34 Tonkunst. Da versteht es sich denn von selbst, daß diese neuen pfy⸗ hischen Voraussetzungen für das Schaffen und bald auch das Hören von Musik alle Formen des bisherigen musikalischen Kunstwerks auf die Dauer sprengen mußten. Ganz andere Langatmigkeit und ganz andere innere Geschlossenheit, als bis— her: das wurde die unumgängliche Losung der neuen Musik. Wie konnte da also die alte musikalische Architektur mit ihrer breiten malerischen Lagerung, mit ihren Ausbauten und Annexen, die Symphonie und Sonate mit ihren Teilen von oft so verschiedenartigem Empfindungscharakter, und wie gar die Oper mit ihren Arien, Ritornellen, Duetten, Terzetten, Chören be⸗ stehen bleiben? Alle diese Formen mit ihren starken Ein⸗ schnitten, mit ihrem Lückenmäßigen waren für die neue Musik im Grunde unbrauchbar — am meisten freilich die Oper: hier hat schon Gluck die Unmöglichkeit des Fortlebens in den alten Formen gefühlt. Wie also in der Architektur ein Bauten— komplex von heiter hingelagertem malerischem Auseinander, der Hofbau etwa eines deutschen Bauern mit Wohnhaus und Scheuer und Stallgebäuden und Koben beim Übergang zur städtischen Kultur dem einen großen, alles umfassenden Bürgerhause mit ——— hatte weichen müssen, so schwanden jetzt die malerisch-architektonischen Formen der alten Musik noch des klassischen Zeitalters vor neueren, umfang⸗ reicheren, einheitlicher und kompakter organisierten Gebilden. Diese neuen Gebilde aber vermochten am leichtesten da gewonnen zu werden, wo nicht bloß unbestimmte Gefühle das Gerüst der musikalischen Stimmung abgaben, sondern unzwei— deutige Mittel der Sprache die Stimmung entschieden und klar zum Ausdruck brachten: also in der von Texten begleiteten Musik: im Lied, im Oratorium, in der Oper. Und so geschah es. Das Lied wurde schon in der zweiten Hälfte des 18. Jahr⸗ hunderts der Träger der jungen Anfänge der neuen Kunst; die Oper sah sich seit Gluck auf denselben Pfad gedrängt und schlug ihn erfolgreich ein seit Wagner; und das Oratorium ist, wenn auch noch tastend, des gleichen Weges gegangen seit Liszt. Und die Instrumentalmusik? Hat sie die großen eurhyth—⸗