Tonkunst. 33 deren man in der alten Kunst noch Empfänglichkeit haätte er—⸗ warten können. So war es z. B. jetzt, bei gesteigertem Sinn für die Chromatik und damit auch für deren Gegenteil, die Diatonik, möglich, trotz größter Mannigfaltigkeit des harmonischen Lebens den tonalen Grundcharakter weit entschiedener als bisher zum Ausdruck ausgedehnter musikalischer Kunstwerke zu machen. Denn weit entfernt davon, daß das moderne Ohr sich durch fort— währende Häufung chromatischer Momente in der Aufnahme und dem Festhalten des tonalen Grundcharakters stören ließ, faßte es vielmehr, eben infolge des Reizes der chromatischen Gegenwirkungen, diesen Charakter um so entschiedener ins Auge, erhielt es sich um so mehr seine einheitlichere Stimmung. Und so brauchte der Künstler nicht zu fürchten, daß der Hörer den Faden der Tonalität verliere, auch wenn er diesen durch Werke von früher nicht gekannter Ausdehnung hin einheitlich und energisch festhielt. So ist das z. B. in Wagners „Parsifal“ geschehen; mit weit mehr Recht führt er die Angabe in As— Dur, als manche Symphonie der älteren Zeit die Bezeichnung ihrer besonderen Tonart. Entsprechende Erscheinungen traten auch in Stimmführung und Rhythmik auf. Die moderne Musik hat es z. B. durch rastlose Modulationen infolge veränderter Harmonik zu bisher fast unerhört langen und dennoch unaufhaltsam wirkenden Steigerungen (von 30, 40 und mehr Takten) ge— bracht und verfügt dadurch schon auf dem Wege der Stimm— führung über ganz neue Mittel, große Tonwerke aufs ent— schiedenste zu binden und zu vereinheitlichen. Und durch die zahlreichen Abweichungen zwischen Takt und Rhythmus ist auch das rhythmische Gefühl so gestärkt, daß es trotz aller rhyth— mischen Dissonanzen oder vielmehr eben wegen dieser einen be— stimmten Rhythmus auch dann noch klar festhält (nicht „aus dem Takt kommt“), wenn er sich über ein besonders langes Werk erstreckt. Auch hier bietet wieder die Musik Wagners hervorragende Beispiele; so hinterläßt z. B. der „Lohengrin“ noch tagelang nach der Aufführung, ähnlich etwa einer bewegten Seefahrt, die Empfindung eines bestimmten Rhythmus. Lamprecht, Deutsche Geschichte. Erster Ergünzungsband. 3