Tonkunst. 35 auf den verschiedensten Gebieten nicht bloß der einen Gruppe der bildenden oder der darstellenden Künste, sondern beider zugleich thätig sind. Das erste ganz vollkommene Beispiel hierfür scheint Philipp Otto Runge, der Begründer des ersten deutschen, leider so kurzlebig verlaufenen malerischen Impressionismus im Beginne des 19. Jahrhunderts geboten zu haben. Er war zunächst bildender Künstler auf fast jedem Gebiete, er malte, er schnitt Silhouetten, er zeichnete Vorlagen für Geräte, er war der Erfinder jener Ornamentik, als deren Schöpfer gewöhnlich Neureuther betrachtet wird. Aber er komponierte auch, schriftstellerte und dichtete und hatte starke philosophische Interessen; den Beweis erbringen seine „Hinter— lassenen Schriften“, die 1842 von seinem Bruder herausgegeben worden sind. Und Hand in Hand mit einer so mannigfachen Begabung pflegt dann ein Zug aufs Einheitliche zu gehen, so vie in jeder höher stehenden Volkswirtschaft die stetig zu— aehmende Arbeitsteilung durch eine entsprechende Arbeitsver— einigung gegengewogen wird; und diesem Zuge entspricht dann äußerlich ein Bedürfnis der Einsamkeit. So schwebte schon dem nervösen Kleist das Ideal des einfachen Landlebens vor; Ludwig, der so lange darüber im Unklaren blieb, ob er mehr als Musiker oder als Dichter geboren sei, wäre am liebsten Dorf⸗ schulmeister geworden, und selbst Wagner, der große Agitator, hat lange Jahresreihen der Einsamkeit gehabt und genossen. Dieser Drang der Vereinheitlichung aber, innerlich aufgefaßt, führt nun fast regelmäßig zu starker Berücksichtigung der Musik. Es kann das auf den ersten Blick merkwürdig erscheinen. Wie aber wäre es im Grunde anders denkbar in einem vornehmlich dem Nervenleben als dem bewußt Neuen zugewendeten Zeit— alter? Denn die Musik ist unter allen Künsten diejenige, die sich am unmittelbarsten an die Nerven wendet. Darum steht die Musik im Mittelpunkte aller jener Wechselreize, von deren gegenseitiger Vertretbarkeit oben die Rede war: und Farbe und Gestalt, Malerisches und Dichterisches ruft bei über— leitung der Eindrücke von einem Sinne zum andern vor allem nusikalische Empfindungen hervor. Lamprecht, Deutsche Geschichte. Erster Ergänzungsband.