Tonkunst. 25 wollte man eine Lehre des Skeletts des musikalischen Körpers geben. Was bieten nun Harmonik, Stimmführung und Rhythmik —V Am wichtigsten wird es sein, die Harmonik zu betrachten. Und hier wird zum genaueren Verständnis bis auf diejenige Periode der musikalischen Entwicklung zurückzugreifen sein, die den harmonischen Satzbau brachte, alfo das zweite, mit dem 14. und 15. Jahrhundert einsetzende, mit dem 18. Jahrhundert zum Aushallen gelangende Zeitalter der deutschen Musik. Da war nun die Harmonisierung anfangs grundsätzlich und auch praktisch fast ausnahmslos diatonisch, d. h. es wurden zur Bildung der Harmonien überwiegend Ganztöne, im Gegensatz zur chromatischen (und enharmonischen) Tonfolge, benutzt. Dabei galt dann für die Melodiebildung wie noch heute, daß diejenige Stufe der diatonischen Tonleiter, auf die allein irgend ein Akkord bezogen werden kann, das sogenannte Fundament, als einzige Erkenntnisquelle der Konsonanzen und Dissonanzen in Betracht kam. Die in diesen Schranken verlaufende Musik hat für unsere heutigen Ohren etwas Hartes, Herbes, Erhabenes — in Summa Frühzeitliches; es sind die Enpfindungen, die der protestantische Choral in seiner ursprünglichen Harmonisierung in uns erweckt. Dem 17. Jahrhundert aber fing diese Musik bereits an, zu rauh, zu kantig und eckig gleichsam zu klingen; es begann darum, die härtesten Akkorde durch „Färben“ der Töne, durch Einführung von Halbtönen zu mildern: die Chromatik erhob ich neben der Diatonik. Im 18. Jahrhundert standen dann Chromatik und Diatonik — etwas schematisch und massiv ausgedrückt — gleichberechtigt nebeneinander. War da nun anzunehmen, daß diese Verschiebung von der Diatonik zur Chromatik mit jenem neuen, dritten Zeitalter unserer Musik⸗ zeschichte abbrechen werde, das leise seit der Mitte des 18. Jahr⸗ hunderts einsetzte? Wie wäre das denkbar gewesen, da doch gerade auf der Einführung der chromatischen Elemente, der zebrochenen Farben gleichsam, jene schärfere Schattierungs—