Anhang. Verfassung bleibt sogar in denjenigen Theilen, welche das Königsgeschlecht persönlich angehen, wie z. B. der Erbfolge— ordnung, unbestimmt und ungesichert. Heinrich III., sonst im Ganzen weitsehend in seinen Entwürfen, bemerkte gleichwol nicht die übergroße Wahrscheinlichkeit einer Differenz zwischen Regnum und Sacerdotium. Und wiederum der Kirchenstreit läßt, obwol grade er einer tieferen Auffassung politischer Gegen— sätze Bahn brach, doch andrerseits in einen Abgrund anfäng— licher Urteilslosigkeit schauen: einer der hervorragendsten historisch-diplomatischen Köpfe der Zeit, Ekkehard von Aurach, schwankte zu fünf Malen zwischen Pabst und Kaiser. Nicht zum Wenigsten trug zu dieser kindlich-harmlosen Anschauungsweise der Umstand bei, daß man sich noch ganz im harmonischen Zusammenhange der Dinge fühlte. Die Ge— schichte menschlicher Entwicklung und göttlichen Rathschlusses lag im verständlichen Gange der sechs Weltalter offen vor der gläubigen Betrachtung, man zweifelte nicht an einer einheit— lichen Ordnung von Geist und Stoff. Auch die Moral der Kirche war einfach; ihre Tendenz auf Belohnung oder Strafe im Jenseits war auch dem weniger durchgebildeten Verständniß einleuchtend. So lag, mit Ausnahme weniger durchgehender Züge, wie der Furcht vor der Höllenstrafe oder vor dem jüngsten Tage um das Jahr 1000, eine großartige und feierliche Ruhe über den Geistern, welche ein innerer Kampf und ihm folgend ein Gewinn an innerer Durchbildung nur bei hervorragenden Köpfen unterbrach. Andrerseits schlug das schwache Verständniß für die Individualität sogar in das Bestreben um, die geringen Anfänge derselben möglichst zu unterdrücken. Demuth bis zur Selbstentäußerung, oft freilich nur sehr äußerlich aufgefaßt, erschien diesen Zeiten als das Ideal menschlicher Vollendung. Auch sonst nahm man auf die Anfänge individueller Sonder— bildung wenig Rücksicht. Der Begriff der Beanlagung war dem Unterrichtssysteme noch fremd: Jeder wurde in jedem Fach unterwiesen, und von einem Gelehrten setzte man voraus, daß er Alles wisse und könne. Und es gab wirklich Männer, welche dieser Annahme fast gerecht wurden, so die Bischöfe Bernward