400 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel. Wenn sich aber in den Einzelstaaten der Nation so seit etwa 1858 bis 1860 immer mehr Bestrebungen auf inneren Fortschritt zeigten, so konnte diese Wendung schließlich auch auf den Bund nicht ohne Einfluß sein: auch hier wurden all— mählich Rufe nach Reform laut. Trotz des Marasmus senilis, an dem man seit der ersten Hälfte der fünfziger Jahre erkrankt war, konnte man nicht umhin, sich zu gestehen, daß etwas getan werden müsse. Dazu kam, daß die öffentliche Meinung hinweg über alle Grenzen der einzelnen Bundesstaaten die allgemeinen Fragen der nationalen Zukunft mit großer Wärme von neuem aufzugreifen begann, nachdem sie sich im Laufe der fünfziger Jahre fast allen politischen Materien fern gehalten hatte. Und alsbald faßte sie wiederum die Einheit ins Auge. Unterstützt von einigen patriotischen Fürsten, besonders dem Herzog Ernst von Sachsen-Coburg-Gotha, schuf sie sich zu diesem Zwecke Ende der fünfziger Jahre zwei große Organe, den kleindeutschen Nationalverein und den großdeutschen Reformverein; und eine weitere Stütze fand sie an gewaltigen Nationalfeiern, so der Feier von Schillers hundertstem Geburtstag am 10. November 1859 und der fünfzigjährigen Gedenkfeier an die Schlacht bei Leipzig am 18. Oktober 1863. Gewiß konnte man über diese populären Bewequngen einst⸗ weilen spotten: Turner, Sänger, Schützen Sind der Freiheit Stützen!. Allein spätere Zeiten sind der Agitation, wie sie sich nicht bloß in großen Zusammenkünften, sondern still und treu auch in Tausenden von kleinen Versammlungen, oft unter zunächst rein geselligen oder ästhetischen Formen, vollzog, auch in anderem Sinne gerecht geworden. Und bald trat, namentlich in den kleineren Staaten, die Welt dieser Ideale auch in die amtliche Hffentlichkeit; der Weimarer Landtag hat schon im Februar 1862 einstimmig ein deutsches Parlament gefordert. Der Nationalverein aber formulierte im Herbst 1862, auf einer Generalversammlung S. schon oben S. 319.