Bildende Kunst. 185 Ruhe im geistigen Genuß, ein stilles Sichversenken in ein Dasein, dessen festliche Stunden von keiner Roheit des Daseins⸗ kampfes gestört, dessen Summe dem freien Flug der Ein— bildungskraft gewidmet sein müsse. Für die Erfüllung dieses Wunsches ist, bei dem schwachen religiösen Interesse der letzten Generationen, seit langem schon die Kunst im weitesten Sinne des Wortes eingetreten — zu— nächst nur für begrenzte Kreise, dann, mit der Entwicklung der Reizsamkeit zu einer seelischen Haltung der führenden Klassen, in immer höherer Potenz und weiterer Ausdehnung. Und da kam nun an erster Stelle die bildende Kunst in Be— tracht; denn die Dichtung und noch mehr die Tonkunst er— fordern zu vollem Genuß eine willenskräftigere, persönlichere Konzentration: — aber die gerade scheute man, der war man in mancher Hinsicht am wenigsten gewachsen. In diesem Zu— sammenhang versteht es sich auch, wenn unter den bildenden Künsten wiederum die Malerei besonders bevorzugt ward: denn eben sie stellt an eine persönliche Initiative im Genuß die ge— ringsten Anforderungen. So schmückte man denn sein Heim mit Bildern, später immer mehr auch mit anderen Werken der Kunst und des Kunstgewerbes, um in stillen Stunden, sich selbst hingegeben, in leiser Anregung durch die Umgebung rasch den Weg ins Land der Phantasie zu finden. Da ist denn klar, wie solche Kunstwerke als treue, stille Anreger und Begleiter der Stimmung beschaffen sein mußten: sie mußten den Reiz zarter Harmonien in sich tragen; etwas Geheimnisvolles, Lockendes, Rätselhaftes, etwas Außerweltliches, Paradiesisches, Himm— lisches, etwas Pathetisches, das sich dennoch nicht aufdrängt, etwas von einem Freund, der zur geweihten Stunde spricht, ohne gebeten zu sein, sonst aber schweigt, etwas Diskretes: das alles mußte ihnen eignen. Und doch wieder: auch ganz andere Eigenschaften mußten sie haben. Denn dem reizsam nervösen Menschen ruft der Dämon seines Innern doch immer und immer wieder sein Raste nicht! zu: und so sucht dieser Mensch auch in der Ver— senkung noch den Genuß der Erregung. Wie nun die Be—