34 Tonkunst. menen „die Anwesenheit einer gewissen, ihnen entsprechenden und sie stets begleitenden Stimmung, jedoch traumartig“ fühlte. Wird man sich da noch wundern, wenn Hans von Bülow wohl an das Orchester die Aufforderung richtete, eine Stelle „mehr rot oder grün“ zu spielen? Schreibt doch schon der Kapell⸗ meister Kreisler in Hofmanns „Elixiren des Teufels“ an Wall—⸗ born: „Auch hatte ich gerade ein Kleid an, dessen Farbe in Ois-moll geht, weshalb ich zu einiger Beruhigung der Zu— schauer einen Kragen aus F-dur-Farbe darauf setzen lassen.“ Nun sind diese Fälle gewiß auch heute noch vielfach als extrem zu bezeichnen. Und Leute, die, wie Huysmans Roman—⸗ held des Esseintes!, in jedem Likör ein anderes Instrument hören, im Curaçao eine Klarinette, im Kümmel eine Oboe, im Anisette eine Flöte, die deshalb ihren Schnapsschrank mit Recht eine orgue aux liqueurs nennen und sich durch Mischung seines Inhalts den häuslichen Genuß eines mächtigen Orchesters verschaffen können, — solche Leute wird es wohl in Deutschland noch nicht geben. Wohl aber trifft man zganz allgemein auf Erscheinungen, die, wenn auch nicht gleich tark ausgesprochen, doch auf einen gegenüber früheren Zeiten viel entschiedeneren Zusammenhang der einzelnen physio— logischen und psychischen Funktionen hinweisen. Und von diesen Erscheinungen sind zwei, unter sich nahe verwandte für die künstlerische Entwicklung der Gegenwart von größter Bedeutung geworden. Die eine besteht darin, daß sich die einzelnen Künste in ihren Ausdrucksweisen wie in dem erstrebten Erfolge dieser in einer Weise einander nähern, die, außer der Urzeit, keine frühere Periode gekannt hat?. Und die andere liegt in der schon viel früher wahrnehmbaren, jetzt aber besonders weit berbreiteten Thatsache vor, daß künstlerisch begabte Menschen 1 Das Modell ist der Graf Robert Montesquiou, von dem wir ein schönes Porträt von Whistler haben. » Auf diesen Punkt braucht hier nicht genauer eingegangen zu verden, da er ganz neuerdings in einem Aufsatz Platzhoffs im Kunst— wart (herausgegeben von F. Avenarius) 1901 S. 317 ff. (Januarhefte) eingehend und geistreich behandelt worden ist.