50 Tonkunst. länger er lebte, und je sicherer er dem von ihm erschauten Ideale der Kunst näher zu kommen glaubte. Darum tritt sein Pessimismus am meisten hervor in den Werken der ersten Periode, die vor der Bekanntschaft mit Schopenhauer liegen, vor allem im „Fliegenden Holländer“; in der zweiten Periode dagegen hellt er sich auf; aus dem Pessimismus von „Tristan und Isolde“ und des „Nibelungenrings“ erheben sich die „Meistersinger“ zur Be— jahung des Willens zum Leben, und im „Parsifal“ folgt auf die Bejahung des Willens die That. Drei Jahre aber, bevor der „Parsifal“ vollendet ward, am Abend seines Lebens (1880), er⸗ klärte der Meister: „Wir erkennen den Grund des Verfalles der Menschheit, sowie die Notwendigkeit einer Regeneration der⸗ selben; wir glauben an die Möglichkeit dieser Regeneration und widmen uns ihrer Durchführung in jedem Sinne.“ Worin bestand nun dieser Glaube, worin die Durchführung? Es sind Fragen, die in den engen Zusammenhang, ja die Ein— heit der Weltanschauung und der Kunst Wagners einführen, und die zugleich, subjektiv, von der Seele des Meisters aus betrachtet, die Entstehung des Musikdramas als eines Gesamt— kunstwerks erklären. Wagner sah in der bestehenden Kultur eine „Lügengeburt der mißleiteten Menschheit“, ans Licht gebracht durch die wirt— schaftliche Entwicklung zum Kapitalismus, durch den Verderb der Rassen infolge von Vermischung mit unedlem, speziell jüdischem Blut, und durch den Verderb des Blutes infolge tierischer Nahrung. Psychisch und physisch war für ihn der Mensch der modernen Civilisation entartet, und die Ordnung dieser Civilisation erschien ihm als anarchisch, ihr Staat als Notstaat, ihr Christentum, verglichen mit dem Geist des Evan— geliums, als „abschreckend warnendes Beispiel“, ihre Gesell— schaft als Organisation des Raubes und der Bedrückung. Und zu diesem Bilde stellte er nun ein anderes Bild in Gegensatz, das in seinem Herzen lebte — das Bild einer ihm keineswegs un⸗ erreichbar erscheinenden, glänzenden Zukunft. Da sah er in be— sonders gehobenen Momenten wohl die Menschheit staatenlos dahinleben und dennoch im sicheren Genuß der höchsten Kultur—