F. Noch heute gilt Wagner im Gespräche der Gebildeten ge— legentlich als unselbständiger Anhänger, ja bloßer Schüler Schopenhauers. Kein größerer Irrtum ist denkbar; Wagner hatte die Grundfesten einer ganz anders gearteten Welt— anschauung schon gewonnen, ehe er Schopenhauers Schriften kennen lernte; und längst bereits ist das von den Wagnergelehrten, unter den Biographen vor allem von Chamberlain, überzeugend nachgewiesen worden. Um 1850 war Wagner in den Fundamenten seines all⸗ gemeinen Denkens fertig. Gelegt hat er diese Fundamente in der für ihn überwiegend traurigen Zeit zwischen etwa 1840 und 1850, in den dreißiger Jahren also seines Lebens. Damals, als er von Riga hoffnungsfreudig nach jenem Paris gekommen war, in dem er aus der Entfernung der baltischen Provinzen her den Mittelpunkt und die Fleisch— werdung aller Kunst zu verehren gelernt hatte, wurden, seit 1839, die eigentlichen Grundzüge seiner Weltanschauung ent wickelt. Wie anders war doch dies Paris, als er es sich vor— gestellt hatte! Käuflichkeit, unlauterer Sinn, Wettbewerb mit allen Mitteln des Kapitalismus auf den idealen Gebieten der Kunst überall, so schien es, wohin er sah, — und er selbst ge— legentlich halb verhungert, auf Lohnarbeiten angewiesen, ver— dammt zur Herstellung von Melodienarrangements nach Opern von Halévy und Donizetti! Das sollte der Welten beste sein? Nimmermehr. Die Kultur, wie sie bestand, war das Verderbnis der Welt. Ein tiefer Pessimismus erfüllte den