Tonkunst. 27 herben Diatonik vornehmlich des Anfangs der zweiten Periode inserer Musik wieder auf. Geschieht das aber auf dem Wege organischer Weiterbildung? Keineswegs! Es ist nur eine Folge des Historismus, der etwa von den zwanziger bis achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts alle unsere Künste beherrscht hat: die geschichtliche Einsicht stellte diese alte herbe Musik zur Verfügung, und man nahm deren Harmonik gern auf, wo sie der jetzt, also nur moderner Weise mit ihr verknüpft ge⸗ fühlten Empfindungswelt des Herben und Primitiven den hesten Ausdruck zu geben vermochte. Es handelt sich also thatsächlich nur um eine Renaissance des Alten zur Vergrößerung der Spannungsweite des modernen musikalischen Empfindens; ind demgemäß ist die Nachahmung auch niemals genau, sondern moderneni Bedurfnis angepaßt; so gebraucht man z. B. in der modernen Musik die sogenannten Nebensextakkorde selbständig, was in ihrer eigentlichen Zeitheimat, dem späteren Mittelalter, aiemals der Fall war. Es ist also mit diesem musikalischen Historismus wie mit anderen Historismen, etwa den Anknüpfungen der englischen Prärafaeliten oder der deutschen Idealisten (Böcklin, Klinger) an das Quattrocento oder den Wiederbelebungsversuchen früherer Zeiten im historischen Roman: getragen von einem —D000 gingen sie zu— nächst von Kontrastwirkungen aus und benutzten diese zur Wieder⸗ gabe bisher unbekannter oder wenigstens noch nicht sinnlich genau zum Ausdruck gebrachter Empfindungen: — daß sie damit zugleich, wenigstens gelegentlich, wie in der Malerei, einem noch tieferen Bedürfnis der Zeit gerecht wurden, gehört einem anderen Zusammenhang an und wird später in diesem erörtert werden. Wie wuchtig dieser Gegensatz zwischen moderner Chromatik und urwüchsiger Diatonik benutzt werden kann, zeigt ein⸗ dringlich z. B. die symphonische Dichtung „Tod und Ver—⸗ klärung“ von Richard Strauß: hier erscheint der im Titel hervorgehobene Kontrast musikalisch geradezu auf diesem Gegen⸗ satze aufgebaut. —