10 Tonkunst. übertrifft. Und grundsätzlich neigt er nicht zur Weiterbildung der musikalischen Formen. Dennoch kann Brahms im weiteren Sinne den Modernen zugerechnet werden. Er hat die neuen, in der Ausbildung des Motivwesens höchster Einheitlichkeit zustrebenden Formen zwar ebensowenig angewandt, wie er sich der grell realistischen, nervenerschütternden instrumentalen Effekte bediente, — wie ihn denn überhaupt eine innere Scheu abhielt, sich in die Abgründe des modernen reizsamen Empfindungs— lebens zu stürzen. Aber er ist doch von diesem Leben nicht unberührt geblieben. In tausend Obertönen beben die Schwingungen der Seele einer reizsamen Zeit auch in seiner Seele und in seiner Musik mit. Dies reizsame Wesen tritt uns entgegen in den vielen Rhythmen, die gegen das Metrum gehen, in den unzähligen grüblerischen Harmonien und in ge— wissen klanglichen Kombinationen, so im Gegenspiel höchster Diskante mit tiefsten Bässen. Und wo Brahms in der alten Diatonik schreibt, da klingt auch sie herb, wie bei den Modernsten, und nicht mit der ihr in früheren Zeiten eigenen psychischen Wirkung. So hat Brahms in heißem Erleben den alten Stimmungsgehalt mit vielfach schon modernen Mitteln noch einmal in außerordentlicher Weise vertieft. Es ist eine ganz persönliche Art, eine in ihrer Weise einzige Vereinigung über— lieferter und werdender Momente. Es ist eine Stellung, die sich entwicklungsgeschichtlich mit der Bachs in einem anderen UÜbergang von Zeitalter zu Zeitalter vergleichen ließe. Wie es über Bach hinaus einen Fortschritt in seinem Stile nicht gab, so wird ein Gleiches von Brahms gellen dürfen: als ein nomo sui genoris wird er fortleben im Gedächtnis der Geschichte. Oder sollte er sich den Übergangsidealisten vergleichen lassen, die wir auf dem Gebiete der Malerei finden werden, einem Böcklin, Thoma, Klinger? wäre Klinger nicht bloß zu— fällig einer der feurigsten Verehrer des Meisters? Was dem Musiker und den Malern gemeinsam erscheint, ist die Ver— schmelzung von alt und neu im Feuer einer höchst persönlichen Einbildungskraft. Indes — uns interessiert hier nicht eigentlich der weitere Ver—