30 Bildende Lunst. ein Ornament, und nur ein Ornament, heraus. Wie ist diese Thatsache nun erklärlich, die überlieferungsmäßig ganz feststeht und sich in den niederen Kulturstufen anderer Völker ständig wiederholt? Einfach durch den Umstand, daß das künstlerische Bild nicht nach der Natur aufgenommen wurde, sondern viel⸗ mehr an der Hand der gedächtnismäßig zurückgebliebenen Vor—⸗ stellungen des einst Erschauten: der Germane sah im allgemeinen nicht intensiver als so, daß er von dem Gegenstand ein orna— mentales Bild behielt; und dies fixierte er nachher, wenn seine Phantasie ihn zum Schaffen anregte. Man mache die Probe, ob man denn selbst — wenn nicht Künstler — heute schon Gesehenes im allgemeinen um so vieles schärfer behalte; man beobachte die Kinder, die, wenn sie zeichnen, nach der Darstellungsweise der niederen Kulturstufen verfahren. Also: von dem Inhalt des Bildes auf der Netzhaut, das die volle Welt der Erscheinungen wiedergiebt, wurde nur ein geringer Bruchteil in die Vorstellung gehoben, zu anschaulicher Vorstellung umgeformt, und dieser Teil war Grundlage der Kunstübung. Nun versteht sich ohne weiteres der Entwicklungsgang der deutschen Malerei und bildenden Kunst überhaupt — wie auch der ganz analoge Entwicklungsgang der Kunst anderer Völker: aus dem physiologischen Bild wird immer mehr in die ge⸗ dächtnismäßig klare Anschauung gehoben, die Annäherung der Kunst an die Erscheinung der Dinge nimmt zu, die Kunst wird immer naturalistischer. In welchen Entwicklungsstufen das geschieht, wissen wir. Fügen wir nur noch hinzu, daß das Eintreten der höheren Stufen durch eine immer stärkere Inten— sität des Lebens, durch den Übergang schließlich zum Schaffen nach dem Modell vermittelt werden mußte, und daß diese Ver— mittlung nur möglich war, wenn Künstler zu sein ein be— sonderer Beruf ward: die wirtschaftliche Arbeitsteilung, die Möglichkeit einer sozialen Schichtung, in der viele materiell produzieren, um anderen die Möglichkeit zu geben, rein dem Schauen zugewandt intensiver zu sehen und hieraus genauer