Tonkunst. 55 mit den Ideen der Empfindsamkeit und des Sturmes und Dranges heraufzieht, und in dem wir uns noch heute befinden. Herder ist es, der zuerst eingehend den Gedanken eines solchen und der Haupt⸗ sache nach schon des Wagnerschen Gesamtkunstwerks geäußert hat. Seitdem ist der Gedanke nicht wieder verschwunden; sehr, sehr häufig haben sich ihn, ganz unabhängig voneinander, be— deutende Männer des 19. Jahrhunderts zu eigen gemacht; so, um nur ein paar Zeitgenossen und keineswegs Freunde Wagners zu nennen, Otto Ludwig und Friedrich Hebbel, beide in den vierziger Jahren, eigentlich fast noch vor Wagner. Und der zweite Teil von Goethes „Faust“, so wie sich ihn der Dichter als ein inniges Ganzes von Sing⸗-, Schauspiel- und Tanzkunst dachte: war er nicht eigentlich das erste Gesamtkunstwerk in deutschen Landen? Das Gesamtkunstwerk Wagners ist also nicht ein —DDDD eines bestimmten Zeitalters, einer Epoche. Gehen wir nun aber von diesem Zeitalter rückwärts in der deutschen Geschichte — in den Geschichten anderer Völker würde sich bei Vorgehen auf analogem Gebiete die Sache nicht anders gestalten —, so mögen wir schon lange wandern, ehe wir auf ein zweites Zeitalter eines gleich umfassenden Gesamt— kunstwerks stoßen. Dieses Zeitalter ist erst — die Urzeit. Gewiß: damals noch, in den Anfängen unserer beglaubigten Geschichte, und noch viel mehr, wie die Analogie anderer Völker lehrt, in den Nebeljahren der „vorgeschichtlichen“ Zeit — bei— läufig eines bösen Widerspruchs im Beiwort —: da gab es ein solches Gesamtkunstwerk, denn da hatten sich die einzelnen Künste noch nicht ausgelöst und herausgeläutert aus der in Mimik (lebendiger Bildnerei), dichterischem und musikalischem Vortrag zugleich bestehenden, schließlich einmal in ganz früher Vorzeit aus dem gemeinmenschlichen Spieltrieb heraus ent— standenen Urkunst. Freilich im übrigen welche Gegensätze zwischen dem Ge— samtkunstwerk von heute und dem der Urzeit! Und doch wieder, wenn wir näher zusehen würden, welch merkwürdige Überein— stimmungen! Ist es z. B. ein Zufall, daß die Schöpfungen