Ueber Individualität im deutschen Mittelalter. 25 ihrer Existenz, allerdings auf außernationalem Boden. Neben der Epik begegnet jetzt zum ersten Male eine durchgebildet yrische Poesie, sie ist im Gegensatze zur ersteren ein unmittel— hares Kind ritterlich deutschen Geistes, entsprossen aus der Sehnsucht der Minne und verehrender Liebe, aus dem Froh— sinn beim Erwachen des Frühlings und der Trauer beim Er— sterben der Natur zur Herbstzeit. So ist ihr Kreis noch ein beschränkter; nur wenige Dichter waren es, welche ihre Grenzen weiter bebauten, vor allem Walther von der Vogelweide. Auch im Ausdruck der Gefühle ist diese Liederpoesie wenig vielseitig und wechselnd; überall zeigt sich die geringe individuelle Durch— bildung der Dichter. Und doch! Einen wie mächtigen Durchbruch subjectiven Geistes bezeichnet das Erstehen dieser Lyrik, mag sie auch nur auf den ungeahnt raschen Fortschritten eines geringen Bruch— cheils der Bevölkerung beruhen. Aber hier zeigt sich der Wurm, welcher an dieser rosigen Blüthe nagte. Die Ritterschaft sog bald nicht mehr ihre Kräfte aus dem Gesammtleben der Nation, sie schloß sich von neuem zum Rechtsstande ab und isolierte und verknöcherte damit ihre Bildung. Und sie konnte nicht anders handeln, wollte sie nicht selbst den Glauben an ihre Dauer als Stand aufgeben. So schwand gar bald das jugend— liche Gefühl, welches die ersten Laute der ritterlichen Dichtung durchwärmte, Scheinwesen oder grobe Sinnlichkeit trat an seine Stelle. Wie der ganze Stand, so verfiel auch die höfische Poefie den traurigen Fesseln conventionell-aristocratischer Sitte, welche allmälich das individuelle Sonderleben erdrückte. Die Nation konnte dem Verfall des blühendsten Standes nicht entgegenwirken, auch wenn sie es gewollt, sie war an subjectiver Entwicklung weit hinter ihm zurückgeblieben, und er selber verschloß sich ihrer Hilfe. Und war dieser Stand denn über— haupt noch national? Schon die Einführung fremder Sagen— stoffe war bedenklich gewesen, denn ihr folgte die Einführung fremder Redensart und Sitte. Auch die kosmopolitische Ver— brüderung der Ritterschaft schlug zum Schaden des deutschen Theils derselben aus: in Frankreich war Ritterart und Ritter—