20 Tonkunst. hunderts ermittelt ward, begannen aus neuen Strukturgesetzen neue Gattungen der musikalischen Erfindung zu erwachsen: wie bald vermehrten sich die einfache Cantata und die einfache Sonata, das gesungene und das gespielte Musikstück harmonischen Satzes zu den verschiedensten Formen: der Arie, dem Recitativ, der Suite, dem Konzert u. s. w. Und nun erstand jene reiche Welt einer neuen Musik, von Schütz und Schein, den großen deutschen Anfängern des Neuen an bis zu Händel. Mit Bach feierte zwar die alte Kontrapunktik noch einmal eine Auf— erstehung: ergiebt sie sich in den Werken für Orgel, die Bachs Thätigkeit zentral zum Ausdruck bringen, als ein diesem In— strument anscheinend wesenhaftes Element, so übertrug sie Bach doch auch auf andere Gattungen der Komposition. Aber wie er nebenher ein Meister volltöniger Harmonik ist, so ist seine Kontrapunktik überhaupt nicht mehr die schematische früherer Zeit und wird in seiner Behandlung ein starkes Ausdrucksmittel der Stimmung. Durch Haydn und Mozart aber finden dann die neuen musikalischen Formen ihre klassische Ausprägung: sie haben vor allem die Melodie verinnerlicht und sie zum Dolmetsch feiner abgestufter Empfindungen umgeschaffen. Und damit erhob sich denn ein großes Zeitalter neuer Musik mehr als eben— bürtig der Blütezeit der ausgehenden mittelalterlichen Musik eines Dufay und Ockeghem, Isaac und Senfl, und zugleich um eine Entwicklungsstufe höher. Aber schon in der Reifezeit dieser Kunst begann etwas Ahn⸗ liches einzutreten wie früher die Umwandlung der Kontrapunktik zu bloß virtuoser Berechnung von Tönen. Wie sich die alte Musik architektonisiert hatte, so geschah es auch mit der neuen. Die musikalischen Formen der Sonate, der Suite, der Sym— phonie, um nur die gebräuchlichsten Arten zu nennen, setzten sich aus einer Anzahl kleinerer formaler Teile, gern etwa dreien, zusammen, für deren Wesen und Stimmung feststehende typische Auffassungen zur Geltung gelangten. Nach diesen Auffassungen wurde aufgebaut, erhielten die Teile, oft ohne nähere Stimmungs— beziehung zu einander, ihre Fügung als Ganzes. Es war, innerhalb des Bereiches der seit dem 16. Jahrhundert steigend