Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 415 in schlimmer Lage; sie müsse unmittelbar mit ins Feld ziehen, während ihr doch schon viele ältere Männer und großenteils Familienväter angehörten. Dabei habe sich denn sehr begreiflicher⸗ weise in Baden und sonst gezeigt, daß sie nicht besonders feld⸗ tüchtig sei. Auf jeden Fall aber sei es ungerecht, sie schlecht vor⸗ bereitet an die gleichen Aufgaben zu stellen wie die Linie. Zudem war es klar, daß sich mit einem Heere, wie dem bestehenden, wohl allenfalls ein Volks- und Verteidigungskrieg wagen, niemals aber eine aggressive Politik mit großen poli⸗ tischen Zielen, wie z. B. etwa eben der Einigung Deutschlands unter Ausschluß Osterreichs, führen ließ. Demgegenüber trat der Prinz nun für folgende Reformen ein. Zunächst sollte an Stelle des Dienstes in der Landwehr ersten Aufgebots eine drei Jahre umfassende Dienstzeit in einer neu zu bildenden Kategorie, der Reserve, mit häufigeren militärischen Ubungen, treten: so daß die Reserve und nach ihr die neue Landwehr, die der früheren Landwehr zweiten Auf⸗ gebots entsprach, militärisch tüchtiger zu werden versprach als die alte Landwehr. Bei dieser Umbildung sollte dann zweitens die alte allgemeine Dienstpflicht wieder zu Ehren kommen, indem die Zahl der auszuhebenden Rekruten von vierzigtausend auf dreiundsechzigtausend erhöht werden würde. Dazu aber be— durfte es natürlich wiederum neuer Formationen, und zwar neununddreißig neuer Infanterie- und zehn neuer Kavallerie— regimenter. Die Kosten hierfür wurden auf neunundeinhalb Millionen Taler jährlich veranschlagt: und hier war nun der Punkt, von dem aus die Sache an die Volksvertretung, an den Landtag, herantrat. Dabei hatte der Prinz gelegentlich der Demobilisierung im Jahre 1859 schon die Landwehrstämme mit einem Teil der Mannschaften bestehen lassen, damit sie die Rahmen für die neuen Regimenter bildeten. Und bald darauf entließ er den Kriegsminister von Bonin und ernannte an seine Stelle den energischen und ehrgeizigen Roon, von dem man wußte oder ahnte, daß er der entschiedenste Vertreter der Absichten des Prinzen sein werde.