54 Conkunst. Künste zu jeder Zeit auftreten. Gewiß unterliegt auch sein Dasein jedesmal gewissen Bedingungen, aber diese Bedingungen sind nicht solche tiefst sozialpsychischer Natur, nicht solche eines be— stimmten Zeitalters. Nehmen wir z. B. die bildenden Künste, so tritt bei diesen erfahrungsmäßig das Gesamtkunstwerk zu Tage, sobald ein bestimmter Baustil kräftig entwickelt und im Zusammenklang damit ein bestimmter Farbensinn eingebürgert ist: mit anderen Worten dann, wenn für Umriß und farbige Flächenfüllung beherrschende Motive gewonnen sind. Natür— lich: denn durch was sonst sollen denn die bildenden Künste beherrscht sein, wenn nicht durch Umriß und Flächenbehandlung, durch den Stilcharakter also der beiden ersten Dimensionen, der in seiner jeweiligen Besonderheit zugleich die Behandlung der dritten Dimension einschließt? Solche Zeiten des Gesamt— werks bildender Kunst sind alle Perioden ganz ausgesprochenen Stils gewesen: der gotische Stil hat seine überhöhten Pro— portionen auf die menschliche Gestalt und damit auf Plastik und Malerei übertragen, die Renaissance hat wie die Gotik das Kunstgewerbe in seine Architekturformen gebracht, das Rokoko hat, wie Gotik und Renaissance, einen spezifischen — in diesem Falle lichten — Ton gleichmäßig im Kunstbau, in der Malerei und nicht minder auch in der Bildkunst verwendet. Und stehen wir heute nicht an der Schwelle der Entfaltung einer neuen bildenden Gesamtkunst? Und zeigt sich nicht schon, daß sich zu deren Durchbildung ein bestimmter Farbengeschmack mit dem Konturengeschmack einer bestimmten, erst werdenden Baukunst verbinden wird? Wenn wir aber vom Wagnerschen Kunstwerk sprechen, so ist von Perioden eines so partiellen Gesamtkunstwerks nicht die Rede. Das, was Wagner bezweckte und in gewissem Grade erreichte, war die Verbindung aller Künste, der bildenden wie der darstellenden, wie der musischen, in dem einen Kunstwerk des musikalischen Dramas. Ist nun dieser Gedanke allen Zeit— altern zugänglich, — oder wann tritt er auf? Die Spuren führen von der Gegenwart her nicht zurück über das große Zeit— alter subiektiven Seelenlebens, das in der deutschen Entwicklung