Tonkunst. 51 güter: denn ihr Besitz schien ihm durch die Verwirklichung des Ideals einer neuen Religion gewährleistet. Fand er doch, daß der religiöse Zug des Lebens der weltbeherrschende sei, und hat er doch als tiefstes Erlebnis seines „persönlichen Bedürfnisses“ aus— gesprochen, daß „die Anerkennung einer moralischen Bedeutung der Welt die Krone aller Erkenntnis“ sei. Wie aber diese neue Zeit heraufführen? Da es sich um die Wandlung und Erhöhung der Menschenseele handelte, so schienen alle äußeren Machtmittel, etwa gar politische, zu ver— sagen. Nur die Religion vermag nach Wagner das Wunder zu wirken, — aber nicht die verdorbene Religion der bestehenden Kirchen, sondern eine neue, höhere Form, die da werden soll. Das Werden aber, die Geburt dieser neuen Religion kann sich nur auf einem Wege vollziehen: dem der Kunst, denn diese allein reicht an das Göttliche, und „das Kunstwerk ist die lebendig dargestellte Religion“. Die Form dieser Kunst muß dabei die denkbar höchste —— Drama, sondern das Drama in seiner Vereinigung von Wirkungen der bildenden, der redenden und der musischen Kunst, das vollendete Drama, das Kunstwerk der Zukunft. Genügt aber allein die Form? Nein, — auch der Gehalt muß gesteigert werden: diese Form muß geeignet sein, das Höchste und Tiefste, was der Menschengeist zu fassen imstande ist, in sich zu bergen und auf die verständlichste Weise mitzuteilen. Hier tritt die Forderung eines Inhaltes auf, der, rein mensch— lich und eben dadurch göttlich zugleich, allem Zufälligen, allem spezifisch Zeitlichen und Räumlichen entzogen ist und darum dauernd wirkt und alle Herzen rührt, — jener Inhalt, der im Drama zugleich als einzig möglicher erscheint, sobald die Musik zu dem gesprochenen Worte hinzutritt und von ihm abstreift, was aus dieser Zeitlichkeit gleichsam an ihm haftet und es verunziert. Erinnert man sich an dieser Stelle früherer Ausführungen über Charakter und Entstehung der modernen Musik, so zeigt sich, wie sich hier bei Wagner Weltanschauung und Kunst be— 4*