Tonkunst. 29 zusammen, oder aber der Rhythmus entwickelt seine Accent⸗ ordnung gegen die metrische. Und da hat nun fur beide früheren Musikperioden und auch noch für die klassische Musik, in der schon die Anfänge des dritten Zeitalters eingeschlossen sind, im allgemeinen gegolten, daß Rhythmus und Takt zu— sammengehen. Anders in der neuen Musik und in Anfängen schon bei Schumann und Chopin. Da entwickelt sich der Rhythmus recht häufig gegen das Metrum und wird so ein viel stärkeres Reizmittel in der Maß- und Accentordnung; für manche der hier auftauchenden Möglichkeiten des Auseinander— fallens von Metrum und Rhythmus liegt der Vergleich mit der physiologischen Erscheinung eines Herzens nahe, das infolge hoher Aufregung in unregelmäßigen Schlägen geht. Aber auch da, wo Takt und Rhythmus zusammengehen, entwickelt die neue Kunst unbekannte Freiheiten. So findet man sehr häufig schon innerhalb enger Grenzen Taktwechsel, oder es werden Taktgattungen angewandt, die aus einem ge⸗ raden und einem ungeraden Metrum zusammengesetzt sind. Vor allem aber wird die Führung des Tempos ungleich freier, und damit dringt denn eine unerhörte Dynamik ein: das Haupt⸗ zeitmaß wird unter ständigen Schwankungen durchgeführt, wie sie die musikalische Empfindung schärfer zum Ausdruck bringen sollen; die Stärkegrade werden mit der weitestgehenden Feinheit behandelt, Intonationsschwankungen vorgenommen u. s. w. Das ist denn recht eigentlich die Domäne des modernen Kapell⸗ meisters, der unter der Durchführung all dieser neuen An⸗ regungen zum vollen Künstler geworden ist: — welche Periode der Vergangenheit hat etwa eine Gestalt aufzuweisen, wie die Hans von Bülows? Freilich: genau wie in der Harmonik und ebenso, wenn auch in mehr abgeleiteter, mittelbarer Weise in der Stimm— führung eine Neigung vorhanden ist, gegenüber der größeren Freiheit der modernen Musik auf die strengen Formen der Vor—⸗ zeit zurückzugreifen, so auch in der Rhythmik. Aber auch das Motiv ist hier das gleiche: man bezweckt nichts als noch reichere Durchbildung der Ausdrucksmittel. Und so hat denn, um ein