412 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel. Gerlach später einmal die Bemerkung machen können, daß in der preußischen Revolution und Kontrerevolution eine Aktion der Rheinlande und eine Reaktion der alten Provinzen gegen diese gesehen werden könne. An erster Stelle aber handelte es sich bei dem Prinzen doch um persönliche und persönlich er— lebte Uberzeugung; von ihr aus hat er schon vom ersten Moment an, da er zur Führung des Staates berufen wurde, im dem Gedanken einer verfassungsmäßigen Einsetzung der Regentschaft unbedingt festgehalten; und von ihr aus konnte er in entscheidender Zeit, im Juni 1860, zu König Max II. von Bayern äußern: „Die konstitutionelle Idee, daß die Regierungs- maßregeln an die Offentlichkeit gezogen und das Volk gesetzlich zur Teilnahme an der Gesetzgebung berechtigt werde, sei in das Volksbewußtsein eingedrungen. Diesem entgegenzutreten, sei sehr gefährlich, da es Mißtrauen des Herrschers gegen das Volk bekunde. Nicht durch Restriktionen gegen die Verfassung, die eben ein solches Mißtrauen zeigen, sondern durch weises Nach— lassen und Anziehen der Zügel sei die Regierung zu befestigen.“ Bei diesen Anschauungen war es natürlich, daß der Prinz, zur vollen Regentschaft gelangt, sofort das alte Ministerium entließ und ein neues bildete, das sogenannte Kabinett der Neuen Ära. Es waren politisch maßvolle Männer, die sich in ihm zusammenfanden; der Fürst Karl Anton von Hohenzollern— Sigmaringen übernahm den Vorsitz, den Kultus erhielt von Bethmann-Hollweg, die Finanzen von Patow, nachdem Ludolf Camphausen abgelehnt hatte; Handelsminister wurde von der Heydt, Kriegsminister von Bonin; das Innere kam an den Grafen von Schwerin nach kurzem Schalten des Herrn von Flottwell, das Auswärtige sollte von Schleinitz leiten, und endlich trat der persönliche Freund des Prinzen, Rudolf von Auerswald, als Minister ohne Portefeuille ein. Der Prinz richtete an das Ministerium am 8. November eine Ansprache, die alsbald veröffentlicht wurde und daher in gewissem Sinne als Regierungsprogramm gelten konnte. In ihr finden sich u. a. die Worte: „Im öffentlichen Leben zeigt sich seit kurzem eine Bewegung, die, wenn sie teilweise erklärlich ist, doch