Ueber Individualität im deutschen Mittelalter. 19 zeigte zum ersten Male das Volk in seiner ungeheuren Mehr— heit eine gemeinsame Willensrichtung, die sich bis zur Be— geisterung, ja während der Kämpfe der Kreuzfahrt oft bis zur Verzückung steigerte. Die Phantasie der Kreuzfahrer wurde durch das Ertragen unerhörter Strapazen, durch das Anschauen einer neuen Welt von Volksleben und Glauben ungemein be⸗ lebt; fast noch mehr wirkte die mährchenhafte Erzählung dieser Wunder auf die daheimgebliebene Menge. Hier zum ersten Male begegnen häufig die Vorläufer modernen Zeitungswesens; Berichte und Briefe aus dem Morgenlande gingen von Hand zu Hand. Ist schon jedes außerordentliche Ereigniß geschaffen, die Spalten innerhalb der einzelnen Volksschichten, wie sie Recht und Sitte gebildet, zu verkitten, so geschah dies in den Kreuzzügen noch in erhöhtem Grade zwischen Clerus und Laien— welt. Es lag eine religiöse Weihe über dem Kreuzfahrer, er fühlte sich halb geistlich geworden; ein Zug der Entsagung vom früheren Leben, ähnlich dem Gelübde des Mönches, gieng durch die aufbrechenden Massen. Andrerseits trat auch der Clerus der Laienwelt näher, mußte er doch populären Anschauungen sich grade jetzt hauptsächlich verständlich zu machen suchen. Das bezeichnendste Resultat dieser Verschmelzung sind die geistlich— weltlichen Ordensinstitute der Kreuzritter. Doch auch ein inner⸗ licher Umschwung vollzog sich im religiösen Denken der Menge. Das Heilige stand nicht mehr in der früheren Unzugänglichkeit und Unantastbarkeit da; im Verkehr mit den Sarazenen lernte man die Schätzung sittlichen Werthes auch abgesehen von kirch⸗ licher Stellung. Eine erste Regung religiöser Duldung durch⸗ wehte die Zeit, die fortgeschrittensten Köpfe derselben, wie Friedrich III, waren sogar Freigeister. Der Glaube an die religissen Thatsachen, bisher selbstverständlich und gleichsam angeboren, fieng, wenn auch meist noch unerschüttert, doch an nach Beweisen zu suchen; die Scholastik trat in die Anfänge ihrer Blüthe. Nur hin und wieder zog eine ernstere Prüfung der Ueberlieferung wirkliche Haeresien nach sich; aber allgemein begann man schon auf die menschlich-sinnliche Seite des Dogmas und der Tradition größeren Nachdruck zu legen: der 9*