162 Bildende Kunst. steht Thoma das Ausland nicht. Denn er mag von ihm malen, was er will, einen englischen Strand oder die Felsenriffe des Gardasees oder die verbrannte Ebene der Campagna: es ist alles eins und wird alles deutsch, — und selbst die Italienerinnen werden bei ihm zu deutschen Frauen in fremder Maske. Im Banne unverlierbaren Deutschtums aber ist Thoma wiederum von einer ganz besonders eigenwilligen, niemals ver— kennbaren Phantasie beherrscht. Er sieht weder die einfache Wirklichkeit, wenn er schafft, so gut er sie in der Skizze ab⸗ konterfeit, noch erfassen ihn die anschaulichen Ideen der Zeit. Zwar nähert er sich ihnen gelegentlich: seine Stillleben und seine Bildnisse zeigen, was sein Wirklichkeitssinn vermag; und in den Allegorien späterer Jahre nähert er sich auch inhaltlich bisweilen besonderen Zeitgedanken. Aber ganz daheim ist er doch nur im einfach mit der Phantasie erfaßten Gegenständlichen. Und da erhalten alle seine Schöpfungen, Menschen, Tiere, Landschaften, etwas gleichsam Stumm-Belebtes: sie strotzen von innerem Leben, aber sie behalten es bei sich und eröffnen sich traulich nur dem, der sich ihnen innig hingiebt. Das ist die Wesensverwandtheit Thomas mit dem ersten großen holländischen Maler Dirk Bouts, der auch auf Böcklin so eindrucksvoll gewirkt hat; auch den Gestalten von Bouts ist ihr Geheimnis Pflicht, und sie reden selbst unter Landsleuten nur zu den Sonntags⸗ kindern, die die Kraft besitzen, den Zauber. der sie umgiebt, zu hrechen. Dabei ist diese besondere Begabung Thomas wie ein feiner Geruch, der alles durchdringt; kein Gebiet des An— schaulichen ist ihm und seiner Malerei verschlossen, überall sieht er geheimen Sinn und baut aus dessen Kenntnis die Dinge in einfacher Gegenständlichkeit auf. Muß da noch gesagt werden, daß er eine fromme Natur ist? Gottselig und kampflos, mit dem frohen Vertrauen des Nachtwandlers schreitet er seines Wegs durch diese wogende Welt, dem Sämann gleich, den er so oft gemalt hat: