Aeber Individualität und Verständniß für dieselbe im deutschen Mittelalter. Es wird jetzt Niemand mehr einfallen, das Mittelalter als finster zu bezeichnen: ein Urteil, das noch vor einem Menschen— alter zu den vielen typischen gehörte, deren Besitz der Bildung leider untrennbar zu folgen scheint. Es heißt jetzt finster weder seinem Charakter nach: dafür haben die Romantiker gesorgt — noch in Ansicht der Kenntniß, die wir von ihm haben: hier ist die neuere historische Schule von Ranke an rettend ein⸗ getreten. Gleichwol findet in den Augen der Meisten das Alter⸗ tum und seine Geschichte mehr Gnade, als das Mittelalter. Und gewiß: wer sein eigen Zeitalter in der Geschichte früherer Jahrhunderte lesen will, wer vor Allem die Gegenwart zu verstehen sucht aus dem Praecedenzfall ganzer Zustände und Geschlechter, der mag sich der letzten, uns so genau be— kannten Lebensphase der altclassischen Völker mit Vorliebe zu— wenden. Anders der Geschichtsphilosohh und — und in seinem kleineren, aber um so dankenswertheren Kreise — der Cultur— historiker: er wird grade das Mittelalter als sein theuerstes, unschätzbarstes Kleinod betrachten, als einen Besitz, den ihm die Fülle der Zeiten nur einmal verliehen. Jedes Volk freilich und jede Gruppe von Völkern hat ihr Mittelalter, und im Bildungsgange aller Nationen erscheinen die Tage Homers und Hesiods, wenn auch in wechselnder Färbung. Aber wie 18*