Tonkunst. 19 nicht aber die ganze und fessellose Dynamik. Diese hat erst die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts gebracht, und anfangs vor allem in Italien: denn seit dem Übergang der großen vlämischen Tonkünstler nach Italien und seit Palestrina hatte dieses Land auf lange Zeit die Führung in der europäischen Musikgeschichte an sich gerissen. Und die Dynamik wurde — es muß und kann von nun ab nur in noch stärker zusammenfassenden Zügen er— zählt werden, als bisher — erreicht da, wo die stärksten Empfindungen musikalisch ausgedrückt werden mußten, im Dramma poer wusica. Diese erste Form der Oper bedeutete bekanntlich nach dem Empfinden der Zeitgenossen die Wieder⸗ belebung des antiken Dramas, d. h. einer theatralischen Kunst⸗ form hoher Kultur mit sehr ausgesprochenen Charakteren und Leidenschaften. Da blieb denn nichts übrig, als die monotone, adynamische Monodie zu verlassen. Gewiß war das schwer, aber doch sehen wir allmählich Fortschritte gemacht, und wir können sie abschätzen nach den Fortschritten einer neuen Teil⸗ nehmerin der Gesangeskunst, der Instrumentalmusik, die erst jetzt entscheidend in die Entwicklung der Musik eingreift. Das 16. und 17. Jahrhundert brachten entschiedene Ver— besserungen wenigstens für die Saiteninstrumente, während die Blasinstrumente noch bis tief ins 18., ja ins 19. Jahrhundert hinein recht unrein blieben; namentlich die Geigenbaukunst lieferte seii dem 17. Jahrhundert vorzügliche Ergebnisse. So brauchte dem Dramma per musica nicht mehr eine ein— gehendere instrumentale Begleitung zu fehlen und fehlte ihm auch nicht. Und bald entwickelte sich, am reichsten zunächst wohl in Italien, auch die Instrumentalmusik an sich selbständig, und war gern auch schon nach den Grundsätzen der harmonischen Satzart: wie der menschliche Einzelgesang das Arioso gefunden hatte, so fand die Instrumentalmusik die Symphonie. Eine ganz neue Höhe der musikalischen Ausdrucksmittel war dadurch erreicht; und der neue Geist suchte nun auch neue musikalische Formen. Die alte Kontrapunktik begann außerhalb des hieratischen Gebrauchs abzusterben; im harmonischen Satze, dessen Theorie vornehmlich in der ersten Hälfte des 18. Jahr— 2*