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            <surname>Lamprecht</surname>
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        EIGENMITIA
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5744
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        Karl LCamprecht,
Deutsche Geschichte.

Übersicht der Einteilung des Gesamtwerks.

Abteilung und Inhalt

Band

Der
ganzen
Reihe
Band

Buch

ahl der
Kapitel
in den
Büchern

Zäsur⸗Abschnitte

Kaunutwerk.

J. Urzeit und Mittel—
alter.
Symbolisches, typi⸗
sches und konventio⸗
nelles Zeitalter.

I. Neuzeit.
Individuelles Zeit⸗
alter.

III. Neueste Zeit.
Subjektipes Zeitalter,
erste Periode.

Schlußband.

l.
2.
3.

4.

—X

2.

3. 1. 2.

L. 1. 2.

2.
3.
4. 1. 2.

II.
III.
IV.

V, 1. 2.
VI.
VII. i. ↄ.

VIII, 1..
IX.
X.
XI. i. ↄ2.

XII.

1. 2.83. 4. 2.8. 2. 8
5. 6. 7. 4. 8.
8. 9. 10. 3. 4. 3.
11. 12. 13. 8. 4. 8.

14. 15. 16. 4. 4. 4.
17. 18. 4. 4.
19. 20. 21. 4. 4. 4.

22.
28.
24.
25.

5.
5.
5.
5.

Einleitung.

Einleitung;

Einleitung.

Einleitung.

Anhang.
Bibliographie.
Register.

ß. Ergänz agswerk.

JüngsteVergangenheit.
Subjektives Zeitalter,
Anfaͤnge der zweiten
Periode.

2, 1. 3.

1. 2. 3. 4. 6. 6. 6. 6.
5. 6. 7. 8. 6. 6. 6. 6.

Einleitg., Umschau.
Umschau. Schluß
        <pb n="3" />
        Deutsche Geschichte

201n

Karl Lamprecht.

Der ganzen Reihe elfter Band.

Zweite BHälfte.

Erste und zweite Auflage.

Berlin.
Weidmannsche Buchhandlung.
1909
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        Deutsche Geschichte

41311

Karl Lamprecht.

Dritte Abteilung:

Neueste SZeit.

Zeitalter des subiektiven Seelenlebens.

Vierter Vand.

Zweite Bälfte.

Erste und zweite Auflage.

Berlin.
Weidmannsche Buchhandlung.
1909.
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        Alle Rechte vorbehalten.

⸗—
159
*
—
157

J
2
—F
3

e—
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        Inbhablt.

Fünfundzwanzigstes Buch.

Drittes Kapitel. Erste Stuse der kleindeutschen Kösung
der Einheitsfrage.
Die europäische Politik der fünfziger Jahre und
ihr deutscher Einschlag in ihrer Bedeutung für
die deutsche Einheitsbewegung.....
Einleitung: Schwierigkeiten der Darstellung der poli—
tischen Geschichte der fünfziger bis achtziger Jahre des
19. Jahrhunderts in dem hier gegebenen Zusammenhange:
zeitgenössische Nähe (persönliche Erinnerungen an politische
und militärische Vorgänge der Epoche und an den Fürsten
Bismarck). Epische Darstellungsform; kulturgeschichtlicher
Standpunkt der Beurteilung.
Der Krimkrieg und die Politik der deutschen Groß—
mächte: Pläne Nikolaus' J.; Gegenwirkung Englands und
Frankreichs; Krieg an der Donau, Sommer 1854; Stellung
Osterreichs, Preußens und der deutschen Mittel- und Klein—
staaten, Februar 1854 bis Februar 1855; Ende des Krieges;
Ergebnisse für die deutsche Stellung Preußens und Oster—
reichs. Die Neuenburger Episode; Stellung Napoleons in
Europa und zu Deutschland; Ausscheiden Friedrich Wil⸗
helms IV. aus der Politik. Deutschland und die italienische
Einheitsbewegung: Napoleons politische Ideale und ihr
Zusammenhang mit der Psychologie der Zeit wie mit der
zentraleuropäischen politischen Entwicklung; fardinisch-fran—⸗
zösisch-österreichischer Krieg 1889, sein Ausgang im Sinne
Napoleons; zweite, über Napolcons Absichten hinausflutende
Phafe der italienischen Einheitsbewegung 1859—1861,
ihre Bedeutung für Deutschland. Schlußübersicht: Oster⸗
reichs und Preußens Stellung in der auswärtigen Politik

Seite

3612 393
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        Inhalt.

III.

IV.

der fünfziger Jahre vom Standpunkte der nationalen
Interessen.
Liberale Wendung in Deutschland, vergebene
Berfsuche zur Umgestaltung des Bundes,
preußische Heeresreform........ ...
Einige innere Gründe für die Abschwächung der Reaktion.
Reformen in sterreich, Februarverfassung des Jahres 1861.
Wandlungen in den kleinen deutschen Staaten, insbesondere
Verlauf des kurhessischen Verfassungsstreites. Erste Vor—
cchläge der Bundesreform. Preußische Initiative. ster—
reichische Initiative: Frankfurter Fürstentag, August 1868,
Stellung Preußens zu seinen Beschlüssen. Allgemeine Be—
deutung des Scheiterns der Bundesreform. Innere Ent—
wicklung Preußens: Charakter der Reaktion der fünfziger
Jahre; neue Ära, Militärkonflikt.
Schleswig-Holstein. .... .
Bedeutung des Militärkonflikts im allgemeinen und im
besonderen für die äußere preußische Politik. Deutsche
Herrschaft in Schleswig-Holstein bis zur Verfassung vom
2. Oktober 18858. Führung der schleswig-holsteinschen An—
zJelegenheit durch den Deutschen Bund, 1856 bis November
1863. Vorgehen Preußens und österreichs. Erste Phase
des Krieges um Schleswig-Holstein, Januar bis Mai 1864.
Zweite Phase des Krieges, Wiener Friede; Mai bis
30. Oktober 1864.
KriegerischeAuseinandersetzung mit sterreich 442486
Das preußisch-österreichische Kondominium in Schleswig⸗
Holstein bis zum Vertrage von Gastein, 14. August 1865.
Steigende Entfremdung bis zum Abschlusse des preußisch—
italienischen Bündnisses, 8. April 1866. Bis zum Ausbruche
des Krieges: Rüstungen, Verhandlungen mit Frankreich,
Stellung zu den Staaten des Deutschen Bundes, letzter
Vorschlag Preußens zur Bundesreform, entwicklungs⸗
zeschichtliche Bedeutung der Stellung Bismarcks zum all—
zemeinen Wahlrecht, letzte Verhandlungen und Schachzüge
bis 14. Juni 1866. Unterwerfung Norddeutschlands, Feld⸗
zug der Mainarmee, Krieg in Böhmen und Mähren.
Sicherung der Kriegserfolge, Friede mit Esterreich;
23. August 1866.

Seite

394 2418
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        Inhalt.

VII

Viertes Kapitel. Zweite Stufe der kleindeutschen
Lösung der Einheitsfrage.

III.

üsterreich auf Sonderwegen; Anfänge klein—
deutscher Reichsbildung; der Norddeutsche
Bund und die Südstaaten. . . .. XTF
Osterreichische Verfassungsentwicklung in den sechziger
Jahren, der Ausgleich des Jahres 1867. Indemnität und
Annexionen in Preußen. Gründung des Norddeutschen
Bundes; Wesen seiner Verfassung, Verhältnis des Nord—
deutschen Bundes zu den Südstaaten um die Zeit feiner
Bründung. Versuche Bayerns, einen Südbund zu gründen;
preußisch-norddeutsche Gegenwirkungen auf dem Gebiete
des Zollwesens; Gründung und Wirksamkeit des Zoll—
parlaments. Politische Lage in den Südstaaten, vor allem
in ihrem Verhältnis zur kleindeutschen Einheitsidee:
Württemberg, Bayern, Baden.
Kriegerische Auseinandersetzung mit Frank—
Frankreich und Preußen von 1866 bis 1870: die
Frage der „Kompensationen“, Luxemburger Frage. Vor—
dereitung des Krieges von 1870 71: Napoleons Suchen
nach Allianzen, die spanische Thronfolge. Der Krieg gegen
das Kaiserreich: strategische Voraussetzungen, Anfänge, die
Tage von Metz, Sedan, Richtung auf Paris. Der Krieg
zegen die Republik: strategische Lage, Phasen der Feldzüge
zum Entsatz von Paris. Waffenstillstand; Frankfurter
Friede.
Das neue Reich ................
Gründungsvorgänge des neuen Reiches: Verhandlungen
unter den Bundesstaaten; Kaiserwürde und Kaiser
profklamation zu Versailles; erste Tätigkeit des neuen
Reichstags. Die Reichsverfassung und die gemeinsamen
großen Lebensangelegenheiten der Nation: Landespolitik
und Reichspolitik; gemeinsame gesetzliche Regelung von An—
gelegenheiten des Wirtschaftslebens, insbesondere des Ver—
kehrs; Herstellung der Einheit der Rechtspflege und des
Rechtes; Entwicklung der Einheit in der Führung der aus—
wärtigen Angelegenheiten und im Heerwesen; Durchbildung
der Reichsfinanzen; Entstehung einer Reichsverwaltung.
Einführung des Reichslandes Elsaß-Lothringen in die
deutschen Verhältnisse: erste Einrichtungen; Maßregeln zur
Wiederherstellung des deutschen Charakters des Landes:

Seite

487 -514

515558

5542599
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        J

Inhalt.

Seite

Verhalten des Landes zur Verwaltung; politische Haltung;
Fortschritte in der Durchbildung einer Verfassung.
Mitteleuropäischer Dreibund. . . 600-627
Das Deutsche Reich, Frankreich und Italien bis Ende
1873: militärische Sicherung des Reiches; Begünstigung
der Republik in Frankreich; steigend freundliches Verhältnis
zu Italien. Entwicklung des Dreikaiserverhältnisses bis zum
Jahre 1874: günstige Ausgestaltung der Beziehungen zu
sterreich, Beibehaltung der russischen Freundschaft, An—
sehnung Italiens: deutsche Hegemonie in Europa. Die
Krisis des Jahres 1875: Erstarkung Frankreichs; Krieg—
in-Sicht-Artikel der Post; russische und englische Vor—
stellungen in Berlin; erste Annäherung Rußlauds und
Frankreichs. Russisch-türkischer Krieg und Entstehung des
Dreibundes: Verhandlungen Rußlands mit Berlin und
Wien vor dem Kriege; Berliner Kongreß; Zweibund mit
sterreich; Anschluß Italiens. Politisch⸗historische Würdi—
gung des Dreibundes.

IV.

Fünftes Kapitel. Arsprung, Verlauf und Ausgang
des Kulturkampfes: einstweiliger HAusgleich zwischen
Staat und Kirche.
Klerikalismus und Kurie vom Ende der vier—
ziger Jahre bis zum vatikanischen Konzil .
Kirchliche Entwicklung in Deutschland seit den fünf—
ziger Jahren überhaupt. Die Grundtendenzen des deutschen
und europäischen Subjektivismus und die katholische Kirche.
Entwicklung des Katholizismus in Frankreich bis zur Mitte
des Jahrhunderts. Durchbildung des deutschen Klerikalis—
mus der fünfziger und sechziger Jahre. Die Kurie und der
deutsche Klerikalismus, neue Konkordatszeit. Die großen
Entwicklungsstufen des klerikalen Papsttums vom Dogma
der unbefleckten Empfängnis bis zur Unfehlbarkeit.
Spezielle Vorgeschichte des Kulturkampfes ..
Staatliche Bedeutung und politische Behandlung des
VBatikanums in Deutschland und anderswo. Entstehnng und
Durchbildung des Altkatholizismus; seine und der protestan—
rischen Kirche Bedeutung für den Kulturkampf. Frühe
Parteibildungen des Klerikalismus. Entwicklung der
Zentrumspartei. Auftreten der Zentrumspartei im Reichs—
lage. Entwicklung des Gegensatzes zwischen Staat und Kirche
in der inneren Politik des Reiches und in der Verwaltungs—
praxis der Einzelstaaten.

6282650

II.

851 —2664
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        Inhalt.

IX

Seite
6865—685

III. Die Kampfeszeit.. TF
Vorspiele des Kampfes im Jahre 1872: Kanzelparagraph,
Schulaufsicht, Stellung der evangelischen Kirche; Vor—
gefechte mit der Kurie, Ablehnung des Kardinals Hohenlohe
als Botschafter. Der Kampf: Jesuitengefetz, päpstliche
Allokution vom Dezember 1872. Das Kampfesjahr 1873:
„Kulturkampf“, erstes Bündel von Maigesetzen, Stellung der
Konservativen; Wirkung der Maigesetze, Briefwechsel zwischen
Papft und Kaiser. Das Kampfesjahr 1874: Zivilstands
zesetzgebung im Reiche, zweites Bündel von Maigesetzen
döhe des Kampfes 1875: Enzyklika vom 5. Februar, staat
liche Gegenschläge.
Der Ausgleich..
Erste Versuche der Verständigung; Mißlingen der Ver—
handlungen mit der Kurie. Selbständiges Vorgehen der staat—
lichen Gesetzgebung, 1880 -1882. Erneute Verständigungs—
versuche ohne Ergebnis, Abschluß der selbständigen staat—
lichen Gesetzgebung, praktische Anerkennung dieser durch die
Kirche, 1888 bis April 1887. Nächste Bedeutung des Kultur—
kampfes für Staat und Kirche, Kurie und Klerikalismus
Schlußbemerkungen zur Entwicklung der ersten
Periode des Subjektivismus...
Entwicklung des politischen Lebens, des Gemütslebens
der Phantafietätigkeit, der Wissenschaft, der Wirtschaft und
der sozialen Schichtung in ihren gegenseitigen Beziehungen.
Schlüß' des ganzen Werkes
Register ...
Nachwort.

886—69

398 - 715

715- 720
721 - 746
747—749
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        Drittes Kapitel.

Erste Stuse der kleindeutschen Lösung
der Einheitsfrage.

Ich bin im Jahre 1856 geboren. Meine früheste politische
Erinnerung knüpft sich an die Krönung König Wilhelms J. in
Königsberg am 18. Oktober 1861. Noch sehe ich auf dem ge—
räumigen Markte des kleinen Städtchens im sogenannten luthe—
rischen Winkel, südlich von Wittenberg, in dem mein Vater
Pfarrer war, in trüber Dämmerung die Pechpfannen auf den hohen
Holzsäulen lohen, innerhalb des Beringes derer mein Vater zu
den versammelten Bürgern von der Schwere der Zeit und dem
gefestigten Wesen des neuen Monarchen sprach; noch verbindet
sich in meiner Erinnerung mit dem Bilde des niederschlagenden
rußigen Schwalges der Flammen das salvenartige Geräusch
zahlreicher zerspringender Knallerbsen, die ältere Knaben warfen,
und deren prickelnden Ton ich damals zum ersten Male hörte.
So ist mir nicht das Andenken eines heiteren Festes geblieben:
wie eine Prophezeiung vielmehr seltsamer Zeiten von Krieg und
Not, wie ein Symbol kommender Schlachtentage haftet mir die
Szene im Gedächtnis.
Darauf habe ich 18604 kriegsgefangene Dänen an den
Wällen Wittenbergs, das damals noch Festung war, arbeiten
sehen; und das Jahr 1866, wo in den Vortagen des Ein—
marsches der preußischen Truppen in das Königreich Sachsen
unser friedliches Haus zum Quartier eines Generals geworden
war, ist mir aus dieser Zeit mit ihren alltäglichen hellen
Lamprecht. Deutiche Geschichte. XI. 2. 24
        <pb n="12" />
        362 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Morgenmusiken der Militärkapellen in bester Erinnerung: bis
der Ernst des Kampfes, fern von meiner Heimat, sich in den
furchtbar-schnellen Schlägen entlud, von denen die Zeitungen
berichteten, und ich mir täglich in vorzeitiger Stunde die „Kreuz⸗
zeitung“ von der Post holte, um sie am verschwiegenen Orte,
in dem Wipfel eines alten Kastanienbaumes, zu lesen, noch
vor meinem Vater, der inzwischen sein Mittagsschläfchen ab—
hielt. Im Jahre 1870 aber war ich mit vierzehn Jahren schon
ein leidlich verständiger Gesell; und so fuhr mein Vater, der
große geschichtliche Augenblicke gern mitschauend erlebte, mit
mir und einem Vetter einige Tage vor der Kriegserklärung eigens
nach Berlin, damit wir die Erhebung der Nation am klassischen
Ort mit voller Seele in uns aufnehmen möchten. So habe
ich die zunehmende Erregung der unheildrohenden Tage be—
obachten dürfen; denn all die Zeit hindurch war der Vater,
obwohl sechsundsechzigiährig, mit uns auf den Beinen, am
Tage in den Straßen und auf den Bänken unter den Linden,
des Abends in Biergärten, Kneipen, Restaurants, Theatern,
deren wir zwei bis drei und mehr an jedem Abende besuchten.
Und unvergessen sind mir die Eindrücke dieser Tage bis ins
kleinste: das Feiern der Arbeiter, das erste Ertönen anfangs
des Pariser Einzugsmarsches, dann der Wacht am Rhein, die
Begeisterung bei Kroll, wo Lortzings „Undine“ unter Einlegung
vaterländischer Lieder gespielt wurde und unglaublichen
Enthusiasmus entfesselte — der atemlose Augenblick, da, von
der Friedrichstraße her, an der Ecke der Kranzlerschen Konditorei
unter den Linden vorwärts drängendes halbwüchsiges Volk in
wildem Rufe verkündete, daß der Krieg soeben erklärt sei.
Danach hieß es freilich schleunigst an die Heimfahrt denken,
denn schon galt die kriegsmäßige Ordnung der Bahnzüge; mit
Mühe gelangten wir nach Hause, aus Kasernenfenstern fliegenden
üͤberflüssigen Hausrat der ausziehenden Truppen als letzte Er—
imnerung an unvergeßliche Stunden im Kopfe.
Natürlich drängte auch ich in den Krieg; mit Mühe redete
mein Vater mir aus, mich bei irgendeiner Truppe zu melden —
übrigens würde ich wegen mangelnden Alters natürlich ab—
        <pb n="13" />
        Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 368

gewiesen worden sein —: und statt auf französische Schlacht—
felder zog ich in das gewohnte Arbeitszimmer der Landesschule
Pforta. Da war denn freilich vom Kriege nicht viel zu sehen;
unsere eigenen, an den Krieg anknüpfenden Heldentaten be—
wegten sich auf dem bescheidenen Gebiete der Schultorheiten
und endeten schlimmstenfalls mit einem strafenden Verdikte der
Lehrer; und nur passiv nahmen wir an den großen Dingen da
draußen eigentlichen Anteil, indem wir auf einen Gang unseres
Essens zugunsten der Verwundeten — ohne übrigens deswegen
von da ab zu fasten — verzichteten.
Der Schule folgte Universität und Eintritt in die akade—
mische Laufbahn: Zeiten vornehmlich der eigenen Bildung.
Damals habe ich, erst als Privatdozent, zum ersten Male den
Fürsten Bismarck gesehen; es war Anfang der achtziger Jahre.
Ich finde darüber in vergilbten Zetteln nur die Worte: „Obstipui.
 Vox faucibus haesit.“ Der Fürst sollte von Varzin
auf dem Stettiner Bahnhofe ankommen. Es war nicht öffentlich
bekannt; ich hatte es aus besonderer Quelle erfahren; nur wenig
Volk hielt sich am Ausgange des Bahnhofes. Um so mehr
nahm ich mir vor, durch lautes Hurra ein gutes Beispiel der
Bewillkommnung zu geben; denn es waren Zeiten, in denen nicht
jeder dem Fürsten ein Hoch gönnte. Da kam er, der namen—
gebende Held der Zeit — und mir versagte vor Erregung die
Stimme. Denn was hieß es für einen jungen Mann mit
historischen Neigungen, die aufsteigende Geschichte seines Volkes
gleichsam fleischgeworden, in der unerhörten Offenbarung einer
Person mit Augen zu schauen!
Später habe ich den Fürsten öfter gesehen. Aus einem
halbtägigen Besuche bei dem Greise in Friedrichsruh, am
1. Januar 1895, bewahre ich die folgende Aufzeichnung, die
ich gebe, wie sie sich mir in einer Stunde höchsten Glückes. un—
mittelbar nach dem Besuche, einstellte.
„Anwesend: Malwine von Arnim, Graf Rantzau mit Frau
und Kindern, Herbert Bismarck mit Frau, Wilhelm Bismarck
mit Frau, Lenbach, Schweninger, Horst Kohl, Chrysander.
Mich interessieren nur der Fürst und seine Schwester.
        <pb n="14" />
        364 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Speisesaal groß und luftig; Möglichkeit äußerst intensiver
Beleuchtung (Ol und Kerzen); ein paar gute Gemälde. Daneben
behagliche Konversationsräume. In einem der Weihnachtsbaum,
eine prächtige, völlig unbehängte Tanne. Besonders gemütlich
ein Raum neben dem Eßzimmer, darin eine Ecke mit behäbigem
Stuhl und Ledertamburin davor: hier wird der Fürst nach
dem Essen ruhen und um ihn herum ein Teil der Gesellschaft
sitzen, lesen, sprechen, während andere Gruppen für sich bilden
—
Der Fürst erscheint. Völlig aufrecht, einen Stock spielend
in der Hand. Feste fleischige Hände, wie ich nachher bemerke
von enorm starker Handwurzel. Die Finger dagegen zierlich:
Löwenanlage anmutig endend. Das Gesicht rosig, ziemlich
fleischig, nichts von den schlaff hängenden Muskeln der Achtzig—
jährigen, trotz tiefster Runzeln. Wunderbar noch heute das
Auge, namentlich wenn es hervorquellend geradeaus firxiert,
tiefblau, undurchdringlich, infolge der schweren Säcke darunter
noch mehr hervortretend. Wunderbar auch die Stirn mit ihren
mählich verlaufenden Buckeln, die eine tiefe, nach der Nase
ziehende Furche trennt. Die ganze Gesichtsmuskulatur sehr
beweglich, ausdrucksfähig, das Mienenspiel noch ganz in der
Herrschaft des Fürsten. Am eigenartigsten eine Muskelstellung
kurz vor schlagenden Bemerkungen: konvergierende Augen, die
gleichsam mit dem vorderen vorgezogenen Teile des in den
Winkeln zuckenden Mundes nach einem Punkte zielen; dabei
oiel Wohlwollen und nicht die geringste Spur der Erwartung
eines Effektes. Darauf, nach erzielter Wirkung, schlagendes
Lachen gleich dem eines unbeteiligten Dritten. Die Sprache
langsam, auch bei Erzählungen mit vielen Spuren des Über—⸗
legens, aber ohne jeden Flicklaut, außer einem explosiven O
unmittelbar vor Beginn einer neu einfallenden Gedankenreihe.
Das Organ sonor mit fast noch allen Nebentönen; Aussprache
von harmonisch-nasalem Charakter, wie nicht selten bei älteren
Franzosen. Die Betonung stets laut, die Sprachhaltung sicher,
—D
brechen.
        <pb n="15" />
        Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 365

Im Wesen ist der Niedersachse unverkennbar; kleine An—
klänge an Plattdeutsch werden mit Vergnügen gesucht bis zur
Einflechtung ganzer Wörter und Redeweisen. Von historischen
Persönlichkeiten würde ich mir ähnlich denken: Karl den
Großen, König Heinrich J. Konrad II., den Großen Kurfürsten
vielleicht, vielleicht auch nach gewissen Seiten Wallenstein. Doch
versagen eigentlich Vergleiche aus der neueren Geschichte.
Das Wesen des Fürsten in seiner Häuslichkeit ist nur im
ersten Augenblicke imposant, dann überwiegt die Liebens—
würdigkeit einfachen Sichgebens. Die Urteile und ihre Aus—
sprache sind gemäßigt. Man hat bei jedem Worte die Emp—
findung, daß es fundiert ist: so daß die zugrunde liegenden
Erwägungen für gerade seine Wahl nicht ausgesprochen zu
werden brauchen. Der Fürst erwägt. überhaupt nicht vor
anderen, sondern behauptet in dem sicheren, den Dritten an—
steckenden Vertrauen, daß er recht hat. Die Diskussion mit ihm
ist daher schwer und war mir fast unmöglich.
Das Gedächtnis ist enorm und für die fünfziger und wohl
auch sechziger Jahre anscheinend untrüglich. Der Fürst erzählte
von seinen Frankfurter Attachss und waßte an ciner Sielle,
wo er unerwarteterweise dessen bedurfte, noch den Namen des
Dieners eines derselben. Für die spätere Zeit, speziell die
Ereignisse im Beginn der Regierung Kaiser Friedrichs, be—
klagte sich der F,uͤrst über sein schlechtes Gedächtnis wisse
nicht einmal mehr, ob der Kaiser bei seiner Einholung in
Leipzig durch ihn, den Fürsten, noch habe sprechen können oder
schon habe schreiben mussen. Dabei wußte aber der Fürst noch
genau: er sei in Maybachs Salonwagen nach Leipzig gefahren,
habe schlafen wollen, keine Ruhebank gefunden, sich aber eine
konstruiert, und beschrieb eingehend, wie er das gemacht habe.
In diesem Augenblicke sind die geistigen und körperlichen
Kräfte des Fürsten noch ungebrochen und größer als die der
Achtzigjährigen, Die ich sonst kenne ...
Der Fürst hat nichts an sich, was äußerlich Autorität zu
erzwingen geeignet oder bestimmt wäre. Es ist falsch, daß er
nur Monologe zu halten wünscht. Er verträgt Widerspruch.
        <pb n="16" />
        366 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Daß er längere Gedankenreihen, die ihn beschäftigen, ausdenken
und auch ungestört aussprechen will, hat er mit jedem be—
deutenden Menschen gemein.
Mein erster Eindruck war Beklommenheit; ich bin nicht
dazu gekommen, dem Fürsten zum Neuen Jahre Glück zu
wünschen. Dann Versuche, mich dem Imponierenden dieses
Stückes vermenschlichter Weltgeschichte zu entziehen, durch
Widerspruch, Äußerung positiver persönlicher Gedanken usw.
Aber alles geriet ungeschickt. Schließlich Gefangengabe nicht
an die Größe, sondern an den Zauber dieser Persönlichkeit.
Ich verstehe, wie tiefer fühlende Hausgenossen ihn hundetreu
verehren müssen. Ich würde, glaube ich, bei längerem Zusammen—
sein, nach dem Fallen der Schlacken, in ein Verhältnis trau—
licher Verehrung zu dem Fürsten kommen, das mich ihm gegen—
über auch wieder frei und selbständig machen würde.“

Unter dem Eindrucke des soeben Erzählten fühle ich es noch
besonders klar: das Menschenalter von 1848 bis 1878, dessen
Schilderung in seiner politischen Entwicklung den Beschluß
dieser Deutschen Geschichte bilden soll, kann heute als Ganzes
noch immer am besten in der Form von Denkwürdigkeiten —
und eben von Denkwürdigkeiten eines in mittlerer Linie ver—
laufenden Lebens — dargestellt werden. Und empfinden heute
nicht mindestens alle älteren Zeitgenossen ebenso? Noch liegt
diese Zeit nicht so weit hinter der Gegenwart, daß ihr,
namentlich in politischen Dingen, schon ein vollgeschichtliches
und das heißt leidenschaftsloses Urteil gerecht werden könnte;
noch ist, historisch betrachtet, nicht abzusehen, was ihre größte
Schöpfung, das heutige Deutsche Reich, für die weiteren Ge—
schicke und die höchste Bestimmung der Nation bedeutet. Und
doch sind uns andererseits die Tage des Fürsten Bismarck
bereits so weit entrückt, daß wir sie auch nicht mehr allein
aus dem Tatendrang und mit der Leidenschaftlichkeit einer
vorwärts zielenden Gegenwart erschauen können: wie noch die
historische, so versagt schon die politische Betrachtung.
        <pb n="17" />
        Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 367

Wäre es bei dieser eigenartigen Lage nicht das Beste, die
Darstellung dieser Zeit beiseite zu lassen, da sie sich in den bisher
verfolgten Stil unserer Erzählung nicht fügen will?
Es wäre ein gordischer Ausweg; denn in ihrem Kerne,
trotz manchen fremden Einschlages schon, gehört das historisch⸗
politische Gewebe dieser Jahrzehnte doch noch dem Ausgange der
ersten Periode des Subjektivismus an, ja ist für sie nach ihrem
innersten Verlaufe in manchem Betracht erst recht eigentlich die
Vollendung der Zeiten.
Und so wird denn ein Pfad gefunden werden müssen, der
von dem bisher festgehaltenen Stil der Erzählung in das ver—
schlungene Dickicht doch auch dieses Menschenalters führt. Er
bietet sich am einfachsten dar, wenn der ursprünglichste Ton
aller geschichtlichen Überlieferung, der der einfachen Relation
der Tatsachen, angeschlagen, wenn die Ereignisse unter das
unbestimmte, diffuse Licht einer bloß epischen Erzählung gestellt
werden. Freilich: die frische Buntheit der Farben geht darüber
verloren; und nicht immer wird es bei allem Bemühen möglich
sein, Urteile zu vermeiden, die ephemer und politisch sind.
So bleibt zum Beispiel schon an dieser Stelle nichts übrig,
als trotz allem den Versuch zu wagen, für die Zeit von 1848
bis 1878 Abstand von der Gegenwart zu nehmen; und dies
Thema wird sogar noch einmal an späterer Stelle, dann hoffentlich
besser und jedenfalls eingehender erörtert werden müssen!. Da
wäre denn zu sagen, daß wir uns, entgegen heute noch vielfach
verbreiteten Ansichten, doch wohl bereits in sehr beträchtlicher
Entfernung von den Grundlagen und der politischen Umwelt
der Ereignisse selbst der siebziger Jahre befinden. Die politische
Evolution der drei Jahrzehnte vom Ende der vierziger Jahre
ab gehörte noch ganz der europäischen Welt an; die Erhebung
der mitteleuropäischen Staaten, nicht bloß Deutschlands, auch
Italiens, ja wirtschaftlich und administrativ und in der Zunahme
des Staatsgebietes selbst auch Osterreichs, ist das für sie eigentlich

S. unten das Kapitel über die Geschichte der auswärtigen Be—
riehungen nach 1870.
        <pb n="18" />
        368 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Bezeichnende; und sie erlebt ihren Ausgang in der beginnenden
Reaktion der westlichen wie östlichen Staaten Europas, Frankreichs,
Rußlands, endlich auch Englands gegen diese seit dem 17. Jahr⸗
hundert, ja schon früher gänzlich ungewohnte führende Stellung
der zentraleuropäischen politischen Gebilde. Was aber seitdem
erfolgt ist, führt über Europa hinaus in das weltgeschichtliche
Gebiet und knüpft eben an die gekennzeichneten Reaktions—
erscheinungen in Frankreich, England und Rußland an. Die
nächsten Nachbarn der Staaten der europäischen Mitte, Frank—
reich und Rußland, der altgewohnten Initiative nach dem
europäischen Zentrum zu beraubt, suchen nunmehr das künftige
Übungsfeld ihrer politischen und militärischen Kräfte im Süden,
in der Türkei und am westlichen Mittelmeer: und der Schau—
platz der europäischen Geschichte erweitert sich damit auf die
nordafrikanischen und südosteuropäischen und kleinasiatischen Ge—
biete. Von da aber greift er dann noch einmal weiter. Während
Rußland nach dem nicht zur vollen Zufriedenheit verlaufenen
letzten Türkenkriege eine Basis breiter Expansion am nördlichen
Pazifik sucht, um auch hier schließlich, und noch viel ent—
schiedener, zu scheitern, begründen Frankreich und England ihre
großen Kolonialreiche vornehmlich durch die Teilung Afrikas:
und aus diesen Vorgängen tritt schließlich, seit Ende des Jahr⸗
hunderts, England als der Staat der weltpolitischen Hegemonie
mindestens seinen Ansprüchen nach hervor.
Man sieht leicht: es handelt sich hier um Wendungen und
Ereignisse, die im Grunde mit der mitteleuropäischen Be—
wegung der fünfziger bis siebziger Jahre und damit auch mit
der deutschen politischen Geschichte dieser Zeit wenig mehr zu
tun haben: eine neue politisch-historische Welt und ein neuer
Schauplatz für sie sind emporgekommen. Und so lägßt sich
wohl sagen, daß, von diesem Standpunkte aus gesehen, dem
heutigen Betrachter die politische Welt der Zeiten des macht—
voll wirkenden Bismarck schon als geschichtlich geworden er—
scheinen kann.
Erscheint sie aber, wenn man sie von dem entgegen⸗
gesetzten Standpunkte, also etwa von der Perspektive des Jahres
        <pb n="19" />
        Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 369

1800 aus und von kulturgeschichtlichen Motiven her —
nicht erst recht historisch?
Der ersten Periode des Subjektivismus war es nicht ge⸗
geben gewesen, sich alsbald politisch auszuwirken. Von Empfind⸗
samkeit und Sturm und Drang herkommend, in Klassizismus
und Romantik verlaufend, gehört ihre große Geschichte inner⸗
lich wesentlich unpolitischen Zusammenhängen und Lebens—
gebieten an. Gewiß schloß das, im längeren Verlaufe der
Entwicklung, nicht das lebhafteste nationale, vaterländische Ge—
fühl aus, wenn dies durch besondere Umstände erfordert wurde:
in welchem Enthusiasmus sind Freiheitsliebe und National—
gefühl in den Zeiten der großen Kämpfe gegen Napoleon empor⸗
gelodert! Allein die nachhaltige politische Wärme, die tiefere
Gärungen erzeugt hätte, fehlte; es kam kaum zu einem natio—
nalen Staatsideal des Subiektivismus, geschweige denn zu
dessen Verwirklichung, und die vierziger Jahre brachten zwar
eine politische Bewegung, aber ihr Ziel ging auf die Durch—
führung des staatlichen Ideals des Liberalismus, und dies Ideal
war zu nicht geringem Teile ein noch individualistisches, also
an sich schon veraltetes, und entbehrte auch nicht fremder
Bestandteile. So lag es denn in der Ratur der Dinge, wenn
seine Verwirklichung nicht bloß äußerlich scheiterte: die Ansicht
vieler Zeitgenossen schon der fünfziger Jahre ging vielmehr
dahin, daß sie auch innerlich mißlungen sei, insofern es sich
darum gehandelt hatte, den Staat nicht einer Kultur des In⸗
dividualismus, sondern vielmehr einer Kultur des Subjektivismus
als zeitgemäß zu erstreben.
Konnte man sich bei diesem Mißlingen jedenfalls beruhigen?
Immer wieder, trotz alles Verfalls der subjektivistischen Kultur
der ersten Periode in den fünfziger und sechziger Jahren, be—
gehrte wenigstens die öffentliche Meinung von neuem auf und
rief nach Einheit und Freiheit: nach dem Abschluß der großen
Kulturentwicklung des letzten Jahrhunderts in einem ihrer
würdigen, mindestens ihr konformen Staate.
Da wurde denn entscheidend, daß dieser Staat ihr schließlich
doch nicht nach ihrer innersten Meinung, sondern nur aus der
        <pb n="20" />
        370 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Lösung eines mehr äußerlichen Schadens der deutschen Ent—
wicklung her zuteil wurde: aus der gewaltsamen Beseitigung des
preußisch⸗österreichischen Dualismus. Gewiß verknüpfte sich mit
den Einzelvorgängen dieser Lösung und namentlich mit den
Ereignissen des ihnen folgenden deutsch-französischen Krieges auch
die Realisierung mancher politisch-subjektivistischen Forderung.
Allein es geschah gleichsam nur nebenher und auf Abschlag:
Einheit und noch mehr zeitgemäße Verfassung standen keines—
wegs völlig im Zentrum der gesamten politischen Bewegung.
Man darf die Konsequenzen dieser Erscheinung für die
Vorgänge der fünfziger bis siebziger Jahre selbst wie auch für
die Folgezeit nicht übersehen. Die politischen Ereignisse bis
weit über die Gründung des Reiches hinaus sind nicht von der
vollen Wucht der nationalen Geistesentwicklung getragen ge—
wesen: schon daraus geht dies hervor, daß in ihrem Verlaufe
eine Politik, die auf System und Überzeugung beruhte, nicht
mehr gepflegt wurde. Vielmehr im Sinne einer Moral und
Weltanschauung, die sonst nur für die äußere Politik der
Staaten untereinander Geltung zu haben pflegt, vollzog sich
ein nicht geringer Prozentsatz der entscheidenden Ereignisse der
Verfassungsbildung und Reichseinigung; und indem dies so
war, wurde es möglich, daß die geistige und sittliche Haltung
der Verfallszeit der ersten subjektivistischen Periode mehr, als
erwünscht sein konnte, die konstituierenden politischen Vorgänge
beeinflußte. Man hat wohl die Politik, die unter diesen Um—
ständen getrieben wurde, als Politik des Realismus, wenn
nicht gar als Politik des Erfolges gepriesen. Tiefere und
feinere Köpfe indes schon unter den Zeitgenossen fanden sich
fremd zu ihr. Heute aber kann kaum ein Zweifel darüber be—
stehen, daß die Bildungsvorgänge des Norddeutschen Bundes und
des Reiches uns zwar ein genial konstruiertes Föderativsystem
gebracht haben, insoweit dessen Ausbau im geistigen Bereiche
einer Machtpolitik lag: nicht aber den deutschen Staat des
Subjektivismus.
Es sind Zusammenhänge, die Gegenwart und Zukunft zu
berbessern haben: wir suchen erst den unserem modernen Wesen
        <pb n="21" />
        Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 371

entsprechenden Staat. Und es sind Zusammenhänge, die damit
zugleich die politischen und die Staatsbildungsvorgänge der
fünfziger bis siebziger Jahre eben auch der Vergangenheit zu⸗
weisen — mit ihnen, beiläufig gesagt, zugleich auch den Kultur—
kampf, der nur einer Machtpolitik des verfallenden primären
Subjektivismus möglich war.
Indem nun so aber eine Betrachtung der inneren Ent—
wicklung vom Standpunkte des Jahres 1800 aus wie eine An⸗
schauung der äußeren nationalen Schicksale aus dem Blick—
punkte etwa des Jahres 1900 in gleicher Weise die Jahrzehnte
der politischen Geschichte von 1850 oder 1860 bis 1880 als
eine geschichtlich schon nahezu geschlossene Vergangenheit er⸗
scheinen lassen: kontrastiert diese Tatsache aufs eigenartigste
mit dem Umstande, daß diese selben Jahrzehnte denn doch für
die politisch voll erwachsenen Zeitgenossen von heute noch eine
erlebte Gegenwart und damit einen Zeitraum umfassen, von
dessen Betrachtung, mag man sie noch so sehr in die Flut
idealisierender Erinnerungen tauchen, der Einfluß der Affekte
kaum zu trennen ist. Es ist eine sonderbare Lage, die in
dieser tiefgreifenden Stärke wohl kaum irgendeiner Generation
der früheren deutschen Entwicklung zu eigen gewesen sein mag:
in nichts mehr vielleicht als eben in ihr spiegelt sich die außer—
ordentliche Schnellebigkeit, das rasche Entwicklungszeitmaß
unserer Zeiten.
Wir haben uns unsererseits an dieser Stelle diese Lage
scharf vor Augen zu führen und uns von vornherein einzu—
gestehen, daß, bei allem Bestreben, einen epischen, ja einen
episch-trockenen Ton festzuhalten, die nun folgende Erzählung
dennoch ganz anders, als alles früher Vorgetragene, von persön⸗
lichen Anschauungen und spezifischen Motiven durchzogen und
gelegentlich wohl auch einmal durchzittert sein wird.

In den dreißiger und vierziger Jahren des 19. Jahr—
hunderts hatte es sich in der politischen Geschichte der Nation
wesentlich um innere Fragen gehandelt: staatskirchenrechtliche
        <pb n="22" />
        372 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Kämpfe und Verfassungskämpfe geistlichen wie weltlichen
Charakters waren ihre Signatur gewesen. Allein sie alle waren
schließlich von einem weit stärkeren, dem gewaltigsten Antriebe
der Zeit überholt worden: dem Triebe nach Einheit.
Die erste Einheitsbewegung war denn freilich am Ende
der Epoche gescheitert, und diesem Unglücke waren lange Jahre
der Ernüchterung und des Ermattens gefolgt!.
Zugleich aber hatte sich doch auch schon in den Schluß—
ereignissen der Einheitsbewegung, insbesondere seit dem Momente,
da Preußen die Führung in ihr übernommen hatte, gezeigt,
worin, neben manchen anderen Gründen, eine tiefste Ursache
ihres Mißlingens lag. Die preußischen Verhandlungen waren
schließlich nicht nur in den geschichtlich schon seit so lange ge—
gebenen Gegensatz der beiden deutschen Großmächte, sondern
noch weit darüber hinaus in die allgemeine politische Kon—
stellation der Zeit, soweit sie Europa betraf, eingemündet; der
sehr einfache und doch so oft übersehene Zusammenhang hatte
sich herausgestellt, daß eine siegreiche deutsche Einheitsbewegung
nicht bloß die Nation angehen, sondern, bei den engen Be—
ziehungen der europäischen Staatenfamilie untereinander, zu—
gleich auch auf dem Gebiete der auswärtigen Politik überhaupt
ein Ereignis ersten Ranges bedeuten werde?.
Die Zeit, in deren Erzählung wir jetzt eintreten, ist da—
durch charakterisiert, daß sich dieser Zusammenhang in ihr von
Jahr zu Jahr klarer und folgenschwerer enthüllte: und daß die
Nation in den Wirrnissen, denen sie damit aus innerstem
Bildungsdrange entgegenging, und die Krieg und diplomatische
Kämpfe schließlich nicht bloß innerhalb der deutschen Grenzen
bedeuteten, zwei Führer von unbedingter Überlegenheit fand:
Bismarck und Moltke. Und so wird denn ihre erste und vollste
Signatur äußeres Handeln, Drama und Epopöe zugleich sein:
und nur die hochentwickelte Verstandeskultur des Jahrhunderts
wird ein wenig die urzeitlichen Instinkte dämpfen, die im Ver—

VBgl. oben S. 88 ff., 132 ff.
S. oben S. 129 f.
        <pb n="23" />
        Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 373

laufe dieses Handelns bei hoch und niedrig, vor allem aber
in den Tiefen der Nation erwachten.
Dabei versteht es sich, daß das Ziel, die innere Einheit
der Nation, Kaiser und Reich in neuen Lebensformen, seit 1848
mit Bestimmtheit gesichtet, nun keinen Augenblick mehr aus
den Augen verloren wird: immer und immer wieder blitzt
dies Ideal hervor, bis es gegen Schluß des letzten großen
Krieges in strahlender Fülle aufgeht. Aber die genauere
Fassung der alten Wünsche wird jetzt doch stark durch die
iußeren Vorgänge mitbedingt; das Kaisertum wird im Gegen⸗
satz zu Osterreich und zum Papsttum das protestantische der
Hohenzollern, und das Reich wird nach preußischem Muster ein
Kriegerstaat und das klassische Land der allgemeinen Dienst⸗
oflicht. Und auch auf die Frage der Auseinandersetzung zwischen
Kirche und Staat — denn in dies Problem mündet nunmehr
die Fülle der religiösen Diskussionen der ersten Hälfte des
19. Jahrhunderts — färbt der ganze militärisch-diplomatische
Charakter der Zeit ab, wie er denn selbst in unmittelbar
ymptomatischen Einzelvorgängen zutage tritt: in die Anfänge
des Kulturkampfes fällt die Frage, ob das neue Reich der
Kurie nicht bloß diplomatisch, sondern gar wohl selbst kriegerisch
zu Hilfe kommen solle, nachdem diese in indirektem Zusammen⸗
hange mit den kriegerischen Ereignissen des Jahres 1870 das
Patrimonium Petri an Italien verloren hatte.
So sind es denn drei große Themata gleichsam, die die
sechziger, siebziger und teilweise noch achtziger Jahre, die letzten
Ausgangszeiten der ersten Periode des Subjektivismus, bewegen:
Fragen der politischen Verfassungsbildung, staatskirchenrechtliche
Fragen, Fragen der nationalen Einheitsbewegung. Aber die
zuletztgenannten sind die weitaus wichtigsten, die in jedem Be⸗
trachte übermächtigen: und der Einheitsdrang der Nation be—
wvährt sich damit noch einmal als der eigentliche und tiefste
gpolitische Instinkt des Subjektivismus.
Nach ihm also muß unsere Erzählung orientiert werden:
ind so beginne sie zunächst mit einer kurzen Darstellung der
äußeren Geschicke Europas in den fünfziger Jahren, in den
        <pb n="24" />
        74 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Lapitel.

Zeiten der Reaktion, soweit sie Deutschland berührten: denn
diese bildeten den Auftakt zu dem gewaltigen Rhythmus der
militärischen und diplomatischen Ereignisse in den folgenden
Jahrzehnten. —
Als europäischen Schiedsrichter konnte sich anfangs der
fünfziger Jahre mit einigem Rechte der russische Kaiser
Nikolaus J. betrachten. Vor allem die deutschen Mächte waren
aufs festeste an ihn gekettet durch die reaktionäre Richtung
ihrer inneren Politik: denn stets war Rußland bis dahin noch
als fester Halt gegenüber dem westlichen Liberalismus erschienen.
Zar Nikolaus konnte weiterhin auf die Dankbarkeit Osterreichs
rechnen, dem er den ungarischen Aufstand hatte niederschlagen
helfen. Freilich hatte Fürst von Schwarzenberg mit Rücksicht
hierauf geäußert: sterreich werde die Welt noch einmal durch
feine Undankbarkeit in Erstaunen setzen. Aber der energische Fürst
war 1852 gestorben; und sein Nachfolger Buol-Schauenstein
war nur sein Kopist. Preußen dagegen bewegte sich durchaus im
Schlepptau der russischen Politik; schloß man doch vor einer
Ankunft des Zaren in Berlin den Landtag, damit dessen Tagung
nicht die Person des Zaren beleidige. Die deutschen Mittelmächte
endlich hielten die Russen seit langem durch Heiraten fügsam.
So traten dem Zaren höchstens England und Frankreich
entgegen. Allein mit England glaubte er sich gelegentlich der
Beilegung des schleswig-holsteinischen Zwistes gestellt zu haben:
an der Aufrechterhaltung Dänemarks, der Verhütung der
Germanisierung der Nordsee und Ostsee hatten Rußland und
England das gleiche Interesse. Frankreich aber hatte damals
eben den Staatsstreich hinter sich; man meinte Napoleon noch
auf länger im Innern gebunden; auch war man geneigt, ihn
persönlich eher zu unterschätzen. So hat ihn, bis auf einen ge⸗
wissen Grad freilich schon unter einem inneren Umschwung seines
Urteils, noch um die Mitte der fünfziger Jahre Moltke geschildert.
„Ich hatte mir Napoleon größer gedacht; er sieht zu Pferde sehr
gut aus, zu Fuß weniger. Eine gewisse Unbeweglichkeit seiner
Züge und der, ich möchte fast sagen, erloschene Blick seiner Augen
fiel mir auf. Ein freundliches, ja gutmütiges Lächeln herrscht
        <pb n="25" />
        Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 375

in seiner Physiognomie vor, die wenig Napoleonisches hat. Er
iitzt meist, das Haupt leise nach einer Seite geneigt, ruhig da,
und gerade diese Ruhe, die ihn bekanntlich auch in gefährlichen
Krisen nicht verläßt, mag es wohl sein, welche den beweglichen
Franzosen imponiert. Daß seine Ruhe nicht Apathie, sondern
das Ergebnis überlegenden Geistes und festen Willens ist, haben
die Begebenheiten gezeigt. Im Salon trägt er eine imponierende
Haltung nicht zur Schau, und im Gespräch wohnt ihm sogar
eine gewisse Befangenheit bei. Er ist ein empéreur, aber kein
König.“
Unter den bestehenden Umständen nahm der Zar die alten
Pläne Katharinas II. im Orient wieder auf. Im Dezember 1852
schlug Montenegro unter seinem jungen Fürsten Danilo los:
man wußte wohl, mit welchem Rückhalt. Allein Osterreich, damit
an der Grenze unmittelbar bedrängt, wußte die glimmende Kohle
durch energisches diplomatisches Einschreiten bei der Pforte noch
auszutreten; schon Februar 1853 herrschte wiederum Ruhe.
Inzwischen hatte der Zar unmittelbar der Türkei gegen⸗
über den alten Kriegsfall, die Unterdrückung der orientalischen
Christen, wieder hervorgeholt. Allein hier sah er sich von
Frankreich Konkurrenz gemacht. Seit altersher behauptete Frank⸗
reich ein Schutzrecht über die orientalischen Christen römischen
Blaubens; jetzt machte es Napoleon in verstärkter Weise geltend.
Es war klar, daß damit Rußland der idealste aller Vorwände
zum Kriege entzogen war, zumal die Pforte sofort sorgsame
Behandlung aller christlichen Fragen versprach.
Doch der Zar ließ sich nicht irre machen. Von Frankreich
zurückgewiesen, wandte er sich Februar 18883 an England und
bot ihm für den Fall eines Feldzuges und Sieges über die
Türkei Candia und Ägypten an, wofür Rußland das Protektorat
über die Moldau, Walachei und Serbien und Bulgarien er—
halten sollte. Doch England lehnte ab; es sah wohl, daß
die Konsequenz eines solchen Teilungsvorgehens der russische
Besitz Konstantinopels sein werde: und diesen konnte es als
Handelsmacht und Beherrscherin vieler Millionen von Musel—
manen schwerlich zulassen.
        <pb n="26" />
        376 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Ein gleiches Angebot des Zaren an Frankreich aber schlug
ebenfalls fehl.
Darauf ging der Zar ohne jede weitere sichernde Kombi—
nation gegen die Türkei vor, stellte seine Pontusflotte in
Sebastopol bereit, zog ein Heer in Bessarabien zusammen und
sandte den Admiral Fürst Mentschikoff mit einem Ultimatum
nach Konstantinopel, März 1853. Es ist bekannt, wie echt
russisch Mentschikoff in der Hohen Pforte auftrat. Aber die
Pforte lehnte das Ultimatum ab.
Darauf befahl der Zar, 7. Juli 1853, dem Fürsten Michael
Gortschakoff, die Grenze zu überschreiten und die Donau—
fürstentümer (nördlich der Donau) als „materielles Pfand“ für
die russischen Forderungen zu besetzen: es war das unmittel—
bare Signal für den Ausbruch türkischen Kriegsmutes und für
den Eingriff der europäischen Mächte.
Die Mächte, die sich in ihren Interessen am meisten ver—⸗
letzt fühlten, waren Frankreich und England; schon nach dem
Ultimatum Mentschikoffs hatten sie Flotten in den Orient ge⸗—
sandt. Aber auch der Wiener Hof fürchtete für seine östlichen,
namentlich die slawischen Besitzungen, obwohl sich die Süd—
slawen einstweilen ruhig hielten. Preußen endlich sah im Orient
keine seiner Interessen berührt, empfand aber den russischen
Angriff doch als ungerechtfertigt. So traten die genannten vier
Mächte in Wien zu einer Konferenz zusammen, um zwischen
der Türkei und Rußland zu vermitteln. Allein ohne Erfolg.
Darauf erklärte die Türkei den Krieg, am 4. Oktober 1853;
Frankreich und England aber schlossen am 27. November 1853
einen Vertrag mit der Türkei, ihr bewaffnet zu Hilfe zu kommen,
falls Rußland fortfahre, billige Friedensvorschläge zurück—
zuweisen. Als solche wurden auf der Wiener Konferenz der
vier Mächte formuliert: Räumung der Donaufürstentümer durch
Rußland, neue Regelung der Verträge von 1841 und Auf—
nahme der Türkei in den europäischen Staatenverband, endlich
eine freie Erklärung des Sultans, den christlichen Kirchen aller
Konfessionen Schutz zu gewähren.
Die Türkei nahm diese Vorschläge an: der Zar aber
        <pb n="27" />
        Erste Stufe der kleindentschen Lösung der Einheitsfrage. 377

weigerte sich. Worauf England und Frankreich mit der Türkei
ein Offensiv- und Defensivbündnis schlossen; 28. März 1854.
Der Krieg wurde zunächst an der Donau geführt. Noch
im März 1854 setzten die Russen unter dem greisen Paskiewitsch
über die Donau; im April segelte die englisch-französische Flotte
mit zwanzigtausend Mann unter Lord Raglan und dem Mar—⸗
schall St. Arnaud nach dem Orient und beschoß zunächst Odessa.
Im ganzen aber wurde der Krieg lau geführt und zog sich
ohne entscheidende Resultate durch den ganzen Sommer des
Jahres hin.
Während nun England und Frankreich auf diese Weise
eingriffen, schwankte man in Österreich im Beginne des Krieges
vielfach in seinen Entschlüssen. Solange russische Truppen an
der Donau standen, lag auch für den österreichisch-ungarischen
Staat die Möglichkeit nahe, daß wesentliche seiner Interessen
verletzt wurden. Und so war man im Grunde und schlimmsten⸗
falls doch zum Bruche mit Rußland entschlossen. In diesem
Momente, schon in den letzten Tagen des Februar 1854, ge⸗
langte an die Höfe von Wien und auch von Berlin seitens der
beiden Westmächte die Anfrage, ob sie Rußland mit zu
schleuniger Räumung der Donaufürstentümer auffordern wollten
und im Falle der Weigerung mit ihnen den Krieg erklären?
Osterreich war geneigt, sich den Westmächten anzuschließen;
Preußen dagegen nicht. In Preußen waren vielmehr die ent⸗
scheidenden Stellen dem Zaren eher günstig gesinnt; gleicher
Meinung war auch Bismarck. Und fso neigte man zu einer
wohlwollenden Neutralität gegenüber Rußland. Allein auf der
anderen Seite wiederum befürchtete man eine Diversion
Napoleons gegen Deutschland und hielt hiergegen ein festes
Bündnis mit Osterreich für notwendig. Dies wurde daher von
Preußen am 11. März 1854 gsterreich angeboten. In Wien
ging man darauf ein, und es kam zu einem Vertrage vom
20. April, auf folgenden Grundlagen: gegenseitige Gewähr—
leistung des Besitzstandes für die Dauer des russisch-türkischen
Krieges; allgemeines Eintreten für die Interessen Deutsch⸗
lands; aktives Eintreten beider Reiche, falls Rußland auf
Lamprecht, Deutsche Geschichte. XI, 9. 25
        <pb n="28" />
        378 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

österreichische, von Preußen unterstützte Aufforderung die Donau—
fürstentümer nicht räumen würde; offensives Vorgehen, falls es
sich die Fürstentümer einverleibe; Aufforderung an die Staaten
des Deutschen Bundes, dem Bündnis beizutreten.
Der Sinn des Vertrages war also für Ögsterreich Deckung
seines Gebietes bei etwaigem Vorgehen Rußlands, für Preußen
Sicherung seiner Stellung gegen Frankreich. An ein aktives
Eingreifen seinerseits gegen Rußland dachte Preußen dabei
eigentlich nicht; das zeigte sich deutlich, indem der König im
Mai 1854 die antirussischen Berater Bunsen in London und
von Bonin in Berlin, den Kriegsminister, entließ, indem
weiterhin der zu tatkräftiger Politik geneigte Prinz von
Preußen von seinen militärischen Amtern entbunden, ja mit
Festungshaft bedroht wurde. Der preußischen Anschauung fielen
im ganzen aber auch die kleinen Bundesstaaten zu, deren acht
sich zu Bamberg zu einer Beratung vereinigten, um von den
Großmächten nicht ganz überflügelt zu werden.
Inzwischen aber beschlossen die beiden deutschen Groß—
mächte, Rußland zur Räumung der Donaufürstentümer auf⸗
zufordern, 10. Juni 1854; und als Rußland zögerte, rückten
zsterreichische Truppen, nach Abschluß eines Besetzungsvertrages
mit der Pforte, gegen die Moldau und Walachei vor. Das
hatte insofern Erfolg, als der Zar nach längerem Zögern nun—
mehr, Anfang August 1854, den Rückzug des russischen Heeres
hinter die russische Grenze, den Pruth, „aus strategischen
Gründen“ befahl.
Damit erschien aber auch der im österreichisch-preußischen
Bündnis versprochene Kriegsfall beseitigt; die kleinen deutschen
Staaten atmeten auf, und am 24. Juli 1854 trat der Deutsche
Bund dem preußisch⸗-österreichischen Bündnisse bei.
Allein nun handelte sterreich von der damit gewonnenen
Grundlage aus weiter. Es pflog jetzt Besprechungen mit den
Westmächten über einen aktiven Eintritt in deren Politik. Ein
solcher Eintritt aber mußte den Westmächten um so lieber sein,
als sie im September 1854 den Krieg von der Donau nach
den russischen Gestaden des Schwarzen Meeres zu verlegen be—⸗—
        <pb n="29" />
        Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 379

gannen, also den Druck einer Landmacht an der russisch⸗ oster⸗
reichischen Grenze im hohen Grade zu schätzen wußten. Am
2. Dezember 1854 kam es in der Tat zum Abschlusse eines
Bündnisses zwischen Osterreich, England und Frankreich; Preußen
aber wurde der Zutritt zu diesem Bunde offen gehalten.
Sollte sich nun Preußen durch seinen Beitrit anscheinend
hedingungslos in das Schlepptau Osterreichs begeben? Nur
die eine Folgerung aus der neuen Lage erschien der Berliner
Diplomatie sicher, daß man von den Verpflichtungen gelöst sei,
die Osterreich aus dem Vertrage vom 20. April über das
preußische tätige Eingreifen im Falle eines russischen Angriffes
auf seine Grenzen herleiten konnte. In dieser Aufsassung aber
hatte Preußen die gesamten deutschen Kleinstaaten hinter sich.
Zum großen Verdrusse Osterreichs beschloß daher der Bund am
8. Februar 1855: in Abwesenheit jeder Gefahr eines russischen
Angriffes sei kein Anlaß zur Mobilisierung deutscher Streit—
kräfte oder zur Wahl eines Bundesfeldherrn gegeben: es be—
stand keine Lust zur Offensive, so sehr man die Neutralität zu
verteidigen Sinnes war.
Im ganzen gestalteten sich damit bis Februar 1854 die
Dinge so aus, daß Preußen durch seine laue Stellung ein
kräftiges Eingreifen Osterreichs verhinderte, soweit dieses über
die Sicherung der Donaufürstentümer vor den Russen hinaus⸗
strebte. In dieser Stellung aber fand es dauernd die Zu—
stimmung der kleineren deutschen Staaten; und auch die öffent⸗
liche Meinung fand die deutschen Interessen durch sie genügend
gewahrt.

Inzwischen waren aber freilich militärische Ereignisse von
größter Wichtigkeit geschehen. Am 20. September 1854 war
Fürst Mentschikoff an der Alma, am 53. November 1854 bei
Inkerman geschlagen worden. Darauf hatte die Belagerung
Sebastopols begonnen. Die hartnäckige Verteidigung der Festung
hatte dann die Verbündeten zu neuen Anstrengungen veranlaßt.
Dazu war, mit dem 2. Dezember, Osterreich ihrer Allianz bei⸗
getreten und hatte große Truppenmassen in Galizien und Sieben⸗
bürgen aufgestellt; und seit 26. Januar 1855 nahm auch
25*
        <pb n="30" />
        3800Fuünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Sardinien unter dem General Lamarmora an dem Kriege teil.
Allein noch immer hielt sich Sebastopopl. Da starb am
2. März 1855 Nikolaus J., und ihm folgte in Alexander II.
ein friedliebender junger Fürst, der nach Rettung der militä⸗
rischen Ehre zum Friedensschlusse bereit war. Damit kam in
die schon länger geführten Friedensverhandlungen ein frischer
Zug. Freilich war an eine rasche Beendigung nicht zu denken,
da sich erst die Tripelallianz, Frankreich, England, Hsterreich,
uüber ihre Forderungen einigen mußte. Und hier zeigte sich
nun, daß die Westmächte, namentlich Napoleon, Rußland Zu—
mutungen zu stellen beabsichtigten, welche Osterreich zu hoch
fand. Es kam zum Zwist zwischen den Verbündeten; OÖsterreich
trat zurück; in einer Thronrede vom 2. Juli 1855 klagte
Napoleon dies Verhalten rückhaltslos an: der Krieg wurde mit
erneutem Feuer aufgenommen.
In Deutschland aber entrüstete man sich nicht minder
über Osterreich; es sei gewichen; jetzt sei Napoleon Herr der
Lage: wo aber sei ein einiges Deutschland? So verlangte
man von neuem eine Reform des Bundes; und der Ruf nach
einer deutschen Volksvertretung wurde selbst im Bundestage ver⸗
nommen.
Aber die Kriegsereignisse vollendeten inzwischen ihren macht⸗
vollen Gang. Am 28. September 18558 fiel Sebastopol; Ruß⸗
land war damit nicht bezwungen, doch der Kriegsehre der West⸗
mächte war genug getan. Andererseits eroberte der russische
General Murawiew am 27. November 18858 die türkische Festung
Kars; auch Rußland stand nicht ohne kriegerische Lorbeeren da.
So versuchte es denn OÖsterreich mit einer neuen Ver—
mittlung. Sie fiel auf günstigen Boden, um so mehr, als
sich Preußen und die deutschen Kleinstaaten im Laufe des
Jahres 1885 immer mehr Rußland zugeneigt hatten. Am
25. Februar 1886 wurde zu Paris der Friedenskongreß er⸗
öffnet. Er schloß am 80. März 1856 mit Abmachungen, die
Rußland verhältnismäßig leichte Verluste auferlegten. Die
Donauschiffahrt sollte frei sein, die Donaufürstentümer wurden
neben der Suzeränität des Sultans auch dem Schutze der
        <pb n="31" />
        Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 8381

Vertragsmächte unterstellt; die Gleichstellung der Christen und
Mohammedaner im türkischen Reiche wurde ebenfalls von den
Vertragsmächten gewährleistet; das Schwarze Meer endlich
vurde Nneutralisiert und alle Kriegsschiffe von seinen Häfen aus⸗
geschlossen.
Es war das Ende einer neuen Phase der orientalischen
Frage, die Deutschland in ihrem Kerne noch wenig berührt
hatte. Soweit dies aber der Fall gewesen war, hatte ihre
Entwicklung doch immerhin schon zur Klärung des größten
innerpolitischen Problems, der Frage nach dem Verhältnisse
sterreichs und Preußens zu der künftigen nationalen Gesamt⸗
entwicklung, beigetragen. Und dabei hatte nicht der Umstand
entschieden, daß Osterreich schließlich weit stärker eingegriffen
— geographischen Lage erschien das
nur selbstverständlich. Vielmehr darauf war es angekommen,
welche von den beiden deutschen Großmächten das nationale
Interesse als solches am besten gewahrt habe. Und hier hatte
sich, eben auf Grund der geographischen Konstellation der
Ländermassen der gesamtösterreichischen Monarchie, gezeigt —
und sich den Zeitgenossen mit einer Deutlichkeit, die Erinne—
rungen an frühere verwandte Erfahrungen an sich noch nicht
gewährleisteten, aufgedrängt —, daß schließlich doch dies reaktio⸗
näre und so vielfach verachtete Preußen der eigentliche Träger
der nationalen Interessen war und sich als solcher mit den
Mittel- und Kleinstaaten zusammengefunden hatte. Es war
wie ein schwaches Aufleuchten der Zeiten des friederizianischen
Fürstenbundes, wie eine erste neue Andeutung zugleich des zu⸗
künftigen Berufes Preußens in Deutschland.
Im übrigen fiel der allgemeine Gewinn der Jahre des
Krimkrieges, soweit er sich in etwas wie einer europäischen
Hegemonie ausdrückte, Frankreich zu, da England, im ganzen
liberal regiert, sich europäisch⸗kontinentaler Eingriffe enthielt
und vor allem der Vollendung seiner kolonialen Hegemonie zu⸗
strebte. Und so darf man wohl sagen, daß nach dem Pariser
Frieden Napoleon auf dem Gipfel seiner Macht stand; ja auch
höchstes persönliches Glück wurde ihm in dieser Zeit zuteil,
        <pb n="32" />
        382 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

als ihm am 16. März 1886 ein Sohn und Erbe geboren
wurde. Bald aber sollte der Kaiser der Franzosen in einer an
sich geringfügigen, der deutschen Geschichte angehörigen Sache
Gelegenheit haben, diese Stellung vor ganz Europa noch be—
sonders klar zu dokumentieren.
Das kleine Fürstentum Neuenburg in der Schweiz hatte
bis 1848 der Krone Preußens gehört. Dann war es in dem
Revolutionsjahre seinem rechtmäßigen Fürsten untreu geworden
und der Eidgenossenschaft beigetreten.
König Friedrich Wilhelm IV., dem dieser Verlust bei
seinen legitimistischen Gefühlen besonders nahe ging, hatte vor
den europäischen Mächten wiederholt vergebens an die Wieder—
erstattung des Fürstentums erinnert, so zuletzt auf dem Pariser
Friedenskongreß des Jahres 1886. Die nicht unbedeutende
vreußische Partei in Neuenburg, an der Spitze die Pourtalos
und Meuron, glaubte damit von internationalen Verhandlungen
nichts mehr erwarten zu können und machte am 2. September
1856 den Versuch, mittels einer Gegenrevolution die preußische
Herrschaft wiederherzustellen. Allein das mißlang; sehr bald
vurde die Ruhe des Landes von neuem gesichert, und sechs—
undsechzig Royalisten sollten als Rebellen vor die schweizerischen
Bundesgerichte gestellt werden.
Das traf nun Friedrich Wilhelm IV. auf das tiefste: so
dereit er jetzt war, auf seine Fürstenwürde zu verzichten, so
hoch verschwor er sich, die Verurteilung der Royalisten niemals
zuzulassen, und koste es einen Krieg mit der Eidgenossenschaft.
Die Folge dieses unerwartet festen Auftretens war eine
deträchtliche Beunruhigung in der Schweiz und in den euro—
voäischen Staaten.
Friedrich Wilhelm IV. aber wurde dabei noch durch die
höhnende Art erbittert, in der die schweizerischen Zeitungen die
Sache behandelten. In seiner Sorge wandte er sich an Napoleon.
Der Kaiser nahm sich darauf der Sache alsbald aufs energischste
an. Und in der Tat gab die Schweiz nach wiederholtem Ein⸗
greifen im Januar 1857 in der Sache der Rebellen klein bei;
worauf im Mai 1857 eine endgültige Abmachung folgte, in
        <pb n="33" />
        Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 388

der König Friedrich Wilhelm IV. unter Beibehaltung des fürst⸗
lichen Titels seiner Rechte auf Neuenburg entsagte.
Es war die letzte größere Angelegenheit, die Friedrich
Wilhelm IV. noch persönlich durchgeführt hat. Im Oktober
1857 zeigten sich bei dem längst umdüsterten Könige die ersten
Spuren eines schweren Gehirnleidens; am 23. Oktober 1857
wurde der Prinz von Preußen zu seinem Stellvertreter, zunächst
auf drei Monate, ernannt. Der König aber erholte sich nicht
wieder. Immer schwerer sanken die Wolken der Krankheit über
ihn; die Gehirnschläge wiederholten sich, bis er am 2. Januar 1861
das Ende seiner Leiden fand.
Zieht man die politische Bilanz aus der Neuenburger An⸗
gelegenheit, so wird sich nicht verkennen lassen, daß sie wenig
geeignet war, das Ansehen Preußens vor allem auch an den
für die nationale Entwicklung wichtigsten Stellen Süddeutsch⸗
lands zu fördern. Es war ein letzter Akt rein legitimistischer
Politik, der sich zu der deutschen Einheitsfrage und der mit
ihr unauflöslich verquickten Entfaltung des Liberalismus an
sich fast indifferent zu verhalten schien. Dennoch machten sich
die tiefen Zusammenhänge der Gesetze von Legitimismus und
Territorialismus einerseits und andererseits Liberalismus und
Einheitsidee auch hier in der Richtung geltend, daß das Ver⸗
halten der preußischen Krone lebhafter, nicht selten geradezu
höhnender Kritik unterzogen wurde. Und war nicht der Ent⸗
scheid in der ganzen Angelegenheit schließlich durch Frankreich,
durch eine auswärtige Macht, erfolgt?
Inzwischen aber erstrahlte das Gestirn Napoleons immer
heller. Kein Zweifel: er hatte sich in den letzten Jahren, wenn
nicht die Achtung, so doch den Respekt Europas erworben und
damit zugleich freie Bahn gebrochen für- seine großen Pläne.
Dabei waren diese Pläne nicht eigentlich französisch. Der eigen⸗
artigen idealistisch-sentimentalen Veranlagung des Kaisers ent⸗
sprungen, waren sie vielmehr zunächst anscheinend nur kosmo⸗
politisch; und in dieser Hinsicht ihrem tiefsten Wesen nach ein
zutreffender Ausdruck des werdenden politischen Subjektivismus,
liefen sie auf eine Verquickung demokratischer und imperialistischer
        <pb n="34" />
        384 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Tendenzen hinaus, deren Verwirklichung zunächst in der politisch
selbständigen Konstituierung der Nationalitäten Europas gesucht
wurde. Dieser Konstituierung sollte dann gleichzeitig eine Ara
zunehmenden Friedens und eine wachsende Sympathie der
Völker für die schiedsrichterliche Schlichtung von Streitigkeiten
parallel gehen: das oberste Schiedsrichteramt aber sollte dabei,
wie es bei der Enthaltung Englands von den kontinentalen
Angelegenheiten in der Tat denkbar erschien, Frankreich — und
das hieß am Ende Napoleon zufallen. Denn bei allem
Idealismus entbehrte Napoleon keineswegs egoistischer Züge,
ja frönte diesen um so mehr, je mehr er sie mit seinen idea—
listischen Absichten zu verquicken imstande war. Es war eine
Grundveranlagung seiner Natur; so hat schon seine Milch—
schwester über ihn geurteilt: „Er hat Gemüt, ganz in deutschem
Sinne. Er ist von einer weichen, freundlichen Natur; er
möchte überall in seiner Umgebung Freude machen; er sorgt
für die Menschen mit der eingehenden Achtsamkeit, mit der
ein Gärtner seine Blumen pflegt. Aber es gibt eine Stelle in
seinem Innern, an die man nicht rühren darf; das ist das
Recht und das Wachsen seiner Dynastie. Wird ihm darin wider⸗—
sprochen, so tritt die Leidenschaft durch alle Schranken: er wird.
ein Tiger.“
Diese Politik, die gegenüber den zu verselbständigenden
Nationen so ganz der Erfahrung des Wortes Beneéficia non
obtruduntur widersprach, sollte nun auf Italien, Deutschland,
ja auch Polen, gleichmäßig angewendet werden. Wo indes ließ
sie sich von Frankreich aus am ehesten durchführen? Es waren
doch nicht bloß die zufälligen Konstellationen der zeitgenössischen
Politik oder gar nur Reminiszenzen an die Herkunft seines
Geschlechtes, die Napoleon hier an erster Stelle auf Italien
wiesen. Gewiß war Italien um diese Zeit das beste Feld für
Experimente im Sinne der Napoleonischen Ideale, nachdem
Osterreich, die alte legitimistische Macht, durch sein Verhalten
im Krimkriege mit Rußland entzweit und von Preußen und
den Mittelstaaten durch ein tiefes Mißtrauen geschieden und
dadurch so isoliert war, daß es in Italien zugunsten des
        <pb n="35" />
        Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 385

Legitimismus schwerlich einzugreifen vermochte. Und gewiß
hat Napoleon für Italien immer viel von den Sympathien des
Aboriginers gehabt. Allein die Macht, die ihn zur Verwirk⸗
lichung seiner Ziele zunächst nach Italien trieb, war doch weit
stärker in dem Gesamtverlauf der politischen Geschichte Europas
seit Jahrhunderten, ja fast seit Jahrtausenden gegeben.
Nach dem Verfalle des römischen Imperiums und aus ihm
heraus waren neue feste politische Gewalten zunächst in Zentral⸗
europa begründet worden: als schließlich stärkste und ent—⸗
scheidende unter ihnen die des römischen Reiches deutscher
Nation. Dies Reich hatte dabei in den Zeiten seiner glänzendsten
Entfaltung nicht bloß in den Westen und Osten Europas so
weit übergegriffen, daß es vor jedem Angriffe von diesen Seiten
her sicher war — ein Zusammenhang, der am deutlichsten
in dem von ihm lange gewahrten Besitze des West⸗ wie Ost⸗
riegels des Alpensystems zutage trat —, sondern es hatte vor
allem sich in Italien als Obergewalt für lange Zeiten fest⸗
gesetzt. So war denn ein Reich entstanden, das in sich, zumal
dei der kulturellen und teilweise selbst politischen Abhängigkeit
auch der nordischen Reiche von ihm, im Grunde ganz Zentral⸗
europa umfaßte: ein Reich der europäischen Mitte, das in
den glänzenden Zeiten seiner Kaiser, im 11. bis 13. Jahr⸗
hundert, auch als ein Reich fast europäischer Herrschaft emp⸗
funden wurde. In ihm aber führte doch vornehmlich die
deutsche Nationalität; die zweitwichtigste aller in ihm vertretenen
Nationalitäten war zwar die italienische; dennoch aber fühlte
sich diese als dienend, und sie sah sich weit davon entfernt, in
diesem Bereiche die Formen eines einheitlichen nationalen
Verfassungslebens entwickeln zu können: schon damals fehlte
ihr also der äußere, politische Ausdruck nationaler Einheit.
Im übrigen kennt man die Schicksale des großen deutsch⸗
zentraleuropäischen Reiches. Es zerfiel seit dem 13. Jahr⸗
hundert vornehmlich wegen der inneren Schwächen seiner Ent⸗
wicklung, wie sie auf staatsrechtlichem und finanziellem Gebiete
hervortraten; es unterlag im 15. und 16. Jahrhundert den Er⸗
derimenten einer grundsätzlich föderativen Umbildung ohne
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        386 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

inneren verfassungsrechtlichen Gewinn; es ist in den Zeiten des
ersten Napoleon ruhmlos zugrunde gegangen. Dies alles be—
deutete für die äußere europäische Geschichte die stärkste Ver—
schiebung des politischen Schwergewichts; Westeuropa übernahm
jetzt, zunächst durch Spanien, dann durch Frankreich, schließlich
durch Frankreich und England vertreten, zu nicht geringem Teile
die Führung der europäischen Geschicke; und langsam bildete sich
andererseits, unter der Präponderanz des Westens, ein östliches
Zentrum aus, in den Anfängen von Polen und Schweden, seit
dem 18. Jahrhundert in steigendem Maße durch Rußland ver—
treten. Es war statt der einfachen zentralen Konstellation des
Mittelalters vielmehr eine elliptische Bildung mit zwei Brenn—
punkten, in deren häufig wechselnder Bedeutung die äußere
Geschichte Europas verlief.
Eines aber war bei dieser Konstellation, die das 16. bis
19. Jahrhundert beherrscht hat, klar: das alte europäische
Zentrum, nun degradiert, litt unter ihr außerordentlich. Für
Deutschland bedarf das keiner weiteren Ausführung; Dreißig⸗
jähriger Krieg, Spanischer Erbfolgekrieg, Siebenjähriger Krieg
und Napoleonische Zeiten reden hier eine deutliche Sprache: und
in den Zeiten dieser Kriege erschien die Nation so anscheinend
endgültig in ihre einzelnen Bestandteile zerfallen, daß gegen
deren Ende hin nationaler Patriotismus eine Empfindung war,
die, längst als Gemeingefühl der Massen verschwunden, von
den Helden der kulturellen Entwicklung erst wieder erweckt
werden mußte. Viel abträglicher für die nationale Einheit aber
verliefen diese Zeiten doch noch in Italien. Wie es hier nie—
mals zu der Zusammenfassung der einzelnen Bestandteile der
Nation zu einem Ganzen gekommen war, wie sie Deutschland
wenigstens im alten Reiche gekannt hatte, so hatten die neueren
Zeiten auch fast schon eine die Nationalität bedrohende Differen⸗
ierung der Kultur gebracht: wie wenig Zusammenhang hatten
doch im Grunde noch die Renaissancen von Süditalien, Florenz
und Venedig; und um wie vieles verschiedener nach Gemüt
und Charakter sind heute Sizilianer und Piemontesen, als die
Stämme Norddeutschlands etwa und des deutschen Südens. Und
        <pb n="37" />
        Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 387

so erschien denn Italien um die Mitte des 19. Jahrhunderts
in der Tat, trotz allen Einigungsbestrebungen schon seit Aus—
gang des 18. Jahrhunderts, als das klassische Land nationaler
Dekomposition: und ein Idealist des Nationalismus auf dem
Throne mußte sich wie von magischer Macht versucht fühlen,
eben auf diesem Boden Träume Wirklichkeit, Ziele Tatsachen
werden zu lassen.
Indem aber Napoleon III. von diesen Einflüssen getragen
den Gedanken der Einheit Italiens erfaßte und zu einer der
wichtigsten Absichten seine Politik machte, vergaß er keineswegs
völlig, daß er französischer Herrscher war. Nicht als einheit⸗
lichen Staat begriff er darum das Italien der Zukunft, sondern
nur als Staatenbund nationalen Charakters unter einem mora⸗
lischen französischen Protektorat, dessen Halt er in der Ver—
wandtschaft der Völker und in den Gefühlen italienischer Dank—
barkeit finden zu können glaubte. Und von diesem Standpunkte
aus betrachtet erschienen denn seine Bestrebungen, objektiv be—
leuchtet, doch eigentlich nur als Parallel- und Wettbewerbs⸗
bestrebungen zu der poch immer bestehenden italienischen Hege⸗
monie Osterreichs: wie Österreich Italien legitimistisch beherrscht
hatte und beherrschte, so sollte es nunmehr Frankreich kraft
der liberalen und nationalen Prinzipien einer neuen Zeit seiner⸗
eits beherrschen lernen und beherrschen.
In weiterer Ferne aber verfolgte Napoleon, nach dem
aber die zentraleuropäische Entwicklung Bemerkten fast selbst—
derständlich, auch den Plan der Begründung eines nationalen
Deutschlands. Und dies war ein neuer Grund für seine Ab—
neigung gegen sterreich, während er Preußen als den künftigen
Träger der deutschen Einheit bis 1866 fast unausgesetzt mit
seinen Sympathien gestützt hat. Dabei faßte er freilich auch
die deutsche Einheit nur im Sinne eines Staatenbundes —
selbstverständlich mit mindestens moralischem französischen Pro—
tektorate — ins Auge.
Daß aber nach der Durchführung dieser großen Beispiele
nationalen Zusammenschlusses auch sonst die politische Konsti—
tution der europäischen Nationen unter französischer und Napoleo—
        <pb n="38" />
        388 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

nischer Agide gelingen müsse, war dem Kaiser nicht im geringsten
zweifelhaft.
Dieser ganzen Auffassung läßt sich nun gewiß eine Art
selbstloser Großartigkeit nicht abstreiten. Zwar war Frankreich
in diesem Zukunftsplan die bedeutsame Rolle einer europäischen
obersten Macht und eines Protektors der fremden nationalen
Bildungen vorbehalten. Allein in der Zeit, da Napoleon diese
Pläne voll entwickelte, in den Jahren 1856 bis 1860, ja noch
länger, war er ja tatsächlich schon der Schiedsrichter Europas.
Und unter allen Umständen lagen dieser Politik große Ge—
danken einer neuen Zeit, ja eines neuen Kulturzeitalters zu⸗
grunde, wie sie die legitimistische Kabinettspolitik noch der
ersten Hälfte des Jahrhunderts nicht gekannt hatte: und zweifels—
ohne wurde damit ein höherer Geist in den allgemeinen Zug
der europäischen Geschichte eingeführt. —
Seit den fünfziger Jahren gärte es in Italien ohne
Unterlaß. In Neapel wurde das unfähige Regiment des
Bourbonen Ferdinand II. durch die allgemeine Antipathie des
Volkes und die Chmorra, einen Geheimbund bewaffneter
Banden, lahmgelegt. Über ganz Italien erstreckte sich der
Nationalverein, von Manin und Pallavicino gebildet, jetzt von
dem tätigen Messinesen La Farina gefördert; daneben stand
unter Mazzini der radikale Bund der Tat. Ihren Mittelpunkt
aber fanden die nationalen Bestrebungen in Piemont und in
dessen großem Staatsmann Cavour. Cavour suchte zunächst
Piemont auf den Kampf mit OÖsterreich vorzubereiten, indem er
in einer inneren Reformpolitik die Kräfte des Volkes entfesselte.
Daneben wußte er das Ansehen Sardiniens bei den Groß—
mächten zu stärken. In dieser Absicht ließ er sein Land vor
allem am Krimkriege teilnehmen; in der Tat war die Folge,
daß Sardinien auf dem Pariser Friedenskongreß Sitz und
Stimme erhielt. Und hier deutete nun Cavour unter geheimer
Freude Napoleons die italienischen Forderungen und Bedürf—⸗
nisse an: führte ganz allgemein und allseitig Klage über die
Leiden und Bedrückungen des Landes, wies auf die schlechte
Regierung des Kirchenstaates und anderer Gebiete Mittelitaliens
        <pb n="39" />
        Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 389

hin und beschwerte sich besonders, daß Osterreich entgegen den
Verträgen den nördlichen Teil des Kirchenstaates besetzt halte.
Waren es nicht erste Umrisse eines Programmes, das auf
schließliche nationale Einheit, einstweilen aber mindestens auf
starke, kaum ohne Umwälzungen denkbare Anderungen in Mittel⸗
und Oberitalien hinauslief? Wie dem auch sein mochte, jeden⸗
falls war dies das Programm Napoleons; und Napoleon suchte
es alsbald, seit 1857, auszuführen. Zunächst isolierte er
Ssterreich diplomatisch vollständig. Des weiteren aber wurde
er durch ein Ereignis begünstigt, das alle Sympathien für
sein Handeln beschleunigte. Am 14. Januar 1858 führte
Orsini ein Attentat gegen ihn aus, weil er italienfeindlich
sei, und bekannte, als er vernahm, daß das Gegenteil dieser
Annahme zutreffe, reuig seinen Irrtum: „Indem ich dem
Tod entgegengehe, gereicht es mir zum großen Trost, daß
Euere Majestät von wahren italienischen Gesinnungen beseelt
sind.“ Worte seines Testaments, die Napoleon, der die Nation,
die er beherrschte, wohl verstand, sofort im Moniteur ver⸗
zffentlichen ließ. Diesem Coup folgte dann, August 1858, die
geheime Zusammenkunft Cavours und Napoleons in Plombioeres.
In ihr wurde ein nächstes Programm der Nationalisierung
Italiens aufgestellt: das Land frei bis zur Adria, ganz
Oberitalien ein Königreich unter dem Hause Savoyen, Frank⸗
reich zur dankbaren Anerkennung seiner Hilfe eventuell durch
Savoyen und Nizza vergrößert. Den Gegensatz zu Hsterreich
aber, der diesem Programme in fast allen seinen Punkten zu—
grunde lag, bekannte Napoleon am 1. Januar 1859 offen,
indem er in einem seiner berühmten Neujahrsempfänge dem
österreichischen Gesandten gegenüber äußerte, er bedauere, daß
die Beziehungen zwischen den beiderseitigen Regierungen nicht
mehr so gut seien wie früher.
Damit war Osterreich genügend gewarnt. Es ging sofort
vor; dreißigtausend Mann wurden nach der Lombardei geschickt,
umd am 28. April wurde in Turin ein Ultimatum überreicht:
Krieg binnen drei Tagen oder Entwaffnung. Am 29. April
aber überschritten die Osterreicher den Tessin. Da konnte denn
        <pb n="40" />
        390 cFünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Napoleon am 3. Mai scheinbar recht bequem erklären, Öster—
reich habe den Frieden gebrochen, und auch seinerseits mit in
die Aktion eintreten.
Der Krieg wurde von den österreichern anfangs lässig ge⸗
führt, und bald zeigten sich die Folgen: Graf Gyulai wurde
am 4. Juni bei Magenta besiegt, wenn auch vielleicht nur,
weil er sich für besiegt hielt; darauf war auch dem Kaiser
Franz Joseph, der nunmehr den Oberbefehl selbst übernommen
hatte, bei Solferino, am 24. Juni, das Kriegsglück nicht hold.
Inzwischen hatten die bisher geschilderten Ereignisse in
Deutschland Hoffnungen und Befürchtungen in gleich hohem
Maße erregt: auf allen Seiten begriff man, daß es sich um
Ereignisse handle, die nicht bloß als Parallelen zu den künftigen
Schicksalen der eigenen Nation von hoher Bedeutung seien,
sondern auch unmittelbar in die äußere Lage Deutschlands ein—
griffen. Und so war es nur eine Konsequenz dieser Lage, daß
Preußen auf alle Fälle mobil zu machen hatte. Erst spät aber
schickte sich Preußen zu einem bestimmten Handeln an; erst am
24. Juni sandte der Prinzregent eine Nachricht nach London
und Petersburg, die den Beginn bewaffneter preußischer Ver—
mittlung ankündigte auf der Grundlage der Erhaltung des
Territorialbestandes und der Durchführung politischer Reformen
in Italien. Es war ein Entschluß, der sich als vom auf—
richtigsten Beifall der deutschen Patrioten getragen erwies, und
an den sich die Gründung des Nationalvereins durch Rudolf
von Bennigsen am 14. August 1859 anschloß, dessen Ausschuß
seitdem unter dem Schutze des Herzogs Ernst von Sachfen-Coburg⸗Gotha
 für die deutsche Einheit in kleindeutschem Sinne
gewirkt hat.
Napoleon ahnte indes sofort die Absichten der preußischen
Regierung und wußte ihnen gegenüber rasch in direkten Ver⸗
handlungen mit dem Kaiser Franz Joseph abzuschließen. Am
8. Juli kam es zum Waffenstillstand, und schon am 11. Juli
wurde durch beide Monarchen persönlich die Konvention von
Villafranca eingegangen, die dann im Frieden von Zürich,
10. Nopember 1859, bestätigt und vervollständigt wurde. Danach
        <pb n="41" />
        Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 391

trat Osterreich die Lombardei an Napoleon ab, der sie an Piemont
und Sardinien weitergab. Ganz Italien aber sollte einschließ⸗
lich des österreichisch bleibenden Venetiens einen Staatenbund
bilden unter dem Ehrenvorsitze des Papstes. Dazu sollten die
mittlerweile vertriebenen Souveräne von Toskana und Modena
ohne fremde Intervention wieder eingesetzt werden, und das hieß
also in dem Falle, daß die Bevölkerungen ihre Rückkehr ver⸗
langen würden.
Napoleon hatte damit im ganzen das Ideal der italie⸗
nischen nationalen Freiheit erreicht, das ihm vorschwebte. Denn
was bedeutete der Ehrenvorsitz des Papstes anderes als eine
verschleierte Kontrolle Frankreichs? Anders aber erblickten die
Italiener selbst schon ihre nationale Zukunft. Sie wollten alle
Länder, auch Venetien, rein italienisch regiert haben, und sie
wollten sie geeint sehen unter einer völlig unabhängigen nationalen
Herrschaft. Und so kam es, zum großen Teil unter dem Wider⸗
ftreben Napoleons, zu einer zweiten, weit nationaleren Stufe der
italienischen Einheitsbewegung.
Zunächst war es den Fürsten von Toskana und Modena
nicht möglich, in ihre Staaten zurückzukehren: einmütig be—
schlossen ihre Untertanen die Angliederung an Piemont, und
auch die päpstlichen Legationen wünschten diesen Anschluß.
König Viktor Emanuel nahm diese Außerungen selbständiger
nationaler Gesinnung wohlwollend auf, und es gelang ihm,
gegen Abtretung von Savoyen und Nizza an Frankreich die
Zustimmung Napoleons zur Einverleibung dieser Staaten zu
exrhalten: am 2. April 1860 konnte das erste italienische
Parlament eröffnet werden. Bald darauf aber, im Mai 1860,
fuhr Garibaldi unter geheimer Zustimmung der piemontesischen
Regierung mit der Schar seiner Tausend nach Sizilien und ver⸗
kündete ain 14. Mai 1860 im Namen Viktor Emanuels, Königs
von Italien, die Diktatur über die Insel. Im August brach
er dann von Sizilien in den festländischen Teil des Königreichs
Neapel vor; fast spielend rückte er der Hauptstadt entgegen, in
die er am 7. September einzog. Und alsbald richtete er hier
eine revolutionäre Regierung ein und rüstete sich zu einem Zuge
        <pb n="42" />
        z392 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

auf Rom. In Rom hatte inzwischen Napoleon, dessen Truppen
die morsche päpstliche Herrschaft stützten, vergeblich auf Re—
formen gedrängt. Der Papst und mit ihm der Klerikalismus
aller katholischen Länder lehnte diese Reformen ab und sah in
der französischen Besatzung Roms weniger eine Truppe zum
Schutze als zur Überwachung. Um sicherer zu gehen, begann
daher der Papst allerdings seine eigene Armee etwas zu refor⸗
mieren, an ihre Spitze trat der verbannte französische General
Lamoricière. Unter diesen Umständen schien ein Zusammenstoß
zwischen den italienischen Freischaren Garibaldis und den Päpst⸗
lichen bevorzustehen. In diesem Moment griff Napoleon der
Hauptsache nach etwa in der Weise ein, daß er dem König
Viktor Emanuel vom päpstlichen Staate Umbrien und die
Marken sowie das Königreich Neapel preisgab: unter der
Voraussetzung, daß dem Papste das eigentliche Patrimonium
Petri erhalten bliebe. Jedenfalls vollzogen sich dementsprechend
die nächsten Ereignisse. Am 18. September 1860 schlug ein
sardinisches Heer die päpstlichen Truppen unter Lamoricière
bei Castelfidardo; am 9. Oktober erschien König Viktor Emanuel
in Ancona und übernahm den Oberbefehl des Heeres, um
nötigenfalls gegen Garibaldi zu marschieren. Doch erwies
sich das nicht als notwendig. Eine Volksabstimmung vom
21. Oktober 1860 entschied die Vereinigung Neapels mit
Piemont, Garibaldi übergab dem König den Oberbefehl; und
dieser vertrieb den König Ferdinand von Neapel aus seiner
letzten Position in Gaeta.
Am 17. März 1861 nahm Viktor Emanuel zu Turin feier⸗
lich den Titel Rè d' Italia an; außer Venetien und Rom war
ganz Italien einig.
Es waren Ereignisse, die auch in Deutschland, vor allem
bei den Nationalen und Liberalen, weiten Widerhall fanden.
Sollte, was in Italien gelungen war, nicht auch der ehemals
führenden Nation Zentraleuropas, wenn auch in anderen Formen,
möglich sein? Mehr als seit langem schaute man nach einem
Helden, einem Retter aus. Und schon war den Einsichtigen,
auch in Süddeutschland, gegenwärtig, daß ein Fortschreiten zu
        <pb n="43" />
        Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 398

nationaler Einigung nur auf preußischer Grundlage möglich
sein werde. Wenn irgend etwas außerhalb Deutschlands, so
hatte dies die äußere Politik Osterreichs in dem verflossenen
Jahrzehnt gelehrt. Osterreich hatte in ihr nach Osten wie Süden
hin, an allen ihm offenen Grenzen gegenüber Rußland und der
Türkei wie Italien nur ausschließlich österreichische Interessen
verfolgt; und seine Haltung in diesen Richtungen hatte auch
sein Verhalten gegenüber den Westmächten, insbesondere dem
für Süddeutschland so wichtigen Frankreich, wie zu den Ver—
suchen des Deutschen Bundes selbst, in die äußere Politik ein—
zugreifen, bestimmt. Träger der spezifisch deutschen Interessen
aber war bei diesem Versagen Hsterreichs wie von selber Preußen
geworden. Gewiß hatte Preußen dabei die ihm zufallende Rolle
nicht besonders kühn geführt; von einem irgendwie bestimmenden
Einflusse der Politik des Deutschen Bundes etwa unter seiner
Führung auf den Verlauf der europäischen Gesamtpolitik war
nicht die Rede gewesen. Aber immerhin hatte es sich in den
wesentlichsten Momenten der Inanspruchnahme deutscher Inter⸗
essen bemerklich gemacht und war der Entwicklung und Durch—
bildung der italienischen Einheitsbewegung wenigstens tatsächlich
kaum entgegengetreten. Konnte man da von ihm nicht auch
für die deutsche Sache wenigstens einiges Wohlwollen und Ver—
ständnis erwarten?

Lamprecht, Deutsche Geschichte. XI, 2.

26
        <pb n="44" />
        II.

Es hat eine Zeit gegeben, in der die politische Geschichte
—
internationale Beziehungen und Einflüsse bestimmt erachtet wurde.
Heute braucht wohl kaum gesagt zu werden, daß eine solche
Auffassung der Geschichte eines wirklich starken Volkes kaum
—D
Allein war sie nicht noch in den fünfziger Jahren des 19. Jahr⸗
hunderts in der Tat für den deutschen Historiker der Ausdruck
einer ständig gemachten Erfahrung? Man muß sich in die
psychischen Einzelheiten dieser Erfahrung versenken, um zu ver⸗
stehen, wie sehr der allgemeine Gang der äußeren europäischen
Politik in den fünfziger Jahren mit seinem glänzenden Abschluß
in der nationalen Einheitsbewegung Italiens auf die Wandlung
der Geister auch in den inneren Zuständen Deutschlands ein—
wirken mußte: schon dieser Gang machte eine Wendung in
Deutschland zu Nationalismus und Liberalismus, machte eine
der Reaktion nach 1848 entgegentretende „neue AÄra“ wahr⸗
scheinlich.
Diese neue Ära lag aber auch nach dem Kern der inneren
deutschen Entwicklung in der Luft. Schon die bloße psychische
Reaktion gegen die „Reaktion“, gegen den politischen Geist der
Unfreiheit, der nun fast ein Jahrzehnt waltete, mußte dazu
führen. Da sprach wohl Bogumil Goltz von der Mattherzigkeit
der Reaktionsjahre, in der die Menschen nur ebensoviel Seele
gehabt hätten, daß das Fleisch nicht faule: und löste damit
Tausenden, die ebenso dachten, die Zunge. Da empfand man
die prinzipielle Betrachtung der Politik, wie sie noch in den
bierziger Jahren durchaus gewöhnlich gewesen war, durch die
        <pb n="45" />
        Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 395

I

V

2

unvernunftigen Maßregeln der Regierungen mit Berufung auf
die Grundsaäͤtze des Legitimismus nunmehr als ad absurdum
geführt; eine praktische Behandlung politischer Fragen erschien
dem aufgärenden Wirtschaftsleben der Nation und seinen Ver—
tretern als selbstverständliche Folge eines ökonomischen
Opportunismus; und Bismarck konnte bereits 1887 das Wort
aussprechen: „Wenn ich ein Prinzip als oberstes und allgemein
durchschlagendes anerkenne, so kann ich das nur insoweit, als
es sich unter allen Umständen und zu allen Zeiten bewahr—
heitet:“ ein Satz, der die Verwendung so starrer Prinzipien,
wie sie bisher im politischen Leben gegolten hatten, so gut wie
ausschloß.
Der Lockerung der alten Denkweise aber folgte die Ver—
schiebung der herkömmlichen politischen Ziele. Selbst dem
deutschen Bureaukraten wurde das Erstreben liberaler und
nationaler Zwecke allmählich nicht völlig undenkbar; das Eis
der Reaktion schmolz, und ein voraussetzungsloseres Denken
zeitigte einen frischeren Strom des politischen Handelns in fast
allen deutschen Ländern.
Charakteristisch war, daß die neue Bewegung im Jahre
1859, nach dem Unglück des italienischen Krieges, selbst in
Osterreich hereinbrach, wie Rußland nach dem Krimkriege unter
seinem neuen Herrscher, Alexander II., eine große Zeit innerer
Reformen zu erleben begonnen hatte. Denn das eine war jetzt
auch für sterreich unverkennbar: schwieg man auch noch von
der Anteilnahme des Volkes an den politischen und kriegerischen
Ereignissen, so hatte sich doch der alte Staat ganz augenscheinlich
den Erfordernissen eines großen Krieges weder militärisch noch
auch finanziell gewachsen gezeigt.
Trat dabei die militärische Unterlegenheit schon während
des Krieges hervor, so ergaben sich die finanziellen Mängel
erst recht nachher. Denn nun zeigte sich, daß bei der be—
stehenden geheimen Finanzwirtschaft die Regierung das National⸗
anlehen um hundertundelf Millionen Gulden überschritten hatte;
man munkelte zudem von Unterschleifen hochgestellter Personen;
der General von Eynatten, zur Rechenschaft gezogen, endete im
26*
        <pb n="46" />
        396 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Gefängnis durch Selbstmord, und der Prozeß gegen den Bank—
direktor Richter deckte zahlreiche Übelstände auf. Auch der
Selbstmord des Finanzministers Bruck, obwohl er nur aus
gekränktem Stolze über die gegen ihn ausgestreuten Ver—
dächtigungen erfolgte, drückte doch von neuem auf Valuta und
Kredit; und bald stellte sich heraus, daß in diesem Zusammen⸗
hange nur die umfassendsten politischen Reformen helfen konnten.
Solche Reformen hatte nun schon das Friedensmanifest
vom 15. Juli 1859 versprochen. Allein zunächst suchte man
sie auch jetzt noch nur im einzelnen. Es war die Praxis vor
allem des Ministeriums Rechberg-Goluchowski, das nach dem
Sturze Buols und Bachs im Jahre 18859 eintrat. Schon am
27. Dezember 1859 war eine staatliche Kommission zur Revision
und Beaufsichtigung der öffentlichen Schulden eingesetzt worden;
ihr folgte jetzt am, 5. März 1860, die Einsetzung eines ver⸗
slärkten Reichsrats, aber nur mit beratender Stimme. Am
20. Oktober 1860 erschien dann allerdings ein kaiserliches Mani⸗
fest mit den Grundzügen einer Verfassung. Aber es war ein
im wesentlichen ständisches Experiment. Ungarn sollte im
ganzen seine alte Verfassung wiedererhalten, in den anderen
Kronländern sollten ständisch zusammengesetzte Landtage gewählt
werden: die dann Mitglieder zu einem gemeinsamen Reichs⸗
rat deputieren würden, in den außerdem Männer des aller⸗
höchsten Vertrauens durch den Kaiser berufen werden sollten.
Allein diese Ankündigung, die etwa auf der Stufe der
Anschauungen der ersten Verfassungsversuche Friedrich Wil⸗
helms IV. in den vierziger Jahren stand, befriedigte niemand;
früh wurde klar, daß weitere Zugeständnisse nötig waren. In
diesem Momente trat an Stelle des Grafen Goluchowski Anton
von Schmerling, ein Liberaler achtundvierziger Angedenkens,
als Berater der Krone ein; und nach seinen Anschauungen
wurde ein neues Patent, vom 26. Februar 1861, erlassen, das
die sogenannte Februarverfassung einführte. Für die Landtage
wurde eine Wahlordnung aufgestellt, die statt der alten Stände
mehr die modernen Interessen, Großgrundbesitz, Industrie,
Handel usw., zu Worte brachte. Diese Landtage wählten dann
        <pb n="47" />
        Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 397

Delegierte, die das gemeinsame Abgeordnetenhaus bildeten.
Neben ihm stand ein Herrenhaus, das aus den Erzherzögen,
Bischöfen und vom Kaiser ernannten Personen allerhöchsten
Vertrauens bestand. Beide Kammern erhielten die gewöhnlichen
konstitutionellen Rechte.
Es war der letzte Versuch, in Hsterreich eine Gesamt⸗
verfassung zu begründen. Er mußte so, wie er eingeleitet
wurde, scheitern. Das auf legitimistischer Grundlage auf—
gebaute Reich konnte schwerlich in einer gemeinsamen konstitutio⸗
nellen Spitze nach altliberalem Rezepte enden. Zudem be—
deutete dieser Sieg des bürgerlichen Liberalismus und damit
der Bildung und des Besitzes innerhalb der Verhältnisse des
österreichischen Gesamtstaates eine starke Bevorzugung des
deutschen Elementes: es war ein letztes Mal, daß das Reich
auf die Deutschen vorzugsweise gestützt wurde. Dafür stellte
sich aber auch bald die Antipathie der anderen Völker ein; die
Ungarn, Böhmen, Polen beschickten das gemeinsame Parlament
zunächst gar nicht oder nur unter Verwahrungen, und in
Venetien wagte die Regierung nicht einmal die Einführung
des Landtags. Dennoch stellte das ganze Vorgehen entschieden
einen Fortschritt dar, und indem dieser mittelbar vor allem
den Deutschen zugute kam, lag darin auch die Absicht aus—
gedrückt, sich in den deutschnationalen Verhältnissen auch jenseits
der eigenen Grenzen den Forderungen der Zeit auf Freiheit
und Einheit anzubequemen.
Da kann es denn nicht wunder nehmen, wenn sich ziem⸗
lich gleichzeiig mit der Wendung in Österreich auch in einer
ganzen Anzahl deutscher Bundesstaaten ein gewisses Nachlassen der
Reaktion einstellte. Zumal, wie wir sehen werden, in gleicher
Zeit nicht minder selbst der Bundestag zu freieren Anschauungen
überging und in Preußen eine fortschrittliche Richtung lebendig
wurde. Auch die Reaktion des wissenschaftlichen Zeitgeistes gegen
die klerikalen Versuche, die staatliche Maßregeln gegen die Kirchen
forderte und damit auf das politische Gebiet übertrat, ist dabei
gewiß nicht ohne Einfluß geblieben.
Zwar in Sachsen, wo Beust sein Regiment antrat und in
        <pb n="48" />
        398 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

einem berüchtigten Schwarzen Buche eine Proskriptionsliste frei⸗
heitlich gesinnter Männer Deutschlands anlegte, verharrte die
Reaktion noch länger, und ebenso und noch schlimmer in Hessen⸗
Darmstadt, wo der Freiherr von Dalwigk herrschte, und in Nassau.
Aber in Bayern erblühte ein reges inneres Leben unter dem
freisinnigen König Mar II. (1848-1864); in Baden trat Groß⸗
herzog Friedrich 1860 mit einem liberalen Kabinett hervor, in
dem fich Lamey, Roggenbach und Mathy befanden, und sagte
sich in einer feierlichen Proklamation von der Reaktionspolitik
auf kirchlichem und politischem Gebiete los; und auch in
Württemberg kamen bessere Zeiten. In Hessen, Hannover und
Anhalt-⸗Dessau forderten die Stände die von der Reaktion be⸗
seitigten Verfassungen zurück. Seit langem freiheitlich regiert
endlich waren die größten thüringischen Staaten, Weimar,
Coburg⸗Gotha.
Den entscheidenden Beweis aber für die endgültige Wendung
zu einer neuen Zeit innerhalb der kleinen deutschen Länder
lieferte der Verlauf der noch immer schwebenden kurhessischen
Verfassungsangelegenheit.
Wir haben die kurhessische Sache in dem Augenblick aus
den Augen verloren, da nach völliger Niederlage Preußens
gegenüber den Bestrebungen Hassenpflugs, des Deutschen Bundes
und Hsterreichs der Kurfürst Friedrich Wilhelm in sein Land
zurückkehrte, 27. Dezember 18001. Daraufhin hatte der Bundes⸗
tag am 27. März 1852 die hessische Verfassung von 1831, an
der das Land festhielt, für unvereinbar mit den Bundesgesetzen
erklärt und dem Kurfürsten anheimgegeben, im Einverständnis
mit den Landständen ein neues Staatsgrundgesetz aufzurichten.
Der Kurfürst verstand das dahin, daß er am 18. April 1853
die Grundzüge einer nahezu absolutistischen Verfassung bekannt
machte und nach einer von ihm ausgeklügelten neuen Wahl⸗
ordnung Wahlen zu einem Landtag ausschrieb, dessen Aufgabe
selbstverständlich die Anerkennung der Grundzüge vom 183. April
sein sollte.

mVal. oben S. 130.
        <pb n="49" />
        Erste Stufe der kleindentschen Lösung der Einheitsfrage. 399

Allein er täuschte sich in seinem Volke. Zweimal ließ er
wählen, und jedesmal war das Ergebnis ein Landtag, der die
Verfassung des Jahres 1831 zurückforderte.
Da bekam der Kurfürst das konstitutionelle Wesen ganz
satt, er regierte absolut und behielt dieses System auch nach
Entlassung Hassenpflugs im Jahre 1855 bei. Erschwert wurde
ihm dieses Verfahren im Innern seines Landes nur durch die
wiederholten Proteste des Landtags.
Allein als mit dem Ende der fünfziger Jahre sich überall
eine freiere Strömung Bahn brach, da erinnerte man sich auch
beim Bundestag des elend unterdrückten hessischen Stammes.
Doch war man im Jahre 1860 noch geteilter Meinung.
Während Österreich und einige Mittelstaaten noch an dem auf—
gedrängten Verfassungsentwurf des Jahres 1852 festhielten,
wünschte Preußen nebst anderen Staaten, man solle den Kur⸗
fürsten zur Annahme der Verfassung von 1831, aber unter
Beseitigung von deren angeblich bundeswidrigen Bestimmungen,
veranlassen. Indes Preußen blieb in der Minderheit. Im
Jahre 1862 hatte sich dagegen die Lage, namentlich infolge
der glänzenden Führung der hessischen Landtagsopposition durch
den Abgeordneten Ätker so weit geändert, daß ÄÖsterreich im
wesentlichen Preußens Meinung beitrat. Beide Großmächte
beantragten jetzt beim Bundestag, die Verfassung von 1831
wiederherzustellen „unter Berücksichtigung der bundesrechtlich
verbürgten Standschaftsrechte der Mediatisierten und der Reichs⸗
ritterschaft“. Und danach wurde im Bundestage beschlossen.
Als dem dann der Kurfurst gleichwohl widerstrebte und ein
Handschreiben des Königs von Preußen in der Angelegenheit
verächtlich aufnahm, brachte Preußen im Mai 1862 zwei
Armeekorps auf Kriegsfuß; und Osterreich bemerkte dem Kur⸗
fürsten, er werde gegen Preußen bei ihm keine Hilfe finden.
Es war das Zeichen vollsten Sieges des neuen Geistes
innerhalb der Bundesstaaten: selbst der Kurfürst von Hessen
mußte sich ihm jetzt beugen. Gab er aber nach, so ist es freilich
in Kurhessen bis zum Jahre 1866 zu einem vollen Vertrauen
zwischen Fürst und Land nicht wieder gekommen.
        <pb n="50" />
        400 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Wenn sich aber in den Einzelstaaten der Nation so seit
etwa 1858 bis 1860 immer mehr Bestrebungen auf inneren
Fortschritt zeigten, so konnte diese Wendung schließlich auch
auf den Bund nicht ohne Einfluß sein: auch hier wurden all—
mählich Rufe nach Reform laut. Trotz des Marasmus senilis,
an dem man seit der ersten Hälfte der fünfziger Jahre erkrankt
war, konnte man nicht umhin, sich zu gestehen, daß etwas getan
werden müsse. Dazu kam, daß die öffentliche Meinung hinweg
über alle Grenzen der einzelnen Bundesstaaten die allgemeinen
Fragen der nationalen Zukunft mit großer Wärme von neuem
aufzugreifen begann, nachdem sie sich im Laufe der fünfziger
Jahre fast allen politischen Materien fern gehalten hatte. Und
alsbald faßte sie wiederum die Einheit ins Auge. Unterstützt
von einigen patriotischen Fürsten, besonders dem Herzog Ernst
von Sachsen-Coburg-Gotha, schuf sie sich zu diesem Zwecke
Ende der fünfziger Jahre zwei große Organe, den kleindeutschen
Nationalverein und den großdeutschen Reformverein; und eine
weitere Stütze fand sie an gewaltigen Nationalfeiern, so der Feier
von Schillers hundertstem Geburtstag am 10. November 1859
und der fünfzigjährigen Gedenkfeier an die Schlacht bei Leipzig
am 18. Oktober 1863.
Gewiß konnte man über diese populären Bewequngen einst⸗
weilen spotten:

Turner, Sänger, Schützen
Sind der Freiheit Stützen!.

Allein spätere Zeiten sind der Agitation, wie sie sich nicht bloß
in großen Zusammenkünften, sondern still und treu auch in
Tausenden von kleinen Versammlungen, oft unter zunächst rein
geselligen oder ästhetischen Formen, vollzog, auch in anderem
Sinne gerecht geworden. Und bald trat, namentlich in den
kleineren Staaten, die Welt dieser Ideale auch in die amtliche
Hffentlichkeit; der Weimarer Landtag hat schon im Februar 1862
einstimmig ein deutsches Parlament gefordert. Der Nationalverein
aber formulierte im Herbst 1862, auf einer Generalversammlung

S. schon oben S. 319.
        <pb n="51" />
        Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 401

zu Coburg, seine Ideale in den kraftvollen Worten: „Das
deutsche Volk kann nicht mit dürftiger Ausbesserung einer Bundes⸗
verfassung abgefunden werden, deren innerstes Wesen die Zer—⸗
splitterung und politische Ohnmacht ist . . Dem Rechtsbewußsein
der Nation und ihrem Verlangen nach Macht und Freiheit ent⸗
spricht nur eins: die Ausführung der Reichsverfassung vom
28. März 1849 samt Grundrechten und Wahlgesetz, wie sie
von den legal erwählten Vertretern des Volkes beschlossen sind.“
So von der Entwicklung des Zeitgeistes getrieben, traten
die Bundesstaaten selbst an die Reform der Bundesverfassung
heran. Wie stets, wenn es sich um die Einwirkung der öffent⸗
lichen Geistesströmungen handelte, standen dabei die kleineren
und mittleren Staaten in vorderster Reihe.
Schon 1855 hatte allerdings der sächsische Minister
von Beust einmal eine Denkschrift über eine generelle Reform
des Bundes vorgelegt; sie war aber wenig glücklich gehalten
gewesen. Und selbst bereits vor ihm hatte König Mar II.
von Bayern im November 1855 in Frankfurt beantragt, die
Bundesversammlung möge an die Beratung gemeindeutscher
Gesetze gehen: über ein deutsches Handelsrecht, über ein
deutsches Heimatsrecht und die Regelung der Auswanderung,
über gemeinsame Müunze, Maß und Gewicht. Aber auch er
war damit nicht durchgedrungen. Preußen hatte sich wider—
sett. In Preußen hatte man erwogen, daß solche Bundes—
gesetze, die der Einstimmigkeit aller Staaten bedurften und
auch nur bei Einstimmigkeit aller geändert werden konnten,
einen Staat wie Preußen zu sehr bänden: statt dessen zog man
den Weg freier Verhandlungen außerhalb des Bundestages vor.
Ein anderer, etwas frischerer Zug kam in die Reform⸗
verhandlungen des Bundestages erst, als, nach dem Verzichte
Friedrich Wilhelms IV. auf die Regierung, sich der Prinz von
Preußen der Fortbildung der Bundesverfassung von ganz
anderen Gesichtspunkten aus annahm. Der Prinzregent glaubte
seinerseits fest an die einstige Einheit Deutschlands unter
preußischer Führung; aber ebenso fest war er entschlossen, diese
Einheit seinerseits mit den Waffen nur in der Defensive herbei⸗
        <pb n="52" />
        492 J— fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

zuführen. Demgemäß nahm er an und sprach sich auch wieder—
holt unbefangen in diesem Sinne aus, daß er selbst schwerlich
noch diese Einheit erleben werde. Und dementsprechend glaubte
er auch die Reform des Bundes nur langsam, nicht drängend
betreiben zu können. Er begnügte sich daher, zunächst nur
einen sehr wichtigen, für ihn den wichtigsten Punkt heraus—
zugreifen, die Reform der Bundeskriegsverfassung. Er schlug
hier vor, im Kriegsfall die beiden nördlichen Bundeskorps unter
preußische, die beiden südlichen unter österreichische Fuhrung zu
stellen, von der Ernennung eines gemeinsamen Bundesfeldherrn
aber abzusehen. Dieser preußische Antrag wurde nun im Mai
1860 vom Bundestag abgelehnt. Damit war aber die Frage
noch nicht endgültig erledigt. Zur Zeit dieser Ablehnung
empfand Napoleon das lebhafte Bedürfnis, wegen der Ent—
wicklung der Dinge in Italien, sich auf Preußen zu stützen und
regte deshalb eine Begegnung mit den Prinzen von Preußen
zu Baden-Baden an. Die Kunde davon erregte bei den deutschen
Fürsten mannigfache Beklemmungen, der König von Bayern
scheute sich sogar nicht, mit dem Redakteur der „Augsburger
Allgemeinen Zeitung“ die Frage zu erörtern, ob Preußen
das Rheingebiet preisgeben werde. Um solche Angste zu ver⸗
scheuchen, lud der Prinzregent auf Ansuchen des Königs von
Hannover auch die deutschen Souveräne zu der Zusammenkunft
ein. Sie fand vom 15. Juni 1860 ab in Baden-Baden statt.
Für Napoleon verlief sie erfolglos; der Prinzregent erwies sich
nicht als geneigt, auf die lüstern angedeuteten Wunsche Napoleons
nach Besitz und Einfluß in deutschen Landen einzugehen. Die
Folge war eine kleine Entfremdung zwischen Preußen und
Frankreich, der dann eine Annäherung zwischen Preußen und
Hsterreich parallel ging. Zugleich aber trugen die deutschen
Fürsten durch König Max von Bayern am 19. Juni dem Prinz—
regenten ihre Wünsche wegen der Militärverfassung des Bundes
vor. Sie wünschten eine Dreiteilung des Heeres, und das
hieß ihnen eine preußische, eine österreichische und eine bundes—
staatliche Armee: die Unterstellung der Bundeskorps unter
preußische und österreichische Führung sei mit ihrer Souveränität
        <pb n="53" />
        Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 408

nicht vereinbar. Aber der Prinzregent ging auf diese Gedanken
nur widerwillig ein; seit April 1861 stockte darum die ganze
Behandlung der Frage: und Preußen erwies sich als von den
großen Fragen der Bundesreform abgedrängt.
Um so mehr griff Preußen wohl von sich aus ein, wo es
die Ehre des Bundes und des deutschen Namens zu schützen
galt, so, wie wir wissen, in der unglücklichen kurhessischen An—
gelegenheit, so in der schleswig-holsteinischen Sache, wie wir
bald hören werden. Der Einbringung neuer Verfassungs⸗
anträge beim Bunde dagegen enthielt es sich zunächst, so sehr
für solche Material und Form, teilweise im Verein mit Baden,
gesucht wurde: so daß die Initiative zunächst wieder auf die
Mittelstaaten und bei deren Einverständnis mit Osterreich mittel⸗
bar auf dieses überging.
Da trat denn zunächst Beust im Oktober 1861 wieder mit
einem Entwurfe auf; er lief darauf hinaus, an die Spitze des
Bundes ein Direktorium zu stellen, das aus Hsterreich, Preußen
und einem dritten Bundesstaat bestehen sollte, den Bundestag zu
einer Art Bundesrat umzugestalten und als beratendes größeres
Organ eine Versammlung von Delegierten der Einzellandtage
hinzuzufügen. Im ganzen beabsichtigte das Projekt, wie man
sieht, eine Majorisierung Preußens durch Österreich und einen
Osterreich ergebenen Mittelstaat.
Preußen antwortete darauf unter dem 20. Dezember 1861:
der heutige Deutsche Bund sei ein Staatenbund und lasse sich
nicht verbessern; Heil sei nur in einem engeren Bundesstaat —
gemeint war natürlich unter Preußens Führung — innerhalb
des alten Gefüges zu erkennen.
Die Wirkung dieser offenen Aussprache auf die kleinen
Staaten war stark; man beruhigte sich erst, als man hörte,
Osterreich wolle nunmehr offen seinerseits die Bundesreform,
d. h. nach Lage der Dinge den Widerstand gegen Preußen, in
die Hand nehmen.
Osterreich begann damit, daß es dem Berliner Kabinett
in einer identischen Note von sich, den vier Königreichen,
Darmstadt und Nassau die Unausführbarkeit seiner Pläne
        <pb n="54" />
        494 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

zu beweisen suchte und zugleich zu neuen Konferenzen von
Delegierten über die Verfassungsfrage einlud; 2. Februar
1862. Daran schloß sich dann der Entwurf einer Bundes—
reform, wonach das reorganisierte Bundesdirektorium durch eine
Delegiertenversammlung, ausgewählt aus den Vertretungen der
einzelnen Staaten, ergänzt werden sollte: es war der Bruch
des mittlerweile konstitutionell gewordenen OÖsterreichs mit der
bloßen Verneinung der deutschen Frage. Zugleich wurde, um
einen Anfang mit der praktischen Einführung der Reform—
gedanken zu machen, vorgeschlagen, alsbald einen gemeinsamen
Zivilprozeß und ein gemeinsames Obligationenrecht auszuarbeiten
und durch die Delegiertenversammlung durchberaten zu lassen.
Indes Preußen verhielt sich gegenüber diesem Vorgehen sowie
gegenüber einigen daran anknüpfenden Versuchen, den Bundes⸗
tag zu antipreußischen Beschlüssen zu bestimmen, reserviert; im
Herbst 1862 schien sogar die Möglichkeit eines bewaffneten Zu—
sammenstoßes beider deutscher Großmächte nicht ausgeschlossen.
In diesem Augenblicke trat Bismarck in Preußen die Führung
der Geschäfte an. Er hatte damals wohl schwerlich bereits
einen festen Plan oder auch nur bestimmtere Ansichten über den
Weg zur deutschen Einheit, dazu fiel schon das Schwergewicht
seiner Tätigkeit einstweilen viel zu sehr in den inneren Bereich
der preußischen Entwicklung; immerhin aber stand ihm fest, daß
die deutsche Einheit, bei aller Rücksichtnahme auf liberale Ideen
und vielleicht schon demokratische Ideale, unter Preußens
Führung nur durch einen Kampf gegen Osterreich zu erreichen
sein werde. „Jeder andere preußische Krieg vor dem gegen
Osterreich ist die reine Munitionsvergeudung,“ pflegte er zu
sagen. Zunächst aber war er der festen Absicht, den Frieden
zu wahren. Er suchte also ein Einverständnis mit Ästerreich,
so namentlich in einem Gespräche mit dem Grafen Karolyi am
4. Dezember 1862. Allein Österreich verhielt sich ablehnend;
ließ vielmehr jetzt seinen großdeutschen Bundesreformplan durch
die Delegiertenkonferenz zu Ende beraten und legte ihn dem
Bundestage am 22. Januar 1868 zur Beschlußfassung vor.
In Deutschland sah man mit ängstlichster Spannung auf den
        <pb n="55" />
        Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 405

Ausgang dieser Angelegenheit; Preußen hatte erklärt, bei An—
nahme des Entwurfs werde es seinen Vertreter beim Bundes—
tage abberufen.
Da geschah das Unerwartete. Der österreichische Antrag
wurde mit neun gegen sieben Stimmen abgelehnt. Noch einmal
war die Krisis verschoben.
Osterreich aber ergriff nunmehr, nachdem die diplomatischen
Konferenzen nichts genützt hatten, ein letztes Mittel, seine An—
schauungen von Bundesreform durchzusetzen. Es suchte eine
persönliche Verständigung der deutschen Fürsten zu erreichen.
Als König Wilhelm im Sommer 1863 in Gastein badete, be—
suchte ihn der Kaiser Franz Joseph am 2. August und teilte
ihm mit, er wolle die deutschen Fürsten zum 16. August zu
einem Tage nach Frankfurt berufen, zur Beratung und Ent—
scheidung über eine Bundesverfassung. Zugleich legte er ihm
am 3. August die Skizze des neuen österreichtschen Planes vor,
die, anfangs unter Umgehung der obersten österreichischen In—
stanzen für das Auswärtige, von Dörnberg und Biegeleben
ausgearbeitet war und so recht eigentlich die persönliche Initiative
des Kaisers krönte: es waren beabsichtigt ein Bundesdirektorium,
eine beratende Versammlung von Delegierten der deutschen
Landtage, ein Bundesgericht, periodische Fürstenkongresse, im
ganzen doch ein dürftiger Apparat: „vergleicht man die hier ge⸗—
—D
blutsvollen Volksvertretung des allgemeinen Stimmrechts, wie
sie nach 1866 in Deutschland geschaffen wurde, so sieht man,
wie wenig Hsterreich der deutschen Nation bieten konnte“1.
Immerhin glaubte man von Osterreich her der Nation sehr entgegen⸗
zukommen; und so meinte man auch gegen Preußen schroff ver⸗
fahren zu können: wolle es den Vorschlägen nicht beitreten, so
würden die anderen Regierungen allein vorgehen. König Wilhelm
erwiderte darauf, abgesehen von eingehender sachlicher Kritik,
ein Fürstenkongreß schon zu dem nahen Datum des 16. August
scheine ihm nicht im Bereiche der Möglichkeit; zudem könnten

Friedjung, Kampf um die Vorherrschaft in Deutschlande J, 59.
        <pb n="56" />
        406 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

die Fürsten doch nicht im Detail beraten, sondern im wesent—
lichen nur schon Beratenes genehmigen.
Allein Osterreich nahm auf diese Einwendungen keine Rück—
sicht; der Termin blieb der 16. August: — und alle Fürsten kamen
nach Frankfurt, ausgenommen die von Lippe, Anhalt-Bernburg
und Holstein — und ausgenommen den König von Preußen.
Am 17. August begannen die Beratungen, die der Kaiser
geschickt und wirkungsvoll, mit all dem schlichten Enthusiasmus,
dessen er fähig war, leitete. Vor allem aber ergab sich doch als—
hald die Notwendigkeit, den König Wilhelm, der in Baden-Baden
weilte, herbeizuladen. König Johann, der mit dem König be—
freundet war, ging zu diesem Zwecke nach Baden-Baden: — allein
der König kam nicht, trotz aller persönlichen Neigung dazu, nach
äußerst energischem Kampfe mit Bismarck.
In Frankfurt blieb jetzt nichts übrig, als trotzdem weiter vor⸗
wärts zu gehen. Der österreichische Entwurf, der ein Direktorium
von fünf Stimmen (Osterreich, Preußen, Bayern und zwei
durch die größeren Territorialstaaten gewählte Mitglieder)
sowie einen Bundesrat mit je einer Stimme für die kleinen
Staaten, je drei Stimmen für Österreich und für Preußen:
— V0
sterreichs, vorsah, wurde am 1. September 1863 angenommen;
vierundzwanzig Stimmen sprachen sich dafür aus, sechs dagegen
Baden, Schwerin, Weimar, Luxemburg, Waldeck, Reuß j. L.).
Darauf betonte man die Bereitwilligkeit, die neue Verfassung
ins Leben zu führen und dazu zunächst die nicht vertretenen
Bundesfürsten, vor allem Preußen, zu gewinnen.
An Preußen kam die Anfrage sofort. Sie wurde am 22. Sep⸗
tember dahin beantwortet, daß man nur beitreten könne, wenn
Preußen wie Hsterreich das Vetorecht gegen jeden Bundeskrieg er⸗
hielte, wenn weiter Preußen mit Osterreich im Präsidium der
obersten Bundesbehörde zum Wechsel zugelassen würde, und weun
endlich für den Bund ein aus direkten Wahlen hervorgegangenes
Parlament zur Einführung gelangte. Es war eine Antwort, mit
der nach Lage der Dinge die Beschlüsse des Frankfurter Fürsten⸗
tages abgelehnt waren.
        <pb n="57" />
        Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 407

Es fragte sich: Was nun?
Und da ergab sich denn sehr bald, daß die kleinen und
mittleren Mächte keineswegs einen Bund wünschten, der sie
unter Hsterreichs Führung allein gebracht hätte: sie fanden
am besten für sich gesorgt, wenn Osterreich und Preußen sich
die Wage hielten: „Will uns denn Österreich kaput machen?“
hatte König Georg V. von Hannover schon vor der Frankfurter
Versammlung, auf die Kenntnis der Pläne des Kaisers hin, gefragt.
Mithin legten sie jetzt für Osterreich keine besondere Begeisterung
mehr an den Tag. Vielmehr wünschten sie, daß Österreich und
Preußen sich verglichen. Das gleiche wurde aber Hsterreich auch
durch die internationale Lage nahegelegt. Der Kaiser stand
damals fast isoliert, während Preußen die Sympathien Frank—-—
reichs und Rußlands besaß: Frankreichs deshalb, weil Napoleon
nichts von einem großdeutschen Siebzigmillionenreiche wissen
wollte, Rußlands aber, weil Preußen die einzige europäische
Macht gewesen war, die Rußland während des großen polnischen
Aufstandes von 1863 rückhaltlos unterstützt hatte.
Und so war denn die Konsequenz des Frankfurter Fürsten⸗
tages anders, als geplant gewesen war, ja den Erwartungen
Osterreichs völlig entgegengesetzt. Es kam zu keiner Bundes—
reform nach den Wünschen Österreichs trotz aller fürstlichen Be—
schlüsse, vielmehr wurde sterreich durch legitimistisch-nationale
wie internationale Rücksichten zur Anlehnung an Preußen ge—
trieben. Und dies war dann die Konstellation, mit der man
dem Jahre 1864, dem Jahre des schleswig-holsteinschen Krieges,
entgegenging.
Fragt man sich aber, aus welchen innersten Gründen die
—DDDDD—
der Spitze, den Bund zu reformieren, scheiterte und Preußen
in dem Hin und Her dieser Aktionen schließlich recht behielt,
so wird man zu Erwägungen geführt, die für Osterreich wie
für Preußen gleich charakteristisch sind.
Im Grunde waren beide Mächte, wie auch schon die poli—
tische Offentlichkeit und die meisten deutschen Fürsten, davon
überzeugt, daß die Bundesverfassung unreformierbar sei. Was
        <pb n="58" />
        408 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Preußen betrifft, so hatte Manteuffel schon im Jahre 1851
bekannt, daß er den Bund nicht für die Form halte, aus
Deutschland etwas zu machen, sondern lediglich für das Mittel,
den inneren Verfall Osterreichs zu verdecken und den kleinen
Staaten Halt zu gewähren gegen die in ihnen herrschende
Demokratie.
Eben die von Manteuffel gekennzeichneten Tendenzen
hatten nun Österreich und die kleinen Staaten in der Ab—
sicht, den Bund dennoch durch allerlei Reformversuche zu
galvanisieren, zusammengeführt. In sterreich gestaltete sich
dies allgemeine Motiv seit 1859, im Verlaufe innerer Reform—⸗
bestrebungen, immer mehr dahin aus, den Primat in Deutsch⸗
land unter allen Umständen auch aus dem Grunde zu behalten,
um durch die deutsche Hegemonie die Stellung der österreichischen
Deutschen zu stützen, deren Vormachtstellung gegenüber den
übrigen Nationalitäten man zur Begründung einer österreichischen
Gesamtverfassung in individualistisch-liberalem Sinne bedurfte.
Einer solchen Verfassung aber erfreuten sich innerhalb des
Bundes schon die meisten Kleinstaaten, glaubten sie aber bereits
durch den andrängenden demokratischen Subjektivismus mit
seiner Hauptforderung des allgemeinen Wahlrechts wenn nicht
gefährdet, so doch bedroht. In diesem Motiv also, dem der
Erhaltung des alten liberalen, am Ende noch auf den Indivi⸗
dualismus des 18. Jahrhunderts zurückgehenden Staatsgedankens!,
 fanden sich Österreich und die Kleinstaaten zu—
sammen.
Demgegenüber betonte Preußen im Schlußmoment der
geschilderten Verhandlungen zum ersten Male kühn und klar
wenn nicht schon das Ideal des allgemeinen Wahlrechts, so doch
das eines aus direkten Wahlen hervorgegangenen deutschen
Parlaments: ein Ideal, das es dann in einem zweiten ent⸗
scheidenden Momente des Fortschrittes, in dem Ultimatum des
Jahres 1866, geradezu durch das noch entschiedenere und
ganz grundsätzliche Ideal einer aus allgemeinem, gleichem

1S. oben S. 51 ff.
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        Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 409

und direktem Wahlrecht hervorgegangenen Volksvertretung er—
setzt hat.
Klar lag damit die Plattform, die Bühne, zutage, auf
der staatsrechtliche Vergangenheit und Zukunft sich zu berühren
begannen. sterreich und die Kleinstaaten traten für eine
Verfassungsreform ein, die schon historischen Charakter zu er—
halten anfing, und sie taten das im Interesse der Selbst—
erhaltung auf dem status quo, Preußen nahte sich in festem
Gange den Hauptproblemen des subjektivistischen Staates, des
Staates der Zukunft; und es schlug diesen Weg gewiß auch
im eigenen Interesse ein, zugleich aber und vor allem, und
dies wird namentlich in den nächsten Jahrzehnten langsam das
entscheidende Motiv, im Interesse des nationalen Ganzen.
Da war denn freilich klar, welcher der beiden deutschen
Großmächte und der sich um sie scharenden Kampfgruppen der
kleinen Fürsten der Sieg zufallen mußte, falls sich die Geschicke
der Nation glücklich wendeten. Unter diesen Umständen aber
gewann denn auch die innere preußische Entwicklung hin zu
demokratischen Idealen oder wenigstens zu einem heute imperia⸗
listisch erscheinenden Siege des Königtums über den Liberalismus
eine besondere Bedeutung. Es ist der oberste Zusammenhang,
aus dem her sich unsere Erzählung jetzt der Geschichte der neuen
Ara in Preußen zuwendet.
In Preußen war mit der großen Liquidation der mittel—
alterlichen Verhältnisse zwischen den Jahren 1806 und 1812 der
Feudalismus grundsätzlich abgetan: und die Anerkennung dieser
Tatsache war um und seit 1848 auch den meisten einsichtigen
Konservativen nicht fremd. Ein Neubau des Staates aber auf
dem Trümmerfeld des alten war lange Zeit hindurch nicht ge—
lungen. Dann hatte das Jahr 1848 und seine Folgezeit aller—
dings eine Verfassung gebracht. Aber erfreute sie sich so, wie
sie schließlich zustande gekommen war, in den fünfziger Jahren
schon der inneren, freudigen Aufnahme der führenden und der
regierenden Schichten?
In vielen Kreisen erwartete — und fürchtete — man noch
bis tief in die zweite Hälfte des Jahrzehnts ein neues Auf⸗
Lamprecht. Deutsche Geschichte. XI. 2. 27
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        410 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

flackern revolutionärer Regungen und kam von da aus zu
keiner unbefangenen Würdigung der Verfassung. In anderen
Kreisen dachte man nicht so pessimistisch, war aber deshalb
keineswegs ein Freund von Konstitutionen überhaupt. Als
Wortführer dieser, namentlich im Militär vertretenen Stimmung
mag Moltke mit einer Außerung schon aus der Frühzeit des
Jahrzehnts zitiert werden. „Im allgemeinen habe ich das
Gefühl, daß die Dinge sich bessern. Die Pendelschwingung der
demokratischen! Revolution ist, wie mir scheint, vollbracht; sie
sinkt zur Stabilität zurück, — ob sie etwa nach der entgegen—
gesetzten Seite abschweifen wird, ist nach dem natürlichen
Gravitationsgesetz nicht ausgeschlossen. Die Rolle der Demo—
kratie ist vorerst ausgespielt, wenn vielleicht auch andere große
Kämpfe bevorstehen: ‚Es wird eine Zeit der Helden sein nach
der Zeit der Schreier und Schreiber‘?.“
In den eigentlich regierenden Kreisen waren die An—
schauungen immerhin mehr ausgeglichen. Der Minister Man⸗
teuffel allerdings galt im Grunde als Absolutist; doch war er
in dieser Hinsicht ein Vorläufer Bismarcks, fähig, sich bis zu
dem Grade in die Realität der Dinge zu versetzen, daß ihm
eine wohlgeordnete Demokratie unter einem starken Königtum
nicht unangenehm gewesen wäre: so daß ihm die Kreuzzeitung
„politischen Atheismus“ vorwerfen konnte. In einem aber traf
sich Manteuffel jedenfalls mit dem Könige: in der Anerkennung,
daß Beamtentum und Verwaltung in militärischem Gehorsam
zur Krone stehen müsse, denn Preußen sei in erster Linie ein
Kriegerstaat; und das Wort Friedrich Wilhems IV.: „In Preußen
muß der König Feldhauptmann in Krieg und Frieden sein, er
wolle, oder er wolle nicht“, hätte auch von ihm gesprochen werden
können. Neben der offiziellen Regierung stand indes noch die
Kamarilla mit ihren altständischen, vor der sozialen Evolution
eben der fünfziger Jahre freilich immer mehr verblassenden

Moltke gebraucht demokratisch, wie diese ganze Zeit, im Sinne von
extrem liberal.
2 Die zitierten Verse sind von Strachwitz; vgl. Jähns 4, 173.
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        Erste Stufe der kleindeutschen Lssung der Einheitsfrage. 411

Idealen; und auch sie konnte sich darauf berufen, ja daraufhin
handeln, daß sie das Herz des Königs besäße.
Wie war nun aber bei so mannigfachen Einflüssen, die sich
alle im Bewußtsein des Königs kreuzten, ohne es doch je auf
die Dauer einseitig zu erfüllen, eine klare Entwicklung bestimmter
Ziele für die innere Politik möglich? Die Lage wurde da—
durch noch unhaltbarer, daß der König, bei aller Abneigung
gegen die ihm vielfach vorgeschlagene Aufhebung der Verfassung,
doch im Laufe der fünfziger Jahre eine tatsächlich beinah un—
bedingte Willkür in der Zusammensetzung der ersten Kammer
ausübte und fast zu einer Art legaler Freiheit entwickelte: ein
Umstand, der natürlich die verfassungsmäßig gegebene Teilung
der Gewalten de facto aufhob. Das Ende war unter diesen
Umständen nichts anderes als Stagnation, da sich die ver—
antwortlichen und unverantwortlichen Einflüsse, denen der König
unterlag, schließlich gegenseitig aufhoben.
Da konnte denn eine Anderung der Lage allein von einem
Wechsel an der letztverantwortlichen Stelle erwartet werden.
Nachdem die Stellvertretung des Prinzen von Preußen
für den seit 1857 deutlich an Gehirnerweichung erkrankten
Bruder wiederholt verlängert worden war, wurde die Her—
stellung einer Regentschaft, die dem Prinzen freiere Gewalt und
die Aufstellung eines eigenen Programms gestattete, unaus⸗
bleiblich. Am 7. Oktober 1858 übertrug Friedrich Wilhelm IV.
dem Prinzen schluchzend die Regentschaft.
Prinz Wilhelm, streng soldatisch erzogen, aber von
feinem aristokratischen Takt, hoher Gewissenhaftigkeit und
deutscher Treue, hatte die Jahre der preußischen Reaktion
mit geteilten Gefühlen begleitet. Denn nachdem einmal die
Verfassung angenommen worden war, stand er, wenn auch
ohne Sympathien für sie, dennoch ganz auf ihrem Boden.
Maßgebend hierfür mögen zum Teil äußere Momente ge—
wesen sein, der Einfluß seiner Gemahlin, der weimarischen
Prinzessin Augusta, nicht zum geringsten auch der längere Auf—
enthalt in Koblenz als Gouverneur der westlichen Provinzen,
der ihn dem bürgerlichen Liberalismus näher brachte; hat doch
27 *
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        412 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Gerlach später einmal die Bemerkung machen können, daß in
der preußischen Revolution und Kontrerevolution eine Aktion
der Rheinlande und eine Reaktion der alten Provinzen gegen
diese gesehen werden könne. An erster Stelle aber handelte es
sich bei dem Prinzen doch um persönliche und persönlich er—
lebte Uberzeugung; von ihr aus hat er schon vom ersten
Moment an, da er zur Führung des Staates berufen wurde,
im dem Gedanken einer verfassungsmäßigen Einsetzung der
Regentschaft unbedingt festgehalten; und von ihr aus konnte er
in entscheidender Zeit, im Juni 1860, zu König Max II. von
Bayern äußern: „Die konstitutionelle Idee, daß die Regierungsmaßregeln
 an die Offentlichkeit gezogen und das Volk gesetzlich
zur Teilnahme an der Gesetzgebung berechtigt werde, sei in das
Volksbewußtsein eingedrungen. Diesem entgegenzutreten, sei
sehr gefährlich, da es Mißtrauen des Herrschers gegen das Volk
bekunde. Nicht durch Restriktionen gegen die Verfassung, die
eben ein solches Mißtrauen zeigen, sondern durch weises Nach—
lassen und Anziehen der Zügel sei die Regierung zu befestigen.“
Bei diesen Anschauungen war es natürlich, daß der Prinz,
zur vollen Regentschaft gelangt, sofort das alte Ministerium
entließ und ein neues bildete, das sogenannte Kabinett der
Neuen Ära. Es waren politisch maßvolle Männer, die sich in
ihm zusammenfanden; der Fürst Karl Anton von Hohenzollern—
Sigmaringen übernahm den Vorsitz, den Kultus erhielt von
Bethmann-Hollweg, die Finanzen von Patow, nachdem Ludolf
Camphausen abgelehnt hatte; Handelsminister wurde von der
Heydt, Kriegsminister von Bonin; das Innere kam an den
Grafen von Schwerin nach kurzem Schalten des Herrn von
Flottwell, das Auswärtige sollte von Schleinitz leiten, und
endlich trat der persönliche Freund des Prinzen, Rudolf von
Auerswald, als Minister ohne Portefeuille ein. Der Prinz
richtete an das Ministerium am 8. November eine Ansprache,
die alsbald veröffentlicht wurde und daher in gewissem Sinne
als Regierungsprogramm gelten konnte. In ihr finden sich
u. a. die Worte: „Im öffentlichen Leben zeigt sich seit kurzem
eine Bewegung, die, wenn sie teilweise erklärlich ist, doch
        <pb n="63" />
        Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 418

andererseits bereits Spuren von absichtlich überspannten Ideen
zeigt, denen durch unser ebenso besonnenes als gesetzliches und
selbst energisches Handeln entgegengetreten werden muß. Ver—
sprochenes muß man treu halten, ohne sich der bessernden Hand
dabei zu entschlagen, Nichtversprochenes muß man mutig ver—
hindern. Vor allem warne ich vor der stereotypen Phrase, daß
die Regierung sich fort und fort treiben lassen müsse, liberale
Ideen zu entwickeln, weil sie sich sonst von selbst Bahn brächen.“
Es waren gewiß zurückdrängende Sätze, die durch die bekannten
Worte des Programmes: in Deutschland müsse Preußen mora⸗
lische Eroberungen machen, doch nicht völlig gegengewogen
wurden.
Trotzdem war die Begeisterung allgemein, und in Preußen
selbst vor allem erwartete man von dem neuen Ministerium
eine Ara ungeahnten Glückes. Die Wahlen zum Landtag, die
sehr bald erfolgten, fielen darum für die Regierung trefflich
aus, nur wenige Demokraten wurden gewählt, dagegen stellte
sich eine Mehrheit gemäßigter Liberaler ein, und die Feudalen
erlitten eine bedenkliche Niederlage. Dieser Ausfall war sicherlich
auch ein Zeichen der seit 1844 stark fortgeschrittenen politischen
Bildung in Deutschland, wie sie einer stetig verbesserten Presse
und der harten Arbeit in dem sich schon mächtig regenden
Wirtschaftsleben der Nation, auch wohl dem realistischen Um⸗
schwung der Wissenschaften verdankt wurde: dennoch erfolgte
er noch ein wenig unter enthusiastischem Einschlag.
Allein die erwartete Zeit einer bloßen Existenz in Milch
und Honig wollte nicht herbeikommen. Im Auswärtigen er⸗
wartete man gelegentlich des italienischen Krieges im Jahre
1859 eine große Aktion Preußens zur Einleitung der Einigung
auch Deutschlands und war dann sehr enttäuscht, als Preußen,
nach voller Mobilmachung, infolge der Präliminarien von
Villafrancan wieder entwaffnete. Auch im Innern erfüllten sich
die Hoffnungen der neuen AÄra anscheinend kaum. Der Justiz—
minifter Sunons, dessen Name mit dem Andenken an die

1 S. oben S. 390.
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        *

————

Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

schlimmsten politischen Prozesse der Reaktionszeit verknüpft ist,
wie der berüchtigte Polizeidirektor Stieber blieben im Amte,
bis im November 1860 ein Prozeß das Bild ihres Treibens
zu lebhaft erneute; und Graf Schwerin, der Minister des
Innern, wurde der reaktionären Beamten seines Ressorts nicht
Herr. So schien es, als sollte in mancher Hinsicht die Politik
Friedrich Wilhelms IV. ihre Fortsetzung finden. Gleichzeitig
aber begann die Regierung mit einem Plan der Heeresreform
hervorzutreten, der doppelt müßig schien, da man ja doch keine
große und kühne Politik treiben wolle. Und was schlimmer
war: dieser Plan erschien bald, wie man sich nicht verhehlen
konnte, als des Prinzen eigenstes Werk.
Der Prinz hatte sich von jeher eingehend mit den Heeres—
angelegenheiten beschäftigt; er hatte es erleben müssen, daß
der Kriegsminister im November 1850 erklärte, Preußens Heer
sei dem Kampfe mit dem österreichischen nicht gewachsen; er
war von der Überzeugung erfüllt, daß in geordneter, militä—
rischer Gewalt die eigentliche Kraft jeder Souveränität und
namentlich eines wirklich lebendigen, modernen Königtums liege;
und er war von diesen Gesichtspunkten und Erfahrungen aus,
wesentlich unterstützt durch eine Denkschrift Röoons vom Juni
1858, für die Gegenwart etwa zu folgender Erwägung ge—
kommen. Die preußische Kriegsverfassung beruhe dermalen
noch immer auf den Gesetzen der Jahre 1814 und 1815. Ihre
Rahmen innerhalb des Grundsatzes der allgemeinen Dienst⸗
pflicht seien dementsprechend auf die Bevölkerung von 1814,
etwas über zehn Millionen Seelen, berechnet. Seitdem habe sich
aber die Bevölkerung auf nahezu achtzehn Millionen vermehrt.
Dem gemäß würden jetzt nur vierzigtausend junge Leute all—
jährlich in das Heer eingestellt, viele Tausende aber blieben
frei: was eine offenbare Ungerechtigkeit bedeute. Ferner —
so etwa verliefen die Erwägungen des Prinzen weiter — ge—
hörten nach der Gesetzgebung von 1814 und 1815 die Aus—
gehobenen drei Jahre der Linie, sieben Jahre der Landwehr
ersten Aufgebots und sieben Jahre der Landwehr zweiten Auf—
gebots an. Die Landwehr ersten Aufgebots sei also eigentlich
        <pb n="65" />
        Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 415

in schlimmer Lage; sie müsse unmittelbar mit ins Feld ziehen,
während ihr doch schon viele ältere Männer und großenteils
Familienväter angehörten. Dabei habe sich denn sehr begreiflicher⸗
weise in Baden und sonst gezeigt, daß sie nicht besonders feld⸗
tüchtig sei. Auf jeden Fall aber sei es ungerecht, sie schlecht vor⸗
bereitet an die gleichen Aufgaben zu stellen wie die Linie.
Zudem war es klar, daß sich mit einem Heere, wie dem
bestehenden, wohl allenfalls ein Volks- und Verteidigungskrieg
wagen, niemals aber eine aggressive Politik mit großen poli⸗
tischen Zielen, wie z. B. etwa eben der Einigung Deutschlands
unter Ausschluß Osterreichs, führen ließ.
Demgegenüber trat der Prinz nun für folgende Reformen
ein. Zunächst sollte an Stelle des Dienstes in der Landwehr
ersten Aufgebots eine drei Jahre umfassende Dienstzeit in einer
neu zu bildenden Kategorie, der Reserve, mit häufigeren
militärischen Ubungen, treten: so daß die Reserve und nach
ihr die neue Landwehr, die der früheren Landwehr zweiten Auf⸗
gebots entsprach, militärisch tüchtiger zu werden versprach als die
alte Landwehr. Bei dieser Umbildung sollte dann zweitens
die alte allgemeine Dienstpflicht wieder zu Ehren kommen, indem
die Zahl der auszuhebenden Rekruten von vierzigtausend auf
dreiundsechzigtausend erhöht werden würde. Dazu aber be—
durfte es natürlich wiederum neuer Formationen, und zwar
neununddreißig neuer Infanterie- und zehn neuer Kavallerie—
regimenter. Die Kosten hierfür wurden auf neunundeinhalb
Millionen Taler jährlich veranschlagt: und hier war nun der
Punkt, von dem aus die Sache an die Volksvertretung, an
den Landtag, herantrat.
Dabei hatte der Prinz gelegentlich der Demobilisierung im
Jahre 1859 schon die Landwehrstämme mit einem Teil der
Mannschaften bestehen lassen, damit sie die Rahmen für die
neuen Regimenter bildeten. Und bald darauf entließ er den
Kriegsminister von Bonin und ernannte an seine Stelle den
energischen und ehrgeizigen Roon, von dem man wußte oder
ahnte, daß er der entschiedenste Vertreter der Absichten des
Prinzen sein werde.
        <pb n="66" />
        16 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Es waren Maßregeln, welche die Liberalen an sich schon
mißtrauisch machten. Wozu die Heeresvermehrung? Die
Minister führten doch keine große Politik! Man wolle nur
die Landwehr zerstören, das alte liberale Bürgerheer, dem zahl⸗
reiche Legenden die größten Heldentaten namentlich während
der Zeit der Freiheitskriege nachsagten.
Unter diesen Stimmungen und Umständen wurde der Land—
tag am 12. Januar 1860 eröffnet und ihm der Entwurf des
neuen Heereswesens vorgelegt. Man wies ihn ab. Darauf stellte
sich die Regierung auf eine andere, bedenklichere Grundlage.
Das Gesetz von 1814 enthalte den Grundsatz der allgemeinen
Wehrpflicht, man müsse ihn durchführen: wie, das sei Sache
des Königs. Der Landtag habe nur einfach das Geld zu be—
willigen. Demgemäß brachte denn von Patow den Antrag im
Hause ein, zunächst für die kommenden vierzehn Monate neun
Millionen Taler zu bewilligen. Und das Abgeordnetenhaus
war schwach genug, diesem Antrage zu willfahren und auch
die dauernde Votierung dieser Summe in Aussicht zu stellen:
wenn auch unter Bedingungen, wie zum Beispiel unter der
Herabsetzung der Dienstpflicht von drei auf zwei Jahre, deren
Bewilligung seitens der Regierung aussichtslos erscheinen mochte.
Das Herrenhaus aber bewilligte alsbald unter direkter Billigung
der Heeresreform.
Offenbar war mit dieser Lösung die Entscheidung durch
das Abgeordnetenhaus nur verschleppt; man hatte den Mut
nicht gefunden, die geforderte Summe abzulehnen. Die Re—
gierung aber und auch der Prinzregent sahen damit die Heeres—
ceform als überhaupt gesichert an; im Januar 1861 vollzog
der Prinzregent feierlich die Weihe der Fahnen für die neuen
Regimenter.
Indes das war keineswegs die Meinung des Abgeordneten⸗
hauses gewesen; vielmehr hielt dieses auch nach dem am
2. Januar 1861 erfolgten Thronwechsel an der Ansicht fest, die
Summen seien nur provisorisch bewilligt; es setzte sie daher
unter gewissen Abstrichen für den Haushalt des Jahres 1862
in das Extraordinarium.
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        Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 417

Nun war klar, daß damit die endgültige Lösung wiederum
nur um ein Jahr verschleppt war. Allein jetzt war zugleich
die Legislaturperiode abgelaufen; neue Wahlen standen bevor.
Sie wurden am 6. Dezember 1861 vorgenommen und ergaben
eine der Regierung durchaus feindselig gesinnte Mehrheit.
Schon während der ersten Tagung des neuen Hauses kam es
daher zu einer Ministerkrisis und zur Auflösung des Landtags.
Das neue Ministerium unter dem Präsidium des Prinzen von
Hohenlohe⸗Ingelfingen war weit konservativeren Charakters; neu
war in ihm vor allem der späterhin vornehmlich aus den An—
fängen des Kulturkampfes bekannte Kultusminister von Mühler;
aus dem alten Ministerium verblieb bezeichnenderweise nament⸗
lich der Kriegsminister von Roon. Unter diesem Ministerium
fanden darauf die neuen Landtagswahlen unter Anwendung
alles Regierungsdruckes statt: gleichwohl ergaben sie wieder
einen durchaus oppositionellen Landtag, Mai 1862; keiner von
den Ministern wurde gewählt; die Partei der Konservativen
sank auf zehn Stimmen; die beiden Fraktionen des ent—
schiedenen Liberalismus umfaßten zwei Drittel aller Ab—
geordneten. Die Mehrheit dieses Landtags lehnte nun die
Kosten für die Heeresreorganisation überhaupt und ohne weiteres
ab: völlig klar und zweifellos erschien der Konflikt zwischen
Regierung und Volksvertretung. Und diese Lage führte zum
Austritt der gemäßigteren Mitglieder des Ministeriums.
Da ernannte der König zum Präsidenten des gebliebenen
Restes der Minister seinen Pariser Gesandten, Otto von Bis—
mnarck-Schönhausen. Zugleich übernahm Herr von Bismarck
auch das Auswärtige, in welchem er für den Blick der meisten
Zeitgenossen zunächst am ehesten zu Hause zu sein schien. Aber
diesen Zeitgenossen galt er überhaupt wesentlich als homo
novus; sie wußten nichts davon, wie oft der Herr von Bis—
marck schon unter Friedrich Wilhelm IV. „die Schwierigkeit,
gleichzeitig gehorsamer und verantwortlicher Minister zu sein“,
mit Erfolg von sich abgehalten hatte. Wohl aber kannten sie
den neuen Ministerpräsidenten als einen der tollkühnsten Junker.
Und so empfingen sie ihn mit unverhohlenem Mißtrauen. Es
        <pb n="68" />
        118 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

war eine ganz begründete Stimmung insofern, als man sich
jetzt auf eine regierungsseitig glänzende Durchführung des
Konflikts gefaßt machen konnte.
In der Tat gewann Bismarck der Lage rasch und durch⸗
greifend eine neue Ansicht ab. Er stärkte sehr bald das Selbst—
bertrauen des Königs, der schon seine Abdankung ins Auge
gefaßt hatte. Er entwickelte eine neue, angeblich konstitutionelle
Theorie von drei gleichberechtigten Faktoren der Gesetzgebung
auch in Finanzsachen. Nur in England sei das Unterhaus in
Finanzbewilligungen allein maßgebend; in Preußen dagegen sei
es nur einer der verfassungsmäßigen Faktoren neben Herren—
haus und neben Regierung. Nun seien aber Herrenhaus und
Regierung in der Bewilligung der Kosten der Heeresreform
einig. Komme nun bei dieser offenbaren Mehrheit wegen der
Renitenz des Abgeordnetenhauses gleichwohl kein Finanzgesetz
zustande, so entstehe eben eine Lücke in dem konstitutionellen
System. Diese auszusüllen sei aber Sache der Regierung, da
die Aufgaben der Regierung im Interesse des Landes ja doch
niemals ruhen könnten. Und diese Lücke könne im vorliegenden
Falle natürlich auf keine andere Weise ausgefüllt werden, als
—D000 der Heeresreform.
Es gelang Bismarck, den König von dieser bedenklichen
Theorie wenn nicht zu überzeugen, so doch zu ihr zu über—
rebden. Und so begann er denn ruhig zu regieren und die
Steuern weiter zu erheben, auch für die Heeresreform, trotz der
Weigerung des Abgeordnetenhauses. Und da das Land, ab⸗
gesehen von der parlamentarischen Opposition und einer un⸗
geheuren Aufregung in Presse und Vereinen, ruhig blieb und
Steuerverweigerungen selten vorkamen, so schien es, als wenn
sich dieser Zustand unter Umständen lange werde halten lassen.
Er blieb auch 1862 bestehen, und selbst 18683 hielt er noch an,
obgleich im Oktober 1863 erneute Wahlen eine noch stärkere
ↄppositionelle Mehrheit im Abgeordnetenhause gebracht hatten.
        <pb n="69" />
        III.
Mit der Darstellung der zuletzt erzählten Ereignisse, An—
schauungen und Stimmungen wird auch heute noch der Regel
nach eine Kritik verknüpft. Da führt man wohl aus, daß das
formale Recht auf seiten des Landtags gewesen sei, das histo—
rische aber auf seiten des Königs; man begründet dann diese
Ansicht in längeren Deduktionen und vergißt auch wohl nicht
zu bemerken, daß, möge man Recht und Unrecht in dieser oder
jener Weise auf die beiden Parteien verteilen, ihr Konflikt
unter den gegebenen Umständen und in der gegebenen Zeit
edenfalls begreiflich, ja notwendig erscheine.
Gegen derartige Erörterungen ist gewiß nichts einzuwenden.
Geschichtlich bemerkenswert aber ist, daß sie je länger je mehr
mit einschläfernder Milde stattfinden, um schließlich dem schon
heute absehbaren Ende des Verstummens entgegenzugehen.
Dieser Verlauf findet darin seine Begründung, daß schon heute
eigentlich niemand mehr für die liberale Problemstellung der
sechziger Jahre lebendig empfindet. Und diese Erscheinung
wiederum erklärt sich daraus, daß der heutige subjektivistische
Demokratismus zu dem Liberalismus des ausgehenden ersten
subjektivistischen Zeitalters eher eine kritische und ablehnende
als eine anerkennende Stellung einnimmt — dagegen sehr wohl
in der Lage ist, das imperialistische, nach Entwicklung äußerer
Machtstellung vorwärts drängende Moment in der Haltung der
Regierung zu verstehen, vielleicht sogar zu schätzen. Es ist das
Moment, das lange hindurch als historisches Recht bezeichnet
worden ist: das aber nach heutigen Begriffen viel eher als
demokratisch⸗imperialistisch anzusprechen wäre, als ein Moment,
in dem sich der König als Vertreter der innersten Bestimmung
        <pb n="70" />
        420 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

der Massen, des Volkes, der Nation empfunden zu haben
scheine.
Wie man sich indes auch zu diesen Erwägungen stellen
mag, eins war sicher: diese Art innerer Politik drängte auf
Machtentfaltung nach außen, mußte sich binnen kurzem direkt
in äußere Politik umsetzen: und darum notwendigerweise, unter
den gegebenen deutschen Verhältnissen, zu einer gewaltsamen
Lösung der Einheitsfrage führen.
Der Zufall wollte dabei, daß diese allgemeine Tendenz
sich im Bereiche der politischen Fragen des äußersten Nordens,
innerhalb des schwierigen schleswig-holsteinschen Problems, zu
verwirklichen begann.
Die Entwicklung der schleswig-holsteinschen Angelegenheiten
— E
Jetzt, wo diese Frage entscheidend wird für das Verhältnis
Osterreichs und Preußens und damit für die Geschicke Deutsch—
lands, ist es nötig, auf ihre rechtliche Seite noch einmal ge—
nauer zurückzukommen?.
Zwischen Schleswig-Holstein und Dänemark bestand seit
1460 Personalunion, das heißt der König von Dänemark war
zugleich Herzog von Holstein und von Schleswig. Dabei gehörte
Holstein seit 1815 zugleich dem Deutschen Bunde an; Schleswig
dagegen war nicht im Bunde, obgleich mit Holstein verbunden.
Die Verhältnisse waren also eigener Art. Rechtlich völlig
klar, waren sie aber von dänischer Seite tatsächlich verdunkelt
durch das an sich sehr natürliche Bestreben der dänischen Könige,
die Herzogtümer langsam mit dem dänischen Königreiche zu
verschmelzen. So war zum Beispiel der gemeinsame Landtag der
Herzogtümer seit 1712 nicht mehr berufen worden. Die Herzog—
tümer hatten dagegen nicht protestiert, da sie sich sonst gerecht
behandelt fühlten; und diese Behandlung war wiederum sehr
begreiflich, da um diese Zeit die dänische Kultur in mancher
Hinsicht fast noch eine Dependenz nur der deutschen war, die von

1Vgl. oben S. 131.
2 S. dazu schon S. 95f.
        <pb n="71" />
        Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 421

Hamburg als letztem Zentrum weit nach Norden hin ausstrahlte!;
auch der hochgebildete schleswig-holsteinsche Adel fand unter diesen
Zufammenhängen ganz seinen Vorteil, indem er gern in dänische
Dienste trat und in diesen eine beträchtliche Rolle spielte.
Immerhin aber bestand deshalb über die staatsrechtliche
Stellung der Herzogtümer nicht der geringste Zweifel. Rechtlich
unklarer dagegen stand eine zweite Frage, die der Thronfolge
in Dänemark, Schleswig und Holstein.
Schleswig-Holstein war nach altem deutschen Recht ein
Mannlehen mit agnatischer Erbfolge; in Dänemark galt seit dem
sogenannten Königsgesetze vom Jahre 1660 in Ermangelung
von Söhnen auch die Thronfolge der Töchter. So mußten
beim Aussterben der Manneslinie des dänischen Königshauses
in Dänemark eine dänische Prinzessin oder deren Sohn, in
Schleswig-⸗Holstein dagegen die Männer der jüngeren Linie des
Konigshauses, der Sonderburger, folgen und in dieser wieder
zunächst der ältere, Augustenburger Zweig, erst dann der jüngere
Zweig, der Glücksburger.
Nun erhoben sich aber zu allem Unglück neben diesen an
sich noch ziemlich einfachen Berechtigungen infolge der eigen⸗
tümlichen Schicksale der einzelnen Linien des dänischen Königs—
hauses auch noch andere, hier nicht weiter zu charakterisierende
Ansprüche, so des Hauses Gottorp (Rußland und Oldenburg)
und des brandenburgischen Fürstenhauses.
König Friedrich VI. (1808 -1889) hatte keine Kinder. In
Dänemark mußte ihm daher nach seinem Vetter Christian (VIII.)
dessen Schwester Charlotte bzw. deren Sohn Friedrich (VII.)
folgen. Sein nächstes Bestreben war nun, diese weibliche Erb⸗
folge wenigstens auch auf Schleswig auszudehnen. In dieser
Richtung befand er sich im Einverständnis mit der öffentlichen
Meinung des dänischen Volkes, das keine Zersplitterung des
Reiches wollte, und die in der sogenannten Eiderdänenpartei
hertreten war. Das Ziel dieser Partei war zunächst die Ein—
verleibung von Schleswig derart, daß Dänemark als ein

2 Vgl. zu diesen Verhältnissen u. a. schon Bd. IV, 487 ff.; VI,. 151.
275; VII. 287 ff.; VIII. 606, 688.
        <pb n="72" />
        422 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

einziges und homogenes Reich bis zur Eider reichen sollte, und
dann die Begründung eines nordischen Großreiches aus Däne—
mark, Schweden und Norwegen. Sie betonte diese Ziele, unter der
Führung des Advokaten Orla Lehmann, des Philologen Madvig
und des Bischofs Monrad klar seit etwa 1836.
Im Jahre 1839 starb König Friedrich VI.; es folgte ihm
zunächst sein Vetter Christian VIII., der vorletzte männliche
Sproß des Königshauses. Mit dem Tode seines Sohnes
Friedrich (VII.) mußte also die Erbfolgefrage einmal absolut
brennend werden, und so begreift es sich, wenn der neue König
die Lage in dieser Hinsicht alsbald für Dänemark möglichst
günstig zu gestalten suchte. Zu diesem Zwecke war er einmal
bestrebt, die Realunion der Herzogtümer mit dem Königreich
fester durchzubilden: führte in Schleswig-Holstein dänisches
Geld ein, löste die besondere Armee der Herzogtümer auf usw.
Ferner aber ließ er es zu, daß im Oktober 1844 auf dem
dänischen Landtage zu Roeskilde der Beschluß gefaßt wurde,
der König möge erklären, die dänische Monarchie sei ein un—
teilbarer Staatt, und schritt demgemäß zu einer solchen Er—
klärung in dem Offenen Briefe vom 8. Juli 1846.
Hiergegen protestierten nun die Herzogtümer und die
Agnaten von Oldenburg und Augustenburg sowie von Glücks—
burg mit Ausnahme des Prinzen Christian, und es protestierte
weiter das deutsche Volk in den Kammern der Einzellandtage,
in Vereinen und Körperschaften; ja, es protestierte sogar der
Bundestag. Allein sofort zeigte sich auch, daß die Durchführung
dieser Proteste auf starke Schwierigkeiten stoßen würde. Die
Großmächte hatten ein Interesse an der Erhaltung des gesamten
Dänemarks. England, weil es die Deutschen nicht Herren der
Ost- und Nordsee werden lassen wollte, zudem fürchtete, Ruß—
land werde das verstümmelte Dänemark völlig in seine Ab—
hängigkeit bringen; Rußland, weil es umgekehrt annahm, ein
verkleinertes Dänemark werde sich unter Ausschluß jedes russischen
Einflusses der standinavischen Union in die Arme werfen.
Diesen Antipathien sollte sich nun die Bevölkerung Schles—
wig⸗Holsteins, die Energie des deutschen Bundestages und schließ—
        <pb n="73" />
        Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 423

lich vielleicht auch die Einwirkung der deutschen Großmächte
Preußen und sterreich gewachsen zeigen. Dabei war von vorn⸗
herein vorauszusehen, daß weder die Männer Schleswig-⸗Holsteins
noch der Bundestag die Herzogtümer würden retten können;
Erfolg war nur von tatkräftigem Eintreten beider Großmächte
zu erwarten. Das erfolgte aber erst im Jahre 1864.
Einstweilen aber verlief die Entwicklung ganz anders. Es
kam zu den unglücklichen Ereignissen der Jahre 184821851,
die mit dem Tode König Christians VIII. und der Thron—
besteigung seines indolenten Sohnes Friedrichs VII. begannen
und mit der Erniedrigung Preußens und den unglücklichen
Verträgen von 1852 schlossen!. Das Endergebnis war erstens
die Anerkennung der Unteilbarkeit des dänischen Gesamtstaates,
das heißt Dänemarks einschließlich Schleswigs und Holsteins,
doch unter Belassung von Holstein und Lauenburg in ihrem bis—
herigen Verhältnis zum Deutschen Bunde, und zweitens die Auf—
stellung des Prinzen Christian von Glücksburg und seiner Nach—
kommen zu Nachfolgern in dem ungeteilten dänischen Gesamtstaat
durch das Londoner Protokoll vom 8. Mai 1852. Hingegen
hatte der Herzog Christian von Augustenburg, von der ersten und
näheren Linie der Agnaten, gegen Zahlung von zweiundeinhalb
Millionen Taler am 283. April 1852 auf das Recht der Thron⸗
folge verzichtet, doch, wie sich später herauszustellen schien, nur
für sich persönlich, nicht fur sein Haus und seine Familie und
am wenigsten für seine direkten Nachkommen. Ein dritter Punkt
endlich der Abmachungen der Londoner Konferenz enthielt das
Versprechen Dänemarks an Preußen und sterreich, gegen An—
erkennung der Nachfolge des Prinzen Christian und Zurück—
ziehung der Exekutionstruppen des Deutschen Bundes aus Hol⸗
stein niemals Schleswig dem dänischen Königreich unmittelbar
einzuverleiben. Es war ein Versprechen, das namentlich Fürst
Schwarzenberg durchgesetzt hatte. Und dementsprechend wurde
denn auch die Verfassung und Verwaltung Schleswigs von
seiten Dänemarks durch ein Manifest vom 28. Januar 1852 im

S. oben S. 95 ff., 127 ff.
        <pb n="74" />
        24

Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Grundsatze geordnet, so daß alle Verfassungszwiste beendet zu
sein schienen.
Allein es schien nur so. In Wahrheit hatte Dänemark zu
dem dritten Punkte doch nur ein allgemeines Versprechen ge—
geben. Tatsächlich wurde dagegen der unzweifelhafte Rechtssatz
der Realunion Schleswigs und Holsteins bald dadurch angetastet,
daß, während Holstein beim Deutschen Bunde verblieb, Schles—
wig durchaus als Glied des Gesamtstaates Dänemark behandelt
wurde. Ja mehr: rasch kam es zunächst in Schleswig, schließlich
aber in beiden Herzogtümern zu einer wahrhaften dänischen
Schreckensherrschaft. Die Deutschgesinnten wurden verfolgt und
mißhandelt, der Beamtenstand dänisch gemacht, sogar das höchste
Gericht von deutschdenkenden Richtern gereinigt. Und speziell
in den schleswigschen Bezirken mit gemischter Bevölkerung tat
man alles, um die Bevölkerung dänisch zu machen: Geistliche
und Lehrer vornehmlich, die „schwarzen Gendarmen“, wirkten
zu diesem Ende zusammen.
Zur genaueren Formulierung und zum endgültigen Erlaß
der im Manifest vom 28. Januar 1852 versprochenen besonderen
Anordnungen für Schleswig dagegen nahm sich die Regierung
zwei Jahre Zeit, bis endlich, zwar einseitig vom König erlassen,
aber inhaltlich doch günstig, eine neue dänische Verfassung vom
31. Juli 1854 sie brachte. Allein gegen diese Verfassung erhob
sich nun ein Sturm der eiderdänischen Partei, und so zog der
König sie zurück und erließ unter Zustimmung des dänischen
Reichstages, aber ohne Zustimmung der Herzogtümer eine neue
Verfassung, vom 2. Oktober 1855. Und in ihr war nun auf
das Versprechen des Londoner Protokolls in Sachen Schleswigs
in keiner Weise Rücksicht genommen. Denn nach dieser Ver—
fassung erhielt das dänische Gesamtreich ein einziges Parlament
mit einer erdrückenden Mehrzahl dänischer Stimmen gegenüber
den deutschen und mit voller Kompetenz für Gesetzgebung und
Finanzen in allen gemeinschaftlichen Angelegenheiten Dänemarks
und der Herzogtümer. Der Augenblick zu dieser Ignorierung des
Versprechens des Londoner Protokolls war gut gewählt: die
Großmächte waren durch den Krimkrieg gebunden. Kaum aber
        <pb n="75" />
        Erste Stufe der kleindeutschen Lssung der Einheitsfrage. 425

war dieser vorüber, so begannen dann freilich, Februar 1856,
die holsteinschen Stände als Vertreter eines Deutschen Bundes⸗
landes mit ihren Beschwerden beim Deutschen Bunde.
Die schleswig-holsteinsche Frage war damit von neuem
eröffnet.
Auf die holsteinschen Beschwerden erfolgte nach längerem
Zwischenspiel von seiten des Bundes am 11. Februar 1858 der
Beschluß: die dänische Gesamtverfassung könne für Holstein—
Lauenburg — nur für diese Länder als Teil des Bundes
konnte der Bundestag sprechen — als bindend nicht anerkannt
werden; man erwarte von Dänemark bestimmte Angaben, wie
es den Versprechungen des Jahres 1832 betreffs Holsteins nach—
kommen wolle. Und diesem Beschlusse folgte auf Preußens
Drängen, nachdem der Prinz von Preußen die Führung der
Herrschaft angetreten hatte, am 29. Juli die Drohung mit be—
waffneter Bundesexekution.
In diesem Moment, da der Bund Ernst zu machen be⸗
gann, zeigte sich aber auch sofort das Mißliche gerade seines
Einschreitens. Nur Holstein gehörte zum Bunde, nur für Hol—
stein konnte er also sprechen. ünd so ergriff König Friedrich VII.
einen den Eiderdänen höchst erwünschten Ausweg; am 6. No—
dember 1858 hob er die dänische Gesamtverfassung für Holstein
und Lauenburg auf, behielt sie aber für Dänemark und Schles⸗
wig bei. Allein war dies eine Lösung? Natürlich war jetzt
das alte Recht der Herzogtümer auf Realunion, das „up ewig
ungedeelt“, gründlich gebrochen.
Der holsteinsche Landtag aber antwortete auf das dänische
Vorgehen am 11. März 1859 außerdem noch mit der Erklärung,
daß der Verzicht, die Verfassung in Holstein einzuführen, die Ver—
fassung zugleich auch für Dänemark-Schleswig aufhebe: denn
als eine Gesamtverfassung sei sie gedacht und verkündet worden.
Und die gleiche Stellung nahm bald auch der Bundestag ein.
Allein schwierig blieb es gleichwohl für den Bundestag,
auch nur eine Anschauung wie diese praktisch zu vertreten. Erst
im Frühjahr 1861 dachte man wieder ernstlich an die Exekution;
fie wurde aber auch diesmal wieder verhindert, da man sich von
Lamprecht, Deutjiche Geschichte. XI, 2. 28
        <pb n="76" />
        288 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

einer direkten diplomatischen Behandlung der Frage durch die
heiden deutschen Großmächte allein schon damals größeren Er⸗
folg zu versprechen begann.
Inzwischen aber verharrten die Dänen aufs schroffste auf
dem eingenommenen Standpunkte; ja, da ihnen die europäischen
Konstellationen der Jahre 1862 und 1863 günstig waren, so
hetonten sie ihn noch weit schärfer und wiesen jedes Anerbieten
von Vorstellung und Vermittlung zurück. Am 30. März
1863 erließ dann der dänische König sogar ein neues Patent,
das erst recht den Rechtsboden verließ. Schleswig⸗Dänemark
follte in der nächsten Sitzung des Reichstages eine Gesamt⸗
verfassung erhalten; und Holstein wurde eine neue Verfassung
aufgedrängt ohne Zustimmung der Stände des Landes und
sachlich soweit als möglich im Gegensatz zu den Versprechungen
von 1852.
Natürlich machte dieses Patent in Deutschland den schlech⸗
testen Eindruck. Die öffentliche Meinung erregte sich in hohem
Grade; der Nationalverein versuchte die nordische deutsche Groß⸗
macht, Preußen, durch herbe Kritik ihrer auswärtigen Politik
zu stärkerer Tätigkeit zu bewegen; im Bundestage brachte Olden⸗
burg den Antrag ein, nachdem Dänemark die Verträge von
1852 gebrochen, möge Deutschland dieselben für unverbindlich
erklären und die Herstellung des alten Rechts der Herzogtümer
fordern. Ebenso energisch sprach sich Hannover aus.
Ging man nun in Frankfurt auch nicht so weit, so richtete der
Bundestag doch unterm 9. Juli 1863 an Dänemark die Auf—⸗
forderung, sich über das Märzpatent und Holsteins Stellung
m dänischen Gesamtstaat zu erklären, und beriet gleichzeitig über
die Bildung einer Exekutionsarmee, die in erster Linie aus
Sachsen und Hannoveranern bestehen sollte. Als dann Däne—
mark ungenügende Erklärungen gab, beschloß der Bundestag
Im 1. Oktober 1863 fast einstimmig die Exekution. Der Plan
in Dänemark aber war, zunächst die Gesamtverfassung für
Schleswig und Dänemark unter Dach zu bringen, dann diese
auch in Holstein einzuführen und damit durch Ankuündigung der
Zurücknahme der bisher bestehenden holsteinschen Verfassung dem
        <pb n="77" />
        Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 427

Bundestage den Rechtsgrund seiner Exekution zu nehmen. In
der Tat fiel damit der formelle Grund zur Exekution; zugleich
aber wurden damit die Versprechungen von 18852 erst recht
illusorisch gemacht: es war also erst recht der volle Bruch mit
Deutschland.
Er vollzog sich in den Novembertagen 1863. Am 13. No—
vember kam die neue Verfassung im dänischen Reichsrat zur
Annahme; am 18. November starb der alte König Friedrich VII.;
ihm folgte jetzt der Glücksburger, Protokollprinz“ als Christian IX.,
und es war sein Verhängnis, daß er fast als ersten Regierungsakt
den schweren Schritt tun mußte, diese Verfassung zu unter—
zeichnen. Zwar zögerte er, überzeugt von den verhängnisvollen
Folgen des Schrittes; aber der Minister Hall, bestimmte ihn
schließlich dazu durch den Hinweis auf die Volksscharen, die
das königliche Schloß drohend umringten, und durch die Er—
klärung, daß er bei Weigerung des Königs für dessen Thron
und Leben nicht einzustehen vermöge.
Gleichzeitig aber trat auch noch ein anderes schwerwiegendes
Ereignis ziemlich unerwartet ein. Während man zumeist ge—
zlaubt hatte, die Augustenburger hätten endgültig auf ihre
Thronfolge in Dänemark verzichtet, verkündete jetzt, mit dem
Aussterben der dänischen Manneslinie, der Sohn des Herzogs
Christian von Augustenburg, als durch den Vertrag seines
Vaters nicht gebunden, seine Nachfolge in Schleswig-Holstein
als Herzog Friedrich VIII. Sein Manifest wurde in Schleswig,
wo man von Christian IX. deutsche Reformen erwartete, ge—
eilten Herzens, in Holstein mit brausendem Jubel aufgenommen.
Aber bald schlug auch in Schleswig die Stimmung um; überall
huldigte man dem Augustenburger.
All diese Vorgänge zümdeten aber in Deutschland fast noch
mehr als in den Herzogtümern. Hier schien nun einmal alles
aufs herrlichste zusammenzufallen: die Forderungen fürstlicher
Legitimität, die nationalen und die freiheitlichen Bestrebungen.
Sogar vom Bundestag und seinen Mitgliedern versah man sich
großer Schritte. Die einzelnen kleinen Regierungen zögerten
in der Tat vielfach nicht mit bindender Aussprache J Sym⸗
2 *
        <pb n="78" />
        128 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

pathien für den Augustenburger; so Baden, Oldenburg, Koburg,
auch die freie Stadt Frankfurt trat hier noch einmal aktiv hervor.
Und mehr: der Großherzog von Baden bevollmächtigte seinen
Gesandten zu Frankfurt, die Vertretung des neuen Herzogs am
Bunde zu übernehmen; der Kronprinz von Preußen stellte sich
der Verfechtung seiner Ansprüche zur Verfügung; und das
preußische Abgeordnetenhaus erklärte am 2. Dezember, daß die
Ehre und das Interesse Deutschlands die Anerkennung des
Herzogs Friedrich verlangten.
Allein bald sollte sich zeigen, daß die Führung der ganzen
Angelegenheit schon nicht mehr in den Händen des bedeutungslos
 gewordenen Bundestages oder gar der deutschen Volks⸗
vertretungen, sondern in denen der großen deutschen Mächte
lag, und daß unter diesen jetzt Preußen, von Bismarck ge⸗
führt, mit ganz anderen Anschauungen, als erwartet, zu handeln
begann.
Wir haben schon die Gründe für die Annäherung zwischen
Preußen und sterreich seit dem Scheitern des Frankfurter
Fürstentages im September und November 1863 verfolgt, so—
weit sie auf dem Gebiete der inneren deutschen Geschichte lagen.
Gleichzeitig aber war auch die Konstellation der europäischen
Großmächte derart geworden, daß sterreich Grund hatte, mit
Preußen Hand in Hand zu gehen. Napoleon hatte mit Eng—
land sowie auch mit Osterreich während der russischen Schwierig—
keiten infolge des polnischen Aufstandes eine antirussische Politik
getrieben, in der es fast bis zum Kampfe gekommen war.
Jetzt, nach Dämpfung der polnischen Revolution, mochte er das
Bedürfnis fühlen, seine Niederlage durch erneute Aufrollung der
italienischen Frage zu verdecken. Damit mußte natürlich seine
Politik einen Gegensatz gegen Osterreich gewinnen. Um so mehr
mußte sich Osterreich zu Preußen hingezogen fühlen.
In diesem Augenblicke trat nun die schleswig-holsteinsche
Frage aufs dringendste an die deutschen Großmächte heran: es
ergab sich also ein Punkt, in dem es möalich war, gemeinsam
zu handeln.
Betrachteten die kleinen und mittleren deutschen Staaten
        <pb n="79" />
        Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 429

die Frage nur vom nationalen Standpunkte aus und war von
diesem her für sie die Selbständigkeit Schleswig-Holsteins unter
dem Augustenburger ein zweifellos zu erstrebendes Ziel, so konnten
sich die deutschen Großmächte unter Umständen vor andere Er⸗
wägungen gestellt sehen. Für sie ergab sich zunächst eine rechtliche
und unter der bestehenden Konstellation der europäischen Groß⸗
mächte auch eine faktische Bindung an das Londoner Protokoll
von 1852, also auch an die Erbfolge des Protokollprinzen
Christian. Der Auguftenburger kam demgegenüber für sie nicht
in Betracht. Andererseits war es ebenso sicher, daß König
Christian die von seinem Vorgänger an der Krone im Jahre 1852
den deutschen Mächten gegebenen Versprechungen über die freiere
Stellung Holsteins und Schleswigs innerhalb der dänischen
Gesamtmonarchie durch Annahme der dänischen Verfassung vom
November 1863 gebrochen hatte. Von dem Drehpunkte dieser
Betrachtung aus konnten also die deutschen Großmächte gegen
Dänemark vorgehen, ohne mit den europäischen Mächten in
Gegensatz zu geraten. Damit war für sie bei richtiger Anlage
ihrer Politik das Entscheidende nicht die Erbfolgefrage, sondern
die Verfassungsfrage.
Es ist eine der größten staatsmännischen Leistungen Bis—
marcks, diesen Zusammenhang unter dem Gewirr der verschieden—
artigsten möglichen Vorstellungen und trotz des Druckes der
nationalen Leidenschaften sofort erkannt zu haben. Ja mehr:
nach der Darstellung Bismarcks selber in seinen „Gedanken und
Erinnerungen“ steht fest, daß er alsbald nach dem Tode Fried⸗
richs VII. die Absicht der Erwerbung der Herzogtümer für
Preußen in dem ersten Ministerrate, der dazu Gelegenheit bot,
aussprach. Der König gab darauf freilich die Anweisung, diese
Worte nicht in das Protokoll der Sitzung aufzunehmen. „Seine
Majestät schien geglaubt zu haben, daß ich unter den bacchischen
Eindrücken eines Frühstücks gesprochen hätte und froh sein würde,
nichts weiter davon zu hören. Ich bestand aber auf der Ein—
schaltung, die auch erfolgte. Der Kronprinz hatte, während ich
sprach, die Hände zum Himmel erhoben, als wenn er an meinen
gesunden Sinnen zweifelte; meine Kollegen verhielten sich
        <pb n="80" />
        430 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

schweigend.“ War man indes auch nur der Meinung, daß
etzt überhaupt gehandelt werden müsse, so durfte in dem Augen—
hlick, da der Augustenburger in Holstein und Schleswig aus—
gerufen wurde, am allerwenigsten die Bundesexekution auf—
zegeben, sie mußte vielmehr rasch vollzogen werden; denn sie
bewies durch ihr Vorgehen gegen König Christian als Herzog
von Holstein, daß man an den Bestimmungen des Londoner
Protokolls von 1852 festhalte. Auf diesen Punkt einigten sich
daher sterreich und Preußen am 24. November 1868; es war
der erste Schritt beider Mächte zu gemeinsamer Tätigkeit in
Schleswig-Holstein. Schon am 26. November beschloß dann
Preußen die Mobilisierung der sechsten und dreizehnten Division
Brandenburger und Westfalen) sowie des Gardekorps: es waren
sechzigtausend Mann, genug, wie man glaubte, zur Besiegung
Dänemarks. Am 7. Dezember setzten ferner beide Großmächte
im Bundestage, nach heftigen Debatten gegen eine solche Politik
n der preußischen Kammer, die Bundesexekution gegen den
König von Dänemark als Herzog von Holstein mit acht gegen
iieben Stimmen durch.
Sofort kam es nun auch zur Aufstellung des Exekutions—
heeres: in erster Linie sechstausend Sachsen und sechstausend
Hannoveraner, als Reserve größere Mengen Osterreicher und
Preußen in Hamburg und Lübeck; Österreicher und Preußen
anter dem gemeinsamen Oberbefehl Preußens, Sachsen und
Hannoveraner unter dem Oberbefehl des sächsischen Generals
oon Hake. Am 24. Dezember überschritten die Truppen die
Grenze; die Dänen, von den Großmächten in diesem Sinne
heraten, wichen überall zurück; bald war Holstein besetzt.
Dies Vorgehen machte nun freilich in den nationalen und
iberalen, für den Augustenburger begeisterten Kreisen den aller—
schlechtesten Eindruck; Nationalverein und Reformverein, in
diesem Punkte einmal einig, beschlossen, am 81. Dezember 1863
in Frankfurt zu einem großen gemeinsamen Protest und zur
Beratung weiterer Maßregeln zusammenzutreten. Und dieser
Meinung schlossen sich auch noch mehrere Mittelstaaten an:
Baden, Weimar, Koburg, Oldenburg, Hessen-Darmstadt ergriffen
        <pb n="81" />
        Erste Stufe der kleindeutschen cösung der Einheitsfrage. 431

dem Augustenburger sympathische Maßregeln; Bayern stellte sich
an die Spitze der Bewegung.
Schlimmer war, daß auch die Exekutionskommissare diesen
vopulären Strömungen nachgaben; als in Holstein überall der
Augustenburger als Herzog ausgerufen wurde, widerstrebten sie
nicht, ja traten mit ihm und einer von ihm gebildeten Regierung
ins Einvernehmen. Natürlich gefiel das in Deutschland außer⸗
ordentlich, die ursprünglich angefeindete Exekution wurde auf
diesem Wege populär; und bald glaubte man ihre Aufgaben
noch dadurch überbieten zu können, daß ein weiteres Bundes⸗
heer unter König Marx von Bayern die förmliche Einsetzung
des Augustenburgers als Herzog durchführen sollte.
Gegen solche Pläne reagierte nun aber gleichmäßig das
dreußische wie das österreichische Staatsinteresse. In Wien vor
allem meinte man, diesem Hervortreten der Mittelstaaten durch
Besetzung Schleswigs zuvorkommen zu müssen. Um hierfür
eine Handhabe zu erhalten, beantragten Hsterreich und Preußen
gemeinsam am 26. Dezember 1863 beim Bundestage die In⸗
ofandnahme Schleswigs zur Gewahrleistung für die Ausführung
der in dem Jahre 1862 von Dänemark versprochenen Reformen:
also wieder unter Übergehung der Augustenburgischen Person
und Sache. Und als der Bund auf diesen Plan einzugehen
zögerte, schlug Bismarck am 5. Januar 1864 Hsterreich vor,
heide deutfchen Großmächte sollten selbständig, sei es mit, sei
es ohne Zustimmung des Bundes, die Forderung an Dänemark
stellen, die Reformen durchzuführen; würde dann ein dahin⸗
autendes Versprechen von Dänemark nicht gegeben, so solle man
binnen achtundvierzig Stunden in Schleswig einrücken. Oster⸗
reich nahm diesen Vorschlag an, nachdem Bismarck gedroht
hatte, Preußen werde sonst allein gegen Dänemark losschlagen:
es war ein erster, wie sich später zeigen sollte, für Hsterreich ver⸗
hängnisvoller Schritt; am 16. Januar 1864 wurde der gemeinsame
Feldzug beider deutscher Großmächte vertragsmäßig vereinbart.
Hinsichtlich des künftigen Schicksals der Herzogtümer wurde
dabei von Hsterreich vorgeschlagen, daß es nur in gemeinsamem
Finverständnis der beiden abschließenden Mächte bestimmt werden
        <pb n="82" />
        432 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

möge, und daß man dabei auch nur in gemeinsamem Ein—
verständnis sich lossagen wolle von dem „Prinzip der Er—
haltung der dänischen Monarchie in ihrem bisherigeu Bestande
und von der durch den Londoner Vertrag eingegangenen Ver—⸗
bindlichkeit, die Erbfolge des Königs Christian anzuerkennen“.
Demgegenüber formulierte Bismarck folgende Fassung: es sollten
für den Kriegsfall mit Dänemark, der alle bisherigen Verträge
hinfällig mache, die künftigen Verhältnisse der Herzogtümer nur
im gegenseitigen Einverständnisse der beiden Großmächte fest—
gestellt werden, so namentlich auch in der Frage der Erbfolge.
Und in dieser Form wurde die Bestimmung von OÖsterreich an—
genommen.
Mit der offenen Verkündigung dieser Abmachung im
Bundestage war die Aktion des Bundes lahmgelegt; mit der
Mitteilung des Ultimatums an Dänemark am 16. Januar und
seiner abschläägigen Beantwortung am 18. Januar war der
Krieg eröffnet.
Die Stimmung der Nation war in diesem Momente äußerst
düster, ja verzweifelt. Am Bundestage war man außer sich.
Die öffentliche Meinung in sterreich protestierte; im Reichsrat
wurde die neue Politik am 30. Januar aufs heftigste an—
gegriffen. Man glaubte nicht anders, als daß die beiden
Großmächte die Herzogtümer von neuem an Dänemark aus—
liefern wollten. Bismarcks Pläne gar lagen völlig im Dunkel,
auch für Osterreich. Indes jetzt war keine Zeit mehr zu Be—
denken: die bisher unerhörte Tatsache stand fest, daß Osterreich
und Preußen gemeinsam in einen Krieg für eine nationale
Sache zogen.
Am 20. Januar 1864 übernahm der achtzigjährige preußische
General Graf Wrangel den Oberbefehl über die gemeinsamen
Streitkräfte. Treuherzig und tapfer, aber umständlich und alt,
war er freilich ein im Grunde wenig geeigneter Feldherr. Unter
ihm standen drei Heereskörper, im ganzen siebenundfünfzigtausend
Mann: die sechste und dreizehnte preußische Division unter dem
Prinzen Friedrich Karl, das österreichische Korps, meist Nicht—
deutsche, unter General von Gablenz, einem in österreichische
        <pb n="83" />
        Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 488

Dienste getretenen Sachsen, eine preußische Gardedivision unter
General von der Mülbe. Die dänische Armee war diesen
Truppen an Zahl beträchtlich unterlegen, da sie etwa vierzig—
tausend Mann zählte und auf allerhöchstens fünfundfünfzig—
tausend Mann gebracht zu werden vermochte; zudem war sie,
gewiß tapfer, schlecht ausgebildet; doch erfreute sie sich in dem
General de Meza eines trefflichen Oberbefehlshabers!. Auf—
gestellt war das dänische Heer an dem uralten Danewerk, das
die Breite von zehn Meilen Nordschleswig vom Süden ab—
perrt.

Nach dem Plan Moltkes, des preußischen Generalstabs⸗
chefs, der aber den Feldzug nicht mitmachte, hätte man das
Danewerk nun ruhig umgehen sollen, um dem dänischen Heere
den Rückzug nach Norden abzuschneiden, es gegen das Meer
nach Westen zu drängen und dort entscheidend zu schlagen.
Allein dieser Operationsplan wurde Wrangel nur zur
Richtschnur, nicht bindend mitgeteilt; und nur halb hat er ihn
ausgeführt. Während er den Prinzen Friedrich Karl zur Um—
gehung im Osten, durch Angriff auf Missunde, beorderte, rückte

Moltke hat sich nach dem Kriege über dänische Lage und dänisches
Heer vornehmlich in dieser Zeit folgendermaßen ausgesprochen (Jühns 2, 866):
„Bei Beurteilung der Verhältnisse muß im Auge behalten werden, daß
die Dänen bis in den Januar hinein glauben konnten, es mit dem Deutschen
Bunde zu tun zu haben, und daß sie dadurch zu einer kühnen Politik
berechtigt waren. Sie hatten aber das Unglück, auf Preußen und ster—
reich zu stoßen. Das hemmende Gewicht wurde nun zu klein, und das
Kopenhagener Kabinett konnte nur mit auswärtiger Unterstützung hoffen,
seinen Feldzug siegreich durchzuführen. Schmählich im Stich gelassen von
allen Verbündeten, blieb nur der Widerstand auf den Inseln, und die
danze Schwierigkeit für die alliierte Armee bestand immer nur darin, an
den Feind heranzukommen. — Die aufs höchste angespannten Kräfte des
kleinen Landes reichten nicht weiter als zur Auffstellung von etwa sechs—
unddreißigtausend Mann; die Gegner waren doppelt überlegen. Die dänische
Armee war vermöge ihrer ganzen Organisation eine Miliz, und als solche
hat sie sich guk genug gewehrt. Ihre Ausdauer in Ertragung von Ent—
behrungen, Ansirengung und Leiden verdient die höchste Anerkennung
Düppel); in der Schlacht war das Verhalten jehr mittelmäßig (Zahl der
Gefangenen in jedem Gefechtn“
        <pb n="84" />
        184

Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

er gleichzeitig im Westen dem Danewerk so nahe, daß es zu
ernstlichen Kämpfen kommen mußte, von denen dann voraus⸗
usehen war, daß sie die Dänen rasch zur Aufgabe des Dane—
werks bestimmen würden.
In der Tat geschah es so. Am J. Februar überschritt
Prinz Friedrich Karl die Eider, versuchte vergebens Missunde
zu nehmen, fand aber am 5. und 6. Februar weiter östlich bei
Arnis einen Übergang, der ihn in den Nordosten des Danewerks
brachte. Allein zu seiner Uberraschung fand er keine Dänen
mehr vor. Diese hatten nämlich, von den sterreichern und
der preußischen Garde heftig angegriffen, inzwischen das Dane—
werk aufgegeben und sich nach Nordosten, auf Fredericia hin,
zurückgezogen. Auf dem Rückzug kam es noch zwischen Oster⸗
reichern und Dänen am 6. Februar zu einem heftigen Gefecht
bei Oeversee, wobei die österreichische Stoßtaktik, wie in dem
Feldzuge überhaupt, Triumphe feierte; doch gelang es den
dänen, Flensburg zu erreichen. Von hier aus ging der größte
Teil des Heeres in die feste Stellung von Düppel, die, mit der
Insel Alsen verbunden, den Zusammenhang mit dem Inselheere
ficherte, während ein kleiner Teil nach Norden zur Verteidigung
Jütlands abbog.
Damit schloß der erste Teil des Feldzugs. Er kostete dem
General de Meza seine Stellung, obwohl er seine Truppen nach
Lage der Dinge meisterhaft geführt hatte. Der Pöbel in
Kopenhagen wütete.
Im übrigen entschloß man sich jetzt in Kopenhagen zum
Widerstand aufs äußerste. Noch war man ja im Besitze der
Düppeler Schanzen, des Brückenkopfes gleichsam zu der dänischen
Inselwelt, die schließlich die reichsten Kräfte des Volkes barg;
und noch immer glaubte man an tatkräftige Sympathien Frank—
reichs, wie man nicht minder des Mißvergnügens der Eng—⸗
laͤnver über die deutschen Siege versichert war, wenn es sich
schließlich auch nur in lärmenden Demonstrationen, nicht aber
in wirklichem Eingreifen kundgab.
Was aber schlimmer war, auch die deutschen Groß⸗ und
Kleinmächte waren unter sich um diese Zeit keineswegs einig.
        <pb n="85" />
        hvuaen
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S Debes Leipæit

deldzug 1864.
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        436 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Die Mittelmächte, vornweg Bayern, waren von dem eigen—
mächtigen Vorgehen Osterreichs und Preußens durchaus nicht
erbaut; sie wollten jetzt auf die Holsteiner Bundesexekution, die
noch immer in Kraft war, um so größeres Gewicht legen und
süddeutsche Truppen nach Holstein nachschieben. Unter den
deutschen Großmächten aber herrschten Meinungsverschiedenheiten
 über die Fortsetzung des Krieges. Moltke wünschte aus
militärischen Gründen die sofortige Überschwemmung Jütlands
durch deutsche Truppen, um Dänemark auf diese Weise aus—
zuhungern. OÖsterreich dagegen wollte kein Vorgehen über die
Grenzen Schleswigs hinaus, und plaidierte demgemäß für einen
Angriff auf Düppel oder Alsen. Bestimmend für diese Haltung
war die Furcht, in der Besetzung Jütlands möchten die euro—
päischen Mächte eine Erweiterung der Kriegsziele sehen, was
Napoleon vielleicht zu einer Diversion in Italien veranlassen
könne. Hinzu kam, daß Ästerreich überhaupt des Krieges satt
war; er wurde in Wien entschieden unpopulär; und im Lande
wie in den Staatskassen herrschte finanzielle Not.
Dieser Gegensatz zwischen Osterreich und Preußen wurde
nun offenkundig und peinlich, als Wrangel am 10. Februar,
übrigens ohne Ermächtigung aus Berlin, einzelne Teile Jüt—
lands besetzte. Es blieb nichts übrig, als ihn sofort zu des⸗
avouieren und zur Ausgleichung der Gegensätze zwischen den
Bundesgenossen den schon damals gelegentlich in diplomatischen
Diensten verwendeten General von Manteuffel nach Wien zu
senden. Manteuffel aber gelangte am Wiener Hof nach längeren
Konferenzen mit dem Kaiser und dem leitenden Minister Rech—
berg am 1. März tatsächlich zu einem Einverständnis. Gegen⸗
über der Großmannssucht der Mittelstaaten wurde beschlossen,
vom Bunde die Ermächtigung zur Teilnahme an der holsteinschen
Exekution zu erlangen, etwaige dem Augustenburger günstige
Maßregeln des Bundes aber mit Abberufung der Gesandten
von Frankfurt zu beantworten. Hinsichtlich der Kriegsaktionen
ferner sollten die weiteren Maßregeln sich namentlich auf Düppel
und Alsen beziehen; doch sollte es Wrangel freistehen, gegenüber
dänischen Angriffen auch Truppen nach Jütland einrücken zu
        <pb n="87" />
        Erste Stufe der kleindentschen Lösung der Einheitsfrage. 437

lassen. Das Schicksal der Herzogtümer endlich behielten sich
Osterreich und Preußen wiederum zur Erledigung in gemein⸗
samer Beratung vor; die gemeinsamen Vorschläge sollten noch
einer Konferenz unterbreitet werden.
Hiermit war denn ein neuer Abschnitt des Krieges ein⸗
geleitet, die Befehle für ihn wurden am 6. März erlassen.
Danach ging Wrangel zunächst gegen Jütland vor; und
schon am 20. März war der größte Teil des Landes südlich
vom Liimfjord in deutschen Händen. Zugleich aber wurde
durch den Prinzen Friedrich Karl, nach einem vergebenen Ver⸗
suche, Alsen durch einen nächtlichen Überfall zu nehmen, die
Erstürmung von Düppel vorbereitet; am 15. März begann das
Feuer; am 29. März wurde die erste Parallele ausgehoben; am
18. April wurden die festen Stellungen erstürmt; die Dänen
entwichen nach Alsen: das ganze schleswigsche Festland war
jetzt deutscher Besitz. Es war die eigentliche große Waffentat
der Preußen im Verlaufe des ganzen Feldzugs; sechzehntausend
Preußen hatten elftausend Dänen überwältigt, die in sechs
festen Schanzen hinter Gräben, Palisaden und Brustwehren
gekämpft hatten. Und alsbald folgte dem auch noch eine weit
gründlichere Überschwemmung von · Jütland als zuvor; nur kurze
Zeit, und bis zum Liimfiord gab es keine dänischen Soldaten
mehr.

Inzwischen aber hatten sich, während des Harrens auf die
Erfolge von Düppel, die europäischen Mächte zu regen be—
gonnen. Schon früher hatte England eine Konferenz zur Er⸗
ledigung der bestehenden Streitfragen vorgeschlagen, aber ohne
Erfolg, da Dänemark das Ansinnen zurückwies. Jetzt dagegen
erklärten die Dänen ihre Bereitwilligkeit. Aber auch die deutschen
Mächte gingen auf den Gedanken ein, und selbst der Bund
sollte durch Herrn von Beust vertreten sein. In Deutschland
konnte man um so eher Nachgiebigkeit zeigen, als Frankreich am
9. April an Preußen erklärt hatte, das beste sei die Abtrennung
Holsteins und des südlich vom Kanal gelegenen Schleswigs von
Dänemark. Spräche sich dann das Volk für den Augusten⸗
burger aus, so sei es Frankreich recht, wenn dieser Herzog des
        <pb n="88" />
        4388 Aünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Landes würde, obgleich Napoleon die Schöpfung eines neuen
deutschen Kleinstaates nur beklagen könne; fiele die Abstimmung
zugunsten Preußens aus, so werde Napoleon auf der Konferenz
diesem Ergebnisse zustimmen.
Am 25. April, unter dem Eindruck der preußischen
Waffentaten vor Düppel, wurde die Konferenz eröffnet. Man
trat zunächst in Waffenstillstandsverhandlungen ein, und diese
endeten am 12. Mai mit einem leidlichen Ergebnis, am selben
Tage, an dem sich östlich von Helgoland noch die österreichische
Marine unter Tegetthoff tapfer mit den Dänen herumschlug.
Als man aber in das eigentliche Gebiet der Friedens⸗
verhandlungen eintrat, zeigten sich sofort die größten Schwierig—
feiten. Die Dänen wollten von Nachgeben nichts wissen;
andererseits wurde die deutsche Forderung auf Trennung der
Herzogtümer von Dänemark durch die lebhafteste nationale Be—
wegung in Deutschland unterstürtzt. Namentlich regte sich der
Frankfurter Dreißigerausschuß des Nationalvereins und des
Reformvereins; er brachte seine Wünsche, feierlich formuliert und
unter anderem durch dreizehnhundertundfünfzig Unterschriften
deutscher Volksvertreter bekräftigt, bei dem Vertreter des Bundes,
Herrn von Beust, zur Geltung. In Preußen ferner ging eine
Adresse an den König um mit der Bitte, beide Herzogtümer
unbedingt von Dänemark zu trennen; sie bedeckte sich mit dreißig⸗
tausend Unterschriften. Die mächtigste Bewegung aber herrschte
doch in Holstein und Schleswig selbst; Volksversammlung folgte
auf Volksversammlung, und Bismarck war das eben recht: „Die
ganze Meute wollen wir läuten lassen.“
Das erste, was daraufhin Bismarck, in dessen Schlepptau
die österreichische Politik so gut wie gänzlich geraten war, auf
der Konferenz begehrte, war die volle Unabhängigkeit der
Herzogtümer. Die Konferenz war bei dieser Forderung erstaunt.
Sie wünschte mehr zu wissen: welches denn das Schicksal der
Herzogtümer sein werde? Aber hierüber schwiegen sich die
Vertreter Osterreichs und Preußens einfach aus, namentlich
auch über die Frage des künftigen Souveräns des Landes. Indes
die Dänen überhoben sie der damit für sie eintretenden, im
        <pb n="89" />
        Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 439

Grunde fatalen Lage: sie erklärten die Unabhängigkeit der
Herzogtümer selbst dann für unmöglich, wenn der dänische König
ihr Souverän werden sollte. Es war eine Antwort, wie sie die
deutschen Mächte eben brauchten: die Antwort unverbesserlichen
Starrsinns.
Den deutschen Mächten blieb jetzt nichts übrig, als die
volle Lostrennung der Herzogtümer von Dänemark zu fordern.
Bismarck zog sofort diese Konsequenz; Hsterreich gegenüber
sprach er sich ferner, in einer Depesche vom 21. Mai, dahin
aus, der künftige Herrscher der Herzogtümer könne auch der
Augustenburger sein, falls er die notwendigen nationalen und
preußischen Garantien gäbe; doch betrachte Preußen die Frage
der Thronfolge noch als offen, werde sie aber jedenfalls immer
nur im Einverständnis mit sterreich zu lösen suchen.
Diesen Plänen gegenüber wollte allerdings Osterreich der
Konferenz den Herzog von Augustenburg sofort vorschlagen:
daß dieser Deutschland und Preußen genehme Politik treiben
müsse, verstehe sich von selbst. Das war nun aber nach
preußischer Ansicht tatsächlich durchaus nicht der Fall. Viel⸗
mehr versuche der Herzog schon seit längerer Zeit in Holstein
ganz eigenmächtig zu regieren; es sei daher schwerlich an—
zunehmen, daß er sich zu einer strengen Militär- und Marine—
konvention mit Preußen, zur Hergabe des Hafens von Kiel
und anderen Forderungen, die Preußen stellen wolle, später be⸗
quemen werde.
Preußen beharrte also auf der Forderung, der Herzog von
Augustenburg dürfe erst genannt werden, nachdem er sich zu
den angegebenen Zugeständnissen gegen Preußen verpflichtet
habe; und es blieb erst recht auf diesem Standpunkt, nachdem
persönliche Verhandlungen Bismarcks mit dem Herzog dessen
Unzugänglichkeit ergeben hatten.
Wahrend diese Differenzen zwischen Hsterreich und Preußen
auftraten und in endlose Schwierigkeiten zu führen drohten,
ergab der Fortgang der Londoner Konferenz noch einmal einen
Ausweg. Dort wurde nämlich am 28. Mai eine weitere Dis—
kussion selbst schon der Frage der Autonomie Schleswig—
        <pb n="90" />
        440 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Holsteins dadurch unmöglich gemacht, daß die Dänen dem gelegent⸗
lich der Erörterung der Grenzbestimmung eines künftigen freien
Schleswigs fortwährend Widerstand entgegensetzten. Und ein
gleiches Ergebnis hatten die am 2. Juni wiederaufgenommenen
Verhandlungen; nur zu einer Verständigung über die Verlängerung
des Waffenstillstandes bis zum 26. Juni kam es. Am 25. Juni
wurde daher die Konferenz als ergebnislos abgebrochen. Das
Resultat war mithin allein, daß Hsterreich und Preußen sich
nochmals öffentlich als für die Selbständigkeit der Herzogtümer
verbindlich erklärt hatten, während ihre verschiedene Anschauung
über die Thronfolge und das Schicksal der Herzogtümer über—
haupt nicht zur Sprache gekommen war.
Vom 26. Juni an nahmen also nochmals die Generäle
das Wort. Freilich hatte auch bei der erneuten Kriegsführung
Osterreich wieder seine Bedenken. Einen Angriff auf Fünen
wünschte es ausgeschlossen, da dieser England zur Kriegs⸗
erklärung veranlassen könne. Preußen gab hier nach, und man
beschloß am 24. Juni, nun auch Nordjütland jenseits des
Liümfiords zu besetzen und für Rechnung der Kriegführenden
in Verwaltung zu nehmen und ferner Alsen zu erobern; zu—
gleich aber den Mächten zu erklären, für den künftigen Friedens—
schluß halte man sich an die in London gemachten Zugeständ⸗
nisse nicht mehr gebunden.
Darauf wurde der Krieg, jetzt unter dem Oberbefehl des
Prinzen Friedrich Karl, von neuem eröffnet. Am 29. Juni
schon wurde Alsen, trotz des drohenden Eingriffs des dänischen
Kriegsschiffs Rolf Krake, erobert, am J. Juli war es von
Dänen völlig gesäubert. Es war ein so rasch erfolgtes und so
unvorhergesehenes Ereignis, daß in Kopenhagen alles den Kopf
verlor. Das Heer aber war schon längst gegen die Kopen—
hagener Demokraten aufgebracht; und ietzt drohte es gar offen
gegen diese vorzugehen.
In diesen Nöten wandte sich König Christian zunächst noch
einmal an Napoleon um Vermittlung: vergebens.
Die Deutschen aber eroberten mittlerweile Jütland; am
14. Juli spiegelten sich preußische und österreichische Fahnen
        <pb n="91" />
        Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 441

bei Skagen im Zusammenfluß von Nord- und Ostsee: es schien
den Zeitgenossen wie eine glorreiche Erneuerung der Jahrhunderte
der alten Kaiserzeit, der Zeiten Ottos des Großen.
Dänemark blieb nichts mehr übrig, als den Frieden direkt
bei den deutschen Mächten zu suchen.
Am 28. Juli 1864 wurden die Friedenskonferenzen in Wien
eröffnet; am 1. August erfolgte die Unterzeichnung der Prälimi⸗
narien; am 30. Oklober wurde der Friede unterzeichnet. Der
König von Dänemark entsagte in ihm allen seinen Rechten auf
die Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg zugunsten
des Kaisers von Österreich und des Königs von Preußen und
verpflichtete sich, die Verfügungen anzuerkennen, welche die ge⸗
nannten Majestäten bezüglich der Herzogtümer treffen würden.

damprecht, Deutsche Geschichte. XI, 2.

3—
        <pb n="92" />
        IV.

Nach dem gemeinsamen Feldzuge blieb das Verhältnis der
heiden deutschen Großmächte zunächst ungetrübt. Insbesondere
die Herrscher, von denen König Wilhelm noch immer in der in
seinem Hause herkömmlichen Ehrfurcht vor dem habsburgischen
Kaiserhause fortlebte, verstanden sich wohl und fanden in der
Erinnerung an die gemeinsamen Waffentaten ihrer Heere eine
ständig gemeinsame Freude; als undenkbar würden sie es damals
abgewiesen haben, daß sich nun rasch ein Kampf zwischen ihnen
wegen der deutschen Vorherrschaft entzünden könne. Indes nach⸗
dem nun einmal die Herzogtümer Schleswig und Holstein an
Osterreich und Preußen gemeinsam abgetreten waren, blieb doch
das Problem offen, welches ihr weiteres Schicksal sein solle. Und
an ihm mußte sich der Natur der Dinge nach die Festigkeit des
Buündnisses zwischen Osterreich und Preußen erproben. Schon in
den letzten Zeiten des Feldzugs, wenn nicht früher, hatte nun
Osterreich nur widerwillig die energischen Schritte Preußens
mitgetan; die Folge war gewesen, daß Preußen die Führung
des Krieges wie der diplomatischen Aktion übernommen hatte:
sollte da Österreich jetzt Preußen auch den Hauptgenuß des
errungenen Sieges lassen? — das war die Frage.
Zunächst indes schienen sich sogar die führenden Minister
der beiden Staaten in einer gemeinsamen Aktion treffen zu
können. Gelegentlich einer Reise nach Schönbrunn zum Kaiser
Franz Joseph, die König Wilhelm in Begleitung Bismarcks
im August 1864 unternahm, kam es zu einem Vorschlage des
Grafen Rechberg, dem gemeinsamen Bunde beider Mächte eine
Spitze gegen Frankreich zu geben und dadurch den italienischen
Besit Hflerreichs zu sichern: worauf dann etwa Schleswig⸗
        <pb n="93" />
        Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 448

Holstein an Preußen überlassen werden könne. Es war ein
erster Versuch europäischer Bundesgenossenschaft beider Groß—
mächte, der in der Geschichte der Entwicklung der Zwei⸗ und
Dreibundideen späterer Zeit auch heute noch Erwähnung ver—
dient. Praktisch aber wurde damit in diesem frühen Stadium
der Umbildung der zentraleuropäisch-deutschen Verhältnisse nichts
erreicht: trotz der Freundschaft der Herrscher und Staatsmänner
blieben die Spannungen in der öffentlichen Meinung, und Rechberg
fiel ihnen in Osterreich bald zum Opfer; am 27. Oktober 1864.
Im übrigen traten die Ziele Preußens doch schon klarer
hervor. Sie gingen in erster Linie auf Annexion der Herzog⸗
tümer: war diese nicht möglich, so auf die Begründung eines
neuen schleswig-holsteinschen Mittelstaates, dessen Heerwesen
unter stärksten preußischen Einfluß treten sollte, dessen Verkehrs⸗
wesen, Post und Telegraphen, mit dem preußischen zu ver⸗
einigen war, sowie auf die unmittelbare Einräumung einiger
wichtiger militärischer Positionen in Schleswig-Holstein, nament⸗
lich des Hafens von Kiel.
Diese Ziele konnten nun zweifelsohne ohne starke Anderung
des Deutschen Bundesrechts nicht erreicht werden, und die
Annexion insbesondere lag bei den bekannten Gesinnungen
Osterreichs außer der Möglichkeit, es sei denn, daß man sich
preußischerseits zu einer Gebietsabtretung an Osterreich, etwa
von Hohenzollern oder von Glatz, entschlossen hätte: wovon
wieder bei den Anschauungen König Wilhelms keine Rede sein
konnte.
So schien denn bei allem guten Willen der Konflikt beider
deutscher Großmächte im Grunde doch schon ohne weiteres ge—
geben; und es fragte sich nur, ob es Hsterreich gelingen werde,
bei seinem Ausbruche Preußen durch diplomatische Mittel, wie
im Jahre 1850, zu beugen.
Das beste Mittel hierzu war, die Kandidatur des Augusten⸗
burgers zu begünstigen, von dem man wußte, daß er als Herzog
von Schleswig⸗Holstein nie die von Preußen geforderten Zu⸗
geständnisse machen werde, sowie den Deutschen Bundestag für
diese Kandidatur dauernd zu interessieren.
        <pb n="94" />
        144 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Von diesem Standpunkte aus begann Graf Mensdorff, der
Nachfolger Rechbergs, in der Tat seine diplomatische Aktion.
In drei Erlässen vom 12. November 1864, die zur Mitteilung
an Preußen bestimmt waren und die sich auch im Tone von
den früheren Noten Rechbergs merklich unterschieden, wurde der
Augustenburger als künftiger Herzog von Schleswig⸗Holstein
namhaft gemacht, jede starke Beugung der herzoglichen Gewalt
unter preußische Bedingungen abgelehnt und Preußen vor⸗
geworfen, es versuche die Angelegenheit der Herzogtümer zu
verschleppen. Dem folgte dann die Einladung, Preußen möge
dem Augustenburger näher treten und ihm gemeinsam mit
sterreich die im Wiener Frieden erworbenen Rechte über—
tragen. Indes dieser Vorschlag kreuzte sich schon mit einem
ganz anderen von preußischer Seite. Von preußischem Stand⸗
punkte aus mußte es vor allem darauf ankommen, jedes Einreden
des Deutschen Bundes in die schleswig⸗holsteinsche Angelegenheit
zu vermeiden. Nun standen aber immer noch die sächsischen
und hannoverschen Truppen der Bundesexekution in Holstein.
Sie vor allem mußten also entfernt werden. Hierzu und zur
Herbeiführung eines entsprechenden Bundesbeschlusses forderte
Zigmard die Beihilfe Osterreichs: man durfte sagen, mit Recht,
nachdem der König von Dänemark seine Rechte in Schleswig⸗
Holstein auf die beiden deutschen Großmächte übertragen hatte.
Hsterreich versagte zunächst diese Beihilfe. Aber Bismarck
tieß sich nicht irre machen. Er ging mit Drohungen gegen die
Staaten der Bundesexekution vor, brachte dadurch auch Hster⸗
reich notgedrungen zu seinen Anschauungen, und am 5. Dezember
1864 beschloß der Bundestag die Zurückziehung der Exekutions⸗
truppen aus Holstein. Es war ein erster Sieg der preußischen
Politik: jetzt war die schleswig-⸗holsteinsche Sache zunächst nur
eine solche der beiden deutschen Großmächte.
Zu deren Ordnung ergriff dann Bismarck am 138. Dezember
1864 die Initiative. Er teilte dem Wiener Kabinette mit, im
Interesse Preußens liege am meisten die auch sonst aus natio⸗—
nalen Anschauungen her vielfach gewünschte Annexion der Herzog⸗
zümer; doch wolle Preußen auch andere Lösungen, so die olden—
        <pb n="95" />
        Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 445

burgische und die augustenburgische Kandidatur, nicht aus—
schließen, obwohl klar sei, daß ein völlig unanfechtbares Erbrecht
weder der einen noch der anderen zur Seite stehe. Nur müsse
im Fall der Durchführung einer solchen Kandidatur Preußen
sich gewisse Garantien ausbedingen. Mit ihrer Formulierung
seien die Fachminister beschäftigt; er werde sie so bald als
möglich mitteilen.
Während damit die genaueren preußischen Forderungen,
so ungeduldig sie erwartet wurden, einstweilen im Dunkeln
blieben, bildete sich die Stimmung in den einzelnen Bundes⸗
staaten bald deutlicher aus. In Hsterreich war man von den
Mitteilungen Bismarcks wenig erbaut; Sachsen, Darmstadt und
eine Reihe kleinerer Staaten sowie die populäre Stimmung in
Süddeutschland war entschieden für den Augustenburger; die
preußische Annexion wünschten mehr oder minder bedingungs⸗
los Oldenburg, Hannover und Kurhessen, auch Varnbüler, der
führende Minister in Württemberg, würde ihr nicht abgeneigt
gewesen sein.
Endlich, erst am 22. Februar 1865, gingen die preußischen
Forderungen nach Wien ab. Sie erörterten, daß Preußen die
uͤbertragung der Landeshoheit an keinen Landesherrn dulden
könne, der sich nicht Preußen gegenüber zu den folgenden Zu⸗
geständnissen verstehe: Heer und Flotte müßten als ein Teil
der preußischen Kriegsmacht dem König von Preußen als Kriegs⸗
herrn unterstellt werden; die Rekruten seien von preußischen
Beamten auszuheben, die schleswig-holsteinschen Regimenter
eventuell in preußische Garnisonen zu verlegen. Rendsburg
solle Bundesfestung mit preußischer Besatzung werden. Ein zu
erbauender Nord⸗Ostseekanal habe unter preußischer Aufsicht zu
stehen; seine Mundungen sowie Friedrichsort und Sonderburg⸗
Düppel seien an Preußen abzutreten. Nicht minder sei das
Post⸗ und Telegraphenwesen an Preußen zu übertragen. Diese
lange Reihe von Bedingungen beschloß endlich die mehr selbst—
verftändliche Forderung des Anschlusses der Herzogtümer an den
Zollverein.
Im ganzen waren es Forderungen, die der Mediatisierung
        <pb n="96" />
        146 Funfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

der beiden Herzogtümer nahe kamen; erregten Tones erklärte
man in Wien ihre Bewilligung als unmöglich; und ähnlich war
das Urteil auch in den anderen Bundesstaaten.
Damit waren denn die Verhandlungen auf einen toten
Punkt gelangt; für ihren Verlauf war es bezeichnend, daß sich
Bismarck am Tage der Ablehnung der preußischen Vorschläge
durch Osterreich, am 27. Februar, von Moltke ein Gutachten
uͤber Osterreichs Streitkräfte erbat: ein erstes drohendes Vor⸗
eichen der Ereignisse des Jahres 1866. Einstweilen aber blieb
für die Herzogtümer nichts übrig als eine österreichisch-preußische
Bemeinherrschaft.
Es war eine Lage, von der Bismarck hoffte, sie werde all⸗
mählich unter Zurücktreten der österreichischen Ansprüche von
selbst zu einer preußischen Herrschaft führen, zumal er schon
längst mit der Bildung einer preußischen Partei in den Herzog⸗
tuümern beschäftigt war. Indes diese Hoffnung sollte sich als
trügerisch erweisen. Gegenüber den Versuchen Preußens, sich
in den Vordergrund zu schieben, stützte sich Osterreich auf den
im Lande anwesenden Augustenburger und dessen Partei, die sich
der vollen Sympathien der Bevölkerung erfreute, sowie auf den
allgemein verbreiteten Widerwillen gegen die preußische Annexion
mit drohenden Steuererhöhungen und allgemeiner Dienstpflicht.
Bei Ausführung positiver Maßregeln endlich pflegte der öster⸗
reichische Kommissar dem preußischen direkt zu widersprechen,
wenn er sie für gefährlich ansah: so daß bei sich aufhebenden
Anschauungen jedes Ergebnis ausblieb.
Und in diese für Preußen an sich schon sehr prekäre Lage
schien noch ein neues Moment des Unbehaglichen zu kommen
durch Maßnahmen, die Bayern und Sachsen für den Bundestag
horbereiteten. Sie wollten anregen, man möge von Bundes
wegen bei den deutschen Großmächten Auskunft über Schleswig⸗
Hholstein verlangen und zugleich die Einsetzung des Augusten⸗
burgers empfehlen.
nllein als man in Berlin hörte, daß sich Osterreich im
März 1865 mit diesem Antrage einverstanden erklärt habe,
vußte man dies Moment vielmehr zur Brechung einer Bresche
        <pb n="97" />
        Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 447
in die unhaltbar werdende Situation zu benutzen. Bismarck
sah in dem Verhalten Hsterreichs eine Verletzung der früheren
zsterreichisch-preußischen Abmachungen, wonach beide Mächte nur
gemeinsam über die Herzogtümer verfügen wollten, und be—
antwortete sie mit einer königlichen Order vom 24. März 1868,
welche die preußische Marinestation eigenmächtig von Danzig
nach Kiel verlegte. Es war der Scheideweg der österreichischen
und preußischen Politik. Bismarck hatte davon das klarste
Bewußtsein: „Unsere Fahrbilletts lauten auf divergierende
Linien.“ Und Hsterreich, das gegen diese Order Einspruch erhob,
erhielt die sarkastische Antwort: es bleibe ihm ja unbenommen,
ein gleiches zu tun.
Die emportauchende Differenz wurde durch den Umstand
noch verstärkt, daß der Bundestag nun der Sache nach in der
Tat den sächsisch-bayerischen Antrag annahm. Die Dinge spitzten
fich damit so zu, daß man schon Ende Mai 1865 den Aus⸗
bruch eines Krieges zwischen Hsterreich und Preußen nicht zu
—VV Zweimal hatte sich Preußen
m 19. Jahrhundert dem Gängelband der österreichischen Politik
gefügt: unter Metternich geschmeichelt, unter Fürst Schwarzen⸗
berg gezwungen: würde es jetzt zum dritten Male nachgeben?
Jismard war nicht der Mann, das zu tun. Er drängte
zu einem Ultimatum; schon in seiner Haltung während eines
Ministerrates am 29. Mai trat das deutlich hervor, wenn auch
der König den Ratschlägen, wie sie von ihm und Moltke ver—
eint gegeben wurden, zu folgen noch zögerte. Eine erneute
Prüfung der Erbansprüche des Augustenburgers durch das
preußische Kronsyndikat führte Ende Juni zu dem Ergebnis, daß
sie nicht in erster Linie in Betracht kämen: so strich Preußen
den Augustenburger von der Liste und verlangte von Osterreich
dessen Entfernung aus Holstein. König Wilhelm schrieb in
dieser Sache am 30. Juni eigenhändig an den Kaiser Franz
Joseph: wie sich denken ließ, ohne Ergebnis. So blieb nichts
übrig, als ein formelles Ultimatum zu stellen. Zu dessen Vor⸗
beratung hielt König Wilhelm auf seiner Reise von Karlsbad
nach Gastein am 21. Juli 1865 einen Ministerrat in Regens⸗
        <pb n="98" />
        448 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

burg ab. Dabei wurde der Inhalt des Ultimatums auf folgende
Punkte festgesetzt: Ausschluß der Kandidatur des Augusten⸗
burgers, solange dieser in seiner holsteinschen usurpatorischen
Stellung verharre; Verhandlung über Schleswig-Holstein erst,
venn dort die Agitation beseitigt sei; einseitige preußische Maß⸗
regeln zu diesem Zwecke in Schleswig-Holstein, falls nicht die
m Plan befindliche Zusammenkunft des preußischen und öster⸗
reichischen Monarchen zu Gastein eine andere Lösung bringe.
Dies preußische Ultimatum traf Osterreich in einer höchst
dedrängten inneren Lage. Seitdem der Absolutismus in Oster⸗
reich mit dem italienischen Kriege von 1859 zu Fall gekommen
und im Jahre 1861 die Februarverfassung gegeben worden war J
hatte Schmerling als Ministerpräsident mit liberalen Reformen
in zentralistischem Sinne experimentiert. Dabei zeigte sich aber
bald, daß die neue Verfassung mit ihrem nur von außen be—⸗
trachtet liberalem Programm, das sich auch nur mit Hilfe
einer Bevorzugung der Deutschen durchführen ließ, den An—
sprüchen der anderen weniger hoch entwickelten Nationalitäten
nicht entgegenkam: Ungarn, Kroaten, Tschechen regten sich.
Bebenklich aber wurde die damit geschaffene Lage doch erst durch
den Druck ungeordneter Finanzen. Im Jahre 1864 hatte man
mit zwanzig Millionen Gulden Mindereinnahme und einer
Uberschreitung des Budgets um sieben Millionen Gulden ab⸗
geschlossen. Die Folge davon war, daß das Parlament förmlich
kopfscheu gegen Bewilligungen wurde; überall suchte es zu
sparen, vor allem aber an den in diesem Momente wichtigsten
— D wurden hier
statt der geforderten einhundertundsieben Millionen Gulden nur
neunundsiebzig bewilligt, trotz aller Gegenerklärungen der Re⸗
gierung. Für 1866 aber bewilligte man dem Finanzminister
am 21. Juni 1868 statt einer geforderten Anleihe von ein⸗
hundertundsiebzehn Millionen gar nur eine solche von dreizehn
Millionen, und auch diese nur, weil sonst die am J. Juli
fälligen Zinsen der Staatsschuld nicht hätten bezahlt werden

S. oben S. 396.
        <pb n="99" />
        Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 449

können. Natürlich herrschte darüber Empörung im Heere, beim
Adel, vor allem beim Kaiser. Aber unter der Einwirkung der
liberalen Regierung hatte man darüber hinaus sogar auch noch
mit der Unzufriedenheit des Klerus zu rechnen: schon längst
war er dem neuen Regime wegen angeblicher Begünstigung der
Protestanten sowie wegen geringschätziger Behandlung der päpst⸗
lichen Enzyklika und des Syllabus von 1864 feindlich. Und
wenn sich die Regierung demgegenüber nun wenigstens noch auf
ihre eigene Partei, die der Liberalen, hätte verlassen können!
Aber auch dieser war sie wegen ihrer bureaukratischen Haltung
und Pedanterie mißliebig. So kam es denn schließlich zu einem
völligen Systemwechsel; alle Minister mit Ausnahme des Kriegs⸗
ministers und des Grafen Mensdorff erhielten Ende Juni 1865
den Abschied; und an die Stelle trat ein Ministerium des
Grafen Belcredi, das absolutistisch, im Metternichschen Sinne,
regieren sollte. Damit stand man also beim Eintreffen des
preußischen Ultimatums vor einer völlig unsicheren inneren Zu—
kunft, die sogar etwas wie einen Staatsstreich bringen konnte,
zugleich aber vor völlig sicherem und gegenwärtigem Ruin der
Finanzen.
Da blieb denn freilich nichts übrig, als klein beizugeben.
Unter diesen Umständen kam es zum Abschluß des Ver⸗
trages von Gastein, am 14. August 1865. Nach ihm wurde
an der Souveränetät der beiden deutschen Großmächte in
Schleswig⸗Holstein festgehalten, aber die Verwaltung sollte ge⸗
teilt werden. sterreich übernahm provisorisch die von Hol⸗
stein, Preußen die von Schleswig; Lauenburg wurde von Oster⸗
reich endgültig gegen zweiundeinhalb Millionen dänische Taler an
Preußen abgetreten und trat mit diesem in Personalunion.
Rendsburg wurde Bundesfestung, Kiel Bundeshafen unter
preußischem Oberbefehl. Endlich erhielt Preußen eine Etappen⸗
straße, eine Post- und eine Telegraphenlinie durch Holstein hin⸗
zurch nach Schleswig. Am 20. August trafen König Wilhelm
und Kaiser Franz Joseph in Salzburg zusammen und ratifizierten
feierlich diesen Vertrag.
Der diplomatischen Welt erschien der Vertrag als Triumph
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        180.FSunfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

der preußischen Politik; König Wilhelm erhob den Herrn von
Bismarck in den Grafenstand. Bismarck selbst dachte anders.
Er hielt den Vertrag für nichts als eine „Verklebung der Risse
im Bau“, und nur die ungünstige auswärtige Lage, die Un—
zuverlässigkeit Napoleons, die Unentschlossenheit der italienischen
Regierung, die er wegen eines Bündnisses gegen Osterreich an⸗
gegangen hatte, und die Parteinahme der deutschen Mittelstaaten
zegen Preußen hielten ihn von energischeren Forderungen ab.
In den deutsch-nationalen Kreisen aber war man empört
üͤber diese Schacherpolitik der deutschen Großmächte und die
angebliche Zerreißung der up ewig ungedeelten Lande. Der
Nationalverein der Liberalen, die süddeutsche Volkspartei der
Demokraten, der großdeutsch-ultramontane Reformverein: sie
alle protestierten. Nur in Preußen selber fingen die Gedanken
mancher, auch der erbittertsten Gegner Bismarcks, an, einen
etwas anderen Zug zu nehmen: sie lehnten es ab, sich die Ge—
sinnungsäußerungen der Süd- und Mitteldeutschen zu eigen zu
machen. Und in den politisch erleuchteten Kreisen begann man
sogar allmählich die diplomatische und staatsmännische Größe
des preußischen Ministers zu ahnen: die namhaftesten Historiker,
Ranke, Droysen, Sybel, Duncker, selbst Mommsen, bekannten
sich zu seinem Programm. Und klar war auch, daß die groß⸗
deutsche Partei durch die nun geschaffene Lage einen ersten,
kaum zu verwindenden Schlag erhielt, kurz nach der Niederlage
des deutschen Zentralismus in Hsterreich infolge der Entlassung
Schmerlings.
Uber den Vertrag von Gastein aber hat später der General
hon Manteuffel geschrieben: „Bei der Gasteiner Konvention war
die Ansicht, in drei Monaten müsse man klar sehen, ob Oster—
reich es ehrlich mit Preußen meine; wenn es nicht geschähe,
so würde Krieg erfolgen, unter Abschluß sonst unliebsamer
Allianzen.“
Das war allerdings die Meinung in Berlin. Bismarck
sah voraus, daß auch die neue Auseinandersetzung wegen
Schleswig ⸗Holstein auf die Dauer schwerlich von Erfolg sein
verde; und er faßte sehr bald den Krieg mit Osterreich —
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        Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 451

den Krieg, den er bereits so oft, selbst schon als preußischer
Bundesgesandter in Frankfurt als das unumgängliche Heil⸗
mittel deutscher Zerfahrenheit erträumt und erschlossen hatte —
nunmehr als ein Ziel ins Auge, das mit jeder Maßregel mehr
zu sichten sei.
Zunächst aber entwickelten sich auf diesem Wege die
preußische Verwaltung in Schleswig und die österreichische in
Holstein rasch zu charakteristischen Gegensätzen, trotz der
kollegialen Haltung der beiderseitigen Gouverneure. Doch
sah es dabei wenigstens in den ersten Monaten der neuen
Regelung noch ziemlich rosig aus. Nach Schleswig ging als
preußischer Gouverneur der General Edwin von Manteuffel.
Er begann sofort eine höchst eigenartige Verwaltung. Unter
fortwährenden kleinen Konflikten mit Berlin, von dem er mehr
Geld verlangte, als er bekam, suchte er das Land persönlich zu
gewinnen. So erging er sich in Reisen und Reden: „Jedes
sieben Fuß lange Stück Erde decke ich, bevor es (an Dänemark)
abgetreten wird, mit meinem Leibe.“ Dabei war sein Regiment
im grunde äußerst stramm, und zufrieden war niemand. In
Holftein dagegen regierte der General von Gablenz als gemüt—
licher Osterreicher; lebendig eingreifend, tat er viel für das Land
und ließ dennoch die alte Selbstverwaltung unangetastet. So
war er bald sehr beliebt. Streng war er eigentlich nur gegen die
Presse, die nicht über Preußen schimpfen durfte: und brachte es
dadurch auch zu einem guten Verhältnis zu der preußischen
Regierung in Schleswig. Und so erschien denn in den ersten
Monaten vom 15. September 1865 ab das Verhältnis zwischen
Schleswig und Holstein, Preußen und Osterreich noch einmal
in jedem Betrachte ungetrübt. Es zeigte sich das auch in einem
guten Einvernehmen Österreichs und Preußens im Bundestag.
Als dort die schleswig-holsteinsche Frage als Bundesfrage von
neuem angeregt wurde, machten beide Großmächte hiergegen
gemeinsam Front, und der Antrag Bayerns, Sachsens und
Hessen⸗Darmstadts zu dieser Angelegenheit wurde abgelehnt;
18. November 1865.
Allein bald darauf wurden die sterreicher in Holstein der
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        452 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Augustenburger Partei gegenüber immer nachgiebiger. Grund
hierfür war vornehmlich wohl, daß Preußen im November
durch den Abschluß eines Handelsvertrages ein engeres Ver—
hältnis zu Italien anzubahnen begonnen hatte, und daß ein
italienisches wie preußisches Angebot, sich für Venetien und
Schleswig⸗Holstein mit Geld abfinden zu lassen, in Wien Ab⸗
weisung erfahren hatte. Wie dem auch sei, die Agitation in
den Elbherzogtümern, vor allem Holstein, nahm zu; langsam
schien man wieder auf den Standpunkt vor Abschluß des
Gasteiner Vertrages zurückzugleiten; ja bald erklärte Osterreich
offen, es wolle mit dem Augustenburger nicht völlig brechen.
Preußen schritt dann hiergegen zu wiederholten Vorstellungen, bis
endlich eine Aussprache sterreichs, durch die es die sympathische
Erklärung des Bundestages für den Augustenburger vom 28. Mai
1864 als für sich verbindlich bezeichnete trotz des Vertrages
von Gastein, Bismarck Anlaß zu einer letzten Probe auf gutes
Einvernehmen gab. Am 26. Januar 1866 richtete er eine
Depesche nach Wien, in der er ausführte, daß eine verneinende
oder ausweichende Antwort auf sie identisch sein würde mit
der Erklärung, daß man nicht mehr gemeinsame Wege mit
Berlin gehen wolle; trage Osterreich seinen Beschwerden nicht
Rechnung, so nehme Preußen für seine Politik „volle Freiheit“
in Anspruch. Und als dann die Antwort darauf ungenügend
ausfiel, erklärte Bismarck dem österreichischen Botschafter, mit
der alten Intimität sei es vorbei; Preußen stehe Osterreich
nicht näher und nicht ferner als irgendeiner anderen europäischen
Macht.
Das bedeutete, bei dem bisher engen Nebeneinanderleben
Osterreichs und Preußens in den deutschen Dingen, den Schluß
der beiderseitigen Bundespolitik und den Anfang eines Bruches,
und es kam nun darauf an, für diesen Allianzen zu ge—
winnen.

Bei der seit lange wohlwollenden Haltung Frankreichs
gegenüber Preußen, wie sie Bismarck im Herbst 1865 in langen
Anterredungen mit Napoleon zu Biarritz wieder noch einmal
verstärkt hatte, ohne freilich für den Fall eines Krieges zwischen
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        Ersie Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 453

Preußen und sterreich bestimmte Zusagen erlangen zu können,
handelte es sich dabei für Preußen vor allem um Jialien.
Wir haben die italienische Einheitsbewegung bis zu dem
Moment verfolgt, in dem sich König Victor Emanuel im Jahre
1861 zum König von Italien ausrufen ließ, nachdem er Neapel,
Teile des Kirchenstaates, Modena, Parma, Toscana und die
Lombardei seinem piemontesischen Erbreiche angegliedert hatte 1.
Das alles hatte Napoleon geschehen lassen müssen, obwohl
er eigentlich nur einen Bund der von Osterreich freien italienischen
Staaten unter dem Vorsitz des Papstes gewollt hatte; Oster⸗
reich dagegen hatte, zum großen Teil infolge der preußischen
Mobilmachung des Jahres 1859, Venetien gegen Napoleons
Willen behalten; Napoleon selbst endlich war Nizza und
Savoyen zugefallen. Außerdem aber hatte Napoleon auch nach
den Kämpfen des Jahres 1859 noch einen wichtigen Teil
Italiens besetzt behalten: Rom. Er konnte es nicht aufgeben,
da er in Frankreich der klerikalen Sympathien bedurfte.
Nun strebte aber das jetzt zum größten Teile vereinigte
Italien mit immer zunehmender Wucht eben nach Rom. Schon
am 27. März 1861 hatte Cavour durch Parlamentsbeschluß
Rom als die natürliche Hauptstadt Italiens erklären lassen;
bald darauf suchte Garibaldi es mit neuen Freischaren zu
erobern. Diese Bewegung mußte allerdings König Victor
Emanuel, dazu von Frankreich angehalten, dämpfen, aber gleich⸗
zeitig erklärte eine italienische Note vom 10. September 1862
vor Europa, Italien könne den Besitz Roms nicht missen.
Die Folge war, daß sich Napoleon von Italien abwandte.
Italien versuchte darauf statt der römischen vor allem die
venetianische Frage zu lösen und rüstete zu diesem Zwecke.
Allein die europäischen Verhältnisse waren einstweilen nicht
günstig; und als einziges Ergebnis seiner Politik trat für
Italien ein Defizit von sechshundert Millionen Lire, dreihundert⸗
siebenunddreißig im ordentlichen, zweihundertvierundachtzig im
außerordentlichen Budget, zutage.

1 S. oben S. 388ff.
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        54 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

In dieser Not wandte sich Italien nun dennoch wiederum
wegen der römischen Frage an Napoleon; Mai 1864. Napoleon
war um diese Zeit schon nicht mehr völlig auf der Höhe seiner
Macht, denn deren Zenith fiel etwa in das Jahr 1868. Bis
dahin war ihm alles Wichtigere gelungen: der Staatsstreich, der
Krimkrieg, die Schöpfung des nationalen rumänischen Staates,
die Entwicklung Italiens bis zum Ausgange etwa der fünfziger
Jahre und die Erwerbung von Nizza und Savoyen für Frank⸗
reich: es war eine fortschreitende Reihe von Erfolgen. Aber
aun trat eine umgekehrte Folge hervor. In Europa wurde es
schwer, den Emanzipationsgedanken der Nationalitäten über⸗
—E Frankreichs, zu fördern:
Italien versagte, und ein Einspruch beim Zaren zugunsten
der revolutionierenden Polen im Jahre 1863 führte zu einer
diplomatischen Schlappe. Schlimmer noch war die Niederlage
in Mexiko. Am bedenklichsten aber blieb doch das Nachlassen
der eigenen persönlichen Kraft des Kaisers. Ein zunehmendes
deiden lähmte die Energie seiner Entschlüsse, entführte den früh
alternden Mann immer mehr mitten in ein Reich politischer
Phantasien, das er von jeher zu streifen geliebt hatte, und unter⸗
warf ihn immer häufiger dem Einflusse einer Gemahlin, bei
der sich aus früheren Lebenserfahrungen ein Zug der Bigotterie
entwickelt hatte. Es sind Wandlungen, die für den autonomen
Abschluß der mitteleuropäischen Nationalitätsbewegungen, der
ttalienischen wie der deutschen, eben zu rechter Zeit eintraten
und, will man deren glücklichen Ausgang verstehen, nicht un⸗
vergessen bleiben dürfen. Jetzt, im Jahre 1864, kamen sie zu⸗
nächst den italienischen Dingen zugute. Napoleon, der sich in
der systematischen Abneigung seiner guten und kräftigen Zeit
gegen Osterreich im Frühjahr 1864 noch einmal bestärkte, er—
Lärte sich in der römischen Frage Italien gegenüber zu Unter⸗
handlungen bereit. Das Ergebnis war ein Vertrag vom
i. September 1864, wonach die Franzosen im Jahre 1866
Rom räumen sollten und der Papst das eigentliche Patrimonium
Petri mit Rom als unantastbare Herrschaft behielt. Als
Garantie für ein auf ewig päpstliches Rom sollte die Haupt⸗
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        Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 455

stadt des geeinigten Italiens nach Florenz verlegt werden.
Es war ein Vertrag, den König Victor Emanuel nur mit
blutendem Herzen abschloß: hatte er doch auf Turin, seine
angestammte Residenz, zugunsten einer anderen Stadt, als
Rom, zu verzichten. Allein es war doch zugleich auch ein
gewaltiger Fortschritt zur vollen italienischen Einheit. Ganz
Italien mit Ausnahme der benachteiligten Turiner und Piemon—
tesen jauchzte ihm zu: die römische Frage war einstweilen ge—
löst, — und so konnte man sich von neuem ganz der venetia—
nischen zuwenden.
SHier aber war es keine Frage, daß der Zwiespalt zwischen
Hsterreich und Preußen ausgenutzt werden mußte. Nur schwankte
der piemontesische Minister La Marmora lange, ob er auf Oster—
reichs Seite treten und Venetien durch Kauf erwerben solle,
oder ob es besser sei, das Land im Verein mit Preußen gegen
Hsterreich zu erkämpfen. Und noch im Herbst 1865 hatte er
in geheimen Anerbietungen an sterreich den ersten Weg ein—
geschlagen.
Demgegenüber mußte es jetzt, im Februar 1866, Preußen
darauf ankommen, Italien für den zweiten Weg zu gewinnen.
Die Möglichkeit hierzu war trotz des mißtrauischen Charakters
von La Marmora verhältnismäßig leicht gegeben. Denn immer
noch folgte man in Italien der Leitung Napoleons; Napoleon
aber war damals Preußen noch günstig gesinnt und forderte
Italien geradezu zum Abschlusse eines Schutz- und Trutzbündnisses
 mit Preußen auf. Aber auch für Italien ergab
sich gerade im Februar 1866 der dringende Wunsch, ein
Bündnis mit Preußen zu schließen. Am 24. Februar 1866
war Fürst Cusa von Rumänien gestürzt worden; es erschien
dem italienischen Kabinett möglich, sein Land als Entschädigung
für das an Italien abzutretende Venetien an Osterreich zu
bringen: doch bedurfte es zu diesem Geschäfte eines starken
Druckes auf Osterreich: wozu eben ein Bündnis mit Preußen
qut erschien.
Und so stellte sich denn am 14. März 1866 der italienische
General Govone in Berlin zum Abschluß eines Bündnisses ein,
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        456 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

nachdem man von Preußen aus eben Moltke hatte nach Italien
senden wollen.
Während der langwierigen Verhandlungen, die nun be⸗
zgannen, ging aber das rumänische Projekt in Rauch auf; keine
Broßmacht wollte davon etwas wissen; es mußte somit Oster⸗
reich Venetien ohne Tausch, also gewaltsam, im großen Kriege
zgenommen werden. Diese Anderung der Lage war für Preußen
sehr günstig; es konnte nun Italien seinerseits ihm genehme
Bedingungen stellen. Auch wurde Italien nach wie vor von
Napoleon zum Abschlusse eines Bündnisses mit Preußen er—
mutigt; denn Napoleon erhoffte aus einem Kampfe der deutschen
Großmächte untereinander unter allen Umständen Gewinn für
ich — und er hatte schon in dieser Hinsicht dem preußischen
Besandten Goltz gegenüber von diesem nicht direkt ermutigte,
aber auch nicht zurückgewiesene Andeutungen betreffs der Rhein⸗
lande und Belgiens gemacht —, falls die Kräfte der beiden
Gegner möglichst gleich stark gemacht seien: wozu nach seiner
Anfchauung ein Zusammengehen Preußens mit Italien gehörte.
Unter diesen Umständen kam denn am 8. April 1866 ein
oreußisch⸗italienischer Vertrag zustande, in welchem ein Bundnis
heider Staaten festgesetzt wurde, das Italien zum Kriege gegen
Osterreich verpflichtete, sobald innerhalb drei Monaten Preußen
die Waffen ergriffe; und in dem für den Verlauf des Krieges
festgesetzt wurde, daß weder Italien noch Preußen Frieden oder
Waffenstillstand ohne Zustimmung des anderseitigen Kompak—⸗
—D0 für
Italien die Eroberung Venetiens, für Preußen die Eroberung
eines gleichwertigen österreichischen Gebietes oder dafür Zu—⸗
geständnisse in der deutschen Frage bezeichnet. —
In Wien hatte man auf die ersten Nachrichten von preußisch⸗
talienischen Verhandlungen zu rüsten begonnen; am 2. März
erhielten sechs Reiterregimenter und sechs Batterien den Befehl,
sich marschfertig zu machen. Am 7. wie am 14. März fanden
darauf Marschallsräte statt, an denen außer den Ministern acht⸗
zehn Generale teilnahmen; sie beschlossen Truppenverstärkungen
in den Grenzlanden gegen Preußen. Diesen österreichischen
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        Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 457

Maßregeln traten dann preußische gegenüber; am 27. März
vurde die Armierung der schlesischen und der Elbfestungen be—
schlossen, ferner wurde der Pferdeankauf für die Hälfte der
Feldartillerie und die Verstärkung von fünfundsiebzig Bataillonen
der Infanterie von je fünfhundertunddreißig auf sechshundert⸗
fünfundachtzig Mann befohlen. Die beiderseitigen Rüstungen
nahmen darauf unter gegenseitigen Rekriminationen immer
größeren Umfang an, um so mehr, als man in Österreich gegen
Mitte April zu bemerken glaubte, daß auch Italien in Rüstungen
eintrete. Das war auch richtig, wenngleich die italienische
Mobilmachungsorder erst am 26. April erging.
Sicherlich konnten sich nun aber auch die Klein- und
Mittelstaaten wenigstens Süd- und Mitteldeutschlands den Ernst
der Lage nicht mehr verhehlen. Hatten sie schon früher teil—
weise Mobilmachungsbefehle erlassen, so vereinigten sie sich jetzt,
am 16. Mai, zu einer gemeinsamen Beratung der Lage in
Bamberg. Um bundeskorrekt zu erscheinen, beschlossen sie aber
nicht die Mobilmachung der Bundeskorps, sondern vielmehr,
daß jeder einzelne auch weiterhin für sich mobil machen solle.
Doch wurde der österreichische General Prinz Alexander von
Hessen schon zum Feldherrn bestimmt: antipreußische Neigungen
traten also zutage.
Von Wien her aber war inzwischen, Mitte März, ein
Versuch unternommen worden, sich über die Absichten Preußens
unmittelbarer zu unterrichten und gleichzeitig wieder die Fühlung
mit den deutschen Mittelstaaten herzustellen, die in der Zeit der
preußisch⸗österreichischen Intimität verloren gegangen war. In
ersterer Hinsicht hatte der Botschafter in Berlin, Graf Karolyi,
den Auftrag erhalten, den Grafen Bismarck direkt zu fragen:
„Ob der Berliner Hof sich wirklich mit dem Gedanken trage,
die Gasteiner Konvention mit gewaltsamer Hand zu zerreißen
und den grundgesetzlich verbürgten Frieden zwischen deutschen
Bundesstaaten zu unterbrechen?“ Er hatte sich am 16. März
dieses Auftrages erledigt und erhielt von Bismarck natürlich
ein bündiges „Nein!“ als Antwort — vielleicht mit dem den
Charakter der österreichischen Frage sarkastisch würdigenden
Lamprecht, Deuilsche Geschichte. XI, 2. 30
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        58 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Zusatze: „er würde so auch antworten, wenn Preußen vor der
Kriegserklärung stände.“ In zweiter Hinsicht hatte sich wieder
eine Grundschwierigkeit der Politik Osterreichs in Deutschland
herausgestellt. Preußen war an sich eine deutsche Macht; es
bedurfte, um deutsch zu sein, keiner Hegemonie in Deutschland
durch Vermittlung des Bundes. Hsterreich dagegen stand mit
seinen Interessen an sich schon zu sehr außerhalb Deutschlands,
im ohne Vermittlung einer Institution, wie die des Bundes,
genügend auf die nationalen Geschicke einwirken zu können. Es
var wohl eines der tiefsten Motive, die ——
an den Bundesgedanken fesselten. Man sah den Verfall der
Bundesinstitutionen in Wien ebensogut ein wie anderswo. Schon
Fürst Schwarzenberg hatte gesagt: „Ich bin, weiß Gott, kein
Verehrer der bestehenden Bundesverfassung · . Meiner un⸗
maßgeblichen Ansicht nach ist der alte Bundestag ein schwer⸗
fälliges, abgenütztes, den gegenwärtigen Umständen in keiner
Weife genügendes Zeug; ich glaube sogar, daß die gründlich
erschütterte, sehr wackelnde Butike beim nächsten Anstoß von
unen oder außen schmählich zusammenrumpeln wird.“ Aber
gleichwohl bedurfte man dieser Butike. Und man bedurfte
hrer ganz besonders als eines Pivots gegen Preußen. Im
Moment des Zerfalls des österreichisch-preußischen Einvernehmens,
das von den Mittelstaaten längst übel vermerkt worden war,
weil es sie im Bundestag bis zum fast völligen Ausschluß jeder
Bedeutung machtlos machte, zog man sich daher alsbald auf
den Bund zurück; und ein vertrauliches Rundschreiben an die
deutschen Regierungen teilte diesen gleichzeitig mit der Anfrage
Karolyis in Berlin mit, daß, falls Preußen auf diese Anfrage
keine befriedigende Antwort gebe, Osterreich sich an den deutschen
Bundestag wenden werde, um ihm das Schicksal der Herzog⸗
tümer anheimzustellen.
Nahm aber so die österreichische Regierung beim Auseinander⸗
gehen alsbald die legitime Gewalt des Bundes für sich in An⸗
spruch, so suchte Preußen nicht minder rasch für sich die
nationalen Sympathien der Einheitsbewegung zu gewinnen.
Am 24. März bereits kündigte Bismarck den deutschen Re—
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        Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 459

gierungen in einem Rundschreiben, das Osterreich nebenher vor⸗
warf, durch Truppenansammlungen in Böhmen auf die Wieder⸗
herbeiführung der Situation von 1850 bedacht zu sein, den
Plan einer großen Bundesreform an, nachdem er schon im
Februar Bayern darüber unterrichtet hatte und auch des Wohl—
wollens Napoleons dafür versichert war. Dann brachte der
preußische Bundestagsgesandte von Savigny am 9. April beim
Bunde den Antrag ein, ein deutsches Parlament aus all—
gemeiner direkter Volkswahl zu berufen. Der Bundestag solle
alsbald den Tag des Zusammentrittes der Nationalversammlung
bestimmen. Die Regierungen aber hätten sich zuvor über die
neue Verfassung Deutschlands zu verständigen; das Grund—
gesetz wäre dem Parlament zur Bexatung vorzulegen. Die Ver⸗
blüffung, die dieser Antrag hervorrief, war allgemein. Der
preußische Junker Bismarck will das demokratische Wahlrecht
von 1848 einführen! Im Auslande sah man das für Wahn—
sinn an, im Inland witterten Liberale wie Konservative, Niedrige
wie Hochgeborene, unter diesen der preußische Kronprinz, allerlei
Hintergedanken: niemand fast glaubte an die Aufrichtigkeit des
Antrags. Nur in der zweiten badischen Kammer wurde ein
Preußen günstiger Beschluß gefaßt. Und wenigstens ein erprobter
Demokrat, Ziegler, der ehemalige Oberbürgermeister von Branden—
burg, schlug sich, zum Erstaunen der Liberalen, auf die Seite
Bismarcks. Ziegler hat freilich auch die politische Bedeutung
dasscilles rechtzeitig einzuschätzen gewußt.
Und doch war der Antrag, wie die Folgeereignisse gezeigt
haben, von seiten Bismarcks durchaus aufrichtig gemeint. Sucht
man die Erklärung für diese den Zeitgenossen zunächst völlig
unbegreiflich vorkommende Tatsache, so gelangt man allerdings
zu fundamentalen und darum verborgen liegenden Tatsachen des
versönlichen Charakters Bismarcks wie des allgemeinen Wesens
der Zeit.
Es ist schon öfters davon die Rede gewesen und eingehend
begründet worden, wie dies Wesen, aus den allgemeinen Voraus—
setzungen des Subjektivismus heraus, politisch zu dem, was
man heute demokratische Institutionen nennt, und damit ganz
30 *
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        160 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

an erster Stelle zum allgemeinen und zunächst auch gleichen
Wahlrecht führen mußte. Allein eben dieser Demokratismus,
der in seiner radikalen Durchbildung an den Anfängen des
neuen Zeitalters ebenso stand wie der radikale Liberalismus
zu den Anfängen des vorhergehenden, trug in sich ein not—
wendiges Korrektiv in Strömungen und Einrichtungen, die wir
heute als Imperialismus bezeichnen. In diesem Sinne war
Napoleon III. dem ausgebildeten Demokratismus Frankreichs
zum ersten Male entgegengetreten in zahlreichen Maßregeln seiner
Regierung, die schon damals spezifisch imperialistisch genannt
wurden, bis zur Ausnützung eben dieses Demokratismus im
Plebiszit: es ist mit die lehrreichste und zugleich die modernste
Seite seiner Regierung.
Bismarck hatte nun in seinem Charakter Züge, die ihm
Demokratismus wie Imperialismus in gleicher Weise zu ver—
tehen gestatteten: sie waren vornehmlich in dem exzentrischen
Wesen seiner Willenstätigkeit gegeben. Es ist eine Seite seines
Naturells, die, soweit der Demokratismus in Betracht kommt,
»on seinem geistig unebenbürtigen Gegner Rechberg einmal über⸗
reibend in dem Satze zum Ausdruck gebracht worden ist:
„Gibt es in Berlin einen Ministerwechsel, so kommt der schreck—
liche Bismarck an die Reihe, ein Mensch, der imstande ist, den
Rock auszuziehen und selbst auf die Barrikade zu treten.“ In
der Tat scheute Bismarck von diesem Zuge seines Wesens aus
nicht vor dem Verkehr mit Männern zurück, die andere Leute
revolutionär nannten; am bekanntesten sind seine Beziehungen zu
dassalle geworden; er hat aber vom Tage seines Amtsantritts auch
mit den ungarischen Revolutionären, mit ihnen freilich zunächst
us Gründen der äußeren Politik, in Verbindung gestanden.
Allein diese Veranlagung erlaubte Bismarck eine ebenso auf—⸗
richtige, man möchte fast sagen sorglose Schätzung der radikal⸗
konservativen Elemente: was auf dem Gebiete des modernen
Demokratismus imperialistische Neigungen ergeben mußte. In
der Tat klingen diese nun, in der unter den deutschen Ver⸗
hältnissen der sechziger Jahre möglichen Lauterkeit und Klang⸗
farbe häufig genug in Bismarcks Motivierung der Maßregel
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        Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 461

des allgemeinen Stimmrechts an. Wie oft hat er nicht aus⸗
geführt: es sei eine durchaus konservative Maßnahme. Und
schon 1868 hat er von diesem Gesichtspunkte her in dem
Parlament aus wirklichen Volkswahlen wie eine Sicherung für
die Krone so eine Bürgschaft für die zu begründende Einheit
der Nation gesehen. „Diese Bürgschaft“, heißt es in einer
Denkschrift dieser Zeit, „kann Eurer Majestät Staatsministerium
nur in einer wahren, aus direkter Beteiligung der ganzen
Nation hervorgehenden Nationaloertretung finden. Nur eine
solche Vertretung wird für Preußen die Sicherheit gewähren,
daß es nichts zu opfern hat, was nicht dem ganzen Deutsch⸗
land zugute komme. Kein noch so künstlich ausgedachter Or⸗
ganismus von Bundesbehörden kann das Spiel und Widerspiel
dynastischer und partikularistischer Interessen ausschließen,
welches sein Gegengewicht und sein —D
vertretung finden muß. In einer Versammlung, die aus dem
ganzen Deutschland nach dem Maßstab der Bevölkerung durch
direkte Wahlen hervorgeht, wird der Schwerpunkt, so wenig
wie außer Deutschland, so auch nie in einen einzelnen, von
dem Ganzen sich innerlich loslösenden Teil fallen; darum kann
Preußen mit Vertrauen in sie eintreten. Die Interessen und
Bedürfnisse des preußischen Volkes sind wesentlich und un⸗
zertrennlich identisch mit denen des deutschen Volkes; wo dies
Element zu seiner wahren Bedeutung und Geltung kommt, wird
Preußen niemals befürchten dürfen, in eine seinen eigenen Inter⸗
essen widerstrebende Politik hineingezogen zu werden.“
Bei solcher Auffassung der Dinge war nur noch die Frage,
ob Bismarck die nötige Unbefangenheit, nach den Begriffen
auch noch der sechziger Jahre die nötige Skrupellosigkeit haben
werde, von seiner Witterung der kommenden Kombination von
Demokratismus und Imperialismus praktisch Gebrauch zu
machen. Auch zum Entscheid dieser Frage kann die Erzählung
wieder Herrn von Rechberg reden lassen. Er hat schon um
1860 geäußert: „Wenn Herr von Bismarck eine vollständige
diplomatische Erziehung hätte, so wäre er einer der ersten
Staatsmänner Deutschlands, wenn nicht der erste; er ist mutig,
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        162 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes LKapitel.

fest, hochstrebend, voll Feuer; aber unfähig, eine vorgefaßte
Idee, ein Vorurteil, eine Parteianschauung irgendeinem Grund⸗
satze höherer Ordnung zu opfern.“
In der Tat, das war es: Bismarck stand der idealistischen
Staatskunst der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts welten⸗
fern!. Gewiß hatte sich, im Gebiete der preußischen inneren
Politik und an der Hand namentlich der Wirtschaftspolitik,
schon der Minister Manteuffel von ihr zu emanzipieren be⸗
gonnen, gleichwohl blieb er noch immer in einem, wenn auch
schwachen politischen Doktrinarismus befangen, der namentlich
in einer grundsätzlichen Abneigung gegen die Liberalen zutage
trat. Bismarck dagegen zeigte sich schon im Beginne der fünf⸗
ziger Jahre als Vertreter von nichts als Interessen⸗ und Macht⸗
politik: und deutlich trat der Unterschied seines Denkens gegen⸗
iber dem Manteuffels schon im Jahre 1853, gelegentlich der
Zollverhandlungen mit Hannover zutage. Seit Mitte und gegen
Ende der fünfziger Jahre war er dann in dieser geistigen
Haltung so fest geworden, daß er von ihr aus auch die wichtigsten
Zusammenhänge der äußeren Politik beurteilte; so bekämpfte
er in der großen Denkschrift vom 18. Mai 1857 zum Beispiel
aufs entschiedenste den Satz, daß sich eine legitime Macht nicht
mit einer Dynastie verbinden dürfe, die aus der Revolution
hervorgegangen sei, und machte aus seiner Behauptung die
Nutzanwendung auf Frankreich. Dieser Standpunkt aber gab
ihm dann zugleich eine erste, gleichsam aus dem Bewußten
seines Denkens hervorquellende Freiheit in der richtigen Ein—
schätzung der lebendigen politischen Kräfte überhaupt: und so
ist er mit dem Fürsten Felix Schwarzenberg und der Königin
Viktoria wohl einer der ersten gewesen, der Napoleon, eben wegen
der Verbindung von Demokratismus und Imperialismus, auch
als konterrevolutionäre Macht zu verstehen gewußt hat. Rechnet
man nun hierzu noch das Unbewußte seiner politischen Kon⸗
zeption, die außerordentliche Empfänglichkeit seines politischen
FEinpfindens für das Moderne, das Werdende, und bedenkt zu—

S. dazu schon die Bemerkungen oben S. 51ff. ferner Bd. X, 455 ff
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        Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 463

gleich die tollkühne Sicherheit, in der er genial mit dem
Werbenden wie dem Gewordenen spielte, so begreift man, wie
rasch und innig ihm das Wort Uhlands Überzeugung werden
mußte, daß kein Haupt über Deutschland herrschen werde, es
sei denn mit einem vollen Tropfen demokratischen Ols gesalbt.
.Daß Bismarck freilich von den Zeitgenossen als Masse
alsbald hätte verstanden werden sollen: wer würde das selbst
heute, aus der Perspektive mehr als eines Menschenalters her,
für möglich erachten? Dagegen war es bezeichnend, daß die
deutschen Regierungen im April 1806 den Antrag Bismarcks
doch nicht mehr ohne weiteres zurückzuweisen wagten, obwohl
er bei den liberalen Strömungen in der Nation keinerlei Anklang
fand: zu nahe verlief dazu doch schon die deutsche Regierungs⸗
kunst dem eigentlichen, tieferen Flusse der Ereignisse. Unter
tätiger Mithilfe namentlich Bayerns wurde im Bundestage am
26. April ein Ausschuß zu seiner Beratung gewählt, während
der preußische Gesandte am 11. Mai die übrigen preußischen
Reformgedanken dem Bundestage vorlegte. Diese Gedanken
zeigten den Charakter großer Mäßigung; und es schien eine
Zeitlang, als würde sich auf sie hin in der Tat eine Einigkeit
zur Reform herstellen lassen. Sollte es damit aber wirklich
geschehen, wie es die, Times“ in einem hochfahrenden Artikel sich
borauszusagen erlaubten: „Wie wir nach allem annehmen dürfen,
ist gute Aussicht vorhanden, daß der Friede Europas nicht ge⸗
stört werden wird. Bis zu welchem Punkt oder Puünktchen die
Ehre der beiden Gegner dabei unversehrt bleibt oder nicht,
daran, gestehen wir, ist uns sehr wenig gelegen“ —?
Gegenüber dem Versuche Preußens, die bestehenden Diffe⸗
renzen zu nationalen auszuweiten, hielt Osterreich natürlich in
nicht wenigen, nun aber auch durch ihren Ton verletzenden
diplomatischen Noten an der schleswig-holsteinschen Frage als
Oasus bejli fest; am 26. April bot es Preußen nochmals kleine
Vorteile in den Herzogtümern an: würden sie nicht angenommen,
so werde es die ganze Frage vor den Bundestag zur Ent⸗
scheidung bringen und gleichzeitig die schleswig-holsteinschen
Landstände zur Äußerung aufrufen.
        <pb n="114" />
        664 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Bismarck antwortete darauf einstweilen gar nicht.
Weiterhin aber versuchte Osterreich, eine Diversion Napoleons
zu seinen Gunsten zu erreichen und fand ihn dazu nicht wenig
geneigt. Denn der Kaiser hatte von Preußen das Anerbieten
von Landabtretungen für seine guten Dienste erwartet, sah
sich aber in dieser Hinsicht, trotz einiger hingeworfener Koöder,
getäuscht und rückte deshalb sichtlich von Preußen ab. Seit
Ausgang April spätestens verhandelte nunmehr Hsterreich mit
ihm und machte ihm Anerbieten, die groß genug waren, um
ihn zu veranlassen, sich ganz auf österreichische Seite zu stellen
und den Versuch zu wagen, Italien zum Bruche des preußisch—
italienischen Bündnisses zu bewegen. Indes hierzu war es zu
spät. In Italien herrschte schon einmütige Kriegsbegeisterung,
schon hatte man geräuschvoll begonnen mobil zu machen und
osterreichische Gegenmaßregeln verursacht, und so versagte sich
La Marmora der französischen Lockung.
Napoleon aber war von diesem Moment ab gleichwohl
an Österreich gebunden, wenn er auch gegen Preußen eine
freundliche Seite herauskehrte. Er war es um so mehr, als
die öffentliche Meinung in Frankeich, der Thiers am 8. Mai
im gesetzgebenden Körper einen glänzenden Ausdruck gab,
durchaus preußenfeindlich war. Da nun aber Osterreich ihm
aur Versprechungen gemacht hatte im Fall, daß er Italien be—
ruhigte, und da ihm Preußen trotz wiederholter Anzapfungen
überhaupt nichts versprochen hatte, so mußte er den Krieg ohne
sicheres Ergebnis für sich herankommen sehen. Seine allzu feine
Politik war einstweilen gescheitert.
Da suchte er sich denn im letzten Augenblicke noch durch
eins seiner alten Hilfsmittel, einen europäischen Kongreß, zu
helfen. Er meinte durch dessen Berufung den Krieg vermeiden
und zugleich für Frankreich auf deutsche Kosten im trüben
fischen zu können. Indes lancierte er seinen Plan ohne Er—
folg. Österreich, das Venetien in diesem Augenblick gern direkt
in Napoleon für Italien abgetreten hätte, wünschte doch
nicht von einem europäischen Kongreß hierzu ohne Krieg ge—
wungen zu werden, und so nahm es am 28. Mai die Ein⸗
        <pb n="115" />
        Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 465

ladung zum Kongreß nur an unter der schon von den neutralen
Mächten abgelehnten Bedingung, daß der Papst an ihm zu—
gelassen werde, und unter der zweiten Bedingung, daß auf dem
Kongreß von keinem Gebietszuwachs der streitenden Mächte die
Rede sein dürfe. Das war so gut wie Ablehnung: der fran—
zösische Gedanke war ins Wasser gefallen und damit wenigstens
einstweilen zugleich jede Beeinflussung der kommenden Dinge
seitens der großen Mächte beseitigt.
Allein es war für Napoleon charakteristisch, daß er gleich—
wohl nicht von weiteren Versuchen, Frankreich Gebietserweite⸗
rungen zu verschaffen, abließ. Er knüpfte jetzt wieder an erster
Stelle mit Osterreich an, um sich in dem nunmehr unvermeid⸗
lichen Kriege Vorteile zu sichern. Ein Gleiches versuchte er aber
auch bei Preußen. Indes hier ganz ohne Erfolg. Doch schien
ihm das auch nicht so nötig, denn nach den Berichten seiner
Generäle war er von dem Eintritte einer preußischen Nieder⸗
lage vollkommen überzeugt.
Anders gegenüber Ästerreich. Mit ihm brachte er es am
12. Juni zum Abschlusse eines Vertrages, in dem Hsterreich,
soweit Deutschland in Betracht kam, zusagte, keine politischen
oder Gebietsveränderungen ohne die Zustimmung Frankreichs
oorzunehmen. Und damit war denn ausgesprochen, daß, wenn
sterreich Eroberungen, etwa die Schlesiens, machen würde,
Frankreich es erlaubt sein werde, sich gleichfalls einen Anteil an
der Beute, z. B. etwa Teile der Rheinlande, auszusuchen. Des
weiteren aber wurde dem Papste in diesem Vertrage nicht bloß
der bestehende Territorialbesitz verbürgt, Frankreich willigte auch
ein, daß er unter Umständen die ihm im Verlaufe der italienischen
Einheitsbewegung entrissenen Provinzen, die Marken und die
Legationen, zurückerhalten sollte. Es war ein Vertrag, den später
Beust, da er als österreichischer Reichskanzler seinen Wortlaut
kennen lernte, als das unglaublichste Aktenstück bezeichnet hat,
das ihm je vorgekommen sei.
Napoleon aber war über den Abschluß dieses Vertrages
so glücklich, und er glaubte das linke Rheinufer so fest in
dänden zu haben, daß er in Form eines kaiserlichen Schreibens
        <pb n="116" />
        166 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

an den Minister Drouyn de l'Huys, das dieser am 12. Juni im
Jesetzgebenden Körper verlas, die Welt schon auf die kommenden
Annexionen vorbereitete.
Kaum mehr als einen Monat zuvor aber, am 83. Mai 1,
hatte Thiers in einer seiner berühmtesten Kammerreden von
der Ahnung her, daß Napoleon durch seinen Rat im Grunde
das Einverftändnis zwischen Preußen und Italien herbeigeführt
habe, vorausgesagt, daß in einem etwa ausbrechenden Kriege
Preußen siegen und daß das durch Preußen geeinigte Deutsch⸗
land die Geißel Frankreichs sein werde.
In Deutschland selbst aber waren die Dinge mittlerweile
rasch ins Rollen geraten. In einem jähen Wechsel der bisher
befolgten Zauderpolitik hatte man in Wien am 21. April die
Südarmee gegen Italien mobil gemacht und am gleichen Tage
wie den Erzherzog Albrecht für den Süden, so Benedek für den
Norden zum obersten Führer ernannt. Was schien es danach
noch heißen zu können, wenn eine österreichische Note an Preußen
bom 26. April ausführte, Österreich bleibe seiner Absicht getreu,
im Norden abzurüsten? Nach der Mobilisierung auch nur der
Südarmee, die ja unter Umständen auch im Norden Verwendung
finden konnte, gab es keinen Halt mehr. Selbst König Wilhelm,
der immer noch religiöse und moralische Bedenken gehabt hatte,
war jetzt entschlossen, loszuschlagen. Uber Bismarck aber, der
in seinem Leben mehr als einmal krank geworden ist, wenn er
zroße Absichten nicht durchzusetzen vermochte, schreibt Roon in
diesen Tagen: „Otto ist über dem Vorgehen Osterreichs fast
gesund geworden, hat wenigstens zwei Nächte hintereinander gut
ind viel geschlafen, und man kann hoffen, daß es bald wieder
zgut mit ihm gehen werde ...“ Am 83. Mai unterzeichnete
König Wilhelm die ersten Befehle zur Mobilisierung der Armee,
die sich zunächst auf funf Armeekorps von den neun vorhandenen
hezogen; und ihnen folgte zwischen dem 5. und 12. Mai das
Aufgebot des ganzen Feldheers.
Aber selbst in diesem Augenblicke kam es noch einmal zu

S. schon oben S. 464.
        <pb n="117" />
        Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 467

Versuchen, die beiden Großmächte zu friedlicher Auseinander⸗
setzung zu vermögen. Von ihnen ist der des Barons von Gablenz,
eines Bruders des österreichischen Generals, der interessanteste,
da er in einem vollen, im Verein mit Bismarck in den Tagen
zwischen dem 18. und 20. Mai ausgearbeiteten Verfassungs⸗
entwurf für Deutschland gipfelte. Danach sollte Schleswig⸗
Holstein nach Osterreichs Wunsche ein selbständiges Herzogtum
bleiben, doch mit einem Hohenzoller als Souverän; im übrigen
sollten zwei Bundesreiche des Südens und Nordens unter öster⸗
reichischer und preußischer militärischer Führung, doch im engsten
Verbande miteinander gebildet werden und sich gegenseitig ihren
Besitzstand — mithin also auch den italienischen Besitz Oster⸗
reichs — verbürgen. Zur Krönung des Planes aber schlug
Bismarck in Wien vor: „daß wir, schlagfertig wie wir waren,
uns gemeinsam gegen Frankreich wenden sollten, in der Absicht,
es zur Herausgabe des Elsaß zu zwingen. Hsterreich könnte
dann Straßburg nehmen, Preußen Mainz behalten.“
Gablenz trug diese Vorschläge am 25. Mai dem Kaiser
Franz Joseph in fünfpviertelstündiger Audienz vor. Und fast
konnte es scheinen, mit Erfolg: nicht ungnädig wurde er ent—
lassen. Doch am 28. Mai erging nach Berlin die Antwort,
daß das Wiener Kabinett die Verhandlung über die Gablenzschen
Anträge ablehne.
An demselben 28. Mai aber brachte Osterreich die Frage
der schleswig-holsteinschen Herzogtümer an den Bundestag und
zeigte an, der Statthalter von Gablenz habe Befehl zur Ein⸗
berufung der holsteinschen Stände.
Es war nach allem Früheren so gut wie der Kriegsfall.
Denn noch bestand der Vertrag vom 16. Januar 1864 zwischen
heiden deutschen Großmächten zu Recht, wonach beide nur
zemeinsam über die Herzogtümer zu verfügen hatten. Bismarck
erklärte das Deutschland und Europa in einem Rundschreiben
vom 4. Juni, das zugleich die allgemeinere Seite aller Differenzen
hervorhob; und bald darauf, am 10. Juni, forderte er die
deutschen Regierungen nochmals zu einer Bundesreform auf.
Indes gelang es ihm nicht mehr, den Kriegsfall von der
        <pb n="118" />
        468 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

schleswig-holsteinschen Grundlage, wie sie Osterreich festhielt, auf
das allgemeinere deutsche Gebiet nationaler Einigung zu ver—
legen: was freilich für Preußen sehr günstig gewesen wäre. Mit
Recht schrieb ihm der bayerische Minister von der Pfordten am
11. Juni: „Wollen Sie die Annexion (der Herzogtümer) um
seden Preis, auch um den des Krieges, dann ist der Krieg un—
vermeidlich. Entschließt sich Preußen, auf die Annexion zu
verzichten, so ist der Krieg unmöglich. Wollte Osterreich aus
irgendeinem anderen Grunde Krieg beginnen, so bliebe es ganz
gewiß isoliert; kommt es zum Kriege um der Herzogtümer
willen, so, glaube ich wenigstens, wird Preußen isoliert bleiben.
Gott ist mein Zeuge, daß mich weder Abneigung gegen Preußen
noch Sympathie mit Hsterreich leitet. Als Deutscher bitte und
heschwöre ich Sie, gehen Sie nochmals ernstlich mit Ihrer starken
Seele zu Rate, ehe das entscheidende Wort gesprochen wird,
dessen Folgen unberechenbar sind.“
In diesem Augenblicke aber waren die entscheidenden Er⸗
eignisse schon geschehen oder bis zur Entscheidung gediehen.
Gablenz hatte die holsteinschen Stände zum 11. Juni nach
Itzehoe einberufen. Das erklärte Manteuffel am 6. Juni für
einen Bruch des Gasteiner Vertrages, ebenso wie die Behelligung
des Bundestages mit der schleswig-holsteinschen Sache über⸗
haupt; es sei also das Kondominium Osterreichs und Preußens,
vie es vor dem Gasteiner Vertrage bestanden, wieder ein—
getreten; und so werde er preußische Truppen auch nach
Holstein legen, wie Gablenz österreichische nach Schleswig legen
dürfe. Am 7. Juni rückten demgemäß preußische Truppen in
Holstein ein. Gablenz protestierte gegen diese Maßregel, zog
seine kleine Brigade, viertausendachthundert Mann, zusammen
ind verließ mit ihr am 11. Juni das Land, um nach Böhmen
zu gelangen. Statt dessen nahm Manteuffel Holstein ein, setzte
— 00
der Stände.
Darauf erklärte Osterreich am 11. Juni vor dem Bundestage
 den Gasteiner Vertrag als durch Preußen gebrochen und
heantragte die Mobilmachung des ganzen außerpreußischen
        <pb n="119" />
        Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 469

Bundesheeres gegen Preußen, berief weiterhin am 12. Juni
seinen Gesandten von Berlin ab und schickte dem preußischen
GBesandten in Wien seine Pässe.
In Frankfurt kam es am 14. Juni zur Abstimmung. An⸗
genommen wurde ein bayerischer Antrag, der nur allgemein auf
Mobilisierung der Kontingente der Klein⸗ und Mittelstaaten
lautete, um etwa drohende Störungen des Bundesfriedens zu
oerhindern, — also weder Preußen noch Osterreich direkt als
Objekt des Angriffs nannte.
Nach der Abstimmung aber erhob sich der preußische Ge—
sandte von Savigny und ließ sich verlauten: Preußen sähe die
beschlossene Maßregel als eine nach dem Bundesrechte unmögliche
Kriegserklärung gegen ein Bundesmitglied, mithin als einen
Bundesbruch an. Seine Majestät der König von Preußen werde
demnach den Bundestag als erloschen betrachten und behandeln,
halte aber fest an der Grundlage der nationalen Einheit und
lege deshalb die Grundzüge zu einer neuen, zeitgemäßen Einigung
noch vor, indem er sich bereit erkläre, auf dieser Grundlage
eincn neuen Bund mit den damit einverstandenen Regierungen
zu schließen. Der Gesandte vollziehe die Befehle seiner Re—
gierung, indem er seine bisherige Tätigkeit hiermit für beendet
erkläre. —

Zur Zeit des Beginnes des Krieges, Mitte Juni 1866,
waren die populären Stimmungen in Deutschland dem preußischen
Unternehmen keineswegs günstig.
In Preußen selbst verabscheute das Bürgertum allenthalben
den Krieg, am meisten in den katholisch⸗großdeutschen Gegenden
des Rheins und Westfalens; es sprach sich darüber auch all⸗
seitig deutlich in Petitionen und Beschlüssen aus; eine Aus—
nahme machten nur die Adressen, welche die Breslauer Gemeinde⸗
behörden und die Hallenser Altliberalen König Wilhelm zu—
sandten.
Auch in Süddeutschland waren die politisch interessierten
Kreise im allgemeinen preußenfeindlich, so namentlich die Demo⸗
kraten, Ultramontanen und Großdeutschen. Dagegen befanden
sich die Anhänger des Nationalvereins überall in einer ersten
        <pb n="120" />
        470 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Umbildung ihrer Anschauungen: sie wünschten Preußen den Sieg.
So vereinzelt in Bayern und Schwaben, zahlreich in Hannover
und Thüringen, überwiegend in Hessen. Es war eine Stimmung,
die immerhin den Preußen in Mitteldeutschland und Nordwest⸗
deutschland bis zur Mainlinie einen guten Empfang versprach.
In diesen Gebieten aber kam es vor allem darauf an, rasch
endgültige Klarheit über die Neigungen der Regierungen zu er—
halten. Waren sie Preußen feindlich, so mußten sie schnell besiegt
verden, um Raum zu gewinnen für die militärische Tätigkeit auf
dem Hauptkriegsschauplatze, im Kampfe gegen Hsterreich.
Dementsprechend ging Preußen militärisch und diplomatisch
vor. Die schleswig-holsteinschen Besatzungstruppen hielt man
unter Manteuffel, die rheinisch-westfälischen unter Beyer und
Goeben, die sächsischen unter Herwarth von Bittenfeld zum
Finmarsch in Hannover, Kurhessen und Sachsen bereit, und
richtete darauf, unmittelbar nach der Auflösung des Deutschen
Bundes vom 14. Juni, am 15. Juni an die Herrscher dieser
Länder die Aufforderung zur strikten Neutralität sowie zur An—
nahme des am 14. Juni in Frankfurt eingebrachten preußischen
Antrags auf Bundesreform. Für den Fall der Bejahung sollte
ihnen Souveränität und Landbesitz gewährleistet, im Falle der
Berneinung der Krieg erklärt werden. Entscheid wurde bis zur
Mitternacht vom 15. auf den 16. Juni gefordert.
Er fiel in allen drei Staaten zu ungunsten Preußens aus.
Sachsen lehnte am Abend des 15. Juni ab; im selben Augen⸗—
zlicke fast überschritten die preußischen Truppen die Grenze.
Die sächsische Armee zog sich nach Böhmen zurück, am 18. Juni
schon besetzten die Preußen Dresden. Die Landesverwaltung
»erblieb dem sächsischen Ministerkomitee unter Aufsicht eines
preußischen Zivilkommissars, von Wurmb; die preußischen
Truppen gingen unter Herwarth als Elbarmee nach Böhmen
weiter. Die Truppen in Westdeutschland dagegen blieben bald
als Mainarmee für sich unter dem Oberbefehl des Generals
Vogel von Falckenstein.
In Kurhessen erklärte der Kurfürst, dem bei strikter Neu—
tralität zugleich ein Teil von Hessen-Darmstadt verheißen wurde,
        <pb n="121" />
        Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 471

ugendvoll seinen Abscheu gegen solchen Handel: „will meinen
Darmstädter Brüdern nichts nehmen, Armut und Edelsinn besser,
habe noch nie den Weg Rechtens verlassen“: wundersame Worte
m Munde dieses Herren. Dann stichelte er auf Bismarck und
entließ den preußischen Gesandten mit den Worten: „Ich muß
Sie als Friedensbrecher ansehen.“
Schon am 16. brach General Beyer über Wetzlar und
Gießen gegen Kurhessen auf; der Kurfürst konnte nicht mehr
mobil machen; nur etwa fünftausend Mann seiner Truppen
stießen noch zur Bundesarmee bei Frankfurt; am 19. Juni
wurde er in Kassel gefangen genommen und später nach Stettin
gebracht.
In Hannover überreichte der preußische Gesandte die
Forderung am Morgen des 15. Juni. Beinahe gleichzeitig
flellte Rudolf von Bennigsen im Landtag einen Antrag auf
Erklärung der Neutralität. Nach langem Schwanken fixierte
die Regierung gegen Mitternacht eine verneinende Antwort,
bat aber für die Überreichung noch um Aufschub. Allein mit
Glockenschlag zwölf Uhr erklärte der preußische Gesandte den
Krieg.
Um vier Uhr morgens, am 16. Juni, reiste König Georg
mit seinen Ministern nach Göttingen ab, wo sich sein Heer
sammeln sollte; um sechs Uhr morgens desselben Tages brachen
Manteuffel und Goeben von Harburg und Minden her in
Hannover ein. Am 17. wurde die Festung Stade überrumpelt,
am gleichen Tage hielten Falckenstein und Goeben in Hannover
Einzug. Am 19. Juni gelangte Manteuffels Korps mit seiner
Spitze nach Hannover; worauf Goeben nach Göttingen weiterging.
Der Eindruck dieser Ereignisse in Deutschland war außer⸗
ordentlich: in drei Tagen waren drei Staaten besetzt, die damals
etwa fünfzigtausend Mann hätten aufbringen können. Die Folge
war, daß alle nord- und mitteldeutschen Kleinstaaten mit wenigen
Ausnahmen sich Preußen fügten.
Inzwischen sammelte sich die hannoversche Armee notdürftig
uim Göttingen. Die Absicht war, von hier aus direkt nach
Süden zu die Vereinigung mit den Süddeutschen, vor allem
        <pb n="122" />
        472 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

den Bayern, zu suchen. Allein sie ließ sich nicht mehr durch⸗
führen; Kassel war schon in preußischen Händen. So beschloß
man am 20., sich östlich über Mühlhausen auf Eisenach zu
wenden. Auf diesem Wege gelangte das Heer am 28. nach
Langensalza. Hier kam es nach Verhandlungen, die an Miß⸗
oerständnissen reich waren, am 27. Juni zu einem Treffen
zwischen den sechzehntausend Hannoveranern und achttausend
Preußen und Koburg-Gothaern. Die Hannoveraner siegten. Der
Ausgang wurde wesentlich durch die schiefen Dispositionen und
den Ungehorsam Vogel von Falckensteins gegenüber den Berliner
Weisungen Moltkes und des Königs verschuldet. Indes war
für die Hannoveraner trotz ihres Sieges an einen Durchbruch
nach Süden nicht mehr zu denken. Falckenstein hatte inzwischen
Eisenach völlig besetzt, die ganze Thüringer Bahnlinie war für
die Preußen gesichert. So kapitulierten die Hannoveraner am
29. Juni. König und Kronprinz erhielten freien Abzug, um
hald nach Hietzing bei Wien zu gehen; die Offiziere versprachen
unter Behalt von Waffen und Pferden wie unter Bewahrung
threr Bezüge, in dem Kriege nicht weiter zu dienen; die Mann⸗
schaften wurden waffenlos unter dem gleichen Versprechen ent—
assen.
Der erste Abschnitt des westdeutschen Feldzuges war damit
heendet: Sachsen, Hannover und Kurhessen waren erobert.
Inzwischen hatte der Bund in Süddeutschland mobil ge⸗
macht. Zwei Korps waren in Bildung begriffen: unter Prinz
Karl von Bayern das bayerische am oberen Main, unter Prinz
Alexander von Hessen das südwestdeuts che, Württemberger, Badener,
Hessen, Nassauer unter Verstärkung durch die österreichis che Brigade
Neipperg, am unteren Main; doch wurde das südwestdeutsche
Korps erst zum 80. Juni marschfertig. I
Beide Heerführer verabredeten nach längerem Hin- und
HZerverhandeln, sich bei Hersfeld gegen die preußische Armee zu
bereinigen. Allein hierzu kam es nicht. Prinz Karl wurde durch
falsche Nachrichten und eine zweimalige Aufforderung des öster⸗
reichischen Kaisers veranlaßt, die Werra hinabzuziehen, um den
dannoveranern zu helfen, die inzwischen schon kapituliert hatten.
        <pb n="123" />
        Erste Stufe der kleindeutschen cösung der Einheitsfrage. 473

Auf diesem Marsche stieß er dann am Nordabhang der Rhön
mit der Armee Falckensteins zusammen, die Fulda zustrebte,
und wurde von dieser durch die Gefechte bei Dermbach am
4. Juli beiseite und nach Osten zurückgeschoben.
Während nun die Preußen nach Fulda weiterzogen, ver⸗
suchte Prinz Karl, der inzwischen zum Oberkommandierenden
auch des anderen, westlichen Bundeskorps ernannt worden war,
nochmals eine Vereinigung mit diesem Korps südlich der Rhön
und gab demgemäß an Prinz Alexander von Hessen den Befehl,
bei Kissingen zu ihm zu stoßen. Bei der Vereinigung beider
Korps würde der preußischen Armee eine achtunggebietende und
an Zahl überlegene Truppe gegenübergestanden haben. Allein
in diefem entscheidenden Momente gehorchte Prinz Alexander
aicht! Die Fürsten Nassaus und Darmstadts wollten ihre Länder
aicht von Truppen entblößt wissen, noch weniger wünschte der
Bundestag die Preußen in Frankfurt. Der Militärausschuß des
Bundes telegraphierte daher auf Grund des Artikels 47 der
Bundeskriegsverfassung an den Prinzen Alexander, das Erforder⸗
liche zur Deckung der Mainlinie zu tun, d. h. zur Deckung des
Bundestages den Prinzen Karl im Stich zu lassen. Während
demgemäß Prinz Alexander nach Frankfurt marschierte, blieb
dem Prinzen Karl nichts übrig, als sich eine Verteidigungs⸗
stellung zwischen Kissingen und Schweinfurt zu suchen. Ehe er
aber dahin gelangte, hatte ihn Goeben von der Falckensteinschen
Armee am 10. Juli erreicht und in fünf siegreichen Gefechten
in der Gegend von Kissingen den Übergang über die fränkische
Saale erzwungen. Dies Mißgeschick der Bayern zeigte nun dem
Prinzen Alexander endlich, wo sein Platz war, und er begann
den Main aufwärts zu marschieren, um sich mit Prinz Karl zu
oereinigen. Aber auf dem Marsche nach Osten lief sein Korps
den Preußen in die Bajonette und wurde am 13. Juli bei
Laufach, am 14. Juli bei Aschaffenburg geschlagen. Es bog
aun nach Süden aus, nach der Tauber zu, wohin gleichzeitig
auch die bayerische Armee ging, und so fand dann endlich, weit
im Süden die Vereinigung beider Bundeskorps statt.
Die Preußen aber kümmerten sich einstweilen um diese
Lamprecht, Deutsche Geschichte. XI, 2. 31
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        dagdebius

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Mainfelsdauag 1866.
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        Masßatab 1 3. 000 000
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Bruũmꝭ

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Bhmücher Feldzug 1866.

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        <pb n="126" />
        476 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Vereinigung nicht weiter; am 16. Juli rückte Vogel von Falcken⸗
stein an der Spitze der siegreichen Truppen in Frankfurt ein,
hon wo sich inzwischen der Durchlauchtigste Bundestag nach
Augsburg geflüchtet hatte, legte der Stadt eine Kontribution
von sechs Millionen Gulden auf, übernahm durch ein Manifest
die Regierung von Oberhessen, Frankfurt und Nassau, und
telegraphierte an König Wilhelm: „Alles Land nördlich des
Mains liegt zu den Füßen Eurer Majestät.“
Am selben Tage erhielt er seine Ernennung zum General⸗
gouverneur des Königreichs Böhmen. Sie war ein Ausdruck
der großen und um vieles mehr entscheidenden Ereignisse, die
sich inzwischen im Osten vollzogen hatten.
In Osterreich verfügte man für die Nordarmee, die gegen
Preußen kämpfen sollte, über zweihundertachtunddreißigtausend
Mann, wozu noch dreiundzwanzigtausend Sachsen stoßen sollten.
Dazu kamen neunzigtausend Mann in Festungen und fünfund—
zwanzigtausend Mann zum Schutze Wiens und zur Sicherung
don Ungarn. Den Oberbefehl über die Feldarmee hatte der Feld⸗
zeugmeister Benedek übernommen. Benedek, in jüngeren Jahren
ein tollkühner Führer, 1889 mit großer Auszeichnung tätig, klar
im Mittleren und Kleinen, ein ausgezeichneter Korpsführer, aber
kein Feldherr, fühlte sich seiner Aufgabe von vornherein nicht
gewachsen und hatte den Kaiser gebeten, einen anderen General an
die Spitze zu stellen. Der Kaiser soll erwidert haben, er habe
keinen besseren. Sicher ist, daß Benedek in die verantwortungs⸗
reiche Stelle — denn viele der besten österreichischen Generäle
waren keineswegs unbedingt siegesbewußt — erst dann eintrat,
als aufs entscheidenste an seine dynastischen Gefühle und damit
den Mittelpunkt der Lebensanschauung so vieler Offiziere der
kaiserlichen Armee appelliert worden war.
Benedeks erste Absicht war nun, in Olmütz die Armee zu
konzentrieren und den Feind mitten im Lande zu erwarten. Es
war im Grunde ein Gedanke vielmehr des unfähigen tat—
sächlichen Generalstabschefs Krismanis, der noch in den Vor—⸗
stellungen der Positionsstrategie des 18. Jahrhunderts lebte.
Später nahm Benedek dann doch den Vormarsch gegen Böhmen
        <pb n="127" />
        Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 477

auf. Er führte die Armee die Sudeten entlang auf die
Festungen Königgrätz und Josephstadt. Damit war denn durch
die österreichischen Pläne das Krieagstheater von Südwesten her
begrenzt.
Auf preußischer Seite leitete der General Moltke die
Operationen: in seiner wissenschaftlichen Leidenschaftslosigkeit
und ruhigen Präzision der größte Feldherr der jüngsten Zeiten:
und diese Eigenschaften so offen an sich tragend, daß sie selbst
der leichte Sinn der Kaiserin Eugenie schon 1856 richtig
herausgefunden hatte: „General Moltke (oder so ähnlich) ist ein
wortkarger Herr, aber nichts weniger als ein Träumer; immer
gespannt und spannend, überrascht er durch die treffendsten
Bemerkungen ... Es ist eine imponierende Rasse, die Deutschen;
Louis sagt: die Rasse der Zukunft“. Die Aufgabe, die dem
preußischen Generalstabschef im Anfange des Krieges zufiel, war
nicht leicht; weit zerstreut standen um die nördlichen und öst⸗
lichen Grenzen Böhmens die preußischen Heeresmassen; über
die Absichten des Gegners war man nicht unterrichtet und er—
wartete anfangs einen Vorstoß nach Schlesien; als er nicht
erfolgte, dachte man wohl an die eigene Initiative: aber war
es nicht tollkühn, in konzentrischen Märschen in Feindesland
einzubrechen und damit erst in diesem die Verbindung zwischen
den zerstreuten Heereskörpern vorzunehmen?
Von der preußischen Armee standen anfangs vierzigtausend
Mann als Elbarmee einstweilen in Thüringen, bald in Sachsen
unter General Herwarth von Bittenfeld; dreiundneunzigtausend
Mann als erste Armee in der Lausitz, um Görlitz, unter Prinz
Friedrich Karl; einhundertundfünfzehntausend Mann als zweite
Armee in Schlesien unter dem Kronprinzen mit dem General⸗
stabschef Blumenthal.
Es kam also jetzt darauf an, diese Armeen in Böhmen zu
vereinigen. Als natürlichster Treffpunkt ergab sich dabei Gitschin
und die Gegend von Gitschin suͤdwestlich. Von Görlitz läuft
nämlich eine Straße über Reichenberg längs der böhmischen
Seite der Sudeten über Turnau, Gitschin und Sadowa nach
Königgrätz. Auf sie stößt bei Gitschin von Nordwesten her
        <pb n="128" />
        478 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

eine andere Straße, welche der Armee Herwarths zum Anmarsch
dienen konnte: so war Gitschin der natürlichste Vereinigungs—
punkt zunächst der Elbarmee und der ersten Armee. Ferner
führen von Schlesien aus zwei Pässe über das Riesengebirge,
der eine über Trautenau nach Gitschin, der andere über Nachod
und Skalitz nach Josephstadt und Königgrätz: auf diesen Wegen
mußte sich die schlesische Armee mit der vereinigten Elb⸗ und
ersten Armee treffen. War man dann zu Dreien vereinigt, so
mußte die Entscheidungsschlacht gegen die österreichische Armee
gesucht werden. Diesen natürlichen Bedingungen entsprechend
verlief der Feldzug binnen etwa acht Tagen.
Am 29. Juni war die Vereinigung der Elbarmee und der
ersten Armee vor Gitschin gesichert, nachdem sich die Elbarmee
in dem Gefecht von Hühnerwasser, die erste Armee in den Ge—
fechten und Schlachten von Turnau und Podol, von München⸗
grätz und von Gitschin den Weg gebahnt hatten.
Gleichzeitig hatte die Bewegung der kronprinzlichen zweiten
Armee von Schlesien her begonnen. Am 27. Juni war sie durch
die beiden schlesischen Gebirgspässe gebrochen. Auf dem nörd—
lichen Paß wurde aber Bonin am 27. Juni bei Trautenau
von Gablenz geschlagen und weit in den Paß zurückgedrängt.
Doch konnte ihm das Gardekorps helfen, das zwischen beiden
Hauptpässen einen Nebenpaß zur Unterstützung beider Haupt-—
richtungen gezogen war. Es lieferte am 28. Juli das Gefecht
von Burkersdorf, in dem Gablenz geschlagen wurde, und nun
kam Trautenau definitiv in die Hände der Preußen. Auf dem
südlichen Paß aber brach sich der siebzigjiährige, im bloßen
Garnisondienst groß gewordene Steinmetz durch die Gefechte vom
27. Juni bei Nachod und am 28. Juni bei Skalitz mit über—
raschender Umsicht und Zähigkeit Bahn: und so stand seit dem
29. Juni der Vereinigung der Elb⸗ und ersten Armee mit dem
schlesischen Heere nichts mehr im Wege. Damit bedurfte das
Gesamtheer jetzt einheitlicher Fuhrung an Ort und Stelle,
während seine einzelnen Teile bisher von Berlin aus telegraphisch
geleitet worden waren; am 30. Juni reisten König Wilhelm
und Moltke nach Böhmen ab.
        <pb n="129" />
        Erste Stufe der kleindentschen Loͤsung der Einheitsfrage. 479

Inzwischen hatte Benedek die durch die Wirkung der besseren
preußischen Taktik und des Zündnadelgewehrs entmutigten
zsterreichischen Truppen auf Josephstadt und die Gegend nörd⸗
lich und nordwestlich von Königgrätz zurückgezogen. Der erste
Gedanke war dabei, sie bis Olmütz zurückzunehmen und dort
zu ordnen. Allein nachdem der Kaiser den General Krismaniẽ
bon der Leitung des Generalstabes entfernt hatte, fand Benedek
noch einmal seinen alten Schlachtenmut: beim Durchreiten des
Geländes nordwestlich von Königgräs, zwischen Sadowa und
der Festung, entschloß er sich zur Annahme einer Defensioschlacht.
Und so nahte der 8. Juli, der Tag von Königgrätz, an dem
zweihundertundfünfzehntausend Hsterreicher und zweihundertein⸗
undzwanzigtausend Mann Preußen gegeneinander fochten: eine
der weltgeschichtlichen Schlachten des 19. Jahrhunderts. Die
Osterreicher und Sachsen wurden von den vereinigten drei
preußischen Armeen völlig geschlagen; nur Trümmer des Heeres
rettelen sich noch nach Königgrätz. Jetzt blieb nichts übrig, als
nach Olmütz zurückzugehen und Wien notdurftig zu decken.
Im preußischen Hauptquartier hatte man anfangs keine
rechte Vorstellung von der Größe des Erfolges; darum blieb
die Verfolgung zunächst lässig. Aber nach ein paar Tagen
ging man energisch vor. Am 10. Juli wurde Prag besetzt,
um die Verpflegung des Heeres durch den Besizz dieses Eisen⸗
bahnzentrums zu sichern; schon früher war mit der Hauptmacht
der direkte Marsch auf Wien aufgenommen worden: am 12. Juli
bereits wurde Brünn erreicht.
Benedek blieb infolgedessen nichts übrig, als auf Weisung
des neuen Oberbefehlshabers im Norden, Erzherzog Albrechts,
von Olmütz aufzubrechen, um die March hinab zur Deckung
Wiens und der Donau zu eilen. Allein auch das gelang nur
noch einem Teil seiner Armee. Der Rest wurde durch Heeres⸗
teile des preußischen Kronprinzen so bedrängt, daß er über
die kleinen Karpathen nach Ungarn übertreten mußte, um von
da mit einem Umwege von mehr als zwölf Meilen Preßburg
und somit die Donau zu erreichen. Und auch hier war man
noch nicht sicher. Schon war ein preußisches Korps über die
        <pb n="130" />
        480 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

March gegangen und in Ungarn eingefallen; und eben war es
in einem Treffen bei Blumenau, am 22. Juli, im Vordringen,
als die Nachricht einer vom Hauptquartier abgeschlossenen fünf—
tägigen Waffenruhe eintraf. Ihr folgte dann am 26. Juli der
Waffenstillstand von Nikolsburg, der bald durch einen endgültigen
Frieden gekrönt wurde.
Die Waffentaten hatten damit ihr Ende erreicht, im An—
gesicht der Donau und des Wiener Stephansturmes zügelten
die preußischen Vedetten ihre Rosse.
Mit der Schlacht von Königgrätz war der Sieg Preußens
über Osterreich entschieden. Das wurde sofort überall gefühlt:
und schon deshalb, ganz abgesehen von der unerwarteten Stärke
Preußens, machte die Nachricht des 3. Julis überall das außer—
ordentlichste Aufsehen.
Außerhalb Deutschlands am meisten in Frankreich. Ge—
schehen war, was man am wenigsten erwartet hatte: sterreich
war bezwungen. Und klar traten alsbald die Folgen vor das
französische Auge: die Einheit Deutschlands unter preußischer
Führung, die Entstehung eines mächtigen Reiches im Zentrum
Europas, das von nun ab an Stelle Frankreichs die politische
Führung des Weltteils übernehmen könnte. Daher ertönte so—
fort der Ruf Revanche pour Sadowa. Und in ihm waren
alle einig: Heer und Klerus, Liberale und Legitimisten. Der
einzige vielleicht, der diese Lage nicht völlig klar erkannte oder
wenigstens zu schwach war, aus ihr sofort die richtigen Folgen
zu ziehen, war der Kaiser, war Napoleon.
Napoleon hätte in diesem Moment sofort dazwischentreten
müssen, kostete es, was es wollte. Freilich war Frankreichs
Heer nicht genügend gerüstet, um dem furchtbaren Sieger mit
Aussicht auf Erfolg entgegenzutreten. Gleichwohl hätte Napoleon,
vom französischen Gesichtspunkte aus betrachtet, einen festen
Eingriff alsbald versuchen müssen, zumal ihm von ÄÖsterreich
Anlaß zur Einmischung gegeben wurde.
Sofort nach der Schlacht bei Königgrätz trat nämlich Oster⸗
reich Venetien an Napoleon ab, damit dieser es an Italien gäbe
und zugleich Italien zum Frieden zwänge. Es geschah auf
        <pb n="131" />
        Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 481

Grund des Wortlautes des österreichisch-französischen Vertrages
vom 12. Juni: wie anders freilich war dessen eigentliche, nach
Niederwerfung Preußens zu realisierende Absicht gewesen! Jetzt
war die Meinung Ästerreichs, bei diesem Schritte Italien los
zu werden, um sich ganz auf Preußen stürzen zu können. Es
lag das um so näher, als Italien in der Kriegführung bisher
sehr lau verfahren und schließlich am 24. Juni bei Custozza
gruündlich besiegt worden war.
Napoleon wurde, bei seiner Unentschlossenheit, durch die
osterreichische Politik in arge Verlegenheit gesetzt. Ablehnen
konnte er das Anerbieten nicht: es wäre ein völliger Bruch des
Vertrages vom 12. Juni gewesen. So beschritt er einen Mittel⸗
weg, der zugleich seine angebliche Überlegenheit über beide
Gegner zeigen sollte. Er beschloß, als selbständiger Vermittler
aufzutreten. Ein stolzer Artikel im Moniteur vom 5. Juli ver⸗
kündete diese Politik; er rief zugleich bei den Franzosen einen
Sturm der Begeisterung wach: Paris flaggte und illuminierte.
Allein bald zeigte sich, daß das übernommene Amt nicht
leicht war. Italien, das durch sein Bündnis mit Preußen ver⸗
pflichtet war, erst mit diesem gemeinsam Waffenstillstand und
Frieden zu schließen, lehnte einseitige Verhandlung und ein⸗
seitigen Friedensschluß mit Osterreich auf Grund der Übergabe
von Venetien ab: ja, noch mehr, es begann eben jetzt etwas
energischer vorzugehen und die venetianische Grenze zu über⸗
schreiten. Preußen wies zwar Napoleons Angebot nicht ohne
weiteres ab, aber es behandelte die ganze Sache dilatorisch, um
inzwischen durch energischen Vormarsch gegen Wien fertige Tat—
sachen zu schaffen.
So kam denn Napoleon in seiner Vermittlung nicht weiter,
zumal alle europäischen Mächte dabei Hintergedanken vermuteten
und sich zurückzogen. Nur wenige Tage dauerte es auf diese
Weise, und Napoleon sah sich in einer bedauernswerten Lage und
in Empfindungen, die in „patriotischen Beklemmungen“ der
französischen Presse auch nach außen drangen. In dieser Ver⸗
stimmung empfing er am 11. Juli den preußischen Gesandten
Goltz. Er war, nach dessen Bericht, erschüttert, ja fast gebrochen.
        <pb n="132" />
        182 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Er gestand, er habe einen großen Fehler gemacht, und er bat
unter Drohungen um die endliche Übermittlung der preußischen
Friedensbedingungen, um weiter verhandeln zu können. J
Bismarck hatte unterdessen im preußischen Hauptquartier
hart gerungen, um die Friedensbedingungen, an erster Stelle
gegenüber Osterreich, auf jenes Maß zu reduzieren, das er für
politisch richtig hielt. Denn die militärischen Führer waren
hochmütig, als hätten sie die Welt erobert; und König Wilhelm
felbst wollte aufs weitgehendste annektieren. So kam es sogar
zwischen dem Könige und seinem getreuen Ratgeber zu sehr er⸗
regten Szenen; und Bismarck schilderte die Lage noch mild,
wenn er am 9. Juli an seine Gemahlin schrieb: „Wir sind
ebenso schnell berauscht wie verzagt; und ich habe die undank—
bare Aufgabe, Wasser in den brausenden Wein zu gießen, und
geltend zu machen, daß wir nicht allein in Europa leben,
fondern mit noch drei Nachbarn.“ In einer Denkschrift an den
König vom 24. Juli aber hat er später ausgeführt: „Der Aus⸗
schluß Osterreichs aus dem Bunde in Verbindung mit der
Annexion von Schleswig-Holstein, Hannover, Kurhessen, Ober⸗
hessen und Nassau darf als ein Ziel angesehen werden, so groß,
wie es bei dem Ausbruch des Krieges niemals gesteckt werden
konnte. Wenn dieses Ziel durch einen raschen Abschluß von
Präliminarien auf dieser Basis gesichert werden kann, so würde
es nach meinen alleruntertänigsten Dafürhalten ein politischer
Fehler sein, durch den Versuch, einige Quadratmeilen mehr von
Gebietsabtretung oder wenige Millionen mehr zu Kriegskosten
von sterreich zu gewinnen, das ganze Resultat wieder in Frage
zu stellen.“ Und als der König mündlich gar die Frage nach
gerechter Bestrafung besonders schuldiger Staaten erhob, mußte
Bismarck mahnen: „sie hätten hier nicht eines Richteramts zu
walten, sondern Politik zu treiben; Hsterreichs Rivalitätskampf
gegen Preußen sei nicht strafbarer als der Preußens gegen Oster⸗
reich; des Königs und seiner Räte Aufgabe sei Herstellung oder
Anbahnung deutsch-nationaler Einheit unter Leitung des Königs
von Preußen.“
Inzwischen, nach dem Gespräche mit Goltz vom 11. Juli—
        <pb n="133" />
        Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 488

wartete Napoleon in Paris auf die preußischen Bedingungen
und wurde immer ungeduldiger. Endlich, am Abend des 12.,
hatte Goltz Depeschen empfangen und trat am 13. mit dem
Kaiser in Besprechung. Napoleon erklärte sich dabei zunächst
mit der Bildung eines Norddeutschen Bundes und den An—⸗
nexionen oder der militärischen Unterordnung aller oder ein⸗
zelner norddeutscher Staaten einverstanden; nur das König-—
reich Sachsen müsse selbständig und im Verbande mit den
süddeutschen Staaten bleiben: non dans l'intérôöt de la
dynastie, mais pour respecter V'équilibre des masses. Für
Süddeutschland aber zwinge ihn die öffentliche Meinung, auf
einer selbständigen Staatengruppe zu bestehen, die das Recht
erhalten müsse, Krieg zu führen und Bündnisse zu schließen.
Es war die alte Triasidee in französischer Fassung. Goltz er⸗
widerte demgegenüber, Napoleons Wunsche ständen mit den
preußischen nicht im Widerspruche, falls die französische Regierung
der deutschen Einheit nicht entgegentrete: geschähe das, so würde
Preußen etwa an die Einheitsidee appellieren und die Ausführung
der Reichsverfassung von 1849 auf seine Fahne schreiben. Sollte
Frankreich durch den an Preußen fallenden Gewinn in der
europäischen Gleichgewichtsstellung benachteiligt werden, so würde
Preußen seine Forderungen ermäßigen oder Frankreichs Gegen⸗
forderungen erwarten und diskutieren. Aber Napoleon ver⸗
zichtete auf Kompensationsforderungen und warf die Frage auf,
ob Preußen nicht dem Könige von Sachsen die Rheinprovinz
geben könne? Den Teilannexionen und etwaigen Thron—
entsagungen kleiner preußenfeindlicher Herrscher schenkte der
Kaiser nur geringe Aufmerksamkeit.
Im ganzen glaubte Goltz sich sagen zu können, daß nach
dem Inhalte dieses Gespräches die Möglichkeit eines Ein⸗
verständnisses zwischen Preußen und Frankreich bestünde. Und so
setzte er sich hin und arbeitete unter Zustimmung Napoleons
einen Entwurf von Friedensvorschlägen aus, die Napoleon, wenn
sie König Wilhelm angenommen haben würde, mit dem Be—
merken nach Wien weitergeben wollte, im Falle ihrer Ablehnung
hetrachte er seine Vermittlungsmission als erloschen. Es waren
        <pb n="134" />
        184

Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

im wesentlichen folgende Punkte: Anerkennung der Auflösung des
alten Deutschen Bundes sowie der Entwicklung einer neuen außer⸗
österreichischen Organisation Deutschlands, die Preußen in Form
einer norddeutschen Union bilden wird. Die süddeutschen Staaten
können eine international selbständige süddeutsche Union schließen;
das Verhältnis beider Unionen zueinander regelt sich nach beider⸗
seitigem Einverständnis. Preußen annektiert die Elbherzogtümer.
Zu anderen von Preußen etwa beabsichtigten Annexionen in Nord⸗
deutschland hatte Napoleon wiederholt erklärt, sie seien ihm gleich—
gültig, mit Ausnahme, wie wir wissen, von Sachsen.
Napoleon nahm am 14. Juli diese Punkte an, während
sein Minister Drouyn de l'Hhuys sie mit den Worten quittierte:
Maintenant il pe nous reste plus qu'à pleurer; hinzu setzte
der Kaiser nur, sterreich solle außer Venetien in seinem Be—
stande erhalten bleiben. Und sofort legte er diese Bedingungen
dsterreich und Preußen vor.
Sie fanden in Wien wie im preußischen Hauptquartier nur
sehr bedingten Beifall: so daß Bismarck sogar den freilich bei
dem österreichischen Mißtrauen erfolglosen Versuch machen konnte,
mit sterreich noch einmal direkt unter Vorlegung viel günstigerer
Bedingungen zu verhandeln.
Da endlich, am 18. Juli, nahm man in Wien, aufs
schlimmste schon durch den Vormarsch der preußischen Truppen
bedrängt, Napoleons Vorschläge an, unter der einen Bedingung,
daß bei den preußischen Annexionen in Norddeutschland Sachsen
unversehrt bleibe: denn es hatte sich als der einzige Staat er—
zeigt, der an Osterreichs Seite treu und wirksam ausgehalten
hatte. Seine übrigen Verbündeten dagegen überließ Osterreich
der Gnade des Siegers.
Am 20. Juli erfuhr man wie in Paris so im preußischen
Hauptquartier die Annahme der Bedingungen durch Hsterreich;
nun schlug Bismarck einen Waffenstillstand für den 22. Juli
vor — die Preußen waren indes bis zum Angesicht Wiens vor⸗
gedrungen — und zugleich, am Nachmittag des 22. Juli, be—
gannen in Nikolsburg die Friedensverhandlungen. Sie wurden
heschleunigt durch das immer weitere Vorrücken der Italiener,
        <pb n="135" />
        Erste Stufe der kleindeutschen Löfung der Einheitsfrage. 4858

die jetzt erst recht mobil zu werden begannen, nachdem freilich
ihre Flotte am 20. Juli auf der Hoͤhe von Lissa durch die
österreichische unter Tegetthoff geschlagen worden war. Sie
wurden aufgehalten durch die Wünsche König Wilhelms, die
ziemlich weit über das hinausgingen, was Bismarck als im
Interesse Preußens gelegen forderte. Denn schon damals hatte
Bismarck, ja schon auf dem Schlachtfelde von Königgrätz, den
Gedanken, den zu begründenden engeren deutschen Bund bald
in ein näheres, freundschaftliches Verhältnis zu sterreich zu
bringen. Und König Wilhelm gab nicht nach, bis Bismarck
ihm die Lage in einer Denkschrift vom 24. Juli“ auseinander⸗
setzte, worin vor allem betont war, wie sehr man Osterreich
schonen müsse. Die Rückgabe dieser Denkschrift begleitete König
Wilhelm mit wenigen Worten und fügte sich Bismarck mit der
Bemerkung: „Wenn trotz Bismarcks pflichtmäßiger Vertretung
der preußischen Ansprüche vom Besiegten nicht das, was Armee
und Land erwarten dürften, zu erlangen sei, ohne das Haupt⸗
ziel zu gefährden, so müsse der Sieger vor den Toren Wiens
fich eben fügen und der Nachwelt das Urteil überlassen.“
Nun kam man rasch zum Ziele; am 26. Juli waren die
Präliminarien zur Unterschrift fertig. Im Augenblick ihrer
Unterzeichnung aber meldete sich der französische Gesandte
Benedetti, um im Namen Frankreichs Kompensationen zu be⸗
gehren mit der Andeutung, es werde sich wohl um links—⸗
rheinische Landschaften handeln. Da sagte ihm Bismarck:
„Machen Sie mir heute keine amtliche Mitteilung dieser Art“
und — unterzeichnete. Es war ein glücklich erfaßter Augen⸗
blick: — jede Stunde später hätten die Verhandlungen an dem
mittlerweile heiß erwachten, wenn auch schon früher vor⸗
handenen und nur infolge der damals recht schmerzhaften Krank—⸗
heit des Kaisers latent gebliebenen Begehren Napoleons nach
irgendeinem Landgewinne scheitern müssen.
Am 28. August wurde der endgültige Friede zwischen
Ssterreich und Preußen zu Prag unterzeichnet. Osterreich trat

1 S. oben S. 482.
        <pb n="136" />
        486 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

in ihm an Preußen keinerlei Landbesitz ab, sondern zahlte nur
zwanzig Millionen Taler Kriegskosten. Dagegen übertrug es
seine Rechte an Schleswig-Holstein auf Preußen; nach Artikel 5
des Friedensinstruments sollten dabei die nördlichen Bezirke
Schleswigs an Dänemark fallen, falls die Bevölkerung sich
dafür ausspräche. Ferner bestätigte Hsterreich die preußische
Bedingung, daß Venetien an Italien fallen solle, fügte sich
in die Auflösung des Deutschen Bundes und gab seine Zu—⸗
stimmung zur Neugestaltung Deutschlands durch Preußen: wobei
es die Annexionen, die Preußen im Norden vornehmen würde,
von vornherein anerkannte, Sachsen aber seinen Länderbestand
wahrte.
Diesem Frieden folgte dann am 3. Oktober 1866 der Friede
zu Wien zwischen Osterreich und Italien, in welchem Osterreich
das Königreich Italien anerkannte, mit dem Venetien ver—
einigt wurde.
Mittlerweile aber waren König Wilhelm und sein sieg—
reiches Heer längst in die Heimat zurückgekehrt, hatte auch
schon der Ausbau der neuen deutschen Verfassung begonnen.
        <pb n="137" />
        Viertes Kapitel.

Zweite Stufe der kleindeutschen cLösung
der Einheitsfrage.

Der Krieg des Jahres 1866 hatte die Frage nach der
deutschen Einheit in kleindeutschem, die Frage nach der Hegemonie
im kleineren Deutschland im preußischen Sinne zu lösen be—
gonnen; an diesem Zusammenhange besteht heute kein Zweifel
mehr.
Nicht ganz in dieser Deutlichkeit sahen die Zeitgenossen des
Jahres 1866 die Dinge. Wie das österreichische Kaiserhaus
noch lange, und mindestens bis zum Jahre 1871, an der
Hoffnung festhielt, daß ihm doch noch einmal die Vorherrschaft
in Deutschland zufallen werde, so bekehrte sich auch die um die
Mitte der sechziger Jahre noch zahlreich vertretene Gemeinde
der Großdeutschen keineswegs alsbald zu Anschauungen, die zu
ihren bisherigen Ansichten und vor allem Neigungen im schroffsten
Gegensatze standen. Gewiß: schon am 1. August 1866 hat
Dingelstedt gedichtet:

König von Preußen, du mußt sterben,
Als Deutscher Kaiser aufzustehn!

Aber fühlte auch nur der König von Preußen selber in
diesem Sinne? Noch im Jahre 1871 hat er sich gegen die
UÜbernahme der Kaiserwürde gesträubt. Und geschah das aus
altpreußischem Stolze, so gab es auf der anderen Seite Männer
genug, die in dem Ausgange des Krieges von 1866 nur einen
        <pb n="138" />
        488 F,unfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

hesonderen Glücksfall Preußens sahen, dessen Konsequenzen leicht—
lich bei einem neuen Waffengange der Rivalen getilgt werden
könnten. Es war eine besonders in Österreich auf herkömm—
lichen Anschauungen beruhende Schätzung. Da hatte noch Graf
Thun dem preußischen Bundesgesandten Bismarck gegenüber
Preußen mit einem Manne vergleichen können, der einmal —
unter Friedrich dem Großen durch die Erwerbung Schlesiens —
das Los von hunderttausend Gulden gewonnen und nun seinen
Haushalt auf die jährliche Wiederkehr dieses Ereignisses ein—
gerichtet habe. Bismarck hatte ihm darauf freilich erwidert,
wenn diese Ansichten in Wien so klar wären wie bei ihm, so
sähe er, Bismarck, allerdings voraus, daß Preußen nochmals
in die bewußte Lotterie würde setzen müssen. Das war nun
geschehen; und wieder hatte Preußen gewonnen. Aber ließ
sich der Lotterietopf nicht nochmals in Anspruch nehmen?
Gleichwohl zeigte bereits der nächste Verlauf der inneren
Politik in Osterreich, daß solche Anschauungen beinahe schon
utopisch waren; unverrückbar und mit starken Schritten führte
der Weg der inneren Entwicklung sterreichs von Deutschland
weg: ja hatte, in dieser Hinsicht ein tiefster Anlaß zum Aus—
gange des kriegerischen Ringens des Jahres 1866, schon längst
vor diesem Jahre aus ihm hinauszuführen begonnen.
Mit der Februarverfassung des Jahres 1861 war in Oster⸗
reich zum letzten Male der Versuch unternommen worden, die
ganze Monarchie, einschließlich Ungarns, mit einem Band vollster
staatlicher Einheit zu umschlingen. Zur Durchführung aber
war diese Verfassung nur in der westlichen Reichshälfte gelangt;
und wenn sie auch selbst hier nicht überall und in jedem Punkte
ins Leben trat, so hat sie doch die Grundlagen der noch
heute in dieser Reichshälfte bestehenden Verfassungszustände ge—
schaffen. In Ungarn dagegen hatte sich die Bevölkerung den
Einheitsstaat nicht aufdrängen lassen. Schon unter Goluchowskis
Ministerium, noch vor der Zeit Schmerlings, dem der Erlaß
der Februarverfassung verdankt wurde, war in Ungarn nach
den Exzessen der Revolutionszeit in nationaler wie dynastischer
Richtung die autonome Komitatsverwaltung wieder eingeführt
        <pb n="139" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Cssung der Einheitsfrage. 489
Qeie n e Soj ung orr u

und damit der Reichsbeamtenstaat zerstört worden. Das be⸗
deutete im Grunde die Beseitigung der Einheitsstaatsidee in
der östlichen Reichshälfte überhaupt, noch bevor sie in der
Februarverfassung Wirklichkeit wurde. Denn konnte man den
Ungarn, nachdem man ihnen die Verwaltung ausgeliefert hatte,
ihre besondere alte Verfassung vorenthalten, zumal wenn sie
sie nach wie vor mit Eifer forderten? Schmerling glaubte es —
iber nur in den ersten Jahren seiner Amtszeit erfreute er sich
des Anscheins eines Gelingens und der Unterstützung des
Kaisers. Später dagegen, gegen Mitte der sechziger Jahre,
zeigte sich mit dem Verfall seines Einflusses in der zisleitha⸗
nischen Reichshälfte immer mehr, daß Ungarn seine eigenen
Wege ging.
Besonders klar wurde das um Ostern 1868, als noch vor
Schmerlings Rücktritt Franz Deak, der unbestrittene parla⸗
mentarische Führer seines Volkes um diese Zeit, mit einem
sogenannten Friedensprogramm zwischen Nation und Dynastie
hervortrat. Er ließ die Forderung einer bloßen, absolut reinen
Personalunion zwischen Hsterreich und Ungarn, wie er sie in
der Landtagsadresse des Jahres 1861 ausgesprochen hatte,
fallen; er sprach aus, daß beiden Ländern außer dem Herrscher
auch äußere Politik und Heerwesen gemeinsam sein müsse; und
er schlug vor, diese Angelegenheiten durch Delegierte beider
Parlamente, des österreichischen und des ungarischen, von Fall
zu Fall regeln zu lassen. Es war die Idee des Ausgleichs:
der Anfang der neuesten inneren Geschichte des Habsburgischen
Reiches.
Für das Osterreich diesseits der Leitha bedeutete darauf,
kurz nach der Aufstellung des Ausgleichsprogramms durch
Deak, der Fall des Ministeriums Schmerling (30. Juli 1865)
den Eintritt in eine andere Zeit. Das Ministerium Belcredi,
das nunmehr folgte, begann schon, wenn auch zunächst nur aus
feudal⸗aristokratischen Neigungen, das deutsche Beamten⸗ und
Burgertum zurückzuschieben und fing an, sich auf die Slawen zu
stützen. Doch geschah das noch mehr stimmungs— als programm⸗
mäßig; ist doch das Ministerium Belcredi über Stimmungen
Lamprecht, Deutsche Geschichte. XI, 2. 32
        <pb n="140" />
        490 Fünfun dzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

uüberhaupt kaum hinausgelangt. Immerhin aber genügte, was es
tat, zur Zersprengung des Einheitsstaates, wie denn Aristokratien
in Monarchien stärkeres Herrschafts- als Staatsgefühl zu besitzen
pflegen; auch wurde am 20. September 1865 die Februar—
verfassung durch ein Kaiserliches Patent in der Tat zwar nicht
aufgehoben, wohl aber „sistiert“, worunter man sich denn, wenn
man wollte, eine feinere Art der Aufhebung vorstellen konnte.
Das alles genügte, um die Bahn für die magyarischen
Forderungen von Autonomie freizumachen, so, wie man diese
in Pest verstand. Die volle Vereinigung Siebenbürgens mit
Ungarn wurde vollzogen. Die Anerkennung der revolutionären
ungarischen Verfassung vom Jahre 1848 mit ihren Freiheiten
wurde verlangt und formell auch durchgesetzt, wenn ihre Ein—
führung auch noch mit einer Revision gewisser Bestimmungen
verbunden sein sollte: es war unmittelbar vor dem Kriege des
Jahres sechsundsechzig.
Zur selben Zeit aber war der Reichsrat der zisleithanischen
Reichshälfte schon aufgelöst, womit der Schwerpunkt alles öffent⸗
lichen Lebens in die Landtage verlegt war: und in ihnen sahen
sich die Deutschen slawischen Mehrheiten überantwortet.
Es war gewiß eine, ins Ganze hetrachtet, recht unklare
und verwickelte Lage. Im Grunde aber wurden ihre Schwierig-⸗
keiten doch noch vor dem Kriege gelöst. Denn im Bereiche der
Verhandlungen, die sich an die Einführung der ungarischen
Verfassung knüpften, wurden zugleich all die Grundsätze im
einzelnen beraten und festgelegt, die seitdem als Ausgleich das
dualistische Staatsleben Osterreich- Ungarns bestimmt haben;
Deak war es vornehmlich, der diese Arbeit mit Czengery leistete;
und was in ihm während vierzig Jahren politischer Tätigkeit
an seiner Nation günstigen Erfahrungen gereift war, das legte
er hier nieder. Als dann der Krieg begann, war der Ausgleichs—
entwurf bereits von der ungarischen Verfassungskommission an—
genommen. Freilich: erreicht war dies Ziel doch nur durch
die den Ungarn bestimmt gewährte Aussicht auf Anerkennung
ihrer Verfassung: und diese Aussicht wiederum war nur mit
Rücksicht auf den kommenden Krieg eröffnet worden: und in—
        <pb n="141" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 491

sofern wurde eben der Krieg doch die wichtigste Voraussetzung
für den Ausbau der neuen Gesamtverfassung des Reiches im
Sinne des Ausgleichs.
Formell geordnet wurden die neuen Verfassungsverhältnisse
unter Beust, der nach dem Kriege als Ministerpräsident, spüäter
als Reichskanzler an Stelle des Ministeriums Belcredi die
Geschäfte übernahm. Beust vereinbarte am 7. Februar 1867
mit Deak die Lösung, die durch die Kaiserlichen Reskripte vom
16. bis 28. Februar verkündet wurde. Danach bildete von
nun ab Ungarn mit seinen Dependenzen zunächst ein selb⸗
ständiges Königreich; ein ungarisches Ministerium unter Andrassy
trat ein; und am 8. Juni 1867 wurde Kaiser Franz Joseph
als König von Ungarn gekrönt. Für die dem westlichen Reiche
und Ungarn gemeinsamen Angelegenheiten aber wurde ein
besonderes Ministerium gebildet, dem Delegationen aus den
parlamentarischen Körperschaften beider Reichshälften als gemein⸗
same Reichsvertretung zur Seite traten; die alten Staats⸗
schulden wurden auf beide Hälften verteilt, für gemeinsame
Ausgaben sowie die Haltung der gemeinsamen Zoll⸗ und Handels⸗
angelegenheiten wurde ein finanzieller Ausgleich, zuächst auf
zehn Jahre, geschaffen.
Ein neues Reich der Habsburger war damit erstanden:
endgültig hatte der Dualismus gesiegt. Allein es war voraus⸗
zusehen, daß die Bewegung hierbei in der westlichen Reichs—
hälfle, dem eigentlichen Osterreich, nicht stillstehen würde. Zwar
wußte das sogenannte Bürgerministerium vom 1. Januar 1868,
Fürst Karl Auersperg, Giskra, Herbst, Plener, zunächst die
nationalen Sonderstrebungen niederzuhalten und eine Fülle
liberaler Verbesserungen durchzuführen: es schien wie eine Fort⸗
setzung der Tätigkeit Schmerlings in engeren Grenzen. Allein
schon im September 1868 trat dies Ministerium zurück, und
bon nun ab folgten Regierungen, die Polen und Ts chechen immer
stärkere Zugeständnisse machen mußten. Heute aber kann kein
Zweifel mehr daran sein, daß von dem Moment des Ausgleichs
ab der frühere Einheitsstaat Osterreich immer mehr die ab⸗
schüssige Ebene nationaler Dezentralisation hinabgeglitten ist,
39 *
        <pb n="142" />
        492 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

ohne daß sich die für diesen Weg notwendigen föderativen
Formen eingefunden hätten oder leicht zu finden gewesen wären.
Der Hilflosigkeit dieses Verlaufes entsprach dann wenigstens
teilweise auch der Gang der inneren Gesetzgebung. Während
in Preußen und später im Deutschen Reiche mit dem parla⸗
mentarischen Siege des bürgerlichen Liberalismus zunächst eine
Zeit eintrat, deren Ruhm die prinzipielle Durchführung eines
gut ausgearbeiteten liberalen Programmes auf der Tabula rasa
einer neuen Staatsordnung bildete, worauf dann erst, seit 1878,
eine konservative Strömung korrigierend und leise gegensätz⸗
lich zufügend folgte, war der Gang der Entwicklung in Oster⸗
reich in manchem Betracht der umgekehrte. Österreich ist an sich
ein alter, ein konservativer Staat: wie viele seiner modernsten
Behörden und seiner Verkehrsanstalten sind nicht in uralten
Gebäuden, Palästen, Kirchen, Räumen womöglich noch mit
Inschriftsteinen aus römischer Zeit, untergebracht, während das
neue Deutsche Reich überall, ein Symbol seiner jungen Entstehung,
neue Amtsgebäude, besonders Postbauten, errichtet hat. So ent⸗
sprach es dem Charakter der habsburgischen Monarchie, wenn der
Staatsumwälzung keineswegs absolute Umwälzungen der inneren
Verwaltung und Politik parallel gingen. Vielmehr blieb in dieser
Hinsicht zunächst wenigstens alles beim alten; und erst etwas
spätere Zeiten haben dann auch gründliche Wandlungen ins
Moderne gebracht.
Wie ganz anders verliefen da die ersten Maßregeln innerer
Politik selbst schon allein in Preußen!
Vor dem Kriege hatte in Preußen der Verfassungsstreit
erbitterter als je getobt. Sein Objekt war das Budgetrecht
gewesen, seine Veranlassung die Reorganisation des Heeres
durch König Wilhelm. Seit vier Jahren, von 1862 bis 1865,
war unter diesem Kampfe kein Staatshaushalt regelrecht mehr
beschlossen worden, waren die Steuern von der Regierung un—
gesetzlich erhoben und ungesetzlich verwendet worden.
Freilich: hatte schon der Krieg des Jahres 1864 gezeigt,
wie die Forderung der Regierung sachlich doch berechtigt ge—
wesen war, so wurde der Beweis durch die Erfolge des Jahres
        <pb n="143" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 498

1866 geradezu überwältigend erbracht. Diesem Eindruck entzog
sich auch das Land nicht. Die Neuwahlen zum Abgeordnetenhaus,
die am Tage der Schlacht bei Königgrätz stattfanden, brachten
der Regierung fast schon eine Mehrheit an Stelle der elf Mann,
auf die sie im letzten Landtage noch hatte zählen können.
Gespannt aber war die Welt, wie sich die Regierung jetzt,
nach dem Kriege, siegreich und gefeiert, zu dem immer noch
nicht beseitigten Verfassungskonflikte stellen würde. Und da
fehlte es denn nicht an Männern, die dem Könige rieten,
er möge den Sieg dazu benutzen, den altpreußischen Staat
in seiner akonstitutionellen Reinheit wiederherzustellen und die
parlamentarische Rederei zu beseitigen: Preußen sei als Militär⸗
staat groß geworden und könne fich nur als Militärstaat er⸗
halten. Sogar im Ministerium scheint diese Meinung über—
wogen zu haben. Aber ihr stellte sich Bismarck mit dem ganzen
Gewicht seiner Persönlichkeit entgegen. Schon vor dem Kriege
hatte er, zur Versöhnung der Leidenschaften, für die seit
bier Jahren ohne Gesetz geführte Verwaltung nachträglich in
einem Indemnitätsgesetze die verfassungsmäßige Zustimmung
fordern wollen, wie er denn um diese Zeit auch mit Fuhrern
des gemäßigten Flügels der Opposition, Twesten, von Unruh,
in Verbindung getreten war. Jetzt, am 3. August, gelang es
ihm, im Verein mit den Ministern Eulenburg und von der
Heydt, nach langem Kampfe den König zu dieser Ansicht, die
freilich die Anerkennung des konstitutionellen Regimes in sich
schloß, zu bewegen.
Am 4. August kehrte König Wilhelm nach Berlin zurück;
am 5. August eröffnete er mit einer Thronrede im Weißen Saal
persönlich den Landtag. Es geschah unter atemloser Spannung.
Aber wie verwandelte diese sich in hohe Freude, als die Ein⸗
bringung der Indemnitätsvorlage verkündet wurde. Die Finanz⸗
lage konnte zudem als glänzend bezeichnet werden.
Nun schmolz auch im Abgeordnetenhause das Eis. Der
bisherige Präsident Grabow bat, ihm nicht wieder den Vorsitz
zu übertragen, da seine Person vielleicht ein Hindernis der
Versöhnung sein könne. Man willfahrte ihm; an seiner Stelle
        <pb n="144" />
        194 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

wurde Forckenbeck, von der gemäßigten Opposition, gewählt.
Vor allem aber kam es jetzt zur endgültigen Bildung der
nationalliberalen Partei aus denjenigen Liberalen, die den
praktischen Fortschritt höher erachteten als einseitiges Kleben an
unerreichbaren Zielen der Doktrin: Twesten, Lasker, Forckenbeck,
aus den annektierten Provinzen bald darauf von Bennigsen,
Miquel, Ötker wurden ihre hervorragendsten Mitglieder. Und
so stand denn in jeder Hinsicht eine neue Grundlage versöhnlichen
Wirkens in Aussicht. Schon am 14. August brachte die
Regierung das Indemnitätsgesetz beim Landtage ein; Bismarck
sprach gelegentlich seiner Erörterung die schönen Worte: „Wir
wünschen den Frieden, weil das Vaterland ihn in diesem Augen⸗
blick mehr bedarf als früher, weil wir hoffen, ihn jetzt zu
finden; wir hätten ihn früher gesucht, wenn wir gehofft hätten,
ihn früher finden zu können.“ Bald darauf wurde das Gesetz
mit zweihundertunddreißig gegen fünfundsiebzig Stimmen an⸗—
genommen: dagegen stimmten im wesentlichen nur die Fort—
schrittspartei und die katholische Fraktion unter Reichensperger.
Darauf gelangte besonders das Gesetz über die Annexionen
zur Erörterung, 17. August 1866. Es behandelte Hannover,
Kurhessen, Frankfurt, Nassau, später kam noch Schleswig—
Holstein hinzu. Das Ministerium wünschte für diese Länder
einstweilen nur die Personalunion mit der Krone Preußen,
um sie langsam an den neuen Zustand zu gewöhnen: das
Abgeordnetenhaus ging darüber hinaus und beschloß vielmehr
sofort eintretende Realunion und Einführung der preußischen
Verfassung mit dem 2. Oktober 1867. Am 7. September 1866
wurde die so veränderte Vorlage mit zweihundertdreiundsiebzig
gegen vierzehn Stimmen angenommen.
Ein neues Preußen war damit begründet: ein Preußen,
das mit seinem Besitzstand weit mehr als der Hohenzollernstaat
jeglicher früherer Zeiten in die westlichen Gebiete, das deutsche
Mutterland, hineinragte und dadurch recht eigentlich erst geeignet
wurde, als Aufnahme- und Führerstaat eines künftigen Deutsch—
lands zu dienen. Erleichtert wurde diese Aufgabe der Zukunft
aber schon in der Gegenwart dadurch, daß sich besonders Nassau
        <pb n="145" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 495

und Kurhessen den neuen Verhältnissen sehr rasch fügten, da
die früheren Herrscher infolge verkehrter Regierung nur wenige
Sympathien behielten. Anders in Hannoder, wo bis dahin
schon eine treffliche Verwaltung bestanden hatte und die Inter⸗
essen des Landes gerecht wahrgenommen worden waren. Hier
hildete sich eine besondere, dem neuen Zustande feindliche
Welfenpartei, die durch den König Georg in Hietzing und
namentlich durch die Königin Marie nicht wenig unterstützt und
ermutigt wurde. Im übrigen aber stellte sich heraus, daß auch
in diesem Falle das alte Wort Victi victoribus leges dedere
nicht ohne Wahrheit blieb: sehr beträchtlich erwies sich bald
der Einfluß der Bevölkerung und des Beamtentums der annek⸗
tierten Länder, namentlich Hannovers, auf die Verwaltung des
neuen Heimatstaates; schon früh hat es ein Hannoveraner,
Leonhardt, sogar zum preußischen Justizminister gebracht.
Uber Preußen und seine Annexionen hinaus aber kam es
darauf an, die preußische Hegemonie in Norddeutschland über⸗
haupt zu sichern. Bismarck sah diese Aufgabe recht eigentlich
als eine für ihn persönlich gegebene an; die Verfassung des
Norddeutschen Bundes, die später zur Reichsverfassung wurde,
geht in ihren politisch wichtigsten Teilen fast ganz auf ihn
allein zurück. Maßgebend für ihre Entwicklung aber war die
Beschränkung der Verfassungsparagraphen auf nichts als das
politisch unbedingt Notwendige, sowie der Anschluß an manche
Errungenschaften der Reichsverfassung von 1849 und zugleich
an die bisherige Verfassung des Deutschen Bundes in dem
Sinne, daß Preußen nur die Stellung einnehmen sollte, die
im alten Bunde für Ögsterreich gegolten hatte.
Nun hatte Bismarck, was er in dieser Hinsicht für er—
forderlich hielt, schon am 22. Februar 1865 einmal aus⸗
gesprochen in den Bedingungen, die er für die Anerkennung des
Herzogs Friedrich von Schleswig⸗Holstein gestellt hatte. Er
verlangte damals, wie wir uns erinnern wollen!: festes und
mcuflosliches Bundnis mit Preußen; organis chen Anschluß der

1S. oben S. 445.
        <pb n="146" />
        496 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

Wehrkraft an die preußische Heeresverfassung; Verschmelzung
der Marine mit der preußischen; Übergang der diplomatischen
Vertretung an Preußen; Eintritt in den Zollverein; eine
oberste Aufsicht und gewisse Eingriffsbefugnisse Preußens in die
Verwaltung der Post und der Telegraphen. Dagegen sollte
die ganze innere Verwaltung Schleswig-Holsteins frei sein.
Dieselben Fragen hatte dann Preußen unmittelbar vor Aus—
bruch des Krieges, am 14. Juni 1866, nach der Abstimmung
im Bundestage über die Mobilmachung, in der Form eines
Projektes der Bundesreform den Bundesstaaten vorgelegt. Da—
nach sollte an die führende Macht, als welche Preußen gedacht
war, übergehen: Heerwesen, Marine, Diplomatie, Handels-,
Zoll⸗ und Verkehrsangelegenheiten, während alles übrige den
einzelnen Staaten überlassen bleiben sollte: also vornehmlich
innere Verwaltung, Justiz, Kirche und Schule. Aber diese An—
träge erschienen diesmal ergänzt durch den Vorschlag, neben die
Bundesexekutive eine Vertretung des Volkes zu stellen, und
zwar auf breitester demokratischer Grundlage: einen Reichstag,
der aus allgemeiner direkter und geheimer Wahl hervorgehen
sollte. Bismarck durfte hoffen, damit im Grunde doch die
Meinung, ja Sehnsucht jedes Deutschen zu treffen. In der
württembergischen Kammer war schon früh im dahre 1866
die Forderung eines deutschen Parlaments gestellt worden. In
Bayern waren am 21. Mai, in Hannover am 29. Mai ähnliche
Beschlüsse gefaßt worden; und am 11. Juli hatten sich in
Sachsen beide Kammern der Stände auf den schon bestimmter
formulierten Antrag geeinigt: „Die Regierung möge energisch
dafür wirken, daß die Einberufung des deutschen Parlaments,
keiner Delegiertenversammlung“ — wie sie Hsterreich vor⸗
geschlagen hatte —, „vielmehr einer Versammlung auf Grund
direkter Wahlen, in ganz Deutschland und längstens im künftigen
Monat erfolge.“ In Hessen-Darmstadt aber hatte, noch weiter
gehend, die Regierung am 10. Juni erklärt, sie strebe danach,
daß „die Einigung des deutschen Volkes in einem freigewählten
Parlament als Ziel des drohenden Kampfes erstrebt und er—
rungen werde — in einem Parlament, das, mit der Fülle
        <pb n="147" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 497

konstitutioneller Befugnisse ausgestattet, die über die Einzel—
regierungen zu stellende Zentralgewalt zu unterstützen und mit
dieser den Gesamtwillen Deutschlands zur Geltung zu bringen
imstande sei“. Weitgehende, aber etwas unbestimmte Worte,
die darum wirksam durch eine Adresse der Kammer an den
Großherzog vom 18. Juni ergänzt worden waren, in der die
Bitte vorgetragen wurde, auf Berufung eines Parlaments nach
dem Reichswahlgesetz vom Jahre 1849 hinzuwirken. Und eben
einen solchen Reichstag empfahl nun der preußische Vorschlag.
Was im übrigen die Exekutive des neuen Bundes anging,
so war über sie Genaueres nicht gesagt; sie sollte im Sinne
Bismarcks ganz der alten Bundesexekutive entsprechen, also in
der Hand aller Regierungen stehen, nur unter der präsidialen
Leitung Preußens, so wie diese Leitung bisher bei Osterreich
gestanden hatte.
Von diesen Grundlagen entfernte sich Preußen auch jetzt, nach
den Siegen des Jahres 1866, nicht, mit Ausnahme etwa der
Forderungen hinsichtlich der Militärverfassung; vielmehr lud es
auf sie hin am 4. August die Staaten des Nordens zum Anschlusse
an sich ein. Es war das gegenüber manchen Staaten gewiß ein
hochherziger Akt. Denn auch im Norden hatte Preußen während
des Krieges militärische Unterstützung nur bei wenigen kleinen
Staaten gefunden; sogar die Staaten, die in der letzten Sitzung
des Bundestages noch gegen Hsterreich gestimmt hatten, hatten
doch Neutralität zu bewahren gesucht und nur zaudernd ihren
Austritt aus dem Bunde erklärt. So hatte zum Beispiel der
Hamburger Senat seinen Widerstand gegen ein Bündnis mit
Preußen erst am 4. Juli aufgegeben, Weimar war erst am
5. Juli aus dem Bunde geschieden, und Braunschweig hatte
sich erst am 6. Juli Preußen angeschlossen. Dies alles ließ
iber Bismarck die kleinen norddeutschen Staaten nicht ent⸗
gelten. Es begannen mit ihnen Verhandlungen, die im all⸗
gemeinen bis zum 18. August 1866 zum Abschluß gediehen;
a die beiden Mecklenburg waren im Rückstande und traten
erst am 21. August dem Verhandlungsabschlusse bei.
Außerdem aber waren damals noch drei Staaten in eigen⸗
        <pb n="148" />
        498 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
artiger Lage, nämlich noch in offiziellem Kriegszustande mit
Preußen: Reuß älierer Linie, Sachsen-Meiningen und das
Königreich Sachsen.
Im Reiche Reuß herrschte damals als Regentin die Fürstin
Karoline, geborene Prinzessin von Hessen-Homburg. Sie war
mit sterreich gegangen, hatte ihr Heer nach Rastatt geschickt,
blieb von Preußens Siegen völlig unerschüttert und verharrte
im Zustand der Feindseligkeit auch nach Abschluß des Prager
Friedens. Es blieb nichts übrig, als sie noch besonders zu be⸗
fiegen. Im August wurden zwei preußische Kompagnien gegen
ihr Reich mobil gemacht und nach Greiz gelegt. Aber die stand⸗
hafte Frau hielt sich noch vier Wochen. Dann zahlte sie hundert⸗
tausend Taler an die preußische Invalidenkasse, denn sie wollte
absolut Kriegsentschädigung zahlen, und machte darauf ihren
Frieden mit Preußen.
In Meiningen regierte damals Herzog Bernhard, ein
charakterfester und treuer Mann und überzeugter Anhänger Oster⸗
reichs. Ihm wurde, als sich das Geschick Osterreichs erfüllte,
Thronentsagung zugemutet; allein er sah sie als eine Art von
Desertion und Hochverrat an; und erst eine preußische Exekutions⸗
truppe vermochte ihn, sich zu ihr, als durch eine foree majeure
erzwungen, zu verstehen. Darauf trat sein Land dem Nord⸗
deutschen Bunde bei.
Wichtiger und auch weit schwieriger lagen die Dinge für
das Königreich Sachsen. Wir wissen, daß König Wilhelm das
Land unbedingt annektieren wollte; gerettet wurde es überhaupt
nur durch sterreichs bundestreues Eintreten. Nun machte aber
die preußische Annexionspartei am Berliner Hofe die Einzel⸗
heiten des Friedensschlusses unendlich schwer, und auch Bismarck
weigerte sich, mit Beust zu verhandeln. Dieser mußte also ent⸗
lassen werden und fand sein Unterkommen in Hsterreich. Aber
auch dann kam man nicht vorwärts, bis sich Mitte Oktober
König Johann direkt an König Wilhelm wendete. Nun endlich
kam es zu einem Friedensschluß, der sich für Sachsen noch
leidlich gut gestaltete. Die wirklich drückenden Bedingungen
waren wenigftens nur vorübergehender Art: bis zur Re—
        <pb n="149" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 499

organisation der sächsischen Truppen im preußischen Sinne sollte
ein preußischer General den Oberbefehl haben und sollten in
Dresden und auf dem Königstein preußische Truppen in Garnison
liegen. Im übrigen trat Sachsen in den Norddeutschen Bund
ein und zahlte zehn Millionen Taler Kriegsentschädigung.
Nachdem diese Dinge bereinigt waren, nachdem auch die
Landtage der Einzelstaaten die neue Norddeutsche Bundes⸗
verfassung, die ganz den Vorschlägen Preußens entsprach, an⸗
genommen hatten, wobei eigentlich nur der preußische Landtag
vartikularistische Gesinnungen zeigte, begann in Norddeutschland
ein neues Leben zu erblühen.
Am 12. Februar 1867 trat der Reichstag des Norddeutschen
Bundes, hervorgegangen aus allgemeiner und direkter Wahl,
zusammen; er tagte vom 24. Februar bis 17. April und nahm
am 16. April die Bundesverfassung mit gewissen, übrigens nicht
hedeutenden Modifikationen, wenn auch nicht ohne jegliche
Schwierigkeiten, an. Als Organe der Verfassung treten auf
der Reichstag, der Bundesrat und das Bundespräsidium. Der
Reichstag geht aus allgemeinen gleichen und direkten Volks—
wahlen mit geheimer Abstimmung hervor; die Abgeordneten
beziehen keine Diäten; die Legislaturperiode beträgt drei Jahre.
Der Bundesrat besteht aus den Vertretern der vierundzwanzig
Regierungen mit einer nach der Größe der Staaten abgestuften
Stimmenzahl. Das Bundespräsidium steht dem König von
Preußen zu, der etwa fünf Sechstel des ganzen Gebietes direkt
beherrscht; er bestellt als ausführendes Organ den Bundeskanzler,
der dem Reichstage verantwortlich ist. Dem Bundespräsidium
fallen die wichtigsten Aufgaben der vollziehenden Gewalt zu:
die auswärtige Vertretung des Bundes in Krieg und Frieden,
die Berufung des Bundesrates und des Reichstages, die Ver⸗
kündigung und Überwachung der Ausführung der Gesetze, die
Ernennung der Bundesbeamten. Der Bundesrat übt gemeinsam
mit dem Reichstage die Gesetzgebung aus. Gegenstände der
Gesetzgebung sind: die Freizügigkeits⸗, Heimats⸗ und Nieder—⸗
lassungsverhältnisse, die wirts chaftliche Gesetzgebung, das Vereins⸗
und Pressewesen, das Heer.
        <pb n="150" />
        300 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

Auf allen diesen Gebieten entfaltete nun der Bund in den
Jahren 1867 bis 1870 eine überaus fruchtbare Gesetzgebung,
wie sie aus dem freudigen Zusammengehen von Reichstag und
Regierung resultierte. Diese Gesetzgebung war der Hauptsäche
nach liberal, sehr natürlich, da der Vollendung entgegen—
gehende Einheit und Liberalismus entwicklungsmäßig aufs engste
zusammenhingen; und sie wurde sehr bald von dauerndem Werte,
da sie mit Gründung des Reiches auf dieses und somit auf das
ganze kleindeutsche Staatsgebiet überging.
Zunächst handelte es sich dabei um die Ordnung der
Finanzen. Das gesamte Zollwesen fiel dem Bunde zu, außer⸗
dem die Besteuerung des Verbrauches von einheimischem Zucker,
von Branntwein, Salz, Bier und Tabak; später sind dann
noch weit mehr Artikel indirekter Besteuerung hinzugekommen.
Auf diese Weise erhielt der Bund die hauptsächlichsten indirekten
Steuern und wurde dadurch finanziell selbständig. Für den Fall
aber, daß die Bundessteuern für die Bedürfnisse des Bundes nicht
ausreichen sollten, war vorgesehen, daß die Staaten Matrikular—
beiträge zu zahlen hatten.
Nicht minder wichtig war weiterhin die Ordnung des Heer⸗
wesens. Es wurde mit zwölf Dienstjahren, drei in der Linie,
bdier in der Reserve, fünf in der Landwehr, zunächst überall auf
preußischen Fuß gebracht und somit auch in Preußen, gegen⸗
über dem früheren Widerstreben des Landtags, als gesetzlich
anerkannt. Finanziell aber wollte die Regierung das Heerwesen
von parlamentarischer Bewilligung unabhängig stellen, indem
sie forderte, es solle ihr ein für allemal für jeden Mann der
Friedensstärke ein Pauschquantum von zweihundertfünfund—
zwanzig Talern jährlich bewilligt werden. Allein darauf ließ
man sich im Reichstage nicht ein. Vielmehr wurde der Regierung
dieses Pauschquantum nur bis zum Jahre 1871 für eine Friedens⸗
stärke bewilligt, welche einem Prozent der Bevölkerung gleich—
kommen sollte. Später sollte dann die Heeresgesetzgebung ganz
analog anderen Gesetzgebungsmaterien behandelt werden.
Umfassend sorgte die Gesetzgebung des Bundes auch für
den Ausbau eines allgemeinen norddeutschen staatlichen Heimats—
        <pb n="151" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 501

rechtes (Indigenats): Gesetze über Freizügigkeit, Unterstützungs⸗
wohnsitz, Paßwesen, Aufhebung der in einzelnen Staaten noch
rechtsgültigen polizeilichen Beschränkungen der Eheschließung
wurden eifrig durchberaten und erlassen. Daneben wurde auch
die staatsbürgerliche Stellung der Bundesangehörigen aus—
gebaut; es geschah in einem Gesetz über die Gleichberechtigung
der Konfessionen in bürgerlicher und staatsbürgerlicher Hinsicht;
auch das Strafgesetzbuch vom 81. Mai 1870 kann in diesen
Zusammenhang gezogen werden.
Endlich veranlaßte das sich immer rascher entwickelnde
Wirtschaftsleben der Nation und eine Periode sich hauptsächlich
hieran anschließender starker sozialer Veränderungen eine
ungemein rege Gesetzgebung auf sozialem und wirtschaftlichem
Gebiete: hierhin gehört das Handelsgesetzbuch vom 5. Juni 1869;
eine neue Wechselordnung, ein Altiengesetz, eine neue Maß⸗
und Gewichtsordnung, ein Gesetz über den stärkeren Ausbau des
Konsulatswesens und die Errichtung eines Bundesoberlandes⸗
gerichts.
In allen diesen Gesetzen aber, besonders aber in denen
über das Verkehrs- und Handelswesen, lagen zugleich wesentliche
Vorbereitungen für ein größeres deutsches Gemeinwesen, ein
Deutsches Reich. Und schon war dies auch politisch fast bis
auf den formellen Abschluß gefördert.
In Süddeutschland hatte der Vermittlungsversuch Napoleons
in den Friedensverhandlungen zwischen Preußen und Hsterreich
einen fuür Preußen außerordentlich günstigen Umschwung der
öffentlichen Meinung bewirkt. Bis dahin hatte man geglaubt,
Bismarck spiele mit Napoleon unter einer Decke: jetzt sah man
diesen im Gegenteil mit sterreich zusammengehen und fühlte
somit in Berlin den einzigen Halt gegenüber französischen An—
sprüchen. Dies um so mehr, als das Selbständigkeitsgefühl, das
his elwa 1848 dem Rückhalt an der Heiligen Allianz verdankt
wurde, den kleineren Staaten schon längst entwichen war. Es
var ein Umschwung, von dessen Betrachtung her Bismarck schon
in der Denkschrift vom 18. Mai 1857 ausgeführt hatte, die
Fuͤrsten hätten jetzt nicht mehr das Zutrauen, daß ihre Stellung
        <pb n="152" />
        302 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

in und nach den Wechselfällen des Krieges von Österreich und
Preußen besser respektiert werden würde als von Frankreich.
„Die Herren haben selbst das Gefühl, daß die Kleinstaaterei
mit ihrer heutigen hochgeschraubten Souveränität für Deutsch—
land ein Übel, den französischen Interessen aber nicht nachteilig
ist . . . Angesichts dieser naheliegenden Erwägungen gehört für
die süddeutschen Staaten ein sehr hoher Grad von Bundes—
patriotismus dazu, wenn sie ihre Thermopylen am Rhein
machen oder nötigenfalls die Wiedereroberung ihrer Länder im
preußisch-österreichischen Lager abwarten sollten; sie werden in
der Gefahr nach dem Sprichwort handeln, daß das Hemd
einem näher ist als der Rock, das eigene Land näher als der
Bund; sie werden beizeiten in Paris direkte Garantien zu er⸗
halten suchen, vielleicht sogar Aussicht auf Gewinn. Frank—
reich kann Württemberg und Bayern versprechen, ihnen Baden
—EDD—
des deutschen inneren Grenzwesens lockend erscheinen lassen.
Aber schon der Erhaltungstrieb allein weist die kleineren
Souveräne gegenüber dem Mißbehagen, mit welchem die Viel—
herrlichkeit Deutschland erfüllt, auf außerdeutsche Anlehnung
hin, und in den höchsten Kreisen von Paris hat man leicht
den Eindruck, daß diese Anlehnung dort, wenn nicht schon ge⸗
funden ist, doch gesucht wird, und daß Frankreich nicht glaubt,
in einem deutschen Kriege die volle Bundesarmee gegen sich zu
haben.“ Aus solchen Betrachtungen her hatten nun die Re—
gierungen der Südstaaten nichts mehr gefürchtet als eine poli—
tische Übereinstimmung zwischen Frankreich und Preußen. Wie
froh waren sie daher, als sie sahen, diese Furcht sei gegen—
standslos und Preußen vielmehr für sie gegen Frankreich auf
der Wache. Es war eine Position, die Preußen bei den Friedens⸗
schlüssen gegenüber den Südstaaten sehr zugute kommen mußte.
Die meisten Südstaaten hatten schon nach Nikolsburg
Vertreter zu Friedensverhandlungen gesandt; Bismarck hatte
sie aber, teilweise sogar sehr schroff, zurückgewiesen und auf
später vertröstet. Es kam damals eben alles darauf an, rasch
mit Osterreich abzuschließen, ehe sich europäische Schwierigkeiten
        <pb n="153" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 503

ergaben, wie sie namentlich durch Frankreichs, vielleicht auch
durch Rußlands Einsprache drohten. Als man sich dann, am
26. Juli, mit Österreich vorläufig ins Reine gekommen sah und
Bismarck am 4. August nach Berlin zurückgekehrt war, wurden
sofort die Minister der Südstaaten zu Unterhandlungen ent⸗
boten. Am raschesten kam es darauf mit Württemberg zum
Abschluß, am 18. August. Ein Angebot Wurttembergs, in den
Nordbund einzutreten, wurde zunächst abgelehnt, da es gegen
die preußisch⸗österreichischen Abmachungen verstieß. Das Gleiche
geschah auch gegenüber den anderen Staaten. Dagegen stellte
fich auch schon bei den württembergischen Verhandlungen heraus,
daß die Südstaaten keineswegs geneigt waren, die in den
Nikolsburger Präliminarien erwähnte besondere süddeutsche
Union zu bilden: wenigstens Württemberg und Baden scheuten
davor zurück. Sie wollten lieber Schutz⸗ und Trutzbündnisse
mit Preußen abschließen. Und hier versagte sich Bismarck nicht,
ja spielte, um sie durchzusetzen, in der öffentlichen Meinung
sogar die französischen Kompensationsgelüste aus. So schloß
denn Württemberg mit Preußen unter folgenden Bedingungen
ab: Geheimes Schutz⸗ und Trutzbündnis, wonach beim Ausbruch
eines Krieges die Truppen Württembergs unter den Oberbefehl
des Königs von Preußen treten sollten; Wiederherstellung des
Zollvereins; Vereinbarung zweckdienlicher und liberaler Grund⸗
sätze über Eisenbahnbau und Eisenbahnverkehr; Kriegs⸗
entschädigung von acht Millionen Gulden. Den Verhandlungen
mit Württemberg aber folgten bald auch die Abschlüsse mit
den anderen kleineren süddeutschen Staaten auf wesentlich gleicher
Grundlage. So zunächst mit Baden am 17. August, dann auch
mit Hessen-⸗Darmstadt, nach törichten Versuchen Dalwigks, sich an
Frankreich zu halten, und einer erfolgreicheren Anklammerung
an Rußland, am 3. September 1866.
Etwas schwieriger gestalteten sich die am 22. August ab⸗
schließenden Verhandlungen mit Bayern. Hier forderte Preußen
zuerst sehr viel, auch in einem späteren Stadium der Ver—
—0 Kontribution von
dreißig Millionen Gulden. Doch gelang es Bismarck, König
        <pb n="154" />
        504 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

Wilhelm von der Landforderung abzubringen; gleichzeitig weihte
er den führenden bayerischen Minister von der Pfordten in die
damaligen Versuche Napoleons ein, das linke Rheinufer an sich
zu bringen: wobei Pfordten Bayern als in der Pfalz bedroht
erkannte und darum nun auch seinerseits das Schutz- und Trutz⸗
bündnis abschloß, das die anderen süddeutschen Staaten mit
Preußen eingegangen waren.
Die Friedensschlüsse mit den Südstaaten waren für die
deutsche Zukunft von überaus glücklicher Bedeutung. Da man
die Integrität der Staaten beinahe gänzlich anerkannt hatte —
auch Bayern hatte nur kleine Landesteile zur Grenzberichtigung
abzutreten —, erwies sich die Eigenliebe der Süddeutschen ge⸗—
schont. Gleichzeitig aber waren sie durch die französische Ge—
fahr zum Anschluß an den großen Nordbund unter Preußens
Führung im Kriegsfall getrieben worden: militärisch war die
Einheit des engeren Deutschlands nahezu vollendet. Dennoch
waren auch durch diese Vorgänge süddeutsche Sonderbunds-—
hestrebungen noch nicht völlig ausgeschlossen.
Im Prager Frieden war den süddeutschen Staaten eigent—
lich schon ihre Souveränität und auch ihr Länderbestand gewähr—
leistet worden; zugleich aber waren sie durch diesen Frieden
darauf hingewiesen worden, miteinander einen besonderen Süd⸗
hund zu begründen. Von diesem Bunde wollten nun allerdings,
wie schon bemerkt, in Baden und in Württemberg wenigstens
die Regierungen im Grunde nichts wissen: sie fürchteten in ihm
eine Majorisierung durch Bayern. In Bayern dagegen suchte
man um so mehr an dem Gedanken festzuhalten. Und ihn in
bestimmtem Verhältnis zum Norddeutschen Bund und zu ster⸗
reich durchzuführen, war besonders der Gedanke des Fürsten
Hohenlohe, des späteren Botschafters, elsaß-lothringischen Statt⸗
—O
Bayern Minister des Außeren geworden war. Er vereinigte
mit einer ausgesprochenen Überzeugung von der Notwendigkeit
einer festen Stellungnahme zum Norden gut bayerisch-liberale
Gesinnung, ganz im Sinne seines Königs, des phantastischen
Ludwig II.
        <pb n="155" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 505

Nun waren die süddeutschen Staaten in den Schutz— und
Trutzbündnissen mit Preußen die Verpflichtung eingegangen,
ihre militärischen Kontingente tunlichst auf preußischen Fuß zu
bringen. Zu gemeinsamem Vorgehen in dieser Richtung regte
Hohenlohe jetzt militärische Konferenzen der Staaten unter⸗
einander an; und diese fanden am 83. bis 5. Februar 1867 zu
Stuttgart statt. Ihr Ergebnis hatte finanzielle Folgen, so daß
deren Erörterung vor die Landtage gebracht werden mußte.
Bei dieser Gelegenheit wurde nun zunächst die Existenz der
bisher geheimgehaltenen Schutz- und Trutzbündnisse bekannt, und
so publizierte sie nunmehr Bismarck, am 19. März 1867. Sie
erregten allgemeine Befriedigung um so mehr, als man sich
eben damals von Frankreich in der Luxemburger Sache, von der
bald zu erzählen sein wird!, von neuem bedroht sah. Hohenlohe
aber glaubte, jetzt auch noch über die bestehenden Abmachungen
hinaus für die Sicherheit Bayerns und Süddeutschlands sorgen
zu müssen und damit zugleich die Sache des gesonderten Süd⸗
bundes fördern zu können. Er sandte im April 1867 den
Grafen Tauffkirchen nach Berlin und Wien. Tauffkirchen
sollte einen Dreibund des Norddeutschen Bundes, des zu be⸗
gründenden Südbundes und Osterreichs gegen Frankreich zu
defensiven Zwecken anregen. Und da stellte sich denn heraus,
daß zunächst Bismarck dem Gedanken nicht entgegentrat, wohl
aber die Ausdehnung auf Rußland oder wenigstens die Kenntnis⸗
nahme Rußlands vom Bestande des Bundes wünschte. Bei
den damals bestehenden überaus freundlichen Beziehungen
wischen Preußen und Rußland erschien ihm das eigentlich
als selbstverständlich. Im übrigen aber opponierte er nicht,
vermutlich, weil er wußte, daß die Mission Tauffkirchens in
Wien scheitern würde. Dies war nun in der Tat auch der
Fall. Der österreichische Kanzler Beust war damals schon längst
der festen Absicht, sich mit Frankreich zu verbinden, um mit
ihm gemeinsam die Ereignisse von 1866 ungeschehen zu machen.
Er wies den Grafen Tauffkirchen ab.

S. unten S. 518 ff.
Lamprecht, Deutsche Geschichte. XI, 2.
        <pb n="156" />
        306 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

Nunmehr versuchte Hohenlohe, unabhängig von inter—
nationalen Beziehungen, aber doch in engem Zusammenhange
mit dem Norddeutschen Bunde, einige Einheit in der süd—
deutschen Entwicklung herbeizuführen. Er schlug vor, gewisse
Angelegenheilen aller deutschen Staaten sollten als gemeinsam
bezeichnet und unter gleichlautenden oder ähnlichen Vorlagen
vom norddeutschen Reichstag und von den süddeutschen Ständen
gleichzeitig, aber getrennt beraten werden.
Demgegenüber riet Baden zu einer einfachen Verstärkung
des norddeutschen Reichstags durch süddeutsche Mitglieder.
Allein es fand hiermit in Berlin keine Gegenliebe. In
der Tat wäre jede Maßregel dieser Art auf eine Verletzung des
Prager Friedens hinausgelaufen; und so glaubte Bismarck, bei
den drohenden Verhältnissen in Frankreich, die Verantwortung
dafür nicht auf sich nehmen zu können.
Dagegen bot sich von einer anderen Seite her eben jetzt
die Möglichkeit einer weiteren Einigung des Nordens und des
Südens, die zugleich alle Velleitäten Bayerns auf Begründung
eines Südbundes ausschloß. Der Anlaß wurde gegeben durch
die Zollverhältnisse. Unsere Erzählung hat hier etwas weiter
zurückzugreifen.
Die Zollvereinspolitik war eines der wesentlichsten Mittel
gewesen, mit denen Preußen in den dreißiger und vierziger
Jahren auf eine künftige Einigung Deutschlands unter seiner
Führung hingearbeitet hatte. Als ein solches hatte sie sich dann
auch sogar in den Zeiten der Reaktion, in den fünfziger Jahren,
bewährt.
Als Österreich, nach dem Tage von Olmütz 1851, seinen
Nebenbuhler ganz zu demütigen bemüht war, hatte es ihm vor
allem auch den Zollverein zu entwinden gesucht, indem es mit
Hilfe einiger süddeutschen Regierungen selbst in den Zollverein
zu gelangen suchte, um diesen dann seinerseits zu beherrschen.
Preußen hatte aber durch raschen Abschluß mit dem damals
noch unter der Führung Hannovers bestehenden niedersächsischen
Steuervberein die Verwirklichung dieser Absicht, wenn nicht ver—
eitelt, so doch wenigstens hinausgeschoben; und indem es am
        <pb n="157" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 507

7. September 1851 diesen Verein unter vorteilhaften Be⸗
dingungen in den Zollverein aufnahm, mußte es nach der
Natur der Dinge sogar auch die anderen Staaten langsam auf
seine Seite ziehen.
Zwar hielt eine Anzahl von Staaten auch noch im Jahre
1852 Zollkonferenzen zu Wien und Darmstadt ab, um für
die Zollvereinigung mit sterreich zu wirken; man konnte
aber nur durchsetzen, daß Preußen in einen Vertrag willigte,
in welchem sterreich mit dem Zollverein gegenseitige Zoll⸗
erleichterungen festsetzte, und in dem von dem vollen, später
oielleicht einmal möglichen Eintritt Hsterreichs in den Zollverein
die Rede war; 19. Februar 1853.
Im ganzen aber ging die preußische nationale Handels⸗
politik gestärkt aus diesen Versuchen Hsterreichs hervor, sie zu
sprengen oder für sich auszunutzen.
Ganz anders aber verstärkte sich die preußische Stellung
noch seit Anfang der sechziger Jahre. Damals führte Napoleon
durch einen freihändlerischen Handelsvertrag mit England eine
holle Revolution in den europäischen Handelsverträgen herbei.
Im Laufe dieser Strömung schloß nun auch Preußen 1862 für
sich und den Zollverein einen ziemlich freihändlerischen Vertrag
mit Frankreich ab. Es war an sich ein großer kommerzieller
Fortschritt. Allein eine Anzahl deutscher Staaten wollte zunächst
davon nichts wissen, im Gegenteil gedachten sie das Miß⸗
vergnügen mit dem Vertrage zu dem erneuten Versuche zu be⸗
autzen, sterreich bei der bevorstehenden Erneuerung des Zoll⸗
vereins in diesen hineinzubringen. Und Osterreich hatte sich für
diesen Fall zur Annahme des ganzen Zollvereinstarifs erboten.
Aber auch diesmal siegte Preußen. Es hielt fest an dem
französischen Vertrag; die industriellen Teile Deutschlands er⸗
kannten bald dessen Vorteile, so namentlich das Königreich
Sachsen, und so fügte man sich bald: im Jahre 1864 wurde
ganz allgemein der Zollverein, und zwar ohne Osterreich, glänzend
erneuert.
So lagen die Dinge im Jahre 1866. Der Krieg hatte
dann, wie alle Verträge zwischen den deutschen Staaten, so
3 *
        <pb n="158" />
        508 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

auch den Zollvereinsvertrag gelöst; und nach seiner Beendigung
wurde Norddeutschland ein vollständig einheitliches Zollgebiet.
Gegenüber den Südstaaten aber nutzte Preußen dann schon die
Friedensverträge aus, um eine Neubegründung des Zollvereins
in noch dauerhafterer Weise als bisher in Aussicht zu nehmen.
Während nämlich bisher das liberum veéto der alten Bundes—
derfassung auch im Zollverein gegolten hatte, so daß eine einzige
Stimme durch ihren Widerspruch Beschlüsse des ganzen Vereins
hintertreiben konnte, wurde jetzt für den Fall der Erneuerung des
Zollvereins eine Abstimmung nach Stimmenmehrheit festgesetzt.
Viel weiter war aber mittlerweile die Bewegung in den
freien volkswirtschaftlichen Kreisen der Nation gegangen. Auf
einer Versammlung der Ausschüsse des deutschen Handelstages,
des volkswirtschaftlichen Kongresses und des Nationalvereins zu
Braunschweig am 4. August 1866 hatte Karl Braun-Wiesbaden
beantragt, die Verwaltung der Zollvereinsangelegenheiten solle
der Zentralgewalt im Bundesstaate und die Gesetzgebung darüber
dem Bundesparlament zufallen; zu letzterem seien für diesen
Zweck süddeutsche Abgeordnete hinzuzuwählen. Es war die Er⸗
weiterung eines Gedankens Bismarcks schon vom Jahre 1858,
wonach sich der Zollverein durch eine Art Zollparlament, eine
Einrichtung, wie sie bei den Unionsbestrebungen von 1849 ge—
plant gewesen sei, ergänzen und umbilden müsse. Die Ab—⸗
stimmung in Braunschweig aber ergab nicht bloß die Annahme,
sondern eine Verschärfung dieses Autrags: das Interim sollte
bloß bis 1870 dauern: dann sollten die Süddeutschen dem
Norddeutschen Bunde ganz beitreten oder vor die harte Ebentualität
gestellt werden, den Zollverein zu verlassen.
Es zog also die nationale Strömung aus der Erneuerung
des Zollvereins sofort die weitesten politischen Konsequenzen.
Bismarck folgte ihr aber auf diesem Wege jetzt noch nicht, so
wenig wie er einen späteren Antrag Badens, in den Nord⸗
deutschen Bund aufgenommen zu werden, annahm: er wollte
Napoleon keinen Anlaß zum Einschreiten geben. Wohl aber stellte
er sich wirtschaftlich ganz auf den Boden des Braunschen An⸗
trages. Er lud am 28. Mai 1867 die süddeutschen Staaten zu Ver—
        <pb n="159" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 509

handlungen in Berlin ein und vereinbarte mit ihnen am 3. und
4. Juni einen Präliminarvertrag, dem am 8. Juli der volle
Abschluß folgte. Dieser neue Vertrag sollte auf zwölf Jahre
gelten und ewig dauern, falls er nicht vor Ablauf des zehnten
Jahres gekündigt würde. Nach ihm wurde der Zollverein er—
aeuert, aber gekrönt durch eine Zollverfassung, die in Wirtschafts⸗
fragen hinweg über alle Gedaͤnken eines Südbundes das ein⸗
heitliche Deutschland herstellte. Dem Norddeutschen Bundesrat
wurden für die Gesetzgebung über das Zollwesen Vertreter der
süddeutschen Staaten, Bayern mit sechs, Württemberg mit
vier, Baden und Hessen mit je drei Stimmen, zugefügt: er
wurde also für die Zollsachen zu einem Deutschen Bundesrat
erweitert. In gleicher Weise traten für die Beratung in Zoll⸗
sachen dem norddeutschen Reichstage süddeutsche Abgeordnete
bei, die ganz nach den Grundsätzen der norddeutschen Ab—
geordnetenwahl gewählt wurden: für diese Dinge erweiterte sich
aͤlso der norddeutsche Reichstag zum deutschen Reichstag.
Damit war außer in Militärfragen auch auf dem wirt—
schaftlichen Gebiete die Einheit Deutschlands erreicht, trotz der
Mainlinie des Prager Friedens.
Da mußte es sich denn schon fragen, inwiefern die Süd⸗
deutschen, nachdem der Südbund an der Abneigung Badens
und Württembergs wie an dem Zwischengreifen der Zollvereins⸗
oerhandlungen gescheitert war, überhaupt geneigt waren, in
den Nordbund aufzugehen. Und eine deutliche Übersicht über
die Lage in dieser Hinsicht mußten die Wahlen und Verhand⸗
lungen des Zollparlaments geben.
Die ersten Wahlen für das Zollparlament fanden am
18. Februar 1868 statt. In Baden wurden sechs Klerikale ge⸗
wählt und acht Nationale. In Württemberg waren alle siebzehn
Gewählten oppositionell⸗ demokratisch⸗ großdeutsch. In Bayern
wurden fünfundzwanzig Partikularisten gewählt, wovon vier⸗
undzwanzig klerikal, dazu zwölf Nationale und sechs Mitglieder
des bayerischen Zentrums.
Das war ein keineswegs günstiges Resultat. Neben dem
großdeutsch⸗- demokratischen Element kündigte sich vernehmlich
        <pb n="160" />
        510 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

eine künftige klerikale Opposition an: und sie zeigte sich hier
sofort völlig als rein gegen die deutsche Einheit unter preußischer
Führung gerichtet; denn von kirchlichen und religiösen Fragen
konnte bei diesen Zollparlamentswahlen doch in keinem Sinne
die Rede sein.
Das gleiche Resultat ergaben die Verhandlungen des Zoll—
varlaments selbst, die am 27. April 1868 zu Berlin begannen.
Es war natürlich, daß in ihnen die künftige deutsche Einheit
gestreift wurde; schon die Thronrede vermied diesen Ton nicht
oöllig; und die Nationalen brachten alsbald eine Adresse an
König Wilhelm ein, die darauf hinauslief, das Zollparlament,
wie man sagte, in ein Vollparlament umgewandelt zu sehen.
Allein diese Adresse wurde, zumeist durch die Bemühungen der
süddeutschen Klerikalen, mit hundertsechsundachtzig gegen hundert—
undfünfzig Stimmen abgelehnt. Bismarck hatte Mühe, die er⸗
regten Geister zusammenzuhalten und auf den eigentlichen Gegen⸗
stand der Beratungen zu fixieren.
Hier lief denn allerdings alles so ziemlich glatt ab. Ein
Handelsvertrag mit sterreich wurde mit großer Majorität ge⸗
nehmigt, dagegen ein Petroleumzoll und die Erhöhung der
Tabaksteuer verworfen und der Plan einer allgemeinen Tarif—
reform von der Regierung zurückgezogen. Am 28. Mai 1868
wurde darauf die erste Session geschlossen; spätere Sessionen
in den Jahren 1869 und 1870 aber haben nur technischer Be—
ratung gedient; unter anderem wurde ein Handelsvertrag mit
der Schweiz geschlossen, ein neues Vereinszollgesetz nun wirk—
lich durchgebracht und die Rübenzuckersteuer geregelt.
Eine weitere Entwicklungsfähigkeit aber zur Lösung der
deutschen Einheitsfrage wohnte diesem Parlamente offenbar nicht
inne; um so weniger, als sich die Stimmungen in Süd—
deutschland im Laufe der folgenden Jahre gegenüber dem Nord⸗—
hund keineswegs besserten. Es ist ein Gegenstand, den ins
einzelne zu verfolgen von Wichtigkeit ist.
In Württemberg zunächst blieb noch die demokratisch—
großdeutsche Stimmung in der Herrschaft; ihr gegenüber
konnten auch die Klerikalen nicht aufkommen. Dabei entfaltete
        <pb n="161" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 511

die demokratische Partei innerhalb des Landes selbst eine segens⸗
reiche Tätigkeit; eine Reform der Verfassung in gutem Sinne
wurde im Jahre 1868 durchgeführt; eine Fülle von Ausführungs⸗
gesetzen sorgte für die Verbesserung der Schulen, des Gerichts⸗
vesens, der inneren Verwaltung.
Nach außen aber fürchtete man den Nordbund und nicht
minder den Ehrgeiz Bayerns. Am fühlbarsten machte sich
dabei doch der Einfluß des Nordbundes, das heißt Preußens;
und so zeigte man nach dieser Richtung am wenigsten freudige
Stimmung. Das Schutz- und Trutzbündnis rief bei seiner
Publikation im Jahre 1867 einen Sturm der Entrüstung her⸗
vor, und seine Wirkungen machten sich finanziell in der Tat
von Jahr zu Jahr schlimmer bemerkbar: und so konnte sich die
demokratische Partei noch im April 1869 mit Erfolg zugunsten
eines Milizsystems nach schweizerischem Muster aussprechen.
Gleichwohl war in Wuürttemberg, da unversöhnliche Gegen—
sätze nicht vorlagen, am ehesten noch auf eine Wendung der
allgemeinen Stimmung zugunsten einer deutschen Einheit unter
preußischer Fuhrung zu hoffen.
Viel weniger günstig lagen die Dinge in Bayern. Zwar
war das Schutz⸗ und Trutzbündnis mit Preußen geschlossen,
and die entsprechenden Kredite zur Umformung des Heeres
waren bewilligt worden. Auch zeigten die größeren Städte, in
denen die Mehrheit der protestantischen Bevölkerung saß, gemein⸗
deutsche Sympathien; vor allem galt das von denen der Pfalz.
Aber es kamen in dem Bayern der sechziger Jahre immerhin
nur 1600000 Protestanten auf 4700000 Einwohner, und die
Katholiken, namentlich des platten Landes, unterstanden ganz
dem Einfluß des Klerus. Was das aber bedeutete, hatten die
Zollvereinswahlen gezeigt.
Demgegenüber hatte das Ministerium Hohenlohe, liberal
und Preußen zugänglich gesinnt, schweren Stand. Trotzdem
nahm Hohenlohe, unter Zustimmung König Ludwigs II., sofort
den Kampf gegen die Klerikalen auf. Am 28. September 1867
hatte der Episkopat an den König eine Adresse gerichtet, in
Ker die Leitung des Unterrichts für die Kirche reklamiert
        <pb n="162" />
        512 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

wurde. Die Antwort war ein Gesetzentwurf, der die Schul—⸗
inspektion an Laien übertrug. Er ging im Landtag am
23. Februar 18609 mit hundertvierzehn gegen sechsundzwanzig
Stimmen durch. Aber der Reichsrat veränderte die Vorlage
so, daß sie, an den Landtag zurückgelangt, dessen Billigung
nicht fand.
Nun übertrug Hohenlohe den Kampf auf das internationale
Gebiet. Am 9. April 1869 erließ er an die bayerischen Ge—
sandten eine Note, in der auf die politische Tragweite der
längst bekannten Absichten der Kurie hingewiesen wurde, das
Dogma der Unfehlbarkeit erklären zu lassen. Allein auch hier
scheiterte er insofern, als sich die Mächte, von anderen Sorgen
bedrängt, dieser Frage nicht annahmen.
Unter diesen Umständen fanden, am 22. Mai 1869, die
bayerischen Landtagswahlen statt. Das Ergebnis waren neun—
undsiebzig klerikale, fünfundsiebzig liberale Abgeordnete. Schon
bei der Präsidentenwahl teilte sich das Haus in zwei Hälften
von je zweiundsiebzig Stimmen; ein siebenmaliger Wahlgang
blieb ohne Ergebnis. Darauf wurde die Kammer aufgelöst.
Die Neuwahlen am 25. November 1869 brachten nunmehr drei—
undachtzig Klerikale —, Patrioten“ — und einundsiebzig Liberale.
Jetzt reichte Hohenlohe seine Entlassung ein, aber der König
perweigerte die Annahme.
Am 7. Januar 1870 wurde der Landtag eröffnet. Hohen—
lohe zog mildere Saiten auf, ohne Erfolg. Vor allem auch der
Reichsrat erwies sich als feindlich. Es kam in ihm zur Be—
catung einer Adresse an den König, in der unverhohlenes Miß—
trauen zum Ministerium zum Ausdruck gelangte. Sie wurde
mit zweiunddreißig Stimmen gegen zwölf angenommen; unter
den Zustimmenden waren sechs Prinzen des königlichen Hauses,
trotz königlichen Verbotes. Der König nahm die Adresse nicht
an und lad die zwölf Opponenten des Reichsrates zum Essen.
Nachdem auch der Landtag die Adresse angenommen hatte,
erbat Hohenlohe von neuem seine Entlassung und empfahl als
seinen Nachfolger den Grafen Bray-Steinburg. Der König
folgte dem Rate des Fürsten, am 7. März 1870 wurde Graf
        <pb n="163" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 513

Bray Ministerpräsident. Es war ein alter Diplomat der
Metternichschen Schule; seine erste Rede lautete den Klerikalen
entgegenkommend. Mehr wie je seit 1866 schien damit Bayern
jetzt im klerikalen, preußenfeindlichen Fahrwasser.
Am eigenartigsten aber lagen die Dinge in Baden.
Baden hatte sich in den fünfziger Jahren mit am spätesten
der klerikalen Reaktion gefügt, und mit am frühesten tauchte
es in den sechziger Jahren aus ihr wieder empor. Im Jahre
1866 war man schon wieder in vollem Kampfe gegen den
Klerikalismus begriffen.
Der Staat hatte zunächst den katholisch⸗theologischen Unter⸗
richt seiner Aufsicht unterstellt. Hiergegen protestierte am
18. September 1866 der Erzbischof von Freiburg. Aber das
Ministerium fügte sich seiner Verwahrung nicht. Darauf regten
sich die Klerikalen im Lande; schon zum Zollparlament schickte
Baden sechs klerikale Abgeordnete. Am 1. Mai 1868 ver⸗
öffentlichten dann achtzig einflußreiche Klerikale einen Aufruf,
indem sie alle möglichen Freiheiten forderten, vor allem aber
die Freiheit der Kirche. Es war das bekannte Überspielen des
Klerikalismus in die Demokratie zur Erreichung tyrannischer
Zwecke. Und diesem Manifest sekundierte eine gleichzeitige Kund⸗
gebung der Großdeutschen.
Gegenüber diesen Vorgängen, die das Signal zu einer
hartnäckigen Agitation im einzelnen waren, konnte sich das
Ministerium Jolly, das seit dem 12. Februar 1868 bestand,
nur in fester Stützung auf die Liberalen halten. Aber die
Liberalen forderten jetzt ihrerseits einen hohen Preis ihrer
Beihilfe, indem sie weit mehr schon als das altliberale
Programm zu verwirklichen suchten. Am 29. Oktober 1869
mußte die Regierung das allgemeine Stimmrecht grundsätzlich
annehmen, am 17. November 1869 ging ein Gesetz über die
Zivilehe durch, und im ganzen gelang es, den Staat mindestens
vollkommen liberal umzugestalten: die Preßfreiheit wurde er⸗
weitert, die Unverletzlichkeit der Abgeordneten erhöht, die
ministerielle Verantwortlichkeit stärker entwickelt, der Klerus
staatlicher Kontrolle unterstellt, die religiösen Anstalten von den
        <pb n="164" />
        514 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

wohltätigen geschieden. Es war ein rapider Gang der Gesetz⸗
gebung, der dem Großherzog doch Bedenken erregte. Wieder⸗
holt hat er ihm gegenüber die Aufnahme in den Nordbund
nachgesucht, übrigens unter der Initiative und dem Beifall eben
der Liberalen selbst. Aber ohne Erfolg. Bismarck hat in dieser
Zeit einmal geäußert, er wolle den Rahm nicht von der Milch
abschöpfen, damit der Rest nicht sauer werde: er wußte wohl,
daß Bayern und Württemberg schwerer für die deutsche Ein—
heit zu haben sein würden, wenn man Baden vorzeitig auf—⸗
aähme.
Sucht man aber nach einem nächsten tieferen Grund, der
überall fast in Süddeutschland den Fortschritt des Einheits—
gedankens unter preußischer Führung hinderte, so kann man
kaum umhin, auf den Klerikalismus zu geraten. Er war ein
Feind der jungen Einheit, noch ehe diese pöllig geschaffen war.
Und es war kein Zweifel, daß die klerikalen Tendenzen in Süd⸗
deutschland von 1866 bis 1870 im ganzen zunahmen. Wie
mußten sie erst steigen, wenn erst einmal die Unfehlbarkeit von
Rom aus verkündet war!
Wie dem aber auch sein mochte: sicherlich war es hohe
Zeit, daß die deutsche Einheit unter Dach gebracht wurde. Da
half in diesem Moment noch einmal der Mann, der sich um
das Deutschland des 19. Jahrhunderts ohne seinen Willen und
unbewußt die größten Verdienste erworben hat, Napoleon. Der
deutsch-französische Krieg brachte die langersehnte Einheit.
        <pb n="165" />
        II.

Es ist früher erzählt worden, wie Napoleon, freilich schon
unter dem Einflusse seiner schweren und schmerzhaften Krankheit,
bor und während des Krieges von 1866 in einer kopflosen
Politik in die Verhandlungen zwischen Österreich und Preußen
eingriff; wie er dann, nachdem er vergeblich von österreichischer
Seite Versprechungen erhalten hatte, welche Landabtretungen am
linken Rheinufer zur Folge hätte haben können, schließlich den
Versuch machte, dem —F 00 fallen.
Demgegenüber hatte dann Bismarck, um vor weiteren
Anfällen Napoleons sicher zu sein, am 26. Juli 1866 rasch die
preußisch⸗ österreichischen Friedenspräliminarien unterzeichnet.
Allein Rapoleon ruhte auch danach noch nicht in seinen Erwerbs—
absichten, und er konnte eine Zeitlang erwarten, daß sich auch
Rußland bei dem Geschehenen nicht beruhigen und mit ihm auf
einen Kongreß zur Revision der Friedenspräliminarien drängen
würde. Das geschah nun allerdings nicht, da England die
Erstarkung Preußens freundlich begrüßte. In Frankreich aber
forderte die öffentliche Meinung nach wie vor als „legitimes
Begehren“ und „Rache für Sadowa“ Kompensationen; und
Napoleon suchte ihr durch irgendeinen Landerwerb genug zu
tun. Schon am 28. Juli 1866 forderte er daher in Paris
von Goltz Landau und Luxemburg; und am 8. August legte
Benedetti jene Kompensationsforderungen wirklich vor, die schon
am 26. Juli erfolglos in Aussicht gestellt worden waren. Sie
waren aber noch äußerst bescheiden gegenüber den Forderungen,
die bald darauf gestellt wurden.
Am 29. Juli nämlich ließ sich Napoleon von seinem
Minister Drouyn de l'Huys, hinter dem die Kaiserin Eugenie
        <pb n="166" />
        316 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

stand, in Vichy, wo er krank darnieder lag, zu einer Note
hestimmen, worin er Preußen zur Eingehung des folgenden
Vertrages aufforderte: Preußen sollte die 1815 von Frankreich
abgerissenen Landesteile, Saarbrücken und Landau, an dieses
zurückgeben; Bayern und Hessen sollten ihre linksrheinischen Be⸗
sitzungen an Frankreich abtreten; alle Verbindung Luxemburgs
und Limburgs mit dem Deutschen Bunde sollte aufgehoben sein.
Der französische Gesandte Benedetti, der diese Forderungen
in Berlin geltend zu machen hatte, tat das nur mit einem
gewissen Grauen vor Bismarck, dessen Exregbarkeit er kannte.
Die Antwort war denn auch sehr einfach: Krieg, unter Mobil⸗
machung aller nationalen deutschen Gefühle gegen Frankreich,
wenn nicht der Vorschlag sofort zurückgezogen würde.
Darauf erklärte Napoleon, ungerüstet, wie er war, die
Forderungen des 29. Juli am L1. August für ein Mißverständnis,
in das er in seiner Krankheit durch Drouyn de l'Huys verwickelt
worden sei, und entließ den Minister. In Berlin aber wußte
man, wessen man sich von Frankreich zu versehen hatte.
In Paris beruhigte man sich aber auch jetzt noch nicht.
Am 20. August 1866 erschien Benedetti vor Bismarck mit einem
neuen Vorschlag: Schutz- und Trutzbund Preußens und Frank—
reichs; an Frankreich sollten Landau und Saarbrücken, ferner⸗
hin Belgien fallen.
Bismarck richtete sich auf Benedettis Mitteilung sofort
hoch auf und erklärte von neuem, von Abtretung deutschen
dandes könne keine Rede sein. Wegen Belgiens allerdings,
meinte er, könne man verhandeln. Benedetti ließ sich arglos
darauf ein und überreichte schließlich am 29. August das schrift—
liche Konzept eines eventuellen Vertrags zwischen Preußen und
Frankreich über diesen Punkt. Es war das Aktenstück, das
Bismarck nachmals im Jahre 1870, in entscheidenden Stunden
des deutsch-französischen Krieges, durch die „Times“ hat ver—
zffentlichen lassen. Im übrigen aber hielt Bismarck den franzö⸗
sischen Gesandten hin, bis, am 28. August, der definitive Friede
mit sterreich geschlossen war. Vergebens wartete man daher
in Frankreich auf die preußische Zustimmung zu dem Bene—
        <pb n="167" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 517

dettischen Vertrage, trotz eines großen Runds chreibens Napoleons
in dieser Sache vom 16. September: es zeigte sich, daß von
Preußen ohne Gewalt nichts zu erlangen war.
Napoleon beschloß nun seine Kompensationen“ anderswo
zu suchen. Dem Könige der Niederlande, der stark überschuldet
war, wurde plausibel gemacht, er solle das Großherzogtum
Luxemburg, das mit den Niederlanden in Personalunion ver⸗
hbunden war, aber eine preußische Besatzung hatte, an Frank⸗
reich verkaufen.
Die Erbitterung, welche die Nachricht von diesem Handel
in Deutschland hervorrief, war allgemein. Viele rieten zum
Kriege mit Frankreich; die Schutz⸗ und Trutzbündnisse, die
Preußen mittlerweile mit den deutschen Südstaaten geschlossen
hatte, wurden veröffentlicht; in Holland warb der Exkönig von
Hannover eine Legion gegen die deutschen Interessen an: der
Ausbruch des Kampfes schien nur eine Frage der Zeit.
Aber Bismarck gelang es noch einmal, das Wetter zu be⸗
schwören: er brauchte noch einige Jahre Zeit, um die deutsche
Verfassung auszubauen, ehe der schon unvermeidliche Krieg mit
Frankreich ungestört verlaufen konnte. Auf eine Interpellation
hon Bennigsens im Reichstage, am 1. April 1867, erwiderte
er, Luxemburg sei durch den Londoner Teilungsvertrag von
1889 unter die Garantie der Großmächte gestellt, die Frage
sei also eine europäische. Auf diese Art brachte er die An—
gelegenheit auf den diplomatischen Weg; zugleich erschrak der
König von Holland vor dem allgemeinen Unwillen, den der
beabsichtigte Landschacher hervorrief. Und so wurde auf der
Konferenz der Gesandten der Großmächte zu London über diese
Frage, die vom 7. bis 11. Mai 1867 stattfand, eine Ver⸗
ständigung erreicht. Frankreich trat von der Erwerbung Luxem⸗
burgs zurück, Preußen gab das Besatzungsrecht der Festung
Luxemburg, das es noch gewohnheitsmäßig aus den Zeiten des
Bundes her ausübte, auf, die Festungswerke sollten geschleift
werden. Das Ländchen selbst blieb im deutschen Zollverein,
wurde aber im übrigen unter Gewährleistung der Großmächte
neutralisiert.
        <pb n="168" />
        518 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

Aber auch mit diesen Vorgängen hatten die geheimen
Bestrebungen Napoleons auf Kompensationen noch kein Ende.
Man wußte das auch in Deutschland genau. Im Herbst 1867,
als der Kaiser mit der Kaiserin Eugenie nach Salzburg reiste,
angeblich zum Kondolenzbesuch für den erschossenen Kaiser
Maximilian von Mexiko, einen Bruder des österreichischen
Kaisers, versuchte Napoleon ein französisch-österreichisches
Bündnis abzuschließen zur Herstellung einer Konföderation der
süddeutschen Staaten unter österreichischem und franzöfischem
Schutze; später suchte er die Gefahren, die im Jahre 1868 in
der orientalischen Frage drohten, gegen Preußen auszunutzen;
1869 endlich hätte bald der Versuch der französischen Ostbahn—
gesellschaft, die Eisenbahnlinie von Paris nach Brüssel zu
kaufen und damit verbunden die Idee, einen belgisch-französischen
Zollverein zu begründen, zum Ausbruch des Kampfes zwischen
Frankreich und Deutschland geführt. Aber Bismarck wußte
weiter zu lavieren und wurde in der zuletzt erwähnten An—
gelegenheit tapfer durch den belgischen Minister Frore-Orban
unterstützt.
In Frankreich aber drängten die inneren Verhältnisse
von Jahr zu Jahr mehr zum Kriege. Schon 1868 war die
Opposition gegen das persönliche Regiment Napoleons so groß,
daß Preß- und Vereinsfreiheit erweitert werden mußten. Im
Frühjahr 1869 deuteten dann die Wahlen auf eine wachsende
Opposition hin; im Juli forderten hundertsechzehn Abgeordnete
Verantwortlichkeit der Minister und freie parlamentarische Be—
wegung mit dem Recht selbständiger Initiative für den gesetz⸗
gebenden Körper.
Napoleon begriff die Tiefe und Stärke dieser Bewegungen
sehr wohl; er entließ den absolutistisch gesinnten Minister
Rouher und proklamierte in der Thronrede vom 29. November
1869 eine neue AÄra; aber schon fanden sich in dieser Rede die
verdächtigen Worte eines Va-banque-Spielers: „Frankreich will
die Freiheit, aber mit der Ordnung. Für die Ordnung stehe
ich ein; helfen Sie mir, meine Herren, die Freiheit schützen.“
Im Laufe des Winters von 1869 auf 1870 wurde dann
        <pb n="169" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 519

eine neue Verfassung eingebracht; der Senat nahm sie am
20. April 1870 an. Und nun spielte Napoleon seinen Haupt⸗
trumpf aus. Statt die Verfassung durch den gesetzgebenden
Körper weiter beraten und annehmen zu lassen, unterwarf
er sie einer allgemeinen Volksabftimmung, einem Plebiszit,
dem er zugleich den Charakter einer Abstimmung über seine
innere Politik seit 18600 gab. Die Antwort war am 8. Mai
1870 ein siebeneinhalbmillionenfaches Vertrauensvotum; aber
immerhin hatten anderthalb Millionen Wähler den Mut, mit
Nein zu stimmen, und unter den Verneinenden befand sich
die Mehrheit der Stimmenden mehrerer großer Städte, be⸗
fanden sich fünfundvierzigtausend Stimmen der Armee und
sechstausend der Marine. Gleichwohl glaubte Napoleon für
seine innere Politik den Anfang einer neuen Bahn gesichert;
ihren Verlauf aber sollten äußere Erfolge garantieren. Sie
konnten nur gegen Deutschland gewonnen werden, und sie
mußten hier rasch gewonnen werden, da soeben eine wesent⸗
liche Verbesserung der Schußwaffe der norddeutschen Infanterie
im Werke war.
Nun hatte Napoleon schon längst, sobald er eingesehen
hatte, daß von Bismarck Kompensationen auf gütlichem Wege
nicht zu erlangen waren, nach Allianzen zu suchen begonnen.
Er hatte sich zunächst wenigstens überall Sympathien gesichert;
nur Rußland hielt jetzt zur deutschen Seite. In Kopenhagen
waren französische Sympathien selbstverständlich. In England
war die Stimmung durchaus französisch; und sie wurde es im
Juni 1870 womöglich noch mehr, als Lord Granville nach
Tlarendons Tod die Leitung der äußeren Geschäfte übernahm.
In Italien waren die französischen Neigungen König Viktor
Emanuels bekannt; schon im Jahre 1868 begannen sich Italien
und Frankreich näher zu treten; seit Juni 1869 verhandelte
Napoleon, um die gewonnenen Beziehungen zu einem Bündnis
zu verdichten. Es kam hier namentlich die Ubergabe Roms
an das junge Königreich in Frage. Aber eben hier lagen, bei
der jesuitischen Färbung des Napoleonischen Hofes, die Schwierig—⸗
keiten; selbst die Einmischung Beusts, des damaligen öster—
        <pb n="170" />
        320 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

reichischen Reichskanzlers, führte die Sache nicht weiter; es
blieb bei einem Briefwechsel zwischen Kaiser und König über
den möglichen Nutzen einer Allianz. Mit gsterreich dagegen
kam Napoleon besser ins Einvernehmen. Dem Besuche Napoleons
in Salzburg vom Jahre 1867 waren persönliche Korrespondenzen
beider Monarchen gefolgt; sie hatten im Juni 1809, wie es
schien, zu einem Kriegsbündnis beider Reiche geführt. Im
Februar 1870 war dann der Erzherzog Albrecht, der Oberst⸗—
fommandierende in OÖsterreich, nach Paris gegangen, um einen
Feldzugsplan zu verabreden, wie Napoleon darauf im Mai
den General Lebrun zu gleichem Zwecke nach Wien schickte; es
war dabei auf die Einnahme zunächst Süddeutschlands ab—
gesehen, wenn sich auch sterreich, indem es die Langsamkeit
seiner Mobilmachung betonte, vorbehielt, erst nach Frankreich
in Aktion zu treten. Für den Ausbruch des Krieges endlich
wurde das Jahr 1870 bestimmt; alles schien bereit; nur der
Anlaß zum Losschlagen ließ noch auf sich warten.
Er fand sich, mitten im tiefsten Frieden, während in
Deutschland alle Staatsmänner und wichtigen Generäle auf
Urlaub weilten, während König Wilhelm in Ems badete. Und
er ward gefunden in einer zunächst rein dynastischen, hohen⸗
ollernschen Sache.
Im September 1868 war die Königin Isabella II. von
Spanien vom Throne vertrieben worden. Seitdem krankte
Spanien an inneren Wirren; die Frage, ob Republik, ob
Monarchie, konnte längere Zeit nicht zum Entscheid gebracht
werden. Schließlich, seit Juni 1869, siegte der Gedanke der
Monarchie. Nun galt es einen Monarchen zu suchen. Man
konnte zunächst an Alfonso denken, den Sohn Isabellas, dann
an den Herzog von Montpensier, einen Sproß des Hauses
Orleans, das in Spanien einmal geherrscht hatte, endlich an
den König von Portugal. Daneben kamen im Laufe der Zeit
auch noch andere Kandidaten in Frage: der Herzog Amadeus
von Aosta, Prinz Friedrich Karl von Preußen, ein öster—
reichischer Erzherzog, ein sächsischer Prinz. Aber Napoleon
mischte sich alsbald auch in diese Angelegenheit; vor allem
        <pb n="171" />
        Zweite Stufe der kleindentschen Lösung der Einheitsfrage. 521

wollte er den Orleans nicht; auf Drängen seiner Gemahlin
Eugenie, die an Isabella eine Freundin gefunden hatte, hätte
er am liebsten Alfonso auf dem spanischen Thron gesehen.
Allein die Spanier entschieden sich schließlich gegen alle diese
Kandidaten, und der General Prim begann mit dem Prinzen
Leopold von Hohenzollern wegen Annahme der Krone zu ver⸗
handeln. Dieser Prinz, damals vierunddreißigiährig, ge⸗
hörte der katholischen Linie der Hohenzollern an, war mit
einer portugiesischen Prinzessin vermählt, war den Napoleo⸗
niden näher verwandt als dem königlichen Hause der Hohen⸗
‚ollern und galt als klerikal. Die Verhandlungen begannen
im Herbst 1869, nachdem man über die Kandidatur schon
länger gesprochen hatte und es darüber schon im Frühjahr
1869 zu einer Erregung in der französischen Presse gekommen
war; Napoleon wußte von ihr, ohne einzugreifen; auch König
Wilhelm wußte von ihr, billigte sie aber nicht; Bismarck
glaubte zunächst auch an keinen Erfolg: und so schlief die Sache
wieder ein.
Aber seit Vorfrühling des Jahres 1870 nahmen die Ver⸗
handlungen, nicht ohne ents cheidendes Eingreifen Bismarcks, eine
günstigere Wendung, und im Juni 1870 entschloß sich der
Prinz nach längerem Zögern, die Krone anzunehmen. Er bat
jetzt Knig Wilhelm als Oberhaupt der Gesamtfamilie Hohen⸗
zollern um seine formale Zustimmung und erhielt diese vom
König, dem die Kandidatur noch immer auf lange unsympathisch
geblieben war, am 28. Juni. Wenige Tage darauf wurde die
Nachricht von der Annahme der Krone durch den Prinzen von
Madrid aus, wahrscheinlich durch den spanischen Unterhändler
Salazar, bekannt.
Dieser Anlaß, der unter normalen Verhältnissen, falls man
einen Hohenzollernprinzen auf dem spanischen Throne nicht gern
sah, zu Reklamationen Frankreichs gegen Spanien und dessen
innere Politik hätte führen können, erschien nun den französischen
Machthabern geeignet, um den Krieg gegen Preußen zu inszenieren.
Ein ernsthaftes Motiv hatte dabei für den gerade damals ge⸗
wählten Augenblick wohl eigentlich nur die Kaiserin Eugenie.
gamprecht, Deutsche Geschichte. XI, 2. 44
        <pb n="172" />
        322 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

Der Kaiser, seit so lange schon krank, war bereits halb apathisch;
Eugenie dagegen fürchtete mit allen Fasern eines Mutterherzens
für die Nachfolge ihres Sohnes; der Krieg sollte diese sichern.
Aber ihrem Willen, möchte man fast sagen, widerstand auch
keiner der Faktoren, die ihm bei fester gegenteiliger Gesinnung
hätten entgegentreten müssen: weder der Kaiser, noch die Minister,
noch das Parlament, noch die öffentliche Meinung.
Noch am 30. Juni hatte der Minister Ollivier im gesetz⸗
gebenden Körper versichert, der Friede in Europa sei niemals
— — Juli brachte dann die
Agence Havas die Nachricht von der Annahme der spanischen
Krone durch den Prinzen Leopold. Etwa gleichzeitig hiermit
erfuhr der Minister des AÄußeren, der Herzog von Gramont,
durch den französischen Gesandten in Madrid von der Kandidatur.
Der Eindruck war gleichmäßig in der öffentlichen Meinung
Frankreichs wie im Ministerium derart, daß man völlig den
Kopf verlor. Während die Zeitungen mit Insulten gegen die
Deutschen begannen, trug der Minister dem französischen
Geschäftsträger in Berlin, ohne weitere Nachrichten abzuwarten,
auf, in der Wilhelmstraße Aufklärungen über die „Intrigue“,
iüüber den „régréttable ineident“ zu verlangen. Er erhielt
am 4. Juli von dem Stellvertreter des Bundeskanzlers — Bis⸗
marck war in Varzin — die Antwort, daß die preußische Regierung
der Sache völlig fremd sei, und daß sie nichts von ihr wisse.
Aber das störte den Herzog von Gramont nicht; am
5. Juli schon sagte er zu Lord Lyons, dem englischen Bot⸗
schafter in Paris: „Nous pe pouvons tolérer une combinaison
qui, en cas de guerre avec la Prusse, nous obligerait à
immobiliser un corps d'armée sur la frontière del'Espagne“,
und fügte gegenüber dem österreichischen Botschafter, dem Fürsten
Metternich; hinzu: „Cela ne se fera point; nous nous y
opposerons par tous les moyens, dut la guerre avec la
brusse en résulter.“ Dem preußischen Gesandten, Herrn
von Werther, aber erklärte Gramont kategorisch, Frankreich
werde die spanische Thronbesteigung weder dieses noch eines
anderen Hohemollernprinzen dulden.
        <pb n="173" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 523

Inzwischen hatte sich die öffentliche Meinung in Frankreich
und namentlich in Paris aufs höchste erregt; und die An—⸗
gelegenheit kam, infolge einer Interpellation des Abgeordneten
Cochery vom 5. Juli, am 6. Juli im Gesetzgebenden Körper zur
Sprache. Der Herzog von Gramont führte dabei in Beant—⸗
wortung der Interpellation aus: die Nachricht von der Thron—
kandidatur des Hohenzollern sei richtig; aber: „nous ne conpaissons
 point encore les détails vrais d'une neégociation,
qui nous a été cachée.“ Trotzdem aber, daß er nichts Ge⸗
naues über die Angelegenheit zu wissen vorgab, führte Gramont
aus, Frankreich könne nicht dulden, daß durch die Erhebung
eines Hohenzollern auf den Thron Karls V. das Gleichgewicht
in Europa gestört und die Interessen und die Ehre Frankreichs
gefährdet werden sollten. Der Plan werde sich hoffentlich nicht
herwirklichen. „Pour l'empécher, nous comptons à la fois
dur la sagesse du peuple allemand et sur l'amitié du peuple
espagnol. S'il on s6tait autrement, forts de votre appui,
messieurs, et de eeolui de la nation, nous saurions remplir
notre devoir sans hésitation et sans faiblesse.“
Diese Erklärung war vom Kaiser zum größten Teil per—
sönlich abgefaßt; nach Schwankungen am Abend des 5. Juli
hatte die Kaiserin sie ihm entrissen, und in einem Minister⸗
konseil in St. Cloud am Morgen des 6. Juli war sie end⸗
gültig festgesetzt worden, nachdem der Kriegsminister Marschall
Leboeuf ʒweihundertfünfzigtausend Mann der Linie in vier—
zehn Tagen, fünfzigtausend in der dritten Woche und dann
noch hundertzwanzigtausend Mann Mobilgarde versprochen
hatte.
Im Parlament wurde die Erklärung mit enthusiastischem
Beifall aufgenommen, mochte auch die Linke gegen ihre
provozierenden Wendungen Verwahrung einlegen, mochte auch
Thiers, der während der letzten Worte des Ministers den
Sitzungssaal betreten hatte, laut rufen: „Mais c'est. une
folje.“ In Paris aber und im Lande fand die Erklärung den
gleichen Beifall; und die Zeitungen, mit Ausnahme allenfalls
des Temps“ und des „Journal des Debats“, hetzten in schmäh—
34*
        <pb n="174" />
        524 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

licher Weise, vornweg Herr Granier de Cassagnac, Emile de
Girardin und Edmond About.
Inzwischen hatte, wie wir wissen, das auswärtige
Ministerium in Berlin schon am 4. Juli dem französischen
Geschäftsträger auf Befragen geantwortet, es stehe der
Kandidatur des Prinzen von Hohenzollern völlig fern; das⸗
selbe teilte bald darauf auch der preußische Gesandte in Paris
dem französischen Ministerium mit. Aber man nahm von diesen
Versicherungen keine Notiz. Vielmehr erhielt der französische
Gesandte am preußischen Hofe, Benedetti, am 7. Juli gegen
Mitternacht von Gramont die Weisung, er solle von Wild—
bad, wo er sich aufhielt, unverzüglich nach Ems fahren und
König Wilhelm ersuchen, „qu'il conseisle au prince de
Hohenzollern de ne pas revenir sur son acceptation“; und
ein späterer Brief Gramonts verlangte ein noch viel weiter⸗
gehendes Eingreifen. Benedetti hielt sich indes nur an die
erste Weisung und trug diese dem Könige am 9. Juli in Ems
vor. Der König, der inzwischen durch den preußischen Bot⸗
schafter in Paris über die französischen Vorgänge genau unter—
richtet worden war, antwortete fofort freundlich: die Sache gehe
ihn als König von Preußen überhaupt nichts an; er habe mit
ihr nur als Familienhaupt zu tun, werde aber mit dem Vater
des Prinzen nochmals überlegen.
Darauf sprach am 12. Juli Fürst Anton von Hohenzollern
den Verzicht seines Sohnes auf die spanische Kandidatur aus.
Damit schien denn der Zwischenfall aus der Welt geschafft.
Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen, schrieb König Wilhelm
an seine Gemahlin. In Paris waltete dieselbe Ansicht vor;
der Minister Ollivier sprach es wiederholt aus: „Nous avons
réussi, c'est la paix.“ Auch der Kaiser selbst war dieser An⸗
schauung. Am 13. Juli sagte er zu den Vertretern zweier
Großmächte: „O'est la paix“: — mit dem bezeichnenden Zu⸗
satze: „Je le regrette, car l'occasion était bonne.“
Allein es kam anders. Die Kaiserin wollte den Krieg.
Und die öffentliche Meinung in Frankreich stimmte ihr bei,
indem sie nunmehr, nach geschlossenem Zwischenfall, von König
        <pb n="175" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 525

Wilhelm Garantien forderte, daß der Zwischenfall sich nicht
wiederhole. In diesem Sinne handelte dann Gramont gegen—
uͤber dem Könige — auf wessen Einfluß hin, ist auch heute noch
nicht völlig sichergestellt, läßt sich aber, da Gramont vor Ab⸗
schluß der entscheidenden Formulierung in St. Cloud war, leicht
erschließen. Schon gegen Abend des 11. Juli hatte er Bene—
detti die Weisung gegeben, er solle vom Könige verlangen, daß
er dem Prinzen verbiete, an der Kandidatur festzuhalten. Als
dann der Verzicht des Prinzen in Paris bekannt geworden
war, telegraphierte er, 12. Juli sieben Uhr abends, an Bene⸗
detti: „Pour que cette renonciation produise tout son effet.
il parait nécessaire que le roi de Prusse s'y associe, ot
nous donpe l'assuranee, qu'il n'autoriserait pas de nouveau
cette candidature.“
Uber das nun Folgende besitzen wir die authentischen Nach⸗
richten König Wilhelms selbst. Er berichtete vom 13. Juli
morgens in Ems: „Graf Benedetti fing mich auf der Promenade
ab, um auf zuletzt sehr zudringliche Art von mir zu ver⸗
langen, daß ich für alle Zukunft mich verpflichtete, niemals
wieder meine Zustimmung zu geben, wenn die Hohenzollern auf
ihre Kandidatur zurückkämen. Ich wies ihn, zuletzt etwas ernst,
zurück, da man à tout jamais dergleichen Engagements nicht
nehmen dürfe noch könne.“ Später beschloß dann der König
mit Rücksicht auf diese Zumutung, den Grafen Benedetti nicht
mehr zu empfangen, und ließ ihm durch einen Adjutanten mit⸗
teilen, daß Seine Majestät dein Botschafter nichts weiter zu
sagen habe.
Die Nachricht von diesen Vorgängen erhielt Bismarck, der
inzwischen aus Varzin nach Berlin zurückgekehrt war, am
18. Juli abends sechs Uhr mit dem Zusatz: Seine Majestät
stellt Eurer Exzellenz anheim, ob nicht die neue Forderung
Benedettis und ihre Zurückweisung sogleich sowohl unseren

Daneben noch die Aufzeichnungen Benedettis, Ma mission en Prusse,
S. 371 ff., die sich mit den Mitteilungen des Königs, abgesehen von Kleinig—
keiten, decken.
        <pb n="176" />
        526 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

Gesandten als in der Presse mitgeteilt werden soll.“ Bismarck
redigierte dieser Weisung entsprechend während eines Abend—
essens mit Moltke und Roon, dessen Einzelheiten er später gern
und eingehend geschildert hat, die Mitteilung des Königs über
die Emser Vorgänge zu folgendem Bericht: „Nachdem die Nach—
richten von der Entsagung des Erbprinzen von Hohenzollern
der kaiserlich französischen Regierung von der königlich spanischen
Regierung amtlich mitgeteilt worden sind, hat der französische
Botschafter in Ems an Seine Majestät den König noch die
Forderung gestellt, ihn zu autorisieren, daß er nach Paris
telegraphiere, daß Seine Majestät sich für alle Zukunft ver—
pflichte, niemals wieder seine Zustimmung zu geben, wenn die
Hohenzollern auf ihre Kandidatur wieder zurückkommen sollten.
Seine Majestät der König hat es darauf abgelehnt, den französischen
Botschafter nochmals zu empfangen und demselben durch den
Adjutanten vom Dienst sagen lassen, daß Seine Majestät dem
Botschafter nichts weiter mitzuteilen habe.“
Diese Auslassung wurde noch am 13. Juli elfeinhalb Uhr
abends nach Dresden, Hamburg, München, Stuttgart, um
—D
Bern telegraphiert. In Paris drang sie am 14. Juli abends
in weitere Kreise. Sie entfesselte wahre Paroxysmen des
Zorns. Am 18. Juli beschloß die Deputiertenkammer den Krieg,
obwohl sie noch nicht einmal den offiziellen Text der Note
Bismarcks kannte; Deputierte, die diesen abwarten wollten,
wurden als Verräter und Preußen behandelt; die Kredite
wurden mit allen gegen zehn Stimmen bewilligt. Am
16. Juli schloß sich der Senat dem an: so war der Krieg
gewiß.
König Wilhelm reiste am 15 Juli nach Berlin zurück; er
wurde überall unterwegs, auch in den 18606 annektierten Ländern,
mit brausender Begeisterung empfangen; bei seiner Ankunft ver⸗
fügte er auf dem Potsdamer Bahnhofe die Mobilisierung der
Armee, und der Kronprinz verkündete dies der harrenden Menge,
die jauchzend mit dem Gesange der Wacht am Rhein erwiderte.
Der norddeutsche Reichstag war zum 19. Juli einberufen.
        <pb n="177" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 527

Während er zusammentrat, am 19. Juli eineinhalb Uhr
mittags, wurde die französische Kriegserklärung Bismarck auf
dem Wege zum Parlament übergeben. Er nahm sie mit leichter
Verbeugung in Empfang, betrat festen Schrittes und leuchtenden
Auges den Versammlungssaal und verkuündete mit zwei Worten,
was geschehen war. Die Beratungen des Reichstags waren
kurz, am Abend des 21. Juli waren die Kredite bewilligt, die
nötigen Beschlüsse gefaßt.
Und mit Norddeutschland erhob sich auch der Süden. In
Bayern hatte König Ludwig schon am 19. Juli mobil machen
lassen. In der Kammer machten die Klerikalen Miene, nur
die Mittel für eine bewaffnete Neutralität zu bewilligen; das
„Vaterland“, damals ihr Hauptorgan, verlangte Anschluß an
Frankreich: die Armee freue sich längst darauf, gegen die Preußen
zu ziehen. Aber es kam anders. Auch im bayerischen Parlament
erhob sich machtvoll das Wort der Deutsch Denkenden; und
schon in den Kommissionsberatungen der Kammer fiel der Ab⸗
geordnete Sepp von dem klerikalen Terrorismus ab; er hatte
einen Brief aus Frankreich empfangen, der von einem neuen
Rheinbund sprach: „Ich lehne es ab, mich an solcher Verräterei
zu beteiligen.“ Im Plenum vollzogen sich die Dinge dann
unter Führung Sepps ganz gegen den Wunsch der Klerikalen;
der Kredit wurde mit hundertundeiner gegen siebenundvierzig
Stimmen bewilligt „für den Fall, daß der Krieg unvermeidlich
— in Württemberg und Hessen zu einem
frohen Ergebnis; Baden gar zog begeistert in den Krieg; schon
am 16. Juli hatte es seine Truppen mobil gemacht und die
Rheinbrücke bei Kehl gesprengt.
In dem Kriege, der nunmehr ausbrach, bestand auf deutscher
Seite von vornherein, in gegenseitigen Verhandlungen der
militärischen Behörden Preußens und der Südstaaten schon
länger festgelegt, die Absicht, den Schwarzwald im wesentlichen
unverteidigt zu lassen und alle Kraft auf einen direkten Stoß
hom Mittelrhein her auf die feindliche Hauptstadt, als das
militärische, kommerzielle und geistige Zentrum Frankreichs, zu
berwenden. Als natürlicher Ausgangspunkt aller Berechnungen
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Maßstab 1: 30000
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Karte zum Feldzug von 1870/71, westl. Teil.
        <pb n="179" />
        530 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

in dieser Hinsicht war dabei, ebenfalls schon von vornherein,
Mainz bezeichnet worden.
Nun liegt aber Paris etwa südwestwestlich von Mainz.
Die französische Grenze dagegen, die es zu überschreiten galt,
führte von der luxemburgischen Grenze an der Mosel bei Sierck,
etwa vierzig Kilometer oberhalb Trier, in fast östlich gewendeter,
nur wenig nach Süden ausschlagender Linie bei Saarbrücken
und Weißenburg vorbei bis zum Rhein in der Gegend von
Lauterburg. Sie lag damit südlich der Luftlinie Mainz —Paris
und würde, nach Westen zu verlängert, diese in dem Winkel
etwa des Andreaskreuzes geschnitten haben.
Die Folge war, daß die erste Aufstellung der deutschen
Heere nicht mit der vollen Front gegen Paris gewählt werden
konnte. Die drei Armeen, die gebildet wurden, mußten sich
vielmehr dem Verlauf der Grenze, wenn auch mit einer ge—
wissen Anlehnung an die frontale Richtung gegen Paris, an—
schmiegen. Die Erste Armee wurde dementsprechend an der
Mosel, dreißig bis vierzig Kilometer nordöstlich von Trier, kon—
zentriert; sie stand unter dem Befehl des Generals von Stein—
metz, dessen Verdienste während des böhmischen Krieges,
namentlich bei Skalitz, unvergessen waren; sie war die schwächste
von allen dreien, etwa sechzigtausend Mann. Die Zweite Armee,
hundertvierunddreißigtausend Mann, formierte sich unter dem
Prinzen Friedrich Karl bei Neunkirchen, etwa gegenüber der
Mitte der französischen Grenze; die Dritte Armee endlich, etwa
hundertdreißigtausend Mann stark, unter dem Kommando des
preußischen Kronprinzen, umfaßte von Landau bis Rastatt die
Ostecke der französischen Grenze.
Von dieser Aufstellung galt es nun mit einer Drittel—
rechtsschwenkung etwa in die Front gegen Paris zu kommen
und damit zugleich eine frontale Stellung zu den geographischen
Abschnitten einzunehmen, die bei einem Marsch gegen Paris
zu durchschreiten waren. Diese Abschnitte werden fast durch—
weg durch Flußläufe, die den Weg von Süden nach Norden
hin nehmen, gebildet. In erster Linie kam dabei das Tal der
Saar in Betracht: die Saar, im Westen Straßburgs ent—
        <pb n="180" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 531

springend, bei Trier in die Mosel fallend, kreuzte bei Saar⸗
gemund, Spichern, Saarbrücken die französisch-deutsche Grenze.
An zweiter Stelle handelte es sich um den durch die Nied ge—
bildeten Abschnitt, der etwa halbwegs zwischen Saargemünd
und Metz, zwischen Saar und Mosel verläuft; an dritter um
die wichtige Talrinne der Mosel mit ihrem Stützpunkte Nancy,
ziemlich genau westlich von Straßburg, vor allem aber mit den
Festungen Metz und Diedenhofen. Als vierter Flußabschnitt
kam dann der der Maas in Betracht, die von Commerecy über
die Festung Verdun leicht westlich gewandt nach Sedan und
Méziores verläuft, als fünfter endlich in gewissem Sinne das
Marnetal mit dem Stützpunkte des festen Lagers von Chalons.
Erleichternd für später, einstweilen freilich im vorteilhaften
Besitze der französischen Heeresleitung, konnten große Bahnen
sein, die dieses Gatter südnördlich gewandter Flußläufe im
wesentlichen ostwestlich durchschnitten: die Bahn von Straß⸗
burg über Nancy und Chalons nach Paris; die Bahn von
Saargemünd über Metz, Verdun, Chalons nach Paris — von
ihr war aber die besonders wichtige Strecke von Metz nach
Verdun erst im Bau begriffen —; endlich die Bahn von Mézidres
über Reims, Soissons nach Paris; außerdem waren der Grenze
entlang die Städte Straßburg, Saargemünd, Diedenhofen,
Sedan, Mézidres durch eine Bahn verbunden; doch war auch
hier die Strecke zwischen Saargemund und Diedenhofen noch
nicht vollendet.
Gegenüber den Plänen der deutschen Heeresleitung hatte
nun die französische anfangs die Absicht, von Straßburg aus,
also im Süden der gesamten deutschen Aufstellung, alsbald
nach Osten zu in Süddeutschland einzufallen und die süd—
deutsche Heeresmacht, die, wie man annahm, den Schwarzwald
verteidigen würde, von der norddeutschen zu trennen. Allein
mit dem bestehenden Bahnsystem war es nicht möglich, die
ganze französische Armee alsbald in Straßburg zu versammeln:
nur hunderttausend Mann hatte man direkt dorthin bringen
können. Andere hundertfünfzigtausend Mann waren dagegen
nach Metz gezogen worden und sollten von dort erst nach Straß—
        <pb n="181" />
        532 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

burg abgehen, während fünfzigtausend Mann als Rückhalt in
dem festen Lager bei Chalons zurückgelassen waren.
Dieser französische Plan hätte nun Aussicht auf Gelingen
nur dann gehabt, wenn man ganz überraschend, bevor noch
die deutschen Heere versammelt waren, verfahren wäre. Allein
davon war bald keine Rede mehr. Acht Tage nach der Kriegs—
erklärung, als der Kaiser in Metz eintraf, erklärten ihm die
Marschälle, bei der herrschenden Verwirrung seien die Truppen
noch nicht marschfähig. Bitter rächte es sich jetzt, daß die
Truppen eigentlich im immobilen Zustande zusammengezogen
worden waren, ohne an ihren Standorten das Eintreffen ihrer
Ergänzungsmannschaften und ihre Ausrüstung abzuwarten.
Andererseits hatte man an der Tatsache, daß man die Deutschen
überraschen, also nur in Deutschland kämpfen werde, keinen
Zweifel gehabt. An die Stäbe waren daher auch nur Karten der
deutschen Gegenden verteilt worden; und die Festungen waren
vernachlässigt, Magazine nirgends im voraus angelegt worden.
Jetzt kam nun von vornherein alles anders! Während
man bei Saarbrücken in Gegenwart des Kaisers und des kaiser⸗
lichen Prinzen zu einem Lufthieb gegen ein preußisches Bataillon
und drei Schwadronen ausholte, um dem Drängen des Pariser
Publikums nach Siegesnachrichten zu genügen, gelang es nicht,
die bei Straßburg beabsichtigte Vereinigung der ganzen Armee
herbeizuführen: statt dessen wurden die Heeresmassen in zwei
Teile, einen südlichen unter dem Kommando Mac Mahons,
einen nördlichen unter dem Bazaines geschieden. Und inzwischen
rückten die Deutschen vor; die Dritte Armee hatte schon am
30. Juli abends Marschbefehl erhalten, um von Rastatt und
Landau aus durch Offensive das beabsichtigte Vorschreiten der
Franzosen in den Schwarzwald zu verhindern. Am 4. August
überschritt darum die Dritte Armee die Grenze, um in breiter
Front die Linie der Lauter von Lauterburg am Rhein bis
Weißenburg zu erreichen, und noch am selben Tage wurde eine
französische Division in dem Gefechte von Weißenburg in die
unmittelbar hinter der Stadt aufsteigenden Berge geworfen.
Darauf folgte am 6. August der Sieg von Wörth; er ver—
        <pb n="182" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 533
D— — ——

eitelte die Absicht Mac Mahons, mit seiner gesamten Macht
den deutschen Vormarsch aufzuhalten. Freilich teuer war er
erkauft durch den Verlust von vierhundertneunundachtzig Offi⸗
zieren und zehntausend Mann: das erste Beispiel der furcht⸗
haren Verluste dieses Krieges. Aber das französische Heer war
fast aufgelöst; nur eine Brigade fand noch den Weg zur Armee
Bazaines; alles übrige wälzte sich, der aus dem Verlauf der
Schlacht folgenden Rückzugslinie mechanisch folgend nach Süden,
gegen Zabern fort. Von hier aber wurden die sich zusammen⸗
findenden Reste, zugleich mit einem noch im Elsaß stehenden
unberührten Korps, nach Chalons zurücktransportiert, um fünf—⸗
undzwanzig Meilen hinter der Hauptarmee Bazaines eine
Reservearmee zu bilden: die kleinere Hälfte der ursprünglichen
franzöfischen Armee war für die nächsten Ereignisse außer Mit⸗
wirkung gesetzt.
Inzwischen war es auch im Norden gegenüber der Metzer
Armee Bazaines zu Kämpfen gekommen. Die Erste Armee hatte
sich, übrigens gegen den Willen der oberen Heeresleitung, die
Mosel und Saar aufwärts gezogen; am 6. August kreuzten sich
ihre Abteilungen mit solchen der ebenfalls vorwärts schreitenden
Zweiten Armee in Saarbrücken. Und als diese Streitkräfte im
weiteren Fortschreiten die steilen Höhen von Spichern jenseits
der Grenze zu nehmen und das entgegenstehende Korps Frossards
daselbst zu werfen suchten, entspann sich eine der blutigsten
Schlachten des Krieges. Ihr Ergebnis war der Rückzug des
Frossardschen Korps, die volle Fühlungnahme mit der franzö⸗
sischen Hauptarmee Bazaines und der Entschluß, nunmehr die
im Gesamtplan des Feldzugs liegende, durch die Siege der
Dritten Armee bei Weißenburg und Wörth und das einst⸗
weilige Verschwinden der Armee Mac Mahons ermöglichte
Rechtsschwenkung vorzunehmen.
Während diese Bewegung von dem deutschen Generalstabe
eingeleitet wurde, ohne daß man übrigens schon von dem
völligen Verschwinden der Armee Mac Mahons klar unter—
richtet war, rief der Eindruck der Schlachten von Spichern
mo Wörth im französischen Hauptquartier anfangs den Ent—⸗
        <pb n="183" />
        534 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
schluß hervor, nun sofort mit allen Truppen nach Chalons
zurückzugehen. Dann aber wurde man doch wieder zweifel—
haft; man fürchtete den Eindruck einer solchen Maßregel in
Paris. Schließlich aber schien doch das Aufgeben nicht bloß des
Niedabschnittes, sondern auch des Moselabschnittes notwendig;
um so mehr wurde gehofft, daß man in Verdun, an der Maas,
unter günstigen Verhältnissen zum Stehen kommen werde.
Während dieses Hin und Hers von Erwägungen auf
französischer Seite waren aber die Deutschen schon bis in die
Gegend von Metz vorgedrungen; und als am 14. August das
III. französische Korps östlich von Metz an dem tiefen Tal
des Colombeybachs zur Deckung des Abzugs Stellung nahm,
fand es sich von Truppen der Ersten wie der Zweiten deutschen
Armee angegriffen. Der Kampf, langsam zunehmend, schließ⸗
lich im Sinne einer großen Schlacht geführt, endete, wesentlich
durch das Verdienst der Artillerie, mit einem deutschen Siege:
der Abzug der Gegner war unterbrochen; am Morgen des
15. August trabte deutsche Reiterei bis vor die festen Werke
von Metz, während die Franzosen jenseits, westlich von Metz,
wenig mehr als eine Meile in der Richtung auf Verdun vor—
wärts gelangten. Die deutsche Heeresleitung aber nahm an,
daß es ihnen immerhin gelingen werde, bis Verdun durch⸗
zubrechen; und so wurden die Truppen der Zweiten Armee —
die der Dritten hatten inzwischen die Mosel in Nancy und
aufwärts von Nancy erreicht — angewiesen, unter Über—
schreitung der Mosel südlich von Metz gegen die Maas und
die Straßen von Metz nach Verdun — es gab deren zwei, über
Mars la Tour südlich, über Etain nördlich — vorzugehen.
Allein die Franzosen waren auch am 15. August morgens
mit dem Abmarsch von Metz nicht fertig geworden; nur der
Kaiser war unter Bedeckung von zwei Kavalleriebrigaden aus
der geschützten Straße über Etain genügend weit gelangt; im
übrigen verschob man den Abmarsch auf Nachmittag. Es war
das Verderben. Das III. preußische Korps unter General
von Alvensleben war nach kurzer Nachtruhe schon früh am
Morgen des 15. August nach Gorze gelangt; gegen zehn Uhr
        <pb n="184" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 535

erschienen größere Vortruppen von ihm bereits östlich von
Mars la Touxr, zwischen Mars la Tour und Gravelotte; und
die zweite der großen Metzer Schlachten, die von Vionville und
Mars la Tour, begann. Bis zwei Uhr hielten sich hier die
Brandenburger allein, indem sie den Feind durch fortwährende
Angriffe über ihre geringe Anzahl täuschten, dann kam das Ge⸗
fecht zum Stehen; eine ungeheuere Krise schien mit einem eben
für diesen Augenblick geschickt gewählten Angriffe des franzö⸗
sischen Zentrums unter Canrobert hereinzubrechen. Da brachten
die Magdeburgischen Kürassiere und die Altmärkischen Ulanen
durch ihren Todesritt die Schlacht zum Stehen, und endlich,
um drei Uhr nachmittags, kam Hilfe.
Das Ergebnis des Tages, der noch reich war an helden⸗
haftem Krafteinsatz der Infanterie, gewaltigen Reiterkämpfen
und zäher Ausdauer der Artillerie, war, daß in der Dämmerung
die Deutschen die Plätze behaupteten, die im Beginn des Tages
die Franzosen inne gehabt hatten. Sie waren damit den Fran—⸗
zosen, für den Fall ihres Abmarsches auf der allein noch freien
aördlichen Straße über Etain, in der Flanke so nahe gerückt,
daß Bazaine den Abmarsch nicht mehr wagte, sondern nur noch
eine Position vor Metz, eine furchtbare allerdings von den
Höhen östlich von Gravelotte bis hinab nach St. Privat hin,
zu halten entschlossen war. So bedurfte es auf deutscher Seite
noch einer letzten blutigen Anstrengung, ehe der Ring um Metz
geschlossen war.
Der 17. August brachte hierzu die vorbereitenden Marsch⸗
bewegungen; für den 18. war vorgesorgt, daß die deutschen
Heereskräfte der gesamten Macht der Franzosen von Westen
her, also in verkehrter Front, wenn auch nur unter ge—
waltigen Marschanstrengungen namentlich der in den nörd⸗
lichen Flügel einrückenden Truppen, entgegentreten konnten.
In dieser Lage kam es zur Schlacht von Gravelotte: zu den
opferreichen Angriffen der preußischen Garde und des
sächsischen Korps gegen St. Privat, den heldenmütigen An—
strengungen zur Eroberung des Plateaus der Meiereien von
St. Zubert und Moscou, das von den Höhen von Chätel fast
        <pb n="185" />
        536 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

wie ein sturmfreies Glacis gegen die steile und tiefgründige
Schlucht von Gravpelotte abfällt. Hundertachtzigtausend Mann
hatten gegen hundertachtzigtausend Mann gekämpft; bei gleichen
Kräften sahen sich die Franzosen schließlich aus ihrer so vorteil—
haften Stellung vertrieben; ihre Einschließung in Metz war
besiegelt. Aber über zwanzigtausend Deutsche, darunter neun—
hundert Offiziere, deckten die Walstatt; und auf dreiundzwanzig
Mann kam ein kampfunfähiger Offizier, während im Kriegsetat
durchschnittlich ein Offizier auf vierzig Mann gerechnet war.
Die deutsche Heeresleitung aber hatte schon am 18. August
morgens elf Uhr die Konsequenzen der sich entwickelnden Lage
gezogen. Dem Prinzen Friedrich Karl waren hundertfünfzig⸗
tausend Mann zur Belagerung von Metz zugeteilt worden; Kron—
prinz Albert von Sachsen erhielt das Kommando über achtzig—
tausend Mann zum Vorgehen nach Westen über die nördliche
Hälfte des Maasabschnittes; im Süden hatte inzwischen die
unter dem Kronprinzen stehende Dritte Armee die andere Hälfte
dieses Abschnittes erreicht, und ihre Reiterei streifte schon bis
zur Marne, bis Chalons und Vitry.
In Chaͤlons war unterdessen Napoleon eingetroffen und
hatte an Mac Mahon das Kommando über eine Armee über⸗
tragen, die dort aus versprengten Resten der früheren Armee
Mac Mahons, aus Marineregimentern und anderen Truppen
gebildet worden war. Da Mac Mahon diese Armee in ihrem
rechten Flügel schon durch die anmarschierende Dritte deutsche
Armee bedroht sah und zugleich darüber klar war, daß diese
ihren Marsch unmittelbar auf Paris nähme, so wollte er mit
seiner Armee rückwärts gehen und vor Paris eine Schlacht
wagen. Allein von der Pariser Regentschaft geltend gemachte
politische Bedenken, nicht minder das Gefühl, die Metzer Armee
entsetzen zu müssen, trieben ihn schließlich in andere Richtung.
Er war inzwischen nach Reims marschiert; am 28. beschloß
er, unvermittelt und den Einzelstellungen seiner Truppen nach
unvorbereitet, Bazaine von Norden her zu Hilfe zu kommen.
Es war ganz die vom deutschen Generalstab gewünschte
Richtung: von jeher hatte Moltke sich mit dem Gedanken ge—
        <pb n="186" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 537

tragen, den Feind von Paris nach Norden abzudrängen, und
dementsprechende Weisungen waren an die Dritte Armee erteilt
worden. Und während Mac Mahon mit seiner Armee, zumeist
unter strömendem Regen, in erschöpfenden Märschen auf weitem
Bogen ausholend durch eine öde und baumlose Landschaft nach
Osten zu kreuz und quer zog, erfuhr das deutsche Hauptquartier
nach manchen Vorzeichen am 25. August glaubwürdiger von
seinem Marsche. Alsbald, am 25. August elf Uhr morgens,
wurde die Richtung der Dritten und der Maasarmee ver—⸗
schoben; hatte sie bisher auf Chälons gelautet, so hieß sie jetzt
Reims. Und als gar am Nachmittag desselben Tages durch
neuere Nachrichten der Zug Mac Mahons ganz unbezweifelt
feststand, da erfolgte noch in der Nacht vom 285. zum 26. der
erste Befehl zum Einkreisen der letzten französischen Armee; der
Rechtsabmarsch in der Richtung auf die belgische Grenze wurde
angeordnet. Es war zwei Tage vor der Zeit, da Mac Mahon
noch einmal den Rückmarsch nach Paris erwog, aber durch ein
Telegramm des Kriegsministers weiter vorwärts getrieben wurde
ins Unglück.
Denn nun folgte die Schlacht bei Beaumont, am 30. August,
welche die Franzosen von jeder Möglichkeit weiteren Vordringens
nach Osten ausschloß, und ihr die Katastrophe von Sedan. Von
allen Seiten umgangen, in einen völlig geschlossenen Talkessel
zusammengepfercht, abgeschnitten schließlich selbst von den Höhen
im Norden der Stadt, deren Behauptung den Übertritt in das
neutrale Belgien hätte vermitteln können, blieb der gesamten
Armee nichts übrig, als sich zu ergeben: am 1. September vier⸗
einhalb Uhr nachmittags erschienen die weißen Fahnen auf den
Türmen der Festung. Achttausendfünfhundert Mann und vier—
hundertundsechzig Offiziere waren auf deutscher Seite gefallen;
aber neben ihnen hatte siebzehntausend Franzosen, zumal aus
den Feuerschlünden der deutschen Artillerie, das Verderben er—
reicht; und hundertviertausend Mann, darunter der Kaiser selbst,
verfielen der Gefangenschaft.
Was half es da, wenn Bazaine von Metz aus am 26. August
einen Paradeausfall, am 31. August und 1. September einen
Lamprecht. Deutsche Geschichte. XI. 2. 85
        <pb n="187" />
        538 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

ernstlichen Durchbruch durch die deutsche Belagerungsarmee ver—
sucht hatte? Er war mißlungen: „an demselben Tage und zur
selben Stunde, wo sich die Vernichtung des einen französischen
Heeres bei Sedan vollzog, kehrte das andere zu nunmehr ziemlich
hoffnungsloser Gefangenhaltung nach Metz zurück.“
Für die deutsche Heeresleitung aber bestand zunächst eine
einzige klare Aufgabe: der Vormarsch auf Paris und die Um—
zingelung der Hauptstadt.
In der Nacht zum 4. September wurde in Paris das
Unglück von Sedan und die Gefangennahme des Kaisers be—
kannt. Der Gesetzgebende Körper trat alsbald zusammen, um
über einen Regierungsausschuß zu beschließen. Aber seine Be—
ratungen wurden durch tumultuierende Volkshaufen gestört, und
die Republik wurde ausgerufen. Die Kaiserin verließ Paris.
General Trochu und einige Mitglieder der Kammerminorität
traten als Regierung der Nationalverteidigung zusammen.
Unterdessen hatten die Deutschen, freilich für Operationen
im freien Felde nur noch hundertfünfzigtausend Mann stark,
sofort den Marsch gegen Paris angetreten. Am 19. September
war, nach geringen Kämpfen gegen junge Truppen, die Ein—
schließung der Stadt vollendet; sechs Armeekorps standen in
elf Meilen langer Entwicklung vor ihren Wällen, zum Teil
selbst im Bereich ihrer Geschütze. Es war ein Ergebnis, das
die Franzosen zum ersten Male zu Friedensverhandlungen ver⸗
anlaßte. Freilich blieben diese ergebnislos, da der Unterhändler
Jules Favre auf Grund des Regierungsprogramms „keinen Fuß—
breit unseres Landes, keinen Stein von unseren Festungen“, nur
eine Geldabfindung zu bieten hatte.
In der Tat waren auch die kriegerischen Kräfte Frank—
reichs noch keineswegs erschöpft. Und neben sie stellte sich die
leidenschaftliche Energie neuer, republikanischer Staatsmänner.
Unter ihnen trat, während Thiers die europäischen Höfe auf
einer Rundreise zum Einschreiten für Frankreich zu bestimmen
suchte, Gambetta vor allem hervor. Er war, nachdem er Paris
in einem Luftballon verlassen hatte, die Seele der in Tours
gebildeten Landesregierung. Innerhalb der Hierarchie der
        <pb n="188" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 539

AÄmter war er, obwohl Zivilist und Dilettant, Kriegsminister
und als solcher nach französischem Brauche zugleich oberster
Leiter der kriegerischen Operationen; und ihm zur Seite stand
ein anderer Zivilist, de Freycinet, als Chef gleichsam des
Generalstabs. Beide haben Armee auf Armee aufzustellen ge—
wußt, so schon seit Oktober binnen wenigen Wochen sechs⸗
hunderttausend Mann mit vierzehnhundert Geschützen, unter—
stützt durch die frühere, seinerzeit nicht vollendete Organisation
der Territorialmiliz (vierhundertachtundsechzigtausend Mann)
und einen Vorrat von zweitausend Geschützen und vierhundert—
tausend Chassepotgewehren, deren Zahl aus England, trotz an—
geblicher Neutralität der englischen Regierung, ständig ergänzt
wurde.
Die neuen Heere Gambettas aber dienten alle dem einen
großen Ziele: der Entsetzung von Paris. Die Befreiung der
Hauptstadt: das ist das große Thema der zweiten Hälfte des
Krieges!. Hierfür sind zwölf große Schlachten geschlagen
worden, während die erste Hälfte des Krieges deren nur acht
aufwies.
Der Kriegsschauplatz fand demgemäß von nun ab seinen
ideellen Mittelpunkt in Paris. Und damit spielten auf ihm die
wichtigsten Verbindungen, welche aus dem breiteren französischen
Hinterlande nach Paris führen, die vornehmste Rolle. Als solches
Hinterland konnte nun der unmittelbare Westen verhältnismäßig
am wenigsten in Betracht kommen, da hier die Entfernung von
Paris bis zum Meere und zur Bretagne für eine weiter aus—
holende moderne Kriegsführung zu gering ist; noch mehr erschien
der Osten, weil in deutschen Händen befindlich, einstweilen als
Operationsfeld ausgeschlossen. So ergab sich denn vor allem
eine südliche und eine nördliche Abteilung des Kriegsschauplatzes.
Von ihnen war der nördliche Schauplatz wegen der Nähe der
belgischen Grenze bei weitem der kleinere. Doch war er den

Auch die Armee Bourbakis hatte keineswegs die Aufgabe, nach
Entsatz Belforts in den Süden Deutschlands einzurücken, sondern vielmehr
in Verbindung mit einer Nordarmee in zentralem Vorrücken nach der
Isle de France Varis zu entjietzen.
        <pb n="189" />
        540 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

Franzosen insofern günstig, als er, ziemlich in seiner Mitte,
den militärisch leicht haltbaren Abschnitt des Sommetales mit
den befestigten Übergängen Abbeville, Amiens, Peronne und
Ham darbot, auf den gestützt man versuchen konnte, energisch
gegen Paris vorzugehen. Weitaus das beste Kriegstheater aber
bot schließlich doch der Süden; hier ließen sich in dem ge—
waltigen, vom Kriege noch unberührten Mittel- und Süd—
frankreich die stärksten Hilfsquellen an Menschen und Kriegs—
material erschließen. Der entscheidende strategische Punkt war
dabei Orleans, die Stelle, wo sich das Loiretal am weitesten
nach Norden hin Paris entgegenstreckt.
Aus alledem ergab sich nun für die Deutschen, daß die
Belagerung von Paris im wesentlichen gesichert und der Fall
der Stadt nur eine Frage der Zeit war, sobald im Norden
das Sommetal, im Süden das Loiretal vornehmlich um
Orleans in ihren Besitz gebracht war; nur die äußerste Energie
und Illuston auf französischer Seite konnte dann etwa noch
den Plan hegen, einen Entsatz direkt von Osten her, durch Ver—
bindung einer Nordarmee mit einer von Südosten aus sich
nähernden, unter Unterbrechung der deutschen Verbindungen
mit der Heimat zu wagen.
Wie man nun die erste Hälfte des Krieges in drei große
Phasen zerlegen kann, die Kämpfe vor Metz, um Metz und
die Katastrophe von Sedan, so weist auch die zweite, an sich
verwickeltere, drei Phasen auf: eine erste, in welcher die Ent—
setzung namentlich von Süden her versucht wurde, bis Ende
Oktober 1870; eine zweite bis Ende Dezember, in der die
Entsetzung von Süden wie Norden her in Frage kam; und
eine letzte bis Ende Januar 1871, in der die Entsatzversuche
von Norden und Südosten her in den Vordergrund traten, um
schließlich in Pontarlier mit einer Katastrophe ähnlich der von
Sedan, mit dem Übertritt des letzten großen französischen
Heeres auf schweizerisches Gebiet zu enden. Den vergeblichen
Versuchen des Entsatzes aber folgte dann der Fall von Paris,
und er bedeutete das Ende des Krieges.
Die Deutschen hatten anfangs den Rücken der Pariser
        <pb n="190" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 541

Belagerungsarmee nur durch eine von Paris aus möglichst
weithin vorwärts schweifende Kavallerie gesichert. Aber bald
drängte sich die Notwendigkeit auf, anders vorzugehen. Um
Orleans hatte sich eine französische Armee in der Höhe von
sechzigtausend Mann gesammelt, sie drohte auf Paris zu
marschieren. Es mußte gegen sie am 6. Oktober ein besonderes
Heer, vornehmlich aus dem J. bayerischen Korps bestehend,
unter von der Tann aufgestellt werden. Dies drang nun gegen
Orleans vor, schlug die Franzosen bei Artenay und nahm am
11. Oktober Orleans; und wenig später, am 18. Oktober,
wurde zur Sicherung von Orleans auch Chateaudun erstürmt.
Die französische Armee hatte sich in die Gegenden südlich der
Loire zurückgezogen; die Ruhe der Belagerungsarmee schien ge—
sichert.
Allein nun begann alsbald eine andere Gefahr zu drohen.
Es lag jetzt in der französischen Absicht, die Loirearmee über
Le Mans mit der Eisenbahn nach Rouen zu werfen; dann
sollte sie sich mit einem Teile der in Paris eingeschlossenen
Armee zum Entsatze der Hauptstadt vereinigen. Zum ersten
Male trat hier die in der Folgezeit oft wiederholte Verbindung
der provinzialen und der hauptstädtischen Operationen ein, welche
bei der durch Luftballons und andere Mittel zwischen Paris und
Tours fortbestehenden Verständigung natürlich war.
Nach Paris hatte General Vinoy von Sedan her noch,
wenn auch unter den äußersten Schwierigkeiten, das ihm
unterstellte, ziemlich wohlerhaltene Armeekorps gebracht; damit
bildeten jetzt fünfzigtausend Mann Linientruppen, zweiund⸗
zwanzigtausend Marinesoldaten und sonst zuverlässige Truppen,
dazu hundertfünfzehntausend Mobilgarden sowie hundertdreißig
Bataillone wenig bedeutender Nationalgarden, im ganzen etwa
dreihunderttausend Mann die Besatzung der Hauptstadt; nach
außen verwendbar waren davon etwa sechzigtausend Mann zu
Fuß, fünftausend Mann zu Roß und hundertvierundzwanzig
Baͤtterien. Armiert war Paris um diese Zeit mit zweitausend—
sechshundertsiebenundzwanzig Stück Geschütz, darunter aus
Marinebeständen zweihundert Geschütze schwersten Kalibers. Das
        <pb n="191" />
        542 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

waren Mittel, deren energische Verwendung die Einschließung
um so schwerer machen mußte, als selbst an einen bloßen
artilleristischen Angriff, infolge fast mangelnder Transportmittel
für das Belagerungsgeschütz, zunächst nicht zu denken war.
Allein einstweilen kam es nicht zu größeren Ausfällen: man
hatte in der Stadt politisch und militärisch zu viel mit sich selbst
zu tun; und erst der Gedanke einer gelegentlich eines Ausfalles etwa
möglichen Vereinigung mit der Loirearmee brachte mehr Leben
in die Verteidigung. Freilich: ob dieser von außen an sie heran—
tretende Plan bei der Verteidigung völlig ernste Beachtung
fand, ist zweifelhaft; gewiß dagegen, daß die erregte öffentliche
Meinung einen größeren Ausfall forderte. Er fand am
21. Oktober gegen Westen, nach Malmaison zu statt; aber er
scheitertee So war an den phantastischen, noch nicht durch—
geführten Plan einer Translokation der Loirearmee nach Rouen
gar nicht erst noch zu denken.
Die zweite Phase der Kämpfe um den Entsatz von Paris
begann für die Deutschen mit einem Gefühl starker Er—
—D0
am 28. September, nach harter Belagerung, Straßburg; dann
hatte vor allem, am 27. Oktober, Metz kapituliert: nicht ohne
große Not, nachdem der Marschall Bazaine am 31. August in der
Schlacht bei Noisseville einen ersten Durchbruch versucht und später
wenigstens Fouragierungsausfälle im großen gemacht hatte. Am
9. November endlich wurde auch Verdun genommen. Damit
waren für die Deutschen die Verbindungen mit der Heimat in
ganz anderer Art als bisher gesichert; und was noch wichtiger
war: es waren große Truppenbestände für anderweitige Ver—
wendung frei geworden. Und schon vor dem Fall von . Metz,
aber in sicherer Voraussicht seines baldigen Eintritts, hatte die
deutsche Heeresleitung über sie in der Weise verfügt, daß aus
ihnen zum großen Teile eine Erste Armee gebildet wurde, die
unter dem Befehle des Generals von Manteuffel Paris gegen
Norden sichern sollte, und eine Zweite Armee unter dem Prinzen
Friedrich Karl, der die gleiche Aufgabe nach Süden hin zufiel.
Von beiden Aufgaben war es jetzt vor allem dringlich, die
        <pb n="192" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 548

nach Süden weisende zu lösen. Denn einmal konnte von hier
aus das Pariser Einschließungsheer am gefährlichsten angegriffen
werden, weil jedes erfolgreiche Vordringen alsbald das im
Süden von Paris, in Versailles, untergebrachte Hauptquartier
und den sich bildenden Pariser Belagerungspark in Villacoublay
bedrohte. Außerdem aber waren im Süden nach der Einnahme
von Orleans durch von der Tann ganz neue, den Deutschen
an Zahl sehr überlegene französische Heereskräfte erstanden, die
für später dazu bestimmt waren, in breitester Front zentripetal
auf Paris vorzudringen. Zunächst freilich suchte eine Armee
unter d'Aurelle de Paladines vor allem Orleans wiederzu⸗
gewinnen, das noch immer im Besitze von der Tanns war.
Es gelang am 9. November; in einem Treffen bei Coulmiers,
in dem siebzigtausend Franzosen gegen zwanzigtausend Deutsche
standen, wurde von der Tann bis auf Artenay zurückgedrängt;
und d'Aurelle besetzte Orleans, übrigens ohne sich einstweilen
viel weiter zu regen.
Um so lebhafter suchten die Franzosen im Nordosten von
Orleans, am oberen Loir und an der Eure, vorwärts zu ge—
langen. Es mußte gegen diesen Andrang eine besondere deutsche
Heeresabteilung unter dem Großherzog von Mecklenburg ge⸗
bildet werden, die zunächst bis Nogent le Rotrou vorging und
den Weg nach Chateaudun und Vendome einschlug, dann aber,
am 22. November, als rechter Flügel an jene Zweite Armee
herangezogen wurde, die mittlerweile, nach der Kapitulation
von Metz am 27. Oktober, unter Prinz Friedrich Karl zum
allgemeinen Vorgehen gegen die französischen Streitkräfte des
Südens gebildet worden war. Denn in derselben Zeit etwa,
da der Großherzog dem Befehl des Großen Hauptquartiers
folgte, am 28. November, erhielten die Franzosen, wie sie in
einer Stärke von ungefähr zweihunderttausend Mann um
Orleans standen, von Tours her den Befehl, zum Entsatze von
Paris vorzurücken; und zwar sollten sie, da man die direkte
Straße besetzt sah, den Umweg über das östlicher liegende
Fontainebleau nehmen. Auf diesem Wege erreichten sie am
38. November Beaune⸗la-Rolande. Hier stießen sie auf schwache
        <pb n="193" />
        544 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

Truppenabteilungen des Generals von Voigts-Rhetz in der
Höhe von elftausend Mann; sie griffen sie mit sechzigtausend
Mann an; aber es gelang ihnen nicht, sie zu werfen. Nun
beschlossen sie, den linken Flügel an der direkten Straße von
Orleans nach Paris vermöge einer Rechtsschwenkung mehr vor—
zunehmen. Allein auch bei dieser Bewegung stießen sie links
des direkten Weges, in der Höhe etwa von Artenay, auf
Deutsche. Es kam am 2. Dezember zu der Schlacht von Loigny⸗
Poupry, deren Ergebnis das Stillestehen der französischen Be—
wegung auch auf diesem Flügel war.
Inzwischen aber hatten die Pariser Heerführer die Ankunft
der Loirearmee aufs lebhafteste erwartet. Nachdem sie am
30. Oktober einen schließlich mißlungenen Sturm auf Le Bourget,
östlich von Saint Denis, im Norden der Stadt unternommen
hatten, — ein Vorgang, der die schlimmsten Exzesse der öffentlichen
Meinung in Paris zur Folge hatte: schon schrie man Vive la
commune! und eine Zeitlang sah sich die Regierung in der
Gewalt des Pöbels: — ergriffen sie die Nachrichten vom Nahen
der Loirearmee mit um so sanguinischeren Hoffnungen als An—
laß eines neuen großen Ausfalls. Er ergoß sich, unter leb—
haften Scheinausfällen in fast allen Richtungen der Umfassungs⸗
mauer, nach Osten zu in die von der Marne umflossene Halb⸗
insel von Joinville, von der aus man dem von Fontainebleau
erwarteten Entsatzheer die Hand bieten wollte; er umfaßte die
Tage vom 30. November bis zum 2. Dezember — und er war
vergeblich. Während man in Tours, infolge eines Miß—
verständnisses, schon die bevorstehende Vernichtung der Deutschen
verkündete, zog sich die Pariser Armee, um zwölftausend Mann
an Gefangenen, Verwundeten, Toten verringert, wiederum in
die Stadt zurück. Der nachdrücklichste überhaupt zur Befreiung
unternommene Versuch war damit gescheitert. Und schon in
gewissem Sinne besiegelt wurde das Schicksal der Hauptstadt
durch den Befehl des Großen Hauptquartiers, der am Tage
des Rückmarsches der Pariser Armee, am 2. Dezember mittags,
dem Prinzen Friedrich Karl aus dem Hauptquartier von
Versailles zuging. Danach sollte der Prinz nunmehr die Offen—
        <pb n="194" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 545

sive gegen Orleans ergreifen. Noch am gleichen Tage ergingen
seine Befehle in diesen Sinne. Als Ergebnis einer Schlacht
der beiden nächsten Tage (3. und 4. Dezember) fiel darauf
Orleans den Deutschen von neuem zu, während die französische
Armee, in drei Stücke zersprengt, westlich, südlich und teilweise
auch östlich von Orleans auseinanderstob.
Von nun ab wurde es zur deutschen Aufgabe, Orleans
zu halten und diese Stellung durch vorgetriebene Truppenteile
hor weiteren Angriffen zu sichern. Dementsprechend ging die
sechste Kavalleriedivision südlich bis Vierzon vor, das bis zum
14. Dezember besetzt blieb; ihr gegenüber standen nur die süd⸗
wärts geflohenen, völlig aufgelösten Reste der Loirearmee, die
nicht wieder vorwärts getrieben werden konnten; denn selbst
Gambetta mußte nach ihrer Besichtigung es aussprechen: „O'est
encore ce que j'ai vu de plus triste.“ Schweren Stand
dagegen hatte der Großherzog von Mecklenburg, der den nach
Westen ausgewichenen Resten nachdrängte, die unter dem
tüchtigen General Chanzy standen. Sehr bald hatte Chanzy
sein Heer reorganisiert, und nur unter Zuziehung weiterer
starker Truppenmacht von Orleans her gelang es, ihn über
Vendome bis auf Le Mans zurückzudrängen.
Nachdem dies aber geschehen war, schien dann selbst das
weiteste südliche Glacis von Paris auf längere Zeit vor feind⸗
lichem Angriff gesichert; und es war an der Zeit, den aufs
äußerste angestrengten Truppen eine Ruhe zu gönnen, die nach
den Weisungen aus Versailles nur durch kräftige Offensive auf
kurze Entfernungen zu unterbrechen war. Die Zweite Armee
nahm darum bequeme Quartiere an der Loire mit dem Mittel⸗
punkt Orleans, die Abteilung des Großherzogs von Mecklen⸗
bura lagerte zuerst am Loir, dann in der Richtung auf Chartres.
Inzwischen aber hatten auch die Entsatzversuche von Norden
her starke, wenn auch im Verhältnis zu denen im Süden immerhin
geringere Beschwerden verursacht. Dem Fall von Metz war
aum 15. Oktober die Einnahme von Soissons vorausgegangen,
während schon vorher die sächsische Kavalleriedivision verstreute
Franktireurs und Mobilgarden bei Amiens zurückgetrieben
        <pb n="195" />
        546 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

hatte, ohne deshalb deren wiederholtes südlicheres Erscheinen
verhindern zu können. Und in Rouen wie Lille, weit nördlich
der Sommelinie, hatten sich Sammelplätze neuer französischer
Truppen gebildet.
In diese Lage trat nun die nach der Kapitulation von
Metz (27. Oktober) neugebildete Erste Armee unter Manteuffel
ein. Sobald sie, abgesehen von ihren zahlreichen Belagerungs—
detachements, vollständig versammelt war, ging sie gegen Amiens
vor, wo nunmehr eine vollständige französische Feldarmee stand,
und es gelang ihr am 27. November, diese in einer Front von
drei Meilen so über die Somme zu werfen, daß sie erst in
Arras wieder zum Stehen kam. Darauf marschierte ein Teil
der deutschen Truppen unter von Goeben nach der Normandie,
etwa mit dem Ziele Le Havre, um dort in Erstehung begriffene
feindliche Truppenkörper zu zerstreuen.
Aber gerade dieser Vorgang machte die inzwischen in der
Festung Arras wieder reorganisierte Armee unter Faidherbe
mobil; sie unternahm jetzt einen Zug gegen Ham und die kleine,
von den Deutschen am 27. November genommene Festung
La Foère, um die Deutschen von Le Havre abzuziehen. Darauf
wandte sie sich gegen Amiens und erwartete an dem steilen
Ostrand des Halluebaches, mit der Front nach Westen, den
deutschen Angriff. Der fiel aber, am 28. und 24. Dezember,
unter heldenmütigen Anstrengungen der Deutschen, zu ihren
Ungunsten aus; sie mußte sich von neuem unter den Schutz
der nördlichen Festungen Arras und Amiens zurückziehen.
Damit war im Norden, wie eine Woche vorher im Süden,
Ruhe eingetreten; und wenn auch sehr verspätet, konnten sich
dennoch die Truppen auch hier der frohen Feier des Weihnachts—
festes in Ruhe hingeben.
Aber das neue Jahr 1871 brachte für die schützenden
Armeen nochmals schwere Arbeit; denn eine dritte Phase der
französischen Entsatzstrategee begann. Sie ging zunächst fast
selbständig, ohne direkte Weisung von Tours her, von dem
energischen General Chanzy und damit von Le Mans her aus.
Aber die Deutschen kamen auch hier den französischen Intentionen
        <pb n="196" />
        Zweite Stufe der pleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 547

zuvor; denn schon am Neujahrstage erhielt Prinz Friedrich
Karl die Anweisung, gegen Chanzy zu marschieren. Die Zweite
Armee traf Chanzys Heer durch starke Postierungen gegen Über⸗
raschung gesichert und mußte es so in schweren Einzelkämpfen,
in einem durch sorgsamen Anbau höchst schwierigen Gelände,
fast ohne Anwendung von Artillerie und Reiterei, dazu noch
unter fast beständigem Glatteis und Schneetreiben sozusagen
von Dorf zu Dorf bis auf Le Mans zurückwerfen. Erst am
12. Januar waren die Franzosen durch stetig gehäufte und in
den letzten Tagen zu einer vollen Schlacht entwickelte Kämpfe
mürbe genug gemacht, um Le Mans aufzugeben und sich auf
Alençon zurückzuziehen. Allein auch von hier wurden sie durch
die Deutschen noch weiter nach Westen zu geworfen; und nun⸗
mehr völlig demoralisiert und auf die Halfte ihrer ursprüng⸗
lichen Stärke heruntergebracht, bildeten sie auf lange hin keine
Gefahr mehr.
Heftiger noch und dramatischer waren inzwischen die Kämpfe
im Norden verlaufen. Hier brach General Faidherbe am
2. Januar von Arras zum Entsatze der von den Deutschen be⸗
lagerten Festung Peronne auf. Allein unterwegs, bei Bapaume,
wurde er am 3. Januar von den Deutschen unter von Goeben,
die hier zum Schutze der Belagerungstruppen standen, empfangen
und, trotz großer Übermacht, mit seinen kriegsungewohnten
Truppen nach Arras heimgeschickt. Sechs Tage darauf ergab
sich Peronne, und nun wurde es den Deutschen, die jetzt ganz
mter das Kommando von Goebens getreten waren, leicht, in
einer Ausdehnung von zehn Meilen die Sommelinie als einen
Vorwall gleichsam vor Paris zu besetzen. Demgegenüber konnte
Faidherbe, dem vom französischen Kriegsminister angekündigt
wurde, die Pariser Belagerungsarmee werde nochmals eine
außerste Anstrengung machen, die Einschließung zu sprengen,
nichts tun, als eine Umgehung der Sommelinie über St. Quentin
versuchen. Aber Goeben hatte diesen Linksabmarsch seines
Gegners vorausgesehen; so war er zur rechten Zeit in St. Quentin
zugegen und schlug ihn hier am 19. Januar völlig aufs Haupt;
fafi wäre Faidherbe selbst gefangen genommen worden. Die
        <pb n="197" />
        548 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

Reste der Nordarmee aber verloren sich nun nördlich der Festung
von Arras und Cambray nach Lille, Douai und Valenciennes:
wie im Süden, so war auch im Norden auf lange Zeit kein
neuer Angriff zu gewärtigen.
Inzwischen hatte in Paris am gleichen Tage mit der
Schlacht von St. Quentin in der Tat ein letzter großer Aus—
fall stattgefunden. Es war die erste wirkliche Schlacht wieder
nach einer Unternehmung, die ursprünglich genau für einen
Monat früher, den 19. Dezember, geplant gewesen war und
dann am 21. Dezember wenigstens zu den ungemein blutigen,
wenn auch erfolglosen Kämpfen um Le Bourget geführt hatte.
Seitdem war gegenüber dem' Versuche der Franzosen, sich
durch ein ausgedehntes System von Laufgräben und Batterien
an Le Bourget heranzuschieben, das von den Geschützen des
Mont Avron gedeckt wurde, dieser Berg durch die Deutschen in
artilleristischem Angriff von den Franzosen gesäubert worden;
auch war der Ingenieurangriff wie der artilleristische Angriff
gegen die Südfront der Stadt mit dem 5. Januar begonnen
und mit steigendem Erfolge fortgesetzt worden: schon hatten
die Forts erheblich gelitten, und täglich erreichten drei- bis
vierhundert Granatschüsse zum Teil die innere Stadt. Das
beunruhigte denn doch die Bevölkerung im höchsten Grade; die
Maires erklärten sich über das Bombardement sehr ungehalten,
und die Generäle folgten gern einer Weisung aus Tours, in
der der „Sieg“ der Nordarmee bei Bapaume verkündet war,
dieser Nordarmee durch einen Ausfall entgegenzukommen. So
kam es zu einem Ausbruch gegen Westen und zu der Schlacht
am Mont Valérien vom 19. Januar: aber wie der Ausfall in
ganz falscher, freilich allein noch möglicher westlicher Richtung
stattfand, so verlief er kläglich; um fünfeinhalb Uhr gab
General Trochu, schon wegen der unter den Nationalgarden
eingerissenen Zügellosigkeit, den Befehl zum Rückzug. Die
Deutschen hatten, bei einem Manne gegen vier, die Franzosen
nicht einmal bis an ihre Hauptstellung herankommen lassen,
und ihre bereit gehaltenen Reserven waren nicht zur Verwendung
gelangt.
        <pb n="198" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 549

So war denn von dem Pariser Zentrum ebensowenig mehr
zu erwarten wie von den Armeen des Nordens und Südens;
und nur eine einzige Hoffnung schien den Machthabern von
Tours noch zu winken: der Entsatz durch eine Armee von der
Rhone und Sadne her, aus dem Südosten. Der General
Chanzy erhielt von der dahingehenden Absicht der Regierungs⸗
delegation in Tours am 29. Dezember die erste geheimnisvolle
Andeutung mit den Worten, es sei ein Plan, „qui démoralisera
le plus l'armée allemande“.
Nach dem Falle von Straßburg am 28. September, dem
am 24. Oktober und 10. November die Entwaffnung der Mül—⸗
häuser Fabrikbevölkerung auf Wunsch der dortigen Fabrikanten
sowie die Einnahme von Schlettstadt und Breisach gefolgt
waren, hatte sich General von Werder mit dem neugebildeten
XIV. Korps durch die Vogesenpässe von Schirmeck und Barr
nach Epinal vorgeschoben, hatte über Vesoul französische
Truppen bis auf das feste Besançcon zurückgedrängt, Dijon
eingenommen und sich schließlich, Anfang November, in Vesoul
festgesetzt, um von dort aus die feindlichen Truppen in Besançon
und Langres im Zaum zu halten sowie die mittlerweile ein⸗
geleitete Einschließung von Belfort und die Verbindungen ins
Elsaß zu sichern. Es waren bei der geringen Anzahl seiner
Truppen zahlreiche und schwierige Aufgaben gewesen.
Erleichtert wurden sie dadurch, daß die Franzosen sich auf
diesem Kriegsschauplatze lange Zeit hindurch untätig verhielten.
Zwar kam es Ende November und im Laufe des Dezembers zu
einiger Bewegung in Langres wie gegen Dijon, allein es genügte,
daß Werder eine Brigade gegen die von Autun her aufbrechende
Armee Garibaldis, der sich der französischen Republik als Heer⸗
führer angeboten hatte, absandte und die Franzosen selbst am
16. Dezember bei Nuits südlich von Dijon schlug, sowie unter
Heranziehung der Truppen von Lanares her in Diion ständig
Stellung nahm.
Dies war die Lage, als die Regierungsdelegation in Tours
auf den Gedanken geriet, nach den vernichtenden Kämpfen des
Dezemberanfangs um Orleans jenen Teil der Loirearmee, der
        <pb n="199" />
        3550 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

in diesen Kämpfen nach Süden ausgewichen war und den die
deutsche Reiterei am 8. Dezember zum letzten Male in Vierzon,
zehn Meilen südlich von Orleans, angetroffen hatte, nach dem
südöstlichen Kriegsschauplatz zu bringen, damit er von hier aus,
in Verbindung mit den schon dort befindlichen Truppen sowie
einem aus Lyon heranzuziehenden neuen Armeekorps, nun etwa
hundertzwanzigtausend Mann stark, Dijon nehme, Belfort ent—
setze, die Verbindungslinien der Deutschen mit der Heimat
durchschneide und dann womöglich in Verbindung mit der Nord—
armee die Deutschen vor Paris vernichte.
So begann denn am 28. Dezember der Eisenbahntransport
oon der Loire nach der Sadne, und zu Anfang des neuen
Jahres stand die Ostarmee zwischen Dijon und Besançon marschbereit
 — ihr gegenüber einstweilen nur die schwachen Kräfte
von Werders. Und schon begann Bourbaki, der französische
Obergeneral, mit dem neuen Jahre seine Operationen; sie
liefen zunächst darauf hinaus, die Deutschen von Belfort nach
Westen zu abzudrängen. Zu dem Ende ging Bourbaki an der
linken Talseite des Ognon hinauf; am 10. Janvar war er
mit drei Korps Belfort so nahe wie die Deutschen mit drei
Divisionen. Aber nun legte sich das kleine Heer von Werders
mit verzweifeltem Entschluß zwischen die Festung und den Feind,
in dem es, in Schnee und Eis, die Linie der Lisaine besetzte
aund, unter teilweiser Heranziehung der Einschließungstruppen
bor Belfort, vom 15. bis zum 17. Januar heldenmütig ver—
teidigte.
Doch inzwischen nahte den tapferen Truppen die Hilfe.
Durch ein Telegramm von Werders vom 5. Januar hatte die
oberste Heeresleitung in Versailles zum ersten Male zuverlässig
von dem Dasein der französischen Ostarmee erfahren, und als—
bald hatte sie aus zwei Korps eine neue Südarmee unter dem
Befehl des von der Nordarmee abberufenen Generals von Man—
teuffel gebildet. Jetzt, am 17. Januar, erhielt der französische
Oberkommandierende die Nachricht, daß die Spitzen dieser Armee
schon nahe bis Gray herangerückt seien; seine jungen Truppen
waren durch die Biwaks in den bitterkalten Nächten furchtbar
        <pb n="200" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 551

mitgenommen, und er mußte für seine Rückzugslinie fürchten,
wenn er nicht südwärts abmarschierte.
So brachte der 18. Januar, der Tag der Kaiserproklamation
in Versailles und der Vortag des letzten Ausfalls aus Paris
—V
im Norden, auch hier den Umschwung. Während die Franzosen
den Rückzug antraten, faßte der neue Oberkommandierende,
von Manteuffel, auf Nachrichten von Werders hin schon jetzt
den Entschluß, ihnen, unter schwacher Abwehr gegen die in
Dijon stehenden französischen Heeresteile, durch Vorgehen gegen
den Doubs unterhalb Besançcon den Abzug nach Süden zu
derlegen. Es war das Programm, dessen Ausführung die
aächsten zehn Tage, freilich unter fast übermenschlichen An⸗
strengungen der Truppen, brachten. Die Franzosen wurden
von Rückzugslinie zu Rückzugslinie weiter gegen Osten, der
Schweizer Grenze zugedrängt; und nachdem ihr Feldherr,
Bourbaki, von Tours mit Undank belohnt, nach einem ver—
zweifelten Selbstmordversuch dem General Clinchant im Ober⸗
befehl Platz gemacht hatte, blieb ihnen nichts übrig, als sich
den Deutschen zu ergeben oder die Gastfreundschaft der neutralen
Schweiz in Anspruch zu nehmen. Sie wählten das letztere, am
31. Januar 1871.
Es war das Ereignis, das nun doch endlich die zähen
Siegeshoffnungen der Franzosen zum Weichen brachte; zumal
da von deutscher Seite her nach dem Ausfall des 19. Januars
vor Paris der artilleristische Angriff auch gegen die Nordfront
der Stadt mit Erfolg aufgenommen worden war, ja schon der
Abergang zum Ingenieurangriff gegen die Pariser Mauern
devorstand. Dazu kam, daß Mangel und Teuerung in der
Stadt in bedenklichster Weise überhandnahmen, daß die Armee
demoralisiert und die öffentliche Meinung aufsässig war. Und
wie in Paris, so war auch sonst die allgemeine Lage nicht
dloß militärisch unbefriedigend; seit der Rundreise von Thiers
nach Europa war es offenbar geworden, daß auch ein ver—⸗
mittelndes Einschreiten irgendeiner auswärtigen Macht nicht
mehr in Frage stand.
        <pb n="201" />
        —552 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

Da blieb denn der französischen Regierung wirklich nichts
anderes übrig, als zu erneuten Unterhandlungen mit dem Sieger zu
schreiten. Sie begannen mit der Bitte um einen Waffenstillstand,
die Jules Favre am 23. Januar nach Versailles übermittelte.
Diese Bitte wurde am 26. gewährt. Danach sollte mit dem
31. Januar ein allgemeiner einundzwanzigtägiger Waffenstillstand,
nur der südöstliche Kriegsschauplatz war ausgenommen, eintreten.
Zur Sicherung ihrer Erfolge aber wurden den Deutschen dabei
die sämtlichen Pariser Forts mit Einschluß von St. Denis
übergeben, auch die Entwaffnung des Pariser Hauptwalles zu⸗
zestanden. Ferner wurde die Pariser Besatzung kriegsgefangen,
wenn sie auch einstweilen noch in Paris interniert blieb; und
sechshundertundzwei Feldgeschütze, eintausenddreihundertzweiund⸗
sechzig schwere Geschütze, eine Million siebenhundertfiebzigtausend
Gewehre sowie eine große Menge von Kriegsmaterial kamen in
die Hände der Deutschen. Es war, richtig betrachtet, der Fall
don Paris. Damit war aber zugleich das zäh festgehaltene
Ziel der französischen Kriegsführung beseitigt; von einer Fort—
setzung des Kampfes konnte nicht mehr die Rede sein.
Dem entsprach es, wenn nach den Bedingungen des
Waffenstillstandes die französische Regierung die Ruhe der ein—
undzwanzig Tage dazu benutzen sollte, um in freier Wahl durch
zanz Frankreich eine Volksvertretung zu schaffen, von deren Be—
schlußnahme Krieg und Frieden abhängig gemacht werden sollten.
Am 12. Februar trat diese Versammlung in Bordeaux zusammen.
Sie wählte Adolph Thiers zum Haupt der vollziehenden Ge—
walt; und am 19. Februar ging dieser mit Jules Favre nach
Paris, um die endgültigen Friedensverhandlungen zu führen.
Am 26. Februar kam es zur Unterzeichnung der Prälimi—
narien. Danach verzichtete Frankreich auf den Besitz des Elsasses,
doch ohne das inzwischen, am 18. Februar, an die Deutschen
uübergegangene Belfort, sowie auf den Besitz eines Teiles von
Lothringen mit Metz und zahlte eine Kriegsentschädigung von
fünf Milliarden Franken. Am 1. März begannen die Deutschen
mit ihrem festlichen Einmarsch in Paris: ein Grund mehr für
die Nationalversammlung, die Präliminarien alsbald, noch am
        <pb n="202" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Ein heitsfrage. 558

1. März anzunehmen und dadurch den Einmarsch weiterer
deutscher Heeresteile in Paris zu verhindern. Den Präliminarien
folgte dann zu Frankfurt am Main am 10. Mai der endgültige
Friede.
Ein Krieg von einer Ausdehnung war beendet, wie ihn
die europäische Geschichte bis dahin noch nicht gesehen hatte.
Zwanzig große Schlachten waren binnen sieben Monaten ge—
schlagen, zwanzig feste Plätze genommen worden, „und kein Tag
war zu nennen, an welchem nicht größere oder kleinere Gefechte
tattgefunden hatten“. Die Deutschen hatten hundertsieben
Fahnen und Adler sowie siebentausendvierhunderteinundvierzig
Geschütze erobert; fast siebenhundertfünfundzwanzigtausend Fran⸗
zosen waren in Gefangenschaft geraten. Freilich auch die deutschen
Verluste an Menschenleben, an Verwundeten und Toten waren
groß; sie betrugen etwa hundertdreißigtausend Mann; aber nur
sechs Geschütze waren verloren gegangen und nur eine einzige
—— erobert, sondern in Blut
und Leichen des Schlachtfeldes gefunden worden.

Lamprecht, Deutsche Geschichte. XI. 2.
        <pb n="203" />
        III.

Schon nach den ersten großen Kriegserfolgen standen zwei
Ziele des Kampfes in deutschen Herzen fest: die Wiedergewinnung
des Elsasses und Lothringens und, in irgendeiner Form, die
Begründung eines einheitlichen Bundesstaates aller krieg—
führenden deutschen Staaten: also die kleindeutsche Lösung des
Einheitsproblems. Während aber das erste Ziel erst durch den
Friedensvertrag erreicht wurde, war die neue deutsche Einheit
schon während der kriegerischen Ereignisse zu vollem Abschluß
herangereift.
Die Sympathien der Nation und die innige Mitarbeit der
öffentlichen Meinung für das Einheitsideal zu erwecken, war
dabei nicht erst notwendig: wie früh haben nicht Zeitungen
und Zeitschriften, Verbände und Versammlungen von dem nun
endlich gesichteten Ziele geredet. Bei dieser Lage kam es, um
konkrete Ergebnisse zu erreichen, vor allem auf die Fürsten an:
denn von jeher war das Ideal des gemäßigten Patriotismus
die Verbindung des Volkswillens mit dem freien Einheitswillen
der Fürsten gewesen. Und von König Wilhelm von Preußen,
nunmehr dem unbestrittenen Meister der deutschen Geschicke,
wußte man, daß er die Führung der Nation formell nie über⸗
nehmen werde, es sei denn, daß ihn seine fürstlichen Vettern
auf deutschen Thronen zu ihr beriefen.
Sah man sich nun aber im Sommer 1870 unter der
deutschen Fürstenwelt um, so stand von vornherein die Zu—
stimmung der kleinen Souveräne des Norddeutschen Bundes zu
einer Erweiterung dieses Bundes auf die süddeutschen Staaten
fest. Aber auch der König Johann von Sachsen, der Herrscher
des einzigen größeren Staates im Norddeutschen Bunde außer
        <pb n="204" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 555

Preußen, seit 1866 der treueste Anhänger der neuen Bundes⸗
bildung, fühlte ganz in diesem Sinne.
So kam es darauf an, wie sich die vier süddeutschen
Fürsten — denn über den Einheitswillen der Nation auch in
Süddeutschland bestand kein Zweifel — zu dem Gedanken einer
Erweiterung des Bundes stellen würden.
Da war nun zunächst wegen der rheinischen Fürsten, der
Großherzöge von Hessen und Baden, nichts zu befürchten. Das
Großherzogtum Hessen gehörte seit 1866 mit großen Teilen
seines Gebietes schon zum Norddeutschen Bunde; nichts konnte
ihm erwünschter sein, als diese Doppelstellung aufhören zu
sehen: das begriff selbst, wenn auch mit einiger Resignation,
der Herr von Dalwigk, der führende hessische Minister und
Gegner von Bismarck. Baden aber hatte, wie wir wissen., schon
früher um Aufnahme in den Norddeutschen Bund gebeten; es
hatte eine Anregung in diesem Sinne, die Anfang 1870 vom
norddeutschen Reichstage ausging, unterstützt; wie hätte es
jetzt nicht alles zur Verwirklichung eines Deutschen Bundes
beitragen sollen?
Nicht so einfach lagen dagegen die Dinge in Württemberg
und Bayern, den von der französischen Gefahr entfernteren
Staaten. In Württemberg war zwar die Bevölkerung durch—
aus einheitsfreudig, aber der schwache König Karl schwankte
zwischen den Ratschlägen seiner Minister, die die Stimmung
des Landes richtig zum Ausdruck brachten, und den Ein—
flüsterungen einer reaktionär-feudalen Hofpartei, die bei der
Königin Olga, einer geborenen russischen Großfürstin, Unterstützung
fand. Noch schwieriger lagen im Grunde die Verhältnisse in
Bayern. Das regnum Bawariae, wie es noch im 10. Jahr⸗
hundert gelegentlich hieß, hat von jeher wegen der Größe und
besonderen Lage des bayerischen Stammesgebietes eine besondere
Rolle in der deutschen Geschichte gespielt und spielen wollen:
es ist in seiner politischen Komplexion im Verhältnis zum
deutschen Gesamtreich etwas wie eine kleinere und frühere Vor—

1 S. oben S. 514, s. auch S. 506.
        <pb n="205" />
        356 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

bildung sterreichs; und ruhmreich herrscht in ihm seit den
Tagen der Staufer das alte Geschlecht der Wittelsbacher, aufs
engfte mit dem Volke verwachsen. So war schon die öffent⸗
liche Meinung dem Einheitsgedanken nicht so günstig wie
anderswo auf deutschem Boden; der weit verbreitete, wenn
auch politisch erst im Auswachsen begriffene Klerikalismus
widerstrebte ihm mindestens in anderer als großdeutscher Ge—
ftalt: nur im Rausche der Siegesbegeisterung, noch während
des Krieges, durfte man mit Bestimmtheit hoffen, ihn zu
meistern. Auf dem Throne Bayerns aber saß ein Fürst schon
damals wunderlicher Lebenshaltung und sicherlich nicht normaler
Anlage, Ludwig II. Würde es gelingen, seinem hochfahrenden
Sinn, seiner übertriebenen Vorstellung von jeder fürstlichen,
hor allem aber seiner eigenen Würde den Entschluß oder
wenigstens die Zustimmung zur Unterordnung unter eine Bundes⸗
organisation welcher Art auch immer zu entreißen?
Was aber die Entwicklung der konkreten Einheit in ähn—
licher Weise erschwerte wie der teilweise widerstrebende Wille
der Fürsten, das war die Tatsache, daß die Kreise, Gruppen
und Personen, die der Einheit in Deutschland überhaupt be—
wußt und unter deutlicheren Vorstellungen zustrebten, unter sich
keineswegs einig waren. Da wollten Demokraten und aus—
gesprochene Liberale eine Einheit von Volkes Gnaden und trafen
sich in diesem Gedanken teilweise mit den persönlichen Neigungen
des preußischen Kronprinzen, insofern dieser die Herrschaft der
kleineren Fürsten in einem Sturm der Vereinigung ihrem realen
Inhalte nach am liebsten beseitigt hätte. Und da widerstrebten
die Konservativen ganz allgemein einer deutschen Bundesbildung
von unten her; und erhofften in Preußen, soweit sie dem
Einheitsgedanken überhaupt näher traten, unter einem durchaus
legitimistischen Ausgange am ehesten etwas wie eine starke Er⸗
weiterung des preußischen und das hieß ihnen zum Teil ihres
eigenen Einflusses auf Deutschland. Und König Wilhelm stand
dieser Auffassung in gewisser Hinsicht nicht mehr so fern, als
das vielleicht 1866 oder gar 1860 der Fall gewesen wäre: er
fühlte sich an erster Stelle denn doch als König von Preußen,
        <pb n="206" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 557

und er war keineswegs gewillt, dieser Wurde durch Uübernahme
allgemein deutscher Pflichten, so wie er die Dinge ansah, „etwas
zu vergeben“.
Dies war die Lage; und in ihr bedurfte es der ganzen
diplomatischen Geschicklichkeit Bismarcks und des Ministers
Delbrück, seines unermüdlichen Mitarbeiters in dieser Sache,
um ein günstiges Ergebnis herbeizuführen: trotz aller vorwärts
weisenden Stimmungen des Volkes.
Die ersten Gedanken über eine künftige Einheit hatten sich
natürlich alsbald mit den ersten großen Siegen eingestellt; und
sie reiften bis zu einem gewissen Grade um so früher, als man
nach Sedan vielfach, auch in den leitenden militärischen Kreisen,
an einen raschen Schluß des Krieges glaubte. So überreichte
denn der Kronprinz Friedrich Wilhelm dem Fürsten Bismarck
schon am 14. August eine Denkschrift zur Sache der künftigen
SFinheit; und bereits am 22. August sondierte Bismarck beim
Kronprinzen Albert von Sachsen, ob die Frage der Bundes⸗
erweiterung auf Süddeutschland nicht in einem Fürstenkongreß
während des Feldzuges zu lösen sein würde, auf französischem
Boden, wo so manche deutsche Bedenken von selbst würden
schweigen müssen. Mit den Fürsten aber ging sogleich die
Nation vorwärts. In München, in Stuttgart und Karlsruhe
wurden die dem Anschlusse an den Norden günstigen Kreise
durch die Tätigkeit Laskers und Forckenbecks, der wichtigsten
liberalen norddeutschen Parlamentarier, bewegt und erweitert.
Dann, am 2. September, ergriff der Großherzog von
Baden eine erste wirkliche Initiative: er erbat bei dem Nord⸗
deutschen Bunde den Eintritt seines Landes, die Erweiterung
des Bundes auf ganz Süddeutschland, die Annahme des
Kaisertitels durch den König von Preußen. Darauf erging am
12. September von Bismarck eine generell zustimmende Ant⸗
wort: aber die Initiative müsse von den süddeutschen Re—
gierungen überhaupt ausgehen.
So ging denn die Reihe, zu handeln, an Bayern vor
allem und an Württemberg über — denn Hessen konnte man
Ils eines Sinnes mit Baden betrachten. Die Initiative wurde
        <pb n="207" />
        558 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

von Bayern ergriffen. Graf Bray, der führende bayerische
Minister, der die Einheitsfrage nüchtern von grundsätzlich
bayerischem Standpunkte aus ansah, fand die Zustimmung König
Ludwigs zu Vorschlägen, in denen die bayerische Selbständigkeit
bei allgemeiner Neigung, in den Bund einzutreten, stark betont
war. Bismarck hatte nichts anderes als dies erwartet; und
er sandte nun Delbrück nach München, um, unter dem sich
steigernden Eindrucke der deutschen Kriegserfolge, über die Einzel—
heiten weiter zu verhandeln. Delbrück kam am 21. September in
München an; bald stellte sich neben ihm der württembergische
Minister von Mittnacht ein, und Besprechungen aller drei
Minister begannen auf der Grundlage der Bestimmungen der
norddeutschen Verfassung. Sie dauerten bis zum 29. September;
immer günstiger verliefen sie: Delbrück glaubte ihr Schluß—
ergebnis schon mit den Worten, die deutsche Einheit sei ge—
sichert, bezeichnen zu können.
Danach kam es für Bismarck eigentlich nur noch darauf
an, den Kronprinzen und den König von Preußen für die ge—
fundene Lösung zu gewinnen und den feierlichen Abschluß der
Verhandlungen, wie er erhoffte, durch einen deutschen Fürsten⸗
kongreß und womöglich auch einen deutschen Reichstag auf
französischem Boden herbeizuführen.
Aber eben bei der Durchführung dieses Abschlusses stellten
sich unerwartete Schwierigkeiten ein. Sie gingen von König
Ludwig von Bayern aus — wurden aber auch, wie wir sehen
werden, durch die Haltung König Ludwias von Bayvern wieder
deseitigt.
König Ludwig, schon damals ein Einsiedler, konnte sich
nicht zu einer Fahrt nach Frankreich entschließen, so verlockend
man ihm einen Aufenthalt in Trianon oder Fontainebleau vor⸗
stellte. Die durch sein Zögern veranlaßte Pause in den Ver—
handlungen machte dann wieder den König Karl von Württem⸗
herg stutzig; im Gegensatze zu seinen gut deutsch gesinnten
Ministern unterlag er den schon geschilderten, der deutschen
Einheit abholden Einflüssen.
Bismarck reagierte gegen diese widrigen Strömungen da—
        <pb n="208" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Cösung der Einheitsfrage. 559

durch, daß er nunmehr, am 2. Oktober, das badische Angebot,
in einen neuen Bund einzutreten, formell annahm und den
Großherzog einlud, wegen des Abschlusses im einzelnen Unter—
— Dieser Schritt hatte den
rwarteten Erfolg, daß sich darauf, aus Eifersucht und Furcht,
majorisiert zu werden, auch Unterhändler von Württemberg
und Bayern einfanden; und da auch Hessen zu den jetzt statt⸗
iindenden Verhandlungen geladen war, so begannen gegen Ende
Oktober, unter Bismarcks unmittelbarer Leitung, neue, die
wichtigsten Fragen der Südstaaten überhaupt umfassende Kon—
jerenzen in Versailles.
Diese Konferenzen führten, wie sich denken ließ, für Baden
zum raschen Abschluß; man hatte nur Sorge zu tragen, daß
Baden, namentlich in Heeressachen, nicht dem neuen Bunde
so viel von Rechten überließ, daß die anderen Staaten nicht zu
folgen vermocht hätten; am 3. November war alles erledigt.
Auch mit Hessen verliefen die Verhandlungen glatt. Und selbst
Württemberg zeigte sich entgegenkommend. Dagegen war es nun
wiederum Bayern, das sich nicht fügen wollte: es verlangte
vholle Selbständigkeit seiner auswärtigen Beziehungen und seines
Heerwesens. Darüber stellten sich denn aber auch in Stutt⸗
gart wieder aus bekannten Gründen Bedenken ein; und am
11. November erhielt man Nachrichten, wonach es schien, als
werde König Karl schon gemachte Zugeständnisse wieder zurück⸗
ziehen.
Da kam Hilfe von München, von König Ludwig. Der
König war über den langsamen Fortschritt der Verhandlungen
in Versailles unruhig geworden; vor allem begriff er nicht, wie
nan mit Baden, Hessen, Württemberg früher verhandeln könne
als mit ihm. Es war eine Frage, die ihn derart bewegte, daß
es schien, als wenn er abdanken wolle. Allein das war eine
oorübergehende Laune; dominierend blieb der Wunsch, an den
Verhandlungen in einer Bayerns würdigen Weise an erster
Stelle teilzunehmen. Dies war nun die seelische Disposition,
die es erlaubte, dem Könige den Gedanken nahezulegen, seiner⸗
seits, als Führer der deutschen Fürsten und freien Städte,
        <pb n="209" />
        560 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

dem König von Preußen die Kaiserkrone anzubieten. Schon
waren in dieser Hinsicht vorher Verhandlungen gepflogen
worden, an denen sich namentlich der Großherzog von Baden
beteiligt hatte: jetzt wurden sie dringlich. Da ein Brief des
badischen Großherzogs ohne durchschlagende Wirkung geblieben
war, so suchte Bismarck den König dadurch zu einem raschen
Entschluß zu bringen, daß er in München verlauten ließ, er
werde mit dem Könige von Sachsen dahin ins Einvernehmen
treten, daß dieser das Angebot der Kaiserkrone übernehme. Es
war das rechte Mittel. König Ludwig, eifersüchtig auf seine
Stellung unter den Fürsten, sandte jetzt, zunächst allerdings
nur um sich über die allgemeine Lage zu informieren, einen
seiner Adjutanten, den Grafen von Holnstein, direkt nach
Versailles, zu Bismarck. Holnstein war ein glühender deutscher
Patriot, und er kannte den König. Er riet Bismarck, ihn
zum Könige mit einer völlig fertigen Vorlage des Angebotes
der Kaiserkrone, die der König nur zu unterschreiben brauche,
zurückzusenden. Es geschah: und der König unterschrieb nach
geringfügigen Anderungen. Am 3. Dezember hatte König Wil—
helm das Angebot in Händen; und bald folgte die allgemeine
Zustimmung der Fürsten und freien Städte.
Inzwischen hatte aber Bismarck, am 15. November, schon
mit Baden und Hessen formell abgeschlossen: der neue Bund,
der aus der Vereinigung der beiden Länder mit dem Norddeutschen
Bunde hervorging, sollte am 1. Januar 1871 ins Leben treten.
Es war ein Zeichen für Württemberg und Bayern, mit dem Ab—
—D—
sollten sie nicht durch das Angebot der Kaiserkrone und noch
mehr durch eine sich regende Entrüstung in der Nation über
das Säumen bedrängt und dem Verluste mancher Chance zu—
getrieben werden, die sich ihnen jetzt noch in den Konferenzen
darbot.
Bismarck verhandelte nun an erster Stelle mit Bayern;
hier war er zu jenen starken Zugeständnissen an die besondere
geschichtliche Stellung des Landes bereit, welche die heutige
Reichsverfassung aufweist. Darauf kam man rasch zum Ab—
        <pb n="210" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 561

schluß: am 28. November abends war die deutsche Einheit, und
wie wir aus den parallelen Münchener und Hohenschwangauer
Vorgängen wissen, die deutsche Kaiserwürde nahezu gesichert.
Darauf ließ sich natürlich auch die Sonderstellung Württem⸗
bergs nicht mehr halten; am 25. November hat es den Ver⸗
trag unterzeichnet, der seine Lage in der heute aus der Reichs—
verfassung bekannten Weise regelt.
Damit war denn die Einheit hergestellt, soweit sie auf
Verträgen der deutschen Bundesfürsten und freien Städte be—
ruhen konnte. Allein noch bedurften diese Verträge der Zu⸗
stimmung des Bundesrates des Norddeutschen Bundes, des
norddeutschen Reichstages und der vier süddeutschen Parlamente.
Im Bundesrat nahm man sie natürlich ohne Schwierig⸗
keiten an, wenn auch die besondere Behandlung Bayerns
manchen Tadel erfuhr; zugleich wurde für den neuen Bund
die Bezeichnung „Reich“ beschlossen und der Kaisertitel für den
Bundespräsidenten, den König von Preußen, freudig gebilligt.
Der Reichstag war am 24. November zusammengetreten. Auch
in ihm riefen die, wie es schien, übermäßigen Zugeständnisse an
Bayern manch scharfes Wort hervor. Im ganzen aber stimmte
man am 9. Dezember mit hundertfünfundneunzig gegen zwei⸗
unddreißig Stimmen auch dem Vertrage mit Bayern zu. Die
Verhandlungen in den süddeutschen Parlamenten aber haben
dann nicht mehr viele Schwierigkeiten gemacht; nur in Bayern
widerstrebte in der Kammer der Abgeordneten wiederum die
klerikale „Patriotenpartei“ unter Jörg: bis endlich die Mehr—
heit, gegen den Bericht der Kommission, am 22. Januar 1871 —
nach der Kaiserproklamation von Versailles und somit nicht,
ohne sich geschichtlich lächerlich zu machen — ihre Zu—
stimmung gab.
Inzwischen aber waren die Dinge in Versailles ihren
rafchen und nunmehr auch sicheren Gang fortgeschritten. Nach
Ratifikation der Novemberverträge bot König Ludwig II. von
Bayern, wie in anderem Zusammenhang schon erzählt, dem König
Wilhelm als Bundesprüsidenten den Titel eines Deutschen Kaisers
an, und König Wilhelm konnte sich diesem Antrage, der inzwischen
        <pb n="211" />
        562 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

die Zustimmung aller Fürsten und freien Städte gefunden hatte,
nicht versagen, mit wie viel Bedenken auch immer er in seinem rein
altpreußischen Wesen die Aussicht auf die neue Würde begleitete.
Nachdem aber sein Wille zur Annahme bekanntgeworden war,
regte sich auch der norddeutsche Reichstag. Eine Deputation
von dreißig seiner Mitglieder, an der Spitze Simson, der
Präsident der Nationalversammlung von 1848, begab sich nach
Versailles, um den König zu begrüßen und zu beglückwünschen.
König Wilhelm empfing sie am 18. Dezember 1870 und er—
klärte, er werde vom 1. Januar 1871 ab die neue Würde, die
Volk und Fürsten vereint ihm angeboten, annehmen.
Am 18. Januar erfolgte dann die feierliche Proklamation des
Kaisertums im Spiegelsaale des Versailler Schlosses, von dessen
Wänden jene Bilder aus der Zeit Ludwigs XIV. herabsehen, die
französische Triumphe vornehmlich über deutsche Heere verherr⸗
lichen; es war hundertundsiebzig Jahre nach der Erwerbung der
Königswürde durch die Hohenzollern. Nach kurzem Gottesdienst
schritt der greise König der Bühne des Saales zu, erklärte bewegten
Tones, daß er den neuen Titel annehme und befahl dem Reichs⸗
kanzler, seine darüber aufgesetzte Willensmeinung zu verlesen. Die
von Bismarck verfaßte Urkunde war im Sinne eines Aufrufes
an das deutsche Volk gehalten: „Wir übernehmen die kaiserliche
Würde in dem Bewußtsein der Pflicht, in deutscher Treue die
Rechte des Reiches und seiner Glieder zu schützen, den Frieden
zu wahren, die Unabhängigkeit Deutschlands zu stützen und die
Kraft des Volkes zu stärken ... Uns aber und unseren Nach—
folgern in der Kaiserkrone wolle Gott verleihen, allzeit Mehrer
des Deutschen Reiches zu sein, nicht in kriegerischen Eroberungen,
sondern in den Werken des Friedens auf dem Gebiet nationaler
Wohlfahrt, Freiheit und Gesittung!“
Der Kaiserproklamation folgte der Abschluß des Krieges
mit Frankreich, die Heimkehr nach Berlin unter dem unbeschreib—
lichsten Jubel des Volkes und, zum vollendeten Symbol der
wiederhergestellten Einheit des größten Teils der Nation, die
Eröffnung des ersten deutschen Reichstags.
Die Wahlen, die am 3. März 1871 getätigt worden waren,
        <pb n="212" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 563

hatten noch ganz das Gepräge der großen Zeit getragen. Die
Nörgler an dem Errungenen waren im allgemeinen unterlegen,
wenn auch schon die kommenden Schwierigkeiten klerikaler Partei⸗
politik durchblickten; hundertundzwanzig Mann stark erschien die
nationalliberale Partei; es war einer der Höhepunkte ihrer
Geschichte. An ihrem außerordentlichen Zuwachs hatten vor
allem die Mittelstaaten, Sachsen, Bayern, Württemberg, teil.
Am 21. März 1871 eröffnete König Wilhelm den Reichs—
tag. „Wir haben erreicht,“ hieß es in der Thronrede, „was
seit der Zeit unserer Väter für Deutschland erstrebt wurde:
die Einheit und deren organische Gestaltung, die Sicherung
unserer Grenzen, die Unabhängigkeit unserer nationalen Rechts⸗
entwicklung ... Möge dem deutschen Reichskriege, den wir so
ruhmreich geführt, ein nicht minder glorreicher Reichsfrieden
folgen, und möge die Aufgabe des deutschen Volkes fortan
darin beschlossen sein, sich in dem Wettkampfe um die Güter
des Friedens als Sieger zu erweisen. Das walte Gott!“
Der Reichstag konstituierte sich rasch; sein erster Präsident
wurde Simson, der erprobte Leiter nicht nur von Frankfurt,
sondern auch von Erfurt und des norddeutschen Reichstags und
Zollparlaments in Berlin. Traten im übrigen bei der Konstitution
alsbald die liberalen und klerikalen Gegensätze zutage in Vor—
gängen, von denen später noch erzählt werden soll, so wurde doch
die erste und große Hauptaufgabe der Volksvertretung im ganzen
würdig und rasch gelöst; am 14. April wurde die Reichsverfassung,
wie sie von den verbündeten Regierungen nach dem Muster der
norddeutschen Verfassung vorgelegt worden war, mit allen gegen
sieben Stimmen angenommen und am 20. April verkündet. Im
ganzen doch glücklich hatte man sich in die neue Lage gefunden;
die extremen Elemente der Liberalen wie der Konservativen waren
für den Augenblick zurückgedrängt, die Klerikalen noch nicht völlig
herangewachsen: und so mochte sich die neue und doch alte Ver—
fassung, nun auf die große Mehrzahl aller Deutschen übertragen,
zuerst in günstiger Atmosphäre entfalten und bewähren.

1 S. unten fünftes Kapitel.
        <pb n="213" />
        564 Funfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

Da ergab sich denn aber sehr bald, daß diese Verfassung längst
nicht alle diejenigen Gebiete regelte, ja auch nur aufzählte, auf
denen sich gemeinsame Lebensangelegenheiten der Nation immer
stärker herausstellten. Indem Bismarck die Verfassung des Nord⸗
deutschen Bundes, jetzt des Reiches aus den unmittelbaren politischen
Voraussetzungen der Jahre 1865 bis 1867 herausentwickelt hatte
im Sinne einer bloßen Hegemonie Preußens, die keinen anderen
Gebieten als den für sie absolut notwendigen näher trat, war
die Möglichkeit gerettet, in spontaner Weise, in sehr verschiedenen
Formen, gemeindeutsches Leben weiterzupflegen, ohne daß da⸗
durch die Verfassung geändert zu werden brauchte, ja ohne daß
die Verfassung dadurch auch nur sichtlich berüuhrt wurde..
So war es schon nach der Lage der Dinge an sich gleich—
sam eine politische Notwendigkeit, daß die gesamte innere Politik
der Einzelstaaten der Hauptsache nach doch immer wieder auf die
von der Reichspolitik gegebene Richtung eingestellt wurde, obwohl
darüber in der Verfassung auch nicht ein Wort zu finden ist.
Bereits das Jahr 1871 zeitigte hier die notwendigen Konse—
quenzen. In Hessen trat der Minister von Dalwigk, einer der
Gegner der Einheitsbewegung, so wie sie sich nun einmal voll⸗
endet hatte, bereits am 9. April zurück, freilich erst, nachdem er
von berufenster Seite in den „Grenzboten“ zu hören bekommen
hatte: „Ein Minister im neuen Deutschen Reich muß. noch
andere Eigenschaften haben als diejenigen der Katze, aus jeder
Höhe gesund auf die vier Pfoten zu fallen.“ In ähnlicher
Weise oder wenigstens aus verwandten Gründen vollzog sich
auch in Bayern ein systematischer und in Sachsen ein teilweiser
Ministerwechsel. Von da ab bildete sich dann eine Regel etwa
dahin aus, daß die Politik der einzelnen Länder der Reichs—
politik konform zu führen sei; und gewährleistet wurde ihre
Anwendung bis zu einem gewissen Grade durch den Bundesrat
als ein regulierendes Organ zwischen der allgemeinen deutschen
Meinung, wie sie im Reichstag zum Ausdruck kommen sollte,
dem allgemeinen deutschen Nutzen, wie er eben dieser Körper—
schaft als Reichsregierung vorschwebte, und den partikularen
Interessen der Einzelstaaten.
        <pb n="214" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage 568

Viel konkreter aber oder wenigstens augenscheinlicher, in
großen Reihen von Gesetzen, schlugen sich die speziellen Lebens—
bedürfnisse der Gesamtnation außerhalb der allgemeinen poli⸗
tischen Richtungnahme nieder. Vor allem die Verkehrsbedürfnisse
als mit die größten Anliegen der aufsteigenden Zeit höchster
Blüte des neuen Wirtschaftslebens kamen hier in Betracht:
und für sie hatte auch die Verfassung in einigen allgemeinen
Rubriken eine allgemeine Regelung vorgesehen. Außer der
Post und dem Telegraph, die, mit Ausnahme von Württem⸗
berg und Bayern mit ihren Reservatrechten, der Staats⸗
sekretär Stephan als Reichssache aufs trefflichste regelte, handelte
es sich hier vor allem um Münze, Bankwesen und Eisen⸗
bahnen.
Das Münzwesen einheitlich zu gestalten an Stelle der
noch immer geltenden sieben verschiedenen Münzfüße hatte schon
das letzte deutsche Zollparlament am 5. Mai 1870 beschlossen.
Jetzt nun, nach dem Kriege, konnten die starken Zahlungen
Frankreichs unter anderem auch für eine allgemeine und
einheitliche Regelung der gesetzlichen Umlaufsmittel in An—
spruch genommen werden. Der Reichstag forderte daher am
23. Rovember 1871 den Reichskanzler zur baldigen Vorlegung
eines Munzgesetzes, eines Bankgesetzes und eines Gesetzes über
die Ausgabe und Einziehung von Staatspapiergeld auf und
sprach sich zugleich, nicht ohne eingehende und eifrige vorherige
Diskussion, für den Übergang zur Goldwährung aus. Dem—
gemäß konnte zunächst am 9. Juli 1878 ein Münzgesetz in
Kraft treten, das die Grundlagen unseres heutigen Münz⸗
systems geschaffen hat. Es wurden goldene Zwanzig- und
Zehnmarkstücke ausgeprägt, und die Höhe der Silberprägung
wurde auf zehn Mark für den Kopf der Bevölkerung, also vor⸗
läufig vierhundertundzehn Millionen Mark festgesetzt. Neben dem
Hartgeld aber blieb einstweilen noch die starke Übersättigung
Deutschlands mit staatlichem wie Bankpapiergeld aus den
Ländern der Kleinstaaten her bestehen; es liefen etwa für ein—
undsechzig Millionen Taler Staatspapiergeld und für vier—
hundertachtzig Millionen Taler Zettelbanknoten um, von denen
        <pb n="215" />
        566 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

ein großer Teil schlecht oder gar nicht gedeckt war. Helfen
konnte hier nur eine Vereinbarung auf Reduktion des staat⸗
lichen Papiergeldes und ein Reichsbankgesetz. Die erstere er⸗
folgte, unter Inanspruchnahme der Reichsgesetzgebung, dahin,
daß vom 1. Januar 1876 ab für hundertzwanzig Millionen
Mark Reichskassenscheine ausgegeben werden sollten, also auf
den Kopf der Bevölkerung etwa drei Mark. Diese Scheine
wurden nach der Bevölkerungszahl der einzelnen Bundesstaaten
an diese zur Einziehung ihres alten Papiergeldes verteilt. Dabei
machten solche Bundesstaaten, welche weniger oder gar kein
Papiergeld ausgegeben hatten, natürlich ein gutes Geschäft.
Andere dagegen, die bei weitem mehr ausgegeben hatten, wie
Sachsen und Bayern, waren schlimm daran. Denen gab man
noch fünfundfünfzig Millionen Mark Papiergeld über die hundert—
zwanzig Millionen hinaus; doch hatten sie diese binnen fünf—
zehn Jahren in bar zurückzuzahlen. Weniger glimpflich wurden
die Privatbanken behandelt, die in den Jahren 1868 bis 1878
ihre Noten von zweihundertacht auf vierhundertachtzig Millionen
Taler, das heißt um mehr als zweihundertdreißig Prozent ver—
mehrt hatten. Sie wurden auf hundertfünfunddreißig steuer⸗
freie Millionen beschränkt, ein höherer Betrag an Noten durfte
von ihnen nur gegen eine Steuer von fünf Prozent des Noten⸗
hetrages ausgegeben werden. Gleichzeitig aber, in einem Gesetz
vom 30. Januar 1875, wurde die preußische Bank in eine
Reichsbank umgewandelt, ein Institut gemischten Charakters,
dessen Betriebsfonds mit zunächst hundertzwanzig Millionen
Mark von Aktionären aufgebracht wurde, während das Bank—
direktorium auf Vorschlag des Bundesrats vom Kaiser er—
aannt wird.
Das Ergebnis dieser gesetzgeberischen Maßnahmen war die
Einheit des Geld- und Kreditverkehrs in Deutschland unter Aufsicht
und Eingreifen des Reiches; die einzelnen Bundesstaaten waren
auf diesem Gebiete fast lahm gelegt. Noch mehr aber geschah das
im Gesamtbereiche der modernen Formen des Wirtschaftslebens
durch Gesetze vom Jahre 1874 und 1876, die von Reichs wegen
die Handels- und Fabrikzeichen, die Muster und Modelle sowie
        <pb n="216" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 567

das Urheberrecht an Werken der bildenden Kunst und an
Photographien schützten, und noch mehr durch das Reichspatent⸗
gesetz vom 25. Mai 1877.
So hätte es nach Lage der Dinge fast nur noch eines
UÜberganges der Eisenbahnen an das Reich oder wenigstens der
Herrschaft des Reiches über die Eisenbahntarife bedurft, um
die Verkehrshoheit der Einzelstaaten völlig zu absorbieren.
Indes hierauf gerichtete Bemühungen des Fürsten Bismarck
scheiterten trotz des im Jahre 1878 begründeten Reichseisenbahn⸗
amtes; wir werden in unserer Erzählung darauf noch zurück⸗
commen. Indes auch ohne die Verwirklichung des schon damals
hergebens erträumten Ideals der Reichseisenbahnen war die
übermacht des Reiches in der Regelung des Verkehrswesens nun⸗
mehr unbestritten; und damit waren bei dem wesentlich verkehrs⸗
holitischen Charakter des aufkommenden modernen Wirtschafts⸗
lebens alle wirtschaftlichen Interessen allgemeinster Art der Für⸗
sorge des Reiches weit mehr unterstellt, als die Verfassung dies
»orausgesehen oder etwa gar festgelegt hatte.
Noch gründlicher und durchgreifender aber hat sich ein ent⸗
sprechender Prozeß auf dem Gebiete der rechtlichen Interessen
oollzogen.
Ursprünglich galt nach der Verfassung des Norddeutschen
Bundes die Gerichtsbarkeit durchaus als ein Recht der Einzel⸗
staaten: sie hatten darum auch die Ausübung der Gerichts⸗
gewalt; der Bund war nur befugt, die allgemeinen Regeln für
diese Ausübung aufzustellen und ihre richtige Anwendung durch
Kontrolle zu sichern. Und so steht die Sache auch heute noch
nach der Verfassung des Reiches. Das Leben aber ist längst
über diese Regelung hinweggeschritten.
Zunächst war zur Auslegung und Anwendung des gemein⸗
famen zollvereinlichen Handelsgesetzbuches und der Wechsel⸗
ordnung schon am 12. Juni 1869 ein Bundesoberhandelsgericht
in Leipzig begründet worden: es sprach natürlich im Namen des
Bundes Recht, durchbrach damit also bereits die Gerichtshoheit
der Einzelstaaten. Noch viel mehr geschah dies aber im Laufe
der nächften Jahre, als seiner Kompetenz in dem nun begründeten
        <pb n="217" />
        568 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

Reiche immer mehr neue Gesetzesmaterien unterstellt wurden:
und bald war es auf dem Wege, sich zu einem allgemeinen
Reichsgericht zu erweitern.
Dieser Bewegung sekundierte dann eine andere, die vom
Reichstage ausging. Im Reichstage wurde schon am 15. No—
vember 1871 ein Antrag durchgebracht, der unter Aufhebung
aller partikularen Gesetze Rechtseinheit im Reiche für Straf—
recht, Strafverfahren und Gerichtsorganisation, kurz für das
Janze gerichtliche Verfahren, und ferner ein einheitliches bürger⸗
liches Gesetzbuch forderte. Es war ein Beschluß, dem der
Bundesrat am 12. Dezember 18783 fast einstimmig — da—
gegen votierten nur die beiden Mecklenburg und Reuß älterer
Linie — beitrat, und dem er die Einsetzung einer Kommission
zur Ausarbeitung eines bürgerlichen Gesetzbuches sowie die
Vorbereitungen zu Gesetzen über das gerichtliche Verfahren
folgen ließ.
Diese letzteren Gesetze kamen dann seit dem Jahre 1874
vor den Reichstag, zunächst in einem Zustande, der die Gerichtsbarkeit
 der Einzelstaaten noch außerordentlich schonte. Indes
im Reichsstag wurden sie im Herbst 1874 gerade von diesem
Gesichtspunkte aus und vornehmlich von den liberalen Parteien
einer gründlichen Kritik unterzogen; und man beschloß die Ein—
arbeitung der Meinung des Reichstages in sie einer außer⸗
ordentlichen ständigen Justizkommission zu übertragen, die am
28. Januar 1875 in der Stärke von achtundzwanzig Mitgliedern
gewählt wurde. Diese Kommission, die unter dem Vorsitz Miquels
fleißig arbeitete, wurde im Herbst 1876 mit ihrer Arbeit fertig,
und am 7. November 1881 nahm der Reichstag die von ihr aufs
tiefste modifizierte Zivilprozeßordnung, Strafprozeßordnung und
das Gerichtsverfassungsgesetz, wozu im Laufe der Verhandlungen
noch eine Konkursordnung gekommen war, mit großer Mehr⸗
heit an.
Nun galt es aber die Zustimmung des Bundesrates. Der
Bundesrat erklärte anfangs nicht weniger als sechsundachtzig
der gefaßten Kommissionsbeschlüsse als unannehmbar. Da eilte
Bismarck von Varzin herbei, übernahm seit Jahren zum ersten
        <pb n="218" />
        Zweite Stufe der kleindeuntschen Lösung der Einheitsfrage. 509

Male wieder selbst den Vorsitz im Bundesrath, ließ mit den
Parteiführern des Reichstages verhandeln und brachte, aller⸗
dings unter manchem Verzicht der Liberalen zugunsten kon⸗
servativer Anschauungen, so viele gegenseitige Zugeständnisse
fertig, daß eine Formulierung gefunden wurde, der die Zu—
stimmung des Bundesrates und des Reichstages sicher war.
Darauf wurden die Gesetze vom Reichstage am 21. Dezember 1876
angenommen. Bald nachher wurde denn auch, in Konsequenz
des Gerichtsverfassungsgesetzes, über die Errichtung eines Reichs⸗
gerichts beraten und die Verlegung dieses obersten Gerichts⸗
hofes des Reiches nach Leipzig beschlossen.
In Kraft traten die neuen Gesetze am 1. Oktober 1879;
am gleichen Tage wurde zu Leipzig das Reichsgericht mit einer
feierlichen Ansprache seines ehrwürdigen ersten Präsidenten,
Simsons, des Mannes, der uns so oft schon als Präsident
von Parlamenten begegnet ist, eröffnet. Am 31. Oktober 1888
hat dann Kaiser Wilhelm II. den Grundstein des heute stehenden,
1895 eingeweihten Reichsgerichtspalastes gelegt.
Seit Einführung der Justizgesetze bildet das Gebiet des
Deutschen Reiches insofern das Gebiet einer Gerichtsbarkeit, als
seder Einzelstaat durch seine Landesgerichte eine gerichtliche
Herrschaft über das ganze Reich ausübt: die Gebote und
Verbote jedes Gerichts werden überall befolgt, aber er übt
diese Herrschaft nicht aus eigener Gewalt aus, sondern der
Quell seiner Gewalt ist das Reich und seine Hoheit.
Zu den Justizgesetzen des Jahres 1879 aber ist dann später
das so lang ersehnte einheitliche Bürgerliche Gesetzbuch gekommen:
wie das Gerichtsverfahren, so ist seit dem 1. Januar 1900
auch das materielle bürgerliche Recht im ganzen Reiche das
gleiche: der Partikularismus der Bundesstaaten hat auf diesem
Gebiete abgedankt zugunsten des Universalismus des Reiches.
Rückblickend also kann man sagen, daß die drei großen
Lebensrichtungeu der allgemeinen inneren Politik, des Verkehrs
und der Rechtssicherung jetzt im Reiche einheitlich geordnet
sind: weit hinaus über die ursprünglichen Voraussetzungen und
Forderungen der Verfassung.
Lamprecht, Deutsche Geschichte. XI, 2.

*
        <pb n="219" />
        570 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

Aber auch innerhalb der Bundesfunktionen des Reiches
selbst hat sich der anfangs gemeinte Staatenbund unter Preußens
Führung in sehr bemerkenswerter Weise zum Bundesstaat über
allen Partikularstaaten, auch über Preußen, entwickelt. Die Ent—
wicklung, die hier verlaufen ist, schloß sich vornehmlich an den
Betrieb der auswärtigen Angelegenheiten und an das Heerwesen,
noch mehr aber an die innere Verwaltung und die Finanzen an.
Die Leitung der auswärtigen Angelegenheiten war allerdings
von vornherein einheitlich gedacht; im Norddeutschen Bunde war es
die preußische Diplomatie, die sie übernahm; und Preußen zahlte
auch allein ihre Kosten. Doch bestand daneben noch das Gesandt⸗
schaftsrecht der Einzelstaaten. So blieb nun die Lage zunächst auch
im Reiche. Indes wurde jetzt im Bundesrat zugleich ein Ausschuß
für auswärtige Angelegenheiten eingerichtet, der die allgemeine
Politik kontrollieren und bei den wichtigsten Fragen eingreifen sollte.
Es gab mithin jetzt zwei Konkurrenzen der einheitlichen
Leitung: die Gesandtschaften der Sonderstaaten und den bundes⸗
rätlichen Ausschuß. Allein keine dieser Institutionen hat rechtes
Leben gewonnen. Der Ausschuß blieb gegenüber der unvergleich—
lichen Leitung der auswärtigen Politik durch den Fürsten Bis—
marck auf dem Papier und hat auch seitdem bis auf die jüngste
Zeit nur selten und nur dann von sich hören lassen, wenn die
Initiative dazu vom auswärtigen Amte selber ausging. Von den
Gesandtschaften aber wurden die bayerischen in London, Paris,
Brüssel, Karlsruhe und Darmstadt noch 1871, die sächsischen
in Paris, Petersburg, Rom und Weimar 1872 eingezogen;
Baden gar hatte schon Juli 1871 auch sein „Ministerium der
auswärtigen Angelegenheiten“ beseitigt. Sind nun seitdem auch
einige dieser Gesandtschaften, für die Regelung zum Beispiel des
besonderen bayerischen partikularen Heimatswesens oder zum Ver⸗
kehr zwischen einzelnen Bundesstaaten, wieder erstanden, so blieb
doch im ganzen an der einheitlichen Leitung der auswärtigen
Angelegenheiten sehr bald mehr kein Zweifel.
Ähnlich einheitlich und gänzlich konform, vor allem für
das Auftreten nach außen hin, also für den Kriegsfall, wurde
aber auch das Heerwesen organisiert. Im Kriegsfalle ist zu—
        <pb n="220" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Cösung der Einheitsfrage. 571

nächst der Kaiser unbezweifelt alleiniger oberster Kriegsherr:
das war ein Grundsatz, den schon die Reichsverfassung fest⸗
gestellt hatte. Indes etwas anderes war doch noch die Durch—
führung eines möglichst einheitlichen Heereswesens auch im
Frieden. Und hier traten nun neben die Bestimmungen der
Reichsverfassung ergänzend zwei Reihen von Vorgängen: der
Abschluß von Militärkonventionen seitens Preußens mit den
kleineren Staaten und die Beschlüsse des Reichstages für das
Ganze des Heeres.
In den Militärkonventionen begab sich eine Reihe von
Staaten aller Rechte, so daß ihre Kontingente integrierende Be—
standteile des preußischen Heeres wurden. Es waren dies Olden⸗
burg, die freien Städte, Waldeck, Lippe, die beiden Sondershausen,
endlich auch Baden, doch mit der Bedingung, daß die badischen
Truppen einen besonderen Heeresverband (das XIV. Armee⸗
korps) bilden sollten. Daneben standen dann Staaten, die sich
gewisse kriegsherrliche Rechte meist sehr begrenzten Umfanges
vorbehielten: beide Mecklenburg, Hessen, Weimar und die
thüringisch-wettinischen Staaten, Anhalt, Rudolstadt und beide
Reuß; in allen erhielt der König von Preußen vor allem die
Ernennung der Offiziere. In einsamer Selbständigkeit unter
diesen kleinen Fürsten hielt sich nur der alte Herzog Wilhelm
von Braunschweig: er ging nicht über die vor 1870 gewährten
Zugeständnisse hinaus und blieb im Frieden durchaus oberster
— D den Zug Herzog
Friedrich' Wilhelms vom Jahre 1809 schwarz uniformierten
Truppen!. Erst nach seinem Tode ist dann auch Braunschweig
in die Reihe der übrigen Kleinstaaten eingetreten.
In diesen Staaten war also mehr oder weniger eine volle
Heeresgemeinschaft mit Preußen geschaffen worden; gemeinsame
Verwaltung und gemeinsames Kommando waren durchgeführt.
Daneben standen nun nur noch die vier Armeekorps von Sachsen,
Württemberg und Bayern. Ihr Verhältnis zu dem sonstigen
Heereskörver wurde durch besondere Konventionen geregelt, die

1S. Bd IX S. 368 f.
        <pb n="221" />
        572 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

am meisten Freiheit noch Bayern gelassen haben. Doch wurde
bei allen für konforme Ausbildung der Truppen gesorgt, und
in Bayern konnte deren Durchführung seitens des Kaisers durch
eine besondere Inspektion festgestellt werden, die anfangs der
Kronprinz, seit Wörth und Weißenburg der populärste militärische
Führer in Bayern, besorgte.
War durch diese Konventionen zunächst die innere Gleich—
artigkeit des deutschen Heeres gewährleistet, so fiel die Garantie
dieses Zustandes und seine weitere Entwicklung im Sinne voller
Homogenität naturgemäß den einheitlichen Organen des Reiches,
also dem Bundesrat und dem Reichstag, zu; und hier mußte
sich alles weitere an die Behandlung der Kostenfrage, und somit
an das Bewilligungsrecht des Reichstages, knüpfen. Nun war
hier anfangs noch eine schon im Norddeutschen Bunde fest—⸗
gestellte Regelung maßgebend, wonach Preußen die Erhaltung
des stehenden Heeres für ein Pauschquantum von zweihundert⸗
fünfundzwanzig Talern für den Kopf und für das Jahr über—
nommen hatte. Diese Norm war in der Herbstsitzung des Reichs—
tages im Jahre 1871 mit dreijähriger Gültigkeit, also unter Dauer
bis zu Ende des Jahres 1874, auf das Reich übertragen worden.
Man wollte auf diese Weise Zeit gewinnen, um die Artikel 60
und 61 der Reichsverfassung zur Ausführung vorzubereiten. Diese
Artikel schrieben vor, daß für die spätere Zeit die Friedenspräsenzstärke
 des Heeres im Wege der Reichsgesetzgebung fest—
gestellt werden sollte, so daß nach gleichmäßiger Durchführung
der Kriegsorganisation des deutschen Heeres dem Reichstage und
dem Bundesrate ein umfassendes Reichsmilitärgesetz zur ver—
fassungsmäßigen Beschlußfassung vorzulegen wäre.
Dieser Zeitpunkt war nun seit dem Jahre 1873 gekommen.
Jetzt, nach Abschluß der Militärkonventionen und Durchführung
der Konsequenzen, die sich aus ihnen ergaben, handelte es sich
um die dauernde Stabilierung der Heeresorganisation als einer
wesentlich einheitlichen Einrichtung, als einer Reichssache. Eine
der größten Entscheidungen für die innere Entwicklung des
Reiches stand damit bevor; und schon die Reichstagswahlen
des 10. Januars 1874 standen unter dem Eindruck dieses Zu—
        <pb n="222" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 578

sammenhanges. Sie verliefen im ganzen glücklich; hundert—
zweiundfünfzig Nationalliberale, zweiundzwanzig Konservative,
dreiunddreißig Freikonservative und allenfalls noch fünfund—
vierzig Fortschrittler bildeten eine freundlich gesinnte Mehrheit
von zweihundertvierzig Stimmen gegen hundertfünfunddreißig
Stimmen der Opposition. So brachten denn die verbündeten
Regierungen die Heeresvorlage, die sie schon im Jahre 1873 ein⸗
gereicht hatten, ohne daß sie zur Beratung gelangt war, jetzt mit
um so größerer Zuversicht wieder vor den Reichstag. Sie ent—
hielt einen ganzen Entwurf der Heeresverfassung, der sich mit
einigen wesentlichen Verbesserungen den bestehenden Verhältnissen
anschloß, und im ersten Paragraphen die Bestimmung, daß die
Friedenspräsenzstärke bis zu anderweitiger gesetzlicher Regelung
ein Prozent der Bevölkerung, also 401659 Mann betragen solle.
Hatte man aber auf glatte Annahme dieser Vorlage im
Reichstage gerechnet, so sah man sich bald getäuscht. Der
politisch lebendigere Teil der Nationalliberalen, die Berliner und
die Herren aus Altpreußen, sah in der Festlegung der Präsenz⸗
ziffer des Heeres nicht von Jahr zu Jahr, sondern auf unbestimmte
Dauer, die Abschaffung des Rechtes des Reichstages, die Steuern
zu bewilligen: denn für das Heer vornehmlich steuere man; seien
aun die Ausgaben hierfür durch die Präsenzziffer festgelegt, so
werde das Steuerbewilligungsrecht des Reichstags illusorisch.
Also müsse die Präsenzziffer von Jahr zu Jahr festgestellt werden.
Demgegenüber erwiderte die Regierung, unmöglich künne
sie die Bafis aller Heeresverfassung, die Präsenzziffer, jährlicher
Bewilligung aussetzen: das untergrabe alle Grundlagen ihrer
militärischen Berechnungen; mache das Schicksal des Reiches
von wandelnden Abstimmungen abhängig; zerstöre jede Mög—
lichkeit einer festen auswärtigen Politik, die von stabilen Heeres⸗
verhältnissen abhänge.
Unausgleichbar erschienen zunächst diese auch vielfach noch
durch parteipolitische Einzelvorgänge stärker entwickelten und
verwickelten Gegensätze; auch Moltke brachte in der längsten und
bewegtesten Rede, die er wohl jemals im Reichstage gehalten hat,
die Opposition von ihrer Haltung nicht ab; Bismarck aber war
        <pb n="223" />
        574 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

krank. Da endlich wurde von Benningsen ein Vorschlag gemacht,
auf den sich beide Teile einigen konnten und einigten. Danach
sollte die vorgeschlagene Präsenzziffer zunächst auf sieben Jahre
Geltung haben. Unter dieser Modifikation wurde die Vorlage
im April 1874 Gesetz: und damit waren die Grundlagen der
heeresverfassung als einer Reichsheeresverfassung gesichert.
Der weitere Ausbau verlief darauf anfangs rein innerhalb
des nunmehr feststehenden organischen Gerüstes; darüber hinaus
wurde höchstens gegangen, als am 15. Februar 1875 ein Land⸗
sturmgesetz zur Annahme gelangte, das alle weder dem Heere noch
der Flotte angehörigen Männer vom vollendeten siebzehnten bis
zum vollendeten zweiundvierzigsten Jahre für den Notfall unter
die Fahnen berief. Und auch die Erneuerung des Septennats,
wie fie 1880 erfolgte, brachte, außer der Erhöhung der Friedens—
präsenzstärke gemäß der gestiegenen Bevölkerung um sechsund⸗
zwanzigtausendsechshundertfünfzehn Mann, noch keine wesent—
lichen Anderungen der Heereseinrichtung des Jahres 1874. Erst
die dritte Septennatsreihe vom Jahre 1887 ab, deren Vorlage mit
den mittlerweile aufs gewaltigste gestiegenen Rüstungen Frank—
reichs und Rußlands zu rechnen hatte, war durch wesentliche Ab—
weichunden gekennzeichnet, die nicht ohne harte parlamentarische
Kämpfe erreicht werden konnten. Seitdem ist dann noch eine ganze
Reihe weiterer Organisationsgesetze erflossen. Wie aber auch im
einzelnen neue Grundlagen gelegt und veränderte Bestimmungen
getroffen worden sind: immer sind sie Ausfluß einheitlicher
Beschlüsse des Reichstages für das ganze Reichsheer gewesen.
Und so war denn, wie seit 1871 und 72 die Führung der
auswärtigen Angelegenheiten, so seit 1874 die Entwicklung des
Heeres ausschließlich Reichssache geworden; auf diesen beiden
Gebieten hatte sich der Reichsgedanke über alle Partikularstaaten,
auch über Preußen hinweg siegreich erhoben. Was aber für das
Heer galt, das galt natürlich erst recht auch für die Flotte: denn
iie ist von jeher als einheitliches Reichsinstitut betrachtet worden.
Indes all die bisher genannten Wirkungskreise im Bereiche
der Reichsverfassung waren doch schließlich speziell, sie griffen
nicht alldurchdringend in das innere Leben des Volkes ein:
        <pb n="224" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 575

dem äußeren Schutze an letzter Stelle zugewandt, waren sie
aicht in der Lage, die Suprematie des Reiches über alle Einzel⸗
staaten und somit auch über Preußen an Stelle der einseitigen
Hegemonie Preußens in einem Staatenbunde allseitig zu ent—
dickeln. Dies geschah vielmehr bei weitem kräftiger, wenn auch
zugleich viel weniger auffällig, auf anderen Gebieten, vor
Allem dem der inneren Verwaltung und der Finanzen.
Ein Staatengebilde, wie es Bismarcks Entwurf zur Nord⸗
deutschen Bundesverfassung vorsah, bedurfte eigentlich überhaupt
aicht eines ausgebildeten eigenen Finanzwesens. Gewiß hatte
der Bund von vornherein bestimmte Einnahmen: aus den Zöllen,
den Verbrauchssteuern, den Uberschüssen der Postverwaltung.
Aber diese waren nach Bismarcks Entwurf auch von vornherein
für bestimmte Zwecke festgelegt: für das Kriegs-, See⸗ und
Konsulatwesen. Dabei war angenommen, daß die Kosten des
auswärtigen Dienstes in Zentralbehörde und Gesandtschaften,
ebenso die des Bundeskanzlers, von Preußen als der führenden
Macht getragen werden würden: sollte doch der auswärtige
Dienst eben der preußische sein. Stellte sich dann bei den Bundes⸗
einnahmen und -ausgaben ein Überschuß heraus, so sollte er
auf die Einzelstaaten verteilt werden; zeigte sich ein Defizit, so
war es in entsprechender Weise durch Matrikularbeiträge der
Einzelstaaten zu decken. Das war anfangs das sehr einfache
System; von Bundesschulden, einem Bundesbudgetrecht, einer
Bundesfinanzverwaltung war nicht die Rede; der Bismarcksche
Entwurf der Verfassung enthielt überbhauvt keinen Abschnitt
iber die Finanzen.
Allein nun trat dieser unter den Regierungen der Einzel⸗
ttaaten getroffenen Verabredung nach Bismarcks Entwurf, als
sie 1867 vor den konstituierenden Reichstag des Norddeutschen
Bundes kam, die populäre Gewalt der Bundesverfassung, die
Volksvertretung, gegenüber. Sie wünschte klare Einsicht in
Einnahme und Verbrauch und setzte mithin durch, daß ein
jährlicher Etat mit allen Einnahmen und Ausgaben aufgestellt
wurde, dem sie gesetzlich zuzustimmen hatte. Sie wollte ferner
nichts von der Verteilung etwaiger Überschüsse wissen, sondern
        <pb n="225" />
        576 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

diese zur Deckung künftiger Ausgaben verwendet sehen. Sie
erblickte auch in den etwa zu erhebenden Matrikularbeiträgen
nur einen Notbehelf; statt dessen sollte ein Reichssteuersystem
entwickelt werden und der Bund auch befugt sein, Anleihen
aufzunehmen. Sie wollte endlich eine jährliche Abrechnung
vor und Entlastung durch den Bundesrat und Reichstag. Mit
einem Worte: sie führte, ohne daß sich der Bundesrat dem
widersetzen konnte, eine volle Finanzverwaltung ein und stellte
in Aussicht, daß der Bund statt der Matrikularbeiträge eigene
Einnahmen erhalten sollte. Wurde aber diese letztere Aussicht
verwirklicht, ja wurden im Bunde gar Überschüsse aus eigenen
Steuern erzielt, so stand der Bund offenbar finanziell völlig
selbständig über den Einzelstaaten.
Nun ist es im Norddeutschen Bunde wohl zur Entwicklung
der Anfänge einer Finanzverwaltung gekommen, nicht aber zu
einer Erhöhung der Finanzen, welche die Matrikularbeiträge
unnötig gemacht hätten. Das Reich trat darum finanziell sein
Dasein mit sehr geringen Einnahmen an: aus der Post, aus
der Wechselstempelsteuer und aus den damals noch sehr niedrigen
Zöllen. Im übrigen war es auf Matrikularumlagen angewiesen.
Diese betrugen im Jahre 1873 fast einhundertvier Millionen
Mark, sanken 1874 auf siebenundsechzig Millionen, blieben
1875 und 1876 auf der Höhe von neunundsechzig und zwei—
undsiebzig Millionen, fielen 1877 rapide auf achtzehn Millionen,
stiegen dagegen 1878 und 1879 wiederum auf einundachtzig
und siebenundachtzig Millionen.
Nun ergab sich schon früh, daß die Einzelstaaten sich bei dieser
Entwicklung der finanziellen Anarchie nähern mußten und jeden⸗
falls in den Landesbudgets nur überaus schwer zu wirtschaften
vermochten. Denn wie sollten sie mit ihren Bedürfnissen und
Einnahmen dem enormen Schwanken der Matrikularumlagen
rationell folgen? Außerdem aber wurde von Reichs wegen bald
klar, daß der Reichsgedanke selbständig nur werden konnte,
wenn das Reich finanziell auf eigenen Füßen stand, und nicht
mehr, wie es Bismarck später ausgedrückt hat, Kostgänger der
Einzelstaaten bliebe. Dieser Gedanke stand dem Fürsten schon
        <pb n="226" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 577

früh völlig sicher; am 1. Mai 1872 hat er ihn bei Bekämpfung
des Antrags, die Salzsteuer aufzuheben, deutlich ausgesprochen;
übrigens lebten damit nur Erwägungen wieder auf, die schon
das Frankfurter Parlament und die Reichsregierung seinerzeit
beschäftigt hatten.
Aber wie helfen? Direkte Steuern konnte das Reich nicht
erhalten: das hätte den Einzelstaaten ihre beste Finanzquelle
genommen, außerdem bei der Notwendigkeit, mit der Erhebung
direkter Steuern eine umfassende Verwaltung zu bilden, leicht
zu einem Einheitsstaat geführt, dessen Ausgestaltung den Bundes—
verträgen, auf denen das Reich beruhte, zuwider war. So
blieben die indirekten Steuern. Allein wie sie entwickeln, solange
im Reiche der Freihandel herrschte und damit die einträglichste
Gruppe aller indirekten Steuern, die Zölle, nicht erhöht werden
konnte? In den Jahren 1872 bis 1877 blieben Versuche, Tabak,
Zucker, Branntwein, Petroleum zu besteuern, ergebnislos; nur
dem Bier wurde eine, aber nur geringe, Steuer abgerungen.
So schien die Lage verzweifelt.
Da kam die Zeit des großen wirtschaftlichen Umschwunges
seit 1877 bis 1879. Sie brachte mit dem Übergang zum Schutzzollsystem
 eine außerordentliche Erhöhung der Zölle, die nun
auch den Ausbau von Finanzzöllen gestattete. Und an sie
schloß sich der freilich keineswegs völlig gelungene Versuch, auch
die inneren Verbrauchssteuern auszubauen. Das Ergebnis war
trotzdem eine Einnahme, durch die das Reich finanziell selb—
ständig hingestellt wurde; die Matrikularbeiträge sanken in den
Finanzjahren 1880/81 auf 29,9 Millionen, 1881/82 auf
17,1 Millionen, 1882/88 auf 1,4 Millionen Mark; dann schlug
die Entwicklung gar in freie Überschüsse des Reiches um. Diese
betrugen 1883/84 11,5 Millionen, 1884/85 50 Millionen Mark,
um dann allerdings zunächst wieder zu sinken.
So war denn seit Anfang der achtziger Jahre das Reich
tatsächlich nicht mehr der Kostgänger, sondern die Nährmutter
der Einzelstaaten: diese konnten ohne das Reich finanziell nicht
mehr bestehen. Nun wurde dieses Ergebnis zwar durch die
sogenannte Franckensteinsche Klausel formell einigermaßen ver—
        <pb n="227" />
        578 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
dunkelt: tatsächlich aber bestand es. Neben der Finanzhoheit
der Einzelstaaten, auch Preußens, erhob sich festbegründet und
praktisch ausgebaut die Finanzhoheit des Reiches.
War aber so in Recht und Gericht, in Handel und Ver—⸗
kehr, in äußerem Schutze und innerem Wohlstand das Reich
selbständig geworden schon im ersten Jahrzehnt seines Daseins,
so mußte es auch längst die administrativen Organe entwickelt
haben, die diesem reichen Leben zur Wirkung und Weiter⸗
entwicklung verhalfen. In der Tat lief der bisher geschilderten
Entwicklung der Ausbau einer immer mächtigeren Reichs—
verwaltung parallel: und aus kleinsten Anlässen und einem
einzigen winzigen Keim hervorgegangen war sie vielleicht die
wunderbarste Bildung des neuen Reiches.
Der Norddeutsche Bund war ursprünglich ohne jede eigene
Verwaltung gedacht gewesen; nach dem Verfassungsplane Bis—
marcks sollten die wenigen Bundesgeschäfte durch die preußischen
Behörden mitgeführt werden; Bismarkk selbst wollte preußischer
Ministerpräsident bleiben. Der Vorsitz im Bundesrat war dabei
nur nach Art des Präsidiums Osterreichs im Frankfurter Bundes—
tage gedacht; ihn sollte, von Bismarck instruiert, der Herr
von Savigny, 1866 letzter preußischer Bundestagsgesandter in
Frankfurt, übernehmen. Dem Präsidium selbst fiel dabei nach
dem Entwurf der Bundesverfassung nur die Ausfertigung und
Verkündigung der Bundesgesetze sowie die Überwachung ihrer
Ausführung zu. Allein nun trat, ebenfalls nach dem Ver—
fassungsentwurfe, dem so konstruierten Bundesrat der aus all—⸗
gemeinen Wahlen hervorgegangene Reichstag gegenüber. Kaum
waren dessen Mitglieder im Jahre 1867 gesetzmäßig konstituiert
und in die Beratung des Verfassungsentwurfes eingetreten, so
fanden sie, daß sie wohl, in Übereinstimmung mit dem Bundes—
rate, Gesetze beschließen konnten, daß ihnen aber jedes Mittel
der Kontrolle für die Durchführung dieser Gesetze fehle. Es
war klar, daß dies nur in Bundesministern geschaffen werden
konnte, die vor dem Reichstage verantwortlich wären: und so
forderte man diese. Hieß das nicht aber alsbald die Begründung
einer weitausgreifenden Bundesverwaltung?
        <pb n="228" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 579

Eben weil dies der Fall schien, waren freilich die ver—
bündeten Regierungen weit davon entfernt, auf eine solche
Forderung einzugehen, und auch Bismarck lehnte sie, als mit dem
Geist des Verfassungsentwurfes im Widerspruch stehend, ab.
Als aber die Verantwortlichkeit wenigstens eines Ministers,
nämlich des preußischen Präsidialgesandten im Bundesrat, vom
Reichstage gefordert wurde, da gab demgegenüber der Bundesrat
und auch Bismarck, dieser wohl mit stiller Freude, nach. Dem—
gemäß erhielt jetzt Artikel 17 der Verfassung, der vom Bundes⸗
präsidium handelt, den Satz: „Die Anordnungen und Ver⸗
fügungen des Bundespräsidiums werden im Namen des Bundes
erlassen und bedürfen zu ihrer Gültigkeit der Gegenzeichnung
des Bundeskanzlers, welcher dadurch die Verantwortlichkeit
ibernimmt.“ Damit war also aus dem einfachen preußischen
Präsidialgesandten ein verantwortlicher Bundeskanzler geworden:
und alsbald übernahm nun auch Bismarck dies Amt, das er
dann im Reiche unter denselben Bedingungen als Reichskanzler
weitergefühhrt hat. Zugleich aber war damit der Keim ge⸗
schaffen, aus dem nunmehr in reichster Fülle Reichsbeamte,
Reichsämter, ja eine ganze Reichsverwaltung hervorgegangen
ist, die sich uber den Landesverwaltungen, nicht neben ihnen
bewegt.
Zunächst richtete sich jetzt Bismarck ein bescheidenes „Bundes⸗
kanzleramt“ ein, mit drei Abteilungen: der sogenannten Zentral⸗
abteilung, ursprünglich nur einer Expedition der Schreiber des
Bundeskanzlers, dann dem Generalpostamt und der General⸗
direktion der Telegraphen, zwei Ämtern, die, damals noch ge⸗
trennt, die Verwaltung der von Anbeginn als Bundessache er⸗
klärten wichtigsten Verkehrszweige übernahmen. Dazu kamen
dann aber im neuen Reiche bald weitere Abteilungen für solche
Ressorts, die allmählich dem Reiche zugesprochen wurden, so von
vornherein die Abteilung für Elsaß-Lothringen, seit 1. Januar
1875 das Reichsjustizamt, dann das Reichseisenbahnamt, das
Reichsschatzamt usw. So schwoll denn das Reichskanzleramt immer
mehr an; es war unmöglich, daß ein Mann, und war es auch
Bismarck, noch die gesamte Verantwortlichkeit, auch nur formell,
        <pb n="229" />
        580 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

für all die Verwaltungsakte tragen konnte, die aus den ver—
schiedenen Abteilungen des Amtes hervorgingen. Aber doch war
der Reichskanzler nach der Verfassung allein verantwortlich!
So blieb nur ein Ausweg übrig, und er wurde durch
das Reichsgesetz vom 17. März 1878 eingeführt. Die einzelnen
Abteilungen des Reichskanzleramts wurden eigene Amter, und
ihre Vorstände, die Staatssekretäre, wurden tatsächlich im
wesentlichen selbständige Leiter ihrer Ressorts. Allein sie wurden
das nicht formell; formell zeichneten sie vielmehr als fakultativ
ernannte, verantwortliche Stellvertreter des Reichskanzlers.
Freilich wurde nun eine Ernennung zum Staatssekretär nie—
mals zurückgezogen; in Wahrheit bildeten sich also Ministerien
unter dem Reichskanzler als allein verantwortlichem Ober—
minister aus. Diese neue Situation fand auch darin Ausdruck,
daß dieser Oberminister, der Reichskanzler, sich jetzt unter dem
Namen der Reichskanzlei ein neues Zentralbureau, wesentlich
zum Verkehr mit den ihm untergeordneten Ämtern, den Unter—
ministerien, schuf.
Mit diesen Einrichtungen war nun aber tatsächlich eine
vollkommen funktionierende Reichsregierung geschaffen. Und sie
griff alsbald auch energisch in die Entwicklung der Reichs—
gesetzgebung ein. Denn wer sollte denn jetzt das Budget des
Reiches bearbeiten, wer Marinevorlagen, Konsulatsvorlagen,
Postgesetze bearbeiten und einbringen, außer die betreffenden,
unter dem Reichskanzler stehenden Ressorts? Eine andere Be—
hörde, selbst in Preußen, hätte das nicht gekonnt. So griff
hier die Reichsverwaltung ein, und ihre Elaborate wurden
dann als kaiserliche Anträge im Bundesrat eingebracht.
Dies war aber wieder eine, noch dazu recht starke Neuerung.
Im Bundesrat gab es ursprünglich nur Anträge der Bundes—
mitglieder, also des Königs von Sachsen, des Großherzogs von
Baden, des Königs von Preußen usw.: — besondere kaiserliche
Anträge kannte man nicht. Indem diese jetzt auftraten, wurde
die kaiserliche Gewalt als ein neuer Faktor in die Tätigkeit
des Bundesrates eingeführt; der Kaiser tauchte gleichsam neben
dem König von Preußen auf, und er überhöhte diesen. Es
        <pb n="230" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Cösung der Einheitsfrage. 581

war eine Entwicklung, die gegenüber der ursprünglich rein
staatenbundlichen Verfassung des Norddeutschen Bundes, wie
sie von Bismarck unter der Hegemonie Preußens geplant war,
die bundesstaatliche immer mehr begünstigte, ja in gewissem
Sinne abschloß: jetzt stand das Reich auch in der Mitwirkung
an der Gesetzgebung über Preußen, wie über den anderen
Bundesstaaten, als ein für sich lebendes Staatswesen: nichts
fehlte ihm mehr zu einer staatlichen Persönlichkeit.
Als solche steht uns jedenfalls jetzt das Reich vor Augen —
ganz anders, als es ursprünglich gemeint war; und fast un—
bewußt, so ruhig ist diese Entwicklung vor sich gegangen, freuen
wir uns dieser Errungenschaft. Verdankt wird sie in vielen
Dingen der einfachen Wucht der Tatsachen, vor allem der fort⸗
während verstärkten Einheitswirkung des Verkehrs. Daneben
sind aber gerade auf diesem Gebiete die großen Verdienste des
Reichstages zu suchen. Der Reichstag war von vornherein als
der Repräsentant der Volkseinheit geschaffen — als die breite
Basis einer Verfassung, die, von dieser Basis aus betrachtet,
unwillkürlich eine bundesstaatliche, nicht staatenbundliche Spitze
haben mußte. Der Reichstag hat daher in seinen guten Zeiten
auch immer nach dieser Spitze ausgeschaut und den Bundesrat
in der Zulassung der Entwicklung eines Reichsstaates vorwärts
gedrängt: das war und ist noch heute sein tiefster geschicht⸗
licher Beruf. —
Unsere Erzählung ist mit den letzten Mitteilungen an eine
Stelle gelangt, an der sie eigentlich abbrechen könnte; wir
sehen das Reich so weit gekräftigt und auf eigene Füße gestellt,
daß es selbständig zu wandeln vermag: die Einheitsbewegung,
nun durch eine steigende zentripetale Bewegung des Wirtschafts⸗
lebens kraftvoller als je sekundiert, ist wenigstens innerhalb der
Grenzen des kleindeutschen Ideals zum Abschlusse gelangt: der
Deutsche hat wieder ein nicht bloß geistiges, sondern auch staat⸗
liches Vaterland.
Allein würde nicht eine der freudigsten Pflichten deutscher
Geschichtserzählung in diesem Momente unerfüllt bleiben, wenn
wir nicht zum Schlusse noch dasjenige Mitglied des neuen
        <pb n="231" />
        582 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

Deutschen Reiches, das die kleindeutsche Einheitsbewegung über
das Erwarten vieler hinaus dem Kranze der deutschen Länder
nach langer Abwesenheit wiederum eingefügt hatte, noch durch
Erzählung seiner Anfangsschicksale im neuen Reiche besonders
begrüßten?
Gewiß hat es mindestens im Elsaß, weniger wohl in
Lothringen, auch vor 1870 noch Männer gegeben, die, treu zu
deutscher Art haltend, auch den Rückfall dieser Lande an deutsche
Herrschaft erhofften; die mit den Deutschen jenseits des Rheins
fühlten und selbst in den schwersten Tagen deutscher Ohnmacht
das Zukunftsbild eines eigenen, auch sie umfassenden Deutsch—
lands verkündeten.

Wenn um den Berg dereinstené
Die Raben nicht mehr drehn,
Dann wird der große Kaiser
Aus seinem Schlaf erstehn.
Dann hat es ausgeschlummert,
Das schwere deutsche Haupt,
Die kräft'ge Hand wird rütteln,
Die Rüstung dicht bestaubt.
Er kommt ans Licht der Sonne,
Ein mächtig Riesenbild;
An eine dürre Eiche
Hängt er den Eisenschild.
Dann wird durch ihre Äste
Ein heil'ger Schauer ziehn,
Dann wird aus ihren Zweigen
Ein heil'ger Frühling blühn.
Sie wird von allen Bäumen
Der herrlichste wohl sein.
Sie wird mit Gottes Segen
Zum Himmel hingedeihn.
(Gustav Mühl, 1841.)

Allein es ist bekannt, daß Gesinnungen, wie sie sich in
diesen schönen Versen Mühls aussprechen, in dem heutigen
Reichsland um 1870 schon recht selten zu werden begannen;
eben die letzten Generationen waären allmählich, mindestens in
        <pb n="232" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 583

den gebildeten Schichten, immer mehr der Franzbsierung ver⸗
fallen, während die Wenigen, die am Deutschtum noch un—
bedingt festhielten, in Gefahr gerieten, fern dem großen Strome
deutschen Lebens jenseits des Rheins in ein gleichsam halb
mumifiziertes deutsches Wesen zu verfallen: und so durfte man
wohl in hohem Grade gespannt sein, auf welche Weise sich
die versprengten Stämme in dem alten Vaterhaus wieder zurecht⸗
finden würden. Aber war für die Art, in der dies geschehen
konnte, nicht auch die Art des Entgegenkommens im hohen
Grade wichtig, die den Heimkehrenden vom Reiche und seinen
Organen wie von der Nation zuteil werden würde?
Das Reichsland wurde im Frankfurter Frieden an erster
Stelle aus militärischen Gründen erworben: Süddeutschland
mußte vor der ständigen Gefahr, von Frankreich plötzlich über—
rannt zu werden, wie sie die Rheingrenze unbedingt nahelegte,
ein für allemal befreit werden. Es geschah, wenn man die
Grenze in die Vogesen verlegte. Denn während der Schwarz⸗
wald, sonst ein Zwillingsbruder der Vogesen, selbst im höheren
und mächtigeren Süden schon reich gegliedert ist und eine Aus⸗
wahl von Tälern und Gebirgsstufen wie eine ganze Anzahl
von Pässen enthält: ist der Kamm der Vogesen einer der un—
wegsamsten deutschen Gebirgsteile: kaum ein Paß, wenig Wege,
kurze, steile Täler: und damit ganz wie zu einer militärischen
Grenze geschaffen. Allein war diese Grenze denn nicht zugleich
eine Grenze der großen Nationalitäten, die initeinander ge⸗
rungen hatten? Die strategischen Erwägungen vollzogen sich
in den Jahren 1870 und 1871 in der Denkarbeit begrenzter
Kreise; in der großen öffentlichen Meinung im Reiche gewannen
vom Anbeginn die nationalen Empfindungen über die militä⸗
rischen Gründe die Oberhand: mit frohem Enthusiasmus und
hoffender Treue empfing man die langverlorenen Bruderstämme.
Im einzelnen aber trat als vornehmste Frage die auf:
welchen staatsrechtlichen Charakter denn die Reichslande er⸗
halten sollten? Und da standen sich bald drei Meinungen
gegenüber: die einen wollten Zuteilung an Baden und die
Pfalz; die anderen Angliederung an Preußen; die dritten
        <pb n="233" />
        584 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

endlich eine Stellung als selbständiges Reichsland. Gegen die
erste Meinung wehrten sich die Elsässer selbst aufs kräftigste;
die zweite, von reichstreuen Männern vielfach ausgesprochen,
hatte auch die Neigung des Bundesrates für sich, der keine Ent—
wicklung eines Reichslandes wünschte, in dessen Erweiterungen
vielleicht später die deutschen Dynastien aufgehen könnten; die
letztere endlich war der Wunsch der Einwohner selbst und des
Reichskanzlers. Versammlungen von Notabeln des oberen und des
unteren Elsasses gaben dem um Mitte April 1871 deutlich Aus—
druck; zugleich wurde von diesen Versammlungen noch eine Reihe
sehr verständiger Wünsche zur Regierung des Landes ausgesprochen.
Zum Entscheid kam die Frage durch eine Vorlage, die
Fürst Bismarck am 1. April 1871 an den Bundesrat brachte.
Darin war die Konstituierung von Elsaß-Lothringen als Reichs⸗
land gefordert; zunächst im Sinne einer persönlichen, bis zum
1. Januar 1874 sich erstreckenden Regierung des Kaisers, welche
durch Zuhilfenahme der Beratung und Zustimmung des Bundes—
rates bei wichtigeren Angelegenheiten gemäßigt sein sollte. Am
1. Januar 1874 sollte dann die Reichsverfassung eingeführt
werden, soweit nicht Kaiser und Bundesrat einige Teile früher
in Kraft setzten. Diese Vorlage wurde in allem Wesentlichen
vom Reichstage gutgeheißen, nur wurde ihre Geltungszeit um
ein Jahr vermindert.
Daraufhin wurde denn eine erste elsaß-lothringische Ver—
waltung entwickelt. Wie es bei dem konservativen Charakter
der deutschen Verwaltungstechnik fast selbstverständlich war, im
engsten Anschluß an die bisherige Verwaltung. Die drei alten
Departements Haut Rhin, Bas-Rhin und Moselle blieben als
Regierungsbezirke erhalten; an die Spitze trat je ein Bezirks—
präsident. Auch die Befugnisse der alten Präfekten wurden
zunächst fast ganz konserviert.
Im übrigen traten Änderungen in der Verwaltung nur
nach unten und oben hin ein: und zwar diese beiden in deutschem
Sinne. An die Spitze der Verwaltung trat mit dem 6. Sep⸗
tember 1871 ein Oberpräsident, zunächst der als Kölner
Regierungspräsident und Oberpräsident von Hessen-Nassau wohl—⸗
        <pb n="234" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 585
bewährte Herr von Möller. Der Oberpräsident stand seiner⸗
seits unmittelbar unter dem Reichskanzler. Zur Vermittlung
der Geschäftsführung des Reichskanzlers mit ihm wurde aber
in Berlin eine besondere Abteilung im Reichskanzleramt ge—
bildet. Im übrigen war der Oberpräsident in Verwaltungs⸗
sachen im hohen Grade selbständig; und zu seiner Beratung
wurde ihm ein einheimisches Kollegium als „Kaiserlicher Rat
von Elsaß-Lothringen“ zur Seite gestellt. Das Ergebnis war,
daß die Geschäfte des Landes im wesentlichen in Straßburg
erledigt wurden, statt früher in Paris. In der unteren Ver—
waltung aber, unter den Präfekten, war die alte Verfassung,
wonach die drei Departements in zwölf Arrondissements zer⸗
fallen waren, schon während des Krieges aufgelöst worden;
die Arrondissements waren nach deutschen Begriffen für eine
intensive Verwaltung zu groß. An ihrer Stelle hatte man
vielmehr zweiundzwanzig Kreise gebildet und an die Spitze
eines jeden einen Kreisdirektor, im Sinne etwa eines preußischen
Landrats, nur mit der Möglichkeit viel intensiverer Einwirkung,
gestellt. Es war eine Neuerung, die sich sehr bewährt hat.
Bald darauf ging man dann, an der Hand der nunmehr
gegebenen Dreiteilung: Kreisdirektor, Bezirkspräsident, Ober⸗
präsident weiter, indem man, wie neben den Oberpräsidenten
den Kaiserlichen Rat, so neben die unteren Instanzen durch ein
Gesetz vom 28. Januar 1873 Bezirks- und Kreistage stellte
als Organe der Selbstverwaltung, die aus Wahlen hervor⸗
gingen.
Neben der Landesverwaltung aber wurde selbstverständlich
die Reichsverwaltung, wurden auch deutsche Verwaltungs—
grundsätze als Ganzes eingeführt. Bei der Reichsverwaltung ergab
sich darauf bald, daß vornehmlich die Verkehrsverwaltungen im
hohen Grade günstig wirkten; selbst die verbissensten Franzosen⸗
freunde erkannten die Präzision der Post, der Telegraphen, der
Eisenbahnen an. Die deutschen Verwaltungsgrundsätze aber
machten sich zunächst in der wohlwollendsten Erwägung — und
demgemäß reichem Ersatz — aller Kriegsschäden geltend. Dann
fiel allgemein die strenge Unparteilichkeit und Unbestechlichkeit
Lamprecht, Deutsche Geschichte. XI, 2. 38
        <pb n="235" />
        586 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

der Beamten auf. Endlich brachten die neuen Verwaltungs—
grundsätze dem Lande auch sehr bald große und allgemeine
positive Vorteile: Minderung der Steuern, glänzende Bilanzen
des Landesbudgets, Sorge für den Acker- und Weinbau, für
neue Absatzgebiete der heimischen Industrien in Deutschland,
neben denen einstweilen vermöge einer Klausel des Frankfurter
Friedens auch die französischen Absatzgebiete noch offen blieben.
Es waren gute Momente einer langsam und still wirkenden
Germanisation.
Neben die stille Germanisation aber trat eine große An—
zahl von Maßregeln, die direkt darauf hinausliefen, den
deutschen Charakter des Landes wieder ans Licht zu stellen.
Vor allem war hier eine reinliche Trennung der Bevölkerung
von denjenigen Kreisen nötig, auf deren Gewinn man nicht
hoffen konnte, und eine Unterwerfung dieser renitenten Kreise,
soweit sie im Lande blieben, wenigstens unter die äußeren An—
forderungen der Staats- und Reichsangehörigkeit. Beides
wurde durch die Behandlung der Optionsfrage zu erreichen ge⸗
— DDDD
sollten alle diejenigen volljährigen, in Elsaß-Lothringen ge—
borenen oder dorthin eingewanderten Personen, die sich am
1. Oktober 1872 für Franzosen erklärten, entweder auswandern
oder aber von da ab allen Rechten und Pflichten deutscher
Staatsbürger unterliegen, so vor allem auch dem Militärdienste.
Es stellte sich dabei heraus, daß trotz aller französischen Agitation
schließlich am 1. Oktober 1872 doch nur etwa ein Zehntel des
Landes für Frankreich optierte, nämlich 164 633 Personen, und
daß etwa nur ein Dreißigstel auswanderte, nämlich achtund—
dreißigtausend eingeborene Elsaß-Lothringer und zwölftausend
ins Land eingewanderte Franzosen. Von diesen Auswanderern
kehrten zudem sehr bald wieder eine große Anzahl zurück, nachdem
sie in Frankreich nicht die Aufnahme gefunden hatten, die ihnen
versprochen worden war. So konnte man mit dieser Optionsstatistik,
 welche einen klaren Einblick in die Sympathien des
Landes geliefert hatte, wohl zufrieden sein — trotz alles
Bramarbasierens der französischen Presse. Und ernst, wie diese
        <pb n="236" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 587

Frage gelöst worden war — in Frankreich hatte man geglaubt,
man werde die Französlinge ungeschoren im Lande walten
lassen —, wurden auch die sonstigen Verdeutschungsmaßregeln
in Angriff genommen.
Hier war für die schon herangewachsene Generation weitaus
die wichtigste die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht. Sie
wurde alsbald, im Jahre 1871, verkündet, und an ihr selbst—
verständlich auch, gegen die Bitte von siebenundvierzigtausend
Jungfrauen und Frauen, festgehalten. Doch begann man, zur
Schonung der Gefühle der neuen Landsleute, erst 1872 mit
der Aushebung. Die Ergebnisse waren dabei von vornherein
sehr erfreulich; und gerade durch den Dienst bei der Waffe
find die breiten Kreise, vor allem auch des Landvolkes, Altdeutschland
 wieder näher getreten.
Der heranwachsenden Generation aber trat das alte Vater⸗
land in der Schule sorgend entgegen. Bis zum Jahre 1870
war der Schulbesuch nicht obligatorisch gewesen und die vor—
handenen Schulen hatten sich fast durchweg in geistlichen und das
hieß vielfach in klerikal-katholischen Händen befunden. Natürlich
waren dabei die geistlichen Schulbruder, Mönche, Nonnen, zum
größten Teile für ihren Beruf weder vorbereitet noch geprüft
gewesen; im Oberelsaß zum Beispiel waren unter hundertsieben⸗
undzwanzig Schulbrüdern nur neunzig geprüfte Lehrer, unter
sechshundertsechs Schulschwestern nur drei geprüfte Lehrerinnen.
So verband sich mit dem fakultativen und klerikalen Charakter
der Schule ungenügende Vorbildung der Lehrkräfte. Und da
der Katholizismus durchaus welsche Sympathien hatte, so war
diese an sich ungenügende Institution auch noch im ganzen
deutschfeindlich gesinnt. Hier bedurfte es also energischer Ein—
griffe. Zunächst wurde, unter schwerem Gezeter der Klerikalen
und Französlinge, schon am 18. April 1871 die allgemeine
Schulpflicht eingeführt. Dem folgte dann die Hebung des
Laienlehrerstandes; im Jahre 1872 wurden seine Gehälter ver—
doppelt und mindestens überall auf neunhundert Franken ge—
bracht. Zugleich wurden zur Ausbildung von Lehrern und
Lehrerinnen Seminare geschaffen. Im Jahre 1873 war man
882*
        <pb n="237" />
        588 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

dann so weit, daß durch ein Schulgesetz vom 3. Februar das
gesamte Schulwesen der Staatsaufsicht unterstellt werden konnte.
Das hieß, zumal in diesen Zeiten des Kulturkampfes, die Ent—
klerikalisierung der Schule. War mit all diesen Maßregeln das
Schulwesen selbst an den Staat angeschlossen, so lief damit seine
innere Reform im Sinne der Begünstigung deutschen Sinnes und
deutscher Sprache Hand in Hand. Schon am 14. April 1871
erschien eine Verordnung, wonach in allen Deutsch redenden
Gemeinden der Reichslande der Unterricht in deutscher Sprache
zu erteilen war; nur in den mittleren und oberen Klassen der
Elementarschulen sollten einstweilen noch vier Stunden wöchent—
lich auf den Unterricht im Französischen verwandt werden.
Dem folgte dann eine Verordnung vom 1. Oktober 1878, wo⸗—
nach dieser französische Unterricht in den Deutsch redenden Ge—
meinden wegfiel, während von nun ab für die Schulen der
Französisch redenden Gemeinden fünf Stunden wöchentlichen
Unterrichts im Deutschen eingestellt wurden. Als Ergebnis
aller dieser Maßregeln zeigte sich bald die Entwicklung eines
trefflichen und feinen Deutsches als gemeiner Umgangssprache
gegenüber des früheren bloßen Behelfens mit dem Dialekt; ein
ganz neues, rhythmisch und lautlich klar bestimmtes Hochdeutsch
ist in Elsaß-Lothringen und namentlich im Elsaß heran—
gewachsen. Freilich: einstweilen und gewiß noch auf Jahr—
zehnte hinaus überwog unter den Gebildeten immer noch das
Französische. Und dagegen war mit dem Elementarunterricht
nicht aufzukommen. Um die Aufgabe der Germanisierung der
Gebildeten zu lösen, bedurfte es der Reform der Mittelschulen,
und vor allem der Entwicklung eines wahrhaft deutschen Hoch—
schullebens.
Fruh, mit großer Begeisterung, im Sinne eines Angebindes
echt deutschen Geistes an das Land, wurde die Hochschulfrage
ins Auge gefaßt — um so mehr, als die Elsässer Notabeln
selbst die Begründung einer Universität in Straßburg an Stelle
der alten, bis dahin vorhandenen medizinischen und evangelisch⸗
theologischen Fakultäten gewünscht hatten. Am 24. Mai 1871
schon wurde der entscheidende Beschluß vom Reichstag gefaßt;
        <pb n="238" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 589
und am 1. Mai 1872 konnte, wenn auch noch ohne Teilnahme
der Masse der Straßburger Bevölkerung, die feierliche Gründung
der neuen Straßburger Universität vollzogen werden. Es war
eines der echtesten deutschen Feste, die nach dem Kriege gefeiert
werden konnten. Und alle deutschen Stämme stellten der neuen
deutschen Universität die besten Lehrkräfte; unter der Fürsorge
des früheren badischen Ministers Roggenbach, eines Freundes des
deutschen Kronprinzen, hatte sich deren eine auserwählte Schar
eingestellt. Erster Rektor der Universität aber war ein Elsässer
von der bisher vorhandenen evangelisch-theologischen Fakultät,
ein ehrwürdiger Greis, der Professor Bruch, wenn ihm auch
seine feste Stellungnahme zu den neuen Verhältnissen zunächst
die Beschimpfung als Renegat eintrug. Indessen zeigte sich
bei der Gründungsfeier in den Reden der Elsässer doch auch,
wie viele treue Herzen schon nach langem Warten dem alten
Vaterlande entgegenschlugen.
Die neue Universitaͤt wurde zunächst von Altdeutschland
rege besucht; allmählich stellten sich dann aber auch die Elsässer
und die Lothringer ein. Den Vortrab bildeten dabei die Söhne
der fast durchweg zu Deutschland haltenden evangelischen Pfarr⸗
häuser, und so wurde vor allem die theologische Fakultät, der
fie fich gern zuwendeten, als ein Herd der Versöhnung und der
gegenseitigen Verständigung wichtig; doch trat daneben all—
——— sich langsam namentlich
elsässische Studierende einfanden, um dereinst ihrem Lande
dienen zu können; und auch die anderen Fakultäten blieben in
der Germanisierungsarbeit nicht untätig.
Gegenüber alledem konnte man nun auf die spontanen
Außerungen des Landes gespannt sein. Und da stellten sich denn
bald zwei große Strömungen heraus: die katholisch-französische,
und eine, wesentlich von Protestanten getragen, vornehmlich
elsässische, autonomistische. Die erste war deutschfeindlich, die
zweite zwar nicht absolut deutschfreundlich, aber von lebhaftem,
im Grunde deutschem, Selbständigkeitsgefühl getragen und im
ganzen voller Vertrauens zu der Verwaltung des Landes.
Die katholisch-französische Strömung hatte ihren Rückhalt
        <pb n="239" />
        590 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

vor allem am Klerus des Landes. Hier war allerdings der
Bischof Räß von Straßburg ein Elsässer Bauernsohn von deutscher
Erziehung, aber im tiefsten doch klerikal gefärbt, wie er denn
an der Beeinflussung des deutschen Katholizismus durch den
französischen Klerikalismus in jungen Jahren eifrig mitgearbeitet
hatte; und neben ihm amtierte in Rapp ein Generalvikar von
ganz französischer Gesinnung; am 17. März 1873 mußte Rapp
ausgewiesen werden, weil sich ergeben hatte, daß er an der
Spitze einer französisch-klerikalen Geheimverbindung stand, die
das Franzosentum in den Reichslanden zu unterstützen zum
Zweck hatte. In Metz aber stand in dem Bischof Dupont
de Loges ein echter Franzose an der Spitze der geistlichen Ver—
waltung.
Was aber fast noch schlimmer war: die ganze katholische
Kirchenverwaltung war noch an das französische Diözesansystem
angeschlossen. Die Bischöfe von Metz und von Straßburg waren
Suffragane des Erzbistums Besancon, und Teile der französischen
Bistümer Nancy und St. Dié umfaßten Gebiete des Reichs—
landes in den Kreisen Chateau Salins, Saarburg usw. Die
Folge war, daß die beiden Bischöfe von Metz und von Straßburg
 Anweisungen von ihren erzbischöflichen Oberen, in dessen
Kapitel sie saßen, erhalten konnten, und daß die reichsländischen
Pfarrer der Dibzesen Nancy und St. Dis durch Befehle ihrer
Bischöfe in die schlimmsten Pflichtenkonflikte getrieben wurden. So
hatten z. B. die Pfarrer der Diözese Nancy am 3. August 1873
einen Hirtenbrief ihres Bischofs zu verlesen, der die Gläubigen
zu Gebeten für die Wiedervereinigung von Straßburg und
Metz mit Frankreich aufforderte. Natürlich wurde der Bischof
vom Landgericht Zabern zu einer Strafe von zwei Monaten
Gefängnis verurteilt; aber er saß sicher in Nancy und büßte die
Strafzeit nicht ab, während seine Pfarrer sitzen mußten. Da
war denn klar: das waren unhaltbare Zustände; und doch wurden
sie erst im Jahre 1874 durch Verhandlungen mit Frankreich und
Frankreichs mit dem Papste beseitigt. Aber selbstverständlich
wurde damit der französische Klerikalismus in den Reichslanden
nicht ertötet; im Gegenteil: er erhielt zu dieser Zeit durch den
        <pb n="240" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 591
in Altdeutschland tobenden Kulturkampf noch neue Kraft. Und
er wirkte aufs eifrigste durch Presse und Vereinsbildung auf
die öffentliche Meinung um so mehr, als er seine Kräfte durch
Teilnahme an der Landesverwaltung nicht zersplitterte, da er
diese in seinen Hoffnungen auf Frankreich als etwas Vorüber⸗
gehendes ansah.
Dem standen nun die autonom, d. h. in begrenztem Sinne
elsässisch-deutsch denkenden Kreise gegenüber: und unter ihnen
auch schon eine kleine Gruppe ganz deutsch gesinnter Männer:
alte Pfarrer, die noch lebenden Mitglieder der elsässischen
Dichterschule und einige andere. Für fie brachte das Gesetz
vom 23. Januar 1873 über die Errichtung von Kreis- und
Bezirkstagen eine erste Gelegenheit, ihre Kraft zu erproben:
die darin vorgeschriebenen Wahlen sollten am 21. und 22. Juni
in allen Gemeinden des Reichslandes stattfinden.
Zur Tatkraft angespornt aber wurden sie durch Ereignisse,
die sich kurz vorher in Straßburg abgespielt hatten. Dort
war der Bürgermeister Lauth, nachdem er sich vor dem Ober⸗
präsidenten von Moeller gelegentlich eines Besuches desselben
ganz naiv als Französling bekannt hatte, am 7. April 1873
abgesetzt worden; und dem war eine Aufhebung des für Lauth
Partei nehmenden Gemeinderats auf zwei Jahre gefolgt; ja
auch die Beigeordneten des Bürgermeisters waren am 17. April
ihrer ÄAmter entsetzt worden. Seitdem führte der Polizeidirektor
Back zusammen mit einem Regierungsassessor die Geschäfte der
Stadt. Konnten nun solche Vorgänge von Nutzen für die
Stadt sein? Nein — riefen die Autonomisten: um sie aber
zu verhüten, müssen wir uns an der Verwaltung beteiligen.
Von diesem Gesichtspunkte aus erließ eine Anzahl treuer deutsch⸗
elsässischer Männer einen Aufruf zu den Wahlen des Juni
1873, der in den Worten gipfelte: „Wer uns rät, uns der
Wahl zu enthalten, oder wer uns rät, Männer zu wählen,
die ihre Aufgabe in vergeblichen Demonstrationen statt in
rückhaltloser Arbeit sehen, der liebt dieses unser Elsaß-Lothringen
nicht aufrichtig, dem stehen andere Zwecke höher als der innere
Friede und die gedeihliche Entwicklung der materiellen und
        <pb n="241" />
        592 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

geistigen Interessen dieses Landes. Sorgen wir für unsere
Interessen!“
Diesen vernünftigen Worten kamen die Wähler nun im
ganzen nach, vor allem in überraschender Weise auf dem platten
Lande. Demonstriert durch Enthaltung wurde eigentlich nur
in Mülhausen, ein wenig auch in Kolmar; in Straßburg trat
eine nur kleine Mehrheit für den verschwundenen Stadtrat ein.
Auch der Eid auf den Kaiser, den die neugewählten Vertreter
nach der Vorschrift eines noch geltenden französischen Gesetzes
leisten mußten, wurde von den meisten geleistet; vierzehn von
den zweiundzwanzig Kreistagen und wenigstens einer der Bezirks⸗
tage, der unterelsässische, konnten demgemäß eröffnet werden;
und fast ohne Ausnahme ergab sich bei den Verhandlungen ein
beachtenswert ruhiger, sachlicher und ernster Ton.
So konnte es wohl kaum eine Frage sein: überraschend früh
war das Experiment gelungen, die Bevölkerung zur Verwaltung
ihrer eigenen lokalen Angelegenheiten heranzuziehen: und durch⸗
weg zeigten sich dabei spezifisch germanische, deutsche Eigen—
schaften. Damit erhob sich denn schon jetzt die Frage, ob sich
auch auf höherem politischen Gebiete das Gleiche zeigen würde.
Man konnte da zunächst wohl noch zweifelhaft sein: denn in
französischer Zeit hatten die deutschen Gegenden politisch un—
mündig gelebt, da sie eine geknebelte Presse besaßen und die
Abgeordneten auf Pariser Order gewählt worden waren. Aber
auch hier mochte die Lage jedenfalls ein Experiment lohnen.
Es wurde mit den Reichstagswahlen vom 10. Januar 1874
gemacht: den ersten, die in Elsaß-Lothringen stattfanden, nach—
dem die vom J. Januar 1873 bis zum 1. Januar 1874 verlängerte
Zeit persönlicher Herrschaft des Kaisers abgelaufen war. Und da
war denn das von der Regierung in keiner Weise beeinflußte
Ergebnis sehr merkwürdig: Gewählt wurden fünf Liberale, die
nur nach Berlin gingen, um gegen den Frankfurter Frieden
zu protestieren und dann sofort heimkehren wollten, und zehn
Klerikale, die auch protestieren, aber sich gelegentlich an den
Reichstagsverhandlungen weiterbeteiligen wollten, darunter die
beiden Bischöfe des Landes und fünf Pfarrer.
        <pb n="242" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 593

Am 16. Februar 1874 hielt diese Gruppe, angeblich so
spät, weil man sich erst habe verständigen müssen, ihren Ein—
zug im Reichstag. Es war sehr feierlich, die Bischöfe traten
im Ornat an, nicht minder die fünf Pfarrer. Dann, nach—
dem sie Platz genommen hatten, brachte der liberale Abgeordnete
Teutsch aus Wingen im Unterelsaß den Antrag ein: „Der
Reichstag wolle beschließen, daß die Bevölkerung Elsaß-Lothringens,
 welche, ohne darüber befragt zu sein, dem Deutschen
Reiche durch den Friedensvertrag von Frankfurt einverleibt
worden ist, sich speziell über diese Einverleibung auszusprechen
berufen werde.“
Der Antrag kam am 18. Februar zur Beratung. Indes
ehe diese begann, brachte Teutsch einen neuen Antrag ein,
wonach es denjenigen elsaß⸗lothringischen Abgeordneten, denen
das Deutsche unbekannt sei, gestattet sein solle, französisch zu
reden. Der Präsident von Forckenbeck erklärte, nach der
Geschäftsordnung des Hauses könne über einen neuen Antrag
nur dann sofort abgestimmt werden, wenn kein Mitglied des
Reichstags widerspreche. Aber da erhob sich auch schon der
wohlbeleibte Abgeordnete Braun-Wiesbaden und rief das
verhängnisvolle Wort „Ich widerspreche“. Und nun begründete
der Abgeordnete Teutsch im fließendsten Deutsch, aber mit echt
französischem Phrasenwerk, seinen Antrag. Das alles, dazu
seine Unkenntnis in Sachen des Völkerrechts, brachte ihm
einen unbestrittnen Heiterkeitserfolg.
Aber kaum hatte er die Abtretung der Reichslande ohne Zu—
stimmung der Bevölkerung pathetisch für ungültig erklärt, so ge⸗
schah etwas noch viel Merkwürdigeres. Der alte Bischof Räß von
Straßburg, der Führer des klerikalen Zweiges der fünfzehn reichs—
ländischen Abgeordneten, trat hervor und sprach folgendes: „Um
einer mißliebigen Deutung vorzubeugen, die mich und meine
Glaubensgenossen berühren könnte, finde ich mich im Gewissen ge—
drungen, eine einfache Erklärung abzugeben: Die Elsaß-Lothringer
meiner Konfession sind keineswegs gemeint, den Vertrag von
Frankfurt, der zwischen zwei großen Mächten abgeschlossen ist, in
Frage zu stellen. Das wollte ich von vornherein erklären.“
        <pb n="243" />
        594 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

Wo war nun die vorher für die Voten der Reichslands⸗
abgeordneten verkündete Einigkeit? Die Szene endete in all⸗
gemeiner Heiterkeit; die liberalen Protestler zogen sich entsetzt
von diesem Orte sachlicher Erwägungen zurück und ließen die
großen Städte, die sie gewählt hatten, auf drei Jahre im
Reichstage unvertreten, so daß sich die Straßburger schließlich,
um ihre Interessen gewahrt zu sehen, in manchen ihrer An⸗
gelegenheiten direkt an den Reichskanzler wandten; die Klerikalen
aber gingen dahin, wohin sie nach altdeutschen Begriffen ge—
hörten, zum Zentrum.
So war denn klar, daß man im Reichslande politisch einst⸗
weilen mit kindischen Protestlern und unselbständigen Klerikalen
—00
fassung der politischen Gesamtlage auch nur des Reichslandes,
geschweige denn des Reiches war einstweilen nichts zu spüren.
Das zeigten auch die Anträge, welche die klerikalen Reichs—
länder mit Unterstützung des Zentrums noch im Verlaufe der
Tagung stellten: der Antrag auf Aufhebung der Befugnis des
Oberpräsidenten, bei Gefahr für die öffentliche Sicherheit den
Belagerungszustand zu verkünden, eine Befugnis, die der Pfarrer
Guerber merkwürdigerweise ein „unbeschränktes Diktaturrecht“
nannte, und der Antrag auf Einführung eines Preßgesetzes, das
heißt auf Zulassung der Presse der französischen und klerikalen
Hetzer. Natürlich fielen beide durch; zugleich aber erhielten die
Autragsteller gelegentlich der Beratung einer ersten, von ihnen
vorgebrachten Eingabe vom Fürsten Bismarck eine Lektion, die
besser als alles den damaligen politischen Zustand der Geister
in den Reichslanden vorzustellen geeignet ist, sowie den Ein—
druck, den dieser auf die entscheidenden Stellen in Berlin
machte. Der Fürst beglückwünschte die Redner der Gruppe
zunächst dazu, daß die Beschwerde der Elsässer hier vor dem
deutschen Reichsstag und nicht in der französischen National—
versammlung erörtert werde. „Denken wir uns die Verhält—
nisse ins Gegenteil übertragen, daß bei einem anderen Ausfall
des Krieges etwa ein Teil der Rheinprovinz oder, was viel⸗
leicht noch wahrscheinlicher war, ein Teil von Belgien französisch
        <pb n="244" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage 595

geworden wäre, und die wider ihren Willen annektierten Ab⸗
geordneten wollten in der Pariser Versammlung so sprechen.
Wir brauchen nur die erste beste Sitzung der französischen Ver—
sammlung in Versailles in den Zeitungen beschrieben zu lesen,
um sicher zu sein, daß, wenn nicht die Mehrheit, so doch
schließlich der Herr Präsident ... die Redefreiheit der Beschwerde⸗
führer bald illusorisch machen würde. Noch bedenklicher würde
aber die Redefreiheit für die Herren Abgeordneten auf den
Pariser Straßen und in den Gasthöfen zutage treten, und es
würde des ganzen Aufwandes der französischen Polizeimacht
hedürfen, um die Redner, die ihren Gefühlen gegen Frankreich
Ausdruck gegeben, vor unparlamentarischen Unannehmlichkeiten
zu sichern. Unsere Regierung aber ist stark genug, so kräftige,
wenigstens in den Worten so kräftige Ausbrüche des Miß⸗
fallens ruhig und öffentlich mit anzuhören, und für ganz Europa
drucken zu lassen, daß sie diese Kritik verträgt. Die Herren
aus Elsaß beklagen sich, daß wir die drei Jahre sie nicht so
glücklich gemacht haben, wie sie zwar unter der französischen
Herrschaft nicht gewesen sind, aber wie sie es doch gern sein
möchten; wir wünschen es ihnen; aber der Zweck der Annexion
war es eigentlich nicht; wir haben mit derselben nicht die
Hoffnung verbunden, daß diese Herren sofort nun enthufiastische
Anhänger unserer dentschen Einrichtungen, Freunde unserer
dorthin gesendeten neuen Beamten sein und ihnen mit wohl—
wollender Kritik und kindlichem Vertrauen entgegentreten
würden. Wir haben uns darüber gar nicht getäuscht, daß
wir einen harten Kampf zu bestehen haben würden, ehe es
uns gelänge, ihre Anhänglichkeit zu gewinnen, die wir aller—
dings erstreben, die wir aber augenblicklich ohne Zweifel noch
nicht besitzen. Die Zeit ist zu kurz dazu. Wenn die Herren erst
einmal zweihundert Jahre zu Deutschland gehört haben werden
wie zweihundert Jahre zu Frankreich), dann bin ich über—
zeugt, daß sie bei uns doch im ganzen angenehmer gelebt
haben werden.“
Indes hielt diese Erkenntnis der vollen politischen Unreife,
wie sie selbst bei einem staatsmännisch so begabten Stamme wie
        <pb n="245" />
        596 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

dem elsässischen nach einer erzwungenen politischen Unmündigkeits⸗
dauer von fast sechs Generationen nur zu natürlich war, dennoch
den Fürsten Bismarck nicht ab, anzuerkennen, welch tüchtiger
Sinn sich im Reichslande bei der Verwaltung der eigenen An—
gelegenheiten regte. Von der weiteren Ausbildung dieses
Sinnes mußte aber nach deutschen Begriffen auch die Ent—
faltung der politischen Reife erwartet werden. Damit war die
weitere Entwicklung des Deutschtums vornehmlich in die Vor—
gänge verlegt, in denen das Land an seiner eigenen Regierung
teilnahm: und die Förderung der Teilnahme des Landes an
seiner Verwaltung wurde zum Hauptproblem.
Hier ergaben sich nun rasch erfreuliche Fortschritte. Im
Jahre 1874, als wiederum Kreis- und Bezirksratswahlen statt—
fanden, zeigte sich, daß die Autonomisten schon über die Mehr—
heit der Stimmen verfügten. Alle Kreisräte und alle Bezirks—
—E
treuem Sinne an der Verbesserung ihrer Angelegenheiten.
Faßten dabei die Bezirkstage einstimmig den ihre Zuständigkeit
überschreitenden Beschluß: daß die Regierung dem Lande bald
eine über die Bezirkstage hinausgehende gemeinsame Vertretung
geben möge, so hatte die Regierung dagegen insofern nichts
einzuwenden, als sie selbst es für möglich hielt, in diesem
Sinne vorzugehen.
Am 29. Oktober 1874 wurde durch einen kaiserlichen Er—
laß ein Landesausschuß für Elsaß-Lothringen eingesetzt. Er
war aus je zehn Mitgliedern der einzelnen Bezirkstage zu
bilden, die diese aus sich zu wählen hatten, und seine Aufgabe
sollte es sein, wichtigere Verwaltungsmaßregeln und den
Landeshaushaltsanschlag zu begutachten sowie auch solche
Gesetzentwürfe, die ihrem Inhalte nach nicht der Reichsgesetzgebung
 vorbehalten waren.
Am 5. April 1875 wurde der Landesausschuß zum ersten
Male von den Bezirkstagen gewählt, am 17. Juni trat er
zum ersten Male in Straßburg zusammen. Seine Beratungen,
die namentlich dem Entwurf des Landeshaushaltes für das
Jahr 1876 galten, zeichneten sich wiederum durch Sachlichkeit
        <pb n="246" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 597

aus; der Präsident Schlumberger ergab sich als ebenso ge⸗
wandter Geschäftsleiter, wie er den autonomistischen Gedanken:
Festhalten an den bestehenden politischen Tatsachen, klar zum
Ausdruck brachte. Mit dem Danke der Regierung wurde der
Ausschuß am 17. Juli verabschiedet.
Schon das Jahr 1876 brachte infolge dieser Haltung eine
Erweiterung der Kompetenz des Ausschusses. Am 10. Mai
brachte Bismarck bei dem Bundesrat einen Gesetzentwurf ein,
wonach Landesgesetze für Elsaß-Lothringen mit Zustimmung
des Bundesrates vom Kaiser sollten erlassen werden können
ohne Mitwirkung des Reichstages, falls der Landesausschuß
diesen Gesetzen zugestimmt habe. Der Landesausschuß, an den
dieser Entwurf nach Genehmigung durch den Bundesrat zur
Begutachtung gelangte, stimmte freudig zu, glaubte aber zu⸗
gleich eine weitere Anregung geben zu können, indem er bat:
Es möge das Reichsland eine Landesvertretung mit be⸗
schließenden Befugnissen erhalten, wodurch der Schwerpunkt
der Gesetzgebung nach Straßburg als der Hauptstadt des
Reichslandes verlegt werde, nicht nach Berlin, und daß dem
dermaligen Oberpräsidenten von Möller, der im hohen Grade
das Vertrauen des Landes besitzt, die ausgedehntesten Befug—
nisse eingeräumt werden, wodurch der größte Teil der Ge⸗—
schäfte hier selbst in unmittelbarer Berührung mit Land und
Leuten erledigt werden kann.“
Nur wenige Monate nach dieser Petition erschien Kaiser
Wilhelm, September 1876, zum ersten Male im Reichsland,
um Kavalleriemanövern in der Gegend von Weißenburg bei⸗
zuwohnen. Er wurde, namentlich von der Landbevölkerung, mit
ungeheucheltem Enthusiasmus aufgenommen. So kam er schon im
Frühjahr 1877, im Mai, wieder, und nun auch nach Straßburg
und Metz. Der Empfang war der gleiche, herzliche. Und inzwischen
hatten, am 10. Januar 1877, neue Reichstagswahlen statt⸗
gefunden, die den vollen Sieg der Autonomisten im Unterelsaß
brachten und auch sonst zeigten, wie sehr der Autonomismus
im Fortschritt begriffen war. So lag denn kein Anlaß vor,
nicht im Sinne einer weiteren autonomen Entwicklung vor⸗
        <pb n="247" />
        598 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

zugehen. Zunächst nahm der Reichstag am 28. März 1877,
gegen den Widerstand der reichsländischen Protestler und Kleri—
kalen, die Kompetenzerweiterung des Landesausschusses an, wie
sie im Frühjahr 1876 vorgeschlagen worden war. Wenige
Jahre darauf aber geschah ein weiterer Schritt. Ein Antrag
des elsässischen Abgeordneten Schneegans, Elsaß-Lothringen eine
selbständige, im Lande befindliche Regierung zu geben, wurde
vom Reichstag am 27. März 1879 einstimmig gutgeheißen.
Und hierauf legte der Reichskanzler am 14. Mai 1879 dem
Bundesrat einen Gesetzentwurf vor, der diesem Antrag im
weitesten Sinne nachkam, und der vom Reichstag, wiederum
gegen die reichsländischen Protestler und Klerikalen, doch mit
Zustimmung des deutschen Zentrums, angenommen wurde. Da—
nach wurde das Berliner Reichskanzleramt für Elsaß⸗Lothringen
sowie das Oberpräsidium in Straßburg aufgehoben und statt
dessen ein Statthalteramt in Straßburg eingerichtet. Dieses
erhielt die bisher dem Reichskanzler obliegende Verantwortlich—
keit und unter sich ein Ministerium mit einem Staatssekretär
und einer Anzahl von Unterstaatssekretären als Vorständen.
Ferner wurde zur Beratung der Regierung ein Staatsrat ge—
bildet, der aus dem Staatssekretär, den Unterstaatssekretären,
dem Oberlandesgerichtspräsidenten und dem Generalstaatsanwalt
bestehen sollte sowie aus acht vom Kaiser ernannten Mitgliedern,
von denen je einer dem Richterstand und den ordentlichen Pro⸗
fessoren der Universität Straßburg angehören mußte, während
drei dem Kaiser vom Landesausschuß vorzuschlagen waren.
Zweitens aber wurde der Landesausschuß auf achtundfünfzig
Mitglieder erweitert und durch ein wohlgegliedertes Wahl—
system zu einer Repräsentation der führenden Gesellschafts⸗
schichten des Landes umgeschaffen.
Es ist die Verfassung, die in ihren Grundzügen noch heute
besteht, und unter der Elsaß-Lothringen sich konsequent weiter
zu blühenden inneren Verhältnissen entwickelt hat.
Unsere Erzählung verfolgt von diesem Momente ab die
Schicksale Elsaß-Lothringens im Reiche nicht weiter. Waren sie
bis zum Beginn der achtziger Jahre für ein deutsches Land
        <pb n="248" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 599

noch voll von Ausnahmeerscheinungen — wenngleich sie im
Gruͤnde selbst für diese Zeit doch auch schon den Typus der
bundesstaatlichen Entwicklung jedes einzelnen deutschen Landes
überhaupt durchscheinen lassen —, so liegt es in der Natur
der Dinge, daß sie in den späteren Jahrzehnten, bis zur Gegen—
wart hin, ihrem Kerne nach immer mehr in die Schicksale eines
deutschen Bundesstaates überhaupt einlenkten: — wenn auch das
Reichsland bis zum heutigen Tage noch nicht die volle politische
Stellung eines Bundesstaates erreicht hat. Indem dies aber
geschah, stirbt für unsere Erzählung das besondere Interesse
an den elsässisch-Tothringischen Dingen allmählich ab; der Gast
wird zum Einheimischen und Freunde und darum nicht mehr
besonderer Aufmerksamkeit gewürdigt. Zugleich aber treten
damit die Schicksale des Reichslandes, wie die der Bundes—
staaten überhaupt, allmählich vor den allgemeinen Schicksalen
des Reiches in den Hintergrund.
        <pb n="249" />
        IV.

Nach dem Kriege von 1870/71 erwartete alle Welt einen
weiteren Fortschritt der deutschen Einheitsbewegung auf ge—
waltsamem Wege. Man wußte, wie wenig in deutschem Sinne
die österreichische Politik der Jahre 1867 bis 1870 durch Herrn
von Beust geführt worden war: würde das neue Reich dem
alten Doppelstaat diese Haltung nicht heimzahlen? Die kleinen
Staaten um das Reich herum aber, Holland, Belgien, die
Schweiz, lebten erst recht in der Erwartung kommenden Un⸗
heils. Vor allem galt das für die Schweiz. Hier war die
deutsche Einheit der Menge im höchsten Grade verhaßt trotz
aller Sympathien weitschauender Männer, wie etwa Konrad
Ferdinand Meyers oder des wackeren Militärpfarrers Albert
Bitzius, Sohnes von Jeremias Gotthelf; die Reichsdeutschen,
die 1871 in stiller Weise den Sedantag in der Züricher Ton⸗
halle feierten, wurden fast totgeschlagen.
Von den großen Mächten aber stand England grollend
und schon für seinen Handel fürchtend beiseite: die einzige
befreundete Macht war Rußland, das sich freilich für seine
Neutralität während des deutsch-französischen Krieges durch eine
starke Lockerung der Fesseln bezahlt gemacht hatte, die ihm durch
den Abschluß des Krimkrieges auferlegt worden waren.
Unter diesen Umständen mußte das junge Reich, dessen
Leiter dem Gedanken jeder weiteren Entfaltung kriegerischer
Einigungsbestrebungen fern standen, seinerseits vor allem
darauf sehen, daß Frankreich, wo jedermann nach Revanche
schrie, nicht die Möglichkeit gegeben wurde, die allgemeine
Antipathie auszunutzen. Und mit diesem Ziel mußte sich das
andere verbinden, das eigene Pulver trocken zu halten.
        <pb n="250" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 601

In letzterer Hinficht war es von Wert, daß die neue
Grenze gegen Frankreich, mit Metz und Straßburg, einem
französischen Angriff die größten Schwierigkeiten entgegenstellte.
Denn diese Grenze, die eine Verteidigung des Reiches schon an
der oberen Mosel nicht ausschließt, legte die französische Haupt⸗
stadt für deutsche Angriffe um einige strategische Abschnitte näher
als bisher; und die Franzosen haben wohl gar, sehr über⸗
trieben, ausgesprochen, daß sie sich erst an der Loire verteidigen
könnten. Aber noch blieb hier eine Lücke, die gefährlich werden
konnte, Luxemburg. Sie vor allem mußte verstopft werden.
Zu dem Zwecke hatte Bismarck schon seit März 1872 im Ver⸗
folg der Übernahme der französischen Eisenbahnen in Elsaß⸗
Lothringen über den Ankauf der luxemburgischen Wilhelmsbahn
verhandelt, deren Verwaltung durch die französische Ostbahn
eine beständige Bedrohung des Moselabschnittes um Trier. be⸗
deutete. Und es kam hier zu einem Vertrag vom 10. Juni 1872,
wonach die Wilhelmsbahn gegen Entschädigung von 54 Millionen
Mark bis zum Jahre 1912 in die Verwaltung der Reichs—
eisenbahnen überging; gleichzeitig begab sich Luxemburg des
Rechtes, bis zu diesem Termin den deutschen Zollverein zu
kündigen, wogegen das Reich die Achtung strenger Neutralität
im Kriegsfall aussprach.
War damit die unmittelbare Grenze gegen Frankreich be—
friedigend gedeckt, so galt es daheim vor allem die Wieder⸗
herstellung des Kriegsmaterials und eine neue Vorbereitung
gegenüber jeder kriegerischen Bedrohung. Hier konnte man
reichlich vorgehen: die Mittel waren in den Milliarden der
französischen Kriegsschuld vorhanden. So wurde denn eine große
Summe von Bargeld in dem Juliusturm zu Spandau als Kriegs⸗
schatz für die ersten Nöte einer neuen Mobilmachung niedergelegt;
die wichtigsten Festungen wurden zum großen Teile umgebaut
und erweitert, eine Fülle strategischer Bahnen geplant und aus⸗
geführt, endlich das Heerwesen den neuen Verhältnissen an⸗
gepaßt.
Daneben war auch in Frankreich die politische Lage mög—
lichst in dem Sinne zu beeinflussen, daß der Ausbruch eines
Lamprecht, Deutsche Geschichte. XI. 2. 39
        <pb n="251" />
        602 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes KUapitel.

Rachekrieges unmöglich wurde. Dazu erschien bei dem Charakter
der französischen Nation vor allem nötig, daß man das Auf—
tauchen eines faszinierenden, alles mit sich fortreißenden ehr—
geizigen Führers ausschloß. Und von diesem Gesichtspunkte her
empfahl sich die Begünstigung der bestehenden Republik: jede
Monarchie bot für das Reich nach der Ansicht Bismarcks ge—
ringere Aussichten der Ruhe. Der Fürst war daher bestrebt,
der Republik und besonders wiederum der konservativ-bürger⸗
lichen Republik des Herrn Thiers in jeder Hinsicht das Dasein
zu erleichtern. Um sie moralisch zu festigen, willigte er zunächst
in starke Reduktionen der Zahltermine der Kriegsschuld: was
einem Zinsgewinn der Republik gleichkam und zudem wesentlich
zur Festigung der französischen Finanzen beitrug. Und auch
sonst trat er, im Gegensatz zu der Meinung des deutschen Bot—⸗
schafters von Arnim und zu der von diesem und der Kaiserin
Augusta am Berliner Hofe betriebenen Agitation, nach Kräften
für die liberal-bourgeoise Republik als die für das Reich un—
gefährlichste aller französischen Staatsformen ein.
Nun kam aber diese Republik gleichwohl aus der inneren
Entwicklung Frankreichs her in Gefahr. Der Klerikalismus,
in Mitteleuropa seit dem Entstehen des Reiches um seine besten
Hoffnungen auf ein katholisches Großdeutschland betrogen, zu—
dem seit dem Vatikanum vor allem wiederum vornehmlich
innerhalb des Reiches einem hartnäckigen Widerstande begegnend,
sah in Frankreich sein sicherstes Werkzeug für einen künftigen
allgemeinen Fortschritt der papalen Kirche. Das Papsttum und
die französischen Klerikalen schlossen sich daher zu einem immer
engeren Bunde zusammen, als dessen Programm sich zunächst
für Frankreich der Sturz der bourgeoisen Republik und die
Begründung eines fromm-feudalen Königtums, einer royauté
très chrétienne der Bourbonen ergab. Am 24. Mai 1878
beseitigte die klerikale Partei im französischen Parlamente den
Präsidenten Thiers; an seine Stelle trat nominell als Präsident
der Republik, tatsächlich als Platzhalter für die kommende
monarchische Restauration der Marschall Mac Mahon. Immer
reger und offenkundiger wurden darauf die Verhandlungen der
        <pb n="252" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 6083

Ultramontan-Feudalen mit dem Grafen Chambord; ja die
Nationalversammlung setzte einen Neunerausschuß ein mit dem
förmlichen Auftrage, die Thronbesteigung des „legitimen“
Königs, Heinrichs V., vorzubereiten. Und schon zeigte sich,
welche Wirkungen nach außen der eingeleitete Umschwung haben
würde. Während man von einem deutschen Kriege nur in ge⸗
dämpftem Tone sprach — noch hielt eine starke Erinnerung
an 1870/71, die année terrible, vor —, wurde um so lauter
von den katholischen Zielen des kommenden Regimes ge—
sprochen: und da galt es denn vor allem einen ebenso „heiligen
als echt französischen“ Krieg gegen den Räuber Roms, gegen
Italien.

Es war eine Konstellation, deren Ausnutzung im deutschen
Interesse Bismarck schon länger vorbereitet hatte. Italien hatte
1870 mit Frankreich gegen den Norddeutschen Bund und die
süddeutschen Staaten zu Kriege ziehen wollen. Es hatte darauf
den deutschen Siegen den Abzug der französischen Truppen aus
Rom verdankt und Rom selbst eingenommen. Es war eine
Errungenschaft, die das berühmte Wort Italia farà da se in
merkwurdigem Lichte erscheinen ließ, die aber, bei der nationalen
Eifersucht der europäischen Völker in der zweiten Hälfte des
19. Jahrhunderts, nicht geeignet schien, das Verhältnis der
italienifchen Nation, etwa aus Motiven der Dankbarkeit, zur
deutschen zu verbessern. Entschieden zusammengeführt wurden
die beiden Nationen dagegen durch den gemeinsamen Gegensatz
gegen Rom und gegen den Klerxikalismus. Und so fand denn der
Prinz Friedrich Karl, der Sieger von Metz, als er im Februar
1872 in Rom war, dort eine begeisterte Aufnahme. Wie aber
mußten diese beiderseitigen Sympathien erst wachsen, als die
Ziele der französischen Klerikalen heller ins Licht zu treten be—
gannen.
Als im Spätfrühling 1878 das italienische Kronprinzen⸗
paar, der spätere König Humbert und seine Gemahlin Margherita,
eine Enkelin des Königs Johann von Sachsen, in Berlin er⸗
schien, feierte die Stadt ihre Anwesenheit mit einer Herzlichkeit,
die den Franzosen zu denken geben mußte. Und eben in den
39 *
        <pb n="253" />
        604 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

Tagen, in denen man den Abschluß der Restaurations—
verhandlungen in Frankreich erwarten durfte, im September
1873, erschien gar König Viktor Emanuel selbst in Wien und
Berlin. Es war für ihn, soweit Berlin in Betracht kam,
keine leichte Reise. Mit die ersten Worte, die er, in der Haupt⸗
stadt des Deutschen Reiches angelangt, an Kaiser Wilhelm
richtete, waren: „Ich muß Eurer Majestät gestehen, daß ich im
Jahre 1871 im Begriffe stand, die Waffen gegen Sie zu er—
greifen.“ Der Kaiser antwortete mild: „Ich wußte es.“ Jetzt
war der König während des Aufenthalts in Berlin von seinem
Minister des Auswärtigen begleitet; und wahrscheinlich ist es
schon damals zu Bündnisverabredungen für den Fall eines
französischen Angriffs auf den einen oder den anderen der
beiden Staaten gekommen.
Inzwischen verschwand freilich die akute Gefahr von Frank—
reich her. Im letzten Augenblicke, kurz vor dem Abschluß der
letzten Verhandlungen, versagte sich der Graf von Chambord
einem Thron, den er im Grunde doch als auf den Fundamenten
der Revolution aufgebaut zu erkennen glaubte; und die ent⸗
täuschte klerikal-royalistische Mehrheit der französischen Kammer
verlängerte am 20. November 1878 die Befugnisse des Marschalls
Mac Mahon auf sieben Jahre. Indes die Einsicht in die von
Frankreich her lauernde Gefahr eines klerikalen Königtums
blieb; und vor allem Italien hatte mit ihr zu rechnen. Und
so blieb auch die Anlehnung Italiens an das Deutsche Reich
im ganzen bestehen, wenn wir auch später noch von einigen
Schwankungen hören werden!; im Oktober 1878 hat Kaiser
Wilhelm den Besuch Viktor Emanuels in Mailand, unter ge—
waltigem Enthusiasmus der Menge, erwidert.
Inzwischen aber hatte sich auch das Verhältnis des Reiches
zu den beiden kaiserlichen Nachbarmächten im Osten erfreulich
gestaltet.
Was Osterreich angeht, so war es die Aufnahme der alten
großdeutschen VPolitik in neuen Formen, wie sie die Ereignisse

1S. unten S. 621f.
        <pb n="254" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 605

von 1866 und 1870 zuließen, die von Bismarck jetzt eingeleitet
wurde: das Ziel war die Herstellung eines engen politischen
Bündnisses zwischen den beiden Reichen. Und war es nicht
im Grunde auch eine alte preußische Politik, die damit erneuert
wurde? Im Mai 1849 hatte Friedrich Wilhelm IV. in Wien
die Lösung der deutschen Frage durch einen deutschen Bundes—
staat unter Preußens Führung vorgeschlagen, der dann mit
Osterreich einen völkerrechtlichen Bund zu Schutz und Trutz
schließen sollte: mit einer gemeinsamen Vertretung sogar nach
außen, deren Beamte, Gesandte, Botschafter, abwechselnd von
beiden Teilen ernannt werden sollten. Aber auch Bismarck
hatte schon sehr früh, in den fünfziger Jahren, fast sobald er
fich davon überzeugt hatte, daß Osterreich aus dem künftigen
deutschen Einheitsstaat werde wegbleiben müssen, den Gedanken
gefaßt, daß nach einem Ausschlusse dieser Art der festeste Bund
zwischen Osterreich und dem neuen Reiche zu begründen sei; und
bereits Ende der fünfziger Jahre war ihm eine solche Lösung
kaum noch einem Zweifel unterworfen gewesen. Als er dann,
in den verworrenen Zeiten während und nach dem Kriege um
Schleswig⸗Holstein, sah, wie in Osterreich im Grunde doch nur
eine dünne Schicht von Gebildeten für die Einbeziehung der
habsburgischen Monarchie in ein künftiges neues Deutschland
jchwärmte, da hatte sich in ihm diese Uberzeugung noch mehr
befestigt. Zur Maxime seines Handelns aber wurde sie ihm in
einer schicksalsschweren Stunde während des Krieges von 1866,
auf den Fluren von Königgrätz. Er mochte damals auf das
Schlachtfeld in der Absicht geritten sein, im Getümmel den Tod
zu suchen, falls seine Politik die Probe nicht bestehen würde.
Es war eine Stimmung, die ihm die durchsichtigste Klarheit
des Entschlusses geben mochte, als ihn bald darauf Ströme von
Glücksgefühl umflossen. Noch auf dem Schlachtfeld wurde er
mit sich einig, Osterreich einen ehrenvollen Frieden anzubieten:
„Nicht vernichten und demütigen dürfen wir Hsterreich; wir
müssen es zum Freunde und Bundesgenossen gewinnen für das
unter Preußen zu einigende Deutschland.“ Und nach diesem
Entschlusse hat er seitdem stetig gehandelt.
        <pb n="255" />
        606 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

Was dabei nach 1866 noch schwer und sonderbar erschien,
das wurde nach 1870 fast selbstverständlich und leichter. Es
war jetzt kaum noch ein Zweifel, daß sich die Geschicke Oster—
reichs in manchem Betracht von den deutschen trennten. Und
dabei handelte es sich nicht etwa bloß um die alte Einflußnahme
Hsterreichs auf die deutschen Staaten, wie sie freilich auch schon
in den sechziger, ja fünfziger Jahren, bei Gelegenheit der Er—
neuerung des Zollvereins, beim Plan, die Bundesstaaten 1855
zum Anschluß an die orientalische Politik der habsburgischen
Dynastie zu veranlassen, und sonst gescheitert waren. Nein,
die innere Entwicklung Osterreichs selbst lenkte von der deutschen
ab. Indem der Kaiser und die kaiserliche Familie, mit Aus—
nahme wohl nur der Kaiserin Elisabeth, nunmehr von dem
Gedanken durchdrungen wurden, sich gegen ein Deutschland
sichern zu müssen, das zu erwerben seit 1870 kaum noch mög—
lich schien, begann sich die Dynastie immer mehr auf die
Ungarn und die Slawen, insbesondere die Tschechen zu stützen.
Gewiß trat diese Wendung in den siebziger Jahren noch nicht
völlig ausgesprochen zutage, wenn sie auch seit dem Ministerium
Hohenwart, das einen Monat nach der Kaiserproklamation in
Versailles ins Amt trat, entschieden beabsichtigt wurde. Aber
sie begann doch schon die innere Situation zu beherrschen —
ein Moment, das naturgemäß von den weiteren Schicksalen der
gesamtdeutschen Nation trennte. Und mehr: auch auf die aus—
wärtige Politik hatte die neue Situation schon Einfluß gewonnen.
Langsam setzte sich der Rat Bismarcks an Karolyi vom Jahre
1862, den Schwerpunkt der habsburgischen Monarchie nach Ofen
zu verlegen, in eine, wenn auch noch entfernte Wirklichkeit um;
Ungarn trat mehr hervor; die Interessen des nahen Orients
begannen zu fesseln. Wenn auch noch nicht so stark, wie eben
angedeutet, alsbald in klare Erscheinung tretend war dies alles
doch eine Erleichterung der ferneren Entwicklung wie für Italien,
so namentlich für das Deutsche Reich; es wurde damit Platz für
ein Paar mächtiger Staatsbildungen, einer deutschen und einer
halbdeutschen, in Mitteleuropa; und die alte Erfahrung, daß sich
Preußen und Österreich immer leicht verständigt haben, wenn
        <pb n="256" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 607

nur europäische und nicht auch deutsche Interessen in Frage
kamen, mußte für das neue Deutsche Reich und das dualistische
sterreich-Ungarn zu einer besonders erfreulichen Erinnerung
werden. Dabei war man gerade an der vulkanischen Stelle der
mitteleuropäischen Neubildungen, in Berlin, von der Existenz⸗
notwendigkeit eines Osterreichs von dem geschilderten Charakter
innig überzeugt. In einer seiner größten politischen Reden hat
Furst Bismarck im Jahre 1888 ausgeführt: „Denken Sie sich
Hsterreich von der Bildfläche Europas weg, so sind wir zwischen
Rußland und Frankreich auf dem Kontinent mit Italien isoliert,
zwischen den beiden stärksten Militärmächten neben Deutschland;
wir ununterbrochen zu jeder Zeit einer gegen zwei mit großer
Wahrscheinlichkeit oder abhängig abwechselnd vom einen oder
vom andern. So kommt es aber nicht. Man kann sich Oster⸗
reich nicht wegdenken: ein Staat wie Hsterreich verschwindet
nicht . .. Wenn wir die Isolierung, die gerade in unserer
angreifbaren Lage für Deutschland besonders gefährlich ist, ver⸗
hülen wollen, so müssen wir einen sicheren Freund haben.“
Diesen sicheren Freund suchte nun Bismarck seit 1866 in
Osterreich auch durch die Tat zu erwerben: und wir wissen,
wie sehr das geschlagene Hsterreich beim Friedensschlusse aus
diesem Motiv her geschont wurde!. Aber auch die erste
politische Aktion, die der Fürst im werdenden neuen Reiche
vornahm, galt diesem Zwecke. Schon am 14. Dezember 1870
unterrichtete er die österreichische Regierung vom Abschluß der
Verträge mit den süddeutschen Staaten und beendete seine Mit⸗
teilung mit dem Satze: „Deutschland und sterreich-Ungarn,
wir duͤrfen es zuversichtlich hoffen, werden mit den Gefühlen
gegenseitigen Wohlwollens aufeinander blicken und sich zur
Foörderung der Wohlfahrt und des Gedeihens beider Länder
die Hand reichen.“ Und als der österreichische Kanzler darauf⸗
hin am 26. Dezember 1870 entgegenkommend geantwortet hatte,
da konnte die Tatsache eines künftigen guten Einverständnisses
des Reiches und Österreichs schon in den bayerischen Kammer—

1 S. oben S. 486.
        <pb n="257" />
        608 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

verhandlungen über den Bündnisvertrag zwischen Bayern und dem
Reiche im Januar 1871 von dem bayerischen Minister, GrafenBray,
mitgeteilt werden: „Allianz mit Österreich, das, meine Herren, ist
die einzige jetzt mögliche Verwirklichung der großdeutschen Idee,
welche viele von uns auf ihr Banner geschrieben hatten.“
Entsprechend dieser allgemeinen Disposition der Geister
kamen dann Kaiser Wilhelm und Kaiser Franz Joseph am 11.
und 12. August 1871 in Ischl zusammen, während sich Beust
und Bismarck in Gastein trafen. Freilich den Grafen Beust
wies seine Vergangenheit jetzt vom Platze; im November 1871
wurde er durch den Grafen Andrassy ersetzt. Andrassy war
Ungar; er wußte wohl, welche Vorteile Ungarn in seinem
Verhältnis zu Osterreich den Ereignissen von 1866 und auch
von 1870/71 zu danken hatte. Und so konnte von diesem
Augenblick an um so mehr das Verhältnis des Deutschen Reiches
und OÖsterreich-Ungarns als ein dauerndes und dauernd auf
den Friedensschutz Europas gestelltes betrachtet werden.
In der Natur der Sache aber fast lag es, daß sich dieses
freundliche Verhältnis auch auf Rußland erweiterte. Rußland,
in alter Freundschaft mit Preußen, zudem durch die Erfolge
der Jahre 1870/71 auch seinerseits insofern begünstigt, als
es während derselben unter energischer deutscher Unterstützung
die Freigabe der russischen Kriegsschiffahrt auf dem Schwarzen
Meere erlangt hatte, war Ästerreich allerdings zunächst nicht
sehr gewogen: mit Unwillen gedachte man noch seiner Haltung
während des letzten polnischen Aufstands. Allein schon Mitte
1871 hatte Graf Beust den österreichisch-ungarischen Delegationen
erklärt, es sei wenig wahrscheinlich, daß jemand gegen den
Freund seines Freundes zum Feinde werde; und etwas über
ein Jahr später kam es zu der ersten Dreikaiserzusammenkunft
in Berlin vom 5. bis zum 12. September 1872, in der aller⸗
dings OÖsterreich, wenigstens nach der Absicht Bismarcks, schon
einige Bevorzugung vor Rußland erfuhr. Bei dieser Gelegen⸗
—
Bismarck in gemeinsamer Aussprache die zwischen den Reichen
vorliegenden Anstöße; und ein allgemeines Einverständnis wurde
        <pb n="258" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 609

erreicht, das geeignet war, bei stärkeren Anlässen europüischer
Friedensstörung rasch zu festerem Bunde zu führen. Dieses
Einverständnis lief darauf hinaus, daß sich die drei Kaiser den
status quo ihrer Besitzungen, so wie er durch die letzten Ver⸗
träge festgelegt war, gewährleisteten; daß sie sich versprachen,
für die Schwierigkeiten, die in der orientalischen Frage auf⸗
tauchen könnten, den Versuch gemeinsamer Lösung zu machen;
und daß sie Maßregeln zur Unterdrückung des neuen, sozia—
listischen Umsturzes treffen wollten.
Es war ein Jahr etwa vor dem Versuche einer klerikalen
Restauration der Monarchie in Frankreich. Als dieser auch
Italien zur Anlehnung an das Deutsche Reich veranlaßte, war,
etwa gegen Ende des Jahres 1873, ohne weitere Opfer und
ohne schwere Verletzung des Stolzes der anderen großen Reiche
Europas, im diplomatischen Verkehr eine Stellung des Reiches
errungen, die man, ohne Widerspruch fürchten zu müssen, als
führend bezeichnen kann. Und auch die kleineren Reiche fügten
sich einstweilen dieser Hegemonie. In der Schweiz, der das junge
Reich durch eine starke Beisteuer zum Bau der Gotthardbahn
seinen guten Willen bewiesen hatte, wurde die Stimmung
ruhiger; Belgien und Holland fürchteten nicht mehr gleich
stark für ihre Selbständigkeit; der König von Holland besuchte
den Kaiser in Ems. Im skandinavischen Norden lehnte sich
gegenüber dem alten Widerwillen Dänemarks Schweden immer
fichtlicher an das Reich an; sein junger König Oskar konnte
als Verehrer alles Deutschen gelten. Da aber, wo das An—
sehen des Reiches nicht gewahrt wurde, schritt Bismarck mit
unnachsichtiger Strenge ein, so namentlich in Spanien, wo er
den deutschfeindlichen Karlisten, die im Juni 1874 einen
deutschen Zeitungskorrespondenten erschossen hatten, zugunsten
der Monarchie des bourbonischen Alfons XII. einen erbitterten
Krieg machte. Es sind die Zeiten, in denen auch das Ansehen
des deutschen Namens überhaupt im Auslande gewaltig wuchs,
in der unsere Landsleute jenseits der Grenzpfähle sich wieder
dauernd dieses Namens und der deutschen Heimat zu erinnern
begannen.
        <pb n="259" />
        610 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

Deutlich getrübt erschien diese Lage zuerst in Vorgängen des
Jahres 1875, die immer noch nicht völlig klar überschaut werden
können. In Frankreich hatte man durch die Gesetze vom 28. Juli
und vom 16. August 1872 die Armee endgültig reorganisiert
und die allgemeine Wehrpflicht eingeführt; das Heer war mit
neuen Waffen, vornehmlich einer sehr guten Artillerie, versehen
worden; an der Ostgrenze erhob sich ein wahrer Gebirgswall
von modernsten Befestigungen; ein neuer militärischer Zustand
begann sich, wenn auch keineswegs schon abgeschlossen, doch
bereits in vielen seiner Konsequenzen geltend zu machen. Zudem
waren jetzt die klerikal-monarchischen Wirren überstanden; nach
ihnen aber hatte man sich an eine ausgedehnte Verfassungs⸗
gesetzgebung gemacht und war im Februar 1875 mit ihr im
ganzen zu Ende gelangt: die heutige Verfassung der Republik
war ihr Ergebnis. So schien Frankreich mit dem Laufe des
Jahres 1875 in eine neue Periode seiner Entwicklung, und
zweifelsohne eine aufsteigende zu gelangen. Im Deutschen
Reich andererseits waren auf militärischem Gebiete alle Lücken,
die der Krieg gerissen hatte, geschlossen; in jeder Hinsicht war
man, nach Menschenmaterial wie technischer Ausrüstung, einem
großen Kriege gewachsen. Und da machte nun der Große
Generalstab, Moltke voran, geltend: einem nochmaligen Kampfe
mit Frankreich werde man schwerlich entgehen; so sei es besser,
selbst den Zeitpunkt hierfür möglichst günstig zu wählen, als
seine Wahl den Franzosen zu überlassen: also müsse man los—
schlagen. Diesen Ansichten entsprach denn der Hauptsache nach
ein Artikel in der „Post“: „Ist der Krieg in Sicht?“, der am
8. April 1875 die Welt alarmierte, und dessen Autorschaft auch
heute noch nicht feststeht.
Nun scheint sich schon im Herbst 1874 Fürst Bismarck den
Anschauungen Moltkes ziemlich genähert zu haben. Aber er hatte
beim Kaiser Widerstand gefunden: er wolle den Krieg mit Frank—
reich nicht, dazu sei er zu alt, fürchte aber, Bismarck möchte ihn
allmählich dazu drängen, hat der Kaiser um diese Zeit zum
Fürsten Chlodwig Hohenlohe geäußert. In den ersten Monaten
des Jahres 1875 aber stellten sich allerlei neue Anlässe zur Un—
        <pb n="260" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 611

zufriedenheit und zu Besorgnissen gegenüber Frankreich ein;
hor allem wurde die Armee vergrößert, und das deutsche
Auswärtige Amt stellte in dieser Hinsicht an den französischen
Botschafter in Berlin bereits eine bestimmte Anfrage. Und
schon wurde auch im Februar Herr von Radowitz nach
Petersburg gesandt: geschah es, um sich der Neutralität
Rußlands für einen künftigen Krieg gegen Frankreich zu
verfichern? Am 5. Mai erschien dann der deutsche Bot⸗
schafter Fürst Hohenlohe im Pariser Auswärtigen Amt und
unterhielt sich mit dem Minister, dem Herzog von Decazes,
über die Vermehrung des französischen Heeres, die Anlegung
eines Kriegsschatzes, den kriegerischen Ton der französischen
Presse.
Wie man auch diese einzelnen Maßregeln interpretieren
mag: sicher ist, daß der Artikel der „Post“ inzwischen einen
wahren Sturzbach von Befürchtungen in Frankreich, Rußland
und England hervorgerufen hatte; von allen Seiten lief man
herbei, den angeblich schon erglimmenden Brand zu löschen:
der Zar begab sich mit seinem Reichskanzler, dem mit Bismarck
rivalisierenden Fursten Gortschakoff, sogar persönlich nach
Berlin; die Königin Viktoria schrieb wenigstens einen persön⸗
lichen Brief an Kaiser Wilhelm, und der englische Botschafter
wurde beauftragt, die Schritte des Zaren zu unterstützen. Das
Ergebnis war nach dem Fürsten Gortschakoff, daß um den
10. Mai der Friede wieder gesichert war.
Hatte es aber so merkwürdiger Maßregeln zu dessen Sicherung
bedurft? Bismarck hat diese Frage ständig verneint; und jeden⸗
falls hatte er im Mai 1875 den Artikel der „Post“ in der
Norddeutschen Allgemeinen Zeitung“ schon längst dahin be—⸗
antworten lassen, daß „eine so sorgenvolle Ansicht von der
Gegenwart und eine fast melancholische Auffassung von der
Zukunft in unseren jetzigen internationalen Beziehungen keines⸗
wegs begründet sei.“ Und in ähnlicher Weise hatte sich am
14. April 1875 auch schon die halbamtliche „Provinzial⸗
korrespondenz“ gegen die Kriegsbesorgnisse ausgesprochen.
Die vorlaute Betonung angeblich maßgebender russischer
        <pb n="261" />
        612 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

Versuche um die Erhaltung des Friedens aber gab den deutsch—
russischen Beziehungen einen ersten Anstoß, und diesem folgten
dann immer weitere. Der Grund für sie lag bis zu einem
gewissen Grade gewiß in der Eifersucht des Fürsten Gortschakoff
auf den Fürsten Bismarck als den leitenden europäischen Diplo—
maten. Allein daneben kam doch noch mehr die langsame Ver—
schiebung der öffentlichen Meinung und der gesellschaftlichen
Anschauungen in Rußland in Betracht. Je mehr das Ruß—
land des 19. Jahrhunderts von der westeuropäischen Kultur
selbständig aufnahm, um so überflüssiger wurden die deutschen
Lehrmeister dieser Kultur, die sich, namentlich von den baltischen
Provinzen Rußlands her, fast wie eine Reihe hochgestellter und
hochbesoldeter geistiger Kolonisten über das Reich ergossen hatten.
Sie erschienen nun als Plage; man suchte sie abzustreifen, und
man begann bald gegen ihre vornehmste Heimat, die Ostsee⸗
provinzen, mit den Mitteln strenger Russifizierung vorzugehen.
Außerdem aber: je mehr man spontan zu höherer Kultur fort—
schritt, um so mehr hob sich das nationalslawische Gemein—⸗
gefühl. Und da diese Entwicklung mit dem geistigen Auf—
schwung auch anderer slawischer Völker, der Polen, Tschechen,
Slowenen, zusammenfiel, so entkeimte ihr der Gedanke des
Panslawismus. Wie aber hätte dieser, politisch gewendet,
Fühlung mit den Deutschen suchen können, den Unterdrückern
und Beherrschern so vieler slawischer Rassen? Naturgemäß
suchte er vielmehr einen Stützpunkt gegen sie, und er fand ihn in
Frankreich. Und so begann denn, politisch wie kulturell, jene
Kombination russischer und französischer Interessen empor—
zutauchen, die schon wiederholt, besonders stark schon zur Zeit
der französischen Revolution, auserwählte Geister länger be—
schäftigt hatte: nunmehr im Sinne eines zu verwirklichenden
engen nationalen Lebensbundes.
Während sich aber diese Ideen, längst gedacht, nur erst
langsam in Empfindung und Wirklichkeit umzusetzen begannen,
war Rußland im Begriff, ganz anderen, älteren Traditionen
folgend, noch einmal den alten Kreuzzug gegen die Türken zu
eröffnen.
        <pb n="262" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 613
Der Zustand der Türkei forderte zu einem solchen Vor⸗
gehen in hohem Grade auf. In den Jahren 1875 und 1876
fanden, schwerlich ohne russische Einwirkung, Aufstände in
Bulgarien und in der Herzegowina gegen die türkischen Be⸗
drücker statt, denen gegenüber die europäischen Mächte einmütig
die Partei der christlichen Unterdrückten nahmen; in Konstanti⸗
nopel kam es von Juni bis Ende August 1876 zur gewalt⸗
samen Entthronung von zwei Sultanen. So glaubte Rußland
mit Erfolg im Jahre 1877 gegen die Pforte vorgehen zu
fönnen; und um sich den Rücken zu sichern, begann es schon
weit früher Verhandlungen mit seinen westlichen Nachbarn,
dem Deutschen Reiche und Ästerreich.
Die ersten Schritte, die gegenüber Deutschland getan
wurden, gehen wohl bis auf den Juni 1876 zurück; damals
kam der Zar mit Kaiser Wilhelm in Ems zusammen. Indes
der Kaiser hielt sich gegenüber den Fragen des Zaren, da er
Bismarck nicht um sich hatte, so reserviert, daß der Zar zu
keiner Klarheit gelangte. Ähnlich erging es dem Zaren aber
auch mit Kaiser Franz Joseph, den er, nach Ems, in Reichs⸗
stadt aufsuchte. Es war augenscheinlich, daß man, zunächst in
Berlin, deutlicher reden mußte. Und so veranlaßte nunmehr,
im Herbst 1876, der Zar, gelegentlich einer Truppenbesichtigung
in Livadia, den seiner Person attachierten preußischen General
bon Werder, bei Bismarck telegraphisch anzufragen, ob Ruß⸗
land im Falle eines Krieges mit HOsterreich, wie er infolge
eines Krieges mit der Türkei nicht unmöglich wäre, wohl auf
die Neutralität des Deutschen Reiches rechnen könne?
Bismarck hatte diese oder eine ähnliche Frage lange vorausgesehen:
 nichtsdestoweniger war es ihm in hohem Grade schmerz⸗
lͤch, so vor die Wahl zwischen Osterreich und Rußland gestellt
zu werden. Indes war er im Grunde schon für Osterreich
entschieden. Und so ließ er, nach einigem Zögern, durch den
deutschen Gesandten von Schweinitz in Petersburg ausführen:
erste Pflicht Deutschlands sei, den Frieden zwischen den ersten
kontinentalen Monarchien Europas zu erhalten; sollte es aber
dennoch zu einem Waffengange zwischen Rußland und Osterreich
        <pb n="263" />
        514 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

kommen, so möchte Deutschland es wohl in voller Neutralität
ertragen, wenn Schlachten gewonnen und verloren würden,
würde aber in eine schwere Niederlage des einen oder des
anderen Freundes nicht willigen können.
Es war eine Politik der Zurückhaltung, die in Rußland,
wo man für den Fall eines Krieges natürlich auf eine Nieder⸗
lage sterreichs hoffte, immerhin im Sinne der Drohung mit
einer Intervention verstanden werden konnte. Indes war diese
Interpretation möglich, wenn man erfuhr, daß Bismarck gegen
Ende des Jahres das Angebot einer Allianz mit England, da⸗
mals dem entschiedensten Gegner Rußlands, abgelehnt habe?
Es war klar: vor allem wollte die deutsche Politik sich über—
haupt zurückhalten; und die Frage, ob das Reich im Orient
starke Interessen habe, wurde am 7. Dezember 1876 von Bis—
marck in einer berühmten Rede dahin beantwortet, diese Inter⸗
essen wären nicht die Knochen eines einzigen pommerschen
Musketiers wert.
Für Rußland bedeutete indes diese Haltung Deutschlands,
da es sich nicht sicher fühlte, die Türkei und sterreich zugleich
—DDDD
Osterreich. Sie wurde am 15. Januar 1877 unter Umständen
erreicht, die für Rußland von vornherein ziemlich drückend
waren. Gegen das Versprechen Osterreichs, neutral zu bleiben,
willigten die Russen in die Teilnahme der großen europäischen
Mächte an der Feststellung der künftigen Friedensbedingungen,
in die Feststellung der Integrität und Unabhängigkeit Rumäniens,
die Respektierung Konstantinopels und die Okkupation der
türkischen Westprovinzen durch Ästerreich.
Unter diesen Umständen, ja fast Bedingungen ging nun
—DDDDDD
der russischen öffentlichen Meinung dabei gegen die deutsche
Politik gewendet war. Noch mehr aber wurde dies der Fall,
als der Krieg nicht übermäßig glänzend verlief, trotz aller
Tapferkeit der Truppen und trotz schließlichen Vordringens bis
in die Nähe Konstantinopels, das zu, nehmen man im letzten
Moment doch Bedenken trug; und als es sich nun gegenüber
        <pb n="264" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Losung der Einheitsfrage. 615

der drohenden Haltung Englands und auch Hsterreichs tatsächlich
als notwendig herausstellte, den vorher in Aussicht genommenen
Kongreß zu berufen. Denn schon am 16. Januar 1877 hatte
England in Petersburg geltend gemacht, daß jeder künftige Ver⸗
trag zwischen Rußland und der Türkei, insofern er die Be—
stimmungen der Verträge von 1856 und 1871 berühre, der
Zustimmung der europäischen Großmächte als Teilnehmer an
diesen Verträgen bedürfen werde. Und nicht minder hatte
Hsterreich bereits früh die Notwendigkeit eines europäischen
Kongresses betont: denn es wünschte von diesem ein Mandat zum
Einrücken in die Herzegowina und Bosnien zu erhalten, ent⸗
sprechend den Januarabmachungen des Jahres 1876 mit Rußland.
Für diesen Kongreß wurde als Sitz bald Berlin bestimmt:
es war wie ein symbolischer Ausdruck für die Hegemonie über
Europa, die das Deutsche Reich in diesen Zeiten besaß. Aber
Bismarck hatte schon am 19. Februar 1878 in einer großen Rede
m Reichstage erklärt, daß er diese Hegemonie nicht im ehe⸗
maligen napoleonischen Sinne, sondern nur als „ehrlicher
Makler“ ausüben werde: noch immer suchte er für Deutschland
die Stellung einer durchaus neutralen Macht aufrechtzuerhalten
und lehnte deshalb auch das nochmals an ihn herantretende
Anerbieten einer russischen Allianz zu Schutz und Trutz, das
ihm sein Freund Schuwaloff vermittelte, zwar freundlich, aber
unmißverständlich ab.
Darüber war es Ende Mai 1878 geworden; am 18. Juni
sollte der Kongreß beginnen: so blieb Rußland nichts übrig,
als sich jetzt so gut wie möglich noch vorher mit England direkt
zu verständigen; und in der Tat kam es zwischen Schuwaloff
ind Salisbury zu einer Anzahl von Abmachungen noch vor
dem Kongresse.
Der Kongreß selbst wurde in Berlin punktlich am 183. Juni
eröffnet, wenn auch noch einige der türkischen Teilnehmer fehlten.
Schon in den ersten Sitzungen aber zeigte sich, daß vornehmlich
wegen des Schicksals Bulgariens, das der Lage des Landes
aach das dereinstige Schicksal Konstantinopels nahe berührte,
zwischen England und Rußland noch die schwersten Meinungs—
        <pb n="265" />
        616 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

verschiedenheiten bestanden; es kam so weit, daß Lord Beaconsfield,
der die englischen Interessen persönlich vertrat, mit seiner Ab—
reise drohte. Da hat dann Bismarck vermittelt: in friedlichem
Sinne: aber eben deshalb doch gegen Rußland. Neben der
bulgarischen Frage aber berührte die drei Kaisermächte des
Kongresses vor allem die Frage nach dem Schicksal der türkischen
Westprovinzen. Hier leitete nun Andrassy die Beschlußfassung
des Kongresses ein, indem er für Bosnien und die Herzegowina
die Regierung durch eine starke und unparteiische Macht forderte.
Dem stimmte Salisbury zu: eine solche Macht sei aber weder
in der Türkei noch in den slawischen Nachbarreichen zu finden:
so bleibe nur Okkupation und Verwaltung durch die habsburgische
Monarchie übrig. Und Bismarck empfahl die Annahme dieser
Lösung als eine gemeinsame Pflicht. Es war eine kurze, aus⸗
gezeichnet inszenierte Verhandlung; sie entsprach im ganzen
den Abmachungen Rußlands mit Osterreich; nichtsdestoweniger
hinterließ sie bei den Russen schmerzliche Gefühle. Und diese
Empfindungen konnten dadurch nicht gemildert werden, daß sich
während der Kongreßtage schon, wenn auch zunächst noch nicht
amtlich, Verhandlungen entspannen, die England auf den Er—⸗
werb Cyperns, Frankreich auf die Okkupation von Tunis ver—⸗
wiesen.
Mußte nun das Verhältnis Rußlands zum Deutschen
Reiche unter alledem gespannter werden, so ging andererseits
das Reich aus dem Kongreß, trotz aller amtlichen Zurückhaltung
Bismarcks, nicht ohne Gewinn und vor allem mit einer viel
klareren Direktive für die nächste und selbst fernere Zukunft seiner
auswärtigen Angelegenheiten hervor. Rußland mochte langsam
in die Zahl seiner Gegner eintreten; Österreich war durchaus
gewonnen und doch zugleich aus dem Kreise der deutschen
Dinge wiederum um einen gewaltigen Schritt weiter nach Süd⸗
osten geschoben, wie denn im Westen Frankreich auf den Weg
kolonialen Erwerbes im Mittelmeer an einer für Italien be—
sonders empfindlichen Stelle so verwiesen war, daß es, selbst wenn
es sich mit Rußland hätte verbinden wollen, einstweilen wenig
zu fürchten war; Englands Einfluß endlich war in den Haupt—
        <pb n="266" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 617

fragen des näheren Orients durch das Vordringen Osterreichs
so weit gebrochen, daß er, dem russischen die Wage haltend,
eine Teilnahme Deutschlands an der friedlichen, namentlich
kommerziellen Entwicklung der Türkei nicht ausschloß.
Und ließ man dann den Blick über die Grenzen des Reiches
hinaus so schweifen, daß sich die Beurteilung der Lage auf den all⸗
gemeineren Standpunkt der mitteleuropäischen Geschicke verschob,
so begannen schon langsam die Umrisse eines Bündnisses der
großen drei mitteleuropäischen Mächte hervorzutreten: den
Bildungskern hierfür gab das Verhältnis des Deutschen Reiches
zu Österreich-Ungarn ab; Italien mußte sich diesem Kerne in dem
Augenblick anschließen, da es bekannt wurde, daß seiner
Isoliertheit infolge französischen Vorgehens der Verlust aller
vermeintlichen Anwartschaft auf Tunis drohe.
Im einzelnen erhielt die Entwicklung der nächsten Zukunft,
wie zu erwarten war, ihren Anstoß von Rußland her. Übersah
man hier wohl auch die Lage noch nicht als Ganzes und in
allen ihren Konsequenzen, so schmerzte doch schon die Be—
trachtung des Nächsten zur Genüge: wie Rußland durch den
—R teilweise erreicht hatte,
so sah es sich durch den Kongreß nun auch namentlich von den
westlichen Slawen wenigstens teilweise abgedrängt. Die Er⸗
bitterung hierüber kam zunächst in einer heftigen Preßfehde
gegen die deutsche Politik zum Ausdruck, während man schon
die Wiederherstellung der Armee zu beeilen begann und, ein
Zeichen der Beurteilung der Lage auch an höchster Stelle, der
Graf Schuwaloff, der Leiter der russischen Politik auf dem
Berliner Kongresse, in Ungnade fiel.
Schwieriger wurde dann diese Lage auch schon im einzelnen
durch die Entwicklung, die inzwischen Frankreich genommen
hatte. Unsere Erzählung hat die französische Geschichte in
einem Augenblick verlassen, da sich das Land stärker zu kon⸗
solidieren schien, Anfang des Jahres 1875: damals wurde, wie
wir wissen, die Verfassung abgeschlossen und das Heer erhielt
neue Cadres: froher sah man in die Zukunft. Noch günstiger,
zugleich aber auch für Deutschland einstweilen ansprechender wurde
Lamprecht, Deutsche Geschichte. XI, 2. 10
        <pb n="267" />
        818 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

die Konstellation, als die ersten Wahlen unter der neuen Ver—
fassung Anfang 1876 für beide Kammern eine republikanische
Mehrheit ergaben, die vor allem gegen den Klerikalismus an—
zugehen drohte. Damit war Frankreich und Deutschland, das
damals noch im Kulturkampfe stand, in gleiche Angriffslinie
gegen das Papsttum gesetzt; zudem war für Frankreich, solange
der durch und durch klerikale Mac Mahon Präjident blieb,
eine Ära innerer Zwiste eröffnet, die es nach außen kaum
aktionsfähig beließen. Diese für Deutschland günstige Situation
hatte sich dann zunächst bis zum November 1877 erhalten, ja
schließlich so weit zugespitzt, daß man am 18. und 14. Dezember
1877 unmittelbar vor einem Staatsstreich der klerikalen Re—
gierung stand, der am Ende nur durch die Gewissensbedenken
Mac Mahons vermieden wurde. Natürlich aber war durch
diese Politik hochverräterischen Wollens, zugleich aber mangelnden
Vollbringens die Person Mac Mahons nunmehr so kompro⸗
mittiert, daß er am 830. Januar 1878 seine Entlassung ein—
reichen mußte: worauf in Greévy noch am gleichen Tage ein
echter Republikaner gewählt wurde. Damit erschien denn die
Republik in Frankreich befestigt und eine gedeihliche und wider—
spruchslose Entwicklung der endlich zum vollen Siege gelangten
positiven Entwicklungsfaktoren im französischen Leben gewähr⸗
leistet.

Es war genau in der Zeit, da sich der russische Groll
gegen das Deutsche Reich und auch Österreich in verstärktem
Grade wandte: und schon begannen die ersten Fäden künftiger
engerer Verbindung zwischen Petersburg und Paris hin und
her zu schießen.
Verstärkt wurde diese Wendung der Dinge durch ein
scheinbar innerdeutsches Ereignis. Am 12. Juni 1878 starb
zu Paris König Georg V. von Hannover; und sein Sohn
Ernst August zeigte darauf dem Kaiser an, daß er alle seine
Ansprüche auf Hannover aufrechterhalte, einstweilen aber, für
die Dauer der seinem Rechte entgegenstehenden Hindernisse, den
Titel eines Herzogs von Cumberland annehmen werde. Es
war die offene Feindschaftserklärung an das Reich. Nun ver—⸗
        <pb n="268" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 619

mählte sich aber der Herzog von Cumberland am 21. Dezember
1878 mit der Prinzessin Thyra von Dänemark: deutlich traten
die Umrisse einer möglichen welfisch-dänischen Konspiration
gegen das Reich zutage. Doch hatte das Reich schon einen
Gegenschlag vorbereitet; am 11. Oktober 1878 war der Artikel V
des Prager Friedens, der die Abstimmung der Bevölkerung der
nördlichen Distrikte Schleswigs über ihre Zugehörigkeit zu
Deutschland oder Dänemark vorbehielt, durch Einverständnis
der beiden Kontrahenten, des Kaisers von sterreich und des
Königs von Preußen, aufgehoben worden. Es war ein Schritt,
der am 4. Februar 1879 im Reichsanzeiger bekanntgemacht
wurde, und der Dänemark ebenso traf, wie er das gute Ver—⸗
hältnis zwischen dem Deutschen Reiche und Österreich-Ungarn
beleuchtete.
Nun stand aber Dänemark im engsten Verhältnis zu Ruß⸗
land, denn eine sehr unternehmende Schwester der Prinzessin
Thyra war die Gemahlin des russischen Thronfolgers Alexander.
Swurde denn der deutsche Schlag gegen Dänen und Welfen
auch in Rußland herb empfunden, wie denn auch die nach dem
Tode des Herzogs Wilhelm von Braunschweig — er starb am
I8. Oktober 1884 — erfolgende Regelung der Braunschweiger
Thronfolgefrage im Sinne einer Regentschaft unter dem Prinzen
Albrecht von Preußen später den Gegensatz zwischen dem Ber—
liner und dem Petersburger Hofe beträchtlich verstärkt hat.
Akut aber wurden alle diese Anstöße zwischen österreich
und Rußland doch erst gelegentlich der Ausführung der Be⸗
ftimmungen des Berliner Kongresses. Als die Russen zu sehen
glaubten, daß in einer von den Großmächten und den beteiligten
Staaten beschickten Kommission zur genaueren Feststellung der
Grenzen in Novibazar die deutschen Bevollmächtigten den
russischen Vorteil weniger wahrnahmen, wandte sich, während
Bismarck in Gastein die Kur gebrauchte, Kaiser Alexander in
einem dringlichen Schreiben persönlich an Kaiser Wilhelm mit
der Forderung, die deutschen Bevollmächtigten anzuweisen, daß
iie den russischen unter allen Umständen beizustehen hätten;
und diese dringliche Aufforderung steigerte sich in einigen Aus⸗
40*
        <pb n="269" />
        620 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

drücken des Briefes fast bis zur vollen Androhung eines Krieges.
Kaiser Wilhelm ließ darauf nach dem Rate Bismarcks die persön—
liche Korrespondenz mit den Zaren ruhen zugunsten amtlicher
Auseinandersetzung; zugleich aber sandte er aus eigener Initiative,
doch unter Mitteilung an Bismarck, den ihm besonders ver—
trauten General von Manteuffel zur Beruhigung nach Alexan—
drowo zum Zaren; ja scheute selbst trotz hohen Alters den
Weg dorthin nicht, um die Gegensätze in persönlicher Aus—
sprache zu beseitigen. Indes gelang das anscheinend nur hin—
sichtlich des persönlichen Verhältnisses der beiden Herrscher.
Fürst Bismarck aber handelte inzwischen. Er sah, daß
jetzt endgültig zwischen der politischen Freundschaft Rußlands
und Osterreichs zu wählen war. Und die Besorgnis, daß ein
russisch-französisches Bündnis schon abgeschlossen sei oder
wenigstens schwerlich mehr zu vermeiden sein würde, wies ihn
jetzt erst recht und noch einmal ausdrücklich auf die Freund—
schaft Österreichs, das seinerseits namentlich auch mit Rücksicht
auf Italien einer starken Stütze durchaus bedurfte. Am 21.
bis 24. August 1879 verhandelten Bismarck uud Andrassy zu
Gastein die Bedingungen eines deutsch-österreichischen Bünd—
nisses, das dann am 7. Oktober 1879 ratifiziert wurde, nach—
dem Kaiser Franz Joseph leicht, schweren Herzens dagegen
und unter schmerzlichem Aufgeben mancher Jugendideale und
Jugenderinnerungen wie einer langwährenden russenfreundlichen
Tradition seines Hauses, Kaiser Wilhelm seine Zustimmung
gegeben hatte. Das Bündnis ist am 3. Februar 1888 durch
den Reichsanzeiger publiziert worden. Es ist ein Defensiv—
vertrag, wie er der politischen Lage des Jahres 1879 ent—
sprach. Der erste Artikel bestimmt, daß beide vertragschließenden
Teile verpflichtet sind, mit der gesamten Heeresmacht ihrer
Reiche einander beizustehen und demgemäß den Frieden nur
gemeinsam und übereinstimmend zu schließen, falls wider Ver—⸗
—
trahenten eins der beiden Reiche von seiten Rußlands angegriffen
werden sollte. Der zweite Artikel setzt fest: Würde einer der
Vertragschließenden von einer anderen Macht angegriffen werden,
        <pb n="270" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 621

so verpflichtet sich hiermit der andere Hohe Kontrahent, dem
Angreifer gegen seinen Verbündeten nicht nur nicht beizustehen,
sondern mindestens eine wohlwollende neutrale Haltung gegen
den Hohen Mitkontrahenten zu beobachten. Wenn jedoch in
solchem Falle die angreifende Macht von seiten Rußlands, sei
s in Form aktiver Mitwirkung, sei es durch militärische
Maßnahmen, welche den Angegriffenen bedrohen, unterstützt
werden sollte, so tritt die in Artitel J dieses Vertrages fest⸗
gesetzte Verpflichtung des gegenseitigen Beistandes mit voller
Heeresmacht auch in diesem Falle sofort in Kraft, und die
Kriegführung der beiden Hohen Kontrahenten wird auch dann
eine gemeinsame bis zum gemeinsamen Friedensschluß.
Wie man sieht, richtet sich der Vertrag in erster Linie
gegen Rußland, erst in zweiter gegen Frankreich: denn schon
nach der geographischen Lage des Deutschen Reiches und Oster⸗
reichs kommt nur Frankreich im Grunde als die in Artikel II
genannte dritte Macht in Betracht; höchstens an Italien könnte
daneben auch noch gedacht werden. Dieser Charakter des Ver⸗
trages entspricht nun genau der Lage des Jahres 18709. Oster⸗
reich war es an erster Stelle, das seit 1876 den Angriff
Rußlands zu fürchten hatte, daneben erst seit 1879 auch das
Deutsche Reich. Frankreich spielte um diese Zeit in den Be⸗
fürchtungen der Zentralmächte erst die zweite Rolle. Indem
ber der Vertrag den unruhigen Wünschen im Westen wie im
Osten Europas Halt gebot, war er recht eigentlich ein europäischer
Friedensvertrag. Noch mehr gewann er diese Bedeutung dann
durch den Beitritt Italiens.
Italien war seit 1878, vornehmlich durch den Sieg der
klerikalen Interessen in Frankreich, auf die Seite des Deutschen
Reiches gedrängt worden. Diese Haltung hatte dann im Jahre
1875, zur Zeit des französischen Aufschwunges nach der Ab⸗
lehnung der Krone durch den Grafen von Chambord, eine
Unterbrechung erfahren. Damals scheint, im Zusammenhang
mit den französischen Hoffnungen gegen Deutschland, Graf Beust,
der österreichische Botschafter in Paris, den Absichten seines Chefs
Andrassy entgegen für eine katholische französisch-italienisch⸗
        <pb n="271" />
        322 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

österreichische Liga gewirkt zu haben. Indes dieser Plan war
dorübergehender Art; ganz beseitigt war er, als Kaiser Wilhelm
im Oktober 1875 dem Könige von Italien seinen Besuch zu
Mailand abstattete. In der Tat blieben für Italien die klerikal—
feudalen Schwierigkeiten bis zum Weggang Mac Mahons be—
tehen. Dann aber traten an deren Stelle, mit der Erstarkung
der französischen Republik, andere Gründe der Befürchtung.
Weithin reichten in Italien die französisch-republikanischen Ver—
bindungen; namentlich in Oberitalien, in Mailand, wurden sie
zepflegt; die Monarchie hatte vor ihnen auf der Hut zu sein.
Und gleichzeitig ergingen sich die Franzosen, nun kräftiger
werdend und doch nicht stark genug zum Angriff gegen Deutsch—
land, in weiteren Übergriffen im Bereiche der Mittelmeerküsten.
Von diesen beiden Gefahren wuchs vor allem die zweite
um etwa 1880 beträchtlich. Es war die Zeit, da Frankreich
sich von den Schlägen des großen Krieges sichtlich, vor allem
auch in dem Bewußtsein seiner Kraft, zu erholen begann, da
sein erster großer Staatsmann nach dem Kriege, Jules Ferry,
jene weitausholende Kolonialpolitik einleitete, der Frankreich
die beiden gewaltigen Kolonialreiche in Ostasien und in Nord⸗
afrika verdankt, die heute seinen jüngsten Ruhm ausmachen.
In diesem Zusammenhang wurde nun für Italien vor allem
die französische Okkupation von Tunis wichtig. Schon auf
dem Berliner Kongreß war von ihr die Rede gewesen und
hatte Bismarck zu ihr ermutigt, da ihr nächstes Ergebnis
weifelsohne der mitteleuropäischen Konsolidation zugute kommen
mußte; später, 1880, hat er dann auch auf die Annexion von
Marokko durch Frankreich gehofft. Das Jahr 1881 aber brachte
dann wirklich die Okkupation wenigstens von Tunis.
Es war ein Ereignis, das in Italien noch dazu mit der Wucht
des Unerwarteten wirkte: die italienischen Staatsmänner, nur zu
häufig mit tausend wechselnden Plänen des Anschlusses und
des Erwerbes beschäftigt, hatten das stille diplomatische Vor—
rücken Frankreichs auf ein bestimmtes Ziel hin kaum beachtet.
Um so mehr suchte man in Italien nun Anschluß an den
großen Zweibund des Nordens. Schon im August 1879 hatte
        <pb n="272" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen xösung der Einheitsfrage. 6238
Cairoli einmal bei Bismarck in Gastein angeklopft; damals
ohne Erfolg. Erneute Sondierungen des italienischen Bot⸗
schafters in Berlin wie in Wien gegen Ende 1881 hatten besseren
Erfolg. Am 20. Mai 1882 trat Italien, zunächst auf fünf
Jahre, dem Zweibunde bei. Der Vertragstert ist noch nicht
hekanntgegeben; doch besteht kein Zweifel darüber, daß er sich
dem Inhalt des deutsch-österreichischen Vertrages aufs engste
anschloß; und der rein defensive Charakter des Inhaltes ist
hon italienischen Staatsmännern mehr als einmal betont worden.
Seitdem besteht der mitteleuropäische Dreibund; gegen⸗
gewogen durch das später erst besonders herzlich werdende Ver⸗
hältnis Rußlands und Frankreichs und wiederholt von neuem
eingegangen hat er der europäischen Welt schon auf mehr als
ein Vierleljahrhundert den Frieden gesichert.
Will man indes diese Wirkung und insbesondere die lange
Dauer recht verstehen, so wird es nötig sein, aus der sonst
bewahrten Reserve unserer Erzählung einmal heraus- und in
die politische Betrachtung einzutreten: und dieser Wechsel des
Standpunktes mag hier um so eher erlaubt sein, als sich unsere
Erzählung nunmehr an dem Punkte befindet, wo sie die Dar—
stellung der politischen Ereignisse in ihrer äußersten Annäherung
in die unmittelbaren Interessen der Gegenwart erreicht hat
und daher abbricht.
Die Frage kann wohl aufgeworfen werden, ob in dem
Zwange, gegen Ausgang der siebziger Jahre zwischen der
russischen und der österreichischen Freundschaft wählen zu
müssen, Bismarck richtig gehandelt habe, als er sich schließlich
zur habsburgischen Monarchie bekannte. Das Problem, das
hier auch heute noch für die politische Betrachtung vorliegt,
hat in dem historischen Momente seiner Lösung in seiner außer—
ordentlichen Schwierigkeit unter anderem auch darin seinen Aus⸗
druck gefunden, daß von den beiden damals zu voller Urteils—
fähigkeit erwachsenen Generationen der Hohenzollern die eine
für, die andere gegen die Lösung zugunsten Osterreichs eintrat:
während der Kaiser durchaus für Rußland war, erwärmte sich
der Kronprinz, der spätere Kaiser Friedrich, in dem Grade für
        <pb n="273" />
        624 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

Osterreich, daß nicht zum geringsten eben ihm die in diesem
Falle schwer zu erreichende schließliche Willensänderung des
Kaisers verdankt wurde. Und läßt sich nicht auch heute noch
Bismarcks Entscheid als ein politischer Fehler ansehen? Es
ist die Betrachtung, zu der z. B. die Franzosen, von ihrer ge⸗
schichtlichen Einschätzung des französisch-russischen Bündnisses
her, geneigt sind.
Der Historiker wird bei einer Meinungsäußerung von seiner
Seite aus schwerlich einzelne Vorteile für das Für und Gegen
der einen oder der anderen Lösung einführen. Er wird viel⸗
mehr das nun einmal Gewordene mit der Vergangenheit zu
verknüpfen suchen und befriedigt sein, wenn eine solche Ver—
knüpfung im Sinne einer organischen Verschweißung, einer
Fortsetzung mithin großer Entwicklunastendenzen der Vergangen⸗
heit, gelingt.
Die politische Geschichte Europas seit dem Aufkommen der
großen Staaten der romanisch-germanischen Völkergruppe kann
nach dem Hervortreten und dem jeweiligen politischen Über—⸗
—D— —
periodisiert werden. Geht man auf diesen Gesichtspunkt ein,
so würde man sagen, daß eine früheste Periode der politischen
Geschichte der heutigen europäischen Völkerfamilie durch die
Hegemonie des Westens gebildet wurde; vollendet prägte sie
sich aus in dem Reiche Karls des Großen. Dem folgte dann,
während des Mittelalters, die politische Führung vielmehr durch
das europäische Zentrum südlich und nördlich der Alpen: das
Deutsche Reich, später Heilige Römische Reich Deutscher Nation
entstand mit seinen italienischen und provenzalisch-burgundischen
Grenzen und mit seiner Ausdehnung bis nach Ungarn und bis
zu den Sudeten; Frankreich und England traten an zweite
Stelle, und es konnte die Rede davon sein, sie in ein Lehns—
verhältnis zum Zentralreich zu zwingen. Allein die betrüb—
lichsten Seiten der deutschen politischen Geschichte erzählen
davon, wie nun auch diese Kombination wiederum verging.
Versuche seiner föderalistischen Umbildung und dadurch inneren
Neubelebung im 15. Jahrhundert, seiner Verbindung mit der
        <pb n="274" />
        Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 625

sich rasch zu führender Stellung im Westen entwickelnden
spanischen Herrschaft und dadurch äußerer Machterweiterung im
16. Jahrhundert mißlangen: und das 17. Jahrhundert brachte
den vollen Ruin auf den Schlachtfeldern des Dreißigjährigen
Krieges. Was aber diesmal an die Stelle trat, war zunächst
wiederum eine Herrschaft des Westens: Spaniens, nachmals
Frankreichs, unter Berücksichtigung der europäischen Expansion
a die Gebiete der neuentdeckten oder zugänglich gemachten
Welten auch der Niederlande und Englands. Daneben aber
vderwickelte und vervollständigte sich in dieser dritten Periode
das Bild der politischen Entwicklung durch den volleren Ein⸗
tritt der östlichen europäischen Welt. Schon im Niedergange
des Deutschen Reiches im 14. und 15. Jahrhundert wurde es
fühlbar, daß Litauen, Polen, Ungarn wie auch Böhmen da⸗
mals Schauplätze kräftiger Reichsbildungen waren; sie alle über⸗
ragte dann seit dem 17. Jahrhundert beginnend und zweifellos
dominierend seit dem 18. Jahrhundert Rußland. Dabei stellten
sich Verbindungen des herrschenden Westens und des auf—⸗
vmnmenden Ostens her, wie sie namentlich den französisch⸗
türkischen und den französisch-russischen, dazwischen auch vor⸗
übergehend den franzosisch-schwedischen Beziehungen ein be⸗
sonderes Relief gaben: Beziehungen, die das Europa der Mitte,
das Deutsche Reich, fast schon neben ihm selbständig Hsterreich
ind an dritter Stelle Italien immer mehr in den politischen
Hintergrund drängten; Beziehungen, als deren charakteristischer
Abschluß der Siebenjährige Krieg und die napoleonischen Zeiten
noch in frischer Erinnerung sind.
Demgegenüber bezeichnen nun die europäischen politischen
Ereignisse des 19. Jahrhunderts den Anfang einer neuen, vierten
Periode. Von neuem beginnt sich das Zentrum des Erdteils
politisch zu heben. Und es sind die tiefsten Entwicklungs⸗
endenzen der Zeit, die dieser Hebung zugrunde liegen: das
neue Wirtschaftsleben der Unternehmung mit seinen sozial⸗
geschichtlichen Konsequenzen und dem Bedürfnis nach geo—
graphisch größeren Staatsgebilden, der vordringende Sub⸗
Aktipismus mit dem politischen Exponent der Einheitsidee, der
        <pb n="275" />
        32368 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

Imperalismus schließlich, das autoritäre Korrelat der demo—
kratischen Einheitsbestrebungen. Und man weiß, wie all diese
gewaltigen Kräfte gerade in Mitteleuropa gewirkt haben: in
vollster Harmonie ihrer möglichen Kombinationen innerhalb der
Brenzen des heutigen Deutschen Reiches, das dadurch die
führende Stelle unter den zentraleuropäischen Staaten erlangte,
mit stärkerer Betonung vornehmlich der Einheitsidee und darum
oerhältnismäßig früh in Italien, das seine wirtschaftliche Ent—
wicklung erst neuerdings sozusagen nachholt; unter Einwirken
vornehmlich des Imperialismus, und damit der am spätesten
mobil werdenden Kraft, in dem national so vielgestalteten und
zerrissenen Osterreich. Indem nun aber diese tiefen Kräfte zu
wirken begannen und in der Einheit Italiens und des Deutschen
Reiches wie in der Kräftigung der dynastischen Gefühle in
Hsterreich politisch zutage drangen, lag und liegt es fast in
der Natur der Dinge, daß diese drei Reiche sich zu Schutz
und Trutz zusammenschließen. Denn wie hätten sie sonst Aus—
sicht gehabt, den neuen Aufschwung der geschichtlichen Kräfte
des europäischen Zentrums gegen Angriffe jener großen Staaten
des Ostens und namentlich des Westens aufrechtzuerhalten und
zu bergen, die in dem Fortgange der zentralen Bewegung not—
wendig die Gefährdung ihrer eigenen und namentlich der west—
lichen herrschenden Stellung fürchten mußten?
Zwingend fast ergab sich aus dieser Lage für den führenden
Staat der zentralen Gruppe, für das Deutsche Reich, ein
Bündnis mit Österreich, und zwingend fast für Italien der
Anschluß an diese Gruppe. Und vollends bewiesen und zu—
gleich zum Abschluß gebracht wurde die neue Konstellation der
europäischen politischen Gewalten durch den lange Zeit nur
latenten, neuerdings aber immer klarer ans Licht drängenden
Gegensatz auch Englands zu den zentralen Mächten, zunächst
ind vor allem zu Deutschland.
Nach den heutigen Möglichkeiten der Beurteilung der
politischen Ereignisse im Verlaufe der letzten Generationen hat
es den Anschein, als ob mit der Darstellung der soeben er⸗
zählten Zusammenhänge eine volle Erklärung — und damit auch
        <pb n="276" />
        Zweite Stufe der kleindentschen Lösung der Einheitsfrage. 627

genügende politische Begrundung — der Entstehung des Drei⸗
bundes gegeben sei. Stimmt man dem aber bei, so würde
man zugleich festzustellen verpflichtet sein, daß die großen poli⸗
tischen Evolutionen, die zur Gründung des Dreibundes geführt
haben, letztlich auf die Lebenskräfte der ersten gewaltigen Periode
bes europäischen und darunter auch des deutschen Subiektivismus
zurückzuführen sind.
Wie man aber auch hier seinen Standpunkt nehmen und
sein Urteil stellen möge: soviel ist klar, daß der Dreibund ein
gewaltiges Aufsteigen der zentraleuropäischen politischen Kräfte
hedeutete; denn schon haben diese Kräfte sich bis zur Gegen—
wart aufs augenscheinlichste ausgewirkt. Die gleichsam vulkanische
Erhebung im Zentrum hat die politischen Aspirationen Ruß⸗
sands weit nach Osten, die Frankreichs nach dem Mittelmeer
ind darüber hinaus in die ozeanischen Welten abgedrängt und
damit nicht zum wenigsten dazu beigetragen, die europäische
Politik zur Weltpolitik zu erweitern.
        <pb n="277" />
        Fünftes Kapitel.

Arsprung, Verlauf und Ausgang des Kultur—
kampfs.

Die Entstehung des Dreibundes und die Durchbildung der
inneren Politik des Reiches, so wie sie im vorigen Kapitel
erzählt worden sind, bezeichnen die äußerste Grenze der besonders
starken Einwirkungen, die von der inneren materiellen und
geistigen Entwicklung der ersten Periode des Subjektivismus
auf das öffentliche Wesen ausgegangen sind. Indes würde man
rren, wenn man damit die Summe der überhaupt erfolgten Ein—
wirkungen für erschöpft hielte. Mehr als einmal ist betont
worden!, aus welchen besonderen Gründen auch in der ersten
Periode des deutschen Subjektivismus noch die Kirchen, und ins⸗
besondere die katholische Kirche, als in manchem Betracht fast eben⸗
bürtige öffentliche Bildungen neben dem Staate gezählt werden
mußten. Es war eine Erscheinung, die uns heute schon ziem—
lich historisch anmutet, da sich der Gegenwart auch in Deutsch⸗
land die konsequent subjektivistische Lösung des Verhältnisses
von Kirche und Staat, „freie Kirche im freien Staate“, immer
stärker, wenn auch zunächst noch mehr in der Formel „Trennung
von Staat und Kirche“ aufdrängt, die aber, eben ganz gegen
Schluß der ersten subjektivistischen Periode und fast noch darüber
hinaus, noch einmal ganz besonders drastisch im sogenannten

S. Bd. R, 486 ff. und oben S. 3 ff.
        <pb n="278" />
        Ursprung, Verlauf und Ausgang des Kulturkampfs. 629

Kulturkampfe hervortrat. Und so bildet denn eben seine Ge⸗
schichte wie das Korrelat zu der eigentlichen politischen Ent⸗
wicklung der sechziger bis achtziger Jahre so den letzten Ab⸗
schluß einer Geschichte der ersten subiektivistischen Periode
deutscher Entwicklung.
Die Schicksale der katholischen Kirche hat unsere Erzählung
jfrüher bis zur Mitte der vierziger, die der evangelischen Kirchen,
insbesondere des preußischen Protestantismus, bis in die sech⸗
ziger Jahre hinein verfolgt!. Dabei konnten die Mitteilungen
uͤber die Geschichte des kirchlichen Protestantismus kürzer sein.
Denn selbst da, wo er, wie in dem Preußen der fünfziger
Jahre, unbestritten von Bedeutung war, ja in gewissen Rich⸗
tungen den Staat zu beherrschen schien, war er doch im Grunde
nur Werkzeug politischer Aspirationen. Oder sollte man wirk⸗
lich glauben, die fromme Haltung der preußischen Bureaukratie
in dieser Zeit sei im Tiefsten Einzelleben und nicht vielmehr
ein, von den einzelnen Personen gewiß oft sehr ehrlich gemeinter
Ausdruck konservativer Gesinnung oder auch gar nur konserva⸗
liver Regierungskunst gewesen?
Gewiß ist auch diese Entwicklung nicht ohne Gewinn ge⸗
hlieben; der religiöse, historische, staatliche Sinn mag bei den
Theologen und in engeren kirchlichen Kreisen vertieft worden
sein. Daß sie aber darüber hinaus und in die weitere
Zukunft hinein wesentlich gewirkt habe, läßt sich schwerlich be—
haupten. Man erwartete alles Heil von der Wiederbelebung
ines dem allgemein subjektivistischen Zeitbewußtsein nicht mehr
zugänglichen Bekenntnisses. Man vernachlässigte das Gemeinde⸗
leben. Während die Nation auch an Zahl ihrer Seelen mächtig
zu wachsen begann, wurde man nicht einmal den äußerlichsten
neuen, damit auftauchenden Bedürfnissen gerecht, da man die
Vermehrung der Kirchen, der Geistlichen, der Gemeinden unter⸗
ließ. Wie hätte man da an der inneren Umformung der
Geister teilnehmen sollen? Nichts ist bezeichnender, als daß
die Fühlung mit dem mächtig empordrängenden untersten

GS. oben S. 180ff.
        <pb n="279" />
        330 Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Lapitel.

Stande des Wirtschaftslebens der Unternehmung, den Arbeitern,
so gut wie ganz verloren, wenn überhaupt irgendwie ein—
gegangen wurde: so daß dessen politische Vertretung, die
Sozialdemokratie, alsbald in den selbstverständlichsten Gegensatz
zur evangelischen Kirche geriet.
Es war das Ergebnis dieser Entwicklung, daß Konservativ
und Orthodor, ja für viele selbst Protestantisch und Konservativ
fast identische Begriffe wurden; das Einverständnis mit den
ausgesprochen vorwärts drängenden und somit spezifisch im
Sinne der Entwicklung schöpferischen Elementen der Nation
wurde nicht hergestellt.
Gänzlich anders hatte sich demgegenüber schon bis in die
siebziger Jahre hinein die katholische Kirche entwickelt, indem
sie von der liberalen Bewegung zu einer Entfaltung in demo—
fratischer Richtung Gebrauch gemacht hatte.
Gewiß war der Liberalismus zunächst politischer Aus—
druck des Subjektivismus, also jener Selbständigkeit der
Persönlichkeit in jeglicher, geistiger und sittlicher Hinsicht, die
seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts als Ergebnis
tiefsten und weitgehendsten Fortschrittes zutage getreten war.
Ließ sich da aber aus ihm, wenn er als allgemeines Lebens—
drinzip gefaßt wurde, nicht auch die freieste Bewegung der
unteren Klassen ableiten? Und war eine solche Ableitung
aicht historische Notwendigkeit für eine Zeit, in der Politik
noch keineswegs nach Interessen, sondern nach Grundsätzen ge⸗
trieben wurde?
In diesen Zusammenhang ging die Entwicklung des
Katholizismus bei den höchstkultivierten Völkern Europas und
somit auch in Deutschland ein: ja hat sich ihn gründlichst zu—
autze gemacht. Verfügte die katholische Kirche als die eminent
historische Kirchenform des Christentums nicht eben über den
Geist der Massen, jener untersten Kreise, die noch in dem
Seelenleben des Mittelalters und damit in dem mehr oder
minder festen Glauben an die Sicherheit des von ihr gelehrten
Heilsweges verharrten? Und konnten nun nicht eben vermöge
des liberalen Prinzipes jene Massen von der Kirche mobilisiert
        <pb n="280" />
        Ursprung. Verlauf und Ausgang des Rulturkampfs. 631
urjprung unp—

werden? War ihre Lebensanschauung nicht auch eine, die
neben anderen Anschauungen jetzt als gleichberechtigt zu gelten
hatte? Freilich: ging die Kirche dieses Weges, so bedeutete
dies über kurz oder lang ihre fortschreitende Demokratisierung.
Aber war sie nicht ruhig mit in den Kauf zu nehmen? Konnten
doch daneben die alten aristokratischen Tendenzen des Klerus
und der höchsten führenden Laienkreise, wie es schien, sehr wohl
bestehen bleiben.
Eine solche Wendung lag auch, soweit der Begriff der
Demokratie politisch gefaßt wurde, keineswegs außerhalb der
Traditionen der Kirche. Denn nie hat der Katholizismus sich
einer bestimmten aristokratischen oder gar monarchischen
Regierungsform allein verschrieben; und gerade sein modernes
System wird einer politischen Demokratie mindestens ebenso
gerecht wie anderen Staatsformen. In diesem Sinne hat schon
Zellarmin eine förmliche Theorie vorgetragen: habe Gott dem
Papste die volle Gewalt auf Erden verliehen, so werde als
deren Inhaber, falls sie der Papst nicht haben sollte, am
ehesten noch die Gesamtheit aller und das heißt das Volk zu
denken sein.
Sozial aber war die Kirche in den Anfangszeiten ihrer
modernen Entwicklung der führenden Klassen zunächst noch
ebenso mächtig wie des noch millelalterlich gläubigen Volkes:
dafür sorgte das Fortleben der Romantik.
Aus dieser merkwürdigen Konstellation der aristokratischen
Romantik und des kirchlichen Massendemokratismus haben sich
aun zuerst in Frankreich die Lebensprinzipien des modernen
Klerikalismus entwickelt. Die Anfänge liegen dabei schon vor
der Julirevolution, und schöpferisch treten vor dieser bereits
Lamennais, Lamartine, Viktor Hugo hervor. Voll aber und
ohne den Zwang offiziellen Kirchentums entfaltete sich diese
Richtung doch erst nach 1830 und wurde nun in der Ver⸗
knüpfung eines falschen Liberalismus mit ostentativer Devotion
geradezu Modesache. In diesem Augenblicke spätestens fragte
es sich damit, was Rom und was der Jesuitismus zu dieser
eigenartigen Verbindung von kirchlichen und demokratischen An—
        <pb n="281" />
        632 Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

schauungen sagen würde, die sich immer mehr als tiefstes
Charakteristikum der neuen Strömung herausstellte.
Es war eine ähnliche Frage, wenn auch bei einem ganz
anderen Inhalte, wie sie Rom gegenüber schon einmal aus dem
Lande der ältesten Tochter der Kirche im 10. Jahrhundert, in
den Zeiten der Reform Clunys, gestellt worden war: ob man
geneigt sei, dem katholischen, von der Kurie gegängelten Christen—
tum einen neuen, nicht auf italienischem Boden erwachsenen
Kirchendienst und Frömmigkeitsgehalt einzuverleiben.
Rom verstand diese jüngste, die für das 19. Jahrhundert
bald klassische Mischung zunächst nicht; Gregor XVI. wies
1832 Lamennais ab und verdammte die Lehren der Haupt—
zeitung der neuen Richtung, des L'Avenir, über bürgerliche
Preß⸗ und Gewissensfreiheit. Aber darum wurde der Kleri—
kalismus von Rom doch nicht völlig aufgegeben. Man wußte
im Laufe der dreißiger Jahre die demokratische Seite der Be—
wegung mehr zu unterdrücken, insofern sie auf eine Theorie
hinausging, die der gesamten Kirche einen demokratischen Geist
gegeben hätte. Aber man ließ um so mehr eine gleichsam
extrem demokratische Theorie zu, nach der die Kirche alle die
Freiheiten zu genießen habe, die dem Programme des Libera—
lismus, den „Lehren des Zeitalters“ entnommen werden könnten.
Es kam heraus, was man nun etwa praktischen Klerikalismus
nennen konnte: eine Lehre, wie der Liberalismus zur Ent—
wicklung einer katholischen Demokratie zu benutzen sei; Führer
zu ihr und Verbreiter ihrer Ratschläge waren der Dominikaner⸗
pater Lacordaire, Graf Montalembert, der Abbé Dupanloup,
nachmals Bischof von Orleans, und der 1838 bekehrte Louis
Veuillot, später Herausgeber des „Univers“.
Die Bewegung in dieser Form aber blieb nun nicht
wirkungslose geistige Mode; sie gewann vielmehr den Hof und
die Gesetzgebung. Zunächst kehrten die Jesuiten nach Frankreich
zurück; schon 1848 hatten sie dreiundvierzig Anstalten in der
Hand, während die Stärke der sonstigen Orden so zunahm,
daß sich die Zahl der Männerklöster während der Juliregierung
verdoppelte, die der Nonnenklöster verdreifachte. Weiter hat
        <pb n="282" />
        Ursprung, Verlauf und Ausgang des Kulturkampfs. 63:33

man dann auch den Unterricht in die Hand zu erhalten ge⸗
sucht; früh gelang das für die Volksschule, 1850 für die
Lyzeen, 1873 für die Universitäten: das Prinzip der sogenannten
„freien Schule“ wurde durchgesetzt. Dabei verstand sich, unter
den engen Beziehungen der französischen Kultur zur belgischen
um diese Zeit, daß die Bewegung alsbald auch nach Belgien
hinüberschlug, wenn sie nicht gar vielfach von diesem ausging,
ja da die belgische Charte von 1881 besonders starke „Freiheiten“
gegeben hatte, und da die sich rasch entwickelnde Industrie des
Borinage und der Maasgegenden um Lüttich wie auch in einigen
olämischen Großstädten schon früh auch einen starken Arbeiter⸗
stand schuf, so übertraf die belgische Entwicklung des Klerikalismus
bald selbst die des französischen Mutterlandes.
Dies alles aber trat in Zeiten ein, da auch in Deutschland
 die Regungen eines papalen Katholizismus, wie er sich
im Kampfe gegen die christkatholische Theologie und den
Episkopalismus der Geistlichkeit zuerst gebildet hatte!, einen
Zug ins Demokratische und damit Klerikale zu erhalten be—
gannen. Es waren die ausgehenden dreißiger und die ersten
vierziger Jahre: damals zuerst löste der Kölner Kirchenstreit
die religiösen Gefühle der katholischen Massen aus; damals
oerwuchs die romantische Oberströmung, wie sie etwa Görres
in seinen neubegründeten Historisch-politischen Blättern vertrat,
mit den Instinkten der Menge: gemeinsam trugen beide zum
Aufschwunge des katholischen Lebens in Bayern und am Rhein
bei; gemeinsam begingen sie das erste große Fest ihres vollsten
öffentlichen Auftretens in den Vrozessionen zum heiligen Rocke
in Trier, 1844.
In der Durchbildung freilich der praktischen klerikalen
Lehren, einer eigentlichen Politik des Klerikalismus, befand sich
diese deutsche Strömung zunächst längst nicht auf der Höhe der
französischen. Konnte sie sich da dieser entziehen? Sie ver—
mochte es um so weniger, als das Papsttum und der Jesuitis⸗
mus inzwischen längst die Aufnahme alles dessen, was für die

S. oben S. 38 ff.
damprecht, Deutsche Geschichte. XI. 2.
        <pb n="283" />
        634 Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

Weltherrschaft der Kurie am französischen Klerikalismus brauch⸗
bar war, in das Programm eines neuen Ratholizismus voll⸗
zogen hatten: hat doch Pius IX. sogar als ein liberaler Papst
den Stuhl Petri bestiegen. Und so geschah, was deutscher
Glaube und deutsche Frömmigkeit schon einmal im 11. Jahr⸗
hundert erlebt hatten: wie ihnen damals das kirchliche System
Clunys nahetrat, so wurde ihnen neben ihrer eigenen, in die
nationale Verfassungsgeschichte verschlungenen Entwicklung jetzt
der französische Klerikalismus, soweit er nicht schon von Belgien
und Frankreich direkt einwanderte, auch noch von Rom aus auf⸗
erlegt.
Dieser Verlauf der Dinge ist auch noch unter einem weiteren
Gesichtspunkte merkwürdig. Wir wissen, wie sehr der Import
französischer, im Grunde noch individualistischer Staatsgedanken
und Staatseinrichtungen die liberale Einheitsbewegung der
vierziger Jahre einseitig gestaltet und auch noch die Durchbildung
der Verfassung unserer Territorialstaaten wie selbst des Reiches
mit fremdem politischen Gut belastet hat!. Jetzt fand eine
ähnliche Infektion gleichsam auch auf dem Gebiete derjenigen
Kirche statt, die unter den christlichen Bekenntnissen noch den
weitaus festesten Verfassungsbau aufwies: Staat und Kirche
wurden in gleicher Weise durch fremde Importe in ihrem eigensten
Wachstum behindert.
Im übrigen waren es natürlich auch in Deutschland die
Massen, die der neuen Bewegung besonders rasch dienten: und
so gewann sie alsbald einen hervorragend sozialen Charakter
und entfaltete vornehmlich die modernen Lebensformen einer
demokratischen Entwicklung, Vereinswesen und Presse. Da hatte
der Kaplan Kolping schon seit 1846 die ersten katholischen Ge—
sellenvereine gegründet. Entscheidend aber wurde für das volle
Aufblühen dieses neuen Wesens, wie sich denken läßt, das
demokratische Jahr 1848. Damals wurde zunächst in Mainz
der Piusverein errichtet zur allgemeinen Durchführung des
klerikalen Programms, soweit es auf Freiheit der Kirche lautete.

1S. oben S. 51 ff. 4509 ff.
        <pb n="284" />
        Ursprung, Verlauf und Ausgang des Lnlturkampfs .· 635

Wichtiger war noch die Begründung gleichsam einer vollständigen
geistigen Repräsentation des deutschen Katholizismus in einer
ersten Versammlung aller Delegierten der mittlerweile zahl⸗
reich begründeten Piusvereine. „Bei Gelegenheit des Kölner
Dombaufestes [1848] entstand ... nun der Gedanke, Vertreter
der einzelnen Vereine zu versammeln, um eine gemeinsame
Organisation zu schaffen und zugleich durch eine großartige
Kundgebung des katholischen Volkswillens den kirchlichen Forde⸗
rungen Nachdruck zu verleihen. So tagte denn im Oktober zu
Mainz die erste Generalversammlung der Katholiken und bildete
sich der katholische Verein Deutschlands als eine das ganze
Gebiet des damaligen deutschen Bundes umspannende Partei⸗
organisation ... Der Verein hat von sich ausdrücklich die Be—
zeichnung als politische Partei abgelehnt und allen Katholiken
den Beilritt offen gehalten: was er erstrebe, vertrage sich mit
jeder Staatsform ... Dem entsprach in ihm das Vorwiegen
des demokratischen Elements.“ Aber schon 1865 konnte eine
begeisterte katholische Stimme? von dem Vereine rühmen: „In
jener Zeitwende, als im Frühjahr 1848 der Sturm von Westen
den Polizei- und Diplomatenstaat ... über den Haufen warf,
da nahmen sofort die Katholiken die neuerrungenen Freiheiten
der Versammlung und Vereinigung, der freien Rede wie der
freien Presse mit Entschlossenheit in die Hand, sich ihrer zu—
gunsten der Religion und Kirche bedienend. Dieses Kleinod
der Freiheit in den Händen der Kirche wurde Deutschland zum
Segen. Und der Zauber dieser Freiheit, errungen nach langer,
langer babylonischer Gefangenschaft unter dem allmächtigen
Polizeistaat, wirkte so gewaltig, daß Viele die erste katholische
Generalversammlung begrüßten als einen neuen Pfingsttag, ein
großes Sprachenfest, in welchem der Geist, die Kraft und die
diebe des Katholizismus sich offenbarte.“
Neben der allgemeinen Vertretung aber sproßte eine reiche

1 Struck, Kardinal von Geißel und die katholische Bewegung
1848 — 40 (Preuß. Jahrbücher Bd. 111, 19083, S. 121). Was freilich Struck
unter dem Katholischen Vereine versteht, erscheint nicht klar.
2 Niedermaher, zit. Nippold, Kirchengesch.* II, 699.
41*
        <pb n="285" />
        836 Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

Saat von mittleren katholischen Verbänden für bestimmte Zwecke
empor. Da wurde im Mai 1849 zu Breslau ein Verein zur
Propaganda in den protestantischen Gegenden gestiftet, und
im Herbst 1849 zu Regensburg der Bonifaziusverein zur Unter⸗
stützung der Katholiken in der deutschen Diaspora. Später
kam dann noch die ganze Fülle jener allgemeinen Vereine hinzu,
die sich mit speziellen Angelegeuheiten der eigenen Kirche be—
schäftigen, der Borromeusverein zur Verbreitung katholischer
Literatur, die Erzbruderschaft vom heiligen Michael, der Verein
der Kindheit Jesu usw. Und an diese Vereine schloß sich die
Bildung von Tausenden noch kleinerer Korporationen, Kon⸗
gregationen, Bruderschaften für die verschiedensten religiösen
und profanen Zwecke.
Das Vereinswesen aber wurde wiederum zusammengehalten,
gepflegt und nochmals erweitert durch eine in starker Progression
wachsende Presse, die, anfangs mehr erbaulich gewendet, bald
auch politische Absichten mit Entschiedenheit zu vertreten begann.
Konnte nun diese ganze, zunächst von unten her wachsende,
aber auch von Rom her emsig geförderte Strömung ohne Einfluß
auf die Kirche bleiben? Was schon im Verlaufe der clunia⸗
zensischen Bewegung und des Investiturstreits vereinzelt zutage
getreten war, wiederholte sich jetzt, in Zeiten weit entwickelteren
Verkehrs und stärkerer persönlicher Zusammenhänge, in weit
umfassenderer Weise: der Klerikalismus machte alsbald auf die
Bischöfe seinen Einfluß geltend. Von Rom her veranlaßt und
durch Anregungen aus der deutsch-klerikalen Bewegung noch mehr
vorwärts geschoben, traten unter starker Propaganda des Kardinals
Geißel die sechsundzwanzig deutschen Bischöfe schon im Jahre 1848,
vom 22. Oktober bis 16. November, zu einer Beratschlagung der
Zeitläufte in Würzburg zusammen und erklärten: wie entschieden
und streng auch die Kirche anarchische Bestrebungen jeder Art ver⸗
werfe, so habe sie doch ein lebendiges Interesse an der Sicherung
alles desfen, was der allgemeine Ruf nach Freiheit von administra⸗
tiver Bevormundung und Kontrolle Wahres enthalte. Darum
forderten sie unbeschränkte Freiheit des Unterrichts und der
Lehre, das Recht der alleinigen Prüfung und Üüberwachung der
        <pb n="286" />
        Ursprung, Verlauf und Ausgang des Kulturkampfs . 637

Geistlichen, des Kultus, der Kongregationen, unbedingt freien
Verkehr mit dem Papste und Aufhebung jedes Plazets der
Regierungen. Es waren Forderungen, die anfangs freilich noch
nicht alle Bischöfe billigten. Der Bischof von Hoffstätter von
Passau hielt bei dieser Gelegenheit noch eine Ansprache, die
das Beginnen der Amtsgenossen als gefahrvoll und nahezu
rebolutionär bezeichnete, und protestierte gegen die ganze Ver⸗
sammlung. Allein die Amtsbrüder, die die „Strafpredigt mit
peinvollem Schweigen“ angehört hatten, wußten schließlich doch
auch diesen zeitlosen Eiferer für ihre Anschauungen zu gewinnen.
Von welchen Motiven sie aber ausgingen, das hat wohl niemand
besser ausgesprochen als der Kölner Erzbischof Geißel, wenn er
bemerkte, die Bischöfe könnten in den jetzigen Zeiten unmöglich
dem neuerwachten Eifer der Laien untätig zusehen und, die Hand
im Schoße, den Gang der Dinge gemächlich abwarten.
Unter diesen Umständen war natürlich auch von seiten
der liberal⸗revolutionären Gewalten kein Widerspruch gegen
die Forderungen der Bischöfe zu erwarten. Die Frankfurter
Nationalversammlung hatte schon beschlossen, daß jede an⸗
erkannte Kirche die selbständige Ordnung und Verwaltung ihrer
Angelegenheiten sowie freien Besitz und Genuß aller ihrer
Anstalten, Stiftungen und Fonds haben solle. Dann war diese
Anschauung aus den Frankfurter Grundrechten in den Artikel 12
der Preußischen Verfassung vom 5. Dezember 1848 über⸗
gegangen: und so wurden in Preußen die vollen Konsequenzen
zus der bischöflichen Erklärung gezogen. Die revidierte Ver⸗
fassung vom 31. Januar 1850 gewährte den preußischen
Bischöfen einen großen Teil ihrer Forderungen: den freien
Verkehr mit Rom sowie die selbständige Kirchenverwaltung und
die Übertragung aller in dieser Hinsicht früher vom Staat aus⸗
geübten Rechte, u. a. alles Besetzungsrechtes kirchlicher Stellen.
Und was in all dieser Hinsicht die Verfassung noch nicht darbot,
das hat die Kultusverwaltung unter Friedrich Wilhelm IV.,
die seit 1841 mit einer besonderen katholischen Abteilung aus—
gestattet war, im Sinne des Königs und entsprechend dem Geiste
dieser Abteilung reichlich hinzugefügt.
        <pb n="287" />
        388 Funfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

So war denn Preußen für die Aspirationen des Klerikalis⸗
mus gewonnen. Nicht anders aber, ja noch glücklicher fast ver—
liefen für die Klerikalen die Dinge in Osterreich. Hier hatten sich
josephinische Neigungen noch lange erhalten. Aber seit den Tagen
Metternichs begannen sie doch mehr die Unterströmung zu
bilden; die staatliche Restaurationspolitik trieb die regierenden
Kreise immer stärker in die Arme der Kurie und der Jesuiten,
die dem genußfreudigen Sinne der Bevölkerung durch äußeren
Zeremoniendienst und thaumaturgische Experimente früh entgegen⸗
kamen. So haͤtte es schon in den dreißiger Jahren zu einem
so exklusiven katholischen Geist kommen können, wie er sich in
der Behandlung der evangelisch gewordenen Zillertaler zeigte,
die sich im Jahre 1837 schließlich zur Auswanderung nach
Preußisch⸗Schlesien gezwungen sahen.
Als dann die Wildwässer der Revolution von 1848 herein⸗
brachen, sah sich die ratlos gewordene Regierung erst recht an
die Kirche herangedrängt. Und nun erließen, im April 1849,
entsprechend den in das österreichische Verfassungspatent am
4. März 1849 aufgenommenen kirchlichen Grundrechten des
Frankfurter Parlaments, die österreichischen Bischöfe eine den
Würzburger Forderungen analoge Erklärung. Und die Re—
gierung glaubte sich gezwungen, dem Inhalt derselben in kaiser⸗
lichen Dekreten vom 18. und 28. April 1851 gesetzliche Kraft zu
geben. Damit waren die letzten Nachwirkungen der josephinischen
Ara in Osterreich so ziemlich beseitigt und stand der Reaktion
der fünfziger Jahre nichts mehr im Wege, von ihrem feudalen
Standpunkte aus ein von der Kurie längst gewünschtes, von
der Regierung aber bisher verabscheutes Konkordat mit Rom
zum Abschluß zu bringen. Im Herbst 18655 kam es zustande.
Es wurde zugleich in hohem Grade den Wünschen einer kleri—
kalen Demokratie gerecht. Über die Forderungen der Bischöfe
vom Jahre 1849 hinaus erklärte es die roͤmisch datholische
Religion mit allen Befugnissen und Vorrechten, deren sie nach
Anordnung Gottes und nach den Bestimmungen der Kirchengesetze
genießen solle, als im ganzen Kaiserstaat aufrechtzuerhalten,
unterwarf mithin den Staat und seine Rechte den Prinzipien
        <pb n="288" />
        Ursprung, Verlauf und Ausgang des Kulturkampfs. FJ 639

der kanonischen Gesetzgebung. Ferner lieferte es die Schule an
die Kirche aus, gab der Kirche volle Freiheit für die Einführung
geistlicher Orden und für die Verwaltung des Kirchengutes
und regelte die geistliche Jurisdiktion in einer die weltliche
Rechtsprechung schwer beeinträchtigenden Weise. Von diesem
Augenblick bis fast in die Zeiten nach dem Kriege des Jahres
1866 ist Osterreich der spezifisch katholische Staat in Deutschland
geblieben; und eben in seinem Ringen mit Preußen hat es,
benn auch vergebens, versucht, die Kurie seinen politischen
Zwecken dienstbar zu machen.
Sahen sich so die beiden deutschen Großstaaten der kleri⸗
kalen Sirbmung, wenn auch aus vers chiedenen Gründen, aus⸗
geliefert, so versteht es sich, daß sich die Mittelstaaten erst recht
nicht auf dem Niveau ihrer Rechte aus den dreißiger Jahren
erhalten konnten. Am ehesten war das noch mit Bayern der
Fall: freilich hatte hier das Konkordat vom Jahre 1818 im
Verein mit der Tegernseer Erklärung von 1821 der Kirche alle
wünschenswerte Freiheit gegeben .. Zu um so stärkeren Konflikten
kam es in der im Jahre 1827 geschaffenen oberrheinischen Kirchen⸗
provinz, in den Bistümern Mainz, Rottenburg, Fulda und
Limburg unter dem Erzbistum Freiburg im Breisgau.
Hier hatten die Bischöfe entsprechend den Beschlüssen von
Würzburg den verschiedenen beteiligten Regierungen ihre
Forderungen gestellt. Als indes die Beratungen der im übrigen
der Bewilligung dieser Forderungen gar nicht abgeneigten
Regierungen zu langsam vorzurücken schienen, gingen sie eigen⸗—
mächtig vor. Namentlich seitens des alten, ganz in den Händen
der Jesuiten befindlichen Freiburger Erzbischofs Vicari geschah
das, ebenso durch den Bischof von Limburg. Am stillsten, ja
auffällig ruhig verhielt sich der der Diszese von Rom her auf—⸗
oktroyierte Bischof von Mainz, Freiherr von Ketteler: bis man
erfuhr, daß am 283. August 1854 zwischen ihm und der hessischen
Regierung eine geheime Konvention abgeschlossen worden war,
der ihm auch extreme Forderungen bewilligt waren.

1 S. oben S. 28ff.
        <pb n="289" />
        840 Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

Das standhafte Eintreten der Bischöfe, die zum großen
Teile diejenigen staatlichen Rechte und Einrichtungen, die den
von ihnen aufgestellten Forderungen nicht entsprachen, als nicht
mehr vorhanden betrachteten, trieb endlich einen Teil der Re—
gierungen zu neuen Konkordatsverhandlungen mit der Kurie:
denn noch immer glaubte man in der Bureaukratie, die Bischöfe
durch den Papst in Zucht halten zu können; auch verlockte das
osterreichische Beispiel. So hat Württemberg am 8. April 1857,
Baden am 28. Juni 1859 ein Konkordat geschlossen.
Aber was opferten beide Staaten in diesen Konkordaten!
In dem badischen, dem extremsten von beiden, wurde der Erz⸗
bischof von Freiburg geradezu als ein dem Untertanenverhältnis
fast entzogener geistlicher Herrscher behandelt; seiner Zensur
war die Freiburger Universität in allen ihren Lehrern unter—
stellt, und die Bildung des badischen Klerus lag ganz in seinen
Händen.
UÜberschaut man die Erfolge des Klerikalismus bis zu
diesem Höhepunkte, der, soweit es sich um formale Ab—
machungen mit den Regierungen handelt, in Deutschland nicht
überschritten worden ist, so sieht man leicht, wie seit der
Revolution von 1848 die neue Kraft der liberalen Ideen die
kurialen Ansprüche begünstigt, ja teilweise erst hervorgerufen
hatte. Dabei war mit der Durchsetzung der klerikal-kurialen
Wünsche durch die Bischöfe auf Grund der revolutionären
Bewegungsfreiheit des Jahres 1848 die Ausnutzung der
liberalen Bewegung und des modernen Subjektivismus durch
Kurie und Klerikalismus noch keineswegs abgeschlossen. Viel⸗
mehr erfolgte diese erst durch die Demokratisierung eines Teiles
der Kirche selbst. Und hierfür bot sich denn kein anderer Teil
dieser besser dar, als der durch die Konkordatspolitik des Jahr⸗
hunderts seiner Selbständigkeit beraubte niedere Klerus. So
begann sich denn etwa seit 1880, wenn auch einstweilen sehr
langsam und allmählich, die politische Aufgabe des Klerus gemäß
den Doppelbeziehungen des Katholizismus zu gabeln: den Zu—
sammenhang mit den konservativen Mächten des Subjektivismus
hielten vor allem die aristokratischen Vertreter des Klerus, die
        <pb n="290" />
        Ursprung, Verlauf und Ausgang des Rulturkampfs. 641

Bischöfe, aufrecht, den Zusammenhang mit den populär⸗demo⸗
kratischen Elementen der niedere Klerus.
Waren nun aber auf diese Weise auch die demokratischen
Kräfte der Kirche mobilisiert, so war es von größter Bedeutung,
wem deren Führung zufallen würde. Und hier traten anfangs
Aurie oder Jesuitismus und Episkopat noch einmal in einen
—D— Bischöfe suchten den niederen
Klerus durch immer stärkere Fesselung an sich zu binden. Schon
im Jahre 1848 hat Mejer in einer Aufsehen erregenden Broschüre
auf diese Politik aufmerksam gemacht, die, von Belgien herüber⸗
kommend, namentlich durch den Kardinalerzbischof von Köln,
Geißel, betrieben wurde; im Jahre 1867 aber haben schon alle
Bischöfe auf einer Versammlung in Fulda erklärt, die Besetzung
aller Pfarren nur mit absetzbaren Verwesern sei das für Deutsch⸗
land anzustrebende Ideal.
Allein Papsttum und Jesuitismus ließen sich die Leitung der
neueren demokratisch-klerikalen Bewegung, die längst wichtiger
geworden war, als die ältere romantisch-⸗aristokratische, nicht mehr
qus den Händen reißen; und der niedere Klerus, zunächst noch
ganz in der Gewalt der Bischöfe, sah in ihrem wachsenden
Einfluß ein zu erstrebendes Gegengewicht gegen diese, zumal
auch die demokratisch-klerikalen Laien möglichst unmittelbare
Beziehungen zur Kurie anstrebten. So konnte denn Pius IX.
das neuere Vereinswesen, in welchem sich die demokratische Be⸗
wegung am entschiedensten ausprägte, ohne Widerstand zu
finden, unter die Leitung des heiligen Stuhls stellen; und erst
als diese Unterordnung als durchaus gesichert betrachtet werden
konnte, wurde den Bischöfen gestattet, Anteil an dessen Leitung
zu nehmen. Danach aber suchten Kurie und vor allem Jesui⸗
lismus auch direkt, vornehmlich durch Lehrwort und Presse,
Einfluß auf den niederen Klerus zu erhalten.
So ausgestattet, durch die Bischöfe auf die Regierungen,
durch den demokratischen Klerikalismus und den niederen Klerus
auf die Völker wirkend, gesegnet mit allen Privilegien des
Restaurationsstaates und des Liberalismus zugleich, trat das
klerikal gewordene Papsttum in die Periode seiner jüngsten
        <pb n="291" />
        642 Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

Vollendung, wie sie mit dem Vatikanum des Jahres 1870 ihre
Höhe erreichte. —
Pius IX. war im Jahre 1846 unter dem Jubel des
Volkes auf den päpstlichen Stuhl erhoben worden. Er galt
als liberal; im Gegensatz zu den geizigen Maßregeln seines
Vorgängers, Gregors XVI., erwartete man von ihm die dringend
nötige staatliche Reform des Kirchenstaates. In der Tat lenkte
er in diese Bahn ein: der Welt bot sich das Schauspiel eines
Papstes dar, der die inneren Verhältnisse seines Staates nach
den Prinzipien des Liberalismus zu ordnen suchte.
Dazu kam bald eine entschieden nationale Stellungnahme
auch in der äußeren Politik, um das Maß der Begeisterung
der römischen Bevölkerung zum Überfließen zu bringen. Der
Papst trat den Osterreichern in Italien entgegen und schon
erwartete man von ihm die künftige Einigung Italiens: am
ersten Jahrestage seiner Erhebung schwamm Rom im Lichter—
glanz.
Allein bald kam der Rückschlag. Im Inneren wuchs die
liberale Partei dem Papste über den Kopf. Nach außen zu
mußte er einsehen lernen, daß die ersehnte Einheit Italiens
im allgemeinen zunächst auf republikanischem Wege gesucht
wurde. So kam es zu Reibereien, Zwist, schließlich offener
Feindschaft mit den Liberalen. Noch vor Ende März 1848
— D —
Papst in jäher Flucht Ende November. Er ging nach Gaeta
unter beständigem Protest gegen die römischen Vorgänge; erst
im April 1850 kehrte er, nun unter dem Schutze der franzö—
sischen Truppen, die Napoleon im April 1849 in die Stadt
geworfen hatte, nach Rom zurück.
Der leutselige, liebenswürdige Fürst war von seinen
liberalen Träumen geheilt; an ihrer Stelle begannen die cäsaro⸗
papalen Eigenschaften seines Amtes hervorzutreten. Nicht als ob
er sie bis dahin jemals verleugnet hätte. Aber er hatte geglaubt,
es sei ihm möglich, in jedem Betrachte liberal und papal zu—
gleich zu sein. Dies erwies sich jetzt als Irrtum; Pius sah ein,
daß die Kirche den Liberalismus wohl benutzen, nicht aber sich
        <pb n="292" />
        Ursprung, Verlauf und Ausgang des Kulturkampfs. 643
mit ihm identifizieren könne, und von früh auf frommen, ja
mystischen Neigungen zugewandt, die durch epileptische Anfälle
noch verstärkt worden waren, gab er sich ganz in den Schutz der
von jeher durch ihn besonders verehrten heiligen Jungfrau und
ergriff unter ihrer besonderen Leitung, an die er innig glaubte,
theologisch unwissend, staatsmännisch wenig überlegt, doch voll
naiver, sanguinischer Selbstbewußtheit, die geistliche und, wie er
es betrachtete, damit zugleich auch staatliche Regierung der Welt.
Und wie kam ihm in dieser Hinsicht die Strömung der
Zeit in den westeuropäischen Ländern, der wichtigsten Domäne
des papalen Einflusses, entgegen. Die Revolution war vorüber;
hinter dem Nebelvorhange ihrer abziehenden Gewölke trat das
Bild einer neuen restaurativen AÄra hervor, deren Erscheinungen,
gesteigert gegenüber dem Charakter der Restauration im Be⸗
ginn des Jahrhunderts, dem Papsttum auch gesteigerten Ge⸗
winn verhießen. Pius begann mit einer Reihe von Selig⸗
sprechungen namentlich jesuitischer Frommer und verzückter
Frauen: zum ersten Male wiegte er sich in dem berauschenden
Gefühl geistlicher Allgewalt.
Dann griff er ein Werk an, das ihm besonders am Herzen
lag: eine neue Erhöhung der Jungfrau Maria, deren Fürbitte
er seine Ruckkehr nach Rom zu verdanken überzeugt war. Eine
von ihm berufene Kommission gab im Dezember 1853 das
Votum ab: „daß der Jungfrau Maria wegen ihrer über alles
Menschliche hinausgehenden Heiligkeit und Gnade, die sich
durchaus nicht natürlich erklären lasse, auf Grund der Schrift,
der Tradition und des bisherigen Kultus eine von Erbsünde
unbefleckte Empfängnis zugeschrieben werden müsse“. Einer
Lieblingslehre der Jesuiten, die von den wichtigsten Vertretern
der mittelalterlichen Kirche verworfen worden war, wurde
damit eine erste Wegstrecke zur dogmatischen Fixierung gebahnt;
das Dogma von der Erbsünde erschien durchbrochen.
Darauf holte der Papst die Zustimmung der Bischöfe zu
der neuen Lehre ein, und er erhielt sie, — man wußte, es
handelte sich ihm um einen Herzenswunsch — von vierhundert⸗
uͤndvierzig Prälaten. Nun hatte nur noch ein Konzil von
        <pb n="293" />
        344 Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

hundertzweiundneunzig Prälaten zu Rom die formale Zu—
stimmung zu vollziehen: und Pius konnte am 8. Dezember 1854,
seinem Marientage, nach einem feierlichen Hochamte in der
Peterskirche dem Marienbilde ein diamantenes Diadem auf—⸗
setzen und die Bulle Ineffabilis Deus erlassen, in der er
„kraft der Autorität Jesu Christi, der Apostel Petrus und
Paulus und seiner eigenen“ der erstaunten, aber doch schon im
wesentlichen gleichgültig bleibenden Welt das Dogma von der
unbefleckten Empfängnis verkündete.
Wie ein Lohn dieser Großtat an der Jungfrau erschien
es dem Papste darauf, als das folgende Jahrfünft überall
einen unerhörten Aufschwung der klerikalen Bewegung und des
papalen Ansehens brachte: in Deutschland kam es zu dem uns
schon bekannten österreichischen Konkordat“ und dann, auf
energisches Zureden Osterreichs, zu den Konventionen mit
Württemberg und Baden? sowie zu einem Kompromisse mit
Hessen und auch mit Nassau: mit wie günstigem Winde hatte
das Schifflein Petri die hohe See gewonnen.
Da erfolgte mit Ausgang der fünfziger Jahre ein Rück
schlag. Wie bald darauf in Deutschland, so geriet in Italien
die nationale Einheitsbewegung in Fluß und bedrohte das
Papsttum mit dem Verluste seines weltlichen Besitzes. Schon
im Jahre 1859 entzog sich die Romagna der Herrschaft des
Papstes; und am Schlusse des Jahres wurde von Paris aus
in einer viel gelesenen Broschüre „Der Papst und der Kongreß“
ernstlich die Frage aufgeworfen, ob der Papst bei den Prinzipien
seiner Kirche überhaupt ein weltlicher Herrscher des 19. Jahr⸗
hunderts sein könne.
Es war der Vorbote eines Schreibens Napoleons III. an
Pius vom 31. Dezember 1859, worin der Kaiser Verzicht auf
die verlorenen Außenprovinzen forderte und dafür den Schutz
der europäischen Großmächte für den Rest, das eigentliche
Patrimonium Petri, in Aussicht stellte. Verzweifelt mußte sich

1 S. oben S. 638
2 S. oben S. 640.
        <pb n="294" />
        Ursprung, Verlauf und Ausgang des Kulturkampfs. 645

der Papst zur Abwehr erheben; er tat es in einer Enzyklika
bom 19. Januar 1860, die zuerst das berühmte Non possumus
aussprach, und ihr folgten Proteste von Bischöfen, Versamm⸗
lungen, Vereinen, sowie Adressen, Predigten, Gebete zugunsten
der päpstlichen Territorialherrschaft in allen Teilen der katho⸗—
lischen Welt. Als das alles gleichwohl nichts half, da
exkommunizierte der Papst am 26. März 1860 alle frechen
Räuber seines Gutes — erfolglos freilich: denn immer weiter
vollzog sich die Einigung Italiens unter der Leitung des
piemontesischen Raubtieres“, zur Romagna gingen jetzt Umbrien
Iind die Marken verloren, und bald begrüßte ein erstes italie—
nisches Parlament Viktor Emanuel als nationalen König.
Es waren Ereignisse, die die Kurie in den folgenden
Jahren vergeblich ungeschehen zu machen versucht hat. Denn
scheiterte auch Garibaldis Zug nach dem Kapitol bei Aspromonte,
so erkannten doch die Großmächte das geeinte Italien an, und
gegenüber dem ungestümen Festhalten des Papstes an der Un⸗
verletzlichkeit seiner Territorien schloß Kaiser Napoleon im
Jahre 1864 den Vertrag vom 15. September, worin er seine
Truppen aus Rom abzuberufen versprach, während Viktor
Emanuel die ewige Stadt und das Vatrimonium dem Vapste
erhalten sollte.
Es war ein Schlag, den der Papst, nach Versagen aller
weltlichen Mittel, mit der schwersten kirchlichen Gegenwehr
heantwortete. Am 8. Dezember 1864, am Festtage der un⸗
befleckten Empfängnis, erließ er eine Enzyklika, die eine feier⸗
— ——— Prinzipien der modernen Kultur
Ind damit vor allem auch gegen die modernen Lehren vom
Staate enthielt, wie sie der Papst unter dem Namen des
Naturalismus“ zusammenfaßte. Da wurden verworfen die
herdammenswürdigen verderblichen Irrtümer der Glaubens⸗
und Kultusfreiheit, die Theorie der Unabhängigkeit der welt—
lichen Gewalt von der geistlichen, die Lehre von der Volks—
souveränetät und die Lehren des Sozialismus und Kommunismus.
Denn alle diese Prinzipien hätten in ihrer Zulassung und Durch—
führung die menschliche Gesellschaft an den Rand des Ver—
        <pb n="295" />
        646 — Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

derbens gebracht: nur die katholische Kirche, nur der Papst
könne sie retten. Angehängt war dieser Enzyklika eine Zusammen⸗
fassung, ein Syllabus von achtzig namentlich aufgeführten
Irrlehren; er teilte sich in zehn Kapitel, und er handelte vom
Naturalismus und absoluten Rationalismus, vom gemäßigten
Rationalismus, vom Indifferentismus, vom Sozialismus samt
geheimen Verbindungen und Bibelgesellschaften, von den Irr—
lehren über die Kirche, über die bürgerliche Gesellschaft, die
Moral, die Ehe, die weltliche Gewalt des Papstes sowie von
den falschen Theorien des modernen Liberalismus.
Die Aufnahme der Enzyklika und des Syllabus war merk⸗
würdig. Die Protestanten blieben indifferent oder lachten; sie
sahen wohl, daß hier die ganze moderne Kultur von einer
mittelalterlichen Macht bedroht wurde, aber sie betrachteten
diese Macht noch immer als keine Gefahr für sie. Der katho—
lische Klerus suchte sich, in Anerkenntnis der Bedeutung der
päpstlichen Meinungsäußerung, mit dieser durch interpretatorische
Kompromisse irgendwelcher Art abzufinden. Ein fester Wider—
spruch aber erfolgte von keiner Seite, auch nicht, als der Papst
gelegentlich des Ausschreibens eines großen römischen Jubiläums
am 28. Februar 1865 Syllabus und Enzyklika nochmals als
Stimme Gottes bezeichnete und als ein Breve vom September
1863 die Freimaurer, die vornehmsten Träger der verdammten
Irrlehren, als eine „verworfene Gesellschaft“ brandmarkte.
Die Zeit war politisch zu bewegt, die drohende Auseinander⸗
setzung zwischen Osterreich und Preußen beherrschte schon die
öffentliche Aufmerksamkeit; man achtete nicht auf den Papst.
Freilich in welchem, dem Papsttum höchst ungünstigen Sinne
erfolgte dann 1866 diese Auseinandersetzung! Als der Kardinal⸗
staatssekretär Antonelli die Nachricht von der Schlacht von
Königgrätz vernahm, hat er Casca il mondo! gerufen. Der
Sieg Preußens war ein nicht geringerer Schlag, als die Ver—
wirklichung der italienischen Einheit. Denn nun erschien eine
allgemeine Führung der deutschen Geschicke durch protestantische
Hand nur noch als eine Frage der Zeit. Mit einem gewissen
Rechte hat daher Windthorst von seiner Betrachtungsweise aus
        <pb n="296" />
        Ursprung, Verlauf und Ausgang des Kulturkampfs. 647

den Ursprung des Kulturkampfes auf dem Schlachtfelde von
Königgrätz gefunden.
Aber nicht genug mit Preußens Sieg. Den Schmerz des
Vatikans erhöhte es um ein beträchtliches, daß Osterreich auf
dem Wege seiner staatlichen Rekonstruktion nach 1889 und auch
noch nach 1866 die klerikalen Bahnen zu verlassen drohte.
Zwar das Konkordat wurde nicht aufgehoben, wohl aber suchte
das Ministerium Auersperg auf dem Wege innerstaatlicher Gesetz⸗
gebung die Umstrickung des Staates durch den Katholizismus
zu lösen: durch Wiederherstellung des bürgerlichen Eherechts,
durch Freistellung der Schule von der Herrschaft des Klerus,
durch Gleichstellung der Konfessionen. Und die Gesetzentwürfe
uͤber diese Materien erhielten, trotz des leidenschaftlichen Pro⸗
testes der Bischöfe, am 25. Mai 1868 die Sanktion des Kaisers.
Es war ein für Pius IX. fast unerträglicher Schlag; als⸗
bald hat er diese Gesetze kraft seiner apostolischen Autorität
als abominabiles et nefandae verdammt und für null und
nichtig erklärt. Zugleich aber gingen die Jesuiten darauf aus,
dem aͤußerlich ins Hintertreffen geratenen Papsttum geistlich den
höchsten aller Triumphe zu verschaffen. Schon bei dem Zente—
narium Petri, am 20. Juni 1867, hatten die Bischöfe erklärt,
„die teuerste und heiligfte Sache für ihre Herzen sei, zu glauben
und zu lehren, was der Papst glaube und lehre, die Irrtümer,
die er verwerfe, zu verwerfen, unter seiner Führung zu wandeln,
an seiner Seite zu kämpfen, bereit, mit ihm allen Gefahren,
Heimsuchungen und Widerwärtigkeiten entgegenzutreten“.
Es war eine Stellungnahme, die den Jesuiten das höchste
Ziel, die Unfehlbarkeit des ex cathedra redenden Papstes, als
nicht unerreichbar erscheinen ließ. Und so begannen sie jetzt
Vorbereitungen in diesem Sinne. Am 29. Juni 1868 erschien
die Bulle Aéèterni patris und berief zum 8. Dezember 1869,
auf den Lieblingsfesttag des Papstes, ein allgemeines Konzilium
nach Rom ein. Freilich: der eigentliche Zweck der Berufung
wurde in der Bulle nicht angegeben. Es hieß nur so farblos
wie möglich: es werde sich um die Rettung der Kirche und der
Gesellschaft vor den sie bedrohenden Übeln handeln.
        <pb n="297" />
        548 Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel. —

Indes in welcher Richtung sich die Absichten der Jesuiten
bewegten, zeigte bald wie der Univers Veuillots so das Leib—
blatt und zugleich ausgesprochenermaßen halbamtliche Organ des
Papstes, die Civiltà cattolica, indem sie sich eingehend mit der
Bulle Bonifazius' VIII. vom Jahre 1802 zu beschäftigen begann
und am 6. Februar 1869 ausführte, daß die Katholiken gewiß
mit Freuden die Erklärung der Unfehlbarkeit durch das künftige
Konzil hinnehmen wurden; wobei zu erwarten sei, daß die
Anregung vom Konzile selbst ausgehen und der Beschluß per
acclamationem durchgehen werde.
Es waren Nachrichten, durch welche die gebildeten Katho—
liken allenthalben mit lebhaften Befürchtungen erfüllt wurden.
In Deutschland gingen diese schließlich so weit, daß die Bischöfe
beruhigen zu müssen glaubten. Sie verkündeten daher in einem
Fuldaer Hirtenbrief, vom 6. September 1869, nie und nimmer
werde und könne ein allgemeines Konzil eine neue Lehre aus—
sprechen, die in der Heiligen Schrift oder der apostolischen
Überlieferung nicht enthalten sei. Nie und nimmer würde auch
ein allgemeines Konzil Lehren verkünden, die mit dem Rechte
des Staates und seiner Obrigkeiten in Widerspruch ständen
und die sich ohne Not mit den bestehenden Verhältnissen und
den Bedürfnissen der Gegenwart in Widerspruch setzten. Und
waren diese Worte mit einer Sorgfalt gewählt, die sich später
als praktisch erwies, so verwahrte sich der Führer der Schweizer
Klerikalen noch am Vorabend des Konzils gegen das so—
genannte Papalsystem, das an sich nichts anderes sei als die
uͤbertragung der byzantinischen Souveränitätstheorie auf das
kirchliche Gebiet, und gegen das aus dieser Theorie hervor⸗
gehende Bestreben, den Lehrsatz von der Unfehlbarkeit der
Kirche in Glaubenssachen auf die Verson des Vapstes zu
übertragen.
Inzwischen nahte die Eröffnung des Konzils, der 8. De—
zember 1869. Bald stellte sich heraus, daß der Apparat der
großen Versammlung für die mit ihr verbundene Absicht vor⸗
züglich vorbereitet worden war. Auf siebenhundertsiebenund—
sechzig stimmberechtigte Mitglieder, unter denen auch, eine neue
        <pb n="298" />
        Ursprung, Verlauf und Ausgang des Kulturkampfs. 649

Einrichtung, dreißig Ordensgenerale saßen, kamen hundert⸗
neunzehn Bischöfe in partibus infidelium und Missionsbischöfe,
die in Rom lebten, ferner zweihundertsechsundsiebzig italienische
Stimmen; auf Deutschland entfielen 14 — vierzehn — Stimmen.
War bei dieser Zusammensetzung das Ergebnis der Ab⸗
stimmungen von vornherein wenig zweifelhaft, so hatten weitere
Einrichtungen eine möglichst durchschlagende Verhinderung auch
jeder etwa auftretenden Opposition zur Folge. Vor allem galt
das von der Geschäftsordnung; ferner von der Verteilung und
Veröffentlichung des Diskussionsstoffes, der immer nur in kleinen
Dosen zur Kenntnis der Versammlung gebracht wurde, endlich
sogar von dem Lokale, einem abgesperrten Teile der Peters⸗
kirche, der akustisch die größten Mängel aufwies.
Gleichwohl erhob sich eine Opposition, die bald aus den
Bischöfen der größten und zivilisiertesten Diözesen bestand. In
ihr fanden sich so glaubenseifrige Männer zusammen, wie der
Bischof Dupanloup von Orlsans und der bald darauf als
Märtyrer der Kommunards gefallene Erzbischof Darboy von
Paris sowie unter den Italienern Pecci; aus Deutschland ge⸗
hörten zu ihr die Erzbischöfe Rauscher von Wien, der einfluß⸗
reiche Lehrer des Kaisers Franz Joseph, Schwarzenberg aus
Prag und Scherr von München, die Bischöfe Hefele von Rotten⸗
burg, von Ketteler von Mainz, Melchers von Köln und Förster
von Breslau. Entschiedene Anhänger der Unfehlbarkeit waren
aus Deutschland anfangs nur die Bischöfe Martin von Vader—⸗
born und Senestrey von Regensburg.
Diese Opposition protestierte zunächst gegen die Geschäfts⸗
ordnung. Und als, in der Form eines Antrages aus dem
Konzil, die Unfehlbarkeitsfrage aufgeworfen wurde, und sofort
in der papal-jesuitischen Presse mit einer Energie erörtert
wurde, die jeden Widerstand niederzuschlagen bestimmt war,
fand fie noch den Mut, den Papst dringend zu bitten, auf
den Antrag nicht einzugehen. Ja der Bischof Ketteler von
Mainz beschwor schließlich in einer Audienz am 15. Juli 1870
den Papst dreimal fußfällig, die Kirche nicht in unabsehbare
Gefahren zu stürzen.
Lamprecht, Deutsche Geschichte. XI, 2.
        <pb n="299" />
        350 Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

Allein die Dinge waren längst schon zu weit gediehen;
und Pius IX. selbst war von seiner Gottähnlichkeit mystisch
durchdrungen. Schon am 13. Juli war es zu der entscheidenden
Abstimmung gekommen, in der von sechshundertundein Vätern
bierhunderteinundfünfzig mit placet, achtundachtzig mit non
placet, zweiundsechzig mit placet iuxta modum gestimmt hatten,
während einundneunzig der Abstimmung durch Abwesenheit
ausgewichen waren. Jetzt, nachdem die opponierenden Bischöfe
am 17. Juli ihre Voten schriftlich erneuert, zugleich aber er—
klärt hatten, ihre Pietät gegen den heiligen Vater gestatte
ihnen nicht, in einer seine Person so nahe berührenden An⸗
gelegenheit öffentlich und in seiner Anwesenheit gegen ihn zu
stimmen, kam es am 18. Juli 1870 zum endgültigen Siege.
Von fünfhundertdreiunddreißig nunmehr anwesenden Vätern
stimmten nur zwei mit Nein: ein fast einstimmiges Votum er⸗
klärte den Papst als infallibel'. Darauf, unter dem ein—
brechenden Dunkel schwerer Gewitterwolken und dem Rollen
von Donnern, welche die Kuppel des Petersdomes erbeben
ließen, verlas der Papst mit matter Stimme die ihn unfehlbar
erklärende Bulle Pastor aeternus.
Am folgenden Tage erklärte Frankreich Preußen den Krieg,
der bald zum deutschen wurde, und in dessen Verlauf dem
Papsttum am 20. September 1870 der letzte Rest weltlicher
Herrschaft, das Patrimonium Vetri—. verloren ging.
Von nun ab sollte also als dogma divinitus revelatum gelten:
Romanum pontificem, cum ex cathedra loquitur, id est, cum omnium
Ohristianorum pastoris ac doctoris munere fungens pro suprema
sua apostolica auctoritate doctrinam de fide vel moribus ab universa
ecclesia tenendam definit, per assistentiam divinam, ipsi in beato
Petro promissam, ea infallibilitate pollere, qua divinus redemptor
ecclesiam suam in definienda doctrina de fide vel moribus instructam
esse voluit; ideoque eiusmodi Romani pontificis definitiones esse ex
gese, non autem ex consensu ecelesiaeé infallibiles.
        <pb n="300" />
        II.

4

4

3

Die Geschichte der Kurie in den beiden letzten Jahrzehnten
hor dem Vatikanum war eigenartig genug verlaufen. Außerlich,
auf dem Gebiete der Politik, hatte sich Unglück an Unglück gereiht.
Gründe dieses Verfalls waren der Liberalismus und Nationalis⸗
mus, letzten Endes der Subjektivismus des Jahrhunderts gewesen:
das, was der Syllabus Naturalismus genannt hatte. Der
Liberalismus hatte die papale Regierung des Kirchenstaates
allmählich unmöglich gemacht. Der Nationalismus hatte zur
Einigung Italiens und Deutschlands geführt; Italiens Einigung
hatte den äußeren Bestand des Kirchenstaates zerstört; Deutsch—
lands Einigung vollzog sich unter Auseinandersetzungen mit
einem Osterreich, das infolge derselben auf längere Zeit der
Kurie untreu wurde, namentlich aber unter dem Übergang der
deutschen Führerrolle an das protestantische Preußen. Das alles
waren Ergebnisse, welche die Kurie mit Haß gegen den Liberalis⸗
mus im allgemeinen und insbesondere gegen den nationalen
Liberalismus in Italien und Preußen erfüllen mußten.
Andererseits aber hatte die Kurie in denselben Jahrzehnten
der Herrschaft über die Bischöfe, die ihr die Konkordate der
Restaurationszeit verschafft und die sie auf alle Weise, u. a.
selbst durch Wiederbelebung der Provinzialkonzilien, vermehrt
hatte, vermöge einer klugen Ausnutzung des Liberalismus die
derrschaft über die demokratischen Bestandteile der Kirche, den
iederen Klerus und die niedere Laienwelt hinzugefügt. Damit
war sie im Begriff, auf dem Boden ihrer geistlichen Gewalt
ebenso stark zu werden, wie sie auf dem Boden der territorialen
Herrschaft und der weltlichen Politik schwach geworden war.
Und Dogma der unbefleckten Empfängnis, Syllabus und
49 *
        <pb n="301" />
        552 Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

Vatikanum waren die Stufen dieser bis zum höchsten Gipfel
ansteigenden und für das Papsttum doch recht eigentlich zen—
tralen Entwicklung!.
Da fragte es sich nun, wie sich die Staatsgewalten zu
dieser Entwicklung verhalten sollten; und hier war wieder das
entscheidende Problem, wie denn deren Gipfelpunkt, die Ver—
kündigung der Unfehlbarkeit, von staatlicher Seite aufgenommen
werden würde. Und da schien denn freilich wiederum grund—
sätzlich kein Zweifel möglich: päpstliche Infallibilität und staat—
liche Souveränität waren sich ausschließende Begriffe. Die
Oppositionsbischͤäfe auf dem Vatikanum hatten ausgeführt:
„Wir lehren: der weltliche Fürst, als Glied der Kirche, unter⸗
stehe der kirchlichen Gewalt, der aber niemals das Recht zustehe,
—DD—
zu lösen. Die Gewalt, über Könige und Reiche zu urteilen,
welche die Päpste des Mittelalters ausgeübt hätten, habe ihnen
zufolge einer gewissen eigentümlichen Gestaltung des öffentlichen
Rechtes zugestanden, aber mit den veränderten öffentlichen und
privaten Einrichtungen sei dieselbe, zugleich mit der Grundlage,
auf der sie geruht, hinweggefallen.“ Demgegenüber erneuerte
nun das Vatikanum eben die mittelalterliche Lehre, ja ging

Man vergleiche zu dieser Darstellung G. Schneemann S. J.,
dateinisch-deutsche Handausgabe der Dekrete und der hauptsächlichsten Akten
des hochheiligen ökumenischen Vatikanischen Konzils?, 1895, Einleitung
S. 71f.: „Der Spruch des Vatikanum vom 18. Juli ist in der Tat
nichts anderes als die kräftigste Aufstellung des Autoritätsprinzips gegen
den Subjektivismus der Revolution. Gegen die feierlichsten Akte der päpst⸗
lichen Lehrgewalt ist eben, weil fie unfehlbar sind, nicht nur jede Auf—⸗
lehnung, sondern selbst der Zweifel unberechtigt. Sie fordern nicht nur
»ollkommene äußerliche Unterwerfung, sondern wollen überdies den Ver—⸗
stand zu wahrem innern Gehorsam gefangen nehmen, und das in unserer
Zeit, die nichts begieriger für sich in Anspruch nimmt als unumschränkte
Denkfreiheit und eben deshalb auch maßlose Willkür im Sprechen,
Schreiben und Handeln. Auch ist klar, daß eine solche Autorität und
Bewalt in der Hand des Oberhauptes der Kirche eben wegen ihrer Un—
fehlbarkeit nicht von Volkesanaden. sondern unmittelbar nur von Gott
herrühren kann.“
        <pb n="302" />
        Ursprung, Verlauf und Ausgang des Kulturkampfs. 653

darüber noch hinaus, indem sie die Superiorität des Papstes
als Dogma erklärte. So war das Ergebnis in der Tat so,
wie es die gut katholische französische Regierung vorausgesagt
hatte: „Je mehr man diese Lehre prüft, um so weniger ist
zu verkennen, daß sie im Grunde so viel bedeutet, als die
gänzliche Unterordnung der bürgerlichen unter die religiöse
Gesellschaft.“
Hiernach mußte es als selbstverständlich erscheinen, daß
alle Staaten gegen die Verkündigung des 18. Juli 1870 Ver—⸗
wahrung einlegen und schon gegen deren Vorbereitung Vor—⸗
kehrungen treffen würden. Und eben von diesem Standpunkte
aus hatte der damalige bayerische Ministerpräsident, Fürst
Hohenlohe, ein Bruder des Kardinals Hohenlohe, die Sache
angegriffen. Schon am 9. April 1869 forderte er in einem
Rundschreiben die Mächte zu einer gemeinsamen Verständigung
gegenüber den jesuitisch-papalen Plänen auf. Allein im ganzen
erfolglos: denn sterreich und Frankreich lehnten jede Be—
teiligung ab.
Dagegen wurde Bismarck, an sich schon wegen des im
Gange befindlichen Verlaufes der Entwicklung der katholischen
Kirche bedenklich, durch die Anregung Hohenlohes in seinen
Sorgen poch bestärkt. Einen direkten Eingriff in die kirchlichen
Verhältnisse allerdings lehnte auch er ab; aber im Einverständnis
mit den anderen deutschen Regierungen suchte er wenigstens
auf indirekten Wege in Rom zum Maß zu raten und auf
die schweren Folgen einer etwaigen Verkündigung der Un—
fehlbarkeit aufmerksam zu machen. Er traf sich dabei mit viel
unmittelbareren Warnungen der französischen Regierung und
fkonnte sich diesen darum anschließen.
Aber alle diese Einreden hatten schließlich, ebensowenig
wie die Opposition der bedeutendsten Bischöfe, die Erklärung
der Unfehlbarkeit verhindert. Trat damit an alle Staaten eine
harte Entscheidung heran, die für Deutschland, das sich eben
mit Frankreich im Kriege befand, besonders schwierig war, so
wurde die Lage noch um vieles bedenklicher durch die Haltung
der deutschen Bischöäfe. Am 17. Juli 1870 hatten sie Rom
        <pb n="303" />
        354 Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

verlassen unter der Erklärung unveränderter Opposition gegen⸗
über dem Papst — im September des gleichen Jahres, also
wenige Wochen später, erklärten sie, mit Ausnahme des Bischofs
Hefele, in einem Fuldaer gemeinsamen Hirtenbrief, das unfehl⸗
bare Lehramt der Kirche habe entschieden, der Heilige Geist
gesprochen: und daher müsse jedermann, vorweg sie, die
Bischöfe, die gefallene Entscheidung als göttlich offenbarte
Wahrheit mit festem Glauben annehmen und mit freudigem
derzen erfassen und bekennen.
Damit war, in dieser Stellungnahme der Bischöfe, eine
an das Vatikanum anschließende Bewegung auf den deutschen
Boden, hinein in die deutsche Kirche übertragen; daran war
kein Zweifel. Und da fragte es sich denn zunächst, ob die
katholischen Laien nun ihren Bischöfen folgen würden. Für
diese Frage aber war es wiederum von größter Bedeutung,
daß sich Deutschland soeben in dem furchtbaren Kampfe mit
Frankreich befand. Alle frommen Gebete in Deutschland
stiegen für das Heer zum Himmel auf; niemand hatte Zeit
und Interesse, den Wegen der jesuitisch-papalen Politik zu
folgen.
Erst nachdem der Friede mit Frankreich geschlossen war,
besann sich der patriotisch gesinnte katholische Teil der Nation
als Ganzes genauer auf die kirchlichen Fragen; und auch jetzt
noch war fast alles Denken und alle Tätigkeit der im prak—
tischen Leben stehenden Teile der Nation so sehr der Ordnung
der neuen Verhältnisse, dem Wohnlichmachen gleichsam des
neuen Reiches zugewandt, daß die Führung auf kirchlichem
Gebiete ganz den spezifisch geistigen Berufsständen zufiel. Ein
verhängnisvoller Zusammenhang für eine große geistige Gegen—
bewegung gegen das Vatikanum.
Gleichwohl begann diese am Rhein, in den katholischen
Teilen des östlichen Preußens und in Bayern. Am kräftigsten
in Bayern. Hier trat als ihr geistiger Führer vor allem
Döllinger hervor. Döllinger, einer der Genossen des geistigen
Kreises um König Ludwig J. in den vierziger Jahren, stets
gut katholisch und in starkem Gegensatz zum Protestantismus,
        <pb n="304" />
        Ursprung, Verlauf und Ausgang des Kulturkampfs. 655

hatte sich schon vor dem Konzil mit den Waffen schärffter und
gründlichster Gelehrsamkeit gegen die drohende Gefahr gewendet;
dann hatten schon am 285. August 1870 die bedeutendsten
Professoren der katholischen Theologie unter seiner Führung
eine Erklärung gegen die Infallibilität erlassen und die Ein—
berufung eines freien Konzils diesseits der Alpen gefordert;
jetzt nahm er, am 6. April 1871, eine Zustimmungsadresse der
Münchener Univerfsitätskollegen entgegen, in der die Beschlüsse
des Vatikanums ein „Werk der Gewalt“ genannt wurden: und
demonstrativ wurde er im August 1871 zum Rektor der Hoch—
schule gewählt.
Inzwischen hatte sich zur Opposition gegen das neue
Dogma in München ein Aktionskomitee gebildet; die besten
Namen der geistig bewegten Gesellschaft gehörten ihm an; König
Ludwig war ihm nicht abgeneigt; am 22. Juli 1871 hatte
ein Ministerwechsel stattgefunden, der den Justizminister Lutz
in den Vordergrund schob und ein Entgegenkommen gegenüber
dem Aktionskomitee bedeutete. Unter diesem günstigen Stern
schwoll die antivatikanische Bewegung immer mehr an; man
wollte bei der alten katholischen Kirche verbleiben und scheute
nicht den Vorwurf der Häresie und den Bann, wie er von
den papalen Bischöfen verhängt zu werden begann.
So erwuchsen die Voraussetzungen des Altkatholizismus.
Am 5. und 6. August 1871 fand unter dem Vorsitz des Juristen
Windscheid eine Vorversammlung von Altkatholiken geistlichen
und weltlichen Standes in Heidelberg statt, auf der die alt⸗
katholischen Strömungen von ganz Deutschland vertreten waren;
ihr folgte vom 22. bis 24. September ein allgemeiner Alt⸗
katholikenkongreß in München: man kam zum Entschlusse, gegen⸗
üͤber dem papalen Vorgehen der Bischöfe in die Bildung eigener
altkatholischer Gemeinden einzutreten.
Die folgenden Jahre brachten dann die Ausführung dieses
Vorhabens, nachdem sich alsbald die bayerische Regierung,
bald darauf auch die meisten anderen deutschen Regierungen
entgegenkommend gezeigt hatten; in der bayerischen Rheinpfalz
vornehmlich, im Badischen, in der Rheiuprovinz, aber auch im
        <pb n="305" />
        656 Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

bayerischen Franken bildete sich eine Anzahl von Gemeinden.
Ablehnend dagegen verhielt sich, mit Ausnahme fast nur von
Breslau, der katholische Nordosten, obgleich auch hier die Zahl
der Gegner des Vatikanums groß war.
Im ganzen aber ließ sich doch spätestens schon im Jahre
1873, trotz der noch weiter erfolgenden Gemeindebildung, uͤber—⸗
sehen, daß die ganze Bewegung nicht imstande sein werde, die
ungeheure Masse der indifferenten oder aus sonstwelchen Gründen
dem Vatikanum nicht öffentlich entgegentretenden Katholiken,
geschweige denn die papal-klerikalen Katholiken, zu durchsäuern.
Indem die Altkatholiken sich auf der Septembersynode des
Jahres 1873 einen eigenen Bischof wählten, erkannten sie bis
zu einem gewissen Grade selbst an, daß sie nur eine Kirchen⸗
gemeinschaft neben anderen, nicht ein fermentierendes Prinzip
der großen katholischen Kirche seien: die im Jahre 1871 viel—
leicht noch denkbar gewefene Auflehnung des nationalen
Katholizismus überhaupt gegen die Unfehlbarkeit und die diese
vertretenden Bischöfe war gescheitert.
Bedenkt man nun noch weiter, daß die altkatholische Kirche
im Jahre 1878, in der Zeit ihres vollen Ausbaues, nur zwei⸗
undfünfzigtausend Seelen umfaßte — 1882, ungefähr nach Be⸗
endigung des Kulturkampfes, waren es nur noch fünfunddreißig⸗
tausend —, so liegt auf der Hand, daß sie auch als selbständig
gewordene geistige Macht gegenüber dem vatikanischen Katholi—⸗
zismus nicht in Betracht kommen konnte, zumal sie sich bald
in unfruchtbare innere Streitigkeiten über die Trinitätslehre,
den Priesterzölibat u. a. m. verlor.
Unter diesen Umständen hätten die deutschen Staaten in
dem für sie notwendigen Kampfe der politischen Selbsterhaltung
und des kulturellen Fortschrittes gegen den Klerikalismus und
die Lehren des Vatikanums einen geistigen Bundesgenossen nur
noch am Protestantismus finden können. Allein auch diese Hilfe
kam zunächst für vorwiegend katholische Staaten, wie Bayern,
kaum in Betracht; und fie wurde auch für die anderen Staaten
durch die Entwicklung des Protestantismus seit den fünfziger
und sechziger Jahren ausgeschlossen. Wir kennen diese Ent—⸗
        <pb n="306" />
        Ursprung, Verlauf und Ausgang des Kulturkampfs. 657

wicklung bereits!: von den staatlichen Gewalten erniedrigt und
ausgenützt besaßen die protestantischen Kirchen im Anfang der
siebziger Jahre nicht mehr die Kraft, im Kampfe gegen den
Klerikalismus überhaupt selbständig aufzutreten; und soweit sie
sich in diesen Kampf einmischten, geschah es in der ihnen
während der fünfziger Jahre eingeimpften reaktionären Weise
und somit zugunsten des allgemeinen mittelalterlichen Stand⸗
punktes des Papsttums.
Unter diesen Umständen sah sich der Staat in dem Kampfe
gegen den Klerikalismus von den kirchlichen und religiösen
Geistesmächten der Nation verlassen; nur die geistigen Kräfte
des politischen Liberalismus — schon nicht mehr die des
prinzipienbewußten Demokratismus —, allenfalls auch noch die
sonst von ihm scheel angesehenen Kräfte des religiösen Liberalis—
mus, wie sie sich im Protestantenverein und in gewissem Sinne
im Altkatholizismus konzentrierten, konnten für ihn in Betracht
kommen. Nichtsdestoweniger mußte der Staat in dieser un⸗
günstigen Position den Kampf aufnehmen. Denn schon hatte
die jesuitisch-papale Bewegung in Deutschland umfassend mobil
gemacht.
Die große Zeit des Krieges hatte die Kreise dieser Be⸗
wegung in Deutschland natürlich weniger gestört als die
emphatisch nationalen, wenn sie den deutschen Siegen nicht
etwa gar mit verhohlenem Grimm gefolgt waren. Zudem
war man um so eher zu raschem eigenem Zusammenschluß
bereit gewesen, als politische Parteibildungen auf katholischer
Grundlage schon längst versucht waren. Die Organisation der
kirchlichen Vereine hatte da die vorzüglichsten Agitationskörper
zur Vorbereitung auch klerikaler Wahlen geliefert. Damit war
der Boden gegeben gewesen, aus dem fich schon 1832 im
preußischen Landtage eine katholische Fraktion erhoben hatte,
nachdem bereits 1848 einzelne Abgeordnete gewählt worden waren,
denen die Vertretung der katholischen Interessen zur besonderen
Pflicht gemacht worden war. Und schon 1854 waren die Dinge so

S. oben S. 809 ff. auch 629 f.
        <pb n="307" />
        358 Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

weit gediehen, daß der Minister von Manteuffel von der
Fraktion als einer Partei reden konnte, „der die Existenz des
— 0——
Im Laufe der fünfziger und sechziger Jahre hatte sich dann
diese Parteibildung namentlich in Preußen konsolidiert, da sie
hier zugleich durch einen gewissen Regionalismus der neu—
erworbenen Provinzen Rheinland und Westfalen getragen wurde,
die sich dem neuen staatlichen Verbande noch immer nicht gänz⸗
lich einfügen wollten. Auch war kein Zweifel, daß die Be—
strebungen der in diesem Zusammenhange handelnden Politiker
durch die zum guten Teile großdeutschen und immer nur zu
gern partikularistischen Sympathien der süddeutschen Katholiken
getragen wurden.
Diese Anfänge nahmen nun, nachdem sie unter der Wucht
der Ereignisse des Jahres 1866 noch einmal beträchtlich ge⸗
litten hatten, unter den Vorbereitungen und dem Verlaufe des
Vatikanums viel festere Formen an. Schon im Juni 1870
machte sich für die Wahlen zum preußischen Abgeordnetenhaus
eine Agitation bemerklich, die sich ausdrücklich als katholisch
hezeichnete und die Sorge für die Souveränität der Kirche,
für die konfessionelle Volksschule sowie den Widerspruch gegen
eine größere Entwicklung der Staatseinbeit des Norddeutschen
Bundes als Losung ausgab.
Als dann der Krieg mit Frankreich so glorreich begonnen
war und italienische Truppen Rom besetzt hatten, da be—
schlossen die Führer dieser Bewegung, die Wahlen so zu
dirigieren, daß man die Regierung kraft ihres Ausfalles ver⸗
anlassen, nötigenfalls auch zwingen könne, dem Papste bei⸗—
ständig zu sein. Und so wurde die Bedingung aufgestellt,
daß sich der zu wählende Kandidat verpflichte, einer be—
sonderen katholischen Fraktion beizutreten; und Männern von
untadelhaft katholischer Gesinnung, die auf eine solche Ver⸗
pflichtung nicht eingehen wollten, wurde die Kandidatur ver⸗
weigert.
Was diesen Vorgängen noch einen besonders bedenklichen
Charakter gab, war die Tatsache, daß sie sich alsbald mit dem
        <pb n="308" />
        Ursprung, Verlauf und Ausgang des Kulturkampfs. 659

damals noch gefährlichsten aller deutschen Partikularismen, dem
welfischen, zu verquicken und auch den bayerischen Partikularismus
heranzuziehen drohten. Entscheidend war in dieser Hinsicht
das Auftreten Windthorsts, eines an sich wohl gut deutschen
und konservativen, aber durch die Verhandlungen, die er mit
Preußen wegen des Welfenfonds hatte führen müssen, verbitterten
Hannoveraners, der sich, taktisch hochbegabt, bald zum Führer
der in sich noch vielfach zerfplitterten Bewegung aufschwang.
Windthorst, um diese Zeit schon ein Mann reichster politischer
Erfahrung, hatte bereits das Zollparlament des Jahres 1868 zur
Entwicklung einer fester organisierten Opposition benutzt, indem
es ihm zum ersten Male gelungen war, politisch an sich sehr
derschiedenartig denkende Männer, Katholiken, Partikularisten,
Fortschrittlich-Liberale, Sozialdemokraten, Konservative aus den
neuen preußischen Provinzen zu Verneinungszwecken unter einen
Hut zu bringen: und der Opposition dieser Gruppe war es
dann zum guten Teile anzurechnen gewesen, wenn sich das Zoll⸗
parlament nicht zu einem Vollparlament entwickelten. Dann
hatte freilich die kriegerische Stimmung und schließlich die
Begeisterung von 1870 diese Anfänge wieder zerstört. Allein
wurden eben um diese Zeit die Massen nicht auch schon in
anderer, durchaus günstiger Richtung erregt? In den nach
dem Vatikanum beginnenden Kämpfen um die Unfehlbarkeit
stellten sie sich, echt demokratisch, ganz auf die Seite des Papstes.
Und diesen Massen fehlte, zunächst in einer katholisch-alt⸗
gläubigen Aristokratie, auch die Führung nicht. Es war ein
Zusammenhang, der, an sich gegeben, nur voll erkannt und aus—
genutzt werden mußte. Windthorst überschaute das völlig. Und
früh schon handelte er entsprechend. Bereits im Herbst 1870 hatte
er auf einem oberbayerischen Schlosse eine geheime Zusammen⸗
kunft mit bayerischen, vornehmlich adligen Partikularisten; auf
ihr wurde beschlossen, auch bei den bevorstehenden Reichstags⸗
wahlen Kandidaten für eine besondere klerikale Partei auf—⸗
zustellen.

S. oben S. 506 ff.
        <pb n="309" />
        360 Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

Darauf gelang es schon im November 1870, nach der
Septemberunterwerfung der Bischöfe unter das Vatikanum, in
den damals stattfindenden Wahlen für das preußische Ab—
geordnetenhaus etwa sechzig Abgeordnete als Anhänger des Kleri—
kalismus wählen zu lassen. Daß diese Sechzig freilich eine kirch—
liche Partei für sich bilden sollten, das widerstrebte damals noch
gerade den Besten unter ihnen; Peter Reichensperger hat diese
Möglichkeit sogar noch Ende 1870 als ein Unglück für die
Katholiken bezeichnet.
In der Tat waren auch die Mitglieder der künftigen Partei
in sich noch nicht gefestigt genug; Windthorst selbst war auch
äußerlich noch bei weitem mehr Welfe als Klerikaler; noch zweifelte
er, obwohl gläubiger Katholik von Jugend auf, an der Unfehl—
barkeit, und noch glaubte er andrerseits, auch die gemäßigten
katholischen Elemente in den Kampf gegen das von ihm in der
nun einmal bestehenden Gestaltung gehaßte Reich hineinreißen
zu können, wie denn überhaupt in diesen Frühzeiten katholisch—
konservativ und klerikal vielfach zusammengingen und man
bei Beurteilung der Stellung des Klerikalismus der Jahre 1870
bis 1878 nicht vergessen darf, daß damals auch die Pro—
testantisch⸗ Konservativen der neuen Entwicklung des Reiches
Opposition machten!. Erst die Wahlen zum Reichstage, März
1871, brachten dann für die neue Partei völlige Klärung: jetzt
erst erwuchs der Klerikalismus zur eigentlichen Parteiorganisa⸗—
tion; die Beziehungen zu dem deutschen Partikularismus jeder
Art, auch zu den protestantischen Welfen erweiterten sich auf
das Polentum; die gemäßigten Laien verschwanden; die Bischöfe
und mit ihnen alle letzten Reste romantisch-katholischer Aristo—
kratie traten in den Hintergrund; die katholische Demokratie
der Kanzel und des Beichtstuhls erhoh sich, die Ausbreitung der
Kaplanspresse begann.
Wenn dabei trotz alledem in der sich bildenden Partei noch
auf den ersten Blick sehr heterogene Elemente saßen: neben den
hochkonservativen bayerischen Adligen und Junkern aus Preußen

S. dazu unten S. 673 ff.
        <pb n="310" />
        Ursprung, Verlauf und Ausgang des Kulturkampfs. 661

so radikale Männer wie der Dr. Krebs aus Köln, der mit
Johann Jakoby im preußischen Abgeordnetenhause das Budget
zu verweigern pflegte: so war das nur anscheinend ein Wider⸗
spruch. Gerade dies war vielmehr, völlig konsequent nach der
bisherigen Entwicklung der katholischen Kirche im 19. Jahr⸗
hundert, das Bezeichnende, daß sich die politisch konservativen
und liberalen Extremen in der neuen Partei schließlich, je länger
je mehr allerdings unter Uberwiegen des Demokratismus,
zusammenfanden.
Dieser Doppelstellung entsprachen denn auch die beiden
Forderungen, die von der Partei im versammelten Reichstage
geltend gemacht wurden. Den Konservativen war es aus der
Seele gesprochen, daß, wie schon während fast des ganzen
rieges von den Klerikalen, so jetzt von der Partei gegenüber
dem Prinzip der Nichteinmischung in fremde Angelegenheiten,
das die Thronrede des Kaisers bei der feierlichen Eröffnung
ausgesprochen hatte, vielmehr die Forderung aufgestellt wurde,
das Deutsche Reich solle seine jungen Kräfte zur Restitution
—D— eine,
nach Ansicht des konservativen Zentrums, wohlbegründete
Forderung. Am 7. Oktober 1870 hatte der Kardinalstaats⸗
sekretür Antonelli den Gesanden des Norddeutschen Bundes
hbei der Kurie, Grafen Arnim, gefragt, ob der Papst, wenn von
dem piemontesischen Könige aus Italien vertrieben, in Preußen
eine Zuflucht finden werde? und hatte darauf eine zustimmende
Antwort erhalten. Darauf hatten im November 1870 Erz⸗
bischof Ledochowski von Posen und Kardinalerzbischof Bonne⸗
chose von Rouen bei Bismarck eine Intervention der deutschen
Politik zugunsten des Heiligen Stuhles gegen den Räuber des
Patrimoniums Petri nachgesucht: als wenn sich die Notwendig⸗
keit, so zu handeln, aus dem früheren Angebot eines Asyls
folgern ließe: und sie waren abgewiesen worden. Nun nahmen
sich die konservativen Elemente im Zentrum dieser Forderung
parlamentarisch an.
Die radikalen Elemente aber trieben die neue Partei dahin,
daß sie bei der Beratung der Reichsverfassung einen Antrag auf
        <pb n="311" />
        662 Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

Einschaltung von Grundrechten in die Verfassung stellte, obwohl
man wußte, daß der Verfassungsentwurf, als ein Instrument
völkerrechtlichen Vertrages zwischen den einzelnen Bundesstaaten,
wenig Anderungen vertrage. Und natürlich forderte die Partei
die Einfügung derjenigen liberalen Grundrechte, deren Brauch—
barkeit für die Entwicklung des Klerikalismus seit 1848 er⸗
probt war: der unbeschränkten Meinungs- und Versammlungsfreiheit,
 der unbeschränkten Vereinsfreiheit, vor allem aber des
in der preußischen Verfassung garantierten Rechts, daß die
katholische Kirche „ihre Angelegenheiten selbständig verwalte“.
Hinter diesen Forderungen aber blickte dann schon das
ganze System der papal-jesuitischen Agitation überhaupt durch;
in den Beratungen sprach Windthorst es aus: „Wollen Sie die
Einmischung für die Wiederaufrichtung des päpstlichen Stuhles
nicht, dann sagen Sie lieber gleich: Überall ie wir nach
dem Rechten sehen, nur in dieser Sache nicht; das ist des
Pudels Kern: Sie wollen erklären, die Lebensinteressen Ihrer
katholischen Mitbürger unberücksichtigt zu lassen!“
Aber auch von der anderen Seite her verstand man den
unüberbrückbaren Gegensatz, der sich in der neuen Parteibildung
und schon ihrem ersten Auftreten ankündigte. Der Jurist Römer
antwortete Windthorst mit dem Hinweis auf den Charakter
seiner Partei: „Das Oberhaupt jener Herren ist kein Kaiser,
sondern ein Priester, kein Deutscher, sondern ein Fremdling;
ihre Heimat ist nicht Deutschland, sondern Rom.“ Die An—
träge der neuen Partei fielen. Die Partei selber aber organi—
sierte sich mittels eines fast völlig farblosen Programms, das
ihr volle Freiheit des Handelns ließ; und farblos nannte sie
sich nach der Lage der von ihr im Reichstage gewählten Sitze
das Zentrum.
Inzwischen hatte sich der Gegensatz zwischen Klerikalkirche
und Staat aber auch auf dem Wege der Verwaltung schon
deutlich zu entwickeln begonnen. In Preußen hatte bereits
Ende 1870 der Erzbischof von Köln die Professoren geistlichen
Standes an der Universität Bonn, die einen Revers über
Annahme der Unfehlbarkeit nicht unterzeichnen wollten, von
        <pb n="312" />
        Ursprung, Verlauf und Ausgang des ANulturkampfs. 663

der Ausübung priesterlicher Handlungen entbunden und den
Studierenden der Theologie den Besuch ihrer Vorlesungen
untersagt. Im Janvar 1871 hatte dann der Fürstbischof von
Breslau die Regierung ersucht, zwölf Lehrer des katholischen
Gymnasiums zu Breslau, die Gegner der Infallibilität waren,
zum Widerrufe zu veranlassen oder zu versetzen. Ahnlich, nur
schlimmer waren seit März und April 1871 der Erszbischof von
Köln und der Bischof von Ermland gegen andere Lehrer an
mittleren und höheren Schulen vorgegangen.
Demgegenüber hatte sich die preußische Regierung auf den
Standpunkt gestellt, daß sie Verkündigung und Annahme der
Unfehlbarkeit seitens der Gläubigen nicht hindern könne, daß
sie es aber ablehnen müsse, katholische Lehrer, denen ihr Ge—
wissen den Glauben an die Infallibilität verbiete, zur Ver—
kündigung dieser Lehre zu nötigen, zumal es sich um ein Dogma
handle, das für das gegenseitige gute Verhältnis von Staat
und Kirche als verderblich erachtet werden müsse. Und von
diesem Standpunkte aus handelte sie nun, indem sie die Lehrer
in ihren wohlerworbenen Rechten schützte. Um aber zugleich
die Einheit und Energie ihres Handelns zu sichern, löste sie
am 8. Juli 1871 die katholische Abteilung im Kultusministerium
auf, da sie sich seit ihrer Begrundung im Jahre 1841 als ein
Hort jesuitischen Einflusses erwiesen hatte.
Gegen dieses Verfahren protestierte darauf der Bischof
Krementz von Ermland am 22. Juli 1871 in einem Hirten⸗
hriefe an die Gläubigen seiner Diözese, indem er es als
einen Angriff auf den katholischen Glauben, eine Verletzung
der bestehenden Gesetze, einen verhängnisvollen ersten Schritt
auf abschüssiger Bahn bezeichnete. In demselben Sinne etwa
sprachen sich aber bald auch alle preußischen Bischöfe, die in
den Tagen vom 5. bis 7. September in Fulda versammelt
waren, in einem Protest an den Kaiser aus: worauf ihnen der
Kaiser am 18. Oktober antwortete, nichts werde ihn abhalten,
auch in Zukunft ebenso wie bisher darauf zu achten, daß in
seinen Staaten jedem Glaubensbekenntnis das volle Maß der
Freiheit, welches mit den Rechten anderer und mit der Gleich—
        <pb n="313" />
        564 J Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

heit aller vor dem Gesetze verträglich ist, gewährt bleibe“.
Deutlich lagen damit in Preußen die großen Gegensätze zutage.
Nicht viel anders, nur für den Staat noch gefahrdrohender,
waren aber die Dinge auch in Bayern verlaufen, da die Re—
gierung sich hier anfangs unentschlossen gezeigt hatte. Die
Bischöfe hatten zunächst überall die Unfehlbarkeit ohne könig—
liches Plazet verkündigt auch gegen den ausdrücklichen Befehl
der Regierung: sie hatten dann auf Grund dieser Verkündigung
zahlreiche Exkommunikationen vollzogen und angedroht; ja im
Mai 1871 hatten die Oberhirten von Bamberg und Regens—
burg alle Eide für ungültig erklärt, die den Kirchensatzungen,
und das hieß natürlich auch dem vatikanischen Dogma, wider—
sprächen.
Der Staat bekam demgegenüber erst durch einen Re—
gierungswechsel vom 22. Juli 1871 Luft, infolge dessen die Ab—
wehr gegen das bischöfliche Verfahren an den Minister Lutz über—
ging. Lutz sprach sich, nach einem strengen Erlaß an den
Münchener Erzbischof vom 27. August, am 14. Oktober 1871
in der Kammer über die Haltung der neuen Regierung dahin
aus: „sie werde allen katholischen Staatsangehörigen geistlichen
und weltlichen Standes, welche die Unfehlbarkeit nicht an—
erkennen, den vollen, in den Gesetzen des Landes begründeten
Schutz gegen den Mißbrauch geistlicher Gewalt gewähren“.
Damit war in Bayern zu gleicher Zeit derselbe Standpunkt
eingenommen wie in Preußen: die Lage drängte zur Abwehr
im Kampfe: und nach dem bisherigen Verlaufe mußte dieser
in den größten Bundesstaaten und damit zugleich auch im
Reiche aufgenommen werden.
        <pb n="314" />
        III.

Der erste Schritt zur Zurückdrängung der klerikalen
Kampfesstellung ging von der bayerischen Regierung aus und
führte ins Reich. Seit dem vollen Emporkommen der klerikalen
Partei war die katholische Kirche weithin in eine Agitation
eingetreten, die Beichtstuhl und Kanzel in den Dienst der
Tagespolitik stellte. Schon gelegentlich der ersten Reichstags⸗
wahlen waren in dieser Hinsicht vom Rhein her die beweg⸗
lichsten Klagen erschollen; und aus Bayern wurden erst recht
Beispiele direkter Aufreizung der Gläubigen gegen die Staats—
gewalt berichtet.
Darum schien es notwendig, den Mißbrauch der Kanzel
strafrechtlich verfolgen zu können, und Bayern beantragte beim
Bundesrat zu diesem Zwecke einen Zusatz zum Reichsstrafgesetz⸗
buch. Einstimmig wurde der Antrag genehmigt; am 28. No⸗
vember 1871 fand er die Zustimmung auch des Reichstags.
Seitdem hat Bayern die Initiative des Reiches weniger in An—
spruch genommen; im Juni 1872, nach dem Tode des Minister⸗
präsidenten von Hegnenberg-Dux, folgte sogar noch eine kurze
Periode inneren Schwankens, bis das Land unter von Pfretzschner
von neuem, und nun auf lange, eine antiklerikale Führung erhielt.
Inzwischen hatte man sich aber auch in Preußen nicht
verhehlen können, daß die Staatsgewalt einer Stärkung gegen
die andrängende Kirche bedürfe: dem Landtag, der am 27. No—
vember 1871 zusammentrat, wurde daher die Ankündigung
eines Gesetzes gemacht, das die Aufsicht über die Schulen grund—
sätzlich in die Hände staatlicher Schulinspektoren legen sollte,
sowie die Aussicht auf ein Zivilstandsgesetz eröffnet.
Aber die Dinge bewegten sich hier nicht ohne starke Reibung
Lamprecht. Deutiche Geschichte. XI, 2. 43
        <pb n="315" />
        666 Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

vorwärts. Es zeigte sich bald, daß eine Gesetzgebung, die den
Standpunkt des Staates gegenüber den kirchlichen Genossen—
schaften generell festzulegen bestimmt war, auf den Widerstand
der konservativ-orthodoxen Strömungen in der evangelischen
Kirche stieß. Und diese waren nicht nur im preußischen Land—
tage stark vertreten; sie beherrschten auch noch großenteils die
Regierung, wie denn der Kultusminister von Mühler ihr
eifrigster Vertreter war, und fanden einen gewissen Rückhalt
auch an dem Träger der Krone selbst.
So hatte es kommen können, daß das Schulaufsichtsgesetz,
das dem Landtag am 14. Dezember 1871 vorgelegt wurde, im
Ministerrat gegen die Stimme des Kultusministers beschlossen
worden war. Und es war augenscheinlich, daß erst nach Be—
seitigung wenigstens dieses Ministers eine neue Schutzgesetz—
gebung Aussicht auf erfolgreiche Durchführung hatte. In dieser
Hinsicht brachte indes der Anfang des neuen Jahres Klärung.
Auf Drängen aller liberalen Parteien und der Freikonservativen
reichte der Herr von Mühler am 12. Januar 1872 seine Ent—
lassung ein. An seine Stelle trat der energische und selbständige
Geheime Oberjustizrat Falk.
Falk zog die bisher vorgelegten Gesetzentwürfe mit Aus—
nahme dessen über die Schulaufsicht zurück, um sie umarbeiten
zu lassen; das Schulgesetz aber fand im Februar und März
die Zustimmung der beiden Kammern. Dabei brachten die Er—⸗
zrterungen gelegentlich seiner Beratung wenigstens in einer
Hinsicht Aufschluß über die Ziele der Regierung. So sehr wie
diese die Notwendigkeit einer allgemeinen Übertragung der Schul—
aufsicht an staatliche Behörden prinzipiell gegenüber allen Kirchen
betonte, so ließ sie doch keinen Zweifel darüber, daß eine von
den kirchlichen Otganen, besonders den Pfarrern, absehende
Schulinspektion für sie nur da praktisch in Frage kommen werde,
wo sich Klerikalismus und politische Reichsfeindschaft ver—
knüpften: so vor allem in Polen. In der Tat ist das Gesetz
in diesem Sinne gehandhabt worden. Und ganz allgemein
sprach sich Fürst Bismarck in dem Sinne aus, daß er vor
allem eine Verquickung der Reichsfeindschaft, wie sie vornehm⸗
        <pb n="316" />
        Ursprung, Verlauf und Ausgang des Kulturkampfs. 667
lich im deutschen Partikularismus blühe, mit dem Klerikalis⸗
mus vermieden sehen wolle. Darum suchte er denn auch das
gentrum von seinem Führer Windthorst zu trennen: öffentlich
in Reichstage rief er ihm zu, daß es „leichter mit dem Staate
zum Frieden gelangen werde, wenn es sich der welfischen Führung
entzöge“. Es war ein vergeblicher Versuch; eben an Windt⸗
horst als an ihrer „Perle“ hielt die Partei zäh fest. Und so schloß
denn dieses erste Scharmützel des preußischen Kulturkampfes
mit der ausgesprochensten Verquickung des Klerikalismus, des
Polentums und des extremen Partikularismus.
Im Reiche aber folgten bald Vorgänge, die neben dem
parlamentarischen Vorspiel die ersten Vorgefechte mit der Kurie
brachten. Die Kurie hatte bisher noch eine äußerlich freund⸗
liche Haltung gegen das neue Reich eingenommen; würdig hatte
der Papst den Kaiser zur Aufrichtung der deutschen Einheit
beglückwünscht, und längere Zeit hatte der Kardinalstaatssekretär
Antonelli die energische Haltung des Zentrums anscheinend nicht
völlig gebilligt. Dann aber hatten sich erste Spuren einer tat⸗
sächlichen Übereinstimmung mit dem Standpunkte der klerikalen
Partei gezeigt. Es ist, bei allem starken Schwanken der generellen
Beziehungen der Zentrumspartei zur Kurie, vielleicht doch ein
wenig etwas wie ein typischer Vorgang für die ganze Ent⸗
wicklung und spätere Beilegung des Kulturkampfes: die extremen
Forderungen werden zuerst nicht so sehr von der diplomatischen
wie von der parlamentarischen Vertretung der Kurie geltend
gemacht: hat diese die feindliche Stellung gelockert, so erfolgt
erst dann der zentrale Angriff durch den obersten Vertreter der
klerikalen Prinzipien selbst — falls nicht etwa eine parlamentarische
Niederlage die Regierung schon vorher in die Arme der Kurie
getrieben hat.
Diesmal wurde die vom Zentrum eingenommene Angriffs—
stellung von der Kurie dadurch erst zum Ausdruck auch ihrer
Anschauungen gemacht, daß der von der preußischen Regierung
in allerdings nicht herkömmlicher Weise im April 1872 zum
Botschafter beim päpstlichen Stuhle präsentierte Kardinal
Hohenlohe, ein Bruder des bayerischen Ministerpräsidenten, als
43 *
        <pb n="317" />
        668 J Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

hierzu ungeeignet zurückgewiesen wurde. Es war ein Vorgang,
der in Berlin Bedauern hervorrief und im Reichstage offenen
Zorn heraufbeschwor.
Am versöhnlichsten sprach hier noch Fürst Bismarck. Er
betonte, daß er trotz allem auch weiterhin nach bestem Können
für geregelte diplomatische Beziehungen zwischen der Kurie und
dem Reiche sorgen werde: denn nur fortwährende persönliche
Fühlungnahme, nicht mehr ein Konkordat, schien ihm nach dem
Vatikanum noch das Verhältnis von Staat und katholischer
Kirche bestimmen zu können. Freilich: eine solche Politik von
Fall zu Fall konnte der Kurie gegenüber nur ein Staatsmann
ersten Ranges als unter Umständen erfolgreich in Aussicht
stellen; aber der Fürst tat dies: „Seien Sie außer Sorge,“
rief er, „nach Kanossa gehen wir nicht.“
Verfuhr man so, so bedurfte es um so energischerer ein⸗
seitiger Feststellung und Ausübung der staatlichen Rechte auf
dem Wege der Gesetzgebung und der Verwaltung. Und das
war der Weg, der nunmehr aufs entschiedenste betreten wurde:
es ist das eigentlich Bezeichnende des großen, nunmehr er—⸗
zffneten Kampfes. Die ersten Schritte in dieser Hinsicht brachten
noch Sommer und Herbst 1872. Der Reichstag ergriff die
Initiative zu einem Gesetz, wonach „die staatsgefährliche Tätig—
keit der Orden, namentlich der Gesellschaft Jesu, unter Strafe ge⸗
stellt· werden sollte und verabschiedete in der Tat, trotz drängender
Zeit, noch das Gesetz vom 4. Juli 1872, nach welchem die
Jesuiten und die ihnen verwandten ordensähnlichen Kongre⸗
gationen vom Reichsgebiete ausgeschlossen, deren bestehende
Niederlassungen aufgehoben, die ihnen angehörigen Ausländer
ausgewiesen, die Inländer aber in ihrem Aufenthalt unter Um—
ständen staatlicher Kontrolle unterworfen wurden.
Es war ein schwerer Schlag gegen die mobilen Truppen
des Klerikalismus. Dem Weltklerus aber wurde, soweit er die
Grenzen der bestehenden Gesetzgebung auf Grund seiner Aus—
legung des Vatikanums überschritt, zunächst noch auf dem
Verwaltungswege entgegentreten. So wurde am 28. Mai 1872
der katholische Feldpropst Namszanowski, Bischof i. p. i. von
        <pb n="318" />
        Ursprung, Verlauf und Ausgang des Kulturkampfs. 669

Agathopolis, wegen Ungehorsams vom Amte suspendiert, und
den Bischof Krementz von Ermland, einen der zähesten Ver⸗
treter des Vatikanums, traf, nach immer und immer wieder
vergebens ihm gegenüber bewiesener königlicher Gnade, am
25. September 1872 die Gehaltssperre.
Damit war auf einer Anzahl von Gebieten gegenüber dem
Andrängen des Klerikalismus. in Deutschland die Defensive des
Slaates verstärkt. Von Rom her aber ertönten nunmehr helle
Trompetenstöße zu offenem Angriff. Schon im Juni 1872
hatte sich der Papst einer deutschen Abordnung gegenüber dahin
geäußert, in Deutschland sei eine Verfolgung der Kirche er—
öffnet; er habe den Fürsten Bismarck wissen lassen, daß ein
Feldzug, der sich in einen Kampf gegen die Wahrheit und
die Kirche einlasse, der größte Wahnsinn sei; und er hatte mit
den auf das Reich gemünzten Worten geendet: „Wer weiß, ob
sich nicht bald das Steinchen von der Höhe loslöst, das den
Fuß des Kolosses zertrümmert.“
Weit übertroffen wurden diese Worte aber durch die offene
Kriegserklärung in einer Allokution vom 22. Dezember 1872.
In ihr zog der Papst alle dem Vatikanum feindlichen Staaten
überhaupt in den Bereich seiner Betrachtung, so Italien, so die
Schweiz und so auch das Deutsche Reich. Vor allem Deutschland,
bemerkte er dabei, gehe darauf aus, mit List und Gewalt die
Kirche zu vernichten. „Männer, die nicht nur unsere heiligste
Religion nicht bekennen, sondern sie nicht einmal kennen, nehmen
das Recht in Anspruch, die Dogmen und Rechte der katholischen
Kirche auszulegen. Und bei aller hartnäckigen Bedrückung schrecken
sie unverschämterweise (impudenter) nicht vor der Behauptung
zurück, von ihrer Seite werde kein Schade getan; ja sie scheuen
sich nicht, die anschwellende Verfolgung den Katholiken zur Last
zu legen, weil Klerus und Volk fich weigern, die Gesetze des
weltlichen Reiches den heiligen Gesetzen Gottes und der Kirche
vorzuziehen.“
die Veroͤffentlichung dieser Allokution in Deutschland wurde
oerboten; die Zeitungen, die sie brachten, wurden mit Beschlag be⸗
legt; und am 30. Dezember erhielt der noch in Rom vorhandene
        <pb n="319" />
        670 Fünfundzwanzigstes Buch. günftes Kapitel.

einstweilige Vertreter Deutschlands bei der Kurie, der Legations—
rat Stumm, die Abberufung. So ward das kommende Jahr
von vornherein zu einem ersten großen Jahre des Kampfes. —
In dem Wahlaufruf der Fortschrittspartei vom 28. Mai
1873 führte Virchow aus: „der Streit habe den Charakter
eines großen Kulturkampfes der Menschheit angenommen“. Es
sind die Worte, die der nun beginnenden Zeit die politische
Aufschrift verliehen haben. Und sie enthalten, entkleidet man
sie der Übertreibung des Augenblicks, in der Tat eine Wahr⸗
heit. Nicht um Kirche und Staat, nicht um den Katholizismus
des Vatikanums und die politischen Gewalten der zweiten Hälfte
des 19. Jahrhunderts allein wurde in diesem Zwiste gestritten,
sondern um Mittelalter und Neuzeit der deutschen Nation, ja der
romanisch-germanischen Völkerfamilie.
Die Tendenzen, welche die katholische Kirche aus dem
Mittelalter als die eigenartigen gerade ihrer Ausgestaltung des
Christentums mitgebracht hatte: Unterordnung der Persönlichkeit
unter den für deren tiefste Bildung als maßgebend hingestellten
Formalglauben der Kirche, Gehorsam in geistigen und geist⸗
lichen Dingen an Stelle subjektiv und frei gewonnener Über—
zeugung, stritten mit der Weltanschauung der neueren und
neuesten Zeit, die die Selbstverantwortlichkeit und darum die
Selbsterziehung und geistige Selbstausstattung des Individuums
als höchste Ideale kennt. Ja mehr: das Jugendzeitalter unseres
Volkes, wie es sich in der geistigen Gebundenheit noch des
Mittelalters zeigt und in der Form kirchlicher Tradition hinein
noch ragt in die Neuzeit, stritt mit dem Manneszeitalter, wenn
nicht gar den hier und da schon zutage tretenden Zeichen greisen—
hafter Verbildung.
So gab es in diesem Kampfe, betrachtet man ihn als
Ganzes, nicht Recht und Unrecht im einfachen moralischen
Sinne: diese Begriffe lassen sich nur auf den Einzelverlauf,
die Einzelmaßregeln beziehen. Ins Ganze betrachtet kämpften
Tendenzen herber Gebundenheit, männlicher Freiheit, absterbender
Zerfahrenheit miteinander. Der Wunsch jedes Deutschen aber
konnte nur sein, daß sie alle sich so durchdringen möchten, wie
        <pb n="320" />
        Ursprung, Verlauf und Ausgang des Kulturkampfs. 671

es eine lange und männliche Zukunft der Nation erfordere.
Und das Bedauern mochte sich in den Kampf mischen, daß
die geistlich und geistig zusammenraffenden Tendenzen einer
großen Kirche mit säkularer Vergangenheit nicht allein, ja nicht
einmal hervorragend von deutschen Mächten in den Kampf ge⸗
führt wurden.
Nach dieser Lage der Dinge war der Kampf natürlich
gemeindeutsch. Trat er in einzelnen kleinen Staaten abgeschwächt
auf, so war das die Folge besonderer Verhältnisse, namentlich
geringerer Prozentsätze katholischer Bevölkerung; in Baden waren
zudem die hauptsächlichen Streitfragen schon in den sechziger
Jahren ausgetragen, und in Württemberg waltete ein fried⸗
fertiger Bischof. In Hessen endlich geschah das Unerwartete,
daß der Mainzer Bischof trotz energischer staatlicher Gesetz⸗
gebung sich ruhig verhielt: hier wie in der Schweiz zeigte sich
die Kurie zu Zugeständnissen bereit, um ihre Kraft für die
Kampfesführung in den größeren Staaten zusammenzuhalten.
Als solche aber kamen vor allem Preußen und Bayern in Be⸗
tracht und über ihnen und allen zuvor das Reich.
Zunächst ging Preußen vor. Hier brachte der Kultus⸗
minister Falk im Abgeordnetenhause im November 1872 und
Januar 1873 vier Gesetzentwürfe ein, welche für die Bindung
und Disziplin des Klerus sowie für das Verhältnis der Laien
zum Klerus die Anforderungen des modernen Staates und des
modernen Lebens zur Geltung gelangen lassen sollten. In
ersterer Hinsicht wurde bestimmt, daß ein geistliches Amt nur
erhalten solle, wer deutscher Nationalität sei, die Entlassungs⸗
prüfung eines deutschen Gymnasiums bestanden, drei Jahre
Theologie auf einer deutschen Staatsuniversität studiert und
ein besonderes Examen zum Nachweis seiner allgemeinen wissen⸗
schaftlichen Bildung abgelegt habe. Dabei wurde unter ge—
wissen staatlichen Kautelen und Aufsichtsrechten der Besuch geist⸗
licher Bildungsanstalten als für die Vorbildung zulässig an⸗
erkannt. Sollte darauf der junge Theologe angestellt oder
versetzt oder seine bisher widerrufliche Anstellung in eine
dauernde umgewandelt werden, so verlangte der Staat in jedem
        <pb n="321" />
        72 Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

Falle das Recht des Einspruchs. Und um eine Vereitelung
dieser Bestimmung seitens der kirchlichen Oberen dadurch, daß
die Stellen überhaupt nicht besetzt wurden, zu vermeiden, wurde
bestimmt, daß der Minister die Wiederbesetzung vakanter Stellen
mit einer Geldstrafe bis zu tausend Talern erzwingen könne.
Für die Ausübung der Disziplin der kirchlichen Oberen gegen⸗
über den Geistlichen endlich wurde der Grundsatz geltend ge—
macht, daß sie nur in den Händen deutscher Behörden liegen
dürfe, daß das Disziplinarverfahren die Hauptmerkmale des
modernen Strafverfahrens aufweisen müsse, und daß die
Strafen gewisse Grenzen nicht überschreiten sollten. Zugleich
wurde die Möglichkeit einer Berufung an einen staatlichen Ge⸗
richtshof für kirchliche Angelegenheiten eröffnet.
Das Verhältnis der Laienschaft zu Klerus und Kirche fand
für die fundamentalsten, dem Staate wichtigsten Beziehungen
seine Regelung einmal in der freien Ausgestaltung der Mög⸗
lichkeit, aus der Kirche auszutreten, dann in der Begrenzung
der kirchlichen Straf- und Zuchtmittel. In dieser Hinsicht wurde
festgesetzt, daß diese Mittel nur auf rein religiösem oder rein
kirchlichem Gebiete gebraucht werden dürften, keinesfalls aber
in Anwendung kommen dürften wegen Handlungen, zu denen
Staatsgesetze oder obrigkeitliche Anordnungen verpflichten würden
oder wegen einer bestimmten Ausübung öffentlicher Wahl- oder
Stimmrechte.
Das alles waren Bestimmungen, die im wesentlichen schon
im Staate Friedrichs des Großen gegolten und ins Allgemeine
Landrecht aufgenommen worden waren; die ferner in Süd—
deutschland vielfach zu Recht bestanden ohne Beschwernis der
Kirche und des Klerus. Im preußischen Abgeordnetenhause
aber entfesselte der Versuch, sie einzuführen, jetzt wahre Ströme
der Entrüstung; und zugegeben mußte werden, daß sie sich teil⸗
weise mit einigen der katholischen Kirche äußerst günstigen liberali—
sierenden Bestimmungen der preußischen Verfassung nicht ver—
einigen ließen. Aber freilich wurde von der Majorität des Hauses
hieraus nicht der Schluß gezogen, sie aufzugeben, sondern vielmehr
die einschlagenden 88 15, 16 und 18 der Verfassung entsprechend
        <pb n="322" />
        Ursprung, Verlauf und Ausgang des Kulturkampfs. 673

abzuändern. Es geschah in einem Antrag vom 28. Januar 1874.
Die Regierung erklärte sich mit diesem Vorgehen einverstanden;
und nun passierten die Vorlagen wegen Anderung der Ver—
fassung wie die vier kirchlichen Gesetzentwürfe bis zum 21. März
ohne viel Fährlichketten das Abgeordnetenhaus.
Aber inzwischen hatten die Gegner der Vorlagen außer—
halb des Parlamentes mobil gemacht. Sehr einfach war hier—⸗
bei die Stellung des sich nun völlig papal erweisenden Klerus.
Einmütig protestierte der preußische Episkopat in einer Denk⸗
schrift vom 30. Januar vor dem Ministerium: der Gehorsam
gegen die drohenden Gesetzesbestimmungen sei unvereinbar mit
den beschworenen Amtspflichten jedes Bischofs. Und ebenso
einmütig sprach sich derselbe Episkopat im Beginn des Februars
in Adressen an die Kammern und den König dahin aus, ein
katholischer Christ werde diese Gesetze nur unter schwerster Ver⸗
letzung seines Glaubens befolgen können. Ganz anders aber
schlug noch die klerikale Presse, vornweg die „Germania“ drein;
und die Historisch-politischen Blätter erwarteten „Hilfe und
Rettung nur noch von unten“.
Merkwürdiger indes als all dies war die Haltung der
preußischen Konservativen. Nur aus weiteren Zusammenhängen
heraus läßt sie sich verstehen.
Mit wachsendem Unbehagen und schließlich mit Haß gegen
den leitenden Staatsmann hatte die konservative Partei seit
1866 die Entwicklung der deutschen Dinge verfolgt. Auf dem
Boden des ostelbischen Adels erwachsen, von seinen Anschauungen
getragen, fürchtete sie immer mehr das Aufgehen Preußens in
Deutschland. In dem alten Preußen war sie immer einer der
ausschlaggebenden Faktoren im politischen Leben gewesen: die
Interessen des ostelbischen Teils des Staates ließen sich hier
in ihrem besonderen Schwergewicht niemals verkennen. Dem—⸗
gegenüber drohte jetzt, bei jedem Vorgehen Preußens zur
Einigung Deutschlands, eine Verschiebung des allgemeinen
politischen Schwergewichts innerhalb Preußens nach Westen:
was einer Depossedierung des Ostens und damit der vornehm—
lichen Heimat konservativer Gesinnung gleichkam. Nun war
        <pb n="323" />
        674 Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

aber der Westen wesentlich liberal vertreten, und somit wurde
der zunächst territorial gegebene Gegensatz zugleich auch zu einem
solchen der Parteien. Nur in diesem Zusammenhange erklärt
— D
Liberalen im neuen Reich von Anbeginn herrschte.
In diesem Gegensatze mußte Bismarck, je mehr ihm die
Einigung der Nation als möglich erschien und von ihm als
höchstes Ziel verwirklicht wurde, um so mehr sich nach der
Seite der Liberalen neigen. Der entscheidende Augenblick dafür
war die Zeit nach Beendigung des Krieges von 1866 und das
bezeichnende Ereignis das Gesuch der preußischen Regierung
um Indemnität für die Finanzführung der Jahre vor dem
Kriege. Man weiß, welche schweren Kämpfe es damals dem
Könige, der im Herzen auf seiten der Konservativen stand, ge⸗
kostet hat, die Einbringung dieses Gesuches bei den Kammern
zu genehmigen:.
Von diesem Augenblicke an begann die Opposition der
Konservativen gegen den aus ihren Reihen hervorgegangenen
Kanzler; zunächst still: aber schon Mitte Februar 1868, gelegent⸗
lich der Beratungen über den hannöverschen Provinzialfonds,
wäre es beinahe zum offenen Bruche gekommen. Indes haben
die gemeinsamen nationalen Besorgnisse und die großen Ereignisse
des Jahres 1870 dann doch noch einmal auf kurze Zeit den
Riß verdeckt. Freilich war da schon wieder die Kaiserproklamation
des Jahres 1871 ganz gegen die Meinung der Konservativen ge⸗—
wesen, und wie man weiß, eigentlich auch gegen die des Kaisers
selbst?: denn sie besiegelte den Untergang der alten preußischen
Isoliertheit und ließ, nach der Verquickung der Dinge, nun—⸗
mehr eine vollnationale und das hieß liberale ÄAra mit Gewiß—
heit voraussehen.
Als diese dann eintrat, war der Bruch zwischen dem
Kanzler und den Konservativen unvermeidlich. Bismarck ver—
suchte ihn wohl noch einmal hinauszuschieben, indem er zum

S. oben S. 498 ff
S. oben S. 557 ff
        <pb n="324" />
        Ursprung, Verlauf und Ausgang des Kulturkampfs. J 675

l. Januar 1878 vom Präsidium des preußischen Ministeriums
zurücktrat und diese Würde dem Kriegsminister Roon über⸗
tragen ließ, der, Bismarck aufs engste und herzlichste befreundet,
zugleich ein Konservativer vom edelsten Schlage und in dieser
Hinsicht Gesinnungsgenosse und Vertrauter Kaiser Wilhelms war.
Doch auch diese Maßregel konnte die Entwicklung der inneren
Logik der Dinge wohl aufhalten, nicht aber unterdrücken.
Matt, verdrießlich, verstimmt über den Gang der Dinge
legte Roon am 9. November 1873 das Präsidium nieder, und
Bismarck blieb nichts übrig, als es wieder zu übernehmen.
Und nun brachen die Konservativen, durch keinen warmen und
freundschaftlichen Konnex mehr dem leitenden Staatsmanne
berbunden, offen los. Graf Arnim, bis zum Februar 1874
deutscher Botschafter in Paris, wurde als Kandidat für den
demnächst neu zu besetzenden Reichskanzlerstuhl erklärt; und
als der leichtsinnige Mann in einem Prozeß der Urkunden⸗
unterschlagung im Amte überführt und damit für immer politisch
beseitigt worden war, ja später sogar des Landesverrats überwiesen
werden konnte, da erwuchs aus gewissen Kreisen der Konservativen
eine dunkle Liga, die es unternahm, den Kanzler durch publi—
zistische Verdächtigungen aus dem Amte herauszuärgern und
selbst eingestandenermaßen durch fortgesetzte Verärgerung in seiner
Gesundheit zu schädigen. Die „Kreuzzeitung“ vor allem, dann
eine Reihe von Flugschriften, endlich die „Deutsche Eisenbahn—
zeitung“, später in „Reichsglocke“ umgetauft, fanden sich in
diesem sauberen Geschäfte zusammen: bis Ende 1876 dem
Treiben wenigstens teilweise gerichtlich ein Ende gemacht wurde.
Gelegentlich dieser gerichtlichen Verhandlungen aber wurde
ein Brief des klerikalen Freiherrn von Loe, der in Paris unter
Arnim Botschaftsrat gewesen war, an Gehlsen, den Redakteur
der „Reichsglocke“, verlesen, in dem es hieß: „Ich schlage vor,
die nächste Nummer der ‚Reichsglocke‘ zu einer Benefizvorstellung
zugunsten des Reichskanzlers zu erheben. Vom physiologisch—
medizinischen Standpunkte scheint es mir wichtig, bezüglich
der Reihenfolge der Artikel zuerst das Pathetische und dann
das Komische zu bringen. Die Hauptsache ist, daß von vorn—
        <pb n="325" />
        676 Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

herein gleich die Verdauung auf einige Tage gestört wird, und
das geschieht nur durch leidenschaftliche Erregung.“ Der Brief
—
ihre Verzweigung in klerikale Kreise.
Bismarck suchte dieser in ihrem Dunkel teilweise ganz un⸗
faßbaren Feindschaften schließlich durch ein Radikalmittel Herr zu
werden: im April 1877 reichte er sein Entlassungsgesuch ein.
Er tat es um so eher, als er sich inzwischen längst den ge—
mäßigten Konservativen wieder mehr genähert hatte, als dem
schon im Sommer 1876 eine Umbildung der konservativen Partei
gefolgt war und als er selbst sich damals mit dem Plan einer
großen deutschen Wirtschaftsreform zu tragen begann, für den
er Erfolg nur bei völlig klargemachter Bahn erhoffen durfte.
Und in der Tat: die Kur verfing: während sich der Fürst,
dessen Entlassung vom Kaiser alsbald abgelehnt wurde, auf
zehn Monate nach Varzin zurückzog, um seine neue Politik
vorzubereiten, verstummten die konservativen Intransigenten; und
— EDD
anderen als den bisher bearbeiteten politischen Gebieten: Forde—
rungen, die auch die Stellung der extremen Konservativen zu ihm
zänzlich zu verändern geeignet waren.
Aus diesen Zusammenhängen ergibt sich nun für das Jahr
1873, daß Bismarck damals auf längere Zeit mit der Gegner—⸗
schaft der Konservativen überhaupt zu rechnen hatke. Eben bei Be—
ginn der Gesetzgebung gegen den Klerikalismus trat das alsbald
typisch in Erscheinung. Fast gleichzeitig mit den Kulturkampfs⸗
vorlagen, von denen schon die Rede war, und von denen den
Konservativen besonders das Schulaufsichtsgesetz nicht behagte,
wurde der Entwurf einer preußischen Kreisordnung eingebracht,
die von liberalem Geiste getragen war und in ihren Folgen
schwer in die alte Ordnung namentlich der ostelbischen Gegenden
eingreifen mußte: mit gleichem Eifer wurden beide Richtungen
der Gesetzgebung, die kirchliche wie die administrative, von den
Konservativen angegriffen.
Und das geschah in kirchlicher Richtung um so mehr, als
die Konservativen die Anwendung der hier einschlagenden Gesetz⸗
        <pb n="326" />
        Ursprung, Verlauf und Ausgang des Anlturkampfs. 677

gebung, die durchweg paritätisch gedacht war und also alle
kirchlichen Genossenschaften gleich traf, auf die evangelische Kirche
recht eigentlich als einen Schlag auch gegen ihre Interessen
empfanden. Konservative Anschauung, kirchlich gewandt, mußte
sich in dieser Zeit, nach den Schicksalen des Protestantismus
in den fünfziger und sechziger Jahren, der Orthodoxie zuneigen.
Nun hatte aber die evangelische Orthodorie das Heil der Kirche
eben seit den fünfziger Jahren unter den entsprechenden Modifi⸗
kationen in mancher Hinsicht in derselben Richtung gesucht wie
der Klerikalismus innerhalb der katholischen Kirche: in der Ent—
wicklung eines pastoralen Papalismus. Es war danach selbst⸗
verständlich, daß sich durch die Bekämpfung des Klerikalismus
auch die protestantischen Orthodoxen, und das hieß wieder zum
großen Teile die politisch Konservativen, getroffen fühlten.
Daneben galt für einen Teil der Konservativen, nämlich
den Landadel namentlich der östlichen Provinzen, der zugleich
oielfach Pfarrpatronate besaß, noch ein anderer Zusammenhang.
Dieser Adel hatte zum größten Teile mit den Ortspfarrern in
einem Einvernehmen gelebt, das ihn sehr häufig, ja zumeist, bei
aller Religiosität die Kirche doch zugleich auch als ein Institut
geistlicher und sittlicher Ortspolizei unter seiner obersten Auf⸗
sicht betrachten ließ. In diese patriarchalisch privilegienartigen
Verhältnisse schob sich nun die neue staatliche Gesetzgebung
formal ordnend, alte Zusammenhänge zerreißend ein. Wie
einen persönlichen Angriff, ja wie eine Beleidigung empfand
man, vielfach auch auf seiten der Pfarrer, dies Vorgehen.
So begreift es sich, wenn die konservative Partei in voller
Leidenschaft gegen die antiklerikale Gesetzgebung entbrannte:
nicht minder wie die katholischen haben die evangelisch⸗ortho⸗
doxen und konservativen Organe der öffentlichen Meinung schon
die Serie der im Januar bis März 1873 zur Diskussion
stehenden Gesetze angegriffen. Freilich waren diese trotzdem im
Abgeordnetenhause angenommen worden. Aber die Zustimmung
des Herrenhauses stand noch aus; und die hier stark vertretenen
konservativ⸗orthodoxen Elemente gaben sich alle Mühe, sie zu
verhindern.
        <pb n="327" />
        6378 Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

Hier kam nun der Regierung, in der damals, wie wir
wissen, neben Bismarck Roon als Ministerpräsident führend
mit auftrat und in seiner Person die vorhandenen Gegensätze
gleichsam noch einmal maskierte, der Zusammenhang zwischen
Klerikalismus und Partikularismus zu Hilfe. Als seitens der
Regierung die Tatsache in den Vordergrund gestellt wurde,
der polnische Erzbischof Ledochowski habe angeordnet, einer
Ministerialverfügung keinen Gehorsam zu leisten, wonach der
Religionsunterricht in den höheren Schulen der Provinz Posen
nur auf deutsch erteilt werden dürfe: da wurden die Konser⸗
vativen des Ostens an die Gefahr des polnisch-katholischen
Partikularismus erinnert und stutzig: und die Vorlagen gingen
durch.

So konnte das Gesetz über die Verfassungsänderung am
5. April und konnten die vier Kulturkampfgesetze, die ersten so—
genannten Maigesetze, am 15. Mai 1873 verkündet werden.
Diese Wirkung war merkwürdig.
Die preußischen Bischöfe protestierten von vornherein vom
Grabe des heiligen Bonifatius aus; es war vorauszusehen, daß
sie den Gesetzen nicht gehorchen würden.
Der Papst aber glaubte, wie einst Leo J. vor den Toren
Roms gegenüber Attila, durch ein ungewöhnliches Eingreifen
seiner Person und seines Amtes die Herzen der neuen Ver—
folger der Kirche Gottes wie Wasserbäche lenken zu können: —
freilich in der Form, daß er zugleich einen angeblichen Zwist
in den Reihen der Gegner benutzte. Am 7. August 1873 schrieb
er an Kaiser Wilhelm einen Brief, in dem er den Kaiser darauf
aufmerksam machte, daß die Maßregeln seiner Regierung auf
die Vernichtung des Katholizismus abzielten, und fortfuhr:
„Andererseits wird mir mitgeteilt, daß Eure Majestät das Ver—
fahren Ihrer Regierung nicht billigen und die Härte der Maß—
regeln wider die katholische Religion nicht gutheißen. Wenn
das wahr ist, werden dann Eure Majestät nicht die Überzeugung
gewinnen, daß diese Maßregeln keine andere Wirkung haben
können als diejenige, den eigenen Thron Eurer Majestät zu unter—
graben? Ich rede mit Freimut, denn mein Panier ist Wahr—
        <pb n="328" />
        Ursprung, Verlauf und Ausgang des Kulturkampfs. 679

heit, und ich erfülle meine Pflicht, allen die Wahrheit zu sagen,
zuch denen, die nicht Katholiken sind. Denn jeder, der die
Taufe empfangen hat, gehört in irgendeiner Beziehung oder
auf irgendeine Weise dem Papste an.“
Die Antwort, die Kaiser Wilhelm am 3. September 1873
diesem Briefe zuteil werden ließ, drückte zunächst die Freude des
Kaisers darüber aus, von seiner Heiligkeit wie in früheren Zeiten
durch ein Schreiben geehrt worden zu sein, um so mehr, als ihm
damit Gelegenheit werde, Irrtümer zu berichtigen, die in den dem
Papste über deutsche Verhältnisse zugegangenen Meldungen vor⸗
gekommen sein müßten: Irrtümer vor allem über seine, des
Kaisers, persönliche Stellung zu der kirchlichen Gesetzgebung.
Zum Schlusse aber fuhr der Kaiser fort: „Ich gebe mich gern
der Hoffnung hin, daß Eure Heiligkeit, wenn von der wahren
Lage der Dinge unterrichtet, Ihre Autorität werden anwenden
wollen, um der unter bedauerlicher Entstellung der Wahrheit
und unter Mißbrauch des priesterlichen Ansehens betriebenen
Agitation ein Ende zu machen. Die Religion Jesu Christi hat,
wie ich Eurer Heiligkeit vor Gott bezeuge, mit diesen Um—
trieben nichts zu tun, auch nicht die Wahrheit, zu deren von
Eurer Heiligkeit angerufenem Panier ich mich rückhaltlos be—
kenne. Noch eine Äußerung in dem Schreiben Eurer Heiligkeit
kann ich nicht ohne Widerspruch übergehen, nämlich daß jeder,
der die Taufe empfangen hat, dem Papste angehöre. Der
evangelische Glaube, zu dem ich mich, wie Eurer Heiligkeit be⸗
kannt sein muß, gleich meinen Vorfahren und der Mehrheit
meiner Untertanen bekenne, gestattet uns nicht, in dem Ver—
hältnis zu Gott einen anderen Vermittler als unseren Herrn
Jesum Christum anzunehmen.“
Es waren Worte, die in ihrer Wucht wohl an den denk—
würdigen Brief Kaiser Heinrichs IV. an Papst Gregor VII.
erinnern konnten, an Stärke des Rechtsbewußtseins und stolzer
Demut ihn übertrafen. Das deutsche Volk bekannte sich durch die
gesetzlichen Außerungen seiner Meinung im Herbst und Winter
don 1873 auf 1874 ganz zu ihrem Inhalt. Die Wahlen zum
preußischen Abgeordnetenhause am 4. November 1873 ergaben
        <pb n="329" />
        680 Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

einen fast vollkommenen Ruin der orthodor-konservativen Partei
vom Schlage der „Kreuzzeitung“: die Zahl ihrer Mitglieder sank
auf sechs. Dagegen wurden zweiundzwanzig Neukonservative und
vierzig Freikonservative und zweihunderteinundfünfzig Liberale
verschiedener Schattierungen gewählt. Das Zentrum aber blieb
machtlos, wenn es sich auch um zwanzig Abgeordnete vermehrt
sah und ihm achtzehn Polen und zwei Welfen zugetan waren.
Und auch bei den am 10. Januar 1874 erfolgenden Reichstags⸗
wahlen war das Ergebnis dasselbe. Nationalliberale und Fort—
schrittspartei zusammen hatten schon die absolute Mehrheit in
dem neuen Reichstage, die Konservativen strenger Observanz
waren fast verschwunden.
So konnten die neuen Gesetzgebungsperioden die Festigung
der defensiven Stellung gegen den Klerikalismus bringen,
während das erste Bündel der Maigesetze in Preußen sowie
verwandte Maßregeln in den anderen paritätischen Bundes—
staaten zur Anwendung gelangten.
Der organischen Ergänzung bedurfte die bisher entwickelte
Gesetzgebung eigentlich nur noch an einer Stelle: in der Frage
jener Ehegesetzgebung, von der aus sich im 19. Jahrhundert die
ersten Differenzen zwischen staatlichem Bedürfnis und klerikalem
Wachstum der katholischen Kirche ergeben hatten!. Hier waren
seit dem Vatikanum immer mehr unhaltbare Zustände ein—
getreten. Da der Eheabschluß ganz in den Händen der Geist⸗
lichen lag, so knüpfte die katholische Kirche an ihn die Forderung
auf Anerkennung des Vatikanums und bei gemischten Paaren
selbstverständlich viel energischer als je das Versprechen katho—
lischer Kindererziehung.
Nun war es möglich, in diesen Dingen landesgesetzlich
vorzugehen; und in diesem Sinne griff man die Frage in
Preußen an, indem dem Landtage im November 1873 ein Ent⸗
wurf über die obligatorische Zivilehe und die Personenstands⸗
register vorgelegt wurde, der am 9. März 1874 als Gesetz
verkündet werden konnte. Allein in Bayern war dieser Weg

1S. oben S. 39 ff.
        <pb n="330" />
        Ursprung, Verlauf und Ausgang des Kulturkampfs. 681
nicht gangbar. Denn dort wies der Landtag eine Mehrheit
bon zwei katholischen Stimmen auf, die jede Aussicht auf
das Zustandekommen eines partikularen Zivilehegesetzes ver⸗
schwinden ließ.
So mußte hier die Reichsgesetzgebung herangezogen werden;
und sie war in diesem Sinne von dem bayerischen Reichstags⸗
abgeordneten Völk schon im Jahre 1872 angerufen worden.
Dieser Ruf wurde dann 1873 erneuert; und am 28. März
1874 brachte Völk in Verbindung mit dem Kirchenrechtslehrer
Hinschius den schon 1873 präsentierten Entwurf eines Gesetzes
im Reichstage von neuem ein, worauf dieser mit großer Mehr⸗
heit angenommen wurde. Der Initiative des Reichstages folgte
aber auch der Bundesrat, wennschon unter dem Widerstreben
einer Anzahl von Staaten, darunter anfangs auch Bayerns,
und unter Verwerfung des vom Reichsstage angenommenen Ent⸗
wurfes. Vielmehr wurde nun innerhalb des Bundesrates ein
neuer, übrigens besserer Entwurf ausgearbeitet, der, unter
manchen Bedenken des Kaisers und auch des Fürsten Bismarck,
am 6. Februar 1875 Gesetz wurde. Er ordnete die gesamte
Beurkundung des Personenstandes bei Geburt, Aufgebot, Ehe⸗
schließung und Todesfall von Reichs wegen und schuf die Zivil⸗
ehe, indem er für die Eingehung einer rechtlich gültigen Ehe
die Notwendigkeit jeglicher kirchlicher Mitwirkung aufhob. Es
war ein Schlag, von dem man zur Zeit der Beratung des Ge⸗
setzes vielfach einen schweren Verfall kirchlichen Lebens, eine
Menge rein staatlicher, kirchlich nicht eingesegneter Ehen er⸗
wartete: die Erfahrung hat gezeigt, daß diese Befürchtungen
an dem religiösen Sinn der Nation gescheitert sind.
Mit der reichsgesetzlichen Regelung des Personenstandes, vor⸗
nehmlich der bürgerlichen Ehe, war die einstweilen notwendige
Auseinandersetzung des Staates mit der Kirche im wesentlichen
abgeschlossen; zugleich war mit ihr auch die alte Klage und Plage
der gemischten Ehen aus der Welt geschafft, indem der Staat
jetzt jedem in seinem Gewissen bedrängten gemischten Braut—
paar wenigstens den Ausweg bloß staatlicher Eheschließung
gewährleistete.
Lamprecht, Deutsche Geschichte. XI, 2.
        <pb n="331" />
        382 Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

Aber inzwischen war auch der Widerstand der katholischen
Kirche gegen die ganze Auseinandersetzung des Staates mit der
Kirche zu den hellsten Flammen entfacht. Die Bischöfe waren
weit davon entfernt, die neuen Gesetze anzuerkennen, namentlich
kamen sie der ihnen vorgeschriebenen Anzeigepflicht der Geist—
lichen bei Besetzung kirchlicher Stellen nicht nach.
Die Folge war, daß der Staat sie durch immer größere
Strafen, immer stärkere Zwangsmittel zur Ausübung ihrer
Amtspflichten auch unter der Geltung der neuen Gesetze zu ver—
anlassen suchte. So wurde dem Posener Erzbischof Ledochowski
schon im Oktober 1878 das Gehalt gesperrt, schließlich wurde
ein Verfahren wegen Amtsentsetzung gegen ihn eingeleitet und
er am 3. Februar 1874 gefangengesetzt sowie am 15. April
von dem königlichen Gerichshof für kirchliche Angelegenheiten
seines Amtes enthoben. Am Rhein befanden sich der Erzbischof
von Köln und der Bischof von Trier seit März 1874 gleich—
falls im Gefängnis, um verwirkte Geldstrafen von großer Höhe
abzusitzen; und schon drohte den übrigen Bischöfen über kurz
oder lang das nämliche Schicksal.
Waren nun die Bischofsstühle verwaist und wurde die Ab⸗
setzung ihrer Inhaber durch einen staatlichen Gerichtshof seitens
der katholischen Kirche nicht anerkanunt, mithin von den Dom—
kapiteln auch nicht zu einer Neuwahl geschritten, so war klar,
daß die kirchliche Verwaltung allmählich verwaisen oder in
illegitimer Weise weitergeführt werden mußte. Beides war
für den Staat gleich mißlich: denn am Ende lag es auch in
seinem Interesse, daß den Laien die Tröstungen der Religion
in befriedigender Weise zuteil wurden — andernfalls würde sich
die Laienwelt gänzlich gegen ihn gekehrt haben —: und so
suchte er beiden Möglichkeiten vorzubeugen.
Es geschah in dem Gesetz über die Verwaltung erledigter
Bistümer, das im Mai 1874 mit einigen die Gegensätze freilich
zugleich noch steigernden Ergänzungen der bisherigen Gesetz⸗
gebung — sogenanntes zweites Bündel der Maigesetze — in die
Welt ging. Es bestimmte, daß ein Bistumsverweser, der dieses
Amt übt, ohne den Staatseid geleistet zu haben, mit Gefängnis
        <pb n="332" />
        Ursprung, Verlauf und Ausgang des Kulturkampfs. 688

bis zu zwei Jahren bestraft, ein Domkapitel aber, das sich
weigert, die Wahl eines Verwesers vorzunehmen, mit Zurück—
haltung der ihm zukommenden Staatsgelder bedroht werden
sollte.
Inzwischen aber bestanden Feindseligkeit und Widerstand
in den katholischen Kreisen fort. Diesem Zustande entsprang
das Attentat des Böttchergesellen Kullmann, der in Stendal in
einen katholischen Gesellenverein eingetreten und den verhetzenden
Reden des dortigen katholischen Pfarrers verfallen war: am
13. Mai 1874 schoß er im Bade Kissingen auf den Fürsten
Bismarck. Und seiner Tat suchte die katholische Presse bei—
zuspringen; selbst die ‚Germania“ schrieb, der Fürst könne sich
nicht wundern, wenn der Unwille sich in dem einen oder
anderen Kopfe zum Plan verbrecherischer Gewalttat verdichte.
Den Höhepunkt dieses erbittertsten Widerstandes bezeichnete
schließlich eine Enzyklika des Papstes vom 5. Februar 1875.
Sie forderte die Bischöfe auf, allen zu verkünden, daß die
Kulturkampfgesetze „die göttliche Verfassung der Kirche voll—
ständig umstürzen und die heiligen Gerechtsame der Bischöfe
gänzlich zugrunde richten“. Sie erklärte darum jene Gesetze
für ungültig; sie sprach es aus, daß diese Gesetze anscheinend
nicht freien Bürgern gegeben seien, um einen vernünftigen
Gehorsam zu fordern, sondern Sklaven auferlegt seien, um
den Gehorsam durch die Gewalt des Schreckens zu erzwingen.
Sie erklärte endlich alle Pfarrer, die sich den Gesetzen gefügt
hätten, für der größeren Exkommunikation verfallen und warnte
die Laien vor deren Gottesdienst, Sakramentserteilung und
Umgang.
Der Staat konnte jetzt nicht anders, als mit gleich weit—
gehenden Gegenschlägen antworten. Er belegte die Blätter,
welche die Enzyklika gebracht hatten, mit Beschlag und ließ sie
gerichtlich verfolgen; er stellte die Staatsleistungen für alle
Bischöfe und Pfarrer ein, die sich nicht ausdrücklich zum Ge—
horsam gegen die Gesetze bekannten; er versagte seine Mit—
wirkung zur Erhebung von Kirchensteuern in allen Diözesen
und Pfarrsprengeln, wo es infolge der Eidesweigerung zur
44 *
        <pb n="333" />
        684 Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

Einstellung der Staatsleistungen kam; er beseitigte die Ar—
tikel 15, 16 und 18 der preußischen Verfassung, auf deren
Inhalt die katholische Kirche sich noch immer glaubte berufen
zu dürfen; und er verfügte die Aufhebung der geistlichen Orden
und Kongregationen. Es war eine Reihe gewaltiger Maß—
regeln, deren gesetzliche Genehmigung und Durchführung sich
bis in den Juni 1875 hinzog.
Ihr Ergebnis war für den Staat nicht völlig befriedigend,
traf aber doch vor allem die Kirche. In Preußen, dessen Gesetz—
gebung hier zunächst geschildert ist, dem aber die übrigen
Staaten mehr oder minder folgten, waren bis 1877 nur noch
die Bischofssitze von Kulm, Ermland, Hildesheim und Osna—
brück besetzt. Erledigt waren durch Absetzung oder Tod die
Sitze von Posen, Breslau, Köln, Paderborn, Münster, Trier,
Limburg und Fulda. In Bayern standen die Stühle von
Würzburg und Speier, bald auch der von München leer, in
Baden der Freiburger, in Hessen seit Juli 1877 der Mainzer.
Über die Hälfte aller deutschen Bistümer war vakant.
Und am 1. Juli 1879 waren in Preußen die Dinge so weit
fortgeschritten, daß außer den acht Bistümern auch vierzehn—
hundert Pfarreien vakant waren; dazu waren alle katholischen
Lehrerseminare geschlossen. Die Zahl der Pfarrer, die sich den
Gesetzen gefügt hatte, war zwar nicht gering — man kannte
fie nicht genau, da die Regierung ihre Namen verschwieg —:
aber dennoch fehlten den Laien vielfach die Tröstungen der
Religion: ein Zustand, dessen längere Dauer die Kirche noch
weit weniger ertragen konnte als der Staat.
Außerdem aber war dem Staate im Verlaufe der kirch—
lichen Kämpfe in den verbündeten liberalen und freikonservativen
Parteien eine Mehrheit herangereift, die dem deutschen politischen
Leben dauernd eine starke liberale, jedem Widerstand der Kurie
und der Kirche aufs entschlossenste entgegentretende Mehrheit zu
geben drohte. Denn gerade in den letzten Jahren hatte es sich
gezeigt, daß diese Varteien weit kampflustiger waren als der
Staat selber.
Andererseits war freilich der Widerstand der Kirche keines⸗
        <pb n="334" />
        Ursprung, Verlauf und Ausgang des Kulturkampfs. 685

wegs gebrochen. Blieben auch alle diplomatischen Machinationen
der Kurie gegen das Reich bei der überlegenen Staatskunst des
Fürsten Bismarck erfolglos, so hielt doch die deutsche Kirche
im ganzen treu zum Papste, und die Verbreitung klerikaler Ge⸗
sinnung machte Fortschritte. In der stählenden Luft des Kampfes
nahmen die geistigen Kräfte des Katholizismus zu; wie die
allgemeine jesuitische Wissenschaft allseitiger wurde und eine
Reihe gutklingender gelehrter Namen aufwies, so erwuchs in
Deutschland im besonderen erst jetzt recht eine eigene klerikal⸗
katholische Literatur, Dichtung und Wissenschaft. Und dies
starke Leben fand auch politisch seinen Ausdruck im Zentrum.
Zwar gingen die Stimmen der Partei in den Reichstagswahlen
dom 10. Januar 1877 gegen die Wahlen vom 10. Januar 1874
um hundertneunundvierzigtausend zurück; aber ihre politische
Bedeutung war noch im Wachsen begriffen; eng zog sie alle
partikularistischen Kräfte an sich; und der Versuch, sie durch
eine völlige Wendung der Wirtschaftspolitik, wie sie im Jahre
1879 eintrat, rasch zu zerklüften oder zur Regierung herüber⸗
zuziehen, mißlang.
So schien es im Jahre 1877, als werde bei im wesent—
lichen gleich verteilten Kräften der Kampf auf lange zum Stehen
kommen, wenn sich nicht von beiden Seiten Bereitwilligkeit
zum Friedensschlusse zeige.
        <pb n="335" />
        IV.

—A
gewicht der Kräfte der Kämpfenden immerhin möglich war, erschien
in diesem Moment, soweit die politische Taktik des Fürsten
Bismarck in Betracht kam, schon seit einiger Zeit vorbereitet.
Bereits 1875, während der Kulturkampf die Siedehitze erreichte,
glaubte man eben auf Bismarck gegnerischer Seite beobachten
zu können, daß sich eine Annäherung des Fürsten an die Kon—
servativen ankündige. Im Frühjahr darauf nahm Delbrück,
der Träger der liberalen Ideen in der Reichsregierung, seinen
Abschied. Der Gedanke, durch einen Umschwung der Wirtschafts⸗
politik in eine andere Ära der inneren Politik überhaupt ein—
zulenken, keimte in den Überlegungen des Fürsten immer kräftiger;
das Band, das ihn an die Liberalen knüpfte, lockerte sich, als
ein Versuch dieser, ein Staatssystem ihrer Auffassung durch
Eintritt in die Regierung vollends zu begründen, mißlang.
Es waren Momente, die trotz manches Versuches des Fürsten,
den ganzen Umschwung unter Umbildung der Liberalen zu voll⸗
ziehen, doch schließlich zu einem Siege des Konservatismus
führten und damit auch einen Klerikalismus milder stimmen
mußten, dessen politisch völlig entschiedene Anfänge im Jahre
1870 doch vornehmlich von konservativen Denkens- und Lebens⸗
kreisen ausgegangen waren.
Inzwischen aber, in den Jahren 1876 und 1877, waren
auch schon seitens des Staates, noch während der letzten großen
Schläge gegen den Klerikalismus, einige Maßregeln getroffen
worden, die ein künftiges Einverständnis vorbereiten konnten.
Die wichtigste dieser Maßregeln war der Erlaß eines
preußischen Gesetzes über die Vermögensverwaltung der katho—
        <pb n="336" />
        Urlprung, Verlauf und Ausgang des Kulturkampfs. 6s7

lischen Gemeinden, das vom 27. Januar 1875 ab im Landtag
beraten und am 20. Juni 1875 veröffentlicht wurde. Darin
war bestimmt, daß die Vermögensverwaltung einem Kirchen⸗
vorstande von vier bis zwölf Mitgliedern zumeist doch aus dem
Kreise der Laien übergeben werden sollte; dabei sollte dieser
Vorstand bei besonders einschneidenden Beschlüssen an die Zu—
stimmung einer Gemeindevertretung von höchstens vierzig Mit—
gliedern gebunden sein.
Vom Vorsitz in beiden Körperschaften wurde der Pfarrer
ausgeschlossen. Dagegen sollte ein bischöfliches Aufsichtsrecht
in Kraft treten, sobald die Bischöfe in einer dem Staat ge—
nehmen Weise normal ihres Amtes walteten. Solange indes
die bischöflichen Behörden sich weigern würden, dem neuen Gesetze
Gehorsam zu leisten, oder solange die bischöflichen Amter nicht
in gesetzlicher Weise verwaltet oder besetzt sein würden, sollten
diese Aufsichtsrechte an den Staat übergehen.
Die Tendenz dieses Gesetzes war klar: es stärkte wenigstens
für die kirchliche Vermögensverwaltung die schwach gewordenen
Regungen des katholischen Kirchengemeindelebens gegenüber dem
Ubergewicht der Pfarrer; und es entzog die Aufsicht über die
niedere kirchliche Vermögensverwaltung allen Bischöfen, die sich
nicht wenigstens diesem Staatsgesetze fügten: stellte mithin die
Bischöfe vor die Wahl, entweder ihr bisheriges Non possumus
gegenüber dem Staate mindestens in einem Punkte aufzugeben
sder aber den Einfluß auf einen außerordentlich großen Teil
der kirchlichen Vermögensverwaltung zu verlieren.
Und da ergab sich denn, daß die Bischöfe, wenn auch unter
heftigen Protestkundgebungen, nachgaben. Bis zum 28. Juli 1875
hatten zuerst der Fürstbischof von Breslau, dann die anderen
Bischöfe und bischöflichen Verwaltungen die Bereitwilligkeit
zum Gehorsam gegenüber diesem Gesetze ausgesprochen. Damit
war die starre Linie des bisherigen Verhaltens gebrochen, und
so ließ sich auch sonst eine Verständigung erhoffen, zumal inner⸗
halb der Zentrumspartei die konservativen Kräfte unter Führung
Windthorfts gegenüber den radikalen Elementen mehr Raum
gewannen und auch in Rom eine wichtige Veränderung eintrat.
        <pb n="337" />
        388 Fün fundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

Am 7. Februar 1878 war der leidenschaftliche Papst Pius IX.
gestorben. Sein Nachfolger Leo XIII., am 3. März 1878 ge—
wählt und gekrönt, war ein Mann ganz anderen Wesens.
Auch ihm fehlte weder Energie noch ein leidenschaftlicher Zug
zur Führung der Geschäfte, aber seine Art zu verfahren war
diplomatisch klug und stand unter der genauen Beobachtung
moderner Verkehrsformen. Auch lebte der neue Papst des
Glaubens, daß es für das Papsttum unbedingt notwendig sei,
die alte territoriale Stellung wenigstens der Zeit vor 1870
wiederzuerhalten; und da er Bismarck für den Mann hielt, in
diesem Punkte zu helfen, so war er geneigt, in der inneren Politik
Preußen und dem Reiche weit über die früher im Vatikan gezogene
Grenze entgegenzukommen. Da war es denn von vornherein wahr⸗
scheinlich, daß der neue Papst wenigstens Verhandlungen eröffnen
würde, statt alsbald den Bannstrahl zu senden.
In der Tat zeigte der Papst dem Kaiser seine Thron—
—V000
dauern, „nicht die guten Beziehungen vorzufinden, welche einst
zwischen Preußen und dem heiligen Stuhl bestanden“ hätten.
An diese Anzeige knüpfte sich dann ein Briefwechsel mit dem
Ergebnis, daß man bei aller Übereinstimmung hinsichtlich der
Unmöglichkeit, die Prinzipienfragen zu lösen, doch zu ver—
traulichen Verhandlungen über einen modus vivendi schritt.
Die Verhandlungen, die durch den bayerischen Grafen
Holnstein, den glücklichen Vermittler schon des Kaisertitels im
Jahre 1870, ermöglicht worden waren, fanden zwischen Bis—
marck und dem Münchener Nuntius Kardinal Masella statt und
nahmen als nächste Schritte in Aussicht: seitens des päpstlichen
Stuhls das Zugeständnis der bischöflichen Anzeigepflicht bei
der Anstellung von Geistlichen, seitens Preußens die Wieder—⸗
herstellung des diplomatischen Verkehrs mit der Kurie. Sie
verliefen anfangs nicht ohne Schwierigkeit; dann trat man sich
näher; nach dem Nobilingschen Attentat schrieb der Papst in
herzlichem Tone an den Kaiser; eine Fahrt des Nuntius nach

1 S. ohben S. 560.
        <pb n="338" />
        Ursprung, Verlauf und Ausgang des Kulturkampfs. 689

Dresden zur silbernen Hochzeit des sächsischen Königspaares
brachte ihm eine Einladung nach Berlin: und ein badischer
Rat, Gelzer, ging in halbamtlicher Sendung nach Rom. Aber
dann kam es zu Stockungen: worauf Bismarck gelegentlich
eines Badeaufenthaltes in Kissingen in persönliche Besprechungen
mit Masella eintrat. Nun schien wieder alles zu glücken: da starb
der Kardinal-Staatssekretär Franchi, der die Verhandlungen
auf Wunsch des Papstes an letzter Stelle leitete, plötzlich, am
1. August 1878.
Und nun regte sich in Deutschland das Zentrum ge—
waltiger als je; die partikularistischen Kräfte in ihm, in deren
Interesse die Fortsetzung des Kampfes lag, traten mit Macht
für dieses Interesse ein, und vergebens suchte sie Bismarck aus—
zuscheiden; vielmehr brachte das Zentrum, um über seine
Kampfesstellung keinen Zweifel zu lassen und sie zugleich zu
festigen, im Dezember 1878 Anträge auf Aufhebung des Ordens⸗
gesetzes und Wiederherstellung der Artikel 15, 16 und 18 der
preußischen Verfassung ein und stärkte damit in der Tat die Kräfte
der klerikalen Agitation im Lande.
Dann freilich ließ die übertriebene Spannung nach. Der
Winter brachte, indem die Schwenkung Bismarcks von der
liberalen zur konservativen Seite immer stärker hervortrat, auch
eine Annäherung des Zentrums an den Kanzler: am 31. März
1879 hatte man sich so weit gefunden, daß Windthorst mit
Bismarck persönlich zusammenkam, um mit ihm über Zoll- und
Finanzangelegenheiten zu beraten; am 3. Mai besuchte Windt⸗
horst gar einen parlamentarischen Abend des Reichskanzlers —
und am 14. Juli erhielt der Kultusminister Falk, nicht ohne starke
Einwirkung aus dem Bereiche der Konservativen, die Entlassung,
die er schon im Frühjahr erbeten hatte.
Und nun, nach diesen Wandlungen, begann Kardinal Nina
die Verhandlungen von neuem, September 1879. Allein er
forderte zunächst nichts Geringeres als die Abschaffung der
Maigesetze. Natürlich rückten unter diesen Umständen die Be—
sprechungen, wie sie erst in Gastein, dann in Wien geführt
wurden, um keinen Deut vorwärts. Da legte sich der Papst
        <pb n="339" />
        690 Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.
persönlich ins Mittel. Am 24. Februar 1880 erließ er an den
Erzbischof von Köln ein Breve, indem er aussprach, er werde
es dulden, daß der Regierung vor der kanonischen Einsetzung
die Namen jener Priester angezeigt würden, welche die Bischöfe
der Diözesen zu Teilnehmern ihrer Sorgen in der Ausübung
der Seelsorge wählen würden.
War nun damit die Anzeigepflicht im Sinne der preußischen
Gesetzgebung zugelassen? Sanguinische Gemüter glaubten es.
Allein ein Erlaß Ninas vom 23. März 1880 zeigte alsbald,
daß dem nicht so sei; er umschränkte die Geltung des päpst—
lichen Entgegenkommens aufs äußerste; und als sich ergab, daß
daraufhin die preußische Regierung nicht geneigt war, die
Rüstung ihrer Gesetze abzulegen, zog ein neuer Erlaß Ninas
vom 14. Mai das Zugeständnis zurück.
So war man im Grunde nicht um eines Haares Breite
weiter gekommen; die Kirche hatte in ihrer Stellung gleichsam
zwei Drehpunkte gezeigt, um die sich ihre Schwenkungen voll⸗
zogen, den Papst und das Zentrum, und beide waren von dem
Kardinal-Staatssekretär geschickt ausgenutzt worden, um nichts
oder alles, Fortführung des Kampfes in einer für die klerikale
Agitation günstigen Form oder Aufhebung der Maigesetze zu
erlangen.
Bismarck gab darauf die Position in dieser Zwickmühle
auf, indem er am 26. Mai 1880 die Verhandlungen mit Rom
zur Rechtfertigung seines ferneren Verhaltens veröffentlichen
ließ und nunmehr zur Herstellung dauerhafter Zustände den
Weg einseitiger staatlicher Gesetzgebung beschritt. Hand in Hand
mit dieser Anderung des Verfahrens ging später ein Wechsel
im Kultusministerium; an Stelle Puttkamers trat am 17. Juni
1881 der ruhigere, mildere Herr von Goßler.
Nötig aber wurde dieses einseitige Vorgehen des Staates
auf dem Wege der Gesetzgebung durch die Lage, in der sich
die katholische Bevölkerung befand. Die Kulturkampfgesetze
hatten bei dem fast völligen Widerstreben des Klerus aufs
tiefste in das religiöse Leben eingeschnitten; im Sommer
1880 waren von viertausendsechshundertundvier katholischen
        <pb n="340" />
        Ursprung, Verlauf und Ausgang des Kulturkampfs. 691

Pfarreien in Preußen mit rund acht Millionen achthundert⸗
tausend Seelen elfhundertunddrei mit zwei Millionen fünfund⸗
achtzigtausend Seelen verwaist: fast ein Viertel aller Katholiken
entbehrten der ordnungsmäßigen Seelsorge.
Das war nun eine Lage, welche die klerikale Partei in der
Kirche wenig anfocht: im Gegenteil, eben in ihr sah sie den
tiefsien Rückhalt, aus ihr erwuchsen ihr die unterirdischen
Aräfte, die sie gegen die Regierung in Bewegung setzte. Für den
Staat dagegen war die Situation nicht ohne Bedenken. Mochte
sie in den deutschen Gebieten des Reiches noch nicht ohne
weiteres zur Entfremdung der Bevölkerung vom nationalen Ge⸗
— DV—
die durchaus katholisch waren, von Jahr zu Jahr mehr zu
einer antideutschen Agitation benutzt: wie früher, so erschien
hier jetzt erst recht polnisch und katholisch als dasselbe; und
es wuchsen Zustände einer nationalpolnischen Gegnerschaft gegen
Preußen und das Reich heran, die später noch sehr beklagt
worden sind.
Der Staat fand daher in diesen Zusammenhängen einen
unumgänglichen Anlaß den Frieden zu suchen; der Teil der
Kulturkampfgesetzgebung, der die Seelsorge der Massen zum
Stillstand gebracht hatte, mußte beseitigt werden. Die Regierung
folgte diesen Erwägungen, indem sie am 20. Mai 1880 eine
Besetzesvorlage betreffend „Abänderungen der kirchlichen Ge—
setze“ im Abgeordnetenhause einbrachte. Diese Vorlage ent—
sprach im wesentlichen der Absicht, in den verwaisten Pfarreien
die Seelsorge wiederherzustellen, in den erledigten Bistümern
eine ordentliche Diözesanverwaltung einzusetzen und den Orden,
die sich ausschließlich der Krankenpflege widmeten, neue Nieder⸗
lassungen zu gestatten.
Natürlich war dies selbständige Verfahren der Kurie und
dem Zentrum unerwartet und unbequem. Zur gegenseitigen
Verständigung reiste darum während der parlamentarischen
Pfingstferien je ein Mitglied des Zentrums nach Rom und nach
Wien zum dortigen Nuntius: der Rat des Papstes wie un—
abhängig davon der Rat der kurialen Diplomatie sollte gehört
        <pb n="341" />
        692 Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

werden. Befolgt wurde dann vom Zentrum in einigen ent—
scheidenden Punkten nicht der Rat des Papstes.
Im übrigen ging das Zentrum so vor, daß es, unter
scheinbarem Entgegenkommen gegenüber der Regierung, doch
die Absichten, welche diese mit der Gesetzesvorlage verband, zu
vereiteln, zugleich aber dem Lande gegenüber festzustellen suchte,
es bestehe im Abgeordnetenhause eine Mehrheit für die Auf—
hebung der kirchlichen Gesetzgebung überhaupt. Freilich gelang
ihm dieser Plan nur teilweise. Das Ergebnis war schließ—
lich, daß die Gesetzesvorlage am 14. Juli 1880 in einer Ver—
stümmelung als Gesetz publiziert werden konnte, die sie für die
Regierung immerhin noch wertvoll machte. Während nämlich
die Bestimmungen gefallen waren, die eine geordnete Diözesan⸗
verwaltung herbeizuführen gestattet hätten, war doch ein Para⸗
graph bestehen geblieben, der die Ausübung pfarramtlicher
Seelsorge unter wesentlicher Aufrechterhaltung der Kulturkampf⸗
gesetzgebung ermöglichte.
Und bald war der Erfolg im Sinne der Regierung groß.
Bis Ende Januar 1881 hatten neunhundertdreiundfünfzig
Pfarreien mit einer Million neunhundertausend Seelen wieder
regelmäßige Seelsorge erhalten; und in den übrigen hundert—
fünfzig früher gänzlich verwaisten Pfarreien mit hundertsiebzig⸗
tausend Seelen wurde die Seelsorge durch bereitwillige Geistliche
wenigstens von Zeit zu Zeit wieder ausgeübt. Unversorgt blieben
nur drei Prozent der Pfarreien und zwei Prozent der Seelen.
Nun war aber dem Gesetze vom 14. Juli 1880 ausdrücklich
nur bis zum Ende des Jahres 1881 Gültigkeit gegeben worden.
Schon hierin lag es begründet, daß alsbald im Beginne des
Jahres 1882, jetzt durch den Minister Goßler eingebracht, eine
neue Vorlage erschien, die im wesentlichen die Bestimmungen des
in seiner Gültigkeit abgelaufenen Gesetzes wiederholte, es zugleich
aber auch im Sinne der früher vom Abgeordnetenhause ab⸗—
gelehnten Bestimmungen über die Wiederherstellung der Diözesan—
verwaltungen erweiterte.
Das Zentrum befand sich wieder in der unangenehmsten
Lage, wenngleich seine Stellung zum Papste und zur Diplomatie
        <pb n="342" />
        Ursprung, Verlauf und Ausgang des LKulturkampfs. 693

der Kurie gerade während dieser Zeit noch nicht völlig auf⸗
geklärt ist. Jedenfalls half ihm seine immer wiederholte Be⸗
hauptung, die Maigesetze müßten als Ganzes aufgehoben werden,
nichts; die Regierung blieb fest, berief sich auch andeutungsweise
auf Verhandlungen mit der Kurie und erreichte es, daß ihre
Vorlage Gesetz wurde, und zwar mit einer bis auf den 1. April
1884 erstreckten Dauer. Durchgesetzt hatte das Zentrum neben
einigen anderen Punkten wesentlich nur die Beseitigung des
allgemeinen staatlichen Bildungsexamens für Geistliche, das im
Jahre 1873 eingeführt worden war; an seine Stelle traten
Bestimmungen, wie sie schon früher die Großherzogtümer Baden
und Hessen getroffen hatten.
Das Ergebnis dieses neuen, am 31. Mai 1882 vollzogenen
Gesetzes für den inneren Frieden war wiederum groß. Es er⸗
streckte sich vor allem auf die Bistümer. War schon im Jahre
1881 eine Anzahl von Bistümern durch Bischöfe und Kapitel⸗
dikare wieder regelmäßiger Verwaltuug zugeführt worden, so
erfolgten nun die Wahlen neuer Bischöfe zu Osnabrück, Pader⸗
horn und Breslau; und schließlich waren von den zwölf preußischen
Bistümern neun mit Bischöfen versehen.
Es waren im Grunde große staatliche Erfolge, verglichen
mit der allzuweit vorgeschobenen Position, die der Staat im
Kampfe gegen den Klerikalismus seit etwa 1876 eingenommen
hatte; selbständig und im ganzen würdig hatte sich der Staat
von dieser Position zurückgezogen, ohne wesentliche Stücke seiner
Hoheitsrechte aus der kirchlichen Gesetzgebung preiszugeben.
Aber es konnte nicht vermieden werden, daß der Liberalismus die
Regierung gleichwohl zu weitgehender Nachgiebigkeit beschuldigte,
und daß nunmehr der Protestantismus, soweit er nicht völlig in
orthodoxem Wesen aufging, gegenüber den angeblichen Siegen
der feindlichen Kirche mobil zu machen begann.
Es war auch nicht zu vermeiden, daß die klerikale Partei
sich laut ihres angeblichen Sieges über den Staat rühmte:
schon um ihre parlamentarische Stellung zu halten, bedurfte sie
dessen. Zugleich aber suchte sie von diesem Standpunkte aus den
Staat nochmals durch Drohungen, wie sie bis dahin in Presse
        <pb n="343" />
        694 Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Lapitel.

und Parlament kaum ausgesprochen worden waren, zu weiteren
Zugeständnissen zu zwingen. Und hier und da versuchten ihr
die neu ernannten Bischöfe im alten Sinne der Martin von
Paderborn, Krementz von Ermland, Ledochowski von Posen zu
sekundieren. Namentlich der Fürstbischof Herzog von Breslau
zeichnete sich dabei aus; sogar die alte Streitfrage der Misch—
ehen hat er zu erneuern gesucht.
Es war eine Lage ähnlich der im Jahre 1879, da Kardinal
Nina jene Verhandlungen mit der preußischen Regierung be—
gonnen hatte, die schließlich an den zu hoch gespannten Forde—
rungen der Kurie gescheitert waren. Und wiederum war in—
zwischen die Kurie in weitausgesponnene Verhandlungen mit der
Regierung eingetreten. Die Möglichkeit dazu war freilich durch
diese selbst gegeben worden. Bei allem selbständigen parlamen—
tarischen Vorgehen nämlich hatte Fürst Bismarck doch niemals
die Möglichkeit außer Augen gelassen, sich mit der Kurie direkt
zu verständigen: darum waren die letzten Gesetze nur mit zeit—
lich beschränkter Geltung erlassen worden und hatten der Re—
gierung innerhalb ihres Bereiches auch sonst eine große Reihe
diskretionärer Vollmachten gegeben, die entweder ausgeübt oder
unbeachtet gelassen werden konnten, je nachdem man des einen
oder des anderen Verfahrens in etwa mit der Kurie spielenden
Verhandlungen bedurfte.
Um nun die Möglichkeit einer Verständigung seinerseits
anzubahnen, hatte Bismarck Mitte 1881 den deutschen Ge—
sandten in Washington, von Schlözer, der ihm besonders ver⸗
traut war und der an der Kurie Bescheid wußte, nach
Rom gesandt, um durch ihn unter Umständen die abgerissenen
diplomatischen Fäden wieder anknüpfen zu lassen. Das war
gelungen; am 1. Februar 1882 war Schlözer als designierter
preußischer Gesandter nach Rom gegangen, am 4. April erhielt
er seine amtliche Ernennung.
Mit diesem Schritte wurde es dem Papste weit eher als
bisher möglich, in direkte Verhandlungen mit dem Berliner
auswärtigen Amte und dem Kaiser zu treten. Leo XIII. be—
nutzte hierzu eine Thronrede des Kaisers bei Eröffnung des
        <pb n="344" />
        Ursprung, Verlauf und Ausgang des Kulturkampfs. 695

preußischen Landtags im Spätherbst 1882, in der dieser seine
Freude über die Wiederherstellung der diplomatischen Beziehungen
zum heiligen Stuhle ausgedrückt hatte. Er dankte hierfür am
2. Dezember 1882 und fügte hinzu, daß die Kirche die beste
Gewähr gegen die Gefahren des Sozialismus biete. Hierzu
müsse sie aber frei ihre Kraft entfalten können: — und das
werde in Preußen nur nach einer Revision der neueren kirchen⸗
politischen Gesetzgebung möglich sein.
Der Kaiser antwortete hierauf am 22. Dezember 1882
entgegenkommend: gegen Konzessionen auf dem Gebiete der An⸗
zeige der geistlichen Ernennungen werde er bereit sein, die
Kampfesbestimmungen der kirchlichen Gesetze einer Revision
unterziehen zu lassen. Äußerst hoffnungsreich ließ sich darauf
ein Antwortschreiben des Papstes vom 30. Januar 1883 an.
In ihm versicherte Leo XIII. den Kaiser von neuem seines
festen Willens, den Bischöfen die Anzeige derjenigen Personen
an die Regierung zu gestatten, welche zu den Pfarrämtern be—
rufen werden sollten; und wollte diese Konzession in Kraft
treten lassen, ohne eine völlige Anderung der in Kraft befind⸗
lichen Gesetze abzuwarten.
Allein ehe noch das Schreiben des Papstes an den Kaiser
gelangte, war seinem Inhalte schon durch den Kardinal⸗Staats⸗
fekretär Jacobini in einer Note vom 283. Januar 1888 eine
Interpretation gegeben worden, die Bedenken erregen konnte:
Bedenken, die sich in weiteren Verhandlungen mit dem Staatssekretär
 bald noch verstärkten. So verlief denn auch diese An—
näherung schließlich wiederum so ergebnislos wie die frühere
unter dem Staatssekretariat Ninas.
Und Bismarck schlug nun wiederum den schon einmal be—
währten Weg ein: er ging in selbständiger Gesetzgebung vor.
Ein am 11. Juli 1883 vom Kaiser vollzogenes Gesetz befreite,
entsprechend dem Wunsche des Papstes, die gesamte katholische
Hilfsseelsorge von der Anzeigepflicht, hielt diese dagegen, gemäß
der vom Papst angedeuteten Konzession, für die fest angestellten
Geistlichen aufrecht. Dieser Regelung hat sich dann die Kirche
in der Praxis gefügt.
        <pb n="345" />
        96 Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

Nach alledem blieb, mit Rücksicht auf das im Jahre 1880
aufgestellte Programm der Revision der Maigesetze im Sinne
der Begründung eines dauernden Friedenszustandes, nur noch ein
einziger wichtigerer Punkt zu erledigen oder richtiger in weiteren
—
Härten des Ordensgesetzes vom Jahre 1875, das alle Ordens—
tätigkeit der katholischen Kirche so gut wie lahm gelegt hatte.
Sie erfolgte, ebenfalls im Wege selbständigen Vorgehens, im
Jahre 1887. Am 29. April vollzog der Kaiser das letzte
Friedensgesetz, das alle Orden und ordensähnlichen Kon—
gregationen wieder zuließ, die sich der Aushilfe in der Seel—⸗
sorge, der Übung der christlichen Nächstenliebe, dem Unterrichte
der weiblichen Jugend in höheren Mädchenschulen und gleich—
artigen Erziehungsanstalten widmeten, endlich solche, deren
Mitglieder nichts als ein beschauliches Leben führten. Zur
Niederlassung im einzelnen oder ganzen freilich sollte zuvor
jedesmal die Genehmigung des Kultusministers erbeten werden.
Mit dem Gesetze des Jahres 1887 war erreicht, was die
Regierung mit ihrer Politik seit 1880 bezweckt hatte: die Mög—
lichkeit einer gesicherten Lebensäußerung der katholischen Kirche
auf deutsch-preußischem Boden bei aller Unterwerfung unter
die notwendigen Anforderungen staatlicher Hoheit. Zwar
war noch im einzelnen manches zu regeln, und in einigen
Punkten war die Regierung der Kirche vielleicht mehr entgegen—
gekommen, als es der Anschauung vieler Zeitgenossen entsprach:
im ganzen aber war es doch gelungen, die Grenzen staatlicher
und kirchlicher Einwirkung auf das Leben der Nation von
Staats wegen und in staatlichem Sinne festzusetzen und fest—
zuhalten.
Und auch äußerlich war inzwischen das Verhältnis der
Kurie zum Reiche wieder ein gutes geworden. Im Dezember
1888 hatte der Kronprinz den Papst besucht; 1884 waren die
Bischöfe von Ermland und Fulda in den preußischen Staats—
rat berufen worden; Anfang 1888 hatten sich die Erzbischöfe
von Köln und Posen, die Führer der Intransigenten, von ihren
Stühlen zurückgezogen; Ende 1885 hatte Fürst Bismarck in
        <pb n="346" />
        Ursprung, Verlauf und Ausgang des Kulturkampfs. 697

einem Konflikte zwischen Spanien und dem Reiche über die
Qarolinen das Schiedsrichteramt des Papstes angerufen und
sich dessen Schiedsspruch zu gegenseitiger Zufriedenheit unter⸗
worfen: im Schönhausener Museum erinnert noch ein Porträt
Leos XIII., ein Geschenk des Dargestellten an den Fürsten, an
diese besondere Episode.
Betrachtete man daher die Dinge von all diesen Seiten
her, so konnte man um 1885 wohl sagen, der Staat habe im
Kulturkampfe, nach manchem Exzeß auch von seiner Seite,
schließlich doch in der Hauptsache gesiegt.
Von einer anderen Seite aus indes erschienen doch wieder die
Erfolge der Kirche sehr groß, ja größer fast als die des Staates.
Hatte sich die Kirche als Institution gefügt, so war der
Klerikalismus als solcher mit nichten unterdrückt worden. Im
Gegenteil: seine geistige Bedeutung war im Kampfe gewachsen.
Ein Geistesleben ausgesprochen katholischen Charakters wird in
Deutschland erst dem Kulturkampfe verdankt: denn energischer,
wenn auch geistig noch nicht ebenbürtig, stellte es sich nun
neben das früher allbeherrschende Geistesleben des Protestan—
tismus. Und in dieser Wandlung war einstweilen, und viel⸗
leicht noch auf längere Zeit hin, die Möglichkeit gegeben, jeder⸗
zeit den Kulturkampf von neuem und in manchem Betracht mit
besserer Aussicht auf Erfolg, zu beginnen. In dem Gefühl dieser
Zusammenhänge aber war die Staatsgewalt dem keineswegs
zugrunde gegangenen Zentrum gegenüber vielleicht unbedingt in
der Lage, manch weiteres Zugeständnis machen zu müssen.
Welches waren aber die Nährkräfte dieses einstweilen schein—
har unüberwindlichen Klerikalismus? Sie lagen so tief in der
geistigen Konstitution des 19. Jahrhunderts begründet, daß keine
Staatskunst sie unmittelbar ausscheiden, keine neuere Geistes—
bewegung sie direkt unterdrücken konnte. Gegenüber den vor—
wärts strebenden geistigen Mächten, die das Volksleben, wenn
im Übermaße waltend, leicht in eine lose Spreu von Einzel⸗
individuen rein subjektiven Daseins aufzulösen drohen, vertrat
der Klerikalismus eins der zurückhaltendsten Elemente. Er
wirkte gleich einer Reihe von anderen konservativen Faktoren,
Lampreéecht, Deutsche Geschichte. XI, 2. 45
        <pb n="347" />
        698 Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

weil in dem kulturell dem fortgeschritteneren Seelenleben höherer
Schichten nachhinkenden Leben zumeist der niederen Kreise ver—⸗
ankert, mit der Kraft einer Bremse auf den vielleicht allzurasch
vorwärts sausenden Wagen der Zeit.
Drohte ein allzu weitgehender Persönlichkeitsdrang in den
Jugendtagen der zweiten Periode des Subjektivismus die Nation
vielleicht aufzulössen, so bedurfte es demgegenüber allerdings
der Verstärkung gewisser gegensätzlicher, einigender, genossen—
schaftlich sammelnder Elemente. Dem entsprang das moderne
Bedürfnis nach Zusammenhalt in Vereinen, Gesellschaften,
genossenschaftlicher Gliederung überhaupt. Und in diesem
Zusammenhange war es kein Zufall, daß dies Bedürfnis eben
in der Zeit stärker empfunden wurde, da auch in der Politik
das Prinzip des Subjektivismus zu siegen begann.
Unbedingt bedauerlich aber blieb bei diesen tiefen und un—
abänderlichen Zusammenhängen die Tatsache, daß die Entfaltung
des deutschen und insofern nationalen Klerikalismus sich als an
die Bestrebungen einer auswärtigen, der jesuitisch-papalen Macht
geknüpft erwies. Wäre dieser Zusammenhang nicht vorhanden
gewesen, so würde der Klerikalismus wohl guten Teils als nichts
denn als eine konservativ-katholische Macht erschienen sein. Und
aus dieser Seite der Dinge erklären sich denn auch die nahen
Beziehungen, in die der Klerikalismus zu dem evangelischen
Konservatismus immer wieder getreten ist. Indem aber der
Klerikalismus zugleich jene Beziehungen zu Rom hatte, die ihm
ganz vornehmlich immer und immer wieder die Tendenz un—
zulässiger Machterweiterung der Kirche gegenüber dem Staate
einflößten, erklärt sich zugleich auch seine Stellung zum Libera—
lismus: die liberalen Forderungen der Preßfreiheit, Vereins—
freiheit usp. mußten ihm die Mittel darbieten, diesen in seinem
Wesen an sich nicht gelegenen kurialen Machtbestrebungen zum
Durchbruch zu verhelfen.

—

Die soeben vorgetragenen Bemerkungen sind schon vor
einer Reihe von Jahren aufgezeichnet worden: sie umschreiben,
        <pb n="348" />
        Ursprung, Verlauf und Ausgang des Kulturkampfs. 699

was etwa gegen Ende des 19. Jahrhunderts über die inneren
Entwicklungsmotive des Klerikalismus und deren Zusammen⸗
hang mit anderen geistig-politischen Strömungen zu sagen sein
mochte. Inzwischen haben wir uns um fast ein Jahrzehnt weiter
von den Jahren und Jahrzehnten des Kulturkampfes entfernt:
Zeit genug im hastenden Laufe der modernen Entwicklung, um
auch eine neue Phase geistiger Entfernung herbeizuführen und
ein bereits mehr historisches Urteil zu gestatten.
Der Gegenwart erscheinen die Grundfragen, von deren Basis
aus man im Kulturkampfe stritt, von ihrem Denken her schon
nicht mehr ohne weiteres verständlich. Was dem ganzen Kampfe
doch am Ende den Charakter der Erbitterung, ja Verbitterung
und in manchem Betracht das Wesen eines Bürgerkrieges gab,
in dem nur nicht mit materiellen Waffen gefochten wurde, war
eine Grundlage öffentlich-ethischen Denkens, von der aus Staat
und Kirche noch immer, trotz manches Protestes dagegen, als
so ziemlich gleichberechtigte und jedenfalls als in gleicher Weise
öffentliche Gewalten erschienen. Gerieten nun diese Gewalten
in Zwist, so mußte es freilich, bei ihrer Erstreckung über die
ganze und ihrer Infiltrierung in die ganze Nation zu einem
inneren, zu einem geistigen Bürgerkriege kommen.
Täuscht man sich mit der Annahme, daß eine solche Art
des Denkens der Gegenwart doch schon fremd zu werden be⸗
ginnt? Die Welt kennt heute längst viel allseitiger und ein—
gehender die Möglichkeit ganz anderer Beziehungen zwischen
Staat und Kirche, als sie während des Kulturkampfes voraus⸗
gesetzt wurden: eine Möglichkeit, die auf die Formel „freie
Kirche im freien Staat“ oder, zur Erreichung des damit an⸗
gedeuteten Zustandes, auf die Formel „Trennung von Staat
ind Kirche“ hinausläuft. Und wir sehen in den Vereinigten
Staaten von Nordamerika die freie Kirche im freien Staate,
in Frankreich die Trennung von Staat und Kirche verwirklicht
oder der Verwirklichung zustrebend.

1 Man vergleiche zu diesem Abschnitte den Schluß der Einleitung in
Band J, insbesondere Band 1* S. 49 f.
        <pb n="349" />
        700 Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

Was bedeuten nun diese Formeln? Sie drücken nichts
aus als die Forderung, jenen Zustand zwischen Staat und
Kirche herzustellen, der dem Grundprinzip subjektivistischer
Kulturen entspricht: den Zustand, in welchem das öffentliche
Recht und somit auch der Staat in den religiösen Vereinigungen
und daher auch in den hergekommenen Kirchenformen des
Christentums nichts anderes sieht als gewiß besonders ehr⸗
würdige und darum mit besonderer Ehrfurcht zu behandelnde
menschliche Genossenschaftsformen innerhalb seines Bereiches:
aber doch eben nur Genossenschafts- oder Gesellschaftsformen in
diesem Bereich: Bildungen mithin, die seiner allgemeinen Kon—
trolle in ganz gleicher Weise unterstehen müssen wie andere Ge—
sellschaftsformen auch. Und sie bedeuten weiter, vom kirchlich—
religiösen Standpunkte aus betrachtet, eine Zukunft, in der
sich religiöse Genossenschaften innerhalb des von ihren einzelnen
Mitgliedern subjektiv gewählten und ohne Zwang aufgesuchten
Bereiches ihrer Tätigkeit frei sollen bewegen dürfen: aber ohne
jeglichen Anspruch auf eine ihren eigentlichen Zwecken fern⸗
liegende besondere öffentlich-rechtliche Geltung oder gar Teil—
nahme an der öffentlichen, der staatlichen Gewalt.
Heute schon kann, auch soweit Deutschland in Betracht
kommt, nicht mehr verkannt werden, daß diese innerste Forde—
rung subjektivistischen Seelenlebens sich mit noch zum Teil un⸗
bewußter, darum aber auch um so elementarerer Gewalt durch—
zusetzen beginnt: und daß von dem damit hervorgerufenen Zu—
stande der Geister eine einfache Brücke zum Verständnis des
Kulturkampfes in den Einzelheiten seines Verlaufes wie zu deren
agemeinsamer Grundlage überhaupt nicht mehr hinüberführt.
Natürlich ist aber damit nicht gesagt, daß uns ein Ver—
ständnis des Kulturkampfes überhaupt abgehe. Im Gegenteil:
das geschichtliche Verständnis als solches ist gewachsen. Wir
können heute in den Kulturkampf nur eine letzte Phase jener
Entwicklung des Verhältnisses von Staat und Kirche erblicken,
in welcher das subjektivistische Motiv der Trennung noch nicht
wirkte: und damit eine Erscheinung, in der weit mehr, als in
irgendeiner anderen Reihe wichtiger Ereignisse, noch eine un—
        <pb n="350" />
        Ursprung, Verlauf und Ausgang des Rulturkampfs. 701

subjektivistische Auffassung der Dinge bis in den Schluß der
ersten Periode, ja den Anfang einer zweiten Periode unserer
subjektivistischen Kultur hineinragte. Freilich, ohne diese Zeit
noch kräftig zu überleben. Und darum eben mit dem Ausgang,
daß der Verlauf des Kampfes selbst die Tragfähigkeit der noch
bestehenden Kampfesbühne in Zweifel stellte und somit das stille
Auftauchen der Notwendigkeit einer anderen, nämlich eben der
subjektivistischen Basis für die Ordnung des Verhältnisses von
Staat und Kirche ergab.
Ist dies die historische Stellung des Kulturkampfes zu
den tiefsten Kulturvorgängen gewesen, so ist damit diese
Stellung auch zugleich in ihrem engeren Sinne, in ihrem Ver⸗
hältnis zum Verlaufe der ersten Periode unserer subjektivistischen
Kultur bestimmt. Es ist klar: für diesen Verlauf bedeutet der
Kulturkampf eine letzte noch eben mögliche Erscheinung, ein
definitives Ende: an dieser Stelle, auf kirchlichem Boden,
hielten sich noch am längsten Sedimente früherer Kulturzeitalter,
Reste eines teilweise sogar mehr mittelalterlichen Seelenlebens,
wenn auch selbst hier nur noch dadurch, daß sie sich mit einigen
Ausgestaltungen des modernen Demokratismus innig verquickten.
Lag aber die Tatsache, daß gerade an dieser Stelle das Alte
und Uralte am zähesten haftete, so außer aller Erwartung?
Während religiöse Bewegungen, wenn sie neu und stark sind,
zu den revolutionärsten Erscheinungen zu gehören pflegen, die
die Geschichte kennt, haben sich die Kirchen von jeher als be—
sonders konservative Mächte erwiesen.
Uberblicken wir nun von diesem Punkte, der kirchlichen
Schlußerscheinung der ersten Periode des Subjektivismus,
in der christliche Konfessionen ihrer äußeren Daseinsform nach
noch als öffentliche, mit dem Staat rivalisierende Lebens⸗
bildungen erscheinen, den sonstigen Verlauf der politischen Be—
wegung in dieser Periode — womit wir denn in eine Schluß—⸗
betrachtung dieser Zeit überhaupt eintreten —, so werden wir
zwischen dem Verlaufe der Verfassungsentwicklung und der
Einheitsbewegung zu unterscheiden haben, so vielfach auch diese
beiden großen Bewegungen miteinander verauickt sind.
        <pb n="351" />
        702 Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

Verfährt man so und vergleicht man dann diese Be—
wegungen miteinander, so ist zunächst klar, daß sie beide gegen
Schluß der Periode — wie auch heute — noch keineswegs
vollendet sind: mitnichten sind auf öffentlich-rechtlichem Ge—
biete schon die Konsequenzen der geistigen und selbst der wirt—
schaftlichen Entwicklung der Periode ganz gezogen, mag auch
immerhin der generelle subjektivistische Einfluß in beiden Be—
wegungen schon weit stärker gewirkt haben als auf kirchlichem
Gebiete.
Und will man nun ein Urteil darüber wagen, auf welche
dieser Bewegungen die Einwirkungen des Subjektivismus wohl
weniger stark gewesen sein möchten — wo also, mit anderen
Worten, eine stärkere Rückständigkeit zu vermuten steht —, so
würde das Los wohl auf die Verfassungsentwicklung weisen.
Natürlich wäre dabei auf diesem Gebiete genau festzustellen, wie
weit der moderne Demokratismus vorgedrungen ist. Dies ist
nun bis zu dem Ende der Periode fast gar nicht in den Einzel—
staaten der Fall gewesen, da er in diesen sogar in der Form
der Selbstverwaltung noch wenig Fortschritte gemacht hatte, —
scheinbar dagegen stark in der Reichsverfassung und deren
demokratischem Wahlrecht. Indes ist doch auch hier zu betonen,
daß das Wahlrecht der Reichsverfassung eine sehr rohe und primi—
tive Form des subjektivistischen Demokratismus darstellt. Es
braucht zum Beweise hierfür nicht viel gesagt zu werden: wahr—
haft moderner Demokratismus bedeutet nicht Gleichmacherei
aller, sondern gleichmäßige, das heißt nach dem Werte der
Subjekte für öffentliche Zwecke abgestufte Heranziehung sämt—
licher Staatsbürger. Es ist klar, daß das allgemeine Wahl—⸗
recht des Jahres 18606 in dieser Hinsicht nur die Basis eines
zu errichtenden Verfassungsgebäudes darbietet, nicht aber das Ge—
bäude selbst. Den Aufbau hierhergehöriger Verfassungsgebäude
haben in Deutschland, nachdem in Pluralwahl- und anderen Wahl⸗
systemen tausend Baupläne entworfen worden sind, vielmehr neuer⸗
dings die Einzelstaaten übernommen und nicht das Reich. In
ihnen konzentriert sich daher auch einstweilen das hauptsächliche In—
teresse an der Fortbildung der demokratischen Verfassungsformen.
        <pb n="352" />
        Ursprung, Verlauf und Ausgang des Nulturkampfs. 703
Freilich ist mit der Weiterentwicklung des Wahlrechts und
damit der Rechte der Einzelpersonen am Verfassungsleben auch
erst eine Seite der Verfassungsentwicklung gezeichnet; auf eine
andere wird sehr bald noch einzugehen sein.
Vollkommener als die subjektivistische Staatsverfassung ist
gegen Ende der Periode wohl die nationale Einheit entwickelt worden:
ja man kann in der Herstellung des äußeren Reichsverbandes
den glänzendsten politischen Erfolg der Periode erblicken wollen.
Allein auch hier bedarf es der Zügelung des Urteils.
Das Deutsche Reich ist nicht die Nation; es fehlen ihm
die reichbegabten deutschen Stämme Hsterreichs. Nun kann
wohl eingeworfen werden, daß der Dreibund oder Zweibund
doch auch diese Stämme für größte gemeinsame Ziele zur
Verfügung stelle. Es soll hier nicht untersucht werden, in⸗
wiefern dieser Einwurf sachlich haltbar ist; selbst seine Halt⸗
barkeit zugegeben, fehlen die deutschen Stämme Hsterreichs doch
dem einheitlichen friedlichen Ausbau des nationalen Lebens, zu
dem sie früher, seit Walter von der Vogelweide, seit Heinrich
von Kärnthen, so Unendliches beigetragen haben. Vor allem
aber, schmerzlich auszusprechen, ist das heutige Reich für die
Aufgaben, die der Nation in der weltgeschichtlichen Betätigung
großer Völker obliegen, zu klein. Darüber kann sich niemand
täuschen, der einmal außerhalb des Vaterlandes und der Reichs⸗
grenzen, auf längerer Fahrt vor allem über See, die Blick und
Urteil freimacht, die Kräfte der Staaten abgewogen hat; und
auch die stetigen Insassen des Reiches sollten sich darüber durch
die starken Lebensäußerungen und die vollsaftige Gedrungenheit
der zu kurz gewachsenen Kraftgestalt nicht täuschen lassen.
Soll man nun die Frage aufwerfen, auf welchen Moment
oder auf welche Reihe von Ereignissen es zurückgehe, daß eine
weitere Einigung des Vaterlandes, als die heute bestehende,
nicht stattgefunden hat? Ich bin geneigt, den Verlauf der
Ereignisse im Jahre 18785, zur Zeit des Krieg⸗in-Sicht-Artikels
der, Post“, hier verantwortlich zu machen. Was würde ein—

1

Val. oben S. 610 ff.
        <pb n="353" />
        74 9* Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

getreten sein, hätten die Deutschen des Reiches, wie Moltke
glaubte gewährleisten zu können, Frankreich damals noch ein—
mal und mit ihm vielleicht Rußland besiegt? Frankreich und
gegebenfalls Rußland würden an Territorium wenig verloren
haben. Aber eine mitteleuropäische Staatenkombination nach
Art des alten Deutschen Reiches, in modernen Formen selbst—
verständlich, würde sich gebildet haben: stark genug zur vollen
Geltendmachung der Nationalität, friedfertig genug, um nie—
mand anzugreifen, einig genug, um, wenn angegriffen, sich
mit Nachdruck zu schützen. Und der stille Daseinsdruck dieser
Kombination würde genügt haben, Osterreich in ganz anderer
Weise, als es nun geschieht und geschehen ist, die Pforten des
Orients zu öffnen: denn jetzt dringen die sterreicher immer⸗
hin in dünnen Linien vor; im anderen Falle aber würden hinter
ihnen unbedingt und stetig, in karreeartiger Tiefe, die Massen
der Deutschen aus dem heutigen Reiche gestanden haben. Über
die Wucht der Vorgänge, die dann möglich gewesen wäre,
möge man sich keinem Zweifel hingeben. Nicht Preußen, Oster—
reich vielmehr ist die große kolonisatorische Macht unserer Ge—
schichte. Oder hat etwa die Kolonisation des Nordostens rasche
Fortschritte gemacht? Einzelne Leistungen hervorragender
Herrscher des Hohenzollernhauses in Ehren: ganz anders ent—
schieden ist Osterreich vorgedrungen, mochte es, noch im Mittel—
alter, die Erreichung der Adria gelten oder später das Vor⸗
dringen gegen den Erbfeind der Christenheit, den Türken. Und
noch jüngst hat die Kultivierung der Herzegowina und Bosniens
binnen wenigen Jahrzehnten gezeigt, was Osterreich und vor
allem das österreichische Heer auf diesem Gebiete zu leisten
vermag: noch harren die slawischen Gebiete des Balkans des
schützenden Schattens seiner Adler!.
Also: auch auf dem schließlich äußerlichen Gebiete der
politischen Entwicklung, in der Herstellung der äußeren natio—
nalen Einheit, sind für Deutschland fundamentale Forderungen

1 Die Gedanken dieses Passus habe ich im Jahre 1902 zum ersten
Male niedergeschrieben.
        <pb n="354" />
        Ursprung, Verlauf und Ausgang des Kulturkampfs. 705

eines subjektivistischen Seelenlebens noch keineswegs erfüllt;
und es bedeutet einen Verzicht auf teuere Hoffnungen, wenn
man sich neuerdings daran gewöhnt hat, nach Maßgabe des
französisch-internationalen Allemagne auch da von Deutschland
zu reden, wo nur das Deutsche Reich gemeint ist, oder wohl
gar von einem Kaiser von Deuischland statt von einem Deutschen
Kaiser zu fabeln.
ÜUberschauen wir jetzt das weite Gebiet der öffentlich-recht⸗
lichen, kirchlichen und staatlichen Betätigung der letzten großen,
vollendeten Periode unserer Entwicklung, wie sie in diesem
Halbband der Deutschen Geschichte zur Darstellung gelangt ist,
als ein Ganzes, so werden wir wohl, wohin wir auch den
Blick richten, von etwas Unvollendetem reden können: das
Imperfekt ist recht eigentlich die Zeitform, in der dies Ganze
zu schildern wäre.
Wenn aber dieser Charakter zunächst die politischen Vor⸗
gänge der Periode von allen anderen abhebt, so darf darin kein
Mangel und keine Ausnahme der Entwicklung an sich erblickt
werden. Der Fall ist in dieser Hinsicht besonders lehrreich.
Nur zu sehr sind wir aus der Bevorzugung her, mit der bis⸗
her die politische Geschichte betrieben worden ist, gewöhnt, uns
die Vorstellung zu bilden, die politischen Vorgänge seien
eigentlich Urgrund und Samen jeglicher anderen geschichtlichen
Entwicklung. Und wie oft ist es nicht, auch von hervorragenden
Historikern der Kulturentwicklung, versucht worden, von diesem
mißlichen und unzutreffenden Glauben aus literarische oder
künstlerische Vorgänge „ihrem Tiefsten nach“ aus gleichzeitigen
oder vorhergehenden politischen Vorgängen abzuleiten: man
denke nur an das unglückselige „Zeitalter Friedrichs des Großen“,
das Scherer in die deutsche Literaturgeschichte eingeführt hat!
Genau das Umgekehrte ist der Fall: nicht Wurzel, sondern Blüte,
nicht Keim, sondern Frucht der „tieferen“ Entwicklung sind die
politischen Ereignisse; erst muß der bestimmte Habitus eines neuen
Seelenlebens, eines neuen Kulturzeitalters schon deutlich zutage
getreten sein und die nationale Welt durchsäuert haben, ehe er
Zuch die Verfassung, überhaupt das öffentliche und politische
        <pb n="355" />
        706 Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes RKapitel.

Wesen zu umfangen vermag, um es schließlich ganz zu durch—
gären und dadurch fundamentalen Änderungen entgegenzuführen.
Nicht die politische Geschichte, sondern die Kulturgeschichte ist
darum die Basis jedes geschichtlich tieferen Verständnisses; und
während der Kulturhistoriker zum Eindringen in die ihm nächst—
liegenden geschichtlichen Vorgänge des politischen Historikers zur
Not entbehren kann, ist der politische Historiker für jede wirkliche
„Penetration“ seines Stoffes an den Kulturhistoriker gebunden.
Es sind allgemeine Wahrheiten, die den Verlauf der ersten
Periode des deutschen Subjektivismus, auch soweit die politische
Geschichte in Betracht kommt, einfach genug erscheinen lassen.
Der tiefsten und frühesten Entfaltung des Neuen auf dem Ge—
biete des Gemütslebens, der Phantasie, des Verstandes ist die
Umwälzung im Bereiche der verwickelteren Erscheinungen des
Willenslebens erst gefolgt; und auch hier hat sie zunächst nicht
den Staat, das Ganze, oder auch nur das Teilganze, die Gesell—⸗
schaft, sondern die Einzelperson ergriffen: die Pädagogik Pesta—
lozzis, die Erziehungslehre Schillers, Fichtes Reden an die
Deutsche Nation, auch nur ein grandioses Erziehungsprogramm,
waren erste Erscheinungen einer nach außen, nach Menschen—
zusammenhang, nach Offentlichkeit hin gewendeten jüngeren
Entwicklungsrichtung der neuen Kultur. Und dann erst, zeitlich
weit später, ganz ernsthaft erst seit den vierziger Jahren des
19. Jahrhunderts sind wirkliche politische Bestrebungen gefolgt:
kein Wunder daher, wenn sie den Abschluß, beinahe den Nach—
trab der Periode bilden.
Wenden wir aber von diesen letzten großen Erscheinungen
und diesem Abendrot fast der Periode unseren Blick zurück auf
deren glänzende Mitte und im ersten Morgentau funkelnde An—
fänge, um noch einmal, am Schlusse einer Darstellung, die
sich bei dem Reichtum des Inhaltes kaum kürzer fassen konnte,
als geschehen, das Ganze des imposanten Aufstieges dieser ersten
Gesamtperiode des Subjektivismus wahrzunehmen: so bedarf es
für den Leser, der der Erzählung bis hierher gefolgt ist, doch
nur weniger Worte.
Wir wissen, wie sehr die Entwicklung des deutschen Sub⸗
        <pb n="356" />
        Ursprung, Verlauf und Ausgang des Kulturkampfs. 707

jektivismus in seinen Anfängen und noch im Verlaufe seiner
ganzen ersten Periode durch die Tatsache bestimmt war, daß die
Reizworgänge, die das neue Zeitalter auslösten, nicht so sehr
der sogenannten materiellen Kultur, dem Wirtschaftsleben und
stärksten soͤzialen Verschiebungen, als vielmehr — und vielleicht
darf man sagen: ganz überwiegend — geistigen Veranlassungen,
der Entwicklung dessen, was man noch heute in Deutschland
Bildung nennt, verdankt wurden. Die Folge dieser fundamen⸗
talen Erscheinung war jener die ganze Periode, namentlich aber
ihre Anfänge durchleuchtende und durchwärmende Idealismus,
jene ideologische Abgewandtheit von den Gebieten der mate—
riellen Kultur, der gewiß politische Dinge, außer allenfalls
in akademischer Betrachtung, fern lagen: die aber nicht nur
für die deutsche, sondern für die Weltentwicklung Werte er⸗
zeugt hat, die man heutzutage so wenig wird missen wollen
wie die ungeheueren, noch immer durch die Welt hin fermentie⸗
renden Errungenschaften der deutschen Reformationszeit.
Aus dieser Grundanlage des neuen Zeitalters erklärt es sich,
daß in ihm auf lange hin Gemüt und Einbildungskraft noch ganz
anders im Vordergrunde alles schöpferischen Geschehens standen,
als dies sonst im Beginn neuer Zeitalter der Fall ist.
Und so ist die erste Periode des deutschen Subjektivismus
vor allem durch außerordentliche Wandlungen des Gemütslebens
gekennzeichnet, die deshalb nicht geringer sind, weil sie teil⸗
weise, aus tiefsften Wandlungen emporsteigend, erst in der zweiten
Periode offensichtlicher gewirkt haben. Vor allem gehört dahin
die grundlegende Umbildung der Ehe und die Emanzipation
der Frauen, wie sie lange, bevor sie wirtschaftliche Not—
wendigkeiten zu einer Massenerscheinung auch des Lebens der
niederen Klassen gemacht haben, in allen ihren subjektivistisch
möglichen Formen auftrat. Diese Wandlungen, die genauer
allerdings erst zu besprechen wären, wenn eine Darstellung
der zweiten Periode des Subjektivismus dazu auffordern
würde?!, sind so stark und eilen so außerordentlich schnell vor—

1 VBgl. dazu einstweilen die beiden Ergänzungsbände zur Deutschen
Geschichte des Verfassers.
        <pb n="357" />
        708 Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

wärts, daß die Gegenwart in fortgeschrittenen und rudimentären
Arten der Emanzipation wie der Ehe eine Musterkarte ver—
schiedener Bildungen darbietet, wie sie in dieser Ausdehnung,
als soziale Erscheinung, nicht bloß in Ausnahmefällen persön—
lichsten Schicksals, wohl nur wenige Zeitalter der uns welt—
geschichtlich bekannten Entwicklung gezeigt haben.
Weit deutlicher und an mehr sichtbarer Stelle, freilich auch
nicht ganz gleich tief traten aus dem idealistischen Anfangs—
—DD
Phantasietätigkeit als für die Zeit beherrschend hervor. Will
man sie am Orte ihrer reinsten Entwicklung kennen lernen, so
muß man sich der Geschichte der Musik, als der beherrschenden
Kunst des Subjektivismus, zuwenden. Wie gelangt man doch hier
alsbald in das Allerheiligste subjektivistischen Kunstschaffens:
wie bricht vor allem das Streben auf dynamische Wirkung
hervor und der Drang, den Hörer durch Anregung eigener
Empfindungen zum Selbstkünstler zu bilden. Es sind Anfänge,
die sich schon in Bachs Musik ankündigen; klar zutage tritt
das neue Prinzip seit Beethoven; die Musik wird illustrative
Musik bestimmter Empfindungskreise, insbesondere solcher, deren
leise Schattierungen wiederzugeben der Sprache versagt ist: das
Lied blüht empor, die Oper, die symphonische Dichtung. Und durch
die ganze Periode wächst und weitet sich in all diesen Bereichen
die schöpferische Tat: bis Richard Wagner in eine nicht minder
wichtige zweite Periode subjektivistischer Musik hinüberleitet.
Aber wir wissen auch, wie sehr sich die Dichtung, die dar—
stellende Kunst des Wortes, der Musik näherte, ja eben indem
auch sie dynamischen Wirkungen nachging und nirgends in
früherer Herrlichkeit erblühte als in einer schließlich fast musika—
lischen Lyrik, der Musik ebenbürtig zur Seite trat. Freilich
machte sich dabei gerade auf diesem Gebiete auch das allmäh—
liche Absinken nach der Seite überwiegenden Verstandes be—
sonders bemerklich: ist doch die Sprache Trägerin der Emp—
findung und des Begriffes zugleich und damit recht eigentlich
das Medium eines Verlaufes, der von enthusiastischen zu ratio—
nalen Elementen des geistigen Lebens führen sollte. Dem lyrischen
        <pb n="358" />
        Ursprung, Verlauf und Ausgang des Kulturkampfs. 709

Gedicht, dem Zwillingsbruder wenn nicht Doppelgänger des
musikalischen Liedes, folgte eine Phase vorwiegenden Dramas
und dieser eine Phase vorwiegender Erzählung in Roman und
Novelle; der Spiritus verflog, das Phlegma blieb: in diesem Ab⸗
lauf zeigte sich, wie die duftreichen Blüten der subjektivistischen
Frühzeit unter manch harter Zellenverkalkung damit endeten,
intellektualistische Früchte zu tragen.
Aber ist das nicht der Weg jedes großen psychischen Ent⸗
wicklungszeitalters in menschlichen Gemeinschaften gewesen? Und
war nicht nur eben dies das Besondere der Periode, daß dieser
melancholische Verlauf — wenn man ihn melancholisch finden
will — besonders stark betont in Erscheinung tratꝰ Sicherlich
war er allgemein; auch in der bildenden Kunst gelangte man von
dem idealistischen Schema der Kartonkunst mit ihren hohen Vor—⸗
würfen zu einem verstandesmäßigen Kolorismus des Ateliers, und
aus dem Heiligenbild über das Historienbild zu einem Sitten⸗
bild, dessen philiströser Tatsachengehalt der Phantasie des Klein⸗
bürgers gerecht wurde.
So lag es in der Natur der Dinge, daß die Periode
intellektualistisch endete. Da unterwand man sich nicht mehr
der hohen Phantasmen eines Herder, und der Adlerflug Schiller⸗
scher Gedanken wurde auch deshalb bewundert, weil er nun⸗
mehr unerreichbar blieb. Die Kunst verblaßte, die Wissenschaft
trat hervor; der Dichter ward zum Denker; und ein breites Er⸗
blühen der Universitäten förderte das Beste zutage, was die
Nation nunmehr der Welt als Gegenwartsgabe zu bieten hatte.
In der Wissenschaft selbst aber wiederholte sich der Verlauf vom
Pathos zur Einzelbeobachtung: von der Vernunft zum Verstand,
von der Herrschaft der Philosophie bis zu ihrer Knechtschaft,
ja dem Versuche, sie auszutreiben, und bis zu ihrer Verhöhnung.
Da waren die Naturwissenschaften in der Zeit der Hegemonie
der romantischen Metaphysik noch erfüllt gewesen von Gott,
Goͤttern und treibenden Kräften; aber in den vierziger Jahren
wurden sie unter das Gesetz von der Erhaltung der Kraft ge⸗
bändigt, und der Schluß der Periode war bezeichnet durch den
unbedingten, gegnerlosen Triumph des Mechanismus. Da lebte
        <pb n="359" />
        710 Fünfundzwanzigftes Buch. Fünftes Kapitel.

in den Geisteswissenschaften anfangs noch allbeherrschend die
Vorstellung von einem letztlich göttlichen Gehalt alles Menschen—
wirkens, wie sie zentral in der Ideenlehre Wilhelm von Hum—
boldts und Rankes erblühte, — aber die Schlußzeit brachte Ver—
flachung ins Detail, Wühlen im Unbedeutenden unter zu⸗
versichtlichem Zurschautragen eines durch keinerlei höhere Vor—
stellungsanstrengungen motivierten Agnostizismus, und darum
willenlosen Anheimfall an fremde Mächte, in der Geschichte vor
allem an die politischen Fragen des Werktags.
War dies der allgemeine Verlauf und schauen wir jetzt zurück
auf die politischen Dinge, die uns im Anfange dieses Abschnittes
beschäftigt haben, so begreifen wir wohl, wie diese Entwicklung
jener besonderen Betonung der mehr äußeren Willenskräfte, die
alles politische Wesen kennzeichnet, nicht günstig sein konnte.
Gewiß: es gab eine Zeit, in der sich geistige und politische
Entwicklung auch in dieser Periode innerlichst nahetraten. Es
war in dem Moment, in dem die hohe Leidenschaft der
geistigen Entwicklung noch nicht verflogen, aber doch schon so
weit konkret gestaltet war, daß sie politische Ideen liefern
konnte und lieferte: es war die Zeit um die Wende des
18. Jahrhunderts. Denn wenn diese Jahre auch noch an erster
Stelle widerhallten von Dichtung und Gesang und den De—
klamationen phantastischer Denker: wer wird sich nicht sagen,
stellt er sich ihrem Geiste nahe: noch ein Schritt ins Greif⸗
bare, und Schiller wird ein gewaltiger Volksvertreter werden
und Goethe ein starker Staatsmann? Wilhelm von Humboldt
aber war Staatsmann, und Fichte spielte eine politische, ja
eine kleine militärische Rolle.
In der Tat ist dies der Moment gewesen, der in unserer
Literatur — theoretisch also — zuerst die großen politischen
Gedanken des Subjektivismus gezeitigt hat: in der Früh⸗
romantik liegen die Anfänge unseres liberalen wie konservativen
Denkens, und beide erhalten schon dadurch eine besondere
Färbung im Sinne eines freilich noch embryonalen subjekti—
pistischen Demokratismus.
Indes die Verbindung von Theorie und Praxis blieb zu
        <pb n="360" />
        Ursprung, Verlauf und Ausgang des Kulturkampfs. 711

lose: so setzte die Restauration der heiligen Allianz ein; Deutsch⸗
land wurde politisch still oder wenigstens zum Schweigen
gebracht: und erst seit 1840 und 1848 brach in reichem Strom
die Fülle der politischen Ideen hervor, die eine frühere Zeit
auszutragen bereits begonnen hatte.
Wenn aber damit doch noch eine späte Vermählung der
geistigen Werte des Frühsubjektivismus mit dem politischen
Streben des Ausgangs der ersten subjektivistischen Periode
erfolgte, so geschah dies durch den Eingriff vornehmlich ganz
inderer Entwicklungsmomente, der wirtschaftlichen nämlich und
der sozialen.
Sicherlich wird man die wirtschaftlichen Fortschritte der
Nation etwa von der Mitte des 17. Jahrhunderts bis zum
Ausgange des 18. Jahrhunderts nicht unterschätzen wollen. Sie
sind stark genug gewesen, um auch dem Verlaufe des geistigen
Lebens entfscheidende Färbung zu geben: in der Musikgeschichte
folgt dem Zeitalter der Kammermusik vor aristokratischen Kreisen,
bor dem Gentilhomme der Fürsten- und Adelskultur noch des
18. Jahrhunderts das Zeitalter der Konzertmusik, zu deren
halb öffentlichem Genusse sich bürgerliche Kreise vereinigen, wie
denn zum Beispiel Haydn noch fürstlicher Diener war, während
Beethoven schon für das „Publikum“ schuf; in der Dichtung
lassen sich verwandte, wenn auch nicht gleich stark ausgeprägte
Gegensätze nachweisen: und das Hervortreten des Bürgertums
bedeutet den langsamen Sieg des neuen Wirtschaftslebens der
Unternehmung.
Allein hatte es dies Wirtschaftsleben um 1800 schon zu
einem wirklichen Durchbruch gebracht? Keineswegs: nur so weit
reichte sein stiller Druck an den fortgeschrittensten Stellen der
Entwicklung, daß die Liquidation der ungeheuren Reste früherer
Wirtschaftsstufen in dem zkonomischen Leben der Gegenwart
angestrebt und, soweit die bürgerliche Nahrung in Betracht
kam, verhältnismäßig rasch auch erreicht wurde.
Allein damit begann doch recht eigentlich erst das neue
Leben. Nun erst wurde die innere und äußere Wirtschafts—
politik der Staaten immer mehr in den Dienst der Unternehmung
        <pb n="361" />
        712 Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

gestellt; nun erst wagte man langsam den Wettbewerb mit dem
Auslande: bis die Entwicklung, etwa um die Mitte des
19. Jahrhunderts, so weit fortgeschritten war, daß sich, ein
Zeichen wohlerprobten und kräftigen Aufschwungs, die Umrisse
einer neuen sozialen Schichtung unter dem Ferment des Unter—
nehmertums in ersten blassen Strichen am geschichtlichen Horizont
zu malen begannen.
Doch hatten die sozialen Umwälzungen, die sich damit
ankündigten, damals noch keinen Einfluß auf die politischen
Läufe. Man kann in der Geschichte der verschiedenen Revo—
lutionen, die um 1848 auf deutschem Boden ausbrachen, wohl
einzelne Einwirkungen der vierten Klasse feststellen: daß sie für
das Schicksal dieser Revolutionen wesentlich gewesen wären,
hat noch niemand behauptet; und Marx, der Verfasser des
Arbeitermanifests, war Bourgeois von Beruf und bürgerlicher
Herkunft. Allein in einer anderen Richtung wirkte das neue
Wirtschaftsleben doch schon ein, und zwar in rasch steigender
Stärke. Man lernte in wichtig werdenden Kreisen der Nation
schärfer und in der besonderen geistigen Richtung sehen und
urteilen, die man seit den fünfziger Jahren realistisch zu nennen
begann. Und man übte sich schon früh in der unmittelbaren
Beeinflussung staatlicher Maßregeln. Geschah das anfangs nur
auf dem wirtschaftlichen als auf dem Gebiete eigenster Interessen,
so weitete sich mit der immer entlegenere Fernen umfassenden
Entwicklung des Unternehmertums auch der politische Blick:
und bald trat ihm wenigstens ein Ziel als unbedingt auch den
Vorteil der eigenen Entwicklung bedingend hervor: das Ziel
der nationalen Einheit. Es war ein innerer Zusammenhang,
den schon Goethe klar gezeichnet hat und der die Zollpolitik
Preußens von Anbeginn unitarisch befruchtete; es sind die
Motive, die später besonders in Handelstag und Zollparlament
mächtig in nationalem Sinne gewirkt haben. Und schon war
damit ihre ständige Beziehung zur Politik überhaupt gegeben:
und in ihr vornehmlich auch wieder zu den nunmehr Leben
gewinnenden politischen Zielen des vorwiegend idealistischen
Geisteslebens des Frühsubjektivismus. Eine Kombination von
        <pb n="362" />
        Ursprung, Verlauf und Ausgang des Kulturkampfs. 713

Motiven trat damit ins Leben, die recht eigentlich den Aus—
gang der ersten Periode des Subjektivismus und damit das
Zeitalter der deutschen politischen Erhebung befruchtet hat:
wenn auch in der Tatsache, daß von allen politischen Idealen
sich das Einheitsideal noch am vollständigsten verwirklicht hat,
deutlich hervortritt, wie schließlich die wirtschaftliche, die „realste“
aller Entwicklungen, diejenige gewesen ist, die politisch sich am
meisten kräftig erwies.
Der mit diesen Feststellungen erreichte Standpunkt der
Betrachtung, der bis unmittelbar an den Schluß der ersten
subjektivistischen Periode und somit auch unserer Erzählung
führt, ist aber von solcher Bedeutung auch für die fernere
Entwicklung, daß wir ihm, nach einer Richtung hin wenigstens,
auch noch in die Zukunft folgen wollen, um seinen Einfluß
schon in früherer Vergangenheit überzeugender und bestimmter
verstehen zu lernen.
Wir haben gesehen, wie außerordentlich schwer es wurde,
im allgemeinen Wahlrecht zunächst, wenn auch einstweilen nur
in der rohen Form der unabgestuften Reichstagswahl, eines
der Grundprinzipien des subjektivistischen Staates einzuführen.
Die Schwierigkeit ergab sich zum Teil aus dem Widerstand
der in der Anschauung und in der politischen Betätigung der
Zeitgenossen noch nicht geschwundenen Verfassungsbildungen
des altständischen Staates und jenes konstitutionellen Staates
dessen Theorie vom Naturrecht her entwickelt worden war. Es
bestand aber auch noch ein anderes, vielleicht noch größeres
Hindernis. Das allgemeine Wahlrecht faßt nur die Einzel⸗
person ins Auge: diese erscheint als die eigentliche Komponente
des Staatslebens. Dies ist nun gewiß auch ein Gesichtspunkt,
der elementaren Bedürfnissen des Subjektivismus gerecht wird.
Aber doch nur gewissen Bedürfnissen. Daneben tritt eine andere
Betrachtungsweise, die, mehr konservativ, der soeben besprochenen
mehr liberal getönten Anschauung in der deutschen Entwicklung
alsbald und gleichzeitig, spätestens bereits in den neunziger
Jahren des 18. Jahrhunderts, entgegentrat. Ihr ist das poli—
tische Subjekt als Einzelperson nur an zweiter Stelle von Be—
Lamprecht, Deuitsche Geschichte. XI, 2. 46
        <pb n="363" />
        714 Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

deutung; sie sieht in ihm vor allem das Zoon politikon und
begreift es nur in seinen innigen, eben das subjektive Leben
zum Ausdruck bringenden Beziehungen zur Gesellschaft, und
das heißt auf politischem Gebiete vor allem zu den verwandten
Kreisen der Verwaltungszugehörigkeit, der Lebensstellung, des
Berufes. Diese Auffassung, es ist klar, mußte nun versuchen,
dem langsam auftauchenden Gedanken der einzelpersönlichen
Wahlrechtsvertretung des Subjekts im Staate einen anderen
Gedanken mindestens als ergänzend zur Seite zu stellen: den
der Vertretung der Einzelpersonen nach ihrer Zugehörigkeit zu
halb öffentlich-rechtlichen Gesellschaftskreisen. Es war eine
Korrelatforderung zu dem Postulate des allgemeinen Wahl—⸗
rechts, wie sie, heute noch nicht erfüllt, in Zukunft sehr wohl
einmal in Oberhäusern verwirklicht werden könnte, deren Prinzip
der Zusammensetzung eben dies gesellschaftliche, sagen wir kurz
das Prinzip nach neuen Ständen sein würde.
Nun: wenn dies eine nach dem Verlaufe der bisherigen
Entwicklung fast unabweisliche Forderung der Vergangenheit war
und der Zukunft zu sein scheint: ließ sich dann diese Forderung
auf Grund der Entwicklung des Wirtschaftslebens und damit,
nach dem Charakter der sozialen Entwicklung des 19. Jahr⸗
hunderts, auch der Gesellschaft, verwirklichen? Es ist von un—
bedingter Wichtigkeit für das Verständnis der Bedeutung der
deutschen wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung dieser Zeit,
daß diese Frage verneint werden muß. Die wirtschaftliche
Entwicklung war in den entscheidenden fünfziger und sechziger
Jahren noch mitnichten so weit fortgeschritten, daß sie auch
schon eine neue, subjektivistische Gesellschaftsgliederung geliefert
hätte: noch galten, wenn auch schon vielfach abgeschlossen
und halb zerstört, die großen sozialen Unterschiede des 16.
—I
mann schien schließlich noch immer ausreichend, sie voll zu
umfassen. Da versteht sich denn, wie der andere, sagen wir
konservative Zweig des politischen Denkens, der das Subjekt
des 19. Jahrhunderts am liebsten als Zoon politikon hätte
einordnen mögen, praktisch nicht zu der ihm eigentlich zu—
        <pb n="364" />
        Ursprung, Verlauf und Ausgang des Kulturkampfs. 715
kommenden Bedeutung zu gelangen vermochte: denn wollte
man eine Volksvertretung nach sozialen Motiven aufbauen, so
sah man sich auch bei unbefangenster Würdigung des Be—
stehenden doch immer wieder auf die alte Standesschichtung
der Vergangenheit hingewiesen und erschien dadurch reaktionär.
Der von uns betrachtete Zusammenhang aber ergibt ohne
weiteres, daß an dieser Lücke, diesem Mangel der bisherigen
Verfassungsentwicklung primär nicht der bestehende soziale
Status oder gar das politische Denken die Schuld trug,
sondern vielmehr die zu langsam und zu spät erfolgende höhere
Entwicklung des Wirtschaftslebens. Denn erst die jüngste Ver—
gangenheit hat eine volle Revolution der sozialen Schichtung
nach subjektivistischen Prinzipien erlebt, erst in der Gegenwart
beruhigen sich allmählich die Fluten dieser sozialen Umwälzung;
und erst die Zukunft wird imstande sein, neben der Inanspruch⸗
nahme der Einzelperson auch auf den festeren Fundamenten einer
neuen sozialen Schichtung einen neuen, dann ganz subjektivistisch
konstruierten Staatsbau zu errichten.
Zur Vergangenheit der fünfziger und sechziger Jahre des
19. Jahrhunderts und auch noch früherer Jahrzehnte aber er⸗
gibt sich an dieser Perspektive, als wie stark einwirkend und
mannigfach ausschlaggebend auch mindestens für jene Zeiten schon
die wirtschaftliche Entwicklung zu erachten sein wird.

Unversehens, fast könnte man sagen unbewußt haben uns
einige Bemerkungen in den Ausführungen des vorigen Ab⸗
schnittes über den Charakter der politischen Entwicklung der
ersten Periode des deutschen Subjektivismus zu einer Art
Schlußbetrachtung dieser Periode überhaupt geführt.
Freilich: nur zu einer Art von Schlußbetrachtung. Denn
wer wollte es unternehmen, über eine große Periode von sechs
Generationen, die vor kaum viel mehr als einem Menschenalter
zu Ende gegangen ist, schon jetzt, und vor allem über ihre politische
Seite oder von ihrer politischen Seite her bereits in der Gegen⸗
wart abschließend zu urteilen — abschließend in dem Sinne,
46 *
        <pb n="365" />
        716 Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

in dem überhaupt geschichtliche Urteile, auch wenn sie nur
kausale Zusammenhänge festzustellen suchen, als abschließend
betrachtet werden können? Noch ist dazu unsere Zeit längst
nicht reif und nur in Aphorismen vermögen wir uns in der ge—
forderten Richtung vorwärts zu bewegen; wie sich denn in dem
vorigen Abschnitte das politische Urteil ganz allmählich der
historischen Betrachtung untergeschoben hat.
Sollten wir da nun gar imstande sein, die Erzählung der
deutschen Schicksale im Stile dieses Buches noch über die erste
Periode des Subjektivismus hinaus bis zur unmittelbaren
Gegenwart fortzusetzen? Es wäre Vermessenheit, dies auch
nur ernstlich zu denken; und läügst schon ist der Verfasser
dieses Buches dem Bedürfnis, sich und andere bis zur Gegen⸗—
wart zu unterrichten, in anderer, nunmehr den Dingen an—
gemessenerer Form, in der Darstellung der Ergänzungsbände
seines Werkes nachgekommen.
Wird man nun aber unter diesen Umständen einen so—
genannten „Schluß“ der hier vorliegenden langen, durch fünf—
undzwanzig Bücher und elf Bände hin erstreckten Darstellung
der Deutschen Geschichte erwarten? Eine Rekapitulation etwa
des hauptsächlichsten Inhaltes? Eine kausale oder teleologische
Betrachtung der wichtigsten Zusammenhänge bis auf unsere
Tage?
Sie zu wagen über das kurze Programm hinaus, das in
dieser Hinsicht, von einem ganz bestimmten Gesichtspunkte, von
der Geschichte des Nationalbewußtseins aus, in der Einleitung
des ersten Bandes durchgeführt ist, hieße nicht nur einen Zu—
sammenhang unterbrechen, der sich, wenn auch in modifizierter
Form, in den Ergänzungsbänden fortsetzt: es hieße vor allem
dem innersten Geiste der Geschichte selbst widersprechen.
Denn mag man auch das historische Geschehen einer Nation,
ja selbst der Welt, leichteren Verständnisses wegen und aus
ästhetischen Rücksichten in Zeitalter und Perioden gliedern und
sich des Rhythmus freuen, der ihm dann Ebenmaß gibt und
den elastischen Schwung gleichsam des wandernden Mannes in
guten Jahren: immer ist zu bedenken, daß, in der ausgeführten
        <pb n="366" />
        Ursprung, Verlauf und Ausgang des Kulturkampfs. 717
AUnsprung. Verun unrd un⏑——

Erzählung, diese Periodisierung den Rücksichten des Erzählenden
und seiner Zeit, seiner Gegenwart folgt. Oder verläuft nicht
in der Darstellung der deutschen Geschichte, der ich nun die
Arbeit beinahe eines Vierteljahrhunderts gewidmet habe, die
Periodenbildung in einer mit der Annäherung an die Gegen⸗—
wart steigenden Ausführlichkeit? Umfaßt nicht die Darstellung
der beiden ältesten uns bekannten Zeitalter nur je zwei Bände,
die des im Verhältnis zu unserer Zeit vorletzten Zeitalters schon
drei Bände und die selbst nur der ersten Periode des Zeit⸗
alters, dem unsere Tage angehören, gar bereits vier? Da
mag man nun wohl von dem zunehmenden Stoffreichtum
jeder nationalen Entwicklung und so auch der deutschen reden —
imd es ist gewiß, daß die Fülle des Geschehens mit steigenden
Zeitaltern sich in der Tat nicht in die Enge spitzwinklig zu—⸗
inander verlaufender Schranken fassen läßt, sondern sich un—
endlich erbreitert, so daß kaum Grenzlinien stumpfen Winkels
sie fassen können —: immer aber bleibt bestehen, daß, was uns
näher liegt, uns auch im Einzelnen, Zufälligen, Individuellen
mehr fesselt. Und so sind in diesem letzten Halbband, inner⸗
halb des politischen Verlaufes, Dinge erzählt worden, die, selbst
bei gleich ausführlicher Überlieferung, sicherlich nicht Erwähnung
gefunden hätten, hätte ihr Verlauf etwa der Zeit der Mero—
wingen, ja sogar den Zeiten und dem Leben etwa Karls des
Großen angehört. Die historische Perspektive, wenigstens soweit
wie wir sie gewöhnt sind, ist eben eine verzerrte, indem sie sich nach
ckwärts unendlich rasch verkürzt: und nicht einer nationalen,
sondern nur einer universalen Betrachtung und historischen
Kunst allein wird es vielleicht einmal gelingen, an die Stelle
der gebräuchlichen hier richtigere — wenn auch wahrscheinlich
nicht schon so bald die richtigen Verhältnisse und Maßstäbe
zu setzen.
Allein auch abgesehen von dieser Besonderheit selbst noch
der jüngsten geschichtlichen Darstellungs⸗ und Auffassungsform:
läßt sich denn in Wahrheit das geschichtliche Geschehen so in
Zeitabschnitte gliedern, daß diese gerade in der Gegenwart in
holl befriedigender Weise aufgehen? Ist nicht alle Periodi—
        <pb n="367" />
        718 Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.
sierung schließlich nur ein Notbehelf, der sich unserer seelischen
Veranlagung, oder auch vielleicht nur einem mit steigenden
Kulturzeitaltern immer mehr gefühlten Bedürfnis der Okonomie
unseres Denkens aufdrängt? Ist sie mit einem Worte nicht
etwas Subjektives, und keineswegs ein Objektives, das den
Dingen als solchen eingeschrieben innewohnt?
Die Geschichte ist ein ewiges Werden, ein einseitiger Ver—
lauf in der Zeit; sie kann niemals einen endgültigen Schluß
haben und hat, betrachten wir es genau, auch keinen proviso—
rischen Abschluß. Was schließt, kann, soweit es sich um die
Ereignisse selbst handelt, wohl die Arbeit eines bestimmten
Volkes an der Geschichte sein; und soweit die Erzählung von
Ereignissen in Betracht kommt, die Arbeit des einzelnen Dar—
stellers.

Der letztere Fall liegt hier vor. Und er soll Veranlassung
geben, in feierlichen Worten eines Schlußwortes von dem Aus—
gange auch nur einer nationalen Geschichte gleichsam als solchem
zu sprechen und rhythmische Werte vielleicht da zu suchen, wo
eine spätere Zeit sie niemals finden wird? Es ist genug an
dem Glauben, den so mancher Philosoph bewußt oder unbewußt
gehabt hat, mit seinem System an das Ende der Zeiten gelangt
zu sein; der Historiker wird sich diesem Irrtum schwerlich hin⸗
geben. Und so würde für ihn eine Schlußübersicht höchstens eine
rein persönliche Angelegenheit sein können.
Indem er sich aber, in dem hier vorliegenden konkreten
Falle, mit diesem Gedanken von seinen Lesern verabschiedet,
beschleicht ihn leise und immer dringlicher, lauter, schließlich un—
abweislich eine ganz andere als eine intellektualistisch⸗begriffliche
Regung. Mit dem Leser fühlt er sich aus den Weiten einer
schier unendlichen Entwicklung zu dieser Scholle der Gegen⸗
wart, diesem zeitlichen Heimatsboden des eben Werdenden und
Gewordenen heimkehrend. Wie anders doch sah die Welt in
unserem Vaterlande aus vor jenen sechzig Generationen, deren
früheste unsere Gedanken hinaufführt bis in den Beginn unserer
besser beglaubigten Geschichte, da Germanen zum ersten Male
vielleicht ihre zottigen Rosse ruhiger weilend im Rheine
        <pb n="368" />
        Ursprung, Verlauf und Ausgang des Kulturkampfs. 719

tränkten. Was ist seitdem in und über uns alles geworden:
welche Wandlungen hat die Seele der Nation durchgemacht;
wie verschieden, wie unendlich verschieden sind wir von unseren
Ahnen!
Und indem wir aus den eisigen Hochfirsten unserer Vor—
und Urzeit und aus den noch viel verschlungenen Hochwald⸗
gebieten unseres Mittelalters, wie aus den schon weit kulti⸗
bierteren Hügelregionen späterer Jahrhunderte heimkehren in
unsere Zeit, zu uns selbst, indem wir in den Gegenden, die
wir durchwandern, nun schon Ordnung und ruhigen Linien⸗
fluß einer völlig gebändigten Landschaft wahrnehmen, bis uns
einzelne Gegenstände als längst bekannt entgegentreten und
manch lieber Baum im Wiesengrund, manch Waldesriese uns
vielleicht schon die Frage entlockt, wie ihm wohl der letzte
schwere Winter oder die letzte Dürre des Sommers bekommen
sei: tauchen wir in jenes wohlige Gefühl zeitlicher Distanz
und doch gegenwärtigen Genießens und Verstehens ein, das
man weniger historischen Sinn als geschichtliches Gefühl,
besser noch geschichtliches Empfinden nennen möchte. Und in
ihm wandern wir vorwärts, getrost und voll einer bewußten
Sicherheit, daß sich nichts in den Schicksalen unseres Volkes
vollzogen habe, vollziehe oder vollziehen werde, zu dem wir
nicht Beziehungen inneren Lebens nicht nur, nein zumeist auch
einen Schlüssel geschichtlichen Verständnisses oder wenigstens
Verständnisbestrebens besäßen. Und so finden wir uns in einer
Vaterlandsliebe zusammen, die mehr ist als Enthusiasmus,
mehr als Tradition und mehr als bloße natürliche Liebe, die
Erlebthaben bedeutet. Und in diesem Gefühle, das uns jeden
Ort, jede Flur, jede Halde und jeden Haug unseres Vater⸗
landes erscheinen läßt wie eine Kindesheimat und ein liebes
Vaterhaus; das uns an sich zieht aus jeder Fremde und uns
an den Grenzen deutschen Wesens den ersten Laut unserer
Sprache, das erste Hoheitszeichen unseres Staates, die ersten
lagernden Giebeldächer unserer Dörfer und die ersten ragenden
Tuͤrme unserer Städte begrüßen heißt mit einem stillen und
doch überschwenglichen inneren Klang von tausend Stimmen:
        <pb n="369" />
        720 Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

in diesem Gefühl uralten Besitzes und unverjährbarer Rechte
und doch wieder reichster Erwartung und entschlossener Hoff⸗
nungen wollen wir in inniger Empfindung zu allem stehen,
was deutsch heißt an Land und Leuten immerdar.
Ja wir lieben dich, du deutsches Vaterland, du Träger
und du Schoß für uns alles in heimlicher Nähe Großen, du
Hort unserer Jugend und du Stolz unserer Manneszeit. Wir
lieben dich, wie man Weib und Kind liebt; und wer von deinen
Söhnen uns in der Fremde begegnen mag, er sei uns Freund
und Verwandter. Und wenn wir deine blauen Berge durch⸗
wandern im Sonnenblick des Frühlings oder in den Nebel—
schleiern des Herbstes, dann möchten wir dich wohl segnen mit
den Wünschen jener Vielerfahrenheit und jener allem Menschlichen
anhaftenden, tätig schaffenden Selbstbescheidung, die die Keuntnis
langer Vergangenheiten deiner Geschichte uns als kostbarstes
Besitztum darreicht. Mögen noch späte Geschlechter unserer Ab⸗
kunft treu und kraftvoll in dir walten, immer höher und höher
steigend in allem, was menschlich heißt und gut; mögest du
reich sein an Frucht und Wein wie vor alters; mögen in dir
geschäftig sich Räder drehen und unablässig Kräfte deinen Ein—
geweiden entlodern: mögest du ruhmvoll und stark ein menschlich
würdiges Geschlecht nähren bis ans Ende der Zeiten!
        <pb n="370" />
        J. Bachregister.

A.

Aachen 24.
Abbeville 540.
Adel 134. 328 ff.
Agypten 375.
Agence Havas 522.
Alengon 547.
Alexandrowo 620.
—453— Fluß auf der Krim; Schlacht
Alsen, Insel 434. 487. 440.
Altertumswissenschaft 176.
Altkatholiken 655ff.
Altlutheraner 8. 48.
Amiens 540. 545 f.
Ancona 88. 392.
Anpelt. Herzogtum 135. 398. 406
Anthropologie 147.
Antwerpen, Kunst 198. 201 —
Handel 347.
Arbeiterstand 8324 bis 344.
Arnis in Schleswig 434.
Arras 546 ff.
Arlenay bei Orlsans 541. 548 f.
Aschaffenburg 24. 473.
AÄschaffenburger Kirchen—
zeitung 24.
Aspromonte 645.
Aufklärungszeitalter 22.
Augsburg 176.
AÄu'gsburger Allgemeine
Zeitung?2097. 402.
Autun in Frankreich 549.
82Avenir, Zeitung 632.

Baden (Großherzogtum) Kirche 29.
47. 640. 655. 67 1. 698. — Schul—
wesen 175. — Revolution von 1848
und 1849 66. 85f. 111 - Jahre 1848
618 1864 398. 403. 406. 4828. 480. —

M.

Jahre 1865 und 1866 459. 472.
508f. — Jahre 1867 bis 1869 506.
508. 518f. -Jahre 1870 und 1871
5183. 335 857. 3bö.dJahre nach
1871 570f. — Industrie 839.
ßaden-Baden 402. 406.
Bamberg 378. 457. 664.
Bankwesen 5685f.
ßapaume 547.
Zarbizon, Malerschule 206f.
Barock 228ff.
Barr im Unterelsaß 549.
Bau, Dorf bei eenzees 97.
Baukunst 221 bis 231.
Baumwollindustrie 8332. 339f.
Bayern, Kirche 25. 27 ff. 85. 40.
0 63. 639. 8341. 664. Schulwesen
 175. — Industrie 839. —
Rebolutionszeit von 1848 und 1849
66. 92. 119f. 126. — Jahre 1850
bis 1863 398. 406. — Krieg von
1864 481. — Jahre 1865 und 1866
146 bis 486. 496. 303 f. — Jahre
1867 bis 1870 509. 511f. — Jahre
1870 und 1871 515. 541. 555 bis
559. 570 ff. 608. 639. 654 f. 664.
680. — Heerwesen 571f.
Beaumont 537.
Beaune-la-Rolande 543.
Belfort 549f. 552.
Belgien 516. 609. — Kunst 188.
213f. 638. — Industrie 388.
Berlhin, Revolutionszeit von 1848
und 1849 66. 68 bis 76. 119. —
Rest des 19. Jahrhunderts 526.
604. — Kunst 198. 200. 202. 214.
222 ff. 226. 280. 282. 234. 266 ff.
284. 289 f. 842. — Leben im
19. Jahrhundert 245. 832. 362. —
Induftrie 344. — Zollparlament
        <pb n="371" />
        z2æ

Sachregister.

Berliner Kongreß von 1878
sis ff. 619. 628.
Besangon 549. 590.
Befsarabien 376.
Biarritz 452.
Bibelgesellschaften 17.
Biedermaierstil 851.
Bielefeld 337.
Bier, Steuer darauf 500. 577.
Bildende Kunst fiehe Malerei und
Plastik.
Bildnismalerei 205. 209.
Blumenau bei Preßburg 480.
Böhmen 76. 94. 477.
Bologna 838.
Bonifaziusverein 636.
Bonn 22. 36f. 342. 662.
Bordeaux 552.
Borinage 633.
Borromeusverein 636.
Bosnien 615f. 704.
Brandenburg GStadt) 78. 459.
Bigr ntwein, Steuer darauf 500.
Braunsberg in Ostpreußen 36.
Braunschweig (Herzogtum) 346
497. 571. 619.
Braunschweig (Stadt)22. 2833. 508
Bregenz 126.
Breisach 549.
Bremen 8332.
Brennereien 827.
Breslau 21f. 35f. 42. 45. 240.
e 347. 469. 636. 656. 663. 684
693.
Bronzell in Hessen 126.
Brünn 479.
Brüsfsel, Kunst 201.
Budapest 79. 81.
Buddhismus 310f. 314.
Bürgerliches Gesezbuch 569.
Bürgertum 134. 330 bis 358.
Bulgarien 613. 615.
Bund der Tat, italienischer 388.
Bundeskanzleramt 879.
Bundeskriegsverfaffung 402
Bundesoberhandelsgericht 567
Bundesrat 499. 564. 572. 578. 5220
Bundestag 27. 58. 73. 87. 91f.
96. 109. 124 f. 131. 134 f. 398f.
402 ff. 422. 425 f. 432. 444. 446 f.
451. 458 f. 469. 473. 476. 577.
Burkersdorf bei Trautenau, Ge—
fecht von 1866 478.

C.
Cambrai 548.
Castelfidardo, Gefecht 392.
Shasens surMarue 531. 533.
Chartres 545.
Chäteaudun bei Orléans 541. 548.
Chateau Salins siehe Salzburg
in Lothringen.
Chatel bei Metz 535.
Chemie 143ff. 157 bis 170. 342.
Chemnitz 344.
OCivilItàâ' cattolica 648.
Coburg. siehe Koburg.
8 germanicum 24.
Comorra 388.
Coulmiers bei Orléans 548.
Custozza, Schlacht von 1848 79. —
Schlacht von 1866 481.
Cypern 616.

D.
Dänemark s98 bis 99. 127 ff. 519.
609. 619. — Krieg von 1864 419
bis 441. — Industrie 346. —
Kunst 205.
Daguerreotypie 209. 851.
Danewerk 433f.
Danzig 447.
Darmstadt 348. 507.
Denkmäler 232f.
Dermbach in Thüringen 473.
Dentiche Eisenbahnzeitung“
Deutscher Bund 378 bis 486.
Deutschkatholiken 23.
Dichtung 1981. 285 bis 298.
Diedenhofen 531.
Dijon 549 ff.
Donaufürstentümer ssiehe auch
die einzelnen Reiche) 378 ff.
Dorfbarbier, Zeitschrift 298.
Douai 548.
Drama 276 bis 286.
Dreibund 623. 627.
Dresden, 19. Jahrhundert 67f.
I10. 470. 499. — Dresdener Kon⸗
ferenzen 1851 181. — Kunst 192.
205. 224 ff. 280. 233f. 289. 292.
— Zwinger 230.
Ddupghel 127. 483. Anm. 4834. 437.
Düfseldorf 24. 200. 205 ff. 215.
        <pb n="372" />
        Sachregister.

728

E.
Ehen, gemischte 309f.
Eichstäht 24.
Eiderdänen 421.
Eisenach 472.
Eisenbahnen 346. 565. 567.
Eisfeld im Meiningischen 8351.
Elfaß-Lothringen 552. 579. 582
bis 599.
Ems 609. 618. — Vorgänge von
1870 520. 524f.
Emser Punktationen 20.
England 97. — Geistesleben im
19. Jahrhundert 7. 238 bis 241.
244 . 262. 807. — Bildende Kunfi
193f. 196f. 230. — Unterhaus 418.
— Handel und Industrie 336. 338
3410 347 f. — Weltpolitik 368. —
Krimkrieg 375 bis 381. — Polische
 Geschichte im 19. Jahrhundert
422. 428. 4354. 437. 515. 319. 600.
—
Epinal 549.
Erfurt 120f.
Ermland 386. 684.
Erzbruderschaft vom heiligen
Michael 636.
Erziehung 51f. 173 ff.
Efsen an der Ruhr 344.
Etdin bei Verdun 534.

553. — Zeit nach 1871 1574. 610 ff.
517f. 621f. — Kirche 19. 24. 40.
32 RKunst 1935. 1965. 252
281f. — sonstiges Geistesleben 307.
Industrie 338.
Frau im 19. Jahrhundert 8215. 707.
F edericia in Dänemark 127. 4834.
Freiburg in Baden 20. 22. 88 f.
639f. 684.
Iretiburg Kanton 64. J
Freiburg in der Schweiz (im Ucht—
land), Stadt 35.
Freimaurer 8. 646.
Freizügigkeit 501.
fFriebrichsort bei Kiel 445.
zriedrichsruh 868.
riedrichstadt in Schleswig 128.
Fürstenschulen 174.
3171 a 126. 473. 639. 641. 648. 654.
658. 668. 684.

Gasta in Italien. 83. 892. 642.
Gartenlaube, Zeitschrift 297.
Gastein 405. 449 f. 608. 619 f. 689
Benua 346.
Gerichtsverfassungsgesetz 568f.
Germania, ultramontane Zeitung
660. 678. 683.
Geschichtswissenschaft 171. 177
bis 189.
Gesellenvereine, katholische 633.
Gießen 22. 471.
GGitschin, 77f.
w ortiß 477.
Röttingen 296. 471.
Jorze bei Metz 534.
votha 120. 348.
3otitk 222ff.
votthardbahn 6009.
Uravelotte 535f.
Iray bei Dijon 550.
Breiz 498.
Bymnasien 1738ff.

G.

F.
Finanzwesen des Deutschen Reiches
575 ff.
Flanden Kunst 198.
Flensburg 434.
iegende Blätter 114. 195.
lorenz 455.
rLotte, deutsche 574.
ontainebleau548.
——— Klausel 577.
Frankfurt am Main (siehe auch
Bundestag und Nationalversamm—
lung) 24. 29. 86 ff. 92. 100. 317.
106 428. 430. 471. 473. 476. 494.
— Kunst 201. — Friede von 1871
553. 583. 598.
Frankreich (fiehe auch Napoleon J.
und Napoleon III.) Zeit der Re—
dosution von 1848 83. — Krim—
krieg 375 bis 3881. — Jahre 1857
bis 1869 407. 428. 434. 437. 452.
f. 488. 6025. 505. 307. —
Krieg von 1870 bis 1871 515 bis

59.

alle an der Saale 460.
zan in Nordfrankreich 540. 546.
ZSamburg, Handel 347. — Kunst
205. 227. - Häusliches Leben 8350.
189. Jahrhuͤndert 420. 480. 497.
handel 345 bis 358. 501.
——— 501. 567.
andelstaäag, deutscher 508. 712.
        <pb n="373" />
        724

Sachregister.

Handwerk 331 bis 844.
annover (önigreich) 92. 97.
I19 ff. 185. 898. 426. 430. 445.
470 bis 486. 494 ff. — Schul
wesen 175. — Industrie 336 f.
Hannover(Stadt) 471. — Kunst2283.
arburg 471.
eerwesen, deutsches, im 19. Jahr⸗
hundert 500. 570.
Heidelberg 86. 381. 655.
deilbronn 347.
eilige Allianz 25. 30.
»eiliger Rock 10. 45. 633.
reimatsrecht 500.
eldenverehrung 182.
elgoland 488.
eppenheim an der Bergstraße 85f
errnhüter8.
ersfeld 472.
erzegowina 6183. 615f. 704.
vefsen, Großherzogtum, 19. Jahr—
hundert 398. 430. 445. 472. 456
196. 508. 509. 516. 527. 555. 559 f
571. — Kirche 29. 644. 671.
693.
Hessen-Kassel, Kurfürstentum
12—2ff. 180. 3808f. 3470
bis 486. 4894 f. — Kirche 29.
ietzing bei Wien 472.
ildes heim 684.
Historische Zeitschrift 180. 186.
istorisch-politische Blätter
633. 678.
e siehe Niederlande.
olstein iehe auch Schleswig
Holstein) 406.
Huhnerwafsser in Böhmen 478.
J Wokal).
Idstedt bei Schleswig 128.
Impressionismus 221.
Index librorum prohbibito—
rum 16.
Industrie 333 bis 858.
Inkerman, Schlacht von 1854 379
Innsbruck 77.
Ingerisirton im 19. Jahrhundert
Irvingianer 8.
Ischl 608.
Italten 77ff. 82f. 452 bis 457.
85f. 319. 603 f. blô f —
Einigung 8387 bis 392. — Kirche 19.
Itzehde 468

J GKonsonant).
Jena 188.
Jesuiten 18f. 84ff. 682f. 689.
547f. — Ausweisungsgesetz vom
I. Juͤli 1832 668
Joinville bei Paris 544.
Jofefstadt in Böhmen 477 ff.
Journal amusant 194.
Journal des Débats 523.
Journal pour rire 194.
Jütland 8. 4834. 486 f. 440.
Jungdeutsche in der schönen Lite—
ratur 56. 241. 246. 263f. 258.
278. 334.
urisprudenz siehe Rechtswissen—
schaft.

J

K.
Karikatur 188f. 242.
Karlisten 609.
Karlsbader Beschlüsfe 80.
Karlsruhe 111. — Kunst 226.
Karolinen, Inselgruppe 697.
Kars, türkische Fesiung 880.
Kasfel 125f. 475 f.
„Der Katholik“, Zeitschrift 24.
segtholitenverfam mluug,erste
Katholizismus 3 bis 50. 140f.
628 bis 701.
Kehl 527.
Hiel 439. 443. 447. 449.
Kirche, Frage der Trennuug von
Kirche und Staat 8f.
Kirchenstaat 16. 18. 77f. 83
3881. 648
Kiffsingen 473. 683. 689.
Kladderadatsch 195.
Klerikale 509 bis 314.
HKlöster im 19. Jahrhundert 16
Koblenz 411.
Koburg 400.
Köln Gzbistum) 21. 37. 39 ff. 45.
633. 684.
Köln (Stadt), Handel 347. — Priester⸗
seminar 22. 36. — Dom 59. 228. 685.
Koͤniggrätß 177 bie 481. 617
Konigsberg in Preußen 148. 361.
Königstein 'in Sachsen 499.
Kolmar im Elsaß 502.
Komorn in Augarn 82.
Kongregationzum heiligen Herzen
Jesu 19.
        <pb n="374" />
        Sachregister ·

728

Konkordat von 1801 24f. — von
1817 28f.
Konkursordnung 568,
Konservatismus 51 bis 56. 680.
Konstanz 20f. 34.
Ropenhagen Krieg von 1864 434.
— Kunst 205.
Kortrijk 1909.
Krefeld 192.
—
107. 136.
Kreta (andia) 375.
Kreuzzeitung.48309. 410. 675.
Krieg, oͤsterreichisch⸗italienischer, von
1859 8809 ff.
Krieg von 1864 419 bis 441.
Krieg von 1866 467 bis 486.
Kriegvon 1870 und 1871 515 bis 558
rimkrieg 137. 875 bis 381. 388
Kroaten 79.
euem in Westpreußen 36. 684.
dultur gesichte 706.
üttuürtampf Bf. 141. 826. 311.
soiGiI. 618. 628 bis 701.
Qunstvereine 209.

de Mans 541. 545 ff.
8iberalismus 117. 51 bis 56.
419. 630.
Lille 546. 548.
Jimburg, Bistum 630. 684.
Limbarg, Herzogtum 516.
Linguistik 175.
Nippe, Fürstentum 185. 406. 571.
ifaine, Schlacht an ihr 550.
ffa, Schlacht von 1866 485.
ithographle 2009.
ivbadta in Rußland 6183.
Zorcum in Hannover 223.
Loigny bei. Orléans 544.
Lombardei 78. 3809 ff.
Iondon, Vertrag von 1882 181.
425. A29. — Konferenzen von 1867
517. DgKunst 197. — Industrie
341. 344.
Zuͤbeck, 19. Jahrhundert 480.
Lüttich 638.
Luxemburzg (Großherzogtum) 406.
505. 515 ff. 601.
Luremburg, (Stadt) 348. 517.
Luzern 24. 64.
Lyon 550.
Lyrik 286ff.
M.

L.
La Féôre in Norhdfrankreich 546.
Salenburger 349.
Jandau in der Pfalz 515f. 530.
8 ꝙ In recht, allgemeines preußisches
andschaftsmalerei 205f.
——4 preußischer 61ff. 74f.
Landwirtschaft 325 ff.
Sdangensalza 472.
Langres 549.
datéinschulen 174.
daunenburg 423. 441. 449.
Zanfach bei Aschaffenburg 473.
Janrahütte in Schlesien 341.
Zausitz, Industrie 337.
deedurd im Unterelsaß 111.
532.
de Bourget bei Paris 544. 548.
de Havre 546.
Lehrerstand 332.
Lelden in deun 199.
Ldeipzig, Jubelfeier der Völker⸗
schlacht 400. — 1848 und 1848
. Vio. aunft 233 282.-Aniversität
 174. — städtisches Leben
351. — Reichsgericht 569.

Magenta 3090.
Halgesetze 678. 680. 682. 693.
696.
Mailand 604.
HMainz GBistum) 639. 671. 684.
Rainz Stadt) 100. 580. — Kirch⸗
liches 24. 634f.
Maberei 191 bis 221. 236.
Rralmaison bei Paris 542.
Malmössf. 127.
Mannheim 86. 347.
Raärburg in Hessen 22. 39.
M v ken, italienische Brovinx 392.
Mars⸗la⸗-Tour 584f,
HRaterialismus 294 bis 308.
Maälritutarbeiträge 500.
Hecklenburg, Großherzogtümer
134. 406. 497. 57 1.
Medizin 14ff.
Heiningen, Theater 2865.
Metz 531. 534. 342 . 552. 590. 597.
Mexiko 454.
Mézières 531.
Mifrofskopie 149.
        <pb n="375" />
        726

Sachregister.

Minden 41. 471.
Mifsunde bei Schleswig 128. 488f
Modena 78. 391
Monismus 305f.
Moniteur universoel 481.
Montenegro 38785.
Mont Vabérien bei Paris 348.
onumenta Germanive
historica 183.
Mormonens8.
Mortara in Italien 82.
Mosconu bei Meß 585
Mü len fiehe Müllergewerbe.
Mühlhausfen in Thuüͤringen 472.
Mülhaufen im Elsaß 849. 592.
Müllergewerbe 388.
München, Revolution von 1848 66
, Kunst 195. 203. 203 ff. 214 ff.
224. 280. — Universität 38.
jonstiges Geistesleben 16.655. 684
Münchener Bilderbogen 195.
anengen in Böhmen 478.
Münster in Westfalen 22. 684
Münzwesen 568.
Musik 188. 191. 288 bis 298. 708.

Rikolsburg, Friede von 1866 480.
484. 502f.
Nizza 389. 391.
Nogent lLe Rotrou 548.
Noiffeville 548.
Rorddeutsche Allgemeine
Zeitung'slI.
Norxddeutscher Bund 370. 488.
487 bis 514. 578.
Nordostseekanal 445.
Norwegen, Kunst 2053.
Novara, Schlacht von 1849 82.
Rovellen 245 f. 250.
Novibazar 6169.
Nürnuberg, Kunst 226. — Industrie
342. 344.
NRuits bei Dijon 549.

ANdefsa 877.
Isterreich-Ungarn, Revolution
on 1848 67. 76 bis 84. 86.
Stellung im Deutschen Bunde 100
bis 141. — Kirche 20. 24f. 34.
338. — Schulwesen 175. — Jahre
1850 bis 1868 376 bis 381 387.
389 bis 418. — Schleswig-Hol⸗
steinsche Frage 97. 419 bis 186.
— Krieg von 1864 419 bis 441.
— Jahre 1865 und 1866 442 bis
86. — Jahre 1866 bis 1869 487
bis 514. — Jahre 1870 und 1871
320. — Jahre nach 1871 606 ff.
6145f. 623 f. — Stellung Ungarus
zu Osterreich 487 ff.
Zeversee bei Flensburg 484.
OAfen in Ungarn 606
Offenburg'in Baden 85f. 111.
Aldenburg Großherzogtum) 426.
428. 430. 4153. 5371.
Olmütz ⁊0. 180. 479. 306.
Operetten 292f.
Opern 200 ff.
Aptanten, elsaß⸗lothringische 586.
Arléans 540f. 5483. 348. 682
Assnabrück 684. 693.
Rshahngesellschaft, frauzösische

O.

Rachod 478.
Nanecy 384. 590.
Nafsau (Herzogtum) 29. 47. 38.
398. 472. 476. 494 644.
Kationalliberale Partei 494.
Nationalökonomie' 172.
Nationalverein, deutscher 113.
390. 400. 430. 438. 450. 469. 508.
Fationalverein, italienischer 388
Rationralverfammlung in
Frankfurt 88 bis 114. 637. Wor
parlament 86f.
Naturwifssenschaften 148 bis
170. 294 ff.
NRazarener, Malerschule 15. 201.
Neapel (Königreich) 78. 388. 391f.
Reuchatel siehe Neuenburg in der
Schweiz.
steuenburg Meuchätel) in der
Schweiz 64. 382 f.
Neunkirchen bei Saarbrücken 530.
Riederlande 517 600. Kirche
28. — Kunst 2183.
Riederwalddenkmal 238.
RNpyp ort Nieuwpoort) in Belgien

M.

P.
Paderborn 684. 698.
Pädagogitk siehe Erziehung.
Panssawismus 612.
        <pb n="376" />
        Sachregister.

727

Vape und der Kongreß“
344.
Paris, Revolution von 1848 66.
94. Kunst 200 f. 219. 225. 291.
203. — dichtung 242. 267. 5
Krieg von 1870 und 1871 588 bis
358. nach 1871 618.
Pariser Friede, dritter 380 f.
Parma 78.
Rronne bei Amiens 540. 547.
Aroleum, Zoll darauf 510. 577.
orta bei Koͤsen 174. 363.
rsonenstandesgesetz 680 f.
esfimismus 309ff.
eirge 175 ff.
Hilosophie 294 bis 824.
otographie 209.
ufit' i. i67.
emont 78. 82. 888. 391.
usvereine 634f.
lastut, 231 bis 2385.
Plombiéres 380.
Fodol in Böhmen 478.
Poitiers 17.
Polen, Industrie 338. — 19. Jahr⸗
hundert 454. 618.
Postenpartei 660. 680. 691.
Zontarlier 540.
osen. 42. 45. 317. 684.
Sie Post“, Zeitung 610f. 708.
Postwesen 566.
Poupry bei Orléans 544.
btag α το. αα. 604. 506.
—19.
Preßburg 479.
Rrenßen? Zeit der Revolution von
840 63 bis 141 — Kirche 27 bis
16. 130 ff. Schulwesen 173.
Industrie 336 ff. — Verfassung 75.
Rnls Kern der deutschen Ein—
heits bestrebungen 881. Jahre
850 bis 1863 390. 393 bis 418.
Kerieg don 1864 419 bis 441.
— Jahr'1865 und Krieg von 1866
—
869 487 bis 514 — Heerwesen
14 bis 418. — Jahre 1870 und
1871 515 bis 5538
Preußische Bank ?66,
Frotestantenverein,657.
Protestantismus 3ff. 47 bis 50.
Frovinzialtorrespondenz 611.
Hrovinzrallaudtage 61 f.
Junch, englische Zeitschrift 193.

O.
Quebec in Kanada 197.

R.
Rastatt 111. 498. 530.
Kealidealismus 211.
Realschuten 175.
Recht, Rechtspflege im Norddeutschen
Vunde 800. im Deutschen Reiche
—*
Rechtbanwälte, Advokaten 65.
Kechtswiffenschaft 171ff.
dedemptoristen, 19.
deformverein 400. 430. 488. 450.
egensburg 447, 636. 664.
Kelchenberg in Böhmen 477.
Reichsanzelger 619f.
Reichsbank 566.
sReichssdeputationshaupt—
schkußeb.
Reichsseisenbahnamt 567. 579.
Reichsgericht 568f.
Die Reichsglocke“ 675.
steichsjustizumt 579.
Reichstanzlei, Reichskanzleramt.
379. 385
Reichspatentgesetz 567.
Reichsschatzamt 579.
Reichstag von 1850 121. 5 Nord⸗
deutschet 496f. 499f. 506. 5619.
3. deusscher 862f. 672.
581. 592 f. 668. 681.
Reichsverfassung von 1871 5.
12. 563. 567.
Reims 5331. 536f.
Reisebeschreibungen 2338.
enaifsancekunst 225f.
dendsburg 97. 445. 449.
deuß, Fürstentümer 406. 498 571.
—
112. 310.
Rheinlande, Kirche 34.
—
dustrie 344.
Roeskilde 422.
Rokoko 197. 228 ff.
RKom, 19. Jahrhundert 14f, 83.
453. 319. 603. 642. — Kunst
—192.

Romagna 644.
Roman 235 bis 276.
Romantik 28. 251. 299. 309. 631.
        <pb n="377" />
        Sachregister.
R hen burg in Württemberg 20.
Rouen 541. 546.
Rübenzucker, Steuer darauf 510.
Rumänien 455. 614.
Rußland 67. 97. — Industrie 338.
—, kixchliche Verhältnifse 18.
Krimkrieg 375. Regierung
Alexanders II. fiehe auch diefen)
395. 407. 422. 488. 303. 315. 318
574. 600. 608. 611 bis 617.

728

441. — Jahre 1865 und 1866
442 bis 486. 494 ff.
Schlettstadt 549.
ZIchmiede 83838.
5chönhaufen bei Stendal 697.
Schützenvereine 113
Schulpforta siehe Pforta.
Schutzzölle 577.
Schwarzburg-Rudolstadts71.
parzburg- Sonders haufen
Schweden 609.
Schweiz, 19. Jahrhundert 68 f. 882.
510. 600. 60 Ddichtuug 236.
— Kirchliches 34.
Schwyz 64.
Sebastopol 876. 879 f.
—A—
Sektens8f.
Self made men 852.
Seneffe in Belgien 199.
Zeptennat 574
Siebenbürgen 79. 490.
Sizilien 78. 891.
3fagen 41.
Aabeß 478.
Slowenen 79. 612.
Soissons 531. 545.
Solferino 390.
Sonderburg 445.
Sozialdemökratie 300. 338 f.
630.
Spandau, Juliusturm 601.
Ssgenien 520. 609. 696. — Kirche
Speyer 24. 45. 684.
Spichern 531. 5338.
A
Ztaatsfekretäre 880.
3tade 471.
Staßfurt 342.
Stein-Hardenbergsche Refor—
men siehe Stein, Heinrich Fried⸗
rich Karl Freiherr bom.
Stendal 688.
Stettin 471.
Steuern, indirekte, im 19. Jahr⸗
hundert 500. 577.
Steuerverein 506.
Strafprozeßordnung 568.
Strafrecht 501.
Straßburg im Elsaß. — Krieg
von 1870 5331 f. 542. 549 — HKirche

S.
Saarbrücken 516. 381ff.
Saarburg 590.
Saargemünd 531.
Sachsen, Revolution von 1848 66.
36. 110. 119 ff. — Jahre 1856
his 1863 397. — Krieg von 1864
480 bis 441. — Jahre isos unt
1866 445. 470 bis &amp;amp;6. 406. 498
T, Jahre 1870 und 1871 515.
535. — Jahre nach 1871 370 f. —
Heerwesen 571. Schulwesen 174.
— Industrie 341. Zollwesen
507.
Safchsen-Koburg und Gotha
1833. 398. 428. 430. 478.
Sachsen-⸗Meiningen 498.
Sachsen-Weimar, Großherzog⸗
vr 183. 398. 400. 406. 430. 497.
— —
Sadowa in Böhmen 477.
Saint-Cloud bei Paris 528. 5285.
—A—
Saint-Dié 590
Sinte dutert bei Metz 535.
Saint-Privat 5335.
Saint-Quentin 547. 551.
Salz, Steuer darauf 300 877.
Salzburg 449. 518.
Salzburg in Lothringen (Chateau
Salins) 390.
Sardinien 18. 880. 388. 891.
Savoyen 78. 889 391.
Schauspieler 885.
Schildbürger 349.
Schirmeck im Unterelsaß 549.
A——
— Kirche 34.
Schleswig-Holstein (siehe auch
Holstein), Kaͤmpfe 1848 9s bis 99
—E
        <pb n="378" />
        Sachregister.

729

24. 590. — Nach 1870 585. 591 f.
594. 597. — Universität 589. 508
Strumpfwirker 338.
Stuttgart 111. 505. — Kunst
224. 326.
Subjektivismus s8ff. 5uff. 172f
Süddeutsche Volkspartei (de—
mokratische Partei) 450. 511.
Südflawen 79.
Syllabus von 1864 17. 646.
Syault 95.

Vendôme 53483. 545.
Venedig, 78. 82. 891. 4855. 400 f.
484. 486.
Verdun 5331. 534. 342.
Berein der Kindheit Jesu 636.
Vereinigte Stagten von Nord—
amerika, Geistesleben 7f.
Verfasfung des Deutschen Reiches
fiehe Reichsverfassung von 1871
VBerfaffung, preußische 637.
Versatlles 648. 559 bis 5862.
hnt *
ichy in Frankreich 516.
VBierzon sim, Frankteich 5485.
Rigevano in Italien 79.
Bilagos in Ungarn 82.
Billacoublay vei Paris 548
Villafranca 390. 418.
Bionville 585.
Bitry⸗-le⸗-Franugois 536.
Volkswirtschaftlicher Kon—
greß 508.

T.
—4 Steuer darauf 500. 510.
Technische Schulen 344.
Tegernsee 29. 639.
Telegraphie 568.
Temps, Zeitung 528.
I 171.
Theologische Quartalschrift 22.
Times, Zeitung 468. 516.
Toskana 78. 891.
Toul 542.
Tours 538. 544. 5349.
Trautenau 478.
Trier 22. 36. 580. 684. — Wall⸗
seten zum heiligen Rock 10. 45.
Tschechen 76. 612.
Tübingen 22. 88f. 171. 180.
Türkei 875. 613 bis 617.
Tunis 616f. 622.
Turin 382.
Turnau in Böhmen 477f.
Turnvereine 113.
U.
Umbrien 392. 645.
Unbefleckte Empfängnis 648f.
Unfehlbarkeitsdogma 512.514.
oͤͤn bis 6588
Ungarn siehe Hsterreich-Ungarn.
dr'n ivers/ Zeitschrift632648
Unternehmertum 327.
Unterwalden 64.
Uri 64

W.
Waghäufel bei Bruchsal 111.
33läg 703. Irch
Waldeck, — 406. 571.
Wallis, Kanton 64.
Waltharilied 855.
Der Wandsbecker Bote 854.
Warschau 81. 129.
Weber 61. 332. 8338 f.
WVechselrecht 501.
Behrpflicht, allgemeine 5387.
Weimar 898. 282
Weißenburg im Elsaß 532. 597.
Welfenpartei 495. 689.
Wermelskirchen bei Lennep 342.
Westfalen, Industrie 336. 341.
Wetzhar 471
Wiedensahl in Hannover 195.
Wien, Revolution von 1848 67f.
77. 80f. — Zollkonferenz von 1850
507. — Friede von 1864 441. —
Krieg von 1866 479. 486. —
Wifsenschaften 89. — Kunst 216.
22ff α 30 284. 20
Wiener Kongreß 27. 80.
Wiesbaden 58.
Wildbad im Schwarzwald 524.
A bei Hanau 125.
Wan elmsbahn, Luxemburgische
Wittenberg 361.

Väter des Glaubens 109.
Valeneiennes 548.
Varzin in Pommern 8522. 676.
Vatikanisches Konzil 642. 647
bis 650.
Lamprecht, Deutsche Geschichte, XT.

2
        <pb n="379" />
        730

Personenregister.

Wörth im Elsaß 532.
Worringen bei Köln 199.
Württemberg, Zeitder Revolution
von 1848 und 1849 66. 86. 111.
120f. 126. — Jahre 1850 bis 1869
398. 445. 472. 496. 503f. 509 ff.
— Jahre 1870 und 1871 515. 555.
559. 561. — Nach 1871 571. —
Kirche 27. 29f. 640. 671. — Schul⸗
wesen 175.
Würzburg?22.24. 88. 149. 636. 684.

Renfur 60f. 69.
entrum, Partei 662 bis 715.
illertal 688.
ivilehegesetz 680f.
ivilprozeßordnung 568.
„ölle 500. 577.
Zollparlament 326. 506 bis 514.
565. 659. 712.
dshoerein 343f. 358. 445. 506 ff.
Zoologie 148 bis 157.
zucker, Steuer darauf 500. 577.
uckerfabrikation 327.
Arich 800. 600.
Zug, Kanton 64.

3.
—28 533. 590.
eitschrift für
mechanik 157.

Entwickelungs—

lI. Personenregister.

A.
Abel, Karl von, bayrischer Staats⸗
mann 46.
About, Edmond 524.
Achenbach, Andreas 205. 345.
Achenbach, Oswald 207.
Albert, Prinzgemahl von England
—
Albert, König von Sachsen, als
Kronbrinz 536. 557.
Albrecht, Erzherzog von Osterreich
(18174 1895) 466. 479. 520.
Albrecht, Prinz von Preußen,
Regent von Braunschweig 619.
Alexander, Prinz von Hessen,
oͤsterreichischer General 467. 472 f.
Alexander II., Zar 380. 895. 611.
613. 619.
Alexander III. Zar 619.
Alexis, Willibald, siehe Häring,
Wilhelm.
Alfieri, Vittorio Graf 16.
Alfons XII., König von Spanien
ʒu 600.
Allers, Christian Wilhelm 194.
Alvensleben, Konstantin von,
General 534.
Amadeus, Herzog von Aosta 520.
Ampére, André Marie, Natur—
forfcher 163.

— Julius Graf 608. 616.
Anton, König von Sachsen 35.
Antonelli, Giacomo, Kardinal—
staatssekretär 646. 661. 667.
Anzengruber, dudwig 248.
Arnudt, Ernst Moritz 83. 111.
Arnim, Bettina von 822.
Arnim, Harry Graf, Staatsmann
661. 675.
Arnim, Heinrich Freiherr von,
preußischer Minister 73.
Arnim, Malwine von, geb. von Bis⸗
marck 363.
Afscher, David 312.
An e Daniel François Esprit
Auerbach, Berthold 246 bis 249.
255. 257. 264. 334. 355.
Auersperg, Graf, österreichischer
Offizier 80.
Auersperg, Carlos Wilhelm Fürst
491. 647.
Auerswald, Alfred von, preußi—
scher Staatsmann 62. 73.
Auerswald, Hans Adolf Erdmann
von, preußischer General 62. 100.
Auerswald, Rudolf von, preußi—
scher Staatsmann 62. 412.
Augier, Emil 282.
        <pb n="380" />
        Personenregister.

731

Augusta, Gattin Kaiser Wilhelms J.
108. 411.
Aurelle de Paladines, Louis
Jean Baptiste d', General 543.
Avenarius, Richard 308.
Avogadro di Quaregnase Ce—
resto, Amedeo Graf 168.

Bene dix, Roderich 284.
Bennett, William Sterndale, Mu—
siker 290.
Beunigsen, Rudolf von 113. 390.
471. 494. 517. 573.
Bernhard, Herzog von Sachsen⸗
Meiningen (1800 bis 1882) 498.
Bernini, Giovanni Lorenzo 284.
Berzelius, Johann Jakob Frei—
herr von 158. 160 f. 168 ff.
Beseler, Karl Georg Christoph 98.
Befseler, Wilhelm 97.
Bessemer, Sir Henry 341.
Bethmann-Hollweg, Moritz
August von 412.
Beust, Friedrich Ferdinand Graf
397. 401. 403. 437 f. 465. 491.
498. 505. 519. 608. 621.
B — Gustav Friedrich von, General
8 dat, Marie Frangçois Xavier
Biéfve, Eduard de, Maler 199f.
Bitt eleben, Ludwig Freiherr von
Binterim, Anton Joseph 24.
Bismarck, Herbert Fürst von 368.
Bismarck, Marguerite Fürstin, geb.
Gräfin —R 368.
Bismarck, Otto Eduard Leopold
Fürst von 5. 18. 233. 328. 372. —
eit des Krimkrieges 377. — An—
tritt als Minister 417. — Jahre
1862 bis 1869 404 bis 514. —
— Jahre 1870 und 1871 515 bis
562. — Jahre nach 1871 563 bis
780. — Personliches 868ff. AMoff.
166. — Erhebung in den Grafen⸗
stand 450. — Aussprüche 395. 494.
607. 614 f. 667 f. — Gedanken und
Erinnerungen 429.
ismarck, Sibylle Gräfin von,
geb. von Arnim 368.
Bismarck, Wilhelm Graf von 8363.
Bitzius, Albert — Vater — (Jere⸗
mias Gotthelf) 236. 246. 249. 271.
276. 297.
Bitzius, Albert (Sohn) 600.
Blechen, Karl, Maler 206.
Blum, Robert 81. 93.
Blumenthal, Leonhard Graf
General 477.
Blumenthal, Oskar 282. 318.
17*

Baade, Knut, Maler 205.
Bach, Alexander Freiherr von, öster
reichischer Minister 896.
Bach, Johann Sebastian 708.
Back, Karl August Albert Otto
Straßburger Buͤrgermeister 591.
Baer, Karl Ernst von 148.
Baisch, Hermann, Maler 266.
Balzaäc, Honoré de 249. 272.
Bary, Heinrich Anton de, Bota—
niker 151.
Bassermann, Friedrich Daniel
(1811 - 1855) 85. 93.
Batthyanyi, Ludwig Graf 79.82
Baudry, Paul Jacques Aimé,
Maler 219.
Baumbach, Rudolf, Dichter 286f.
Baur, Ferdinand Christian, Tü—
binger Theolog 171. 180.
Bazaine, Frangçois Achille 532.
537. 542.
Beaconsfield, Benjamin Disraeli
Graf aͤls.
Becker, Hermann Heinrich, Parla—
mentarier 85.
Becker, Karl, Maler 202. 214.
Becker, Nikolaus, Dichter des Rhein—
liedes 57.
Beckerath, Hermann von, Poli—
tiker 62. 92. 109.
Beckx, Peter Johann, Jesuiten—
general 35.
Beethoven, Ludwig van 71II.
Be — as, Reinhold 234.
Belcredi, Richard Graf, öster—
reichischer Ministerpräsident 449
489. 491.
Behlarmin, Robert 631.
B e rmann, Ferdinand, Maler
Bem, Joseph, polnischer General 81.
Benedek, Ludwig Ritter von 466.
476. 479.
Benedetti, Vincent Graf von 485.
513f. 324 ff.

B.
        <pb n="381" />
        788

Personenregister.

Bluntschli und Mylius, Bau—
firma 227.
B Ie ann, Gregor von, Maler
Bockum-Dolffs, Florens Hein—
rich Gottfried von 63.
Bodelschwingh-Velmede, Ernst
— preußischer Staatsmann 87.
Böcklin, Arnold 262 Anm. 825.
Bötticher, Karl, Künstler 224.
Boieldieu, Frangois Adrien 290
Bonifatius VIII., Papst 24.
Bonin, Adolf von, preußischer
General 478.
Bonin, Eduard von, preußischer
General 97. 99. 127 f. 378. 412. 415.
Bonitz, Hermann 175.
Bonnechose, Heinrich Maria
Gaston, Erzbischof von Rouen 661.
Bordone, Paris, Maler 217.
Borsig, Johann Karl Friedrich
Auguft, Industrieller 344
Bourbakr, Charles Denis Sauter
539 Anm. 550 f.
Brachvogel, Emil 270. 383.
Brandenburg, Friedrich Wilhelm
Graf von 73. 105. 109. 129.
Braun, Karl, Politiker 508. 598.
Bray-Steinburg, Otto Camillus
Hugo Graf 512. 558. 608.
Brentano, Clemens 46.
Brentano, Lorenz, Politiker 111.
Br „Johann Friedrich, Theolog
89.
Bruck, Karl Ludwig Freiherr von,
oͤsterreichischer Staatsmann 8396.
Bucher, Bruno 230.
Büchner, Ludwig 296f. 305.
Bunsen, Christian Karl Jofias
Freiherr von 835. 41. 105. 137. 878.
Buol⸗-Schauenstein, Karl Ferdi—
nand Graf von 374. 396.
B y * Wilhelm, Dichter und Zeichner
Butlerow, Alexander Michailo—
witsch, Chemiker 165.

Fanova, Antonio, Bildhauer 15.
— Frangçois Certain de
Cathrein, Viktor 171.
Cavaignac, Eugen Ludwig, fran—⸗
zösifcher General 94.
Favour, Camillo Benso Graf
388 bis 393. 453.
Lhamberlain, Houston Stewart
289 Anm.
Lhambord, Heinrich Graf von
8303f. 621.
Lhamiffo, Adalbert von 334.
Lhanzy, Antoine Eugène Alfred,
französischer General 545 ff. 549.
Lharlotte, Königin von Däne—
mark 421.
Lhateaubriand, François René
Vicomte de 235.
CLherubini, Maria Luigi Carlo
Zenobio Salvatore 290.
Fhodowiecki, Daniel Nikolaus 194.
Thristian VIII. König von Däne—
mark 96. 98. 421 ff.
Thristian IX., König von Däne—
mark (vorher Prinz von Schleswig⸗
Holstein⸗Sonderburg-Glücksburg)
I81. 428. 427 bis 441.
Thristian, Herzog von Schleswig—
88 ⸗Sonderburg⸗ Augusten⸗
urg 428.
Fhrysander, Rudolf 363.
Tlarendon, Georg William Fried—
rich Villiers Lord 519.
Llaudius, Matthias, Der Wands—
beter Bote h Harl H
Flauren, H., siehe Karl Heun.
Flemens Kof Papst 18.
Llinchant, Justin, General 551.
Fobden, Richard 347.
Lochery, Louis Adolphe, französi—
scher Staatsmann 523.
Somte, August 307 .
Lonfalvi, Ercole Marchese, Kar—
nal 16. 80. 38.
Topley, John Singleton, Maler
187. 200.
Fornelius, Peter von 15. 192.
200. 211. 214. 325f.
Forreggio, Antonio da 204.
Louper, Chemiker 165.
nuree Thomas, Maler 201.
17.

Cairolbi, Benedetto 623.
Camphausen, Ludolf, preußischer
Staatsmann 62. 72. 104. 109. 412.
e und Dallwitz, Karl Ernst
Wilhelm, Freiherr von 105.

C.
        <pb n="382" />
        Personenregister.

738

Cramer-Klett, Theodor Freiherr
von, Industrieller 344.
Cranach, Lukas 213.
Cromwell, Oliver 188.
Cruikshank, George, Zeichner 193.
Cumberland, Ernst August Herzog
von 618f.
Cumberland, Thyrga Herzogin von,
geb. Prinzessin von Daͤnemark 619.
Cusa, Fürst von Rumänien 455.
Cuvier, George Baron von 148.
183f.
Cuyp, Albert, Maler 206.
C zehs er y, ungarischer Staatsmann
C * i, Johannes, Deutschkatholik
Czolbe, Heinrich 305.

Döllinger, Johann Joseph Ignaz
von 38. 46. 654.
D Ve berg, Ernst Freiherr von
Dorn, Heinrich, Musiker 289.
Douzetkte, Louis, Maler 207.
Drey, Johann Sebastian von 22.
Adhesd ülshoff, Annette von
roste zu Vischering, Clemens
August Freiherr von, Erzbischof
von Köln 37. 39 ff. 45.
Drouyn de l'Huys, Eduard,
Staatsmann 466. 484. 515 f.
D 77 fen, Johann Gustav 100. 184.
Duckwitz, Arnold 92.
Dudevant, Amantine Lucile
Aurore Baronin von (GGeorge
Sand) 322.
dührinug, Eugen 300.
Ddürer, Älbrecht 213. 215. 285.
D n ek, Nikolaus (Julius Rosen)
Dufour, Wilhelm Heinrich, schwei—
zerischer General 64.
Dumas, Alexander GVater) 244.
Dumas, Alexander (Sohn) 267.
Dumas, Jean Baptiste, Chemiker
161. 165.
Dumreicher, Armand Freiherr
von 230.
Duncker, Max Wolfgang, Histo—
riker 450.
Dungern, Emil Freiherr von,
nassauischer Minister 58.
Ddunin, Martin von, Ersbischof
von Posen 42. 45.
Ddupanloup, Felix Antoine Phi—
lippe 632. 649.
dugent de Loges, Metzer Bischof
Dupré, Jales, Maler 207.
Durm, Joseph Wilhelm, Baumeister
226.
Duvivier, Jean Bernard, Maler
—199.

D.

Dagmar, Gattin Kaifer Alexan—
ders III. von Rußland 619.
Dahl, Johann Christian Claußen,
Maler 205.
Dahlmann, Friedrich Christoph
88. 98. 99 ff. II1. 120. 184.
Dahn, Felix 270.
Dalwigk, Karl Friedrich Reinhard
Freiherr von, hessischer Staats—
mann 398. 5083. 555. 364.
Danilo, Fürst von Montenegro 375.
Darboy, Georg, Erzbischof von
Paris 649.
Darwin, Charles 144. 149. 154
bis 157. 168. 308f.
Darwin, Erasmus 154.
D zad, Jacques Louis, Maler 197.
Deak, Franz 4809 ff.
Decazes, Louis Charles Elie Ama—
nieun Herzog von 611.
Defregger, are von 208.
Delacroir, Eugne, Maler 197.
217. 244.
Delaroche, Paul, Maler 188. 200f.
Delbrück, Martin Friedrich Rudolf,
Staatsmann 557 f. 686.
Dernburg, duedid 268.
Descartes, René 30.
Dickens, Charles 244.
Diez, Robert, Bildhauer 234.
Diez, Wilhelm, Maler 216.
Dingelstedt, Franz Freiherr von

E.
Eberhard, Bernhard, kurhessischer
Minister 121.
Eberhard, Matthias, Bischof von
Trier 682.
Ebers, Georg 270.
        <pb n="383" />
        734
Eckstein, Ernst 270.
Ehrenberg, Christian Gottfried,
Naturforscher 162.
Eichhorn, Johann Albrecht Fried—
rich, preußischer Kultusminister 60.
Eitelberger von Edelberg,
Rudolf 330.
Flifabeth, Gattin Kaiser Franz
Josephs J. von Hsterreich 606.
Snde und Boeckmann, Baufirma
Engels, Friedrich 800 bis 308.
E 9 rd, Johann Christian, Radierer
Ernst II., Herzog von Sachsen—
3 und Gotha 121. 136. 390.
Ern August, König von Hannover
Eschke, Hermann, Maler 207.
E Leander (Johann Heinrich) van
Etty, William, Maler 197.
Eugenie, Gattin Napolecons III.
454. 477. 515. 518. 521 ff. 538.
kulenburg, Friedrich Albrecht
Graf 493.
Exner, Franz, Schulmann 1785.
Eyck, Hubert und Jan van 285.
Eynatten, August Friedrich, Frei—
F von, österreichischer General

Personenregister.

Feuerbach, Anselm, Maler 216f.
262 Anm. 325.
Feuerbach, Ludwig Andreas, Phi—
pere 10. 48. 290 f. 302 f. 307.
Fichte, Johann Gottlieb 308. 311 ff.
706. 710.
Fisg er, Kuno 306. 317.
Fischer, Lorenz Hannibal 185.
Ws well, Eduard Heinrich von
Förster, Heinrich, Fürstbischof von
Breslau dee 663. gdn uhof
Förster, Ludwig Ritter von, Bau—
meister 224.
Fonck, Leopold 24.
Fontana, Felix, Physiotog 144. 150.
gpend eck, Max von 494. 557.
Franchi, Alessandro, Kardinal—
staatssekretär 689.
Franckenstein, Georg Arbogast
Freiherr von 577.
Frantz, Adolf 34553.
Franz J. Kaifer von sterreich 59.
Franz Joseph J. Kaiser von Oster—
reich (siehe auch die unter Osterreich⸗
Ungarn für 1848 und die nach—
folgenden Jahre angegebenen Seiten)
31.5 101. 129. 390. 608. 618. 620.
349. — Krönung zum König von
Ungarn 491.
Frauenstädt, Julius 8312.
Freiligrath, Ferdinand 114. 286.
Frenzel, Karl 271.
Frére-Orban, Hubert Joseph
Walter, belgischer Staatsmann 518.
Freycinet, Charles Louis de Saulces
de 539.
Freytag, Gustav 180. 242. 253.
256f. 272f. 279. 284. 354 f.
Friedmann, Friedrich 147.
Friedrich, deutscher Kaiser, als
Kronprinz 428f. 459. 477. 479.
526 bis 5503. 557. 571. 589. 623. 696.
Friedrich J. Großherzog von Baden
398. 428. 557.
Friedrich VI., König von Däne—
mark 96. 421f.
Friedrich VII., König von Däne—
mark 15. 96. 421 bis 427.
Friedrich II., der Große, König
von Preußen, kirchliche Politik 20.

F.

Faidherbe, Louis Léon Cöésar,
franzöfischer General 546 f.
Falk, Paul Ludwig Adalbert, Staats—
mann 666. 671. 689.
Falke, Jakob von 230.
Fallmerayer, Jatob Philipp 93.
dar ———
Febronius, Justinus, siehe Hont—
heim, Johann Nikolaus von.
Ferdinand, Herzog von Anhalt—
Köthen 25.
F 5 inand, Prinz von Dänemark
Ferdinand J., Kaiser von Oster—
reich 15. 77. 80f.
Ferdinand II. König beider Si—
zilien 388. 898.
rry, Jules 622.
erstel, Heinrich von 226. 230.
        <pb n="384" />
        Personenregister.

735

Friedriscch VIII., Herzog von
Schleswig Holstein 4277. 238 448.
Nff.
Friedrich August I. der Gerechte,
König von Sachsen 35.
Friedrich Frauz UI. Großherzog
von Mecklenburg-Schwerin 134.
548. 648..
Friedrich Karl, Prinz von Preußen
— ———
553. 603.
Friedrich Wilhelm, Herzog von
Braunschweig 571.
Friedrich Wilhelm, Kurfürst
von Hessen 123ff. 180 898. 470 f.
Friedrich Wilhelm III. König
von Preußen, Tätigkeit für die
Künste 15. — Stellung zur Kirche
25. 42. 47 f. — Persoönliches 328.
Friedrich Wilhelm IV., König
von Preußen, als Kronprinz 158.
— Perfönliches 42ff. 59. 105.
107 f. 3828. 410. — Regierung 59
bis 141. 378. 382f. 411. - Stelsung
zur Kirche 42 ff. 49 f. 637. — Kaiser⸗
wahl 107f. — Tod 388.
Frint, Jakob 21.
Fröbel, Julius, Politiker 81.
Frölicher, Otto, Maler 207.
Isserd, Charles Auguste, fran⸗
zösischer General 538.
Fülda, Ludwig 319.

Beißel, Johannes von, Erzbischof
von Köln 45. 6835 Anm. 636f. 641.
Belzer, Johann Heinrich 6809.
8 w ée, Richard, Musiker und Dichter
3.
Senelli, Bonaventura 191.
Bentz, Wilhelm, Maler 202.
Agpstrod St. Hilaire, Etienne
54.
Beorg V., König von Hannover
135. 407. 471 bis 486. 495. 517. 618.
8 Wahgrdt. Karl, Chemiker 161.
Ineaule Théodore, Maler, 197.
Berlach, Ernst Ludwig von, preußi⸗
scher Staatsmann 60. 108. 139.
Berlach, Leopold von, preußischer
Generäl 72. 108. 139. 412.
Berok, Karl von 286.
Serstäcker, Fueen 238.
Bervinus, Georg Gottfried 93.
Beselschap, Friedrich 192.
Beßner, Johann Matthias, Huma—
nist 174.
Bianbologna, Bildhauer 234.
Biese, Ernst Friedrich 226.
Biefebrecht, Friedrich Wilhelm
Benjamin von 181. 185.
Bilchrist, Perch 341.
Birardin, Emile de 524.
Biskra, Karl, österreichischer Staats—
mann 491.
Gladstone, William Ewart 847.
Gluck, Christoph Willibald 290.
Bnauth, Adolf 226.
Boeben, August von 470f. 473. 5346f.
gödsche, Hermann (Sir John Ret—
eliffe) 270.
Gorgey, Artur, ungarischer Revolu—
tionsgeneral 82.
Börres, Guido 46.
Börres, Joseph von 28. 42. 46. 633.
Boethe, Johann Wolfgang von
246. 348. 710. — in Rom 15. —
als Naturforscher 153f. — histori⸗
sche Ansichten 178. 8354. — Denk⸗
mäler für ihn 232 Anm. 233. —
Götz von Berlichingen 289.
Boltz, Bogumil 394.
GBolß, Robert Heinrich Ludwig Graf
von der, Diplomat 456. 481ff. 515.
Boluchowski, Agnor Graf (1812
bis 1875) 396. 488.

66

Gablenz, Anton von 467.
Gablenz, Ludwig Karl Wilhelm
Freiherr von, österreichischer General
432. 451. 467 f. 478.
Gade, Niels Wilhelm, Musiker 290.
Gagern, Heinrich von 86. 809. 91.
93. 101 ff. 111. 117. 120.
Gagern, Max von 88.
Galenus 145. 298.
Gallait, Louis, Maler 199ff.
Gambetta, Léon 538. 545.
Ganghofer, Ludwig 248.
Garibaldi, Giufeppe 391f. 458.
549. 645.
Gay-Lussac, Louis Joseph 162.
Gebhardt, Eduard von 215.
Gedon, Lorenz 215. 230.
Behlfen, Schriftleiter der „Reichs—
glocke“ 675.
Beibel, Emanuel 279, 285 ff.
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        Personenregister.
Gortschakoff, Alexander Fürst, Hall, Karl Christian, dänischer
Staatsmann 608. 611f. Staatsmann Inrn
Bortschakoff, Michael Fürst 376. 38tlen „Albrecht von 144. 149.
Goßzler, Guftav von. Minister 600. *898
692. Haller, Karl Ludwig 28.
Botthelf, Jeremias, fiehe Bitzius, amann, Johann Georg 8854.
Albert Water) Zamerling, Robert 286 821.
Bovone, Giuseppe, General 455. * nfsemann, David Justus Lud—
Srabow, Wilhelm, Poliliker 408. wig, preußischer Staalsmann 62.
Bramont, Anloine Alfred Agénor, d anfen, Theophilus von, Architekt
Herzog von 522 bis 5325. 222. 234.
Granier de Caffagnac, Adolphe antßzech, Arthur 168.
524. arburger, Edmund, Maler 216.
Granville, George Leveson-Gower Hardenberg, Karl August Fürst
Lord 519. von 33. 329.
Bregor XVIL. Papst 17. 632. 642 Hart, Heinrich und Julius 287
Greff, Martin 319. Anm.
Grévy, Jules 618. hartmann, Eduard von 170. 314f.
Grillparzer, Franz 251. 317. 325.
Brimm, Herman 186. Hartmann, Moritz 248.
Grimm, Jakob 98. Irnn Richard, Industrieller
Gröben, Karl Joseph Graf von der, “344.
preußischer General 60. 127. Harvey, William, Physiolog 144.
Gropftus und Schmieden, Bau— asße, Konrad Wilhelm, Acchitekt
firma 227. 233 f.
Grozs, Antoine Jean Baron, Maler 5 afenauer, Karl von 226.
197. asteeee Hans Daniel Lud⸗
Groth, Klaus 286. wig Friedrich, kurhessischer Mi—
Gruber, Augustin, Fürsterzbischof nister 60. 121. 123. 125 398 f.
von Salzburg 21. Zauff, Wilhelm 286. 240.
Gude, Hans, Maler 206. guptmann, Gerhart 249. 277. —
Günther, Anton, Philosoph und DdDie Weber 383.
Theolog 10. 39. Hausrath, Adolf 274.
Guerber, Jofeph, Reichsstagsabge- 36 ydn, Joseph 708. 711.
ordneter 594. haynau, Julius Jakob Freiherr
G f — é o t, Frangçois Pierre Guillaume —— Feldzeugmeister
3.
Gurlitt, Cornelius 231. Hebbel, Friedrich 5. 276f. 286.
Gurlitt, Louis, Maler 203. 297. 8320. 325 f. 332.
BGutzko w, Karl 10. 255ff. 264. ecker, Friedrich Karl Franz 86f.
266. 272. 278. 282. eckscher, Johann Gustav Wilhelm
Bwinner, Wilhelm 312. Moritz 92
Byulai, Franz Graf 8390. dedrich, Franz 254
Hefele, Karl Joseph von, Bischof
etand S. — von *
Hackländer, Friedri— ilhelm hHegel, Georg Wilhelm Friedri
von 286. s d 3 171. 181. 184. 280. 209. 308
Haeckel, Ernst 156. 305. bis 808. 311. 3134..
ähnel, Ernst, Bildhauer 233. Hegneuberg-Dux, Friedrich Adam
äriug, Wilhelm (Willibald Alexis) Justus Graäf 665.
240 f. Heine, Heinrich 200. 845.
H äußer, Ludwig 184. 8 elmholtz, Hermann Ludwig Fer—⸗
ahn-Hahn, Ida Gräfin 322. dinand von 342.
abe, von, sächsischer General 180. Helvetius, Claude Adrien 307.

zg6
        <pb n="386" />
        Personenregister.
endfchel, Albert, Zeichner und
— 194.
H n eberg, Rudolf, Maler 202.
enselaere, belgischer Maler 199.
Herbst, Eduard, österreichischer
Staatsmann 491.
Herder, Johann Gottfried von
177f. 180. 232 Anm.
ermann, Gottfried 174.
ermes, Georg. Theolog 10. 22.
36f. Al. *
Herreyns, uillaume Jacques,
voihd 198.
*85— —R 285.
erwarth von Bittenfeld,
Karl Eberhard 470. 477.
Herzog, Robert, Fürstbischof von
Breslau 694.
Heßlein, Bernhard 2485.
Heltner, Hermann 230. 279.
Heun, Karl (H. Clauren) 286.
eydi, August Freiherr von der
412. 498.
eyne, Christian Gottlob 175.
se, Paul 250 ff. 266. 286. 321.
Siller, Ferdinand 289.
Silton, Harold 153.
Sinschius, Franz Karl Paul 681.
ßippokrates 145.
irscher, Johann Baptist, Theolog
22. 88.
ißmann, Michael 308.
5ihig, Friedrich, Architekt 227.
Hobbema, Meindert, Maler 206.
öfer, Edmund 248.
ßöfler, Karl Adolf Konstantin
Ritter von 46.
Hoff, Jakobus Hendrikns van t' 168.
Hoffmann, Ernst Theodor Ama—
deus 260.
Hoffmann von Fallersleben,
August Heinrich 60.
Hoffstatter, Heinrich von, Bischof
von Passau 637.
Hogarth, William 193.
Ho enheim, Theophrastus Bom—
bastus Paracelsus von 145.
ßohenlohe-Ingelfingen, Adolf
Prinz von, preußischer Minister⸗
präsident 417.
sßohenlohene Schillingsfürst,
odwig Fürst 804f. zif.610f.

737

ohenlohe-Schillingsfürst,
Ipeav Adolf Prinz, Kardinal 683.
ßohenlohe-Waldenburg—
Bartenstein, Joseph Christian
7 von, Bischof von Breslau
H en wart, Karl Siegmund Graf
ßohenzoblern-Sigmaringen,
Karl Anton Fürst von 412. 524
Hohenzollern-Sigmaringen,
Leopold Fürst von 321.
Holbach, Paul Heinrich Dietrich
Baron von 307. d
Holbein, Hans 215. 385.
Solnstein, Graf, bayrischer Staats⸗
mann 560. 688.
Hontheim, Johann Nikolaus von
Justinus Febronius) 22.
8 ogh, Pieter de, Maler 218.
ooke, Robert, Naturforscher 149.
ban der Hude und Hennicke,
Baufirma 227.
Hugo, Viktor 244. 631.
Humbert, König von Italien 603.
umboldt, Alexander von 8329.
umboldt, Wilhelm von 8329. 710.
uschke, Georg Philipp Eduard 48.

5

J Wokal).
Ibsen, Henrik 277.
FIIg, Albert 280.
Immermann, Karl Leberecht 237.
247. 334.
Isabella II. Königin von Spanien
520f.

J Gonsonant).
Jacobini, Ludovico, Kardinal—
staatsfekretär 695.
In pbhe Johann, Parlamentarier
Janfsfen, Peter 192.
Jarcke, Karl Ernst 46.
Fean Paul siehe Richter, Johann
Paul Friedrich.
Jellachich de Buzim, Joseph
Graf 79f.
Jensen, Wilhelm 275.
Jeremias Götthelf siehe Bitzius,
Albert GVater).
Jörg, Joseph Edmund 561.
        <pb n="387" />
        738

Personenregister.

Johann, Erzherzog von sterreich,
Reichsverweser 77. 91f. 95. 98.
1081. 115. 122.
Johann, König von Sachsen 406.
498. 554.
Jolly, Julius, Staatsmann 518.
Jordaens, Jakob, Maler 198.
Jordan, Wilhelm 286f.
dnen II., deutscher Kaiser. —
Kirchliche Politik 20.

Kolbe, Adolf Wilhelm Hermann,
Chemiker 165f.
Kolping, Adolf 634.
Kopp, Georg, Kardinal, Fürstbischof
von Breslau, vorher Bischof von
Fulda 696.
K — — p, Georg Ludwig Karl, Theolog
Kossuth, Ludwig 79. 81.
Kotze hue, August von 30. 236.
Kraufe, Karl Friedrich Theodor,
Mediziner 149.
Krebs, Joseph, Parlamentarier 661.
Krementz, Philipp, Erzbischof von
Köln (vorher Bischof von Erm—
land) 668. 669. 694. 696.
Kretzer, Max 331.
Krismanisc, österreichischer General—
stabachef 476. 479.
Krupp Alfred (Vater) 341. 344.
ZQullmann, Attentäter 683.
Kurz, Hermann 248.
Kyllmann und Heyden, Bau—
firma 227.

K.
Kampf, Artur 192.
Kant, Immanuel 22. 36. 177 ff.
308. 311.
Kapp, Friedrich 310. 3465.
Karl Prinz von Bayern (19. Jahr⸗
hundert) 472f.
Karl L., König von England 198.
sarl J., König von Württemberg
338. 868.
darl Albert, König von Sar—
dinien 78. 82.
daroline Fürstin Reuß ä. L., geb.
weiin von Hessen⸗Homburg
198.
dürolyi, Alois Graf 404. 457 f.
606.
Kaulbach, Fritz August von 216.
Kaulbach, Wilhelm von 211. 214.
Kayser und von Großheim,
Baufirma 227.
Keene, Charles, Zeichner 194.
Kekulé von Stradoniztz, Friedrich
August, Chemiker 165ff. 342.
Keller, Ferdinand, Maler 219. 268
Keller, Gottfried 114. 250f. 259f.
262 Anm. 286. 325. 349.
Ketteler, Wilhelm Emanuel Frei—
de von, Bischof von Mainz 639
649.
WDhere Nicaise de, belgischer Maler
Kinkel, Gottfried 286.
Klein, Johann Adam, Maler und
Radierer 194.
Klinger, Max, Künstler 262 Anm.
Knabl, Joseph, Bildhauer 231.
Knaus, Ludwig, Maler 202. 208
Knies, Karl, Nationalökonom 172.
Koch, Eduard Emil, Theolog 21.
Kohl, Horst 363.
Kohlrausch, Heinrich Friedrich
Theodor 175.

Labrouste, Françgois Marie Théo—
dore, Baumeister 225.
Lacordaire, Jean Baptiste Henri
Dominique 632.
da Farina, Giuseppe 888.
Lafontaine, August Heinrich
Julius, Romandichter 236
Lamarck, Jean Baptiste Antoine
Pierre Monet Chevalier de 154.
Lamarmora, Alfonso Ferrero
Marchese de 380. 455. 464.
damartine, Alphonfe Marie Louis
Prat de 631.
Lamberg, Franz Philipp Graf
von 79.
Lamennais, Hugues Félicité
Robert de 24. 631f.
Lamettrie, Julien Offray de 307.
Lamey, August 398.
Lamoricière, Christophe de 392.
Lange, Friedrich Albert 304.
Lanner, Joseph Franz 293.
'Arronge, Adolf 284.
Lafaulx, Ernst von, Altertums—
forscher 46.
Lasker, Eduard 320. 494. 557.
Lassalle, Ferdinand 459f.
Latour. Thebdor Graf Baäillet von 80.

RE.
        <pb n="388" />
        Personenregister.

739

Laube, Heinrich 10. 253. 271. 278.
—I August, Chemiker 161.
de th, Straßburger Bürgermeister
Lavater, Johann Kaspar 354.
Leboeuf, Edmond, französischer
Marschall 523.
Lebrun, Bartholomé L. Joseph,
französischer General 520.
Ledochowski, Mieczislaw Halka
Graf, Kardinal 661. 678. 682.
694. 696.
Leech, John, ee Zeichner 198.
Lehmann, Orla 422.
Leigzingen, Karl Fürst von 92.
dee Christian von, Baumeister
—J Franz von 209f. 368.
deo XI. Sapft“17. 34.
deo XIII., Papst 688. 694 bis 697.
Leonhardt, Gerhard Adolf, Wil—
ne. preußischer Justizminister
5.
de ng⸗ Gotthold Ephraim 233.
Lessing, Karl Friedrich, Maler
200 j. *08.
Lesueur, Cicéron Jean Baptiste,
Baumeister 225.
Leuthold, Heinrich 288.
Leutze, Emanuel, Maler 200.
Leys, Hendrik, Maler 2183f.
Lichnowsky, Felix Fürst 83. 100.
Lichtwark, Alfred 860.
Liebermann, Leopold 24.
Liebig, Justus Freiherr von 189 ff.
164. 297.
Lier, Adolf, Maler 207.
Lindau, Paul 267f. 272. 282.
Linné, Karl von 148. 161.
disge Franz, Musiker 232. 288.
Los, Otto Freiherr von 675.
Löwe-Calbe, Wilhelm, Parla—
mentarier 111.
Lorenz, Ottokar 187 f.
Lornsen, Jens Uwe 95.
Lortzung, Albert 362.
Lotze, Rudolf Hermann 807. 3825.
Luden, Heinrich 188.
Ludwig J., König von Bayern, als
Künstler 15. 200. — Sonstiges

Persönliche 3828. — Stellung zur
Kirche 25. 28. 46. — Regierung 66.
dudwig II., König von Bayern
504. 511 f. 556. 558 bis 562. 654 f.
Ludwig XIV., König von Frankreich
43 Anm.
zudwig J., König von Portugal
gbe g I., g Portug
dudwig, Otto 276. 279. 288. 309.
320. 325. 349. 851.
Zdübke, Wilhelm 230.
utz, Johann Freiherr von, Staats—
mann 655. 664.
Lyons, Richard Bickerton Pemell
Lord, englischer Staatsmann 522.

M.
Mach, Ernst 308.
Mac Mahon, Maria Edme Patrice
Maurice Graf, Herzog von Ma—
genta 532. 536f. 602. 604. 618.
Madpvig, Johann, Nicolai 422.
Maistre, Joseph Graf de 28.
Makart, Hans 216 bis 220.
Malpighi, Marcello 150.
Manin, Daniel 82. 388.
Manteuffel, Edwin Freiherr von,
Generalseldmarschall 486. 450f.
468. 470 f. 542. 546. 550 f. 620.
Manteuffel, Otto von, Staats-—
mann 78. 129f. 408. 410. 462.
658.
Marées, Hans von 828f.
Nege herita, Königin von Italien
Marheineke, Philipp Konrad 22.
Marie, Gattin König Georgs V.
von Hannover 495.
Martens, Adolf, Ingenieur 8341.
Martin, Konrad, Bischof von
Paderborn 694.
Marx, Karl 65. 800. 302f. 712.
Mascov, Johann Jakob 186.
Masella, Kardinal, päpstlicher
Nuntius in München 688f.
Mathy, Karl 388.
Maurenbrecher, Wilhelm 187.
Mgerier George du, Karikaturist
Mauthner, Fritz 268. 272.
Max, Gabriel 216. 219 f.
Marimilian II., König von
Bayern 66. 398. 401f. 4815
        <pb n="389" />
        740

Personenregister.

Magimitia n, Kaiser von Mexiko
Maybach, Albert von, preußischer
Minister 365.
Mazzini, Giuseppe 388.
Meckel, Johann Friedrich 147.
156 Anm.
M J ans Oskar (Gregor Samarow)
Méhul, sonnd Etienne, Musiker 290.
M hold, Wilhelm, Schriftsteller
Meißner, Alfred 254. 320.
Meiffonier, Ernest, Maler 211.
Mejer, Otto Georg Alexander,
Jurist 641.
Melchers, Paulus, Kardinal, Erz—
bischof von Köln 649. 662 f. 682.
690. 696.
Mendelssohn-Bartholdy,
Felix 289. 291.
Mengs, Rafael 197.
Mensdorff-Ponilly, Alexander
Graf 444. 449.
Mentschikoff, Alexander Fürsl
(1787- 1869) 376. 379.
Negpa el, Adolf von 194. 211. 214.
Merckel, Friedrich Theodor von,
Staatsmann 35.
Metternich-Winneburg, Cle—
mens Wenzel Nepomuk Lothar
Fürst von 89. 68. 76. 124. 137
Metternich-Winneburg, Ri
chard Furst (S29 1805) 322.
Meuron, Schweizer 882.
Mevifsen, Gustav 62. 352.
Meyer, Klaus, Maler 216.
Meyer, Konrad Ferdinand 252. 260
275f. 600.
Meyerbeer, Giacomo 291.
Meyerheim, Paul, Maler 202.
Meyr, Melchior 248.
Meza, Chriftian Julius de, däni—
scher General 4833f.
Michelangelo 234.
Milde, Vinzenz Eduard, österreichi—
scher Bischof 21.
Mill, John Stuart 307f.
M n er, Ferdinand von (der Altere)
Millöcker, Karl 298.
Miquel, Johann von 494. 568.
Mitscherlich, Eilhard 164.

Möhler, Johann Adam 38. 46.
Möller, Eduard von, Staatsmann
585. 591. 597.
AP uge von, Botaniker 150 ff.
Mohl, Robert von, Staatsmann 92.
Moleschott, Jakob 296. 805.
Moltke, Hellmuth Graf 238. 346.
8372. 374. 410. 433. 486. 447. 456.
472. 477f. 5315 bis 553. 573. 610. 704.
Moltke, Karl Graf 8f.
Mommsen, Theodor 450.
Monrad, Ditlev Gothard 422.
Montalembert, Charles Forbes
de Tryon Graf 632.
Montesquieu, Charles de Se—
condat, Baron de la Broͤde et de
307.
Montez, Lola 66.
Montgelas, Maximilian Joseph
* von, bayrischer Staatsmann
Montpensier, Prinz Anton Maria
Philipp Ludwig von Orleans,
Herzog von 520f.
Morgenstern, Christian, Maler
205. 221.
Moscheles, Ignaz 289.
Mofer, Gustav von 284.
Mozart, Wolfgang Amadeus 711.
Mügge, Theodor 238.
Mühl, Gustav 582.
Mühlbach, Luise 270.
Mühler, Heinrich von 417. 666.
M biß e, von der, preußischer General
Müller, Julius 50.
Müller, Htfried 176.
Mäüller, Viktor, Maler 217.
Müller, Wilhelm, Dichter 287.
Müller von Königswinter,
Wolfgang 286.
Münchhausen, Karl Friedrich
Hieronymus Freiherr von 237.
Murawiew, Rikolai Fürst 380.

N.
Nägeli, Karl Wilhelm von, Bo—
taniker 150.
Namsfzanowski, Bischof von Aga—
thopolis 668.
Napoleon J. Stellung zur Kirche
24 ff. — Straßenbau 346.
Napoleon III. 180. 374f. 881 ff.
387. 642. 644 f. — Stellung zur
        <pb n="390" />
        Personenregister.

741

Einigung Italiens 8388f. 387 bis
393. —zu Deutschland 402. 428.
38. ö öο—5. 462. 464.
180 bis 486. 504. — Krieg von
1870 und 1871 515 bis 553. —
Gefangennahme 537.
Rapoleon, Louis Prinz, Sohn
Napoleons III. 382.
N R eyer, Berliner Bürgermeister
Neipperxg, Erwin Graf, österreichi—
scher General 472.
R enor Gottfried, Architekt
Newton, Isaak 295.
Riecolai, Georg Hermann, Bau—
meister 224.
Riebuhr, Barthold Georg 15. 81.
z8— * v Fe— is.
ie e, Friedrich 266.
Ritßtaus J., Zar 81. 128f. 374
bis 380.
Nina, Kardinal 6809f.
Rißsch, Karl Immanuel 50.
R Eduard van der, Architekt

ßaracelsus siehe Hohenheim, Theo⸗
phrastus Bombastus Paracelsus
von.
Baskiewitsch, Iwan Fedorowitsch
Graf 82. 877.
Patow, Erasmus Robert Freiherr
von 412. 416.
Perrone, Giovanni, Jesuit 86.
Pestalozzi, Johann Heinrich 173.
236. 706.
Peucker, Eduard von, preußischer
General 92. 95.
*8 ten, Ludwig von der 468.
Pinebichner, Adolf Freiherr von
Pfuel, Ernst von, preußischer
General 69.
Phritips, Georg 46.
Piloty, Karl von 203f. 211f. 230.
ius viI, dart ig ir
dius iX dapü 755. 883. 8091 f.
634. 641 bis 687.
Plener, Ignaz Edler von, öster⸗
reichischer Staatsmann 491.
— Oskar 194.
Plockhorst, Bernhard, Maler 202.
P Fes⸗ Karl (Charles Sealsfield)
Pourtalès, Albert Graf von 382.
Jrell, Hermann, Maler 192.
Freller, Friedrich Gater) 345.
prim, Inan, Graf, von Reus,
Marques de los Castillejos, spani—
scher General 521.
Prittwitz, Karl von, General 69 ff.
Proudhon, Pierre Paul 197.
Prutz, Robert 334.
V ynje, Johannes Evangelista
Putlitz, Gustav Heinrich Gans
Edler Herr zu, Dichter 286.
Pulttamer, Robert Viktor von 690.

O.
Oberländer, Adolf 195.
O de aere, Joseph Denis, Maler
Siker, Friedrich 899. 494.
Offenbach, Jakob 298.
Oken, Lorenz 153.
O 0 Gattin König Karls J. von
ürttemberg 555.
Dffivier, Vmile, frauzösischer
Staatsmann 522.
Orsuni, Felice Graf von 389.
O Nyr ID, König von Schweden
Oßwald, Heinrich Siegmund 334
Shen, Johannes, Architekt 224.
Ovderbeck, Friedrich 15.
O wye Sir Richard, Naturiorscher

R.
Raabe, Wilhelm 260f. 262 Anm.
p5. b Dad
Radetzky de Radetz, Jofep
Wenzel Graf 78f. geb ⸗
Radowitz, Joseph Maria von
(Sohn) 611.
Radowitz, Joseph Maria Ernst
Christian Vilhelin von WWater)
67. 93. 115. 119. 129.

BVB.
Paelinck, Joseph, Maler 199.
Palacky, Franz 76.
Vhavnteae diPriola, Emilio
pander, Heinrich Christian von
        <pb n="391" />
        742

Personenregister.

RNaß Andreas, Theolog 24. 500.
Raglan, Fitzroy James Henry
Somerfet Fi 377. v
Rank, Joseph 248.
Ranke, Leopold von 15f. 177 bis
180. 185 ff. 240. 450. 710.
Rantzau, Cuno Graf 363
Ranztzau, Marxie Gräfin, geb. Gräfin
Bismarck 368.
Rapp, Generalvikar im Elsaß 590
Rathke, Martin Heinrich 148.
Rauch, Christian Daniel 232.
Raumer, Friedrich von, Geschichts
forscher 95. 278.
Rauscher, Joseph Ottomar Ritter
pr Fürst⸗Erzbischff von Wien
Raveaur, Franz, Politiker 111.
Rechberg und Rothenlöwen,
Johann Bernhard Graf von, öster—
reichischer Ministerpräsident 386.
436. 442 ff. 460 f.
Redwitz, Oskar Freiherr von,
Dichter 286.
Rehfues, Philipp Joseph von 240.
Reichensperger, August 494.
Reichensperger, Peter 494. 660.
Reinecke, Karl 289.
Rellstab, Ludwig 240.
Remak, Robert 151.
Rembrandt 203. 213.
Reteliffe, Sir John, siehe Gödsche,
Hermann.
Rethel, Alfred, Maler 221. 278.
Retzius, Anders 147.
Reuter, Fritz 248. 248 ff.
Revpentlow-Jersbeck, Friedrich
Graf 99.
R n er, Eugen, Parlamentarier
Richter, Franz, Bankdirektor 396
Richter, Gustav, Maler 202.
Richter, Johann Paul Friedrich
(Jean Paul) 246. 253. 258f. 261f.
Richter, Ludwig, Maler 192. 194.
Nvhl. Wilhelm Heinrich von 180.
Riepenhausen, Franz und Jo—
hannes, Maler 15.
Rietschel, Ernst, Bildhauer 283.
Rinecker, Franz von 149.
Ringseis, Johann Nepomuk 46.
Ritschl. Albrecht 180f.

Rittershaus, Emil 286.
Robert, Leopold, Maler 287.
Rochow, Gustav Adolf Rochus von,
preußischer Staatsmann 60.
Rod, Eduard 315f.
Rodenberg, Julius 271.
Röber, Frutz, Maler 192.
Römer, Friedrich von, württem—
bergischer Staatsmann 93.
Römer, Hermann, Politiker, Jurist
und Geolog 662.
Roggenbach, Franz Freiherr von
398. 589.
Aeae⸗ Johannes, Deutschkatholik
Roon, Albrecht Graf von 72. 414f.
417. 466. 526. 675. 678.
Roothaan, Joh. Philipp, Jesuiten—
general 19.
Roquette, Otto 286.
Roscher, Wilhelm 172.
Rosegger, Peter 248.
Rosen, Julins, siehe Duffek, Nikolaus.
Rothe, Richard, Theolog 31.
Rouher, Eugen, französischer Staats⸗
mann 518.
Rousseau, Jean Jacques 2385.
Rousseau, Théodore, Landschafts⸗
maler 207.
Roux, Wilhelm 157. 169 Anm.
Nn nse Peter Paul 197. 201. 203.
Rudolphi, Karl Asmund, Physio—
log 152.
Ruge, Arnold 48. 93.
Ruisdael, Jakob van 206.

S.
Sachs, Hans 280.
Saint-Arnaud, Jacques Leroy
de, Marschall von Frankreich 377.
Saint-Pierre, Bernardin de
285.
Salazar, spanischer Gefandter 521.
Salisbury, Robert Arthur Talbot
Gascoigne Cecil Marquis von 615f.
Samarow, Gregor, siehe Meding,
Oskar.
Sand, George, siehe Dudevant,
Amantine Lucile Aurore Baronin
von.
Sardou, Victorien 282.
aur cken, Ernst von, Varlamentarier
        <pb n="392" />
        Personenregister.

743
Schmid, Hermann von, Volks—
schriftsteller 248.
d nide Friedrich von, Architekt
Z„chmoller, Gustav 172. 328 Anm.
„chneegans, Karl August 598.
Schnei der, Friedrich, Musiker 280.
Schön, Heinrich Theodor von,
Staatsmann 329.
Schönthan, Franz von 284.
Schongauer, Martin 2385.
Schopenhauer, Artur 170. 311
bis 318. 355.
Schrader, Julius, Maler 202.
—chubert, Franz, Tonkünstler 711.
chulze, Johannes, Pädagog 174.
chumann, Robert 288.
chuwaloff, Peter Graf 615. 617.
Achwann, Theodor 151f.
—— vnris von 231.
—chwarzenberg, Felix Fürst zu
(1800 - 1852) 76. 83. Fr iesr
I 122. 129 ff. 374. 428. 458.
Schwarzenberg, Friedrich Prinz,
Fürst-Erzbischoss von Prag 649.
Schweinitz, Hans Lothar von,
General und Siplomat 6183.
Schweninger, Ernst 868.
Schwerin, Maximilian Graf von,
preußischer Staatsmann 49. 73.
412. 414.
Schwind, Moriztz von 192.
Scott, Walter 338ff. 253. 278.
Secribe, Augustin Eugöne 282.
Sealsfield, Charles, siehe Pojtel,
Karl.
Sedlnitzki, Leopold Graf von,
Fürstbischof von Breslau 45.
Semper, Gottfried 110. 224 ff. 280.
Senestreéey, Ignaz von, Bischof von
Regensburg 649.
Senfft von Pilsach, Oberpräfi—
dent der Provinz Sachsen 137.
Sepp, Johann Nepomuk 46. 527.
Siccard von Siccardsburg,
August von, Baumeister 224.
Siemering, Rudolf 238.
D⸗ rstein, August, Schriftsteller
mons, preußischer Minister 413.
imson, Eduard von, Reichs—
Ierschiabrafident 102. 108. 11i1.
53625.

Savigny, Karl Friedrich von,
— (1814 1875) 459. 469.
578.
Schack, Adolf Friedrich Graf von 230
Schado w, Wilhelm von, Maler 15.
201. 221. 278.
Schaper, Friedrich 238.
Schefer, Leopold 237.
Scheffel, Joseph Viktor von 270.
——
Scheibel, Johann Gottfried, Alt⸗
lutheraner 48.
Schelring, Friedrich Wilhelm
Joseph von 89 179. 181. 309. 311.
Schenk, Eduard von, bayrischer
Minister 46.
Scherer, Wilhelm 355. 705.
Scherr, Gregorius von, Erzbischof
von München⸗Freising 649.
Schiller, dedid von 710. —
Denkmaͤler für ihn 282 Anm. 233.
Erziehungslehre 706. — sein
100. Geburtstag 400.
Schilling, Johannes 233.
Schimonsky⸗Schimoni, Christoph
Hranua— Fürstbischof von Breslau
Schinkel, Karl Friedrich 222. 227.
Schlegel, August, Wilhelm von 28.
Schlege!, Friedrich von 283.
S ⸗ üich, Eduard. Maler 206f.
Schheiden, Matthias Jakob 150f,
Schleiermacher, Friedrich Daniel
Ernst 23. 39. 48.
Schleinitz, Alexander Gustav Adolf
Graf, preußischer Staatsmann 412.
Schleswig-—Holstein-Gottorp,
Fürstenhaus 421.
Shleswig-Holstein-Sonder—
burg⸗Augustenburg, Fürften—
haus 4317.427.
Schleswig-⸗Holstein-zSonder—
burg-⸗Glücksburg, Fürstenhaus
181
Schhözer, Kurd von 694.
Schlosfer, Friedrich Christoph 184
Schlumberger, Johann von 597.
Schmedding, Iohann Heinrich
35. 41.
Schmerling, Anton Ritter von,
osterreichischer Staatsmann 82.
wyf 102. 396. 448. 450. 488f.
        <pb n="393" />
        744

Personenregister.

Slingeneyer, Ernest, Maler 199.
Smith, Adam 172.
Solms⸗Laubach, Graf, Ober—
präfident der Rheinprovinz 32.
yh lanzani, Lazaro, Physiolog
353877 hers, Gustav, Maler
202. 214 f.
Speckter, I5 — Familie 850.
Spiegel, Ferdinand August Graf
von, Erzbischof von Köln 21. 27.
35. 837. 30f.
Spielhagen, Friedrich 242. 258.
258. 262 Anm. 263f. 266. 2898.
323. 380. 355.
den tini, Gasparo Luigi Pacifico
Sprengel, Kurt 150.
Stadion, Graf, österreichischer
Minister 88.
Stahl, Friedrich Julius 49. 139.
Staudenmaier, Franz Anton 88.
Steffeck, Karl, Maler 202.
tef fens, Henrich, Naturforscher
tein, Heinrich Friedrich Karl
Freiherr vom 6. 217. 83. 329.
Steinmetz, Karl Friedrich von
178. 680 J
Stephan, Erzherzog von Oster—
reich 79.
Stephan, Heinrich von 565.
Stieber, Wilhelm, preußischer
Polizeibeamter 414.
1, Anton Wilhelm Ferdinand
Stilling, Benedikt 147.
Stolberg-Wernigerode, An—
ton Graf (1788 - 1854) 41.
tolberg, Christian und Friedrich
Leopold Grafen von 23.
Stolle, Ludwig Ferdinand 245.
Ztorch, Ludwig 240.
borm, Theodor 251.
trachwitz, Moritz Graf 410.
uß, David Friedrich 10. 48.
Strauß, Johann cer ältere) 293.
Strauß, Johann (der jüngere) 293.
Struve, Gustav von 85 ff.
Stumm, Ferdinand Freiherr von,
Diplomat 670.
Sturm, Julius 286.
Zudermann, Hermann 277. 356

Zuse, Eugen 248 ff.
Suppé, Franz von 298.
Sybel, Heinrich von 184f. 450.

T.
Taine, Hippolyte 218.
Taun-Rathfamhausen, Lud—
wig Samson Freiherr von und zu
der, bayrischer General 541. 3483.
Taubert, Wilhelm, Musiker 289.
Tauffkirchen, Joseph Friedrich
Graf 08
T gdesp r, George, siehe Adolf Haus⸗
rath.
Tegetthoff, Wilhelm Freiherr von
438. — heim gecih
T — sch, Eduard, Parlamentarier
Thausing, Moritz, Kunstschrift—
steller 215. shnit
Thiers, Louis Adolphe 464. 466.
528. 538. 551f. 602.
Thlersch Friedrich 175.
Thoma, Hans 217. 262 Anm.
—3 von Aquino 171.
Thomas, Sydney Gilchrist, In—
dustrieller 341.
Ieee — Bertel 15. drich
un un ohenstein, Friedri
Graf von 488. ẽ
Thyra, Prinzessin von Dänemark,
siehe Cumberland, Thyra Herzogin
von.
Tieck, Ludwig 240. 287.
T uide mann, Friedrich, Physiolog
Tilgner, Viktor, Bildhauer 284.
Tizran 217.
Träger, Albert 286f.
Treitschke, Heinrich von 186 ff.
Treviranus, Christian Ludolf 150.
Trochu, Louis Jules, französischer
General 588. 548.
Tschesch, Bürgermeister 61.
Twesten, August, Theolog 49.
Twesten, Karl, Politiker 493f.
Tzschirner, Samuel Erdmann 110

U.
Uhland, Ludwig 287. 4683.
Unger, Franz von, Botaniker 151.
Ungern-Sternberg, Alexander
Freiherr von, Schriftsteller 240.
Unruh, Hans Viktor von 493.
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        Personenregister.

745

Varnbüler, Friedrich Gottlob
Karl Freiherr von 445.
Vautier, Benjamin, Maler 208.
Beit, Philipp, Maler 15. 201.
Beronese, Paolo 217.
Zenitlot, Lonuis 682. 648.
Bicari, Hermann von, Erzbischof
don Freiburg 5318. 639.
Bikkoc Emanuel II., König von
Zardinien, später von Italien 82.
391f. 453. 455. 519. 604. 645.
Biktoria, Königin von England
462. 611.
Blucke, Ernst Friedrich Georg Frei⸗
herr von (1811- 1875) 62. 74. 93.
(01. 329.
Binoy, französischer Geueral 541.
Birchow, Rudolf 152. 296. 670.
APer⸗ Friedrich Theodor 261ff.
79.
Boͤlk, Joseph, Politiker 681.
Vogel von Falckenstein, Ernst
Friedrich Eduard, Geueral 470 bis
178. 476.
Vogt, Karl 93. 111. 296.
Voigts-Rheztz, Konstantin Bern⸗
hard von, General (1909 - 1877)
544.
Boͤlkmann, Robert 289.
Boß. Julius von 236.

V.

Weis, Nikolaus von, Bischof von
Speier 24.
Welsbach, Julius, Architekt 226.
Welcker, Friedrich Gottlieb, Alter—
tumsforscher 176.
Welcker, Karl Theodor, Staats⸗
rechtslehrer 88 Anm. 86. 107.
Wellington, Arthur Wellesley,
Herzog von 200.
Wonglein, Joseph, Maler 206.
Werder, August Graf von, General
uf.
Werder, Bernhard Franz Wilhelm
von, General 618.
Werif, van der, Bürgermeister von
Leiden 199.
Werkmeister, Benedikt Maria
Leonhard von 21.
Werner, Anton von 202.
Werther, Karl Freiherr von,
Staatsmann 522.
Wessenberg, Iguaz Heinrich Karl
Freiherr von, Generalvikar des
Bistums Konsftanz 20f. 27, 29. 84.
West, Benjamin, Maler 197. 200.
Westphalen, Ferdinand Otto Wil⸗
helm Henning von, preußischer
Minister 187.
Wuese, Ludwig, Pädagog 140.
itbrandi, Adoif 266 288f. 821.
Wildenbruch, Ernst von, 288f.
Wilhelm I., Deutscher Kaiser, als
hrinz von Preußen 72. 108. 111.
28878. 888. 401. — als Prinz⸗
egent 383. 390. 411. 414. —
dßnung zum König von Preußen
361. gahre 1861 bis 1869 405 bis
514. — Jahre 1870 und 1871 515
ois 3899. Kaiserprokla mation 554
bis 362. — Jahre nach, 1871 597
bis 720. — Dentmal in Berlin 234.
pPersonliches 411. 442.
Wilhelin II., Deutscher Kaiser
369.Tatigkeit für die Künste 284.
Wilhelm, Herxzog von Braun⸗
shucig las. bs
Wind erm, Prinz von Hessen-Kassel
6.
Wikhelm III. König der Nieder⸗
lande 517. 609.
Wilhelm J., König von Württem⸗
berg 121.
Wirkiamson, Alexander, Chemiker
163. 166.

W.
Wächter, Leonhard GPseud.: Veit
Weber) 289.
Wagener, Hermann, Politiker 189.
Wädßner, Richard 5. 110. 4091.
28ff. α 306. 820. 325.
345. 708.
Wagner, Rudolf, Physiolog 148.
296.
Waitz, Georg 98. 185.
Wallace, Alfred Russell 154f.
Walter, Ferdinand, Jurist 28.
Wangeuheim, Karl August Frei⸗
herr von, württembergischer Staats—
mann 29.
Wappers, Gustav Baron, Maler
199. 201.
Weber, Karl Maria Freiherr von
290. 345.
Weber, Veit, siehe Wächter, Leon⸗
hard.
Qamprecht, Deutiche Geschichte. XI.

2
        <pb n="395" />
        746

Personenregister.

Willisen, Wilhelm von, preußischer
General 128.
Windischgrätz, Alfred Candidus
8 Fürst, Feldmarschall
Windscheid, Bernhard 655.
Windthorst, Ludwig 646. 659f.
662. 667. 689.
W si cenus, Johannes, Chemiker
Wöhler, Friedrich, Chemiker 164.
Wolf, Friedrich August, Philolog
176. 184.
W Afe— James, englischer Genexral
Wolff, Julius 287f.
Wolff, Kaspar Friedrich 147.
W mann, Alfred, Kunsthistoriker
Wrangel, Friedrich Heinrich Ernst
Graf von, Feldmarschall 78. 97 f.
4832 bis 441.

Wundt, Wilhelm 308. 825 f.
Wurmb, von, preußischer Zivil—
kommissar in Sachsen 470.
Wydenbrugk, Wilhelm Eberhard
Oskar von, Staatsmann 93. 110.

38.
3 — e Albert von, Kunsthistoriker
Zeller, Eduard, Philosoph 180.
Zeller, Karl, Musiker 293.
Zentner, Georg Friedrich Freiherr
von, bayrischer Staatsminister 27.
Ziegler, Franz, Oberbürgermeister
3 Braudenanrg 5
irkel, Gregor, Weihbischof von
Würzburg 24. 28. vbischof
28 Emil 272.
schokke, Johann Heinrich Daniel
286. 240.
Zwirner, Ernst Friedrich, Bau—
meister 228.
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        Nachwortk.

In braunem Haar habe ich den ersten Band dieser nun
vollendeten Deutschen Geschichte zu schreiben begonnen, in weißem
beschließe ich den letzten. Rechne ich vom ersten Entwurfe bis
zum letzten Federstrich, so darf ich wohl sagen, daß mehr als
in Vierteljahrhundert über meiner Arbeit hingegangen ist.
Ein Zeitumfang, den niemand ohne mannigfache Wand⸗
lungen von Gemüt und Leidenschaft, von Einsicht und Er—
fahrung durchleben wird: und diese Wandlungen sind auch mir
an dem Inhalte des Buches wie an seiner Sprache bemerklich,
wie sie andern noch weit mehr sichtbar sein werden. Dennoch
darf ich sagen: die allgemeinste Stellungnahme zum Stoff und
der grundlegende Aufbau der Darstellung sind dieselben ge—
blieben.
Niemand wird erwarten, daß ich in dem Augenblicke, da
ich das Deo gratias sage, auf Meinungsverschiedenheiten über
die Auffassung dessen eingehen werde, was Geschichte ist, oder
was ich in diesem Buche als Geschichte verstanden habe. Er
wird es um so weniger erwarten, als ich das Glück gehabt
habe, allmählich auch das freundliche Interesse von Fachgenossen
zu finden, die meiner Auffassung ferner stehen: die Korrektur
einzelner Teile dieses letzten Bandes ist von Heinrich Fried—
jung in Wien und von Martin Spahn in Straßburg zu
meinem herzlichsten Danke mitgelesen worden.
Uber die Architektur des Buches ließe sich wohl eher zu zwei
Worten kommen; ist doch dies ein Moment, das dem, der an das
Buch als Ganzes herangeht, erst mit Abschluß auch des Ganzen
40 *
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        748

Nachwort.

völlig entgegentreten kann. Für den Verfasser freilich liegt der
Fall umgekehrt. Ich habe keinem Gegenstande von Anbeginn an
größere Aufmerksamkeit geschenkt; ich habe gemeint, an der
völligen Lösung dieser Frage hänge eigentlich das letzte und
sicherste Verständnis; und ich habe in dieser Hinsicht ohne Wanken
Grundsätze verfolgt, die ich auch dann nicht fallen lassen konnte,
als sich aus ihnen in der Darstellung der späteren Zeitalter eine
beträchtliche Erweiterung des ursprünglichen Ausmaßes der
Schilderung ergab. Das System dieses grundsätzlichen Auf⸗
baus aber wird dem leicht entgegentreten, der sich an der Hand
der Einteilungsübersicht, die wie früheren Bänden so auch diesem
vorgedruckt ist, den Rhythmus der Band-, Buch- und Kapitel⸗
einteilung im Verhältnis zu dem jeweiligen historischen Gehalte
der einzelnen Zeitalter und Perioden vergegenwärtigt.
Indes wie das beste Kennzeichen des Einzelnen nicht sein
Beruf und seine Tätigkeit, überhaupt seine Sachlichkeit ist,
sondern sein im weitesten Begriffe der Liebe aushallendes
Menschentum, so möchte ich von diesem Opus quinque lustrorum
nicht mit Erläuterungen, sondern mit Empfindungen Abschied
nehmen. Es sind Empfindungen vor allem des Dankes. Ich
bin in diesen Jahrzehnten niemals ernsthaft krank gewesen.
Wohl haben mich Kämpfe angegriffen — und wer weiß, ob
jeder Schlachtenmut an die zähe Energie heranreicht, die der
Gelehrte in wissenschaftlichen Kämpfen erweisen muß —; aber
diese Kämpfe haben mich auch gestählt und gebessert. Und
wohl habe ich das Schlimmste gefunden, was jedem Fortschritt
entgegentritt: Gegensatz aus dem Bedürfnis persönlicher Macht—
erweiterung und passiven Widerstand; aber ich habe einsehen
gelernt, daß wenigstens der passive Widerstand sein geschichtliches
Recht hat, und daß ihn selbst bei schärfster Beurteilung grund—
sätzlich nur Unzulänglichkeit kennzeichnet.
So bin ich ruhig geworden an diesem Buche — ruhig und
dankbar. Und aus dieser Stimmung heraus, die zugleich wohl
auch die des Fünfzigers überhaupt sein mag, frage ich mich
wohl manchmal nicht nur, ob ich, finge ich noch einmal an,
nicht vieles ganz anders machen würde — was selbstverständlich
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        Nachwort.

749

ist —, nein: ob ich nicht vor allem auch weit mehr erzählen
würde. Die Gabe der Erzählung ist heute selten; sie liegt
nervösen und eilenden Zeitaltern ferner — und doch erscheint
sie mir immer mehr als die Kardinalgabe des Historikers nament—
lich in späteren Lebensjahren. Eine einfache Weisheit, wird
man sagen. Ich würde gegenbemerken: eine Erfahrung.
So möge sich der Leser wohlgehaben, der mich bisher
in mehr oder minder großer Treue begleitet hat, und an die
freundschaftlichen Gesinnungen des Verfassers glauben, der in
seinem Buche neben manchem anderen doch auch ein wenig von
sich selbst gegeben hat.
Leipzig, 25. August 1909.

KR. Tamprecht.
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        Altenb urg
Pierersche Hofbuchdruckerei
Stephan Geibel &amp;amp; Co.
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        Verlag der Weidmannschen Buchhandlung in Berlin.

STDUDIVM LIPSIENSE.

EHRENGABE

ERARL LAMPRECHI

DARGEBRACHT
AUS ANLASS DER EROFFNUNG DES NIGLICHM
SACHSISCHEN INSTITVOTS FOR XUVULTUVOR- UVND
UVNIVERSALGESCHICHTE BEI DER VUNIVERSITAT
LEIPZIG

VON

SCHOLERN Aus DER ZEIT SEINER LEIPZEIGER
VVIRXKSAMMEIT.

FR. ARENS. H. BARGE. H. BESCHORNER. K. R. BROTHERUS.
WV. BRUCHMULLER. O. CLEMEN. R. CSALLNER. J. GOLDFRIEDRICM.
V. HANTESCH. J. HASHAGEN. H. F. HELMOLT. N. JORGA.
M. EMMERICH. A. KOHLER. H. KOHT. RUD. KôöërTZzSCHE.
O. OPPERMANN. R. SCHOLZ. FR. SCHULZEE. H. SIEVEKING.
A. TILLE. R. WUSTMAMNN.

Gr. Lex.8. (VIl und 400 8.) 1909. Geh. 14 Mark.
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        Verlag der Weidmannschen Buchhandlung in Berlin.

Alte und neue Richkungen
in der

Geschichtswissenschaft.

Von

KRarl Tamprrcht.

J. UÜber geschichtliche Auffassung und geschichkliche Methode.
II. Rankes Ideenlehre und die Jungrankianer.
gr. 80. (IV u. 79 5.) 1896. Geh. 1,50 M.

Die kulturhistorische Methode.
Von
Karl Tamprecht.
ar. 890. (46 5.) 1900. Geh. 1m.

Moderne Geschichtswissenschaft.
Xünk Vorkräge
Karl Tamprecht.
Zweite Auflage.
gr. 80. (VIIII. 131 8.) 1900. Geh. 2 M. geb. 2,80 M.

Americanag.

Reiseeindrücke, Betrachtungen, Geschichtliche
Gesamtansicht.
Von

Karl Lamprecht.
ar. 80. (VIIu. 1a47 5) 1906. Geh. 2,60 M. geb. 5.60 M.
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d Ausgang des Uulturkampfs. 667

rismus blühe, mit dem Klerikalis—
Darum suchte er denn auch das
r Windthorst zu trennen: öffentlich
zu, daß es „leichter mit dem Staate
wenn es sich der welfischen Führung
zeblicher Versuch; eben an Windt⸗
elt die Partei zäh fest. Und so schloß
tzel des preußischen Kulturkampfes
Lerquickung des Klerikalismus, des
en Partikularismus.
Bm bald Vorgänge, die neben dem
die ersten Vorgefechte mit der Kurie
bisher noch eine äußerlich freund—
e Reich eingenommen; würdig hatte
Aufrichtung der deutschen Einheit
Zeit hatte der Kardinalstaatssekretär
iung des Zentrums anscheinend nicht
hatten sich erste Spuren einer tat—
mit dem Standpunkte der klerikalen
lem starken Schwanken der generellen
odartei zur Kurie, vielleicht doch ein
scher Vorgang für die ganze Ent—
ing des Kulturkampfes: die extremen
nicht so sehr von der diplomatischen
schen Vertretung der Kurie geltend
dliche Stellung gelockert, so erfolgt
eiff durch den obersten Vertreter der
falls nicht etwa eine parlamentarische
chon vorher in die Arme der Kurie

m Zentrum eingenommene Angriffszurch
 erst zum Ausdruck auch ihrer
4J. der von der preußischen Regierung
I e Weise im April 1872 zum
)en Stuhle präsentierte Kardinal
bayerischen Ministerpräsidenten, als
43 *
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