72 Bildende Kunst. Welt der Form schon hinaus. Es erscheint anfangs die Tier— gestalt im allgemeinen, dann auch die Gestalt bestimmter Tiere, schließlich auch Pflanzen: zwar noch in sehr allgemeinen Um— rissen wiedergegeben, aber doch schon so, daß man sie erkennt: eine ornamentale Kunst von oft hoher Ebenmäßigkeit der Formen ist erreicht. Die Farbe tritt dabei jetzt auch schon in reicherer Palette auf, wenngleich noch in ungebrochenen, starken Tönen; und diese Töne werden ohne jede Beziehung zur Lokalfarbe der dar— gestellten Gegenstände nach rein dekorativen Grundsätzen zur Flächenfüllung des Ornaments benutzt: rote Pflanzen, goldene Tiere u. s. w. Schreiten wir weiter vorwärts ins sogenannte Mittelalter, in die Zeit etwa vom 9. bis zum 15. Jahrhundert, so läßt sich verfolgen, wie sich der bisher ornamentale Umriß immer mehr dem wirklichen Charakter des Umrisses annähert, ohne ihn doch ganz zu erreichen. Es ist eine leise Veränderung in fast un— merklichen Gradabstufungen zu dem hin, was wir gewöhnlich mit dem Wort realistisch bezeichnen: und wenn man die Haupt—⸗ momente der gradmäßigen Verschiebung zum Ausdruck bringen will, so kann man von einer erst typischen, dann konventionellen Bewältigung des Umrisses sprechen. Indem aber diese Ver— schiebung eintritt, erweitert sich zugleich das Stoffgebiet der Malerei. Neben der Einzelfigur wagt man jetzt Scenen wieder— zugeben, hier und da finden sich auch schon leise, freilich nach unseren Begriffen höchst verunglückte Versuche der Wiedergabe der Landschaft: man weiß die Tiefe noch nicht zu geben und geht statt dessen (wie heute die Kinder) in die Höhe. Doch stellen sich damit immerhin schon die ersten Versuche zur Be— wältigung der elementaren Linearperspektive ein. Die Farbe ist im Anfang dieser Periode noch ein rein dekoratives Element zur bloßen Flächenfüllung; noch im 9. und 10. Jahrhundert finden sich goldene Rinder, blaue Pferde, noch im 12. Jahr⸗ hundert gelegentlich, wenigstens im Kontur, gelbe und rote Pflanzen. Im ganzen aber vollzieht sich allmählich der Über— gang zur Lokalfarbe, wenn auch zunächst in nur sehr roher und summarischer Erfassung der Töne der Erscheinungswelt.