigny hinweg erklärte: alles Recht sei nicht geschaffen,
sondern es werde und wachse als eine in däs Bewußtsein auf—
genommene natürliche Ordnung, als ein Teil des Volksgeistes:
und eben in diesem Sinne sei die Entwicklung des Rechts nichts
als ein Teil der Kulturgeschichte.
Fast noch mehr einen romantischen Schimmer behielt
die Forschung auf dem Gebiete der deutschen Sprache und
Kultur, wie sie sich durch das dritte und vierte Jahrzehnt des
Jahrhunderts in niemand mehr als in den Gebrüdern Grimm
verkörperte. Das hessische Brüderpaar, das 1802 die Landes—
universität Marburg bezogen hatte, traf hier Savigny; und enge
Fäden zogen sich alsbald von seinem juristischen Katheder zu
der Beschaulichkeit Wilhelms und dem Forscherernste Jakobs.
In die gelehrte Arena traten die Brüder aber erst nach den
Freiheitskriegen ein, nachdem sie der Nation schon 1812 ihr
und ihres Stammes kostbarstes Vermächtnis, die „Kinder- und
Hausmärchen“ auf den Weihnachtstisch gelegt hatten. Was
sie von nun ab ein langes und ehrenfestes Leben hindurch ge⸗
meinsam trieben, war eine durch innigste Liebe verklärte Unter—
suchung der vaterländischen Vergangenheit, ein gemütvolles
Wiederauflebenlassen alter deutscher und germanischer Kultur in

S. oben S. 246 ff.
        <pb n="350" />
        340 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

vertiefter Forschung. So fehlte denn die Anlegung allgemeinerer
wissenschaftlicher Maßstäbe: dies Volk eben, diese Geschichte, nur
auf der breiteren Grundlage allenfalls gemeingermanischen Ge—
schehens, fesselte sie, fand in ihren Werken Verherrlichung. Aber
eben in diesem Individualisieren griffen sie dann freilich in noch
niemals aufgesuchte Tiefen. Nach dem Erscheinen der „Deutschen
Sagen“, die in der Durchforschung ihrer Stoffe eine deutsche
Literaturgeschichte vorbereiten sollten, war das eigentlich ent⸗
scheidende Werk Jakobs die Deutsche Grammatik, von der 1819
der erste Band veröffentlicht wurde: in Wahrheit eine aller
trockenen Sprachvergleichung entrückte lebendige Geschichte der
deutschen, ja der germanischen Sprachwelt. Im Jahre 1837 ist ihr
vierter Band, der letzterschienene, nicht der letztgeplante, heraus—
gekommen; das Jahr 1848 brachte aus Jakobs Feder noch eine
„Geschichte der deutschen Sprache“, der dann 1832 der Beginn des
großen Grimmschen Wörterbuches folgte: es waren die gramma—
tischen Arbeiten, die das Leben der Brüder am meisten durchzogen,
ihrer Methode Halt, ihrem Denken Richtung gegeben haben.
Dabei wurde gewiß die eigentliche Romantik allmählich
abgestreift. Und gewißlich war auch exakte kulturgeschichtliche
Methode am ehesten auf dem Gebiete der unbewußtesten aller
großen Kulturerscheinungen, auf dem der Sprache, zu üben und
auszubauen. Aber ließ sich darüber hinaus leicht auf weitere,
vielleicht noch wichtigere und höhere Kulturgebiete gelangen?
Neben dem Gebiete der Sprache haben die Brüder vornehmlich
nur noch die Felder des Mythus und des Rechts, das sie in
hrer gemütvollen Fassung stark der Sitte annäherten, bestellt:
die nächsten bedeutsamen Gebiete unbewußten sozialpsychischen
Lebens: und bezeichnend war, daß ihnen schon die literär⸗
geschichtlichen Studien nicht gleich günstig gediehen.
Und so blieben denn trotz ihrer Tätigkeit die historischen
Disziplinen der Kunst und der Dichtung, der Religion und der
Wissenschaft, der Verfassung und des Staates dem Einflusse
der vollen romantischen Weltanschauung und der Schlußmethode
Hegels überlassen; und nur in den Außenseiten germanischen
Lebens, jenseits der Sprachgrenze des Gemeindeutschen, in
        <pb n="351" />
        Beginnender Realismus.

341

Holland und unter den Vlamen fanden ihre Studien nicht
bloß Nachahmung, sondern auch Fortsetzung; hier folgte dem
Wörterbuche von De Vries die freilich schon übertrieben in—
dividualistische Literaturgeschichte Jonckbloets.
Die stärkste Gegnerschaft gegen die romantische Leitung
der Geisteswissenschaften aber ging schließlich doch von der
politischen Geschichte aus: und ihre vollere Entwicklung hat viel—
leicht mehr dazu beigetragen, jene glänzende scholastische Kon⸗
struktion mit ihren tausend Pfeilern, Bogen', Fialen, wie sie
schließlich aus Hegel entgegentrat, zu stürzen, als alle deduktiven
Beweisführungen dahin, daß es nicht möglich sei, mit Hegel die
Welt der Erscheinungen aus einem bloßen Begriffe abzuleiten.
Denn von vornherein und jedermann einleuchtend wurde hier
klar, daß sich der Gang der äußeren politischen Ereignisse
ebensowenig der Gesamtanschauung Hegels wie etwa gar der
immanenten Dialektik nach Thesis, Antithesis und Synthesis
einordne.
Allein so leicht es erschien, von diesem Standpunkte aus
zu kritisieren, zu protestieren oder zu ignorieren, so schwer war
es, auf der Stelle des Ortes der Verwüstung ein neues Ge—
bäude historischer Disziplinen zu errichten. Da mochte man
wohl, wie John Stuart Mill nach' dem Erscheinen von Comtes
Philosophie positivo, denken oder noch lieber als Richtung
einer angeblichen öffentlichen Meinung proklamieren, daß jeder
Versuch, allgemeine Wahrheiten über Politik und Gesellschaft
aufzustellen, Marktschreierei bedeute: die allgemeinste öffentliche
Meinung, das einfache menschliche Bewußtsein, die primitivste
Definition von dem, was Wissenschaft ist, forderte solche Wahr⸗
heiten gleichwohl: mitnichten war sie durch einen rationalistisch
angehauchten Individualismus befriedigt: wie denn die Ge—
schichtswissenschaft und noch mehr die Geschichtschreibung auch
äußerlich und künstlerisch jederzeit Perioden des Einschrumpfens
erlebt hat, sobald sie nicht durch einen Zug allgemeiner Ge—
danken getragen wurde.
Nun konnte dafür freilich ein Surrogat eintreten, das schon
die Frühromantik sehr klar beschrieben hat. „Die sogenannte
        <pb n="352" />
        342 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Staatenhistorie, welche nichts ist als eine genetische Definition
vom Phänomen des gegenwärtigen politischen Zustandes einer
Nation, kann nicht für eine reine Kunst oder Wissenschaft
gelten. Sie ist ein wissenschaftliches Gewerbe, das durch Frei—
mütigkeit und Opposition gegen Faustrecht und Mode geadelt
werden kann.“! Die Verbindung mit der Politik vermochte
über den Mangel an allgemeiner gedanklicher Systematik hin⸗
wegzutäuschen, konnte das Fehlen breiter universaler Gedanken—
reihen scheinbar ersetzen. Und wir werden sehen, wie sich auf
dieser Grundlage in Deutschland alsbald eine glänzende po—
litische Geschichtschreibung erhoben hat, sobald, mit den vierziger
und fünfziger Jahren, in Liberalismus und Einheitsbewegung
die Vorbedingungen eines großen allgemeinen politischen Inter⸗
esses gegeben waren: auch hier mündete der reine Realismus
in Politik.
Einstweilen aber, in den dreißiger Jahren, war dies Inter—
esse noch nicht so stark vorhanden. Und so half man sich, auf
der Grundlage des Surrogats, nochmals mit einem Surrogate.
Das Interesse an der fremden politischen Geschichtschreibung
erwachte. Vor allem an der Frankreichs. Denn hier war in
der Tat seit den zwanziger Jahren eine gewaltige Literatur
im Aufblühen begriffen, die, namentlich von der künstlerischen
Seite her betrachtet, wohl geeignet schien, Anteilnahme zu
wecken: 1828 und 1824 waren Mignet und Thiers mit den
Anfängen ihrer Geschichte der französtschen Revolution hervor—
getreten; 1825 hatte Thierry seine Geschichte der Eroberung
Englands durch die Normannen herausgegeben, der dann die
Erzählungen aus der Merowingerzeit und die Geschichte des
Fiers état folgten; und Guizot hatte sich 1826 in seiner Ge—
schichte der englischen Revolution in die erste Reihe der französi—
schen Historiker gestellt. Diese Übermacht geschichtlichen Schaffens
drang nun seit den dreißiger Jahren immer stärker über den
Rhein, und „so hat es geschehen können, daß nicht bloß der
historische Geschmack, sondern auch das historische und damit

Athenaeum 12 S. 60.
        <pb n="353" />
        Beginnender Realismus. 343

zum nicht geringen Teil das politische Urteil in Deuschland
drei, vier Jahrzehnte lang von der fremden Historiographie
gebildet und geleitet, von ihrer rhetorischen Überlegenheit be—
herrscht wurde“1.
War damit aber der Entwicklung der deutschen Geistes⸗
wissenschaften gedient? Vergebens kämpfte die politische Ge—
schichte einstweilen um eine Anerkennung, die ihr den Sieg
im Streite mit der Romantik hätte sichern können.
Doch war in diesem Momente längst eine Wissenschaft in
den Vordergrund getreten, die diesen Streit allerdings bestand:
die klassische Philologie, richtiger die Geschichtswissenschaft des
klassischen Altertums.
Es ist schon früher erzählt worden, wie die klassische
Philologie als eine Interpretationskunst der alten Schriftsteller,
einschließlich der Bibel, entstanden ist; und zwar vornehmlich
in protestantischen Ländern?: denn bis zu einem gewissen Grade
ist sie in ihrer gelehrten Ausbildung das Ergebnis von Vor⸗
stellungen, welche gewissen Schriften einzigartigen, ja teilweise
göttlichen Wert beilegten.
Diese Art der Philologie wurde nun mit beginnendem
Subjektivismus, seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts,
zunächst zu immer größerer Freiheit und Feinheit entwickelt;
Hand in Hand mit einer vollständigen Aufnahme der Über—
lieferung in Handschrift und Inschrift ging dabei das Bestreben,
jeden Schriftsteller durch eingehendste Versetzung in seine einstige
Umwelt besser verstehen zu lernen.
Es war eine Entwicklung der Philologie, die sich vor allem
in der Leipziger Schule zu höchsten Leistungen hob. Ihr wich—
tigster Vertreter war wohl Gottfried Hermann (1772-1848), seit
1803 ordentlicher Professor an der Leipziger Universität. Ein
wirksamer Lehrer und präziser, methodischer Forscher lebte und
webte er in Grammatik und Kritik, entwickelte die erkenntnis⸗
theoretischen Grundlagen wie die hauptsächlichsten technischen

Droysen, Historik? S. 83.
S. Band VIS. 155 ff., VII, 1, 335 ff.
        <pb n="354" />
        344 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Handgriffe der Interpretation systematisch und übte sie an den
hervorragendsten klassischen Autoren praktisch aus. Dabei hatte
er eine besondere Vorliebe für die griechischen Dichter, so Homer,
Hesiod, die Dramatiker und Pindar, und wurde damit auch
zum Begründer der klassischen Metrik. Hermann hat sehr viele
Schüler herangezogen, so den Gräzisten Lobeck, den Homeriker
Lehrs, als vielseitigsten wohl Theodor Bergk, als begabtesten
den frühverstorbenen Reisig (1792 -1829). Ein Schüler Reisigs
war Friedrich Ritschl (1806 1876), der dann Hermanns Lehr⸗
und Arbeitsweise zuerst in Bonn, dann in Leipzig am treuesten
fortsetzte. Freilich ging Ritschl dabei nicht mehr völlig in
Kritik und Hermeneutik auf, wenn er auch fast stets von ihnen
ausging. Vielmehr ergriff er von einzelnen Autoren, namentlich
von Plautus her, schon das Problem der Geschichte der Sprache
überhaupt; in diesem Zusammenhange hat er z. B. den alt—
lateinischen Sprachresten die erste vollwissenschaftliche Be—
arbeitung zuteil werden lassen. Und so hob denn seine Auf—
fassungsweise die Methodik der Philologie inhaltlich etwa in
die Gebiete, welche die Brüder Grimm in den germanischen
Kulturen eingehend bebauten, und ging damit über die wissen—
schaftliche Anschauung der Berliner Philologen Lachmann (1793
bis 1851) und auch noch Haupt (1808-1874) bereits hinweg.
Allein inzwischen hatte der Begriff der klassischen Philo—
logie schon längst eine Erweiterung erfahren, die den immer
noch durchscheinenden Standpunkt einer bloßen Interpretations⸗
kunst völlig überholte. Wollte man subjektivistischen Anforde—
rungen entsprechend interpretieren, so hatte man die Persön—
lichkeit und den Charakter jedes einzelnen Autors aufs weiteste
aus dessen Umwelt zu erklären: und tat man dies, so sah
man sich alsbald zur Umgestaltung der klassischen Philologie
in eine allgemeine Altertumswissenschaft veranlaßt. Und
während einer solchen Umwandlung auf den Gebieten der
mittelalterlichen und neueren Geschichte ohne weiteres die Tat—
sache entgegengestanden haben würde, daß sich hier die Ver—
breiterung des historischen Interesses allein auf dem Wege
einer arbeitsteiligen Durchbildung schon bestehender wissenschaft—
        <pb n="355" />
        Beginnender Realismus. 345

licher Interessen ins Historische hinein möglich erwies, so daß
einzelne Disziplinen der Rechtsgeschichte, Literärgeschichte, Kunstgeschichte,
 später Wirtschafts- und Sozialgeschichte entstanden:
ergab sich für das klassische Altertum bei der Begrenztheit
der praktischen Interessen, die sich auf Römer und Griechen
bezogen, der außerordentliche Vorteil, der historischen Auffassung
ohne jede allzustarke Entwicklung arbeitsteiliger Organisation
von vornherein eine Universalität wahren zu können, innerhalb
deren noch dieselben Personen alle Gebiete des antiken Lebens
grundsätzlich gleich stark im Sinne einer allgemeinen Altertums⸗
wissenschaft umfaßten.
Der Meister, der der klassischen Philologie mit Klarheit
und Ernst die erweiterte Aufgabe zuwies, war Friedrich August
Wolf (1759 1824), bis 1807 an der Universität Halle, von da
ab in Berlin tätig. Doch hat auch er noch die Aufgabe mehr nur
formuliert als schon zu lösen begonnen. In dieser Hinsicht
verknüpfte sich der Fortschritt vielnehr mit dem Namen August
Böckhs (17835—1867) und gehörte der Hauptsache nach doch erst
der Zeit des Realismus an, wenn Böckh, auch schon 1811 Pro⸗
fessor an der Universität Berlin wurde und bereits 1817 sein
wichtigstes Werk, die Staatshaushaltung der Athener, hat er⸗
scheinen lassen. Böckh hat gelegentlich wohl noch im Sinne der
älteren Auffassung, so namentlich über Pindar, gearbeitet: auch
hierin für die Späteren vorbildlich; denn es ist immer ein Vorzug
der antiken Geschichtsforschung geblieben, daß ihre Jünger und
Meister zugleich Künstler der Interpretation waren oder wenig⸗
stens sein sollten. Vor allem aber war er doch der Begründer
der heutigen Disziplinen der Staatsaltertümer und damit einer
der Erklärung der Schriftsteller an sich ferner stehenden Forschung,
die vielmehr aus den Inschriften wichtige Nahrung zog; vor—
nehmlich! auf Böckhs Betreiben trat daher die Berliner Aka⸗
demie 1825 mit der Ausgabe des Corpus inscriptionum
Graécarum hervor. Und er bereitete der neuen Ansicht des
Altertums alsbald einen so sicheren Standpunkt, daß sie seit—
dem nicht wieder unterdrückt werden konnte: er hat auch schon
die Hilfsdisziplinen der Finanz- und Verfassungsgeschichte der
        <pb n="356" />
        346 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
Alten musterhaft bearbeitet, so die Chronologie und noch mehr,
in seinen Metrologischen Untersuchungen von 1838, die griechi⸗—
schen Maße und Gewichte, deren Zusammenhang mit dem
afiatischen Orient er nachwies.
Wie aber Böckh die philologische Wissenschaft durch die
Kenntnis und Erforschung der ökonomischen und politischen
Seiten des antiken Lebens grundsätzlich zu einer höchst all⸗
gemeinen und vollkommneren historischen Disziplin umschuf,
so gelang dies für die ideellen Seiten der antiken Kultur den
Bonner Archäologen Welcker und Jahn wie dem Göttinger
Otfried Müller. Auf diesem Gebiete hatte allerdings Friedrich
Creuzer (1l771 - 1858) in seinem Buche über Symbolik und
Mythologie (1810-12) in romantischer Überhast und voll
Schellingscher Ideen alsbald den vollen Inhalt einiger neu zu
hegründender Disziplinen vorwegnehmen wollen. Natürlich
ohne Erfolg. Nur in harter Arbeit, unter eingehender Samm—
lung erst des sehr zerstreuten Materials, namentlich soweit es
monumentaler Art war, und unter unablässiger Kontrolle neuer
Methoden konnte das gelingen. Da war denn zunächst die Grün⸗
dung des Archäologischen Instituts zu Rom, 1829, von Bedeutung:
anfangs international, später mehr deutsch, ist es zur wichtigsten
Pflegstätte vor allem der kunstgeschichtlichen Bestrebungen ge—
worden. Freilich den ersten Studien Welckers (1784 - 1868)
kam es noch nicht zugute. Welcker, einer der ersten Philologen,
die persönlich nach den Ländern des klassischen Altertums wall⸗
fahrteten, war schon in den Jahren 1806 -08 in Rom gewesen
und verdankte diesem Aufenthalte, der ihn zugleich in das Haus
des feinsinnigen Wilhelm von Humboldt führte, die dauerndsten
Anregungen. Denn von da ab sah er das Kunstwerk nicht
mehr isoliert, sondern eingebettet in seine lokalen, religiösen,
technischen Beziehungen: und diese Betrachtungsweise wies ihm
sofort den Weg vollgeschichtlicher Auffassung. Und so wandte
er sich außer der Literatur nicht nur der Entwicklung der Kunst,
namentlich in deren höchsten Blütezeiten, zu; auch andere
Seiten des antiken Lebens und vor allem die Mythologie als
nächstes Verständnismittel der Kunst haben ihn beschäftigt.
        <pb n="357" />
        Seginnender Realismus. 347

Neben Welcker wirkte ziemlich gleichzeitig, doch frühem
Tode in Athen verfallend, auf dem Kolonos, in Sophokles'
Heimat, bestattet, Karl Otfried Müller (1797 -1840). Müller
war von den universalsten Interessen, wenn auch zunächst nur
tür das griechische Altertum, getragen; sein Wunsch, der ihm
freilich nicht in Erfüllung gegangen ist, war eine ganz allseitig
durchgeführte Geschichte von Hellas. So beschäftigte er sich
mit der Sagengeschichte der griechischen Stämme, mit der
Mythologie als historischer Disziplin, mit der Kunstgeschichte
endlich als auch einem wichtigen Teil der allgemeinen Auße⸗
rungen nationalen Lebens.
Der dritte endlich in dieser Reihe, philologisch strenger,
war Otto Jahn (1818 -1869). Er zuerst hat auf die Archäo—
logie eine durchaus exakte Methode angewandt; in dieser Hin⸗
sicht waren namentlich seine Arbeiten über die antike Vasenkunde
von Bedeutung. Aber es kennzeichnet ihn doch noch besser,
daß er zugleich der Biograph Mozarts und einer der besten
Kenner der neueren Musikgeschichte seiner Zeit gewesen ist:
so breit wurzelte sein Geist in allem, was groß war in euro⸗
oäischer Vergangenheit.
Mit den genannten Namen sind wohl die schönsten Zeiten
der klassischen Altertumskunde des 19. Jahrhunderts am besten
umschrieben. Fragt man sich vom allgemeinsten Standpunkte der
Geschichte der Geisteswissenschaften, was sie eigentlich bezeichnet,
so ergibt sich als wesentlich, daß in ihnen auf Grund einer noch
durchaus singulären Anschauung vom klassischen Altertum, das
dogmalisch als allen anderen historischen Zeiten überlegen und
daher als mit ihnen unvergleichbar betrachtet wurde, der Ver⸗
such gemacht worden ist, den inneren Zusammenhang einer so
singulär aufgefaßten Zeit allseitig anzuschauen und womöglich
zu begreifen. Es war, scharf gefaßt, eine unmögliche Aufgabe.
In Annäherungen aber wurde sie erreicht. Und eben hierin liegt
das Große, liegt die geschichtliche Bedeutung des Versuchs. In
einer Zeit, da die Psychologie noch weit davon entfernt war, zu
jener Führerin der Geisteswissenschaften zu werden, zu der sie ihre
aatürliche Stellung innerhalb des Reigens der Wissenschaften
        <pb n="358" />
        348 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

bestimmt, gelang es, an einer der wichtigsten Stellen der
historischen Disziplinen, auf dem einfachen Wege der analyti⸗
schen und synthetischen, der abstrahierenden und determinierenden
Methode diese Lücke zu decken und ein sonst nirgends in gleicher
Schärfe erreichtes Bild einer bedeutenden Vergangenheit zu
entwerfen.
Natürlich stellte sich damit die klassische Philologie an die
Spitze der geschichtswissenschaftlichen Bewegung in der Zeit
des Realismus; noch in den fünfziger und sechziger Jahren
sind die jungen Historiker des Mittelalters und der Neuzeit,
den wissenschaftsgeschichtlichen Prämissen der dreißiger und
vierziger Jahre folgend, an erster Stelle, wenn nicht allein in
den Seminarien der klassischen Philologen gebildet worden.
Es war zu einer Zeit, wo dennoch die Vorherrschaft der
klassischen Philologie schon gefährdet war. Auf die Dauer
zeigte sich doch, daß die bloße Anwendung singulärer Methoden
verzerrte Ergebnisse zeitigte; schon unterlag das Dogma vom
klassischen Altertum immer gewichtigerem Zweifel, wenn auch
zunächst erst von seiten der Exoteriker, seitens des nicht klassisch
gebildeten Publikums. Was aber wichtiger war: seit den vierziger
Jahren ging die Führung in der singulären Methode an die
moderne politische Geschichte über: diejenige Geschichtsdisziplin,
die seitdem durch den liberalen und nationalen Gedanken, durch
Revolution und Einheitsbewegung gestützt wurde.
Und so blieb es trotz allem zu Recht bestehen, daß der
Realismus der Geisteswissenschaften, soweit er nicht mehr mit
romantischen Ingredienzien verquickt war, in sichtlicher Schnellig⸗
keit in die Politik, ja unmittelbar in jenes politische Handeln
hinein verlief, das die Zeit immer einseitiger zu charakterisieren
begann. Es war gewiß ein Zeichen der noch mangelnden
innerlichsten Selbständigkeit der Geisteswissens chaften; die Natur⸗
wissenschaften, an sich schon durch den Charakter ihres Gegen⸗
standes mehr geschützt, wiesen doch auch in den Methoden da,
wo Zugeständnisse möglich gewesen wären, nicht ein gleiches
Maß von Entgegenkommen auf.
Es war aber auch ein Zeichen dafür, daß in der neuen
        <pb n="359" />
        Beginnender Realismus.

349

realistischen Zeit neben den vornehmlich intellektualistischen
Kräften des Seelenlebens sich ganz andere Kräfte, die des
Willens, zu regen begannen. Und damit trat denn der ideo⸗
logische Charakter des Daseins immer und immer mehr zurück;
Fragen der Ethik und der Politik wurden aufgeworfen und
begannen schließlich zu überwiegen: ein meues Gesicht wurde
schließlich für die Zeit charakteristisch: und aus den politisch
läßlichen Jahrzehnten nach dem Wiener Kongreß, Jahrzehnten
der Restauration und Reaktion, hoben sich höher und höher
die Wogen der Revolution und der Bewegung zur nationalen
Einheit.
        <pb n="360" />
        Viertes Kapitel.
Volitische Restauration; wirtschaftliche Jortschritte.

Nichts ist für die politische Geschichte des deutschen Volkes
in dem ersten Vierteljahrhundert nach den Freiheitskriegen
bezeichnender, als daß sie eigentlich nur dann verstanden werden
kann, wenn man sich vorher die Geschichte Europas, ja auch
noch der atlantischen Welt Amerikas in diesem Zeitraume vor—
führt. Nicht als ob der deutsche Wille in diesem gewaltigen
Kreise der erweiterten abendländischen Welt allseitig und lief
zur Geltung gebracht worden wäre. Ganz im Gegenteil: der
Deutsche hatte nirgends auch nur das geringste zu sagen; von
seinen beiden Großmächten schwieg Preußen ebenfalls beharr⸗
lich; und allein das nur noch halbdeutsche und immer weniger
deutsch werdende Osterreich ließ sich hören. Das, was die
äußere Geschichte unseres Volkes zu dieser Zeit charakterisierte,
war vielmehr nur die Tatsache, daß fast jedes große Ereignis
und jede Ereignissumme der europäisch-amerikanischen Entwick⸗
lung in seinem Tun und Denken zumeist so stark reflektierte,
daß diese zum Teil davon mit beherrscht wurden. So waren
wir kosmopolitisch nicht etwa aus dem Grunde, weil wir die
Welt beherrschten oder auch nur mit Herrscheraugen angesehen
hätten, sondern weil wir ihr untertan waren: in der Tat
untertan und untertan auch im politischen Denken.
Es ist in gewissem Sinne die Zeit größter politischer Er—
niedrigung innerhalb unserer gesamten Geschichte. Indes bleibt
        <pb n="361" />
        Politische Restauration; wirtschaftliche Fortschritte. J 351

zu bedenken, daß der außerordentliche Einfluß des Auslandes
und die nationale Suggestibilität ihm gegenüber auch noch
aus einem anderen Grunde mächtig waren, der an sich mit
der deutschen Entwicklung nichts zu tun hat. Mit der steigenden
Entwicklung des Wirtschaftslebens der Unternehmung bei allen
Nationen der mitteleuropäischen Welt und der atlantischen
Seite Europas wuchs auch in hohem Grade die Endosmose
der Kultur und des politischen Lebens dieser Völker. Denn
dieses Wirtschaftsleben, vornehmlich auf quantitative Erzeugung
von Gütern gerichtet, bedeutete eine Lebensform der Absatz⸗
erweiterung, der Expansion: und so verbesserte es von vornherein
die Verkehrsbahnen gleichviel welcher Art: die Wege, die Fluß⸗
läufe, den Nachrichtendienst, Geld und Kredit: und schuf damit
über die getrennten Sitze der Nationen hinweg von Jahrzehnt zu
Jahrzehnt einheitlichere Gebiete der Wirtschaft und des gegen⸗
seitigen wirtschaftlichen Austausches. Es war ein Vorgang, der
dann natürlich den Austausch auch auf anderen Gebieten nach sich
zog. So vor allem auf denen der leicht transportierbaren geistigen
Kulturgüter, vornweg im Bereiche von Weltanschauung, Dichtung
und Wissenschaft. Man weiß, wie auf diesem Gebiete schon Goethe
das große Wort der Weltliteratur aussprechen konnte: und eben
in ihrem Bereiche trat die Geisteskultur des deutschen Klassizismus
und der Romantik einen Siegeszug durch die europäisch-atlanti—
schen Länder, ja durch die Welt an fast ohnegleichen. Auf politi—
schem Gebiete freilich wandten sich alle Vorteile dieses Zustandes
gegen das Volk der Dichter und Denker. Und dies mußte um so
mehr geschehen, als die erleichterte Austauschfähigkeit und der
immer schnellere Nachrichtendienst zu einer Vereinheitlichung
des Empfindens und Denkens in praktisch-politischen Dingen
führte, die die Welt vorher noch nicht gekannt hatte. Dabei
versteht sich denn, daß dieser Zustand den politisch schon einmal
Benachteiligten gleichsam nochmals und also doppelt traf: und
eben dieser Zusammenhang erklärt wenigstens zum Teil die
wahrhaft erbärmliche politische Rolle, zu der sich die Nation
zwischen den Freiheitskriegen und der Revolution von 1848,
ja noch über diese hinaus, verurteilt sah.
        <pb n="362" />
        352 Vierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

Wollen wir diesen Zusammenhang in seiner Schmach
hier ganz kennen lernen, so kann es nicht einfacher geschehen,
als indem wir zunächst mit kurzen Worten den großen Zu—
sammenhang der politischen Ereignisse in den europäisch—
atlantischen Gebieten von 1815—1840 überhaupt darlegen,
ohne Deutschlands als eines politischen Gesamtbegriffs auch
nur zu gedenken.
Nach dem bisher Erzählten ist klar, daß die allgemeine,
wenn auch in sich sehr verschieden geartete und keineswegs
ganz gleichzeitige Entwicklung eines höheren Wirtschaftslebens
der Unternehmung in diesen Gebieten auch eine große Anzahl
gleichartiger wirtschaftlicher, sozialer, geistiger, politischer Er—
scheinungen zur Folge haben mußte. So kam es an erster
Stelle überall zur Entwicklung eines subjektivistischen Seelen—
lebens, und innerhalb seines Verlaufes, aus Gründen, die uns
für Deutschland schon bekannt sind, zu einer Spaltung der
politischen Instinkte in konservative und liberale Anschauungen.
Denn überall erzeugte dies neue Wirtschaftsleben den Drang
nach absolut freiheitlicher Betätigung der Einzelperson, und
überall ergab sich demgegenüber das Bedürfnis der Regulierung
dieser Betätigung durch Ausgestaltung der Nationen zu volks—
tümlichen Organismen: und so traten sich überall liberali—
sierende und komprimierende, fortschrittliche und konservativ⸗
restaurierende Tendenzen und Parteiungen gegenüber: und
Liberalismus und Restauration, womit man dann das Ganze
dieser entgegengesetzten Tendenzen zu bezeichnen pflegte, wurden
zu den beherrschenden Ideen der Zeit.
Dabei nahm die liberalisierende Richtung schließlich überall
zugleich einen spezifisch nationalistischen, auf die Einheit der Na⸗
tionen hindrängenden Ton an. Denn da der Liberalismus der
engeren Organisation der Einzelpersonen wenig zuneigte, so mußte
er um so eher ein letztes, ihre ganze Masse zusammenfassendes und
organisierendes Prinzip suchen: und fand es im Begriffe der
nationalen Einheit. Liberalismus und Nationalismus wurden
auf diese Weise Angelpunkte gleichsam eines einzigen politischen
Systems von Forderungen, die am Ende oft nur durch Krieg
        <pb n="363" />
        Politische Restauration; wirtschaftliche Fortschritte. 388

und Revolution zu verwirklichen waren, und traten damit erst
recht dem Konservatismus der Restauration entgegen, der,
nicht zum geringsten aus der Verschärfung dieses Gegensatzes
her, nun um so mehr auf die Wiederherstellung oder Erhaltung
des Ancien Régime, auf Legitimität und Gottesanadentum
ausging.
Die Forderungen des Liberalismus aber waren nirgends
sichtbarer ins Leben getreten und klarer formuliert worden
als in der französischen Revolution: eben hierin besteht nicht
zum geringsten deren weltgeschichtliche Bedeutung. Übereifriger
Patriotismus machte einen starken Zug im Wesen der französi—
schen Revolutionshelden aus, sehr im Gegensatze zu der vor—
hergehenden universellen Geistesrichtung eines Voltaire und
Rousseau; und eben auf der Basis der Nationalität hatte die
Erklärung der Menschenrechte die Grundlage aller liberalen
Forderungen entwickelt: „Le principe de toute souveraineté
réside dans la nation.“ Diese klare Formulierung war zu—
dem auch durch den Despotismus Napoleons keineswegs be—
seitigt worden. Denn Napoleon blieb in seinem Innersten
stets ein echter Sohn der Revolution, mochte er nun das
Heilige Römische Reich stürzen oder als Nachfolger seines
„glorreichen Vorgängers“ Karls des Großen dem Papste den
Kirchenstaat nehmen, weil Seine Heiligkeit durch Ungehorsam
die Schenkung Kaiser Karls verwirkt habe. Diente er damit,
durch Demütigung so uralt geschichtlicher Mächte, wenn auch
gegen seinen Willen dem Liberalismus, so förderte er den
Nationalismus durch Erweckung der spanischen und deutschen
Volksseele, durch zeitweilig einheitliche Konstitution wenigstens
des italienischen Nordens und durch seine Sympathiebeweise
für die Polen: und so begreift sich leicht, daß der Verbannte
von St. Helena noch bei Lebzeiten als nationaler und liberaler
Held Verehrung zu finden vermochte.
Diese durch die freie Entwicklung des politischen Subjekti—
vismus geweckten tieferen Strömungen mußten nun aber in
Kampf treten mit den nicht minder starken konservativen
Neigungen, welche derselbe Subjektivismus auslöste, sobald er
Lamoprecht, Deutsche Geschichte. X. 93
        <pb n="364" />
        354 Vierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

auf die Fragen der politischen und sozialen Organisation der
freien Subjekte geführt wurde: und die konservativen Neigungen
mußten sich in diesem Zusammenhange mit den reaktionären
Bestrebungen der vielen Regierungen verbünden, die seit dem
Jahre 1815 wesentlich nur ein Gedanke beherrschte: der der
Auslöschung dessen, was seit 1789 oder seit 1804 und 1806
geschehen war, und der vollen Restauration der alten Zeiten.
Zudem mußte dieser Kampf ein allgemeiner werden, wie die
ihm zugrunde liegende seelische Entwicklung allgemein war:
und dem Liberalismus und Nationalismus Westeuropas ver—⸗
mochte dabei geistig führend vor allem die restaurative Ge—
dankenwelt in Deutschland, namentlich unter der Führung
Osterreichs, und unter Umständen der autokratische Wille des
Zaren, falls er für die Restauration gewonnen war, entgegen⸗
zutreten. Es war eine Lage, die Osterreich, und somit Metternich,
in manchem Betracht eine führende Rolle zuwies, bis die Grund⸗
tendenz der seelischen Entwicklung, Nationalismus und Libera—
lismus, schließlich der Hauptsache nach siegte.
Das internationale Organ des Kampfes der Restauration
gegen den Liberalismus und Nationalismus war die Heilige
Allianz: eben hierin liegt ihre eigentliche Bedeutung. In dem
immer aussichtsloser werdenden Kriege, den sie und die ihr
nachfolgenden politischen Organisationen und Kombinationen
damit zu führen begannen und bis tief in die dreißiger Jahre
hinein fortschleppten, lassen sich etwa drei Phasen unterscheiden:
bis etwa 1823 oder 1825; bis 1829; und bis über die franzö—
sische Julirevolution von 1830 hinaus, worauf dann eine
Reihenfolge anderer Kombinationen eintrat: und von ihnen dreien
soll jetzt zunächst auf den folgenden Blättern erzählt werden.
Voll gesiegt hatte die Restauration mit dem Jahre 1815 in
den romanischen Staaten des europäischen Südens. In Deutsch—
land blieben die Fürstentümer und freien Städte, früher etwa
300, auf 39 beschränkt; Belgien und Holland wurden zu einem
Königreich vereinigt: so hatte sich Zentraleuropa immerhin in
neue Formen einzuleben. Ein gleiches galt auch für Frankreich;
da hatte Ludwig XVIII. eine Charte oktroyiert und damit
        <pb n="365" />
        Politische Restauration; wirtschaftliche Fortschritte. 35

persönlich seinen guten Willen zu erkennen gegeben, die Nation
nach Gesetz und Freiheit zu regieren. Anders in Italien,
Spanien, Portugal und deren kolonialem Zubehör, den süd—
und mittelamerikanischen Vizekönigreichen und Brasilien. Für
sie hatte der Wiener Kongreß absolute Reaktion beschlossen;
unter österreichischem Schutze kehrten die kleinen Fürsten
Italiens zurück, und in Spanien herrschte von neuem der
elende Ferdinand VII.
So mußte sich das Gefühl des Mißbehagens in den süd—
romanischen Ländern am ehesten regen, besonders aber in
Spanien: denn hier war durch die Cortes des Jahres 1812
eine Verfassung beschlossen worden!, welche in weitgehendster
Weise der Monarchie die Gedanken der französischen Revolution
entgegenstellte; und hier dachte der regierende Fürst am wenigsten
daran, die beschworene Verfassung zu halten.
Während damit in Italien und Spanien schon früh ge—
— ——
führung, in Spanien die Durchführung der Cortesverfassung von
1812 war, erlebte Frankreich in der Terreur blanche die merk⸗
würdigste Zeit eines überkönigstreuen Enthusiasmus. In beiden
Kammern waren die royalistischen Eiferer in der Mehrheit; es
konnte von einzelnen Deputierten der Antrag gestellt werden,
für die Aufpflanzung der Trikolore an Stelle der schon gesetzlich
gültigen Deportation die Todesstrafe zu setzen; und ein Heißsporn
wünschte die Abschaffung der Guillotine als eines königsmörderi—
schen Werkzeugs und die Wiedereinführung des Galgens „avec
tous ses privildges“. Es war ein Treiben, das schließlich sogar
den König anwiderte; er hat die Chambre introuvable aufgelöst,
worauf eine etwas liberaler gestimmte Vertretung folgte. Doch
trat Frankreich fast gleichzeitig, auf dem Aachener Kongreß der
Heiligen Allianz vom Jahre 1818, dieser Allianz bei; die
Okkupationstruppen der allgemeinen europäischen Koalition,
die immex noch in Frankreich standen, wurden zurückgezogen;
und der Zar und der König von Preußen besuchten ihren

S. dazu Band IX, S. 380.

37
        <pb n="366" />
        356 Vierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

französischen Vetter in Paris. Es war damit die günstigste inter⸗
nationale Gruppierung der Mächte erreicht, welche die Heilige
Allianz erlebt hat: auf der einen Seite das mittlere östliche
und westliche Europa, Österreich, Rußland, Preußen, Eng⸗
land, Frankreich; auf der anderen die gärenden südromanischen
Staaten.
War es unter diesen Umständen nicht Wahnwitz, daß in
diesen, zuerst in Italien, Revolutionen ausbrachen? Aber auf
italienischem Boden galt es zugleich dem fremden Eroberer, Oster⸗
reich. Deutsche haben Italien niemals zu beherrschen vermocht:
ihr systematisch-ruhiges, auch bei extremen Maßregeln, die der
Italiener an sich sehr wohl verträgt, dem südlichen Temperament
kalt erscheinendes Wesen ist jenseits der Alpen nie verstanden
worden und darum stets verhaßt gewesen. Wie oft haben die
deutschen Kaiser des frühen Mittelalters dies Land diesseits
der Apenninen und hinab bis nach Rom erobert! Vergebens!
Noch heute begegnet man in den Erinnerungen des Süd—
italieners dem Hasse gegen die Zeit, da die Staufer dies Land
wirklich beherrschten. Und selbst in Oberitalien, in Padua,
wird die Zeit Ezzelinos amtlich und öffentlich noch als nefanda
tirannide bezeichnet. Sollte jetzt Osterreich gegenüber der un—
bändigen Nation mehr Glück haben als die Kaiser einst der
großen mittelalterlichen Zeit? Es hat gut verwaltet, wie denn
noch heute seine Verwaltung besser ist als die Italiens. Allein
diese Wohltat ist niemals anerkannt worden: was im Ge—
dächtnis blieb, war die Tyrannei der Fremden. Ästerreich
suchte in dem lombardisch-venetianischem Königreiche, das ihm
unmittelbar zugefallen war, zunächst die Spuren der französi⸗—
schen Zeit, deren man sich gern erinnerte, tunlichst zu tilgen;
daneben wurde durch Verbot der Freimaurerei die nationale
Neigung zur Geheimbündelei möglichst unterdrückt: und über
das Ganze hin die österreichische Verwaltung, vor allem in
Recht und Gericht, mit zahlreichen hohen österreichischen Be—
amten und dem Erzherzog Rainer als Vizekönig an der Spitze
eingeführt. Glaubte man damit die Sympathien des Landes
gewinnen zu können? Es kam zu keiner Vertretung der
        <pb n="367" />
        Politische Restauration; wirtschaftliche Fortschritte. 357

Einwohner, in der deren Wünsche frei hätten geäußert werden
können; die sogenannten Kongregationen sollten beratend wirken,
aber die Regierung holte ihren Rat nicht ein: mit wohlwollend
angewandten Mitteln einer vergangenen absolutistischen Zeit
glaubte man zum Ziele einer gesicherten Herrschaft zu kommen.
Metternich versuchte zudem dieses System zugleich auch auf
die österreichischen Vasallen- und Halbblutstaaten italienischen
Bodens zu übertragen. Leicht gelang das für Parma und
Modena; weniger für Toskana: hier hielt der Großherzog
Ferdinand III. wenigstens das geistige Leben von Bevor—
mundung frei.
Charakteristisch aber für den Gesamtverlauf der italienischen
Entwicklung war, daß die Restaurationspolitik in den eigentlich,
italienischen Staaten bei weitem stärker auftrat als im italieni⸗
schen Osterreich. In Piemont-Sardinien herrschte mit Viktor
Emanuel ein König, der während der Napoleonischen Zeit in
Sardinien vereinsamt und verbauert war; nun wieder Herrscher
des ganzen angestammten Landes wollte er diese Zeit noch
mehr ungeschehen machen als in Deutschland der hessische
Kurfürst: er hat die von den Franzosen angelegten Straßen
verfallen lassen, und beinahe wäre es zum Abbruch der Turiner
Pobrücke gekommen, nur weil Napoleon sie gebaut hatte. Gleich
stark aber wie in Piemont herrschte die Restauration im Kirchen⸗
staat; es wird davon noch die Rede sein.
Hatten aber diese Restaurationstendenzen, bei kurzsichtigerer
Betrachtung der politischen Lage, nicht eigentlich recht? In
den beiden Sizilien, wo König Ferdinand J. mit anfangs
liberalen Absichten und Neigungen herrschte, kam es am frühesten
zu revolutionären Ausbrüchen, zunächst in Neapel, dann auch in
Palermo. Und in der einen wie in der anderen Hauptstadt
wurde nicht Maß gehalten; voreilig verkündete man die Cortes⸗
verfassung von 1812, statt nach französischem Rate eine Charte
im Sinne Ludwigs XVIII. einzuführen, die der Bewegung die
Sympathien Frankreichs gesichert haben würde.
So erhielt denn König Ferdinand vollen Rückhalt an der
Heiligen Allianz und namentlich sterreich, zumal es im Sinne
        <pb n="368" />
        358 Vierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

Metternichs war, in ganz Italien durchgreifen zu können; nur
England sprach sich für Nichtintervention aus. Nachdem Oster⸗
reich schon auf dem Troppauer Kongreß der Heiligen Allianz,
1820, beauftragt worden war, die Ruhe in Italien herzustellen,
erschien König Ferdinand im Jahre 1821 selbst auf dem Kongreß
zu Laibach und fügte sich dem Beschlusse der Mächte, mit
österreichischen, ja unter Umständen auch russischen Truppen
die Revolution in Neapel niederzuschlagen. Darauf rückten
die Osterreicher ein; fast widerstandslos besetzten sie Süditalien,
im Jahre 1821 war die Restauration auch in Sizilien voll⸗
zogen; österreichische Truppen sollten noch auf drei Jahre das
Land besetzt halten. Und unter ihrem Schutze begann nun
ein volles Restaurationstreiben und wurde noch stärker fort⸗
gesetzt, als Franz J. im Jahre 1825 seinem milderen Vater
Ferdinand folgte.
Inzwischen war aber auch im Norden Italiens, im Rücken
der österreichischen Truppen, in Piemont, die Revolution aus⸗
gebrochen, und eine Zeitlang war die Befürchtung nicht un—
begründet, ganz Italien möchte in einem Brande zusammen⸗
lohen, den zu löschen sich Österreichs Heere nicht gewachsen
zeigen würden. Indes die piemontesische Bewegung erwies
sich als allzusehr außerhalb des Zuges der damaligen zentra⸗
listischen Strömung stehend, wenngleich auch sie auf ein
italienisches Einheitsreich als letztes Ziel hinauslief; zudem
wurde sie im Vertrauen auf die Hilfe des Thronfolgers Karl
Albert unternommen, die nachher versagte: und platzte in dem
Augenblicke los, da das Geschick der neapolitanischen Revolution
in dem Treffen von Rieti schon unglücklich entschieden war.
Und so gelang es denn schon im April 1821 österreichischen
und piemontesischen Truppen, sie zu unterdrücken.
Es war der Moment, von dem an Italien für lange
Zeit ruhig geblieben ist; sogar die durch die französische Juli—
revolution des Jahres 1830 ausgelöste allgemeine Bewegung
ging verhältnismäßig folgenlos an ihm vorüber. Die öster—
reichische Verwaltung und Politik aber wurde von diesem Zeit—
punkte an wirklich drückend; ein politisches Sykophantentum
        <pb n="369" />
        Politische Restauration; wirtschaftliche Fortschritte. 359

peinlicher Art wucherte auf, und polizeiliche Spionage ver⸗
giftete das Verhältnis zwischen Regierenden und Regierten.
Noch früher als in Italien hatte die revolutionäre Gärung
in Spanien begonnen; sie knuüpfte unmittelbar an den Staats⸗
streich an, mit welchem Ferdinand VII. die Rückkehr in sein
Reich feierte, indem er die Cortesverfassung des Jahres 1812
durch das Manifest von Valencia (4. Mai 1814) zu Fall
brachte: und sie verlief in den nächsten sechs Jahren in bunten
Wechseln royalistischer Zwingherrschaft und liberalisierender
Willkür. Dann, 1820, waren die Dinge zu einer Militär⸗
meuterei von Truppen reif, die nach Südamerika bestimmt
waren: die allgemeine Sympathie war mit den Meuterern, der
König wurde zur Einberufung der Cortes gezwungen, und
diese schufen eine äußerst liberale Verfassung, die der König
am 7. März 1820 beschwor.
Es war ein Ausgang, der den Mächten der Heiligen
Allianz den schlechtesten Eindruck machte. Man verdachte dem
Könige seine Nachgiebigkeit: besser sei es gewesen, auf dem
Throne zu fallen. Doch kam es einstweilen zu keinem Ein—⸗
griff; der russische Vorschlag einer Drohnote an die Cortes
wurde von den anderen Mächten abgelehnt.
Allein in Spanien nahmen die Dinge einen Verlauf, der
schließlich doch eine Intervention herbeiführte. Ein allgemeiner
Revolutionsrausch ging durch das Land, der durch die Nach—
richten aus Italien noch verstärkt wurde: die Exaltados,
Liberale radikalster Fgͤrbung, gewannen an Boden; im Beginn
des Jahres 1822 siegten sie in der Wahl für die Cortes. Das
verleitete den König zu einem erneuten Staatsstreich; und als
dieser mißlang, bat er die Großmächte im geheimen dringend
um Hilfe.
Diese Hilfe war inzwischen durch die Entwicklung der
Dinge in Frankreich aussichtsvoll geworden. Dem Beitritte
Frankreichs zur Heiligen Allianz im Jahre 1818 war noch ein
ͤberales Ministerium Decazes gefolgt; allein es vermochte der
ultraroyalistischen Strömung des Landes wie des Hofes nicht
lange standzuhalten. Es wurde durch ein gemäßigtes Ministerium
        <pb n="370" />
        360 Vierundzwanzigstes Buch. Viertes RKapitel.
Richelieu abgelöst; doch auch dies mußte weichen. Im Jahre
1821 erhielt das Land ein reaktionäres Ministerium Villéèle;
ein drakonisches Preßgesetz mit Aussicht auf Einführung der
Zensur bezeichnete seinen Eintritt.
In diesem Augenblicke trat die spanische Sache an die
Großmächte heran. Von dem Kongreß von Verona aus,
Herbst 1822, ließen die vier Kontinentalmächte — Englaund
schloß sich wiederum aus — eine Drohnote an die Cortes er—
gehen mit der Aufforderung, die Verfassung zugunsten des
Königs abzuändern. Und als dies Ansinnen zurückgewiesen
wurde, beauftragten sie Frankreich mit der Exekution gegen
die Cortes. In der Tat erlangte die französische Regierung
von dem Parlament, wenn auch erst nach schlimmen Kämpfen
und nach dem Austritte der sechzig Abgeordnete starken Opposi—
tion der Liberalen einen Kredit von 100 Millionen Franken
zur Führung des Feldzugs. Darauf rückten, Frühjahr 1823,
die Franzosen in Spanien ein und besetzten das Land fast
ohne Widerstand; die Cortesregierung erwies sich von kläg—
licher Ohnmacht; die Reaktion erhob ihr Haupt, und der
französische Befehlshaber hatte zu sorgen, daß ihre Aus—
schreitungen nicht jedes Maß überschritten.
Für die innere Entwicklung Frankreichs aber war dieser
Verlauf von schlimmen Folgen. Die feudal-klerikale Regierung
triumphierte; dem Preßgesetze folgte im Herbste 1824 die Wieder—
einführung der Zensur. Die letzten Tage Ludwigs XVIII.,
der am 16. September 1824 starb, waren somit durch eine
vollkommene Restauration gekennzeichnet; wohlwollend, aber
schwach hatte er ihren Einbruch nicht aufzuhalten gewußt.
Und ihm folgte in Karl X. ein zwar ritterlicher, aber auch
rücksichtsloser Reaktionär reinen Wassers: der weitere Gang
der Entwicklung Frankreichs war also vorauszusehen.
Die spanischen Wirren hatten inzwischen ernste, welt—
geschichtliche Konsequenzen gezeitigt. Und in diese wurde auch
Portugal hineingerissen, da es wie Spanien revolutionäre Be—
wegungen erlebt hatte, deren zerstörender Charakter noch durch
Zwistigkeiten innerhalb der Königsfamilie verstärkt worden war.
        <pb n="371" />
        Politische Restauration; wirtschaftliche Fortschritte. 361

Schon seit dem Ausgange des 17. Zahrhunderts, dann in
wachsendem Umfange seit Ausgang des achtzehnten, hatten die
großen amerikanischen Kolonien der pyrenäischen Staaten nach
Verselbständigung gestrebt. Jetzt rissen sie sich völlig los: 1819
wurde die Republik Columbia begründet; 1821 machte sich Mexiko
selbständig und wurde 1828 nach wirren Kämpfen Republik;
1823 fiel Peru ab; und es folgten La Plata, Uruguay, Chile,
Bolivia (Südperu) und der Jesuitenstaat Paraguay. Das
portugiesische Brasilien endlich erklärte sich, während die übrigen
Staaten auf spanischem Boden Republiken wurden, 1822 zum
selbständigen konstitutionellen Kaisertum, und der neue Herrscher
Pedro J., ein Sohn des portugiesischen Königs Johanns VI.,
gab ihm eine gemäßigt liberale Verfassung.
Es waren Ereignisse, die man in Europa, begriff man
auch keineswegs ihre Tragweite, doch nicht gänzlich ohne Wider⸗
stand hinnahm. Portugal verweigerte die Anerkennung der
Veränderungen, die es angingen, noch einige Jahre; und die
Heilige Allianz suchte einzugreifen. Allein da dem England
und vor allem die Vereinigten Staaten von Nordamerika
widersprachen und Hsterreich, noch immer das moralische Haupt
der Allianz, nur geringe überseeische Interessen und Neigungen
verriet, so erschlaffte der Widerspruch; und 1825 erkannte auch
Portugal die neue Lage an.
Übersah man damit um 1825 den Verlauf der liberalen
Bewegungen seit dem Wiener Kongreß und dem Pariser Frieden,
so konnte kein Zweifel darüber entstehen, daß sie vor allem
dem romanischen Amerika zugute gekommen waren: an der
äußersten Peripherie ihres Einflußkreises hatte sich zunächst die
Macht der Heiligen Allianz als unzulänglich erwiesen. Während
im mutterländischen Europa die Restauration gesiegt hatte,
auch in Frankreich, dem Herde der revolutionären Bewegungen,
gewannen die Kolonien eine Freiheit, die, wenngleich vielfach
mißbraucht und für die nächste Zukunft die Bringerin ruhe—
loser Zeiten, doch der Möglichkeit selbständiger Entwicklung
Bahn brach.
Wie aber erschienen diese Aussichten noch erhöht und
        <pb n="372" />
        362 Vierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

verallgemeinert, betrachtete man sie mit den Augen des amerikani⸗
schen Weißen. Da zeigte sich die französische Revolution um—
rahmt von den Emanzipationsbestrebungen Amerikas, von seinem
raschen Vordringen hin zu den Zielen eines mehr als euro—
päischen Subjektivismus: wie nach ihr die Befreiung der ro—
manischen Südhälfte des Kontinents, so lagen vor ihr die
glorreichen Freiheitskriege und die föderative Staatenbildung
des germanischen Nordens. War es da zu verwundern, wenn
alsbald die Anfänge des panamerikanischen Gedankens auf⸗
tauchten? Und sie wurden naturgemäß der stärkeren, der
germanischen Hälfte des Erdteils verdankt. Bereits die Ver—
selbständigung Brasiliens war durch nordamerikanischen Ein—
spruch gefördert worden; im Jahre 1824 wurde dann die
mexikanische Verfassung der der Vereinigten Staaten nach⸗
gebildet. Und schon hatte um diese selbe Zeit der pan—
amerikanische Gedanke seine erste programmatische Fassung in
der frühesten Form der Monroedoktrin gefunden und war in
der äußeren Politik des für sie namengebenden Präsidenten der
Union zum Ausdrucke gelangt. Damit trat dem alternden
Kontinente, wie er damals unter dem stärksten Drucke der
Heiligen Allianz stand, ein neuer Kontinent zum ersten Male
als Ganzes entgegen: werdend, ohne das schwere Gepäck einer
Jahrtausende alten Geschichte, ohne Sorgen vor Restauration
und Legitimität, eine Stätte freien Handelns und Denkens,
und darum Erbe vielleicht der europäischen Zukunft.
Indes waren um diese Zeit immerhin die Tage der
Heiligen Allianz schon gezählt; an der Uneinigkeit der Personen
und an dem Zwiespalt der Interessen der in ihr vereinigten
Staaten ist sie zugrunde gegangen.
In den ersten zwanziger Jahren war die Lage der Allianz
freilich anscheinend noch sehr günstig; noch fühlte sich ihr eigent—
licher Stifter, Metternich, der Urheber der Kongresse von
Troppau, Laibach, Verona (1820 - 1822), alles Städten öster⸗
reichischen Gebietes, vollkommen ihrer Herr; noch stand sein
Land im Mittelpunkte der Führung der europäischen Geschicke.
Und zu diesem Kerngebiet der restaurativen Neigungen stand
        <pb n="373" />
        Politische Restauration; wirtschaftliche Fortschritte. 363

in jenen Jahren Deutschland in vollkommenster Abhängigkeit.
Von den kleineren Staaten ist dabei weiter nicht zu reden.
Aber auch Preußen marschierte ganz in den Fußstapfen der
zsterreichischen Politik; 1819 hatten sich Wilhelm von Humboldt,
Beyme und Boyen von dem Staatsdienste zurückgezogen, da
ihnen in der Stickluft der Restauration zu eng wurde; und
die letzten Jahre des Staatskanzlers Hardenberg brachten erst
recht reaktionäre Zeiten.
Nicht minder aber erschien der Zar Alexander allen
Zwecken Metternichs gewonnen. Denn wohin waren inzwischen
seine liberalisierenden Neigungen aus der Zeit der Freiheits—
kriege gelangt! Schon die spiritistische und thaumaturgische
Umgebung der Pariser Zeit hatte ihn der Romantik, der
Orthodoxie und dem Konservatismus äußerlich zugeführt;
innerlich fiel er ihnen zu, als er gelegentlich der ersten
liberalen Regungen der russischen Volksseele Erfahrungen mit
dem, was Freiheit meinte, im eigenen Hause zu erleben be—
gann. Da war im Jahre 1817 durch Paul Pestel, Nikolaj
Turgenjew, den Fürsten Trubetzkoi, die Offiziere Alexander und
Michael Murawiew der Verein des Heils begründet worden:
er war national und liberal mit panslawistischen Vorahnungen,
er zielte auf eine einheimische Verfassung neben der Befreiung
der slawischen und griechisch-orthodoxen Brüder im Orient: ein
Greuel in den Augen Alexanders.
Aber waren um 1820 nicht selbst die europäischen West—⸗
staaten Metternichs Zielen günstig, Frankreich und England,
jene Staaten, die von alters her und vornehmlich seit dem
16. und 17. Jahrhundert die Träger europäischen Fortschrittes
gewesen waren? In England regierte seit 1815 ein volles
Toryministerium, das auch nach dem Thronwechsel vom Jahre
1820 beibehalten wurde; in Frankreich währten noch die Zeiten
der Chambre introuvable.
So schien alles wohlbestellt: da wurde das schöne Bild
durch den griechischen Freiheitskampf der Jahre 1821 -1829
häßlich entstellt, ja teilweise vernichtet.
Die Türkei hatte, nach dem Aufhören der österreichischen
        <pb n="374" />
        364 Vierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

Angriffe von Westen her, um so mehr unter russischen Kriegen von
Norden her zu leiden gehabt und zu leiden. Um 1820 waren schon
zwei große Perioden der russischen Initiative gegen den Glaubens—
und Erbfeind abgelaufen, ihr Ende wurde durch die Frieden
von Kütschük Kainardsche, 1774, und Bukarest, 1812, bezeichnet.
Im Jahre 1774 hatte Rußland außer Teilen der Krim
die freie Handelsschiffahrt auf allen türkischen Meeren erreicht;
vor allem aber waren die Donaufürstentümer Moldau und
Walachei an ihre mit Rußland sympathisierenden Herrscher
zurückgegeben worden und hatte Rußland deren Vertretung
bei der Pforte erhalten. Im Jahre 1812 war dann Bessarabien
östlich des Pruth Rußland einverleibt und die russische Herr⸗
schaft bis an die südliche Donaumündung ausgedehnt worden.
Seitdem war die Stimmung in den unteren Donaufürsten—
tümern der Pforte wenig geneigt.
Noch weiter fortgeschritten war die Abbröckelung des
türkischen Reiches schon in Serbien. War der Aufstand des
schwarzen Georg auch gescheitert, so hatte das serbische Volk
1818 doch das Recht errungen, sich einen erblichen Fürsten
aus eigenem Stamme zu erwählen, dem eine Skupschtina zur
Seite treten sollte. Daraufhin hatte man 1817 Milosch
Obrenowitsch zum Fürsten gewählt. Gegen die Türkei aber
blieben die Stimmungen feindlich.
Und auch an den Südgrenzen des Reiches trat der Verfall
der Zentralgewalt zutage. In Albanien hatte Ali Pascha von
Janina eine nahezu souveräne Macht begründet, die erst 1822
mit Mühe zerstört wurde. Schlimmer noch standen die Dinge
in Ägypten. Hier hatte Mehemed Ali es schon 1805 zu solcher
Selbständigkeit gebracht, daß die Pforte sich gezwungen sah,
ihn zum Pascha zu ernennen. Mehemed Ali begründete nun
erst recht ein Heer nach europäischem Zuschnitt; eroberte selb⸗
ständig Nubien, Sennar, Dongola und Darfur; monopoli⸗
sierte die Erzeugung von Baumwolle, Hanf, Flachs, Indigo,
Sesam und anderen Olfrüchten in seinen Ländern: und be—
herrschte so sein Reich wie eine große Domäne. Dabei
war er klug genug, obwohl dem Sultan nur noch nominell
        <pb n="375" />
        Politische Restauration; wirtschaftliche Fortschritte. 365

untertan, die äußeren Formen des Gehorsams sorgfältig zu
wahren.
Was bedeutete unter diesen Umständen die Türkei noch?
Und der Verfall war eingetreten, obwohl Selim III. (1789 bis
1807) und Mahmud (1808 -1839) tüchtige Herrscher waren.
Dieser Zustand schien das überall im Reiche verbreitete
Element der Griechen zur Befreiung ihres Vaterlandes geradezu
herauszufordern, um so mehr, als die Türkenherrschaft in
Griechenland mit am verrottetsten war. Schon im Jahre 1812
war die Hetärie der Philomusen zu Athen entstanden, ein litera⸗
rischer Verein mit politischen Zielen, wie so oft in verwandten
Fällen europäischer Geschichte des 19. Jahrhunderts; 1814
bildete sich, zur Befreiung des Vaterlandes, in Odessa die rein
politische Hetärie der Philiker. Im März 1821 erfolgte der erste
Ausbruch griechischen Freiheitsdranges in Jassy, in den Donau—
provinzen, unter den Brüdern Alexander und Nikolaus Ypfilanti.
Er wurde blutig unterdrückt; Alexander Ypsilanti flüchtete nach
Osterreich und starb 1828 zu Wien, nach jahrelanger Gefangen⸗
schaft zu Munkscs.
Fast gleichzeitig aber begannen Aufstände in Morea, auf
den Inseln, in Rumelien, in Thessalien. Die Türken griffen
barbarisch dagegen durch; Kennzeichen dieser Phase des Auf—⸗
standes war die Verwüstung von Chios, April und Juni 1822.
Gleichwohl blieben die Griechen bis zum Jahre 1823 im all—⸗
gemeinen im Vorteil; und bereits am 1. Januar 1822 trat
eine erste griechische Nationalversammlung unweit des alten
Epidauros zusammen.
Da brachte das Jahr 1824 eine Wendung in den Ge—
schicken des Krieges. Der Sultan, unfähig den Aufstand allein
zu unterdrücken, rief ägyptische Hilfe an. Und nun erschien
Ibrahim, ein furchtbarer Kriegshauptmann, Adoptivsohn Mehe—
med Alis, mit Heer und Flotte. Er siegte, verwüstete Morea
schrecklich, nahm endlich, am 22. April 1826, die letzte Hoffnung
der Griechen, das lange verteidigte Missolunghi. Der Aufstand
schien dem Ende nahe.
Allein inzwischen hatte sich in Europa, und mit am meisten
        <pb n="376" />
        366 J Vierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

in Deutschland, die öffentliche Meinung längst für die Sache
der Hellenen erwärmt. Unter Deutschen sang Müller seine
Griechenlieder; der arme Dichter Johann Heinrich Voß zahlte
tausend Gulden zu den allgemeinen Sammlungen für Griechen⸗
land als kleinen Beitrag zur Ablösung der großen Schuld der
modernen Welt an das alte Hellas. Beträchtlich waren die
Mittel, die aufgebracht wurden; neben den deutschen Sym—
pathien fiel die reiche Geldhilfe des Genfer Bankiers Eynard
ins Gewicht; idealen und materiellen Beistand zugleich leistete
Byron.
Ganz anders aber stellten sich die großen Kabinette zu
dem griechischen Kampfe für Freiheit und Volkstum. Grund⸗
sätzlich trat ihm natürlich sterreich entgegen; Metternich hatte
nur Spott für die Hellenen. Preußen stand ihm zur Seite,
nicht ohne harten Tadel der Philhellenen Norddeutschlands.
Aber auch England wollte von den Griechen nichts wissen, aus
Handelseifersucht, Sorge um die Jonischen Inseln, Furcht vor
einem möglichen Eingreifen Rußlands. Indes war nicht auch
der Zar als Mann restaurativer Politik jeder Gunsterzeigung
gegen die Griechen fern?
So schien einstweilen für Metternichs Politik nichts zu
befürchten. Aber da starb der Zar am 1. Dezember 1825: und
damit eröffneten sich ganz andere Perspektiven. Des Zaren
Nachfolger, sein Bruder Nikolaus, war gewiß nicht liberal.
Aber über allen europäisch-restaurativen Sorgen stand ihm die
nationale russische Politik, und ihr war die Sache Griechen—
—VV—
nunmehr mit einem solchen in England zusammen; hier brachte
ein Kabinettswechsel Canning ans Ruder, der, weit verbreiteten
populären Regungen entsprechend, von jeher für die Freiheit
der Hellenen geschwärmt hatte.
Auf Grund dieser Wendung einigten sich dann England
und Rußland am 4. April 1826 dahin, zwischen Hellas und
der Türkei zu vermitteln. Es geschah im tiefsten Geheimnis
vor der Heiligen Allianz, deren Grundsätze damit schnöde ver—
lassen wurden. In der Tat war Metternich aufs äußerste
        <pb n="377" />
        Politische Restauration; wirts chaftliche Fortschritte. 367

bestürzt, als er von dem verräterischen Schritte erfuhr. Indes
schien einstweilen gleichwohl nicht zu viel zu befürchten. Die
Türkei lehnte die Vermittlungsversuche der beiden Mächte ab;
und der Sultan Mahmud raffte nun erst recht, unter blutiger
Abschaffung der prätorianisch gewordenen Janitscharen, alle
Kräfte der Türkei zum Kampfe zusammen.
Indes die Einigkeit der englisch-russischen Koalition blieb
doch bestehen, ja diese verstärkte sich durch Frankreich: denn in
Frankreich galten die Sympathien der Liberalen schon längst
der Freiheit Griechenlands, aber auch Karl X. empfand ritter⸗
lich fur die kämpfenden Helden. So kam es zur Annäherung
und schließlich zur Allianz zwischen diesen Mächten; am 6. Juli
1827. Danach wurde eine vereinigte Flotte der drei Mächte
in die griechischen Gewässer gesandt, um jeden Zusammenstoß
zwischen den Parteien zu verhindern; inzwischen sollte die Türkei
diplomatisch zum Nachgeben gezwungen werden. Indes die
Armada der Alliierten vernichtete am 20. Oktober 1827 bei
Navarino in dem Bestreben, Türken und Griechen zu trennen,
die türkische Flotte: ein gänzlich unerwartetes Ereignis,
welches das Verhältnis der Mächte zur Türkei von Grund
aus verschob.
Die Türken, schon bisher jeder Vermittlung abgeneigt,
begannen nun furchtbar zu rüsten; und ihre bedrohlichen Vor⸗
bereitungen konnten nur Rußland gelten. So kam ihnen
Rußland zuvor und nahm, nach anfangs ungünstigem Feld⸗
zuge, in dem Frieden zu Adrianopel vom 14. September 1828
der Türkei Gebiete in Asien ab: erzwang aber namentlich auch
das Versprechen, daß die Türkei sich in Sachen der Griechen
den Beschlüssen einer nach London zu berufenden Konferenz
fügen werde.
Die Londoner Konferenz aber erkannte darauf, in dem
Protokoll vom 8. Februar 1830, die Unabhängigkeit Griechen⸗
lands an, wenn sie auch seine territoriale Ausdehnung ziemlich
kärglich begrenzte. Dabei sollte das Land eine konstitutionelle
Monarchie erhalten, und König wurde ein deutscher Fürst, der
Wittelsbacher Otto J.
        <pb n="378" />
        368 Vierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

Es war eine für die äußere Machtstellung Osterreichs und, in⸗
sofern dieses allenfalls noch Deutschland vertrat, auch Deutschlands
schmerzlicher Abschluß. Es begann sich zu rächen, daß Metternich
in der äußeren Politik an derselben unseligen absoluten Restaura—
tion festhielt, durch deren Durchführung, wie wir sehen werden, er
Deutschland auch im Innern unglücklich machte. Überblickte man
aber den Verlauf der griechischen Wirren in ihrer weiteren Ein—
wirkung auf Europa, so ergab sich, daß die Großstaaten sich in der
diplomatischen und schließlich militärischen Behandlung dieser
Sache am Ende getrennt hatten: die Heilige Allianz war äußerlich
gesprengt worden. Aber sie war auch innerlich gesprengt! Denn
die Alliierten von Navarino hatten in dem Londoner Protokoll
Revolution und Nationalitätsprinzip wenigstens für eine Stelle
Europas, wenn auch nur in dem entlegeneren Südosten, an⸗
erkannt, ja seine Durchführung veranlaßt und begünstigt.
Es war klar: Liberalismus und Nationalismus drangen in
das monarchische System des Erdteils ein: und so sehr sich die
freiheitsliebende deutsche Gesellschaft dieses Umschwungs freuen
mochte, so sehr bedeutete das für die deutschen Großmächte nach
der einmal bestehenden Kombination der Dinge doch zugleich
einen zunehmenden Verlust ihres Ansehens. Dabei war diese
Entwicklung noch keineswegs abgeschlossen. Vollendet wurde sie
erst durch die französische Julirevolution und die Befestigung
der liberalen Entwicklung in England.
In England war auf Georg III. im Jahre 1820 Georg IV.
gefolgt, nach den Sportsmännern der erste Gentleman Europas,
in Wahrheit ein infamer Wüstling. Das Ärgernis, das er
gab, führte zur Abwendung der Nation von den Torys;
Canning machte während seiner langen Ministerzeit die Wand⸗—
lung der Anschauungen ins Whigistische mit. Als er dann
1827 starb, folgte zwar noch ein Torykabinett, aber mit dem
Tode Georgs IV. (1830) war der Übergang zu liberalen
Strömungen auf lange entschieden. Denn nun folgte nicht
nur in Wilhelm IV. von 1830 bis 1837 ein liberaler König
und diesem in Viktoria eine liberale Königin: die ganze innere
Entwicklung Englands vor allem wies in ein schon modern—
        <pb n="379" />
        Politische Restauration; wirtschaftliche Fortschritte. 369

liberales, nicht einmal mehr bloß whigistisches Fahrwasser.
Denn dies war die Zeit, in der unter dem Drucke einer ersten
Vollendung der sozialen Schichtung nach den kapitalistischen
Prinzipien des Wirtschaftslebens der freien Unternehmung Eng⸗
land zum modernen Staate, zur ersten großen europäischen Demo⸗
kratie, wenn auch mit noch aristokratischer Exekutive, heranreifte.
Einen verwandten Übergang aber machte um diese Zeit
auch schon Frankreich durch. Nur daß er nicht, wie in England,
in kontinuierlichen organischen Umwandlungen erfolgte, sondern,
französischem Temperamente entsprechend, in dem Knalleffekte
eines revolutionären Umsturzes. Während Karl R. mit den
steigenden Jahren seiner Regierung immer reaktionärer wurde
und in der allgemeinen Leitung der äußeren französischen Politik
dem Fürsten Metternich noch einmal vorübergehend den Trost
einer verständnisvollen Bundesgenossenschaft bot, regte sich in
der Nation immer stärker der Widerwille gegen Restaurations⸗
gelüste, die nichts als Begünstigung der alten Kirche und
finanzielle Wiederherstellung des vorrevolutionären Adels zu
kennen schienen. Es war eine Opposition, die schon früh alles,
was modern dachte, umfaßte, darunter sogar die gemäßigten
Gelehrten der Pariser Universität, einen Guizot, Villemain,
Royer⸗-Collard; bitterer wurde sie, als man Metternich mit Rat⸗
schlägen auch in die innere Politik Frankreichs eingreifen sah,
als die vorübergehende toryistische Strömung in England nach
dem Tode Georgs JV. stark einzuwirken schien, als man die
zunehmende Verblendung Karls X. erkannte. Aus alledem ging
darauf im Jahre 1830 die äußerlich verhältnismäßig ruhig ver⸗—
laufende Julirevolution hervor; Karl X. dankte ab, und Louis
Philipp wurde zum Throne berufen.
Aber unter welchen Wandlungen der Verfassung! Louis
Philipp von Orléans, der Sohn des revolutionären Herzogs
Egalitsé, der Urenkel des libertinischen Regenten aus den ersten
Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts, wurde nicht der alte Roi
de Franecé des Lilienbanners; als Roi des Français vielmehr
bestieg er, auf Grund eines Staatsvertrages zwischen Nation
und Herrscher, einen Thron, den seine Väter nicht besessen
Laumuprecht, Deutsche Geschichte. X. 24
        <pb n="380" />
        370 Pierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

hatten. So fiel das Recht der alten Monarchie hinweg; ein
heues Königsrecht war in Europa eingeführt, das Dogma der
Legitimität durchbrochen.
Da war denn freilich die Frage, ob dies Königtum von
den anderen Mächten so leicht anerkannt werden würde. Aber
Louis Philipp, unterstützt von stark kriegerischen Strömungen in
der Nation, wußte hier mit Erfolg zu operieren. Sehr bald
fädelte er ein engeres Verhältnis mit dem liberalen England
ein; doch auch die konservativen Mächte fügten sich schließlich,
darunter sogar der Papst und Zar Nikolaus. Natürlich auch
Metternich. Allerdings mit einer schlauen Wendung der Sach—
lage, soweit es auf den erbleichenden Glanz der Heiligen Allianz
ankam. Die Heilige Allianz hatte bis dahin die Verfassungs—
entwicklung Europas tatsächlich kontrolliert oder zu kontrollieren
wenigstens beansprucht. Jetzt stellte Metternich, um die offen⸗
bar gewordene Haltlosigkeit dieses Anspruchs zu maskieren, das
Prinzip der Nichtintervention auf. Es war ein schönes Wort.
Tatsächlich war mit dem liberalen Umschwung in England und
den Erfolgen der französischen Julirevolution der legitimistische
Gedanke der Heiligen Allianz tot und begraben.
Die Frage war, was dieser Umschwung für Deutschland
hedeutete und bedeuten konnte. So viel war klar: die euro⸗—
päische Führerschaft, ja das europäische Prestige Osterreichs
— von Preußen ist in diesem Zusammenhange kaum noch zu
reden —, sie waren erloschen. So konnte es auch im Innern
Deutschlands zu einer freieren Entwicklung kommen, wenn die
liberale Strömung der westeuropäischen Großstaaten tiefgreifend
anhielt. Geschah das nicht, traten auf diesem Boden Schwan⸗
kungen ein, die dann für Frankreich unzweifelhaft eine neue
Revolution bedeuteten, so mußte auch die deutsche Nation in
ungewisse Gärung geraten: konnte äußerlich die Reaktion ihr
Werk vielleicht noch fortsetzen: mußte es aber schließlich doch auch
auf deutschem Boden zu einem Durchbruche des Neuen, der
liberalen und nationalen Prinzipien, auf gewaltsamem Wege
kommen.
Es ist bekannt, daß die letztere Alternative eintraf. In⸗
        <pb n="381" />
        Politische Restauration; wirtschaftliche Fortschritte. 371

wieweit sie aber bis gegen das Jahr 1840 hin durch die franzö⸗
sische und englische Entwicklung vorbereitet wurde, wird noch
in diesem Abschnitte zu erzählen sein.
Zunächst war an der Fortdauer der liberalen Strömung
in Frankreich schon deshalb kein Zweifel, weil die Julirevolu—
tion hinweg über alle Velleitäten der Heiligen Allianz, soweit
an diese überhaupt noch gedacht wurde, in Europa den ge—
waltigsten Eindruck machte. So vor allem in Polen, in Belgien
und in Italien, von alters her den Sitzen politischer Unruhe;
so aber sogar auch in Deutschland, soweit schlecht regierte
Kleinstaaten, Hessen-Kassel, Sachsen, Braunschweig, in Be—
tracht kamen.
In Polen führte freilich die Revolution nur zur Unter⸗
drückung der Freiheiten, welche Alexander J. der Nation noch in
guten Stunden gegeben hatte: das sogenannte Organische Statut
vom Jahre 1832 hob die bestehende Verfassung auf und machte
das Land zu einer einfachen russischen Provinz, wenn auch mit
etwas selbständigerer Verwaltung; das nationale Geistesleben
wurde möglichst unterdrückt, die Universitäten Wilna und
Warschau aufgehoben. Hieß dies alles zugleich die Beseitigung
jeder liberalen und nationalen Gefahr im Bereiche der Gebiete
des legitimistischen Osteuropas, zwischen Rußland, Ästerreich
und Preußen, so blieb doch im übrigen die polnische Revolution
nicht ohne Folgen für Deutschland und den Westen. Tausende
hochgebildeter Polen wanderten damals aus und wurden schon
auf deutschem Boden begeistert aufgenommen. In Frankreich
aber erhielten sie sogar Unterstützung aus Staatsmitteln. Und
von diesem Augenblicke an haben die polnischen Emigranten
überall ein revolutionäres Element gebildet, dessen zumeist
deutschfeindliche Wirksamkeit selbst heute noch, ja heute erst
recht wieder, zu verspüren ist.
Von äußerlich mehr entscheidendem Erfolge dagegen war
die belgische Revolution, die schon im September 1830, mit
am frühesten nach der französischen, ausbrach.
Der auf Englands Betreiben aus Holland und Belgien
im Jahre 1815 begründete Staat der Niederlande hatte sich
24*
        <pb n="382" />
        372 Vierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

von vornherein als eine unglückliche Schöpfung erwiesen. Gewiß
ist die Bevölkerung in Holland völlig, in Belgien zum größeren
Teile germanisch; die belgischen Wallonen hatten bis zum Aus—
gang des 18. Jahrhunderts politisch im Grunde niemals die
Führung gehabt. Aber die belgischen Vlamen und die holländi—
schen Niederländer sind weit davon entfernt, sich jemals ganz
berstanden zu haben; und nicht selten hat zwischen ihnen der
Haß naher Verwandter getobt. Dazu waren beide Stämme
zum Teil auch wirtschaftliche Rivalen. Vor allem aber trennte
sie doch der Glaube: denn im Norden herrschte damals noch fast
ausschließlich der halb demokratische Protestantismus der großen
Zeiten der Republik, im Süden aber galt die katholische Kon—
fession, und in ihr traf sich ein reicher Adel mit einem fanati⸗
schen Klerus.
Wie sorgsam hätte unter diesen Umständen die Regierung
der vereinigten Lande verfahren müssen, um auch nur die
zußere Ruhe aufrechtzuerhalten! Aber der Starrsiun des
oranischen Herrschers, Wilhelms J., erlaubte gegenüber der Art
und den Neigungen vor allem der Belgier kaum die Anwendung
der gewöhnlichsten Vorsicht. Die neue Regierung weckte den
religiösen Gegensatz, indem sie durch eine Schulordnung vom
Jahre 1825 und deren Ergänzungen die Herrschaft des Katholi⸗
zismus zu brechen suchte; sie schuf sich durch hart⸗absolutistische
Haltung eine liberale Opposition; und sie verscherzte zugleich
die Sympathien aller Belgier durch Hervorkehrung holländischen
Hochmuts. So verschmolzen denn auf südniederländischer Grund⸗
lage klerikale Demagogie und liberaler Radikalismus: und der
Ausbruch der Revolution war nur noch eine Frage günstiger
Gelegenheit. Diese ergab sich am 25. August 1830 nach einer
Aufführung der „Stummen von Portici“ mit ihren aufreizenden
Volksszenen. Und sie bedeutete Trennung der beiden ver—
einigten Länder mit der furchtbaren Beschießung von Antwerpen,
am 27. Oktober 1830. In der Tat tagte, während am 18. No⸗
vember eine belgische Nationalversammlung die Ausschließung
des Hauses Oranien und die Unabhängigkeit Belgiens er⸗
klärte, in London eine Konferenz der Großmächte zur Ord—
        <pb n="383" />
        Politische Restauration; wirtschaftliche Fortschritte. 378

nung der Dinge in diesem Sinne; und am 20. Dezember
erkannte sie die Unabhängigkeit Belgiens an.
Allein nunmehr, da es sich um die Wahl eines Herrschers
für das freigewordene Land handelte, zeigte sich zum ersten
Male zwischen den liberalen Westmächten, welche einmütig für
Nationalismus und Konstitutionalismus in Belgien eingetreten
waren, ein unedler Wetteifer: England wie Frankreich ver—
suchten sich durch Unterbringung eines ihnen genehmen und
ihrem Herrscherhause verwandten Fürsten die Vorgewalt in
Belgien zu verschaffen. Und nur schwer einigte man sich
schließlich dahin, daß Leopold von Sachsen-Koburg König wurde,
doch so, daß er eine französische Prinzessin heiratete. Belgien
erhielt im übrigen die Grenzen von 1790 und wurde für ewig
neutral erklärt; Luxemburg wurde als deutscher Bundesstaat
dem Könige von Holland zugesprochen.
Im Grunde waren es schon hier zwei Motive gewesen,
die das Einvernehmen der liberalen Westmächte durchbrachen:
machtpolitische Tendenzen, und, namentlich auf französischer
Seite, der ständige, auch durch den persönlichen Geiz des
Königs immer wieder diktierte Versuch, dem Herrscherhause
der Orléans allerlei internationale Vorteile zu verschaffen.
Es waren Motive, die sich natürlich in jeder großen
internationalen Konstellation der nächsten Zeit wiederum aus—
wirkten.
In Italien war man seit der gescheiterten Revolution
der zwanziger Jahre gewohnt, auf Frankreich zu blicken. In
Frankreich lebten die italienischen politischen Flüchtlinge; in
Paris tagte unter Mazzini das Komitee, das ihre Verbindungen
mit der Heimat aufrechthielt. Kein Wunder daher, daß man
in Italien nach der Julirevolution losschlug. So in Modena
und Parma, den österreichischen Halbblutstaaten, so im Kirchen⸗
taat, wo namentlich die Romagna und die Marken revoltierten.
Gegenüber diesen Strömungen erwies sich Frankreich zu—
nächst als dem liberalen Programm getreu; es sprach den
Grundsatz der Nichtintervention aus, wogegen Metternich
seit Anwendung eben dieses Prinzips durch ihn gegenüber
        <pb n="384" />
        374 Vierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

Frankreich nichts einzuwenden vermochte, und ließ dadurch
den Revolutionen eine bedeutende moralische Stärkung zuteil
werden.
Allein diese Stellungnahme wurde schließlich nicht bei⸗
hehalten. Als Metternich, der sich Italien gegenüber keines⸗
wegs des Nichtinterventionssatzes erinnerte, die österreichischen
Truppen einmarschieren ließ, als diese in Bologna als Befreier
von mancher Not der Revolution und Konterrevolution freudig
empfangen wurden: als Metternich weiter nicht übel Lust zeigte,
die Legationen vom Papste für Österreich zu fordern: — da griff
auch Frankreich ein. In der Nacht vom 22. zum 283. Februar
1832 nahm ein französisches Geschwader Hafen und Stadt
Ancona durch einen Handstreich.
Nun konnte dieses Ereignis, das in Europa ungeheures
Aufsehen erregte, allenfalls noch in liberalem Sinne gedeutet
werden; und in der Tat wurde Ancona zum Sammelplatz aller
freien Seelen Italiens. Allein bald schlossen die Franzosen
selber gerade diese Deutung aus. Als sich zeigte, daß ihr Ein—
greifen ihr nationales Prestige in Italien, das sie seit dem
15. Jahrhundert jederzeit zu erhalten eifrig bemüht waren,
gerettet hatte, vertrugen sie sich mit den sterreichern; und als
beide Mächte schließlich, im Jahre 1838, ihre Truppen aus
den Ländern des Kirchenstaates zurückzogen, waren die meisten
Spuren der revolutionären Bewegung von 1830 getilgt.
Nun hätte eine durchgreifende Politik Frankreichs gegenüber
den Mittelmeerstaaten allerdings an sich sehr wohl mit einer
inneren Politik des Liberalismus vereinigt werden können:
dann nämlich und dadurch, daß sie strikt national gewesen
wäre. Allein bald zeigten weitere Ereignisse in Spanien, daß
sie das keineswegs war, sondern daß Louis Philipp in seiner
äußeren Politik eigentlich durch grundsätzlich legitimistische, ja
schließlich sogar nur dynastische Interessen geleitet wurde.
In Spanien hatte in den zwanziger Jahren die schlimmste
aller europäischen Restaurationsregierungen geherrscht; auch
waren bis 1828 französische Okkupationstruppen in den
Festungen geblieben. Zu alledem kam seit 1830 noch die Un⸗
        <pb n="385" />
        Politische Restauration; wirtschaftliche Fortschritte. 375

sicherheit der Thronfolge. König Ferdinand hatte von der
Königin Amalie, einer sächsischen Prinzessin, keine Kinder; als
Thronerbe galt der ultraroyalistische und klerikale Infant Don
Carlos. Da starb die Königin im Jahre 1829; nach zwei
Monaten heiratete der König eine Prinzessin Marie Christine
von Neapel, und diese gebar ihm im Jahre 1830 die Infantin
Isabella. Dabei hatte eine unglückselige Verquickung alten
Erbrechts und späterer Abänderungen zur Folge, daß sich bei
der herrschenden Parteiung die Legitimisten für Don Carlos,
die Liberalen für Isabella und ihre Mutter als thronfolge—
berechtigt entscheiden konnten. Das führte natürlich nach des
Königs Tode, im Jahre 1833, zum Bürgerkrieg: Karlisten
und Christinos standen gegeneinander, wenn es auch der Königin⸗
Mutter gelang, die königliche Gewalt in ihre Hände zu be—
kommen. Während des Kampfes aber, den sie nunmehr gegen
einen legitimistisch-reaktionären Aufstand, vornehmlich in den
baskischen Provinzen, zu führen hatte, mehrten sich zugleich in
ihrem eigenen Parteilager die Radikalen: es bildete sich eine
anarchistische Partei aus, und der gemäßigte Liberalismus
geriet zwischen zwei Feuer.
Es war eine Lage, welche die liberalen Westmächte wohl
zu einem Eingreifen veranlassen konnte, zumal sie sich in
Portugal wiederholte. In der Tat schloß denn auch England
mit der portugiesischen Königin Maria da Gloria wie mit der
Königin Christine einen Vertrag, der durch Zutritt Frankreichs
bald zu einer Quadrupelallianz erweitert wurde: und nach
welchem zur Aufrechterhaltung des nationalen und liberalen
Königtums auf der Pyrenäischen Halbinsel englische und franzö—
sische Hilfe gewährt werden sollte.
Allein diese Hilfe blieb lau, da keiner der beiden Helfer
dem andern traute; der Bürgerkrieg wütete fort und fand
seinen Abschluß zeigentlich erst, als sich mit dem Weggange
von Don Carlos im Jahre 18839 die karlistische Gefahr ver—
ringerte und mit der Abdankung der Königin-Mutter im Jahre
1841 die junge Königin Isabella auf den Thron kam.
Doch eben in den nun folgenden Jahren zeigte Louis
        <pb n="386" />
        376 Vierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

Philipp wiederum in besonders schmutziger Weise, was er unter
liberaler und nationaler Politik Frankreichs verstand. Im
Jahre 1846 heiratete Isabella auf Vermittlung Frankreichs
hren unfruchtbaren Vetter Franz von Assis; und gleichzeitig
berheiratete Louis Philipp seinen jüngsten Sohn, den Herzog
von Montpensier, mit Luise Fernande, der Schwester Isabellens
— und bei der voraussichtlichen Kinderlosigkeit der Ehe Isa—
bellens deren Nachfolgerin.
Es war eine für die Politik Louis Philipps, und das
heißt Frankreichs, schon gegen Schluß der dreißiger Jahre
typische Handlungsweise. Wollte man es den Engländern ver—
argen, wenn sie sich darüber erzürnten? Und so lebten denn
die führenden Staaten des westeuropäischen Liberalismus von
Jahr zu Jahr mehr in gestörter Freundschaft, je rückschritt—
licher, geiziger und immer mehr auf persönlichen und Familien⸗
vorteil bedacht sich der König der Franzosen zeigte.
Zu entscheidendem Gegensatze indes hatte diese Ära der
Mißverständnisse schon vorher, um das Jahr 1840, an einer
Stelle geführt, an welcher auch die übrigen europäischen Mächte
ein Wort mitzureden hatten: an derselben Stelle, von der
aus schon die restaurative Herrschaft Osterreichs gebrochen
worden war, im europäischen Südosten.
Schon seit dem Beginn der Julimonarchie verfolgte Frank—⸗
reich das Ziel, sich zur beherrschenden Großmacht wenigstens des
Mittelmeeres zu machen, da England die Ozeane seiner Hegemonie
unterworfen hatte: es war, in kleinerem Ausmaße, die Wieder⸗
aufnahme Napoleonischer Pläne. Aber wie Ludwig der Heilige
die letzten Kreuzzüge nicht mehr gegen das Heilige Land selbst
gerichtet, sondern zunächst bescheidenere Aufgaben zu lösen ver⸗
sucht hatte, so führten auch die neuen Gesta Dei per Francos
nicht alsbald nach Agypten, sondern, näher der Heimat, nach
Algier. Als wenn sich dadurch ein schließlicher Konflikt mit
England hätte vermeiden lassen!
Die Eroberung Algiers hat viel Blut gekostet; erst gegen die
Mitte des Jahrhunderts konnte sie als vollendet gelten; 1847
wurde Abd-el-Kader gefangen genommen. Allein inzwischen
        <pb n="387" />
        Politische Restauration; wirtschaftliche Fortschritte. 377

ergab sich Gelegenheit, auch weiterhin in der Levante Einfluß
zu gewinnen. Im Jahre 1832 eroberte der nie ruhige und
nimmersatte Vizekönig Mehemed Ali von Agypten Syrien und
drang gegen die Türkei, die durch die Ereignisse des griechischen
Aufstandes geschwächt war, bis Skutari vor. Es war eine
unmittelbare Bedrohung des Sultans, die sich der Zar, der
sich schon als der natürliche Vormund und Erbe der türkischen
Herrschaft ansah, nicht bieten ließ: er war zum Einschreiten
bereit. Da hinderte Frankreich eben in diesem Augenblicke
einen vollen Erfolg Rußlands und schob zugleich Mehemed
Ali noch bedrohlicher in die Nähe Konstantinopels, indem es
zwischen ihm und dem Sultan den Präliminarfrieden von
Kutahia, vom 4. Mai 1833, vermittelte, wonach Mehemed
Syrien unter der Oberhoheit der Pforte erhielt. Kaiser
Nikolaus war höchst entrüstet über diesen französischen Erfolg,
der ungefähr mit der Besetzung Anconas und mit der Kon—
stituierung des Königreichs Belgien zusammenfiel; doch ver—
mochte er die Abmachungen nicht zu verhindern. Dagegen
glaubte er durch einen Vertrag vom 8. Juli 1833, zu Hunkiar
Iskelessi, weitere Fortschritte Frankreichs vereiteln zu können,
indem er sich verpflichtete, der Türkei bei jeder drohenden Ge⸗
fahr auf Ansuchen zu Hilfe zu kommen, während die Hohe Pforte
die Dardanellen für fremde Kriegsschiffe schloß.
In diesen Verwicklungen hatten nun Frankreich und Eng⸗
land noch gegen Rußland zusammengestanden. Allein als
Mehemed Ali auch nach dem Vertrage von Kutahia seine Er—
oberungszüge fortsetzte und im Jahre 1839 ein türkisches Heer
bei Nisib völlig schlug, und als gleichzeitig dem kraftvollen
Sultan Mahmud in Abdul Medschid ein sechzehnjähriger Knabe
folgte, änderte sich das. Jetzt gelang es Rußland leicht, Eng⸗
land auf seine Seite zu ziehen: denn es lag keineswegs in
Englands Interesse, daß der ganz in französischem Fahrwasser
befindliche Mehemed den festen Besitz Syriens erhielt und
damit die englisch-indischen Beziehungen beherrschte. Und so
vollzog sich denn, da auch die deutschen Mächte und insbesondere
Hsterreich sich gegen eine Alleinherrschaft Frankreichs guf dem
        <pb n="388" />
        378 Vierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

Mittelmeere zu wehren hatten, eine allgemeine Annäherung
der europäischen Großmächte mit Ausnahme Frankreichs zur
Beratung einer Reform der Tuürkei und zur Zurückdrängung
Mehemeds: das Band des liberalen Zusammenhanges im
zuropäischen Westen schien gelöst. Und so schmerzlich dies dem
deutschen Liberalismus für seine Hoffnungen im Innern sein
mochte, so daß die Gefahr einer radikalen Lösung näher trat,
jo wohltuend war diese Wendung doch dem deutschen Nationa⸗
lismus: denn zum ersten Male wieder seit langer Zeit hatte
sich eine große europäische Frage ergeben, in der die deutschen
Mächte gemeinsam und im Geiste maßvoller Freiheit mit—
sprachen.
In diesem allgemeinen Zusammenhange spitzte sich aber
freilich auch das eigentliche Problem außerordentlich zu; am
L1J. Juli 1840 schlossen alle Mächte außer Frankreich einen Ver⸗
trag zur Friedensstiftung im Orient im englischen Sinne, gegen
den Willen Frankreichs. Darüber wurde die öffentliche Meinung
in Europa immer erregter; in Frankreich, wo schon längst die
Gärung gegen die Regierung Louis Philipps einen gewalt⸗
samen Ausgang suchte, herrschte eine provozierend kriegerische
Stimmung; zum ersten Male wieder seit langer Zeit erscholl
die Marseillaise. Und merkwürdig genug: sehr bald vergaß
man in dieser Stimmung fast die orientalische Frage und
forderte die Rheingrenze. Und sofort schien es, als ob franzö⸗
sische Eifersucht auf den Nachbar, der sich jetzt bei einer Frage
von allgemeiner europäischer Bedeutung endlich auch einmal
deutlich zum Worte zu melden drohte, schon damals das
träge Blut der Deutschen zu einem Kampfe um das ganze
Deutschland in Wallung bringen sollte; Frankreich selbst be—
gann umfassende Rüstungen; es war wie der Vorabend eines
großen Krieges.
Aber schon nach wenigen Monaten herrschte wieder Ruhe.
Mehemed Ali hatte inzwischen Rückschritte gemacht; die Pforte
entsetzte ihn seiner Wurden; Rußland drohte in die Türkei
einzufallen und rief damit in England Beklemmungen hervor;
in Frankreich bemächtigte sich der Radikalismus des Kriegs—
        <pb n="389" />
        Politische Restauration; wirtschaftliche Fortschritte. 379

geschreis, und Louis Philipp stutzte. An Stelle des Ministe—
riums Thiers trat das friedselige Ministerium Guizot; und inter⸗
nationale Verhandlungen führten schließlich zu dem Londoner
Protokoll vom 13. Juli 1841, in welchem Mehemed Ali be—⸗
dingungslos als erblicher Vizekönig von Agypten anerkannt
wurde, alle anderen Eroberungen aber herausgab.
So war der Versuch einer französischen Beherrschung der
Levante gescheitert; mißmutig und mißtrauisch vor allem gegen
England zog sich das französische Volk aus diesem wenig ehren⸗
voll verlaufenen Handel heraus; zu der Verurteilung der
immer reaktionärer werdenden inneren Politik des Königs
kam der Ärger über Niederlagen auf dem Gebiete der äußeren:
die Stimmung der Februarrevolution des Jahres 1848 be⸗
reitete sich vor.
Was aber für Europa und damit auch für Deutschland
aus diesem Verlaufe der internationalen Politik der dreißiger
Jahre und dem Spiel vor allem der westeuropäischen Inter—
essen als Ganzes um 1840 hervortrat, das war doch, nach dem
Verfalle der Heiligen Allianz schon seit 1830, der Sieg der
großen liberalen Ideen auch in den politischen Beziehungen
der Mächte, ganz abgesehen von ihrer außerordentlich starken
kulturgeschichtlichen Fundamentierung in diesen Zeiten. Und
eben dieser Zusammenhang nur macht es begreiflich, daß sich in
Deutschland in dem Augenblicke, da die Grenzen des Vater—
landes bedroht schienen, die öffentliche Meinung mit einer ganz
unerwarteten Wucht geäußert hatte: dem liberalen Gedanken
war in mindestens ebenbürtigem Fortschritte alsbald der natio—
nale zur Seite getreten. Als in den Zeiten des Ministeriums
Guizot auf den Pariser Straßen der Ruf nach der Rhein—
grenze erscholl, da erwachte auch am Rhein und jenseits des
Stroms die Stimmung der Freiheitskriege frisch und stark;
man fühlte sich den Franzosen in einem künftigen Kriege ge—
wachsen, und weithin drang das Echo von Beckers Lied: Sie
sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein. Und diese
Stimmung verrauschte nicht rasch; sie blieb auch nach den ge—
hobenen Tagen; dauernd bezeichnete sie den Umschwung der
        <pb n="390" />
        380 Vierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

politischen Haltung in Deutschland, wie er sich seit den dreißiger
Jahren gegenüber den restaurativen Gefühlen des zweiten
und dritten Jahrzehnts vollzogen hatte.

I.

In der Schilderung der politischen Vorgänge von 1815
his 1840 im vorigen Abschnitt ist Deutschland, soweit es ein
politischer Begriff war, der im Deutschen Bunde seine Spitze
fand, kaum ein einziges Mal erwähnt worden. Und auch das
deutsche Volk haben wir fast nur einmal als Einheit eingreifen
sehen, im Moment vermeintlicher höchster Gefahr, 1840, als
die Franzosen das linke Rheinufer forderten. Aber auch die
deutschen Großmächte sind im Grunde wenig genannt worden.
Am wenigsten Preußen. Es hatte auf seine Großmachtstellung
nahezu verzichtet; bis 1830 etwa folgte es absolut Metternich,
hon da ab Rußland und nebenher Österreich. sterreich seiner⸗
seits spielte eine hervorragende Rolle doch nur als Hort der
Heiligen Allianz, wenn sich auch Metternich zur Höhezeit
seiner Macht in der Vorstellung gefiel, sein Kaiser könne sich
eigentlich mit Recht zugleich als Kaiser von Deutschland be—
rrachten.
Die Heilige Allianz aber hatte völlig eigentlich nur bis
etwa zum Tode des Kaisers Alexander (1825) die Führung
Europas in Händen gehabt, während sich schon in dieser Zeit
das romanische Amerika auf eigene Füße stellte. Es war dann
ferner ihre tiefere Grundlage, die Gesamttendenz der europäischen
Entwicklung noch im Sinne des Legitimismus und Absolutis—
mus, durch die Julirevolution gesprengt worden: seitdem galt
ein nicht legitimistisch, sondern auf nationaler Souveränität
degründetes Königtum, eine nicht absolutistisch, sondern kon—
stitutionell im Sinne der Forderungen des höheren Bürger—
tums verlaufende monarchische Regierung als denkbar; Bei—
spiele waren England und Frankreich.
Dabei war es denn allerdings England und Frankreich
aicht gelungen, das Ideal ihres Staatslebens anderswo außer
        <pb n="391" />
        Politische Restauration; wirtschaftliche Fortschritte. 381

in Belgien zur Geltung zu bringen; in den südromanischen
Staaten scheiterten dahinzielende Versuche der revolutionierenden
Italiener, Spanier und Portugiesen, soweit das Ausland dabei
in Betracht kam, an der Lauheit der französischen und eng—
lischen Hilfe wie an dem immer wieder hervorbrechenden po—
litischen Gegensatz zwischen England und Frankreich, schließlich
auch an der immer stärkeren Hinwendung König Louis Philipps
zu Absolutismus und Legitimismus.
Noch weniger Erfolg hatte die nationale und liberale
Bewegung, wie sie von der französischen Julirevolution aus—
ging, unter Germanen und Slawen. Hier bot sie vielmehr
Anlaß zu verstärkten Repressalien der absolutistisch-legitimistischen
Mächte und wurde durch den weiteren Verlauf der englisch—
französischen Beziehungen in den dreißiger Jahren nicht ge—
stärkt, sondern in dem Grade im Stich gelassen, daß eben das
Ende des vierten Jahrzehnts, wenigstens auf deutschem Boden,
die stärksten Unterdrückungsversuche freiheitlicher Empfindung
erlebt hat.
Im ganzen betrachtet war somit in der Zeit von 1815
bis 1840 für Deutschland von außen her kein durchschlagender
Impuls vorhanden, um eine absolutistische und legitimistische
Reaktion zu verhindern; war eine solche Reaktion vorhanden,
so mußte sie im Gegenteil sogar gestärkt werden. Dies um
so mehr, als es den deutschen Großmächten auch im Bereiche
geringfügiger internationaler Beziehungen nicht gelang, Erfolge
zu erringen und dadurch das nationale Empfinden zu kräftigen.
Wie wenig haben da Österreich und Preußen beispielsweise zum
Schutze deutscher Seefahrtsinteressen, besonders für Hamburg,
erreicht! Und wie kläglich hat sich Preußen von dem Königreiche
der Niederlande behandeln lassen, als es sich um die Realisierung
der durch den Wiener Kongreß festgestellten Freiheit der Rhein—
schiffahrt bis in die See handelte! Von dieser halb lächer—
lichen, halb ärgerlichen Angelegenheit wird noch weiter zu er—
zählen sein.
Aber auch von innen her gab es keine Macht, welche der
drohenden Restauration widerstanden hätte. Die geistigen
        <pb n="392" />
        382 Vierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

Strömungen wendeten sich der Romantik, dem Universellen
und Verschwommenen, nicht dem Konkreten und Nationalen
zu; und indem fie das Willkürleben der Einzelperson zu sta⸗
tuieren schienen, aber auf die Dauer nicht gewährleisteten,
öffneten sie den Mächten einer scheinbar längst überwundenen
Vergangenheit, dem legitimistischen Absolutismus und dem
orthodoxen und ultromontan-klerikalen Kirchentum die Tore.
Und so geschah es, daß Deutschland, das soeben die Welt
vom Joche Napoleons befreit hatte, das darauf Europa in der
Romantik eine neue Geisteskultur schenkte, gleichwohl und zum
Teil ebendeshalb politisch den Reaktionsgelüsten der partikularen
und legitimistischen Gewalten, sowie einer unglückseligen, zur
Tatenlosigkeit verdammenden Gesamtverfassung anheimfiel.
Die Stimmung, in der man aus den Befreiungskriegen
heraus an die Lösung der deutschen Verfassungsfrage trat,
war bei der Masse der Gebildeten bald eine ganz andere, als
sie der geistige und sittliche Aufschwung der Freiheitskriege
hätte erwarten lassen.
Es ist dabei zu bedenken, daß der Geist der Freiheitskriege
keineswegs aus einer überall gleichmäßig verbreiteten geistigen
Haltung heraus geboren worden war. Die kleineren Staaten im
Westen hatten die preußische Begeisterung nicht mitgemacht, teil⸗
weise auch nicht Osterreich: und so erwachte auch in ihnen nicht
die große und flammende Begeisterung für das ganze Vaterland.
Was aber außerhalb Preußens für die Größe der Nation
fühlte, das war vielfach auch schon nach Preußen gegangen:
Stein und Scharnhorst, Hardenberg, Blücher und Gneisenau,
Niebuhr, Fichte und K. F. Eichhorn, wie viele andere, sind
nicht geborene Preußen gewesen.
Außerdem aber war das Freiheitsgefühl, das in Preußen
neben dem Nationalgefühl geweckt worden war, nicht das der
frühen Romantik. Freiheit hatte der Freiherr vom Stein nur
im Sinne pflichtstrenger Einordnung in den Staat und pa—
triotischer Unterordnung unter dessen Zwecke verstanden: dem
Bürger sollte die Sache des Staates als seine eigene erscheinen.
War vorauszusetzen, daß dieser Begriff sich unter den Ein—
        <pb n="393" />
        Politische Restauration; wirtschaftliche Fortschritte. 383

wirkungen insbesondere der nun in weitere Kreise dringenden
Frühromantik nach den großen Ereignissen der Jahre 1813 bis
1815 lange erhalten würde? Hatte Arndt gesungen „Das
ganze Doutschland soll es sein“; hatte Stein geschrieben „Ich
habe nur ein Vaterland, und das heißt Deutschland; ... mir
find die Dynastien in diesem Augenblicke großer Entwick—
lung vollkommen gleichguültig, es sind bloß Werkzeuge“: bald
dachte man anders; und mit dem steigenden historischen Sinne
der Romantik feierte der Legitimismus Orgien der Auf⸗
erstehung.
Dazu kam, daß Osterreich schon 1813 die diplomatische
Führung des Krieges gegen Frankreich über Preußen hinweg
an sich gerissen hatte, und daß Metternich in Verfolgung dieser
Handlungsweise mit den süddeutschen Staaten schon Verträge
abgeschlossen hatte, die den Aufbau eines mächtigen Bundes—
staates von vornherein verhinderten. Und sterreich wollte
einen solchen Bundesstaat überhaupt nicht. In Wien wollte
man vor allem österreichische Großmacht werden und bleiben:
also mit den deutschen Dingen nur insoweit befaßt sein, um
sie im Sinne der eigenen Politik zu beherschen. Und so wünschte
man weder ein deutsches Kaisertum des österreichischen Kaisers
noch eine Führung der deutschen Angelegenheiten durch einen
anderen Staat, etwa gar wohl durch Preußen. Den österreichi—
schen Absichten, den Anschauungen Metternichs entsprach daher
nur eine Verfassung, die wie die spätere Bundesverfassung be⸗
schaffen war.
Zu den politischen Bedenken kamen für OÖsterreich auch
noch legitimistische. Osterreich ließ sich von vornherein der
Idee der Nationalität und der damit verquickten Idee staats—
bürgerlicher Freiheit nicht einordnen: bei seiner Zusammen⸗
setzung aus zahlreichen Nationalitäten wäre es darüber zugrunde
gegangen. Heute wie damals beruhte darum die Einheit der
österreichischen Monarchie auf der Anhänglichkeit der Völker
an die Herrscherfamilie, d. h. auf dem Legitimismus.
In diesem Zusammenhange mag man am ehesten die ge⸗
schichtliche Rechtfertigung der Metternichschen Reaktionspolitik
        <pb n="394" />
        384 Vierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

sehen: sterreich mußte bleiben, wie es im 16. bis 18. Jahr⸗
hundert gewesen war.
Nun schienen aber gerade in Preußen durch Stein und
Hardenberg die nationalistischen und liberalen Ideen Boden
zu finden. Daher durfte Preußen bei der Ordnung der
deutschen Verhältnisse auf keinen Fall bevorzugt werden: wie
leicht hätte sonst sein Staatsziel siegen, die in ihm gepflegte
Anschauung sich nach Österreich verbreiten können.
Indem aber Ästerreich so gegen Preußen ein- und auftrat,
traf es zugleich auch die Meinung der neubegründeten König⸗
reiche im Süden sowie des mit England in Personalunion
verbundenen Hannovers: denn diese Königreiche wollten als
Preußen ebenbürtig angesehen werden und vermochten dies nur,
wenn Preußen gedrückt wurde.
Unter diesen allgemeinen Voraussetzungen etwa begannen
die Verhandlungen über die Frage der künftigen deutschen Ver—
fassung.
Auf Steins Betreiben war die Ordnung der deutschen
Verhältnisse von den Alliierten als eine ausschließlich deutsche
Sache einem Ausschuß von österreich, Preußen, Bayern,
Württemberg und Hannover, der sogenannten Pentarchie, über—
tragen worden. Für diesen Ausschuß legte Hardenberg am
13. September 1814 zunächst dem Fürsten Metternich einen
Entwurf vor, und dieser wurde dann von Metternich stark ver⸗
wässert am 14. Oktober 1814 dem Ausschuß übergeben. Hier
fand er aber, als viel zu weitgehend, vor den kleinen König—
reichen keine Gnade. Wrede protestierte im Namen des „bayri⸗
schen Nationalstolzes“, Württemberg fand es unglaublich, daß
man „aus verschiedenen Völkerschaften, wie Preußen und Bayern,
sozusagen Eine Nation machen wolle“.
Am 16. November 1814 war man soweit, daß, zur
Freude Metternichs, die Pentarchie unverrichteter Dinge aus—
einanderging.
Aber nun regten sich die kleinen deutschen Souveräne,
welche bisher vergebens gebeten hatten, sie mit beraten zu
lassen. Sie wollten weit eher auf einzelne Rechte zugunsten
        <pb n="395" />
        Politische Restauration; wirtschaftliche Fortschritte. 385

der Zentralgewalt verzichten als allein stehen, und 29 von
ihnen forderten — zum letzten Male für lange Zeit — eine
kaiserliche Obergewalt. Indes ohne Erfolg. In dem nun
folgenden Kampfe des Jahres 1815 gegen Napoleon trat zu⸗
nächst die amtliche Beratung der ganzen Angelegenheit zurück,
wogegen eine Fülle lustiger Privatprojekte aufflatterte.
Indes kam man auf dem Wiener Kongreß doch endlich
noch zum Abschluß. Nachdem Preußen vergebens zwei, durch
Wilhelm von Humboldt ausgearbeitete Projekte vorgelegt hatte,
präsentierte Metternich ein äußerst verdünntes Elaborat des
Herrn von Wessenberg, das nach nochmaliger Abschwächung
namentlich durch Bayern und Sachsen, unter allgemeiner Er—
müdung, gleichsam in Ermangelung von etwas Besserem, an⸗
genommen wurde; am 8. Juni 1815.
Die Verfassung, wie sie nun perfekt geworden war, cha—
rakterisierte sich als ein ziemlich inhaltloses Machwerk, dessen
Leere die Gefahr barg, daß eine führende Macht aus ge—
wissen vagen und weiten Bestimmungen leicht diktatorische
Gewalten ableiten konnte. Dazu kam, daß die Akte auch noch
der Wiener Kongreßakte eingefügt wurde: so daß später die
Signatarmächte des Kongresses aus dieser Tatsache her die
Befugnis beanspruchten, die deutsche Entwicklung zu kontrol⸗
lieren, ja in sie gegebenenfalls selbst tatsächlich einzugreifen.
Die Zahl der Bundesstaaten betrug 39, darunter vier
freie Städte; später schmolzen sie auf 35 zusammen. Von
Hsterreich gehörte nur das cisleithanische Gebiet zum Bunde,
von Preußen nicht die Provinzen Preußen und Posen. Organ
des Bundes war der in Frankfurt residierende Bundestag, be⸗—
stehend aus Bevollmächtigten der Bundesglieder, welche der
Instruktion bedurften. Die Folge dieser Einrichtung war ein
endlos schleppender Geschäftssang. Der Bundestag beschloß bei
wichtigeren, sogenannten „organischen“ Fragen im Plenum mit
69 Stimmen. Dabei war für dauernde Institutionen Stimmen⸗
einheit nötig; im übrigen entschied eine Mehrheit von zwei
Dritteln. In diesem Falle konnten die sechs größten Staaten
im Plenum die kleinen überstimmen, da sie zusammen 28 Stimmen
Lamprecht, Deutsche Gefchichte. X. 25
        <pb n="396" />
        386 Vierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

führten. Ganz anders lagen dagegen die Dinge in dem ge—
wöhnlich tagenden engeren Rat von 17 Stimmen. Hier hatten
die elf größeren Staaten je eine Stimme, die anderen kleinen
sechs Kuriatstimmen: es konnten somit Osterreich und Preußen
sehr leicht überstimmt, ja unter Umständen konnten neun
Fehntel der Nation durch ein Zehntel majorisiert werden.
Die Folge dieser Bevorzugung der Kleinen war, daß
Osterreich und Preußen mit ihnen, statt sachlich und gemein—
sam, vielmehr einzeln, persönlich und diplomatisch von Hof zu
Hof verhandelten; und so kam es zu ständigen Intrigen und
Zetteleien, und die bundesstaatliche Diplomatie gewann langsam
wieder den Charakter der veralteten Kabinettspolitik des 17.
und 18. Jahrhunderts.
Der unförmlichen Zentralbehörde des Bundes aber wurde
nun die Ausführung des einzigen Zweckes des Bundes bei—
zelegt, „über die Sicherheit Deutschlands nach innen und außen
zu wachen“. Und der Unbestimmtheit dieser Aufgabe ent—
sprachen die dürftigen Bestimmungen über die Stellung der
Einzelländer. Den Fürsten war gestattet, Gesandtschaften zu
halten, auch Bünde zu schließen außer gegen den Deutschen
Bund; außerdem war im Artikel 13 der Akte in ziemlich un—
klarer Sprache festgestellt, in jddem Bundesstaate „werde“ — ur⸗
sprünglich hatte es geheißen „solle“ — eine landständische
Verfassung statthaben; für den Staatsbürger kamen dazu ver⸗
schwommene Redensarten über Preßfreiheit und Handelsfreiheit,
neben einer sehr genauen Aufzählung der Privilegien der Me—
diatisierten und der Thurn und Tarisschen Postrechte.
Natürlich hätten diese unfertigen Bestimmungen, mehr
Direktiven als Gebote, einer gesetzgeberischen Ausgestaltung
bedurft. Aber dazu kam es nie. Zwar gab sich Preußen
während des ersten Jahrfünftes der Bundesverfassung Mühe,
wenigstens eine leidliche Heeresverfassung herzustellen, und
wenigstens scheinbar wurde es dabei von Osterreich unterstützt,
aber das nach endlosen Verhandlungen gewonnene Resultat
war kläglich. Als im Jahre 1821 endlich eine provisorische
Kriegsverfassung zustande kam, sollte das Bundesheer aus
        <pb n="397" />
        Politische Restauration; wirtschaftliche Fortschritte. 387

300 000 Mann bestehen, formiert in zehn Armeekorps, deren
je drei erste von Osterreich und Preußen, das siebente von
Bayern, das achte bis zehnte von den übrigen Staaten zu
stellen waren. Aber ein gemeinsames Kommando im Frieden
gab es nicht, noch viel weniger eine einheitliche Organisation:
jeder Staat richtete sein Kontingent selbst ein, ja es war ver—
boten, das Kontingent eines kleineren Staates einem größeren
zu unterstellen; und eine Musterkarte teilweise phantastischer
Uniformen bezeugte den tatsächlichen Charakter der Desorgani—
sation auch äußerlich. Wie es dabei namentlich im achten bis
zehnten Korps selbst innerhalb des eigentlichen Dienstbereiches
uussah, läßt sich denken. Das neunte und zehnte Korps wurde
überhaupt erst im Laufe der nächsten vierzehn Jahre formiert,
und auch dann nur auf dem Papiere. Ebenso wurde erst
nach einem langen Hin und Her von Verhandlungen Ulm
den alten Bundesfestungen Luxemburg, Mainz und Rastatt
hinzugefügt.
In den dreißiger Jahren ist dann allerdings noch einmal
der Versuch des Anfangs eines Ausbaus der Heeresverfassung
gemacht worden. Als unmittelbar nach der Julirevolution
criegerische Übergriffe Frankreichs über den Rhein nicht aus—
geschlossen waren, während Frankreich gleichzeitig der belgischen
Revolution sympathisch gegenübertrat und in Italien die re—
volutionären Bewegungen im Gegensatz zu Ögsterreich zu schützen
schien, kamen die süddeutschen Staaten in große Verlegenheit.
Osterreich, in Italien beschäftigt, konnte ihnen für den Fall
eines französischen Angriffs wenig helfen; ja es schien fast,
als ob es einen Angriff Frankreichs auf Süddeutschland gern
sehen würde, um in Italien freie Hand gegen die Revolution,
die ohne Frankreichs Hilfe viel leichter zu bewältigen war, zu
erhalten. In dieser Not rüsteten Württemberg und Bayern
eifrig, und zwar außerhalb des Rahmens der Bundeskriegs-⸗
oerfassung, denn in beiden Staaten wußte man wohl, daß diese
nichts taugte. Das gemeinsame Heer sollte dann unter den
Oberbefehl König Wilhelms von Württemberg gestellt werden,
der schon als Kronprinz militärisches Geschick als Heerführer
25 *
        <pb n="398" />
        388 Vierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

bewährt hatte. Gleichzeitig aber wandten sich Bayern und
Württemberg an Preußen, es solle den Mitschutz auch des
Oberrheins übernehmen; am besten werde man hierzu gemein⸗—
same militärische Abmachungen treffen.
Damit war denn ein Moment gegeben, auf das hin
zunächst eine militärische Sonderverfassung im Bunde und
damit vielleicht der Kern einer allgemeinen Reform der Heeres-,
wenn nicht gar der Bundesverfassung, hätte entwickelt werden
können. Aber freilich mußte man rasch handeln, ehe die Kriegs—
gefahr verflog.
Indes Friedrich Wilhelm III. zauderte; und schließlich
glaubte er in der Sache nichts tun zu dürfen ohne Vorwissen
Hsterreichs. Im Januar 1831 ging daher General von Röder
nach Wien und machte den Vorschlag, für den Kriegsfall drei
Heere aufzustellen, am Niederrhein, am Main und am Ober—
rhein, wobei die Disposition so getroffen war, daß Bayern
und die drei gemischten Bundeskorps unter preußisches Kom⸗
mando gekommen wären. Den gemeinsamen Oberbefehl aber
sollte nicht ein Bundesfeldherr, sondern nach Analogie der
Verhältnisse des Jahres 1818 ein großes Hauptquartier führen.
Nun war es ganz selbstverständlich, daß Preußen mit
diesen Vorschlägen auf Metternichs entschiedenen Widerstand
stieß. Metternich stützte sich dabei in seinen Gegenargumenta—
tionen auf das Bestehende: an die Bundeskriegsverfassung
habe man sich zu halten. Und damit gelang es ihm, einen
Entscheid in der Sache im Laufe der kommenden Monate bis
zum Herbst 1832 überhaupt aufzuhalten, — um dann, als die
Kriegsgefahr längst vorüber war, den vreußischen VPlan im
allgemeinen zu billigen.
Natürlich aber wollten nunmehr die süddeutschen Staaten
von diesem Plane nichts mehr wissen, wie er denn in der Tat
zum Teile wenigstens gegenstandslos geworden war: die Sache
schlief ein, und auf lange hin war eine letzte Gelegenheit zur
Begründung einer besseren Heeresverfassung, eine Gelegenheit
auch vielleicht zur Begründung der Anfänge eines engeren
Deutschlands unter Preußens Führung verabsäumt.
        <pb n="399" />
        Politische Restauration; wirtschaftliche Fortschritte. 389

Innerhalb des Verfassungslebens des Bundes aber rückte
ebensowenig, wie der Ausbau der Militärverfassung, der Aus—
bau der politischen Verfassung vorwärts. Und das war schließ—
lich noch ein Glück. Denn sterreich hätte hier gern Be—
stimmungen in restaurativem und reaktionärem Sinne getroffen.
Allein das ließ die Opposition der Mittelstaaten, welche mittels
ihrer verhältnismäßig liberalen Landesverfassungen einen soliden
Partikularismus anzubahnen begannen, nicht zu. Und so kam
es denn in der Wiener Schlußakte vom 8. Juni 1820, mit
welcher die Entwicklung der Bundesverfassung erst eigentlich
abschloß, im ganzen noch zu freiheitlichen Zusatzbestimmungen
zur eigentlichen Bundesakte. Wichtig war da namentlich die
Art, in der das Verhältnis der Bundesgewalt zu dem Einzel⸗
leben der Staaten bestimmt wurde; es wird davon bald ein—
gehender die Rede sein.
Die Veröffentlichung der Bundesverfassung wurde in Deutsch⸗
land mit Hohn und Ingrimm aufgenommen, nicht minder die
Nachricht vom Zusammentritte des Bundestages, der, auf den
1. September 1815 ausgeschrieben, vorbedeutungsvoll für
die Energie dieser neuen Zentralgewalt erst am 5. November
1816 stattfand. Selbst den Regierungen nahestehende Männer
fragten sich, ob diese Sorte von Verfassung denn der Lohn sein
solle für die patriotische Hingebung des Volkes in den Freiheits⸗
kriegen. Das Schwergewicht, welches sich in Form des not—⸗
wendigen legitimistischen Konservatismus Osterreichs der deutschen
Entwicklung angehängt hatte, erkannten freilich die wenigsten,
und so kam es zu einer blinden Erbitterung.
Sie fand ihren Ausdruck zunächst in der doktrinären Kritik
einer Fülle liberaler Zeitungen, der Nemesis Ludens, der
Isis Okens, des Volksfreundes von Wieland, die alle im
Schutze der liberalen Regierung Karl Augusts von Weimar
erschienen, ferner im „Rheinischen Merkur“ von Görres, dem
bedeutendsten Blatte damals nicht bloß des Mittelrheins, sondern
Deutschlands überhaupt, in dem „Wächter“ von Arndt u. a. m.
Sitz der Opposition waren dabei neben Thüringen namentlich
die rheinischen Länder und die Staaten des Südens. Praktisch
        <pb n="400" />
        390 Vierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

aber machte sich die Kritik vor allem in den süddeutschen Parla—
menten geltend. Und hier war es wiederum besonders die
badische Kammer, die offen eine Verbesserung der Bundes—
verfassung erstrebte.
Den liebenswürdigsten aber und freilich zugleich unvorsich—
tigsten Ausdruck fand die Opposition und die Stimmung ge—
täuschter Hoffnung in der akademischen Jugend und unter den
Turnerschaften. An den Universitäten vor allem begeisterte
man sich auch noch fürderhin für das Ideal eines einigen, großen
Deutschlands. Es war eine Gesinnung, die in ihren Anfängen
schon die neunziger Jahre des 18. Jahrhunderts gezeitigt hatten,
die dann genährt und gefestigt worden war in der stählenden
Not der Kriege. Mittelpunkte der Bewegung waren Jena und
Gießen, Universitäten der Kleinstaaten, zeitweise auch Würzburg,
soweit das patriotische Denken an die Entwicklung der Burschen⸗
schaft gebunden war. Der frischere Ton herrschte dabei in
Jena; hier eben war die Deutsche Burschenschaft im Jahre 1815
begründet worden. In Gießen dagegen schritt man zu einem
verderblichen Fanatismus fort; es gab hier eine Gruppe der
„Unbedingten“ unter den Brüdern Adolf, Karl und Paul
Follen.
Den charakteristischsten Ausdruck vielleicht fand diese Be—
wegung an den Universitäten im Jahre 1817 in einem Feste,
das am 18. Oktober auf der Wartburg und in Eisenach zum
Andenken an die Schlacht bei Leipzig gefeiert wurde. Es war
eine ernste Tagung der Burschenschaften, insbesondere der von
Jena; mit feierlichem Gesang und dem Empfange des Abend⸗
mahls wurde sie eröffnet. Später zog eine Anzahl von
Studenten auf den Wartenberg, auf dem jetzt das Burschen⸗
schaftsdenkmal aufragt, und verbrannte dort, ein wenig nach
Luthers Beispiel, die Zeichen der alten verhaßten Zeit: Zopf,
Schnürbrust und Korporalstock, Schriften von Kotzebue und
Kamptz, sowie Bücher des preußischen Delators Schmalz und
Hallers, des politischen Theoretikers der Restaurationszeit.
Es war im ganzen eine harmlose Demonstration, so be—⸗
geisterte Reden auch gehalten wurden. Allein in den Kreisen
        <pb n="401" />
        Politische Restauration; wirtschaftliche Fortschritte. 391

der Restauration, namentlich in Wien, war furchtbare Ent—⸗
rüstung die Folge; Metternich fuhr energisch gegen Karl August
von Weimar, den „Altbursch“, wie er ihn nannte, los, und
wollte den Deutschen Bund gegen die Emvörer polizeilich
mobil machen.
Indes dies ging bei der Unreife der Bundesverfassung,
der keinerlei Ausführungsorgane zur Seite standen, nicht auf
direktem Wege; nur die Vereinbarung einiger größerer Staaten
zu einer Pression auf den Bundestag und zur Willigkeit eigener
Ausführung konnte hier fördern.
Dabei bedurfte es aber vor allem der Teilnahme Preußens.
In Preußen war die Reaktion gegen den Geist der Freiheits⸗
kriege und der Steinschen Reformen nach 1815 um so stärker
gewesen, je höher der Aufschwung vorher getragen hatte. Schon
wenige Wochen nach Belle⸗Alliance hatte der Geheimrat Schmalz,
der erste Rektor der Berliner Universität, Stein, Schleiermacher,
Arndt und andere Träger erlauchter Namen als Verschwörer
und Revolutionäre verdächtigt und die Befreiung des Vater—
landes als auf Befehl allein des Königs erfolgt geschildert.
Diesem Angriffe hatte dann freilich ein Heer entrüsteter Gegen—
schriften geantwortet; bis tief in das Jahr 1816 hinein zogen
sich literarische Kämpfe. Allein bald zeigte sich, daß König
und Regierung das Unwesen zu stützen geneigt waren. Schon
im Januar 1816 war der Rheinische Merkur unterdrückt worden,
dann nahm Gneisenau, der in Koblenz als Gouverneur der
Rheinlande residiert hatte, seine Entlassung; der Lauf des
Jahres sah das Zurückschrecken der Regierung vor dem An⸗
drängen der agrarischen Reaktion; und schon 1817 stand
Preußen „moralisch tiefer in der öffentlichen Meinung am
Rhein und in ganz Süddeutschland, als die österreichischen
Papiere im öffentlichen Kredite je gestanden hatten“. Jetzt,
nach 1817, wollte es das Zusammenfallen zweier unglücklicher
Ereignisse, daß Metternich den Preußenkönig ganz für sein
System und seine Absichten gewann. Am 23. März 1819
ermordete der Student Sand, ein Jenaer Burschenschafter,
den russischen Staatsrat Kotzebue, der als ein Söldner im
        <pb n="402" />
        392 Vierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
Dienste der Reaktion verhaßt war; und am 1. Juli suchte
der Apotheker Löning den nassauischen Regierungspräsidenten
von Ibell in Schwalbach zu töten.
Diesen Taten folgten hier und da Zusammenrottungen
des Pöbels, vielfach in antisemitischem Sinne.
Es waren Vorgänge, die, zusammen mit Wiener Ein⸗—
lüsterungen, Friedrich Wilhelm III. völlig einschüchterten; er
verfügte jetzt eine strenge Untersuchung des ,Demagogentums“
und zeigte sich zu polizeilichen Maßregeln im Sinne Metternichs
bereit. Und so kam es, während die Demagogenriecherei in
Preußen die höchsten Namen der Befreiungszeit zu besudeln
begann, zu den Karlsbader Beschlüssen vom 20. September 1819.
Nach einer vorhergegangenen Punktation zu Teplitz, vom
—IDVVDDD
mit Friedrich Wilhelm III. beschlossen die Minister von zehn
größeren, dem Systeme Metternichs sicheren Bundesstaaten in
Karlsbad: erstens Maßnahmen zur Unterdrückung des freien
Geistes der Universitäten; sie sollten durch die neu zu er—
richtende Aufsichtsinstanz der Kuratoren kontrolliert und, wenn
nötig, durch Absetzung renitenter Professoren und Auflösung
freiheitlicher Studentenverbindungen bestraft werden; zweitens
Maßnahmen gegen den „Unfug der Presse“, deren Freiheit
durch Einführung der Zensur für alle Druckschriften unter
zwanzig Bogen geknebelt wurde; drittens: Einsetzung einer
Zentraluntersuchungskommission in Mainz gegen demagogische
Umtriebe und Errichtung einer provisorischen Exekutionsordnung
für die Vollziehung von Beschlüssen, die der Bundestag gegen
demagogische Umtriebe richten werde. Außerdem aber be—
schäftigten sich die Herren in Karlsbad auch noch eingehend
mit jenem Artikel 13 der Bundesakte, der, wie wir wissen,
über die ständischen Verfassungen in den einzelnen Bundes—
staaten handelte. Dieser Artikel war bisher in der Entwicklung
der Verfassungen, freilich namentlich in den kleineren Bundes⸗
staaten, wenigstens vielfach in dem Sinne verstanden worden,
daß er moderne Verfassungen, und das hieß repräsentative
Verfassungen im Sinne einer konstitutionellen Monarchie zulasse:
        <pb n="403" />
        Politische Restauration; wirtschaftliche Fortschritte. 393

und auch da, wo die Bildung der neuen Stände nicht nach
individualistischem Wahlrechte, sondern nach irgendwelchen Mo—
tiven des Berufs oder selbst des privilegierten Standes erfolgt
war, hatte man wenigstens den Grundsatz zumeist ausdrücklich
ausgesprochen, daß der Abgeordnete die Interessen des ganzen
Landes, nicht etwa partikular-ständische, zu vertreten berufen
—[
in dem Sinne, daß unter den Verfassungen dieses Artikels
nicht repräsentative, sondern ständische im Sinne des Ancien
réͤgime verstanden werden müßten.
Diese Beschlüsse hatten natürlich zunächst nur für die
Staaten Geltung, deren Minister sie gefaßt hatten. Aber es
war von Anfang an nicht Metternichs Absicht, bei diesem Er—
gebnis stehen zu bleiben. Vielmehr wurden die Beschlüsse den
bisher gänzlich unbeteiligten und unwissenden 29 kleineren
Staaten in rascher Durchpeitschung im Bundestage zu Frank—
furt aufoktroyiert. Es war in Wirklichkeit nichts weiter als
ein Staatsstreich, eine Revolution von oben, gegen welche die
Aleinen nichts zu tun wußten, als, wenn auch teilweise nicht
ohne Tapferkeit, zu protestieren.
Und nun erst recht begann eine Demagogenriecherei sonder⸗
gleichen. Haussuchungen folgten auf Haussuchungen; das
Sykophantentum blühte; und manch einer entzog sich seinen
heimlichen Gegnern durch Flucht übers Meer. Vor allem wandte
man sich dabei gegen die Jugend. Es ist die Zeit, da die
Burschenschafter mit stillem Grimme das Lied sangen: „Wir
hatten gebauet ein stattliches Haus.“ Aber froh tönend erhob
fich trotz allem aus der Resignation der ersten Verse der Schluß:
Das Hans mag zerfallen,
Was hat's denn für Not:
Der Geist lebt in uns allen,
Und unsfre Burg ist Gott!
Für die Bundesstaaten aber bedeutete die Annahme der
Karlsbader Beschlüsse die erste Unterordnung unter eine despo—
tisch-legitimistische Fälschung des Geistes der Bundesverfassung
zurch Hsterreich: es rächte sich bitter, daß man deren Be—
        <pb n="404" />
        394 Vierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

stimmungen so unklar gelassen hatte. Diese Machtstellung Oster⸗
reichs aber war wiederum doch nur möglich, weil Preußen
verblendet zustimmte.
Gleichwohl hielt sich im Bundesrat noch immer eine ziem⸗
lich starke Opposition. Sie war dabei nicht eigentlich und
grundsätzlich antilegitimistisch oder liberal; ihre Grundlagen
waren vielmehr in der besonderen Entwicklung der kleineren
Einzelstaaten seit 1815 gegeben.
Während sich nämlich die deutschen Großmächte, Hgsterreich
und Preußen, ganz der legitimistischen Restauration hingaben,
hatten insbesondere die süddeutschen Mittelmächte bald heraus—
gefunden, daß sie den Parlamentarismus trefflich zur Be—
gründung eines einheitlichen Staatsgefühls ihrer eben erst aus
tausend Sprengstücken zusammengestellten Territorien benutzen
könnten. So wurden sie denn im Innern leidlich liberal.
Und über diese Grundlage schritt schon seit Ende des zweiten
Jahrzehnts König Wilhelm von Württemberg noch hinweg.
Er faßte den Gedanken eines „reinen“ Deutschlands neben
den großen Ostmächten, namentlich auch gegenüber dem „halb⸗
slawischen, barbarischen“ Preußen. Die Triasidee trat zum
ersten Male entschiedener und selbständiger auf, ausgesprochen
namentlich in dem politischen Pamphlet Lindners „Manufskript
aus Süddeutschland“, 1820, das die Ideen König Wilhelms
in das erregte Publikum warf.
Diese Ambitionen verkörperten sich nun in einer Opposition
im Bundesrat, wie sie namentlich der hochbegabte württem⸗—
bergische Gesandte von Wangenheim vertrat.
Natürlich waren sie Hsterreich und Preußen um so mehr
ein Dorn im Auge, je mehr sie den Beifall der Gebildeten
fanden. Metternich berief daher im Winter 1822 auf 1828
eine Anzahl von getreuen Staatsmännern, vor allem den
preußischen Minister Bernstorff, nach Wien und vereinte sie auf
die Unterdrückung dieser Opposition. Zur Ausführung aber
mußte auch das Ausland herhalten; Rußland, mit den kleinen
Höfen verschwägert, drückte vielerorten nach, zog aus Stutt⸗
gart sogar seinen Gesandten zurück. In der Tat mußte
        <pb n="405" />
        Politische Restauration; wirtschaftliche Fortschritte. 395

Württemberg schließlich den Herrn von Wangenheim abberufen
und einige Stuttgarter Zeitungen unterdrücken; und auch
andere Gesandte kehrten Frankfurt den Rücken.
Seit Sommer 1823 war damit der Bundestag gereinigt,
im Jahre 1824 konnte man die Karlsbader Beschlüsse unter
Verschärfungen erneuern, die kleinen Fürsten waren in ihrer
bundestäglichen Stellung halb mediatisiert, auch die mittleren
fügten sich. Die Veröffentlichung der Bundesverhandlungen
wurde allmählich eingestellt, äußere Politik wurde jetzt erst
recht nicht mehr getrieben, sogar die Befreiung des Rheins
von ungerechtem holländischem Zollschluß mußte Preußen 1831
allein durchsetzen: der hohe Bundestag war nur noch Polizei⸗
institut in den Händen der beiden Großmächte.
Der ganze Ingrimm der Nation über diesen eklen Verfall
aber häufte sich auf Preußen. Von sterreich hatte man
nichts anderes erwartet, in Preußen sah man sich getäuscht.
Am 31. März 1824 aber schrieb der Prinz Wilhelm von
Preußen, der nachmalige Kaiser Wilhelm J.: „Hätte die Nation
1813 gewußt, daß nach elf Jahren von einer damals zu er⸗
reichenden und wirklich erreichten Stufe des Glanzes, Ruhmes
und Ansehens nichts als die Erinnerung und keine Realität
übrigbleiben würde, wer hätte damals wohl alles aufgeopfert,
solchen Resultates halber? Die Aufstellung jener Frage ver—
pflichtet auf das heiligste, einem Volke von elf Millionen
(Preußen) den Platz zu erhalten, welchen es durch Aufopfe—
rungen erlangte, die weder früher gesehen worden sind noch
werden gesehen werden.“ —
In der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre erlahmte das
politische Interesse in Deutschland fast völlig, und somit schliefen
auch die Institutionen des durchlauchtigsten Bundestages zur
Unterdrückung der nationalen und liberalen Agitation all—
mählich ein.
Mitten in diese Traumseligkeit, die den vorhandenen In⸗
grimm nur verhüllte, nicht zerstörte, fiel die Nachricht von der
Pariser Julirevolution. Und nun kam es vielerorts in Deutsch—
land zu aufständischer Bewegung; auf preußischem Gebiete in
        <pb n="406" />
        396 vierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

Aachen, Berlin, Breslau, ferner in Mainz und Hamburg.
Förmliche kleine Revolutionen aber gab es in Braunschweig,
Kurhessen, Hannover und Sachsen: d. h. in den schlecht kon⸗
stitutionellen Staaten des Nordens. In den süddeutschen
Staaten dagegen herrschte im allgemeinen Ruhe; kaum, daß
es in Bayern zu geringfügigen, in Baden zu schärferen Mei—
nungsäußerungen der Kammern kam!.
Es waren Erscheinungen, die Metternich aufs äußerste
bedrängten, zumal er gleichzeitig den Zerfall seiner europäischen
Hegemonie erleben mußte. Und unglücklicherweise gaben einige
Unbesonnenheiten der Liberalen in Süddeutschland ihm die
Handhabe, von neuem und nochmals härter einzuschreiten.
In der Pfalz und in Hessen agitierte damals eine Reihe
radikaler Liberaler, vor allem der Doktor Wirth. Sie ver⸗
anstalteten Volksversammlungen von Ort zu Ort. Eine Haupt⸗
versammlung fand am 26. bis 28. Mai 1832 auf der Schloß—⸗
ruine zu Hambach bei Neustadt an der Hardt statt. Angeblich
3040000 Menschen waren anwesend. Doktor Wirth schwang
einen Ehrensäbel und brachte den vereinigten deutschen Freistaaten
ein Hoch, den deutschen Fürsten einen dreimaligen Fluch aus.
Worauf spornstreichs der glorreiche Besiegte von Hanau, Fürst
Wrede, mit viertausend reisigen bayrischen Kriegern herzukam,
die Demokraten mit der Schärfe des Schwertes zu schlagen. Doch
fand er niemand mehr vor: man war ruhig nach Hause gegangen.
Ein Jahr darauf, am 8. April 1833, ereignete sich noch
Furchtbareres am Sitze des durchlauchtigsten Bundestages zu
Frankfurt. Ein Revolutionsheer von einundfünfzig Mann,
unter der Führung des Doktors Gärth, des Göttinger Privat⸗
dozenten von Rauschenplat und des braunschweigischen Stu—⸗
denten von Rochau, unternahm einen Feldzug gegen die Frank⸗
furter Hauptwache, eroberte sie und behauptete bei zwei Stunden
das Feld.

Es war klar: mit diesen Ereignissen war der Beweis der
Konspiration und Revolution in Deutschland geliefert.

S. Genaueres darüber unten S. 406.
        <pb n="407" />
        Politische Restauration; wirtschaftliche Fortschritte. 397

Und schon vor dem Frankfurter Attentate, nach dem
Hambacher Feste, hatte Metternich mit der Fruktifikation dieser
schrecklichen Ereignisse begonnen. Schrieb er doch an das
Bundespräsidium nach Frankfurt: „Das Hambacher Fest, wenn
es gut benutzt wird, kann das Fest der Guten werden.“
Unter Vorschiebung Preußens bewog er den Bundestag zu
den berüchtigten Beschlüssen vom 28. Juni und 5. Juli 1832
„zur Aufrechterhaltung der gesetzlichen Ordnung und Ruhe“,
hob er sogar das badische Preßgesetz kraft eigener Machtvoll⸗
kommenheit auf.
Dem folgten dann zwei Jahre später Ministerkonferenzen
in Wien, deren Abmachungen in dem Wiener Schlußprotokoll
vom 12. Juni 1834 niedergelegt sind: sie wurden vom Bundes-—
tage zur Ausführung gebracht, ohne daß er sie jemals formell zu
seinen Beschlüssen gemacht hätte. Ihr Inhalt ist schon dadurch
genugsam gekennzeichnet, daß sie geheim gehalten werden sollten.
Doch wurden sie bald bekannt. Sie wandten sich zunächst
gegen die Universitäten. Da wurden selbst die Privatdozenten
mit der Aussicht auf Maßregelung bedroht; nur widerruflich
sollten sie die Erlaubnis zu Vorlesungen erhalten. Die Stu—
denten wurden der Kontrolle über „staatsgefährliche Ver—
bindungen“ unterstellt. Den Professoren legte man die stete
Gefahr der Absetzung nahe. Nicht minder ging man gegen
die Presse vor. Die Regierungen sollten auf Verminderung
der politischen Presse überhaupt hinwirken; Konzessionen zur
Herausgabe neuer Blätter sollten nur an gesinnungstüchtige
Redakteure und widerruflich erteilt werden; das Imprimatur der
Zensur galt von jetzt ab nur für je einen Bundesstaat. Endlich
und an dritter Stelle suchte man den Parlamentarismus zu
treffen. Das Recht der Steuerbewilligung sollte nicht an Be—
dingungen geknüpft werden können und wurde somit wirkungs⸗
los, die ständischen Befugnisse sollten keinesfalls und keines
Ortes erweitert werden; und eine Bundeskommission sollte die
Verhandlungen der Stände in den einzelnen Ländern stetig
überwachen.
Aber mit diesen Bestimmungen der Wiener Konferenzen
        <pb n="408" />
        398 Vierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

schien es noch nicht genug. Im September 1883 und im
Sommer 1835 verbanden sich Osterreich und Preußen auf den
Kongressen von Münchengrätz und Kalisch auch international
noch fester mit Rußland gegen jede „Revolution“.
Damit begann in Deutschland auf fast ein Jahrzehnt eine
Zeit absoluter Reaktion in Verbindung mit besonderer Hoch—
schätzung der russischen Zustände vornehmlich in Preußen: es
war, international betrachtet, die Ergänzung des Zusammen—
bruchs des liberalen Einverständnisses zwischen Frankreich und
England im europäischen Westen.
Auf deutschem Boden aber, in den gebildeten und politisch
denkenden Kreisen unseres Volkes, erwartete man von da ab
nichts mehr vom Bundestage, ja kümmerte sich kaum noch um
das Leben kläglicher Nichtigkeit, das er führte. Die Zentral—
instanz mochte tun, was sie wollte: die Einzelstaaten frischem
Leben zu erhalten, erschien jetzt als Pflicht des Tages und der
nächsten Zukunft. —
In der Entwicklung des Verfassungslebens der Einzel—
staaten hatte das Schicksal der deutschen Landschaften in na—
poleonischer Zeit einen dauernden Unterschied begründet.
In Süddeutschland waren damals durch gewaltsame Me—
diatisierung und Einverleibung kleinerer Staaten und Staaten⸗
fetzen in größere ganz neue staatliche Gebilde entstanden:
Mittelmächte, die man in dieser Regelmäßigkeit früher in
Deutschland nicht gekannt hatte. Sie sollten der französischen
Herrschaft die dauernde Zersplitterung Deutschlands gewähr—
leisten.
In der Tat war das richtig gerechnet. Diese Staaten
mußten schon aus dem Triebe, sich überhaupt erst zu formieren,
nach Entwicklung eines partikularen Staatsgeistes streben.
Dieser Geist aber konnte, wie schon einmal berührt worden
ist, gebildet werden nur durch die Entwicklung einer neuen,
modernen, d. h. nach den Anschauungen des zeitgemäßen
Liberalismus repräsentativen Verfassung. Und diese Straße
ließ sich in der Welt der neuen Staaten um so eher ein—
schlagen, als diese wenigstens teilweise schon in napoleonischer
        <pb n="409" />
        Politische Restauration; wirtschaftliche Fortschritte. 399

Zeit die Verfassung des französischen Kaiserreiches im Zerrbild
nachgeahmt hatten, also auf halbem Wege zur Entwicklung
konstitutioneller Verfassung standen. Sie mußten diesen Weg
vollenden, wie ihn Napoleon für Frankreich in den Hundert
Tagen durch Erlaß einer liberalen Verfassung wenigstens äußer⸗
lich vollendet hatte.
Ganz anders war die Lage in Norddeutschland. Hier
waren im wesentlichen, sieht man von Preußen ab, die alten
Staaten wiederhergestellt worden. Damit war der Drang zu
einer repräsentativ zu begründenden Einheit des Staatswesens
nicht gegeben, um so weniger, als die norddeutschen Staaten
die Napoleonische Verfassung nicht angenommen hatten. Sie
standen vielmehr noch auf der alten ständischen Grundlage, und
—
zu denken zu sein.
Mit diesem Unterschiede der Entwicklung war nun eine
tiefe Spaltung des deutschen politischen Lebens im Norden
und Suden überhaupt auf lange Zeit eingeführt. Im Süden
schlug die jüngere Entwicklung ihr Lager auf; namentlich
Baden wurde das Musterland neuerer, innerstaatlicher Fort⸗
schritte. Aus dem Gefühl stärkeren inneren Lebens bei größerer
iußerer Ohnmacht gegenüber dem Norden, vor allem gegenüber
Preußen, entwickelte sich dann wenigstens zum Teil und auf
Grund schon älterer Momente der Abneigung jene tief ein—
gewurzelte Antipathie der Suüddeutschen gegen Preußen und
Norddeutschland, die der Einheitsbewegung so viel geschadet
hat und auch heute noch nicht ganz verschwunden ist: übrigens
aicht, ohne durch das lange Zeit hindurch egoistische Verhalten
Preußens in vielen gemeindeutschen Fragen noch stark vermehrt
zu werden.
Zugleich aber bildete sich neben dem Gegensatze zwischen
süddeutschem Parlamentarismus und norddeutschem Absolutis⸗
nus und teilweise auch Ständetum von gleicher Grundlage
aus auch noch ein weiterer ständiger Unterschied zwischen den
Mittelmächten und den beiden Großmächten.
In Preußen wurden die Versprechen, eine Verfassung zu
        <pb n="410" />
        400 Vierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

geben, nicht gehalten. In Österreich hatte man sich zu einem
Versprechen überhaupt nicht herbeigelassen und bei der inneren
Struktur dieses Reiches vielleicht auch nicht herbeilassen können!;
die Monarchie kannte nur die sogenannten Postulatenlandtage,
ganz unbedeutende Vertretungen der einzelnen Kronländer nach
uraltem Schema. Und so galt denn ganz ausnahmslos der
Grundsatz der Stabilität. Wie es Kaiser Franz einmal, nicht
ohne Einsicht in die Gegenwart seiner Zeit, wenn auch ohne
Sorge für die Zukunft, ausgedrückt hat: „Mein Reich ist wie
ein wurmstichiges Haus, wenn man einen Teil davon ab—
trägt, kann man nicht wissen, wieviel davon nachstürzt.“
Bei dieser Haltung der Großmächte mußte sich nun das
Gemeinsame der inneren, verfassungsmäßigen Entwicklung der
süddeutschen Mittelstaaten sehr bald auch in gemeinsamer äußerer
Haltung ausprägen. Und wir wissen schon, daß es König Wil⸗
helm J. von Württemberg war, der die Entfaltung dieser gemein—
samen Haltung zum ersten Male in dem Gedanken des „reinen“
Deutschlands und der Triasidee übernahm. Geschah das ohne
Erfolg, so war doch klar, daß damit die Strömung, die dem
Gedanken zugrunde lag, nicht beseitigt war; immer und immer
wieder ist sie hervorgetreten.
Innerhalb der süddeutschen Staaten selbst verlief im übrigen
die Verfassungsentwicklung mit am glattesten in Bayern; hier
gab nach dem Rücktritt des um die Verwaltung hochverdienten
Montgelas (1817) König Max Joseph J. unterm 26. Mai 1818
durch einseitigen königlichen Erlaß eine ziemlich freisinnige Kon—
stitution, deren Hauptinhalt noch heute zu Recht besteht. Aber
auch in Baden kam man leicht zum Ziele; denn hier hatte die
lange segensreiche Regierung des Markgrafen Karl Friedrich
(1771- 1811) dem Vertrauen zwischen Fürst und Volk wirksam
vorgearbeitet. Auch die badische Verfassung, am 22. August
1818 einseitig vom Großherzoge Karl erlassen, gilt im ganzen
heute noch. Nicht minder kam man in Hessen-Darmstadt rasch
zustande, wenn auch nach lebhafteren Differenzen. Die Verfassung

1S. oben S. 383 f.
        <pb n="411" />
        Politische Restauration; wirischaftliche Fortschritte. 401

vom 17. Dezember 1820 wurde landesherrlich erlassen, beruhte
aber dem Wesen nach auf einer Vereinbarung zwischen Fürst
und Volk.
Eigenartig verliefen die Dinge dagegen bei dem querköpfigen
Volke der Schwaben, in Württemberg. Hier hatte König
Friedrich J. der Tyrann von Napoleons Gnaden und Beispiel, im
Jahre 18085 die altständische, vielfach veraltete und unpraktische
Verfassung abgeschafft. Zehn Jahre später, 1815, wollte er dann
eine neue, repräsentative Verfassung geben, die viel besser war als
die alte landständische. Aber die Schwaben wollten sie nicht,
sie wollten ihre alten Stände wiederhaben. Sie verlangten,
wie es Uhland aussprach, „das gute alte Recht“. Darüber
starb König Friedrich 1816; aber auch sein kluger und klarer
Nachfolger Wilhelm J. brachte das Verfassungswerk zunächst
nicht zustande, bis die Stände durch die Karlsbader Be—
schlüsse ängstlich gemacht wurden und nun rasch die übrigens
sehr liberalen Anerbietungen des Königs annahmen, 25. Sep⸗
tember 1819.
Während aber so Süddeutschland seine neuen Einrichtungen
im wesentlichen noch vor der hereinbrechenden stärkeren Reaktion
der zwanziger Jahre abschloß, knickte eben diese Reaktion die
letzten Hoffnungen auf ein liberaleres Vorgehen in Preußen.
In Preußen standen sich seit den großen Reformen der
Freiheitszeit Anhänger und Freunde dieser Reformen schroff
gegenüber.
Die unmittelbaren Feinde, die sich im wesentlichen aus
kurmärkischem, pommerschem und schlesischem Adel rekrutierten,
hatten als Führer den Prinzen Karl von Mecklenburg-Strelitz,
Bruder der Königin Luise, und den Polizeiminister Fürst
Wittgenstein, einen unbedeutenden Menschen, aber besonderen
Freund des Königs. Sie verlangten Rückkehr zu der von
Gott und Natur geschaffenen Ordnung des Ancien régime
nach Ständen: und wie der König über die oberen Stände,
den Adel, so habe der Adel über die Bauern zu herrschen.
Ihr speziell staatliches Ideal war dabei etwa die ständische
Zeit vor dem Großen Kurfürsten.
Lamprecht. Deutsche Geschichte. X.

—7
        <pb n="412" />
        402 Vierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

Diesen Bestrebungen war die Regierung noch um 1815
fest und sicher entgegengetreten. Am 22. Mai 18185 erließ
Friedrich Wilhelm III. als „Band des Vertrauens“ die Ver—⸗
ordnung über die zu bildende Repräsentation des Volkes. Er
versprach darin die Bildung von Provinzialständen, aus ihnen
sollten dann Reichsstände hervorgehen mit dem Recht beratender
Stimme über alle Gegenstände der Gesetzgebung, welche die
persönlichen und Eigentumsrechte einschließlich der Besteuerung
betreffen würden. Zur Einführung einer solchen Verfassung
sollte eine Kommission eingesetzt werden.
Es war zwar bereits ein etwas mageres Gericht nach den
unbestimmteren, aber auch weitergreifenden Verheißungen der
früheren Jahre; gleichwohl erregten die Versprechungen Dank
und Hoffnung.
Allein erst im Jahre 1819, nach mannigfachen Erinnerungen,
wurde Wilhelm von Humboldt als Verfassungsminister zur
Leitung der konstituierenden Kommission berufen. Während
er aber die Arbeit eifrig begann, erfolgten die Karlsbader Be⸗—
schlüsse und die Reaktion begann schon übermächtig zu werden,
—D
dienste ausschieden: von Boyen mit seinem Generalstabschef
oon Grolman, Beyme, auch Wilhelm von Humboldt selbst;
Dezember 1819.
Gleichzeitig bildete sich neben der feudalen Opposition
gegen die Verfassung eine vielleicht noch mächtigere bureau⸗
kratische aus. Das hohe preußische Beamtentum der Zeit war
gewiß vorzüglich; gern rühmte man die treffliche Verwaltung
der Provinzen, namentlich auch der neu in den Staatsverband
eingereihten Länder; es war gleichsam der glänzende Abschluß
der Lehrzeiten der preußischen Verwaltung im 18. Jahrhundert.
Aber je besser die Bureaukratie war, um so weniger wollte sie
oon einer Kontrolle durch Kammern oder Stände wissen. Man
——
nicht genügend konsolidiert sei, und was sich dergleichen Gründe
mehr leichtlich ergaben.
Dem doppelten Drängen der Feudalen und der Bureau—
        <pb n="413" />
        Politische Restauration; wirtschaftliche Fortschritte. 403

kraten widerstand Friedrich Wilhelm III. um so weniger, als
gleichzeitig die Nachrichten von der Revolution in Italien und
Griechenland eintrafen. Und so fiel denn die Entscheidung zu⸗
gunsten der Reaktion. Am 11. Zuli 1821 lehnte der König
eine freiheitliche Kommunalordnung ab, nachdem er noch nicht
lange vorher die Mitwirkung der Stände als für künftige
Kontrahierung von Staatsschulden notwendig bezeichnet hatte.
Bald darauf, am 26. November 1822, starb Hardenberg, zwar
selbst nur noch ein lauer Verteidiger einer repräsentativen Ent—
wicklung, aber immerhin noch ein letzter Hort freiheitlicher
Anschauung aus früheren Zeiten.
Von nun ab war in Preußen nur noch von Provinzial⸗
ständen die Rede. Ihre Organisation aber überließ der König
seinem Sohne, dem Kronprinzen. Und dieser betätigte nun
alsbald Ideale, die man wohl fälschlich als mittelalterlich be—
zeichnet hat — vielmehr entsprachen sie einem zwar romanti⸗
schen, aber subjektivistisch fortgeschrittenen Gefühl —: die sich
aber nach Lage der Verhältnisse nicht anders als unter Zu⸗
geständnissen an die Restauration durchführen ließen. Er
wünschte einen Aufbau der Vertretung nicht nach den indivi⸗
dualistischen Prinzipien der Einzelwahl, sondern unter organi⸗
scher Heranziehung der sozialen Schichtung; und er fand sich
dabei in Übereinstimmung mit der Theorie und Praxis, die
in manchem kleinen Staate unter Bewahrung liberaler Grund⸗
sätze gesiegt hatte. Allein ließen sich in den Provinzen Preußens
sozial charakterisierte Vertretungen anders als auf der alten
Ständeeinteilung des 18. Jahrhunderts, nur vielleicht unter
stärkerer Heranziehuug der Bauern, aufbauen? Das Gesetz
über die Anordnung der Provinzialstände vom 5. Juni 1823
verfügte die Zusammensetzung dieser Stände aus Mitgliedern
des Herrens, des Ritter⸗, des Bürger- und des Bauernstandes.
Fur die Bestimmung der Tätigkeit dieser Stände aber setzte
—
stitutionen fast zur Untätigkeit verdammten. Dazu wurden in
den folgenden Jahren noch Kreisordnungen für die einzelnen
Provinzen erlassen, die auch in den unteren Lebenskreisen den
26 *
        <pb n="414" />
        404 Vierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel

Grundsatz der Selbstverwaltung tunlichst begrenzten: und so
ergab sich schließlich als Gesamtresultat ein Sieg der restaura⸗
tiven, der bureaukratischen Mächte.
War es da zu verwundern, daß die auf diese Weise be—
gründeten ständischen Institutionen so gut wie keine Wirkung
hatten? Frischeres Leben entfaltete fast nur der rheinische
Provinziallandtag: und aus seiner Mitte ging daher eine
Fülle tätiger Kräfte für die Bewegungen der vierziger Jahre
hervor.
Waren aber damit die Versuche zur Herstellung einer
preußischen Verfassung völlig gescheitert und blieb das feier—
liche Versprechen vom Jahre 1815 unerfüllt, so konnten doch
die modernen Grundlagen des preußischen Staates, wie sie
1807-1812 gelegt worden waren, nicht mehr beseitigt werden.
Die soziale Gesetzgebung blieb bestehen, und unangetastet galten
auch fernerhin die Grundsätze der Freiheit des Grundeigentums,
der Gewerbefreiheit, der Verkehrsfreiheit, der Selbstverwaltung
der Bürger. Dabei erfolgte allerdings keine Erweiterung
der bürgerlichen Freiheit zu ländlicher Selbstverwaltung und
keinerlei Aufhebung der Patrimonialgerichtsbarkeit; aber es
wurde doch wenigstens die Bauernbefreiung leidlich weiter⸗
geführt. Ausgebildet wurde ferner einigermaßen die Heeres—
verfassung. In weiten Kreisen hatte man das Scharnhorstsche
System der allgemeinen Dienstpflicht während der Freiheits—
kriege als nur für das bestimmte Ziel dieser Befreiung ein⸗
gerichtet betrachtet. Jetzt hatte es der Kriegsminister von Boyen
darüber hinaus dauernd zu bewahren und zu verbessern ge⸗
wußt. Tüchtig blieb endlich auch die Unterrichtsverwaltung
unter dem Minister zum Altenstein und dem trefflichen Mini—
sterialrat Schulze.
Während aber so in Preußen wenigstens die Grundlagen
für eine künftige Verfassung gewahrt blieben und in Süd—
deutschland eine leidliche parlamentarische Betätigung der Be—
völkerung eintrat, die auch während der Bedrängnisse der
zwanziger Jahre eigentlich nur in Baden zeitweilig gestört
wurde, war für die kleinen norddeutschen Staaten ein fast
        <pb n="415" />
        Politische Restauration; wirtschaftliche Fortschritte. 405

völliges Stocken der Entwicklung charakteristisch. Sieht man
von Sachsen-Weimar ab, wo Karl August am 5. Mai 1816 eine
Verfassung mit den Ständen vereinbart hatte, die viel gerühmt
wurde und auch in den kleinen Staaten Thüringens hier und da
Nacheiferung fand, so blieb in Sachsen die althergebrachte
Ständeverfassung unter einem patriarchalisch gedachten König—
tum bestehen, und wurde in Hannover im Jahre 1814 eine
Konstitution ganz auf Grundlage altfeudaler Prinzipien er—
lassen, die dann auch durch eine neue Verfassung von 1819 nicht
übermäßig verbessert wurde. In Kurhessen endlich waren 1815
die alten Stände, nur um eine Bauernkurie vermehrt, wieder
einberufen worden; doch hatte sie der Kurfürst 1816, da sie
eine anständige Verfassung begehrt hatten, heimgeschickt und
nie wieder berufen.
Unter diesen Umständen wirkten die Nachrichten von der
Pariser Julirevolution in diesen Staaten wie der Funken in
einer Pulvertonne, so wenig man an sich auf deutschem Boden
geneigt war, Recht und Ordnung zu verlassen.
In Sachsen brachen Unruhen in Leipzig, dann auch in
Dresden aus; König Anton mußte seinen Neffen Friedrich
August II. zum Mitregenten annehmen; eine freiere Verfassung
wurde statt der alten ständischen gegeben, aber freilich in der
Folge vielfach nicht angewendet.
In Hannover standen die Göttinger Studenten, wenn
auch aus zunächst keineswegs politischen Ursachen, auf; auch
sonst gab es Unruhen; an Stelle des hochfeudalen Grafen
Münster, der von London aus das Land wie ein Orakel re⸗
gierte, wurde der Bruder des englischen Königs, der mensch—
lichere Herzog von Cambridge, zum Vizekönig ernannt. Darauf
wurde ein neues, ziemlich liberales Staatsarundaesetz gegeben,
den 26. September 1838.
In Kurhessen endlich büßte Wilhelm JII. nun doch ein—
mal seine jahrelange Mißregierung. Es kam in Kassel und
sonstwo zu Tumulten, der Kurfürst mußte sich bequemen, eine
sehr liberale Verfassung anzunehmen; am 5. Januar 1831.
Und als er dann, eine Zeitlang des Landes fremd, mit seiner
        <pb n="416" />
        406 Vierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

unglückseligen Maitresse, einer von ihm zur Gräfin Reichenbach
gemachten gewissen Emilie Ortlepp, wieder heimkehrte, kam es
von neuem zu Unruhen; so daß schließlich nichts übrigblieb, als
daß sich der Kurfürst mit seiner Geliebten nach Frankfurt
zurückzog und den Kurprinzen Friedrich Wilhelm J. zum Mit⸗
regenten ernannte.
Am schlimmsten aber ging es in Braunschweig her. Hier
regierte der Herzog Karl nach Lust und Laune eines Tyrannen,
ja Verbrechers, so daß er bald alle Stände, so selbst den
Adel, gegen sich hatte. Am 6. September 1880 brach die lang
verhaltene Gärung in Braunschweig gegen ihn los, als er mit
einer Maitresse aus dem Theater zum Schlosse fuhr; den Auf—
ruhr durch Geschütz zu bekämpfen, wurde er glücklicherweise
verhindert: statt dessen wurde das Schloß verbrannt, und er
selbst mußte sich flüchten. Auf dem Braunschweiger Throne
folgte dann sein Bruder Wilhelm, zunächst provisorisch, bis
eine neue Landschaftsordnung vom 12. Oktober 18832 definitive,
glückliche Zustände herbeiführte. Karl versuchte darauf zwar
noch mehrmals gewaltsam zurückzukehren, aber ohne Erfolg;
selbst der Bundestag schüttelte ihn von sich ab; und im Jahre
1873 ist er zu Genf, im Auslande, unter Hinterlassung eines
halb wahnwitzigen Testamentes, gestorben.
Während aber so in den kleinen Staaten des Nordens
Aufstände drohten und ausbrachen, blieb Süddeutschland dank
seiner besseren Verfassungsverhältnisse ruhig. So vollkommen
Württemberg; in Bayern trat nur ein Ministerwechsel ein; in
Baden endlich wurde unter dem liberalen Großherzog Leopold
(1830- 1852) am 31. Dezember 1831 ein Gesetz erlassen, das
gegen den Bundestag volle Preßfreiheit statuierte; und schon
im Oktober 1831 hatte hier der Abgeordnete Welcker sogar den
Antrag gestellt, die Kammer möge den Wunsch aussprechen,
daß alle Bundesstaaten repräsentative Verfassungen erhielten,
und daß neben dem Bundestag eine Nationalversammlung ge—
schaffen werde. Freilich war der Antrag nicht votiert worden.
Wir haben aber schon erfahren, welche Wirkung er gleich—
wohl, und noch mehr das Preßgesetz, auf den Bundestag
        <pb n="417" />
        Politische Restauration 3 wirts chaftliche —F ortschritte. 407

ausübte. Es folgten die Bundestagsbeschlüsse von 1832 „zur
Aufrechterhaltung der gesetzlichen Ordnung und Ruhe“, und
das Wiener Schlußprotokoll vom 12. Juni 1834, das den
Regierungen die energischsten Mittel zur Unterdrückung jeder
parlamentarischen Selbständigkeit an die Hand gab.
Für die darauf folgende Periode stärkster Reaktion aber
fragte es sich nun, ob die Regierungen imstande sein würden,
hon der durch den Bund ihnen verliehenen Autorität einen so
kräftigen Gebrauch zu machen, daß sie das parlamentarische
Leben ganz töteten oder wenigstens aufs stärkste drückten, und ob
der Bundestag bereit sein würde, die dahin gehenden Maßregeln
bis aufs äußerste, bis zur Billigung des Staatsstreichs, zu
unterstützen.
Die Antwort auf diese Frage wurde in Hannover gegeben.
In Hannover war am 26. September 18383 eine neue
Verfassung zustande gekommen, durch welche die altständische
Verfassung vom Jahre 1819 abgeändert wurde, indem die
Rechte der Volksvertretung bei Gesetzgebung und Steuer—⸗
bewilligung erweitert, Preßfreiheit und Offentlichkeit der Ver⸗
handlungen des Landtags u. dgl. gewährt und unter anderem
auch die Domänen zum Staatseigentum gemacht wurden:
wofür der König eine Zivilliste erhielt.
Nun starb im Jahre 1837 König Wilhelm von England,
der zugleich auch König von Hannover war, und ihm folgte
in England Königin Viktoria, in Hannover dagegen nach
deutschem Fürstenrecht der Herzog Ernst August von Cumberland.
Der Herzog Ernst August, ein hochfahrender Tory, ver⸗
zffentlichte alsbald bei seinem Regierungsantritt ein Patent,
wonach er die Verfassung des Jahres 1833 für ungültig er⸗
Aärte. Der Hauptanlaß hierzu war für ihn der Umstand,
daß durch diese Verfassung die Domänen in Staatseigentum
uͤbergeführt worden waren; denn er glaubte dieser persönlich
zu bedurfen, um seine enormen Schulden zu decken.
In Hannover erhob sich darauf ein Sturm des Unwillens,
am so mehr, als der hochmütige Minister des Königs, von Schele,
oorlängst der schlimmste Gegner der glücklichen Regierung des
        <pb n="418" />
        408 Vierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

Herzogs von Cambridge, sofort alle „königlichen Diener“ — er
meinte damit die öffentlichen Beamten — zur Leistung eines
Eides auf den Verfassungsbruch aufforderte.
In diesem Moment kam es zu einer sittlichen Tat von
außergewöhnlicher Bedeutung. Sieben Göttinger Professoren,
die beiden Grimm, Dahlmann, Gervinus, vier Häupter der
historischen Wissenschaften, ferner der Orientalist Ewald, der
Jurist Albrecht und der Physiker Wilhelm Weber verweigerten
den Eid. Sie wurden ihrer Ämter entsetzt, Jakob Grimm,
Dahlmann und Gervinus zugleich auch des Landes ver—
wiesen.

Der Eindruck dieser Vorgänge war in Deutschland un—
geheuer. Alles las die Verteidigungsschriften Jakob Grimms
und Dahlmanns; es bildete sich ein Verein zur Unterstützung
der Abgesetzten.
Inzwischen ließ aber sich Ernst August in seinem Vorhaben
nicht stören. Er schrieb neue Wahlen nach der Verfassung des
Jahres 1819 aus und vertagte die darauf gewählten Stände,
als sie auf der Verfassung des Jahres 1833 beharrten. Jetzt
gingen aber die Stände an den Bundestag und beschwerten
sich über die Verletzung ihres Rechtes. Zweifelsohne standen
sie damit ganz auf dem Boden der Wiener Schlußakte, also
eines Grundgesetzes des Bundes. Allein der Bundestag erklärte
sich mit acht gegen acht Stimmen — unter den acht verneinenden
Stimmen war die des angeklagten Königs! — für unzuständig:
die Sache sei eine innere Angelegenheit Hannovers. Und
Preußen stand auf der Seite des hannoverschen Königs.
Es war ein Beschluß, der die Geduld des deutschen Volkes
erschöpfte. Indirekte Anerkennung eines Staatsstreiches durch
den Bundestag: das haätte man denn doch nicht erwartet.
Seitdem das parlamentarische Einzelleben in den Bundes⸗
staaten auf Grund der Bundestagsbeschlüsse bedrückt wurde,
hatte man des Bundestages nicht mehr geachtet; er schien im
Sterben zu liegen. Nun er gar auch noch die Regierungen
der Einzelstaaten in ihrer Reaktion positiv unterstützte, schrie
alles nach einer Reform, bald nach einer Revolution an Haupt
        <pb n="419" />
        Politische Restauration; wirtschaftliche Fortschritte. 409
und Gliedern. Die Stimmung der vierziger Jahre, der Re—
volutionszeit, kam herauf.
Einstweilen freilich erlebte man noch überall neue Gewalt⸗
tätigkeiten der Regierungen im kleinen, wie sie seit der Juli—
revolution und den Wiener Beschlüssen gang und gäbe geworden
waren. In Württemberg dauerte die unter dem Ministerium
Schlayer seit dem Jahre 1882 eingeleitete, übrigens mäßige
Reaktion fort; in Baden kam 1888 das böse Ministerium
Blittersdorf ans Ruder und erzeugte langsam jene Opposition
der Welcker und Hecker, der Mathy, Soiron und Bassermann,
aus welcher später starke Einflüsse in die Entwicklung der Jahre
1848 und 1849 hinüberführten. In Bayern regierte von
1837 bis 1847 das Ministerium Abel feudal und klerikal; es
begann mit der Einführung der Zensur und der Stockprügel,
es führte die Abbitte sogenannter Hochverräter vor dem
Bildnis des Königs sowie die Kniebeuge der protestantischen
Soldaten vor dem katholischen höchsten Gut in der Monstranz
ein, es brachte die Zahl der bayrischen Klöster auf 132 und
verbot den Gustav-Adolf-Verein. Das Schlußjahr seines Re—
gimentes aber wurde denkwürdig durch das Auftreten der
spanischen Dirne und Tänzerin Lola Montez, deren Einfluß
beim König Ludwig J. die Klerikalen stürzte. Denn auch
hier wohnte, wie überall in der Welt, den Dingen eine von
Humor nicht gänzlich freie Gerechtigkeit inne, und Lola be—
siegte Loyola.

III.

Fassen wir zusammen, was als Ergebnis des Schatten⸗
spiels der politischen Gewalten im Bereiche des Deutschen
Bundes in dem Zeitraume von 1815 bis etwa 1840 betrachtet
werden kann, so ist der Eindruck wahrlich nicht erhebend. War
die Nation etwa Herrin ihrer Geschicke geworden? Sah es nicht
vielmehr aus, als wären die politischen Ereignisse der Welt
und Deutschlands gleichsam fern von ihr, bestenfalls in einer
isolierten Wolkenschicht der Herrschenden verlaufen, von der
        <pb n="420" />
        410 Vierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

aus nur von Zeit zu Zeit Hagel und Wetterstrahl in die
Tiefe hinabbrach?
Dennoch war auch in dieser Zeit die Nation im Grunde ihres
Glückes Schmied. Während die Politik der oberen Schichten
immer verdrießlicher, aber auch immer nichtiger wurde, ent⸗
wickelten sich, zum Teil unbewußt, in den Massen die Keime
der Kräfte, die später das neue Deutschland begründet haben.
Da nahm trotz allem der politische Sinn zu, da bildeten sich leise
die Umrisse künftiger politischer Parteien, und schon früh, wenn
nicht gar schon vor dieser mehr ideellen Seite der Entwicklung
erschollen immer sicherer die dumpfen Akzente einer Wirtschafts⸗
bewegung, die seit den fünfziger Jahren langsam zur eigentlich
tragenden Strömung der zweiten subjektivistischen Periode, der
heutigen Kultur, werden sollte: und zeigten bereits im Anbeginn
ihren elementaren und fundamentalen, alsbald bis in die obersten
politischen Vorgänge hinein einflußreichen Charakter.
Das Wirtschaftsleben der primitiven Unternehmung, dessen
Entwicklung seit mindestens dem zweiten Viertel des 18. Jahr⸗
hunderts das Wesen der deutschen Volkswirtschaft zu bezeichnen
begann, war bis in das erregte Schlußjahrzehnt des 18. Jahr⸗
hunderts glücklich fortverlaufen, wenn seine sozialen Kon—
sequenzen auch unter dem Drucke der absoluten Monarchie
zum Teil ausblieben, während die geistigen Folgen sich um so
glänzender und reicher entwickelten. Und auch die Revolutions⸗
zeit und die Fremdherrschaft hatte diesen Entwicklungsprozeß
nicht eigentlich unterbrochen, ja in manchem Punkte sogar noch
verstärkt und befestigt.
Die Gründe hierfür waren mannigfacher Art. Zunächst
war für die Landwirtschaft, durchaus noch das führende Ge—
werbe, insofern eine überaus günstige Entwicklung eingetreten,
als starke technische Verbesserungen, wie sie der Absolutismus
in hohem Grade begünstigte, zu sehr erheblicher Steigerung der
Erträge geführt hatten: dahin gehörten Kleebau und Besömme⸗
rung der Brache, Intensivierung der graswüchsigen nord—
deutschen Außenwirtschaft und allenthalben beginnende Durch⸗
brechung des lähmenden Systems der Dreifelderwirtschaft: und
        <pb n="421" />
        Politische Restauration; wirtschaftliche Fortschritte. 411

mit alledem stärkere Körner⸗- und Viehproduktion — ja eine
stärkere Produktion auch an Menschen eben in den besonders
— D
mehrte Arbeitskräfte des platten Landes. Zu alledem kam
dann wenigstens für den Nordosten noch eine besondere Kon⸗—
junktur seit etwa 1760: die Zunahme des Bedürfnisses nach
fremden Landesprodukten in Schweden, in Holland und vor
allem in England, die den norddeutschen Gutsherrschaften
stärksten Antrieb für Vermehrung der Getreide- und auch der
Wollproduktion gab. Und es versteht sich, wie dies alles ganz
allgemein doch auch dem kleinen Mann und dem Bauern
zugute kommen mußte: beide lebten unter dem Einflusse steigender
Erträge, wobei der Bauer in der Nähe der größeren Städte
schon im Gemüsehandel und im Vertrieb von Handelsgewächsen
zum kleinen Unternehmer wurde, während der Großbauer den
neuen Segen zur Ernährung einer stärkeren Familie und zur be—
häbigeren Ausgestaltung seiner Lebenshaltung verwenden mochte.
Am entschiedensten spürbar aber war der wirtschaftliche Erfolg
doch für den Junker im Nordosten: er wurde jetzt tatsächlich
schon oft ganz ein Unternehmer, der nach den Anforderungen des
Marktes zu arbeiten begann, und auf Grund der noch hörigen
Arbeitskräfte entwickelte sich bei ihm jene Straffheit und viel⸗
fach Freiheit der wirtschaftlichen Disposition zugleich, die ihn
im Beginn des neuen Jahrhunderts agrar- und sozialpolitischen
Reformen, insbesondere der Emanzipation der Bauern, so
wenig zugänglich machte.
Einen besonderen Aufschwung aber erhielt nun das Wirt⸗
schaftsleben des platten Landes noch durch eine höchst beträcht—
liche Vermehrung der Barmittel und des Edelmetalls innerhalb
der deutschen Grenzen, die ein allgemeines Steigen der Preise
und damit vor allem auch der agrarischen Erzeugnisse, trotz
deren vermehrter Produktion, zur Folge hatte. Da waren zu—⸗
nächst im 18. Jahrhundert außerordentliche Mittel aus Frank—
reich als Subsidien- und Bestechungsgelder deutscher Fürsten
ins Land geflossen, und diese Quelle versiegte auch während
der Freiheitskriege noch nicht ganz, insofern englische Subsidien
        <pb n="422" />
        412 Hierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

bestehen blieben. Da war weiterhin die Silberproduktion im
Lande selbst besonders stark gewachsen; in Sachsen waren zu
Freiberg in den vier Jahren von 1767 bis 1771 nur 131 205
Mark fein Silbers, in den Jahren 1797 — 1801 dagegen
241297 Mark gewonnen worden. Gegen Schluß der Periode
endlich, 1815, traf in den französischen Kriegsentschädigungen
noch ein besonders erfreulicher Zuwachs ein; Preußen allein
erhielt 100 Millionen.
Natürlich aber kam diese Entwicklung nicht minder auch
dem Bürgertum zugute; und sie mußte hier um so mehr zur
Hebung speziell der Unternehmung gegenüber dem Handwerk
führen, als es auch sonst mehr als einen Ursachenkomplex gab,
der gerade dem Unternehmer besonders zustatten kam. Von
hervorragenden Gründen gehören in diesen Zusammenhang
vor allem das besonders rasche Steigen der Bevölkerung und,
gegen Schluß des Zeitraums, die Einwirkung der Kontinental-⸗
sperre; jenes lieferte dem Unternehmen endlich die dienenden
Kräfte, die man im 18. Jahrhundert auf deutschem Boden so
schwer hatte finden können; diese befreite Deutschland von der
Überschwemmung durch Produkte der viel weiter entwickelten
Industrie Englands und ermöglichte damit den Aufschwung
des eigenen gewerblichen Lebens.
Aus diesen Zusammenhängen geht schon hervor, daß vor
allem die eigentlichen Industrien aufblühen mußten, während
das Handwerk einstweilen sogar durch die Erklärung der Ge—
werbefreiheit, wo sie erfolgte, so wenig in den allgemeinen Fort⸗
schritt selbst auf dem Wege der Umbildung oder auch nur der
stärkeren Akzentuierung speziell kapitalistischer Verfallserschei—
nungen hineingezogen wurde, daß zunächst eigentlich nur die
alten Klagen des 16. bis 18. Jahrhunderts weitertönten.
In der Industrie und ihrem Aufblühen war damit schon
in den Jahrzehnten um 1800 der eigentliche Ausdruck fort—
schreitender Entfaltung der modernen Volkswirtschaft zu sehen.
Und dabei waren es wiederum die jüngsten Formen, die be—
sonders emporkamen. So konnten sich z. B. ältere Arten der
Hausindustrie, bei welchen der Vertrieb der Erzeugnisse noch
        <pb n="423" />
        Politische Restauration; wirtschaftliche Fortschritte. 418

durch eine Anzahl kleiner Hausierer stattfand, schon jetzt vielfach
nicht mehr halten; über dem Hausiererwesen entwickelte sich der
eigentliche kaufmännisch-kapitalistische Verlag, und die Hausierer
traten, in umgewandelten Formen ihres Berufes, in dessen
Dienste. So ging ferner eine ganze Anzahl der Gewerkschaften
des Bergbaus und der Montanindustrie ihrem alten Dasein
nach zugrunde, indem sich einzelne reiche Genossen wie fremde
Kapitalisten ihrer Rechte bemächtigten und sie selbst zur Knapp—
schaft herabzudrücken begannen; und nur die verhältnismäßig
noch wenig umfangreiche und nicht sehr rasch fortschreitende Ent—
wicklung schloß dabei größere Verwicklungen und Schädigungen
aus1. Dagegen war die Manufaktur die eigentlich repräsenta—
tive und die Fabrik die zukunftsreiche Form der Industrie in
diesen Zeiten. Die Manufaktur war schon sehr verbreitet; die
Fabrik, worunter hier eine durch irgendeinen Motor von
größerer Kraft straffer zusammengefaßte Manufaktur verstanden
werden soll, bildete sich dagegen erst langsam überall da aus,
wo Bewegungskräfte zur Verfügung standen. Man darf dabei
freilich noch nicht eigentlich an Dampf und verwandte Kräfte
denken; durchaus an erster Stelle standen noch die elementaren
Leistungen des tierischen Muskels, des Windes und Wassers.
Natürlich war die Industrie damit vielfach an das platte Land
gebannt, in dem ja auch die Hausindustrien nicht zum geringsten
ihre Standorte hatten; aber während diese vornehmlich in den un—
fruchtbaren Höhen der Mittelgebirge ihre Heimat gefunden hatten,
da, wo eine genügsame Bevölkerung nur einen Teil des Jahres im
Ackerbau und in der Okkupation von Waldesprodukten beschäftigt
war, liebten die Fabriken die behäbigeren Berglehnen der Vor—⸗
gebirge, wo sie namentlich die Windkraft abfingen, und die zwischen
den Vorhügeln eingebetteten Täler mit den rauschenden Bächen,
denen sie ihre bewegende Kraft, und mit den Häuserzeilen lang—

1 Die deutsche Ausbeute an Steinkohlen betrug im Jahre 1848 erst
g3 Millionen Tonnen, während die englische schon 1800 die Höhe von
10 Millionen erreicht hatte; der Wert der gesamten Montanerzeugnisse
Preußens stieg in den Jahren 1793-1835 nur von 41/2 auf 7 Milli—
onen Taler.
        <pb n="424" />
        414 Vierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

hingestreckter Dörfer, denen sie frische Menschenarbeit entnehmen
konnten. So war denn dieses Dasein vielfach noch unstädtisch
und darum gesünder als heute; in Sachsen, dem industrie—
reichsten deutschen Lande dieser und der nächstkommenden Zeiten,
wurden in einer der verbreitetsten Industrien, der Spinnerei,
noch 1831 820/0 aller Spindeln durch Wasserkraft angetrieben
und 1200 durch Menschenhand oder Göpelwerke in Bewegung
gesetzt: und nur für 6/0 bestand die bewegende Kraft zeitweise
in Wasser und, falls dieses versagte, in Dampf.
Wie sich dabei das numerische Verhältnis der Kräfte und
Ergebnisse in Handwerk und in Industrie stellte, ist im ganzen
nur schwer zu übersehen. In Berlin hat sich das Handwerk
zwischen 1784 und 1847 der Zahl seiner Angehörigen nach
merkwürdig wenig entwickelt, während die Industrie stieg;
geradezu abgenommen haben die Lohgerber und Maurermeister,
während stark nur die Zahl der Tischler, Tapezierer, Klempner,
Drechsler, Buchbinder, Instrumentenmacher stieg. Im Herzog⸗
tum Magdeburg, dessen Entwicklung vielleicht als eine durch—
schnittliche, wenn auch entschieden vorwärts weisende angesehen
werden kann, kamen um 1800 auf etwa 12—14000 im Hand⸗
werk beschäftigte Personen schon 7 —8000 Arbeiter in den
Haus-⸗ und Fabrikindustrien wie in Saline und Bergwerk.
Doch wäre es falsch, sich diese Arbeiter, wie die ganze
Industrie bereits nach Art der heutigen oder auch nur der
vor einem Menschenalter vorhanden gewesenen vorzustellen.
Von Bedeutung war hier schon das bereits angeführte technische
Moment: noch war jenem großen Zeitalter der Erfindungen,
das der Welt den Kompaß, das Schießpulver und den Buch⸗
druck geschenkt hat, nicht das weitere der tatsächlichen Ein⸗
führung der durch Wärme oder sonstwie betriebenen Kraft⸗
maschinen gefolgt. Damit fehlte die unbarmherzige Präzision
von heute und das ganze Bukett der in der industriellen Be—
völkerung auf sie zurückgehenden seelischen Dispositionen; so
sehr Goethe schon vor dem aktuelleren Umtriebe der Welt einen
gewissen Schauer empfunden und die Entthronung des Wissens
und Erkennens, noch mehr aber der Phantasietätigkeit von
        <pb n="425" />
        Politische Restauration; wirtschaftliche Fortschritte. 415
ihrer bisher innegehabten Herrschaft vorausgesehen hat: im
Grunde ging es, nach unseren Begriffen, doch noch recht ge⸗
mütlich her. Und zwar gemütlich im eigentlichen, heute so oft
schon verlorenen Sinne des Wortes: der Fabrikant war noch
ein Fabrikherr und der Arbeiter stand, ohne ausgesprochenes
Klassenbewußtsein, noch unter seiner moralischen und politischen
Verantwortung.
Viel trug dazu auch der ländliche Standort der meisten
Industrien sowie der Umstand bei, daß die Industrie über⸗
haupt mit dem Leben des platten Landes die engsten Be⸗
ziehungen hatte. Denn ihre wichtigsten Zweige waren das
Müuͤllereigewerbe und vor allem die Leinen⸗ und die Woll—⸗
spinnerei und -Weberei; daneben kam allerdings die Baumwoll⸗
industrie, auf ein fremdes Erzeugnis begründet, immer mehr
in Betracht; aber auch sie wurde nach Analogie der alten ein⸗
heimischen Textilindustrien, die sich auf Haupterzeugnisse des
Landes selbst stützten, betrieben.
Die Müllerei war bis ins 19. Jahrhundert hinein aller⸗
dings im allgemeinen eine kleine Industrie geblieben — doch
war sie ihrer gewerblichen Ausstattung nach immerhin der
eigentlich älteste Industriezweig des Landes überhaupt. Jetzt
kam hinzu, daß mit der Aufhebung des Mühlenzwanges, der
ziemlich allgemein, in Preußen 3. B. im Jahre 1810, fiel,
allenthalben, namentlich aber in Norddeutschland, eine wahre
berfuͤlle von verbesserten Windmühlen errichtet wurde: so daß
man in Preußen 1825 sogar glaubte den Bau wegen Über⸗
produktion an eine Konzession knüpfen zu müssen.
Unmittelbarer freilich führten die Textilgewerbe in die
Industrie ein, aber doch immer noch im Bereiche des platten
Tandes. Von ihnen hatte die Leinenindustrie um 1800 ebenso⸗
sehr noch die ältesten Formen bewahrt, und zwar in Spinnerei
und Weberei, wie sie die verbreitetste und blühendste war:
was trug man nicht alles noch aus Leinen, außer den Unter⸗
kleidern auch vielfach noch die Oberkleider, und Tisch- und
Bettzeug aller Stände war selbstverständlich von Leinen ge—
macht. Spinnerei und Weberei wurden dabei teils in uralter
        <pb n="426" />
        416 Vierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

bäuerlicher Hausindustrie als Nebengewerbe, teils auch in mo—
derner Hausindustrie als Hauptgewerbe betrieben: in letzterem
Falle hatten sich, in Westfalen, in Schlesien, ganze Kolonien
von Spinnern und Webern gebildet. Und das Erzeugnis
deckte nicht bloß das heimische Bedürfnis, weithin vielmehr nach
Spanien und nach England ging deutsches Leinen; und aus
Preußen wurde außer Geweben gegen Ende des 18. Jahr⸗
hunderts auch noch jährlich für etwa drei Millionen Taler
Leinengarn exportiert. Diese günstige Entwicklung wurde nun
zunächst durch Erfindung der Spinnmaschine insofern be—
einträchtigt, als diese auf Flachs schwer anwendbar war und
also der Wolle, namentlich aber der Baumwolle einen Vor—
teil verschaffte. Schlimmer aber wirkten dann Kontinental⸗
sperre und Napoleonische Kriege. Die Engländer füllten jetzt
im Auslande durch ihre Erzeugnisse die Lücken, welche der
deutsche Export lassen mußte, und beseitigten diesen endgültig
durch weit billigere Produktion, wie sie der Ubergang zur
mechanischen Spinnerei gestattete.
Neben der Leinenindustrie nahm sich die Wollindustrie
längst nicht so stattlich aus wie heute. In Preußen schlug
man um 1800 den Verbrauch an Tuch für den Kopf der Be—
völkerung auf etwa eine halbe Elle an: „der Tuchrock der
Bauern mußte viele Jahre aushalten, und oft erschienen Knechte
und Tagelöhner im strengsten Winter beim Gutsherrn oder
im Gerichtstermin im leinenen Kittel“. Daher war denn die
Wollindustrie immer noch ein wenig, was sie im Mittelalter
gewesen war: eine Luxusindustrie wenn auch fur breiteren
Verbrauch; und nur durch die Entwicklung der stehenden Heere
mit ihren groben Tuchuniformen hatte sie nach unten hin einen
ständig stärkeren Halt erlangt. In Preußen berechnete man
1802 die Produktion auf 18 Millionen Taler; davon wurde,
neben einer Einfuhr von 2 Millionen, für 7 Millionen aus—
geführt. Der Betrieb lief aber noch nicht auf größere Fabriken,
sondern auf kleine Anlagen hinaus, in denen sich allmählich
die von früher her ansässigen Tuchmacher des Mittelstandes,
soweit sie wohlhabend waren oder wurden, ohne große Schwierig⸗
        <pb n="427" />
        Politische Restauration wirtschaftliche Fortschritte. 417

keiten in sachtem Aufsteigen fortentwickelten; sie schafften die
neuen kleineren Maschinen an, namentlich die des Spinnerei⸗
betriebes, und sie verstiegen sich allmählich wohl auch, im
ganzen aber wiederum nur für die Spinnerei, zur stärkeren
Einspannung mechanischer Kräfte.
Im Verhältnis zu den anderen Textilgewerben aber trat die
Baumwollindustrie immer mehr hervor. Denn in ihr wurden
jene Erfindungen kostbarer Spinnmaschinen erst recht wirksam,
welche darauf hinausliefen, mechanisch getriebene Apparate mit
einer großen Reihe von Spindeln aufzustellen, die nur von je
einem Arbeiter bedient werden sollten: Erfindungen, die sich
an die Namen Wyatts (1780—-1738), Hargreaves (1767),
Arkwrights (1768), Cromptons (1775) und John Roberts
(1825) knüpften. Wie man sieht, lauter englische Namen: sie
bezeichnen zugleich den Aufschwung der mechanischen Spinnerei
in ihrem klassischen Lande, und abgeschlossen erscheinen sie der
Hauptsache nach mit der Mule-Jenny Cromptons. Nach
Deutschland drangen diese Neuigkeiten schon seit dem Anfang
der achtziger Jahre des 18. Jahrhunderts und ergriffen und
begünstigten vor allem die Baumwollindustrie: denn Baumwolle
läßt sich, wie schon angedeutet, am leichtesten mechanisch ver—
spinnen, und auf diesem Gebiete, das bisher weniger gepflegt
war, waren zugleich keine älteren Industrieformen zu ver—
drängen. Daher kam es denn zu einem sehr raschen, ja zu
dem ersten abnormen Aufblühen einer neuen Industrie auf
deutschem Boden, zumal der Preis des Rohstoffes von 100
und mehr Talern auf den Zentner bis auf 70 Taler im Jahre
1817 fiel und die Kontinentalsperre den englischen Wettbewerb
abdrängte: überall erhoben sich Spinnereien: am Rhein, an
der Wupper und an der Ruhr, an der Erft und an der Sieg,
in Sachsen, Schlesien, Bayern!. Dieser Bewegung auf dem

1 Der Einfluß der Kontinentalsperre war besonders in Sachsen stark.
Es waren auf Baumwolle gangbar Spindeln: 1806 13200; 1807 15500;
1808 19024; 1809 28884; 1810 54452; 1811 103488: 1812 210 150.
Im Jahre 1831 301202.
Lamvprecht, Deutsche Gefschichte. X.
        <pb n="428" />
        418 Vierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

Gebiete der Spinnerei mußte natürlich auch die Weberei folgen,
zumal auch hier schon das 18. Jahrhundert die entscheidenden
Erfindungen gebracht hatte; 1738 hatte John Kay den Schnell⸗
schützen eingeführt, 1787 Cartwright den mechanischen Kraft—
webstuhl erfunden. Indes erfolgte der Aufschwung in der
Weberei doch eigentlich erst mit der Kontinentalsperre, während
vorher nur kleinere Manufakturen am Niederrhein, in Kur—
sachsen, Brandenburg und Schlesien sowie in Oberfranken be—
standen hatten und in Augsburg neben der Weberei auch
schon der Kattundruck zur Blüte gelangt war. Nun aber
wurde das Hauptland des Fortschrittes das Königreich Sachsen:
obwohl auch hier einstweilen kaum größere Fabriken entstanden
und die Anwendung großer mechanischer Kräfte noch selten
blieb.

Diese Streiflichter auf die Entwicklung einzelner wichtiger
Industrien eröffnen jetzt einen genaueren Einblick in das Wesen
auch der sozialen Entwicklung des nunmehr immer wichtiger
werdenden Hauptstandes der Unternehmung, des Bürgertums.
Man sieht zunächst: es sind in hohem Grade erst werdende
Verhältnisse. Das frühere große Bürgertum der Renaissance—
zeit war der Hauptsache nach nicht aus der Industrie, sondern
aus dem Handel hervorgegangen: seine wichtigsten Vertreter
waren anfangs Warenhändler, später Geldhändler gewesen.
Das hatte dann einen überaus raschen Aufschwung der sozialen
Bewegung bedingt; denn schnell liefert der Handel große Ka—
pitalien. Das moderne Bürgertum dagegen ging an erster
Stelle aus der Industrie hervor: darum erwuchs es langsamer,
aber freilich auch solider und nicht zu raschem Verblühen be—
—0
auch nur sehr allmählich steigende soziale oder gar, als Stand,
politisch-persönliche Beachtung. In Preußen hatte Friedrich
der Große noch 1763 den Offizieren durch Kabinettsorder aus⸗
drücklich das Prügeln der Bürger verbieten müssen. In einer
Kabinettsorder Friedrich Wilhelms III. vom Jahre 1798 heißt
es dann milder, aber immer noch bezeichnend genug: „Ich
habe sehr mißfällig vernehmen müssen, wie besonders junge
        <pb n="429" />
        Politische Restauration; wirtschaftliche Fortschritte. 419

Offiziers Vorrang vor dem Civilstande behaupten wollen ....
Kein Soldat darf sich unterstehen, weß Standes er auch sei,
einen der geringsten meiner Bürger zu brüsquiren; sie sind
es, nicht ich, die die Armee unterhalten.“ In Wirklichkeit
dauerte die soziale Disposition des 18. Jahrhunderts noch
während des ganzen ersten Jahrzehnts des 19. Jahrhunderts
und zum guten Teile darüber hinaus ungebrochen fort; die alten
oberen Klassen herrschten unbedingt, wenn sie auch teilweise in
einer Atmosphäre lebten, in der die vorwiegend geistige Bildung
des Frühsubjektivismus zum Miasmus geworden war; die
Militärs waren nach wie vor übermütig und herausfordernd
die Beamten zum Teil zweideutige Charaktere: und erst die
Freiheitskriege, in diesem Zusammenhange und Sinne recht
eigentlich auch Emanzipationskämpfe des Bürgertums, haben
die Luft des 18. Jahrhunderts wenigstens als Gesamtatmo—⸗
sphäre zerrissen.
Zugleich begann eine Organisationsbewegung innerhalb des
Bürgertums selbst, die diesen Prozeß noch beschleunigen mußte.
Mit dem Aufkommen eines volleren Zeitalters der Unter—
nehmung trat schon an sich alsbald eine soziale Verschiebung
innerhalb der Stände, die sich einem Unternehmen widmeten,
dahin ein, daß nur wenige zu Leitern und Beherrschern der
Produktion, viele dagegen in ihr dienend wurden: hier Fabrikant,
dort Arbeiter: die Zahl der selbständigen Betriebe wuchs ver⸗
hältnismäßig langsam, der Umfang der einzelnen dagegen be⸗
deutend und mit ihr die Zahl der Berufsausübenden in ab—
hängiger Stellung. Es war ein Prozeß, der seit 1780 und
1800 mit steigendem Industrialismus natürlich in wachsender
Progression eintrat und damit schon den alten Bürgerstand
sozial umzuorganisieren begann in der Richtung, daß ver—
hältnismäßig wenige bürgerliche Familien besonders hervor—
traten und sozial bedeutend wurden als Arbeitgeber immer
größerer Massen. Das mußte ihnen natürlich allmählich eine
allgemeinere soziale Anerkennung auch seitens des Adels und
des Beamtentums und damit zugleich die Anfänge einer selb⸗
ständigen politischen Bedeutung sichern.

27 *
        <pb n="430" />
        420 Vierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
Die ersten deutlichen Spuren dieser Umbildung zeigten
sich auf den Gebieten, wo sich politische Tätigkeit und wirt⸗—
schaftlich-soziale Interessen der neuen bürgerlichen Gesellschaft
enger berührten: im Bereiche der Industrie- und nament—
lich der Handelspolitik. Und da lassen sie sich besonders klar
wiederum alsbald nach 1815 in der Zollpolitik verfolgen:
denn im Gegensatze zu der Tatsache, daß die Reformjahre
von 1806 bis 1812 fast überall in Deutschland die subjekti—
vistische Emanzipation der Industrie und auch des Handels als
wirtschaftlicher Betriebsfformen, Freizügigkeit, Gewerbe- und
Handelsfreiheit gebracht hatten, hatten sich in der Zollpolitik
bei ihrer engen Verquickung mit den Staatsfinanzen alte Zu—⸗
stände noch vielfach über die Freiheitskriege hinweg gerettet.
Vor allem war das auch in Preußen der Fall. Während
selbst ein wirtschaftlich so wenig fortgeschrittener Staat wie
Bayern teilweise schon 1680, völlig aber im Jahre 1808 die
Zölle an die Landesgrenze verlegt und damit die Landesgrenze
zur einzigen Zollgrenze und das Land zu einem einzigen Zoll—⸗
gebiete ausgestaltet hatte, bestanden in Preußen in dieser Hin⸗
sicht auch um 1815 noch die merkwürdigsten Verhältnisse.
Zwar hatte man sich schon im 18. Jahrhundert langsam daran
gewöhnt, die mittleren Provinzen als eine wirtschaftliche Ein—
—
fast jede Provinz ein besonderes Zollgebiet. Dabei schützte,
im Gegensatze zu den freihändlerischen Bestrebungen West—
europas, wie sie in dem französisch-englischen Handelsvertrage
vom Jahre 1786 zum Ausdrucke gelangt waren, ein strenges
Prohibitivsystem den heimischen Gewerbfleiß. Die Waren aber,
welches es zuließ, wurden nicht an der Grenze verzollt, sondern
in den Städten, nach denen sie bestimmt waren. Das hatte
freilich zur Folge, da man den Zoll wie eine Verbrauchssteuer
erhob, daß man nun vermöge der städtischen Akzise das ganze
Land finanziell gleichsam beherrschte: führte aber, bei der Ver—
quickung ganz verschiedenartiger finanzpolitischer Prinzipien,

S. Band VII, 2, S. 782 f.
        <pb n="431" />
        Politische Restauration; wirtschaftliche Fortschritte. u 421

auch zu Mißständen in der Verwaltung, die immer und immer
wieder, vor allem auch schon in den Schlußjahren der Re—
gierungszeit Friedrichs des Großen, beklagt worden waren. Und
noch im Jahre 1806 gab es auf Grund dieser allgemeinen Anlage
des Zollsystems in Preußen nicht weniger als 67 Tarife, wenn
auch von diesen nur elf im eigentlichen Sinne Akzisetarife waren;
und allein diese elf Tarife schon besteuerten die stattliche Anzahl
von 2775 Gegenständen. Wie sollte sich nun in diesem Gewirr
von Einfuhrlasten der Kaufmann, wie in ihnen, zumal da ihnen
auch noch allerlei Ausfuhrprämien und sonstige Unterstützungs⸗
formen der heimischen Gewerbe gegenüberstanden, zur Kalkulie—
rung seiner Preise der Industrielle zurechtfinden? Es schien
fast nötig, hierfür eigene Tarifgelehrte zur Verfügung zu haben.
Und doch waren dies, für den deutschen Unternehmer,
erst die binnenpreußischen Bestimmungen. Sah der preußisch⸗
deutsche Kaufmann und Industrielle über die vielgewundenen
Grenzen seines engeren Vaterlandes hinweg, so entdeckte er
seit 1815 allerdings nicht mehr wie noch um 1800 über 300
Fürsten und regierende Herren, die ihre Gebiete gegenseitig
als Zollausland behandelten, aber immerhin doch noch 38.
Und er teilte die Empfindungen, die Friedrich List später in
den Satz zusammenfaßte: „Achtunddreißig Zoll- und Maut—
linien in Deutschland lähmen den Verkehr im Innern und
bringen ungefähr dieselbe Wirkung hervor, wie wenn jedes
Glied des menschlichen Körpers unterbunden wird, damit das
Blut ja nicht in ein anderes überfließe. Um von Hamburg nach
Hsterreich, von Berlin in die Schweiz zu handeln, hat man
zehn Staaten zu durchschneiden, zehn Zoll- und Mautordnungen
zu studieren, zehnmal Durchgangszoll zu zahlen. Wer aber
das Unglück hat, auf einer Grenze zu wohnen, wo drei oder
vier Staaten zusammenstoßen, der verlebt sein ganzes Leben
mitten unter feindlich gesinnten Zöllnern und Mautnern: der
hat kein Vaterland.“
Dabei war klar, daß die Befreiung aus solchen Zuständen
schwerlich von der Zentralgewalt des neuen Bundes zu er—
reichen sein werde. Der Artikel 19 der Bundesakte stellte
        <pb n="432" />
        422 Vierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
allerdings eine gemeinschaftliche Ordnung des deutschen Verkehrs
und Handels in Aussicht; aber schon der erste Versuch einer
gemeindeutschen Handelspolitik, als während der Hungersnot
von 1816 auf 1817 die Aufhebung der Getreideausfuhrverbote
verlangt wurde, scheiterte an dem Widerspruche einzelner
Bundesglieder.
So blieb die nächste Hoffnung eigentlich doch nur auf
Preußen gestellt. Denn auch Osterreich konnte hier nicht in
Betracht kommen: trotz aller Zentralisierungsbestrebungen seit
Maria Theresia ist es noch heute nicht so weit gelangt, ein
einziges Wirtschaftsgebiet zu sein: wie hätte es um 1815 auch
nur in seinen Grenzen eine Zolleinheit herbeiführen sollen! Für
Preußen dagegen standen um diese Zeit die Aussichten nicht
ungünstig: vornehmlich infolge der Schicksale, die wenn nicht
die alte Zollverwaltung, so doch das Tarifsystem seit 1806
und 1807 erlebt hatte. Da war es zunächst natürlich dem
System der Napoleonischen Kontinentalsperre zum Opfer ge—
fallen: und indem dies wiederum wie das ungeheuerlichste
Schutzzollsystem wirkte, waren ganz besonders die modernen
Wirtschaftsformen, die Formen der Unternehmung, empor—⸗
geblüht. Dann aber, nach dem Verfall der Napoleonischen
Herrschaft, hatte sich aus einer ÜUbergangszeit von mannigfacher
Anarchie ein System herausgebildet, wonach westwärts der
Weser Einfuhrverbote überhaupt nicht mehr bestanden und im
allgemeinen, namentlich im Gebiete des ehemaligen Königreichs
Westfalen, alle Waren gegen einen Wertzoll von 60/0 ein⸗
gelassen wurden, während man im preußischen Osten 8148 0/0
als Einfuhrzoll erhob und in den mittleren Provinzen, für
die das alte Prohibitivsystem formell noch fortbestand, stets
Einlaßpässe für den Preis von ebenfalls 81/30/0 des Waren⸗
wertes zu haben waren.
So hatte man denn zwar noch die meisten Beschwerden
des Systems des 18. Jahrhunderts, nicht aber mehr dessen
Schutz, sondern dem Freihandelsprinzipe sich nähernde niedrige
Zölle! Die Folgen davon zeigten sich bald. Englische Waren
überschwemmten das Land, und da eine starke Überschätzung
        <pb n="433" />
        Politische Restauration; wirtschaftliche Fortschritte. 428

der Konsumtionsfähigkeit des deutschen, durch die Kriege arm
gewordenen Publikums in England eine beträchtliche Über⸗
produktion zur Folge gehabt hatte, für deren Stapel man gleich—
wohl in Deutschland Absatz suchte, so fielen zugleich die Preise
durch Unterbietung so, daß an einen gewinnbringenden Wett⸗
bewerb der eben erst im Aufschwung begriffenen heimischen In—
dustrie kaum gedacht werden konnte. Krise also der heimischen
Gewerbe, vor allem in ihren moderneren Formen, und dazu noch
gänzlich veraltete Arten staatlichen Zolldruckes, das war: das
Ergebnis, das die erwachsenden industriellen Kreise laut genug
beklagten.
Aber trug nicht eben diese Kombination die Gewähr der
Besserung in sich? Allgemein, selbst in agrarischen Kreisen,
sah man jetzt ein, daß etwas zur Abhilfe getan werden müsse:
und es war klar, daß keine Reform, gleichviel welcher Art,
auf diesem Gebiete das Kollerhebungssystem unberührt lassen
konnte.

Aus diesem Zusammenhange ist die preußische Zollgesetz⸗
gebung der Jahre 1816—41818 hervorgegangen. Sie begann
mit der Aufhebung der Wasser⸗, Binnen- und Provinzialzölle
schon im Jahre 1816: an deren Stelle eine einzige Zollinie
trat, die mit den Landesgrenzen zusammenfiel. Und sie schloß
ab mit dem Tarifgesetze des Jahres 1818, das der Industrie
wieder einen mäßigen, aber, wie die spätere Erfahrung zeigte,
für ihre Entwicklung genügenden Schutzzoll gewährleistete,
während ihr Prinzip, im Gegensatze zu den inzwischen in West—
europa entwickelten schutzzöllnerischen Bestrebungen, eher als
freihändlerisch und damit auch den exportierenden agrarischen
Unternehmern des Ostens, den Junkern, erwünscht gelten
konnte. Die Ausfuhr wurde von dem Gesetze ganz frei be—
lassen, wenn auch ausnahmsweise Besteuerungen nicht ganz
unmöglich gemacht waren. Ebenso blieb die Einfuhr von Roh—
und Hilfsstoffen frei von Abgaben, falls diese nicht zu den
Ganz⸗ oder Halbfabrikaten gehörten. Mit Zoll wurden dagegen
alle eingehenden Waren belegt, und zwar nach Bruttogewicht
mit einem halben Taler für den Zentner. Dazu kam für die
        <pb n="434" />
        424 Vierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

Waren, die im Zollbereiche blieben, noch eine Verbrauchssteuer,
die nach Nettogewicht berechnet wurde. Hierfür gab ein be—
sonderer Tarif das Notwendige an; als Grundsatz galt, daß
die Abgabe für Fabrik- und Manufakturwaren der Regel nach
nicht 100/0 des Wertes übersteigen sollte, aber geringer sein
durfte, „wenn es unbeschadet der inländischen Gewerbsamkeit
geschehen könnte“. Unter diesen Umständen war natürlich eine
sehr einfache Berechnung möglich: Klarheit vor allem zog da⸗
mit in die Praxis der Verzollung ein. Freilich blieb bei alle—
dem bis 1821 immer noch ein Unterschied zwischen den Zollsätzen
der westlichen und der östlichen Provinzen Preußens, der auf
eine höhere Belastung im Osten hinauslief; aber durch eine
Novelle des Jahres 1821 wurde auch er beseitigt.
Diese neue Ordnung hatten nun die erwachfenden bürger⸗
lichen Kreise ganz wesentlich mit beraten und herstellen helfen.
Bezeichnend aber war, daß sie einen vollkommenen Ausdruck
dessen, was man in den Jahren zuvor der Regierung aus Unter⸗
nehmerkreisen empfohlen hatte, dennoch nicht darstellte. Da
hatte man einen viel stärkeren Schutz beantragt, ja womöglich die
Wiederaufrichtung des alten Prohibitivsystems gewünscht. Und
beinahe hätten diese Anschauungen auch im Staatsrate gesiegt,
wie sie in der Spezialkommission zur Beratung des Gesetzes
angenommen worden waren. Nur dem Eintreten des Staats-⸗
rates Kunth wurde es verdankt, daß man nicht in eine hoch⸗
schutzzöllnerische, sondern in eine nach den Vorstellungen der
Zeit eher liberale Ara eintrat. Der Staat war es somit, sehr
bezeichnenderweise, der schon damals die tiefsten Grundsätze der
neuen Zeit, die Freiheit des Handels und des Verkehrs, gegen den
Industrialismus der Unternehmer zu vertreten hatte und mit
Erfolg vertrat und sich damit, obwohl bei gemäßigtem Schutzzolle
dem Aufblühen der Unternehmung geneigt, doch vor allem so weit—
herzig denkend erwies, daß die einseitig und partikular-preußisch
getroffene Regelung die Nachbarn Preußens nicht abschrecken,
sondern auf die Dauer eher zum Anschluß an das eingeführte
System verlocken mußte. So waren denn die Unternehmer um
1816 als Vertreter wirtschaftlich-sozialer Interessen schon am
        <pb n="435" />
        Politische Restauration; wirtschaftliche Fortschritte. 428

Platze; aber sie hatten sich staatlichen Anschauungen anderen
Ursprungs durchaus noch zu fügen, zumal sich ergab, daß
unter dem neuen Gesetze die modernen Formen des Wirt—
schaftslebens, vorweg die Industrie, aber auch der Handel
ihre volle Rechnung fanden.
Im übrigen begreift sich, daß die Fürsorge für die Ent—
faltung des modernen Wirtschaftslebens, die nun, unabhängig
von aller Sozialpolitik, als ein Ziel des Staatslebens er—
kannt wurde, jetzt auch auf anderen Gebieten durchgriff. So,
im Zusammenhange mit der Zollgesetzgebung, namentlich auch in
Schiffahrtsverträgen. Der Aufschwung des Schiffbaues und
damit auch der Reederei war seit Mitte des 18. Jahrhunderts
namentlich in der Ostsee, wo der Deutsche sich freier bewegen
konnte als in der Nordsee, ziemlich bedeutend gewesen; der
Schiffsverkehr hatte dann vor allem von etwa 1780 bis 1806,
begünstigt durch die Kriege und die allgemeinen Weltverhältnisse,
außerordentlich zugenommen. Dann freilich ereilte ihn fast
der Todesstoß; mit der Kontinentalsperre verfiel die Handels⸗
flotte der Vernichtung durch die Engländer, und ähnlich wie
die Vereinigten Staaten haben Preußen und Deutschland erst
etwa von 1840 bis 1860 wieder die Größe der Handelsmarine
aufgewiesen, die sie schon 1804 -1807 erreicht hatten. Allein
der Umschwung zum Besseren wurde doch schon gleichzeitig mit
dem neuen Zollgesetz herbeigeführt, indem Schiffahrts- und
Handelsverträge mit Dänemark (1818), Großbritannien (1824),
Schweden-Norwegen (1827), Mecklenburg-Schwerin (1827),
Brasilien (1827), den Hansestädten (1828) und den Vereinigten
Staaten (1828), obwohl jeder einzelne an sich nicht besonders
günstig, doch in ihrer Gesamtheit die Reederei wieder erstehen
ließen: so daß der deutsche Ostseehandel ziemlich durch die
ganze erste Hälfte des Jahrhunderts hindurch dem Nordsee—
handel die Wage hielt, obwohl eben dieser wenigstens zum
Teil, besonders in Hamburg, durch die Kontinentalsperre und
das mit ihr verbundene Schmugglergeschäft nicht wenig ge—
wonnen hatte.
        <pb n="436" />
        426 Vierundzwan zigstes Buch. Viertes Kapitel.

IV.

Hatte aber Preußen so zunächst für sich gesorgt, so zeigten
doch schon die Erfahrungen der zwanziger Jahre für alle dem
neueren Wirtschaftsleben in Deutschland angehörenden Kräfte
und Schichten, wie gut es sein würde, würde dieses System
in irgendeiner Form für den gesamten deutschen Boden maß—
gebend. Und bereits im zweiten Jahrzehnt des Jahrhunderts,
unmittelbar nach 1815, waren verwandte Bedürfnisse gefühlt
worden. Denn eben unter der wirtschaftlichen Depression dieser
Zeit, die nicht nur Preußen heimsuchte, mußte die freie Unter—
nehmung um so eher den Wunsch hegen, weite Absatzgebiete
zu gewinnen und sich zugleich innerhalb des Bundesgebietes,
durch keinerlei Unterschiede der Behandlung gestört, so zu
spezialisieren und territorial differenzieren zu können, daß ihr
die Überwindung auch schlechter Zeiten ermöglicht wäre. Und
dieser Wunsch mußte noch dringlicher werden, als die fort—
gesetzte Berührung mit dem freien Weltmarkte etwa um 1820
zunächst alle Schäden der rasch groß gewordenen Industrie
aufdeckte: die Unerfahrenheit in der Erweiterung des Absatzes,
die Leichtsinnigkeit in der Übernahme zu großer Risiken, die
Neigung, in Lohndrückerei Ersatz für Einbußen zu suchen, die
Ratlosigkeit sich zu helfen, sobald unter dem immer stärkeren
Import englischer Waren das Edelmetall abzuströmen und die
Handelsbilanz passiv zu werden begann. Kam nun zu alledem
noch eine starke agrarische Krise, wie sie die nächste Folge der
gänzlich veränderten sozialpolitischen Lage auf dem platten
Lande namentlich des Nordostens sein mußte und war, und
hörte dabei auch für das Ackerbauunternehmen einstweilen Ex—
port und Exportfähigkeit auf: so war ein Zustand geschaffen,
der gerade die allgemeinsten Reformen dringend erheischte.
Da war nun der Gedanke, ein einheitliches deutsches Zoll⸗
system zu schaffen, der die Kreise der jungen Unternehmer⸗
wirtschaft schon im 18. Jahrhundert gelegentlich beschäftigt
hatte, unmittelbar nach den Kriegen, im Jahre 1816, zuerst
wieder von einem Kreise von Unternehmern aufgenommen
        <pb n="437" />
        Politische Restauration; wirtschaftliche Fortschritte. 427

worden, die sich auf der Leipziger Messe trafen. Dann hatten,
im Jahre 1818, angesehene Mitglieder des rheinischen Unter—
nehmertums an den Staatskanzler Hardenberg die Bitte ge—
richtet, für die Aufhebung aller Binnenzölle Deutschlands und
die Verlegung der Zollinien an die Bundesgrenze Sorge zu
tragen. Eine positive Antwort darauf war einstweilen nur
das preußische Zollgesetz gewesen. Wenn dies aber in seinen
Einführungsworten damit begründet wurde, daß sich „allgemein
und klar das Bedurfnis zeige, durch eine angemessene Be—
steuerung des äußeren Handels und des Verbrauchs fremder
Waren die inländische Gewerbsamkeit zu schützen“, so lag auf
der Hand, daß dieser Zusammenhang eigentlich auf eine deutsche
Zollgesetzgebung führen mußte. In der Tat erklärte sich Preußen
auch schon 1818 bereit, auf der Grundlage seines neuen Zoll⸗
gesetzes mit anderen Staaten in zollpolitische Verhandlungen
einzutreten. Und einen leisen Zwang auf die deutschen Nach—
barn in dieser Richtung übte seine Zollgesetzgebung auch in⸗
sofern aus, als sie die außerdeutschen Staaten, insbesondere
England bei deren damals schutzzöllnerischer Haltung durch
sein mildes, fast halb freihändlerisches System im Grunde be—
günstigte. Es war eine Tendenz, mit der sich zunächst die
Anschauung verbunden hatte, England werde infolgedessen dem
Import der notleidenden preußischen Landwirtschaft besonders
bereitwillig seine Grenzen öffnen: und agrarische Hoffnungen in
dieser Richtung sprachen sich nicht zum geringsten in der Tatsache
eines nur sehr mäßigen Zollschutzes der Industrie aus. Diese
Hoffnungen haben sich nun nicht erfüllt; erst ein Menschenalter
später hat England seine harten Kornzölle ermäßigt. Um so mehr
aber durfte man erwarten, daß die im ganzen Systeme liegende,
den deutschen Staaten ungünstige differenzielle Behandlung diese
zum Eintritt in ein gemeindeutsches Zollsystem erweichen werde.
Wirklich stellte sich auch allmählich eine dementsprechende Stim⸗
mung ein. Man sah die preußische Volkswirtschaft unter dem
neuen System langsam erblühen, während man selbst der aus—
ländischen Konkurrenz fast schutzlos überliefert war. Namentlich
die unmittelbaren Nachbarn Preußens seufzten. Andererseits
        <pb n="438" />
        428 Vierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

aber war man doch auch in Preußen nicht recht zufrieden:
das Reformwerk wollte erst dann voll geglückt scheinen, wenn
es gelänge, wenigstens die nächsten Nachbarstaaten ihm ein—
zubeziehen.
Es versteht sich, daß dieses Hin und Her der Stimmungen
wie geschaffen war, um einer öffentlichen Agitation zum Leben
zu verhelfen. Und schon 1819 hatte sie eingesetzt. In diesem
Jahre wurde, angeregt vornehmlich durch den Tübinger Professor
Friedrich List, den großen schwäbischen und deutschen Volkswirt,
zu Frankfurt und Nürnberg ein Handelsverein gegründet in
der Absicht, durch ihn einen allgemeinen deutschen Zollverband
verwirklichen zu helfen. Und so wäre man wohl rasch vorwärts
gelangt, wenn die süddeutsche Agitation und die preußische
Prarxis sich hätten verständigen können. Allein daran war
so bald nicht zu denken. In alten reichsdeutschen Traditionen
hielt der Südwesten an einem gemeindeutschen Vorgehen fest
und verwarf das einseitige Verfahren Preußens.
Unter diesen Umständen war es von größter Bedeutung,
daß sich eben aus dem Südwesten beinahe gleichzeitig eine
Stimme erhob, die wenigstens nach der technischen Seite hin
Preußen gerecht wurde. In einer Denkschrift vom Jahre 1819
zeigte der badische Staatsmann Nebenius, ein alter Praktiker
noch aus dem französischen Staatsdienste, daß ein deutscher
Zollverein auf volle Handelsfreiheit im Innern, auf die Er—
hebung von Grenzzöllen, auf Schutzzölle für die Manufakturen
in der Höhe von 10 bis 200/0 des Wertes, niedrige Be—
steuerung oder völlige Befreiung von Abgaben für eingeführte
Rohmaterialien und die Erzeugnisse des Exports, und auf
Verbrauchssteuern auf Kolonialwaren — kurz auf die Prinzipien
der preußischen Zollpolitik hinauslaufen müsse, und entwickelte
zugleich rationelle Grundsätze für die föderative Behandlung
eines solchen Vereins: der Reingewinn sollte an die einzelnen
Staaten nach Maßgabe der Bundesmatrikel oder nach der Kopf⸗
zahl der Bevölkerung verteilt werden. War das nicht die
vollste Vorbereitung eines Zollvereins, der sich von Preußen her
und durch preußische Politik entwickeln konnte? Im Jahre 1833,
        <pb n="439" />
        Politische Restauration; wirtschaftliche Fortschritte. 429

nach Abschluß der wichtigsten Zollvereinsverhandlungen, hat
das preußische Ministerium des Auswärtigen in einer nach
Baden gerichteten Note ausgesprochen, daß „es dem Verfasser
der badischen Denkschrift von 1819 zur großen Genugtuung
gereichen müsse, wenn er aus den Verträgen der jetzt zu einem
gemeinsamen Zoll- und Handelssystem verbundenen Staaten
ersehen werde, wie vollständig nunmehr die Ideen ins Leben
getreten seien, welche von ihm über die Bedingungen eines
deutschen Zollvereins gehegt und bekannt gemacht worden seien“.
Nach alledem war vorauszusehen, daß Konferenzen, welche
die süddeutschen und einige mitteldeutsche Staaten einseitig
und ohne Preußen 1821 zu Darmstadt, 1823 zu Arnstadt,
1825 zu Stuttgart abhielten, ergebnislos verlaufen würden.
Die Zukunft des allgemeinen Zollvereins schien an den nord—
deutschen Großstaat gekettet. Wie es Hardenberg schon 1819
betont hatte: einzelne Staaten, welche sich durch den jetzigen
Stand beschwert glauben, müßten sich mit denjenigen Bundes⸗
mitgliedern zu vereinigen suchen, woher nach ihrer Meinung
die Beschwerde kommt; und dann müßten übereinstimmende
Anordnungen von Grenze zu Grenze geleitet werden zu dem
Zwecke, die inneren Scheidewände mehr und mehr zu Fall
zu bringen.
Gleichwohl schlossen Bayern, Württemberg und die Hohen⸗—
zollernschen Lande im Jahre 1826 einen besonderen Süddeutschen
Zollverein; und als dieser mit Preußen gute Beziehungen zu
pflegen begann, vereinigten sich die zwischen ihm und Preußen
liegenden Länder, um nicht von beiden erdrückt zu werden,
im Jahre 1828 zu einem Mitteldeutschen Handelsverein. Es
waren Nassau, Hessen-Homburg, Frankfurt am Main, Kurhessen,
Thüringen, Sachsen, Braunschweig, Hannover und Oldenburg;
durch den Beitritt Hannovers erhoffte man namentlich billige
Zufuhr englischer Halbfabrikate, so von Stabeisen und baum—
wollenen Garnen. Damit erschien denn eine deutsche Zolleinheit
in ferne Zukunft gerückt.
Trotzdem war die Lösung aller Probleme auf Grund der
dargestellten allgemeinen Verhältnisse nahe. In den preußischen
        <pb n="440" />
        430 Vierundzwanzigstes Buch. Viertes KNapitei.

Zollverband waren die anhaltischen Lande, fast ganz von
preußischen Grenzen umgeben, schon im Jahre 1826 eingetreten.
Im Jahre 1828 folgte, nach vergebenen Versuchen, in dem
süddeutschen Verein angemessene Unterkunft zu finden, Hessen—
Darmstadt. Es war der entscheidende Moment. Denn bald
stellte sich heraus, daß das kleine Land südlich des Mains da—
bei seine wirtschaftlichen Interessen vortrefflich gewahrt hatte,
während die süd- und mitteldeutschen Sonderbildungen zu leiden
begannen. Innerhalb des Süddeutschen Zollvereins verf chlangen
die Zollschutze und Erhebungskosten für Bayern in den Jahren
1829 - 1831 440/0 des Rohertrages; im Rheinkreise blieben
im Jahre 1830 die Einnahmen sogar um 83094 Gulden hinter
den Ausgaben zurück. Es war klar: der Verein war zu klein;
war bei der Tendenz alles modernen Wirtschaftslebens, ins
Große zu wachsen, nicht lebensfähig. Ganz dasselbe galt aber
auch von dem Mitteldeutschen Handelsverein; zudem litt dieser
auch noch an inneren Organisationsschwierigkeiten; es gelang
nicht einmal, die Binnenmauten zu beseitigen. Und so reiften
denn die Dinge dem Zollanschluß an Preußen entgegen.
Im Jahre 1831 trat Kurhessen, durch einen Zollkrieg mit
Hessen-Darmstadt arg bedrängt, aus dem Mitteldeutschen Ver—
eine aus und schloß sich Preußen an. Es hieß eigentlich schon
die Zertrümmerung des Mitteldeutschen Vereins; namentlich
für Sachsen, den in diesem Vereine führenden Staat, wurde
die Lage jetzt überaus mißlich. Das um so mehr, als Preußen
im Grunde auch schon Thüringen gewonnen hatte. Dies
Mittelgebiet der deutschen Lande hatte von alters her eigentlich
nur einen westöstlichen Verkehr; seine alte Hauptstraße verlief
von Frankfurt und Fulda herkommend über Eisenach, Erfurt
und Halle nach den Gegenden der Elbe. Nun aber streckte
Preußen den kleinen Staaten die Mittel zum Bau einer Straße
vor, die südnördlich durch Meiningen verlief und die dazu
bestimmt war, das süddeutsche und das norddeutsch⸗preußische
Zollgebiet unter Umgehung und doch zugleich Durchquerung
des mitteldeutschen zu verbinden. War es da nicht wenigstens
für das auf diese Weise isolierte und doch besonders industrie—
        <pb n="441" />
        Politische Restauration; wirtschaftliche Fortschritte. 431

reiche Sachsen hohe Zeit, mit Preußen zum Frieden zu ge⸗
langen? Im Jahre 1888 traten Sachsen, Bayern und Württem⸗
berg dem Preußischen Zollverein bei; die Verträge gelangten
am 1. Januar 1834 zur Wirksamkeit. Man darf sie als die
eigentlichen Gründungsurkunden des Deutschen Zollvereins be⸗
trachten; denn in den acht Jahren, auf die sie zunächst gelten
sollten, traten auch noch die meisten anderen wichtigeren Länder
dem preußischen Zollgebiete zu. So die Thüringischen Staaten
schon 1834; Baden und Nassau 1835; Frankfurt 1836. Und
1841, kurz nach seiner Wiedererneuerung auf 12 Jahre, um—
faßte der Zollverein ganz Deutschland mit Ausnahme Mecklen⸗
burgs, des Steuervereins, in welchem sich Hannover und
Oldenburg nach dem Zerfall des Mitteldeutschen Handels—
vereins zusammengeschlossen hatten, der Hansestädte — also
Teilen des Nordsee- und Ostseegestades —, und mit Ausnahme
der österreichischen Länder.
Ein erster großer realer Erfolg nationaler Einheits⸗
bewegung war damit erreicht: fast unbewußt, wie große
wirtschaftliche Ereignisse einzutreten pflegen, war er errungen
worden; und jedenfalls nicht an erster Stelle von dem Ge—
danken aus, damit für eine spätere politische Einheit eine
Grundlage zu schaffen. Gleichwohl empfand die Nation
ahnend etwas von dieser Zukunft, als mit der Neujahrs⸗
nacht des Jahres 1834 die Zollschranken zum ersten Male
weithin fielen, als der Transport sich anfing frei durch alles
deutsche Land zu bewegen und an Stelle des preußischen, bayri⸗
schen, württembergischen Kaufmanns und Industriellen der
deutsche Unternehmer das Feld gewann.
Denn nicht mit der Hebung der Zollschranken allein war
es um diese Zeit schon, vom Standpunkte des gesamten deutschen
Wirtschaftslebens aus, getan. Der Riesenleib einer allgemeinen
deutschen Volkswirtschaft überhaupt begann sich zu recken, und
tausend Einzelentwicklungen verhalfen seinen einzelnen Gliedern
zu immer sichrerer und kräftigerer Funktion.
Vor allem die Bahnen des Verkehrs, die eigentlichsten
Förderer jedes Wirtschaftslebens der Unternehmung, wurden
        <pb n="442" />
        432 Vierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

nun immer entschiedener ausgebaut. Auf diesem Gebiete hatte
allerdings schon der Wiener Kongreß die Freiheit der Fluß—
schiffahrt grundsätzlich anerkannt, während er die Frage einer
künftigen zollpolitischen Einheit mit nichtssagenden Bemerkungen
abgetan hatte. Aber erst die fünf Lustren hin bis zur Ent—⸗
stehungszeit des größeren Zollvereins brachten die Ausführung
des grundsätzlichen Beschlusses. Zuerst, schon im Jahre 1819,
wurde die Weserschiffahrt frei; nur noch für Strombauten und
Instandhaltung des Leinpfades hatten die Schiffer mit auf⸗
zukommen. Schwerer wurde es, die Elbe von dem Egoismus
der Uferstaaten freizumachen, doch war auch ihr Befahren seit
1822 nur noch mit geringen Kosten verknüpft. Am schwersten
aber hielt es, die Verhältnisse der Rheinstraße, der bedeutendsten
von allen, denn schon bei Basel hat der Strom das Doppelte
und bei Mannheim das Vierfache der Wassermasse, mit der er
den Bodensee verläßt, zur Zufriedenheit der Schiffahrt und des
Handels zu ordnen: erst im Jahre 1831 fielen die letzten der
hindernden Privilegkien. Damit war denu aber auch Außer⸗
ordentliches gewonnen; denn noch bildeten in unserem Zeit⸗
raum die natürlichen Wasserwege bei weitem die wichtigsten
Transportstraßen, da der Ausbau der künstlichen in Deutsch⸗
land in engen Grenzen geblieben war und der Bau von irgend⸗
welchen Spurwegen, insbesondere Eisenbahnen, noch ganz in
den Anfängen stak, wenn nicht völlig versagte.
Neben den Strömen kamen so eigentlich nur noch die
Kunststraßen, die Chausseen, in Betracht. Und für ihren Bau
geschah allerdings Außerordentliches; wobei in ihrer Anlage
neben den militärischen Interessen jetzt mehr als je auch die
wirtschaftlichen Bedürfnisse berücksichtigt wurden. Preußen ins⸗
besondere, das 1816 erst 5222/2 Meilen Landstraßen gehabt
hatte, baute so stark, daß das Netz im Jahre 1831 schon eine
Ausdehnung von 11471,3 Meilen hatte; und dieser Umfang
verdoppelte sich bis zur Mitte der vierziger Jahre nochmals.
Allein in den Jahren 1820 1884 wurden gegen 12 Millionen
Taler für Straßenbauten verausgabt.
Da lag es denn freilich in der Konsequenz der Dinge,
        <pb n="443" />
        Politische Restauration; wirtschaftliche Fortschritte. 433

daß auch die Wirtschaftsformen des Verkehrs sich gänzlich ver⸗
änderten; nichts hat sich vielleicht bis gegen 1840 hin auf
wirtschaftlichem Gebiete mehr abgewandelt als sie; und eben
die Begründung des Transportwesens als eines selbständigen
Faktors der Volkswirtschaft bezeichnet recht eigentlich die An—
fänge des Überganges zu einer zweiten, die Zeit des 18. Jahr⸗
hunderts überragenden Periode der Unternehmung und damit
des wirtschaftlichen Subjektivismus.
Der Hauptumsatz der Waren hatte bisher noch immer in
der Form des Lokohandels stattgefunden; der Vertragsabschluß
vollzog sich zur Seite des Warenpostens. Eben darauf beruhte
denn auch der weitverbreitete Zwischenhandel, wie auf diesen
Brauch nicht minder die Bedeutung der Messen zurückging: in
ihnen wurden diejenigen Waren zusammengebracht, die an
kleineren Orten und zerstreut keinen Käufer fanden: so zog
der Tuchfabrikant oder der Leinwandverleger aus Brandenburg
oder Schlesien zur Leipziger Messe, unter der Plane eines
Frachtwagens den Fleiß eines Jahres mit sich führend; so
strebten von Osten her Polen und Russen mit kostbaren Pelz⸗
und Lederwaren der gleichen Messe zu und trafen sich hier
mit den Agenten des englischen Exports und den Vertreibern
von Modewaren aus Frankreich.
Diese Art des Handels hat nun auch so bald nicht auf⸗
gehört; um die Mitte des Jahrhunderts bestand sie noch weit—
hin, und sie ist noch heute auch im Großhandel für solche
Waren üblich, die man sehen muß, ehe man sie kaufen und ver—
kaufen kann, und bedingt damit die Vertriebsform der modernen
Engrosmesse. Allein daneben siellten sich doch eben seit den ersten
Jahrzehnten der neuen Zeit andere Formen. Man erzeugte
mehr: und so konnte man nicht mehr so leicht das Erzeugnis
als Ganzes transportieren. Treu und Glaube wurden mit
steigendem Verkehr sicherer: und so vermochte man vielerlei
nach Probestück zu handeln. Daher zog sich der Fabrikant
schon leichter, und um so eher, je mehr er produzierte, vom
direkten Handel zurück, und neue kapitalistische Formen des
mittelbaren Handels kamen auf. Darunter als früheste wohl
Lambprecht, Deutsche Geschichte. X. 28
        <pb n="444" />
        24 Vierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

ein neueres Hausierwesen. Der Absolutismus war den alten
Hausierern, den Tabulettkrämern und Würzleuten und Labo—
ranten und ähnlichen Erwerbsleuten gram gewesen; der Hausier⸗
vertrieb von selbsterzeugten Waren innerhalb gewisser Haus—
industrien war durch die Wandlungen des Wirtschaftslebens
um 1800 zerstört worden. Jetzt kamen größere Hausierer als
Beauftragte von industriellen Unternehmern auf; sie durchzogen
das Land kreuz und quer mit ihren oft schweren Warenballen,
in der Genremalerei der dreißiger Jahre findet man sie
als beliebte Figuren. Es war eine neue Form des Vertriebes,
aus der später der Commis voyageur mit seinem Muster⸗
koffer hervorgegangen ist. Einstweilen aber war es diejenige
Form, durch deren Vermittlung vor allem der seit etwa 1812
und 1815 seinem Ghetto entzogene Jude seinen Einzug in die
bürgerliche Gesellschaft hielt. Denn trefflich eignete er sich
mit all seinen ererbten und anerzogenen Eigenschaften eben
für diesen Beruf und schlug darin die meisten Arier, ins⸗
besondere auch die Deutschen, wenn sie sich auf einen Wett⸗
bewerb mit ihm einließen. Indes dachte er bei besserer Be⸗
gabung und leidlichem Glück nur selten daran, dem Metier
durch Generationen hindurch anzugehören. Schon er selbst
oder spätestens seine Kinder drangen von da aus in den Klein—
handel ein und bald auch in die Unternehmung: und auch für
sie, die Psychologie mithin des modernen Wirtschaftslebens
überhaupt, erwies er sich in besonderer Weise geeignet.
Außer den Wandlungen der Vertriebsformen aber gab,
wie schon angedeutet, die beginnende Verselbständigung der
Transportunternehmungen schon dieser Zeit die eigentliche wirt⸗
schaftliche Signatur.
Der alte Großhändler frühester Jahrhunderte hatte den
Transport seiner Güter selbst besorgt, ja ihn anfangs auch
wohl selber geleitet. Dann hatten sich, auf wichtigen und un—
umgehbaren Wegen zumal, für Paßstraßen und Flüsse, zünft—
lerische Transportgesellschaften gebildet, Porten und Schiffer—
gilden, die ihrerseits die Beförderung der Waren übernahmen,
ohne sich jedoch zu Speditionsgeschäften zu entwickeln. Dem—
        <pb n="445" />
        Politische Restauration; wirtschaftliche Fortschritte. 435

gegenüber wie vor allem auch gegenüber dem freien Frachtfuhrmann
 und Schiffer entstanden nun, mit steigendem Ver—
kehre, sogenannte Speditionskontore: Anstalten, die den Ver—
frachtern den Transport ihrer Güter namentlich auch auf weite
Strecken hin vermittelten. Dabei lag es in der Natur der
Dinge, daß diese Kontore die Frachtfuhrleute und Schiffer bald
unter ihre Kontrolle brachten; und aus dieser erwuchs dann
auch früh wirtschaftliche Abhängigkeit einer- und Herrschaft
andererseits: Pferd und Fahrzeug gingen in den Besitz der
Kontore über. Leise trat so an Stelle der alten Hauderei das
moderne Transportwesen: und der Übergang zu dessen weiterer
Durchbildung in Eisenbahn und Dampfschiffahrt war gewonnen.
Denn nun wurde der Transport natürlich kaufmännisch und
rationell betrieben: pünktlich, reichlich, häufig. Im Gebiete der
Frankfurter Messe verkehrten z. B. jetzt Frachtwagen, die noch
im Jahre 1816 nur einmal wöchentlich gefahren waren, schon
im Jahre 1830 mit täglicher Regelmäßigkeit; dazu erlaubten
ihnen die verbesserten Wege auch stärkere Ladung. Denn
während man im Jahre 1820 noch auf ein Pferd im all—
allgemeinen 10 bis 20 Zentner gerechnet hatte, lud man deren
um 1830 schon 20 bis 25; in den vierziger Jahren hat man
es dann gar auf Vierspänner mit 100 bis 120 Zentnern Ge—
wicht gebracht. Trotz alledem wuchs die Zahl der Spediteure
von Jahrzehnt zu Jahrzehnt beträchtlich: in Frankfurt mit
seinen 54000 Einwohnern gab es deren im Jahre 1835 44
außer etwa 300 Firmen, die Spedition als Nebenerwerb be—⸗
trieben: wahrlich genügend war den Anfängen eines Zeitalters
der Eisenbahnen der Weg bereitet. Und schon war, was sich
hier anbahnte, für den Transport zu Schiffe so gut wie voll—
endet. Die Rheinschiffahrtskonvention vom Jahre 1831 hatte
mit allen anderen alten Privilegien auch die der Schifferzünfte
aufgehoben; Schiffahrtskontore ersetzten sie und machten zugleich
den freien Leinpfadschiffern das Leben sauer: bis über sie alle
die Dampfschiffahrt kam und den Strom einem modernen
Transportbetrieb unterwarf.
War nun nicht mit alledem etwas im Begriffe zu erwachsen,
98 *
        <pb n="446" />
        436 Vierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

was dem heutigen Vortreiben von Eisenbahnen und Kanälen
in unerschlossene Gegenden ähnelt? In Anlaß und Wechsel⸗
wirkung war dies steigende Transportwesen der Ausdruck einer
überhaupt sich leise öffnenden und aufblühenden modernen
Unternehmungswirtschaft auch der Industrie: und mit deren
Erscheinen eines sich allmählich wieder einfindenden Wohl—
standes und freierer geistiger und politischer Haltung.
In einer Leipziger amtlichen Meßrelation vom Jahre 1814
war über die Verarmung Deutschlands geklagt worden; nicht
bloß im Kleinhandel, auch im Großen gelte die Nachfrage meistens
nur wohlfeilen, zur gemeinen Notdurft dienenden Waren; selten
sei es, wenn es überhaupt vorkomme, daß teure Luxusartikel
gekauft würden. Wie anders lagen da die Dinge doch schon
in den dreißiger Jahren! Gewiß, auch in dieser Zeit war der
Hausrat der Urgroßväter und Großväter der heutigen Genera⸗
tion noch kärglich genug; es herrschten die unbeholfenen Formen
des sogenannten Biedermeierstils. Gleichwohl wurden schon
Kunstvereine zur freilich noch kollektiven Förderung der heimi⸗
schen Kunst gegründet; das Genrebild, das auf Ankauf im
bürgerlichen Hause rechnete, entwickelte sich, und die litho⸗—
graphische Bildniskunst erreichte, noch rasch vor dem Auf⸗
kommen der Daquerrotypie, eine beträchtliche Höhe!. Es waren
Anfänge nur eines bescheidenen Reichtums: aber sie waren
als solche unleugbar.
Und schon belebte sich mit größerem Wohlstand und
weiterem wirtschaftlichen Blicke auch das politische Interesse.
Klar läßt sich z. B. am Rhein verfolgen, daß höhere Auf—
gaben des wirtschaftlichen Fortschrittes zur Assoziation des
Kapitals in Aktiengesellschaften und anderen verwandten Bil⸗—
dungen trieben, und daß deren Durchbildung alsbald die
kaufmännischen Geister politischen Fragen erschloß: zur Prüfung
bestehender, zum Fordern besserer Gesetze, zum Vergleich der
Praxis der einzelnen territorialen Verwaltungen untereinander
auf Stetigkeit und Erfolg, ja schließlich zur Behandlung höchster

Val. dazu S. Ni ff.
        <pb n="447" />
        Politische Restauration; wirtschaftliche Fortschritte. 487

politischer Fragen überhaupt, der Probleme des demokratischen
Fortschrittes und der konstitutionellen Verfassung. Und wie
am Rhein, so stand es teilweise auch anderwärts: allenthalben
wurde das Bürgertum der dreißiger und teilweise schon der
zwanziger Jahre der Betrachtung der öffentlichen Verhältnisse
zunächst von seinem, dann auch von allgemeinerem Standpunkte
aus leise zugeführt.
Indem dies aber der Fall war, begann die wirtschaftliche und
soziale Bewegung der nunmehr bald mit führenden Gesellschafts⸗
schicht mit einer anderen Entwicklung langsam zu verschmelzen,
die, vornehmlich geistiger Natur, von den großen Errungen⸗
schaften des Klassizismus und ˖der Romantik ausgegangen und
zu einem ersten, noch sehr primitiven politischen Denken gelangt
war: mit einer Entwicklung, die in der Geschichte der deutschen
Einheitsbewegung von nicht minderer Bedeutung gewesen ist
wie die Ausgestaltung des Wirtschaftslebens zu neuen Formen
der Unternehmung und die Entstehung des Zollvereins.
        <pb n="448" />
        Fünftes Kapitel.

Jortschritte des politischen Denkens.

Die Geschichte des politischen Denkens in Deutschland
zeigt während des 19. Jahrhunderts von vornherein eine ge—
spaltene Entwicklung: hie Liberalismus, hie Konservatismus
ertönt schon früh wenn nicht der Ruf, so doch die Meinung;
es bilden sich die psychologisch-politischen Voraussetzungen jeder
primitiven Parteibildung.
Nur wäre es verkehrt anzunehmen, daß mit diesen ent—
gegengesetzten Dispositionen des Fortschritts und des Be—
harrens, die zunächst nichts waren als Neigungen und Ten—
denzen, sogleich auch schon Parteien entstanden wären. Parteien
sind nicht nur der Ausdruck eines Zustandes, in dem sich, auf
Grund eingehenden Durchdenkens politischer Zustände seitens
Gleichberechtigter, nicht bloß Meinungsscheidungen bis zu der
Klarheit vollzogen haben, daß eine große Reihe von An—⸗
schauungsweisen einzelner politischer Fragen einer obersten po—
litischen Theorie, einer letzten politischen Idee, einer ganz
bestimmten Parteidoktrin unterstellt worden sind; zu ihrer Voll—
endung gehört auch noch eine Dressur der Willen der ihr An—
gehörenden bis zu dem Grade, daß es einem überragenden
Willen und einer starken Intelligenz, dem Parteiführer, ge—
lingen kann, die Massen der Parteifreunde zu meistern und zu
großen Aktionen zusammenzufassen. Man sieht, es handelt sich
da um einen langen Eingewöhnungs- und Durchbildungsprozeß,
        <pb n="449" />
        Fortschritte des politischen Denkens. 439

der da, wo selbst die ersten Voraussetzungen dafür erst zu
schaffen waren, schwerlich von einer einzigen Generation er⸗
ledigt werden konnte. Sehr langsam also, eigentlich erst in
den vierziger Jahren deutlich hervortretend, sind auf deutschem
Boden im 19. Jahrhundert die Parteien erwachsen. Denn
sollten sie sich vollends in ganzer Klarheit, besonders auch in
den Beziehungen ihrer Wirkung und Gegenwirkung, unter—
einander herausbilden, so war, außer dem eigentlichen inneren
Wachstum, offenbar auch noch ein oberstes mehr exoterisches
Prinzip notwendig, nach dem sie sich gemeinsam orientierten
und schieden. Ein solches Prinzip ist aber in Deutschland erst
mit der Frage der nationalen Einheit gewonnen worden; dies
Problem aber wiederum trat dringlich vor die Seele der Nation
erst mit dem Jahre etwa 1840: wie wir schon in der äußeren
politischen Geschichte gesehen haben!, in so mancher Hinsicht
eine Grenzscheide der Zeiten.
So dürfen wir denn im Verlaufe jener Jahrzehnte zwischen
1815 und 1840, die den Gegenstand der Erzählung dieses
Bandes bilden, nicht schon erwarten, volle Parteibildungen
anzutreffen. Gewiß kam es in den Parlamenten der Klein⸗
staaten, wo es deren gab, zu parteiartigen Differenzierungen
der Mitglieder; und für diese Differenzierungen war der natür—
liche Gegensatz von Liberalismus und Konservatismus vielfach
maßgebend. Allein es war im ganzen doch selten, daß sich
die großen Linien des nationalen Lebens diesen partikularen
Bildungen entscheidend aufgeprägt hätten: und eigentlich nur
die badische Kammer kann Anspruch darauf erheben, in dieser
Zeit des öfteren Sprachrohr der Nation und Vertreterin mehr
als territorialer Anliegen gewesen zu sein.
Im ganzen verlief die Entwicklung der Parteigegensätze
und damit auch des politischen Denkens der Nation vielmehr
in den Kreisen dessen, was man gebildete Gesellschaft zu nennen
pflegte. Und jedenfalls ist dieser Verlauf der eigentlich cha—
rakteristische. Denn mit ihm hing es zusammen, daß man

S. oben S. 378 f.
        <pb n="450" />
        40 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

für die Bildung politischer Meinungen keineswegs so sehr von den
praktischen Bedürfnissen des Augenblicks, wie von Prinzipien aus—
ging: nicht realpolitisch, sondern ideologisch war demgemäß der
Charakter des neuen Denkens; nicht induktiv, sondern deduktiv
verfuhr man; und war im Einzelfalle de lege ferenda zu reden,
so gaben nicht Interessen, sondern Grundsätze den Ausschlag.
Es ist das Wesen deutsch-politischen Denkens noch weit
über die vierziger Jahre hinaus, durchaus bis 1848 und noch
tief hinein in die fünfziger Jahre geblieben; und erst die
Zeit der Reaktion, die Weiterentwicklung des Wirtschafts⸗
und Gesellschaftslebens der Unternehmung und der Vorgang
Bismarcks hat zu einem realpolitischen Denken von Interessengegensätzen
 aus hinübergeführt.
Für die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts, vor allem für
die Zeit vor 1840 war damit gesagt, daß das politische Denken
wurzelhaft von den großen Bewegungen auf dem Gebiete der
Philosophie, der Wissenschaft, ja noch der Poesie: also von
Dichten und Denken überhaupt auszugehen habe; und eben
darin, die einzelnen Schattierungen festzustellen, in denen es
sich von dieser Plattform her ins Konkret-Politische abwandelte,
beruht der hohe Reiz seiner Erforschung.
Unter diesen allgemeinsten Umständen nun mochte es von
vornherein zweifelhaft sein, welche politische Anschauung sich
früher und reicher entwickeln werde, die konservative oder die
liberale. Die liberale hatte, wie man leicht sieht, von vorn⸗
herein alle Vorteile der Deduktion für sich: denn da sie vom
Gewordenen und dem Werden, wie es seinerseits aus dem Ge⸗
wordenen unmittelbar hervorgeht, abzusehen geneigt war, so
mußte es ihr scheinbar leicht fallen, die Neigung der Deduktion
zur Aufstellung eines allgemeinsten Systemes auszunutzen. Indes
wir werden bald sehen, daß dies ein Vorteil war, der doch zugleich
an das Denksystem eines früheren Zeitalters fesseln konnte und
dadurch dem Leben, so wie es nun einmal tatsächlich verlief, nur
zu leicht bis zu dem Grade entfremdete, daß sich zwischen Theorie
und Praxis einstweilen nur eine schmale Brücke zu finden
schien. Der konservativen Anschauung konnte es demgegenüber
        <pb n="451" />
        Fortschritte des politischen Denkens. 441

von Nutzen sein, daß ihre Anhänger, bei aller Neigung zu
Deduktion und Prinzipienbildung, doch von dem Einflusse
des konkret Werdenden und Bestehenden mächtig berührt
wurden: und dieser Zusammenhang gab ihr schließlich auch,
in gewissem Sinne wenigstens, einen zeitlichen Vorsprung.
Während die praktische Lehre des deutschen Liberalismus
erst in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts voller ent⸗
wickelt zu werden begann, um sich dann, noch immer recht
doktrinär und darum vielfach vergebens, im Jahre 1848 zum
ersten Male an der Bemeisterung der Wirklichkeit zu versuchen
und erst in den beiden Jahrzehnten nach 1866 voll ins Leben
zu treten, erscheint die konservative Anschauung eigentlich schon
um 1840 abgeschlossen und hat noch völlig innerhalb der ersten
Periode des deutschen Subjektivismus, schon in den fuünfziger
und teilweise sechziger Jahren des Jahrhunderts ihre teilweise
Verwirklichung erlebt.
So wird es denn dem ersten Gesetze aller geschichtlichen
Darstellung, dem der chronologischen Folge, entsprechen, wenn
wir uns zunächst mit der Entwicklung der konservativen An⸗
schauungen beschäftigen.
Das konservative Denken ist aus einem ganz bestimmten
Momente der allgemeinsten seelischen und geistigen Entwicklung
hervorgegangen. Als der höchste Subjektivismus, der rein
national, ohne starke Einwirkungen der Antike gewonnen worden
war, sich jenen extremen Ausschlägen näherte, die wir in der
Geschichte der Frühromantik kennen gelernt haben, löste er
naturgemäß eine Reaktion aus: und wir wissen schon, daß
sich in diesem Augenblicke das eben noch mehr als sieghafte
Subjektivitätsgefühl auf die bestehenden Mächte des Daseins
zurückzog und sich auf sie zu stützen begann. Dieser Moment
— letzte Höhe eines extremen Subjektivismus und beginnende
Reaktion gegen ihn — ist der der Genesis allgemeinerer kon⸗
servativer Anschauungen.
Charakteristisch trat dabei alsbald zweierlei hervor: das
Verhältnis zu der größten geistig-praktischen Kulturmacht, der
Kirche, und das Verhältnis zu der gewaltigsten, mehr materiell—
        <pb n="452" />
        442 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

praktischen Kulturmacht, zur Wucht der sozialen Schichtung.
Gegenüber diesen beiden Mächten als werdenden und ge—
wordenen hat sich der primitive Liberalismus im Grunde zu—
nächst indifferent verhalten: unkirchlich ist er nur insofern ge⸗
worden, als die Kirche seine Kreise zu stören begann, und
gegenüber der bestehenden sozialen Schichtung aufmerksam
wurde er nur insoweit, als sich diese zum Teil auf Grund
früher Reformgesetzgebungen umbildete. Für das konservative
Denken dagegen bedeuteten Stände und christliche Kirche von
vornherein stärkste Halt- und Drehpunkte der Entfaltung; und
gelang es dabei nicht, das soziale Problem — und wie wir
sehen werden mit ihm zugleich auch das politische — in kon—
servativem Sinne zu lösen, da die neue wirtschaftliche und
soziale Entwicklung über die angenommenen Prämissen mit ge⸗
waltigen Schritten hinwegeilte, so war um so mehr die Kirche
für den Konservatismus von ausschlaggebender Bedeutung.
Darum erscheint denn das konservative Denken von Anbeginn
gleichsam dubliert durch den Klerikalismus auf katholischer und
die pietistische Orthodoxie auf protestantischer Seite; und unter
dem Einflusse dieser Doppelbeziehungen sind noch viel später
die großen innerpolitischen Ereignisse der Nation vor und nach
der Mitte des 19. Jahrhunderts ebensosehr kirchlichen wie
staatlichen Charakters gewesen: sie beginnen mit dem Auf⸗
tauchen des Klerikalismus in den Kölner Wirren der dreißiger
Jahre und dem Versuche einer modernen Verfassungsbildung
des Protestantismus in Preußen; und sie endeten mit der
Durchführung einer solchen Verfassungsbildung in den siebziger
Jahren und mit dem Kulturkampf.
Suchen wir jetzt aber zu dem Quellbereiche des konservativen
Denkens im einzelnen vorzudringen, so ist klar, daß dieser nicht
in den Theorien von Staatsrechtslehrern wie De Maistre,
Albrecht von Haller oder Adam Müller, sondern vielmehr in
den Schriften der Frühromantiker, der Novalis und Schlegel,
und zwar vor allem Friedrich von Schlegels, zu suchen ist!.

Im folgenden sind noch nicht veröffentlichte Unterfuchungen meines
        <pb n="453" />
        Fortschritte des politischen Denkens. 448

Als Mittelpunkt ursprünglichster Entwicklung fällt dabei
vor allem eine unbedingte Einbettung noch in die idealistische,
mystische Welt der Romantik auf bis zu dem Grade, daß sich
sogar jene wenigen erkenntnistheoretisch-⸗rationalistischen Ele—
mente abgestreift zeigen, welche die Philosophie selbst Fichtes
noch ausgezeichnet hatten. Weltdurchdringung auf dem Wege
schließlich doch mystischer Ineinssetzung mit ihr, Selbst⸗
durchdringung auf dem Wege der Ineinssetzung von Reflexion
und Gefühl und romantische JIronie in diesem Sinne: das
sind die tiefsten psychologischen Wurzeln des ursprünglichen
konservativen Denkens. In der Selbstdurchdringung wie in
der Weltdurchdringung entdeckt sich dann der Geist als das
organische Prinzip, als Verschmelzung von Einheit und Viel—⸗
heit, von Besonderheit und Pluralismus: und in diesem or⸗
ganischen und organisierenden Charakter zugleich als das Prinzip
auch des menschlichen, des politischen Kosmos. So wird denn
die romantisch-idealistische Weltanschauung aus der tiefsten
Stelle ihres Werdens her alsbald organisch: und diese organische
Auffassung ist schon ein Gemeingut der frühromantischen Kreise
gewesen, das von den einzelnen zumeist unabhängig und selb⸗
ftändig gefunden wurde: so von Hardenberg und Hülsen, vor⸗
nehmlich aber von Friedrich Schlegel, bei dem eine in diesen
Zusammenhang gehörende Gedankenreihe schon in den philo⸗
sophischen Studienheften von 1796 auf 1797 anklingt.
Einheit und unendliche Fülle zugleich also und organische
Harmonie der Welt in diesem Sinne: Aufbau eines kirchlich⸗
slaatlichen Universalsystems in Gliedersystemen, in einem organi⸗
schen Ineinanderleben der Teile bei geregelten Funktionen des
einzelnen und Ganzen, in dem Eros Platos und in dem
amor infinitus Spinozas, doch praktisch gewandt und insofern
Grundbau aller Poesie wie aller Wirklichkeit, die eben in seiner
Durchbildung zusammenfallen: das ist die Grundidee des werden⸗
den Konservatismus.

lieben Schülers, Herrn Dr. A. Poetzsch, verwertet. S. auch dessen Schrift:
Studien zur frühromantischen Politik und Geschichtsauffassung (Beiträge
zur Kultur- und Universalgeschichte Heft 83, 1907).
        <pb n="454" />
        444 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

Wie aber vermag nun diese Grundidee sich in der Zeit,
der Geschichte, der Gegenwart auszuwirken? Hier tritt die
außerordentliche Bedeutung der Religion, der Kirche noch mehr
hervor. Der Weltidealismus wird zur Theosophie; Gott ist
die organische Alleinheit und darum einmal, pantheistisch ge⸗
dacht, das Ganze der Welt, zugleich aber auch, entheistisch
gedacht, über der Welt als ihr Ziel und der letzte ihrer Zwecke.
So bildet sich denn eine Auffassung, die alsbald eine esoterisch
gedachte Eindeutung des Christentums, ja eine volle Ver—
schmelzung der christlichen Hauptlehren mit ihr zuließ. Und
so erscheint schon bei Novalis der pantheistische Gott, Gott
Vater, in dem entheistischen Mittler Christus zentriert: das
ist der tiefste Sinn der ergreifenden Abendmahlshymne des
Dichters.
Wenn aber mit dieser Gotteslehre die christliche Kirche in
den Mittelpunkt alles geschichtlichen Seins und Werdens tritt:
wie wurde dieses dann durch sie in seinen Auswirkungen
harmonisiert? Da enthüllte sich vor den Augen der Ro—⸗
mantiker von neuem das berückende Bild der mittelalterlichen
Concordantia catholica: verbanden sich mit den philosophischen
Grundlagen schon deutlicher gewisse Gänge geschichtlicher, ja
politischer Gedanken.
Noch entschiedener als das klassizistische Seelenleben, das
immer noch einen gewissen Beisatz von Rationalismus behalten,
ja diesen durch eine verständige Betrachtung der Antike ver—
stärkt hatte, hatte die Romantik von Anbeginn gegen die
Grundtriebe des individualistischen Zeitalters reagiert. Wie
verwarf man da doch die steife Verstandesherrschaft, die zugleich
Zerreißung aller organischen Zusammenhänge und Vereinzelung,
ja Vereinsamung jeglichen Organes bedeutet hatte! Zurück
aus der Stückhaftigkeit dieser nächsten Vergangenheit strebte
man dem harmonischen Bilde des Mittelalters zu und sah in
dionysischem Verzücktsein selbst in der Antike vor allem den
Typ eines in sich reich gegliederten Einen, Ganzen. Und so
fand man denn, daß es vor allem darauf ankomme, sich von
der modernen Erbsuünde der Trennung und Vereinzelung der
        <pb n="455" />
        Fortschritte des politischen Denkens. 445

menschlichen Kräfte zu befreien, in der nur noch das Indivi—
duum Kultur besitze und selbst der Kuünstler zum Egoisten werde.
Dies aber sei möglich, beachte man nur, was einstmals die
Harmonie der Welt herbeigeführt und erhalten habe. Da habe
sich schon im Griechen das reine Menschentum gespiegelt, insofern
er nach dem Wesentlichen, Notwendigen, Gemeingültigen gestrebt
habe. Dieser organische Kulturharmonismus des Hellenen⸗
tums aber habe schließlich zur tiefsten Quelle die Mythologie
gehabt, denn nur sie habe ihm seinen philosophischen Gehalt,
nur sie ihm, dem Erzeugnis der fortgeschrittenen Stände, den
stetigen und lebendigen Zusammenhang mit dem Volke ver—
mittelt. Seien nun aber etwa die Erscheinungen im Mittel⸗
alter andrer Natur gewesen? Auch hier habe der Glaube,
das Christentum, die Vermittlung alles menschlichen Lebens
herbeigeführt, ein echter Sauerteig, der alles durchdringe:
und eben jene Concordantia eatholica sei die Folge gewesen,
deren sich das 13. Jahrhundert so laut habe rühmen dürfen.
Dann freilich seien die bösen Zeiten der Disgregation gekommen,
als deren Vertreterinnen mehr denn als Ursachen Reformation
und Revolution erscheinen müßten: nicht ohne Grund und
tiefere göttliche Absicht: denn eben das sei das Weltgesetz der
Entwicklung, daß die Geschichte aus Position zur Negation und
aus dieser erst wiederum zu höchster Harmonie fortschreite.
Jetzt aber seien diese Zeiten höchster Harmonie nahe herbei⸗
gekommen; ein Zeitalter neuer Einheitsbildung stehe vor der
Tür und sei nach Analogie der früheren großen Zeitalter nicht
auf Grund nationaler Vereinzelung, sondern in der Entwick⸗
lung einer neuen großen Kultureinheit vor allem mythologisch—
religiösen, glaubenstarken Charakters herbeizuführen.
Könne nun aber das bestehende Christentum, in seiner
Auswirkung in Dogmen und Konfessionen, dieser Aufgabe ge⸗
recht werden? Für die Masse gewiß! Aber neben eine schon
vorhandene oder in Bildung begriffene christliche Demokratie
müsse eine neue christliche Aristokratie treten: hervorgehend
aus den Ausschließlichkeitsgefühlen der romantischen Kreise,
aber auch in deren Streben nach echter Volkstümlichkeit: und
        <pb n="456" />
        446 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes RKapitel.

so müsse der Gedanke der Popularität die exoterischen und
esoterischen Kreise miteinander versöhnen und einen.
Es waren Anschauungen, die freilich auf eine Umgestaltung
des Christentums, eine neue esoterische Religion vielleicht über⸗
haupt als erste zu lösende Aufgabe hinwiesen. Und selbst vor
der Inangriffnahme des ungeheuren damit gegebenen Problems
ist die Frühromantik nicht zurückgeschreckt: wie es denn in seinen
Nachwirkungen und Ausstrahlungen in der Tat die Kultur des
19. Jahrhunderts immer und immer wieder durchzittert hat.
Denn eben an Stelle der Bildung überhaupt sollte diese neue
Religion als persönliches und soziales Lebenszentrum treten.
In diesen Bereichen aber sollte sie das Gefühl bedeuten für
die Heiligkeit der Individualität in ihrem unendlichen Streben,
sich dem Universalen einzugliedern, sollte sie als „gesetzlich
organisierter Wechsel von Individualität und Universalität“
der eigentliche Pulsschlag alles höheren Lebens sein, sollte sie
sein die „Liebe selbst“.
Diese Anfänge eines religiös-kirchlichen Empfindens wurden
nun gewiß den tiefsten Frömmigkeitsrichtungen des Subjekti—
vismus gerecht. Aber konnten sie wirklich unmittelbar zu ganz
konkreten Ergebnissen, etwa gar zu kirchenartigen Bildungen
führen? Wie weit waren sie doch noch von dem groben Gefüge
jeglicher Verfassungsbildung entfernt! Aber in dem Kopfe
namentlich Friedrich Schlegels rationalisierten und konkretisierten
sie sich doch einigermaßen seit dem Beginn des neuen Jahr⸗
hunderts. Das Übermaß des Individuellen dränge zu festerem
Halt. Ein neuer sichrer gemeinsamer Boden müsse gefunden
werden, wie ihn das Mittelalter in seinem christlichen Dogma
gehabt habe; und hervorgehen müsse dieser neue Urgrund aus
einer Einigung der Geister auf literarischem und intellektuellem
und ästhetischem Gebiete überhaupt: aus einer Weltliteratur,
einer Weltkunst, einer Weltphilosophie: einer gemeinschaftlichen
Enzyklopädie als einer Geschichte und Theorie des Organismus
aller Kunste und Wissenschaften.
Wie aber diese Enzyklopädie begründen? An Stelle des
festen Zieles einer intellektuellen und ästhetischen Universalität,
        <pb n="457" />
        Fortschritie des politischen Deukens. 447

das doch niemals zu erreichen sei, trat da bald als das eigent—
lich Beherrschende des Fortschrittes vielmehr nur der Wille zu
ihrem Aufbau: traten die voluntaristischen und gemütvollen
Seiten der Seele, brach hervor, was man Liebe nannte: und
auf den Bahnen dieses Umweges kehrte, geläutert freilich und
gleichsam innerlich subjektiviert, all dies Streben, all dies
Sinnen zurück zu den jungfräulicheren Formen einer christlichen
Mythologie: zu gereinigt⸗esoterischer Verehrung des mittelalter⸗
lichen Christentums, der mittelalterlichen Kirche. Und so er⸗
schien denn nun als Sinn aller künftigen Geschichte die Wieder—⸗
vereinigung der Menschheit, nach einer Periode der Negation,
mit der göttlichen Ichheit zum Reiche Gottes auf Erden,
so wie es die christliche Offenbarung fordere: das sei das Ziel
der neuen Konkordanz, und der Katholizismus ergab sich als
deren geborener Vermittler. Demut und Glaube daher, Samm⸗
lung und Stille, alles was hinzielt zu höherem Dasein über⸗
haupt, sollte jetzt diesem Ideale gewidmet werden: und die
beruhigende und reinigende Wirkung der Anerkennung neuer
objektiver Werte und eines einzigen Sinnes der Welt sollte
die Höhe einer neuen Gesinnung aus sich hervortreiben.
So hieß denn katholisch sein nichts anderes mehr, als die
Religion als organischen Mittelpunkt alles Lebens anerkennen:
und katholisch werden bedeutete mit heiligem Sinne und in
lauterer Konsequenz die letzten Folgerungen ziehen aus den
Gegebenheiten des Zeitalters, dem Entwicklungsgange der
Romantik.
Man sieht hier, was das entscheidende Moment für so
manchen der Romantiker war, die im Schoße des Katholizismus
Ruhe fanden: gewiß ein Reaktionsgefühl gegen extremsten
Subjektivismus, aber nicht bloß dies, sondern zugleich ein
positives Gefühl für den Aufbau einer neuen Welt. Nicht
das Kloster eigentlich suchte daher diese Frömmigkeit neuester
Art, sondern die Kirche; und nicht in den Tiefen einer neuen
Askese, sondern im Aufbau des Systems des Klerikalismus
des 19. Jahrhunderts fand sie Genüge.
Da erscheint denn der ganze menschliche Kosmos zunächst
        <pb n="458" />
        448 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

als ein Universum, das durch den Geist des katholischen Christen—
tums zusammengehalten werden muß: und ihm entgegengesetzt
erscheinen die Individuen an sich frei: alle Menschenrechte des
Subjektivismus werden für sie in Anspruch genommen, und
laut vermag in diesem Zusammenhange selbst die Revolution
Frankreichs gerühmt zu werden. Aber als harmonisierendes
Band schiebt sich zwischen Individuum und Menschheit der
Staat: gewiß in sehr verschiedenen und sehr verschieden voll—⸗
kommenen Exemplaren seiner Ausbildung; aber immer als eine
große seelische Gemeinschaftspersönlichkeit, belebt und belebend:
dem einzelnen gegenüber in irdischen Bahnen dasselbe, was
im Bereiche des höchsten Kosmos die Persönlichkeit Gottes.
Darum hat denn jeder Staat seinen Genius; und der Ver—⸗
treter dieses Genius, die Inkarnation des besonderen Staats⸗
geistes, eines Geistes Gottes, ist in monarchischen Staaten der
Fürst: der König von Gottes Gnaden, der priesterlich höherer
Vernunft teilhaftige Herrscher.
So ist denn die Staatsgewalt gewiß einerseits Zwangs⸗
gewalt und insofern Rechtsorganisation; nicht umsonst ist die
Obrigkeit schwertgegürtet; aber ihr Innerstes gehört nicht der
Sphäre des Rechtes an und der Gewalt: im Kerne ist die
Staatsgewalt die Seele des Gesellschaftskörpers des Volkes,
wie er von den sittlich⸗religiösen Gemeinschaftstrieben der Liebe
zusammengehalten wird; und die Zeit wird nahen, da für den
Zusammenhalt ihrer Organisation Recht und Gewalt hinweg⸗
zufallen vermögen und Liebe und Sitte allein gebieten.
In dieser Aussicht tritt dann das Verhältnis von Staat
und Kirche besonders klar hervor. Der Staat ist nur der zu
gewisser Selbständigkeit erwachsene Sohn der Kirche; er beruht
am Ende auf Treu und Glauben, er steht und fällt mit der
sittlich-religiösen Gesinnung; seine Seele ist die der Kirche: und
weil alle Staatsgewalt auf Glauben beruht, darum kommt alle
Staatsgewalt von Gott.
So erfüllt sich denn jeder Zweck höchster geistiger Ge—
meinschaft zunächst in der Kirche; und der Staͤat hat nur
die äußeren Bedingungen eines solchen Gemeinschaftslebens
        <pb n="459" />
        Forischritte des politischen Denkens. 449

herzustellen und zu erhalten. Er wird dieser Aufgabe am
besten gerecht werden, wenn er sich auf die mittelalterlichen
Staatsziele: Ordnung und Recht, Friede und Gerechtigkeit,
beschränkt. Und er wird seinen Zweck am trefflichsten erfüllen,
wenn er eine Rechtsordnung gewährleistet, die den kirchlichen
Idealen vorarbeitet. Hierzu gehört vor allem eine Eigentums⸗
ordnung, welche die an jedem Eigentum, vor allem aber an
dem monopolistischen Eigentum des Grundes und Bodens
haftenden besonderen sittlichen Pflichten scharf betont und am
besten etwa durch starkes Staatseigen am Boden, vielleicht
sogar durch Bodenregal, zum Ausdrucke bringt. Und hierher
gehört noch mehr die Forderung, daß der Staat über die
Stabilität seiner Ordnungen keinen Zweifel lasse und dadurch
deren ewigen, unabänderlichen, religiös-dogmatischen Kern deut⸗
lich hervorhebe.
Sind es damit, politisch betrachtet, nicht Anschauungen
des strengsten Konservatismus, die, bei dem kirchlichen Charakter
des passierten Milieus sehr begreiflich, doch schließlich aus tiefsten
psychischen und philosophischen Grundlagen der Romantik her—
vorgehen? Anschauungen, denen vor allem die Landwirtschaft
mit ihren natürlichen Verbänden agrarischen Charakters sym⸗
pathisch sein muß, — die schon früh auch eine deutliche Ab⸗
neigung gegen das drohende Übergewicht des Industrialismus
verraten? Aber sind es nicht zugleich wieder Anschauungen, die,
sozial und teilweise sogar auch politisch betrachtet, nicht minder
demokratische Neigungen ausdrücken? In welche der aristo—
kratisch-demokratische Doppelcharakter gleichsam des Christentums
und seiner Offenbarung, des Neuen Testaments, übergegangen
erscheint? In denen vor allem den Armen das Evangelium ge⸗
predigt wird? Schon in dieser keimhaften Entwicklung kündigt
fich der zugleich aristokratische und demokratische, der exklusive
und der Massencharakter namentlich des künftig vollentwickelten
Klerikalismus, zugleich aber auch die Möglichkeit einer Massen—
entwicklung jeder Art des Konservatismus und damit das Ge⸗—
heimnis ihrer stärksten politischen Wirkungen an.
Das Bild der klerikalen Anschauungen aber erscheint
Lamprecht, Deutsche Geschichte. X. 29
        <pb n="460" />
        450 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

bereits um etwa 1810 schon weit deutlicher entwickelt. Da ist
kein Zweifel mehr: der politische Universalismus wird dem
Nationalitätsprinzip in der festen und engen Begrenzung, die
der Liberalismus eben jetzt zu predigen beginnt, bei weitem
vorgezogen. Und die Erfüllung der universalistisch-klerikalen
Ideale wird von Österreich erwartet. Demgemäß stellt sich die
Anschauung innerhalb der deutschen Verhältnisse dahin ein,
daß ein neuer deutscher Staat nicht von einer kleindeutschen
nationalistischen Einheitsbewegung unter Führung einer pro—
testantischen Vormacht, insbesondere Preußens, erwartet und
ersehnt wird, sondern vielmehr aus dem Vorgehen OÖsterreichs
her, das in seiner bunten nationalen Zusammensetzung unter
dem Einheitszepter der Habsburger selbst schon einen Typ der
ersehnten größeren Vereinigung darbiete.
Und unterhalb der Kreise und Schwingungen dieser inter⸗—
nationalen und großdeutschen Anschauungen befestigt sich auch
schon der Rahmen der Forderungen, die an die eigentliche, die
innerstaatliche Organisation gestellt werden.
Da ist denn der Blick im allgemeinsten noch recht frei;
selbst die Frage, ob Monarchie oder Republik die vorzuziehende
Staatsform sei, wird noch vorurteilslos von dem Gesichtspunkte
her geprüft, daß der beste Staat vor allem auf der harmonisch⸗
sten Zusammenfügung seiner individuellen Elemente beruhen
müsse: und von da aus rühmt und begründet August Wilhelm
von Schlegel die hohe staatspolitische Stellung vor allem der
Schweiz. Aber daneben stellt sich doch eine immer aus—
gesprochenere Vorliebe für die Monarchie ein: natürlich schon
aus inneren Gründen, da sich nur hier, durch die geweihte
Person des Fürsten hindurch, ein leichter Anschluß der schon
gewonnenen politischen Vorstellungen an das hehre Bild der
Concordantia catholica nova ergab; nicht minder begreiflich
aber auch aus einer äußeren Ursache: im Bereiche des deutschen
Lebens hatte schon seit Jahrhunderten die Monarchie gesiegt.
Wie aber wurde nun das aus göttlicher Höhe gesegnete
Fürstentum wirksam? Konnte vor dem erhabenen Bilde des
Fürsten von Gottes Gnaden die moderne Neigung zur Ra—
        <pb n="461" />
        Fortschritte des politischen Denkens. — 451

tionalisierung des Staates bestehen? Adam Müller hat sogar
die Trennung der Zentralgewalt in Fachministerien verworfen.
Keine Arbeitsteilung, keine der Isolierung einzelner Gewalten
zuschreitende Praxis überhaupt sollte den voll dahinflutenden
Strom souveräner Auswirkung stauen, behindern, schwächen:
als Repräsentant der großen harmonischen Einheit vor allem
erscheine der Monarch: als unmittelbarer Herrscher, als Priester,
als Träger des Willens aller in Treue um Treue. Und in
dieser Begabtheit sei er zugleich die alles Recht gewähr—
leistende Person; nicht der Zwang der Gesetze, sondern die
Autorität des Fürsten soll den Staat erhalten. Darum gehen
denn öffentliches Interesse und persönliches Recht des Fürsten
völlig ineinander auf; und so besitzt der Fürst — die Ratio—
nalisten würden sagen: privatrechtlich — alles Staatseigentum,
wie es keine Trennung von fürstlichem und staatlichem Haus—
halt gibt.
Fühlt man sich nicht mit alledem scheinbar in die Zeiten
der absoluten Monarchie zurückversetzt, so, wie sie deutsche
Fürsten auf Grund von Luthers Lehre und eigenem sittlichen
Bewußtsein als ein göttliches Amt verwaltet hatten? Aber
die Lehre der Romantik ergänzte die Lehre vom Fürsten durch
eine grundsätzlich nicht minder energische Lehre vom Volke.
Da wurde ganz subjektivistisch die „höchste Freiheit des einzelnen
bei der festesten Vereinigung aller“ proklamiert. Und indem
die Aufgabe, sie zu wahren, zur Lösung gestellt wurde, erhielt
der einzelne ein durchaus sicheres Recht der Anteilnahme an
der öffentlichen Gewalt. War indes diese Anteilnahme nach
den individualistischen Wahlsystemen der Revolution zu ge—
währleisten? „Man muß im politischen Leben das wirklich
sein, was man darstellen soll,“ lautete das Richtwort, und,
vom Standpunkte subjektivistischen Denkens her viel richtiger
als das System der Revolution, führte es zu dem Gedanken
einer Volksvertretung nach der politischen Bedeutung der
einzelnen Subjekte, und von da zur Idee einer Repräsentation
nach Ständen.
Erschien nun aber diese Lösung theoretisch als korrekt und
29 *
        <pb n="462" />
        452 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes RKapitel.

damit auch als die anscheinend praktischste von allen, so stellte
sich doch bald heraus, wie außerordentlich schwer sie in die
Wirklichkeit einzuführen sein würde. Wer waren denn die
Stände? Die Frage wurde in einer Zeit schon stärker auf—
steigenden wirtschaftlichen Unternehmertums, dessen herrschende
und dienende Stände im Laufe des Jahrhunderts jegliche alte
soziale Bildung verändern, sprengen, umstürzen sollten, noch
einmal dahin beantwortet, daß man an den „gottgewollten“
Ständen der Bürger, Bauern, Edelleute von ehedem festhielt.
Jda mehr noch: indem die agrarischen Stände als die noch
„gottgewollteren“ erschienen, und indem unter ihnen der des
Adels, des „höheren Landmanns“, als der im Grunde doch
wesentlichere gedacht wurde, da er die Vertretung der Bauern
zweifellos zu deren Nutzen führen werde: konzentrierte sich
schließlich das Interesse in einseitigster Weise auf den agrarischen
Adel. Auf ihn vor allem komme es an. Er müsse, ein ver⸗
mittelndes, harmonisierendes Element, zwischen Volk und König
treten. Er sei der natürlichste Träger des Rufes „Für König
und Vaterland!“ Er würde wieder der königliche Adel von
einstmals werden; und zu seiner Leitung und inneren Festigung
sei nur noch die Vertretung der Kirche heranzuziehen. Laien⸗
adel also und geistlicher Adel des Mittelalters in verjüngter
Form: so lautete schließlich die ins feinste getriebene Lösung!
Allein während sich so, im zweiten und spätestens dritten
Jahrzehnt des Jahrhunderts, das Bild einer romantisch-katholi—
schen Staatslehre dahin abrundete, daß, je nach seiner Beleuch⸗
tung, unter einem allgemeinen klerikalen Farbentone bald demo⸗
kratische, bald aristokratische Lichter aufblitzten und ebensosehr
eine klerikale Volkspartei wie eine Partei klerikal-konservativen
Adels vorahnen ließen, begannen verwandte Lehren, und zwar
durchaus nicht ohne Verbindung mit den Vorgängen auf
katholischem Boden, auch unter den Protestanten Wurzel zu
fassen: und wurden hier schließlich innerhalb der preußischen
Grenzen ebenso lebendig wie die katholisch-klerikalen im Herr⸗
schaftsbereiche und Einflußgebiete Osterreichs.
Der moderne Mystizismus, wie ihn der Verlauf der Ro—
        <pb n="463" />
        Fortschritte des politischen Denkens. 458

mantik zeitigte, hatte in den Gebieten des protestantischen
Geisteslebens nicht entfernt so stark und rasch Fuß gefaßt wie
in denen des Katholizismus. Oder könnte man hier den Ein⸗—
fluß der Lehren Schleiermachers anführen? Abgesehen davon,
daß sie, ein getreuer Ausdruck des neuen Geisteslebens ohne
starken Kompromiß mit dem Alten, zunächst nur kleine Kreise
Höchstgebildeter wahrhaft befruchten konnten, fehlte ihnen doch
auch das eigentlich Mystische, ja selbst ein ausgesprochen pietisti—
sches Element: das Fluidum, das sie durchzog, war feiner als
das jeder Mystik und jedes Pietismus, erfrischte mehr, als
daß es betäubte, und streckte sich verhältnismäßig weithin nach
den Lebenswerten eines neuen Rationalismus. Es war ein
Aroma, das mit dem Parfüm der Philosophie Fichtes Ahnlich—
keit hatte in ihrem Gegensatz zur Philosophie Schellings: es
waren die schärferen Gerüche der norddeutschen Heide gegen—
über dem Blütenschwadenduft des südlichen Deutschlands.
Die Luft aber, welche die Kirchen des Protestantismus
in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts durchwehte,
war noch die des alten individualistischen Rationalismus,
mochten auch dessen Schärfen bei vielen inniger Glaubenden
durch die Erlebung eines mehr oder minder persönlichen
Verhältnisses zu Christus als dem Heiland der Seelen ge—
mildert worden.
Aus diesem Zustande nun brach, stärker gegen Ende des
zweiten Jahrzehnts, eine neue Form der Frömmigkeit hervor,
die man pietistisch zu nennen pflegt. Sie war dies aber nicht
im alten Sinne des Wortes. Sie hat wohl auch, namentlich
in den sogenannten Erweckungen, noch einige gebundene Vor—
gänge der Heilserwerbung, ja selbst Gebetsheilungen und der—
gleichen gezeitigt: aber wenigstens dies letztere geschah schon
im Zusammenhange mit pseudowissenschaftlichen Formen mo—
derner Psychiatrie und daher, religiös gesprochen, im Sinne
—V—
Frömmigkeit, die, teilweise nicht ohne Zusammenhang mit dem
Herrnhutertum und das Leben der Brüdergemeinde in gewissem
Sinne fortbildend, subjektiv den Herren suchte, ohne die gewalt⸗
        <pb n="464" />
        54 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

samen Vereinigungs- und Bekehrungsmittel des alten Pietis—
mus anzuwenden. Zu Hause war diese Frömmigkeit in den
alemannischen Bereichen und weiterhin in Süddeutschland in dem
alten Herdgebiete separatistischen Christentums, in Schwaben;
im Norden waren es neben einigen Stätten in Thüringen, in
Sulza, in Naumburg, namentlich gewisse Kreise des preußischen
Junkertums in der Mark, in Pommern und in der Provinz
Preußen, die sie pflegten. Eine im Grunde nicht weiter auf—
fällige Art der Verbreitung: wie vieles hat, bei allen Gegen—
sätzen, die härtere schwäbische und vor allem alemannisch—
schweizerische Gesellschaft mit der norddeutschen, insbesondere
freilich niedersächsischen, gegenüber den mitteldeutschen Stämmen
gemein.
Mußte nun aber nicht, unter der Entfaltung von religiösen
Strömungen, die in mancher Hinsicht dem romantischen Katholi—
zismus verwandt waren, in diesen evangelischen Kreisen auch eine
dem politischen Klerikalismus ähnliche Anschauung vom Staats—
leben entwickelt werden? In der Tat tauchten bald, vor allem
in der Welt der Junker des kolonialen Nordostens, verwandte
Auffassungen auf. Nur daß sie an zwei Stellen weiter fort⸗
gebildet wurden: in ihrem Fundament und vor allem in ihrem
letzten, obersten Aufbau. An der Basis des ganzen Gebäudes
wurden diejenigen Anderungen vorgenommen, die der ab—
weichende Bekenntnisstand des Protestantismus erforderte.
Weiter aber sprach die Junker der Spitzenaufbau des ganzen
Systems besonders an, da er auf die stärkste Betonung der
Stellung des Adels im Staate hinauslief. Denn im Grunde
hatten sie sich ja eben diese Stellung im brandenburgisch-preußi⸗
schen Staate trotz aller Anstrengungen Friedrich Wilhelms J.
und Friedrichs des Großen bisher gewahrt; jetzt eben aber
sahen sie sie durch die emporschwellenden Stimmungen des
Liberalismus angegriffen: sollten sie da nicht den weiteren Aus⸗
bau gerade nach dieser für sie entscheidenden Spitze hin be—
sonders betonen?
Die immer konkreter werdenden Anschauungen nun vom
Staate, und zwar schließlich vor allem vom preußischen Staate,
        <pb n="465" />
        Fortschritte des politischen Denkens. 455

die sich auf diese Weise bildeten, wurden zwar zum Teile schon
während der dreißiger Jahre in der Staatslehre Stahls, und
hier nicht ohne einen Einfluß der besonderen Berliner Romantik,
systematisch vorgetragen, entwickelten sich jedoch in schließlich
jeglicher Hinsicht erst um und nach 1840 und haben in diesem
Stadium ihren vollendetsten Ausdruck wohl nicht so sehr in einem
Systeme, wie vielmehr in dem praktischen Denken Leopolds
und Ludwigs von Gerlach, des Generaladjutanten Friedrich
Wilhelms IV. und des Berliner Gerichtspräsidenten, gefunden:
wie sie denn auch in dieser Form später, durch Vermittlung der
durch Leopold von Gerlach am Hofe Friedrich Wilhelms IV.
gebildeten Kamarilla und durch Begründung der konservativen
Kreuzzeitungspartei vornehmlich durch Ludwig von Gerlach
weitaus am wirksamsten geworden sind.
Was bei ihnen auch noch in den Zeiten des vollsten
praktischen Ausreifens am meisten auffällt, das ist die noch
mmer fortwährende starke und prinzipielle religiöse Begründung.
Zwar ist die Idee der Concordantia in speziell katholischem
Sinne zurückgetreten; statt dessen wird an den viel konkreteren
Gedanken der Heiligen Allianz der europäischen Mächte an—
geknüpft und erfolgt unter seinem. Schutze eine konsequente
Evangelisierung der religiösen Grundlage. Und so sind denn
pPflicht und Gewissen viel mehr und mit ihnen auch der persön⸗
liche Glaube weit stärker in den Vordergrund gerückt. Und dem
entspringt dann wieder eine Anerkennung des bewegenden Grund⸗
triebes des Zeitalters, des Subjektivismus, die um manchen
Grad über die analoge Beurteilung des Klerikalismus hinaus—
führt: die Freiheit des Willens wird ausdrücklich betont und
nur zu jener Freiheit hin abgetönt, die mit dem Bestande staat—
licher Bindung vereinbar und von jedem in freiem Entschlusse
erreichbar ist; fern steht weiter das Denken jeglichem Zwange
und vor allem der Vielregiererei des Polizeistaats; Menschen⸗
rechte und Toleranz gelten ohne Vorbehalt als wahrhaft große
Ideen, deren Hochhaltung und Verteidigung selbst am Libera⸗
lüsmus geschätzt wird; und in dem Lichte eines befreienden
Subjektivismus finden sogar die Revolutionen und unter ihnen
        <pb n="466" />
        456 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.
auch die von 1848 eine verhältnismäßig unparteiische Be—
urteilung.
Aber aus der ganzen, auf diese Weise gemilderten und
zleichsam mehr versubjektivierten Anschauung von einer Führung
der Welt schlechthin durch Gott und den heiligsten, biblischen
Ausdruck seines Willens wird nun doch deduktiv die ganze
Lehre vom Staate abgeleitet. Und da erscheint das Staats—
leben denn freilich als in hohem Grade organisch, ja der
Staat gilt gleichsam als der typische Kollektivmensch in seiner
normalsten und schönsten Entfaltung, als ein natürlich-geistiger
Leib in reifer Schöne: aber er bleibt im Grunde doch kirchlich—
religiösen Anschauungen unterstellt, und es bezeichnet die echt
evangelische Wendung der klerikalen Lehre, wenn er, weil zu⸗
rechnungsfähig, nun auch als fähig zu süundigen und darum
als durch Gott strafbar betrachtet wird.
Natürlich mußte eine solche Lehre vor allem einem König—
tum wie dem preußischen zugute kommen Hinweg, hieß es da,
mit der verruchten Lehre einer Staatssouveränität oder gar
einer Souveränität des Volkes! Es gibt nur ein Königtum
oon Gottes Gnaden, wie jede Obrigkeit von Gott ist; und
der Fürst ist in diesem Zusammenhange nicht bloß ein Zucht—
meister auf Christum, wie ihn einst Luther gelehrt hatte: als
—0 dessen
Majestät den Menschen, den Untertanen, augenscheinlich zu
machen.
Dabei konnte man nun meinen, daß sich die Selbständigkeit
des Volkes, der Regierten, gegenüber einer solchen Ansicht vom
Gottesgnadentum kaum noch habe halten lassen. Allein damit
wäre doch der Sinn des preußisch-protestantischen Konservatis—
mus wenig getroffen. In Wirklichkeit wird nämlich der Begriff des
Monarchen nicht in der Abstraktheit der Naturlehre gefaßt: ihm
steht vielmehr der des Volkes in seiner ständischen Gliederung
als Komplement gegenüber. Und in dieser Gliederung ist das
Volk, in persönlichem Vertrauen zum Könige, zur Mitberatung
des öffentlichen Wohles berufen. In welcher Form freilich,
das war nicht so leicht zu sagen; wie schon der Klerikalismus,
        <pb n="467" />
        Fortschritte des politischen Denkens. 457

so scheiterte der protestantische Konservatismus an der Be—
antwortung dieser praktisch schließlich wichtigsten Frage. Gewiß
haben die Gerlachs, hier einmal mit dem Freiherrn vom Stein
einverstanden, an den Aufbau einer ständischen Vertretung von
den unteren autonomen Kreisen, aus den Kommunaltagen und
Landtagen her gedacht: doch fehlt viel, daß sie diese Meinung
ernstlich ausgebaut, geschweige denn für deren Verwirklichung
ihre Hände entschieden gerührt hätten. Im ganzen begrenzten
sie sich doch — und hierin lag der politische Fehler und das
moralische Verfehlen des Konservatismus — auf die politische
Betonung ihres Standes. Da hat denn vor allem Ludwig
von Gerlach viel Schönes über Standessitten und deren Be—
deutung namentlich im Hinblick auf adlige Sitten gesagt; im
ganzen aber genügte den Adelskreisen eben doch ihre eigene
Vertretung: und sie fanden sie in den fünfziger Jahren nicht
nur legitim in der Kammer, sondern noch ein zweites Mal
illegitim in der Kamarilla.
Zeigte sich in diesen Zusammenhängen bei den Konservativen
die Grenze lauteren Denkens und durchgreifenden Mutes,
so ist freilich nicht zu verkennen, daß sich in ihnen auch zwei
vielleicht gleichmächtige Bahnen des konservativen Denkens
kreuzten und teilweise gegenseitig aufhoben. Konservativ hieß
im protestantischen Preußen noch ungleich mehr als im klerikalen
Süd- und Westdeutschland zugleich auch agrarisch. Und neben
der gottlosen Lehre von der Volkssouveränität stand für den
Junker als fast gleich wichtig die verhaßte Lehre des Liberalis⸗
mus von der Freiheit wie des Eigens überhaupt, so vor allem
des Grundeigens. Denn dem Junker war Grundeigen seit
Menschengedenken mit sozialer, administrativer, politischer Macht
verknüpft: und so begriff er es, dachte er edel, eigentlich nur
als ein exklusives Substrat staatlicher und sittlicher Pflichten,
ja als ein wirtschaftliches Pudendum vielleicht, als einen bloßen
Schein, dessen er aber bedürfe, um politisch aufrecht zu handeln.
Wie es Ludwig von Gerlach einmal ausgedrückt hat: „Den
Rücken gegen den Mist, die Front gegen den Feind, das ist
adlig.“ Wenn aber so der bloße Besitz nicht Kern des Adels,
        <pb n="468" />
        458 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

seine Seele vielmehr Persönlichkeit war: mußte es da nicht an⸗
gemessen erscheinen, daß dem Edelmann vom sichersten Besitze,
dem Grundeigen, wenigstens das Nahrungsnotwendige durch die
Staatsgewalt garantiert werde? So ergab sich der Gedanke
starken königlichen Grundeigens, der Gedanke des Lehnswesens
und, auf einer weiteren Stufe schon zu modernerem Denken, der
Gedanke des Fideikommisses — und mit ihnen die Idee der
Grund- und Gutsherrschaft, der patrimonialen Rechtspflege und
des patriarchalischen Verhältnisses zur Bauernschaft. Wurden
aber wiederum diese anerkannt, so mußten die Reformen der
Steinschen Zeit, wie sie einst gegen den Willen der Junker in
ihrer Mehrheit durchgeführt worden waren, auch jetzt noch
als Ausgeburt alles politisch Bösen erscheinen und erst recht
die auf sie aufgebaute Gesetzgebung nach dem Prinzip der
wirtschaftlichen Freiheit und dem Grundsatze des freien Wett⸗
hewerbs. Und von hier aus mochten denn die herbsten Reflexe
auch auf die Vorstellung von der Einzelpersönlichkeit überhaupt
fallen. Sollte sie denn wirklich so frei sein? Durfte es in der Tat
als ein Grundrecht der Deutschen gelten, wie Heringe nach der
Stückzahl in Betracht zu kommen? Die Linien eines Feudal⸗
konservatismus gewannen Gestalt, dessen Forderungen mit der
Gegenwart je länger je weniger reale Beziehung hatten.
Tröstet an diesem Verlaufe ein Moment, so ist es das
der doch sehr vielfach durchaus idealistischen, ja eigentlich ideo—
logischen Gesinnung, die all diesen Theorien und Meinungen
zugrunde lag. Denn so sehr sich allmählich der Schwerpunkt
innerhalb der gesamten Zeitanschauung vom Philosophisch-Mystischen
 in das Politisch-Praktische verlegt hatte, so war
doch auch um 1840 die Grundstimmung noch immer durchaus
dem Allgemeinen zugewendet, und Wirklichkeitsfragen wurden
auch jetzt noch nicht nach Zweckmäßigkeit oder gar Interesse,
sondern nach Prinzipien beantwortet. So vermochten z. B. die
Gerlachs und viele mit ihnen, ja bis zu einem gewissen Grade
sogar Ranke, selbst so große Gegensätze der praktischen Welt,
wie Revolution und Legitimismus, noch immer in Ideen auf⸗
zulösen und über diese hinaus wiederum gegen religibse Gewiß—
        <pb n="469" />
        Fortschritte des politischen Denkens. 459

heiten abzuwerten; wobei denn an die Stelle der Revolution
der Teufel trat, wie Christentum und Gottesreich an die Stelle
menschlichen Gottesgnadentums. Und so wurde es möglich,
daß sich die Gegensätze eines kirchlichen Kosmopolitismus und
eines liberalen Patriotismus bei Leopold von Gerlach sogar
dahin erweiterten, daß er von einem „Laster des Patriotismus“
zu sprechen wußte, dem Heuchelei und Hohlheit innewohnten,
während sein Bruder in gleich prinzipieller Denkart in den
glorreichen Freiheitskriegen der Jahre 1813 bis 1815 Kriege
‚des Geistes gegen das Fleisch“ sah. Diese Art politischen
Räsonnements wirkte besonders dann verwunderlich, wenn sie
auf dem Gebiete der äußeren Politik exerziert wurde, nicht
ohne bisweilen der Vorstellung der Gegenwart nach dicht an
Vaterlandsverrat zu streifen: und sie war zugleich ein letzter
Reflex jenes Denkens der Romantik, das so gern noch den
ontologischen Irrtum bewahrt, so gern noch an das „Und du
gebeutst, so stehet es da“ geglaubt hätte. Erst die fünfziger
und sechziger Jahre haben, wie schon einmal angedeutet wurde!,
diese Art des Denkens abzustreifen begonnen. Und nur mit
Mühe, vertreten durch eine neue Generation, neue Menschen
und neue Meinungen erhob sich ihm gegenüber das Denken der
politischen Zweckmäßigkeit, das Denken vom Standpunkte des
Interesses. Im Verlaufe der Geschichte der fünfziger Jahre
erscheint der Gegensatz des Weichenden und Werdenden be—
sonders reizvoll in dem Briefwechsel der Gerlachs mit Bismarck,
solange er noch in mäßigen Spannungen verläuft; später hat
freilich Ludwig von Gerlach Bismarcks gesamte deutsche Politik
für wurzelfaul erklärt, weil sie ohne gesunde Rechtsideen und
unbußfertig wäre, und auf den Vorwurf Bismarcks, er trage
die Dogmatik in die Politik, antworten können, eben da ge—
gehöre sie hin.
Um das Jahr 1840 aber war der Idealismus der politi⸗
schen Anschauungen noch ein durchaus gemeinsamer Bestandteil
der nationalen Atmosphäre; er umfaßte den Konservatismus

1S. oben S. 440.
        <pb n="470" />
        460 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

und den Liberalismus zugleich; und gewiß ist eben ihm an
erster Stelle die Vornehmheit und der Edelsinn zu verdanken,
welche die politische Kampfweise dieser und der kommenden
Jahre auszeichneten.

II.

Faßt man das Wesentliche der politischen Anschauungen
des Konservatismus ins Auge, wie sie sich bis etwa zum Re⸗
gierungsantritte Friedrich Wilhelms IV. entwickelt hatten, so
ergibt sich ein doppelter Kern: christliche Staatsanschauung und
organische Staatsanschauung. Und sucht man nochmals zu
raffinieren, so springt schließlich die organische Staatsanschau⸗
ung als ein allerdings letztes Agens heraus. Denn offenbar
ist der christliche Staat und die ihm zugrunde liegende Concordantia
 catholica nur eins der möglichen Objekte organischer
Staatsauffassung: wenn auch dasjenige, das sich, sah man in
dem organischen zugleich den gewordenen Staal, am ehesten
and ungezwungensten ergab.
Dieser Zusammenhang läßt aber zugleich auch vermuten,
daß das Element, welches die konservative Staatsauffassung
als solche letztlich charakterisierte, nicht so sehr die Vorstellung
vom Staatsorganismus als die von der Bedeutung des Christen⸗
tums für diesen gewesen ist. Denn die Lehre vom Staat als
einem Organismus griff ja über die kirchlich-christlichen Vor—
stellungen hinaus.
In der Tat läßt sich sagen, daß die organische Staats⸗
theorie der treueste, fundamentalste Ausdruck aller Staats⸗
anschauung subjektivistischer Zeitalter überhaupt gewesen ist, ist
und sein muß. Denn was sind denn eigentlich die Forderungen
einer solchen Theorie? Offenbar die, daß eine lebendige, in
gegenseitig angepaßten Funktionen verlaufende und insofern eben
organische Gliederung der Staatsbürger nach den wichtigsten
Interessen der einzelnen Gruppen und der Gesamtheit bestehe:
und daß sich aus ihr unmittelbar eine gerechte Beteiligung der
einzelnen Gruppen am Staatsleben und eine der gesellschaftlichen
        <pb n="471" />
        Fortschritte des politischen Denkens. IJ 461

Gliederung entsprechende und daher organische Spitze des ge⸗—
samten Staates ergebe. Diese Forderungen aber bringen in
ihrer Grundlage ja nichts anderes zum Ausdruck als jene
Struktur des geistigen und seelischen Lebens, die als subjektiv
bezeichnet werden muß, und die sich in Deutschland seit der
Mitte des 18. Jahrhunderts, seit den Tagen der Empfindsam—
keit schon in reichem Stufenausbau entwickelt hatte.
So ist es denn klar, daß die Forderung einer organischen
Staatsanschauung nicht bloß Eigen der konservativen Ideen⸗
bildung sein, daß sie vielmehr in ganz gleichem Maße dem
Liberalismus angehören mußte — und daß die konservative
Ideenbildung genauer eben erst durch das christlich-kirchliche
Ingrediens charakterisiert ist. Es ist ein Zusammenhang, der
für das tiefere Verständnis der politischen Vorgänge im
19. Jahrhundert scharf im Auge behalten werden muß, und
der nur erst spät und insoweit an Wichtigkeit verliert, als
selbst konservativen Kreisen allmählich der lebendige Odem des
Christentums, so namentlich auf protestantischer Seite, ent—
schwindet.

Für den Liberalismus aber ergibt sich, daß er, wollte er
elementar wirken, vor allem auch eine organische Staatslehre
von seinen Prinzipien aus: und das heißt eine mehr die
Rechte des einzelnen betonende, mehr individualistisch-organische
Staatsanschauung entwickeln mußte.
Ist nun dies Problem von den liberalen Kreisen, wie sie
bornehmlich mit dem fortschreitenden Bürgertum zusammen⸗
fielen, glatt und glücklich gelöst worden?
Man muß sagen, daß das Ziel selbst bis heute noch nicht
erreicht ist.
Die Schwierigkeiten lagen vornehmlich darin, daß eine
stärkere Betonung der Rechte des einzelnen im organischen
Staate nur zu leicht in die Staatstheorien des individualisti—
schen Zeitalters zurückwerfen konnte, und dies besonders leicht
wieder in den Zeiten des aufkommenden Realismus seit dem

BVgl. dazu schon Band IX, S. 288 ff.
        <pb n="472" />
        462 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

Ende der zwanziger Jahre: als die zunehmende Intellektuali—
sierung der jungen subjektivistischen Kultur einem Rationalismus
redivivus von beträchtlichem Umfange Raum ließ.
Die Naturlehre vom Staate, die politische Theorie des
individualistischen Zeitalters, hatte zudem in Westeuropa, vor⸗
nehmlich in England und Frankreich, bei dem schon seit Mitte
des 17. Jahrhunderts erfolgenden langsamen Übergange der
Nationen zum Subjektivismus eine Fülle von Lehren und
Lehransätzen entwickelt, die den anfänglichen Forderungen
einer organischen Staatslehre gerecht zu werden schienen und
wohl auch äußerlich gerecht wurden.
Da war vor allem, wenn auch zunächst noch unvollkommen
und in verschleierten Formen, der Koder der allgemeinen
Menschenrechte proklamiert worden; und schon 17685 hatte
Voltaire äußern können: „Liberty and property ... c'est le
cri anglais, ... e'est le eri de la natureé.“
Da war weiter das Prinzip der Volksvertretung ein im
Grunde schon uraltes: bereits im 14. und 153. Jahrhundert
war es, im Rahmen der Kirchenverfassung, gelegentlich der
Konzilsstreitigkeiten, ganz aus den Anforderungen des Zeit—⸗
alters selbst her betont worden. In der speziell individualisti⸗
schen Form: in der Forderung eines grundsätzlich allgemeinen
gleichen bürgerlichen Stimmrechtes und von Wahlen, die auf
Grund dieses Stimmrechtes nach Bezirksverbänden zu vollziehen
seien, hat es dann freilich wohl erst Montesquieu, auf Grund
einer oberflächlichen Rationalisierung der Erscheinungen des
englischen Staatslebens, ausgesprochen.
Da war endlich für den neuen Repräsentativstaat die
Lehre von der Teilung der Gewalten und damit, in An⸗
wendung auf die bestehenden europäischen Verhältnisse, erst recht
eigentlich das Prinzip der konstitutionellen Monarchie. Auch
die Erörterung der mit diesen Dingen verknüpften Fragen war
in Westeuropa eigentlich schon alt; in Frankreich war sie
namentlich auf der Grundlage des Staatsvertrages, also vom
Standpunkte der Volkssouveränität aus gepflogen worden; in
England hatte sie sich unmittelbar aus der politischen Praxis
        <pb n="473" />
        Fortschritte des politischen Denkens. 463

ergeben. Doch war man dabei in den Zeiten des Individualismus
nicht eben viel über die allgemeine Problemstellung hinaus—
zgekommen: wie denn schließlich ein Staat unter Zulassung des
neuen Prinzipes im einzelnen organisiert sein müsse, davon
war wenig die Rede gewesen.
Bei dieser Entwicklung der neuen staatstheoretischen An—
fänge gab nun im 19. Jahrhundert nicht so sehr die Lehre
von der Teilung der Gewalten, auch nicht die Verkündigung
der Menschenrechte, die viel zu sehr ins allgemeine verlief, wie
bielmehr die Theorie von der Volksvertretung den Ausschlag.
War aber hier das, was Westeuropa gelehrt hatte und
lehrte, für eine wahrhaft deutsche und wahrhaft subiektivistisch
organische Staatsauffassung brauchbar?
Das Repräsentativsystem der englisch-französischen Doktrin
war noch durchaus eine Schöpfung des Individualismus, des
Rationalismus, der Aufklärung. Es ging von dem Gedanken
einer auf Kollektivvollmacht begründeten Stellvertretung aus:
einer Vorstellung, die, mit dem Gedanken eines staatlichen
Organismus unvereinbar, noch heute organischer Durchbildung
zustrebende Staaten immer und immer wieder dem Radikalismus
zutreibt. Denn im Grunde sieht diese Theorie nur den isolierten
und in allen Exemplaren gleichartig gedachten einzelnen als
das konstituierende Element alles Staatslebens an; kennt also
keine organische Vertretung der einzelnen nach ihrer Ver—
schiedenartigkeit durch Gesellschaftskörper innerhalb des Staates,
denen sie angehören, und dementsprechend auch nicht die Be—
trauung dieser Gesellschaftskörper mit den ihrer Wichtigkeit
entsprechenden öffentlichen Funktionen.
Danach ist klar, daß diese rein äußerlichen, im Grunde
mechanischen, antiorganischen Anfänge moderner Staatstheorie
die Entwicklung einer wirklich organischen Staatslehre nur zu
hindern und nur zu leicht vor allem da zu untergraben ver—
mochten, wo man, wie im Lager alles Liberalismus, dem
einzelnen doch auch innerhalb des organischen Staates an
erster Stelle seine Freiheit zu wahren bestrebt war.
Auf deutschem Boden wurde die Schädlichkeit dieser Über—
        <pb n="474" />
        464 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

gangslehren einigermaßen dadurch ausgeglichen, daß sich der
Gedanke des alten Rechtes der Stände zur Teilnahme am
Staatsleben zwar nur an wenigen Stellen ganz lebendig er⸗
halten, aber doch auch noch nirgends völlig verflüchtigt hatte.
Dabei waren diese alten Stände ja ursprünglich gewiß nicht
Repräsentanten organischen Staatslebens, sondern vielmehr Ver⸗
treter nur ihrer ganz persönlichen, partikularen Rechte gegen⸗—
über der Staatsgewalt gewesen: aber sie hatten sich doch in
den meisten Territorien, wo sie noch bestanden oder wo die Er⸗
innerung an ihre einstige Tätigkeit fortwährte, in der Behand⸗
lung der Geschaͤfte allmählich zu mehr oder minder allgemeinen
Vertretern der Landeseingesessenen emporgeschwungen. Ver—
mochten sie nun nicht, in einer gewissen Umbildung und Neu—
formierung, als Vertretungskörper auch des modernen, subjekti⸗
oistischen, organischen Staates fortzubestehen?
Man begreift, wie leicht dies an sich denkbar war; und bis
zu den vierziger Jahren hin, ja bis tief in sie hinein sind auf
deutschem Boden immer und immer wieder Verfassungen —
wenn auch nicht der beiden Großstaaten — entstanden, für
deren Ausbau in den verschiedensten Modifikationen an die
alten Stände angeknüpft wurde. Aber konnte in diesem Falle
nicht auch nur zu leicht das alte, ursprünglich partikulare und
persönliche Recht gewisser Stände, insbesondere des Adels und
der Kirche, mit in den neuen Staat übernommen werden?
Und wurde die Bildung einer Vertretung nach dem altständi⸗—
schen Prinzipe nicht immer schwerer, je mehr sich die moderne
Entwicklung des Wirtschaftslebens der Unternehmung in ihren
gesellschaftlichen Ergebnissen von jener sozialen Schichtung ent⸗
fernte, aus der einmal, vor Jahrhunderten, die Bildung der
alten politischen Stände hervorgegangen war?
In diesem Hin und Her von Schwierigkeiten fiel es
dem liberalen Denken überaus schwer, sich zu einfachen, klaren
Vorstellungen und Forderungen zu entwickeln.
Gewiß belebten die Staatsrechtslehrer noch des ausgehenden
18. Jahrhunderts den Gedanken des Repräsentativcharakters
der alten Stände im Geiste der westeuropäisch-konstitutionellen
        <pb n="475" />
        Fortschritte des politischen Denkens. 465

Doktrin. Aber war damit deren individualistischer Charakter
zebrochen?
Zur Bildung eines wirklichen Systemes oder wenigstens
zur Absicht einer vollen Systembildung brachte es zunächst nur
Wilhelm von Humboldt!. Aber sein Versuch, die Grenzen der
Wirksamkeit des Staates zu bestimmen, erschien zunächst nicht
in der Offentlichkeit.
Dann konnte es scheinen, als ob die Rechtsphilosophie Kants
eine erstmalige theoretische, das Reformwerk Steins eine erst—
malige praktische Lösung bringen würde.
Aber wir wissen es schon?: Steins Wirksamkeit gelangte
nicht bis zur Lösung der oberen politischen Probleme, die hier
in Frage stehen: so sehr er für Preußen die Fundamente eines
organischen Staatslebens vielfach unzerstörbar legte, so wenig
wurden seine Ratschläge und Projekte für die Bildung einer
obersten Volksvertretung Wirklichkeit.
Kant aber konnte zunächst in seiner Lehre vom Staate noch
an keinerlei frühere Vertreter einer wirklichen organischen Staats—
lehre anknüpfen. Es muß betont werden, daß Schlözer noch den
Staat ausdrücklich als „künstliche, überaus zusammengesetzte
Maschine“ bezeichnet hat, daß Möser dem Begriffe der Staats—
persönlichkeit noch fern stand und sogar die Nation „fkein in sich
einiges Wesen“ nannte, ja daß selbst Herder den Staat noch fast
ganz mechanisch faßte: mitnichten hatte sich die deutsche öffentliche
Meinung des ausgehenden 18. Jahrhunderts, namentlich auch
soweit sie fortschrittlich gesonnen war, schon einer organischen
Auffassung des Staates genähert; und nur in den einstweilen
engen Kreisen der Frühromantik regten sich, wie erzählt worden
ists, schon allgemeiner erste Vorstellungen subjektivistisch-organi—
scher Grundlegung des Staates. So versteht es sich, daß
auch Kant mit der individualistischen Auffassung noch keineswegs
höllig brach. Auch ihm ist der Staat noch die Summe der

S. Band IX, S. 116 ff.
S. Band LX Personenregister u. d. W. Stein.
3S. oben S. 442 ff.
Lamprecht, Deutsche Geschichte. X.

—
        <pb n="476" />
        166 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

bereinigten Individuen und der souveräne Wille der vereinigte
Wille aller dieser einzelnen; auch er kennt noch keine reale,
geschweige denn eine ausgesprochen organische Staatspersön—
lichkeit. Aber er kommt dem Ideale des organischen Staates
doch schon auf doppeltem Wege entgegen. Einmal nämlich ist
ihm die individualistische Staatslehre wohl an sich richtig; aber
sie besitzt ihm nur die Realität einer „Idee der Vernunft“; daß
es in der geschichtlichen Wirklichkeit je einen naturrechtlichen
Staatsvertrag gegeben habe, bezweifelt er. Und so wird für
ihn die Frage nach der historischen Entstehung des Staates frei:
und damit auch die Möglichkeit, ihn aus geschichtlichem, organi—
schem Wachstum heraus zu begreifen. Dazu kommt ein Weiteres.
Indem Kant nun in der Lage ist, dem konkreten, historisch ge⸗—
gebenen Staate ein Staatsideal entgegenzusetzen, konstruiert er
dieses Ideal zwar wiederum noch als Vernunftstaat; aber
insofern sich in diesem Vernunftstaate der kategorische
Imperativ auswirken soll, erfüllt er ihn alsbald mit einem
Prinzip, das ihn notwendig ethisieren und dadurch organisieren
mußte.

Kants Ideen haben in den Anschauungen der hohen Re—
gionen des Staatslebens in gewissem Sinne länger nachgewirkt
als Steins zu früh abgebrochene Tätigkeit; sie fermentierten auch
durch die ganze Philosophie der Romantik hindurch. Allein im
Sinne einer stärkeren organischen Durchdringung des Staats—
begriffes wurden sie doch erst bei Hegel, insbesondere in dessen
„Grundlinien der Philosophie des Rechts“ (1821) wirksam
fortgebildet. Ja man darf sagen, daß erst hier ganz mit jener
individualistischen Auffassung gebrochen wurde, derzufolge
der Staat als eine bewußte und willkürliche Schöpfung seiner
Angehörigen erschien, daß erst hier der Staat als eine lang—
sam sich wandelnde geschichtliche Erscheinung und damit als
eine historische, organische Persönlichkeit begriffen wurde.
Allein war auf diese Weise auch der inzwischen in der
Romantik schon reicher entwickelte Gedanke des organischen
Staatslebens nun auch dialektisch-philosophisch und das hieß
intellektualistisch gerechtfertigt und zugleich historisch verankert
        <pb n="477" />
        Fortschritte des politischen Denkens.

467

— wie ihn denn die historische Rechtsschule alsbald in zahl—⸗
reichen Einzeluntersuchungen ausbaute —: so war damit eine
eigentliche, von christlichen Ingredienzien freie und insofern liberale
organische Staatslehre doch immer noch nicht gegeben. Was
zu ihrer Entwicklung fehlte, war eigenste nationale Erfahrung,
war ein großes gemeindeutsches Leben überhaupt. Oder sollte
dessen Mangel durch die winzigen politischen Experimente in
den territorialen Parlamenten haben ersetzt werden können?
Alle geistigen Voraussetzungen für eine neue Staatsanschauung
waren erfüllt, alle praktisch genügende Anregung zu ihr, so—
weit sie nicht konservativ und rückblickend vom Vergangenen
ausging, fehlte.
Unter diesen Umständen begreift sich, wie in den zwanziger
und dreißiger Jahren noch einmal, zugleich mit der sehr er—
weiterten und populär werdenden Lektüre westeuropäischer
Historiker, insbesondere der Franzosen, auch westeuropäische
Staatstheorien in Deutschland eindrangen. Und naturgemäß
bildeten diese eine Fortsetzung der westeuropäischen Staats-—
theorien des 18. Jahrhunderts.
Vor allem die Franzosen hatten inzwischen, in all den
Verfassungen, die die Nation seit 1789 erlebt hatte, in über—
—D00
können. Und diese Erfahrungen waren vornehmlich der bisher
weniger ausgebauten Lehre von der Teilung der Gewalten zu—
gute gekommen. Sie also, im Zusammenhange mit ihr aber
auch die übrigen Teiltheorien der konstitutionellen Monarchie
waren damit durchgebildet worden; und die Einzelliteratur über
sie hatte schließlich Benjamin Constant ermöglicht, im Jahre
1814 mit seiner Esquisse de Constitution hervorzutreten, in
der alle die alten abstrakten Lehren von der Volkssouveränität
mit den neueren praktischen Erfahrungen verbunden erschienen.
Es waren die Lehren, die in Deutschland, wenn auch in
einiger Verquickung mit der historischen Auffassung vom Staate
und von der Notwendigkeit eines organischen Staatsauf- oder
-ausbaues, das Denken der liberalen Kreise, insbesondere vom
Rheine her vordringend, bis zum Jahre 1848 und vielfach
30 *
        <pb n="478" />
        468 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

darüber hinaus beherrscht haben. Da erscheint denn der Staat
auf der Grundlage einer postulierten Volkssouveränität er—⸗
richtet, als deren Vertreter das Parlament, als deren Be—
vollmächtigter die vollstreckende Gewalt beschließt und handelt;
und die Teilung der Gewalten ist dabei derart getroffen, daß
die vollziehende Gewalt gegenüber der Volksvertretung im
Nachteil erscheint. Es waren die Lehren, in deren Geist vor
allem die politisch-theoretischen Werke des Liberalismus der
zwanziger bis vierziger Jahre geschrieben waren; die Lehren
auch, die nachmals in der Frankfurter Reichsverfassung des
Jahres 1849 zum Ausdrucke gelangten.
Die Literatur, die hier aufblühte, löste in gewissem Sinne
die staatspolitischen Schriften des Konservatismus, die zum
großen Teile schon früher erschienen waren, ab: wie einst
Wilhelm von Humboldts Schrift über die Grenzen des Staates
der Théorie du pouvoir politique et religieux dans la
zociété civils Bonalds gefolgt war, so schrieben jetzt nach
Friedrich Schlegel (Vorlesungen über die neuere Geschichte,
1811), Adam Müller (Elemente der Staatskunde, 1810,
und spätere Schriften), Joseph Görres (Deutschland und
die Revolution, 1820) und Ferdinand Walter (Kirchen⸗
recht, 1822), die Rotteck und Welcker, wenn ihnen auch zur
Zeit ihrer Blüte noch von Historikern Heinrich Leo (Geschichte
des Mittelalters, 1880) und aus dem Kreise der Juristen
Friedrich Julius Stahl (Philosophie des Rechts. 1830 1837)
entgegentraten.
Es war eine Literatur, die zu gemäßigt war, um schon
in den Jahren des studentischen und jugendlichen Radikalismus,
gegen Ende des zweiten Jahrzehnts, aufzusprießen, und die auch
in der zweiten Hälfte des dritten Jahrzehnts, wie sie politisch
stiller verlief, noch nicht recht am Platze war. Allerdings
gründete Welcker, der 1823 als Professor an die Universität
Freiburg berufen wurde, dort mit Rotteck die Zeitung „Der
Freisinnige“ und vertrat in ihr vor allem historisch, wie Rotteck
mehr juristisch, einen primitiven Liberalismus. Stärker aber
wurde die Bewegung in Baden und erst recht im ganzen
        <pb n="479" />
        Fortschritte des politischen Denkens. 469

deutschen Mutterlande und namentlich den Rhein herab doch erst
nach der Julirevolution. Mit äußerster Spannung folgte man
damals den Nachrichten aus Frankreich und erörterte die Ver—
handlungen der französischen Kammern; Volksversammlungen,
unter denen das bekannte Hambacher Fest eine der größten und
eindrucksvollsten war!“, wurden auch noch nach dem Jahre 1832
gehalten, und die reaktionärere Wendung der Bundestagspolitik
wie die Entlassung von Männern wie Rotteck und Welcker
waren auch nicht in der Lage, zu besserer Stimmung bei—
zutragen, so sehr es Dahlmann in Göttingen von der hannover—
schen Regierung freigegeben wurde, gegen Klerikalismus und
Konservatismus zu wettern. Aus dieser Atmosphäre ging dann
der vulgäre Liberalismus der dreißiger Jahre hervor, der in
seiner zunächst wichtigeren süddeutschen Ausbildung in Rottecks
und Welckers Staatslexikon zu Worte kam, während die nieder—
cheinische Spielart erst 1841 in der „Rheinischen Zeitung“ ihre
bald radikalere Vertretung fand.
Der suddeutsche Liberalismus, der Hauptsache nach die
wichtigste Vorfrucht der späteren parlamentarischen Reifezeit
der Paulskirche, bestand dabei schließlich des genaueren aus
einer Justemilieumischung der wesentlichsten, in den dreißiger
Jahren verlaufenden politischen Strömungen, soweit sie nicht
von vornherein konservativ waren; er lehnte eine geschichtliche
Begrundung des Staates nicht völlig ab, wenn er sich auch
nicht mit den Lehren der Historischen Rechtsschule identifizierte,
er stützte sich zum größeren Teile auf die französische Doktrin,
und er wurde doch der organischen Staatsauffassung durch
Repräsentationsgedanken gerecht, die ein Rückgreifen auf alte
ständische Verhältnisse nicht gänzlich ausschlossen. So stieß er
denn in vorwärts drängenden Kreisen nur selten an und er—
lebte daher eine weite Verbreitung: büßte aber eben dadurch
auch stark an Durchschlagskraft ein, wie er sich denn selbst zum
nationalen Einheitsgedanken noch nicht völlig entschieden ge—
stellt hat.

S. oben S. 8396f.
        <pb n="480" />
        .70 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

Dabei war dieser Verlauf weniger etwa durch eine Schwäche
der Charaktere, die die liberale Doktrin vertraten, bedingt, als
durch die innere Unfertigkeit des staatsrechtlich-theoretischen
Gerüstes. Und sucht man die eigentliche Ursache für diese
Unfertigkeit, so wird man doch schließlich wieder auf die ge—
ringe Durchbildung der organischen Vorstellungsweise — und
von dieser letztlich auf die an sich im modernen Sinne noch
so unorganische Entwicklung des Volkslebens selbst verwiesen.
Wenn die soziale Umschichtung, die das neue Wirtschafts—
leben der Unternehmung mit sich bringen mußte, so langsam
verlief, wie es der Fall war: wer konnte dann ein lebendigstes
Interesse daran haben, die parlamentarische Staatsvertretung
etwa schon auf die organisch-politische Behandlung dieser
Schichtung aufzubauen? Geschah dies aber nicht, so sah man
sich eben schließlich doch immer wieder nur der an sich schon
veralteten und darum unklaren individualistischen Lösung des
allgemeinen gleichen Stimmrechtes oder der romantischen Re—
konstruktion nach altständischen Grundsätzen gegenüber.
Und so versagte denn auf diesem wichtigsten Gebiete der
Entwicklung eines organischen Staatslebens und organischer
Staatsideale der Liberalismus, dem doch hier vor allem an
positiven Ergebnissen gelegen sein mußte, ebenso, wie der
in diesem Zusammenhange weniger wichtige Konservatismus.
Und diese Erscheinung erbringt den Beweis dafür, daß es
aicht so sehr die Theoreme und das Denken waren, die sich
als unvermögend erwiesen, wie das praktische Substrat derselben,
die fortschreitende politische und soziale Erfahrung. An dieser
entscheidenden Stelle der Entwicklung rächte es sich, daß in dem
gesamten Verlaufe der ersten Periode des deutschen Subjekti⸗
vismus das wirtschaftliche und soziale Element weitaus zu
schwach gewesen war bei starkem Überwuchern der spezifisch
geistigen Energien: dem übertriebenen Spiritualismus entsprach
die Unfähigkeit nicht nur organischer Staatsbildung auf lange
Zeit, nein selbst der Bildung auch nur organischer Lehren vom
Staate.
Dies alles führte dazu, daß zwischen 1815 und 1840 und
        <pb n="481" />
        Fortschritte des politischen Denkens. 471

noch länger neben dem eigentlichen staatspolitischen Denken breit
und üppig eine politisch- und sozial-ästhetische Opposition auf—
schießen konnte, die im Jungen Deutschland der dreißiger Jahre
heinahe geradezu die literarische Bewegung überhaupt in sich auf⸗
nahm und neben den politischen bald auch die sozialen und, mit
Rücksicht auf den christlichen Konservatismus in Klerikalismus und
Orthodoxie, auch die religiös-kirchlichen Fragen mit zunehmendem
Freimut, ja schließlich mit höhnender Übertreibung behandelte.
Die Wurzeln dieser Bewegung, deren Ausbreitung um
die Mitte der dreißiger Jahre weit über die Wirksamkeit der
mehr politisch-kontemplativen Literatur hinwegging, sind nicht
so sehr in dieser als vielmehr in dem lange vorbereiteten
Boden allgemeinster liberaler Anschauungen zu suchen; sie um—
fassen daher auch von Anbeginn schon weit mehr als nur
Politik.
Die Frühromantik hat einmal definiert!: „Liberal ist, wer
hon allen Seiten und nach allen Richtungen wie von selbst
frei ist und in seiner ganzen Menschheit wirkt, wer alles, was
handelt ist und wird, nach dem Maß seiner Kraft heilig hält
und an allem Leben Anteil nimmt, ohne sich durch beschränkte
Ansichten zum Haß oder zur Geringschätzung desselben ver—
führen zu lassen.“ Man sieht leicht, daß in diesem Sinne
auch die Frühromantik, insofern sie erst die Keime des späteren
Konservatismus entwickelte, liberal war: wie denn beide Rich—
rungen, die liberale und die konservative, aus einer grund⸗
sätzlich niemals geleugneten Anerkennung des Subjektivismus
hervorgegangen sind. Indes auch noch in den Zeiten des be⸗
ginnenden Realismus bestand eine so weite Bedeutung des
Wortes „liberal“, wenn sie auch offenbar nicht mehr völlig
anerkannt wurde. Noch im Jahre 1834 konnte Wienbarg im
Vorwort der „Asthetischen Feldzüge“ schreiben: „Mit dem
Schilde der Liberalität ausgerüstet sind jetzt die meisten Schrift⸗
steller, die für das alte Deutschland (im Gegensatze zum „jungen?“)
chreiben, sei es für das adlige oder für das gelehrte oder für

Athenaeum J, 2, S. 148.
        <pb n="482" />
        72 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

das philiströse alte Deutschland.“ In diesem weiten Sinne
nun, der im Grunde nur Kampf gegen Vorurteile und Ein—
treten für Freiheit, Billigkeit und Recht bedeutete, sind Männer
wie Schiller und Goethe in gleicher Weise liberal gewesen.
Allein daneben stellte sich doch, vornehmlich und steigend
nach 1815, ein Sinn des Wortes ein, in welchem es Opposition
gegen die bestehenden Gewalten quand méême und damit ver—
gebliche Opposition und zunehmendes Phrasentum ausdrückte.
Und nun konnte der Dichter, der seinen Götz von Berlichingen
mit dem Rufe „Es lebe die Freiheit!“ hatte sterben lassen, den
Satz prägen: „Eine Idee darf nicht liberal sein: kräftig sei
sie, tüchtig, in sich selbst abgeschlossen, damit sie den göttlichen
Auftrag, produktiv zu sein, erfülle“ — und auf die liberalen
Schriftsteller das Wort Mazarins anwenden „Laßt sie singen,
wenn sie nur zahlen!“
In der Tat erstarb der feste Ton des primitiven Libera—
lismus der Zeit der Freiheitskriege nach 1815 bald in der
Wohlredenheit glatter älterer Optimisten und dem sprachlichen
Sturm und Drang begeisterten Studententums; denn so sehr man
gegen das Bestehende eiferte, so wenig wußte man das Zu—
künftige zu beschreiben: und war damit im Grunde nicht eben
weiter als um 1799, für welches Jahr ein Pamphlet die Lage
mit dem kurzen Frage- und Antwortspiel umschrieben hatte:
„So wollen wir wohl eine Veränderung?“ — „Nein, wir wissen
selbst nicht, was wir wollen.“ Nur das eine stand jetzt fest, daß
die liberale Strömung antiromantisch war oder wurde, daß sie
den kommenden Realismus vorwegnahm: daß sie nicht in Ge—
dankenräumen, sondern auf dieser Erde im Sinne einer edlen,
menschlichen Freiheit heimisch zu werden suchte. Und da diesem
Bestreben Staat und Kirche in gleicher Weise und innig ver—
bunden entgegenzutreten schienen — denn noch hatte sich die
Liquidation mittelalterlicher Lebensformen mit keiner Silbe
der Trennung von Staat und Kirche zugewandt —, so erschien es
weiterhin als selbstverständlich, daß die namentlich im Beginne der
zwanziger Jahre stark um sich greifende Strömung gegen patri—
archalische Regierung und Kirchenglauben zugleich zu Felde zog.
        <pb n="483" />
        Fortschritte des politischen Denkens. 473

Dabei war aber diese Opposition keineswegs schon durch
den nationalen Gedanken geleitet. Wie die ausgehende Ro—
mantik trotz aller Liebe zum Volkstümlichen, so war auch sie
vielmehr kosmopolitisch orientiert und verstärkte diese Stellung im
Vergleich zu Romantik und Konservatismus sogar vielleicht noch
durch eine entschiedener betonte nationale Indifferenz. Wie sie
denn vornehmlich auch aus der Bewunderung des französischen
Geistes- und Staatslebens Kraft schöpfte.
So erklärt es sich auch, daß diese Opposition anfangs
vornehmlich von halb internationalen, jüdischen Elementen, die
zudem zugleich als unkirchlich erschienen, literarisch getragen
werden konnte. Dies um so mehr, als die Anwendung literari⸗
scher Formen auf politische Inhalte, sozusagen die Profanierung
der schönen Literatur und Wissenschaften für ihnen fremde
Zwecke, dem Volldeutschen zunächst nicht eben leicht einging;
die Not der Freiheitskriege mochte sie entschuldigt haben; jetzt
erschien sie mit Rücksicht auf die reiche und reine Ausgestaltung
in einer weiter zurückliegenden literarischen Vergangenheit
wiederum verpönt.
Der erste in diesen Zusammenhang gehörende Schriftsteller
war der bald seines Dienstes entsetzte Frankfurter Polizei—
aktuar Ludwig Börne (1786—18837): ein kritisch und ruhig
denkender Mann von demokratischer Gesinnung und guten
literarischen Manieren; zunächst in der „Wage“, einer „Zeit⸗
schrift für Bürgerleben, Wissenschaft und Kunst“ (1818 bis
1821), dann in den „Zeitschwingen“ versuchte er an der
Zentralstätte des Deutschen Bundes selbst, unter den Fenstern
des Bundestagspalais in der Eschenheimer Gasse, das Publikum
für liberale Ideen zu gewinnen. Sein größerer Nachfolger
war dann Heinrich Heine. Heine hat zwar vor 1830 wenig
unmittelbar Oppositionelles geschrieben, bewegte sich vielmehr
in den Formen und zum Teil in der Gefühlsart der Ro—
mantik!. Allein schon seine packende, witzige Art wurde als
gegen das Bestehende gerichtet empfunden, wie denn, ein Zeichen
des steigenden Intellektualismus, den Jungdeutschen der Witz
1 S. oben S. 188 ff.
        <pb n="484" />
        74 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

vor allem als Merkmal eines hochstehenden Volkes gegolten
hat. Und sicherlich hat der frische, bisweilen patzige, freilich
auch nicht selten geschraubte Ton der Dichtung wie der Prosa
Heines ebenso unmittelbar das, was man in den zwanziger
Jahren Opposition nannte, hervorgerufen, wie die Opposition
auch noch der dreißiger Jahre vielfach bestimmt.
Zum vollen Ausdrucke aber gelangte die allgemeine
Strömung des Liberalismus doch erst nach der Julirevolution,
zu einer Zeit, da Börne und Heine schon nach Paris ge—
gangen waren. Und ihre Hauptvertreter wurden die Dichter
des nun emporblühenden „Jungen Deutschlands“, fast durchweg
Kinder des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrhunderts: Kühne,
Laube, Gutzkow, Mundt, Menzel, Wienbarg.
Was sie vor allem auszeichnete, war der Entschluß, nun
die neue Dichtung wirklich unmittelbar in den Dienst des po
litisch-liberalen und antikirchlichen Gedankens zu stellen. Ein
merkwürdiges Übergangsstadium von enthusiastischer zu ra—
tionaler Seelenhaltung, der zudem denen, die sich auf diese
Brücke stellten, voll bewußt war. „Goethe war ein schöner
Statthalter Gottes auf Erden,“ schrieb Mundt 1834 in
seinen „Modernen Lebenswirren“, „aber das Papsttum in der
Literatur ist vorbei. Der heutigen Schriftstellergeneration muß
es das höchste Ziel sein, Pfeile des Geistes in die Zeit hinaus
zu schicken, um das Volk der Deutschen aufzuregen und auf—
zuschütteln.“ Als wichtigste Form aber für diese neue literarische
Tätigkeit erschien den Dichtern des Jungen Deutschlands die
Erzählung, wie sie sich gern ausdrückten, die „Novelle“, womit
zugleich aͤuch der Roman gemeint war. In den zwanziger
Jahren hatte sich das allgemeine Interesse am Aktuellen in
Deutschland der Hauptsache nach im Theater erschöpft. Die Folge
war zunächst eine starke Verehrung Schillers, namentlich aber
ein Kult des greisen Goethe gewesen, gegen den Börne und
Menzel vergebens in die Waffen riefen. Daneben hatten frei⸗—
lich Leute wie Raupach und Kotzebue noch mehr zum Ge—
schmacke des Publikums gesprochen. Konnte nun aber das
Drama mit der in ihm notwendigen Stilisierung oder wenigstens
        <pb n="485" />
        Fortschritte des politischen Denkens. 475

Führung der Ereignisse so ganz den Absichten einer prinzipiellen
Opposition gerecht werden? Dazu gab es noch andere Gründe,
die zur Bevorzugung der Erzählung führten. „Vor dem
Theater sind Gendarmen aufgestellt, die das Drama bewachen.
Die Novelle flüchtet sich auf die Stube, wo es keine Gendarmen
zibt. In seiner Stube glaubt der Deutsche an die Freiheit
und an ein höheres Nationalleben. Da sieht er fast so aus,
als könnte ihn die Weltgeschichte noch einmal brauchen.““
Indem nun aber die literarische Erzählung Gefäß der
systematisch anhebenden Opposition wurde, mußte zugleich auch
ihre bisher romantische Form weitergebildet werden; denn diese
war zur Trägerin einer Bewegung, die die Welt realistisch
sehen wollte, wenig geeignet. Eine an sich schon gewaltige
Anderung! Denn mit welcher Wucht beherrschte die Romantik
doch auch um 1880 noch die literarische Produktion; noch im
Jahre 1827 hatte ihr z. B. sogar der spätere Marschall Moltke
(geboren 1800) in einer nicht üblen Novelle gehuldigt. Dem—
zgegenüber kam man nicht eben rasch zu gründlicher formaler
Wandlung. Man blieb noch überschwenglich in jeder Richtung,
man karikierte und man übertrieb in Veredlung; man schwankte
haltlos zwischen wahr und unwahr, zwischen gut und böse:
and nur das eine ergab sich je länger je mehr: daß die Pro—
duktion nicht mehr so sehr von den Kräften der Phantasie,
wie denen der Reflexion und des Verstandes geleitet wurde.
Dieser innere Umschwung aber, sekundiert durch das Auftauchen
aeuer Stoffe, die bald im eigentlichsten Sinne dem grellen
Lichte der Gegenwart angehörten, hatte denn doch zur Folge,
daß man, verglichen mit der Romantik, die Wirklichkeit immer
fester faßte. Dabei blieb freilich bis zuletzt noch manches im
Charakter schwankenden Übergangs; die dargestellten Personen
waren immer noch meist nur Schemen und mit der Draperie
—V——— Gestelle, unfähig, auf den Beinen
zu stehen und, wie es Seraphine in dem gleichnamigen Romane
Butzkows vom Jahre 1838 ausdrückt, „sich selbst ein Rätsel“.

mMundt a. a. O.
        <pb n="486" />
        476 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

Aber andererseits wurde doch die Schilderung der Situationen
immer fester und die Kraft der Erzählung, nicht ohne den
fremden Einfluß der Scott, Byron und George Sand, über—
zeugender; und gewisse Szenen vor allem in Laubes Jungem
Europa (besonders wieder in dem Teile „Die Krieger“ von
1838) wie annähernd auch schon in Gutzkows Wally (18838)
zrinnern schon an die Grenze, welche den modernen Impressio⸗
nismus von dem Realismus der ausgehenden ersten Periode
des Subjektivismus scheidet.
Sehr bald aber begnügte sich das Junge Deutschland auch
nicht mehr mit der künstlerischen Erzählung; unmittelbarer noch
suchte es das Publikum durch die periodische Zeitschrift, die
Presse, die Zeitung auf. Und schon 1841 schildert Hebbel,
m Prolog zum Diamant, diesen Zustand als den gewöhnlichen:
„Man redigiert vielleicht ein Blatt
Und braucht es frisch an Schwertes Statt.“
Es war ein Fortschritt von großer Wichtigkeit, wie er zu—
gleich durch allgemeinste Wandlungen der Bildungsertensität
erleichtert, ja erst ganz ermöglicht wurde. Während die An—
fänge des Subjektivismus sich schon deshalb in verhältnis—
mäßig engen Kreisen abgespielt hatten, weil sie im ganzen auf
die Dichtung oder höchstens auf die Phantasietätigkeit im all—
gemeinen, wenn auch mit philosophischem Hintergrunde, be—⸗
schränkt blieben, war die Romantik, im Grunde doch der Höhe—
punkt der ersten subjektivistischen Periode, soweit die Entwicklung
aus rein nationalem Keime in Betracht kam, zum ersten Male
zu einer vollen Weltanschauung, zu einer zugleich dichterischen
und denkhaften Beherrschung der Welt fortgeschritten. Und
so war es ihr zuerst denn auch gelungen, weiteste Kreise
der Nation in ihren Bann zu zwingen. Aus kleinen Anfängen
erwachsen, glich sie in dieser Hinsicht dem Senfkorn des Evange—
liums, und die weiten Massen der Generation um 1830 wohnten
fast ausnahmslos in ihrem Schatten. Damit war denn auch
Gelegenheit gegeben, sie ebenso ausnahmslos durch das Mittel
der Romantik und durch die aus diesem fortgebildeten Werkzeuge
geistigen Charakters zu beeinflussen: und in vollem Maße hat
        <pb n="487" />
        Fortschritte des politischen Denkens. 477

das Junge Deutschland hiervon Gebrauch gemacht. Hierzu
kam, daß zu gleicher Zeit, wie es zu gehen pflegt, auch die
Technik neue Mittel zur Bewältigung der Massenmeinung
erfand. Von Bedeutung waren da nicht bloß die besseren
Verkehrswege, die intensivere Entwicklung der Post und Ver—
wandtes, wie es die dreißiger Jahre zur Verfügung stellten,
sondern vor allem auch die Schnellpresse, die schon um 1810
ein Deutscher, Friedrich König aus Eisleben, erfunden hatte.
König hatte sich mit seiner Erfindung nach England, damals
schon dem Lande der entwickeltsten öffentlichen Meinung, gewandt
und Erfolg gehabt: am 29. November 1814 waren die Times
zum ersten Male nicht mehr von Menschenhand gedruckt er—
schienen. Mit den dreißiger Jahren nahm nun auch Deutsch⸗
land die Erfindung auf, und sie bedeutete für das Zeitungs—
wesen bald Verdoppelung und Verdreifachung seines Einflusses.
Waren so die Organe, welche dem Jungen Deutschland
eine Einwirkung auf die Massen ermöglichten, in einer früher
unbekannten Weise geschärft, so bedurfte es um so mehr einer
sicheren Strategie für diese Einwirkung, und hierazu vollster
Klarheit des liberalen Programmes.
Aber hier zeigte sich nun, daß man doch noch längst nicht
zu wohlüberlegten Eingriffen geschult, ja überhaupt genügend
erfahren war. War es nicht charakteristisch, daß beinahe alle
Führer und Träger der neuen Opposition junge Leute waren und
sein konnten? In den Anfängen noch immer, nicht in der
Vollendung einer Bewegung befand man sich. Und so machte
man noch Opposition, um Opposition zu machen „gegen alle
Unnatur und Willkür, gegen den Druck auf den freien Menschen—
geist, gegen totes und hohles Formelwesen, gegen die Ertötung
Zes jugendlichen Geistes auf den Schulen, gegen das hand—
werksmäßige Treiben der Wissenschaften auf den Universitäten,
gegen den Beamtenschlendrian, gegen die Duldung des Schlechten,
weil es herkömmlich und historisch begründet ist, gegen die Reste
der Feudalität, gegen den Geist der Lüge, der in tausend Zungen
spricht und sich mit tausend Redensarten eingeschlichen hat in
alle bürgerlichen und menschlichen Verhältnisse“.
        <pb n="488" />
        478 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

War das nun im engeren, parteipolitischen Sinne liberal?
In Frankreich war die Romantik mit der Julirevolution in
ebendiesem begrenzten Sinne liberal geworden; Valet gesagt
hatte sie dem Kernmotiv alles Romantischen, der modernen
Mystik. Das Junge Deutschland dagegen blieb noch stark im
Traditionellen und damit Irrationalen befangen, und so knüpfte
es selbst an die alte Aufklärung noch an, indem es deren
Toleranz- und Humanitätsideale sentimental und pathetisch
wiederaufleben ließ, erinnerte in seinen gezwungenen Geist—
reichigkeiten, einem Symptom echten Philisterwesens, an Jean
Paul, dessen Willkür des Fabulierens und ästhetische Unordnung
ebenfalls Nachahmung fand, und blieb vor allem in der Ro—
mantik stecken, und zwar nicht bloß, wie wir schon hörten, auf
dem Gebiete der Phantasietätigkeit, sondern noch mehr in deren
ideenhaften Anschauungsinhalten, deren letzter Philosophie, be⸗
sonders in Hegel. Damit entstand denn eine Unklarheit der
inneren Charakterdurcharbeitung und der Systematik der Ge⸗
dankenbildung, die es bei allem Streben nach Realität doch
nicht zu wohlumschriebenen Personen und Leistungen kommen
—DDDDD— kennzeichnen
begann, war vielmehr das Auftreten jener Charaktere, die eine
spätere Zeit als problematische bezeichnet hat, wenigstens in
einigen Grundeigenschaften; was aber die Inhaltssystematik
betraf, so war eine Konzentration höchstens insofern zu be—
merken, als die Frage nach der obersten Organisation des
Staates als dasjenige aller Probleme, das man für entscheidend
erachtete, leise in den Mittelpunkt des Interesses zu treten
begann. Aber hatte man auch nur dafür über Rotteck und
Welcker hinaus eigene Gedanken? Noch überwog Abstraktion
und allgemeines Vorstellen in idealpolitischer Betrachtung; und
ahnte man auch schon die Hauptschwierigkeiten auf politischem
Gebiete in dem Problem eines gerechten Aufbaues des neuen
Staates auf die sozialautonomen Kräfte und erging sich in—
folgedessen allgemein in einem kräftigen Hasse gegen die als rein
geschichtlich betrachtete Stellung des Adels, so war man doch
noch weit davon entfernt, in dieser zentralen Angelegenheit
        <pb n="489" />
        Fortschritte des politischen Denkens. 479

positive, schöpferische Ideen vorzubringen. Oder sollte sie etwa
jemand in Meinungserleichterungen wie den folgenden Mundts
lin den „Modernen Lebenswirren“) zu finden hoffen: „Aristo⸗
kratie, versuche dich auf dein letztes Rettungsmittel! Ver—
geistige dich, gründe deinen Besitz auf dein Verdienst, deine
Macht auf deine Talente, nimm unter die Zahl deiner Ahn⸗
herren auch den Geist auf, und du wirst unsterblich sein!“ —?
Im ganzen verblieb es nach alledem bei dem Ausdrucke
eines allgemeinen Emanzipationsbestrebens, und dies wandte sich,
infolge des fast noch jugendlichen Alters der meisten Autoren,
ausgesprochenerweise schließlich beinahe mehr sozialen als po—
litischen Fragen zu, soweit nicht antikirchliche und antichristliche
Wuͤnsche zum Ausdruck gelangten: die man denn freilich, auf
der Basis der philosophisch-romantischen Vorzeit, viel ein—
gehender zu begründen und auszubreiten wußte. Auf sozialem
Gebiete spielte dabei zum ersten Male die Emanzipation der
Frau eine Rolle. Gewiß nicht ohne innere Gründe. Es ist
schon früher erzählt worden! und begreift sich aus den Funda⸗
mentalmotiven des subjektiven Seelenlebens ohne weiteres, daß
seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Frau immer
selbständiger hervortrat. Die Stein und die Lengefeld, die
Frau Rat und die Bettina, die Henriette Herz und die Dorothea
Veit geborene Mendelssohn, um nur einige Namen aus vielen
zu nennen: wann hätte die deutsche Geschichte in früheren
Zeitaltern eine so stark wirkende Menge bedeutender Frauen
aufgezeigt? Und was die frühen Zeiten des Subjektivis⸗
mus begonnen hatten, das ließ deren Ablauf in Spätromantik
und Realismus nicht fallen, wenngleich sich jetzt noch mehr
fast als im 18. Jahrhundert bedenkliche Charaktere ein—
fanden, eine Charlotte Stieglitz z. B., die in Selbstmord endete,
um ihrem Gemahl ein starkes inneres Erlebnis und damit
poetische Anregung zuzuführen, oder eine Gräfin Ida Hahn—
Hahn, deren Ideal jene halbwüchsige Emanzipation des Fleisches
sie nannte es freilich Emanzipation des Geistes — war,

S. Band VIII, 1, S. 201 ff.
        <pb n="490" />
        180 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

in der edle Frauenbilder alle Männer zu ihren Füßen zwingen
sollten, ohne sich auch nur einem einzigen hinzugeben. Aber
m ganzen überwogen doch auch unter den selbständig werdenden
Frauen die ruhigen, ihrer selbst sicheren Charaktere, wie etwa
Fanny Lewald, die schließlich, fern allem Überstürzten, nicht so
sehr als geistige Produzenten — die Lewald hat allerdings
seit den vierziger Jahren auch Romane geschrieben — wie als
früheste Vertreterinnen jenes gemäßigten Liberalismus von
Bedeutung wurden, der den Frauen größere Freiheit wenigstens
der weiblichen Lebensberufe zusprach. In ihrem Sinne vor allem
also bestand in der Tat eine Frauenfrage; und das Junge
Deutschland hat sich dieser schon dadurch angenommen, daß es
wohl zuerst die Frauen als Heldinnen von Dichtungen, ins—
besondere des Romans, in die Literatur einführte, obgleich es
den Ohren der Gegenwart wunderlich genug klingen mag,
wenn Mundt in seinem Romane „Madonna, oder Unter—
haltungen mit einer Heiligen“ die Perversität der Stieglitz als
„christliche Gesinnung“ feiert.
Übrigens waren Charlotte Stieglitz wie auch Fanny Lewald
und nicht minder die Herz und die Mendelssohn-Veit-Schlegel
Jüdinnen: ein Moment, das schon deutlich genug zeigt, wie
die Anfänge der deutschen Frauenemanzipation mit der Emanzi⸗
pation der Juden aufs innigste verquickt sind. Dieser Zu—
sammenhang trat aber in dem Verhalten auch des Jungen Deutsch⸗
lands um so deutlicher hervor, als die Juden von jeher, so—
lange dies nur möglich war, liberale Grundsätze bekannt hatten.
So hatte Moses Mendelssohn schon 1784, in seinem „Jerusalem“,
die letzte Liquidationsforderung des Subjektivismus, das Postu—⸗
lat einer unbedingten Trennung von Kirche und Staat aus—
gesprochen; so waren noch jüngst Börne und Heine Vorläufer
der neuen liberalen Bewegung gewesen. War nicht schon dies
alles Grund genug, dem Problem der Frauenemanzipation
das der Judenemanzipation hinzuzufügen, —
den Edikten der Zeit der Freiheitskriege noch nötig erscheinen
mochte? Charakteristisch aber bleibt, daß die Forderungen auf
diesem Gebiete doch längst nicht mit der Energie vorgetragen
        <pb n="491" />
        Fortschritte des politischen Denkens. 481

wurden, mit der sich das Junge Deutschland für die Frauen
einsetzte. Im tieferen Grunde sieht man da schon einen Juden⸗
haß erwachen, der dann in den vierziger Jahren eigentlich
jedermann, vom Hochkonservativen bis zum Demokraten kom⸗
munistischer Färbung, erfüllt oder wenigstens berührt hat. Es
war die Zeit, da Feuerbach als Prinzip der jüdischen Religion
den Egoismus verkündete: „Der Jude ist gleichgültig gegen
alles, was nicht unmittelbar auf das Wohl des Selbst sich
bezieht“; „Die Juden erhielten von Jehova das Gnadengebot
zu stehlen“. Es waren die Jahre, da Dingelstedt dichtete:
Wohin ihr faßt, ihr werdet Juden fassen,
Allüberall das Lieblingsvolk des Herrn!
Beht, sperrt sie wieder in die alten Gassen,
Eh' sie euch in ein Chriftenviertel sperr'n.

Das Jahr 1847 hat trotzdem in Preußen den Juden die
Rechtsgleichheit und das Recht zu allen, außer den obrigkeit⸗
lichen Amtern gebracht: so stark war damals noch die Politik der
Prinzipien, mochte auch bei den Verhandlungen des preußischen
Landtages Freiherr von Thadden-Trieglaff, der Führer des
nordostdeutschen pietistischen Protestantismus, unter lebhafter
Zustimmung Bismarcks vielmehr die, Emanzipierung der Christen
von den Juden“ fordern und in gleicher Zeit in Frankreich
Toussenels Buch Les Juifs rois de l'époque erscheinen. Und
schon waren um diese Zeit auch die Juden Helden von Ro—
manen geworden.; Auerbach hatte 1887 und 1839 Judenromane
erscheinen lassen; Leopold Komperts Werke begannen um 1850
auszugehen; und die fünfziger Jahre erlebten die Veröffent—
lichung von Freytags „Soll und Haben“, das den beliebten
Gegenstand, wenn auch nicht im vordersten Plane, aufnahm.
Es war zu einer Zeit, da freilich das Schicksal des Jungen
Deutschlands längst besiegelt war und nur noch einige seiner
wichtigsten Vertreter unter ganz veränderten Verhältnissen fort⸗
schufen.
Die Anfänge des Jungen Deutschlands waren in gewissem
Sinne durch Kühnes Novellen, 18831, bezeichnet. Deutlich er⸗—
kennt man bei ihm noch Einflüsse Herders und seiner Epoche,
Lamprecht, Deutsche Geschichte. X. 81
        <pb n="492" />
        482 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

und im Grunde erscheint eigentlich nur das Prinzip des Klassi—
zismus von der Erziehung der Einzelpersönlichkeit, der dann
die richtige Lösung des subjektivistischen Staatsproblems ohne
weiteres folgen werde, auf die Erziehung und das Wirken in
der Familie angewendet: ähnlich, wie das klassizistische Problem
der Lebenstotalität, zunächst auf die Einzelpersonen bezogen,
in der romantischen Formulierung des Organismus seine Er—
weiterung auf Familie, Gesellschaft und Staat gefunden hatte.
Von diesem Gesichtspunkte aus beantwortet Kühne die Frage
nach der Zukunft des deutschen Gesamtwesens noch sehr zu—
versichtlich und einfach. Was wohl aus ihm werden solle?
„Aber, mein Freund, was aus ihm werden kann! Jeder im
kleinen wahrhaft deutsch, das Ganze gestaltet sich dann von
selber.“
Minder zuversichtlich spricht Gutzkow in seinen „Briefen
eines Narren an eine Närrin“ (1832), einem Werke, das schon
alle Eigenschaften dieses Autors zeigt: die zerflatternde Kom—
position, die packende Behandlung von Zeitfragen und die oft
divinatorisch richtige Beurteilung wichtiger Strömungen der
Zukunft. Gutzkow prophezeit da für Deutschland eine Revolu—
tion, aber keine in der Art der französischen vom Jahre 1789.
Deutschland werde nie eine Republik haben; dazu seien die
Begriffe der Freiheit partikular zu verschieden. Worauf es
— DD
einzigen Einheit und Freiheit zu erziehen; deren genauere po⸗
litische Ziele schon aufzuhellen, sei müßig. Doch geht Gutzkow
der Erörterung von Einzelfragen nicht aus dem Wege, wenn
diese auch schon mehr der sozialen Welt zuneigen; er trägt ein
persönliches System kollektivistischer Geschichtsauffassung vor;
er setzt sich mit dem Saint-Simonismus auseinander; und leise
tauchen schon einige Sozialprobleme der Frauenemanzipation
empor, die den Dichter später besonders fesseln sollten.
Einen anderen Weg, sich dennoch den politischen Fragen
eingehender zu nähern, hatte etwa um dieselbe Zeit Laube ein⸗
geschlagen. In dem ersten Teile seines ‚,Fungen Europa“ (1833)
geht er noch einmal von dem alten Humanitätsideale des
        <pb n="493" />
        Fortschritte des politischen Denkens. 483

Klassizismus, wie es auch dem Denken Kühnes zugrunde ge—
legen hatte, aus: Freiheit der Weltanschauung und Persönlich⸗
keit der sittlichen Haltung werden gefordert; auf diesen Ge—
bieten, dem sittlichen, dem religiösen, soll der einzelne Selbst—
herrscher sein. Freilich aber werden daneben für den Bereich
des Staatslebens die Interessen der Gesamtheit als ausschlag—
gebend hingestellt: und da wird denn eine absolute Demokratie
sehr radikal das Zuum cuique durchführen, bis, unter dem
Verschwinden der Nationalitäten, die Weltrepublik erreicht ist.
Man sieht welch ausschweifende Ansichten, welch Denken alsbald
noch von Pol zu Pol. Kann es wundern, wenn daneben auch
die Emanzipation der Frau im Sinne einer Emanzipation des
Fleisches gefordert und an den Personen des Romans nicht
ohne Koketterie durchgeführt wird; wenn die Existenz und auch
der Begriff der Untreue auf Zweifel stößt; wenn Gattinnen,
die einem ungeliebten Manne treu bleiben, dem Dichter als
beklagenswerte Sklavinnen der Sitte“ erscheinen?
Mit Laubes „Jungem Europa“ war zuerst völlig ein Ton
angeschlagen, der sich rasch vergröbern und abnutzen mußte:
der Ton des Radikalismus: und nur durch die Form der Er—⸗
zählung, sowie durch eine eigenartige Technik, die das Be—
stehende ironisch lobte und das Erstrebte scheinbar wunderlich
fand und darum nur phantastisch anpries, durch die Form
also eines verdeckten Kampfes, wurde er noch gemäßigt. Im
ganzen aber war es so, wie es Mundt einmal als Erlebnis des
Helden seiner „Modernen Lebenswirren“ (1834) in dem cha—
rakteristischen Stil der Zeit beschreibt: der Zeitgeist zuckte,
dröhnte, zog, wirbelte und hambacherte in den Vertretern des
Jungen Deutschlands; er pfiff in ihnen hell wie eine Wachtel,
spielte die Kriegstrompete auf ihnen, sang eine Marseillaise
in allen ihren Eingeweiden und donnerte ihnen in der Lunge
und Leber mit der Pauke des Aufruhrs herum.
Den Höhepunkt der zunehmenden Aufregung bildete das
Jahr 1835. Es war das Erscheinungsjahr einer ganzen
Reihe jungdeutscher Schriften, vor allem von Gutzkows Wally.
Hier wurde, nachdem Gutzkow in dem Roman „Maha Gur“
31*
        <pb n="494" />
        484 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes VKapitel.

(1833) Kirche und Christentum schon aufs schwerste an—
gegriffen hatte, in erster Linie nach dem Vorgange von
George Sand in Frankreich (Lélia, 1833) das Thema der
Frauenemanzipation behandelt und die These verfochten, daß
die Ehe unter keinen Umständen Institution der Kirche sein
dürfe: ihr Sakrament sei nicht der Segen des Priesters, sondern
die Liebe, die Liebe im physiologischen Sinne.
Schon lange hatten konservative Geister gegen die zu—
nehmende Verstärkung des Tones der Jungdeutschen geeifert
und dafür die Billigung der Regierenden gefunden. Jetzt war
es dem Bundestage genug. Am 10. Dezember 1835 verbot
er die Schriften des Jungen Deutschlands, weil sie darauf
ausgingen, „in belletristischen, für alle Klassen von Lesern zu—
gänglichen Schriften die christliche Religion auf die frechste
Weise anzugreifen, die bestehenden sozialen Verhältnisse herab⸗
zuwürdigen und alle Zucht und Sittlichkeit zu zerstören“; und
Gutzkow insbesondere wanderte auf einige Zeit ins Gefängnis.
Es war zugleich, sehr bezeichnend, das Ende der jung⸗
deutschen Bewegung. Zwar zuckten einige Erscheinungen der
Literatur gleichsam galvanisch noch nach; so erschienen z. B.
Willkomms „Europamüde“ erst 1838, ein verfehlter Roman
ooll gräßlicher Szenen und larvenhafter Charaktere, der das
verpestete Europa, das in der Weiterentwicklung seiner Kultur
sein eignes Grab schaufle, mit dem reineren Amerika zu ver⸗
tauschen riet. Im ganzen aber ergab man sich der Resignation;
Willkomm ist später ein geschätzter Leihbibliothekenautor ge—
worden; Mundt, der einst für Charlotte Stieglitz und Rahel
Varnhagen geschwärmt hatte, heiratete Luise Mühlbach.
In organischer Form trat die Resignation bei den wichtig⸗
sten Gliedern der Gruppe hervor, bei Gutzkow und Laube.
Vor allem Laubes Junges Europa in seinem zweiten und
dritten Teile, die erst 1838, fünf Jahre nach dem ersten, er⸗
schienen, gibt davon Zeugnis. Da erscheint der Autor als ein
ganz anderer, nun freilich auch als einer der Besonnensten
seiner Gruppe und seiner Zeit. Er hat jetzt die Idee des
Nationalismus in sich aufgenommen; der Traum der Welt—
        <pb n="495" />
        Fortschritte des politischen Denkens. I 485

republik ist verraucht. Dabei steht er auch sozialistischen Phan—
tasien fern; die Stände erscheinen ihm als etwas geschichtlich
Gewordenes und Berechtigtes, so sehr er, erfahren und gründ⸗—
lich, für die Emanzipation der Juden eintritt. In der Politik
des Tages aber sucht er praktische, durch die Wirklichkeit be—
grenzte Lebensaufgaben zu lösen, ja verzichtet zum Teil selbst
auf diese, sofern sie eine gewisse Grenze überschreiten. „Handle,
wer sich berufen fühlt; aber keiner wage ins einzelne voraus—
zubestimmen, was werden soll; wir kennen die Welt nur einen
Schritt weit. Ich will in meine Heimat gehen, mir eine Hütte
bauen, das Weite auch ferner betrachten, aber nur fürs Nächste
wirken.“ Daß damit auch für die Emanzipationsideen, soweit
sie die Frauen betrafen, eine gewisse Einschränkung gegeben
war, steht alsbald zu vermuten. „Haltet die Ehe offen wie
der Herr des Himmels seine Hand offen erhält für den wahr—
haft notwendigen Wechsel der irdischen Welt, den Wechsel
bon Tag zu Nacht, von Schnee zu Blumen; schüttelt die Per—
sonen ab, welche durch Lügen mit dem Institute Frevel treiben,
schützet diejenigen, welche von der Unwahrheit einer Verbindung
—V— für die
Verehelichten, ... doch vermengt damit nicht die Ehe selbst.“
War nun aber eine so tiefe Resignation in den meisten
Fällen ohne schweren Bruch in der Charakterentwicklung denk—
har? Mußten nicht Männer, die mit den reinsten Absichten
alle Fragen der Zeit durchgedacht hatten oder durchgedacht zu
haben glaubten, nun Skeptiker werden, die nur noch mit „Be⸗
griffsschatten und gewesenem Enthusiasmus“ rechneten: sittlich
unterminierte Wesen, denen das Schönste dieser Welt abging,
die Leidenschaft? Es waren in der Tat die Verhältnisse, aus
denen der vollendete problematische Charakter der vierziger
Zahre, die eigentlichste psychisch⸗ epidemische Krankheitsform
dieser Zeit, hervorgegangen ist. Es wird davon später noch
die Rede sein!.
Einstweilen aber brach sich die liberale Opposition der

Im zweiten Kapitel des XXV. Buches (Band XI Teil 1).
        <pb n="496" />
        486 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

dreißiger Jahre wenigstens an einer, der Zeit besonders wich—
tigen Stelle eine Bresche, in ihrem Verhältnis zu Kirche und
Christentum.

III.

Wir haben schon früher, gelegentlich der Erzählung kon—
servativ-protestantischer Strömungen, von der Entwicklung
eines neuen pietistischen Christentums in protestantischen Kreisen
des Nordens wie des Südens gehört, das im Grunde auf ein
einfaches Bibelchristentum zurückging, aus dem bereits Männer
wie Hamann und Claudius, Lavater und Novalis Trost und
Anregung zu eigenständigem Glauben geschöpft hatten. Hatte
nun dieses Christentum Aussicht, den ganzen Protestantismus
zu erfüllen und für sich zu gewinnen?
In Süddeutschland nahm die Bewegung, wie sie zunächst
von kleinen Zirkeln, auch wohl von Landgemeinden getragen
wurde, und anfangs, bei dem Überwiegen der Laienelemente,
so interkonfessionell war, daß sogar Katholiken an ihr teil⸗
nahmen, bald eine Wendung ins Lutherische. Und so tauchte
der Gedanke auf, in Anlehnung an das ursprüngliche lutherische
Gemeindeprinzip eine besondere Gemeinschaft des Glaubens
und Lebens, eine Gottesgemeinde in der Welt zu bilden. Es
war ein Gedanke, durch den man auch den Dogmen und den
Symbolen des 16. und 17. Jahrhunderts näher gebracht wurde.
Man hielt sich darum zum Bekenntnis, aber in der freien
Weise, in dem man ihm entgegengekommen war, in eigner
Wahl und unter wechselnden Reservaten. So bildeten sich die
Dinge namentlich in Württemberg und Bayern aus, und die
theologischen Fakultäten wurden Vertreterinnen dieses frei
restaurierten Protestantismus. Ein zwingender Einfluß auf
den Gesamtprotestantismus aber ging aus dieser Entwicklung
natürlich nicht hervor.
Noch weniger in dieser Richtung verliefen die Dinge in
Norddeutschland, insbesondere in Preußen. Schon im Jubel—⸗
jahre der Reformation, 1817, wurden hier die Aussichten der
        <pb n="497" />
        Fortschritte des politischen Denkens. 487

Bewegung durch die 9 neuen Thesen des warmherzigen Kieler
Pfarrers Claus Harms geschädigt, die den neuen Pietismus
gegen den Rationalismus zugunsten einer neuen Orthodoxie
einzuspannen drohten: „Mit der Idee einer fortschreitenden
Reformation, so wie man diese gefaßt hat, reformiert man das
Luthertum in das Heidentum hinein und das Christentum aus
der Welt hinaus.“ In Preußen selbst gerieten die Bestrebungen
der einzelnen pietistischen Zirkel bald unter die Oberleitung be⸗
stimmter Persönlichkeiten, die zu den orthodoxen Neigungen des
Hofes Beziehungen hatten. Zum Hauptorganisator wurde dabei
seit 1827 der Berliner Professor Hengstenberg, nicht eigentlich
ein einfältiger Frommer, sondern ein religiöser Fanatiker und
Hierarch, und wie sich danach von selbst versteht, zugleich ein
Politiker des engsten Konfessionalismus. Hengstenberg hat
dann mehrere Jahrzehnte hindurch als Leiter der Evangelischen
Kirchenzeitung die religiöse Bewegung im Lande so beherrscht,
daß sie der Orthodoxie zugute kam; von dem Aufblühen eines
freieren Christentums war bald nicht mehr die Rede.
Zu den merkwürdigsten Bildungen brachte es die neue
Orthodoxie in ihrer engen Begrenzung aber in einigen kleinen
nord- und mitteldeutschen Staaten, in Mecklenburg vornehmlich
und in Kurhessen. Hier wollten sich Kliefoth und Vilmar
keineswegs mit der Wiederaufrichtung des alten Bekenntnisstandes
 des 16. Jahrhunderts begnügen: dessen Zeugnisse seien
nicht unmittelbar Gottes Wort; man müsse Gott näherkommen
durch die Sakramente; sie allein seien drastischen Charakters;
—D Menschenleben hineingreifende
Arm Gottes selbst“ zu gelten. So wurde denn den Eiferern
die evangelische Kirche wieder zur Sakramentsanstalt und der
Prediger zum Priester. Und mit dem mittelalterlichen Kirchen⸗
deal zog in diese Köpfe auch die ganze Heerschar mittelalter⸗
licher Vorstellungen überhaupt ein. Vilmar zum Beispiel glaubte
an den leibhaftigen Teufel. Fur den Christen, so führte er
in seiner „Theologie der Tatsachen wider die Theologie der
Rhetorik“ (1836) aus, komme es darauf an, „des Teufels
Zaͤhnefletschen aus der Tiefe gesehen (mit leiblichen Augen
        <pb n="498" />
        488 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

gesehen; ich meine das ganz unfigürlich) und seine Kraft an
einer armen Seele empfunden, sein Lästern, insbesondere sein
Hohnlachen, aus dem Abgrund gehört zu haben“ ...
Ging die pietistische Bewegung in ihrem tiefsten Grunde
bis auf die Zeiten des Sturmes und Dranges zurück, so war
das Christentum Schleiermachers ein Erzeugnis der Romantik;
der Klassizismus hat es bezeichnenderweise zu keinerlei Art
christlich moderner Frömmigkeit gebracht. Und so hätte man
wohl erwarten können, daß, während die Bewegung des
Sturmes und Dranges in die Orthodoxie verlief, wenigstens
die der Romantik ihren selbständigen Wert behaupten werde.
Allein bewies die Schwäche der Theologie Schleiermachers
nicht schon der Umstand, daß sie sich unfähig zeigte, die
ältere freie Richtung in sich aufzunehmen und durch sich zu
reinigen? Diese Lehre war zu tief mit der Philosophie der
Romantik verknüpft, um ganz eigenständig und darum durch—
schlagend zu wirken: zum ersten Male in subjektivistischen Zeiten
zeigte sich damit die christliche Theologie auch in zeitgemäßeren
Formen ohnmächtig, gegen die freie Bildung von Weltanschau—
ungen obzusiegen. Doch muß dabei zugestanden werden, daß
die romantische Philosophie diesen Sieg nur errang, indem sie
ihre Lehre den Lehren des Christentums und die Lehren des
Christentums wiederum ihrer Lehre soweit anpaßte, daß für
den Laien der Unterschied fast zu verschwinden schien. Ins—
besondere Hegel ist da von skrupelloser Tätigkeit gewesen.
Doch hatte bereits Kant merkwürdige Übereinstimmungen auf—
gefunden. War aber auf diese Weise nicht scheinbar ein Be—
weis des Glaubens gelungen? Und dies um so mehr, je mehr
sich die philosophischen Systeme der Romantik im Verlaufe
ihrer Entwicklung zu rationalisieren schienen?
Es war die Methode, durch die Schleiermachers Lehre
schließlich für weitere Wirkungen so gut wie aus den Angeln
gehoben wurde: um 1880, mit dem vollen Siege der Philo—
sophie Hegels, erschien auch ein subjektives Christentum in den
Formen der Orthodorie, weil durch subjektive Dialektik ratio—
aalisiert, vollkommen am Platze.
        <pb n="499" />
        Fortschritte des politischen Denkens. 489

Danach ist der Zustand des Protestantismus um diese
Zeit leicht zu schildern. In den Tiefen der Entwicklung hatte
sich noch fast ungestört bis zu diesen Jahren hinab der alte
theologische Rationalismus des 18. Jahrhunderts erhalten. In
dem Dunkel seiner Gewässer aber spiegelte sich von den oberen
Entwicklungsschichten her kein wahrhaft subjektives Christentum
neueren Datums, sondern eine pseudosubjektive Orthodorie,
die sich durch die Dialektik der letzten romantischen Philosophien
rationalisiert sah. Orthodoxie und Rationalismus, das war
mithin die Devise des herrschenden Protestantismus der Zeit.
Und es versteht sich, daß sich der Protestantismus in diesem
Zeichen mit der Lehre der katholischen Kirche trefflich zusammen⸗
fand. Denn wann hätte der Katholizismus seit dem Mittelalter
eben diese Devise jemals aufgegeben? Und nur der Umstand
eigentlich schied die Orthodoxie beider Kirchen noch voneinander,
daß der Beweis des Glaubens auf dem Boden des Protestantismus
 durch die jungsten Philosophien noch zugelassen wurde —
obwohl auch hiergegen teilweise Protest erfolgte —, während die
katholische Kirche so junge Beweise entschieden verwarf und
sich ausschließlich auf die mittelalterlichen Philosophen stützte.
Wir werden später, bei genauerer Betrachtung der Schicksale
der katholischen Kirche, noch mehr von dem Bonner katholischen
Theologen Hermes (1775—1831) und von dem geistreichen
Wiener Weltpriester Anton Günther (17885 18638) erfahren!;
— D
lehre aus dem Systeme Kants versuchte, während Günther
darauf ausging, den romantischen Identitätssystemen einen
kirchlich-katholischen Dualismus abzuringen: und daß das
Wagnis beider von der Kirche verflucht ward. So war denn
hier mittelalterlicher Rationalismus und Orthodoxie, und im
Protestantismus neuzeitlicher Rationalismus und Orthodorie
die Losung; klar lag die reaktionäre Parallelentwicklung zu—
tage: und wer wollte es Heißspornen im Bereiche des unter—

In den ersten Abschnitten des ersten Kapitels von Buch XXVi
Baud XI, Teil 1. ch XXV in
        <pb n="500" />
        190 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

stützungsbedürftigen lutherisch-protestantischen Bekenntnisses ver⸗
denken, wenn sie die Vereinigung beider Kirchen nicht für
ausgeschlossen hielten, wenn ihr Sinn auch im kirchlichen Be—
griffe des Wortes nach einer Concordantia catholica stand: und
wenn sie sich gegenüber den Drohungen eines subjektivistischen
Christentums halluzinatorisch auf das zähnefletschende Dräuen
des Teufels aus dem Abgrund beriefen?
Schon um 1830 war die Kluft zwischen dem, was die
Kirchen als notwendig ansahen, und dem, was ehrlich-liberaler
Subjektivismus erstrebte, so groß geworden, daß von einem
Ausgleich nicht mehr die Rede sein konnte. Und der Kampf
konnte nicht vermieden werden, da der Liberalismus weit davon
entfernt war, irreligiös zu sein. Mit Recht betont Gutzkow
in dieser Hinsicht!: „Unser Zeitalter ist politisch, aber nicht
gottlos. Wie gern verbände es die Freiheit der Völker mit
dem Glauben an die Ewigkeit! Aber unchristlich ist unser
Zeitalter, denn das Christentum scheint sich überall der po—
litischen Emanzipation in den Weg zu stellen.“ Indem nun
aber diese Stimmung eintrat, rief eine eigenartige Konstella—
tion eben die Jungdeutschen zuerst auf den Kampfplatz. Schon
früh hatte sich im subjektivistischen Zeitalter ein enger Zu—
sammenhang der ästhetischen und ethischen und damit auch der
religiösen Interessen bemerkbar gemacht. Er beruhte am Ende
auf der starken Verquickung aller psychischen Lebensäußerungen,
die in einem Zeitalter immer mehr zutage treten mußten, das
in dem Subjekt der Einzelperson als einem Mikrokosmos die
eigentliche Komponente der psychischen Welt sah. Er lag z. B.
der immer stärker ausgesprochenen Forderung nach einem Ge—
samtkunstwerk, den stets wiederholten Postulaten wissenschaft—
licher Synthese, dem zunehmenden Reichtum der Dilettantismen
neben den arbeitsteiligen Berufen zugrunde. Auf religiös—
sittlichästhetischem Gebiete führte dieser Zusammenhang schon
früh zur Fundamentierung der sittlichen Erziehung auf die
ästhetische, wie sie vor allem Schiller anstrebte, und noch vor

1mWally S. 300.
        <pb n="501" />
        Fortschritte des politischen Denkens. 491

den Theorien Schillers läßt sich die Neigung, religiöse Probleme
ästhetisch zu betrachten, bei Hamann, Herder und anderen
wahrnehmen. Es ist der Anfang jener Versuche, die Re⸗
ligion durch die Kunst zu ersetzen und damit die dogmatische
Bindung durch eine kultische Narkose abzulösen, die dann in
den Anfängen der zweiten Periode des Subjektivismus so
zahlreich und so erfolglos hervortraten. In den dreißiger
Jahren legten sie die Rettung einer freieren Frömmigkeit und
den Kampf gegen die christliche Orthodoxie den Literatoren,
den Dichtern besonders nahe.
Waren diese aber dem Strauß, den sie da begannen, ihren
Kampfeswerkzeugen und ihrer inneren Veranlagung nach ge⸗—
wachsen? Gutzkow hat in seinem Roman „Maha Guru, die
Geschichte eines Gottes“ (18383), einer Erzählung aus dem Be⸗
reiche des tibetanischen Dalai Lama, deren Analogien mit dem
Christentum mit den Händen zu greifen sind, den Versuch
gemacht, darzutun, daß wahre Menschlichkeit höher stehe als
falsche Göttlichkeit. Mundt hat in seiner „Madonna“ (1835)
eine rein gefühlsmäßige, höchstens ästhetisch-mythologische und
poetisch⸗geschichtsphilosophische Umdeutung der Hauptatsachen
der christlichen Heilslehre gegeben und die Grundidee des
Christentums in dem Gedanken gesehen, daß „ich ein Christ
bin, wenn Gott und Welt sich in meiner Menschenbrust zu⸗
sammenfinden“. Und diese Interpretation hat er dann bis
zum letzten Ende geführt: „die Verweltlichung Gottes durch
das Christentum war nicht bloß ein einmaliger und abgeschlossener
Akt der Gnade, sondern eine unendlich sich wiederholende Ema⸗
nation. Diese unendliche Weltwerdung Gottes ist die Ent—
wicklungsfähigkeit der Geschichte; Welt und Geist sind gleich
gewaltig geworden und fließen vereinigt in einem Strome der
Geschichte dahin.“ Gutzkow endlich hat in seiner , Wally“ (1835)
diese extrem subjektivistische Deutung des Christentums, die wie
eine Übertrumpfung der täuferischen Lehren des 16. Jahr—
hunderts wirkt, vollendet, indem er die Offenbarungstatsachen
pöllig hinwegdiskutierte und auf rein individualpsychologischem
and intellektualistischem Wege als Urgrund aller Religion die
        <pb n="502" />
        492 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

„Verzweiflung am Weltzweck“ entdeckte. Natürlich war damit dem
Christentum aller Boden entzogen, und religiös wirken konnte
es in dem Bereiche dieser Gedanken höchstens noch als senti—
mentale Erinnerung. „Es war Sonntag. Die Glocken läuteten,
aus der nahen Kirche brausten die Töne der Orgel herüber.
Wally war in Tränen aufgelöst. Kann man dem Himmel ein
schöneres Opfer bringen? Diese Tränen flossen aus dem Weih—
becken einer unsichtbaren Kirche. Die Gottheit ist nirgends
näher, als wo ein Herz an ihr verzweifelt.“ Denn nach
Gutzkows Meinung hatte dieser Faustszene kein „Die Erde hat
mich wieder“, geschweige denn ein „Sei mir Sünder gnädig“
zu folgen. Selbst der Protestantismus erschien ihm als nichts
denn als ein mystischer Gottesdienst mit Beschränkung auf
einen Gott in drei Hypostasen; und wie er diese Behauptung
im ganzen aussprach, so ließ er es auch im einzelnen, wenn es
auf die Kritik des Christentums ankam, an drastischen Be—
merkungen nicht fehlen. „Es scheint fast, daß die Apostel
Menschen von borniertem Verstande waren, daß sie überhaupt
viel Ahnlichkeit mit unseren Theologen hatten und daß es
zuletzt nicht ohne typische Vorbedeutung war, wenn neben der
Krippe Jesu gleich ein Ochs und ein Esel standen.“
Man wird schwerlich glauben, daß eine solche Polemik
mehr als von vornherein von ihrer Tendenz Überzeugte fesseln
konnte; und es bedurfte ihr gegenüber kaum des Bundestagsbeschlusses
 vom Dezember 1835. Doch zeigt der Verlauf der
jungdeutschen Opposition in ihrem rapiden Zeitmaße, wie weit
die Abwendung vom Christentum der Kirche schon gediehen
war, und wie stark religiöse Fragen — vielleicht weit mehr
als politische — die Mitte der dreißiger Jahre bereits erregten.
Da war es denn von ausschlaggebender Bedeutung, daß
die kirchlich-religiösse Opposition nicht in den Reihen der
Jungdeutschen endete, sondern eben in dem Augenblicke, da
diese verstummten, an die Sachverständigen, die Theologen,
überging.
Der Gegensatz zwischen dem autoritativen Bibelglauben der
protestantischen Dogmatik des 16. und 17. Zahrhunderts und
        <pb n="503" />
        Fortschritte des politischen Denkens. 498

noch späterer Zeit wie bis zu einem gewissen Grade sogar der
katholischen Dogmatik des Tridentinums und dem spekulativen
Subjektivismus der Theologen, die an die Philosophie Kants
und der Romantik anknüpften oder sich von dem populären
neuen Pietismus aufwärts zur Systembildung hinbewegten,
ist schließlich durch die Bibelforschung des neuen Zeitalters
ausgeglichen, vielleicht ließe sich besser sagen: erledigt worden.
Denn indem diese Forschung nachwies, daß nicht die positiven
Angaben der Evangelien, etwa gar insoweit sie Wunder und
Verwandtes mitteilen, als historisch beglaubigt gelten können,
sondern nur das religiös-sittliche Lebensideal, das sich in ihnen
auswirkt, haben sie für das Verständnis dieses Lebensideals
eine große Weite verschiedenartiger subjektiver Auffassungen
ermöglicht.
Es sind Zusammenhänge, die man heute vollkommen über⸗
blickt. Zu der Zeit, da die neue Bibelforschung einsetzte, in der
zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, gleichzeitig mit der neuen
subjektivistischen historischen Quellenkritik der Heyne, Friedrich
August Wolf und Niebuhr überhaupt, sah man noch keines—
wegs so deutlich; und auch noch in den dreißiger und vierziger
Jahren des 19. Jahrhunderts erschienen die Ergebnisse dieser
Forschungen den meisten dazu bestimmt, dem Christentum jeden
positiven Inhalt zu nehmen. Es waren die Anschauungen
eines Momentes, den wir jetzt genauer ins Auge fassen müssen.
Die wissenschaftliche Quellenforschung war, so weit das
Neue Testament in Frage kam, alsbald mit dem vollen Auf⸗
blühen des subjektivistischen Zeitalters angeregt und begonnen
worden, so schon von Semler, Lessing, Eichhorn, in gewissem
Sinne auch von Herder: und Herder bereits hatte im Markus⸗
evangelium die älteste Aufzeichnung der apostolischen Über⸗
lieferung erkannt und das Johannesevangelium im ganzen
richtig zu charakterisieren gewußt. Später hatte sich dann auch
Schleiermacher mit den Quellenfragen eingehend beschäftigt.
Allein eine Methode wirklich rein wissenschaftlicher Art hat
doch erst der Tübinger Theologe Ferdinand Christian Baur, ge—
stüttt auf die mittlerweile in der Profangeschichte reich entwickelten
        <pb n="504" />
        194 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

Methoden, seit den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts zur
Anwendung gebracht. Seine kritischen Untersuchungen der
Quellenschriften des Christentums, auf die sich später seine ge⸗
waltigen kirchengeschichtlichen Forschungen aufbauten, wurden
1831 mit der Abhandlung „über die Christuspartei in der
korinthischen Gemeinde“ eröffnet; ihr folgten später eine Anzahl
weitere Einzeluntersuchungen, deren Ergebnisse schließlich in den
Schriften über den „Apostel Paulus“ 1845 und in den „kriti⸗—
schen Untersuchungen über die kanonischen Evangelien“ 1847
zusammengefaßt wurden. Von diesen Einzelarbeiten boten nun
diejenigen, die Mitte der dreißiger Jahre erschienen, zum ersten
Male die vollendete Methode Baurs dar, und es wurde in
ihnen für gewisse Briefe des Neuen Testamentes der Mangel
an Apostolizität mit Sicherheit erwiesen. Waren diese Ergeb⸗
nisse schon geeignet, Aufsehen zu machen, so mußte hierzu das
beinahe gleichzeitige Erscheinen von Vatkes Geschichte der alt—
testamentlichen Religion noch mehr beitragen, wenngleich dies
Buch, in die schwerverständliche Form Hegelscher Dialektik ge—
hüllt, erst viel später völlig gewirkt hat: in jenen sechziger und
siebziger Jahren, da durch den Straßburger Theologen Reuß
und seinen Schüler Graf, wie durch Kayser, Duhn und vor—
nehmlich Wellhausen (Geschichte Israels, 1878) die alttestament—
liche Quellenkritik umfassender geübt wurde. Was aber das
Jahr 1835 in den religiösen Kämpfen vor allem denkwürdig
machte, war das Auftreten von David Friedrich Strauß, Baurs
vielleicht begabtesten Schülers. In diesem Jahre nahm Strauß
in seinem Leben Jesu die Ergebnisse, zu denen später die
historische Schule Baurs gelangt ist, gleichsam voraus, indem
er zur Quellenkritik des Neuen Testaments zahlreiche Ansätze
machte und Vermutungen aussprach, und versuchte alsbald über
diese bloßen Ansätze hinaus, als sei mit ihnen der kritische
Boden der Überlieferung schon bereitet, kühn in hinreißender
und blendender Sprache die Lebensgeschichte Jesu zu zeichnen.
Was aber diese Biographie der Zeit alsbald besonders
schmackhaft machte und ihr eine außerordentliche Verbreitung
und Wirkung gab, war ein Weiteres. Strauß war in manchem
        <pb n="505" />
        Fortschritte des politischen Denkens. 495

Betracht ein Schüler Hegels, und so hatte er sich ganz in den
von diesem weiterbearbeiteten romantischen Begriff des Mythus
eingelebt. Lag es nun da nicht nahe, diesen Begriff auf das
Leben Jesu anzuwenden? Und sicherte diese Kombination nicht
der Darstellung des Buches den Beifall der eben zu höchster
Höhe angewachsenen Gemeinde der Hegelianer? Strauß betrat
diesen Weg um so eher, je mehr die von ihm behauptete sehr
mittelbare Überlieferung über das Leben Jesu die Anwendung
des Mythusbegriffes im allerreichsten Maße gestattete. Und
so entstand denn jenes Leben Jesu, das lange Zeit hindurch
fast als ein Schiboleth zwischen den religiösen Parteien ge—
golten und in eine Fülle orthodoxer Anschauungen und dogma⸗
lischer Begriffe aufs tiefste einschneidend gewirkt hat: denn der
ersie Eindruck war der, daß man ganz anders wie nach den
Schriften der Jungdeutschen vor einem Bankerott des bisherigen
Christentums stehe.
Strauß aber ließ seiner Biographie, die alsbald eine ganze
Anzahl von Pamphleten und Entgegnungen hervorrief, zu deren
Widerlegung wie im Verfolge weiterer geschichtlicher Studien
in den Jahren 1840 und 1841 seine „Christliche Glaubens⸗
lehre in ihrer geschichtlichen Entwicklung und im Kampf mit
der modernen Wissenschaft“ folgen. Es war eine Fortsetzung
gleichsam des Lebens Jesu hinein in die innere Geschichte der
Kirche. Strauß suchte da die Bilanz der bisherigen dogma⸗
tischen Entwicklung zu ziehen, und er fand, daß sie eigentlich
nun aus einem kritischen Auflösungsvorgang der alten dogma—
tischen Grundlagen bestehe; und daß von der gelehrten Arbeit
der letzten zwei Jahrhunderte eigentlich an ihr nichts Positives
zurückgelassen worden sei. Es war ein trostloses, nieder⸗
schmetterndes Ergebnis. Der zeitgenössischen Theologie aber
blieb nach Ansicht von Strauß nur noch der Beruf, das morsche
Kirchengebäude, das in den Bauplan der neuen Zeiten nicht
mehr passe, so sachte abzutragen, daß sein Abbruch etwa noch
vorhandene Insassen nicht mehr als nötig schädige.
Es schien den Zeitgenossen der Ruin des Christentums
überhaupt, denn sie erkannten nur zum allergeringsten Teile
        <pb n="506" />
        196 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

die vielen Keime positiv-christlicher Neubildung, die selbst die
Glaubenslehre von Strauß aufweist; und nur die Frage erschien
noch übrig, von welcher Seite her den Frommen ein Ersatz
für den zerstörten Glauben geboten werden könne.
Sollte da nun nicht die letzte große philosophische Welt—
anschauung, die Hegels, als Surrogat eintreten können?
Hegel hatte, namentlich im letzten Jahrzehnt seines Lebens,
wiederholt erklärt, sein System sei im Grunde, bei einer esoteri—
schen Betrachtung, wie sie schon die Frühromantik ersehnt hatte,
mit dem Innersten des christlichen Glaubens identisch. Doch hatte
er sich, trotz alles Bestrebens, diese Identität im Lehrvortrag und
in der Systematisierung auch äußerlich herzustellen, über die
christliche Lehre von Gott, von der Person Christi und von
der persönlichen Unsterblichkeit so wenig klar ausgesprochen, daß
vorauszusehen war, daß sich nach seinem Tode unter den Massen
seiner Anhänger Meinungsverschiedenheiten über diese Punkte
bilden würden. Und da zeigte sich denn in der Tat eigentlich
schon von 1832 ab, daß besonders die Gegensätze zwischen einem
pantheistischen und einem theistischen Gottesbegriffe, zwischen der
Auffassung der Gottmenschheit als der Idee der Menschheit
und dem Begriffe Christi als des wirklichen persönlichen Gottes—
menschen, zwischen der Anschauung von der Ewigkeit des Geistes
überhaupt und dem Glauben an eine persönliche Unsterblichkeit
— Gegensätze, die Hegel mit dialektischen Mitteln, vornehmlich
durch die Bildung von polaren Begriffen, mühsam verdeckt
hatte —, nicht mehr zu überbrücken waren: von Jahr zu Jahr
immer weniger vermittelt begann der Widerspruch zwischen
einer Dialektik, die alles in den zeitlichen Fluß von Gedanken⸗
systemen auflöste, und einem Realismus der Anschauung
zu wirken, dem das Gedachte wirklich war: und langsam
bildete sich eine Spaltung der Hegelianer in eine Rechte und
zine Linke.
Dabei war denn freilich an sich klar, daß die Linke, die
sich immer mehr einem pantheistischen Monismus zuneigte, nicht
bloß die Depositarin des eigentlichen Denkens Hegels war,
sondern auch auf den tieferen subjektivistischen Fundamenten
        <pb n="507" />
        Fortschritte des politischen Denkens. 497

des Zeitbewußtseins überhaupt stand. In der Richtung ihrer
Anschauungen ist darum schließlich auch die Entwicklung ver—
laufen: hinweg über den Realidealismus Feuerbachs in die
scheinbar naturwissenschaftlich gestützten Lehren des Materialis—
mus der fünfziger Jahre. Die christlich-duaglistische Inter⸗
pretation Hegels dagegen, wie sie allerdings auch schon der
Meister selbst angebahnt hatte, wurde vielmehr nur dem Be—
streben des Ausgleichs mit der noch bestehenden Weltanschauung
verdankt: und sie erwies sich darum als ein Transitorium, wie
die entsprechenden Lehren schon Kants und Leibnizens.
Indes den Zeitgenossen erschienen die Gegensätze begreif⸗
licherweise nicht in diesem leidenschaftslos objektiven Lichte.
Vielmehr entbrannte um sie der heftigste Kampf der Meinungen
und Personen: Hegelianer und Hegelingen erscholl der Ruf
und überdröhnte in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre
das Getöse des zunächst wieder stiller gewordenen politischen
Kampfes.
Und da es sich im Grunde um eine Auseinandersetzung
pantheistisch-monistischen Denkens mit dem Christentum handelte,
so begreift es sich, wie sich nun auf dem Boden des Christen⸗
rums selbst, soweit ihn Schüler Hegels zu behaupten versuchten,
wieder verschiedene Meinungen und Observanzen ausbildeten.
Da waren vor allem die Orthodoxen, die aus Hegel wirk—⸗
lich den Beweis des Glaubens führen, also eine dialektische
Rationalisierung des Christentums durchsetzen wollten. Sie
nahmen im Laufe der dreißiger Jahre schon sehr ab, so daß
nunmehr eine Trennung eintrat zwischen einer Orthodorxie, die
auf dogmatischer Zuversicht als solcher beruhte und namentlich den
Hierarchen des Kirchenregiments eigen war, und einem immer
gemütvoller werdenden Rationalismus, dessen Träger nament⸗
lich die frommbürgerlichen Kreise waren, innerhalb derer sich
dieser Rationalismus mit den wohlbewahrten aufklärerischen
UÜberlieferungen des 18. Jahrhunderts in den verschiedensten
Schattierungen durchdrang und sättigte. Auf dem entgegen—
gesetzten Pole der Rechten aber fand sich eine Anzahl von
Theologen und Philosophen zusammen, deren Anschauung auf
Lamprecht, Deutsche Geschichte. X. —
        <pb n="508" />
        198 J Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

einen meist stark ethisch und christlich gewandten, im Grunde
aber schon spekulativen Theismus hinauslief. Sie gruppierten
sich im Jahre 1837 um die Zeitschrift für Philosophie und
spekulative Theologie: von den Theologen Nitzsch, Neander,
Rothe, Twesten; von den Philosophen Burdach, Steffens,
Weiße und der Sohn des alten Fichte. Später ist die Strömung
dann namentlich durch den Halleschen Philosophen Alrici ver⸗
treten gewesen; nahe stand ihr auch Moritz Carriere in München.
Grundrichtung dieser Kreise war es, die in Hegels System
gegebenen Elemente des Dualismus fortzubilden. Allein das
mußte sie, so sehr sie im übrigen vielfach vom Hegelschen
Denken abhängig blieben, doch sehr bald zum Kampfe mit
dem innersten Geiste aller und so auch des Hegelschen Identi—
tätssystems führen: und so trat die Polemik gegen Hegel auch
bald äußerlich stärker hervor und führte in den freidenkenden
protestantischen Kreisen während der vierziger Jahre in eben der
Zeit zu einer starken Reaktion gegen Hegel, da Trendelenburgs
logische Kritik den Glauben an die Richtigkeit des dialektischen
Mechanismus im Bereiche der Gebildeten zu erschüttern begann.
Löste sich damit die Rechte der Hegelianer in ihren ex⸗
tremen Durchbildungen nach links und rechts — und damit
nicht minder in den unzähligen Zwischenstufen zwischen diesen
Durchbildungen — allmählich derart auf, daß der Ertrag für
eine wirklich christliche Frömmigkeit, geschweige denn eine
Kirchenbildung nicht eben nennenswert war, so war von der
großen Linken der Hegelianer von vornherein nichts anderes
als Kampf gegen die bestehenden Kirchen und das hergebrachte
Dogma zu erwarten.
In der Tat schwenkte schon bald nach dem Tode des
Meisters diese Linke, die Partei der sogenannten Junghegelianer,
unzweideutig zum Pantheismus ab, leugnete die persönliche Un—
sterblichkeit und stellte die Persönlichkeit Gottes und die Gott⸗—
menschheit Christi in Frage. Wie aber mußte sich diese Partei
gar gekräftigt und zu weiteren Schritten ermutigt fühlen, als
nun, nach den Vorstößen der jungdeutschen Literaten, die ihr
zum Teil zuzurechnen waren, im Jahre 1835 Strauß' Leben
        <pb n="509" />
        Fortschritte des politischen Denkens. 499

Jesu erschien und damit ein Theologe, wenn auch fast ihrer
Observanz, die Erscheinung Christi im Grunde, wie man an—⸗
nahm, als das Erzeugnis einer absichtslos dichtenden Sage
und zugleich als Mythus, als Einkleidung also einer realen
Idee, der Idee des Gottmenschen, und das hieß jenes Welt—
prozesses nachwies, in welchem der absolute Geist bewußt end⸗
liche Gestalt annimmt. War das nicht die vollkommenste
Kombination einer historisch-realistischen Kritik mit den jung—
hegelianischen Restanschauungen der Identitätsphilosophie: schien
hier nicht das alte Christentum durch einen neuen, esoterisch⸗
oergeistigten, letzten Kern seines Mythus abgelöst, ja im Grunde
ersetzt?
Seit 1838 erschienen die Halleschen Jahrbücher, heraus—
gegeben von Ruge und Echtermeyer, in denen die Jung—
hegelianer der durch Strauß angefachten Bewegung mit dem
Ergebnis zu Hilfe kamen, daß sie von jenen Resten dogmatischen
Inhaltes fast nichts mehr bewahrten, die Strauß noch immer
hatte bestehen lassen. Es war ein Denken, das in den An—
schauungen Bruno Bauers, eines in sich wenig gefestigten
Charakters, der, Privatdozent der Theologie an der Universität
Bonn, von dieser entfernt worden war, vielleicht seinen deut⸗
lichsten Ausdruck fand. Bauer setzte an Stelle der Mythus—
theorie von Strauß eine Anschauung, in der die historische
UÜberlieferung über die Anfänge des Christentums etwa nach
der Methode der primitiven Aufklärung des 18. Jahrhunderts
als ein Erzeugnis späterer theologischer Reflexion verkündet
wurde. Und roh wie diese Denkweise war auch die Sprache
der neuen Lehre. Die Theorie der kirchlichen Orthodoxie von
der Gnadenwahl hat Ruge schon 1888 eine Caprice „der un⸗
verschämten Ausschließlichkeit des Häufleins der Frommen“
genannt, die „von der Fäulnis des verdorbenen Katholizismus
angesteckt“ seien. Und ihren Vertreter Heinrich Leo bezeichnete
Vatke als „wüsten Betbruder mit presbyterianischen Stoß—
seufzern“

So war zu erwarten, daß dieses Treiben nicht allzulange
dauern werde. Um das Jahr 1840 etwa hat sich der jung—
82 *
        <pb n="510" />
        00 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

hegelsche philosophisch-theologische Radikalismus in den nunmehr
auftauchenden politischen Radikalismus verloren, von dem wir
bald hören werden!.
Die gesunden Bestandteile aber, die auch diese Lehre ent⸗
hielt, verband bald darauf Ludwig Feuerbach (18044 1872)
mit neuen Elementen des aufkommenden Realismus zu einer
Weltanschauung oder vielleicht richtiger zu einer Methode der
Weltanschauung, die die erste Hälfte der vierziger Jahre weit—
hin beherrscht hat, und die dem Christentum einen letzten Stoß
zu versetzen schien.
Feuerbach setzte dem transzendenten Idealismus Schellings
und insbesondere Hegels, dessen Schüler er übrigens war, einen
irdischen, realen Idealismus entgegen. Er verzichtete aus⸗
gesprochenermaßen auf die dünne Luft der Spekulation; er
gedachte auf die reine Kenntnis des Menschen bauend der
Humanität ein edles Heim auf dieser Erde zu errichten. Natür⸗
lich kam er in diesen Bestrebungen mit der Identitätsphilosophie
in Konflikt. Aber der Kampf mit den Hegelianern hatte schon
um 1840 nicht mehr viel zu besagen. Wichtiger war, daß
Feuerbach bereits durch seine Schrift, Vom Wesen des Christen⸗
tums“ (1841), die er später selbst als dessen Kaiserschnitt bezeichnet
hat, in unmittelbaren Kampf mit allem Kirchlichen gebracht wurde.
Und der Zwist verschärfte sich noch durch ein späteres Buch „Vom
Wesen der Religion“ (1845). Was Feuerbach in diesen Zeiten
wollte, hat er in den Fragmenten zur Charakteristik feines
philosophischen Curriculum vitas? in dem Satze zusammen⸗
gefaßt: „Jetzt gilt es vor allem, den alten Zwiespalt zwischen
Diesseits und Jenseits aufzuheben, damit die Menschheit mit
ganzer Seele, mit ganzem Herzen auf sich selbst, auf ihre Welt
und Gegenwart sich konzentriere; denn nur diese ungeteilte
Konzentration auf die wirkliche Welt wird neues Leben, wird
wieder große Menschen, große Gesinnungen und Taten zeugen.“
Es war eine Aufgabe, die offenbar mehr auf Paränese und

S. unten S. 5305 ff.
2 Sämtliche Werke 2, 889 (Leipzig 1846 1848).
        <pb n="511" />
        Fortschritte des politischen Denkens. IJ 501

Erziehung als auf Spekulation und Systematik, mehr auf
tätiges Ausbreiten einzelner Grundgedanken, denn auf ver—⸗
tiefende Zusammenfassung hinauslief. Genug, wenn es ge—
lang, die Gebildeten unter den Deutschen „aus Gottesfreunden
zu Menschenfreunden, aus Gläubigen zu Denkern, aus Betern
zu Arbeitern, aus Kandidaten des Jenseits zu Studenten des
Diesseits, aus Christen, welche ihrem eigenen Bekenntnis und
Geständnis zufolge ‚halb Tier, halb Engel sind, zu Menschen,
zu ganzen Menschen zu machen“!.
Doch würde man fehlgehen, wenn man den Anregungen
Feuerbachs nicht auch eine tiefere Bedeutung zuschriebe. Nicht
umsonst unterschied Feuerbach in seiner Theorie die Lehre von
der Natur und vom Menschen. Seine Theorien waren durch
den Einzug eines gänzlich neuen Denkens in die Philosophie
ausgezeichnet, eines Denkens, das im Grunde nur Naturphilo⸗
sophie und Anthropologie und Psychologie kannte. Es war, auf
dem Gebiete der Begründung allgemeiner Weltanschauungen,
die allgemeine Konsequenz des Denkens von Herbart und vor
allem von Beneke. Man lernte jetzt begreifen, und hierin
zeigte sich vor allem der Einfluß der neuen, vollrealistischen
Entwicklung der Naturwissenschaften, die eben damals der Ent—
deckung des Gesetzes von der Erhaltung der Kraft entgegen⸗
gingen?, daß es eine Menge Dinge zwischen Himmel und Erde
gebe, auf die eine strenge Systematik nach Art der alten mathe—
matisch-⸗philosophischen Methode des Rationalismus und nach
Art der dialektischen Methoden der Romantik nicht anwendbar
war. Man begann dem Drange zum Absoluten aus dem Wege
zu gehen. Man wollte nichts mehr wissen und hören von
Vernunftgesetzen, von außersinnlichen Ursprungsweisen und von
einer überirdischen Welt höherer Werte. Man verzichtete gern
auf den „üppigen Traum der Unsterblichkeit“. Man zog sich
auf das positive Erkennen zurück. Und so fielen denn die alte
Metaphysik, die Spekulation der Romantik und mit ihr auch

Aus dem Schluß der Heidelberger Vorlesungen, 1849.
S. oben S. 299 ff.
        <pb n="512" />
        502 Vierund zwanzigstes Buch. Fünftes LKapitel.

alle Stützen, die sie noch dem Christentum darboten; nur eine
Disziplin der Grenzbegriffe unseres Erkenneus gegenüber dem
Unerkennbaren sollte bestehen bleiben; und eine Erfahrungs⸗
philosophie sollte aufgebaut werden allein auf Grund innerer
und äußerer Wahrnehmungen. Es war ein Weg der Über⸗
legung, der auf das Problem ausmündete, wie man denn
eigentlich, bei gegebener Grundlage, vom einzelnen zum All⸗
gemeinen, von der Anschauung zum Denken aufsteigen könne:
und diese Richtung hat die Philosophie und die Einzelwissen⸗
schaften der vierziger und fünfziger Jahre vielfach beschäftigt,
bis sie, in Deutschland verhältnismäßig spät, besonders etwa
in der Denkarbeit von Laas (1837 -1885) und Riehl (geboren
1849 zu völlig bewußtem Ausdruck gelangte.
Nicht minder aber machten die Schriften Feuerbachs auf
anthropologisch-⸗psychologischem Gebiete Epoche. Denn hier, wo
er jederlei Absolutes ebenso entschieden ablehnte wie in der
Naturphilosophie, hat er im Grunde Max Stirner mit seinem
Buche vom „Einzigen und seinem Eigentum“ den Pfad geebnet.
Denn nachdem Feuerbach die Theologie durch Sozial⸗ und
Individualpsychologie hatte ersetzen wollen, ist es erst Stirner
gewesen, der von diesem Standpunkte aus in schroffer Folge⸗
richtigkeit alle Ideale als wesenslose Illusionen zu verwerfen
und nichts als das Ich und seine natürlichen selbstischen Zwecke
als höchste Wirklichkeit hinzustellen suchte. Es waren, in rein
naturalistischem Sinne, die letzten Konsequenzen des absoluten
Subjektivismus; es war das Gegenstück zur Entwicklung des
romantischen Ichs. Und wie dieses aus sich heraus den Idealis⸗
mus der Identitätsphilosophie geschaffen hatte, so ließ sich das
Ich Stirners durch ein volles System des Materialismus ver—
vollständigen, wie es später Strauß in seinem Buche „Der
alte und der neue Glaube“ (1872), wenn auch mit gelegent⸗
lich schmerzlichen Rückblicken auf das verlorene Paradies eines
begeisteten Universums entwickelt hat.
Feuerbach indes zog auf psychologisch-anthropologischem
Gebiete noch nicht diese bitteren Schlüsse; noch lebte in ihm,
wenn auch halb erloschen, ein Funke idealistischen Feuers.
        <pb n="513" />
        Fortschritte des politischen Denkens. J 503

Und so war ihm zwar, konsequent vom Standpunkte des dies⸗
seitigen absoluten Ichs, der Glaube ein rein menschliches Produkt,
die Götterwelt ein Reich eingebildeter Wunschwesen und die
Religion, vornehmlich die christliche, ein Erzeugnis der Selbst—
vergötterung egoistisch-kranker Herzen. Aber er glaubte, Stifter
einer neuen Religion, den Glauben durch die Liebe ersetzen zu
können: in ihrer Zentralisation gewinne die Philosophie „dem
Leben als solchem religiöse Bedeutung ab“; zu ihr als dem
erhabensten Ideale bete im Grunde die Menschheit.
Wurde aber damit nicht tatsächlich das Herzstück des noch
lebendigen Christentums anerkannt? Und bewährte sich nicht
die Philosophie eines stärker gewordenen Wirklichkeitssinnes
eben in dieser neuen Fassung? Schien es jetzt nicht möglich,
vom Christentum abzustreifen was dieser innersten Keimmasse
nicht mehr völlig entsprach?
Wir vermögen uns heute nur schwer noch eine Vorstellung
zu machen von der Wucht, mit der diese und verwandte Ge⸗
danken in den vierziger Jahren wirkten. Hier schien das starke
Motiv einer religiösen Revolution gewonnen und bloßgelegt;
und schon begann es in dem Gebälk der bestehenden Kirchen
zu knistern, zu krachen, zu brechen.
Seit dem Jahre 1841 hielten die alten, nie ganz aus—
gestorbenen protestantischen Rationalisten Magdeburgs öffent—
liche Konferenzen ab zur Begründung eines vernunftgemäßen
praktischen Christentums und begründeten einen Verein der
Lichtfreunde“ oder „Protestantischen Freunde“. Die Be—
wegung griff in der Provinz Sachsen um sich; ihre Seele
waren bald zwei Pastoren, der biedre Uhlich in Magdeburg
und der lebhafte Wislicenus in Halle. Einen größeren Auf—
schwung konnte man seit 1844 feststellen; es begannen zahl⸗
reiche Austritte aus der Kirche; seit 1846 erlebte man die
Bildung „Freier Gemeinden“, die ersten waren die von Halle
und Koͤnigsberg. Und mittlerweile hatte es sich sogar in der
katholischen Kirche zu regen begonnen. Die Ausstellung des
Heiligen Rockes zu Trier im Jahre 1844, vielen freier Ge—
sinnten eine unmittelbare Blasphemie und Gegenstand unzähliger
        <pb n="514" />
        504 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

Pamphlete in Zustimmung und Widerspruch, hatte auf katho—
lischer Seite eine Schrift von Johannes Ronge, einem gemaß⸗
regelten jungen Priester, hervorgerufen: „Gegen das Götzenfest
zu Trier an den dasigen Bischof als den Tetzel des 19. Jahr⸗
hunderts.“ Es folgte die Begründung freisinniger deutsch⸗
katholischer Gemeinden unter Ronge und Czerski; nicht ganz
in sich einig, zählten sie doch nach wenigen Jahren schon etwa
60 000 Anhänger und tagten, nach einem Versöhnungskonzil
zu Leipzig im Jahre 1845, 1847 auf einem zweiten Konzil zu
Berlin.
Es waren Bewegungen, die Orthodoxie und Legitimismus
vor 1848 vergebens zu ersticken suchten. Was half es, daß
man in Preußen im Jahre 1841 den greisen Schelling an die
Universität Berlin berief, auf daß er die „vollkommene Einigung
der Wissenschaft mit einer Johanneskirche der Zukunft“ an—
bahne! Was nützten direkte Maßregeln der Unterdrückung!
Erst in der Restaurationsluft der fünfziger Jahre sind diese
Schöpfungen, an sich nur schwache Symbole der bestehenden
Erregung, zugrunde gegangen: und über ihrem Grabe wie
über den erloschenen Hoffnungen der kirchlich Freisinnigen be—
gann eine der schlimmsten geistigen Erscheinungen des 19. Jahr⸗
hunderts zu brüten, der passive kirchlich-religiöse Widerstand
der Laien, die Stickluft eines vollendeten kirchlichen und gar
bald auch religiösen Indifferentismus.
Vor 1848 aber, und beginnend schon mit den ersten vierziger
Jahren, war inzwischen die religiös-kirchliche Bewegung, an sich
schon erregt genug, durch eine noch viel leidenschaftlichere po⸗
litische Strömung verschärft, ja überholt worden.
Laßt die alten Weiber sich
Um den Himmel schelten!
Aber freie Männer wir
Lassen das nicht gelten.
GBegen dich, o Vaterland,
Sind uns nichts als eitler Tand
Alle Sternenwelten.
(Aus dem Männerlied Gottfried Kinkels, 1846.)
        <pb n="515" />
        Fortschritte des politischen Denkens. 505

IV.

Das, was die neue Bewegung kennzeichnete und weit
hinweghob über alle bisherigen politischen Strömungen, war
der Nationalismus, war die Liebe zum Vaterland. Man kann
zweifelhaft sein, was aus den Forderungen des Liberalismus
allein und damit aus der politischen Kultur des subjektivistischen
Zeitalters in Deutschland überhaupt geworden wäre ohne den
Gedanken an eine politische Einheit, an ein zukünftiges gemein⸗
sames Vaterland. Sicher ist, daß seit den vierziger Jahren
der Liberalismus vor dem mehr kosmopolitischen und partikula⸗
ristifchen Konservatismus auf lange den Vorsprung dadurch
erhielt, daß ihn das heilige Feuer der Vaterlandsliebe zu
wärmen und umzuschmelzen begann: und dies um so mehr,
als die Konservativen in ihrer lauen Haltung wesentlich durch
jene Kirchen bestärkt zu werden schienen, die der Liberalismus
haßte.
Bis zum Jahre 1820 etwa hatte im ganzen und großen
noch die frische begeisterte Vaterlandsliebe der Zeit der Freiheits⸗
kriege fortgewährt. Dann aber war sie weit mehr, als man
gewöhnlich annimmt, in Partikularismus, Kosmopolitismus, ja
Antinationalismus untergegangen. Und so war es zu keinen
vaterländischen Erörterungen großen Stiles mehr, geschweige
denn zu nationalen Parteibildungen gekommen; und als zweifel⸗
haftes Ergebnis all des Aufschwunges der Freiheitszeit war
zunächst nichts zurückgeblieben als der schale Rest eines auf enge
Kreise begrenzten nationalen Radikalismus.
Wie hätte es auch, von einem gewissen Standpunkte aus
betrachtet, anders sein sollen? Ließ sich leugnen, daß dieses
Volk der Franzosen, das man soeben besiegt hatte, doch der
größte Kulturbringer des 18. Jahrhunderts von auswärts ge⸗
wesen war? Galt nicht ein wenig das Ciceronianische Er⸗
fahrungswort Victi victoribus leges dodere, dessen herbe
Wahrheit uns selbst nach 1870 nicht durchweg erspart geblieben
ist? In ganz Deutschland hatten noch ein gutes Teil des
18. Jahrhunderts hindurch Adel und Bürgertum französisch
        <pb n="516" />
        506 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.
—— JI

korrespondiert: so stark war noch die Überlegenheit des geistigen
Exportes Frankreichs seit dem 17. Jahrhundert gewesen. Wenig⸗
stens der Adel aber hat diesen Brauch nicht bloß bis zu den
Freiheitskriegen, sondern auch noch darüber hinaus festgehalten.
Und wo schwärmte man nicht, bis in die vierziger Jahre hinein,
für den kleinen Korporal und seine große Armee? Was sind
noch am Schlusse dieser Zeit sogar die Grenadiere, die nach
Rußland zogen, besungen worden!
Mit diesem Kult des Besiegten verband sich sehr bald eine
befremdliche Art von Friedensliebe, die der Schätzung der
eigenen Nation Abbruch tat. Da rief nicht bloß der Philister
mit dem guten Hebel „Und numme keini Sebel meh!“ —
auch die sogenannten besseren Kreise zeigten sich bald nach den
Freiheitskriegen wieder jenes harten politischen Denkens ent⸗
wöhnt, das mit dem Kriege als letzter Möglichkeit, ja letztem
Gottesurteil ständig rechnet. Eine wunderliche Sorte von po⸗
litischem Kosmopolitismus verbreitete sich, die dem Denken des
16. bis 18. Jahrhunderts, insbesondere der Aufklärung, einige
Momente entnahm und sie mit romantischem Fühlen eigenartig
durchtränkte. Nachdem das Völkerrecht seit dem 16. Jahrhundert
auf die Verbindlichkeit des Jus gentium eine naturrechtliche
Societas gentium aufgebaut hatte, in der, trotz aller den
einzelnen Völkern gewährten Selbständigkeit, die unvertilgbare
Einheit des Menschengeschlechtes zum Ausdruck kam, hatte
man diese neue Völkergemeinschaft dem absterbenden Reichs⸗
gedanken zur Seite gestellt und sich in Stunden patriotischer
Schwäche auf sie bezogen. Und von der Zeit ab, da, kurz
nach der Mitte des 18. Jahrhunderts, durch Nettelbladt zum
ersten Male die Theorie des Bundesstaatsbegriffes deutlicher
ausgestaltet und noch vor Untergang des Reiches durch Pütter
auf dessen staatsrechtliche Konstruktion übertragen worden war,
hatte man begonnen, in einer weiteren Ausdehnung dieser Vor⸗
stellungen auf die Menschheit oder wenigstens auf die euro—
päische Staatengemeinschaft von einer über die Nation hinaus⸗
reichenden Bildung halb öffentlich-rechtlichen und halb völker—
rechtlichen Charakters zu schwärmen, in der mit anderen Völkern
        <pb n="517" />
        Fortschritte des politischen Denkens. 507

auch das deutsche aufzugehen bestimmt sei. Es waren Ge—
danken, die besonders seit dem Untergange des alten Reiches
an Kraft innerer Gestaltung wuchsen. So hat der warm—
herzige Philosoph Krause im Jahre 1808 seinen „Erdrechtsbund“
geschrieben;, in dem er vorschlug, Europa unter Napoleons
Führung und unter französischer Vorherrschaft zu einem Ein⸗
heitsstaate zu gestalten mit Paris als natürlichem Sitze der
Weltregierung, der französischen Sprache als Staatssprache —
und dem allgemeinen Verbote des Leihens auf Zinsen: Phan⸗
tasien, die durch die Kriege der Folgezeit bald aufs grausamste
gekennzeichnet wurden. Als aber nach dem ersten Pariser Frieden
die Heilige Allianz ins Leben zu treten begann: hatte man
da nicht in manchem Betrachte den ersehnten Erdrechtsbund?
Und bewährte er sich nicht gegen Napoleon, den verkörperten
Antichrist, wie gegen das geistige Antichristentum des Libera⸗
lismus? Da war die große Lebensform errungen, deren man
bedurfte. Wozu noch, im Schutzbereiche der Heiligen Allianz,
eine nationale Einheit hinaus über die des Deutschen Bundes?
Selbst in den Kreisen, die liberal empfanden, gewöhnte
man sich an diesen Zustand. War man denn am Ende nicht
wirklich in erster Linie Österreicher, Preuße, Sachse; Mecklen⸗
burger, Reuß-Schleizer, Reuß-Greizer? Die Nationalität
fiel aus; höchstens daß man für sie einen überaus vagen Be—
griff volkstümlicher Bindung entwickelte. In der zartesten, un—
brauchbarsten Form findet sich dieser Begriff schon in der Früh—
romantik. „Deutsche gibt es überall, und Germanität ist so
wenig wie Romanität, Gräzität oder Britannität auf einen
besonderen Staat eingeschränkt; es sind nur allgemeine Menschen—
charaktere, die nur hier und da vorzüglich allgemein geworden
sind.“ Zu den Zeiten des Jungen Deutschlands ist dieser Be—
griff dann gang und gäbe; und schon in Kühnes Novellen
vom Jahre 1881 wird die fatal-deutliche Frage Ernst Moritz
Arndts, was des Deutschen Vaterland sei, mit dem Satze be⸗
antwortet, für die Gemäßigten sei „die Einheit Deutschlands

Herausgg. von Mollat, 1893.
        <pb n="518" />
        508 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

nicht untergegangen, weil diese nicht in äußeren Formen,
sondern in idealer Weise in deutscher Kunst und Wissenschaft“
zu suchen sei.
Da war es denn doch gut, daß es außer den „Ge—
mäßigten“ auch noch Radikale und außer den Gebildeten auch
noch ein Volk gab. In den unteren Kreisen der Nation war
das Gefühl des Deutschtums noch stark; ein mächtiges Funda⸗
ment späteren Aufschwunges heftete es sich politisch an die
immer noch nicht völlig abgestorbenen Reste der Kaisersage des
Mittelalters, deren tiefen Sinn Rückert in seinem Kaiser⸗
Barbarossa-Lied unmittelbar nach den Freiheitskriegen erneuert
hatte. Unter den Gebildeten aber hielten namentlich die Mit—
glieder der weitverbreiteten Burschenschaften der Universitäten
an den politischen Einheitshoffnungen fest; sie wollten „das
Wort nicht brechen, nicht Buben werden gleich“; sie wollten
„predigen und sprechen vom heil'gen deutschen Reich“.
Aber mit den dreißiger Jahren, mit der zunehmenden
Erörterung öffentlicher Fragen überhaupt, begann auch der nie
abgestorbene Keim des nationalen Gedankens von neuem kräftiger
zu schwellen. Leise trieb er namentlich bei den Jungdeutschen
empor und zerstörte die Vorliebe für Frankreich und den
Kosmopolitismus. Und deutlich kann man verfolgen, wie seine
Entwicklung einem sich erneuernden Gefühle für Kraft, Frische
und Selbständigkeit parallel ging. Es ist zunächst noch etwas
halb Unbewußtes, sind Stimmungen und Affekte, die auf⸗
dämmern; es ist bis zu einem gewissen Grade ein Reaktions⸗
gefühl gegen den Intellektualismus und. damit gegen die
Bildung; es ist etwas wie Erdgeruch, wie steigender Saft des
Volkstums. Das alles drückt sich z. B. in dem Satze Laubes
vom Jahre 18838 aus, daß die Unterschiede der Nationen „bis
in den geheimsten Winkel unseres Wesens eingepreßt seien und
am lautesten sprächen, wenn man wer weiß welch hohe Motive
zu hören glaube“. Und führen diese Worte noch die kühle
Sprache der Beobachtung, so ging die Zeit, und mit ihr auch
der Kreis der Jungdeutschen, über den Mangel an Affekt doch
schon in den nächsten Jahren hinaus.
        <pb n="519" />
        Fortschritte des politischen Denkens. 509
Den Wendepunkt bezeichnet hier ziemlich genau das Jahr
1840: und so kann dies Jahr bis zu einem gewissen Grade
als das Geburtsjahr des modernen deutschen Nationalgefühls
gelten. Von niemand aber ist diese Zeit schließlich enthu—
siastischer begrüußt worden, als von dem im Grunde seines
Herzens so nationalen Könige Ludwig von Bayern:
Endlich ist gelöst des Bannes Siegel,
Freudig sind die Herzen aufgetan,
Und das Leben wird des Denkens Spiegel,
And zur Wahrheit was erschien als Wahn.
Bezeichnend war dabei, daß das eigentliche Signal des
Aufschwunges durch das erste Ereignis der äußeren Geschichte
gegeben wurde, das die Nation seit den Tagen der Freiheits⸗
kriege wieder erregte: die Bedrohung der Rheingrenze durch
die Franzosen!. Es war wie das früheste, fernste Wetter⸗
leuchten einer Zeit, die da kommen mußte, einer Zeit der
kriegerischen und der staatsmännischen Tat. Und alsbald er⸗
weckte diese erste nationale Stimmung auch die nationale
Poesie: von der epischen Haltung, mit der Jungdeutschland
die Gebildeten zu umstricken versucht hatte, sprang die Dichtung
zur Lyrik über und sang zum Volke. So vermählten sich in
ihr noch einmal letzte Neigungen der Vergangenheit, die auf
Denken und Dichten gingen, mit der Tatenspannung des Zu—
künftigen. Beckers Rheinlied „Sie sollen ihn nicht haben!“
erschien, ein Chor von Liedern schloß sich ihm an, geführt noch
von dem greisen Ernst Moritz Arndt, der, nun einundsiebzig⸗
jährig, in einem von edelster Begeisterung getragenen Liede die
Brücke schlug zwischen der alten Zeit der Erhebung seit 1806
und der neu sich ankündigenden Zeit der vierziger Jahre;
und in den Ruf der Dichter mischte sich schon ein eherner
Drommetenton der Musik; über hundertfünfzig Male ist Beckers
Rheinlied komponiert worden. Unter den Komponisten aber be⸗
faud sich auch Schneckenburger; und eben diesen Tagen verdankt
senes Lied von der Wacht am Rhein seine Entstehung, das ein

S. oben S. 378.
        <pb n="520" />
        510 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

Menschenalter später, nach langem Schlummer, zum Höchsten
berufen war, was ein Dichter und Sänger erträumen kann:
zum Herolds- und Kriegsrufe seines Volkes.
Alsbald aber wurden die Weisen auch mannigfaltiger und
die Meinungen tiefer begründet; von den äußeren Sorgen
sprang die Dichtung über zu den inneren, zu freiheitlicher
Prophezeiung, Erwartung, Verkündigung. So enthält das
gedankenreiche Gedicht von Robert Prutz aus dieser Zeit, „Der
Rhein“, die Strophe:
Gebt frei das Wort, ihr Herr'n auf euren Thronen,
So wird das andre sich von selbst befrei'n.
Wagt's und vertraut! In allen euren Kronen
Wo strahlt ein hell'res, edleres Gestein?
Die Preffe freil! Uns selber macht zum Richter,
Das Volk ist reif — ich wag's und sag' es laut:
Auf eure Weisen baut, auf eure Dichter,
Sie, denen Gott noch Größ'res anvertraut!
Unter diesem Ansturm schwand zunächst die begründende,
forschende, staatsrechtliche Erwägung. Schon der Schluß der
dreißiger Jahre hatte vielfach mit Ruge! gemeint, der Staat
sei weder ein Organismus noch eine Maschine, sondern das
freie Reich der Sittlichkeit — und zu erreichen sei er nur durch
scharfe Forderungen des Tages: die französische Revolution
sei eine „notwendige Blutwäsche“ gewesen. Im Beginne der
vierziger Jahre aber waren wohl neue Anfänge einer Staats—
lehre zu bemerken gewesen, die nun wirklich freiem Subjekti⸗
vismus zustrebte, so z. B. in Bluntschlis ‚Psychologischen Studien
über Staat und Kirche“ (1844): allein, soweit ——
besser ausgebaut worden waren, fielen sie erst späteren Zeiten
zu. Was jetzt zur Frage stand, war ein anderes: Stimmungen,
deren Ziele sich allmählich konkreter gestalteten; Ahnungen, die
sich verdichteten; Visionen, deren Verwirklichung erstrebt,
Forderungen, deren Erfüllung immer ungestümer verlangt wurde.
So war denn die Politik auch innerlich eine Politik noch der
Dichter; der äußeren Erscheinung nach aber sind um das eine

Hallesche Jahrbücher S. 1169 f.
        <pb n="521" />
        Fortschritte des politischen Denkens. 511

Jahr 1840 herum allein schon die sehr politischen „Unpolitischen
Lieder“ von Hoffmann von Fallersleben, die „Lieder eines
kosmopolitischen Nachtwächters“ von Dingelstedt, die satirische
Komödie „Politische Wochenstube“ von Prutz, die „Gedichte
eines Lebendigen“ von Herwegh ins Feld getreten.
Von den beteiligten Dichtern war Hoffmann von Fallers⸗
leben, damals schon etwa vierzigjährig, noch der ruhigste,
der eigentliche Vaterlandssänger, der unsterbliche Dichter des
„Liedes aller Deutschen“: „Deutschland, Deutschland über alles!“
(1841). Gerade, ehrlich, der Romantik noch nicht gänzlich fern,
schuf er aus der Tiefe einer eingehenden geschichtlichen Kenntnis
der deutschen Volksseele; wir haben Lieder von ihm, die man
nach ihrem psychischen Gehalte auf den ersten Blick geneigt
sein könnte dem 15. oder 16. Jahrhundert zuzuschreiben, so
scharf erfassen sie den historischen Moment; und auf echt alt⸗
germanisch ist seine Lyrik unzertrennlich vom Gesange. So
hat er schon in jungen Jahren so köstliche Kunstwerke ge—
schaffen, wie das heute noch vielgesungene ‚Zwischen Frankreich
und dem Böhmerwald“. Um das Jahr 1840 aber, mit der
Thronbesteigung Friedrich Wilhelms IV., dessen Untertan er
als Professor an der Universität Breslau war, wurde er
politisch. Und politisch hieß ihm national:
Treue Liebe bis zum Grabe
Schwör' ich dir mit Herz und Hand;
Was ich bin und was ich habe,
Dank' ich dir. mein Vaterland.

Indes auch dieser reinste aller politischen Standpunkte,
dessen Höhe lauter aus den Unpolitischen Liedern hervorgeht,
schützte ihren Verfasser nicht vor Verfolgung; Anfang 18483
wurde Hoffmann seines Amtes entsetzt. Es hat ihn nicht
eigentlich verbittert:

Es ist noch nichts verloren:
Professor oder nicht —
Der findet noch Augen und Ohren,
Wer Wahrheit schreibt und spricht.
Doch tritt in seinen späteren Gedichten, neben manchem
        <pb n="522" />
        512 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

wirklichen Sarkasmus, ein gutmütig ironisierender Humor mehr
als früher hervor, so in der folgenden Zeitungspersiflage:

Ein Portepeefähnrich ist Leutnant geworden,
Ein Oberhofprediger erhielt einen Orden,
Die Lakaien erhielten silberne Borten,
Die höchsten Herrschaften gehen nach Norden,
Und zeitig ist es Frühling geworden —
Wie interessant! Wie interessant!
Gott segne das liebe Vaterland!

Geistig bedeutender, bei weitem persönlicher, aber eben
darum nicht gleich stark in die Weite wirkend, seiner Anlage
nach aristokratischer und seinem Vorgehen nach überlegen⸗rück⸗
sichtslos ist Dingelstedt:

Was ist, ihr Herr'n, ein deutscher Patriot?
An alle Fakultäten diese Frage!—
„Ein Mann, der Sonntags dient dem lieben Gott
Und seinem König alle Werkeltage.“

So hat er wesentlich nur verneinend geschaffen; mit Recht
trägt seine erste Gedichtsammlung das Motto aus Béranger:
Pteignons les lumières et rallumous le feu!“ Doch besteht
über sein tief nationales Pathos kein Zweifel, wenn auch seine
gelegentlich an Heine erinnernde Anlage wie seine späteren
Schicksale — er wurde 1845 Königlich Wuürttembergischer
Dramaturg in Stuttgart und brachte es bis zum „Geheim⸗
rat“ — bei den Zeitgenossen wie später gelegentlich Zweifel
an seine Aufrichtigkeit weckten.
Unter solchen Zweifeln nun hat Prutz nie gelitten, denn
er war der korrekte Dichter des gemäßigten Liberalismus; be⸗
zeichnend ist in dieser Hinsicht, daß schon bei ihm die Hoffnung
auf einen großen Helden und Retter emportaucht, der der
eigenen maßvollen Ohnmacht aufhelfen soll:

Wird er erscheinen?
Wird er sich zeigen,
Unser erwarteter
Pfeilbewaffneter
Rächender Gott?
        <pb n="523" />
        Fortschritte des politischen Denkens. 518

O du erwarteter
O du verheißener
Freundlicher Bote zukünftiger Zeit!
O erschein', o erschein' uns, wir flehen dich an,
Dein wartet in Tränen, dein wartet die Welt:
O erscheine dem hoffenden Volke!
Wolitische Wochenstube.)
Aus ganz anderem Holze geschnitzt war Georg Herwegh. Es
war das Geringste, was von ihm gesagt werden konnte, wenn
ihn Gottfried Keller mit der Zeile pries: „Zum Wecker bist
vor vielen du gefürstet!“ Er hat manch schönes unpolitisches
Lied gedichtet; noch singt man von ihm „Die bange Nacht ist
nun herum“, und wohl auch gelegentlich noch einmal das einst—
mals vielgeliebte „Ich möchte hingehn wie das Abendrot“.
Was ihm aber politisch seine Stelle wies, das war der Um—
stand, daß er den frühen Radikalismus des Jungen Deutsch-—
lands um vieles reifer und schärfer wieder aufnahm; aus der
Gedankenwelt Börnes und über sie hinaus erwachsen seine Lieder.
Und erst recht ihre Form zeigt, daß die Trennungstage eines
gemäßigten und eines radikalen Liberalismus nahten: rhetorisch
zugespitzt, erbittert und erbitternd, Stacheln gleich dringen sie
in die Gesinnung des Lesers; und sollte ihnen aus ihnen selbst
ein Motto gegeben werden, so müßten es die Zeilen sein
Wir haben lang genug geliebt,
Wir wollen endlich hassen.

Sõ erhält der Dichter unerwartete Beziehungen zu manchem
großen Sänger der Jahre des Franzosenhasses und der Be—
freiung; und in den Strophen des „Aufrufs“ ist es wie ein
Wiederaufleben des Ingrimms der Geharnischten Sonette:
Vor der Freiheit sei kein Frieden,
Sei dem Mann kein Weib beschieden,
Und kein goldnes Korn dem Feld!
Bor der Freiheit, vor dem Siege
Seh' kein Säugling aus der Wiege
Frohen Blickes in die Welt!
Doch streckt sich der Dichter nicht minder nach vorwärts;
und wo die großen Ziele einer Demokratie der Zukunft auf—
Lambrecht. Deutsche Geschichte. X. 38
        <pb n="524" />
        514 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

dämmern selbst in den entfernten Regionen eines national⸗
demokratischen Systems, da ist er heimisch. So hat er mit
zuerst die ungeheure Bedeutung einer nationalen Expansion
über See geahnt; und noch heute wirkt sein Flottenlied mit
der Gewalt eines der Zukunft gewidmeten Impulses:
Erwach, mein Volk, mit neuen Sinnen!
Blick in des Schicksals goldnes Buch!
Lies aus den Sternen dir den Spruch:
Du sollst die Welt gewinnen!

Erwach, mein Volk! Heiß deine Töchter spinnen!
Wir brauchen wieder einmal deutsches Linnen
Zu deutschem Segeltuch!

Gegenüber diesen Weiten, die freilich in späteren Jahren
dichterischem Ermatten und steigender Verbitterung wichen,
treten Dichter wie Freiligrath und auch Heine weit zurück.
Freiligrath, der zuerst im Jahre 1844 mit der Gedichtsamm⸗
lung „Ein Glaubensbekenntnis“ eingriff, ist wohl von gewaltiger
Kraft und hinreißendem Schwunge der Sprache und hat den
Vorteil, der späten seichten Rhetorik Herweghscher Verse im
allgemeinen fern zu bleiben; aber ein Seher, wie es ein po⸗
litischer Dichter vor allem sein soll, war er kaum. Dagegen
— DDDDDO
besondere des Jahres 1848, mit dem heißen Blute seiner Verse
besprengt, ein Dichter der sich vollendenden Revolution ohne⸗
gleichen: und mit Recht darum noch ein Liebling des revolutio⸗
nären Proletariates der Gegenwart. Heines Stellung in den
oierziger Jahren ist im Grunde leicht verständlich. Er war
der Veteran der Opposition, wie er schon der Vorkämpfer und
Parabat des Jungen Deutschlands gewesen war; und das
gab ihm Autorität und das Recht, gehört zu werden. Aber
war er eigentlich jemals national gewesen in dem glühend—
praktischen Sinne des staatsmännischen Talentes? Hatte er ein⸗
zugreifen versucht? Seit den Tagen der Julirevolution saß er
den deutschen Ereignissen persönlich fern in Paris — draußen⸗
stehend, von objektiver Jronie —: und sein Urteil wurde doch
oielfach nur zufälligen Veranlassungen und rein individueller
        <pb n="525" />
        Fortschritte des politischen Denkens. 515

Veranlagung, der Spottsucht des Autors, der satirischen Ader,
dem Scharfblick, der ein Objekt suchte, dem Ehrgeiz, der des
literarischen Erfolges bedurfte, verdankt. Gewiß war ihm
Deutschland dabei nicht bloß Prügelknabe; er besaß eine höchste
politische Tendenz; und nicht so ganz fern war er dem Pathos
der werdenden Dinge. Aber seine Erwartungen galten nicht
nur Deutschland. Er ersehnte ein Reich des freien Geistes;
er war kulturpolitisch, was Napoleon III. machtpolitisch war:
der Erträumer einer internationalen liberalen Zukunft: und
in dieser Zukunft galt ihm, wie Napoleon, Frankreich als
Führer. So begreift es sich, daß seine späteren satirischen
Verse, „Deutschland, ein Wintermärchen“ (1844), „Atta Troll“
(1847) und anderes, heute noch von jungen Leuten gelesen
werden, welche die glänzende Form besticht und der freche
Inhalt kitzelt; die Erfahrung Alterer wendet sich von ihnen
ab, denn sie enthalten kein Programm und sie atmen keine
verhaltene Liebe.
Und doch ging es in den Jahren, da Heine sich so ver⸗
nehmen ließ, in Deutschland schon machtvoll vorwärts; doch
wäre so viel Positives bereits zu raten gewesen.
Schon in den ersten Jahren des fünften Jahrzehnts hatte
der nationale Gedanke auch hier und da in den Parlamenten
der einzelnen Länder, wo sie bestanden, Fuß gefaßt: in Sachsen
gelegentlich, stärker im deutschen Südwesten, in Baden, in
Hessen. In Hessen-Darmstadt hatte 1842 der Abgeordnete
Glaubrech aus Anlaß des hannöverschen Verfassungsbruches
und seiner Folgen beantragt, „laut und freimütig die Stimme
zu erheben zur Verteidigung der heiligsten und wichtigsten
Interessen des gemeinsamen Vaterlandes“. In der Germanisten⸗
versammlung des Jahres 1846 zu Frankfurt sprach es Uhland bei
einer Tagung im Römer, in dem Bankettsaal der alten Kaiser—
krönungen, offen aus: es sei ihm, als wollten die Gemälde der
alten Herrscher, die die Wände zieren, lebendig werden, als
wollten die Kaiser herabspringen unter ihr Volk. Ein dJahr
später aber forderte eine Versammlung sudwestdeutscher Liberaler
zu Heppenheim schon die Berufung eines Zollparlaments. Und
3830*
        <pb n="526" />
        516 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

wiederum ein Jahr darauf, im Februar 1848, beantragte
Bassermann im badischen Landtage die Berufung eines
nationalen, eines politischen deutschen Parlamentes neben dem
Bundestag.
Zugleich mit der Verdeutlichung vor allem zunächst der na⸗
tionalen Forderungen wuchs aber auch das allgemeine Unbehagen
mit dem Bestehenden; die Nation begann zu fiebern, Gewalt⸗
tätigkeit aus gleichviel welchem Anlaß wurde zum Zeichen der
Zeit: bereits 1845 kam es in Leipzig, auch in München und
Stuttgart zu Unruhen. Und schon erschienen jetzt Männer
liberaler Gesinnungsart als Reaktionäre, die noch 1840 als
fortschrittlich gegolten hatten: der Radikalismus erhob sein
Haupt und organisierte sich 1846 zum ersten Male partei⸗
politisch in der badischen Kammer unter Hecker, Struve und
Fickler: unruhig wurden der Strom des nationalen Lebens,
aufzischend da und dort unter entgegenstrebenden Hindernissen:
das brodelnde Kochen von Wässern stellte sich ein, die nahen
Katarakten entgegeneilen.
Da mochte denn wohl ein Schweizer Kind, das treu
deutsch beobachtete, im Jahre 18485 noch gelegentlich dichten:
Noch kämpfen wir, durchringend Jahr um Jahr,
Noch tut uns not ein scharf, ob unschön Zanken;
Durch dieses Zeitenwaldes wirre Ranken
bacht eine Zukunftsau noch nicht uns klar.
(Gottfried Keller.)
Bei den wahren Propheten der Zukunft streckten sich gleich⸗
wohl die Ziele bereits deutlicher vorwärts, und von fern
leuchteten den rechten Sehern und sah auch Gottfried Keller
bereis blutig lohende Fanale:
Sie sehnen sich nach Gewitternacht,
Nach Sturm und Regen und Donnerschlag,
Nach einer wogenden Freiheitsschlacht
Und einem entscheidenden Völkertag!

Das waren denn wahrlich nicht mehr die Ideale, die der
alternde Goethe erspäht hatte: „nicht sicher zwar, doch tätig frei
zu wohnen“. Anderes kuündete der Führer eines neuen dichtenden
        <pb n="527" />
        Fortschritte des politischen Denkens. 517

Geschlechtes, der jugendliche Geibel, in seinen besten Stunden
der Welt, die er bereits schärfer, realistischer, ein Mann von
Herz, von Glauben, von Treue, erschaute:
Bei Gott, ich zähle nicht zu den Verwegnen,
Die um ein Nichts ein schwer Verhängnis fodern;
Doch besser als am innern Krebs vermodern
Deucht mir's, dem Feind auf blut'gem Feld begegnen .
Krieg! Krieg! Gebt einen Krieg uns für den Hader,
Der uns das Mark versenget im Gebein —
Deutschland ist todkrank, schlagt ihm eine Ader!

Und von der festen Warte seines Glaubens, der sich ihm
in der Vision des Nibelungenenkels offenbarte, ließ er es
hinabschallen in die deutsche Welt:

Wacht auf! Ruft euch die Stimme
Des Wächters von der hohen Zinne,
Wach' auf, du weites deutsches Land!
Die ihr an der Donau hauset
Und wo der Rhein durch Felsen braufet
Und wo sich türmt der Düne Sand!
Habt Wacht am Heimatsherd,
In treuer Hand das Schwert
Jede Stunde!
Zu scharfem Streit
Macht euch bereit!
Der Tag des Kampfes ist nicht weit.
        <pb n="528" />
        J. Bachxregister.

N

Aachen, Kongreß von 1818 855
— Zeit der Julirevolution 896
— Rathaus 260. 280.
Absolutismus 880 f.
Adel, im 19. Jahrhundert 452 ff.
—333 Friede von 1828
Agypten 864. 377.
Asthetik 335.
Albanien 864.
A Woan derbad im Fichtelgebirge
Alexandriner 229.
Algler 376.
Almanache 264.
Altertumswissenschaft 247. 344
bis 349.
Amerxika, Alexander von Humboldts
Reisen dahin 811 f.
Analogieschluß 34f. 49. 193f.
Ancona 374. 377.
Anhalt, Herzogtum 480.
Anthropogeographie 245.
Anthropotogse 212 245. 501
Antike 7. 28. 68. 89. 98. 444.
Antisemitismus 392. 481.
Antwerpen 148. 372.
Aquatintamanier 264.
Arithmetik 2885.
Arnstadt 429.
Afiatische Gesellschaft in Kal—
kutta 227.
Afisen, Forschung im 19. Jahr⸗
hundert 225 ff.
Askese 5.
Assoziationsp ologie 321.
Astronomie 8. Inge ß ff.
Athen 347.

Athenaeum, Zeitschrift 21. 24.
52 f. 62. 70. 80 Anm. 121. 246
259. 842 Anm. 471 Anm.
Aufklärungszeitalter 10. 56.
463. 478. 409. 506.
Augsburg, Industrie 418.

B.

Bademn, 19. Jahrhundert 306 f.
399 f. 404. 406. 481. 489. 469.
zisf.
Balladen 188f.
Barbizon bei Paris, Malerschule
271. 276.
Barock 272.
B 9 l1, Geistesleben 20. — Handel
Bauernstand im Mittelalter 6.
— im 19. Jahrhundert 404. 411.
Baukunst 155 bis 160. 262.
Baumwollindustrie 415 ff.
Bayern, Königreich, Geistesleben
21. 486. — Politische Geschichte im
19. Jahrhundert 884 f. 387 bis
409. 429 ff. — Industrie 417. —
Zollwesen 420.
Belgien, 19. Jahrhundert 354.
—
Bergbau 412f.
Berlin, politische Geschichte im
19. Jahrhundert 396. — Geistes⸗
leben im 18. und 19. Jahrhundert
21. 45. 52. 58. 75. 249. 312. 329.
345. 454. 487. 504. — Kunst 125.
146. 148. 154. 158. 264. 269. 272.
— Handwerk 414.
ediee 364.
Bibelforschung 4983.
Biedermeierstil 436.
        <pb n="529" />
        Sachregister.

519

Bildende Kunst im 18. Jahr⸗
Wonen 9. — Zeit der Romantik
3ff Ids bis 160.
Bildnismalerei 268. 271f. 318.
Biologie 207.
Bodenregal 449.
Bolivia 361.
Bollandisten 229.
Bologna, 19. Jahrhundert 374
Bonn, Univerfität 809. 344. 499.
Boothia Felix 306.
Botanik 207 bis 215.
Brandenburg, Provinz, Indu—
strie 418. — Geistesleben 454.
—— 355. 361 f. 425.
raunschwei erzogtum 371.
—A *8*
Breslau 386. 511.
Brüssel 148.
Buchbinderhaudwerk 414.
Buchdruck 262f.
Buͤrgerstand im 19. Jahrhundert
4189 bis 425.
Bukarest, Friede von 1812 364.
— zu Frankfurta. M
385 bis 409. 468f. 484. 492. 516
Burschenschaft 890 f. 398. 508.
Byzantiner 229.

„Deutschland“, Zeitschrift 17 Anm.
Dezimalwagen 197.
—43338 der Romantik 160 bis
Dongola, Landschaft am Nil 864.
Drama 1064. — der Romantik b2ff.
84. 160 bis 167.
Drechflerhandwerk 414.
Drehwagen 197.
eeeieret 410.
Dresden, 19. Jahrhundert 405. —
Kunst 86f. 133. 264. 269.
Düfseldorf 130. — Kunst 144
146. 150. 153 5j. 272 bis 281.

E.

Eisenach 390. 480.
Eisenbahnen 43.
Eisleben 477.
Elbschiffahrt 432.
Eleaten 255.
Elfaß, Geistesleben 181. 184f.
Empfindsamkeitszeitalter 5.
9f. 17f. 20. 22f. 37. 51. 67. 70.
75. 83. 102. 107. 110. 124. 157.
80. 179. 196. 212. 217. 287. 248.
258.
ẽngland, politische Geschichte im
19. Jahrhundert 356 bis 409. —
Geistesleben im 17. Jahrhundert
833. — im 19. Jahrhundert 319.
462. 477. — Schauspielkunst 67.
— Andere Künste 160. 265. 276.
281. — Industrie und Fendel
411 f. 4160 422 bis 425. 427.
Epidauros 865.
Erfurt 430.
Evapgelische Kirchenzeitung

M

Camera obscura 288.
Lhausseen fiehe Kunststraßen.
Chemie 200 bis 228. 285f. 292 bis
—18 .
Fhemische Jahresberichte 295.
Chile 861. day g
Chios 365.
Christiania 290.
Christinos 375.
Chronologie 846.
Fslumbia. Republik 361.

8.

D.

Fabriken 413 ff. 418.
allmaschinen 197.
Fichtelgebirge, 8310.
Flandern, 19. Jahrhundert 372.
— vlämische Kunst 1488. 264. 271.
— Wissenschaft 341.
—38 — Blätter 268.
Frankfurt am Main (Giehe auch
Bundestag), 19. Jahrhundert 385.
396. 4065 428 bis 431. 435. —

Ddänemark 425.
—I 272. 288. 486.
Daheim, Zeitschrift 265.
Dampfschiffahrt 485.
Dardanellen 377.
Darfur, Landschaft im Sudan 864.
Darmstadt 20. 4209.
Ddeutscher Bund 385 bis 409.
        <pb n="530" />
        220 Sachregister.

Geistesleben 20. 283. 473. 515. —
Kunst 96. 280. — Meffe 4188.—
Paulskirche siehe Bundestag.
Frankreich, isane des 18. Jahr⸗
hunderts 350 bis 409. 478.
Staatswesen 462. — Geistesleben
198. 211. 319. 3429. — Kunst 124
160. 276.
Frauenemanzipation 15. 479f
—5
reiberg in Sachfen 412.
Freiburg im Breisgau 468.
Freie Gemeinden 503.
Freiheitskriege, Wirkung auf
das Geistesleben 20. — auf die
Künste 174 ff. 269. — auf Hande'
und Gewerbe 416. 419. — Stim
mung nach ihnen 174 ff. 382.
267.
reimaurerei 856.
Der Freisinnige“, Zeitung 468
Freundschaftskültus 287.
—— ei 262
ulda, Stadt 429.

G.

Galvanismus 289.
Galvanometer 200.
Bartenlaube, Zeitschrift 265.
G azette ipe
Geisteswissenschaften, Zeit der
Romantik 224 ff.
Genf 466.
Genremalerei 268.
Geographie 304. 306. 314 ff.
Geologie 804. 306 bis 316.
Geoméetrie 285.
Geophysik 304. 306.
Germanistenversammlung von
1846 515.
Geschichtswissenschaft 284 ff.
Gesprißte Manier der Lictho—
graphie 264.
Gesteinslehre 300 ff.
Besundbeten, Gebetsheilun—
gen 18. 453.
Gewerbe im 19. Jahrhundert 412ff
Gießen 390.
Götlingen 20. 197. 405. 469.
dnhddi erei⸗ Versuche hierzu
Gotha, 19. Jahrhundert 272.
Gotik 156 6bis hihn

Graphische Künste siehe Griffel—
künste.
Griechenland, 19. Jahrhundert
225. 363 bis 367. 403.
Griffelkünste 262 bis 267.
Gustav-⸗Adolf-Verein 409.

Halle (Saale), Handel 480. —
Geistesleben 508. — Universität
58. 345.
Hallesche Jahrbücher 499. 510
———ã— stadt an der H
Hamba ei Neustadt an der Hardt
zos f. 469
Hamburg, Geistesleben 20. 208.
—.Kunst 92. 99. 269. — Handel
381. 425. — Zeit der Julirevolu⸗
tion 396.
Handel im Mittelalter 6. — im
19. Jahrhundert 426 bis 487.
84 de lsverein, Mitteldeutscher
29 f.
H 44 * erk im 189. Jahrhundert
Hanndover, Königreich 884. 396.
405. 407 f. 429. 431.
parpor er (Stadt), Kunst 92.
ansestädte (siehe auch die einzel⸗
nen Städte) 425. 431.
danitrhande 434.
ausindustrie, Hausierer
358 ehrha
eerwesen, 19. Jahrhundert 386ff.
404. 418. f
Heidelberg, Universität 839. 501
Anm.
de e 300.
Heilige Allianz 854 bis 380.
455. 507.
Heiliger Rock 5308.
8 eppenheim an der Bergstraße 515.
errnhut 56f. 458.
H Nen Großherzogtum 400. 4380.
Zesen v zu hus 429.
Hefssen-Kafsel, Kurfürstentum
371. 396. 405. 429j. 487.
Hetärie der Philiter 865.
Hetärie der Philomusen 865.
indostan 226f.
ohenzollern, Fürstentum 429.
        <pb n="531" />
        Sachregister.

521

olland siehe Riederlande.
olzschnitt 262 bis 266.
Homöopathie 218.
Humanismus 91.
Hunkiar Iskelessi, Vertrag von
1833 377.

Karpologie 209.
———
Katholizismus siehe Kirche.
Kattundruck 418.
Kiel 487.
Kindergärten 326.
Kirche, kirchliche Verhältnisse in
Deutschland im 19. Jahrhundert
442. 486 bis 504.
Kirchenstaat, 19. Jahrhundert
3378313.
Kladderadatsch 265.
—A
Jahrhunderts 5. 9f. 18. 22 ff. 51.
63. 68. 70. 89 ff. 101. 103. 107.
110. 217. 266. 268. 318.
Klempnerhandwerk 414.
Klimatologie 306.
Koblenz 891.
Köln, politische Se e 442. —
Dom 28. 157f. — Kunst 95. 282.
Königsberg in Preußen 20. 508.
Konservatißmus 352ff. 438 bis
486. 505.
Kontinentalfperre 412. 416 ff.
422. 425.
Konzerte 261.
Kopenhagen 155. 289.
Kreuzzeltung Meue preußische
Zeitung) 455.
Kreuzzuͤge 376.
Krim 364.
Kütschük Kainardsche, Friede
von 1774 364.
Kulturgeschichte 281. 248 ff.
—
Lulturkampf 442.
stunstblätter 154.
Kunstgeschichte 277.
Kunststraßen 482.
Kunstvereine 486.
Kupserstich W2f.2685 ff.
Kutahia, Präliminarfriede von
1833 377.
Kyffhäusersage 508.

Illustrierte Zeitung 265.
Impressionismus 271.
In dien, Forschung 228 ff.
Individuaglismus 34. 48. 112
————
Indoeuropäer 227.
Induktionsschluß 194.
Industrie im 18,. Jahrhundert
ia ff As.
Ingolstadt 203.
Instrumentenmacher 414.
Investiturstreit 6.
Isis, Zeitschrift 389.
Jtalien, Reisen dahin 225. —
Geistesleben 319. — Kunst 90. 134.
— Politische Geschichte zu Anfang
des 19. Jahrhunderts 353. 355 bis
859. 371. 373 f. 381. 403.

J Wokal).

J GKonsonant).
Jahrbücher der Deutschen Ge—
schichte 228.
Janitscharen 867.
Jasfsy 366.
Java 300.
Jena, Zeit Schillers und der Ro—
mantik 21. 39. 45. 52. 222. 249
327. — Burschenschaft 390 f.
Judentum, 189. Jahrhundert 21.
3Aαο,. 48.
Julirevolution siehe Revolution
von 1830
„Junges Deutschland 473 bis
486.490. 492. 508. 5183.

4

Kalisch 3808.
Kalkutta 227.
Karikatur 148. 265.
Karlisten 8375.
Karlsbader Beschlüsse von 1819
392 bis 395. 401f.

Laibach 362.
Landschaftsmalerei 149 ff.
269 ff.
Landwirtschaft im 19. Jahrhun—
dert 410f. 449.
        <pb n="532" />
        522

Sachregister.

La Plata 361.
Leinenweberei 415f.
Leipzig, Geistesleben 20. 56 Anm
— ——
— Kunst 125. 140 f. — Messe 427.
483. 486. — Völkerschlacht 158.
390. ⸗ spätere Geschichte im 18.
Jahrhundert 405. 516.
Liberale Parteien, Liberalis—
mus 352f. 398. 438 bis 442. 450.
454. 460 bis 517.
Lichtfreunde, protestantischer Ver—
ein 5803.
Lied, Zeit der Romantik 124 bis 131
Lithographie siehe Steindruck.
Logik 320.
ee 414.
London, 19. Jahrhundert 367 f.
372. 379. — Kunst 186.
Lübeck 92. 95. 234.
Luisenburg bei Alexanderbad im
Fichtelgebirge 310.
Luxemburg, Großherzogtum 373.
Luremburg, Stadt 387.
Lyrik der Romantik 174 bis 191.

Metaphysik 320. 501.
Meteorologie 305.
dexiko 95. 361 f.
Kilitärmalerei 268f.
tineralogie 304.
dissolunghi 365.
Nodena 357. 378.
doldau, Fürstentum 364.
donroedoktrin 362.
Kontpellier 211.
Monumenta Germaniae
historica 228.
Morea 365.
Müllereigewerbe 415.
München, politische Geschichte im
19. Jahrhundert 516. — Kunst
6. 145 f. 150. 260. 2609 f. 272 f. —
Universität 45.
Münchener Bilderbogen 265.
—
Münfter in Westfalen 156.
Mule-Jenny-Maschine 417.
Munkacz 365.
Musik im 18. u. 19. Jahrhundert
9 f. 13. 16. 119 bis 148. 347.
Mystik, Mystizismus 12. 34-87.
—5—
Myuthologie 245. 248. 346. 445.

Märchen 287. 248.
Magdeburg 414. 508.
Mainz (Stadt) 387. 392. 396. —
Dom 86.
Malexrei der Romantik 85 bis 93.
148 bis 155. 260 bis 282.
Mannheim 305. 482.
Manufaktur 4ff.
R s urg in Hessen, Universität
Marienburg in Westpreußen 157.
Marseillaise 122. 378.
Materialismus 31. 288. 317.
Mathematik 191 ff. 218. 285.
Maurerhandwerk 414.
Mauriner 229.
Mechanik 195. 216 f. 285 f. 820.
Mecklenburg-Schwerin,
19. Jahrhundert 425. 481. 487
Medianismus 138.
Medizin 208 211f 222. 285.
Meersburg am Bodensee 218.
Meißen 233.
Mesmerismus 12. 218.
Messen (Handelsmessen) 4883. 485.

M.

Rafsau, Herzogtum 429. 481.
ationale Weltanschauung
352 ff. 379. 450. 505 bis 517.
staturalismus des 19. Jahr—
hunderts 14. 20..
Naturrecht 205. 288.
staturwissenschaften im 189.
Jahrhundert 4. 31. 191 bis 224.
282 bis 808. 320. 348. — Natur—
philosophie 31. 201. 209. 220
bis 224. 252. 284. 286. 298.
296 ff. 501.
Raumburg an der Saale 454.
Tavarino, Schlacht von 1827 367f.
Nazarener, Malerschule 96. 100.
144 f. 153. 157. 159. 174. 191. 260.
Reapel, 19. Jahrhundert 857.
Nemesis, Zeitschrift 889.
Neptunisten 306 f.
Neuenburg Gteufchätel) in der
Schweiz 270.
Nibelungenlied 20. 109.
        <pb n="533" />
        Sachregister.

523

Niederländisch-Indische Kom—
panie 300.
Riederlande, 19. Jahrhundert
354. 371. 381. 395. — Geistes—
leben im 18. und 18. Jahrhundert
38. 341. — Handel 411. — Kunst
90. 262. 281.
Nifib, Schlacht von 1839 377.
Nordfseehandel 425.
Novellen 172f. 474.
Nubien 364.
Nürnberg 169. 428.

Peru 861.
Petrographie siehe Gesteinslehre.
Pfalz. 19. Jahrhundert 8396.
Philologie im 19. Jahrhundert
343 bis 349.
Phlogiston 199. 204.
Photographie 267. 272. 288 f.
Physit 196 bis 228. 285 bis 292.
295. 297.
Bhysiologie 207 bis 215.
Fiemont 357 f.
Zietismus 12. 453.
Blutonisten 306.
Polen, Zeit Napoleons J. 353. —
Mitte des 19. Jahrhunderts 371.
Pommern 454.
Porten 434.
Porträtmalerei siehe Bildnis—
malerei.
Portugal, 19. Jahrhundert 855
zöd f.g185. 381.
Posen (Provinz) 8385.
Postwesen 386. 477.
Potsdam 158.
Präformation 214ff.
Prag 64. 148.
VPrefsse 476. — Preßfreiheit 392.
zon 406 f.
Preußen, Heerwesen 886 ff. 404.
418. — Verwaltung 402 bis 409. —
Finanzen 412. 4183 Anm. 415f.
120 bis 487. 481. — Kirche 442.
486 ff. — Politische Geschichte des
19. Jahrhunderts 356. 863. 366.
370. 380 bis 409.
Preußen (Provinzen) 385. 454.
Pygeerantischege eunde, Verein
Protestantismus siehe Kirche.
Pfychologie is6. o. 820 bis
327. 3475 501.

O.

Osterreich-Ungarn, Finanzwesen
422. — — * 2 8 —
162. — Politische Geschichte im
19. Jahrhundert 850 bis 409.
431. 450.
Okkasionalisten 34.
Oktkultismus 13.
Oldenburg, Großherzogtum 429.
Oper 104. 120 bis 124. 129. 131
bis 148.
Operette 124.
Oratorium 132.
Orgenisches Statut von 1832
Ostseehandel 425.
Ozeanographie 306.

Padua 356.
Pädagogik 325 f.
Valäontologie 210. 804. 308 ff.
Palermo 8357.
Pandynamismus 36.
Panmechanismus 35.
Paraguay 3861.
Paris, Politische Geschichte im 19.
Jahrhundert 878. — Kunst 124.
136. 158. 190. 272. — Geistes—
leben 213. 474. — Gefjellschaft der
Wissenschaften 287.
Parma 357. 373.
Parteien, politische 488 ff.
Patrimonialgerichtsbarkeit
404.
Paulskirche siehe Bundestag.
Pentarchie 384.

O.

Quartett 132.

R.
Radierung 262. 266f.
Rastatt 887.
Rationalismus 837 f. 283 f. 318.
318. 444. 453. 463. 489. 508.
Realismus des 19. Jahrhunderts
31. 85. 259 349.
        <pb n="534" />
        524

Sachregister.

Rechtswifsenschaft 282f.
Rederijker 66.
Reederkeien 425.
Reformation, Wirkung auf die
Kunst 90.
Remagen am Rhein 95. 159. 260
Revolution von 1789 259. 358
355. 362. 448. 510.
Revolution von 1830 8354. 858
368. 871. 395. 405. 478.
Revolutionen von 1848 409. 456.
„Rheinischer Merkur“ von Görres
389. 8391.
Rheinische Zeitung 469.
Rheinprövinz, Industrie 417 f.
Rheinschiffahrt 381. 482. 485.
Rieti in Italien 858.
Rittertum eb.
Rokoko 94. 99. 263.
Rom, Kunst 92. 144f. 261. 272. —
archäologisches Institut 346.
Roman der Romantik 62. 68. 167
bis 174. 474.
Romanzen 124.
Rumelien 865.
Rußland, Reise Alexander v. Hum—
boldts 312. — 19. Jahrhundert
356 bis 409.

Schnellpresse 477.
Schriften der Gesellschaft für psycho—
logische Forschung 17 Anm.
Syyav en, Geistesleben 20. 181 ff.
Schwalbach 392.
Syympedene 19. Jahrhundert 411.
Schweiz, Dichtung 125. 316. —
Staatswesen 450.
Sennar, Landschaft am Nil 364.
Serbien 364.
Silberbergbau 412.
Singspiel 124. 181.
Sintflut 309.
Sizilkien Gönigreich) 357 f.
Skeptizismus 36.
Skutari 377.
Societas Meteorologica Palatina
 305.
Soerabaya auf Java 800.
Sonaten 121. 188. 185
Sonette 75.
Spanien, 19. Jahrhundert 3585.
359 f. 374 f. 381. 416.
Speditionsgeschäfte 485f.
Spektralanglyse 188.
Spinnerei 414 bis 417.
Spiritismus 13. 368.
Stämnde im 19. Jahrhundert 452.
457. 464.
Stahlstich 266.
Steindruck 99. 263f. 486.
Stein-Hardenbergsche Re—
formen siehe Stein, Heinrich
Friedrich Karl Freiherr vom.
Steuerverein BIl.
Stöchiometrie 204.
Straßburg im Elsaß, Geistesleben
20. — Muͤnster 157.
Sturm und Drang 5„. 9. 12. 17
bis 24. 37. 58. 67. 70. 75. 83.
102. 109 f. 124. 157. 160. 168.
192. 196. 212. 217. 258. 488.
Stuttgart 128. 249. 394 f. 429
512. 316.
Subjektivismus 22 f. 80f. 37.
47. 51. 60. 69. 81. 88. 100. 117 f.
209. 220 237. 2883. 313. 441. 446.
S He merika, 19. Jahrhundert
Sulza bei Weimar 454.
Symphonien 121. 132.
Shrien 377.

*

—A
schichte im 19. Jahrhundert 871
385. 396. 405. 489 ff. 315. — In⸗
dustrie 414 4171
Sachfsen, Provinz, Geistesleben 503
Sachsen-Meiningen 430.
Sachsen-Weimar, Großherzog-—
tum 405.
Saint-Simonis mus 482.
Salzbergbau 414.
San Isidoro, Kloster 93.
Sanskrit 227.
Sardinien, Königreich 857.
Satanismus 18.
Schaufpielkunst 67 f. 166f.
Schiffahrt 434 ff. — deren Zoll⸗
freiheit 432.
Schiffergilden 44f.
Schiffbau 425.
Schlemihl, Peter, Märchen, siehe
Adalbert von Chamisso.
Schlefien, Industrie 416 ff.
        <pb n="535" />
        Sachregister.

525

T.

W.

Täufer, Sekte 833.
Tapeziererhandwerk 414.
Telestop 197.
—A
Textilindustrie 415 bis 418.
Theologie 232f.
edreeeofophismusts.
Thefsalien 868.
Thüringische Staaten (iehe auch
die einzelnen Staaten) 4209 ff.
Times, —* 477.
Tischlerhandwerk 414.
Toscana 857.
Transportwesen 438 ff.
Trier 508.
Troppau 358. 362.
Tuchmacher 416.
Tübingen 249. 488.
Türkei, 19. Jahrhundert 368 bis
36 3774.
Turin 3857.
Turnerschaften, akademische 390.

Wächter, Zeitschrift 389.
Wage, Zeitschrisft 473.
Wahlrechte 284. 462.
Walachei 364.
Warschau, Universität, 371.
Wartburg 3090.
Weberei siehe Textilindustrie.
Weimar, Zeit Goethes 20. 67.
Weserschiffahrt 482.
Westfalen, Industrie 416. 422.
Wiehe, Stadt(Provinz Sachsen 829.
Wien, Geistesleben 20. 658. — Kunst
92. 162 bis 166. 264. 269. 272.
274. — politische Geschichte im 19.
Jahrhundert 365. 389. 397. 407.
Wirer Kongreß 355. 381. 8385.
Wilna 371.
Wochenschriften des 18. Jahr—
underts 16. — des 19. Jahr—⸗
underts 265.
Wollproduktion 411. 415 f.
Württemberg, 19. Jahrhundert
384. 387 bis 409. 429 ff. 486.
Würzburg 465. 390.
Wunderglaube 188f.
Wunderhorn, des Knaben 20.
125. 248.

UlIm 160. 887.
Universitäten 176. 197. 234. 285.
390 ff. 397. 405. 477.
Unternehmertum im Mittelalter
6. — im 19. Jahrhundert 412 ff.
419. 426 f. M4 ff. 440.
Uruauah 361.

3 .
Inarisi für bildende Kunsi
, für Mufik 141.
eitschrift fürPhilosophie und
spekulative Theologie 498.
3schrift für Rechtsgeschichte
Zeitschriften und Zeitungen
268. 80d As.
Zeitschwingen, Zeitschrift 473.
Zeitung, Neuepreußitsche, siehe
Kreuzzeitung.
Zolhlverein 426 bis 487. 515.
Zollwefen (sehe auch Zollverein)
420 bis 425.
Zoologie 207 f.
Züsrich, Geistesleben 20. 39. 125.
Zwickau in Sachsen 140

R

Valencia in Spanien 8589.
Vaterlandsliebe 88.
Verein des Heils 368.
Vereinigte Staaten von Nord—
amerika, 19. Jahrhundert 361. 425.
Vermögenspsychologie 320f.
Verona 860. 362.
Vlamen siehe Flandern.
Völkerkunde 325f.
Völkerrecht 506.
Volksepos 237.
Volksfreund, Zeitschrift 389.
        <pb n="536" />
        26

Personenregister.

II. Personenregister.

.

Abbt, Anez 231. 289 f.
Abd-el-Kader (1807-1883), 376.
Ahde Medschid, türkischer Sultan
Abel, Karl von, bayrischer Staats—
mann 409.
Abt, grenz. Musiker 180.
Achenbach, Andreas 277.
Idbag „Oswald 277.
A s ermann, Theodor Wilhelm
6.
Adam, Albrecht, Maler 260.
Ahlert, Baumeister des Kölner
Doms 159.
A w— echt, Wilhelm Eduard, Jurist
Alembert, Jean le Rond d' 198.
Alexander T, Zar 855. 368. 366.
371. 380.
Ali Pascha von Janina 864.
Altenstein, Karl Freiherr von
Itin zum, preußischer Minister
Amalie, Gattin Ferdinands VII.
von Spanien 8375.
A er ling, Friedrich von, Maler
Ampére, André Marie, Natur—
forscher 289
Angelico, Fra 28. 93.
Ankon, König von Sachsen 405.
Anzengruber, Ludwig 166.
Arago, Dominique François, Phy—
siker 287. 289. 318.
Ariosto 94. 154.
Aristoteles 201. 223.
Arkwright, Sir Richard 417.
Armitage, Edward 85.
Arnd, Johann, Theolog 33.
Arndt, Ernst Moritz 19. 174f.
3883. 389. 391. 507. 309.
Arnim, Achim von 25. 161. 169f.
173. 248.
Arnim, Bettina von 479.
Atwood, George, Physiker 197.
Aubry de Montdider, franzö—
sischer Ritter 15.

Auerbach, Berthold 481.
Auersperg, Anton Alexander Graf
von (Anaftasius Grüns 185.

B.

Baader, Franz Xaver von 218.
Bach, Johann Sebastian 104. 139.
Baer, Karl Ernst von, Ratur—
forscher 208.
Bärwald, Richard 17 Anm.
Barge, Hermaun 142 Anm.
Barkholdy, preußischer Konsul in
Rom 94.
Basfsermann, Friedrich Daniel
zu 409. Id poph
Bauer, Bruno, ilosoph un
Theolog 388. 499. p
3 vr Ferdinand Chriftian, Theolog
—J58 Elie de, Naturforscher
Becher, Johann Joachim 199.
Becker, August, Maler 269.
Becker, Nikolaus, Dichter 879. 309.
Becquerel, Anton César 289.
Beethoven, Ludwig van 9. 19.
103. 105 f. 116. 185 f. 128. 1832.
Is f. U⸗
Belhlini, Vincenzo, Musiker 141.
Bendemann, Eduard, Maler 154.
Beneke, Friedrich Eduard, Philo—
soph 322f. 325 f. 501.
Bin enberg, Johann Friedrich
Béranger, Pierre Jean de 512.
Bergk, Theodor. Philolog 344.
B 3 mann, Julius, Philosoph
336.
Bernstorff, Christian Günther Graf,
Staatsmann 3094.
Berthollet, Claude Louis Graf,
Chemiker 292f.
Berzelius, Johann Jakob Frei—
herr von 292. 394 ff.
Bewick, Thomas, Holzschneider 265.
Ferne Karl Friedrich 368. 402.
Biéfve, Eduard de, Maler, 261.
        <pb n="537" />
        Personenregister.

z27

Bischof, Karl Gustav, Chemiker
und Geolog 309.
Bismarck, Otto Eduard Leopold,
Fürst von, Realpolitik 440. 459.
Antisemitismus 481.
Bitzius, Albert (Jeremias Gott⸗
helf) 184.
Black, Joseph, Chemiker 199. 2083.
Blittersdorf, Friedrich Landolin
Karl Freiherr von, badischer Staats⸗
mann 409.
Blücher von Wahlstatt, Geb—
hard Leberecht Fürst 382.
Blumenbach, Johann Friedrich,
Naturforscher 208. 212. 2165.
Bluntschli, Johann Kaspar 510.
Bodmer, Johann Jakob 239.
Boeckh, August, Philolog 348 f.
Böcklin, Arnold 94 151.
Böhme, Jakob 832. 75.
Börne, Ludwig 473 f. 480. 513.
Boisserée, Melchior 28.
Boisferée, Sulpiz 28. 157.
Bonald, Louis Gabriel Ambroise
Vicomte de 468.
88 — e Ignaz Edler von, Mineralog
Boyen, Leopold Hermann Ludwig
von 363. 402. 404.
Boyle, Robert 203.
Brahms, Johannes 128. 131.
81 g n, Alexander, Naturforscher
Brentano, Clemens 25. 64. 74.
161. 248.
Bronn, Heinrich Georg, Zoolog 220.
Brown, John, Arzt hisr d
Bruch, Max, Musiker 148.
Buch, Leopold von 306 f. 309f.
Bürger, Gottfried August 81. 128.
Bürkel, Heinrich, Maler 269f
Büsching, Anton Friedrich, Geo—
graph 231.
Buffon, George Louis Leclerc
Graf von, Naturforscher 226.
B en, Robert Wilhelm, Chemiker
B Ie hardt, Jakob, Kunsthistoriker
Burdach, Karl Friedrich 498.
Byron, George Noel Gordon Lord
27. 190. 366. 476.

C.

Lalderon de la Barca, Don
Pedro 65. 247.
Lombridge, Adolf Friedrich Her—
zog von, Sohn König Georgs III.
von England 405. 408.
Lamerarius, Rudolf Jakob, Arzt
und Botaniker 214.
Landolle, Augustin Pyrame de 209.
Lanning, George, Staatsmann
366. 368.
Tanova, Antonio, Bildhauer 155.
Larlos von Bourbon, Infant
von Spanien (1788 - 1855) 375.
Larrière, Moritz 8335. 498.
Larstens, Asmus Jakob 87 94. 145.
Lartwright, Edmund, Mechaniker
Cauchy, Augustin Louis 288.
C Ingen dish, Henry, Chemiker 197.
Fergantes Saavedra, Miguel de
Chamisso, Adalbert von 180. —
Peter Schlemihl 265.
Chézy, Helmine von 136. 181.
C e enius, Johann Martin 281.
Lhladni, Ernst Florens Friedri
199. 304. F õ ch
Chopin, Frédéric François 141.
Clairaut, Alexis Claude 198.
Tlaudius, Matthias 56. 486.
Clemens XIV., Papst 92.
Tlément, Chemiker 285.
Tlüver, Philipp, Geograph 814.
i iug, Ludwig August, Physiker
301.
FSomte, August 51. 319. 341.
Fonstable, John, Maler 276.
Lonstant, Benjamin 467.
Look, James 285
Lordiexr, Louis, Mineralog 310.
Lornelius, Peter von, Maler 92f.
144 bis 149. 174. 178. 260. 273. 280.
Tornelius, Peter, Musiker und
Dichter 131.
Ieer Georg Friedrich 81. 246.
Crifalin fiehe Sinclair, Isaak von.
77 pton, Samuel, Mechaniker
Fromwell, Oliver 380.
        <pb n="538" />
        528

Personenregister.

Cullen, William, Arzt 211.
Cuvier, George Leopold Chrotien
Fréderie Dagobert, Baron 209
308. 310.
Czerny, Karl, Musiker 141.
Czerski, Johannes, Mitbegründer
des Deutschkatholizismus 504.

E 9 nberg, Christian Gotifried809.
— Josef Freiherr von
161. 169. 173. 178. Iy
Eichhorn, Johann Gottfried. Theo⸗
e —5 garl Friedrich, J
ichhorn, Karl Friedrich, Jurist
äο. dJunh
Ennemoser, Jofef 213.
Erdmann, Johann Eduard, Phi—
lofoph 335.
Vrp Jusan König von Hannover
Euken, Rudolf, Philosoph 85.
Euler, Leonhard, Mathematiker
ẽ pwe Heinrch
Ewa eorg Heinrich August,
Drienlalis uud Bibelforscher 3208.
Eynard, Jean Gabriel, Bankier
in Genuf 366.
Ezzelino III. (IV) da Romano 356.

Dahl, Johann Christian Claußen,
Maler 276.
Dahlmann, Friedrich Christoph—
Geschichtsforscher 408. 469.
Dalton,;, John, Chemiker 298.
D — a, James Dwight, Naturforscher
10.
Danhausfer, Josef, Maler 274.
Dante 154.
Darwin, Charles 222. 811.
Decazes, Elie, 359.
Dechen, Ernst Heinrich Karl von,
Geognost 8307 f.
Deger, Ernst, Maler 95.
Descartes, René 8. 833ff. 37. 51.
208. 257.
De Vries siehe bei Vries.
Dingelstedt, Franz Freiherr von
—
d Heinrich Wilhelm, Physiker
Dreber (Franz-Dreber), Heinri
Maler Fyr — 8 w
Drobisch, Moritz Wilhem, Philo—
soph 385.
Droste-Hülshoff, Annette Eli—
sabeth Freiin von 186 f.
Droysen, Johann Gustav 338. 348.
Duceio di Buoninsegna, Maler 98.
Dudevant, Amantine Lucile Au—
rore, Baronin von (George Sand)
476. 484.
Dürer, Albrecht 7. 90. 96. 116.
145. 264. 266. 280. 282.
Dufay, Charles Frangois, Natur—
forscher 200.
Duhn, Theolog 494.
Dyce, William 95.

4F.

Faraday, Michael, Chemiker 285.
289 ff. 296. 298 s
Faust, Johann siehe Goethe, Johann
Wolfgang von.
Ferdinand J., König beider Sizi—
lien 357 f.
Ferdinand VII., König von Spa⸗
nien 355. 359. 8375.
Ferdinand III., Großherzog von
Toskana 357.
Feuerbach, Anfelm von, Maler
F 147. kg 273.
Feuerbach, Ludwig Andreas, Phi—
losoph Wi. 17 300 fs.
Fibonacci, Lionardo (Lionardo
Pisano), Mathematiker 286.
Fi fe⸗ Immanuel Hermann von
Fichte, Johann Gottlieb 19. 30.
39 bis 47. 50. 52 ff. 56f. 76. 78.
84. 103. 112. 174. 220 f. 250. 257.
259. 327. 329. 335. 382. 443. 453.
Fickler, Josef 516.
Fischer, Kuno 336.
Flandrin, Hippolyte 95.
Flaugerques, Pierre Paul 287.
Follen, Adolf 390.
Follen, Karl 176. 390.
Fol len, Paul 390.

E.

Echtermeyer, Ernst Theodor 499.
Eckhart GMeifter Eckhart) 75.
        <pb n="539" />
        Personenregister.

5209

Forster, Georg 225. 227. 312.
Fouqué, siehe Motte Fouqué.
Frankl, Ludwig August 186
Franklin, Benjamin 200. 287.
Franz, Robert, Musitker 129. 131.
Franz-⸗Dreber siehe Dreber,
Heinrich.
Franz IIi., Deutscher Kaiser 400.
Franz J., König beider Sizilien 358.
Franz von Afsisi, Koönig von
Spanien 376.
Fraunhofer, Joseph von 288.
Freiligrath, Ferdinand 814.
Fresnel, Augustin Jean 287.
Atdeeh Gustav 481.
Zriedrich, Kaspar David, Maler
86. 276.
Friedrich II., der Große, König
bon Preußen 265. — Heerwesen
unter ihm 418. — Stellung zum
Adel 454. — Wissenschaftliche Tatig⸗
ceit 285. — Finanzwesen 421.
Friedrich J. König von Württem—
berg 401.
Friedrich, August II., König von
Sachsen 405.
Friedrich Wilyelm L., Kurfürst
von Hessen 406,
Friedrich Wilhelm IJ., König
wr Preußen, Stellung zum Adel
Friedrich Wilhelm III., König
don Preußen, seine Regierungszeit
388 bis 409. — Verhältnig zu
Ludwig XVIII. 355. — zu Oster—
deich 388 ff. — Heerwesen unter
ihm 418.
Friedrich Wilhelm IV. König
von Preußen, als Kronprinz 408.
seine Regierung 455. 460. —
Taͤtlgleit für die Kuͤnste 145f, 159.
Frobel, Friedrich, Pädagog 826.
3roͤbel Julius, Publizist und Po—
litiker 326.
Führich, Joseph 86. 265.

Balle, Johann Gottfried, Astro—
nom 304.
Ballitzin, Amalie Fürstin 56.
Valvani, Luigi (siehe auch Galva—
Ienn und Galvanometer) 200.
295.
Zarrick, David, Schauspieler 67.
Zatterer, Johann Christoph 231.
244. 305.
Bauß, Karl Friedrich 290f. 306.
ay⸗VLusfac, Louis Joseph 285.
Geibel, Emanuel 171. 517.
Senelli, Bonaventura 266. 268.
Bensel, Maler 2690.
Seorg Jil., König von England
und Hannover 368.
Beorg IV., König von England
und Hannover 368.
Beorg, der schwarze, siehe Kara—
djordje, Fürst von Serbien.
8 d François Baron, Maler
BZerlach, Leopold von, preußischer
General 455. 457 ff.
Zerlach, Ludwig von, preußischer
Jurist 455. 457 ff.
8 — stner, Franz Anton Ritter von
Bervinus, Georg Gottfried 242.
331 f. 408.
Gilly, Friedrich 157.
daaio di Bondone, Maler 88.
280.
Blaubrecht, hessischer Abgeord⸗
neter 515.
Bleim, Johann Wilhelm Ludwig
280.
guck, Christoph Willibald 124. 131.
Bneifenau, August Graf Neid—
hardt von 382. 891.
z3oͤrres, Joseph von 28. 145. 158.
187. 246. 248. 389. 468.
goethe, Johann Wolfgang von
164. 192. 266. 331. 351. 415. —
Stellung zur Romantik 19. 28. 45.
76. 79. 108 bis 116
joögf. 176f. 175. iss. 280. 240f.
248. — zum Christentum 55. —
Iphigenie 70. 110. — Tasso 70.
Ja. 110. — Werthers Leiden 69.
107. — Wahlverwandtschaften 70.
108. — —— Meister 70f. 108.
115. 169 f. 172. 259. - Die Braut
on Korinth 71. — Weltanschauung
24

.

Gärth, K. 3096.
Gaͤrtner, Joseph, Botaniker 209.
B glei⸗ Galileo7. 195f. 203. 248.
—F— Louis, Maler 261.
Lamprecht, Deutsche Geschichte. X.
        <pb n="540" />
        z30

Personenregister.

und geschichtliches Denken 240. 472
474. 516. — Naturforschung 99.
217 bis 223. 810. — Götz von
echceen 168. — Faust 1009 ff
115. — Auffassung der Künste 145.
157. 263. — Westöstlicher Divan
178. — Sprüche in Prosa 115. —
Interesfe für Forschungsreisen 227
Goethe, Katharina Elisabeth geb
Texor (die Frau Rat) 479.
Göttling, Karl Wilhelm 175.
Gotthelf, Jeremias, siehe Bitzius.
Albert.
Gottsched, Johann Christoph 164
Gozzoli, Benozzo, Maler 83.
Grabbe, Christian Dietrich 161.
Graf, Karl Heinrich, Theolog 494
Graff, Anton, Maler 272.
Grey, Richard, Naturforscher 200.
Grillparzer, Franz 64. 98. 168
bis 167. 182.
Grimm, Jakob 20. 31. 225. 248.
318. 339 . 344. 408.
Grimm, Wilhelm 20. 31. 86. 225.
248. 339 f. 344. 408.
Grimmelshausen, Haus Jakol
Tsrinosset von, Simplizissimus 69
Grolman, Karl Wilhelm Georg
von, preußischer General 402.
Grün, Anastasius, siehe Auersperg
Anton Alexander Graf von.
Gruppe, Olto Friedrich 8338.
—n Andreas 161.
Bünther, Anton, Philosoph und
Theolog 489.
Guffens, Godfried, Maler 148.
Guizot, Frangçois Pierre Guillaume
342. 369. 379.
Gumbert, Ferdinand, Musiker 180.
Gutzkow, Karl 474ff. 482ff. 490ff.

anfsiangi Franz, Lithograph
Hansteen, Christopher, Physiker
290. 305.
Hardenberg, Friedrich Leopold
Freiherr von (Novalis) 19. 52. 72.
75 bis 78. 118. 169. 442 ff. 486.
Hardenberg, Karl August Fürst
von 363. 382 ff. 408. 427 ff.
bargrkare Charles James 417.
Inei arabischer Sprachgelehrter
Harms, Claus 487.
artley, David, Philosoph 321.
afsenclever, Johann Veter,
Maler 274.
Hauff, Wilhelm 171. 178. 188f.
Haupt, ine Germanist und
klasfischer Philolog 344.
Hah du, Josehheids. 135. 188.
Hebbel, Friedrich 476.
ebel, Ishann Peter 506.
R Friedrich Karl Franz 409.
Heeren, Arnold Hermann Ludwi
225. 245.
Hegel, Georg Friedrich Wilhelm
19. 30. 42. 75. 103. 221. 225. 249
bis 259. 312. 829 f. 338 bis 341.
466. 478. 488. 494 bis 500.
Heideloff, Karl Alexander von
158. 160.
Heine, Heinrich 130. 185 bis 191.
478 f. 480. 512. 514 f.
Heinze, Max 42.
Helmholtz, Hermann Ludwig Fer—⸗
dinand von 287. 299. 308.
8 engstenberg, Ernst Wilhelm 487.
Herbart, Johann Friedrich 328
bis 326. 501.
Herder, Johann Gottfried von 45.
56 f. 101 ff. 192. 217. 219. 222.
226. 231. 314. 465. 481. 491. 498.
— Ideen zu einer Philosophie der
Geschichte der Menschheit 227. 245.
312.— älteste Urkunde des Menschen—
geschlechts 246.
Herder, Karoline von 247.
Hermann, Gottfried, Philolog
—
ermes, Georg, Theolog 489.
erschel, William 197. 200.
ertz, Heinrich Rudolf, Physiker 299.
Herwegh, Gebra 511. 513 f.

9.

ändel, Georg Friedrich 104.
Hafis, persischer Dichter 118.
Hagen, Friedrich Heinrich von der 20
—— Ida Gräfin 479.
ahnemann, Samuel 213.
aller, Albrecht von 207. 209 ff
214. 390. 442.
Samann, Johann Georg 56. 244
486 490
        <pb n="541" />
        Personenregister.

531

erz, Henriette 470f.
esio d 344.
eß, Peter von, Maler 269.
ehy, Maler 269.
eyne, Christian Gottlob, Alter⸗
tumsforscher 493.
Hiller, Johann Adam, Musiker
(1728 bis 1804) 124.
isinger, W., Chemiker 295.
öfel, Blasius 264.
ölderlin, Friedrich 75f.
gid⸗ Ludwig Heinrich Christoph
oensbroech, Paul Graf 17 Anm.
off, Jakobus Hendrikus van t' 286
off, Karl Ernst Adolf von 310.
offmann, Ernst Theodor Ama—
deus 14. 74. 120. 142. 168. 177.
Hoffmann von Fallersleben,
August Heinrich 511.
Hohenheim, Theophrastus Bom—
bastus Paracelsus von 32. 213. 248.
olbein, Hans 7.
Homer 237. 344.
Hotho, Heinrich Gustav, Kunst
historiker 228.
Hülfen, August Ludwig 448.
ünten, Fraänz, Musiker 141.
üttner, Christian 227.
ufe land, Christoph Wilhelm 212.
ugo, Viktor 165.
Humboldt, Alexander von 200.
306f. 311 bis 316.
Humboldt, Wilhelm von 42. 60.
218 Anm. 240 f 318. 326 f. 346.
363. 385. 402. 465. 468.
dune David 257. 321.
Hutton, James, Geolog 305. 8307.
Huyghens, Christian, Mathema—
tiker 195. 199.

J GKonsonant).
Jacobi, Friedrich Heinrich 25. 56.
Jacobi, Moritz Hermann, Phy—
siker 291.
Jacobs, Paul Emil, Maler 272.
Jahn, Otto, Philolog 346 f.
Jean Paul siehe Richter, Johann
Paul Friedrich.
J — nn VI., König von Portugal
J — ab loet, Wilhelm Josef Andreas
Joͤn es, Sir William, Orientalist 227.
Jordan, Rudolf, Maler 274.
FJoseph II., deutscher Kaiser. —
Tätigkeit für die Künste 164.
Ine James Prescott, Physiker
Juͤug (Jungius), Joachim 2038.
Inns⸗Stilling, Johann Heinrich
Juͤffieu, Antoine Laurent de, Bo—
taniker 209.
J nssieu— Bernhard de, Botaniker

6.

Kalidasa 227.
Kamptz, Karl Albert Christoph
Heinrich von, Staatsmann 390.
Kant, Immanuel 36 bis 48. 50.
56. 102. 112. 192. 198. 218 Anm.
220. 231. 241. 245. 256 ff. 314.
318. 321. 323. 327 f. 330. 335.
lhf. I88 f. 498. 497. galte⸗
gorischer Imperativ 25. 466. —
Kritik der reinen Vernunft 48. 57.
Kapp, Ernst 315.
Karadjordije, Fürst von Ser—
bien (S der schwarze Georg) 364.
Karl der Große 353.
K art Herzo von Braunschweig 406.
Karl X., König von Frankreich
360. 367. 369.
Karl, Prinz von Mecklenburg-⸗
Strelitz, Bruder der Königin Luise
von Preußen 401.
Karl Albert, König von Sar—
dinien 358.
Karl August, Großherzog von
Sachsen 389. 391. 405.
24*

J (Vokal).

Ibell, Karl von, nassauischer Re—
—X3 398.
Ibrahim Pascha, ägyptischer
Feldherr 365.
Immermann, Karl Leberecht 64.
161. 163. 169. 172. 190.
Ingenhouß, Johannes 214.
J gie IL., Königin von Spanien
Iselin, Isaak 281. 245.
Ittenbach, Franz, Maler 95.
        <pb n="542" />
        5383

Personenregister.

Karl Friedrich, Großherzog von
Baden 400. 9 MWerhes
arl, Ludwig Friedrich,
Großherzog von Baden 400.
sarl Theodor, Kurfürst von der
Pfalz und Bayern 199. 305.
Kauffmann, Hermann, Maler
269f.
Kaulbach, Wilhelm von 29. 147 ff.
162. 178. 265.
Kay, John, Mechaniker 418.
Kaysfer, August, Theolog 494.
Keller, Gottfried 518. 516.
Kepler, Johann 8. 195.
Kerner, Justinus 183. 218.
Kinkel, Gottfried 504.
Kleist, Heinrich von 175.
Kleuker, Johann Friedrich 246.
K * th, Theodor Friedrich Detlev
Klinger, Friedrich Maximilian von,
Dichter 112.
Klinger, Max, Bildhauer und
Maler 14.
Klopstock, Friedrich Gottlieb 75
83. 124.
Knille, Otto, Maler 99.
Koelliker, Albert von 208.
König, Friedrich, Erfinder der
Schnellpresse 477.
Kör ner, Christian Gottfried 8328.
sKeörner, Karl Theodor 129. 138.
164. 175. 182.
Kompert, Leopold 481.
Koppernikus, Nikolaus 8. 38.
Kotzeb ue, August von 66. 390f. 474.
Krause, Karl Christian Friedrich,
Philosoph 507.
Kreutzer, Konradin 138.
Kriehubex, Joseph, Maler 264. 272.
Krüger, Franz, Maler 269.
4 . n, Friedrich Wilhelm, Musiker
Kühne, Gustav 474. 481 ff. 507.
Kugler, Franz 265. 277.
sen th, Gottlob Johann Christian
Kupelwieser, Leopold, Maler 95.
Kupffer, Adolf Theodor 208.

Lachner, Franz 182.
Lagrange, Joseph Louis 195. 198.
285. 305.
8'Allemand, Fritz, Maler 269.
Lambert, Johaun Heinrich, Mathe—
matiker 305.
Langer, Peter von, Maler 144.
273f.
Laplace, Pierxre Simon Marquis
de 195. 198. 285. 287. 306.
Lappenberg, Johann Martin, Ge—
—— 81.
Lda Tour, Cagnard Baron de, Phy—
siker 287.
dnen Heinrich 474. 476. 482 ff.
dargter, Johann Kaspar 56. 218.
Lavoisier, Antoine Laurent 204.
214. 292 f. 8300.
daerne. Moritz, Philosoph 8325.
Lebrun, Charles, Maler 272.
deendae Adrien Marie 198.
Lehrs, Karl, Philolog 344.
Leibniz, Gottfried Wilhelm von
4. 8. 35f. 116. 196. 219. 235. 497.
Lenau, Nikolaus, siehe Niembsch
von Strehlenau, Nikolaus.
Lengefeld, Charlotte von, siehe
Friedrich von Schiller.
Leo, Heinrich 468. 499.
Leopardi, Giacomo Graf 27.
veggold. Großherzog von Baden
Leopold IJ. König von Belgien 378.
Lessing, Gotthold Ephraim 67f.
III. 164. 230 f. 318. 498.
Lefsing, Karl Friedrich, Maler
151. 154. 277. 280.
Leverrier, Urbain Jean Joseph,
Astronom 304.
Lewald, Fanny 480.
Linenverne Georg Christoph 13.
Liebig, Justus Freiherr von 31.
Lindner, Friedrich Ludwig 394.
Vdaimen er« Veter Joseph von
Linné, Karl von 207 ff.
Lionardo Pisano siehe Fibonacci,
Lionardo.
Lionardo da Vinci 90.

Laas, Ernst, Philosoph 502.
Lachmann, Karl 31. —*

L.
        <pb n="543" />
        Personenregister.

538

Lipps, Theodor 17 Anm.
X gFriedrich, Nationalökonom 421.
Lifzt, Franz, Musiker 128. 181. 142
8 3 ck, Christian August, Philolog

Marlo we, Christopher 111.
Marschner, Heinrich 124. 138. 141.
Marx, Karl 386 f.
Maskelyne, Nevil, Astronom 305.
Maskow, Johann Jakob 235 f. 244.
Massimi, Fürst 94.
Maßmann, Hans Ferdinand 176.
Mathy, Karl 409.
Matthisson, Friedrich von I9. 75.
—— I., König von Bayern
Maxwell, James Clerk 299.
Mayex, Julius Robert von, Natur⸗
forscher 31. 800 bis 303.
Mazarin, Jules 472.
Mazzini, Giuseppe 378.
Mehemed Ali, Vizekönig von
Agypten 364 f. 377 ff.
Mendelssohn, Moses 480.
Mendelssohn-Bartholdy, Felix
129. 138 bis 143. 188.
Mengs, Raphael 94. 2738.
Menzel, Adolf von 264f.
Menzel, Wolfgang 474.
Mesmer, Franz (Friedrich Anton)
12. 218.
Metternich-Winneburg, Cle—
mens Wenzel Nepomuk Lothar
Fürst von 164. 8354 bis 409.
Meyerbeer, Giacomo 188f.
Meyerheim, Malerfamilie 269. —
Eduard 275.
Michelangelo 90. 97. 1465 f.
Mignard, Pierre, Maler 272.
M quet— François Augauste Marie
342.
Mill, John Stuart 341.
Millet, Jean Frangçois, Maler 271.
MiloschObrenowitsch, Fürst von
Serbien 364.
Mnioch, Johann Jakob 78.
Mörike, Eduard 183f.
Möser, Justus 88. 465.
Moll, Physiker 287.
Moltke, Hellmut Graf von 475.
Monroe, James 362.
Montesquieu, Charles de Secon—
dat, Baron de la Breède et de 2382.
462.
Montez, Lola 409.
Montgelas, Maximilian Joseph
Graf, bayrischer Staatsmann 400

Locke, John 86.
Loebell, Johann Wilhelm, Ge—
schichtschreiber 331.
Loning, Apotheker 392.
Loewe, Karl, Musiker 188f.
Lortzing, Albert 124. 188.
ane Heinrich, Geschichtsforscher
Ludwig, Otto 63. 67.
Ludwig J., König von Bayern,
Charakter 509. — Regierung 409. —
Taͤtigkeit für die Künste 148ff. 273.
Ludwig 1X., der Heilige, König
von Frankreich 376.
Ludwig XIV., König von Frank—⸗
reich 330. — Kuufst seiner Zeit 67.
Ludwig XVIII., König von Frank⸗
reich 354. 360.
Ludwig Philipp, König von
Frankreich 369. 373 bis 381.
Luübke, Wilhelm 278.
Luther, Martin 116. 237. — seine
Müistik 48. — Stellung zum Ab—
folutismus 451. — Wirkung im
19. Jahrhundert 330.
Lyell, Sir Charles, Geolog 311.

M.

Magnus, Eduard, Maler 272.
Ma ß mud, türkischer Sultan (1808
bis 1839) 365. 367. 377.
Maistre, Joseph Graf de 442.
Majer, Friedrich 226f.
Malebränche, Nicole 34.
M ighi, Marcello, Naturforscher
Malus, Etienne Louis, Physiker 287
Marc Anton siehe Raimondi,
Marco Antonio.
Maria dia Gloria, Königin von
Portugal 375.
Maria'Christine, Gattin König
Ferdinands VII. von Spanien 8375.
Non aTheresia, deutsche Kaiserin
        <pb n="544" />
        534

Personenregister.

Montpenfier, Antoine Herzog von
376. — seine Gattin Louise
Fernande 376.
M acchi, Francesco, Musiker
Mosheim, Johann Lorenz von 239.
Motte Fouqué, Friedrich Hein—
rich Karl Freiherr de la 72 74.
173. 177.
Mozart, Wolfgang Amadeus 10.
102. 105. 125. 181 f. 347.
Mühl, Gustav 185.
Mühlbach, Luise, s. Mundt, Luise.
Müller, Adam, Staatsrechtslehrer
442. 450. 468.
Müller, Andreas, Maler 95.
Müller, Friedrich (Maler Müller'
81. 111.
Mer, Johannes, Naturforscher
Müller, Johannes von, Historiker
226. 232 829.
Müller, Karl, Maler 95.
Mälller, Karl Otfried, Philolog
346f.
Müller, Wilhelm, Dichter 366.
Münster-VLeden burg, Ernst Fried—
rich Herbert, Reichsgraf zu eng—
ʒ, ⸗hannöverscher Staatsmann
Mundt, Luise 484.
Mundt, Theodor 474. 475 Anm.
—
Murawiew, Alexander 868.
Murawiew, Michael 363.

Na Otto, Tonkünstler 124.
Niebuhr, Barthold Georg 146.
237. 329. 382. 493.
Niembsch von Strehlenau
(Lenau), Nikolaus 186f.
Nictzsche, Friedrich 76.
laus I., Zar 312. 366. 370.
uzid, Karl Immanuel, Theolog
NMoalis siehe Hardenberg, Fried—
rich Leopold Freiherr 5 3

D.

Obrenowitsch, Fürstenhaus 364.
Oersted, Hans Christian, Natur—⸗
forscher 31. 289. 298. 317.
Oeynhausen, C. von, Geognost
3o7.
drdach— Jakob, Tonkünstler
Oken, Lorenz 208. 222. 312.
Oranien, Herrscherhaus 372.
Ortlepp, Emilie (Gräfin Reichen⸗
bach) 406.
Ofsian 75.
dr J., König von Griechenland
Overbeck, Friedrich, Maler 87.
91f. 94 ff. 148 f. 162. 260.

MN.

I.

NRägeli, Hans Georg, Musiker 125
Napoleon J. 401. 506. — sein
ngrafser 353. — die hundert Tage
Napoleon III., Weltanschauungs15
Nafse, Christian edn 213.
N der, August Wilhelm, Theolog
Nebenius, Karl Friedrich, Staats—
mann 428.
Neeff, Christian Ernst 2091.
Nettelbladt, Daniel 506.
Neureuther;, Eugen 86.
Mewton, gIfaat 47f. 1985f. 208
256. 287. 297. 299 f. 304.

Pallas, Peter Simon 226.
Paracelfus siehe Hohenheim.
Paton, Sir Joseph Noel 95.
Pedro J., Kaiser von Brasilien 861.
Pestalozzi, Johann Heinrich 83.
385f.
Pestel, Paul 363.
Pettenkofen, August Karl von,
Maler 264.
Pfannschmidt, Karl Gottfried,
Maler 85.
Pfo rr, Fan⸗⸗ Maler 92.
Piloty, Karl von, Maler 92.
Pindar 344f.
Pius VI., Papst 92.
        <pb n="545" />
        Personenregister.

535

Platen-Hallermund, August
Graf 163.
Plato 42. 208. 255.
Plautus 344.
Plessing, Friedrich Viktor Lebe—
recht 2456.
Plockhorst, Bernhard, Maler 95.
Potzsch, Albert, 448 Anm.
Preller, Friedrich, der Altere 151
Pré vost, Pierre, Raturforscher 310
Priestley, Joseph 204.
Prutz, Robert 510 ff.
Pütter, Johann Stephan 506.

Reuß, Eduard Wilhelm Eugen,
Theolog 494.
Reyfscher, August Ludwig 238.
Rheinberger, Joseph, Musiker 148.
Richeblieu, Armand Emanuel du
Plefsis, Herzog von (19. Jahr⸗
hundert) 360.
Richter, Jeremias Benjamin 204.
Richter, Johann Paul Friedrich
(Jean Paul) 14. 19. 69f. 141.
270. 478.
Richter, Karl August, Maler 269.
Richter, Ludwig 151ff. 174. 265.
269.
F edtl uush eee *
Riehl, Alois, Philosop
Rietschel, Ernst 155.
Rigaud, Geolog 3085.
Rigaud, Hyacinthe, Maler 272.
Rikschl, Friedrich, Philolog 344.
Ritter, Karl, Geograph 232. 314 ff
Robert, John, Mechaniker 417.
Robert, Leopold, Maler 270 f.
Rochau, August Ludwig von 396.
Röder, Friedrich von, preußischer
General 388.
Ronge, Johannes, Theolog 504.
Rose, Heinrich, Chemiker 812.
Roß, John 366.
Rofsini, Gioachino Antonio 141.
Rothe, Richard, Theolog 498.
Rotteck, Karl Wenzeslaus Rodecker
von 468 f. 478.
Rottmann, Karl, Maler 150.
Roussean, Jean Jacques 327. 358.
Royer-Colkard, Pierre Paul 369.
Rubinstein, Anton 131.
Rückert Friedrich 78. 175. 178.
227. 508.
Rühmkorff, Heinrich Daniel 291.
Ruge, Arnold, Philosfoph und
Politiker 317. 499. 310.
Rumford, Benjamin Graf 199.
Runge, Vhilipp Otto 86. 92. 99.

Quételet, Lambert Adolphe Jac—
ques, Astronom 304.
Quitenz, Physiker 197.

N.

Rabener, Gottlieb Wilhelm 18.
Racine, Jean Baptiste 139.
Raffael 90. 93. 97. 145.
Raimondi, Marco Antonio,
Kupferstecher 266.
Raimund, Ferdinand 65. 98. 110
—
Rainer, Erzherzog von Osterreich
(1783-1853) 356.
Ranke, Leopold von 171. 240 ff.
328 bis 3338. 458.
Rauch, Christian Daniel 155.
Raumer, Friedrich von, Geschicht—
schreiber 161.
Raumer, Karl Otto von, Staats—
mann 326.
Raupach, Ernst Benjamin Salomo
— ——
Rauschenplat, Johann Ernst Her⸗
mann von 396.
Ray, John, Naturforscher 214.
Reichenbach, Emilie Gräfin (Emilie
Ortlepp) 406.
Reil, Johann Christian, Arzt 212.
Reinhold, Karl Leonhard 40.
Keifig, Christ. Karl, Philolog 344.
Rembrandt 116.
Rethel, Alfred, Maler 154. 162.
260. 265. 280 ff.

Sachs, Hans 161.
Sand, George, siehe Dudevant,
Amantine Lucile Aurore Baronin
von.
Sand, Karl Ludwig, der Mörder
Kotzebues 391.
        <pb n="546" />
        36

Personenregister.

Sauffure, Nicolas Theodor de,
Pflanzenphysiolog 214.
Savart, Felix 287.
Savigny Friedrich Karl von 889.
Sayn-Wiltgenstein, Wilhelm
Ludwig Georg Fürst, preußischer
Polizeiminister 201.
Schadow, Gottfried 983. 153.
Schadow, Rudolf, Bildhauer 98.
Schadow, Wilhein von, Maler 98
153 ff. 162. 178. 191. 278. 280 f.
Scharnhorst, Gerhard Johann
David von 382. 404.
vi zele, Karl Wilhelm, Chemiker
204.
Scheffer, Ary 95.
Schele, Georg Freiherr von,
hannöverscher Minifter 407.
Schelling, FriedrichWilhelmJoseph
von 19. 30f. 87. 45 bis 54. 57.
15. 78. 84. 87. 103. 112 f. 146.
153. 221 bis 224. 249f. 252. 255f.
27. 329. 335. 338. 346. 453. 500.
504.
Schenkendorf, Max von 75. 175.
Scherer, Wilhelm 330.
Schiller, Friedrich von 164f. 192.
266. — Stellung zur Romantik
19. 283. 25. 30. 67. 76. 102. 175.
182. 327 f. 474. — zu Sturm und
Drang 20. — Weltanschauung 472.
— Stellung zum Christentum 55.
— zu den Künsten 157. 268. —
Asthetik 104. 490. — Verhältnis
u Goethe 108. 114. — Die
Miuie 168. — Geschichtswiffen⸗
ichaft 240. — seine Gattin Char—⸗
lotte geb. von Lengefeld 479.
Schimper, Karl, Naturforscher
220.
Schindler, Emil Jakob, Maler 269.
Schinkel, Karl Friedrich 167f. 162.
Schirmer, Joh. Wilhelm, Maler
—151. 277.
Schlayer, Johannes von, württem—
bergischer Minister 409.
Schlegel, August Wilhelm von 75.
78 87. 90. 175 f. 227 f. 247. 442.
An
BVeit, geb. Mendelssohn 179 f.
Schlegel, Friedrich von 19. 28 ff.
39. 48. 52. 54. 75. 78 f. 82f. 106

114. 118 f. 121. 127. 169. 175.
224. 227 f. 442 f. 446. 468.
Schleiermacher, Friedrich Daniel
Ernst 19. 39. 52. 56 bis 62. 78.
318. 391. 453. 488. 498.
Schlözer, August Ludwig von,
3 F
Schloffer, Friedri ristoph, Ge⸗
— —* sieß
S„chlofser, Johann Georg, Schrift⸗
steller 157.
Schmalz, Theodor Anton Heinrxich,
Staatsrechtslehrer 890 f.
Schmidt, Johann Kaspar (Max
Stirner) 502.
Schnaase, Karl 154. 275. 277. 279.
Schneckenburger, Max 509.
—AV——
Julius, Maler 96 f. 265.
Schopenhauer, Arthur 338.
Schreyvogel, Joseph 164.
peg Franz, Maler 272.
Schubert, Franz 122. 126 ff. 130f.
138. 141.
Schultze, Karl August Siegmund,
Anatom 208.
Schulz, Johann Abraham Peter,
Musiker 124.
Schulze, Johannes, Leiter des höhe—
7 Unterrichtswesens in Preußen
Zulze, Gottlob Ernst, Philosoph
Schumann, Robert 119 f. 122f.
129 ff. 186. 140 ff. 186.
Schwab, Gustav 188.
Schwerd, Friedrich Magnus 288.
Schwilgué, Jean Baptiste, Mecha—
niker 197.
—383 Moritz von 97 f. 174.
Scott, Walter 171. 476.
Selim III., türkischer Sultan 365.
Semler, Johann Salomo 493.
8 ier, Jean, Naturforscher 197.
Senefelder, Aloys, Lithograph
263.
Shakespeare, William 65. 110
140. 164. 247.
Signorelli, Luca, Maler 88.
Silcher, Friedrich, Musiker 125.
Simrock, Karl 185.
        <pb n="547" />
        Personenregister.

Sinclair, Isaak von 181.
Soiron, Alexander von 409.
Sophokles 110. 347.
Spee, Friedrich 38.
Spinoza, Baruch (Benedikt) 34.
18. 34 36 588
Spittler, Ludwig Timotheus Frei—
herr von 244.
Spitz w eg Karl, Maler 270.
—A
Springer, Anton 278.
Stahl, Friedrich Julius, Politiker
189. 455. 468.
Stahl, Georg Ernst, Chemiker und
Arzt 199. 212.
Steffens, Henrich, Philosoph 498.
in, aren o 7
Stein, einri riedrich Karl
Freiherr vom 114. 228. 882 ff.
ʒoi. I01. . α,.
Steinlbe, Eduard 86f.
Steinthal, Chajim Heymann, Phi—
losoph 325.
Stengzel, Gustav Adolf Harald 331.
Stevin, Simon 195.
Stieglitz, Charlotte 479 f. 484.
t eoß „Christian Ludwig 158.
Stieler, Karl Joseph, Maler 272.
Stirner, Max, siehe Schmidt, Jo—
hann Kaspar.
A
Stsber, August 185.
Stöber, Dauiel Ehrenfried 184.
Stoltexfoth, Adelheid von 185.
Strauß, Dabvid Friedrich 494 ff.
188 f. *08
Strauß, Johann, Musiker 181.
Strixner, Johann Nepomut 264.
Strümpell, Ludwig Heinrich, Phi—
losoph 325.
Stru ve, Gustad von, republikanischer
Schriftsteller 516.
Stüber, Maler 272.
Swerts, Jan, Maler (I19. Jahr—
hundert) 148.
Sybel, Heinrich von 319.

Thales, Philosoph 201.
Thibaut, Anton Friedrich Justus,
Jurist 3389.
Thierry, Augustin, Historiker 842.
ie Louis Adolphe 342. 379.
Thomas von Kempen 75. 96.
a g waldsen, Bertel' 91. 145.
55.
Thurmayr, Geognost 310.
Thurn und Taris Fürsten 886.
Tieck, Ludwig, 19. 25.,39. 67. 70.
75. 78 ff. 86. 118. 121. 150. 161.
169 f. 173. 175. 227. 247.
Tiedge, Christoph August 19.
Tizian 282. g
Toussenel, Alphons 481.
Treitschke, Heinrich von 316.
Trendelenburg, Friedrich Adolph,
Philosoph 837. 498.
Trubetzkoi, Sergij, Fürst 8368.
Turgenjew, Nikolaj Iwanowitsch,
Staatsmann 868.
Turner, William, Maler 150.
Twesten, August, Theolog 498.
Tiyndall, John, Physiker 308.

J.

berweg, Friedrich 42.
ützand ————
nhüich, Leberecht, Theolog 508.
Ulrici, Hermann, Philosoph 498.
Anger, Johann Georg und Johann
Friedrich, Holzschneider 264

B.

Barenius, Bernhard 314.
VBarnhagen, Rahel 484.
Vatke, — 494. 499.
Veit, Dorothea, geb. Mendelssohn,
siehe Schlegel, Vorothea von
Veit, Johannes, Maler 98.
vy y Philipp, Maler 988. 96. 148.
Vico, Giovanni Battista 232.
Viktor Emanuel J. König von
Sardinien 357.

1

Tauler, Johann 75.
Thadden-Trieglaff, Adolf Frei—
herr von 481.

537

21 * 8*
        <pb n="548" />
        — 538

Personenregister.

Viktoria, Königin von England
368. 407.
Billèle, Joseph Graf, französischer
Staatsmann 860.
Villemain, Abel Frangois 869.
V 8* ꝑ ar, August Friedrich Christian
Vischer, Friedrich Theodor 279
335.
Vischer, Peter 7.
Voigt, Johannes, Fisene 331.
Voigtel, Richard, Baumeister des
Kölner Doms 159.
Vulpius, Christian August 81.
Volta, Alessandro Graf 200. 289
291. 295.
Voltaire, François Marie Arouet
de 353. 468.
Voß, Johann Heiurich 366.
BVries, Matthiaäs de 3241.

Welcker, Karl Theodor, Staatsrechtslehrer
 406. 409. 468 f. 476.
Wellhaufen, Julius 494.
Werner, Abraham Gottlob. Geo—
gnost 307. 309.
Werner, Zacharias 25. 161.
Wessenberg-Ampringen,
Johann Philipp Freihert von,
Staatsmann 885.
Wheatstone, Sir Charles 288.
Wie land, Christoph Martin 389.
Wienbarg, Ludolf 471. 474.
Wilhelm GMeister Wilhelm von
Köln), Maler 90. 94.
Wilhel m J., deutscher Kaiser, Zeit
der Restauration 395.
Wilhelm, Herzog von Braun⸗
schweig 406.
Wilhelm IV., König von England
und Hannover 368. 407.
Wilhelm J., Kurfürst von Hessen-Kassel
 357.
Wilhelm II., Kurfürst von Hesfsen—
Kaffel 405.
Wilhelm IJ., König der Nieder—
lande 8372.
Wilhelm J., König von Württemberg
 387. 394. 400 f.
Wilkomm, Ernst Adolf, Roman—
schriftsteller 484.
Winckelmann, Johann Joachim
87. 92. 159. 280
Windelband, Wilhelm 14.
Winter, Peter von, Musiker 182.
Winterhalter, Franz xaver.
Maler 272.
Wirth, —5 Georg August, po⸗
litischer Schriftsteller 396
Wislicenus, Gustav Adolf. Theo—
log 5083.
Wittgenstein, Wilhelm Ludwig
Georg Fürst siehe Sann-Wittgen,
stein.
Wolf, rienp Angust, Philolog
237. 315. 498.
Wolf, Hugo 131.
Wolff, Christian Freiherr von 835.
50. 235. 320.
Wolff, Kaspar Friedrich, Natur—
forscher 215.
Wolfram von Eschenbach 112.
Wigpe Karl Philipp Fürft 384.
396.

W.

Wackenroder, Wilhelm Heinrich
19. 87. 90. 169. — Franz Stern—
balds Wanderungen 1691.
Wächter, Leonhard (pseudon. Veit
Weber) 168.
Wagner, Richard 119. 128. 133
bis 137. 142.
Wagner, Rudolf, Physiolog 208
33f5 Georg 31. 319.
Waldmüller, Ferdinand Georg
Maler 275.
Walter, Ferdinand 468.
Wangenheim, Karl August Frei—
herr von, württembergischer Staats
mann 394 f.
W —35 Ernst Heinrich, Physiker
Weber, Karl Maria Frihen von
7 122 ff. 129. 182 bis 137. 139.
141.
Weber, Veit, siehe Wächter,
Leonhard.
Webexr, Wilhelm Eduard, Phywsiker
286. 281. 408
Wegelin, Jakob Daniel 281.
Welße, Ehristian Hermann, Philo—
soph 498.
Welcker, Friedrich Gottlieb, Alter—
tumsforscher 346.
        <pb n="549" />
        Personenregister.

539

Wundt, Wilhelm 41 Anm. 243.
248 Anm.
Wyatt, Mechaniker 417.

38.

Zeller, Eduard, Philosoph 335.
elter, Karl Friedrich, Musiker 125.
inzendorf, Nikolaus Ludwig
Graf von 56.
Zöllnex, Karl Friedrich, Musiker
(1800 bis 1860) 125.
Zumsteeg, Johann Rudolf 1828 f.
Zwirner, Ernst Friedrich, Bau—
meister 159. 162.

9.

Young, Thomas, Naturforscher 287.
Ypfilanti, Alexander und Ni—
kolaus 365.

Berichtigung.

S. 288 3. 2 v. u, lies: des eindringenden Verständnisses statt: der ein—
dringenden Verständnisse, sowie 3. 1 v. u. bedurfte, das statt: be—
durfte, die.
        <pb n="550" />
        Altenburg
Bierersche Hofbuchdruckerei
Stebhan Geibel K Co.
        <pb n="551" />
        —

J
20
52

X
—

3
4
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lat
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gel
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al—
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—
6
d
2
2
9

2*
—64

Restauration; wirtschaftliche Fortschritte. 369

einmal mehr bloß whigistisches Fahrwasser.
ie Zeit, in der unter dem Drucke einer ersten
sozialen Schichtung nach den kapitalistischen
irtschaftslebens der freien Unternehmung Eng⸗
n Staate, zur ersten großen europäischen Demo⸗
mit noch aristokratischer Exekutive, heranreifte.
indten Übergang aber machte um diese Zeit
eich durch. Nur daß er nicht, wie in England,
organischen Umwandlungen erfolgte, sondern,
nperamente entsprechend, in dem Knalleffekte
jren Umsturzes. Während Karl RX. mit den
mseiner Regierung immer reaktionärer wurde
einen Leitung der äußeren französischen Politik
ternich noch einmal vorübergehend den Trost
yollen Bundesgenossenschaft bot, regte sich in
r stärker der Widerwille gegen Restaurations—
ts als Begünstigung der alten Kirche und
geherstellung des vorrevolutionären Adels zu
Es war eine Opposition, die schon früh alles,
ste, umfaßte, darunter sogar die gemäßigten
ariser Universität, einen Guizot, Villemain,
itterer wurde sie, als man Metternich mit Rat—
die innere Politik Frankreichs eingreifen sah,
Nhende toryistische Strömung in England nach
8IV. stark einzuwirken schien, als man die
endung Karls X. erkannte. Aus alledem ging
1830 die äußerlich verhältnismäßig ruhig ver—
lution hervor; Karl X. dankte ab. und Louis
im Throne berufen.
welchen Wandlungen der Verfassung! Louis
ans, der Sohn des revolutionären Herzogs
kel des libertinischen Regenten aus den ersten
18. Jahrhunderts, wurde nicht der alte Roi
lienbanners; als Roi des Franq(ais vielmehr
rund eines Staatsvertrages zwischen Nation
nen Thron, den seine Väter nicht besessen
iche Geschichte. X. 24

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